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Ursula Isbel-Dotzler
Pferdesommer mit Lara
Saga Egmont
Pferdesommer mit Lara
Copyright © 2008, 2018 Ursula Isbel-Dotzler und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711897058
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
Das Schattenpferd
1
Ich dachte, es würde ein total langweiliger Sommer werden.
Doch immerhin konnte er nicht schlimmer sein als die beiden letzten. Damit versuchte ich, mich zu trösten. Langweilig war auch nicht das richtige Wort. Eigentlich waren die Ferienwochen zum Heulen gewesen, jeder einzelne Tag.
In diesem Jahr sollte es anders werden; ich wusste es nur noch nicht. Die Zeichen standen anfangs nicht gerade günstig. Ich glaube an Zeichen, nur täusche ich mich häufig damit. Wenn ich denke, dass sie etwas Gutes bedeuten, kann es passieren, dass genau das Gegenteil eintrifft, oder umgekehrt.
Als ich von dem Gerücht erfuhr, dass Eulenbrook verkauft worden war, bekam ich fast die Krise. Meine Eltern unterhielten sich eines Abends beim Essen darüber, kurz vor Ferienbeginn. Es war an einem Samstag, daran erinnere ich mich noch.
»Angeblich hat das alte Gemäuer jetzt einen Käufer gefunden«, sagte mein Vater und wischte sich den Bierschaum von der Oberlippe. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand verrückt genug ist, für so eine Ruine Geld hinzublättern.«
»Es ist völlig unbewohnbar«, stimmte meine Mutter zu. »Ein derart vergammeltes Haus instand zu setzen, das dreißig Jahre leer gestanden hat, ist sicher teurer, als gleich ein neues zu bauen.«
»Aber das Grundstück ist schön und sehr groß, bestimmt an die achttausend Quadratmeter, schätze ich.«
»Und was sollen das für Leute sein, die Eulenbrook gekauft haben?«
»Keine Ahnung. Vielleicht ist’s ja auch nur ein Gerücht.«
Ich dachte an Eulenbrook, an seine geheimnisvollen, säuerlich riechenden Räume, die zerbrochenen Fensterscheiben, die dicken Mauern aus Naturstein und an den Holzbalkon, den man längst nicht mehr betreten konnte, weil die Bretter morsch und verfault waren.
Ronja und ich hatten viele Stunden dort verbracht, besonders im »Grünen Zimmer«, wie wir es nannten, ein Raum, in dem es noch ein paar von Mäusen zerfressene Polstersessel und einen Kronleuchter gab, dessen restliche Glasperlen im Wind klimperten. Im offenen Kamin hatten wir ab und zu Feuer gemacht. Einmal war Ronja auf der Treppe zum Dachboden eingebrochen und mit dem Fuß zwischen den geborstenen Holzstufen stecken geblieben.
»Wenn sie Geld haben, könnten sie schon etwas aus dem Anwesen machen«, hörte ich meinen Vater sagen. »Es war früher ein schönes Haus, ein Gutshof, und eigentlich fand ich es immer schade, dass es so verfallen ist.«
Meine Mutter nickte. »Frau Rohrbach hat mir mal ein altes Foto gezeigt, wie es vor fünfzig Jahren ausgesehen hat. Fast wie ein Schloss. Im Garten gab’s einen Teich mit Schwänen und einem Springbrunnen.«
Ich kannte den Teich. Inzwischen war er fast zugewachsen. Wenn es viel geregnet hatte, füllte sich das Sandsteinbecken mit Wasser. Schwäne hatten wir nie gesehen, aber Frösche und Molche.
Ronja und ich hatten manchmal im Sommer nackt darin gebadet. Irgendwie war uns immer etwas unheimlich dabei gewesen, aber das machte es gerade besonders reizvoll.
Eulenbrook hatte Ronja und mir gehört. Jetzt ging ich oft allein dorthin. Es kam mir vor, als wäre sie noch immer in den verlassenen Mauern – viel eher als in ihrem Grab auf dem Friedhof, das ich kaum jemals besuchte.
Die Vorstellung, dass fremde Menschen das Haus und den Garten in Besitz nehmen und verändern würden, dass ich Eulenbrook dann vielleicht nie mehr betreten konnte, war wie ein Schlag in die Magengrube.
»Hast du keinen Hunger, Rikke?«, fragte meine Mutter.
Ich schüttelte den Kopf und schob meinen Teller zur Seite.
»Vielleicht magst du ja wenigstens etwas zum Nachtisch? Es gibt heiße Himbeeren mit Vanilleeis.«
Seit das mit Ronja passiert war, behandelte mich Mama übertrieben rücksichtsvoll. Sie versuchte, mir jeden Wunsch zu erfüllen, als wollte sie mich für etwas entschädigen. Aber es gab keinen Ersatz für Ronja.
»Danke, ich bin satt.«
Mein Vater sagte zum hundertsten Mal, ich wäre schrecklich dünn. Ich wusste, dass sie sich Sorgen machten, ich könnte magersüchtig werden, also würgte ich ihnen zuliebe die Himbeeren mit Eis hinunter. Hinterher war mir fast übel.
Ich musste dauernd an Eulenbrook denken. Eine düstere Wolke senkte sich über mich und hüllte mich ein. Die Zeichen standen schlecht. Alles deutete darauf hin, dass ich jetzt auch noch Eulenbrook verlieren würde.
2
Ein paar Tage später, an einem Dienstag, zog es mich wieder hin. Irgendwie glaubte ich, Eulenbrook müsste sich verändert haben, aber alles war wie immer: die Freitreppe aus Stein mit den beiden Säulen, die das dreieckige Vordach trugen, umgeben von Brombeersträuchern; die leeren Fensterhöhlen, das Rotkehlchen, das in einer Mauernische nistete, und das Wasserbecken zwischen Heckenrosen, Brennnesselfeldern und Farnkrautwedeln.
Ein Entenpärchen hatte den alten Teich entdeckt und sich in den Frieden des verwunschenen Gartens zurückgezogen. Ja, alles wirkte verwunschen wie das Dornröschenschloss im Märchen, so als wären Haus und Garten in hundertjährigen Schlaf versunken.
Rosenranken verhakten sich in meinem T-Shirt, und eine riesige Libelle düste mit zornigem Rascheln über mich hinweg, als ich mir meinen Weg durch das Gestrüpp bahnte. Die Brombeerzweige schlangen sich wie Fallstricke um meine Füße, Frösche quakten im Verborgenen. Irgendwo in den knorrigen Obstbäumen, die von Efeu und Geißblatt überwuchert waren, sangen Drosseln. Es roch nach fauligem Wasser und dem Vanillearoma des Geißblatts.
Eulenbrook war unverändert. Das Haus strömte noch immer seinen eigenen, unverwechselbaren Geruch aus. »Gruftig«, hatte Ronja ihn genannt. Es war, als hätte es einen kalten, modrigen Atem. Überhaupt hatte Ronja immer behauptet, es wäre lebendig, weil der Geist der früheren Bewohner noch in den Mauern sei.
Unter dem schwarzgrünen Nadeldach einer Eibe verborgen, stand der Gnom aus Sandstein auf einem Podest, das fratzenhafte Gesicht mit grauen Flechten überzogen, eine steinerne Mütze auf dem Kopf. Wie immer grinste er mich mit seinem verzerrten Lächeln an, doch etwas war anders als sonst: Der Zwerg trug ein Halstuch aus einem rot-weiß gestreiften Band unter dem Kinn verknotet.
Ich blieb stehen und starrte ihn an, als wäre er plötzlich zum Leben erwacht. Mein Herz klopfte wild. Jäh beschlich mich das Gefühl, dass sich jemand im Dickicht versteckt hatte und mich beobachtete, jemand, der den Atem anhielt und auf der Lauer lag wie eine Katze, die heimlich einem Vogel nachstellt.
Schon wollte ich losrennen, zurück zum Durchschlupf in der Mauer und hinaus auf die Straße. In diesem Augenblick hörte ich ein Geräusch.
Es war das Brummen eines Motors. Ein Wagen fuhr aufs Haus zu. Unwillkürlich duckte ich mich, obwohl das Gebüsch so dicht und hoch war, dass mich von der Auffahrt her keiner sehen konnte.
Die Reifen rollten fast lautlos über den Weg, der mit einer dicken Schicht von verrottetem Laub bedeckt war. Ab und zu knackte ein Zweig, und Blätter rauschten, wenn sie das Wagendach streiften. Der Motor schnurrte sacht. Es musste ein großer Wagen sein.
Angespannt lauschte ich. Sie hielten vor dem Haus. Dann hörte ich Wagentüren klappen und einen Moment später gedämpfte Stimmen.
Jetzt war mir klar, dass es stimmte. Ein endgültiges Gefühl sagte es mir. Eulenbrook gehörte nicht länger Ronja und mir, es gehörte Fremden, die sich hier breitmachen und alles zerstören würden.
So wie sie dem Gnom ein Halstuch umgebunden hatten, würden sie den Teich wahrscheinlich bald in einen Swimmingpool verwandeln, aus dem Haus eine protzige Villa machen und die alten Bäume umsägen lassen. Das Stallgebäude würde zu einer Garage umgebaut werden und das Gittertor schwarzgolden gestrichen, abgeschlossen und mit einem Schild versehen, auf dem »Privat! Betreten verboten!« stand.
Die Stimmen verstummten. Vermutlich waren die neuen Besitzer von Eulenbrook ins Haus gegangen. Ein günstiger Moment für mich, ungesehen zu verschwinden. Doch ich tat das Gegenteil: Verstohlen wie ein Dieb arbeitete ich mich zwischen den Sträuchern zum Haus vor, wobei ich mir Arme und Beine zerkratzte, mich an Brennnesseln brannte und mit meinen langen Haaren in allerlei dornigem Gestrüpp hängen blieb.
Der Wagen, der vor der Freitreppe stand, war zwar groß, aber kein Luxusschlitten. Er musste schon ziemlich alt sein, hatte einen verbeulten Kotflügel und Roststellen an den Türen. Das beruhigte mich irgendwie, obwohl ich keine Ahnung hatte, wieso.
Ein Flügel der Eingangstür unter den Säulen stand einen Spalt offen. Sie hatten also den Schlüssel. So lange ich denken konnte, war die große Tür versperrt gewesen. Wir waren immer durch eines der Fenster im Erdgeschoss eingestiegen, hinein in die Küche, in der es noch einen altmodischen Herd mit einem langen Ofenrohr und einen Boden aus gemusterten, schief getretenen Kacheln gab.
Ich hasste sie dafür, dass sie den Schlüssel besaßen. Die früheren Besitzer von Eulenbrook waren tot, und ich hatte geglaubt, er wäre längst verloren gegangen, doch jemand musste ihn aufbewahrt haben, jemand, den wir nicht kannten und der nur darauf gewartet hatte, das alles hier zu Geld zu machen.
Durch die zerbrochenen Scheiben klang Hundegebell. Ich hörte eine Stimme etwas rufen. Jemand lachte. Dann schob sich eine semmelblonde Nase durch den Türspalt. Ein Kopf mit Schlappohren folgte.
Rasch duckte ich mich tiefer hinter die Buchsbäume, die nach Katzenpisse rochen. Wieder rief die helle Stimme einen Namen, es klang wie »Connie« oder »Bonnie«. Der Hund, ein Labrador-Mischling, wedelte mit dem Schwanz und sprang mit ein paar Sätzen die Treppe hinunter, verschwand zwischen den Büschen und stand dann plötzlich neben mir.
Wie dem bösen Wolf im Märchen hing ihm die Zunge aus dem Maul, aber seine Augen waren freundlich, und sein Schwanz wedelte, was ich als Friedenszeichen verstand.
»Psst!«, zischte ich ihm zu. »Bitte sei still! Verrat mich bloß nicht, hast du kapiert?«
Er antwortete mit einem noch heftigeren Wedeln und einem kurzen, auffordernden Bellen. Es klang wie: He, was machst du da? Komm raus und spiel mit mir …
»Hau ab!«, flüsterte ich. »Ich kann dich jetzt nicht brauchen. Mach die Flatter!«
Wieder bellte er. Beschwörend legte ich den Zeigefinger an die Lippen. Vom Vorplatz des Hauses her rief eine Stimme: »Was ist los, Bonnie? Ich glaube, er hat einen Igel aufgestöbert! – Komm sofort zurück, verstanden?«
Bonnie spitzte die Ohren, rührte sich aber nicht von der Stelle. Ich drehte mich wieder um und spähte zwischen den Buchsbäumen durch. Unter dem Vordach stand ein junger Typ mit kurz geschnittenen blonden Haaren. Er hielt eine Hand schützend über die Augen und spähte in den Garten. Dann kam er die Treppe herunter.
Jetzt war es höchste Zeit für mich zu verschwinden. Ich versuchte, mich geduckt davonzuschleichen, doch der Hund, der Bonnie hieß, schien das als Aufforderung zum Spiel zu betrachten. Er sprang bellend um mich herum, wobei er seine Vorderpfoten tapsig durch die Luft schleuderte. Hinter mir raschelte es verdächtig im Gebüsch.
»Verdammt!«, sagte die Stimme. »Da wachsen Brennnesseln … Bonnie, zum Teufel, was machst du? Hast du einen Igel gefunden? Lass den armen Kerl bloß in Ruhe!«
Ich zwängte mich an dem Labrador vorbei, um mich im hohlen Stamm der Weide zu verstecken, da, wo Ronja und ich als Kinder so gern gespielt hatten. Gerade noch rechtzeitig, ehe der blonde Typ aus den Schilfgräsern auftauchte, flüchtete ich mich in den hohlen Baum, duckte mich, drückte das Gesicht an die Innenseite des Stammes und hoffte, dass er mich nicht sehen würde.
Wenn Bonnie nicht gewesen wäre, hätte er mich wohl auch nicht entdeckt. Ich hörte den Hund leise knurren, hörte, wie der Junge mit ihm redete und wie Zweige unter seinen Füßen knackten.
Der Schreck fuhr mir richtig in die Glieder, als plötzlich eine Stimme ganz in meiner Nähe sagte: »Hallo, was machst du denn hier?«
Sekundenlang stellte ich mich tot wie ein bedrohter Käfer. »Hallo!«, sagte die Stimme wieder. »Bist du in Ordnung?«
Ich wandte den Kopf und hätte mich am liebsten in Luft aufgelöst. Was musste dieser Junge von mir denken, dass ich mich vor ihm in einen Baum verkroch wie ein lichtscheuer Zwerg?
Er stand vor mir, hatte seinen Hund am Halsband gefasst und musterte mich mit einem verwunderten Ausdruck in den braunen Augen. Seine Stirn war gerunzelt. Er hatte einen Sonnenbrand auf dem Nasenrücken.
Das alles sah ich innerhalb von Sekundenbruchteilen. Dann sagte ich etwas, was ich gleich darauf bereute, weil es total kindisch war und nicht zu einer fast erwachsenen Person von sechzehn Jahren passte:
»Hau bloß ab, verschwinde! Ihr gehört nicht hierher!«
3
Später dachte ich noch oft, dass er wirklich cool reagiert hatte.
Ich an seiner Stelle wäre beleidigt gewesen, hätte mich umgedreht und ihm ewige Feindschaft geschworen. Er aber sah mich nur ruhig an und sagte, als hätte er alles verstanden: »Du kannst rauskommen. Keiner will dich vertreiben.«
Damit nahm er mir allen Wind aus den Segeln. Ich wusste nicht, was ich erwidern sollte, ärgerte mich, weil er so gelassen blieb, dass ich mich so blödsinnig verhalten hatte, und auch darüber, dass mir der Ausdruck seiner warmen braunen Augen gefiel.
So würdevoll wie möglich kletterte ich aus dem Baum. Bonnie versuchte, an mir hochzuspringen, aber der Junge hielt sie zurück.
Jetzt lächelte er sogar. In diesem Moment wünschte ich, er wäre richtig ekelhaft und arrogant zu mir gewesen und hätte ausgesehen wie einer von diesen geleckten Yuppies, die ich nicht leiden konnte.
Ich sagte kein Wort, gab mir Mühe, durch ihn hindurchzusehen, und ging an ihm und dem Labrador vorbei, zwängte mich durch die Sträucher und war wie erlöst, als ich den alten Gartenpfad erreichte, der unter Efeu und Unkraut fast verschwunden war.
Er versuchte nicht, mir zu folgen. Auch der Hund lief nicht hinter mir her. Als ich wusste, dass er mich nicht mehr sehen konnte, ging ich schneller und lief dann bis zum Mauerdurchschlupf.
Zu Hause schaute ich als Erstes in den Flurspiegel. Ich sah verboten aus. Mein Gesicht war rot wie eine Tomate, meine Haare struppig und zerrauft. Meine Arme und Beine waren total zerkratzt und wirkten noch dünner als sonst. Blut tropfte von meinem rechten Knie.
Erst als ich mir das Gesicht wusch, merkte ich, dass ich einen Ohrring verloren hatte.
Eigentlich waren es Ronjas Ohrringe. Sie hatte sie zum dreizehnten Geburtstag bekommen und nur einmal getragen. Und weil sie fand, dass sie mir besser standen als ihr, hatte sie sie mir geschenkt. Dafür hatte ich ihr den schwarzen Rucksack gegeben, der ihr so gefiel. Wir hatten das öfter gemacht, Geschenke ausgetauscht.
Die Ohrringe waren neben meinem alten Bären, einer Spieldose und ein paar Zeichnungen von Ronja das Liebste, was ich hatte. Jetzt war mir nur noch einer geblieben – eine Hälfte von etwas, was zusammengehörte. Irgendwie passte das verdammt gut zu allem anderen.
Ich hielt den Ohrring in der Handfläche und sah auf ihn nieder. Es war ein Hängeohrring mit einem kleinen, tropfenförmigen Opal, einem Stein wie milchiges Glas, der seine Farbe mit dem Licht veränderte. Jetzt schimmerte er bläulich.
Ich dachte, dass ich den zweiten bestimmt nie wiederfinden würde. Wahrscheinlich hatte ich ihn irgendwo im Garten von Eulenbrook verloren, und was in dieser Wildnis versank, war wohl für alle Zeiten verschwunden.
Dann legte ich mich ins Bett und vergrub mich in den Decken. Der verlorene Ohrring ging mir nicht aus dem Sinn, und es ärgerte mich, dass ich mich so dumm benommen hatte. Dieser Typ musste mich für absolut bescheuert halten und sicher auch für potthässlich.
Irgendwann klopfte meine Mutter an die Tür, schaute herein und fragte, was ich essen wollte.
»Nichts«, sagte ich. »Ich hab keinen Hunger.«
Darauf folgte die übliche Predigt. Ich hätte mir am liebsten die Ohren zugehalten.
»Aber Kind, du musst etwas essen! Du weißt, was Doktor Hoffmann gesagt hat. So geht das einfach nicht weiter, wir machen uns solche Sorgen um dich … Wie wär’s mit einem schönen Zucchini-Nudel-Auflauf? Den hast du doch früher immer so gern gegessen!«
Allein schon der Gedanke an Zucchini-Nudel-Auflauf verursachte mir Übelkeit. »Nein, echt nicht, danke!«
»Oder Apfelstrudel?«
Weil ihre Stimme so flehend klang, und damit ich endlich Ruhe hatte, murmelte ich: »Okay, ist gut, meinetwegen.«
»Na siehst du. Bist du müde?«
»Ich möchte allein sein.«
Ich hörte sie leise seufzen. Dann schloss sie die Tür, vorsichtig, als läge ich in einem Krankenzimmer.
Nachts träumte ich von Ronja und dem Ohrring. Es war einer der seltsamsten Träume, die ich je hatte. Im steinernen Becken von Eulenbrook saß Ronja zwischen Fischen und Molchen und Seerosen im Wasser. Ihr Kopf war unter Wasser, und ihre langen dunklen Haare fluteten um sie herum wie auf einem Bild von Ophelia, das ich einmal in einem Kalender gesehen hatte.
Sie saß da und hielt den Ohrring mit dem Opal in ihrer Handfläche. Als ich mich über den Rand des Beckens beugte, sah sie zu mir auf, lächelte und zwinkerte mir zu. Ihre Lippen formten ein Wort. Obwohl ich keinen Laut hören konnte, war es doch, als würde ein Gedanke von ihr zu mir überspringen. Das Wort hieß: Komm!
Ich lehnte mich über den Beckenrand, so weit ich konnte, streckte die Hand aus und versuchte, sie zu berühren, aber es gelang mir nicht.
»Hilf mir!«, sagte ich. »Gib mir die Hand, ich ziehe dich hoch!«
Sie lächelte noch immer und hob ihre freie Hand. Unsere Finger verschränkten sich ineinander. Ich versuchte zu ziehen, aber Ronja war stärker als ich. Sie zog und zog, und ich musste mich am Beckenrand festklammern und die Knie mit aller Kraft gegen die Mauer stemmen, um nicht kopfüber ins Wasser zu fallen.
Dann, als ich merkte, wie meine Kraft nachließ und wie ich den Halt verlor, stieß ich einen Schrei aus und wachte auf.
Um mich her war es stockdunkel und stickig wie in einer Gruft. Meine Knie schmerzten. Eine Weile lag ich wie betäubt da und wartete, bis sich das Hämmern meines Herzens beruhigte.
Im Traum hatte ich Ronja so deutlich gesehen, dass mich jetzt die Sehnsucht nach ihr mit der gleichen Stärke überfiel wie in den ersten Wochen und Monaten nach ihrem Tod. Zugleich spürte ich wieder diese verzweifelte Ungläubigkeit und wilde Auflehnung, dass es nicht sein konnte – nicht gerade Ronja, die so voller Lebenslust gewesen war, viel lebendiger, übermütiger und fantasievoller als ich und alle anderen Menschen, die ich kannte.
Schließlich stand ich auf und öffnete das Fenster, das der Wind zugedrückt hatte. Die Nacht war samtschwarz, ich sah weder Mond noch Sterne. In der Ferne rief eine Eule, vielleicht im Garten von Eulenbrook. Jahre hindurch hatte ein Eulenpaar zwischen den Dachbalken des alten Gutshauses genistet; sie waren durch eines der zerbrochenen Dachfenster aus und ein geflogen. Einmal, im Spätfrühling, hatten wir ihre Jungen gesehen, drei putzige, rührende Gestalten mit uralten Gesichtern, die auf der Dachrinne aufgereiht saßen und ihre Köpfe fast um hundertachtzig Grad drehen konnten.
Ronja hatte sie »die drei Gummihälse« genannt und eine Zeichnung von ihnen gemacht. Wenige Wochen später fanden wir ein Eulenjunges tot hinter dem Schuppen und begruben es im Garten unter einem Rosenbusch.
Ich kroch ins Bett zurück. Die Leuchtziffern der Uhr zeigten auf drei. Natürlich konnte ich nicht mehr einschlafen.
Als der Morgen endlich dämmerte, fasste ich den Entschluss, noch einmal – ein letztes Mal – nach Eulenbrook zu gehen und den Ohrring mit dem Opal zu suchen.
4
Eulenbrook lag außerhalb unseres Städtchens. Von der Landstraße aus konnte man es nicht sehen, denn ein Erlengehölz verdeckte den Blick auf die Gartenmauern und das graue Dach mit den drei Kaminen.
Während des Zweiten Weltkriegs, hatte mein Großvater erzählt, waren plündernde Soldaten daran vorbeigezogen und hatten den Gutshof einfach übersehen, obwohl sie sonst jedes Haus nach Nahrungsmitteln und Wertgegenständen durchsucht hatten.
Ich überquerte den Bach auf der kleinen Brücke und radelte durch das Wäldchen, in dem Wildtauben gurrten. Was sollte ich machen, wenn sie wieder da waren? Um festzustellen, ob ihr Wagen in der Auffahrt stand, musste ich bis fast zum Haus gehen. Doch wenn Bonnie, der Hund, mich hörte oder witterte, konnte es passieren, dass alles so ähnlich ablief wie gestern. Ich wollte dem Jungen auf keinen Fall ein zweites Mal begegnen.
Während ich durch das Loch in der Gartenmauer schlüpfte, lauschte ich angestrengt, bereit, beim geringsten ungewohnten Geräusch umzukehren und mich aufs Fahrrad zu schwingen.
In einem Punkt war ich ihnen jedenfalls überlegen: Ich kannte mich hier aus, kannte jedes Versteck, jeden Pfad im Wäldchen und in Eulenbrooks Garten. In Wahrheit waren sie die Eindringlinge und ich gehörte hierher. So sah ich es damals.
Auch hier gurrten Wildtauben. Ein Frosch quakte eindringlich, Grillen zirpten. In den Blättern raschelte sacht der Wind. Sonst war es wie immer still.
Ich fühlte mich plötzlich wieder sicher, während ich mir einen Weg durchs Gebüsch bahnte und über zertretenes Gras und geknickte Efeuranken meinen Spuren vom vergangenen Tag folgte.
Ich hoffte auf die hohle Weide. Vielleicht hatte ich Ronjas Ohrring dort verloren. Ein seltsamer Geruch hing in der Luft, der neu war und den ich noch nicht einordnen konnte.
Noch ehe ich die Weide erreichte, hörte ich das Gewieher.
Sie waren wieder da und sie hatten Pferde mitgebracht. Das wusste ich, noch ehe ich durch die Zweige der Buchsbaumhecke spähte und sie vor dem Haus stehen sah. Vor Neugier und Überraschung vergaß ich, dass ich eigentlich weglaufen wollte.
Sie waren zu dritt: der blonde Junge, ein großer, ziemlich dünner Mann und eine Frau, die Shorts trug und lange braune Beine hatte. Hinter dem schwarzen Auto parkte ein Lastwagen mit heruntergelassener Laderampe, über die der Mann gerade ein Pferd führte.
Ein zweites Pferd, ein Apfelschimmel, stand im hohen Gras am Rand der Auffahrt. Der Junge hielt es am Zügel. Neben ihm lag die Hündin, die Bonnie hieß, und nagte an einem Stück Holz oder einem Knochen.
Eine warnende Stimme in meinem Innern riet mir zu verschwinden, solange sie mich noch nicht entdeckt hatten. Trotzdem blieb ich und beobachtete, wie der Junge den Apfelschimmel streichelte, der heftig mit dem Kopf nickte, schnaubte und mit dem Vorderhuf scharrte.
Es gefiel mir, wie er mit dem Pferd umging. Seine Bewegungen wirkten behutsam und liebevoll. Wenn wir uns anderswo begegnet wären, nicht gerade hier in Eulenbrook, hätte ich ihn sicher gemocht.
Die Frau neben der Laderampe war ein Mädchen, nicht viel älter als ich; das merkte ich, als sie sich umdrehte. Sie half dem dünnen Mann, das zweite Pferd festzuhalten. Der Rotfuchs sah sich um, warf den Kopf in den Nacken und machte plötzlich einen heftigen Sprung zur Seite.
Ich hörte, wie der Mann etwas rief. Das Mädchen rannte zu dem blonden Jungen und übernahm die Zügel des Apfelschimmels, während er zum Lastwagen lief und dem Mann half, den Rotfuchs zu beruhigen und über die Laderampe zu führen.
Es war ein ungewöhnlich großes, schönes Pferd. Die Sonne brachte sein Fell zum Glänzen. Unwillkürlich bewunderte ich seinen edlen, gebogenen Hals und die kupferrote Mähne.
Sobald es festen Boden unter seinen Hufen spürte, war es wie verwandelt. Es tänzelte ein wenig, doch die Anspannung wich aus seinem Körper, und es sah sich aufmerksam um, wobei sich seine Ohren ständig bewegten.
Aus dem Innern des Lastwagens drang dumpfes Gepolter. Sie hatten also noch ein drittes Pferd mitgebracht. Mein Blick ging zu dem Mädchen, das den Apfelschimmel hielt. Da sah ich, dass Bonnie aufgestanden war. Langsam begann sie, den Weg entlangzutrotten, genau in meine Richtung.
Ich drehte mich um und rannte den Trampelpfad zurück, über den ich gekommen war.
In meiner Panik stolperte ich über eine Wurzel, fiel ins Gestrüpp und schrammte mir die Nase auf. Mit einer Hand griff ich mitten in die Brennnesseln.
Es brannte höllisch, und ich hätte heulen können – vor allem aus Wut, weil sie mich zu einem Eindringling machten und weil ich vor ihnen flüchten musste. Sie wollten sich offensichtlich für immer hier einnisten, mit ihrem Hund und ihren Pferden.
Erst später fragte ich mich, wie sie denn in Eulenbrook leben wollten. Das Haus war praktisch unbewohnbar. Nur der Stall war in gutem Zustand. Er war vor ungefähr fünf Jahren renoviert worden, weil ein Bauer aus der Umgebung vorgehabt hatte, seine Kühe darin unterzubringen. Dann war nichts daraus geworden und der Stall war weiter unbenutzt geblieben.
Auf dem Heimweg fiel mir Ronjas Ohrring wieder ein. Die einzige Chance, ihn zu finden, war verpasst. Ich konnte nicht mehr nach Eulenbrook zurück.
Aber vielleicht war es ja richtig so, dass einer der beiden Ohrringe irgendwo in Eulenbrooks Garten verborgen lag – dort, wo mir Ronja während der letzten beiden Jahre am nächsten gewesen war. Einer für sie, einer für mich.
5
»Sie haben Pferde nach Eulenbrook gebracht«, sagte meine Mutter beim Abendessen. »Frau Pfefferle hat es mir erzählt.«
Frau Pfefferle war die Inhaberin unseres Supermarkts, bei der alle Fäden zusammenliefen. Wenn etwas Neues in unserem Städtchen passierte, wusste sie es sofort, und die Nachricht verbreitete sich in Windeseile. Ronja hatte sie immer »die Urwaldtrommel« genannt.
Ich sagte nicht, dass ich das mit den Pferden bereits wusste. Stumm schob ich die Fischstäbchen auf meinem Teller hin und her. »Sie haben das Anwesen übrigens geerbt, nicht gekauft«, fügte meine Mutter hinzu.
Mein Vater hob den Kopf. »Geerbt? Für eine solche Erbschaft würde ich mich aber bedanken! Sie müssen jede Menge Geld aufbringen, um das Haus einigermaßen bewohnbar zu machen.«
»Das haben sie sicher auch. Jemand, der drei Pferde hält, ist bestimmt kein armer Schlucker.«
»Nicht alle Leute, die Pferde haben, sind reich.«
Meine Eltern sahen mich überrascht an. Sie waren inzwischen so an mein Schweigen gewöhnt, dass sie es kaum glauben konnten, wenn ich mich in ihre Gespräche einmischte.
»Pferde kosten Geld, besonders ihr Unterhalt«, sagte mein Vater. »Aber vielleicht wollen sie eine Reitschule eröffnen.«
Eine Reitschule! Daran hatte ich noch nicht gedacht.
»Mit drei Pferden?«, fragte Mama zweifelnd.
»Vielleicht kommen ja noch mehr Pferde nach. Hättest du nicht Lust, Reitunterricht zu nehmen, Rikke?«
Als Ronja noch lebte, hätten wir beide unheimlich gern Reiten gelernt. Ronjas größter Wunsch war ein eigenes Pferd gewesen, doch damals mussten unsere Eltern das Haus und den Fotoladen abbezahlen und sparten an allen Ecken und Enden. Heute hätte ich ihnen vielleicht einen Gefallen getan, wenn ich wieder für irgendetwas Begeisterung gezeigt hätte.
»Nein danke«, sagte ich. »Kein Bedarf.«
Sie wechselten einen Blick. Mama unterdrückte einen Seufzer.
»Weiß man schon etwas über diese Leute?«, fragte mein Vater hastig.
»Es ist ein Mann, der Theisen heißt, mit seinem Sohn und seiner Tochter. Eine Mutter scheint es in dieser Familie nicht zu geben.«
»Vielleicht sind sie geschieden.«
Ob ich wollte oder nicht, ich stieß immer wieder auf die neuen Besitzer von Eulenbrook. Mama beobachtete mich.
»Rikke, du isst ja wieder nichts!«, sagte sie. »Und wie du aussiehst! Wie ist das eigentlich passiert, dass du vom Rad gestürzt bist?«
Ich sagte, ich hätte nicht aufgepasst und wäre im Wald über eine Wurzel gefahren.
»Du solltest nicht so allein durch die Gegend radeln. Hast du die Wunden desinfiziert?«
Ich nickte. Sie fragte nach Isabell.
»Isabell fliegt morgen nach Mallorca«, sagte ich, erzählte aber nicht, dass wir schon seit einigen Monaten einfach nichts mehr miteinander anfangen konnten. Früher waren wir mit Isabell befreundet gewesen, Ronja und ich, doch sie hatte sich verändert. Ich fand sie oberflächlich und schrill. Umgekehrt hielt sie mich wahrscheinlich für einen schnarchlangweiligen Trauerkloß. Damit war sie nicht die Einzige in unserer Schule.
»Ich weiß einfach nicht mehr, was ich noch kochen soll!«
Meine Mutter sah so verzweifelt aus, dass sie mir leidtat. Um ihr einen Gefallen zu tun, würgte ich zwei Fischstäbchen hinunter und kaute ein paar Salatblätter. Später hatte ich Magenschmerzen und hätte mich am liebsten übergeben, um die Fischstäbchen wieder loszuwerden.
Jetzt wo ich nicht mehr nach Eulenbrook konnte, wusste ich nicht, wohin, so als gäbe es für mich keinen anderen Ort auf der Welt. Unser eigener Garten war winzig und aufgeräumt, mit ein paar künstlich wirkenden Nadelbäumen im Miniaturformat und einer rechteckigen Rasenfläche – pflegeleicht, wie meine Eltern sagten.
Ins Schwimmbad mochte ich nicht. Da saßen sie alle in Cliquen beisammen, rauchten und machten hämische Bemerkungen über jeden, der nicht dazugehörte. Es war wie Spießrutenlaufen, im Badeanzug zum Becken zu gehen.
»Sie denkt, sie ist schön, wenn sie ihr klapperndes Gebein durch die Gegend schiebt.« Das hörte ich besonders oft von den Mädchen. Sie begriffen nichts, wussten nicht, dass es mir nicht darum ging, besonders schlank zu sein, dass ich seit der Sache mit Ronja einfach keinen Appetit mehr hatte und mich zu jedem Bissen, den ich schlucken sollte, zwingen musste.
Ungefähr eine halbe Fahrradstunde vom Städtchen entfernt gab es einen kleinen See, aber auch der war im Sommer total überlaufen. Ich wünschte, wir wären in Urlaub gefahren. Aber meine Eltern hatten einen Fotoladen und wollten sich das Geschäft mit den Touristen, die jetzt in unser altes Städtchen kamen, nicht entgehen lassen.
In der folgenden Woche unternahm ich lange Radtouren über die Hügel und durch die Felder. Dabei musste ich immer an dem Waldstück vorbei, hinter dem Eulenbrook verborgen lag.
Einmal sah ich den schwarzen Wagen aus der Zufahrt kommen, machte rasch einen Schlenker und fuhr über die Böschung zwischen die Büsche. Dort blieb ich stehen und wartete, bis sie verschwunden waren.
Inzwischen glaube ich daran, dass das Schicksal bestimmte Begegnungen für uns vorgesehen hat und dass wir ihnen nicht ausweichen können, ganz gleich, was wir auch tun. So war es mit mir und Arne Theisen.
Einige Tage später, an einem ungewöhnlich heißen Julimorgen, machte ich mich mit dem Rad auf den Weg zum Waldsee. Der frühe Morgen war die einzige Tageszeit, zu der ich den See, der eigentlich mehr ein Weiher war, für mich hatte und ein paar Runden in Ruhe schwimmen konnte.
Es war noch nicht einmal sieben Uhr, als ich über den Kiesweg radelte und das Ufer mit dem dichten Schilfgürtel erreichte. Teichrohrsänger flöteten leise irgendwo in den Binsen und eine türkisfarbene Libelle düste im Zickzackflug vor mir her.
Die Morgensonne lag mit sanftem Schimmer auf der Wasseroberfläche, in der sich die Tannen und der Himmel schwarz und golden spiegelten. Sofort umkreisten mich die ersten Mücken mit raubgierigem Sirren.
Noch während ich aus meiner Jeans schlüpfte, hörte ich gedämpftes Hufgetrappel aus der Ferne. Obwohl ich meinen Bikini bereits anhatte, zog ich die Jeans wieder hoch. Keiner sollte meine erbärmlich dünnen Oberschenkel sehen, die spitzen Knie und die schaufelartigen Hüftknochen.
Schon tauchte ein sahnefarbener Pferdekopf mit silbriger Mähne zwischen den Tannen auf. Dann sah ich den Oberkörper des Reiters. Es war der Junge aus Eulenbrook. Er hatte mich noch nicht bemerkt. Ich beobachtete, wie er das Pferd zügelte und aus dem Sattel glitt. Jetzt kam auch sein Hund angerast, mit fliegenden Schlappohren und hängender Zunge.
Der Junge führte das Pferd über den schmalen Pfad zwischen den Schilfhalmen. Der Schimmel ging langsam ins seichte Wasser, senkte die Nase und trank. Ich sah mich nach meinem Fahrrad um, das an einem Baum lehnte. Wenn ich leise war, konnte ich vielleicht unbemerkt verschwinden.
Eine Bewegung oder ein leises Knirschen meiner Sandalen auf den Steinen verriet mich. Plötzlich bellte Bonnie, der Labrador-Mischling. Das Pferd hob den Kopf. Wasser tropfte von seinen Lippen und Nüstern.
Auch der Junge sah auf. Über die Schilfhalme hinweg trafen sich unsere Blicke.
Trotzig dachte ich: Wieso soll ich eigentlich schon wieder abhauen? Ich habe das gleiche Recht wie er, hier zu sein! Der See gehört ihm nicht …
Vielleicht erkannte er mich nicht sofort. Er wandte sich ab und redete leise mit dem Hund. Dann watete er durchs seichte Wasser zu seinem Pferd und streichelte ihm den Hals.
Ich war schon beim Rad und wollte es zu einer Uferstelle auf der anderen Seite des Sees schieben, aber als ich die Hände auf die Lenkstange legte, hörte ich hinter mir ein Hecheln.
Bonnie kam auf mich zugelaufen. Der Junge folgte ihr.
Er war barfuß und trug ausgefranste Jeansshorts.
»Warum läufst du vor mir weg?«, fragte er.
Ich spürte, dass ich rot wurde. »Vielleicht möchte ich meine Ruhe haben.«
Jetzt stand er vor mir. Bonnie beschnupperte mich und drückte die Stirn gegen meine Knie. Unwillkürlich ließ ich die Hand sinken und berührte ihre Ohren. Sie waren weich wie Samt. Im Hintergrund prustete das Pferd.
»Ich will dich nicht stören, aber warte einen Augenblick. Ich hab etwas gefunden, einen Ohrring. Er hing in den Brombeerranken. Gehört er dir?«
Ich starrte ihn an. Er hatte sandfarbene, fast weiße Augenbrauen und auf seinem Nasenrücken schälte sich die Haut. Auf seinem Kinn war eine winzige halbmondförmige Narbe. Seine gebräunten Arme waren mit silbrigem Flaum bedeckt.
»Ja!«, sagte ich atemlos. »Das ist meiner! Was hast du mit ihm gemacht?«
Eine Falte erschien zwischen seinen Brauen. »Ich hab ihn weder weggeworfen noch verkauft, auch wenn du mir das offenbar zutraust. Er liegt bei meinen Sachen im Wohnwagen. Du kannst ihn dir holen.«
Ich schüttelte den Kopf. Bonnie stupste meine Hand mit der Nase an, bis ich sie streichelte. »Warum nicht?«, fragte er. »Du warst doch sicher nicht zum ersten Mal in Eulenbrook.«
Wenigstens sagte er nicht: auf unserem Grundstück. Das war ein Pluspunkt für ihn.
»Ich möchte nicht.«
»Aha. Soll ich dir den Ohrring bringen? Ich weiß allerdings nicht, wie du heißt und wo du wohnst.«
Ich murmelte: »Das brauchst du nicht. Wir können uns treffen.«
Kaum war es heraus, kamen mir schon Zweifel, ob er mich vielleicht falsch verstehen würde und dachte, ich wollte ihn anmachen. Doch er nickte und erwiderte nur: »Okay. Wann und wo?«
Ich überlegte. »Morgen um diese Zeit an der gleichen Stelle?«
»Gut. Ich hab den See erst gestern entdeckt. Bist du jeden Morgen hier?«
»Nur ab und zu. Tagsüber ist es total voll.«
»Das hab ich schon gemerkt. Schade. Es ist so ein schöner Platz.«
Eine Weile standen wir da und sahen zu, wie das Pferd fast bis zum Bauch ins Wasser ging. Bonnie lief zum Ufer und platschte ebenfalls in den See. Sie zerrte eine Schlingpflanze hoch, schleuderte sie in die Luft, fing sie wieder auf und schüttelte sie wie einen toten Fisch.
»Bonnie ist so glücklich hier«, sagte der Junge unerwartet. »Wir haben bis jetzt in einer Großstadt gelebt.«
»Mit drei Pferden?«
Er fragte nicht, woher ich wusste, dass sie drei Pferde hatten. »Sie waren in einem Reitstall untergestellt. Aber irgendwie haben sie mir immer leidgetan. Tiere gehören in die Natur.«
»Wir Menschen auch«, erwiderte ich unwillkürlich.
Er musterte mich flüchtig. »Ja, auch wenn viele das nicht mehr spüren.«
Irgendwo im Schilf quakte eine Ente. Dann durchbrachen Stimmen und laute Musik die morgendliche Stille.
»Ich hab meinen Schnorchel vergessen!«, schrie jemand. Und eine Frauenstimme übertönte das schmalzige Gedudel eines Kassettenrekorders: »Frankie, hast du den Picknickkorb mit den Spareribs dabei?«
Der Junge und ich wechselten einen Blick. »Das ist erst der Anfang«, sagte ich.
»Hoffentlich kommen sie nicht hierher und machen Zoff, weil Bonnie und Fee im Wasser sind.«
»Wieso denn?«
»Es gibt jede Menge Leute, die Tiere für unhygienisch halten und meinen, sie würden das Wasser verunreinigen. Dabei ist es genau umgekehrt. Wir Menschen sind’s doch, die die Gewässer verschmutzen.«
»Dann sag es ihnen, falls sie kommen und motzen.«
Er seufzte leicht. »Ich hab keinen Bock auf Streit.«
»Wenn du nichts sagst, tu ich es. Es ist ungerecht, und es schadet den Leuten nicht, wenn sie mal über ihre Dummheit nachdenken. Tiere haben auf unserer Welt sowieso kaum noch Rechte.«
Wir gingen jetzt nebeneinanderher zu der Stelle, an der die Stute und der Labrador spielten. Bonnie sprang übermütig um das Pferd herum und versuchte, es spielerisch in die Hinterbeine zu zwicken. Die Stute schnaubte und prustete wie ein Wasserspeier.
Während ich den beiden zusah, fühlte ich mich plötzlich wie verwandelt. Es war, als hätte jemand einen bösen Zauber von mir genommen. Die dumpfe Bedrückung und hoffnungslose Leere, die nun schon so lange auf mir lastete, hob sich wie ein dunkler Vorhang.
Vielleicht waren es die spielenden Tiere, ihre Freude und Unbeschwertheit, die mir für Augenblicke eine Ahnung davon zurückbrachten, wie ich mich einst gefühlt hatte, als mein Leben noch in Ordnung war. Dass es auch mit Arne zu tun hatte, mit seiner Gegenwart, begriff ich erst viel später.
6
Ich erwachte noch früher als sonst. Mein erster Gedanke war, dass ich diese seltsame Verabredung mit dem Jungen aus Eulenbrook hatte, von dem ich bisher nur den Nachnamen wusste.
Er hatte Ronjas Ohrring gefunden. Das grenzte an ein Wunder, wenn ich mir den dschungelähnlichen Zustand des alten Gartens vorstellte. Vielleicht war es ja ein Zeichen – aber wofür?
Zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass ich Eulenbrook nicht wirklich verloren hatte, sondern dass sich nur etwas änderte und verwandelte, wenn ich offen dafür war.
Um halb sechs stand ich auf, duschte und wusch mir die Haare. Meine Haare sind das Schönste an mir, finde ich, von Natur aus gelockt, schulterlang und glänzend wie reife Kastanien. Sie verdeckten meinen schrecklich mageren Hals und die Schlüsselbeine, die so hässlich hervortraten und mich immer an ein Gerippe erinnerten, wenn ich in den Spiegel sah.
Meine Eltern schliefen noch. Ich ging in die Küche und aß ein Knäckebrot mit etwas Butter, ausnahmsweise ohne Widerwillen. Es schmeckte sogar ganz gut, wenn auch etwas staubig, und hinterließ nicht dieses Gefühl in meinem Magen, als hätte ich einen Ziegelstein geschluckt.
Dann steckte ich einen Apfel in meinen kleinen Rucksack und radelte los. Noch war alles still; niemand begegnete mir. Ich merkte erst, dass ein Gewitter aufzog, als ich auf den Trampelpfad zum Waldsee abbog. Die Wolkengebirge hatten schwarze, tiefviolette und schwefelgelbe Ränder und in der Ferne sah ich Blitze zucken. Eine wunderliche, spannungsgeladene Stille herrschte. Die Vögel hatten aufgehört zu singen. Der See war dunkel wie ein Tintenklecks und glänzte geheimnisvoll.
Ich dachte: Er wird nicht kommen. Fast gegen meinen Willen stieg Enttäuschung in mir auf. Doch vielleicht war es ja wegen des Ohrrings, den ich so dringend wiederhaben wollte.
Sicher war es am besten, wenn ich umkehrte und nach Hause radelte, so schnell ich konnte. Vielleicht schaffte ich es noch vor dem Gewitter. Doch etwas in mir, das stärker war als meine Vorsicht und Vernunft, trieb mich dazu, den Pfad bis zu der Stelle weiterzufahren, wo ich gestern den Jungen, sein Pferd und seinen Hund getroffen hatte.
Plötzlich fegte eine Windbö über den Wald, fuhr mit scharfem Geraschel durch das Schilf und bog die Halme tief nach unten. Zwei Mücken stachen mich in die Hände, ehe ich es verhindern konnte.
Das Ufer lag verlassen im bläulich gelben Licht. Sie waren natürlich nicht gekommen. Es war dumm von mir gewesen, weitere fünf Minuten zu verlieren, statt mich sofort auf den Rückweg zu machen.
Während ich wieder aufs Fahrrad stieg, lauschte ich noch immer und bildete mir ein, Geräusche zu hören, die der Wind mir von irgendwoher Zutrug – ein schwaches Klipp-Klopp und ein kurzes, verwehtes Bellen. Dann erklang Donnergrollen. Es wurde rasch dunkler; Blitze zuckten über den Himmel. Jetzt war es zu spät, um noch rechtzeitig nach Hause zu kommen, das wusste ich.
Ich stieg vom Rad. Zwischen den Bäumen tauchte Bonnie auf. Sie kam zu mir, sprang an mir hoch und tat, als wäre ich eine lang vermisste Freundin. Ich hielt mit der linken Hand die Lenkstange fest und streichelte sie mit der rechten.
Eine Windbö wirbelte mir Haarsträhnen ins Gesicht, sodass ich für Sekunden nichts sehen konnte. Doch ich hörte den Hufschlag jetzt ganz deutlich, und als ich mir die Haare zurückstrich, sah ich sie kommen.
Der Gewitterwind trieb das silbrige Mähnenhaar und den Schweif der Stute fast senkrecht in die Luft, als wäre sie Pegasus, das geflügelte Pferd aus der griechischen Sage. Sie näherte sich im Galopp; ich glaubte zu spüren, wie der weiche Moorboden unter ihren Hufen zitterte.
Dicht vor mir machten sie halt. Der Junge blieb im Sattel sitzen, beugte sich vor und fragte hastig und atemlos:
»Weißt du, wo wir uns unterstellen können? Eine Scheune wäre gut. Hier am See ist es zu gefährlich, in der Nähe des Wassers schlägt leicht der Blitz ein.«
Der alte Heuschober am Rand des Feuchtgebiets fiel mir ein, in dem Ronja und ich vor Jahren eine Marderfamilie entdeckt hatten. Ich nickte und stieg aufs Fahrrad.
»Reite hinter mir her!«, rief ich über die Schulter. »Vielleicht schaffen wir’s noch rechtzeitig!«
Der Wind kam jetzt von Westen und war gegen mich. Ich radelte geduckt, mit zusammengekniffenen Augen, weil jede Menge Blätter, Zweige und Rindenstücke durch die Luft wirbelten. Bonnie rannte neben mir her, als wäre alles nur ein wunderbares, aufregendes Spiel.
Es war ein seltsames Gefühl, die Stute hinter mir zu wissen, ein mächtiges Wesen, dessen Tritte den Boden erschütterten. Jetzt zuckten überall Blitze auf und knallende Schläge folgten. Noch hatte uns das Gewitter nicht erreicht, noch gab es kurze Pausen zwischen den Blitzen und dem Donner.
Während ich strampelte und gegen den Wind kämpfte, versuchte ich, mich zu erinnern, welche Abzweigung die beste war, um auf schnellstem Weg zum Heuschober zu kommen. Wir mussten noch ein Waldstück durchqueren. Dann kam ein Pfad zwischen Moorwiesen, der in ein Birkengehölz mündete.
Das Gerumpel wurde von Minute zu Minute dramatischer. Einen Moment lang schoss mir der Gedanke durch den Kopf, das Pferd könnte plötzlich in Panik geraten und durchgehen. Womöglich hatte der Junge es irgendwann nicht mehr im Griff und es stürmte los und überrannte mich.
Rasch sah ich mich um und merkte, dass Pferd und Reiter näher kamen und mich einholten. Der Junge hielt die Stute am kurzen Zügel. Jetzt ritten sie neben mir, in einigem Abstand, aber auf gleicher Höhe. Zwischen uns lief Bonnie.
Noch immer kam kein einziger Tropfen vom Himmel, der wie ein schwerer dunkler Baldachin über uns hing. Ein unheimliches Pfeifen und Sausen ging durch die Luft. Es klang, als wäre ein Heer wilder Geister unterwegs.
Der Pfad durchs Moor war zum Glück trocken, sonst wäre ich sicher mit dem Rad stecken geblieben. Büsche, Bäume und die hohen Sumpfgräser bogen sich in irrem Tanz. Ein gewaltiger greller Blitz zuckte über den Baumwipfeln des nahen Waldes auf. Ein ohrenbetäubendes Krachen folgte.
Die Stute riss den Kopf hoch, wieherte angstvoll und begann zu steigen. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie der Junge kämpfte, um im Sattel zu bleiben. Für einige Sekunden stand sie auf den Hinterbeinen. Im gespenstisch bläulichen Licht sahen sie wunderbar aus, unwirklich wie in einer Szene aus einem Fantasyfilm – ein Pferd, das einen blonden Ritter auf seinem Rücken in die Schlacht trägt.
Das schrille Gewieher ging im Krachen des Donners unter. Ich radelte jetzt wie ein Weltmeister über holpriges Gelände, Zweige und Steine zwischen den Birkenstämmen durch. Schon prasselten die ersten schweren Tropfen wie Wurfgeschosse auf mich nieder.
Im Schutz des Birkenwäldchens stand der alte Holzschuppen, kaum mehr als eine krumme Bretterbude, mit grauen Schindeln bedeckt. Eine Hälfte des Tores hing schief in den Angeln. Ich bremste scharf, ließ das Fahrrad fallen und war mit ein paar Sätzen im Innern der Hütte. Bonnie war an meiner Seite, raste um mich herum und schüttelte sich heftig.
Im nächsten Moment führte der Junge die Stute herein.
»Das war knapp!«, sagte er.
Sein Gesicht glänzte vor Nässe, seine Haare klebten an der Stirn und den Schläfen. Er knotete die Zügel seines Pferdes zusammen, lockerte den Sattelgurt und klopfte Fees Hals, um sie zu beruhigen. Die Stute schnaubte und wich zur Bretterwand zurück. Ich konnte das Weiße in ihren Augen sehen.
Ein weiterer Donnerschlag erschütterte die Hütte. Gleichzeitig tauchte ein Blitz sekundenlang alles wie in Scheinwerferlicht. Der Junge hatte einen Arm um den Hals seiner Stute gelegt und redete leise auf sie ein. Bonnie drängte sich zitternd an meine Beine.
»Das klang, als hätte es ganz in der Nähe eingeschlagen«, sagte ich.
»Ja, wir haben echt Glück gehabt. Ich hätte gar nicht erst losreiten sollen, aber ich dachte, die Wolken verziehen sich wieder.«
Seine Augen funkelten, als wäre das Unwetter ein Abenteuer für ihn. Ein Rauschen wie von starker Brandung ließ uns aufsehen. Der Regen kam in wahren Sturzbächen vom Himmel, der Wind trieb Gischtwolken durch die Öffnung zwischen den Torflügeln und die Ritzen zwischen den Brettern.
Wir suchten in der hintersten Ecke der Hütte Schutz, wo ein Holzstapel und Reste von altem Heu lagen. Draußen waren die Regenfluten so gewaltig, dass sie wie eine undurchdringliche weiße Wand wirkten. Es war, als wären wir in einer Luftblase unter Wasser. Rinnsale und kleine Bäche fluteten über den festgestampften Boden.
Doch die Gewalt des Unwetters war gebrochen. Das Donnergrollen wurde schwächer und ferner und ging im Rauschen des Regens unter. Die Stute senkte jetzt den Kopf und schien sich zu entspannen, während Bonnie sich seufzend ins Heu legte.
»Wir sind noch mal davongekommen.« Der Junge lachte leise. »Ich stell’s mir nicht gerade angenehm vor, vom Blitz erschlagen zu werden.«
Darauf fiel mir keine Antwort ein. Eine Weile schwiegen wir und schauten auf den Regen, der hinter dem Spalt zwischen den Torflügeln mit unverminderter Heftigkeit vom Himmel strömte.
»Bist du immer so schweigsam oder hat es was mit mir zu tun?«
Sicher hielt er mich auch für eine Trantüte. Ich hatte geglaubt, es wäre mir egal, dass jeder mich so einschätzte, aber bei ihm machte es mir etwas aus.
»Ich rede nur, wenn ich was zu sagen habe.« Das klang, als wollte ich mich verteidigen.
»Kein schlechter Grundsatz. Ich dachte nur, du hast was gegen mich persönlich. Und ich bin ziemlich sicher, dass es mit Eulenbrook zu tun hat. Für dich sind wir Eindringlinge oder liege ich da falsch?«
Ich erwiderte nichts. Wie hätte ich es ihm auch erklären sollen? Er sah mich kurz an, wandte dann den Blick von mir ab und sah zu Boden. Das Regenwasser war jetzt bei uns angelangt und lief mir in die Sandalen.
»Tut mir leid«, murmelte er, und ich wusste, dass er nicht meine nassen Füße meinte.
»Ihr könnt nichts dafür.« Ich wunderte mich selbst, dass ich das sagen konnte, aber es stimmte. Die Stute hatte den Kopf vorgestreckt und schnupperte an meinem Hals. Ihre Nüstern waren wunderbar weich und ihr warmer Atem hatte etwas Tröstliches.
Unwillkürlich hob ich die Hand und strich mit den Fingerspitzen über ihren Nasenrücken. Er fühlte sich wie warmer Samt an. Plötzlich, ich hatte keine Ahnung weshalb, spürte ich, dass mir Tränen in die Augen stiegen. Ich wandte mich ab, doch nicht rasch genug. Der Junge hatte es schon bemerkt.
»Du liebst Tiere«, sagte er. Seine Stimme klang sanft.
So unvermittelt, wie die Regenflut eingesetzt hatte, endete sie auch. Die weiße Wand wurde durchsichtig, das Rauschen ließ nach. Es nieselte nur noch und alles war in blendende Helligkeit getaucht. Die Regentropfen blitzten wie Perlenschnüre im Licht. Wir hätten wieder gehen können. Trotzdem standen wir noch immer in der Hütte, mitten in einer großen Pfütze.
»Übrigens, ich heiße Arne.«
»Und ich Rikke.«
»Ein schöner Name; hat es was mit einem Reh zu tun?«
»Nein«, sagte ich. »Rikke mit zwei ›K‹.«
»Trotzdem – er passt zu dir. Ist dir schon mal aufgefallen, dass es Menschen gibt, die einem bestimmten Tier ähnlich sehen? Du hast etwas von einem Reh, besonders deine Augen.«
Das war das Beste, was ich seit Langem über mein Äußeres gehört hatte. Es war ein echtes Kontrastprogramm zu all den besorgten oder hämischen Bemerkungen über meine dünnen Arme und Beine und mein mageres Gesicht, an die ich mich fast schon gewöhnt hatte.
Jetzt waren wir beide verlegen. Arne griff in seine Jeanstasche, zog ein zusammengefaltetes Papiertaschentuch heraus und gab es mir.
Ich öffnete den kleinen Beutel aus Zellstoff. Dazwischen lag Ronjas Ohrring. Der Opal schimmerte geheimnisvoll im Licht.
»Es ist fast ein Wunder, dass du ihn gefunden hast«, sagte ich leise.
»Oder vielleicht ein Zeichen.«
Ja, dachte ich, aber wofür? Mit Bonnie und Fee verließen wir die alte Scheune. Draußen glänzte und glitzerte die ganze Welt – die Wiesen, das Laub, der Himmel. Die Luft war voller Düfte. In der Mulde zwischen den Baumgruppen hatte sich ein kleiner See gebildet.
Jeder Sonnenstrahl, der zwischen den Wolkenfetzen hervorkam, verbreitete einen fast überirdischen Glanz. Bonnie raste zur Mulde, war mit ein paar übermütigen Sprüngen im Wasser, drehte sich im Kreis und paddelte darin herum wie ein Biber. Mein Fahrrad lag in einer Pfütze. Ich hob es auf; der Sattel war schwarz vor Nässe, mein Rucksack total durchgeweicht.
Arne zog den Sattelgurt fest. »Du kannst immer nach Eulenbrook kommen, wenn du Lust hast«, sagte er über die Schulter.
Ich schüttelte den Kopf. Es würde nicht mehr das Gleiche sein, das wusste ich. Auch er musste es wissen.
»Der Garten soll jedenfalls bleiben, wie er ist. Wir finden ihn schön, so verwildert. Er ist ein guter Platz für die wild lebenden Tiere, viel besser als die geschniegelten, aufgeräumten Gärten und Parks.«
»Und das Haus?«, fragte ich, obwohl ich mir vorgenommen hatte, nicht nach Eulenbrook zu fragen.
»Das Haus wird natürlich renoviert, sonst könnten wir es nicht bewohnen. Aber mein Vater will, dass es möglichst wieder so wird, wie es ursprünglich war. Er sagt, es ist ein sehr schönes Jugendstilgebäude und gehört eigentlich unter Denkmalschutz.«
Ich hatte mir nie Gedanken darüber gemacht, ob Eulenbrook schön oder hässlich war. Wahrscheinlich war es für mich immer das verlassene, düstere, geheimnisvolle Schloss geblieben, das ich als Kind in ihm gesehen hatte.
Arne Theisen schwang sich mit einer Leichtigkeit in den Sattel, die ich bewundernswert fand. Bonnie kam aus dem Regenteich, schüttelte sich und versprühte funkelnde Tropfen. Fee, die Stute, wich mit ein paar tänzelnden Schritten zur Seite.
»Also dann, ciao, mach’s gut!«, sagte Arne. Es klang irgendwie zögernd.
»Tschüs, und danke für den Ohrring.«
Erst jetzt, als er losritt, fiel mir auf, dass er weder Reithelm noch Reitstiefel trug. Ich stieg aufs Rad. Das Leder des Sattels fühlte sich wie ein voll gesogener Schwamm an.
Der Pfad durchs Moor war total aufgeweicht; deshalb fuhr ich in südliche Richtung, zur Landstraße. Arne folgte mir nicht. Er hatte den Pfad eingeschlagen, den wir gekommen waren.
Ich ertappte mich dabei, dass ich mir Sorgen machte, er könnte sich verirren. Schließlich kannte er sich doch in unserer Gegend noch nicht aus und wir waren Hals über Kopf vor dem Ausbruch des Gewitters geflüchtet. Dabei war er mir bestimmt nur gefolgt und hatte nicht auf den Weg geachtet.
Einen Augenblick lang überlegte ich, ob ich umkehren und ihm nachfahren sollte. Dann fiel mir Eulenbrook wieder ein und dass ich jetzt nie wieder dorthin konnte – auch seinetwegen. Außerdem hätte er es vielleicht falsch verstanden, wenn ich ihm gefolgt wäre. Er würde sich schon zurechtfinden; schließlich war er kein kleines Kind. Und überhaupt – was ging es mich an?
7
Nachts gingen weitere Gewitter nieder. Ich lag im Bett und lauschte dem nahen und fernen Donnergrollen, sah Blitze hinter den dünnen Vorhängen zucken und hörte, wie die Fichte im Nachbargarten rauschte und ächzte.
Dabei dachte ich an Eulenbrook. Wenn das Haus erst renoviert werden musste, gab es vielleicht noch eine Art Gnadenfrist. Diesen Sommer konnten die Theisens bestimmt noch nicht einziehen. Doch die Vorstellung, dass ein Pulk von Handwerkern dort hämmerte und bohrte und die Stille des Hauses und des Gartens störte, dass sie Schutt und Mörtel in die Büsche warfen und ätzende Lösungen in den Teich kippten, war nicht viel besser. Eulenbrooks Dornröschenschlaf war endgültig vorbei.
Am nächsten Morgen war der Himmel von Wolken verhangen, die Luft schwül und drückend. Ich duschte und zog meinen Badeanzug an, weil ich fand, dass ich darin nicht ganz so knochig wie im Bikini wirkte. Dann schlüpfte ich in die alte Jeans, die ich an den Knien abgeschnitten hatte, und suchte mein bestes Seidentop aus dem Schrank.
Meine Mutter stand vor der Badezimmertür. Sie war gerade erst aufgestanden.
»Fährst du zum Waldsee?«, fragte sie.
Ich nickte.
»Und hast du schon gefrühstückt?«
»Nein«, sagte ich. »Aber ich nehme Obst mit.«
»Du musst etwas Richtiges essen! Komm, ich mach dir rasch ein kleines Picknick zurecht …«
Widerstrebend wartete ich, nahm den Korb mit nach unten und schnallte ihn auf dem Gepäckträger fest. Draußen war es heiß wie in einem Brutofen. Schon fünf Minuten später, als ich den Rand unseres Städtchens erreichte, war ich nass geschwitzt.
Die Stechmücken empfingen mich wie ein Schwarm von Vampiren, noch ehe der See richtig in Sicht kam. Schweißbedeckte Haut rochen oder spürten sie offenbar schon von Weitem.
Auch ich roch etwas von Weitem: Pferde. Erst jetzt gestand ich mir ein, dass ich gehofft hatte, Arne wieder hier zu begegnen, so wie gestern und vorgestern.
Ich traf ihn wirklich an der gleichen Stelle, zusammen mit seiner Stute Fee und der Hündin Bonnie. Doch sie waren nicht allein. Ein blondes Mädchen war bei ihnen und neben Fee stand ein zweites Pferd mit kupferroter Mähne.
Wenn es möglich gewesen wäre, ungesehen wieder zu verschwinden, wäre ich umgekehrt. Doch schon kam mir Bonnie kläffend entgegengerannt und Fee reckte den Kopf und spitzte die Ohren.
Auch Arne sah in meine Richtung. Das Mädchen saß neben ihm im Gras, die Arme um ihre Knie geschlungen. Sie trug einen Bikini und war sehr schlank, hatte aber die richtigen Rundungen an der richtigen Stelle.
Jetzt erkannte ich sie wieder. Ich hatte sie schon einmal gesehen: in Eulenbrook, beim Ausladen der Pferde.
Ich stieg vom Rad und streichelte Bonnie, unschlüssig, wie ich mich verhalten sollte. Arne war aufgestanden und kam langsam auf mich zu.
»Hi!«, sagte er. »Hoffentlich haben wir uns nicht auf deinem Platz breitgemacht.«
Beinahe hätte ich geantwortet: Das tut ihr doch ständig! Stattdessen murmelte ich nur: »Hallo.«
Das Mädchen sah abwartend zu mir herüber. Sie hatte schulterlanges silberblondes Haar und blaugrüne Augen und erinnerte mich an die kleine Seejungfrau in Andersens Märchen.
»Setz dich doch zu uns«, sagte Arne.
Das Mädchen schwieg noch immer. Als sie das Gesicht wieder abwandte, sah ich, wie ähnlich ihr Profil dem von Arne war. Sie musste seine Schwester sein.
Sekundenlang wusste ich nicht, was ich antworten sollte. Dann schob ich mein Fahrrad weiter. »Lasst euch nicht stören«, murmelte ich. »Ich wollte sowieso nur ein paar Runden schwimmen und dann wieder verschwinden. Die Mücken sind abartig lästig.«
Ich sorgte dafür, dass das halbe Seeufer zwischen mir und den beiden lag. Trotzdem hörte ich Bonnie bellen und sah die Köpfe der Pferde, die zwischen dem Schilf im Wasser standen, während ich auf der anderen Seite des Waldsees badete.
Plötzlich vermisste ich Ronja wieder so sehr, dass es sich anfühlte, als würde sich mein Herz zusammenkrampfen. Ich sah ihre lachenden Augen mit quälender Deutlichkeit vor mir, das Grübchen in ihrem Kinn, den Schwung ihrer Lippen. Dort drüben saßen die beiden Geschwister mit ihrem Hund. Ich war wieder einmal ausgeschlossen und allein.
Vielleicht würde das jetzt immer so sein, mein ganzes Leben lang.
Als ich aus dem Wasser kam, stürzten sich die Mücken sofort auf mich, umkreisten mich mit ekelhaftem Sirren und ließen sich einfach nicht vertreiben. Obwohl es verteufelt heiß war, zog ich mich wieder an, um es ihnen nicht ganz so leicht zu machen.
Vielleicht war es besser, wenn ich wieder nach Hause fuhr, auch wenn ich nicht wusste, was ich dort machen sollte. Ich wedelte mit meinem Badetuch in der Luft herum und hörte vom Ufer her Geplansche und lautes Schnaufen. Zwischen den Schilfhalmen tauchte Bonnies semmelfarbener Kopf auf. Sie kam an Land, nass wie ein Biber, schüttelte sich und trabte auf mich zu.
Erst jetzt sah ich, dass sie etwas im Maul hielt, was wie eine zusammengeknüllte Plastiktüte aussah. Heftig wedelnd umkreiste sie mich, setzte sich dann vor mich hin und sah erwartungsvoll zu mir auf.
»Hi, Bonnie!«, sagte ich. »Hast du mir was mitgebracht?«
Ich hätte schwören können, dass ihre Augen lachten. Sie öffnete das Maul und ließ das Ding fallen, das sie zwischen den Zähnen gehalten hatte. Es war wirklich eine zusammengerollte, mit einem roten Gummiband umwickelte Plastiktüte.
Bonnie wedelte wieder mit dem Schwanz und beobachtete mich ständig mit diesem erwartungsvollen Blick. Es war, als wollte sie sagen: Los doch, mach’s endlich auf, es ist für dich!
Ich entfernte das Gummiband und öffnete die nasse Tüte. Der Inhalt war trocken geblieben. Eine Art Stift lag in der Tüte, eingehüllt in einen Fetzen Papier und umwickelt mit einem weiteren Gummiband. Auf dem Papier stand in Krakelschrift: Tod den Vampiren!
Es war ein Mückenstift. Ich musste lachen. Bonnie, die mich nicht aus den Augen gelassen hatte, wedelte begeistert.
Ich drückte ihr einen Kuss auf die nasse Nase und rieb mich gründlich mit dem Stift ein, während Bonnie sich genießerisch auf meinem Badetuch wälzte.
Wenn ich einen Stift dabeigehabt hätte, hätte ich »Danke!« auf den Zettel geschrieben. Stattdessen pflückte ich ein Gänseblümchen, befestigte es mit einem der beiden Gummibänder am Mückenstift, steckte ihn in die Tüte zurück, rollte sie zusammen, umwickelte sie mit dem zweiten Gummiband und hielt sie Bonnie unter die Nase.
»Da!«, sagte ich. »Bring das zurück! Bitte bring es zu Arne. Hast du mich verstanden?«
Ich hätte mich nicht gewundert, wenn sie genickt hätte. Vorsichtig nahm sie das Päckchen zwischen die Zähne, stand auf, drehte sich um und wandelte würdevoll davon, diesmal nicht ins Wasser, sondern am Schilfgürtel des Ufers entlang. Ihr stämmiges Hinterteil mit dem hoch aufgerichteten Schwanz zeigte deutlich, wie stolz und wichtig sie sich fühlte.
Ich blieb noch fast eine Stunde und wartete irgendwie darauf, dass noch etwas passieren würde – was, wusste ich nicht so genau. Die Mücken ließen mich jetzt einigermaßen in Ruhe. Dafür tauchten die ersten Badegäste auf, legten sich ganz in meine Nähe und schnatterten wie verrückt. Ins Wasser wollte ich nicht mehr gehen, weil ich dachte, dass die wunderbare Wirkung des Stifts dann wieder verfliegen würde.
Als noch ein paar Typen aus meiner Schule mit ihren Rollern angebrettert kamen, sich mit lautem Geschrei ins Wasser stürzten und wild um sich spritzten, stieg ich aufs Rad und fuhr davon. Dabei machte ich einen großen Bogen um die Stelle, an der ich Arne und seine Schwester getroffen hatte. Sie sollten nicht denken, dass ich mich anbiedern wollte, falls sie noch da waren.
Das Haus war leer, als ich zurückkam. Auf dem Küchentisch lag einer von Mamas Zetteln. »Essen ist im Kühlschrank«, stand darauf. »Mach es dir warm. Nicht vergessen!«
Ich setzte mich auf die Terrasse, aber da war es so heiß, dass ich wieder ins Haus ging und kalt duschte. Als ich die Jeansshorts auszog, hörte ich Arnes Zettel in der Gesäßtasche rascheln.
Später nahm ich den Zettel mit in mein Zimmer und lehnte ihn gegen Ronjas Foto, das in einem Holzrahmen auf dem Schreibtisch stand. Die Krakelschrift war feucht geworden und etwas zerflossen, aber ich konnte die Botschaft noch immer entziffern: Tod den Vampiren!
8
Am nächsten und übernächsten Tag regnete es in Strömen.
Ich half meinem Vater im Fotoladen, ein Regal einzuräumen. Dann dekorierte ich das Schaufenster. Das war eine Arbeit, die ich gern machte. Meine Eltern behaupteten auch, ich hätte Talent dafür.
Diesmal verteilte ich einen Eimer Sand aus dem Baumarkt in der Auslage, drapierte ein paar Muscheln und eine Brille darauf, dazwischen ein aufgeschlagenes Buch und davor einen von den alten Fotoapparaten, die wie kleine schwarze Ziehharmonikas aussehen. Sie gehörte meinem Vater. Er sammelt alte Kameras.
Eigentlich war ich froh über den Regen. Ich konnte mich einfach unter meinem Schirm verkriechen und so tun, als würde ich niemanden sehen. Doch in diesem Fall sah ich wirklich nichts.
Es war in der Fußgängerzone auf dem Stadtplatz vor dem Rathaus. Ich hatte den Schirm aufgespannt und hielt ihn so tief wie möglich über meinem Kopf. Plötzlich quietschte ganz in meiner Nähe eine Fahrradbremse. Ich hörte ein schlitterndes Geräusch und dann einen klappernden Aufprall.
Als ich den Schirm hob, stand Bonnie vor mir. Hinter ihr lag ein Fahrrad. Der Radfahrer, ein Mann um die vierzig, kauerte daneben und machte ein wütendes Gesicht.
»Kannst du nicht auf deinen Hund aufpassen!«, schrie er mich an.
»Das ist eine Fußgängerzone«, sagte ich möglichst cool. »Wenn hier jemand aufpassen muss, sind Sie’s.«
Jetzt tauchte Arne auf. Er trug einen Anorak mit Kapuze und ich erkannte ihn erst auf den zweiten Blick.
»Entschuldigung«, sagte er zu dem Radfahrer. »Haben Sie sich verletzt?« Er griff nach seinem Arm, um ihm hochzuhelfen, doch der Mann schüttelte ihn ärgerlich ab.
»Könnt ihr euren Köter nicht an die Leine nehmen?«, schimpfte er.
Ich bückte mich und streichelte Bonnie. Schon standen vier sensationslüsterne Leute mit ihren Regenschirmen um uns herum.
Arne blieb ruhig. »Mein Hund ist kein Köter«, erwiderte er.
Ich sagte noch einmal: »Sie sind derjenige, der aufpassen muss. Genauso gut hätte Ihnen ein Kind vors Rad laufen können. Eine Fußgängerzone ist für Fußgänger da, wie der Name schon sagt. Wenn Sie trotzdem hier radeln, müssen Sie eben vorsichtig sein.«
Um uns herum erhob sich Stimmengemurmel. Eine Frau sagte, ich hätte recht, während ein Mann meinte, Hunde gehörten an die Leine, und zwar immer und überall.
Inzwischen hatte sich der Radfahrer aufgerafft. Seine helle Hose war nass und voller Schmutz. Er war rot vor Wut und Verlegenheit.
»Tiere haben auch ein Recht auf Freiheit«, sagte Arne in seiner ruhigen Art. »Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie dauernd an einer Leine gehen müssten?«
»Hunde sind keine Menschen!«
In mir begann es zu brodeln. »Aha. Und deshalb haben sie auch keine Rechte in unserer Welt, wie? Nur wir Menschen dürfen alles tun, was wir wollen. Wir dürfen die Erde zerstören und Tiere quälen und die Luft verpesten, aber ein Hund darf nicht mal frei herumlaufen …«
»Reiß deine Klappe nicht so weit auf, du Göre! Du bist ja noch grün hinter den Ohren!« Der Radfahrer warf mir einen bösen Blick zu, während er sein Rad aufrichtete.
»Und Sie haben keine Manieren.« Das kam von Arne. Bonnie bellte. Sicher spürte sie das wütende Knistern, das in der Luft lag. Die Leute um uns herum begannen zu diskutieren und der Radfahrer fuhr mit zornigem Gemurmel davon.
Ich zwängte mich an einer Gruppe von Kindern vorbei und merkte, dass Bonnie mir folgte. Als ich über die Schulter schaute, war Arne hinter mir.
Unter dem Vordach der Sparkasse blieben wir stehen. Arne streifte seine Kapuze zurück. Er fing einen Regentropfen mit der Zungenspitze auf, lächelte mich an und sagte: »Danke für die flammende Verteidigungsrede.«
»Willst du mich veralbern?«
»Nein, echt nicht. Du solltest beim Tierschutz arbeiten!«
Bonnie rieb ihre Stirn an meinem Knie, wahrscheinlich, um sich abzutrocknen. »Gehst du einen Tee mit mir trinken?«, fragte Arne. »Vorausgesetzt sie lassen uns mit dem nassen Hund irgendwo rein.«
Ich dachte an Frau Schmidt. Frau Schmidt war die Inhaberin eines Bäckerladens mit einem winzigen schlauchähnlichen Nebenraum, in dem es zwei Tische gab. Dort konnte man Tee oder Kaffee trinken und Kuchen essen.
»Okay«, sagte ich. »Wir gehen zu Frau Schmidt.«
»Wo ist das? Ich kenne mich hier noch überhaupt nicht aus.«
»Die Bäckerei in der Gerbergasse, beim Flüsschen.«
»Da, wo’s die guten Rosinenbrötchen gibt?«
»Haargenau.« Ich nickte.
Als wir weitergingen, wusste ich nicht, ob ich Arne mit unter meinen Schirm lassen sollte. Doch dann hätten wir uns einhängen müssen und das kam mir irgendwie komisch vor. Er setzte auch seine Kapuze wieder auf, und Bonnie trottete zwischen uns und kniff die Augen zu, weil es ihr ins Gesicht regnete.
Bei Frau Schmidt war es wie in einer Höhle, dämmrig und gemütlich. Wie immer roch es wunderbar nach frischem Brot und Kuchen. Einer der beiden Tische war noch frei. Frau Schmidt brachte ein Handtuch, mit dem Arne Bonnie trocken reiben konnte.
Wir tranken Tee – Pfefferminztee für Arne, Rotbuschtee für mich. Arne bestellte ein Rosinenbrötchen, ich eine Butterbreze. Am Nebentisch saß ein alter Mann und las seine Zeitung.
»Hat der Mückenstift geholfen?«, fragte Arne.
»Ja, prima, danke.«
Eine Weile saßen wir uns stumm gegenüber. Bonnie kroch unter den Tisch und legte sich auf die Seite. Dann stellte Frau Schmidt die Teekännchen auf den Tisch.
»Ich hab ordentlich Butter auf deine Breze gestrichen«, sagte sie zu mir. »Du musst mehr essen, Mädel!« Und sie warf mir einen mütterlich besorgten Blick zu, ehe sie ihre breiten Hüften durch die Verbindungstür zum Laden zwängte.
Sie meinte es natürlich gut. Trotzdem war ich ganz starr vor Verlegenheit und hätte mich am liebsten in Luft aufgelöst. Arne rührte in seiner Tasse und tat, als hätte er nichts gehört.
Unter dem Tisch stieß Bonnie einen tiefen Seufzer aus. Unwillkürlich musste ich lachen. Es war ein Lachen, das rasch in Weinen umschlagen konnte, wenn ich nicht aufpasste.
»Cool, dass es immer Leute gibt, die genau wissen, was gut für einen ist«, sagte Arne und lachte ebenfalls.
Die Breze war so dick mit Butter bestrichen, dass mir schon vom Hinsehen schlecht wurde. Ich kratzte den größten Teil ab und gab ihn Bonnie, die an »unstillbarem Hungersyndrom« litt, wie Arne erklärte. Draußen platschte der Regen aufs Pflaster. Der Mann am Nebentisch raschelte mit seiner Zeitung. Arne begann, von den drei Pferden zu erzählen, die ihm und seiner Schwester und seinem Vater gehörten.
»Anfangs hatten wir nur Fee«, sagte er. »Meine Mutter hat sie von meinem Vater geschenkt bekommen.«
Konnte es sein, dass Arnes Mutter gestorben war? Ich wollte nicht direkt danach fragen, deshalb versuchte ich es auf andere Weise. »Und jetzt gehört sie dir?«
»Ja. Meine Mutter lebt in England. Sie und mein Vater haben sich vor einem Jahr scheiden lassen.«
Ich gab mir Mühe, an seinem Gesicht abzulesen, wie er dazu stand. »Vermisst du sie?«
»Ziemlich. Aber ich glaube, meine Schwester leidet am meisten unter der Trennung.«
Dann wechselte er das Thema und redete wieder von den Pferden. Robin, der Wallach seiner Schwester, stammte aus einem Rennstall, wo er jahrelang total überfordert worden war.
»Sie haben ihn viel zu früh in Rennen eingesetzt. Wir sind sicher, dass sie allerhand gemeine Tricks angewandt haben, um ihn zu Höchstleistungen zu zwingen. Jedenfalls ist er voller Ängste und ziemlich unberechenbar. Vermutlich haben sie ihn mit Elektroschocks und Schlägen traktiert.«
Erschrocken sah ich ihn an. »Habt ihr die Leute angezeigt?«
»Man kann ihnen nichts beweisen. Was in solchen Ställen passiert, dringt kaum jemals an die Öffentlichkeit; die schotten sich total ab. Und Pferde können nicht reden. Obwohl man sie nur richtig beobachten muss. Sie zeigen mit ihrem Verhalten genau, ob sie gut oder schlecht behandelt worden sind. Nur sind das natürlich keine Beweise, um jemanden anzuklagen.«
Er streifte mich mit einem Seitenblick. »Könntest du dir vorstellen, ein Pferd zu halten?«
Eine seltsame Frage, dachte ich. »Ich kann ja nicht mal reiten.«
»Das kann man lernen. Ich könnte es dir beibringen.«
An seinen Augen sah ich, dass er sein Angebot ernst meinte. Einen Moment lang wusste ich nicht, was ich sagen sollte.
»Echt? Das würdest du tun?«
»Klar, sonst hätt ich’s nicht gesagt.«
Der Mann am Nebentisch zahlte, stand auf und ging. Arne bestellte noch ein Rosinenbrötchen. Bonnie schlief jetzt tief und fest. Ihre Vorderpfoten zuckten, als träumte sie von der Jagd auf Kaninchen.
»Aber … ich hab keine entsprechenden Klamotten!«
»Es reicht, wenn du dir ein Paar Reitstiefel aus Gummi kaufst. Und einen Reithelm. Beides ist nicht teuer. Ich reite auch in Jeans – Wrangler sind besser als Levis, da scheuern die Nähte nicht so. Und diese Schickimicki-Jacketts hab ich nie getragen.«
Reiten – Ronjas Traum. Jetzt konnte er sich für mich erfüllen, ganz von selbst. Ich brauchte nur Ja zu sagen.
9
Als ich wieder zu Hause war, brauchte ich Zeit, um alles einigermaßen zu verarbeiten.
Übermorgen sollte ich meine erste Reitstunde bekommen, auf einer der großen Wiesen, die zu Eulenbrook gehörten. Falls es nicht weiter in Strömen regnete. Und gleich morgen früh wollte ich in die Stadt fahren, um mir Gummireitstiefel und einen Helm zu besorgen.
»Warum hast du nicht erzählt, dass du diesen Jungen kennengelernt hast?«, fragte Mama abends.
Mein Vater wollte wissen, wie viel ich für eine Reitstunde zahlen muss. »So was macht doch keiner umsonst!«, sagte er.
Plötzlich kamen mir Zweifel. Ich war nicht auf die Idee gekommen, dass Arne vielleicht Geld haben wollte. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto wahrscheinlicher kam es mir vor. Und ich wäre am liebsten im Boden versunken, so peinlich war es mir, dass ich ihn nicht gefragt hatte.
»Vielleicht wollen die ja doch eine Reitschule in Eulenbrook eröffnen«, meinte mein Vater.
»Es macht nichts, wenn es etwas kostet«, sagte Mama. »Wir geben dir das Geld. Es tut dir bestimmt gut. Der Umgang mit Pferden soll sehr heilsam sein. Sie haben erst kürzlich im Fernsehen einen Bericht darüber gebracht.«
Ein Schatten ging über ihr Gesicht. »Ich wollte, wir hätten euch diesen Wunsch erfüllt, als Ronja noch lebte.«
»Du weißt doch, dass es nicht ging!«, sagte mein Vater heftig. »Damals hatten wir schon jede Menge Probleme, den Laden abzubezahlen.«
In den Gelben Seiten fand ich einen Reitladen in Michelsburg, der nächsten größeren Stadt. Ich nahm den Vormittagsbus, fragte mich bis zur Jakobsgasse durch, die außerhalb des Zentrums lag, und wurde innerhalb von zwanzig Minuten mein gesamtes Taschengeld der vergangenen zwei Monate los, dazu noch das Geburtstagsgeld von meiner Tante Petra.
Es regnete nicht mehr, als ich den Laden verließ, in jeder Hand eine riesige Tüte. In der einen waren ein Paar schöne schwarze Gummireitstiefel, die fast wie aus Leder aussahen, in der anderen ein weniger schöner, aber praktischer Reithelm, eine Packung Pferdepellets und ein Bildband über Pferde, der leicht angestoßen und daher im Preis herabgesetzt war.
Inzwischen war ich fast schon überzeugt, dass Arne Theisen die Reitstunden bezahlt haben wollte. Im Grunde fand ich das auch ganz in Ordnung. Ich ärgerte mich nur darüber, dass ich nicht gleich nach dem Preis gefragt hatte.
Wir waren für den folgenden Tag um zwei Uhr nachmittags verabredet, auf der großen Viehweide, die bis vor Kurzem an einen Bauern aus der Umgebung verpachtet gewesen war. Arne hatte mir erzählt, dass sein Vater den Pachtvertrag kurzfristig gekündigt hatte, da sie die Wiesen für ihre Pferde brauchten.
Es war ein seltsames Gefühl, an Eulenbrook vorbeizufahren und das alte graue Dach zwischen den Laubbäumen aufragen zu sehen. Doch irgendwie ging es mir nicht mehr so unter die Haut wie noch vor einer Woche. Vielleicht war ich auch einfach zu aufgeregt und in Gedanken zu sehr mit meiner ersten Reitstunde beschäftigt.
Worauf hatte ich mich da eingelassen? Wahrscheinlich würde ich mich unsterblich blamieren, mich wie ein Tölpel anstellen und gar nicht erst in den Sattel kommen. Dabei war Arne so ziemlich der Letzte, vor dem ich mich lächerlich machen wollte.
Doch das gleiche Gefühl, das mich befürchten ließ, mich zu blamieren, hielt mich auch davon ab, umzukehren und wieder nach Hause zu radeln. Arne sollte mich nicht für einen Feigling halten. Ich wollte es wenigstens versuchen. Falls es überhaupt nicht klappte, konnte ich immer noch alles rückgängig machen.
Arne Theisen und Fee erwarteten mich schon, diesmal ohne Bonnie. Er hielt die Stute am Zügel und ließ sie unter den Erlen grasen. Ich wünschte, ich hätte sie malen können, so schön war das Bild. Das sahnefarbene Fell der Stute schimmerte matt zwischen dem graugrünen Laub. Ihre Mähne und ihr Schweif waren silberweiß wie unberührter Sand.
Als Arne mich kommen sah, führte er Fee zum Zaun, deutete auf den Stacheldraht und sagte: »Der muss schnellstens weg. Die Pferde können sich an dem verdammten Zeug schlimm verletzen. Das gibt ekelhafte, ausgezackte Wundränder. Wenn dann noch Rost am Draht war, hat man wirklich ein Problem.«
Ich war so aufgeregt, dass ich ein paarmal schluckte, ehe ich sprechen konnte. Das Erste, was ich sagte, war: »Ich hab ganz vergessen, dich zu fragen, was es kostet.«
»Was es kostet?« Er sah mich verständnislos an. »Wie meinst du das?«
»Der Reitunterricht.«
Der überraschte Ausdruck auf seinem Gesicht zeigte mir, dass mein erstes Gefühl richtig gewesen war. »Ach so! Ich dachte, das wäre klar. Ich will kein Geld, das wäre ja Schwachsinn. Ich bin schließlich kein Reitlehrer! Wie kommst du darauf?«
Ich atmete tief durch. »Wieso solltest du es umsonst tun?«
»Weil es mir Spaß macht vielleicht. Ich hab’s dir doch angeboten. Hast du die Stiefel bekommen?«
Ich nahm die Tüte vom Gepäckträger. Irgendwie war es mir albern vorgekommen, die Stiefel schon zu Hause anzuziehen und damit durch die Gegend zu radeln; jedenfalls jetzt, solange ich noch Anfängerin war.
Die Stiefel fanden Gnade vor seinen Augen. »Die sind ganz okay. Und ich würde dir raten, den Helm aufzusetzen, auch wenn das bei der Hitze nicht gerade angenehm ist. Ich selbst trage fast nie einen, aber das ist im Grunde echt leichtsinnig.«
»Aber du kannst doch reiten.«
»Ich bin nur ein mittelprächtiger Reiter. Und sogar der beste Reiter kann mal abgeworfen werden.«
Abgeworfen! Das Stichwort baute mich nicht gerade auf. Ich zog die Stiefel an, die komisch rochen, und setzte den Helm auf. Dann gab ich Fee zwei von den Pellets und wartete, während sie knabberte und ausgiebig meine Hand, mein Haar und meine Schulter beschnupperte. Vorsichtig strich ich mit den Fingerspitzen über ihren Nasenrücken und ihre Stirn und kraulte sie unter dem Schopf, was sie offensichtlich richtig gern mochte.
Arne beobachtete uns und sagte: »Fee, Rikke möchte auf dir reiten. Du musst Geduld haben, denn sie hat noch nie im Sattel gesessen.«
Er redete mit ihr wie mit einer Freundin. Zwischen den beiden bestand eine besondere Beziehung, das begriff ich, als ich den zärtlichen Ton in seiner Stimme hörte und die Wärme in seinen Augen sah.
Ruhig und ohne jede Überheblichkeit erklärte er mir die Funktion von Zaumzeug, Zügel und Gebiss. »In Zukunft satteln und trensen wir Fee gemeinsam auf, damit du lernst, wie’s gemacht wird«, sagte er. »Du siehst, dass man mit den Zügeln auf das Pferdemaul einwirkt. Das heißt, wenn ein Reiter zu grob und ruckartig an den Zügeln reißt, verursacht das dem Pferd natürlich Schmerzen. Es gibt viele Reitschüler, die davon offenbar keine Ahnung haben. Man braucht sich nur vorzustellen, dass wir selbst so einen Riemen in den Mundwinkeln hätten, an dem jemand gewaltsam zerrt. Als ich in der Reitschule war, hab ich mich oft darüber geärgert, dass die Reitlehrer sich nicht besser um die Pferde gekümmert haben. Die meisten wollten einfach ihr Programm durchziehen, und die Pferde mussten alles über sich ergehen lassen, was die Reitschüler mit ihnen machten.«
Er zeigte mir, wie ich den linken Fuß in den Steigbügel setzen, mich hochziehen und das rechte Bein über Fees Rücken schwingen sollte. Plötzlich erschien sie mir ungeheuer groß. Ich war sicher, dass ich es nicht schaffen würde, doch Arne stemmte mich mit einem kräftigen Druck gegen den Schenkel nach oben, und ich saß im Sattel, ehe ich richtig begriff, was passierte.
Es war, als würde ich auf dem Dach eines Kirchturms sitzen. Nie hätte ich gedacht, dass es sich auf dem Rücken eines Pferdes so schwindelerregend hoch anfühlen könnte. Voller Panik klammerte ich mich am Sattelrand fest.
Arne erriet, was in mir vorging. »An die Höhe gewöhnt man sich schnell«, versicherte er. »Versuch jetzt mal, den Sattel loszulassen und die Zügel aufzunehmen. Du greifst von oben in die Riemen, der kleine Finger bleibt außerhalb – ja, so, ganz locker. Schau mal, wie ich das mache.«
Locker! Ich wollte nichts anderes, als mich festklammern, hätte mich am liebsten vorgebeugt und die Arme um Fees Hals geschlungen. Trotzdem tat ich folgsam, was Arne sagte, hielt die Zügel vorschriftsmäßig, sodass die Schlaufe rechts an Fees Hals herunterhing.
Es ging auch alles ganz gut, bis die Stute den ersten Schritt tat. Um ein Haar wäre ich vornübergekippt. Automatisch fasste ich wieder mit einer Hand nach dem rettenden Sattel.
Arne blieb cool und sagte geduldig: »Wenn du dich gerade hältst und versuchst, in der Bewegung mitzugehen, kann dir nichts passieren. Ich kenne dieses Klammeraffengefühl, aber das hat man nur anfangs. Du kriegst durch den geraden Rücken und die anliegenden Knie einen sicheren Halt. Nur kein Hohlkreuz machen … Ja, so ist’s besser! Ich führe Fee jetzt ganz langsam am Führstrick über die Wiese. Keine Panik, du schaffst das locker!«
Nein, dachte ich, das schaffe ich nicht! Wie soll ich mich jemals aufrecht im Sattel halten, wenn das Pferd erst galoppiert?
Einer, der Seiltanzen lernt, konnte sich nicht unsicherer fühlen.
Ronja hätte das bestimmt viel besser gemacht. Sie hätte keine Angst gehabt. Eigentlich hatte sie sich nie vor etwas gefürchtet. Aber vielleicht hätte sie ja noch leben können, wenn sie nicht so furchtlos und draufgängerisch auf ihrem Fahrrad durch die Gegend gekurvt wäre …
»Versuch, dich zu konzentrieren«, hörte ich Arne sagen. »Und entspann dich ein bisschen. Ich könnte dich anfangs mit der Hand seitlich stützen, wenn du dich dann sicherer fühlst. Mein Vater hat das auch mit mir gemacht, als ich das erste Mal auf einem Pferd saß.«
Er legte die rechte Hand mit leichtem Druck gegen mein Knie und ging neben Fee und mir her. Wir bewegten uns nur langsam vorwärts. Ich spürte, wie sich meine Panik etwas legte, denn Arnes Hand gab mir wirklich ein Gefühl von Sicherheit.
»Mach doch mal die Augen zu und spüre die Bewegungen unter dir«, schlug er vor. »Es ist wichtig, dass du ein Gefühl für den Rhythmus eines Pferdes kriegst, besonders beim Leichttraben. Außerdem hilft es, die Kontrolle etwas loszulassen.«
Ich hatte geglaubt, ich würde mich noch wackliger fühlen, wenn ich nichts sah, aber es stimmte nicht. Die wiegenden Bewegungen waren angenehm und irgendwie vertraut und die Anspannung in meinem Bauch und meinem Nacken ließ nach.
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