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Ursula Arn
Der siebte Skarabäus
Roman
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Über die Autorin
Über das Buch
Widmung
Prolog
Dubrovnik, 1. Oktober
Monique
Teil 1 der Heldenreise
Der Narr, Karte 0 der Heldenreise
Der Narr, Karte 0 der Heldenreise
Dubrovnik, 2. Oktober
Der Magier, Karte I der Heldenreise
Die Hohepriesterin, Karte II der Reise
Dubrovnik, 3. Oktober
Die Herrscherin, Karte III der Heldenreise
Dubrovnik, 4. Oktober
Der Herrscher, Karte IV der Heldenreise
Der Hierophant, Karte V der Heldenreise
Die Liebenden, Karte VI der Heldenreise
Dubrovnik, im Juni 1991
Der Wagen, Karte VII der Heldenreise
Gerechtigkeit, Karte VIII der Heldenreise
Der Eremit, Karte IX der Heldenreise
Rad des Schicksals, Karte X der Reise
Teil 2 der Heldenreise
Die Zweistelligen Karten der Heldenreise
Die Kraft, Karte XI der großen Arkana
Dubrovnik, 5. Oktober
Der Gehängte, Karte XII der Heldenreise
Der Tod, Karte XIII der Heldenreise
Dubrovnik, 6. Oktober
Dubrovnik, 7. Oktober
Die Mäßigkeit, Karte XIV der Heldenreise
Der Teufel, Karte XV der Heldenreise
Der Turm, Karte XVI der Heldenreise
Teil 3 der Heldenreise
Dubrovnik, 8. Oktober
Der Stern, Karte XVII der Heldenreise
Der Mond, Karte XVIII der Heldenreise
Dubrovnik, 9. Oktober
Die Sonne, Karte XIX der Heldenreise
Dubrovnik, 10. Oktober
Das Gericht, Karte XX der Heldenreise
Mostar, 11. Oktober
Dubrovnik, 12. Oktober
Die Welt, Karte XXI der Heldenreise
Dubrovnik, 13. Oktober
Karte O der Heldenreise
Epilog
Tarotkarten
Impressum neobooks
Über die Autorin
Ursula Arn wurde 1951 geboren. Nach ihrer Scheidung arbeitete sie bis zu ihrer Pensionierung als Buchhändlerin in Zürich.
Durch einen persönlichen Tiefpunkt begann sie zu schreiben.
www.ursula-arn.com
Über das Buch
Es ist nicht Liebe auf den ersten Blick, nur tiefe Zuneigung. Zumindest auf ihrer Seite.
Mara lebt ein braves Leben, formatiert durch ihren narzisstischen Ehemann. Hugo, ihr Mann mit den zwei Gesichtern, ist ein Blender und überzeugt das Umfeld, in ihm einen vorbildlichen Ehemann zu sehen. Immer öfter suchte er Gründe, um seine Launen an Mara auszulassen. Psychische Schläge hinterlassen keine sichtbaren Spuren. Um das Dasein mit Zuckerbrot und Peitsche zu ertragen, holt sich Mara die Fantasiegestalt ihrer Kindheit an ihre Seite. Als diese erträumte Figur dann in Fleisch und Blut in ihr Leben tritt, droht das eh schon instabile Fundament ihres Daseins endgültig zu zerbrechen – und sie gleich mit.
Mara muss sich entscheiden: Lässt sie sich von ihrem Ehemann weiter schikanieren oder von Aram, dem faszinierenden Albaner, verführen?
Mara findet einen Weg aus der Zwickmühle. Doch er ist so ganz anders, als sie ihn sich vorgestellt hat ...
In Dubrovnik erinnert sie sich: Alles begann mit einer Karte.
Einer Tarotkarte.
Widmung
Für Edith,
die an mich geglaubt hat.
Für Anja,
die die Dinge in die richtige Perspektive gebracht hat.
Prolog
Verlassen, aber einsam nicht.
Erschüttert, aber zerbrochen nicht.
Annette von Droste-Hülshoff:
Aus dem Gedicht: Lebt wohl
Verlassen, aber einsam nicht,
erschüttert, aber zerbrochen nicht sitz ich hier,
denn ich besitze Andenken an eine erfüllende Liebe, an Umarmungen, die Frieden brachten und mir offenbarten, dass es Leidenschaft ohne Leiden gibt.
So viele Gesten und Sätze haften in meinem Gedächtnis und wenn einmal meine Zeit gekommen ist, werde ich mit einem Lächeln und in der Gewissheit sterben, ihm erneut zu begegnen.
Denn so wird es immer und immer wieder sein.
Doch für dieses Leben ist unsere Frist verstrichen, das Rad des Schicksals hat sich gedreht und damit ich diese Liebe der Vergangenheit übergeben kann, schreibe ich darüber. Erst, wenn etwas erzählt wurde, wird es zur Geschichte. Erst, wenn man ihren Namen kennt, versteht man sie.
Nur, wie beginnt man eine Erzählung, in der so viel Schmerz und noch mehr Freude vorhanden sind? Eine Geschichte über das Unvermögen zu verzeihen, und das Erstaunen über die Schönheit einer Liebe, von der mir prophezeit wurde, sie sei chancenlos, bis ich aufhörte, darüber zu sprechen.
Heute ist die Zeit gekommen, mit Schreiben anzufangen, und mit Nachdenken aufzuhören. Ich werde versuchen, Ihnen zu erklären, und vielleicht auch mir, weshalb sich unsere Wege kreuzen mussten.
Meine Geschichte beginne ich mit den Worten, mit denen Aram seine Parabeln eröffnete, und deren Unterhaltungswert unermesslich war: „Hör zu! Du musst wissen, es ist mir zu Ohren gekommen und nur Gott alleine kennt die wahre Geschichte …“
Dubrovnik, 1. Oktober
Dubrovnik, die Perle an der Adria. Ein Weltkulturerbe von einzigartiger Schönheit. Eine Stadt, die bis ins 3. Jahrhundert vor Christi zurückführt und deren mittelalterliche Bauten einen unvergessenen Charme ausüben. Sie vermitteln das Gefühl, in einem Märchen zu verweilen. Das Besondere ihrer Atmosphäre lässt sich nicht in Worte fassen. Man muss Dubrovnik besuchen, um es zu begreifen.
***
Die Maschine der Croatia Airlines landet pünktlich um 17 Uhr. Na also, denke ich. Es gibt sie doch, die pünktlichen Kroaten. Meine Erfahrung lehrte mich etwas anderes. Die Landung ist abrupt, die Pneus spucken Feuer. Zum Glück erinnere ich mich erst nach der Vollbremsung, dass der Pilot dazu gezwungen wird, denn außerhalb der Piste folgt nur noch das Meer.
In der Halle wälze ich mich mit heiteren Touristen zum Ausgang. Seit andere Destinationen von selbstermächtigten Irren in die Luft gesprengt werden, hat sich die Anzahl der Gäste in Kroatien vervierfacht. Doch ich bin nicht hier, um Ferien zu genießen. Ich suche Aram.
„Möge Gott dich beschützen, Mara“, waren seine letzten Worte, bevor er in einer dunklen Wolke verschwand und mich erstarrt auf dem Sofa zurückließ.
Ein Jahr ist seither vergangen. Ein Jahr ohne ein Zeichen von ihm. Beim Abschied versicherte er mir: „Meine Mail-Adresse bleibt dieselbe. Ich melde mich nicht, aber ich sehe jeden Tag nach, wann du kommst. Du kannst bleiben, solange du willst. Einen Tag, einen Monat, ein Jahr.“
Nur, die Nachricht über meine Ankunft wurde nie beantwortet. Seine kroatische Handynummer ist mir unbekannt. Scheint, als hätten wir keine Zukunft. Nur eine Vergangenheit.
Auch am Flughafen wartet kein lachender Aram auf mich. Die Halle noch länger abzusuchen hat wenig Sinn, denn er hätte mich in der Menschenmenge erspäht. Er sieht, hört und findet mich überall.
Unsicher trete ich mit der ferienfreudigen Masse in die glühende Sonne Kroatiens. Zum ersten Mal hoffe ich auf seine Unpünktlichkeit. Er wird jede Minute im gemächlichen Tempo vorfahren, mich anlächeln und mit seinen Armen erdrücken, rede ich mir ein und wedle die Taxis genervt weg. Eine Stunde später nehme ich die rosarote Brille ab und öffne kleinlaut eine dieser Taxitüren.
„Kommt er nicht?“, fragt ein deutschsprechender Fahrer. Natürlich spricht er Deutsch. Alle beherrschen Fremdsprachen, nur ich nicht. Ein Fehlschlag, und schon schleppe ich wieder ein Bündel Unsicherheit mit mir herum.
„Sieht so aus.“
„Trottel“, antwortet er überzeugt.
Niemand, der in Dubrovnik eintrifft, kann sich diesem Anblick entziehen. Mein Aufenthalt wird sich vielleicht nicht wie geplant entwickeln, aber wenigstens vor der Kulisse einzigartiger Schönheit.
Nur einen Katzensprung vom Flughafen entfernt hält das Taxi vor einem Gebäude, das genauso trostlos wirkt, wie ich mich fühle. Anscheinend habe ich mir für meinen Urlaub den letzten Zeugen einer sozialistischen Ära ausgesucht. Alle anderen wurden dem Krieg geopfert.
„Bleiben Sie hier, bis sicher ist, dass ich ein Zimmer bekomme?“, frage ich den Fahrer. Es fällt mir schwer, den einzigen Verbündeten ziehen zu lassen.
Ein nüchtern eingerichteter Raum bietet mir Gastfreundschaft. Nicht gerade eine Wohlfühloase. Im Ambiente von grauen Betten, grauen Schränken, grauen Wänden richte ich mich ein. Aber der Ausblick ist wunderschön.
Das Hotel ist mir bereits bekannt und da ich keinen Plan B vorbereitet hatte, nannte ich dem Taxifahrer den einzigen Namen, den ich kannte. Die Anlage hat sich nicht verschönert, seit ich mit meinem Exmann und den Jungs eine Woche hier verharrte. Nur am Strand, denn Aktivitäten kosten, was ganz im Sinne der Jungs war. Oder kennen Sie Kinder, die Kirchen besichtigen, ohne dabei von unerträglichen Bauchschmerzen befallen zu werden?
Das Panorama über das Meer mit Blick auf die Altstadt entschädigt mich fürs Erste. Dieses Bühnenbild zieht mich magisch an, und unsicher gebe ich dem Sog nach. Ich habe durchaus Qualitäten, aber Orientierungssinn gehört definitiv nicht zu meinen Kernkompetenzen.
Noch nie stand ich mitten im Herzen einer solchen Kulisse. Dubrovnik ist entschieden die schönste Stadt, die ich je gesehen habe. Eine Weile wandere ich umher, ängstlich darauf bedacht, wo komm ich her, wo will ich hin.
Die gleiche Frage trieb mich auch zu Hause umher. Leider fand ich die Antwort nicht rechtzeitig, denn sonst würde ich nicht einsam auf dieser Bank ausruhen.
Ob er auch schon hier saß? Sicher.
Viel Zeit verbrachten wir zusammen. Zusammen sind wir älter geworden, vielleicht auch weiser. Meine Haare erscheinen heller, durchzogen mit grauen Strähnen, seine sind unverändert blauschwarz. Meine Kraft hat ihre Grenzen gefunden, seine Energie reicht immer noch aus, um eine Rakete zu starten.
Ein Jahr dauerte es, um unsere Geschichte niederzuschreiben. Zeit, die weder für mich noch für meine Umwelt leicht zu ertragen war. Aber man muss zuerst zurückschauen, um festzustellen, in welche Richtung man vorgehen will.
Am Ende stellte sich heraus, dass die Heldenreise des Tarots Karte für Karte ihre Weisheit in unserem Lebenslauf gefunden hat. Nur die letzte änderte ich, und dafür bezahle ich jetzt den Preis.
Alles ist so anders hier. Wunderschön und fremdartig. Die Geräusche der Nacht, wie die Luft riecht. Auch die Grillen sind verstummt, als ob sie lauschen würden.
Die Altstadt hat sich geleert, die Touristenherden sind von ihren Hirtenhunden auf die nächste Weide getrieben worden. Im Sommer hüten sie Touristen, im Winter Schafe vor nicht veganen Wölfen, die der Hunger aus höheren Regionen vertrieben hat. Die Kunst bleibt dieselbe: Den Überblick behalten und zählen.
Die Touristen, die nicht wissen, was sie in den alten Steinen sehen sollten, sind erleichtert abgezogen. Nur die wenigsten interessieren sich für die Erläuterungen der jungen Kroaten mit abgeschlossenem Hochschulstudium. Für sie endet die Vergangenheit gestern. Alles andere führt ihnen vor Augen, dass sie sterblich sind.
Es ist kalt geworden. Morgen werde ich das Hotel Palais suchen. Die einstige Villa aus der glanzvollen Zeit der österreichischen Monarchie dient heute als Herberge für Gutbetuchte.
Vor mehr als hundert Jahren legte die Familie meiner Großmutter auf ihrer Reise von Triest nach Montenegro hier Zwischenstation ein, um danach mit dem Kaiserhof in Sveti Stefan Urlaub zu verbringen. In halsbrecherischem Tempo von dreißig Stundenkilometern fuhren sie auf Straßen, die keine waren. Nur vor den bedrohlichen Pässen wurden Frau und Kinder in den Zug verfrachtet.
Diese einstige Villa beweist, sofern man den Besserwissern glauben darf, dass unsere Beziehung auf magerem Boden steht, denn sie bezeugt, dass Aram und ich nicht aus dem gleichen Stall stammen.
Auf meiner einsamen Bank am Hafen begebe ich mich in Gedanken auf zwei Heldenreisen, deren Bestimmung es war, eines Tages zu einer zu verschmelzen.
Davon möchte ich euch erzählen.
Es ist die Reise von Aram und von mir.
Monique
Nie werde ich vergessen, wie ich mich fühlte, als ich das erste Mal eine Kartenlegerin aufsuchte.
„Tja. Es wird eine Scheidung geben. Schon bald“, sinnierte meine neue Bekannte über ihre Karten gebeugt. Ich schaute sie skeptisch an und fragte mich, in was ich da schon wieder reingeschlittelt war.
„Wann?“, erkundigte ich mich hämisch. Ich glaubte ihr nicht.
Monique wiegte ihren Kopf leicht hin und her. „Im Herbst. Dann wirst du deinen Mann aus dem Haus stoßen.“
Das war nicht die Antwort, die ich trotz Vorbehalten erhofft hatte, nur durfte ich nicht mehr länger den Gedanken an eine mögliche Scheidung verdrängen.
Aber doch nie durch mich veranlasst! Er ist mein Mann. Zusammen blicken wir auf eine Vergangenheit. Ohne ihn war ich ein Niemand. Vor allem finanziell. Alle Zukunftspläne wären nur noch zu Makulatur mutiert.
„Eine andere Frau spielt mit, aber das endet böse. Die beiden zerfleischen sich“, hörte ich.
Plötzlich empfand ich sie doch als überaus kompetent.
Monique starrte auf die Karten. „Du hast zwei tolle Söhne. Sie versuchen, dir das Leben zu erleichtern. Sie respektieren ihren Vater, dulden aber nicht, dass du leidest.“
Jetzt durchströmte mich eine Wärme, wie ich sie schon lange nicht mehr gespürt hatte. Eine alles versengende Hitze, ja, die kannte ich noch, denn im letzten Jahr wurde ich mehrfach barfuß durch die Hölle und zurückgejagt.
Diese Qualen hatten ihren Preis. In der Vergangenheit wurde ich im Schlaf durch Dämonen geplagt.
Nach einer solchen Nacht blieb mir nach dem Aufstehen nur noch die Zeit, mich wieder hinzulegen. Fassungslos über den Schmerz versuchte ich zu hecheln, wie ich es bei der Geburtsvorbereitung gelernt hatte, und dann doch nicht fähig war, diese Technik anzuwenden.
Außerstande, die Bettdecke hochzuziehen, fror ich erbärmlich und gleichzeitig rann mir der Schweiß über die Stirn. Neben mir wartete unerreichbar das Telefon, dessen Einbau ich genau für solche Notfälle durchgesetzt hatte.
„Was willst du? Einen zweiten Anschluss? Die Prinzessin wünscht einen zweiten Apparat, damit sie noch mehr schwatzen kann. Hast du eine Ahnung, wieviel der kostet?“, spuckte mein Mann Hugo verächtlich aus.
Wie stellte er sich vor, dass ich gleichzeitig mit zwei Apparaten auf zwei verschiedenen Stockwerken telefonierte?
Im Moment wähnte ich mich in einer Szene aus einem Hitchcock-Film, in dem die attraktive Blondine zehn Zentimeter vom Hörer entfernt elendiglich zu Grunde geht, und dabei bis zu ihrem Ende perfekt frisiert und makellos geschminkt bleibt. Um die Tragik der Situation zu betonen, liegt ein roter Absatzschuh neben ihrem linken Fuß. Wir alle verbringen doch unseren Feierabend in High Heels.
Eines stand fest, ich brauchte Hilfe. Millimeter für Millimeter dehnte ich meinen Arm näher zum Hörer, bis ich ihn packen konnte.
Endlich hörte ich im Untergeschoss das furchterregende Knurren eines sechs Kilo schweren Wachhundes, der über das Öffnen seiner Haustüre nicht erfreut war, und bald trat mein Arzt ein. Unerschrocken hatte er Attila in den Garten verbannt.
Gott segne meine Leichtsinnigkeit, die Haustüre nicht abzuschließen, denn wer sich einbunkert, erhält nur erschwert Hilfe.
„Ihr Körper signalisiert Ihnen: Bis hierher und keinen Schritt weiter. Unternehmen Sie etwas“, mahnte er mich.
Was redet der da! Mich hat bloß die Hexe getroffen. Doch tief im Innern fand ich seinen Gedanken nicht abwegig.
„Und was soll ich machen? Sobald ich weiß, wie sich mein Leben entwickelt, komme ich schon wieder ins Lot.“
„Ich bin für Ihre Schmerzen zuständig, nicht für Ihre Ehe. Wie die sich entwickelt, kann ich nicht prophezeien. Ich bin ja kein Hellseher.“
„Und wo find ich den?“, fragte ich mit dem Rest an Sarkasmus, den ich in meiner Lage noch aufbringen konnte.
„Weiß nicht. Aber manchmal inserieren sie in der Rubrik ‚Gemischtes‘ in der Zeitung“, antwortete er. Internett war noch kein Thema.
Und sowas nennt sich Arzt!
Nachmittags sorgte eine Nachbarin dafür, dass Atilla zu seinen Rechten kam. Kurz schaute sie bei mir vorbei und fand mich selig lächelnd im Bett. Wie wunderschön das Leben doch war! Die Atemluft war kühl und samtig, mein Körper schwebte leicht über der Matratze. Das herrliche Licht, das Schattenspiele an die Wand warf, die zwitschernden Vögel im Garten, mein eigenes Gekicher, alles entzückte mich.
Vielleicht lässt mich dieser seltsame Doktor noch mehr von dem Zeugs nehmen, das er mir gegeben hat, hoffte ich.
Zuerst kichernd, dann prustend, und zum Schluss lauthals grölend erzählte ich ihr vom Rezept meines Arztes, mir die Zukunft prophezeien zu lassen.
„Sag mal, was hat der dir denn gespritzt?“ Ebenfalls Ärztin war sie einem Berufsbild verpflichtet, dessen Vertreter davon überzeugt sind, jeder Kollege sei bloß ein Depp mit hohem IQ.
„Weiß nicht. Kann ja einen Hellseher fragen.“ Diesen Satz fand ich besonders gelungen und schaute sie lobheischend an.
Doch die Frau Doktor antwortete: „Schau mal, Mara. Nach dem Krieg kreuzte in meiner Heimat die australische Marine mit Hellsehern über das Meer, um Minen zu orten. Es gibt Dinge, die kann der gesunde Menschenverstand nicht nachvollziehen. Da ist noch mehr, als wir beschreiben können. Vielleicht ist es hilfreich, vielleicht auch nur amüsant. Geh einfach mal dahin.“
Mein gesunder Menschenverstand meldete mir: Heute bist du von akademischen Idioten umgeben.
Allerdings sagte mir derselbe Verstand auch, dass die Welt eine Scheibe sein muss, da ich sonst in Südafrika mit den Füssen nach oben auf dem Boden stünde.
Ein Hellseher? Bis zu diesem Tag waren für mich Kartenlegerinnen suspekte Zigeunerinnen, die auf Jahrmärkten ihre Kunden um ihr Geld prellen. Die ziehen dich in ein dunkel-violettes Zelt, das einzig durch tropfende Kerzen in Kandelabern beleuchtet wird, sitzen auf bordeauxroten Samtkissen und berieseln dich mit besorgter Miene: „Ich seeehe …, ich seeehe einen wunderbaren Mann. Pscht! Ich höre eine Glocke schlagen. Sie schlägt ein-, zwei-, dreimal. Ja. Genau. Um drei Uhr begegnet ihr euch. Oje, wird schwierig. Eure Verbindung ist karmisch.“
Selber schuld, wer dahin geht.
Nur war ich so verzweifelt, dass selbst der Gedanke, von halbseidenen Trickbetrügern über den Tisch gezogen zu werden, mich nicht davon abhalten konnte, am nächsten Morgen die Inserate durchzusehen.
Ich litt unter der Folge meiner ersten Drogenerfahrung mit anschließendem Entzug. Dass ich auf den Anrufbeantworter sprechen musste, fand ich unerhört, und übel gelaunt ließ ich meine Pläne wieder fallen.
Doch sie antwortete tatsächlich.
Mit schlechtem Gewissen vereinbarte ich einen Termin bei einer Monique und mein Herzschlag verdoppelte sich, als ich vernahm, wie viel er mich kosten wird. Wenn das mein Mann erfährt! Er quetscht doch jeden Rappen aus, bis er schreit.
Schockiert über mein baldiges Sakrileg wartete ich auf diesen Tag. Endlich hatte der Schrecken ein Ende, denn bestimmt würde sie mir liebevoll den Arm tätscheln und flüstern: „Mach dir keine Sorgen. Er kommt bald zurück.“
Wie die meisten Kunden erwartete ich eine positive Antwort. Wer bezahlt schon gerne für schlechte Ergebnisse?
In meinen Gedanken sah ich eine schwarzhaarige Frau in wallendem Rock und riesigen Creolen. Das brachte mich zum Kichern, als ich endlich an ihrer Haustür klingelte. Die Stärke meines Kicherns galt schon immer als Stressbarometer, und leider misst er auch in unangebrachten Situationen. Eine Angewohnheit, der ich nicht entrinnen kann.
Eine Frau, die meinen Vorstellungen einer Hellseherin nicht unähnlicher sein konnte, öffnete in schwarzen Leggins und oranger Bluse die Tür. „Komm herein, Mara.“
Nun doch etwas enttäuscht registrierte ich, dass im Haus der erwartete Hauch von Esoterik fehlte. Kein Geruch nach Weihrauch hing in der Luft, kein Zimmerbrunnen plätscherte in der Ecke, keine Nerv tötenden Klänge füllten die Stille.
Unsicher setzte ich mich im Wohnzimmer an den Esstisch und Monique, blond, mischte energisch ihre zerflederten Karten. Fest entschlossen, kein Wort preiszugeben, um ihr die Antworten nicht in den Mund zu legen, saß ich etwas zu gerade auf der Stuhlkante und wartete.
Wie es sich herausstellte, brauchte ich nicht erst zu soufflieren, denn Monique wusste bereits alles. Ungläubig starrte ich sie an und fragte mich, wie es ihr möglich war, nach wenigen Minuten des Zusammenseins derart hinter meine Fassade zu blicken.
„Deine Schwiegereltern lassen dich fallen. Sie fordern ihre Geschenke zurück, selbst wenn es sich nur um einen Aschenbecher handelt.“
Ich schwieg, aber insgeheim stimmte ich ihr zu.
„Du wirst das Haus verlassen und dir eine neue Bleibe suchen.“
Ich schwieg weiter, obwohl es mir schwerfiel, denn das war nun wirklich das Letzte, das ich tun würde.
„Und hier, hier vor dir“, energisch klopfte sie mit dem Zeigefinger auf eine Karte, „steht schon dein nächster Partner. Er ist mindestens zehn Jahre jünger als du und ihr kennt euch bereits. Er wartet nur noch, bis du frei bist. So ein dunkelhaariger, rattenscharfer Typ.“
Jetzt vergaß ich definitiv zu schweigen. Genau genommen wurde ich laut. „Nie im Leben! Ein Jüngerer! Ich bitte dich! Ich will mich doch nicht für meine Falten genieren. Das Alter ist etwas Natürliches.“
„Eben. Darum brauchst du dich auch nicht zu schämen.“
„Nein! Niemals.“
„Da kommst du aber nicht drum herum. Euch verbindet ein rotes Band und so, wie ich diesen Mann sehe, wird er es eines Tages aufwickeln.“
Der Gedanke, meine Seele vor einem neuen Partner zu entblößen, versetzte mich in Panik. Ein anderer sollte mich berühren, dazu noch einer, der - wie Monique es ausdrückte - rattenscharf sein soll! Meine Ehe steckte lediglich in einer Krise. Nicht angenehm, kam aber in den besten Familien vor, nicht wahr? Ich wollte doch nur von ihr wissen, wie lange ich noch zu leiden hatte.
„Ich kenne keinen schwarzhaarigen, rattenscharfen Mann“, rief ich entschieden. Jetzt schwebte ich nicht mehr eingeschüchtert auf der Stuhlkante.
Monique beherrschte ihr Metier. Gerade erst hatte ich beschlossen, nichts zu sagen und jetzt öffnete ich die Schleusen.
„Wenn es hier steht, ist es so. Es ist nicht euer erstes gemeinsames Leben, und er sucht dich immer wieder, bis eure Aufgabe erledigt ist. Dem kannst du nicht entgehen. Ihm schon gar nicht. Dieser Mann weiß, was er will, und wohin er will.“
Zu Monique getrieben hatte mich die Frage, wann mein Ehemann endlich einsehen würde, dass er sein wahres Glück längst gefunden hatte. Und jetzt? Jetzt beunruhigte mich dieser Jüngling.
„Du hast noch einen langen Weg vor dir. Sobald du alle Hindernisse weggeräumt hast, wirst du zum ersten Mal frei leben.“
Verwirrt und durch Schuldgefühle geplagt, weil ich ihr glauben wollte, rannte ich die Treppe hinunter.
Sie hat gesagt, dass alles ein gutes Ende nehmen wird. Und das kann nur bedeuten: Hugo findet den Weg zurück. Zurück zu mir.
Fasziniert von den Karten schlich ich tags darauf in das Esoterikgeschäft, an dem ich bisher mit abschätzigem Blick vorbeigeschritten war, schnappte mir ein Spiel und eilte in der Hoffnung, dass mich niemand erkannt hatte, wieder davon.
Zu Hause quälte ich mich durch die Plastikhülle und breitete die befreiten Karten auf dem Bett aus, nur um sie dann wie ein lästiges Insekt von der Decke zu wischen.
Das hier war ein anderes Kartendeck, als Monique benutzt hatte, und mir trotzdem nicht unbekannt. Aber ich verstand nicht, woher ich es kannte, und weshalb die Karten mich so erschreckten.
Qualvolle Monate vergingen, in denen mir nur noch die Hoffnung Kraft gab.
Hoffnung ist eine mächtige Droge. Trotzdem schrumpfte mit der Zeit mein Vorrat an Demut und ich hatte genug von Hugos haarsträubenden Lügen, mit denen er mir bewies, für wie beschränkt er mich hielt.
Ich setzte ihn vor die Tür. Erst danach dachte ich wieder an Monique. Es war Herbst!
Nach längerer Suche befreite ich die Tarot Karten aus ihrer Verbannung. Unsicher legte ich sie, wie ich es bei Monique beobachtet hatte, und las darin wie in einem offenen Buch. Schockiert darüber suchte ich die Telefonnummer von Monique heraus. Ich hatte viele Fragen.
Ist der Schüler reif, erscheint der Meister.
Wir machten einen Termin aus und in der Folge brachte sie mir ihr Wissen bei.
Mein Umfeld reagierte erschrocken über mein neues Interesse, sah sich in der Meinung über mich bestätigt und versuchte, mich wieder auf den rechten Pfad zu lenken.
Unbeeindruckt davon las ich von der ältesten Geschichte, die in allen Sprachen und Kulturen wieder und wieder erzählt wird.
Von der Heldenreise, die in Märchen und Mythen eingewoben ist, und sich niemand ausgedacht hat.
Vielmehr entspringt sie dem Unterbewusstsein.
Teil 1 der Heldenreise
Die Erziehung des Helden und Entwicklung zur
Eigenständigkeit
Der Narr, Karte 0 der Heldenreise
Das Unterbewusstsein der Menschen unterscheidet sich in keinem Volk der Erde. Alle kennen die gleichen Märcheninhalte, verstehen dieselben Symbole und besitzen den identischen Archetypen.
Jede Heldenreise beginnt als Narr, um unsere Eigenheiten und Stärken zu entdecken.
Der Narr wird noch nicht durch festgefahrene Meinungen blockiert. Alle Wege stehen ihm offen. Unbekümmert trampelt er los, nur sein kleiner Hund schützt ihn vor dem Abgrund.
Diese Karte erscheint, wenn wir uns festfahren. Sie fordert dazu auf, das Kind in uns zu wecken, gibt die Kraft, die den Stillstand verhindert und ermuntert uns, den Sprung ins Dunkle zu wagen.
Großes vollbringen immer wieder diejenigen, bei denen wir es uns nicht vorstellen können. Die Lösung kommt nie von dort, wo wir sie erwarten, sondern immer vom Narren.
***
Aram
Hör zu. Du musst wissen, es ist mir zu Ohren gekommen, und nur Gott alleine kennt die wahre Geschichte …
In einer fernen Zeit in einem fernen Land, so wird erzählt, wurde in einem Dorf, das immun gegen den Lauf der Zeit war, ein Knabe geboren. Sein erster Schrei war bemerkenswert. Hoffnungsvoll nannten sie ihn Aram, nach seinem Großvater, und begrüßten ihn mit einer Gewehrsalve, denn nur in einer starken Sippe lebten sie sicher.
Er war der Erstgeborene einer Frau, die noch nicht ganz dem Mädchenalter entwachsen war, und des ältesten Sohnes eines Familienoberhauptes. Somit wurde er zum Kronprinzen eines Stammes ausersehen, der beinahe so viele Mitglieder zählte wie die Schweiz Einwohner.
Nicht nur aufgrund seines Geburtsrechts galt er als Anführer, er bewies sich auch als Alfa-Tier der Alfa-Tierchen.
Ausgestattet mit Kriegergenen bis unter die Schädeldecke, kräftig, wild und ohne Furcht, war er so glücklich, wie es nur Kinder sein können, für die weder das Gestern noch das Morgen existiert, sondern nur das Heute.
Ihr Dasein war hart und geprägt von Hunger. Lange vor dem Abendessen saßen die Kinder auf dem Boden vor der offenen Kochstelle, und aus spielenden Geschwistern wurden Feinde, die bereit waren, ihre karge Mahlzeit zu verteidigen.
Die Erziehung der Nachkommen übernahm, wie es üblich war, der Großvater. Er brachte ihnen die wichtigsten Regeln ihres Volkes bei wie das Gesetz der Gastfreundschaft und die Notwendigkeit, Beleidigungen zu rächen.
Mit Aram hatte er eine rahmenfüllende Aufgabe übernommen. Er war nicht schwererziehbar, aber schwer zu erziehen.
„Junge, lerne deine Kraft zu zügeln. Wenn du deine Freunde behalten möchtest, dann lass sie auch mal gewinnen. Du weißt, dass du der Stärkere bist. Wozu brauchst du noch Beweise?“
„Junge, lerne endlich eine gesunde Furcht. Ein Stier, der mit den Hufen scharrt, will nicht mit dir spielen. Und jetzt verschwinde, hilf deiner Großmutter.“
Aram fürchtete und respektierte seinen Großvater gleichermaßen. Ein Blitz aus dessen Augen oder ein vorgestreckter Zeigefinger reichte aus, um aus dem Straßenkater ein folgsames Kätzchen zu machen.
Aber das hier war jetzt wirklich eine ungerechte Strafe! Großmutter beaufsichtigte doch die Babys. Niemand hier nahm ihn erst. Die ließen ihn nicht einmal abends mit seinen Onkeln die Bettlacken nach Schlangen kontrollieren. Maulend suchte er seine Großmutter, die sicher wieder entzückt irgendwo irgendwelche schreiende Babys wiegte.
Den Haushalt der Familie, verteilt auf ihre drei Häuser, die mittlerweile so überbevölkert waren, dass sich die Wände nach außen bogen, erledigten die Schwiegertöchter. Eine Woche arbeiteten sie in der Küche, eine auf dem Hof und eine im Haus. Danach waren sie für eine weitere freigestellt, die sie gelangweilt dazu benutzten, Streit anzuzetteln.
Wie sollten sie sich auch sonst beschäftigen? Ins nächste Dorf spazieren, das genauso erbärmlich aussah wie ihres? Ihre Mutter besuchen, die mit 50 Jahren bereits verbraucht war und ihre Leiden an der Tochter ausließ? Lieber schwitzten sie im Küchenhaus, bemängelten das Feuer und stießen hier etwas um, beschmutzten dort etwas.
„Was machst du da! Hat man dir nicht beigebracht, die Kartoffeln sparsam zu schälen? Wie auch! Wo du herkommst, gibt es ja keine Kartoffeln.“
„Dumme Kuh! Meine Familie ist reicher als deine. Ich wurde mit zehn Jahren verlobt. Du warst schon alt, als dich endlich ein Mann aufnahm.“
„Bist du eifersüchtig? Vielleicht hast du ja seine prächtigen Waden gesehen? Hörst du, wie er mich Nacht für Nacht aufsucht?“
„Was nutzen dir schöne Beine, wenn er sonst nichts taugt. Ich habe drei Söhne, du nur eine Tochter.“
Wie ein Erdbeben fühlte sich der Streit an und endete erst, wenn ein Onkel dazwischen ging.
Aram streifte trotz brennender Sonne barfuß durch das halbverfallene Dorf - Schuhe konnten sie sich nicht leisten - und übte seine späteren Aufgaben als Befehlshaber der Streitmacht des Stammes, indem er die Kinder des Dorfes herumhetzte. Begeistert hing er seinen überbordenden Phantasien nach, in denen er sich als der größte Krieger aller Zeiten wähnte und bewaffnete sich mit allem, was er als brauchbar erachtete. Er baute ein gut getarntes Waffenlager, ernannte Vasallen und trainierte seine Kampfstärke. Jeder, der sich nicht rechtzeitig drücken konnte, wurde verpflichtet.
Leider zeigte Großvater keine Begeisterung über seine heroischen Pläne. „Ein Krieger willst du werden? Drei Kriege habe ich erlebt. Mein Vater musste kämpfen, mein Großvater musste kämpfen, so wie alle unsere Vorfahren kämpfen mussten. Ich bete, dass du nie erleben musst, wie es sich anfühlt, wenn andere Völker unser Land als das Schönere empfinden. Spiel Fußball!“
Fußball wäre nicht schlecht, eine weitere Kampfart. Aber dazu war der Diebstahl einer Melone zwingend, was dann auch wieder bestraft wurde. Und barfuß gegen eine Melone kicken? Das war seiner nicht würdig. Und überhaupt. Seine Füße wurden noch gebraucht, wenn er in die Schlacht marschierte.
Arams Kriegergene waren stärker als seine Gehorsamkeit. Den Großvater stufte er höchstens als ernstzunehmenden Gegner ein, weshalb er ein Frühwarnsystem einführte. Wenn das dann mal Lücken aufwies, und ein brüllender Gjysh (Großvater) brach durch, fand Aram kein Versteck, das ihm sicher genug erschien und wechselte von einem Unterschlupf zum nächsten, bis er vergaß, wovor er auf der Flucht war.
Regelmäßig wurde die Familie mit Babys versorgt. In kurzer Zeit hatte er sieben Brüder, womit sein Vater als reich angesehen wurde. Er hatte gute Arbeit geleistet.
Ein Bub starb, weil Gott es so wollte. Die Trauer war unermesslich, doch niemand stellte dieses Schicksal in Frage.
„Gott hat ihn gebraucht, was willst du da machen?“
Überraschend bekamen die Brüder mit einem Abstand von 11 Jahren zum jüngsten Sohn noch eine Schwester. Branca mutierte zur meistgeküssten Prinzessin. Wo immer sie erschien, erstrahlten gleich mehrere Brüder, die sie entzückt hochhoben. Was immer sie anstellte, die Brüder applaudierten begeistert. Sie fühlte sich wie der Mittelpunkt der Erde und wuchs im Glauben auf, für Männer das Wasser in der Wüste zu sein.
Mittlerweile mussten die Großeltern eine beachtliche Schar Kinder im Auge behalten, denn auch die Onkel waren fleißig gewesen. Doch nach einem harten Arbeitsleben die schmerzenden Gelenke der wärmenden Sonne zuwenden und dem Nachwuchs beim Spielen zuzusehen, empfanden sie als Belohnung. Zusammen entdeckten sie die Welt und brachten ihnen ihre Sicht des Lebens bei.
Arams Kindheit war erfüllt von Wärme und Zuneigung. Die Fähigkeit zu lieben wird von den Eltern kopiert und ist im Alter von sechs Jahren abgeschlossen.
Aram lernte sie. Trotz Hunger und Armut.
Das Leben am Rand des Abgrunds liebte er, Verbote reizten ihn bestenfalls, und Gefahren übersah er, beschützt durch die Karte „der Narr“.
Ein großes Risiko und darum so begehrenswert war der Diebstahl von Nachbars Zwetschgen. Solche Handlungen lösten Familienfehden aus, die blutig ausgetragen wurden und kein Ende fanden, selbst wenn sich niemand mehr an die Ursache erinnerte.
Nach sorgfältiger und längerer Überprüfung der Lage - Bauer weg, Großvater beschäftigt - schätzte Aram das Wagnis als vertretbar ein und kletterte auf den Zwetschgenbaum. Schon das Buch Genesis lehrt uns: Keine Frucht schmeckt so süß wie die Verbotene.
Mit sich zufrieden verschlang er den Fruchtzucker, der ihm so viel bedeutete wie den westlichen Kindern Gummibärchen.
Satt und ermüdet durch den begehrten Adrenalinkick lehnte er sich an den Stamm zurück, träge schaute er sich um und sah seine Strafe vorrücken. Dutzende Schlangen krochen über die Wiese und legten sich bei den Baumwurzeln nieder. Immer mehr und noch mehr! Die Grashalme bogen sich, als würde der Wind durch sie hindurch blasen, und am Fuße des Stamms brodelte es.
Bisher kannte er kein Grauen, aber jetzt gefror ihm das Blut in den Adern. Weinend rief er nach seinem Großvater, aber der war ja beschäftigt, wie er sich zuvor vergewissert hatte.
Die unschuldige Zeit der Karte „der Narr“ war vorüber. Endlich hatte er die Gefahr erkannt.
Aram liebte die Schule und seinen Bleistift, den er bis zum Stummel abnutzte, da der Ersatz bereits ein finanzielles Problem darstellte. Wissbegierig übersprang er einige Klassen, sah aber bald den Sinn nicht mehr, anwesend zu sein. Was er in der Schule lernte, passte auf eine Briefmarke. Lieber nutzte er die Zeit, um in die Freiheit zu verschwinden, denn davon hatte er immer weniger. Je kräftiger die Kinder wurden, umso mehr mussten sie arbeiten. Die Schule unterrichtete morgens die eine Hälfte der Kinder, nachmittags die andere, damit immer genug Helfer auf dem Feld zur Verfügung standen.
Zweimal täglich stand Großvater unter der Haustüre und kontrollierte den Exodus in Richtung Schule. „Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig. Es fehlen drei. Holt sie her!“
Aram stand mit unschuldigem Ausdruck neben dem Großvater und verschwand erst, nachdem er die Schule betreten hatte. Keiner, auch nicht seine Lehrer, fanden es für angebracht, seinen Großvater darüber zu informieren.
Nur zu den Prüfungen erschien er pünktlich. Er nutzte jede Gelegenheit, einem Kampf ins Auge zu sehen, auch wenn dieser mit dem Bleistift ausgetragen wurde.
Jeden Abend, wenn die Kinder vor die Wahl gestellt wurden: Moscheebesuch oder Hausaufgaben, arbeitete er durch, was ihm seine Vasallen überreicht hatten. Auch seine Geschwister und Cousins erledigten ihre Hausaufgaben sehr sorgfältig. Notfalls auch zweimal.
Die Familie erzog ihren Nachwuchs nicht religiös und der Islam wurde vom Staat weder gefördert noch unterbunden. Albanien betrieb seit jeher einen humanen Islamismus. Großvater benutzte die Moschee lediglich als erfolgreiche Erziehungsmaßnahme.
Zu seinem Ärger teilten sie ihm die Verantwortung der Büffel zu. Da kein Weg daran vorbei führte – und er hatte alle Ausreden getestet - trieb er die Viecher schlecht gelaunt vor sich hin, bis er sich außerhalb des Radars von Gjysh wähnte.
„Unwürdig!“, schimpfte er vor sich hin, als er durch die brütende Hitze lief und mit dem Hirtenstab auf die Büsche einschlug.
Ihm gebührte ein Schwert, nicht dieser läppische Stab.
Beleidigt legte er sich in den Schatten eines Granatapfelbaumes. Wenn sie ihn wenigstens aus dem Hinterhalt angreifen würden. Aber sein unbesiegbarer Ruf war ihm ja vorausgeeilt.
Bei seiner Arbeit trug er eine andere kostbare Waffe mit sich. Die wenigen Bücher, die das Dorf besaß, waren in seinem nicht ganz legalen Besitz. Aus Langeweile multiplizierte er im Schnellfeuer die willkürlich aufgeschlagenen Seitenzahlen oder studierte anhand des Korans Arabisch. Die Geschichten ließen Phantasien treiben und er träumte von Heldentaten in künftigen Schlachten, bis ihn der Schlaf hinterrücks überfiel; und die Büffel verschwanden.
Viele gute Ausreden tischte er danach wild gestikulierend den Onkeln auf, damit sie ihm bei der Suche nach den verschwundenen Tieren halfen.
Doch leider glaubten ihm bald nur noch die Frauen vorbehaltlos.
Mit 12 Jahren beendete Aram das 8. Schuljahr und sah in eine Zukunft, die ihm nicht gefiel. Getrieben von intellektueller Langeweile fielen seine Streiche immer heftiger aus. Mit zunehmendem Alter befriedigten ihn auch seine Waffen nicht mehr, und er modernisierte das Arsenal, indem er Raketen bastelte.
Für den Anfang mal drei Stück. Die Prototypen starteten wie erhofft, änderten aber unerwartet ihre Flugbahnen und landeten auf Nachbars Scheune und dessen Feld, das kurz vor der Ernte stand.
Zwei Tage lang verdunkelte eine schwarze Wolke das Dorf und Aram floh in den Wald, was als Schuldeingeständnis gewertet wurde. Immer wieder sah er sich gezwungen, sein Versteck zu wechseln, da ihm weinende Tanten und brüllende Onkel zu nahekamen. Doch der Hunger überstieg die Angst vor Repressalien, und so schlich er in einem großen Bogen und mit einer guten Ausrede im Kopf nach Hause. Sie überzeugte nicht.
Die Männer des Dorfes richteten die Scheune wieder auf, jeder spendete von seiner Ernte, was er entbehren konnte und Aram beschloss, den Ort zu suchen, wo ihm beigebracht wird, wie man eine anständige Rakete baut.
Rechtzeitig hörte er, dass in der nahen Stadt ein Rekrutierungsbüro propagierte: „In der Armee lernt ihr fürs Leben“. Lernen war für ihn noch verlockender als das Klauen von Zwetschgen.
Zum ersten Mal verließ er das schutzbietende Dorf, in dem Gefahr höchstens von einem hungrigen Bären ausging oder von einem Nachbarn, der sein Gewehr reinigte.
Was für eine unglaubliche Stadt! Hier gab es Autos, die nicht auseinanderfielen. Er nahm sich vor, später eins zu testen.
Und diese seltsamen Menschen! Wozu stellten die sich in Reihen auf? Vorsichtig näherte er sich auf gesicherten Umwegen der Menschenschlange und vernahm, indem er tat, als sei ihm bereits alles klar, dass es dem Besitzer dieses Musikgeschäftes gelungen war, Kopien von Beatles-Schallplatten anzubieten. Von was? Er kannte weder Schallplatten noch Beatles.
Das Rekrutierungsbüro fand er ohne Schwierigkeiten. Es befand sich am Ende der einzigen großen Straße, die schon jetzt in der Hitze flimmerte. An den Schaufenstern prangten Parolen wie „Arbeit, Erziehung, Wachsamkeit“ und die Auslagen warben für Nudeln, Shampoo, Parteitreue. Im Fenster des Rekrutierungsbüros las er:
IN DER ARMEE LERNT IHR FÜR`S LEBEN. Na also!
Im Büro saß ein gelangweilter Sergeant und rauchte wie beinahe jeder Landsmann. Eine Zigarette in der Hand zu halten ist ein Symbol der Volkszugehörigkeit.
Vielleicht nahm in diesem Land der Vater seinen halbwüchsigen Sohn zur Seite und erklärte ihm feierlich: „Mein Sohn. Mit dieser Zigarette wirst du zum Manne. Mit dieser Zigarette gehörst du zu uns.“
Den Gebrauch einer Schusswaffe konnte er ihm schließlich nicht beibringen, denn hierzulande lernen das die Knirpse bereits im Kindergarten.
Aram baute sich vor dem Sergeanten auf und unterbrach diesen beim Nichtstun.
Wie in allen sozialistischen Staaten erhielt der Bürokrat, der in der untersten Schublade der Hierarchie gelandet war, keine nennenswerte Beschäftigung.
Tag für Tag saß er seine Zeit ab, die unvermeidliche Zigarette zwischen den Lippen. Den heutigen Antrag für den Erhalt eines Antragsformulars, mit dem er ein Antragsformular anfordern durfte, hatte er bereits an den Vize-Parteivorsitzenden weitergeleitet.
Nach Erledigung dieser schwierigen Aufgabe hatte er sich zwei, drei Zigaretten verdient, und der Junge störte ihn dabei.
„Was willst du?“, blaffte er ihn an.
„Ich möchte Soldat werden.“
„Gut, schön. Komm später wieder.“ Mit einer Handbewegung wedelte er den lästigen Besucher weg.
In der Woche darauf stellte Aram sich wieder vor den Sergeanten und salutierte. Das hatte er sich vorsorglich schon einmal beigebracht.
„Du willst in die Armee? Ausgezeichnet. Komm wieder, wenn du 18 bist.“
„Junge, was hast du angestellt? Warum rennst du vor deinem Vater davon?“, stöhnte der Sergeant, als er Aram zum dritten Mal erblickte.
Ungläubig sah er, wie der Knabe ein viertes Mal erschien und hinter ihm trat gemächlich ein alter Mann in der Kleidung der Landbevölkerung ein. Weite schwarze Pluderhosen, die zu den Knöcheln hin immer enger wurden, kombiniert mit einem halblangen Sakko, das mit Zotteln und Stickereien verziert war, und um die Hüfte eine Schärpe gewickelt. Der Sergeant wäre nicht erstaunt gewesen, wenn darin ein Säbel gesteckt hätte. Und dann diese rote Pfanne auf dem Kopf! In welchem Jahrhundert lebte der denn?
Aber er stand in einer Haltung da, die Respekt einforderte. Dieser Mann verlangte Gehorsam.
Wie der Sergeant erfuhr, war das Arams Großvater, der regungslos im Eingang stand und mit finsterem Blick das Büro musterte, wobei er lediglich die Augen bewegte. Mit verschränkten Armen wartete er, bis dem Sergeanten mulmig zumute wurde.
Als es soweit war, eröffnete Gjysh ein ausführliches Begrüßungszeremoniell, erläuterte Arams Lebenslauf, beginnend bei den ersten Milchzähnen und endete: „Wenn mein Enkel zur Armee will, geht er zur Armee. Haben wir uns verstanden?“
Daraufhin wurde der Vorgesetzte aus einer obligatorischen Versammlung befreit, in der er sich wie jeden Tag anhörte, was er tun sollte oder tun müsste.
Mit dramatischer Miene trat dieser ein und betonte seine Wichtigkeit bei der Tagung des Komitees, das zur Umerziehung zum wahren Leben und zur Wahrnehmung der Pflichten gegenüber der Partei aufrief.
In einer wohldosierten Mischung aus Schmeicheleien und Drohungen trug Großvater sein Anliegen vor.
„Wir Genossen werden niemals davon ablassen, uns mit aller Kraft für den positiven Helden einzusetzen“, antwortete der Vorgesetzte eifrig. Endlich durfte er seine Fähigkeiten beweisen.
Da Arams Familie um seine Talente als Anführer wusste, empfand man eine Militärlaufbahn als die geeignete Wahl und sie meldeten ihn zur Aufnahmeprüfung einer Kadettenschule an. Der Vorgesetzte ging davon aus, dass Aram nie bestehen würde, und sah das Problem auf natürliche Weise behoben. Schließlich bestand nur einer von hundert Prüflingen, und die hatten weitaus bessere Voraussetzungen.
Aram bestand und sie steckten ihn in eine Kadettenschule in Kroatien.
Das Dorf sammelte erleichtert Geld für eine Fahrkarte. Ein wenig Disziplin und Struktur würden ihm nicht schaden. Zudem wuchs dieser Teufel unaufhaltsam zu einem jungen Mann heran, und sie alle hatten schließlich Töchter zu Hause.
Für Aram war die Zeit des Narren vorbei.
Überglücklich, mit gerade mal zwölf Jahren, nahm er sein Leben selbst in die Hand und zog auf seiner Heldenreise die nächste Karte.
Der Narr, Karte 0 der Heldenreise
Das Unterbewusstsein der Menschen unterscheidet sich in keinem Volk der Erde. Alle kennen die gleichen Märcheninhalte, verstehen dieselben Symbole und besitzen den identischen Archetypen.
Im Märchen schickt der König seine sieben Söhne los, um das Reich zu retten. Nur den naiven Jüngsten behält er zu Hause. Ausgelacht von den Brüdern zieht dieser trotzdem los. Die sieben Söhne scheitern, nur der Kleinste kehrt siegreich zurück.
Im Märchen ist es der Narr, der die Bewerber der schönen Königstochter besiegt. Es ist die Unschuld, die vom Prinzen geküsst wird.
Die Welt bietet demjenigen, der offen bleibt, viele Möglichkeiten, und Probleme werden häufig von Menschen gelöst, denen es niemand zutraut.
***
Mara
Auch meine Reise begann als Narr.
Unterschiedlicher hätten unsere Lebenswege nicht starten können. Für mich feuerten sie keine Salutschüsse ab, auch war ich nicht mehr geplant gewesen. Mein Vater freute sich trotzdem. Und meine Mutter? Ich werde es wohl nie erfahren.
In meiner Familie war Geld kein Thema. Wir hatten es. Wohlstand war für mich selbstverständlich, denn die anderen Kinder wohnten ebenfalls in großen Häusern, ihre Eltern waren ebenfalls Akademiker. Ich wuchs isoliert im Ghetto der Bessergestellten auf. Dass ich privilegiert war, wusste ich nicht.
Aber alle Kinder kennen Nöte, egal, wie viele Silberlöffel ihnen bei der Geburt in den Mund gelegt werden.
Dass andere Kinder hungerten, war mir nicht bekannt. Meine Probleme bestanden eher darin, meine klitzekleine Portion des verhassten Gemüses herunterzuwürgen.
Wir aßen auch nicht auf dem Fußboden vor einer offenen Feuerstelle, sondern speisten mit streng kontrollierten Tischmanieren an der nach den Regeln der Etikette gedeckten Tafel. Mittags weißes Leinen, Servietten mit Monogramm, edles Porzellan und Fingerschalen für das Obst. Abends leger mit farbigem Tischtuch und fröhlichem Gedeck. Im Hintergrund ertönten die Nachrichten im Radio, während wir Kinder antrainiert schwiegen, und anschließend erläuterte uns Vater die drohende Gefahr des dritten Weltkrieges.
Heute beherrsche ich mühelos beide Esssitten. Um dabei nicht völlig zu verrohen, benutze ich für meine Malzeit auf dem Fußboden das kostbare Service.
Für mich existierten keine Pflichten, außer zur Schule zu dackeln und zu spielen. Für alles andere hatten wir Personal.
Die ersten Jahre verbrachte ich in der väterlichen Bibliothek. Es gibt Gerüche, die vergisst man nie. Jede Buchhandlung versetzt mich zurück in meine Kindheit. Anfangs schob ich Bücher auf den Regalen nach hinten zur Wand. Am nächsten Morgen standen sie wieder akkurat aufgereiht an der Vorderkante, und ich durfte erneut mit meiner Arbeit beginnen.
Bald zog ich sie heraus, warf sie auf einen Haufen. Mit zunehmendem Alter inspizierte ich sie. Am liebsten jene, die für mich ungeeignet waren. Beinahe zwanghaft nahm ich diese immer wieder zur Hand. Bei den Bildern in Dantes Komödie über die neun Kreise der Hölle schüttelte mich wohliges Grauen. Doch im geschützten Raum der Bibliothek konnte ich mich den Schrecken des Lebens stellen, so wie es die Aufgabe der Märchen ist.
Mit der Zeit öffnete sich die Welt der väterlichen Bibliothek und das Leben außer Haus begann. Die Kindheit soll die Zeit der Unschuld sein, aber in Wirklichkeit ist sie eine harte Lebensschule. Wir mobbten, stritten unerbittlich, gaben Kriegserklärungen ab, Kinder rannten heulend nach Hause, wir schlossen Allianzen und brachen sie, schlossen neue Allianzen und vergaßen alles wieder.
Durch die Schulbibliothek bekam ich Zugang zu Kinderbüchern, aber um die Bücherregale in der Schule abzugrasen, brauchte ich nicht viel Zeit. Ich verschlang die Bücher, schlief mit ihnen ein, träumte von ihnen. Nur enttäuschte mich die für meine Generation vorgesehene Literatur etwas.
Mit viel Fantasie ausgestattet erschuf ich eigene Welten. Ich liebte es, mir Geschichten auszudenken, dachte eine neue Familie aus, gab ihr einen anderen Namen und ein anderes Leben, bevölkerte sie mit schwarzen Schafen und Geheimnissen.
Die Vorstellung, nicht ich zu sein, gehörte zu mir. In meiner Fantasie spielte ich an der Seite eines furchtlosen Jungen. Sein Haupt war bedeckt mit wildem, schwarzem Haar und meins mit blonden Härchen, er ritt auf einem Rappen, ich auf einem Schimmel. Die Metapher schwarz-weiß war mir nicht bekannt, sie entsprang dem Unterbewusstsein.
In meinen Träumen war ich von hoher Geburt und er von geringem Stand, was genug Stoff für glückliche Tagträume bot. Wir schworen uns, einander zu heiraten. Etwas anderes wäre nicht in Frage gekommen. Dabei ahnten wir, dass man uns Steine in den Weg legen würde, was alles noch viel romantischer erscheinen ließ. Meine Familie würde es nie gestatten, uns vielleicht sogar verstoßen. Herrlich.
Es war eine fantastische Zeit, die wir miteinander teilten; auf der Suche nach irgendwas, wovon ich nicht wusste, was es war.
Je älter ich wurde, umso realer fühlten sich diese Abenteuer an. Ich träumte sie nicht nur, ich lebte sie. Mein „Fantasienland“ lag im Osten. Die Männer kleideten sich mit langen Hemden, an der Taille durch ein breites Band geschnürt, in dem ein Krummsäbel steckte, die Frauen hingegen trugen westliche Kleidung. „Fantasienland“ ist nicht an die Wirklichkeit gebunden.
In meiner Fantasie existierte eine wunderbare Welt, und es war enttäuschend, dass die Realität nicht mit meiner Traumwelt übereinstimmte.
Für Mutter war ich eine Enttäuschung, da ich nicht dieselbe schillernde Persönlichkeit zeigte, die meine Schwester in ihren Augen darstellte. Fasziniert von ihr vergaß sie mich, sobald sie erschien, woraufhin die Hausangestellten meine Wiege übernahmen.
Alle meine Handlungen wurden mit ihren verglichen. Sie machte nichts falsch, während ich nichts richtig machte. Ich war nicht so musikalisch, brachte keine Gefolgschaft von Bewunderern nach Hause, hatte nicht die Figur eines jungen Rehs und überhaupt!
Diese Vorgabe stellte ich nie in Frage. Im Gegenteil. Wenn Mutter stolz auf sie war, dann war ich es auch. In diesem Entwicklungsstadium konnte ich nur wiederholen, was Erwachsene mir vorlebten.
Ich war introvertiert und sie extrovertiert. Ich hörte zu, sie führte Wort. Ich beobachtete, sie ließ sich beobachten. Auch ich besaß Kumpänchen, nur nahm ich diese nicht nach Hause, denn sie hätten mich vor einer Reise nach Fantasienland abgehalten. Dort herrschte für Fremde Zutrittsverbot, dort wartete mein Freund, der mich nie wütend machte und mich so sehr liebte.
Zum Glück lebte noch ein Bruder in unserem Kreis. Er war genauso introvertiert wie ich. Der Status des Erstgeborenen machte ihn unantastbar, aber seine Qualitäten musste ich nicht erreichen. Zehn Jahre älter als ich gehörte er bereits einer anderen Generation an. Bestens geeignet, um lästigen Kindern mit ihm zu drohen.
Meine Schwester brillierte, der Bruder war ein talentierter Künstler und ich, das immerwährende Baby der Familie, eine erfolgreiche Träumerin. Wo immer die Zeit es zuließ, blickte ich abwesend in die Ferne.
Kinder lernen als ihr Interesse anzusehen, was ihre Eltern vorgeben. Meine Mutter liebte Mythologie. Spannender als ein Krimi, brutaler als ein Horrorfilm und schöner als eine Liebesgeschichte vermittelte sie mir die klassische Sagenwelt.
„Am Anfang, so erzählt man, am Anfang war Chaos. Wieso es plötzlich einen Urknall gab und daraus die Welt entstand, kann ich dir nicht erklären. Auch nicht die Physik, auch nicht die Kirche. Aber plötzlich waren sie da, Gaya, die Welt, und Uranus, der Himmel. Die beiden liebten sich - wen hätten sie denn sonst lieben können - und umarmten sich leidenschaftlich. Noch heute kannst du ihre Vereinigung sehen. Immer dann, wenn der Himmel in Form von Nebel zur Erde heruntersteigt, legt sich Uranus zu Gaya.“
Vielleicht gehöre ich deshalb zu den Menschen, die bei Nebel von geheimnisvollem Glück eingehüllt werden.
Mutters Gedächtnis für ihre Helden ist unerschöpflich. Heute verwechselt sie schon mal ihre Enkel und Urenkel, aber ganz gewiss nicht irgendwelche unbedeutenden Nebenfiguren aus Lohengrin oder Parzival.
Je nach Entwicklungsstufe legte ich die Quintessenz der Sagen anders aus. Mal war ich über Medea entsetzt, die ihre Kinder ermordete, um sich an ihrem Mann zu rächen, mal zeigte ich Verständnis. Bei Lohengrin stürzte ich mich in Trauer, weil er seine Liebe verließ und es stresste mich, dass er die Ursache dafür nie verriet. Das geht mir heute noch so.
Nicht mit Hänsel und Gretel wuchs ich auf, aber sie stammen aus der gleichen Quelle. Nur älter, und ohne Happy End.
Vater war heimlicher Mystiker. Die Heimlichkeit war zwingend, denn er war Theologe. Von ihm wurde damals noch das Gegenteil erwartet.
Stolz an seinem Schreibtisch sitzend, wobei mein Kopf gerade die Tischkantenhöhe erreichte, und die Beine in der Luft baumelten, wurde ich in seine Welt eingeführt. Die Arme hinter dem Rücken verschränkt, schritt er auf und ab und rezitierte den Zauberlehrling oder Goethes Faust.
Über eine stille Natur zu verfügen bietet durchaus Vorteile. Mir wird oft Unterhaltung von Leuten geboten, die glücklich sind, weil ich ihnen zuhöre.
Nicht nur Eltern prägen ihre Kinder. Auch Erzieher üben einen bleibenden Einfluss aus.
Mein Lehrer sorgte für einen permanenten Angstpegel und lehrte uns, über den eigenen Schatten zu erschrecken.
Titus, er hieß tatsächlich wie ein römischer Imperator, hatte einige Zeit im Befriedungseinsatz in Korea verbracht. Andere Schüler ackerten Fauna und Flora der heimatlichen Scholle durch, wir wurden detailliert in die Folgen eingewiesen, sollten wir in Indonesien in eine Schlangengrube geworfen werden. Ihm verdanke ich, dass ich beim Anblick einer Blindschleiche zu atmen vergesse und mich Fotos von Schlangen erstarren lassen.
Er klärte uns so detailliert über die Foltermethoden der Asiaten auf, dass bei der bloßen Erwähnung des Kontinents vor meinem inneren Auge ein an einen Baum gefesselter Soldat erscheint, der von roten Ameisen aufgefressen wird.
In die Pause führte er uns im Gleichschritt: „In Zweierkolonnen antreten. Marsch! Links recht, links rechts.“ Geriet ein Kamerad aus dem Tritt, bekamen wir kollektives Pausenverbot. Was meistens eintrat.
Die Turnstunde fand auf dem benachbarten Kasernenareal statt. Hier jagte uns der Lehrer über einen Hindernissparcour, der für Rekruten gedacht war. Nur, dass wir gerade mal zehn Jahre alt waren. Mit Hilfe von Höhenkurven lernten wir Kartenlesen und trainierten an Steilwänden, uns abzuseilen. Er vermittelte uns eine militärische Ausbildung. Was sonst noch auf dem Schulplan stand, prügelte er uns ein.
Zuhause erzählte ich wenig, denn mich quälte das Wissen, eine miese Schülerin zu sein, da ich im Militärparcours versagte.
Ich war zehn Jahre alt, als ich lernte, alleine mit dem Schmerz umzugehen. Vater erkrankte an einer Depression und Mutter reagierte darauf auf ihre eigene Art: Sie flüchtete sich ihrerseits in Krankheiten.
Wie die meisten Kinder spazierte ich von der Schule nach Hause, als hätte ich alle Zeit der Welt. Begeistert rannte ich los, als ich einen Krankenwagen vor unserem Haus sah. Was für ein Glück, hautnah eine Katastrophe mitzuerleben!
Doch es war meine Mutter, die sie einluden.
Niemand erklärte mir, was geschehen war und keiner fragte, ob ich Trost brauchte.
Die Schuld suchte ich bei mir und nahm an, meine Mutter habe mich sattgehabt. Alleine und verängstigt vergrub ich mich im kindgerechten Zimmer mit der Märchentapete, der rosa Rüschendecke und den dazu passenden Vorhängen, und drückte Parzival, meinen malträtierten Teddy, an mich. Ich weinte aus tiefster Seele. Es schüttelte mich, und ich schrie meine Verlassenheit hinaus, doch niemand erschien.
Wissen, keine Hilfe zu erhalten, verkroch ich mich noch tiefer in mich und hörte damit auf, Hilfe zu erwarten.
Die Zeit des Narren war vorüber und die nächste Karte übernahm.
„Die Hohepriesterin“. Sie lehrte mich, auf die Intuition zu achten.
Nach Vaters Genesung zogen wir in eine andere Stadt, weg von Titus. Kein Lehrer nach ihm vermochte noch Respekt in mir zu erzeugen, was sich negativ im Zeugnis niederschlug.
Bildung war für mich bloß eine lästige Begleiterscheinung der Kindheit, für die ich keine Zeit opfern wollte.
Dubrovnik, 2. Oktober
George Bernard Shaw schrieb: „Wer das Paradies auf Erden sucht, sollte nach Dubrovnik reisen.“
Die Stadtmauer wurde im 13. Jahrhundert vollendet. Sie erreicht eine Länge von 1940 Metern, eine Höhe von 25 Metern und ist bis zu sechs Metern breit. Darüber wälze ich mich in einer Masse von Touristen. Manchmal erhasche ich einen spektakulären Blick über Dalmatien, doch meistens kämpfe ich um einen sicheren Platz für meine Füße auf Schwellen, die während Jahrhunderten durch zahllose Fußtritte abgeschliffen und poliert wurden.
„Nicht alles war schlecht im Sozialismus“, erklärte mir Aram einst. Sicher hatte er damit gemeint, dass es damals noch Platz auf der Mauer gab, um sich hinzusetzen.
Ich sehe ein kleines Tor. Eine steile Treppe führt auf eine Plattform, und ich bin alleine. Fast, denn ein Einheimischer sitzt an einem Tisch und bietet mir Tee an.
Schlaf brachte mir die erste Nacht wenig. Einsam fühlte ich mich. Sie hatte sich anders entwickelt als in meiner überbordenden Fantasie.
An diesem Ort bin ich ihm nahe. Hier kämpfte er vor mehr als 40 Jahren gegen imaginäre Gegner und trainierte für seine neue Schule, die sich nicht wie erhofft als Schwertkampfausbildungsstätte erwies, sondern als Drillanstalt für Knaben.
Das wilde Kind mit Kriegergenen bis unter die Schädeldecke wurde gezähmt. Teilweise.
Heute sind seine Gene schwächer geworden, doch noch immer bestimmen sie sein Denken. Krieger akzeptieren nur Sieg oder Niederlage, schwarz oder weiß, ja oder nein. Zuerst der Kampf, dann das eigene Leben. Sie sind nicht die einfachsten Partner, dafür der Liebe treu bis in den Tod.
Der Magier, Karte I der Heldenreise
Wie oben, so unten.
Alle Völker besitzen in der Mythologie zwei Elternpaare. Die Himmlischen sowie die Irdischen. Sie verkörpern die Polarität. Urprinzipien wie männlich – weiblich; hell – dunkel; Gut – Böse; Yin - Yan.
Der Magier gilt als unser göttlicher Vater. Er besitzt die magischen Werkzeuge des Tarots, welche die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde symbolisieren, unsere Bausteine der materiellen Welt, und verkörpert den aktiven Teil in uns. Die Karte erscheint, um dem Leben eine Richtung zu geben, Ziele zu setzen, Einsichten und Ideen zu erlangen.
Unseren Weg starten wir mit den Werkzeugen, die uns der Magier zugeteilt hat. Auf ihrer Heldenreise fallen die einen durch die Maschen des Glücks, andere werden von Personen geleitet, die sie weiterentwickeln oder in ein psychisches Gefängnis sperren, aus dem sie nicht mehr herausfinden. Oft erreichen nur diejenigen ihr Ziel, die über Kraft und Willen verfügen.
***
Aram
Aram erhielt alle Werkzeuge des Magiers. Die Entbehrungen lehrten ihn Bescheidenheit, die Armut verlieh ihm einen eisernen Willen.
Mit zwölf Jahren verließ Aram seine bisherige Welt, um eine fremde zu betreten. Schweren Herzens ließ er eine weinende Mutter, wehklagende Tanten und erleichterte Onkel zurück, die ihn mit vielen Anweisungen in einen Zug steckten.
„Vergiss nicht, wo immer du auch hingehst, du bleibst für alle Zeiten mein Sohn. Versprich mir, dass du zurückkommst, sobald du deine Schule beendet hast“, schluchzte seine Mutter.
Alle drückten sie ihren Liebling, diesen Teufel, den sie insgeheim bewunderten, fest an die Brust.
Vom ersten Anblick an liebte er Kroatien. Obwohl noch ein Kind, war er bereits fähig, die außergewöhnliche Schönheit dieser Landschaft aufzunehmen.
An den Wochenenden wurde Dubrovnik sein Zuhause, denn seine Schule war nicht weit davon entfernt, und hier wohnte einer der zahlreichen Verwandten.
In den 60er Jahren startete in Europa eine neue Völkerwanderung. Nicht die Hunnen vertrieben die Völker, sondern der Hunger. Oft nur mit einem Gebet im Gepäck verließen sie ihre Heimat. Jeder Mensch besitzt das Recht auf einen Platz an der Sonne, und Arams Familie lebte auf der Schattenseite. Alles, was sie besaßen, waren viele Kinder und leere Mägen. Auch sie suchten eine Zukunftsperspektive und strebten nach ein bisschen Glück.
Zuerst verteilten sich die Albaner in Jugoslawien, bevor etliche weiterzogen. Mit ihnen verließen nicht nur die Guten ihr Land.
Tito verspürte den Wunsch, den Staat verbrecherfrei zu halten. Das war schwierig, denn Jugoslawien neigte dazu, die brutalsten Kriminellen hervorzubringen. Tito schloss mit der Unterwelt einen Pakt: „Ihr könnt nach Belieben agieren, und wir drücken beide Augen zu. Aber arbeitet gefälligst im Ausland.“
Gewalt war nicht erwünscht. Es sei denn, sie wurde vom Staat ausgeübt. Die Verbrecher durften jederzeit straffrei zurückkehren. Sie bauten prunkvolle Häuser an der Adria, wo sie sich von ihren anstrengenden Geschäften im nahen Ausland erholten. Doch vor allem brachten sie Devisen und spendeten an die richtigen Stellen.
In den Westen kamen Männer, die unter unsäglichem Heimweh litten und auf den Bahnhöfen herumstanden, um mit den abfahrenden Zügen zu träumen.
Von der Wirtschaft gewünscht, von der Bevölkerung verachtet, denn der Westen bewundert gerne diejenigen, die es zu etwas gebracht haben und nicht, wer noch mehr leisten muss, nur um zu überleben.
Auch seine Familie verteilte sich, wodurch er an den Wochenenden bei einem Onkel in Dubrovnik wohnen durfte. Mitglieder einer Großfamilie mit eisernem Gastgebergesetz finden überall Unterschlupf. Drei Monate ließen sie ihm Zeit, im zwanzigsten Jahrhundert anzukommen und Kroatisch zu lernen, bevor die Schule begann.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er seine Armut mit stoischem Gleichmut ertragen. Er hatte sich nie nach einem anderen Leben gesehnt. Er kannte kein anderes. Doch jetzt beanspruchte er den Magier. Er verlangte mehr und erhielt es in Form von Hosen, die bis zu den Knöcheln reichten, und von Schuhen, seinen ersten Schuhen. Mit ihnen an den Füssen konnte er sogar schmerzfrei Fußball spielen.
Durch diesen unglaublichen Reichtum litt er nie unter Heimweh.
Stolz auf seine Füße blickend erkundete er die Gegend. Die setzen doch tatsächlich in der Stadt Stühle hin!
Er beschloss, seinem Onkel eine Freude zu bereiten und ihm eine Bank mitzubringen. Da sie sich nicht abmontieren ließ, auch nicht mit Kraft, legte er sich erstmal hin. Den Blick durch die Bäume gegen den Himmel gerichtet verspürte er ein Glücksgefühl, das er fest in sich einschloss.
Die Stadtmauer war sein neuer Spielplatz. Die ideale Kulisse für einen Jungen mit Kriegergenen, um seinen Fantasien freien Lauf zu lassen und die Festung vor imaginären Feinden zu verteidigen. Ununterbrochen rannte er den zwei Kilometer langen Wehrgang entlang. Überzeugt davon, an der Kadettenschule im Schwertkampf ausgebildet zu werden, begann er schon mal zu trainieren, und suchte sich dafür die taktisch vorteilhaften Stellen aus.
In seinen Gedanken wurde er zu Achilles, zu Jason, zu Hektor, ohne je von ihnen gehört zu haben, denn Mythen entspringen dem Unterbewusstsein. Er begab sich auf die Suche nach dem goldenen Fließ, und seine Argonauten folgten ihm bedingungslos.
Die Mädchen auch. Langsam erblühten seine Hormone und zu den Träumen gesellte sich eine wunderbare Frau.
Von sanftmütigem Wesen war sie, so blond wie er schwarz, herrlich duftend erwartete sie ihn, wenn er siegreich aus der Schlacht zurückkehrte. Niemand würde es wagen, ihr zu nahe zu treten, denn sein Schwert wäre bekannt. Für keinen König würde er so erbittert kämpfen wie für sie, seine Königin.
Genügend Zeit für Träume besaß er. Er musste nicht mehr auf dem Feld arbeiten, keinen blöden Büffeln nachrennen, nur weil er kurz anderweitig beschäftigt war. Alles versetzte ihn in Euphorie. Das herrliche Panorama über dem Meer, die aromatischen Düfte, die Männer in den Kaffees, die darauf warteten, dass ihre Frauen gekocht hatten.
Drei Monate gewährten sie ihm, in der fremden Sprache Fuß zu fassen. Arams Onkel fotografierte jeden Gegenstand und notierte auf der Rückseite des Bildes das betreffende Wort auf Kroatisch. Diesen Stapel trug er immer bei sich und büffelte auf Parkbänken, denn lernen war seine zweite Leidenschaft.
Bald besaß er eine Menge Spielkameraden aus jeder Glaubensrichtung. Niemand kam auf den Gedanken, ihnen den Umgang untereinander zu verbieten. Ethnien oder Religionen waren bedeutungslos. Sie wuchsen zusammen auf, spielten zusammen, feierten zusammen.
Nach drei Monaten steckte ihn sein Onkel mit denselben Anweisungen, die er schon in seiner Heimat über sich rieseln ließ, in den Zug. Die so ersehnte Internatsschule begann.
Wieder begleitete ihn niemand bis zum Zielort. Dazu bestand auch keine Notwendigkeit, denn wer in der Wildnis aufwuchs, verfügte über ein eingebautes GPS.
Die neue Stadt versprach aufregendes. Vor allem Bänke, die getestet werden mussten. Weil sie sich so herrlich anfühlten, übernachtete er darauf, und am nächsten Morgen erkundete er erst mal die Stadt, bis es Zeit für eine weitere Nacht auf einer Bank wurde.
Ohne jegliches Schuldgefühl trudelte er mit zwei Tagen Verspätung in der Schule ein. Nicht ganz freiwillig, die Polizei half ein wenig nach und bald wurde ihm klar, dass seine erste Lektion nicht wie erwartet am nächsten Morgen im Schulzimmer stattfand.
Trotz der Abstrafung wähnte er sich im Paradies. Lediglich ein wenig Bauchschmerzen plagten ihn zu Beginn, da er zu hastig und ohne Grenzen aß. Es dauerte seine Zeit, bis er begriff, dass er sich jeden Tag satt essen durfte.
An einem Tisch zu sitzen hatte er bereits beim Onkel gelernt, doch das Besteck hielt er wie Heugabeln in den Händen. Er verstand es besser zu kämpfen, als mit Messer und Gabel umzugehen.
Was die verwöhnten Kinder aus gutem Hause als eine düstere Anstalt ansahen, bewunderte er als üppige Pracht. Die Schüler weinten in der Nacht, er schlief selig, denn mit 80 Kindern in einem Raum zu liegen, kannte er bereits. Bitter klagten die Schüler über die harten Betten mit Kissen aus Stein.
„Willst du meins? Es fühlt sich an wie eine Wolke. Ich schlafe auch gerne auf dem Boden“, bot er ihnen an.
Die Tradition der Älteren, Neuankömmlinge zu piesacken, schaffte er gleich in der ersten Nacht ab.
Weil ihnen seine wilden Locken missfielen, drangen sie in der Nacht in den Schlafsaal der Jüngsten ein. Sie waren zu fünft. Vier sollten ihn festhalten, während ihm der Fünfte den Kopf rasierte. Es kam anders. Am nächsten Tag versuchten sie, ihre mehr oder minder starken Blessuren zu verheimlichen. Aram allerdings hatte kaum welche, und seine Locken wurden zu gegebener Zeit ordentlich vom Hausfriseur gestutzt.
Durch den neu erlangten Respekt bei seinen Kollegen besaß er ein hochgehandeltes Tauschmittel: Kampfbereitschaft gegen schulisches Wissen.
Jugendliche aus allen Landesteilen und kulturellen Schichten waren seine Kameraden. Von ihnen lernte er, Dialekte auseinanderzuhalten und nachzusprechen, eignete sich Redewendungen an, die weder in Wörterbüchern zu finden waren, noch sich übersetzen ließen. Er verinnerlichte sich Sprachmelodien, die auf keiner Universität gelehrt wurden, die jedoch unverzichtbar waren, wollte er als einer von ihnen gelten.
Dank seiner Beobachtungsgabe erkannte er, dass jede Herkunft eine eigene Körpersprache auswies. Aram begann, die Ausdrucksweise und Haltung anderen Kinder zu imitieren, wobei er sein schauspielerisches Talent entdeckte.
Wie ein Schwamm sog er alles Wissen auf. Sein Verstand arbeitete doppelt so schnell wie der der Mitschüler, und Informationen verschlang er wie andere Süßigkeiten. Aus jeder beantworteten Frage entstanden vier Neue. Er lernte nicht für die Schule, er lernte für sich. Auch wenn er sich von den anderen abzuheben begann, weil seine Leistungen bald über dem Durchschnitt lagen, so unterschied ihn in der körperlichen und charakterlichen Entwicklung nichts von den anderen Jungs. Auch er mühte sich mit den typischen Problemen seiner Altersgruppe ab: Pickel, Liebeskummer, Lehrer.
Und bald wurde er zum stolzen Träger des wichtigsten Pokals: Er siegte im Wettbewerb als Frauenheld.
Mit 18 Jahren schloss er die Schule ab, in der Kinder zu Soldaten gedrillt und ihnen eingeimpft wurde, dem Vaterland mit Hingabe bis in den Tod zu dienen.
Aram absolvierte anschließend die Rekrutenschule, wobei er für zwölf Monate verpflichtet wurde. Ein Jahr lang unterwiesen sie ihn im perfekten Putzen.
Im Osten lernen die Rekruten, Bügelfalten so zu bügeln, dass sie damit Zwiebeln schneiden können, die Schuhe so blank zu polieren, dass man sich darin spiegelt. Den Umgang mit Waffen beherrschen sie seit ihrer Kindheit. Ist Teil ihrer DNA.
Im Westen lernen die Rekruten, eine Waffe zu laden, ohne sich dabei selbst zu erschießen. Ordnung zu halten beherrschen sie seit ihrer Kindheit. Ist Teil ihrer DNA.
Im Militär wird beides benötigt.
Sie polierten, marschierten, salutierten und versuchten, irgendeinen Sinn darin zu finden. Aram langweilte sich. Exerzieren kannte er bereits seit seinem 12. Lebensjahr.
Ein weiterer Schwerpunkt seiner Ausbildung war das Abzählen der Granaten in russischer Sprache. Sie zu handhaben bereitete weniger Schwierigkeiten, einfach wie Steine werfen. Eine Technik, die seit Jahrhunderten im Osten perfektioniert wurde.
Mit 19 Jahren begann Aram in der Militärakademie mit der Ausbildung zum Elitesoldaten und Offizier. Diese war anspruchsvoller als das Polieren von Schuhen.
Die Werkzeuge, die ihm der Magier mitgab, hatte er getestet und seinen Platz gewählt. Jetzt beanspruchte er einen Meister, der ihn ausbildete.
Die Hohepriesterin, Karte II der Reise
Die Symbolik führt uns zurück in eine Zeit, in der sich die Menschen dem Ursprung nahe fühlten. Damals herrschte SIE, die große Göttin, Mutter allen Lebens, Herrin der Tiere, des Korns und der Fruchtbarkeit.
Das Männliche gilt für das Trennende, das Weibliche für das Verbindende. Weibliches Denken ist mit Gefühlen verbunden, männliches auf Eindeutigkeiten ausgerichtet.
Es ist die Karte des Unbewussten, der Heiler und Seher. Die Karte der nicht erklärbaren Kräfte, der Weisheit, der Intuition. Die hohe Priesterin ist empfänglich und meditativ. Sie ermahnt uns, aus der Tiefe der Seele zu schöpfen. Aus der Stille vermögen wir die Probleme, mit denen wir kämpfen, in einem anderen Licht zu sehen. Sie erschließt verborgene Talente und Gaben.
***
Mara
Die Oberstufe bescherte uns eine Lehrerin, die wir als unausstehlich altmodisch empfanden. Für sie waren Frauen in Hosen der Beginn des Zerfalls von Anstand, und entschlossen kämpfte sie gegen die Invasion der Sittenlosigkeit. In Jimmy Hendrix sah sie den Anti-Christen, der den Untergang des christlichen Abendlandes einläutete. Die Jugendzeitschrift „Bravo“ galt als ein Werk des Teufels.
Sittsam rodelten wir im Winter im Rock den Hang hinunter, und auf der Schulreise kletterten wir im Faltenjupe über einen Gletscher, wobei uns die Jungs den Vortritt ließen.
Ich beschloss, sie nicht zu mögen, was auf Gegenseitigkeit beruhte. Zum Glück bestand die Schule nicht nur aus dem „Fräulein“, wie wir sie respektvoll anreden mussten. Da ich dort auch auf Freunde traf, fand ich sie ganz erträglich. Zudem bot sie mir die Gelegenheit, mir mein Soll an sozialen Begegnungen zu erarbeiten, weil mir das Leben in den Büchern dazu keine Zeit ließ. Während den Schulstunden pflegte ich mein Netzwerk, indem ich Zettelchen herumreichte.
Die Schulfächer Geschichte und Deutsch entschädigten mich für weitere Unannehmlichkeiten. Bei den übrigen schaltete ich ab, bis das Gesicht der Lehrerin verschwand und nur noch Geräusche zu hören waren. War die Stunde um, hatte ich mich mit Helden umgeben und mich im Labyrinth meiner Gedanken verloren.
Fremdsprachen hasste ich und fand wirklich keine Zeit, Vokabeln zu büffeln. Meine Fantasiewelt und Bücher beanspruchten mich bereits rahmenfüllend. Ich hatte begonnen, richtige Romane zu lesen. Die von der Art, die möglichst niemand bei mir finden sollte.
Die erzwungenen Samstagnachmittage bei den Pfadfindern empfand ich als verlorene Zeit, und auch andere organisierte Gruppentätigkeiten waren für mich höchst lästig.
Tagträume gehörten weiterhin zum Alltag, aber nicht mehr ausschließlich. Ich vollzog eine Abspaltung. Danach zwei Existenzen zu führen, war zeitaufwendig.
Schreiben liebte ich. Fräuleins Aufforderung, unsere Berufswünsche auszudrücken, befolgte ich begeistert.
Tags darauf retournierte sie die Aufsätze. Damit ließ sie uns nie lange im Regen stehen. Wie hätte sie auch sonst ihren Abend füllen sollen?
Mit dem Stapel Hefte in der Hand schritt sie den Gang zwischen den Bänken entlang, bekleidet mit dezentem Twin-Set aus Kaschmir, das von einer Perlenkette veredelt wurde und kariertem Faltenrock. Die Füße in beigen Gesundheitsschuhen, das Haupt gekrönt mit Lila getönter, exakt modulierter Frisur, die mich an einen Entenpopo erinnerte.
Damit wir auch informiert blieben, wer hervorragend abgeschnitten und wer versagt hatte, verteilte sie die Prüfungen dem Rang nach, der sich nie veränderte.
„Sehr gut. Lukas. Du möchtest in die Fußstapfen deines Vaters treten und Bundesrichter werden. Lobenswert.“
Lukas senkte peinlich berührt den Kopf.
„Wie immer präzise, Esther. Du wirst bestimmt eine ausgezeichnete Lehrerin.“
Der harte Kern unserer Clique bezweifelte das keinesfalls. Sie war jetzt schon gekleidet wie das Fräulein.
Und ganz zum Schluss knallte sie mir das Heft hin mit den Worten: „Du willst Autorin werden, hä? Dazu benötigst du aber mehr als nur die zwei halben Sätze, die du zustande bringst.“
Sie verstand sich nicht gut mit meinem Vater, was alles erklärte.
Leider glaubte ich ihren Worten und beschloss, mich einem Beruf zuzuwenden, der über bereits geschriebene Bücher verfügte.
Die mögliche Berufswahl interessierte uns ohnehin nicht ernsthaft. Sie war bloß eine natürliche Abfolge der Entwicklung: Schule, Beruf, Heirat, Kinder. Wir hatten sogar schon Namen für den Nachwuchs, sammelten Fotos von Brautkleidern für unsere Traumhochzeit, und erforschten in ersten Versuchen das andere Geschlecht. Dabei bewerteten wir die Jungs auf einer Skala von eins bis zehn.
Auf der Skala der Gegenpartei hatte ich einen gehobenen Stellenwert, aber mich fesselte nur der zukünftige Bundesrichter. Die anderen Mädchen auch. Wir prügelten uns beinahe darum, wer sich neben ihm aufhalten durfte. Lukas verteilte seine Aufmerksamkeit wechselnd, so dass ich früh in die Leiden der Liebe eingeführt wurde.
Im dritten Jahr stand ein Besuch bei der Berufsberatung auf dem Schulplan, in Begleitung der Eltern. „Eltern“ hieß in meinem Fall „Vater“. Mutter fühlte sich nie angesprochen.
Nach Tests, bei denen meine Stressresistenz geprüft wurde, da mir mein Vater über die Schulter guckte, bemerkte ein besorgter Psychologe: „Das Mädchen ist nicht geerdet. Sie zeichnet den Baum ohne Wurzeln. Und was die fehlenden Blätter bedeuten, kann ich nicht entschlüsseln.“ Besorgt schüttelte er den Kopf.
Da ich im Erarbeiten solcher Tests noch jungfräulich war, nahm ich an, meine künstlerischen Fähigkeiten würden getestet. Detailgetreu kopierte ich die Eiche vor dem Fenster und zufällig war es Winter, womit Blätter überflüssig wurden. Dieser Fehler unterlief mir kein zweites Mal. Von diesem Tag an konnten sich meine Bäume auf überlange Wurzeln verlassen.
„Was sind deine Wünsche, was hast du für Pläne?“, fragte der Beauftragte des BIZ.
„Ich möchte Bibliothekarin werden“, teilte ich bestimmt mit. Autorin fiel ja weg.
Entsetzt rief er: „Willst du wirklich ein vertrockneter Blaustrumpf werden, so eine alte Jungfer?“
Anscheinend hatte er traumatisierende Erfahrungen mit Bibliothekarinnen hinter sich. Als Jungfer wollte ich mit Bestimmtheit nicht enden, und auch meinem Vater gelang es nicht mehr, diese Aussage gerade zu biegen.
In der Stammbuchhandlung meines Vaters absolvierte ich daraufhin eine Schnupperlehre. Da ich mich sittenwidrig benahm, bekam ich die Lehrstelle nicht. Mein Vergehen war das Aufeinandertreffen mit meinem Nachbarjungen, der mich abends vor dem Geschäft abpasste. Er langweilte sich ohne mich. Ein fünfzehnjähriges Mädchen, das bereits Umgang mit Jungs pflegte, war für den Ruf der Buchhandlung nicht tragbar.
Es war wirklich an der Zeit, die 68-iger Revolution vom Stapel zu lassen.
Vater suchte sich eine neue Stammbuchhandlung, und ich wurde auf Anraten von Fräulein, wenn auch widerwillig, für die Aufnahmeprüfung des Gymnasiums angemeldet.
„Sorgen Sie dafür, dass Mara endlich lernt“, war ihr Rat an Vater gewesen.
Ich? Lernen? Ja wann denn? Wie denn?
Über Jahre hatte ich es zustande gebracht, nur selten meine Hausaufgaben zu erledigen. Eigentlich bemerkenswert.
Ich bestand nicht und durfte das Fräulein noch ein weiteres Jahr ärgern.
„Mara, hör auf, mit dem Stuhl zu wippen. Konzentrier dich. Hast du nichts aus deinem Scheitern bei der Prüfung gelernt?“
Diesen Satz hörte ich vom Fräulein verlässlich bis zum letzten Schultag.
Weiterhin überraschte sie uns mit unangemeldeten Tests oder mit Arbeiten, für die wir keine Gelegenheit bekamen, uns vorzubereiten.
„Nehmt eure Deutschhefte hervor. Wir beschreiben den Traum der letzten Nacht“, eröffnete das Fräulein die Deutschstunde.
„Wieso wir?“, fragte ich meine Banknachbarin. „Schreibt die Kuh auch? Träumen Kühe überhaupt?“
„Mara! Willst du, dass ich deinem Vater melde, dass du den Unterricht störst?“
Wollte ich nicht. Meine Generation fürchtete noch die elterliche Strafpredigt.
Während Fräulein die Gänge auf und abschritt, damit alles seine Richtigkeit behielt, begannen wir, unseren Traum zu schildern.
Meine Kollegen verdrehten die Augen - mehr Tumult wurde nicht zugelassen – nur ich schrieb begeistert. In der vergangenen Nacht hatte ich von einem Jadeskarabäus geträumt, der sich im Besitz meiner Großmutter befand.
Er erschien mir oft im Traum und es fühlte sich nie wie eine Illusion an. Es fühlte sich an wie die Wirklichkeit - die Geschichte vom ersten Skarabäus.
Mein Name ist Majda und ich lebe zur Zeit des großen Pharao Horemheb I. Vor mir sehe ich den Tempel der hunderttorigen Stadt Theben.
Die Größe des Tempels und sein unermesslicher Reichtum beeindrucken mich zutiefst. Um mich herum drängen sich unzählige Personen aus allen Gesellschaftsschichten, Hautfarben und verschiedenen Sprachen nach vorne, die für ihre Geschäfte beten und Gott Amun danken, indem sie ihm Geschenke niederlegen. Diese Pracht, die wertvollen Schätze, der Duft der Öle und Weihrauch überwältigen mich. Priester mit Goldfäden durchwirkten Gewändern und Edelsteinen besetzten Kragen sorgen für Ordnung. Die Macht der Priester ist gewaltig. Sie deuten Träume, prophezeien Voraussagungen über die Ernte und warnen vor Katastrophen.
Auch ich bin hier, weil ich zu den Göttern beten möchte, damit sie mir meinen Gatten heil zurückbringen. Heute Morgen legte ich mir den besten Kragen um und salbte mich mit teuren Ölen, um die Götter nicht zu erzürnen.
Nachdem der alte Pharao gestorben ist - die Götter mögen ihm gnädig sein und ihm den Zutritt ins Land des ewigen Lebens gewähren - haben Unruhen das schwarze Land erreicht. Die angrenzenden Völker greifen uns an. So geschah es immer nach dem Tod eines Herrschers und so wird es immer sein, denn der Mensch ändert sich nie, nur seine Kleidung, die Art zu leben oder seine Sprache wechselt.
Mein Mann wird sie zurückdrängen. Er gilt als der fähigste Heerführer Ägyptens. Furchtlos wie ein Löwe ist er, bissig wie eine Schlange und misstrauisch wie ein Schakal. Nur zu mir ist er sanft wie eine Taube.
Bevor er mich verließ, übergab er mir ein Geschenk. Ein Skarabäus aus wertvollem Jadestein, den ich jeden Tag ehre, mit teuren Ölen salbe und in meinem Grab unter den Leinenbinden auf dem Herzen tragen werde.
Meine Eltern sind nicht reich, aber auch nicht arm, wir besitzen Nahrung, Kleidung und Ehrfurcht vor den Göttern. Mein Vater arbeitet als Schreiber von Totenbüchern. Ein anständiges Totenbuch kostet sechs Monatslöhne, aber seine Kunden sind nicht in der Lage, viel zu bezahlen, denn sie haben nicht genug zum Leben. Mein Vater hat Mitleid mit ihnen. Wer kein Totenbuch im Grab hinterlegt, hat keine Anleitung, wie sein Leben im Jenseits verlaufen soll. Er braucht diese Zaubersprüche und Beschwörungsformeln gegen die bösen Geister auf der Reise ins ewige Leben.
Durch meine Heirat hat sich unser Dasein verbessert. Jetzt wohnen wir in einem Haus aus Stein mit etlichen Zimmern und nicht mehr in einer Lehmhütte. Meine Mutter bezahlt eine Wäscherin und Wasserträger, die ihr das beste Wasser aus dem Nil in die Küche tragen.
Vor dieser Zeit sind wir jeden Morgen in der kühlen Stunde zum Nil gelaufen. An einer geschützten Stelle, an der weder Krokodile noch die Blicke der Männer uns störten, badeten wir. An einem Tag ließ meine Mutter mich alleine, denn sie stand unter dem Bann des roten Mondes.
Als ich das Wasser verließ, sah ich ihn. Schön wie ein Gott wartete ein junger Mann auf mich, umgeben vom strahlenden Licht der in seinem Rücken aufgehenden Sonne. Er trug einen Speer in der Hand, was ihn als Soldaten des Pharao auswies. Ich fürchtete mich nicht, sondern fragte ihn nach seiner Herkunft, denn er sah anders aus als unsere jungen Männer. Seine Gestalt war kraftvoll wie die eines Löwen und seine Blicke blitzten. Neidisch dachte ich an die Frauen, denen er die Einsamkeit vertrieb. In gebrochenem Ägyptisch, das von fremden Worten durchsetzt war, sagte er: „Ich komme aus Syrien. Mein Name ist Ariid der Kampfkommandant.“
„Du bist kein Kommandant, du trägst einen Speer, keine Peitsche, schon gar nicht eine goldene“, antwortete ich verärgert.
„Du verstehst nicht. Ariid der Kampfkommandant. So lautet mein Name. Ich bin hier, um mich in die Dienste des Pharaos zu begeben. Ein Traum hat es mir befohlen. Darum bin ich in das Haus des Lebens eingetreten, um das Handwerk der Offiziere zu erlernen.“
Misstrauisch musterte ich ihn. „Was ist mit deinen Füßen geschehen?“
„Sie steckten sie in Sandalen, die ich nicht gewohnt bin. Sie sind voller schmerzender Blasen.“
„Komm mit mir, ich verstehe mich auf die Kunst des Heilens.“
Es stimmt, ich besitze das Wissen, das mich unter Berücksichtigung des Standes vom Mond und den Sternen Kräuter für die Zubereitung von heilenden Extrakten pflücken lässt. Ich kenne auch die richtigen Zaubersprüche, wenn die Tinkturen nicht helfen.
Doch in Wahrheit wollte ich den jungen Gott nicht mehr ziehen lassen. Dieser Mann gehörte zu mir.
In unserem Haus wurde er zuerst mein Patient, dann mein Geliebter. Als seine Wunden geheilt waren, verließ er mich mit schwerem Herzen.
„Ich weiß, dass ich als Befehlshaber über viele bestimmt bin. Ägypten und Syrien werden mich brauchen. Ein Traum hat es mir erzählt. Gib mir ein Mittel, mit dem ich meine Liebe besiegen kann, eins, das mein Herz zu Stein macht und mir Ruhe vor dir schenkt, damit ich ins Haus des Lebens zurückkehren kann und zum Offizier ausgebildet werde“, bat er mich.
Ich gab ihm eine Medizin, aber ich log ihn an. Es war Granatapfeltee.
Jeden Morgen erwachte ich, wenn Amun in seiner goldenen Barke über den Himmel ruderte, doch trotz der Sonnenstrahlen war mein Herz kalt wie Asche. Nur in Ariids Armen fühlte ich grenzenloses Glück.
Erst viele Monde später sah ich ihn wieder. Schließlich kam der Tag, an dem er in königlichen Linnen gekleidet, mit durch eine schwere Goldkette geschmücktem Hals und einer Peitsche in der Hand - das Zeichen für die erlangte Offizierswürde - in unsere Lehmhütte trat. Er legte meiner Mutter sein Kleiderbündel vor die Füße, wodurch wir als verheiratet galten.
Ein Offizier verdient gutes Gold. Er kaufte uns ein geräumiges Haus und für die Eltern das kostbarste Gut: eine Grabstätte. Damit war ihre Unsterblichkeit, ihr Sein im ewigen Leben gesichert.
Ariid und seine Soldaten bewachten den Pharao. Seit 40 Jahren herrschte kein Krieg mehr. Inzwischen fürchtete Ariid einen Angriff, weil seine Männer schwach und verweichlicht waren und nicht mehr zu kämpfen vermochten.
Doch dann bat Syrien um Hilfe, um die Wüstenvölker zurückzudrängen. Ariid trieb seine Soldaten unbarmherzig durch das heiße Land, damit sie zu erschöpft waren, um vor der Schlacht zu fliehen.
An der Spitze seiner Armee führte er die Männer gegen den Feind. Er war furchtlos, denn sein Gott schützte ihn, da er noch für große Taten gebraucht wurde.
Als Held und als Sieger kehrte er zurück. Seither trägt er eine goldene Peitsche und Sandalen mit golddurchwirkten Riemchen, die ihn als Heerführer ausweisen.
Doch Ariid zog erneut in den Krieg. Nubien greift uns an.
Ich fürchte mich, denn nie würde sich Ariid, wie das bei Führern üblich ist, in einer Sänfte hinter dem Heer hertragen lassen. Deshalb bete ich im Tempel.
Fräulein beurteilte den Aufsatz als: „Absoluten Blödsinn.“
Zusammen mit dem ersten Hormoncocktail wurde nicht nur ich reifer, sondern auch mein unsichtbarer Freund älter, und wir verliebten uns. Den ersten Kuss bekam ich von ihm, und er küsste herrlich. Er war mein unbesiegbarer Krieger, wurde zu einem jener Helden, mit denen ich aufwuchs. Verstohlen suchte ich auch außerhalb der Traumwelt nach ihm.
„Ich werde einmal einen schwarzhaarigen Mann heiraten“, erklärte ich meiner Mutter.
„Na ja“, antwortete sie. „In deinem Alter träumte ich von einem blonden Gladiatoren, und geheiratet habe ich einen dunkelhaarigen Schweizer.“
Mutter wuchs in Italien auf, was ihren Wunsch nach einem blonden Mann erklärte.
Demnach wäre meine Muttersprache Italienisch gewesen. Wäre! Leider benutzten meine Eltern sie nur, wenn sie sich uneinig waren. Das wiederum verstand ich bald und ich lernte ziemlich gut, auf Italienisch zu schimpfen; in Italien durchaus brauchbar. Die Muttersprache meines Vaters war hingegen Französisch, aber auch davon übernahm ich nur die wenigen Brocken, die in unseren Alltag Einzug fanden.
„Contenance, je te prie.“
„Devant! Devant les enfants.“
Im gleichen Alter, in dem Mädchen in anderen Kulturen bereits verheiratet waren, weil sie als reif für die Ehe erklärt wurden, sobald sie kochen gelernt hatten, suchten wir noch heimlich Antworten und fühlten uns dabei verderbt. Wir wurden nie aufgeklärt und es wurde mit aller Macht dafür gesorgt, dass wir das nicht selber tun konnten.
Meine Antworten suchte ich in Büchern, und diese begleiteten mich auch bis unter die Schulbank. In der Folge konfiszierte das Fräulein den Roman „Lady Chatterley“ mit deutlichen erotischen Passagen, die mich begeisterten. Damals galt das Buch als pornografisch und schaffte es bis vor Gericht. Eine unbezahlbare Werbung! Heute würde es bestenfalls als Diskussionsbasis für Zwölfjährige dienen.
Der von der freudig empörten Lehrerin herbeizitierte Vater fragte: „Wieso wissen Sie denn, dass es sich um Pornographie handelt?“
Nicht gerade eine diplomatische Meisterleistung.
In vielen Ländern gilt Sexualität als ebenso existentiell wie essen und trinken. Nur im Westen dezidierte sie die Kirche im Laufe der Jahrhunderten zur Sünde.
Da wir dieser Verlockung nur schwer widerstehen können, floss der Ablass zufriedenstellend. Auf diese Weise gewährleistete der Klerus das Fortbestehen der kirchlichen Pracht. Um mit gutem Beispiel voranzuschreiten, müssen bis heute die Würdenträger der katholischen Kirche durch das Zölibat leiden.
Mit der Zeit änderte sich auch bei uns dieses Dogma. Die sexuelle Revolution startete gerade rechtzeitig. Ich half eifrig mit, demonstrierte gegen Atomkraft und die Pelzindustrie, kleidete mich in scheußlich bunt gehäkelte Gewänder, knüpfte Makramee, flocht Blumen ins Haar und begann als Zeichen der Ablehnung des Systems zu Rauchen. Was ich am System ablehnte, wusste ich nicht so genau.
Die Hohepriesterin zeigte mir meine Intuition, die mich noch während vielen Jahren verwirrte, da ich alle von mir erahnten Vorkommnisse für eine Anhäufung von Zufällen hielt.
Sie schenkte mir die Gabe des Zuhörens, der Ruhe und des Beobachtens.
Dubrovnik, 3. Oktober
Nach einem kleinen Lunch mit schweizerischen Preisen besuche ich das Hotel Palais. Ende des 19. Jahrhundert erbaut, thront das Gebäude in einer Gegend mit prächtigen Villen. Die k. u. k. Monarchie lässt grüßen.
Die Luft ist mild und samtig, Citrus- und Feigenbäume tragen reiche Ernte. Im Garten, der sich über weitläufige Terrassen bis zum Meeresspiegel erstreckt, warten unter Pinienbäumen alte Steintische mit Bänken auf mich, Springbrunnen plätschern, und über eine steinerne Balustrade blicke ich aufs Meer. Für diesen Garten fällt mir nur ein Synonym ein: unglaublich schön.
Vor zwei Stunden bin ich mit arrogantem Schritt durch die Hotellobby stolziert und habe dabei kopfnickend irgendwelche Unbekannten gegrüßt, die unsicher zurück lächelten. Mein Plan ist aufgegangen. Kein Angestellter hat mich aufgehalten.
Hätte ich damals auf Fräulein gehört und gelernt, anstatt meine Zeit mit Träumen zu verbringen, könnte ich mir dieses Feriendomizil auch leisten. Vielleicht.
Manchmal überlege ich, für welchen Studiengang ich mich entschieden hätte. Je nach Lebenssituation verändern sich meine Interessen. Nur etwas bleibt konstant. Sprachen wären es mit Sicherheit nicht geworden. Wenn ich einmal mein Buch des Lebens Petrus übergebe und er mit gerunzelter Stirn ausruft: „Oje. Ach. Was hast du dir bloß dabei gedacht! Jetzt bleibt mir keine andere Wahl mehr, als dich mit einer besonders heißen Hölle zu bestrafen. 500 Jahre Sprachlabor!“, dann, ja dann, hat er mich unerträglich gebüßt.
Doch im Moment besitze ich kein Recht, hier zu sein. Trotzdem habe ich mich in die Zeit versetzt, als meine Großmutter in ihrer Kindheit in diesem Hotel ein paar Tage verbracht hat.
Mit ihren Augen habe ich den Park betrachtet, sie beobachtet, wie sie sittsam hinter ihrer Mutter her trippelt, die stets darauf bedacht ist, den Schatten nicht zu verlassen. Kein Flecken nackte Haut ist von ihrer Mama zu sehen. Sex ist tabu, jegliche Freude verboten, Kinder gelten nicht mehr als ein Statussymbol. Sie nicht hören, nicht sehen, nicht verhätscheln, ist die Erziehungsvorgabe, aber meine Großmutter hat trotzdem gemault. „Die gute alte Zeit“ war nie in ihre Erzählungen eingewoben. Von ihr hörten wir: „Als es noch keine Antibiotika gab und man an Zahnschmerzen starb. Als eine Krankheit nicht nur die Alten und Schwachen dahinraffte, sondern halb Europa. Als man von der Schulbank direkt auf die eheliche Matratze geworfen wurde. Was soll denn damals gut gewesen sein?“
Jede Bank habe ich getestet, auf jedem lauschigen Platz von der Vergangenheit geträumt. Und ich habe Liebespaare gesehen. In der Hauptsache Liebespaare. Hand in Hand oder eng umschlungen schlendern sie umher, küssen einander und vergessen die Welt.
Ich denke an den Mann, der mein Leben so süß gemacht hat. Süß trotz seiner Härte. Neben ihm fühlte ich mich stark, fühlte mich verrückt, das Leben knisterte vor Spannung. „Und was machen wir in Kroatien?“, fragte ich ihn.
„Uns lieben, bis wir die Augen für immer schließen. Auf einem Schaukelstuhl sitzen und uns erzählen, was für eine wundervolle Zeit wir zusammen hatten. Manchmal etwas turbulent. Ja. Aber schön war`s.“
Verzweiflung senkt sich über mich.
Jetzt habe ich mich bis zur Terrasse auf Meereshöhe vorgewagt. Augenblicklich erscheint ein beflissener Angestellter aus dem Nichts und bietet mir einen Liegestuhl mit Badetuch an. Warum nicht?
„Auf welche Zimmernummer darf ich Ihnen etwas zu trinken bringen?“
„Im Moment bezahle ich.“ Er bekommt ein großzügiges Trinkgeld. Während eine Meeresbrise durch mein Haar fährt, lasse ich mich müde in die Vergangenheit treiben.
Die Herrscherin, Karte III der Heldenreise
Als die Karten aufgezeichnet wurden, sahen wir auf ein anderes Weltbild.
Damals herrschte sie, die Mutter Erde.
Die Herrscherin verkörpert das Natürliche, der Herrscher das von Menschenhand Geschaffene.
Sie stellt die blühende Naturwiese dar; Er den Englischen Garten.
Sie ist der runde Zyklus, die Fruchtbarkeit; Er das Lineare, das Handeln.
Sie gibt Wärme durch Liebe; Er Schutz durch Stärke.
Sind beide Kräfte harmonisch miteinander verbunden, lebt der Mensch geschützt, geborgen und versorgt.
Die negative Herrscherin vermittelt falsche Schuldgefühle. Alle Lebensfreude wird im Keim erstickt, nur Verbitterung wird gefördert. Durch mütterliche Tyrannei sorgt sie für einen brodelnden Stau aus kranken Energien, der eines Tages wie ein Vulkan ausbricht.
***
Hugo
Das Buch des Lebens wird von deinen Eltern geschrieben.
Alles, woran wir glauben oder wie wir denken, wird durch sie geprägt. Wie wir unseren Hackbraten lieben oder uns bei schlechtem Wetter verhalten, haben wir von ihnen übernommen. Sie lehren uns zu lieben, zu lachen, und zu laufen.
Ihre Autorität kann übermächtig sein. Wem es in der Pubertät nicht gelingt, sich daraus zu befreien, verliert den Halt, sobald er als Erwachsener versucht, die Abspaltung aufzuarbeiten.
Hugo wurde von seiner Mutter zu einem Narzissten kultiviert. Manchmal, wenn alles zusammenbricht, wenn sein von ihm erschaffenes Selbstbild durchschaut wird, versucht er, aus dem Käfig zu entfliehen. Doch bisher gelang ihm immer nur, den Käfig zu wechseln.
Das Dilemma eines Narzissten ist die Angst vor Nähe und die Sehnsucht danach. Er sucht die Sicherheit und Geborgenheit eines warmen Nestes, um es danach zu zerstören. Das Leid zu sehen, dass er anderen zufügt, liebt er. Zu verletzen erregt ihn. Die Gefühle seiner Mitmenschen erkennt er nicht. Er vernichtet alles und am Ende sich selbst.
Der Narzisst hat hundert Masken, nur kein Gesicht. Er ist ein Unmensch und trägt doch keine Verantwortung dafür.
Wer einmal eine Partnerschaft mit einem Narzissten gelebt hat, weiß, dass es auch andere Formen der Gewalt gibt als körperliche. Da der Narzisst sich niemals zu erkennen gibt und hervorragend täuschen kann, wird dir die alleinige Schuld an der schwierigen Beziehung zugewiesen, und mit der Zeit zweifelst selbst du nicht mehr daran.
Ich war 19 Jahre alt, als ich Hugo begegnete. Freunde benötigten eine weitere Mitreisende für ihre Skiferien, denn die Konstellation aus zwei Paaren und einer Einzelperson musste geändert werden. Ich wurde verkuppelt, allerdings willig. Ständig auf der Suche nach meinem schwarzhaarigen Helden sehnte ich mich nach einer Partnerschaft, nach realer Wärme und Liebe.
Zum ersten Mal trafen wir uns bei Hugo zu Hause. Er war groß gewachsen, schlank, gutaussehend und sportlich, ohne dazu etwas beizutragen, und seiner Meinung nach war er erfolgreich. Was ich sah, gefiel mir gut, gefiel mir außerordentlich gut. Und er war blond!
Schon nach fünf Minuten Präsenz ahnte ich, dass diese Familie ein eigenes Verhalten an den Tag legte.
Das Treffen bestand aus uns ferienfreudigen Kollegen. Hugos Vater thronte am Kopfende des Tisches und übernahm ungebeten den Vorsitz. Von Beruf Militär Instruktor, hatte er sich einen Kasernenton angeeignet, den er auch zu Hause anwendete. Da er in der Befehlsgeberkette stecken geblieben war, jagte er dafür privat jeden im Kreis herum, der greifbar war. „Aber tiptop!“, war sein bevorzugter Befehl. Doch im Herzen war er ein lieber Kerl.
Auch seine Geschichte schrieben einst die Eltern. Ab und zu las er daraus vor, und seine Stimme klang dabei so traurig, dass auch wir es wurden.
Vaters Stiefmutter machte dem Klischee alle Ehre. Er hungerte, aber nicht aus Armut, sondern weil die Stiefmutter den Küchenschrank für ihre angeheirateten Kinder verschlossen hielt.
Hugos Großvater wiederum wurde als Verdingbub verkauft und empfand jede andere Kindheit geradezu als paradiesisch. Damit lag er sicher nicht falsch.
Hugos Vater brüllte zwar, aber er liebte uns.
Unseren Marschbefehl begann er mit den Worten: „Ich war gegen dieses Treffen. Aber Hugos Mutter hat mich mit ihrer grenzenlosen Liebe dazu überredet, es zu gestatten. Für ihre Familie ist ihr keine Anstrengung zu groß.“ Zur Bestätigung schlug er mit der Faust auf den Tisch. „Tag für Tag opfert sie sich für euch und arbeitet hart. Bedankt Euch!“
Irritiert befolgten wir den Befehl. Hugo nickte inbrünstig. Seiner Mutter wurde Respekt gezollt.
Der Vater meckerte den gesamten Abend oder lachte ein wenig zu laut über unsere Entscheidungen, und die Mutter stand sprungbereit im Türrahmen, falls wir etwas benötigen sollten.
Die Luft war zum Schneiden dick und draußen regnete es waagrecht. Unter dem Lichtschein der Laternen tanzten wirbelnde Blätter und der Wind peitschte eisig gegen die Scheiben. Mutter bereitete das Sorgen, denn sie hatte sie eben erst gereinigt.
Es war kein geeignetes Wetter, um sich sonnige Skiferien vorzustellen, aber passend zu diesem seltsamen Haus.
Letztendlich erfüllten Hugo und ich die Erwartungen unserer Kollegen und wurden ein Paar. Ich hatte mich in ihn verliebte. Und er? Er verliebte sich in das Geld, das er in meiner Familie vermutete. Ein Narzisst ist nicht zu Gefühlen fähig. Um an sein Ziel zu gelangen, kann er charmant, freundlich und emotional wirken. Er ist hochgradig funktionsfähig, manipulativ und ohne jegliches Schuldgefühl. Verfügt er dazu noch über kriminelle Energie, wird der Narzisst hochexplosiv.
Hugo verlangte von mir, mich um eine Kleidergröße herunter zu hungern. Ich gab ihm Recht. Meine Figur war nicht vorzeigbar, nicht vergleichbar mit der eines jungen Rehs.
Beide standen wir vor dem 20. Geburtstag, trotzdem wurde uns nur einmal die Woche ein kurzes Treffen nach der Schule erlaubt. Nach vielen Drohungen meinerseits gestatteten ihm seine Eltern jeden zweiten Samstag Freigang. Als wir das erste Mal miteinander ausgingen, begleiteten sie uns sicherheitshalber noch.
Ab und zu besuchte ich ihn am Sonntag, aber nie, wenn seine Eltern abwesend waren. Dann hatte ich Hausverbot. Ich weiß nicht, ob sie sich mehr um Hugos Tugend sorgten oder befürchteten, ich könnte ihnen ihr Brotmesser klauen.
Sämtliche Besuche verliefen identisch. Vater referierte über die wunderbare, sich aufopfernde Mutter, wobei alle bestätigend nickten. Anschließend betitelte er mich als Prinzessin, die vom Leben keine Ahnung hat. Erneut nickte Hugo inbrünstig, was ihn aber nicht davon abhielt, mit meiner Herkunft zu prahlen. Ich staunte nicht schlecht, als ich von Kollegen erfuhr, wie reich meine Familie angeblich ist.
Um auch einmal zu fühlen, was es heißt, bei einer „gewöhnlichen“ Familie am Tisch zu sitzen, musste ich das sonntägliche Würstchen mit seinem kleinen Bruder teilen. Mir war das egal, aber dem Bruder vielleicht nicht.
Erwischte mich Hugos Mutter alleine, offenbarte sie mir: „Der letzte Sonntag war so friedlich. Niemand störte uns.“
Zu erwähnen, wer als Störfaktor galt, brauchte sie nicht. Kinn vorgerückt und Wangen eingezogen durchbohrte sie mich mit Blicken. Auf mich wirkte sie wie eine harte, unversöhnliche Frau, die ihr Haus in tadellosem Zustand hielt und nie Freude über irgendetwas empfand, aber keinesfalls als aufopfernde Mutter.
Manchmal präsentierte sie mir ihr Silberbesteck oder sie legte mir ihr fein säuberlich geführtes Haushaltungsbuch vor. Schlich sich ausnahmsweise eine Differenz ein, korrigierte sie diese mit: „Taschengeld Ulrich“, denn verantwortlich waren nur die Anderen.
Wie ein Ehrenabzeichen trug sie ihre eingebildete Lebensmüh auf der Brust. Beständig darauf bedacht auf den Schultern ihrer Familie getragen zu werden, benutzte sie für den Kampf um Beachtung ihre eigenen Söhne.
Das kleinste Vergehen ihrer Kinder sah sie als persönliche Quälerei an und wurde abends als Beweis für ihre Strapazen dem Vater berichtet, der dann abstrafte.
Wem kann ein Kind noch vertrauen, wenn es von der eigenen Mutter verraten wird?
Im Frühherbst wurde ich volljährig, und damit stand mir ein Tag bevor, den wir lange im Vorfeld geplant hatten. Meine Mutter nähte mir für diesen Ehrentag ein Kleid aus blauer Seide. Viel Stoff benötigte sie nicht, da es für das damalige Modediktat nicht kurz genug sein konnte.
Unsere Geburtstage feierten wir immer im Kreis einer großen Anzahl von Freunden. Selbstverständlich sollte Hugo dabei sein. Da ihm allerdings der Gedanke, dass noch andere Gäste anwesend sein würden, nicht passte, lästerte er solange über meine Freunde, bis ich eingeschüchtert darauf verzichtete, sie einzuladen.
Der Morgen des großen Tages begann vielversprechend. Ein wundervoller Spätsommertag, warm und doch erfrischend, kündigte sich an. Ich liebte Geburtstage. Mit gutem Gewissen auf der faulen Haut zu liegen, und dabei Gratulationen und Geschenke entgegenzunehmen, versetzte mich in Höchstform.
Früh verzog sich meine Mutter in die Küche, um mein Lieblingsessen zu kochen, wobei sie sich ein wenig verhalten über die geringe Anzahl der Anwesenden äußerte.
Endlich volljährig! Die Freude war groß, obwohl ich nicht so genau wusste, welche Besserung ich mir davon versprach. In unserem Zuhause waren wir nie eingeschränkt, uns wurden selten Vorschriften gemacht. Vater liebte zwar den Satz: „Solange ich bezahle, habe ich das Sagen“, aber trotzdem bezahlte er problemlos, murrte selten.
Im neuen Kleidchen saß ich strahlend da, ließ mir gratulieren und öffnete meine Geschenke. Aus der Küche roch es vielversprechend, als mir Hugo um elf Uhr am Telefon mitteilte: „Ich komme nicht. Mutter erlaubt es nicht.“
Der Tag, an dem ich volljährig wurde, war der einzige Geburtstag, den ich ohne Gäste feierte und an dem ich weinte.
Leider wurde ich nur voll an Jahren und nicht an Verstand. Die negative Herrscherin hatte gesiegt.
Dubrovnik, 4. Oktober
Heute habe ich mir einen Ruhetag verschrieben und demütig warte ich, bis der Tag vorüber zieht. In gleicher Weise wie ich es auch die nächsten Jahre halten werde, da mein Leben ohne Aram so flach und überblickbar geworden ist, dass ich bis zu meinem Grabstein sehen kann.
Die Hotelanlage mag sich nicht verändert haben, ich hingegen bin nicht mehr dieselbe. Meine alte Identität habe ich wie eine Schlangenhaut abgestreift. Heute leiste ich mir schon mal einen Kaffee, falls ich Lust dazu verspüre, was jetzt der Fall ist.
Armer reicher Hugo. In der Hoffnung, die Wände seines Gefängnisses würden durch ein gefülltes Bankkonto zurückweichen, spaltet er jeden Franken.
Wie trostlos muss es für einen Narzissten sein, wenn das Umfeld ihn durchschaut hat und der Sockel zusammenbricht, auf den er sich mühsam gewuchtet hat.
Dass dies eines Tages geschehen wird, gehört leider nicht zu seiner Gedankenwelt. Bis jetzt fühlt er sich immer noch als Gottes Geschenk an die Frauen. Doch irgendwann wird auch sein Alter zum Problem. Dann wird’s teuer.
„Du stehst am äußersten Rand der Klippe und von dort gibt es bald nur noch eine Richtung“, warnte ich ihn. „Du wirst doch nicht annehmen, dass dir noch irgendjemand deine Lügen abnimmt, dass du immer mit allem durchkommst.“
Aber er arbeitet weiterhin an seinem Lügennetz. Es ist schwer, mit einem Narzissten zu argumentieren.
Narcissus, der göttergleiche Sohn eines Flussgottes und der Nymphe Liriope, wurde von allen geliebt. Doch ihn rührte keine Schönheit, sein Ohr blieb taub für die Seufzer der Mädchen. Seine Aufmerksamkeit galt allein seiner Person. Er wollte nur lauschen, wie vollendet, wie unerreichbar er war. Die Liebe der Nymphe Echo erhörte er nicht. Narcissus, der ihr niemals Komplimente überbrachte, die sie wiederholen konnte, verlor bald sein Interesse an ihr.
Vor Kummer über ihre unerwiderte Liebe starb die Nymphe Echo. Aus Mitleid verwandelten die Götter sie in einen Felsen und bestraften den Kaltsinn des Narcissus.
Eines Tages beugte er sich vom Jagen erhitzt an einer kristallklaren Quelle vor. Im See sah er ein Bild von unendlicher Schönheit und sein Herz wurde entzündet. Er wollte die Gestalt küssen, sie umfassen, doch sie verschwand. Dann sah er sie wieder und sie erwiderte seine zärtlichen Blicke, sein Lächeln. Sie winkte wie er, breitete die Arme aus wie er. Von namenloser Sehnsucht ergriffen, die nie gestillt werden konnte, verschmachtete Narcissus und starb.
Eine Blume, die Narzisse, steht jetzt an der Stelle, wo er einst geseufzt hatte und im Liebesschmerz vergangen war. Die Nymphe Echo aber wurde niemals vergessen und ist bis heute zu hören.
Die flammende Sehnsucht nach dem Unerreichbaren zehrt das Leben auf. Nur der Tod kann sie stillen.
Seither schmückt diese schattenbleiche Blume unsere Gräber.
Der Herrscher, Karte IV der Heldenreise
Zur Aufgabe des Herrschers gehört es, aktiv in Geschehnisse einzugreifen. Sein Ziel ist Regelmäßigkeit, Ordnung, Klarheit und Umgang mit Kraft und Energie. Der Herrscher schenkt uns nichts. Wir sind es, die jetzt die Dinge in die Hand nehmen, und Struktur in unser Dasein bringen. Die hohe Kunst des Lebens wird gefördert.
Gelingt es uns nicht, herrscht er über uns.
***
Aram
Der mittlerweile erwachsene Aram rebellierte. Brachte er als Junge noch ein begrenztes Maß an Gehorsam auf, nahm Anweisungen als gegeben hin, hinterfragte er jetzt alles. Seine heroischen Phantasien endeten schlagartig an der Akademie, die eher einem Gefängnis mit Freigang glich, als einer gehobenen Lehranstalt. Hier unterwiesen sie ihn nicht nur in höherer Bildung, sondern auch in niedrigen Künsten, die der Genfer Konvention nicht standgehalten hätten. Bald erkannte er, dass er den falschen Platz gewählt hatte.
Drei Beweggründe motivieren einen Menschen, eine Militärlaufbahn einzuschlagen: Patriotismus, Gene, oder sie suchen einen legalen Weg, um zu töten.
Zwei davon trafen auf Aram zu. Nur trat er Machthabern mit ständigem Misstrauen entgegen, und er ließ sich schwer führen.
Die ersten Wochen bestanden aus Schikanen der übelsten Art. Aram wurde noch härter gepeinigt als die anderen, denn es war keine leichte Aufgabe, ihn zu brechen. Selbst im Halbschlaf war er noch ein Gegner, dem man lieber nicht zu nahe kam.
Führten seine Kameraden am Wochenende stolz ihre Uniformen spazieren, jagten sie ihn durch die Bahnen, ließen ihn Liegestützen stemmen, Hauswand rauf, Sprung in den Dreck, Gesicht in den Matsch, und nochmals und nochmals, bis er vor Erschöpfung heulte. Wie ein Wellnessurlaub fühlte es sich nicht an. Er wurde solange gequält, bis er lernte, die Faust im Sack und nicht vor der Nase der Ausbildner zu ballen.
Es erwies sich auch nicht als hilfreich, dass er ursprünglich aus Albanien stammte. Er musste schneller rennen als die anderen, um seine Herkunft abzuschütteln. In Jugoslawien empfand jeder Staat seinen Nachbarn als den natürlichen Todfeind. Slowenien vertrat die Meinung, sie ernährten den Rest des damals sozialistischen Jugoslawiens. Dabei versprühten sie nicht Slawische Freundlichkeit, sondern Rassenverachtung. Arams Lehrmeister war Slowene.
Aram wiederum war bestrebt, diesen möglichst lange zu beschäftigen, denn auch der Ausbildner bekam erst Feierabend, wenn Aram am Boden lag, und das dauerte bei diesem „Bauerntrampel“ schon mal etwas länger. Er verfügte über beinahe unerschöpfliche Kraftreserven und ausgezeichnete Reflexe. Eigenschaften, die ihm mitgegeben wurden wie Haarfarbe oder Körpergröße. Kombiniert mit jahrelangem Training und erlernter Kampftechnik wurde er zu einer gefährlichen Waffe, was das angestrebte Ziel dieser Schmiede für Einzelkämpfer war: Soldaten, die zu Fuß vorwärts drangen, deren Körper als tödliches Kampfgerät eingesetzt wurde und deren Waffen eine Verlängerung ihrer Körperglieder waren.
Diese Ausbildung war der Preis, den er für sein Interesse an Mathematik, Chemie und Geschichte bezahlte. Diese Bildung war es, die ihn hierhergebracht hatte. Ein Ausstieg wäre für die Familie eine Schande gewesen. Dazu erwarteten sie Geld von ihm, denn ihm als Ältesten oblag die Ausbildung der jüngeren Geschwister. Zähneknirschend blieb er weiterhin in der Anstalt, in der aus Kadetten Männer gemacht werden und graduierte.
Aram erachtet das Militär nach wie vor für notwendig: „Willst du Frieden, so rüste auf! Es wird immer Idioten geben, die glauben, nur mit einem Gewehr in der Hand ihr Recht einfordern zu können. Ob es uns gefällt oder nicht, andere Völker bewaffnen sich. Dann genügt es nicht, wenn du mit dem Finger auf sie zielst und rufst: Peng, du bist tot.“
Ihm missfiel einiges. Ehre, Ehre, Loyalität brüllten sie in einer Welt, in der kein Wert auf Ehre gelegt wurde.
Je höher er in der Hierarchie aufstieg, umso mehr zählte die Partei. Aber er war ein Krieger, er wollte Wände hinaufklettern und nicht die Karriereleiter.
Da Aram eher klein gewachsen, schlank, zäh und flink war, setzten sie ihn dort ein, wo andere nicht durchkamen. Er galt als der ideale Mann, um hinter der Linie zu kämpfen und unter dem Radar wegzutauchen. Er wurde nicht aus lärmenden Helikoptern abgeseilt, er agierte leise.
Kleinere Personen werden unterschätzt, doch in seinem Körper steckte eine unglaubliche Schnelligkeit. Er war schlau, hatte eine hervorragende Beobachtungsgabe und einen sechsten Sinn für Gefahren, den er seiner eher primitiven Herkunft verdankte.
In jeder Armee existiert die Truppe der Zähen, woraus wiederum die Truppe der ganz Zähen herausgefiltert wird. Da landete Aram. Doch seine Gegner waren ebenfalls hart und schnell. Überleben kann nur, wer noch härter und schneller wird. Ihr Trainingsprogramm war, um es nett auszudrücken, rau, wobei 60 % die Fortbildung nicht durchhielten, und keiner von diesen war durchschnittlich.
Es ging darum, jederzeit über hundert Prozent Muskelkraft zu verfügen. Nur weil ihre Schenkel wie Feuer brannten, der ganze Körper zitterte, war das nicht die Grenze. Irgendwann war die Kraft dahin, alles schüttelte sich. Dann ging es nur noch ums Durchhalten. Wer aufgab, war draußen. Danach gehörten sie zu den Besten.
Hier lernte er, den Feind zu eliminieren, bevor dieser ihn eliminieren konnte. Ihm aber auch mit Vorsicht, Respekt und dem Wissen, wozu dieser fähig ist, zu begegnen. Hier lernte er Angst zu überwinden, sie aber gleichzeitig anzunehmen, denn ihre Kraft hilft, ihn am Leben zu erhalten.
Für Aram stand noch eine weitere Ausbildung an: Wie halte ich einem Verhör stand, wenn der andere nicht besonders nett zu mir ist.
Doch in unserem Leben entscheiden nicht nur Geschick und Kraft, auch zufällige Mächte spielen mit. Wer erkennt, wann er verloren hat, wer erkennt, dass er gut, aber nicht kugelsicher ist, und sich vor dem Schicksal verneigt, hat auch gewonnen.
Aram wechselte nie auf die dunkle Seite. Nach langer Tradition sozialistischer Staaten wurde das Militär für eigene Zwecke instrumentalisiert und nicht nur zum Schutz der Bevölkerung eingesetzt. Die hohe Kunst der Liquidation wurde eingesetzt, und kommunistische Regierungen handelten nach dem Grundsatz: Zuerst schießen, dann fragen. Menschen wurden eliminiert, politisch unbequeme verschwanden.
Aram wusste, dass es lediglich noch eine Frage der Zeit war, bis sie diese Anweisung von ihm verlangten, und dann?
Die Konsequenz einer Verweigerung kannte er. Die Partei beobachtete ihn bereits, da zwei seiner zahlreichen Großonkel lange vor seiner aktiven Zeit ein Attentat auf Tito verübt hatten. Der Balkan vergisst nie!
Tito überlebte, die Onkel wurden exekutiert, doch ihr Widerstand wirkte in Aram weiter.
Nach zehn Jahren Dienst hatte er genug von durchfrorenen Nächten, schlechtem Essen und schmerzenden Muskeln. Es missfiel ihm, wie ehemalige Kameraden vor ihm salutierten. Rastlos versuchte er, aus dem Vakuum auszubrechen und sein Leben neu zu ordnen. Die mit einer Überdosis Testosteron getriebenen Kerle der Spezialeinheit empfand er nicht als angenehmen Umgang. Niemand ist gefährlicher oder arroganter als ein ganzer Haufen davon, denn die Macht der Gruppe enthebt sie jeder Verantwortung. Sein Großvater nannte diese Einheit die Truppe der Idioten.
Im Urlaub zog es ihn in die Einsamkeit seines geliebten Kroatiens. Tagelang wanderte er ziellos dahin. Versperrten ihm Schlangen oder Bären den Weg, änderte er kurzerhand die Richtung. Manchmal traf er auf abgelegene Höfe, wo ihm, nachdem sie sich gegenseitig beschnuppert hatten, Gastfreundschaft angeboten wurde, wie es die Kultur verlangte. Dann übernachtete er bei Familien, die den hochprozentigen Slibowitz tranken wie Wasser, und brach der Morgen an, zog er erleichtert weiter.
Mit zunehmendem Alter verringerte sich sein Drang zu kämpfen, und er räumte einer neuen Begeisterung Platz ein: Frauen. Er liebte sie, ihre Sanftheit, ihren Duft, ihre Haut, ihre hellen Stimmen, und beinahe alle entzückten ihn.
Dieser neuen Beschäftigung kam er genauso leidenschaftlich nach, wie er zuvor kämpfte. Doch anders als die Alte erforderte die Neue nicht die geringste Anstrengung. Es existierten genug Willige, die mit allen Mitteln versuchten, sich einen Offizier zu angeln und sich damit einen besseren Lebensstandard erhofften.
Zudem verstehen sich Offiziere aufs Küssen. Jede Frau, für die er sich interessierte, fühlte sich auserwählt, denn seine Aura war raumfüllend, seine Präsenz unübersehbar, selbst wenn er ruhig in einer dunklen Ecke stand. Dazu eilte ihm der Ruf des ultimativen Liebhabers voraus, und an diesem arbeitete er fleißig.
Er genoss das Spiel mit den Frauen; und verließ sie wieder. Die Spur gebrochener Herzen, die er hinterließ, war beachtlich. Doch dann verliebte er sich unsterblich.
Sie hieß Vanessa und spielte mit ihm, wie er zuvor mit Frauen gespielt hatte. Tausend Tode starb er, während er hinter ihr herrannte. Sie begehrte keinen Mann aus armem Haus. Nicht gut genug, nicht fein genug, nicht reich genug.
Zwanzig Jahre später begegneten sie sich wieder in einem Spital in der Schweiz. Zufall? Zwei Millimeter sorgten für Arams Kampfunfähigkeit. Über Wochen lag er nach einem Zeckenbiss auf der Intensivstation. Zuerst gaben ihn die Ärzte auf, dann die Familie. Sie organisierte schluchzend seinen Rücktransport, um ihn in heimatlicher Erde begraben zu können.
Doch Arams Zeit war noch nicht abgelaufen.
Einen Tag vor seiner Entlassung schoben sie einen neuen Patienten ins Zimmer. Eine bullige Person, dessen Gewicht nur noch von seiner Blödheit übertroffen wurde.
Wie bei Bettnachbarn üblich, begannen sie ein Gespräch und bald ordnete Arams neuer Bettnachbar ihn als serbischen Landsmann ein: „Du hast Glück, dass du Serbe bist. Als Albaner überlebst du keine Nacht neben mir“, blökte er.
Den Rest des Tages verbrachte Aram verärgert in der Cafeteria, bis ihn die Erschöpfung zurücktrieb.
Am Bett seines Nachbarn saß Vanessa. Sie erkannten sich augenblicklich und verabredeten sich heimlich im Flur. Gemeinsam spazierten sie auf und ab. Aram brauchte nicht erst zu fragen, ob sie jetzt mit diesem Blödmann die bessere Wahl getroffen hatte. Verängstigt und von Verzweiflung gezeichnet beschwor sie ihn, ihrem Mann nichts zu erzählen. Aram schüttelte nur verächtlich den Kopf.
Nachdem am nächsten Morgen die Austrittsformalitäten erledigt waren, zog Aram langsam einen Stuhl hinter sich her und setzte sich ans Bett des Genossen. Bedächtig schlug er ein Bein über das andere, zupfte die Bügelfalten zurecht und wischte ein Stäubchen von den Oberschenkeln. Langsam zog er seinen Pass aus der Hemdtasche und überreicht ihn dem Nachbarn. Danach lehnte er sich zurück.
„Warum gibst du mir deinen Pass, was soll ich damit?“, reagierte dieser ärgerlich.
„Oh, du kannst nicht lesen? Das dachte ich mir schon. Da steht geschrieben, dass ich Albaner bin. Ich war anständig zu dir. Weshalb bist du es nicht auch zu mir?“
Mit bohrenden Augen fixierte er ihn. „Ich bezweifle nicht, dass du in Satans Diensten stehst. Dein Herr würde sich freuen, wenn du den Krieg wieder aufleben lässt. Nur, falls alle so dumm sind wie du, verliert ihr ihn erneut. Ach, übrigens. Wurde dir nie beigebracht, den Gegner zuerst zu taxieren?“
Langsam krempelte er den linken Ärmel seines Hemdes hoch, wobei er exakt Umschlag für Umschlag faltete, bis eine Tätowierung sichtbar wurde. Die Körpersprache beherrscht Aram hervorragend. „Was siehst du da? Erkennst du den Stempel der jugoslawischen Militärpolizei? Ja, ich stelle fest, das tust du. Nicht ich hatte Glück, sondern du. Was du dir erträumt hast, habe ich gelernt. Schnell und effizient. Oder auch langsam.“
Mit der Zeit trat in der jugoslawischen Armee eine Veränderung ein, die keiner zu benennen vermochte. Plötzlich begann das Militär ihre Kanonen von hier nach da, und von da nach hier zu verschieben. Alle ahnten, dass etwas im Anzug war, aber niemand nannte genaues, und die Luft schwirrte vor Nervosität.
Aram war erwachsen geworden. Soldaten werden es unweigerlich, wenn sie das erste Mal den Sarg eines Kameraden zu Grabe tragen. Seine Zeit war abgelaufen. Er brauchte frische Luft und Freiheit. Solange noch keine Narben, keine Schatten sichtbar waren, wollte er verschwinden. 30 Jahre alt war er und mit Ausnahme der ersten zwölf hatte er eine Uniform getragen.
Noch einmal saß er auf der Stadtmauer von Dubrovnik und blickte in die untergehende Sonne, bis nicht mehr zu erkennen war, wo die Erde endete und der Himmel begann.
Er stand vor dem Nichts. Zum zweiten Mal verließ er seine Heimat, doch die Erleichterung darüber, auf unblutige Hände blicken zu dürfen, war größer als die Trauer. Nicht mehr überall Feinde wittern, wo keine waren, nicht mehr in jeder Spalte nachsehen und ständig unter Strom stehen.
Zuerst Frieden für die Seele finden und danach eine eigene Familie gründen, das war sein Ziel.
Nun doch ein wenig wehmütig schwor er der Stadtmauer, eines Tages zurückzukehren und in den Kaffees zu warten, bis seine Frau gekocht hatte.
In der Ferne erwartete ihn eine Seelenverwandte, das wusste er. Er musste sich nur noch auf den Weg begeben und das rote Band aufwickeln, das sie verband. An einem Zeichen, auf das er nie mit dem Finger deuten könnte, würde er sie erkennen.
So war es schon immer und so wird es immer wieder sein.
Danach reiste er, wohin ihn der Weg führte, und wenn es ihm an einem Ort gefiel, blieb er für eine Weile, um sich Geld für die Weiterreise zu erarbeiten. Zwei Jahre dauerte seine Wanderschaft.
Als seine Barschaft wieder zu Ende ging, suchte er sich vorübergehend eine Arbeit in der Schweiz.
Der Hierophant, Karte V der Heldenreise
Der Narr tritt aus dem geschützten Kreis heraus. 6/7 der Kräfte wirken im Unterbewussten, 1/7 im Bewussten. Die Oberen werden ausgebildet, das Ego gestärkt. Werte, von der Gesellschaft oder Erziehung an uns vermittelt, werden überprüft und eine eigene Einstellung dazu gesucht. Die Säulen sind nicht mehr schwarz und weiß, sondern grau. Der Hierophant ersucht uns, den Mittelweg zu finden. Wer steckenbleibt, übernimmt nie Verantwortung für sein Handeln und lässt sich diktieren. Misstrauen, Hochmut und Scheinheiligkeit gedeihen daraus.
***
Hugo
Für Hugo war jene Offizierskarriere vorgesehen, die sein Vater gerne eingeschlagen hätte. Widerrede wurde nicht akzeptiert, auch nicht versucht, denn wenn jemand dazu prädestiniert war, dann doch er, der Sohn eines Obersten.
Anfangs glaubte ich diese Mär noch vom hohen Offizier. Warum sollte mir Hugo auch eine Lüge auftischen, die nur ganz kurze Beine hatte? Zudem betonte sein Vater stets seine Wichtigkeit in der bedrohlichen Zeit des Kalten Krieges.
Zwei Jahre verbrachte Hugo in unterschiedlichen Kasernen, wodurch unsere erlaubten Treffen noch weiter eingeschränkt wurden.
Da sämtliche Hinweise seiner Eltern bei mir nichts fruchteten, beehrten sie meinen Vater mit einem Besuch und richteten den Appell an ihn, mir den Umgang mit Hugo zu verbieten. Ein Kind, das die Anweisungen des Vaters nicht befolgte, war für sie undenkbar.
Ihr Ansinnen wurde nicht nur verweigert, mein Vater setzte auch noch nach: „Wenn unsere Offiziere nicht imstande sind, über ihre eigenen Anliegen zu bestimmen, dann fürchte ich um die Sicherheit unseres Landes.“
Nach vier Jahren Beziehung und mehreren Trennungen meinerseits, die ich doch nie durchstand, reichte mir der Tanz um seine Mutter „Madame Mère“.
Ich drängte Hugo, mit mir zusammenzuziehen, und zu meinem Erstaunen willigte er ein. Die Moral der Zeit zwang uns, zuerst eine anständige Verlobung zu zelebrieren, was seine Eltern sogleich unterbanden.
Gezwungenermaßen beschlossen wir, uns heimlich zu verloben. Den stimmungsvollen Hintergrund dazu wurde durch den Offiziersball im Schloss Lenzburg geboten.
An diesem wichtigen Tag hörten wir viele Reden, viel Militärmusik und anschließend folgte der Märchenball mit Ballkleid in Größe 36. Ohne Eltern!
Gab es für eine junge Frau, die in romantischen Träumen lebte, für eine Verlobung ein passenderes Ambiente als ein mittelalterliches Schloss?
Das weiße Pelz Cape, auf das ich so stolz war, fest um mich geschlungen und immer darauf bedacht, mein neues Kleid nicht zu ruinieren, wartete ich auf unsere Stunde. Ich war überglücklich und kam mir unglaublich wichtig vor. Bald würde ich mich einem Mann aus der Elite versprechen. Es war berauschend. All die feschen Offiziere um mich herum und meiner war ohne Zweifel der prächtigste.
Endlich erreichten wir ihn, unseren geheimen Höhepunkt.
Im Schlosspark unter dem Sternenhimmel mit Blick über die beleuchtete Stadt stand ich erwartungsvoll und mit überfließenden Gefühlen vor dem Mann in Galauniform, die er, um sie zu schonen, nur einmal im Leben trug.
Doch keine zärtliche Umarmung erwartete mich. Er zappelte umher, rieb pillendrehend Daumen und Zeigefinger aneinander und verkündete: „Zuerst will ich beichten, dafür ist jetzt der letzte Zeitpunkt.“
Ich spürte, wie es in meiner Brust eng wurde, aber es gelang mir, zu lächeln. Nach einer bedeutungsvollen Pause fuhr mein beinahe Verlobter fort: „Vor einigen Wochen traf ich zufällig eine ehemalige Schulkollegin, Barbara. Sie nebelte mich ein und zerrte mich in ein Hotel. Sie hatte so mächtige Brüste.“
Erleichtert atmete er aus und fügte hinzu, wobei er immer noch mit den Händen die Größe ihrer Brüste maß: „Jetzt fühle ich mich besser.“
Der Schmerz erfasste mich mit voller Wucht und die Romantik zersplitterte hörbar. Eine große Kraft drückte mich zu Boden, aber ich lächelte weiter. Der Ball hatte seinen Zauber verloren, nur Hugo strahlte noch.
Er log nicht, um eine Fehltat abzustreiten, sondern um eine aufzubauen. Die Blume mit dem Namen Narzisse war erblüht.
Wir heirateten und anfangs waren wir glücklich, lebten zufrieden unseren Alltag und blickten hoffnungsvoll in die Zukunft.
Hugo arbeite außerhalb, ich war für das Management innerhalb des Hauses zuständig. Dazu bekam ich Beratung. Wann und wo hätte ich bei meiner Herkunft auch putzen und kochen lernen sollen?
Hugo demonstrierte mir männliche Logik, an der es mir leider mangelte, und meine Schwiegermutter ließ sich lang und breit über die Wichtigkeit von Sauberkeit, Ordnung und das Führen eines Haushaltsbuches aus.
Damit ich auch verstand, wie ein Haushaltungsbuch in etwa aussehen sollte, kaufte sie mir ein Exemplar. Allerdings verlangte sie dessen Kosten zurück.
Nach drei Jahren kam unser Sohn Alexander zu uns. Er war zu diesem Zeitpunkt nicht geplant gewesen, aber wir freuten uns umso mehr über ihn.
Eine Transformation fand statt und die Welt bestand nur noch aus drei Kilo 750 Gramm. Ich konnte mich mit einer Mischung aus Glückseligkeit und Furcht um ihn, die mich bis an mein Lebensende begleiten wird, nicht sattsehen an ihm. Immerzu wollte ich ihn aus der Wiege nehmen, ihn streicheln und beschnuppern. Nur nachts, da wollte ich nicht, da musste ich ihn aus der Wiege nehmen. Darauf war ich nicht vorbereitet gewesen. Unglaublich, wie ein so kleines Wesen einem Erwachsenen jede Kraft rauben kann.
Der letzte Rest meiner Fähigkeit, selbständig zu denken, wurde von Müttern mit Erfahrung niedergewalzt. Alles, was meinen Alltag hätte vereinfachen können, galt als tabu. Geregelte Zeiten für alles und jedes und nur zum Wohle des Kindes zählten noch. Dazu sind Mütter ja da: ausschließlich für die Zufriedenheit ihrer Kinder.
Ich machte alles falsch und war umgeben von erfolgreichen, gepflegten Müttern, deren Leben exakt so wundervoll war, wie sie es anstrebten, und die vor Glück strahlten, wenn ihr Baby nachts schrie.
Hugo entpuppte sich als liebevoller Vater und übernahm viele Pflichten. Nur auf einen ungestörten Schlaf bestand er, da er tagsüber alle Ressourcen für seine wichtige berufliche Position benötigte. Das verstand ich.
Wie es die Tradition verlangte, bauten wir uns ein Nest und schlugen den üblichen Weg ein. Haus mit Garten, Samstagsausflug zum Gartenmarkt, Grillieren auf der Terrasse, einen Hund und Erfolg im Beruf. Das Letztere ließ er so verlauten, und bezweifelte auch niemand, denn er strickte fleißig am Mythos seiner heroischen Person.
Aber ein strahlendes Bild zu erhalten benötigt viel Kraft. Je höher der Sockel wurde, auf den er sich stemmte, desto anstrengender wurde es für ihn, sich oben zu halten.
Unser zweiter Sohn Philipp war sechs Tage alt, als Hugo wiederum Barbara traf, und mit ihr im Hotel verschwand.
Wer weiß, was wirklich geschah. Ob ja oder nein ist nicht von Belang. Nur die Tatsache zählt, dass ich ihm glaubte.
Niemand ist so verletzlich wie die Mutter eines neugeborenen Kindes. Ihr Körper ist durch das Trauma der Niederkunft geschwächt, wild gewordene Hormone flitzen durcheinander und das Stillen rund um die Uhr erschöpft sie.
Abends kam Hugo von der Arbeit nach Hause und leerte einen Kübel Verachtung über mich. Mein Aussehen wurde bemängelt, darauf aufmerksam gemacht wie hässlich, wie wertlos ich war, dumm und dick, und wie schlecht mir meine Haushaltsführung sowie meine Kindererziehung gelang.
Anfangs wehrte ich mich, was unverzeihlich war, denn ein Narzisst braucht eine Partnerin, die ihn als göttliche Fügung ansieht. Er reagierte mit Drohungen und alles, was ich zu meiner Verteidigung vorbrachte, wurde überheblich abgeschmettert.
Ich war ihm klar unterlegen. Selbst als ich schon am Boden lag, trat er mich weiter mit Füssen. „Du kannst nichts“ und „Du bist nichts“ kannte ich schon seit meiner Kindheit. Er modifizierte lediglich die Formel. Im einen Augenblick konnte ich nichts richtig machen, im anderen überschüttete er mich mit Fürsorge und Zärtlichkeiten. Zuckerbrot und Peitsche.
Dann nur noch Peitsche.
Ich weiß nicht, warum ich mich nicht wehren konnte. Worte besitzen Macht, ich glaubte ihm. Die Botschaft war verinnerlicht: Ich war wertlos, dumm und dick.
Ängstlich lotete ich seine Stimmung aus und versuchte, ihm immer einen Schritt voraus zu sein, um Unheil abzuwenden, versuchte alle glücklich zu sehen außer mich, redete mir ein, dass wir alle glücklich würden, wenn nur er glücklich war. Wer war ich denn, dass ich mich meinem Ehemann entgegenstellen durfte? Er, beruflich erfolgreich, und ich, zu nichts imstande. Dumm und dick eben.
„Kannst du nicht wenigstens versuchen, ein wenig sauber zu machen, bevor ich nach Hause komme? Du erwartest doch nicht, dass ich das auch noch erledige! Meine schwerwiegende Arbeit erfordert bereits all meine Aufmerksamkeit und Kraft.“ Dabei hatte er einen verächtlichen Ausdruck im Gesicht, als wollte er mich noch ein letztes Mal verwarnen.
Unentwegt lag ich im Schatten seiner mentalen Angriffe. Nie wusste ich, wann der Nächste kam. Er brauchte keinen
Grund dazu. Schon ein unbewusster Blick, eine Geste, eine leise Freude meinerseits reichte dazu aus.
„Aha. Wie ich sehe, warst du schon wieder beim Friseur. Im Gegensatz zu dir habe ich dazu keine Zeit. Ich arbeite hart für euch, damit ihr ein schönes Leben habt. Das ist mein Ziel. Nicht meins ist wichtig, nur eures.“
Seine Verachtung war unübersehbar. Alles drehte sich nur noch darum, ihm zu gefallen. Er weidete sich an meiner Angst und ernährte sich davon. Je mehr ich davon zeigte, umso mehr begehrte er sie, und umso größer wähnte er sich. Sie half ihm, seine negativen Gefühle zu überwältigen. Einige tranken in seiner Situation, andere schlugen ihre Frauen, traten die Katze oder bewältigten den inneren Schmerz, indem sie die nächst Schwächeren psychisch misshandelten.
Ein schleichendes Gift breitete sich aus, nur konnte dieses Gas niemand riechen. Es war leicht, so zu tun, als existierte es nicht.
Er war doch ein guter Vater. Wie könnte ich die Kinder von dem wegreißen, was ihnen Stabilität gab. Wir verbrachten doch auch schöne Zeiten zusammen, diese würden bestimmt den Weg zurückfinden, das eine oder andere nette Wort würde er mir sagen, wenn ich mich nur ein Bisschen anstrengte, weniger an mich und mehr an sein Wohlbefinden dachte.
Meine Persönlichkeit wurde mir ausgetrieben, meine Lebensfreude ausradiert, meine Freundinnen weggetrieben, eine eigene Meinung stand mir nicht zu. Für ihn gab es ohnehin nur zwei: seine oder die falsche. Selbst Wasser war nicht nass, wenn er es so wollte. Er presste mich immer mehr in die Form, die ihm genehm war.
Nahte Besuch, malträtierte er mich im Vorfeld, bis ich in Tränen ausbrach. Danach begrüßte er die Gäste mit dem Schwung eines Siegers und kommentierte mit verächtlichem Schnauben das Lob, das an mich gerichtet war: „Ja. Kochen kann sie.“ Um ihm zu gefallen, bewies ich einen Intellekt, der nicht über die Küche hinausging.
Großzügig spielte er den fürsorglichen Ehemann, berührte mich zärtlich und sah liebevoll auf mich herab. Die blitzschnellen Wechsel zwischen fröhlichem Lächeln, mit dem er seinen Besuch beglückte und der verachtenden Grimasse, wenn er sich mir zuwandte, sah nur ich.
Für mein Umfeld war ich die unzufriedene Gattin, die nicht dankbar war für ihren außerordentlichen Partner. Beklagte ich mich, meinten sie: „Hör auf. Jetzt übertreibst du aber massiv.“ Dabei war es noch untertrieben.
Er hatte sie auf seine Seite gezogen und ihr Mitgefühl galt ihm. Auf meine ständig gereizte Laune angesprochen, antwortete er lächelnd: „Ach weißt du, ich habe Geduld. Was soll ich denn machen? Da sind ja noch die Kinder.“
Beinahe hätte er mich ausgelöscht.
Alexander war 12 Jahre alt, als er sich das erste Mal zwischen uns schob, und seinen Vater mit einem einzigen Satz vom Sockel stürzte.
Aus meinem kleinen Jungen war ein Mann geworden.
Auf der Suche nach Liebe und Aufmerksamkeit fand ich das wirkliche Leben. So flüchtete ich wieder in meinen Zauberwald und verirrte mich darin. So ließ ich wieder meinen schwarzhaarigen Helden aufleben. Er gab mir Wärme und ich sehnte mich nach ihm. Ich spürte seine Anwesenheit, ließ mich von ihm berühren und lebte mit ihm in einer anderen Welt. Jede Minute, die ich alleine verbrachte, träumte ich mich weg zu ihm. Er tröstete mich, lobte mich und liebte mich. Wurde es unerträglich, legte ich mich hin und suchte ihn in der Zwischenwelt. Die Wirklichkeit glitt davon und ließ mich in der Geschichte meines zweiten Skarabäus zurück.
Man nennt mich Mahira und ich lebe im alten Perserreich. Ein blaues Licht aus einer kleinen Lampe schimmert vor mir. Nur diese Quelle erhellt das Zelt. An den Wänden hängen prächtige Teppiche, auf dem Boden liegen mehrere Lagen und ich sitze angenehm auf Kissen. Ein niedriger Tisch mit Tee, der meinen Durst stillt und kandierten Früchten, die mich erfreuen, befindet sich neben mir. Alles ist mir fremd, trotzdem fühle ich mich zu Hause. Mein Herr hat mir befohlen, das Licht mit den Augen zu fixieren, bis er zurückkehrt. So habe ich es verstanden, denn er spricht eine Sprache, die nicht die Meine ist.
Vor vielen Tagen hob er mich auf sein Pferd und brachte mich zu seinem Stamm in die Wüste. Ich denke, er ist der Anführer dieser Sippe, denn sie erweisen ihm ihre Ehrerbietung. Sie nennen ihn Arsam. Sein Zelt erzählt von Reichtum, vor allen durch die blaue Farbe, die bei uns selten und teuer ist. Jetzt warte ich, bis er heimkehrt. Ich bin aufgeregt, ängstlich und dennoch weiß ich, dass es so sein soll.
Zuvor lebte ich in einem Land, indem die Menschen in Häusern aus Stein wohnen. Meine Eltern sind mir unbekannt. Ein altes Paar, dem keine eigenen Kinder geschenkt wurden, fand mich und sah mich als ein Geschenk der Götter. Sie kleideten, nährten und liebten mich. Sie ließen mir Lesen und Schreiben beibringen, denn sie waren vermögend. Als ich älter wurde, begann ich Kräuter zu sammeln. Damit heile ich die Kranken. Wenn diese nicht helfen, lege ich meine Hände auf ihre Beschwerden, damit die Götter ihre Kraft fließen lassen und ich Gebrechen wegwischen kann. Woher ich dieses Wissen habe, ist mir nicht bekannt. Es ist tief in meinem Inneren verborgen.
Nach dem Tod der Eltern, den ich heute noch sehr bedaure, bereitete ich ihnen ein würdiges Begräbnis, damit sie zurückfinden, sobald sie dazu bereit sind.
So war es schon immer und so wird es immer wieder sein.
Danach ging ich auf Wanderschaft, um mein Wissen in fremden Ländern zu verbessern. Unterwegs half ich den Kranken, so dass ich nie Hunger leiden musste.
Nach langer Reise traf ich auf ein Kloster in der Wüste, in dem sie mir unglaubliches Wissen beibrachten. Nicht nur in der Heilkunst, sie unterrichteten mich auch in Sternkunde und Philosophie, was mir in der Ausübung meiner Kunst helfen wird. Ihre Weisheit, die ihnen ihr Gott gegeben hat, ist groß. Sie kennen nur einen Gott, was ungewöhnlich ist. Für unsere Anliegen haben wir mehrere Möglichkeiten, um Opfer niederzulegen, denn hilft der eine nicht, wechseln wir den Tempel.
Eines Abends schickten sie mich, Birkenrinde abzuschälen. Diese entfaltet zu einem Sud gekocht eine Kraft, die alle Schmerzen nimmt. Ein seltsames Gefühl hat von mir Besitz ergriffen, denn ich habe die Gabe, Dinge zu erspüren. Ich drehte mich um und da sah ich den Sohn der Wüste. Bewegungslos saß er auf einem Pferd, umgeben vom strahlenden Licht der untergehenden Sonne in seinem Rücken. Er war nicht wie unsere Männer in buntes Tuch gekleidet, sondern in einem blauen Linnen, das er bis über den Kopf gezogen hatte. Die Sonne hinter ihm glühte nicht mehr unbarmherzig, sondern wärmend, so dass er mich wohlig anzog. Ich rannte zu ihm, denn ich wusste, dieser Mann gehört zu mir.
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