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UNA MANNION
LICHT ZWISCHEN DEN BÄUMEN
Aus dem Englischen von Tanja Handels
Roman
Steidl
Für meine Mutter
1
An dem Abend, als wir Ellen am Straßenrand zurückließen, fuhren wir die 252 in nördlicher Richtung entlang, ungefähr dort, wo sie auf die 202 trifft und den Pennsylvania Turnpike überquert. Im Westen offene Felder, endlose Weiten aus goldenem Präriegras und Seidenpflanzen, durch die der letzte Streifen Sonne sein splitterndes Licht schickte. Im Osten King of Prussia – graue Industriegelände in der Abenddämmerung, Betonmischer, Kräne und ein Labyrinth aus Fern- und Schnellstraßen. Irgendwo da drüben lag, wie ein abgetrennter Körperteil, auch die Blue Route, die Interstate 476, 1967 begonnen, aber vierzehn Jahre später noch immer nicht fertig: am Ende der Asphaltdecke plötzlich Bäume und hohes Gras – weiter hatte das Geld nicht gereicht. Jugendliche ließen sich dort das Autofahren beibringen oder feierten bis spät in die Nacht. Bei uns hieß sie nur die Straße ins Nichts. So fuhren wir. Die ersten Autos schalteten ihre Scheinwerfer ein, die Anhöhen von Valley Forge direkt vor uns waren nur noch Schatten, die Bäume verwandelten sich in dunkle Umrisse.
Wir waren zu sechst im Auto, Marie saß vorn auf dem Beifahrersitz, Ellen zwischen mir und Thomas auf der Rückbank, und hintendrin, zwischen unseren Taschen und den gesammelten Arbeitsmappen des kompletten Schuljahrs, lag Beatrice. Es war der letzte Schultag, die Sommerferien hatten offiziell begonnen. Unsere Mutter fuhr. Ruppig. Sie trat auf die Bremse, beschleunigte, ließ den Motor im ersten Gang aufheulen und schaltete dann erst hoch. Sie war wütend. Das schreckliche Geruckel des Wagens sprach Bände, und außerdem konnte ich von meinem Platz hinter ihr sehen, wie ihr Kiefer unter der Haut mahlte und zuckte, obwohl sie gar nichts sagte. Ellen und sie hatten gestritten, weil Ellen ihr mit einem Kunstcamp in den Ohren lag, in das sie unbedingt wollte.
»Ich habe nein gesagt.« Die Kinder einfach mit Broschüren im Schulranzen nach Hause zu schicken, grenzte für unsere Mutter an Erpressung. Es machte sie zornig. »Ich habe so schon genug um die Ohren.«
Mir graute vor dem Sommer, der vor uns lag.
Ich drückte die Stirn an die Scheibe und sah hinüber zu dem letzten Faden Sonnenlicht. Sage war jetzt schon bei der Arbeit in der Mall, wo sie im Diner des J.C. Penney kellnerte. Während der Ferien hatte sie dort eine Vollzeitstelle. Es gab kaum einen Sommer, den ich nicht mit ihr verbracht hatte. Vielleicht sollte ich die Unterschrift meiner Mutter fälschen, um an eine Arbeitserlaubnis zu kommen. Mit fünfzehn hätte ich zwar offiziell arbeiten dürfen, aber mir war klar, dass sie mir das nie erlauben würde, weil sie mich brauchte, um auf die Kleinen aufzupassen, während sie im Krankenhaus war. Sie arbeitete am Empfang der Notaufnahme im Paoli Memorial Hospital. Sage meinte, ich solle doch froh sein. Sie beklagte sich ständig über ihre Kolleginnen, die Stützstrümpfe und Gesundheitsschuhe trugen und den Kaffee für andere alte Schachteln verschütteten, die ihrerseits um sieben Uhr morgens ihre Spiegeleier auf Toast mit Parfümpröbchen besprühten. Aber ich beneidete sie trotzdem um ihren richtigen Job mit Stammgästen und Trinkgeld und Zechprellern, beneidete sie um die Geschichten, die sie zu erzählen hatte. Eine Kundin um die neunzig trank jeden Morgen die Kaffeesahne direkt aus dem weißen Porzellankännchen, das auf der Theke stand, und hinterließ einen verschmierten, leuchtend orangefarbenen Lippenstiftabdruck darauf. Mir ging es weder um das Geld noch um die Arbeit – ich war ja jeden Freitagabend zum Babysitten bei den Bouchers. Aber ich hatte Angst vor den vielen einsamen Tagen, die vor mir lagen.
Rechts neben Ellen sagte Thomas flüsternd das Periodensystem auf. »Holmium, Hafnium, Erbium …«
»Lass es«, sagte sie.
»… Phosphor, Franzium, Fluor, Terbium.«
»Sei still. Sei einfach still!« Ellen ließ den Kopf auf die Knie sinken und schlang die verschränkten Arme um die Schienbeine. Sie weinte. Ein pochender Schmerz, der in meinem Nacken begonnen hatte, war über den Schädel bis zur Stirn gewandert. Wenn sie doch beide still wären!
»Du nervst uns alle, Thomas«, sagte ich. »Lass es einfach.«
»Habt ihr gewusst, dass Tränen Glukose, Natrium und Kalium enthalten?«
»Halt’s Maul, du blöder Wissenschaftsfreak!« Ellen trat ihm zwei Mal mit der Ferse gegen das Schienbein und ruckelte dabei am Fahrersitz, an dem sie sich festgehalten hatte.
»Schluss jetzt, sofort! Wollt ihr, dass ich einen Unfall baue?« Unsere Mutter war fuchsteufelswild.
»Außerdem enthalten Tränen ein natürliches Schmerzmittel, Enkephalin«, murmelte Thomas. »Hinterher geht’s dir also sicher besser.«
»Er soll aufhören!« Ellens Stimme klang dumpf.
Ihr Gejammer und sein Gemurmel weckten den Drang in mir, ihm oder sonst wem eine zu kleben. Ellen hatte den Kopf wieder auf den Knien. Ich reckte mich über sie hinweg und bohrte ihm unsanft die Fingerknöchel in die Schulter.
»Sei still, Thomas. Was weißt du schon von Tränen?«
Noch während ich es aussprach, wünschte ich mir schon, ich hätte es nicht getan, denn irgendwas stimmte ja nicht mit ihm, schließlich hatte er, trotz allem, was uns passiert war, nie geweint, hatte sich einfach nur in sein Zimmer und in sich selbst zurückgezogen. Wenn er Ellen ärgerte, war er wenigstens wieder ein bisschen der alte Thomas.
Er erwiderte nichts, drehte sich nur zum Fenster. Lieber wäre mir gewesen, er wäre richtig wütend geworden. Ich wollte es wiedergutmachen, und zum Glück fiel mir ein Witz ein. »Hey, Thomas, was ist ein Chemiker, der sich nichts sagen lassen will?«
Er drehte sich zu mir, sah mich abwartend an. »Was?«
»BOR-niert.«
»Sehr witzig, Libby, aber du weißt ja gar nicht, was Bor ist. Du hast mich gerade zum Element einer Supernova erklärt und damit für nicht von dieser Welt.«
»Jetzt hört ihr alle aber mal auf«, sagte Marie und drehte sich auf ihrem Sitz zu uns herum. Ihr Haar war auf der einen Seite schwarz gefärbt und stand stachlig ab wie bei Siouxsie Sioux. Kurz vor der Abschlussmesse an der Schule hatte sie sich die Wange durchstechen lassen und sich die andere Kopfseite kahl rasiert, dort wuchs das Haar jetzt in blonden Stoppeln nach. Thomas und ich waren sofort still. Marie war fast achtzehn, nur ein Jahr älter als Thomas, aber wir hörten auf sie, vor allem, seit sie angefangen hatte, die Rockplatten zu verschenken, aus denen sie sich nichts mehr machte. Mir hatte sie Who’s Next? aufs Kopfkissen gelegt, nachdem ich einmal zu Hause geblieben war, um auf Beatrice aufzupassen, während sie sich zu einer Party fortschlich, und Thomas hatte Quadrophenia bekommen, weil er Klassenbester geworden war. Jetzt waren wir beide scharf auf Tommy. Thomas fand, die Platte stehe ihm zu, schon wegen des Namens und so. Ich verkniff mir den Hinweis auf weitere Ähnlichkeiten, den toten Vater, die Mutter mit dem heimlichen Liebhaber, das Verbot, über diese Dinge zu reden. Wir beide hatten ja nicht mal einen Plattenspieler. Marie besaß einen tragbaren, den wir alle benutzten.
Draußen, wo der Wald in die Felder überging, säumten Hartriegelbüsche das Unterholz, und sogar im schwindenden Licht sah ich, dass sie all ihre Blüten verloren hatten. Cornus Florida. Ovale Blätter mit ausgeprägten Adern, die sich entlang der sanft gewellten Ränder zur Spitze hin biegen. Kugelige Blüten, von weißen Hochblättern umringt, die viele fälschlich für die Blüten halten. Am letzten Weihnachten vor seinem Tod hatte unser Vater mir das Brevier der Bäume Nordamerikas geschenkt. Ich hatte das Buch immer und immer wieder gelesen, mir so viel über die einzelnen Bäume eingeprägt, wie ich nur konnte. Auch ein Baum-Notizbuch hatte ich mir angelegt, in das ich alle Bäume eintrug, die ich sah, sie bestimmte und zu den verschiedenen Jahreszeiten beschrieb; ich zeichnete sie, pauste ihre Rinde ab, trocknete ihre Blüten.
Das Geschenk kam in einem großen Päckchen, aufgegeben in New York, wo er damals lebte und für seinen Cousin arbeitete, der wie er aus Irland eingewandert war. Er hatte für jeden von uns eine persönliche Karte ausgesucht. Meine zeigte einen Fichtenwald, und ganz vorne stand ein einzelner Baum mit einem Stern auf der Spitze. Dads Handschrift war klein und ungelenk, als wäre er es nicht gewohnt, Karten zu schreiben, was wahrscheinlich auch so war.
Für Libby, die immer unter Bäumen ist. Frohe Weihnachten! Alles Liebe, Dad
Ich kann gar nicht sagen, ob ich so viel Zeit mit Bäumen verbracht habe, weil ich sie liebte, oder weil es ihn so freute, dass ich sie liebte, das kann ich nicht voneinander trennen. Als ich vielleicht sechs war, und er noch hin und wieder bei uns wohnte, kam ich nach einem Tag im Wald abends immer barfuß und verdreckt nach Hause. Einmal setzte er mich auf die Waschmaschine, drehte den Wasserhahn am Becken daneben auf und wusch mir die Füße. Er schäumte sie mit Seife ein, schrubbte sie und bearbeitete meine Fersen, wo sich der Schmutz tief in die Hornhaut gegraben hatte, mit der Nagelbürste.
»Im Wald gibt’s Mokassinschlangen, Libby – du musst dir Turnschuhe anziehen. Du kannst nicht immer barfuß herumlaufen.« Meine Schienbeine waren mit rissigem Schorf verziert, weil ich auf Bäume geklettert und im Dickicht aus Lorbeer- und Rhododendronbüschen herumgekrochen war.
Er nahm meine Hand und führte meinen Zeigefinger über eine besonders dicke Kruste.
»Fühl mal! Du wirst schon ein richtiger Baum. Deine Beine entwickeln Rinde.«
Der furchige Schorf war dunkel und erhaben. Ich ertastete seine Form und Beschaffenheit, ließ die Hände an beiden Schienbeinen hinaufwandern, strich über die Krusten.
»Stimmt«, sagte ich und sah glücklich zu ihm auf, und er lachte und trocknete mir sorgsam Beine und Füße ab, auch zwischen den Zehen. Dann zog er mir Strümpfe über die sauberen Füße.
»Jetzt kannst du rauf zu Ihrer Ladyschaft, ohne Ärger zu kriegen. Und halt gefälligst deine Füße sauber!« Aber ich wusste, er liebte meine dreckigen Füße.
An seinem letzten Weihnachten hatte er für uns alle ein Buch ausgesucht. Noch heute stelle ich ihn mir vor, wie er dort in dem New Yorker Buchladen steht und die Bücher aussucht, die uns gefallen könnten, die Karten auswählt und das Geschenkpapier, und wie er die Geschenke dann schließlich einpackt: das Papier faltet, den Tesafilm abreißt und Schleifen bindet, mit seinen dicken Fingern, die sich eher dafür eignen, Maschinen zu bedienen und Betonblöcke zu schleppen. Für Marie hatte er den zweiten Band von Rock On! gekauft, einem illustrierten Lexikon der Rockmusik. Ich brachte Stunden damit zu, mir die Bilder darin anzusehen. Es deckte die Jahre 1964-1978 ab und damit praktisch alle meine Lieblingsbands. Thomas bekam Sterne und Planeten: Die Geheimnisse des Nachthimmels, das er auch weiterhin im Geschenkpapier eingeschlagen ließ – keine von uns durfte es auch nur berühren. Ellens Buch handelte von Kunstgeschichte und war mit einem Aquarellkasten und Pinseln versehen; für Beatrice hatte er ein Buch über die verschiedenen Hunderassen mit Aufklebern besorgt. Mir schoss auf einmal die Frage durch den Kopf, ob er an der Kasse wohl erzählt hatte, dass die Bücher für seine Kinder waren. Ich stellte mir vor, wie er mit seiner Tüte voller Geschenke in der U-Bahn zurück in die Bronx saß, zwischen all den anderen Weihnachtseinkäufern, und plötzlich war mir dort im Auto, als bekäme ich keine Luft mehr. Wenn ich ihm bloß erzählen könnte, dass jedes dieser Bücher inzwischen für uns stand, dass wir das Bild, das er jeweils von uns hatte, nicht mehr abstreifen konnten, nicht aufhören konnten, ihm zu entsprechen.
Neben mir saß Ellen immer noch vorgebeugt, die Knubbel ihres knochigen Rückgrats zeichneten sich unter dem Oberteil ihrer Schuluniform ab. »Was für ein spilleriges Dingelchen«, hatte Tante Rosie über sie gesagt, als sie zur Beisetzung unseres Vaters aus Irland gekommen war. Sie schickte uns Lebensmittelpakete und zu Weihnachten eine Flasche Sherry, um Ellens Appetit anzuregen; sie »gedeihe« nicht gut, meinte sie, ein Ausdruck, über den wir alle lachen mussten, weil es klang, als spräche sie über ein Stück Vieh auf dem Bauernhof. Aber sie hatte natürlich recht, Ellen war schmächtig. Mit ihren zwölf Jahren maß sie gerade einmal einen Meter zwanzig und wog keine dreißig Kilo. Sie sah so schmal und unglücklich aus, und ich wollte ihr den Rücken tätscheln.
»Lass mich«, knurrte sie, versuchte, mich abzuwehren und ruckelte dabei wieder am Fahrersitz.
Mom machte einen Schlenker Richtung Böschung und fuhr dann wieder zurück auf die Fahrbahn, bauschte die Heftigkeit von Ellens Geruckel an ihrer Rückenlehne künstlich auf. »Damit bringst du uns noch alle um! Ist dir das klar? Es reicht jetzt wirklich. Wenn wir zu Hause sind, kannst du erstmal unten staubsaugen und die Wäsche zusammenlegen.«
»Nein, mach ich nicht«, gab Ellen zurück. »Beatrice kann zur Abwechslung auch mal was tun.«
»Halt Beatrice da raus.« Ich sah Moms dicken Haarknoten, ein Auge im Rückspiegel, mit dem sie Ellen musterte.
»Schon gut. Klar kann ich das machen.« Beatrice beugte sich von ganz hinten vor, voller Sorge, sie könnte irgendwie schuld an dem sein, was da gerade passierte.
»Danke, Beatrice. Wenn Ellen nur auch mal so nett zu anderen wäre.«
»Du hasst uns doch sowieso alle, nur sie hast du lieb. Und deinen fetten Freund.« Ellen überspannte den Bogen. Ich stieß sie in die Seite, damit sie den Mund hielt.
»Noch ein Wort, und du kannst zu Fuß gehen.«
»Ist doch wahr. Du hasst uns!« Ellen brüllte jetzt. »Dad hast du auch gehasst, und ich hasse dich!«
Bei der Erwähnung unseres Vaters blieb uns allen die Luft weg. Vor unserer Mutter sprachen wir nie über ihn. Das Auto kam schlitternd auf dem Seitenstreifen zum Stehen, genau an der Stelle, wo die 252 über den Turnpike führt.
»Raus. Steig aus.« Mom sagte es mit ihrer leisen Stimme, woran wir merkten, dass sie es ernst meinte. Ellen griff über Thomas hinweg, öffnete die Autotür und kletterte hinaus.
»Du kannst sie hier doch nicht einfach raussetzen«, sagte Marie. »Es wird schon dunkel. Ich gehe mit.« Sie griff nach ihrer Schultasche, die vorne im Fußraum stand.
»Das wirst du schön bleiben lassen.«
»Warte mal«, sagte Thomas. Er sah erschrocken aus, machte sich Vorwürfe wegen seiner Sticheleien. Ellen stand auf dem Kiesstreifen am Rand der Überführung, in Schulkleid, Polohemd und Kniestrümpfen. Marie hatte die Beifahrertür schon halb offen, aber unsere Mutter legte den Gang ein und trat aufs Gas.
Ich schaute zurück. Ellen stand von uns abgewandt, sie blickte über das Brückengeländer nach unten, wo die Autoschlangen auf den Turnpike drängten.
»Mom, mach das nicht. Bitte!«, sagte Thomas, aber sie reagierte nicht. Wir sausten die 252 entlang bis zum Nationalpark und bogen dann nach links ab, Richtung Valley Forge Mountain, wo wir wohnten. Vor uns war die Sonne hinter den Feldern verschwunden.
»Du kannst sie nicht einfach da stehen lassen. Es ist dunkel«, sagte Marie.
Wir waren noch mindestens acht oder neun Kilometer von zu Hause weg. Ich hatte nichts gesagt, um unsere Mutter aufzuhalten. Wir rasten die Straße entlang, über die Brücke mit dem Dach hinweg, vorbei an Äckern und Zäunen. Meine Mutter fuhr weiter und neben uns flossen die Schatten der Hartriegelbüsche im Dunkeln ineinander, jeder Strauch umgeben von einem weißen Heiligenschein aus herabgefallenen Hochblättern.
2
Valley Forge war vor allem dafür bekannt, dass George Washington, zusammen mit den zwölftausend Soldaten seiner Kontinentalarmee, einen Winter hier verbracht und in improvisierten Holzhütten ums nackte Überleben gekämpft hatte. Die Soldaten waren unterernährt, zerlumpt und barfuß gewesen. Mehr als zweitausend starben an Unterkühlung, an Krankheiten oder Verletzungen, weitere dreitausend wurden dienstuntauglich. In der neunten Klasse hatte unsere Geschichtslehrerin, Miss Esposito, uns erklärt, Valley Forge sei der Wendepunkt des Unabhängigkeitskriegs gewesen, ein Symbol für den revolutionären Geist und das amerikanische Selbstverständnis. Ich war die Einzige in der Klasse, die tatsächlich dort lebte. Wenn ich durch die Wälder am Berg streifte, dachte ich an die halb erforenen Männer, die hier heraufgekommen waren, um ganze Stämme oder abgebrochene Äste hinunter ins Lager zu schleifen, an die Männer, die sich als Deserteure zwischen die Bäume geflüchtet hatten, oder an die, die vielleicht gerade noch hierher gekrochen waren, um sich zum Sterben hinzulegen. Einige waren nicht einmal Männer gewesen, sondern Jungen, so alt wie Thomas.
Das Armeelazarett lag in Yellow Springs, auf der anderen Seite des Bergs, die Kranken und Sterbenden mussten also durch unsere Wälder gekommen sein, wenn sie vom Lager dorthin wollten, über diese Wege. Kranke Männer, die ohne Schuhe durch den Schnee stapften, durch dieselben Wälder wie ich gingen oder getragen wurden. Was hatten sie von der Krankenbahre aus gesehen, wenn sie nach oben schauten, im Winter, ohne Blätterdach? Nichts als schwarze, nackte Äste vor einem grauen Himmel, dazu der Gedanke, dass sie diese Welt vielleicht gerade zum letzten Mal sahen und die Sonne es nicht für nötig hielt, sich zu zeigen. Vielleicht hatten sie nicht einmal Bäume gesehen; irgendwo hatte ich gelesen, dass die Soldaten fast alles abgeholzt hatten, um es warm zu haben und ihre Hütten zu bauen.
Der Valley Forge Mountain war weniger ein Berg als ein Hügel. Wenn man die Abkürzung durch den Wald nahm, war Washingtons Hauptquartier keine drei Kilometer von unserem Haus entfernt. In den Fünfzigerjahren war der Berg zum Wohngebiet umgewidmet worden, der Wald allerdings blieb als Teil des Nationalparks erhalten. Hinter unserem Haus führte der Horseshoe Trail entlang, ein Wander- und Reitweg, der im Nationalpark begann und dann über zweihundert Kilometer weiterging, bis er in Harrisburg auf den Appalachian Trail traf.
Der Weg zerschnitt den Berg in zwei Verwaltungsbezirke: Tredyffrin, wo Sage wohnte, und Schuylkill auf unserer Seite. Sages Teil des Bergs wirkte damals wohlhabender – die Häuser waren größer und besser in Schuss. Die größte Ortschaft in Schuylkill war Phoenixville, ein altes Eisen- und Stahlarbeiterstädtchen am Fuß des Bergs. Im Lauf unserer Kindheit wurden die Stahlwerke verkleinert, bauten Personal ab, schlossen. Phoenixville litt. Marie meinte, die Stadt hänge in einer Zeitschleife fest: Die Achtziger hatten begonnen, aber in Phoenixville herrschten immer noch die Sechziger und für junge Leute gab es kaum Perspektiven dort. Kinder, die am Berg wohnten und aus Schuylkill kamen, gingen auf die Phoenixville High School und die aus Tredyffrin auf die Conestoga, eine der besten staatlichen Schulen in ganz Pennsylvania. Wir besuchten keine von beiden. Wir gingen auf katholische Schulen, die näher an Philadelphia lagen.
Ich verbrachte meine Zeit am Berg meistens damit, durch die Wälder zu streifen oder zu Washingtons Hauptquartier hinunterzuwandern. Thomas und ich hatten auch mal versucht, im Schuylkill River zu angeln, der gleich daneben entlangfloss. Er meinte, wir könnten vielleicht Welse oder Barsche erwischen. Aber wir fingen nie etwas, am Flussufer roch es nach Abwasser und an den seichteren Stellen sahen wir Radkappen, kaputte Toaster und anderen Müll herumliegen. Oben am Berg, abseits des Weges, konnte man im Wald noch die Überreste alter Steinbrüche ausmachen, und am Ende unserer Straße, knapp einen halben Kilometer entfernt, lag eine tiefe Schlucht, die einmal zu einer Quarzmine gehört hatte. Dort wurden Quarz-Erze abgebaut und irgendwo zu Sand verarbeitet. Überall am Berg fand sich Quarz – riesige glitzernde Steine, die einfach so auf der Erde lagen, oder schimmernde Quarzkanten, die aus dem Boden ragten, als würden sie dort wachsen. Dad hatte mir erzählt, im prähistorischen Irland habe der Quarz als heiliger Stein gegolten und sei mit den sterblichen Überresten der Toten begraben worden.
Nachdem wir Ellen an der Straße zurückgelassen hatten, fuhren wir schweigend den Berg hinauf. Ich sah, wie das Scheinwerferlicht des Wagens auf die Bäume traf, wenn wir um eine Kurve bogen. Jedes Mal, wenn unsere Mutter runterschaltete und langsamer wurde, hoffte ich, sie würde sich besinnen, würde wenden, zurückfahren und Ellen von der Straße holen, und keiner von uns würde mehr wütend sein, weil wir alle so dankbar wären, sie wieder sicher bei uns im Auto zu haben. Aber wir fuhren weiter. Beatrice hintendrin war die Einzige, die etwas sagte.
»Da sind keine Straßenlaternen. Wie soll sie denn nach Hause finden?« Niemand gab eine Antwort.
Wir hielten in unserer Einfahrt, und Marie stieg aus, um das Garagentor zu öffnen. Auf der anderen Straßenseite hatten die Walkers ihre Gartenbeleuchtung eingeschaltet; in ihrem Licht sah ich das wuchernde Gras unseres Vorgartens, kniehoch und ganz verwildert. Alles fühlte sich falsch an. Das Haus, das ungemähte Gras, Ellen draußen auf der Straße, Dad nicht mehr da. Vor ein paar Monaten hatte Mr Walker uns einen Brief geschrieben, eine kaum verhohlene Beschwerde darüber, wie unser Haus aussah. Außen auf der Karte stand Von Herzen, innen sprach er uns sein Beileid aus für alles, was wir im vergangenen Jahr durchgemacht hätten, er habe viel an uns gedacht. Seine Frau Minnie und er hätten für uns gebetet, schrieb er und schloss mit den Worten: »Wir haben uns überlegt, es könnte Ihre Last vielleicht ein wenig lindern, wenn Sie diesen Sommer jemanden hätten, der Ihren Rasen mäht und kleinere Instandhaltungsarbeiten für Sie erledigt. Soviel ich weiß, ist einer der De Martino-Söhne gerade auf der Suche nach genau dieser Art von Arbeit. Geben Sie uns doch Bescheid, wenn wir Ihnen irgendwie behilflich sein können.« Unterschrieben hatte er mit: »Ihr Nachbar und Freund, Harry Walker«.
Marie hatte gedroht, ihn höchstpersönlich aufzusuchen. »Ich werde ihn ganz direkt fragen: Wenn er so ein toller Christ ist und sich solche Sorgen wegen unserem hohen Gras macht, warum kommt er dann nicht selbst rüber, schwingt seinen fetten Elmer-Fudd-Hintern auf den Echtledersitz von seinem verdammten Rasentraktor-Cadillac und mäht für uns?«
Wir mussten alle lachen, sogar unsere Mutter. Mit seinen knallbunten, gestärkten Karohemden und den viel zu hoch sitzenden Freizeithosen sah Mr Walker tatsächlich ein bisschen aus wie Elmer Fudd. Marie parodierte Minnie Walker im Die Frauen von Stepford-Stil. Sie drehte sich altmodische Lockenwickler in die Haare, stopfte sich Fußbälle unter den Pullover, so dass sie fast vornüber kippte, band sich eine bodenlange Schürze um und bemalte sich den Mund mit knallrotem Lippenstift, weit über die Konturen hinaus. So trug sie dann ein unsichtbares Tablett mit einem Glas Limonade durch unser Wohnzimmer: »Ach, liebster Harry Walker, ich bin ja so beschäftigt mit meiner christlichen Nächstenliebe und meiner Barmherzigkeit, dass ich fast vergessen hätte, dir deine Erfrischung zu servieren. Du bist doch sicher ganz müde davon, dir den Arsch platt zu sitzen und die paar Grashalme zu mähen. Und wie aufreibend es doch für dich sein muss, mein armer Harry, die ganze Zeit auf dieses schändliche Haus und diese schändlichen Leute gegenüber zu schauen.« Sie brachte uns alle hemmungslos zum Lachen. Thomas lachte so sehr, dass er gar keinen Ton mehr herausbekam. Ich wusste, ihn belastete das mit dem Gras am meisten, weil er das Gefühl hatte, eigentlich für das Mähen zuständig zu sein. Aber wir besaßen keinen Rasenmäher und hatten auch die anderen Geräte unseres Vaters nie von seinem Cousin aus der Bronx zurückbekommen. Wir hatten ihn nie danach gefragt, und von sich aus hatte er auch nichts gesagt. Wir hatten überhaupt nichts von Dad zurückbekommen, nur den Transporter, den Mom dann verkauft hatte, und seine Leiche. Ich fragte mich, was wohl aus den vielen Karten und Geschenken geworden war, die wir ihm geschickt hatten. Aus all den Dingen, die wir in der Schule für ihn gebastelt hatten. Ich war mir sicher, er hatte sie aufgehoben. Mir wurde ganz übel bei dem Gedanken, dass sein Cousin all seine Sachen einfach weggeworfen hatte.
Im Scheinwerferlicht sah ich, wie Marie das Garagentor nach oben schob. Jetzt, wo sie den Kopf auf einer Seite rasiert hatte, konnte sie kaum noch die Minnie Walker mit Lockenwicklern geben. Marie trat zur Seite, und unsere Mutter fuhr in die Garage, zog die Handbremse an, stellte den Motor ab, griff sich ihre Handtasche vom Boden vor dem Fahrersitz und verschwand sofort im Haus und in ihrem Zimmer.
Ich hievte meine Schultasche und meine Mappen aus dem Wagen, nahm auch die von Ellen mit und schleppte sie ins Haus. Ellen hatte ihre großformatige Kunstmappe mit ihren Arbeiten aus dem Schuljahr dabei. In Schreibschrift hatte sie groß Ellen darauf geschrieben und die einzelnen Buchstaben mit verschiedenen Farben umrandet, die sich nach außen hin psychedelisch zu Blumen und Mustern verzweigten, wie auf einem Plattencover von Cream. Ich öffnete die Mappe und breitete die Bilder auf dem unteren Teil des Ausziehbetts aus, wo sie schlief. Es waren Farbräder und Bleistiftzeichnungen dabei, Stillleben mit Früchten und Blumen. Auch ein Familienportrait war darunter, mit nur fünf Figuren; sie hatte Mom und Dad nicht mitgezeichnet, nur uns. Auf dem Bild war Marie die Größte, obwohl Thomas und ich sie beide überragten. Mitten im Stapel steckte auch ein Selbstportrait, mit Wachs- und Ölkreiden. Ellen hatte nur Blau, Lila und Schwarz dafür verwendet. Es wollte gar nicht realistisch sein, und doch fing es viel von ihr ein, ihre großen blauen Augen, die mit den leichten, lila-bläulichen Schatten darunter immer etwas eingesunken aussahen, die dunklen Wimpern und Brauen, den Seitenscheitel. Das Gesicht war nicht klar umrissen; es schien aus den dunklen Formen aufzutauchen. Hinten auf der Mappe stand eine Nachricht, mit grünem Filzstift geschrieben.
Eine sehr schöne, ausdrucksstarke Mappe, Ellen. Großartige Arbeit über das ganze Jahr hinweg, und so kunstvoll. Ich habe Dir ein paar Ölkreiden in die Mappe gesteckt, dazu die Informationen über das Kunst-Sommercamp und ein Empfehlungsschreiben. Die Arbeiten, von denen ich glaube, dass Du sie mit der Anmeldung einschicken solltest, haben einen grünen Kreis auf der Rückseite. Du bist zwar noch sehr jung, aber ich bin völlig überzeugt, dass sie Dich nehmen werden. Herzlich, Miss LeBlanc.
Ich griff wieder in die Mappe und zog einen großen Umschlag hervor. Er enthielt eine Broschüre des Sommercamps der Chestnut Grove Art Academy sowie einen kleineren, verschlossenen Umschlag, auf dem mit Schreibmaschine die Worte Empfehlungsschreiben für Ellen Gallagher getippt waren. Vorhin im Auto hatte Ellen weder das Geschenk erwähnt noch den Brief oder das Empfehlungsschreiben. Ich steckte alle Bilder wieder in die Mappe zurück, den Umschlag ließ ich auf meinem Bett liegen. Ich musste mich fürs Babysitten umziehen.
Jeden Freitag passte ich auf die beiden kleinen Söhne von Mrs Boucher auf. Außer meiner Mutter war sie der einzige geschiedene Mensch, den ich kannte, aber bei ihr wirkte es glamourös. Marie meinte, da zeige sich eben der Klassenunterschied. Solange man Geld und gesellschaftliches Ansehen habe, sei es völlig in Ordnung, die Regeln zu brechen. Mrs Boucher trug schmale schwarze Kleider, türkisfarbene Ketten und große Kreolen an den Ohren. Sie hatte langes, rabenschwarzes Haar, das sie immer offen ließ, wenn sie ausging. Mir hatte sie erzählt, sie sei Halbindianerin, und die Haare habe sie von den Shawnee, dem Volk ihrer Großmutter. Sie war Anwältin und lebte in einem Haus, das meine Mutter wohl als »modern« bezeichnet hätte, tief im Wald, mit großen Fensterfronten, in denen sich die Bäume ringsum spiegelten. Ihr Baumhaus, nannte sie es immer.
Ich zog meine Schuluniform aus und schlüpfte in Jeans, T-Shirt und Turnschuhe. Meine großen Zehen bohrten sich durch den Leinenstoff. Ich hatte schon genug Geld vom Babysitten gespart, um mir neue zu kaufen. Mrs Boucher zahlte mir zehn Dollar pro Abend, im Wesentlichen fürs Fernsehen, was für mich ein ganz besonderes Vergnügen war, weil wir zu Hause keinen Apparat hatten. Eigentlich wollte ich nicht weg, solange Ellen noch irgendwo da draußen herumirrte, aber so kurzfristig konnte ich Mrs Boucher nicht anrufen und absagen. Ich spähte aus dem Fenster in die Dunkelheit hinaus, die Hände rechts und links vom Gesicht, um das Licht im Zimmer auszusperren. Jemand, wahrscheinlich Marie, hatte die Außenbeleuchtung eingeschaltet. Ich konnte die großen Quarzsteine vorne in unserer Einfahrt erkennen, das hohe Gras, die leere Straße.
Marie kam ins Zimmer und ließ sich auf ihr Bett plumpsen, das schräg gegenüber von dem Ausziehbett stand, wo Ellen und ich schliefen. »Lass nicht immer dein Zeug auf meinem Bett liegen.« Sie warf mir meinen Schottenrock zu. »Du brauchst gar nicht zu gucken: Das dauert noch Stunden. Es kann zehn oder elf werden, bis sie wieder hier ist.«
»Sie hätte Dad nicht erwähnen sollen.«
»Wieso denn nicht?«, fragte Marie. »Wieso müssen wir hier eigentlich immer diesen Eiertanz aufführen? Wir dürfen über nichts reden, und wenn es doch mal einer tut, ist es gleich eine Riesenkatastrophe.« Marie hatte den Rock und die Bluse ihrer Schuluniform ausgezogen. Sie streifte ein schwarzes T-Shirt über, mit brennenden Autos darauf. »Und sie schließt sich natürlich gleich wieder in ihrem Zimmer ein.« Sie schob den Fuß in einen schwarzen Stiefel. Es stimmte schon, Mom würde sich den ganzen Abend nicht mehr blicken lassen. »Außerdem war es gar nicht der Dad-Kommentar, über den sie sich so aufgeregt hat.« Marie setzte sich aufs Bett und machte sich daran, sich die Augen mit schwarzem Eyeliner zu umranden. »Sondern der über den fetten Freund.«
Nach Dads Tod waren wir zwei Mal bei der Familienberatung gewesen. Beim ersten Besuch hatten wir uns alle einzeln mit Gwen, der Therapeutin, unterhalten. Ich hatte ihr von Bill erzählt, dem Freund unserer Mutter, dass sie ihn vor uns allen versteckte, außer vor Beatrice, dass wir anderen ihn nicht mal kannten, obwohl es ihn schon seit Jahren gab. Dass er offensichtlich Beatrices Vater war und ich die ganze Zeit wütend auf meine Mutter. Ich hatte die anderen nie gefragt, worüber sie gesprochen hatten.
Bei der zweiten Sitzung rief Gwen uns alle in einem Zimmer zusammen, und wir saßen in einem Kreis aus gemütlichen Sesseln. Ich schaute von Gwen zu meiner Mutter, und mir war klar, dass das hier nichts bringen würde. Gwen mit ihren langen Ohrringen und dem himmelblauen Lidschatten, dem goldenen Fußkettchen um den sonnengebräunten Knöchel. Meine Mutter mit ihrer reinen, blassen Haut, das Haar zum Knoten gezurrt, nicht die leiseste Spur von Leichtsinn. Sie schminkte sich nicht, gab praktisch nie auch nur einen Penny für sich selbst aus. Gwen wollte, dass sie über Dad redete, wie es vor der Trennung mit ihm gewesen war, was genau passiert war. Jemand von uns hatte etwas gesagt. War wirklich nur ich das gewesen? Ich spürte einen Schmerz in der Brust. Aber Mom ließ sich nicht erweichen, ihre Miene war entschlossen. Sie wollte nicht schlecht über unseren Vater reden. Sie würde nichts ausplaudern. An der Wand hing ein Poster von Holly Hobbie in ihrem Flickenkleid, mit der absurd großen Mütze, der Blume, an der sie immer schnupperte. Ihr Gesicht war nicht zu erkennen. Wir musterten die Wände, den grünen Büroteppichboden, die Tweedpolster der Sessel, in denen wir saßen, alles, nur damit wir einander nicht ansehen mussten. Moms Loyalität zu unserem Vater tat mir weh. Ich selbst hatte sie immer und immer wieder verraten, zuletzt gegenüber Gwen, einer Wildfremden, die für ihre Notizen auf dem Klemmbrett einen Bleistift mit Trollhaaren und aufgeklebten Kulleraugen verwendete. Marie zog die Augenbrauen hoch, als sie sie damit schreiben sah. Mit uns würde Gwen nicht weit kommen.
Hinterher beschloss unsere Mutter, solche Beratungen seien sinnlos und sie könne Gwen mit ihrer herablassend süßen Stimme nicht ertragen. »Wir brauchen einfach Zeit«, sagte sie. Und wir gingen nie wieder hin.
Marie nahm ihren weißen Puder und verteilte ihn auf Wangen und Stirn. Ich sah ihr kurz dabei zu. Wir hatten ganz unterschiedliche Gesichter. In der Schule konnte keiner glauben, dass wir Schwestern waren. Marie war zierlich, wie Ellen, und hatte ein zartes Gesicht. Meines war breiter, flacher. Marie war hübsch und lebhaft, während Sage von mir sagte, ich wirke irgendwie »ätherisch«, als sei ich ständig mit den Gedanken woanders. Meine Augen waren blau, aber heller als die von Marie, von allen Geschwistern waren sie denen unserer Mutter am ähnlichsten, und während die anderen alle hellbraunes oder blondes Haar hatten, waren außer den Brauen und Wimpern bei mir auch die Haare ganz dunkel. Hippie-Haare, wie Marie immer sagte. Sie hingen einfach glatt zu beiden Seiten meines Gesichts herunter, bis zur Taille. Formlos im Vergleich zu Maries Punkfrisur oder Sages Stufenschnitt, aber mir fiel auch nicht ein, wie ich sie hätte schneiden lassen sollen. Die meisten Mädchen in meiner Klasse hatten jetzt eine Dorothy-Hamill-Frisur, aber ich glaubte nicht, dass mir so etwas stehen würde. Ich hatte eine Lücke zwischen den Vorderzähnen, also lächelte ich nur mit geschlossenem Mund. Marie trug lila Lippenstift auf, so dunkel, dass er fast schwarz aussah.
»Ich muss zum Babysitten. Rufst du mich bei den Bouchers an, wenn sie wieder da ist?«
»Klar.« Im Spiegel sah sie zu mir hin. Mir war nicht ganz klar, warum sie sich ihr Punk-Gesicht malte, obwohl sie gar nicht mehr raus wollte.
Ich ging runter in die Küche und machte den Kühlschrank auf. Er war praktisch leer. Unsere Mutter bewahrte das Brot immer im Gemüsefach auf, damit es nicht alt wurde. Ich nahm mir eine Scheibe und verteilte ein Stück Butter darauf. Das Brot war so kalt, dass ich es kaum kauen konnte. Kurz fürchtete ich, mir würde schlecht werden. »Die Sorgenvolle«, hatte Gwen mich genannt. Das stimmte. Ich machte mir ständig und wegen allem Sorgen. Wenn die anderen über den Zaun zum Schwimmclub kletterten, um nackt zu baden, blieb ich draußen und hielt auf der Straße nach der Polizei Ausschau, falls jemand versehentlich den Alarm auslöste oder ein Nachbar sie meldete. Wenn Marie abends heimlich aus dem Fenster kletterte, konnte ich nicht einschlafen, bis sie wieder da war, stellte mir all die vielen schrecklichen Dinge vor, die ihr zustoßen könnten, horchte nach den Schritten unserer Mutter draußen auf dem Flur. So war ich schon vor Dads Tod gewesen. Einmal hatte unsere Mutter uns allen Poster gekauft. Meines zeigte ein Löwenjunges, das mit weit offenem Maul heulte, und darunter stand: Mach dir keine Sorgen. Die Welt ist auch so schon traurig genug.
Für Marie hatte sie ein Poster gekauft, auf dem Comictiere Musikinstrumente spielten, und der Spruch dazu lautete: Der Zauber der Musik zähmt selbst das wilde Tier.
Auf dem von Ellen stand: Freu dich, du bist nicht wie die anderen.
Ich warf das Brot in den Müll. Ich brachte es einfach nicht runter.
Im Wohnzimmer war Beatrice dabei, auf dem Sofa Wäsche zusammenzulegen, während Thomas staubsaugte. Sie hatten die Arbeiten übernommen, die eigentlich Ellen erledigen sollte. Beatrice war sieben, fünf Jahre jünger als Ellen und sieben Jahre jünger als ich. Und Ellen hatte recht, unsere Mutter verwöhnte sie, das machten wir im Grunde alle, aber trotzdem war sie kein nerviges Kind und stand nicht gern im Mittelpunkt. Ich setzte mich neben sie auf das Sofa und faltete ein Schuloberteil.
»Ich weiß gar nicht, warum Ellen so sauer auf mich war.« Beatrice sah mich an. In ihrem Mund klaffte eine Lücke, wo ihr zwei Milchzähne ausgefallen waren. Ihr lockiges Haar war dicht hinter den Ohren zu zwei dicken Zöpfen gebunden.
»Sie war nicht sauer auf dich. Du kannst nichts dafür, Bea.«
»Und wenn sie sich jetzt verläuft oder von einem Auto angefahren wird?«
»Ihr wird schon nichts passieren. Wir sind es doch alle gewohnt, im Dunkeln über den Berg zu laufen. Sie kennt die Straßen. Hilf Marie, nach ihr Ausschau zu halten, ja?« Beatrice nickte.
Thomas rief über den Staubsaugerlärm hinweg: »Was ist denn das für eine Arbeitsmoral? Weiterfalten, aber dalli! Links, zwo, drei, vier!« Sofort strahlte Bea wieder und rollte ein paar Socken zusammen.
»Ich muss los. Ruft mich auf jeden Fall bei den Bouchers an, wenn sie wieder da ist.« Ich ging noch einmal die Treppe hoch, um unserer Mutter Bescheid zu sagen. Ihre Zimmertür war abgeschlossen. Ich klopfte. »Ich bin dann jetzt weg, Mom.« Sie reagierte nicht.
Im Flur kam mir Marie entgegen, die nach unten wollte. »Lass sie besser in Ruhe.«
»Ich sage ihr ja nur, dass ich jetzt gehe.« Am liebsten hätte ich mit voller Kraft gegen die Tür getreten. Ich ging zurück in unser leeres Zimmer und nahm mir Ellens Mappe, sah die Blätter durch und suchte die mit den grünen Kreisen: das schemenhafte Selbstportrait, die Familie ohne Eltern, ein paar Skizzen zu einem Hirsch, nur Kopf und Geweih, alle mit Bleistift gezeichnet, in unterschiedlichen Graustufen. Das waren keine süßen Kinderzeichnungen; sie wirkten nüchtern, abgeklärt und traurig. Mir war klar, dass Ellen in ihrer Klasse die absolute Ausnahme sein musste. Ich nahm den Brief, die Broschüre, das Empfehlungsschreiben und die Blätter. Mom musste das wissen. Ich ging zurück zu ihrem Zimmer, kniete mich auf den Teppich und schob alles einzeln unter ihrer Tür durch. Dann brach ich auf.
Unser Haus am Berg hatte mehrere Ebenen. Insgesamt waren es vier, mit kurzen Treppen von jeweils fünf Stufen dazwischen. Es gab vier Schlafräume. Das Zimmer unserer Mutter, Beas Kammer und das Zimmer, das ich mir mit Ellen und Marie teilte, lagen auf derselben Ebene. Beas Zimmer war wirklich klein und grenzte direkt an das unserer Mutter. Thomas hatte ein großes Zimmer ganz oben. Ich liebte dieses Haus und den Wald ringsherum. Wir waren kurz nach Ellens Geburt an den Berg gezogen. Vorher hatten wir in Ardmore gewohnt. Ich glaube, unser Vater hat sich am Berg nie richtig wohl gefühlt. Er war nicht wie die anderen Väter dort. Das lag nicht nur an seiner Arbeit; er war schon nach dem fünften Schuljahr, das unserer amerikanischen fünften Klasse entsprach, von der Schule abgegangen. In Irland, erzählte er uns, war das für Kinder, die auf Bauernhöfen aufwuchsen, ganz normal gewesen. Sie mussten mitarbeiten. Und mein Vater arbeitete härter als jeder andere Mensch, den ich kannte. Er war nur offenbar nicht in der Lage, Geld zurückzulegen.
Vor Beatrices Geburt hatten unsere Eltern eine Mal-zusammen-und-mal-getrennt-Phase durchlaufen, aber als sie zur Welt kam, war er schon ausgezogen. Danach sahen wir ihn nicht mehr so oft, aber ich half ihm noch immer beim Rasenmähen und Laubrechen. Er blieb in der Gegend um Philadelphia und hatte wechselnde Wohnsitze, aber es hielt ihn nirgendwo lange. Dann bot ihm ein entfernter Verwandter Arbeit und Unterkunft in der Bronx an, wo er eine Firma für Garten- und Landschaftsbau betrieb. Ein einziges Mal hatten wir ihn dort besucht – Marie, Thomas, Ellen und ich. Wir waren an der 30th Street Station, dem Zentralbahnhof, in Philadelphia in den Zug gestiegen, und er hatte uns an der Penn Station in Manhattan abgeholt. Er stand oben an der Rolltreppe, als wir vom Bahnsteig hinauffuhren. Nach der Arbeit hatte er geduscht und ein Hemd und eine Krawatte angezogen, ganz altmodisch, so wie er es auch, als er noch bei uns wohnte, immer gemacht hatte, wenn wir irgendwohin gingen. Nie sah man ihn in Freizeitkleidung wie die Väter meiner Freundinnen. Er besaß keine Jeans, keine leichten Hosen oder Shorts. Nicht einmal Turnschuhe, die auch einfach nicht zu ihm gepasst hätten. Er trug klassische weiße T-Shirts, aber nichts mit Aufdruck und beim Rasenmähen Arbeitshosen. Sein lockiges Haar war immer zurückgekämmt und seitlich gescheitelt.
»Dad ist halt Fünfzigerjahre«, sagte Marie immer voller Stolz. Sie meinte, es sei doch komisch, dass erwachsene Männer in den USA sich inzwischen anzögen wie kleine Jungs, sie besäßen überhaupt keine Eleganz mehr.
Wir fuhren mit der U-Bahn bis nach Woodlawn in der Bronx, wo er jetzt wohnte. Die Häuser standen dicht beieinander, mit Maschendrahtzäunen dazwischen. Straßen und Höfe wirkten nackt. Es gab keine Bäume, nur ein paar versprengte, kümmerliche Sträucher, und mir kam es seltsam vor, dass mein Vater an einem Ort so ganz ohne Blätter lebte. Vor den Häusern, in deren Gärten wir ihm bei der Arbeit geholfen hatten, lag das Laub manchmal so hoch, dass es mir bis zur Taille reichte, wenn ich hindurchwatete. Dann schaltete Dad den Laubbläser ein, und die Blätter wirbelten um uns herum auf und fielen wieder herab. In der Bronx hatte er eine möblierte Einraumwohnung gemietet, wie er es nannte, ein Zimmer, das an ein anderes Haus grenzte, aber seinen eigenen Eingang hatte. Unter dem Fenster war eine kleine Küchenzeile. Auf einem Elektroherd mit zwei Kochplatten bereitete er zum Abendessen Steak mit Kartoffelbrei für uns zu. Es gab ein winziges Bad mit Dusche und ein Sofa, das ihm auch als Bett diente. Er holte den Schaumstoff, den er hinter dem Fahrersitz seines Pickups lagerte, und rollte ihn auf dem Boden aus, und so verbrachten wir die Nacht, wir vier und er, zusammen in diesem einen Zimmer in der Bronx. Er hatte extra für unseren Besuch neue Teller und neues Besteck gekauft, damit wir zu fünft essen konnten. Bis heute denke ich beim Einschlafen noch manchmal an diese Nacht. Wir alle zusammen, wie wir dort im Dunkeln lagen und redeten, gemeinsam atmeten, in diesem einen Zimmer.
3
Ich trat in die Dunkelheit hinaus. Dort, wo die Rasenflächen an den Wald grenzten, schimmerten die Leuchtkäfer. Die Nachtluft war warm und fühlte sich nach Sommer an. Die Bouchers wohnten auf der anderen Seite des Bergs; zu Fuß etwa zwanzig Minuten. Auf dem Weg musste ich am Haus der Addisons vorbei, dem »Manson-Haus«. Die Addisons waren aus Kalifornien an den Berg gezogen und wohnten eine Straße weiter oben als wir. Kurz nach ihrem Einzug fingen die Leute an zu reden. Es hieß, Mr Addisons Firma habe in Kalifornien Mammutbäume gefällt, deren Holz dann nie verarbeitet und irgendwann im Pazifik versenkt worden sei, und sein Name stehe ganz oben auf der »Todesliste«, die Charles Manson im Gefängnis geschrieben hatte. Ein paar Jahre zuvor hatte ein Mitglied der Manson-Familie versucht, Präsident Ford zu töten, um die Mammutbäume Kaliforniens zu retten. Niemand konnte sagen, ob an den Gerüchten um Mr Addison etwas dran war. Marie besaß eine Ausgabe von Helter Skelter, und ich hatte sie gelesen. In der Mitte gab es einen Bildteil mit Fotos. Ich betrachtete sie aufmerksam, versuchte, die Gesichter der jungen Frauen zu entschlüsseln, die sich Mansons Gruppe angeschlossen hatten, prägte sie mir ein, für den Fall, dass mir jemals eine von ihnen hier begegnete. Noch immer ging ich automatisch schneller, sobald ich einen VW-Bus sah.
Das Haus der Addisons lag tief im Wald. Je näher ich ihm kam, desto langsamer wurde ich, machte mich zum Sprint bereit. Die Außenbeleuchtung war mit einer Art Sensor ausgestattet und wenn nachts jemand vorbeiging, schaltete sie sich ein und tauchte das Haus und den umliegenden Wald in gleißendes Licht. Ich wechselte die Straßenseite, um sie nicht auszulösen, und ungefähr fünf Meter vor dem Grundstück rannte ich los, lief, so schnell ich konnte, gut hundert Meter weit, und dabei malte ich mir die Mörderinnen aus, die im Wald lauerten. Ich schaute über die Schulter zurück, um zu sehen, ob ich irgendwie verfolgt wurde. Oben an der High Point Road gab es eine Abkürzung direkt durch den Wald, die am Wasserturm vorbeiführte und zum Horseshoe Trail gehörte. Es war dunkel, aber ich kannte den Weg. Ich war schon so oft hier entlang gerannt. Gelbe Rechtecke, die an die Baumstämme gemalt waren, kennzeichneten den Wanderweg und leuchteten im Dunkeln kurz auf, wenn ein Splitter Mondlicht darauf fiel. Ich fand diese Markierungen immer sehr beruhigend; wie in einem Märchen zeigten sie mir, dass ich noch auf dem richtigen Weg war. Aber heute schwappte eine Welle der Panik über mich hinweg. Wie weit war Ellen wohl gelaufen?
Vor mir öffnete sich der Weg auf eine kiesbestreute Lichtung mit zwei Türmen. Der eine war ein riesiger Wasserturm aus Metall, ein massiges graues Gebilde, umringt von Eichen und Ahornbäumen. An manchen Tagen, wenn die Sonne am späten Nachmittag schon tiefer stand als das Blätterdach, warfen die Bäume perfekte Schatten auf die glatte Oberfläche, und der Turm schien fast ein Teil des Waldes zu werden. Der andere Turm war höher, ein bloßes Gerüst aus sich kreuzenden Metallteilen. Er sah aus, als würde er sich jeden Moment bewegen, seine Glieder ausstrecken und alle menschlichen Eindringlinge zerquetschen. Wir vermuteten, dass er irgendwie mit Strom zu tun hatte. Beide Türme waren von einem hohen Zaun umgeben, an dem oben in einem Winkel Reihen von Stacheldraht gespannt waren. Vergebens: Die Jugendlichen kletterten trotzdem darüber, sprangen dann hoch an die unterste Sprosse der Steigleiter des Wasserturms und zogen sich hinauf, um ihn zu erklimmen. Vor dem anderen Turm, der womöglich unter Strom stand, fürchteten sich alle.
Von der anderen Seite der Lichtung hörte ich Stimmen und Gelächter, wahrscheinlich ein paar Jugendliche aus Phoenixville, die dort herumhingen, kifften und Bier tranken. An beiden Türmen blinkten rote Lichter, als Warnung für den Flugverkehr oder auch als Signal an andere Außerirdische.
Letzten Winter waren Thomas und ich mit Jack Griffith hier oben gewesen, Thomas’ ältestem Freund am Berg. Seit Dads Beerdigung hatten wir ihn nicht oft zu Gesicht bekommen. Thomas ging kaum noch aus dem Haus, rief niemanden mehr zurück. Es war ein, zwei Tage nach Neujahr, in der Abenddämmerung; wir hatten noch Weihnachtsferien, und es schneite. Marie, Thomas und ich waren draußen und versuchten die Einfahrt freizuschippen, als Jack in einem kleinen Nissan Datsun herangerumpelt kam. Er habe jetzt den Führerschein, sagte er, und habe sich gedacht, Thomas und er könnten ein bisschen in der Gegend rumfahren, bevor die Schneepflüge kämen. Marie sagte zu Thomas, er solle ruhig mitfahren. Bevor sie in den Wagen stiegen, drehte Jack sich zu mir um und fragte, ob ich auch mitwolle, und ohne groß nachzudenken, sagte ich ja und kletterte auf den Rücksitz.
Wir fuhren durch tiefen Schnee. Die Straßen waren leer, nirgends waren Reifenspuren zu sehen; nur die Bäume legten den Verlauf der Fahrbahn fest. Es war dunkel, und wir fuhren, geborgen in Jacks Datsun, über den Berg, während es um uns herum weiterschneite. Im Radio lief »The Logical Song« von Supertramp, und wir versuchten, die Horseshoe Trail Road hinaufzukommen, aber die Räder drehten durch, der Wagen rutschte immer wieder zurück. Jack bekam ihn nicht weiter die Straße hinauf, also hielt er an, wir stiegen aus und stapften zu Fuß hoch bis zum Wasserturm, um zu sehen, wie es dort, ganz oben auf dem Berg aussah, wenn alles weiß war. Zu dritt standen wir in der abendlichen Schneestille, mit kalten Gesichtern, inmitten dicker Flocken und blinkender Lichter, und ich fühlte mich glücklich. Ich weiß noch, wie ich zu Jack hinüberschaute und er auf einmal schön geworden war, das dunkle Haar, die roten Wangen. Ich sah ihm an, dass auch er glücklich war, einfach nur, weil er hier mit uns stand. Seither war ich ein klein wenig verknallt in ihn, aber das hatte ich nicht mal Sage erzählt. Ich bekam ihn ja sowieso kaum zu Gesicht. Und Thomas auch nicht.
Als ich am Turm vorbeiging, hörte ich noch mehr Gelächter, Glas splitterte, und ich rannte los, damit sie mich nicht entdeckten. Aber ich war noch nicht bis zu den Bäumen auf der anderen Seite der Lichtung gekommen, als sich in der Dunkelheit vor mir Schatten bewegten. Ich verlangsamte meine Schritte und ging auf die fünf oder sechs Jugendlichen zu, die, von Grasgeruch umweht, in einem lockeren Kreis zusammenstanden. Abbey Quinn machte einen Schritt auf den Weg hinaus.
»Hey, Gallagher, bist du das? Wo willst du denn hin?«
Ich blieb stehen. Ich mochte Abbey, aber die anderen, die bei ihr waren, machten mich befangen. »Hallo, Abbey. Ich gehe babysitten.«
»Bei der bildschönen Mrs Boucher?« Abbey kicherte. Sie war bekifft.
Ich schaute zu den anderen hinüber, versuchte, ihre Gesichter zu erkennen. »Ja.«
»Ich hab gehört, es gibt jemanden, der Mrs Boucher besonders schön findet«, sagte sie und fing wieder an zu lachen.
Ich wusste nicht, was sie damit sagen wollte, und zuckte nur die Achseln. Abbey legte mir den Arm um die Schultern. Getrunken hatte sie auch.
»Du solltest mal ’n bisschen öfter herkommen. Würde dir guttun. Mit Sage.«
»Ich versuch’s«, sagte ich. »Aber jetzt muss ich los. Bis dann.« Und damit ging ich weiter den Weg entlang.
Er endete an der Straße, in der die Bouchers wohnten, und ich wandte mich nach links, hangabwärts. Hinter dem Haus der Bouchers lag eine Nike-Raketenbasis im Besitz der US-Regierung. Weil Philadelphia zu den wichtigsten Städten der USA gehörte, war es von vielen solcher Stützpunkte umgeben, die angeblich angreifende Raketen orten und Abwehrgeschosse abfeuern konnten, um sie zu treffen und zu zerstören. Einige der Stützpunkte hatten den Radar, die anderen hatten die Raketen. Ich wusste nicht, wie es bei unserem war. So oder so, es bedeutete, dass der Atomkrieg in greifbare Nähe gerückt war, dass wir zum Ziel werden konnten und im Boden unter uns Raketen lagerten. Nuklearwaffen und Radioaktivität machten mir Sorgen. Vor ein paar Jahren, nach dem Reaktorunfall auf Three Mile Island, mussten viele Menschen evakuiert werden. Wir hörten im Autoradio von Dads Pickup davon, auf dem Heimweg von der Schule. Harrisburg lag nur anderthalb Stunden Fahrt von uns weg, Luftlinie weniger. Ich hatte mir vorgestellt, wie die Menschen zu Fuß flüchteten und sich angsterfüllt nach dem Unsichtbaren umdrehten, das die Luft mit sich trug, wie alles von einer Verseuchung ausgelöscht werden konnte, die man nicht einmal sah. Es hieß, die Stützpunkte hätten schon seit den Sechzigerjahren ausgedient. Waren also auch die Boden-Luft-Raketen entfernt worden, oder ruhten sie immer noch hier unter der Erde? Das wusste niemand.
Mrs Bouchers Haus lag mehrere hundert Meter abseits der Straße, an einem steilen Abhang, und war vom Anfang der Zufahrt aus praktisch nicht zu sehen. Auf dem Weg nach unten sah ich die durch die Bäume zerschnittenen Lichter des Hauses. Ich nahm mir vor, Mrs Boucher zu erzählen, was mit Ellen passiert war. Vielleicht würde sie sich ja mit mir und den Jungs ins Auto setzen und den Berg hinunterfahren, um auf der Straße nach ihr Ausschau zu halten. Oder ich würde mit den Jungs im Haus bleiben, und sie könnte sich auf die Suche machen. Ich wusste, sie würde uns helfen. Aber kaum stand ich vor der Haustür, öffnete Mrs Boucher mir bereits; ich kam nicht einmal zum Klopfen. Sie hatte sich einen leichten Schal um die Schultern gelegt und schon nach Handtasche und Schlüssel gegriffen. Sie trat einen Schritt zurück, um mich einzulassen, nahm aber die Hand nicht von der offenen Tür.
»Hallo, Libby. Entschuldige, ich bin heute sehr in Eile. Die Jungs sind schon im Schlafanzug. Im Gefrierfach steht Eis. Ich habe Schoko-Mint für dich besorgt.« Ich zögerte kurz, bevor ich ins Haus trat. Mrs Boucher sah mich an. »Alles in Ordnung?«
»Ja, alles bestens. Danke. Auch für das Eis. Heute war der letzte Schultag vor den Sommerferien«, setzte ich noch hinzu, als würde das irgendetwas erklären. Ich ging an ihr vorbei in die Diele.
»Ach, das Paradox der Freiheit«, sagte Mrs Boucher, als wäre ihr alles klar. »Wir sehen uns später, wenn ich zurück bin.« Und damit zog sie die Haustür hinter sich zu.
Warum hatte ich ihr nichts erzählt? Ich fasste nach der Klinke, um die Tür zu öffnen, sie zurückzurufen, ihr zu sagen, dass wir Hilfe brauchten. Aber ich fand es schrecklich, andere um etwas zu bitten. Vielleicht würde sie ja auf ihrem Weg den Berg hinunter an Ellen vorbeifahren. Ich rief mir all die Leute vor Augen, die auf dem Heimweg an Ellen vorbeifahren könnten. Irgendwer würde doch sicher anhalten. In ihrer Schuluniform war sie leicht zu erkennen.
Ich spielte mit den Jungs und brachte sie dann ins Bett. Bruce, dem Zweijährigen, las ich Gute Nacht, Mond vor, Peter, dem Fünfjährigen, Peter Hase. Bruce nuckelte am Daumen und kuschelte sich an mich. Er hatte eine Mondlampe in seinem Zimmer, und als ich an der Stelle war, wo dem Zimmer Gute Nacht gesagt wird, schlief er längst. Nach dem Vorlesen nahm Peter gern selbst das Buch, um die Bilder noch einmal ganz genau zu betrachten. Ich tat so, als wäre auch er ein Hase, wir rieben zum Gute-Nacht-Sagen die Nasen aneinander und ich ermahnte ihn, sich noch schön das Fell zu putzen und zum Schlafen die Ohren anzulegen.
Dann ließ ich ihn allein und ging nach oben ins Wohnzimmer. Die ganze Zeit lauschte ich angestrengt auf das Telefon. Um zehn nahm ich den Hörer ab, um zu überprüfen, ob das Freizeichen zu hören war, und legte ihn dann sorgfältig wieder auf die Gabel. Ich hätte gern zu Hause angerufen, aber dann würde womöglich meine Mutter an den Zweitapparat bei sich im Zimmer gehen. Stattdessen rief ich Sage an, außer Marie und Thomas der einzige Mensch auf dieser Welt, der mich sofort verstehen würde.
»Hallo, ich bin’s.«
»Warum flüsterst du?«
»Weiß ich auch nicht. Ich bin bei den Bouchers. Mom hat vorhin, als es schon dunkel war, Ellen aus dem Auto geworfen. Auf der Brücke über den Turnpike. Sie muss zu Fuß nach Hause laufen, aber ich glaube, sie ist noch nicht wieder da.«
»Am Turnpike? Arme Ellen. Diese Straße ist so einsam.«
»Ja. Ich weiß nicht, was ich machen soll.«
»Ich schicke Charlotte mit dem Wagen los«, sagte Sage. »Das macht sie bestimmt.«
»Nein. Bitte nicht. Dann wird alles nur noch schlimmer. Mom kriegt vielleicht Ärger.«
»Und wenn schon.«
»Sag deiner Mutter bitte nichts. Ich melde mich, sobald ich weiß, dass sie zu Hause ist.« Ich setzte mich wieder auf das Sofa und versuchte, fernzusehen, konnte mich aber nicht konzentrieren. Wenn ich bloß etwas zu Mrs Boucher gesagt hätte, vielleicht hätten wir Ellen dann schon gefunden und alles wäre längst vorbei. Um halb elf klingelte das Telefon.
Marie war dran. »Sie ist immer noch nicht da.«
»O Gott. Mir ist ganz schlecht.«
»Auf der Straße ist sie nicht. Sie muss wohl durch den Wald gegangen sein.«
»Woher weißt du das?«
»Wilson McVay ist die ganze Strecke mit dem Motorrad abgefahren und hat sie nicht gesehen.«
»Du hast Wilson McVay angerufen?«
»Ja. Wen denn sonst?«
»Jeden, bloß nicht ihn. Der ist verrückt, Marie.«
»Die Leute, die so was sagen, kennen ihn nicht.«
»Die Leute haben Gründe, so was zu sagen. Er hat ziemlich verrücktes Zeug gemacht.«
»Er hat uns geholfen, Libby. Werd erwachsen.«
Mir fiel mehr als genug ein, was mit Wilson McVay nicht stimmte. Unser toter Kater Mr Franklin zum Beispiel. (So hatte ihn Thomas genannt, nach Benjamin Franklin, der sich der Legende zufolge einmal nachts am Berg verirrt haben soll. Unser Mr Franklin war uns als junges Kätzchen im Wald zugelaufen.) Wir waren überzeugt, dass Wilson ihn getötet hatte. Die Leute erzählten sich, er knalle die Haustiere der Nachbarn mit seinem Luftgewehr ab, und als wir Mr Franklin tot im Wald fanden, hatte er kreisrunde Wunden in der Flanke. Ich hatte selbst schon erlebt, wie verrückt Wilson sein konnte, und Marie war auch dabei gewesen. Vor Jahren, ich war vielleicht elf oder zwölf, saßen wir einmal auf den Schaukeln am Sun Bowl, und Wilson kam mit seiner Motocross-Maschine angefahren, kurvte herum und versuchte, den Felshang am anderen Ende des Geländes raufzukommen. Er machte ein paar Anläufe, dann fuhr er zu den Schaukeln und ließ die Maschine aufheulen, wirbelte direkt vor uns Staub auf. Eine Gruppe älterer Jungs war aufgetaucht und stand auf dem Basketballfeld herum. Sie waren mir mindestens genauso suspekt. Als Wilson mit dem Motorrad an ihnen vorbeifuhr, rief ihm einer, ein Typ mit freiem Oberkörper, so etwas wie »Psycho!« nach. Wilson wendete wieder. Als er erneut vorbeifuhr, kommentierte derselbe Typ: »Sogar die Spinner sind heute zum Spielen draußen«, und die anderen lachten. Wilson wendete erneut und fuhr direkt auf ihn zu. Er zögerte keine Sekunde, wich auch nicht aus und verfehlte den halbnackten Typen nur, weil der zur Seite sprang. Der Typ rappelte sich auf und schrie: »Ein Tag Freigang von der Klapse, was, Arschloch?« Wilson ließ das Motorrad liegen, rannte auf den Typen zu, sprang hoch und rammte ihm den Kopf gegen die Stirn. Der Typ stand einen Moment wie benommen da, dann sackte er einfach in sich zusammen. »Er hat ihn k.o. geschlagen«, rief jemand. Wilson war noch einmal an den Schaukeln vorbeigekommen, und ich hatte sein Gesicht gesehen.
Mir war klar, warum der Typ ihn als Verrückten bezeichnete – das taten alle. Etwa ein halbes Jahr vorher hatte die Polizei kommen müssen, weil Wilson bei den Nachbarn die Fenster eingeschlagen hatte. Bei drei Häusern hintereinander. Eine Scheibe nach der anderen hatte er mit bloßen Fäusten eingeschlagen, brüllend, mitten in der Nacht. Als es vorbei war, kam Mr Pascall, der gleich nebenan wohnte, nach draußen. Er fand Wilson splitternackt auf der Straße vor, heulend, Hände und Arme voller Blut. Wilson hatte zu ihm hochgeschaut und gesagt: »Sie rufen jetzt wohl besser die Bullen.« Kurz nach der Sache am Sun Bowl hörten wir, er sei in einen missglückten Raubüberfall verwickelt gewesen, bei dem auch ein Tankstellenmitarbeiter gefesselt worden sei. Manche behaupteten, Wilson hätte den Fluchtwagen gefahren. Irgendwas musste er jedenfalls gemacht haben, denn danach verschwand er für ein paar Jahre, und kein Mensch wusste, wohin. Seit er wieder da war, tauchte er häufig auf Partys auf, suchte die Gesellschaft von Jugendlichen, die kaum älter waren als ich, war dabei, aber hielt sich am Rand.
»Vielleicht hat sich Ellen ja versteckt, als sie das Motorrad gehört hat, weil sie Angst vor Wilson hatte.«
»Du kennst ihn doch gar nicht. Ich ruf dich an, wenn sie hier ist.«
Ich sah weiter fern, den Ton auf leise gestellt. Gerade fing Fantasy Island an. Es kam mir alles so lächerlich vor, der kleine Mann, der »Das Flugzeug! Das Flugzeug!« ruft, der Typ im Smoking, der angeblich gottähnliche Fähigkeiten hat und seinen Angestellten einschärft, für die reichen Gäste auch schön zu lächeln. Ich schaltete um zu Detektiv Rockford – Anruf genügt. Ich konnte einfach nicht stillsitzen. Es war gleich elf, mehr als drei Stunden her, seit Ellen aus dem Auto gestiegen war.
Mrs Boucher hatte verschiedene Zeitschriften und Zeitungen abonniert, Bücherregale pflasterten die Wände. Auf dem Couchtisch lagen der Philadelphia Inquirer und die New York Times. Beide Titelseiten machten immer noch mit den Kindermorden von Atlanta auf. Ich versuchte die Artikel zu lesen, konnte mich aber auch darauf nicht konzentrieren. Am Morgen, auf der Fahrt zur Schule, hatte ich in den Radionachrichten davon gehört. Sämtliche Brücken von Atlanta wurden von der Polizei observiert, und letzte Woche hatten sie mitbekommen, wie auf einer der Überführungen über den Chattahoochee River ein Wagen hielt und kurz darauf ein Platschen im Wasser zu hören war. Der Fahrer war festgenommen worden, und zwei Tage später wurde flussabwärts eine Leiche angeschwemmt. Jetzt glaubten sie, den Mörder endlich zu haben. Ich betete, dass er es auch wirklich war. Mehr als zwanzig schwarze Kinder waren tot oder wurden noch vermisst. Ich hatte Angst, so allein im Haus der Bouchers. Es bestand fast nur aus Glas und war an den Hang gebaut, der hinter dem Haus steil abfiel, sodass ich hier im Wohnzimmer wirklich das Gefühl hatte, inmitten von Baumwipfeln zu schweben. Mir war klar, warum Mrs Boucher immer von ihrem Baumhaus sprach. Es gab überall Fenster und keine Vorhänge.
Ich beschloss, noch einmal bei Sage anzurufen, damit sie ihre Eltern doch um Hilfe bat, selbst wenn das hieß, dass sie die Polizei einschalten würden. Auf dem Weg zum Telefon in der Küche huschte vor einem der vorderen Fenster ein Schatten vorbei. Für den Bruchteil einer Sekunde sah ich etwas Weißes. Ich blieb stehen, hielt den Atem an. Ein Rascheln war zu hören. Dann ein Klopfen an der Scheibe. Ich blickte an mir herunter, auf mein weißes T-Shirt, überlegte, ob ich vielleicht nur mein eigenes Spiegelbild gesehen hatte. Es klopfte wieder. Da war eindeutig jemand am Fenster. Ganz lässig, als hätte ich keine Angst, ging ich zur Haustür, versteckte mich dahinter und wartete. Ich schaltete die Außenbeleuchtung ein, warf einen Blick nach draußen und schrie auf. Dann riss ich die Tür auf, und Ellen stolperte über die Schwelle.
»Mein Gott, Ellen!«
Ihr Gesicht war mit Blut und Erde verschmiert. Unter dem rechten Auge hatte sie eine offene Platzwunde. Der rechte Arm und das rechte Bein waren voller Schrammen, ihre ganze Seite gespickt mit Rollsplitt von der Straße. Ihr weißes Polohemd war mit Blut und Schlamm bespritzt.
»Ich bin aus einem Auto gesprungen.«
»Was? Was meinst du damit?« Ich schloss die Haustür, spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoss, in meinen Ohren rauschte es wie ein Ozean. »Geht’s dir gut? Bist du irgendwo verletzt?« Meine Stimme klang viel zu laut.
»Glaub nicht. Weiß nicht. Ich bin hierhergelaufen. Nach Hause konnte ich so nicht.«
Ich muss ihre Wunden säubern. Das ist jetzt das Wichtigste. »Komm mit.« Ich führte sie nach unten, in das Bad, das Mrs Boucher für sich und ihren Besuch reserviert hatte. Ellens Trägerkleid und die Kniestrümpfe waren mit getrocknetem Schlamm verkrustet. So sanft wie möglich drückte ich sie auf die weißen Bodenkacheln, damit sie sich mit dem Rücken an den Schrank unter dem Waschbecken lehnen konnte. Sie zitterte. In Mrs Bouchers Bad war alles weiß und mit Monogramm versehen.
»Warte kurz.«
Ich rannte zum Wäscheschrank, schnappte mir ein paar braune Handtücher und eilte zurück. Ellen sah aus wie ein Gespenst, wie sie da in Mrs Bouchers Bad saß, das Gesicht bläulich-weiß, heller als das Waschbecken und der Unterschrank in ihrem Rücken. Die Adern an den Schläfen und auf der Stirn zeichneten sich ab, und die Linien der dunklen Venen unter ihren Augen und seitlich an den Wangen wirkten schwärzlich, als wäre ihre Haut durchsichtig geworden. Ich legte die weiße Badematte in die Wanne und breitete ein Handtuch auf dem Boden aus.
»Rutsch rüber.«
Ellen stemmte sich hoch, ich schob das Handtuch unter sie und legte ihr ein weiteres um die Schultern. Dann drehte ich das Wasser auf, stellte es warm und hielt einen braunen Waschlappen darunter.
»Ich bin ganz vorsichtig, versprochen.« Ich wrang den Waschlappen aus und berührte damit ganz sanft Ellens Gesicht, unter dem Auge, wo die Wunde noch immer blutete. Ellen schrak zusammen, zuckte zurück und schlug sich den Kopf am Schrank an.
»Autsch!«
»Lass mich das nur kurz säubern.« Ich tupfte ihr die Schrammen im Gesicht ab, wischte ihr den Dreck vom Kinn. Meine Hand zitterte. Sie ist aus einem Auto gesprungen. Ich hob das Handtuch an und betrachtete noch einmal ihren rechten Arm und ihr rechtes Bein. Beide waren abgeschürft. Die Schrammen waren nicht tief, dafür aber lang und von Dreck und Rollsplitt schwarz gesprenkelt. Ich schaute in Mrs Bouchers Medizinschrank über dem Waschbecken und entdeckte ein Fläschchen mit Wasserstoffperoxid.
»Schau weg.« Ellen wandte das Gesicht ab, und ich goss den Drehverschluss voll und leerte ihn über ihren rechten Arm. »Wir müssen dir das Hemd ausziehen.«
Ich öffnete die Knöpfe an den Schultern ihres Trägerkleids und klappte es bis zur Taille herunter. Ellen zog sich das Hemd über den Kopf, zuckte kurz, als sie den rechten Arm hob. Dann drückte sie das Handtuch an die Brust, krümmte sich etwas zusammen. Sie sah so klein aus in ihrem weißen Bustier, mit dem wir sie aufzogen, weil sie es noch gar nicht gebraucht hätte. Der Rollsplitt zog sich über ihren ganzen Unterarm, bis zum Ellbogen und dann weiter hoch bis zur Schulter. Ich wurde den Gedanken nicht los, dass sie sich vielleicht den Kopf angeschlagen hatte und es nicht mehr wusste, oder dass sie innere Verletzungen haben könnte. Sie war so krankhaft bleich. Dann fing sie an zu erzählen.
»Nachdem ihr weggefahren wart, wollte ich erst nach Hause laufen, aber ich wusste, irgendwann stehe ich im Stockdustern, weil es ja schon dunkel war. Mir ist klar, wie blöd das war, aber ich wollte trampen.«
»Oh Scheiße, Ellen, nein!«
»Ich bin ein paar Meter gelaufen, dann habe ich mich einfach in Fahrtrichtung umgedreht und den Daumen rausgestreckt. Ich hatte Angst, aber ich dachte mir, Trampen ist besser als durch die Dunkelheit zu laufen. Ich hatte den Daumen noch keine halbe Minute draußen, da hielt ein Wagen an.«
Ich rutschte von ihr weg und richtete mich auf den Knien auf, um den Waschlappen in Mrs Bouchers Waschbecken auszuspülen. Mit dem Blut flossen schwarze Splittstückchen heraus.
»Es hat also ein Wagen gehalten. Und dann?«
»Er blieb direkt neben mir stehen. Schwarz, ziemlich tiefgelegt. Ich hab gar nicht geguckt, wer am Steuer sitzt. Hab einfach nur die Beifahrertür aufgemacht, bin eingestiegen und hab mir gedacht, was ich für ein Glück habe, so schnell eine Mitfahrgelegenheit zu finden.« Sie zupfte an ihren Haarspitzen herum. »Den Fahrer hab ich erst gesehen, als wir schon wieder fuhren. Ich hab mich zu ihm gedreht, um mich zu bedanken, da hab ich ihn gesehen. Und gewusst, dass ich einen Fehler gemacht hatte.« Ihr rechtes Bein fing an zu zittern. »Er sah total gruselig aus. Er hatte lange weißblonde Haare, so lang, dass er fast drauf saß.«
»O Gott!«
»Es waren Haare wie bei einer Barbie-Puppe, nur eben an einem Mann, und mehr so weißlich.«
»Wie alt war er?«
»Weiß ich nicht. Dreißig vielleicht? Oder älter? Er sah aus wie Gregg Allman, du weißt schon, von den Allman Brothers, nur in hässlich. Sogar seine Augenbrauen waren weiß.«
»Wie bei einem Albino?«
»Nein.« Ellen schüttelte den Kopf. »Nicht wie bei dem Jungen in Beas Klasse. Die Haare haben geglänzt, als wären sie nicht echt, wie bei einer Puppe. Er hat gefragt: ›Wo musst du hin?‹, und ich hab ihm, gesagt, zum Valley Forge Mountain und dass er mich an der überdachten Brücke rauslassen kann. ›Klar‹, hat er gemeint. Aber wir waren noch gar nicht weit gekommen, da legt er mir plötzlich die Hand aufs Bein, ungefähr am Knie, und hat es so leicht gerieben.«
Sie schwieg kurz.
»Ich wusste nicht, was ich machen soll. Ich hab nichts gesagt. Er ist einfach weitergefahren, mit der Hand auf meinem Bein, und dann hat er die Hand nach oben geschoben. Bis ganz nach oben am Bein. Ich konnte mich nicht bewegen, um seine Hand wegzustoßen, obwohl sie schon so weit oben war, wie’s überhaupt geht.«
Ellen holte tief Luft. Ihre Stimme war fest, sie schluchzte auch nicht, aber aus ihren Augen liefen Tränen.
»Als das Auto auf die überdachte Brücke zufuhr, hab ich gesagt: ›Sie können jetzt hier halten, dann steige ich aus‹, aber er hat nicht geantwortet. Er ist einfach weitergefahren. Da wusste ich, er wird mich nicht rauslassen. Und als wir an dieser schlimmen Kurve waren, kurz vor der Brücke, wo er wirklich bremsen musste, bin ich rausgesprungen. Ich hatte die Hand schon am Türgriff, dann hab ich sie einfach aufgestoßen und bin rausgesprungen, ein bisschen gestolpert und hingefallen und auf die Fahrbahn gerollt.«
Ich hatte das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden, schwarze Punkte und silbrige Blitze tanzten am Rand meines Sichtfelds. Als ich wieder sprechen konnte, hörte sich meine Stimme an wie aus weiter Ferne.
»Waren noch andere Autos unterwegs?«
»Nein, aber er hat gleich vor mir gehalten. Ich konnte die roten Bremslichter sehen. Er ist ausgestiegen. Ich dachte, er will mich zurückholen, aber wahrscheinlich wollte er nur die Tür zumachen. Ich bin aufgesprungen und über die Straße in Richtung Bach gerannt. Die Uferböschung runter und direkt ins Wasser, kurz vor der Brücke. Es ging mir nur bis zur Taille, ich wollte darin weiterlaufen, aber da kam ich nur in Zeitlupe voran und bin immer wieder ausgerutscht. Die Steine waren total glitschig.« Sie sah auf ihr Kleid hinunter. Ich konnte den Rand erkennen, den das Wasser aus dem Bach darauf hinterlassen hatte, den Schlamm an ihren Kniestrümpfen. »Als ich am anderen Ufer war, bin ich durch den Wald gerannt, so schnell ich konnte, obwohl ich wusste, dass er mir gar nicht folgt.«
»Warum bist du nicht runter nach Yellow Springs und hast dort an einem Haus um Hilfe gebeten?«
Ellen schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Ich bin einfach nur in den Wald gerannt. Immer den Berg rauf, weil ich wusste, da findet er mich nie. Ich bin einfach immer weitergelaufen. Und dann hab ich endlich Lichter gesehen. Eins von den Häusern hinten am Hamilton Drive.«
»Da warst du schon fast zu Hause. Warum bist du nicht nach Hause gegangen?«
Ellen zuckte die Achseln. »Mir ist wieder eingefallen, dass du freitags immer hier bist. Mom bringt mich um, wenn sie hört, dass ich getrampt bin.« Sie wischte sich mit dem unverletzten Handrücken die Nase. »Und außerdem bin ich immer noch sauer.«
4
So früh am Morgen war es im Schatten der Bäume noch kühl. Ich blieb stehen, sog den Geruch nach Lehm und feuchter Erde ein. In der Ferne summte eine Kreissäge ihre unmelodische Tonleiter, mal schrill, mal dumpf, und irgendwo wurde ein Rasenmäher angeworfen. Es war Samstag, der erste Tag der Sommerferien, und der vertraute Wald und die alltäglichen Arbeitsabläufe da draußen in der Welt beruhigten mich, wenn auch nur für einen kurzen Moment. Ich hatte kein Auge zugemacht. Lichtstrahlen fielen schräg zwischen den Bäumen hindurch, vor mir in der Luft schwebte glitzernder Staub. Ich ging hindurch, tiefer in den Wald hinein.
Ich hatte mich mit Sage im Königreich verabredet, sobald sie konnte, und ihr vorher durchgegeben, was wir laut Marie brauchten: Antibiotika und Valium. Es würde ein Weilchen dauern, bis Sage das Gewünschte unbemerkt aus der Praxis ihres Vaters schmuggeln konnte. Grady Adams war Arzt, seine Praxis befand sich direkt neben dem Wohnhaus. Charlotte, Sages Mutter, war seine Sprechstundenhilfe. Beide stammten aus dem Süden. Sage nannte sie immer beim Vornamen, wenn sie von ihnen erzählte. »Gestern hatten Grady und Charlotte Gäste zum Abendessen, und Mrs Nelson hat zu viel getrunken und versucht mit Grady zu füßeln, während Charlotte und ich direkt daneben saßen. Vor unseren Augen!« So redete Sage, gab immer wieder kleine Dramen zum Besten, die ihre Eltern spannend wirken ließen. Sie erzählte von ihnen wie von zwei schrulligen Originalen, mit denen sie befreundet war. Darum beneidete ich sie. Wenn ich an diese Familie dachte, an Grady, Charlotte, Sage und ihre Brüder, dann immer wie durch einen Schleier aus Glück; ihr Leben leuchtete, sogar, wenn Sage das Gegenteil behauptete.
Die frühe Morgensonne malte Flecken auf den Waldboden, erhellte die Tüpfelfarn-Büschel und das dicht wuchernde Moos. Ich gab mir Mühe, langsamer zu gehen und nachzudenken. Mom wird nichts merken. Sie hat Thomas zum Schwimmtraining gebracht. Beatrice ist mitgefahren. Marie ist bei Ellen. Sie wird schon wieder, das sagte ich mir immer wieder stumm vor. Trotzdem hatte ich Angst. Es ging Ellen nicht gut. Auch sie hatte nicht geschlafen. Heute früh war sie schwach und benommen gewesen, und Marie meinte, ihr Puls und ihr Atem gingen viel zu schnell. Sie vermutete, das müsse der Schock sein, und sagte, wir bräuchten Valium, damit Ellens Körper wieder zur Ruhe käme, und Antibiotika, damit die Wunden sich nicht entzündeten. Ich machte mir immer noch Sorgen um mögliche innere Verletzungen, die wir nicht sehen konnten.
Ich ging über den Horseshoe Trail bis zum Königreich, einer geheimen Festung, die Sage und ich uns vor ein paar Sommern gebaut hatten. Direkt vor mir stand der krumme Baum, die Markierung, an der wir den Weg verlassen mussten, um hintenrum zum Königreich zu gelangen. Das hatten wir uns angewöhnt, damit uns nie ein Abdruck oder eine Fußspur verraten würden. In unserer Vorstellung war der krumme Baum einer von denen, die den Indianern auf ihren Pfaden als Wegweiser gedient hatten, um gute Jagdreviere zu kennzeichnen oder weichen Boden, auf dem man schlafen konnte. Es war eine Eiche, erst ganz gerade gewachsen, aber dann beschrieb ihr Stamm plötzlich für einen knappen Meter einen rechten Winkel, um danach wieder gerade nach oben zu wachsen. Schon bevor es das Königreich gab, hatte Dad mir diesen Baum gezeigt. Er meinte, es könne sich durchaus um einen Wegweiser handeln, vielleicht sei aber auch ein größerer Baum auf die noch kleine Eiche gestürzt und dann im Lauf der Zeit verrottet oder zerfallen. Der junge Baum hatte überlebt, aber diese merkwürdige Form zurückbehalten.
Das Königreich war eine kleine Lichtung knapp anderthalb Meter oberhalb des Wegs, ein naturgegebenes Rund inmitten einer Gruppe Roteichen und dichter Berglorbeersträucher. Drinnen sorgte dunkelgrünes Moos für einen natürlichen Teppich. Sage und ich hatten ein tiefes Loch ausgehoben, in dem wir einen großen Koffer mit unserer Ausrüstung aufbewahrten: Taschenlampen, Batterien, Konserven, Schlafsäcke und Kissen – unser ganz persönlicher kleiner Atombunker. Für das Loch hatten wir einen Monat gebraucht, weil wir uns durch dichtes Wurzelwerk arbeiten mussten. Niemand wusste davon, bis auf Ellen, und das auch nur, weil ich an dem Tag, als wir den Koffer hergeschafft hatten, für sie zuständig war. Ich hatte auch eine von Dads Planen mitgebracht, die er beim Laubrechen verwendete; sie war auf einer Seite wasserabweisend und hatte vorgestanzte Löcher. Mit einem Hammer hatten wir Haken in die umstehenden Eichen getrieben, sodass wir uns jederzeit ein Dach basteln konnten, falls wir es einmal brauchten. Den Kofferbunker hatten wir mit einem Brett, Laub und Moos abgedeckt. Er war schon seit einigen Jahren nicht mehr geöffnet worden, allmählich zogen sich Wurzeln darüber. Wir hatten auch noch andere Vorratslager, flachere Löcher für Zigaretten und Streichhölzer oder Bier. Im Königreich redeten wir, rauchten Charlottes Mentholzigaretten und hin und wieder hatten wir auch schon lauwarmes Yuenglingoder Rolling Rock-Bier aus der Flasche getrunken, das wir aus Gradys Kühlschrank unten im Hobbyraum stibitzten. Nachbarn kamen auf diesem Teil des Wanderwegs praktisch keine mehr vorbei, nur Wanderer, und die sahen wir vom Königreich aus immer rechtzeitig genug, um uns zu ducken und unsichtbar zu machen. Sollten wir jemals weglaufen müssen, würde uns niemand erwischen – wir kannten jede Wurzel, jede Bodenwelle. Ich hätte den Weg auch barfuß bei Nacht entlangrennen können.
Im Königreich setzte ich mich vor eine große Roteiche, lehnte mich, die Knie an die Brust gezogen, an ihren Stamm und wartete. Dabei löste ich das dichte Moos in Streifen vom Boden ab und legte Muster daraus. Seltsam, dass es so ganz ohne Wurzeln wachsen konnte. Ich fuhr mit der Hand über die zarten lila Sporenkapseln an ihren fadendünnen Stängeln.
Am Ende hatte Sage Ellen nach Hause gebracht. Ich hatte sie angerufen und gebeten, zu den Bouchers zu kommen und etwas Kleidung zum Wechseln mitzubringen. Es war schon fast Mitternacht, als Sage eintraf. Sie trug ihre abgeschnittenen Jeans-Shorts und ein verwaschenes T-Shirt mit dem Zungen-Logo der Rolling Stones – ihrer Lieblingsband. Sage hatte langes, lockiges goldblondes Haar, das in Stufen geschnitten war, und ein paar Sommersprossen auf der Nase. Ihre Schneidezähne zeigten leicht nach innen, ein kleiner Schönheitsfehler, den jeder andere sicher mit einer Zahnspange behoben hätte. Aber sie mochte ihre Zähne. »Die gehören zu meiner Persönlichkeit«, sagte sie. Jetzt, wo sie da war, fühlte auch ich mich wieder sicher. Wir erzählten ihr, was passiert war, und Sage hörte zu und hielt dabei die ganze Zeit Ellens Hand. Sie wusste, was zu tun war. Sie ließ Ellen alle Gliedmaßen bewegen, um sicherzugehen, dass nichts gebrochen war. Dann stellte sie Fragen, auf die ich gar nicht gekommen wäre.
»Ellen, ich weiß, das ist jetzt schwer, aber hat dir der Mann in die Unterhose gefasst?«
Ellen schüttelte den Kopf.
»Bist du sicher? Hat er dich gezwungen, ihn irgendwo anzufassen?«
Wieder schüttelte Ellen den Kopf.
»Gibt es sonst noch etwas, was du uns nicht erzählt hast und was dir Angst macht?«
»Nein. Ganz sicher nicht.«
Sage sagte ihr, es werde alles gut werden, und für einen Moment glaubte auch ich daran. Ellen lehnte den Kopf an Sages Schulter.
»Sie kann unmöglich nach Hause laufen, Libby«, sagte Sage. »Entweder du erzählst Mrs Boucher alles, wenn sie wiederkommt, oder ich rufe Charlotte an.«
»Nein. Keine Eltern. Das macht es nur noch schlimmer. Ich kümmere mich drum.« Ich rief zu Hause an, und Marie nahm sofort ab.
»Ich bin’s.«
»Mom ist gerade weg«, sagte Marie. »Wahrscheinlich fährt sie sie jetzt doch suchen.«
»Ellen ist hier.«
»Was? Oh, Gott sei Dank!«
»Ja. Aber ihr ist etwas passiert. Es geht ihr gut, aber sie kann nicht nach Hause laufen.«
»Ich organisiere was. Mach sie startklar.«
Wir hatten noch keine zwanzig Minuten gewartet, als oben an der Einfahrt Scheinwerfer auftauchten und sich dem Haus näherten. Ich geriet in Panik. Was, wenn das Mrs Boucher war? Wie sollte ich ihr erklären, dass Sage und Ellen hier waren? Eine Autotür schlug zu, die Scheinwerfer blieben an, und eine bullige Gestalt trat in den Lichtkegel der Außenbeleuchtung. Ein Mann. Er klopfte leise. Ich schaute nach draußen. Breite Schultern. Ich erkannte das dunkle Haar, die Wildlederjacke mit den Fransen. Es war Wilson McVay mit dem Buick seines Vaters. Ellen war fertig, sie trug Sages Kleider, und Sage hielt ihre Schuluniform in der Hand. Ich öffnete die Haustür, und Wilson blieb auf der Schwelle stehen und musterte uns.
»Ihr seid dann wohl die Florence Nightingales vom Dienst«, sagte er.
»Hallo, Wilson«, sagte Sage. Sie führte Ellen zur Tür.
»Ja, hallo«, sagte ich.
»Das ist Ellen«, sagte Sage.
»Guten Abend, Miss Ellen.« Wilson verbeugte sich leicht. »Ihr Taxi wartet schon.« Ellen musste grinsen. Wilson roch nach Leder, Rasierwasser und einer Spur Alkohol. Ellen und Sage gingen mit ihm zum Wagen, und ich wedelte währenddessen mit der Tür, damit sich sein Geruch verflüchtigt hatte, wenn Mrs Boucher nach Hause kam.
Dann sah ich die Rücklichter zwischen den Bäumen verschwinden. Wie war Marie bloß darauf gekommen, Wilson einzuspannen, und wie hatte ich, nach allem, was passiert war, Ellen zu ihm ins Auto steigen lassen können? Im Bad wischte ich das Waschbecken und den Boden sauber, legte die Badematte an ihren Platz zurück und stopfte die benutzten Handtücher in die Waschmaschine.
Es war fast zwei Uhr, später als sonst, als Mrs Boucher nach Hause kam. Schweigend fuhr sie mich bis zu unserer Straßenecke. Sie wirkte müde und abwesend, ließ beim Fahren das Fenster offen, damit sie rauchen konnte.
»Hast du nächsten Freitag wieder Zeit?«, fragte sie, bevor ich ausstieg.
»Ja, das wäre toll. Vielen Dank.«
Die Hintertür war nicht abgeschlossen. Ich schlich die Treppen hinauf. Als ich in unser Zimmer kam, waren Marie und Ellen noch wach. Sage und Ellen waren ebenfalls an der Straßenecke aus Wilsons Auto gestiegen und zusammen bis zu unserem Haus gelaufen. An der Hintertür hatte Marie gewartet und Ellen in Empfang genommen, Sage war wieder zur Straßenecke gegangen, wo Wilson wartete, Marie hatte Ellen direkt nach oben ins Bett gebracht. Ich kroch auf meinen Teil des Ausziehbetts, und so lagen wir alle im Dunkeln da.
»Weiß Mom, dass Ellen wieder da ist?«, fragte ich.
»Sie muss uns wohl gehört haben, denn als wir das Licht ausgemacht hatten, vor zwanzig Minuten etwa, ist sie reingekommen. Sie hat sich an Ellens Bett gestellt, aber kein Wort gesagt.«
»Sie hat mir die Bettdecke etwas höher gezogen«, sagte Ellen.
Ich sah auf Ellens Bett herunter. Im Dunkeln konnte ich ihre Stirn leuchten sehen, den Umriss ihres Gesichts ausmachen, aber nicht erkennen, dass sie verletzt war. Ein paar Minuten schwiegen wir alle.
»Was für ein gottverdammter Scheißkerl«, sagte Marie. »Kastrieren sollte man den. Hast du irgendwas vom Nummernschild gesehen, Ellen? War er aus Pennsylvania?«
Schlafen konnten wir nicht. Ich spürte, wie wir alle wach im Dunkeln lagen, und etwa jede Stunde fragten Marie oder ich: »Bist du noch wach, El?« oder »Tut dir was weh?« Ich musste an das Kunstcamp denken, an den Brief, den Miss LeBlanc ihr geschrieben hatte.
»Warum hast du Mom nichts von Miss LeBlancs Brief erzählt, Ellen? Ich glaube, sie weiß gar nicht, wie gut du bist.«
»Das hätte doch nichts geändert. Sie hätte mich trotzdem nicht fahren lassen.«
Im Königreich blühte um mich herum der Berglorbeer, die Blüten sahen aus wie breite Tassen, und ich pflückte eine aus ihrer Dolde am Zweig heraus. Die weißen Blütenblätter gingen leicht ins Rosige und hatten burgunderrote Sprenkel. Blüten und Pollen des Berglorbeer sind giftig, aber seine Blätter haben eine heilende Wirkung. Die Cherokee setzten die Blätter bei Verletzungen als Schmerzstiller ein und rieben sie auf die Haut, um Arthritis zu lindern.
Ich hörte einen leisen Pfiff. Sage. Ihre silbernen Armreifen klimperten beim Gehen, und durch eine schmale Lücke oben an der Böschung sah ich sie den Weg entlangkommen. Am krummen Baum bog sie ab, und kurz darauf trat sie von hinten in unser Rund. Bevor sie sich setzte, zog sie einen Frischhaltebeutel mit zwei Zigaretten aus dem Rucksack. Sie schob sich eine davon zwischen die Lippen und zündete sie an, dann hielt sie mir den Beutel hin. Ich schüttelte den Kopf. Sage ließ den Rauch zuerst ihren Mund füllen und sog ihn dann tief ein, so rauchte sie immer. Charlotte machte es genauso.
»Wie geht’s ihr?«
»Marie meint, sie steht noch unter Schock, aber dass sie schon wieder wird.«
Sage atmete aus. Ich holte Luft: Der Rauch war frisch und kühl. Jack Griffith hatte Sage und mir erzählt, Mentholzigaretten enthielten Glaswolle und seien das Schlimmste, was man rauchen könne. Vorletzten Sommer hatten Thomas und er uns erwischt, als wir hinter dem Haus rauchten. »Was für’n Streber«, hatte Sage gesagt, als die beiden wieder verschwunden waren. Sage war genauso alt wie die beiden Jungen, Jack ging in ihre Klasse. Sie fand ihn nervig. »So ein eingebildeter Tugendbolzen«, sagte sie immer.
»Weiß eure Mutter es schon? Ich hoffe, sie fühlt sich richtig schlecht.«
»O Gott, nein. Sie darf das nie erfahren. Sie würde Ellen allein schon dafür umbringen, dass sie getrampt ist. Wir haben alle ausgemacht, ihr kein Wort zu sagen.«
Sage zitierte eine Zeile aus »Jumpin’ Jack Flash«, und ich gab einen Laut von mir, der kein Lachen war.
Es gab Augenblicke, da hielt ich meine Mutter durchaus für eine alte Vettel aus der Hölle, aber ich konnte es nicht leiden, wenn andere so etwas sagten.
Sage war besessen von Mick Jagger, und wir machten uns schon länger einen Spaß daraus, Textzeilen von den Stones zu zitieren, wenn sie gerade zur Lage passten. Im September sollten die Stones in Philadelphia spielen. Sage wollte hin.
Sie zog eine Salbentube hervor. »Neosporin, für die Schrammen und die anderen Verletzungen. Das haben wir auch gestern Nacht schon verwendet.« Dann reichte sie mir noch ein kleines braunes Fläschchen mit Pillen. »Und das sind die Antibiotika, die ich wegen der Verbrennungen bekommen habe. Die zweite Dosis, die ich dann nicht mehr nehmen musste, aber ich weiß, dass sie gut für die Haut sind und gegen Entzündungen helfen.« Letzten Oktober hatte Sage mit ein paar anderen versucht, oben am Wasserturm ein kleines Lagerfeuer zu machen. Sie hatte Benzin auf den Holzstapel gegossen, und ein paar Spritzer waren auf ihrer Daunenjacke gelandet. Als sie dann ein Streichholz anzündete, war es ihr praktisch in der Hand explodiert. Die Flammen wurden sofort von irgendwem gelöscht, aber niemand hatte Hilfe geholt. Sage war mit verbrannten Händen und Armen zurück nach Hause gelaufen, und ihr Vater hatte sie ins Krankenhaus gefahren. An den Händen war alles bestens verheilt, nur an der weichen Unterseite der Arme, wo die Jacke mit der Haut verschmolzen war, hatte sie ein paar runzlige Narben zurückbehalten. Für Sage war das wie mit den schiefen Zähnen; sie sah die Narben nicht als Makel, sondern als in den Körper eingeschriebene Erfahrungen, Markierungen, die zu ihrer ganz persönlichen Geschichte beitrugen. Sie wollte keine Zahnspange, und sie mochte ihre Narben.
»Valium konnte ich keins finden. Ich habe überall gesucht. Aber ich weiß auch gar nicht, ob ihr Ellen so was geben solltet. Und ich finde immer noch, wir sollten Grady davon erzählen. Er kann sie untersuchen.«
»Nein, Sage. Bitte. Du darfst es keinem erzählen. Niemals.«
»Herrgott, Libby – Ellen sieht aus wie neun. Dieser Typ, der sie mitgenommen hat. Wir müssen das irgendwem erzählen.«
Aber ich wollte nicht, dass Grady Adams davon erfuhr. Er hatte ohnehin schon eine Abneigung gegen meine Mutter, und ich wollte nicht, dass er noch mehr mitbekam. Ich hatte Sages Vater wirklich gern. Er hörte klassische Musik, sammelte Jazz-Platten. Im Keller hatte er einen Hobbyraum mit einer Hausbar, und manchmal hatte ich durch den Türspalt beobachtet, wie er, zurückgelehnt in einem Drehsessel aus Leder, mit geschlossenen Augen der Musik lauschte. Er hatte einen weichen, gedehnten Südstaatenakzent und sprach immer mit mir, als würde es ihn wirklich interessieren, was ich zu sagen hatte. Außerdem schien er ein wenig über den Dingen zu schweben. Charlotte war ganz anders, nervös und elegant. Sie äußerte ihre Ansichten unverblümt, liebte gute Geschichten und scheute sich auch nicht vor Übertreibungen, um sie etwas farbiger zu gestalten. Sage meinte, sie habe einen Hang zur Dramatik. Meine Mutter meinte, Charlotte Adams könne auch als Fluglotsin anheuern, so wie sie beim Reden immer mit den Armen wedelte und die Hände bewegte.
»Nein. Wir erzählen es keinem. Bitte, Sage. Versprich es mir.«
Sage stand auf, streckte mir die Hand hin und zog mich auf die Füße. »Komm, wir sehen nach Ellen.«
Wir gingen den Weg zurück, ringsum fiel Sonnenlicht durch das Blätterdach. Umgestürzte Bäume lagen übereinander, bei einigen war der Stamm komplett durchgebrochen und hatte wie klaffende Wunden schartige Stümpfe zurückgelassen. In meiner Faust hielt ich die Salbe und die Tabletten. Ich dachte an meine Mutter, die auf der Suche nach Ellen die menschenleeren Straßen abgefahren war. Ob sie wohl auch am Fenster ihres Zimmers gesessen und gewartet hatte? Ob sie vielleicht gesehen hatte, wie Sage Ellen nach Hause brachte? Ich dachte daran, wie sie versucht hatte, Ellen besser zuzudecken. Und obwohl ich immer noch böse auf sie war, tat es mir doch weh, so an sie zu denken.
5
Wilson McVay stand in meinem Zimmer. Er lehnte so entspannt an der Kommode vor dem Fenster, als wäre er hier ein ständiger Gast. Er trug schwere schwarze Stiefel, eine schwarze Jeans mit einem schwarzen Harley-Davidson-Gürtel und ein schwarzes T-Shirt. Sage und ich hockten auf dem unteren Teil des Ausziehbetts. Hinter uns lehnte Ellen von Kissen gestützt an der Wand. Sie war immer noch sehr blass, und um ihren Mund lag ein bläulich-schwarzer Schatten. Uns gegenüber saß Marie im Schneidersitz auf ihrem eigenen Bett, in schwarzem Rock und T-Shirt; von ihrem einen Ohr baumelte ein langer Strassohrring.
Abgesehen von Marie und dem Siouxsie and the Banshees-Poster hinter ihr an der Wand war das Zimmer hauptsächlich in Rosa gehalten. Wilson wirkte darin komplett fehl am Platz. Er war vielleicht neunzehn oder zwanzig, sah aber aus wie ein erwachsener Mann, jemand, der sich täglich rasieren musste. Seine Anwesenheit veränderte unser Zimmer, als hätte etwas Dunkles, Drohendes seinen Schatten mitten in unser Herz geworfen. Ich wollte ihn hier nicht haben.
Sie hörten eine Kassette, die Wilson Marie mitgebracht hatte, und mir wurde klar, dass ihre Verbindung in der Punkmusik lag. Wahrscheinlich hatten sie sich auf einem Konzert kennengelernt. Vielleicht waren sie sogar zusammen hingegangen. Begleitete Wilson sie zu so was? Er sah überhaupt nicht aus wie ein Punker, aber mir war klar, dass diese Musik ihn ansprechen musste, der Zorn darin. Am Berg hörten alle Rock oder Heavy Metal, und ob man Creedence Clearwater oder Black Sabbath lieber mochte, entschied darüber, wer man war und mit wem man seine Zeit verbrachte. Meine Schwester war meines Wissens die Einzige, die auf Punk stand. Bei den anderen Mädchen der Schule galt sie als Freak. Jetzt unterhielt sie sich mit Wilson über Bands, die sie beide kannten oder sogar schon live gesehen hatten und von denen Sage und ich keine Ahnung hatten: Flipper, Killing Joke, The Stickmen. Marie erzählte Wilson, dass sie beim Auftritt einer Band im Keller eines DJs in West Philly gewesen sei und auf die Waschmaschine habe klettern müssen, um überhaupt etwas zu sehen. Sie redeten auch darüber, wie es im Hot Club zuging.
»Kommt man da nicht erst ab einundzwanzig rein?«, fragte ich, aber Marie ignorierte mich. Seit Weihnachten fuhr sie oft in die Stadt, ging in Clubs und sah sich Bands an. Unserer Mutter erzählte sie, sie übernachte bei ihrer Freundin Nancy. Nach allem, was ich wusste, waren die zwei schon seit der Zehnten nicht mehr befreundet. In der Schulcafeteria verzog sich Marie immer ganz hinten ans Fenster, allein mit einem Buch. Nancy saß mit den anderen Mädchen zusammen, die genauso lange fettige Haare hatten wie sie und meistens entweder auf den Boden oder auf Lernkarten für die Uni-Zulassungsprüfung starrten. Soweit ich wusste, hatte Marie an der Schule überhaupt nur eine Freundin gehabt, Rae. Sie hatte letztes Jahr ihren Abschluss gemacht, studierte jetzt am Moore College for Art and Design und hatte ihre eigene Wohnung im Zentrum von Philadelphia.
Im Lauf dieses Jahres hatte Marie ihre Grateful Dead-Batikshirts und die hellen Jeans ausgemistet und sich stattdessen schwarze Second-Hand-Klamotten, Netzstrümpfe, Doc Martens und Strassschmuck zugelegt. Sie fuhr nach Philadelphia, um sich mit Rae zu treffen und mit ihr in der South Street, im Zipperhead und im Keller von Rage Records an der Third Street rumzuhängen, wo es die beste Auswahl an Punkmusik in der ganzen Stadt gab. In den letzten Wochen hatte sie immer wieder die Schule geschwänzt und war, nachdem unsere Mutter uns vor dem Schultor abgesetzt hatte, mit dem Bus nach Philly gefahren. Die Nonnen unternahmen nicht viel dagegen. Sister Benedict hatte sie irgendwann zu sich zitiert, aber ich glaube, sie wollten unsere Mutter einfach nicht noch mehr belasten und kamen ohnehin nicht gut mit ihr zurecht. Außerdem hatte Marie bei der Zulassungsprüfung als Klassenbeste abgeschnitten und bereits eine Zusage der Penn University in der Tasche, inklusive vollem Stipendium.
Gerade erzählte sie Wilson von einer britischen Band, X- Ray Spex, und deren Sängerin, Poly Styrene. Wilson meinte, von denen kenne er »Oh Bondage! Up Yours!«. Sage stieß mich leicht in die Seite. Marie meinte, Poly Styrene habe immer gegen den Materialismus angesungen, aber jetzt habe sie die Band verlassen. Wilson sagte, es sei ja nicht zu vermeiden gewesen, dass sie irgendwann desillusioniert sein würde, sogar vom Punk.
»Wow, ihr zwei seid ja ein munterer Haufen«, sagte Sage. Ich wusste, dass sie solche Gespräche affig fand, und obwohl sie Marie wirklich gernhatte, ließ sie sich von ihrer Punkerinnenpose längst nicht so beeindrucken wie ich. Als Marie sich die Haare schwarz gefärbt und auf einer Seite abrasiert hatte, fand ich sie cool und mutig, weil sie ablehnte, was andere für schön hielten. Sage meinte, das sei auch eine Uniform, nur eben eine andere.
Wilson zog einen Klarsichtbeutel mit Medikamenten aus seiner Hosentasche. Tabletten und Kapseln in allen möglichen Farben und Formen, zartrosa, zartblau und weiß. Auch ein paar kleine rote Pillen.
»Meine Mutter hat quasi ihre eigene Apotheke im Medizinschrank. Die vermisst sie garantiert nicht.« Er griff in die Tüte und fischte eine sehr kleine Tablette heraus, die er auf unsere rosa Kommode legte und mit der Spitze seines Taschenmessers zerteilte. Die eine Hälfte gab er Ellen. »Das ist Diazepam, das Gleiche wie Valium.«
»Bist du auch sicher, dass es die richtige ist? Die fliegen da doch alle durcheinander.« Ich überlegte, ob nicht Krümel von anderen Tabletten, Halluzinogenen vielleicht oder etwas richtig Gefährlichem, an der kleben konnten, die er Ellen gegeben hatte.
»Es ist Diazepam, glaub mir«, sagte er. »Diazepam ist der eigentliche Wirkstoff. Valium ist nur der Markenname.«
»Ach was. Bist du jetzt Experte für Arzneimittel?«, fragte Sage.
»Kann man so sagen«, antwortete er.
Während Ellen ihre halbe Tablette mit Wasser schluckte, schob sich Wilson die andere Hälfte in den Mund. Am liebsten hätte ich Marie angebrüllt, sie solle ihn verdammt noch mal hier rausschaffen, raus aus unserem Zimmer und raus aus unserem Leben. Aber sie sah sich nur das Cover der Kassette an, die er ihr aufgenommen hatte.
Sage beugte sich zu mir und summte leise die Melodie von »Mother’s Little Helper«. Ich überlegte, wie es wohl sein musste, eine Mutter zu haben, die Pillen schluckte. War Wilson deswegen so verkorkst? Oder warf sie die Pillen ein, weil sie diesen verkorksten Sohn hatte? So oder so, ich wollte ihn weghaben.
Marie erzählte Wilson von einem Job, den sie bei Rage Records an der Third Street haben könne. Er ging da auch immer hin.
»Sie zahlen nur den Mindestlohn. Meine Freundin Rae hat eine Wohnung in West Philly und meint, sie kann ein bisschen Hilfe mit der Miete brauchen. Ich wohne dann zwar mehr oder weniger auf dem Wohnzimmersofa, aber es ist ja nur bis August, wenn die Wohnheime aufmachen.«
»Wie?«, fragte ich. »Du ziehst aus?«
»Ja. Ich bleibe doch nicht hier in der Walachei. Ich brauche Arbeit.«
»Du könntest in der Mall arbeiten.«
»Bevor ich in der King of Prussia Plaza anfange, falle ich doch lieber tot um.« Marie warf Sage einen Blick zu. »Nichts für ungut, Sage, aber ich könnte echt nicht noch mal bei Chick-Fil-A jobben. Das wäre, als würde ich mich völlig aufgeben.«
»Glaub mir, es ist bestimmt schlimmer, als du’s in Erinnerung hast.«
»Und was ist mit uns?« Ich fühlte mich, als hätte sie mich geohrfeigt.
»Ich bin nicht eure Mutter, Libby. Ich hatte nie vor, den ganzen Sommer hier zu bleiben.« Marie wurde in drei Wochen achtzehn, und mir war plötzlich klar, dass kein Mensch auch nur versuchen würde, sie vom Weggehen abzuhalten.
»Und sehen wir dich dann noch?«, fragte Ellen.
»Es gibt Züge, Dummerchen«, sagte Marie und warf ein Kissen nach ihr. Ellen zuckte zusammen. »Ach, Scheiße. Entschuldigung. Alles klar?« Ellen nickte.
»Weiß Mom es schon?« Ich konnte nicht fassen, dass Marie uns das einfach so vor Wilson erzählte, als wäre nichts dabei, und ich war wütend auf ihn, weil er mich so verletzt und ungeschützt erlebte.
»Ja. Sie weiß es.« Sie nahm ihren Auszug so locker. Jetzt stand sie auf und setzte sich oben auf das Ausziehbett, neben Ellen. »Du musst jetzt schlafen, Ellen. Aber vorher möchte Wilson dir noch ein paar Fragen stellen.«
»Ich will nicht mehr drüber reden. Bitte.«
»Du musst auch nicht über das reden, was passiert ist. Es geht nur darum, den Typen zu identifizieren.«
»Das hab ich doch alles schon gesagt. Er hatte lange, fast weiße Haare, so lang, dass er drauf sitzen konnte. Blaue Augen. Ach ja, das hab ich noch vergessen. Für einen Mann hatte er richtig lange Fingernägel.« Das Bild, das sie von ihm entwarf, ließ mich unwillkürlich schaudern.
»An beiden? Hatte er an beiden Händen lange Fingernägel?«, fragte Wilson.
Ellen dachte kurz nach. »Nein. Nur an der rechten. An der Hand auf meinem Bein. Nicht an der auf dem Lenkrad. Und er musste sich beim Fahren ein bisschen vorbeugen, als wäre er eigentlich zu groß für den Wagen.« Sie hielt inne. »Mehr fällt mir nicht ein.«
»Und der Wagen?«, fragte Wilson.
»Keine Ahnung. Schwarz. Er sah aus wie der Wagen von Chicken De Martino, aber der hat eine andere Farbe.«
»Chicken fährt einen Camaro«, sagte Wilson. »War es ein Camaro?«
»Weiß ich nicht«, sagte Ellen. »Er war auch innen schwarz.«
»Wie waren die Sitze?«
»Tief, so, als säßen wir fast auf dem Boden.«
»Schalensitze?«, fragte Wilson.
Ellen zuckte die Achseln. Sie gähnte, und ihre Hand wanderte unwillkürlich zu der Verletzung unter ihrem Auge. »Sie hatten so Fellbezüge, wie auf dem Toilettendeckel bei Meredith Hunter zu Hause.«
»Der ist aus Plüsch«, sagte ich.
»Und eklig«, ergänzte Sage.
»Plüsch, ja«, sagte Ellen. »Aber irgendwie flauschiger und dunkel, so ein fast schwarzes Lila.«
»Du hast Libby erzählt, er hätte eine Kassette laufen lassen.« Wilson nahm den Klarsichtbeutel und schob ihn sich wieder in die Hosentasche. »Weißt du, was für eine?«
Ellen blickte einen Moment starr geradeaus. »Er hat die Kassette eingelegt, und als er sich vorgebeugt hat, ist er mit dem Kopf an eine Hasenpfote gestoßen, die am Rückspiegel hing. Die war gelb. In dem Lied ging es darum, wie es als Kind war.« Sie summte vor sich hin, schlug mit der Hand den Takt. »They had a fever?«
»›Comfortably Numb‹«, sagte Marie. »Pink Floyd. Hast du das auch schon mal bei mir gehört?«
Ellen nickte. »Sonst kann ich mich an nichts mehr erinnern.« Sie klang erschöpft. »Ich glaube, ich möchte jetzt schlafen.«
»Die Kleine ist kaputt«, sagte Sage, »und ich muss nach Hause.« Sie rappelte sich hoch, zog ihre Jeans-Shorts zurecht, beugte sich über Ellen und gab ihr einen Kuss auf den Kopf. »Bis später, Mäuschen. Schlaf dich aus.«
Ellen kuschelte sich in die vielen Kissen. Wir anderen gingen zusammen nach unten und hinaus auf die Einfahrt.
»Ich ruf dich nachher an, Libby«, sagte Sage. Sie ging um unser Haus herum, um die Abkürzung durch den Wald zu nehmen. Wilson, Marie und ich blieben an der Straße stehen. Mr Walker saß mit einem Glas Limonade auf seinem Rasentraktor und schaute herüber. Alle kannten Wilson McVay und wussten, wie er aussah, und jetzt hatte Mr Walker mitgekriegt, wie er aus unserem Haus kam, während unsere Mutter nicht da war. Er sprach eigentlich nie mit unserer Mutter, aber was, wenn er doch auf die Idee kam, sie anzurufen? Ich starrte zurück, bis er den Blick abwandte.
»Warum wollt ihr das alles von ihr wissen?«, fragte ich. »Wollt ihr es der Polizei melden?«
»Nein«, sagte Marie. »Aber jemand muss sich den Kerl zur Brust nehmen. Wilson kennt viele Leute, und wenn er hier aus der Gegend ist, dürfte es nicht allzu schwer sein, einen blonden Riesen mit Haaren bis zum Hintern zu finden, der einen schwarzen Camaro fährt. Irgendwer muss ihn kennen.«
»Gitarre spielt er auch«, sagte Wilson.
»Was?«
»Die Fingernägel an der rechten Hand. Die lässt er lang, zum Zupfen.«
Ich starrte die beiden an. Marie benahm sich, als wäre das alles total normal.
»Haltet ihr euch jetzt für Privatdetektive oder was? Was wollt ihr denn machen, wenn ihr wisst, wer er ist?«
»Ihn bei lebendigem Leib häuten«, sagte Wilson mit unbewegter Stimme. Es fuhr mir wie ein Schock in den Magen. Ich starrte ihn an und musste an den Tag im Sun Bowl denken, als er vorbeigefahren war, während wir auf den Schaukeln saßen. Als er meine Miene sah, musste er lachen. »Entspann dich. Ich will einfach nur wissen, wer der Scheißkerl ist.«
Er ging die Einfahrt entlang und verschwand im Wald, in Richtung des Wegs, den Sage genommen hatte. Ein paar Sekunden später hörten wir, wie ein Motorrad angelassen wurde. Wilson musste durch den Wald gekommen sein und sein Motorrad dort abgestellt haben. Warum hatten Sage und ich ihn nicht gehört, als wir oben im Königreich saßen? Er war mir unangenehm. Alle hielten sich instinktiv von ihm fern. Manche Bäume – allelopathische Bäume, die Echte Walnuss beispielsweise – vergiften alles, was in ihrer Umgebung wächst. Über ihre Wurzeln, die abgefallenen Blätter und die Rinde geben sie eine chemische Substanz ab, die alles Leben ringsum auslöscht. So war für mich auch Wilson, seine Nähe zu uns bedeutete Gift und Gefahr. Wir hatten keine Ahnung, wo er gewesen war. In einem Jugendgefängnis, in der Geschlossenen, in einer Besserungsanstalt? Ich gab ihm immer noch die Schuld an Mr Franklins Tod. Aber konnte man mit einem Luftgewehr wirklich eine Katze töten? Ich war selbst schon häufig mit Luftgewehren beschossen worden. Früher hatten die De Martino-Jungs uns immer aufgelauert, wenn wir auf dem Weg zum Sun Bowl bei ihnen vorbeikamen, und auf uns geschossen. Ich war am Hintern getroffen worden und hatte blaue Flecke davongetragen, aber durch die Haut waren die runden Metallgeschosse nie gegangen. Vielleicht hatte Wilson eine andere Luftdruckwaffe verwendet, vielleicht aber auch eine echte. Marie besaß eine Luftpistole, mit der man Federbolzen abschießen konnte, eine Marksman, damit konnte man eindeutig ein Tier verletzen oder auch töten. Außer mir wusste niemand davon. Sie hatte Dad ewig damit in den Ohren gelegen. Manchmal gingen wir zum Schießen in den Wald, hielten die Marksman ansonsten aber im Schrank in unserem Zimmer versteckt.
»Marie, was ist, wenn Wilson Mr Franklin getötet hat? Warum hängst du mit dem rum?«
»Das ist doch alles nur Gerede. Wenn man ihn besser kennt, ist er gar nicht so schlimm. Er hatte eine beschissene Kindheit.«
»Und?«
»Libby, er hilft uns.«
Wir hörten Wilsons Motorrad wieder aufheulen, als er vom Waldweg auf den Forge Mountain Drive abbog. Er war nur noch ein schwarzer Fleck, als er mit Vollgas oben an der Straße vorbeischoss, das Vorderrad in der Luft.
»Gott, was für ein Arschloch«, brummte ich. »Bitte sag mir, dass du nicht mit ihm auf diesem Ding fährst.«
Marie antwortete nichts darauf, und wir blieben noch ein paar Minuten nebeneinander stehen und sahen zu, wie Mr Walker perfekte Kreise in seinen Rasen mähte.
6
Eine Tür fiel leise ins Schloss. Ich schreckte auf. Im Zimmer war es dunkel. Neben mir lag Ellen und schlief. Sie hatte fast den ganzen Tag geschlafen. Im Bett schräg gegenüber sah ich, wie sich Maries Körper mit ihren Atemzügen sanft hob und senkte. Wieder ein Geräusch auf dem Flur, das Knarren von Bodendielen. Ich beugte mich vor, lauschte angespannt. Ein leises Wimmern. Beatrice. Dann hörte ich die Stimme meiner Mutter: »Sch-sch-sch.« Sie trug Beatrice nach draußen, das machte sie manchmal, dann ging sie mitten in der Nacht mit ihr fort. Sie ließ den Wagen im Dunkeln bis zur Straße rollen, bevor sie den Motor startete. Es war schon schlimm genug, dass Marie heimlich aus dem Fenster kletterte und sich an der Außenmauer hinunterhangelte, aber wenn sich auch unsere Mutter nachts mit der halb schlafenden Beatrice aus dem Haus schlich, gab mir das ein Gefühl, als würde alles ins Rutschen geraten, als würde das Haus kippen und im Boden versinken. Alles entglitt mir, stürzte ab, ich konnte mich an nichts mehr festhalten. Mit weit offenen Augen legte ich mich wieder hin. Als der Wagen auf der Straße war, gingen die Scheinwerfer an, ihr Licht fiel auf die Bäume, Schatten wanderten über unsere Zimmerdecke und an der Wand entlang auf mich zu. Sie fuhren zu Bill.
Ich versuchte, wieder einzuschlafen, bewusst loszulassen, aber dann fuhr ich mit einem Ruck hoch, mitten im Fallen. Nie gelang es mir, einfach sanft zu versinken oder davonzuschweben. Immer fiel ich irgendwo herunter, vom Fahrrad, von einem Baum, vom Dach, und von diesem plötzlichen Sturz wurde ich schlagartig wach, noch vor dem Aufprall, und blieb mit dem Gefühl zurück, dass die Erschütterung dort unten weiter auf mich wartete. Ich versuchte es mit Schäfchenzählen, malte mir einen beruhigenden Ort aus, einen Wald, in dem ich durch das Blätterdach zum Himmel schaute. Aber jetzt nahm auf einmal der Barbie-Mann über mir Gestalt an, sein ausdrucksloses Gesicht, das glatte Haar. Keuchend und schweißgebadet saß ich im Bett. Wir hätten es unserer Mutter erzählen sollen. Sie hätte uns doch nie mitten in der Nacht allein gelassen, wenn sie gewusst hätte, was Ellen passiert war. Nicht mal für Bill.
Niemand von uns kannte Bill. Nur Beatrice. »Darum hat auch Beatrice die Kammer und nicht ich«, hatte Marie gesagt. »Damit Mom sich mit ihr aus dem Haus schleichen kann, ohne dass wir alle wach werden.«
»Aber Beatrice mag das doch gar nicht. Das hat sie mir tausend Mal erzählt.«
»Na und?«, gab Marie zurück. »Mom benutzt sie halt. Mit Beatrice setzt sie Bill schachmatt.«
Ich stellte mir Beatrice als Schachfigur vor, die von Erwachsenenhänden bewegt wurde: ihre wirren Locken, die Sommersprossen auf ihrer Nase, ihre runden rosigen Wangen und die Zahnlücke, wie sie immer versuchte, es allen recht zu machen, und in einem Spiel hin- und hergeschoben wurde, dessen Regeln sie nicht kannte.
Marie drückte sich manchmal sehr drastisch aus. Sie sagte, sie könne die Dinge aus nüchterner Distanz betrachten, weil sie aufgehört habe, unsere Mutter zu mögen.
»Jetzt schau nicht so entsetzt, Libby. Das heißt ja nicht, dass ich sie nicht mehr lieb habe. Aber dafür muss ich sie doch nicht auch noch mögen, scheiße noch mal.«
Ich weiß nicht mehr, wann ich das erste Mal von Bills Existenz erfahren habe. Erst gab es ihn nicht. Dann war er da. Er war das leise Atmen am anderen Ende der Leitung, ein Schweigen erst, dann eine mir unbekannte Stimme: »Ist deine Mutter zu sprechen?« Mom hatte nie bestritten, dass es ihn gab, und auch nicht, dass er vielleicht Beatrices Vater war. Wahrscheinlich hatten Marie und Thomas mir das alles erklärt. Das weiß ich nicht mehr. Ich wusste nur, dass ich mit niemandem darüber sprechen durfte, vor allem nicht mit Dad, obwohl ich mich nicht erinnern kann, dass irgendwer es mir verboten hätte.
Zu Hause machten wir uns vor unserer Mutter über Bill lustig. Wir schrieben ihm alle möglichen Berufe zu: LKWFahrer, Klempner, Milchmann, Vertreter für alles von der Bibel bis zum Steakmesser. Wir schnappten uns Thomas’ Walkie-Talkies und spielten »Bill«, wann immer unsere Mutter in Hörweite war.
»Breaker, Breaker 10-4, hier spricht Fettkloß Bill. Verstehen Sie meinen Codenamen? Ich bin so verdammt fett, ich schaffe es nicht mal mehr aus meinem Laster, um meine Tochter zu sehen.«
»Roger, Fettkloß Bill. Sie sind echt potthässlich. Und wie ich höre, auch als Vater eine Niete.«
Dafür benutzten wir einen echten Hinterwäldlerakzent. Beatrice sah uns zu und lachte mit, als würde sie gar nicht merken, dass wir uns über ihren Vater lustig machten. Wenn wir im Dunkeln an einem Laden mit blinkendem Neonschild vorbeifuhren, in dem der Name Bill vorkam, riefen wir alle: »Ist er das? Ist das Bill?« Egal, ob es sich um Bill’s Carpets, Uncle Bill’s Pancake House oder Whiskey Bill’s Bar and Grill handelte. Einmal sahen wir ein Plakat, das für einen Bill Bowie als künftigen Sheriff warb. Wir wollten von unserer Mutter wissen: »Ist er das? Will Bill jetzt Sheriff werden?« Sie gab keine Antwort, und wir deuteten ihr Schweigen als Zeichen. Daraufhin fingen wir an, für seinen Gegner zu trommeln, wir entwarfen Plakate und Slogans für ihn, marschierten vor ihrer Zimmertür auf und feuerten den anderen Mann an. Beatrice machte mit. Sie wusste nicht, ob der Bill, den sie kannte, als Sheriff kandidierte, wollte aber trotzdem nicht, dass er gewann.
Meistens schenkte Mom uns keine weitere Beachtung. Manchmal lachte sie über unsere Rateversuche, wenn wir wieder mit einem neuen Bill-Szenario ankamen, zum Beispiel, als Thomas spekulierte, Bill sei vielleicht der Mann, der bei McDonald’s unsere Bestellung entgegengenommen habe. Ihm war sein Namensschild aufgefallen: William.
Inzwischen spekulierten wir aber kaum noch über Bill, vor allem nicht vor unserer Mutter. Sie wirkte zu erschöpft dafür. Ich erwähnte Bills Namen so selten wie möglich, nicht einmal mehr vor den anderen, weil ich das Gefühl nicht loswurde, Dad zu hintergehen, wenn ich darüber nachdachte oder es als gegeben hinnahm. Er hatte gewusst, dass Beatrice nicht seine Tochter war, dass sie gar nicht seine Tochter sein konnte, trotzdem hatte er sich immer so verhalten, als könne sie nur von ihm sein. Mir war klar, dass er nie auf die Idee gekommen war, wir könnten Bescheid wissen. Es jetzt, wo er tot war, laut auszusprechen, grenzte an Verrat.
»Ich habe fünf Sprösslinge«, hatte er immer gesagt. »Vier starke Frauen und einen kleinen Mann.« Und wir wurden bei seinen stolzen Worten immer ein Stückchen größer, ob er sie nun vor einer Kellnerin im Diner äußerte, vor einem Kunden, dessen Rasen er mähte, oder vor einem anderen Gast, der in einem der irischen Pubs, in die er uns manchmal mitnahm, sein Bier trank.
Marie und Thomas meinten, schon lange bevor Bill auf der Bildfläche erschien, sei es zwischen Mom und Dad nicht mehr gut gelaufen, sie hätten sich längst getrennt und ich läge falsch, wenn ich das, was mit Dad passiert war, mit Bill in Verbindung brachte. Dad bewahrte einen Teil seiner Gerätschaften noch in unserer Garage auf, und es kam vor, dass er uns morgens abholte, um uns zur Schule zu fahren, aber er übernachtete nicht mehr bei uns. Manchmal wusch er sich in der Waschküche neben der Garage, vor allem, wenn Mom nicht zu Hause war. Hinter dem Fahrersitz seines Pickups lag immer ein Stück in Papier gewickelte Seife bereit. Er verwendete grundsätzlich die Marke Coast, sie war hellblau und roch wie er. Wir verwendeten parfümfreie Seife von Dove. Manchmal kam ich abends wieder ins Haus, nachdem ich mich irgendwo auf dem Berg herumgetrieben hatte, und in der Waschküche roch es nach seiner Seife.
Damals zog er viel herum, und ich weiß gar nicht, ob er eine feste Wohnung hatte oder einen Ort, an den er regelmäßig zurückkehrte. Er hatte sich ein Zeltdach für seinen Pickup besorgt, und wenn wir morgens auf die Ladefläche kletterten, um uns zur Schule fahren zu lassen, war die Schaumstoffmatratze noch ausgerollt. Er habe das Zelt gekauft, damit wir auf der offenen Ladefläche nicht nass und vom Wind zerzaust würden, sagte er. Inzwischen war ich mir da nicht mehr so sicher. Es fiel mir schwer, es auch nur auszusprechen, Marie oder Thomas zu fragen: »Glaubst du, er hat öfter im Pickup übernachtet?«
Unsere Mutter sorgte dafür, dass Beatrice immer in ihrer Nähe war und hielt sie so auch ein bisschen von uns fern. Beatrice war nie mitgekommen, wenn Dad uns auf die Ladefläche des Pickups packte und mit uns zu Burger King fuhr, wo es riesige Milkshakes gab, oder ins Diner, wo wir alle Kaffee tranken und ohne Aufpreis nachgeschenkt bekamen. Sie war auch noch zu klein gewesen, um ihm bei der Arbeit zu helfen. Das eine Mal, als wir nach New York gefahren waren, wo er ein neues Leben anfangen wollte, und bei ihm übernachtet hatten, hätte Beatrice eigentlich dabei sein sollen, aber uns war klar gewesen, dass unsere Mutter das nie zulassen würde.
Beatrice wurde anders behandelt, aber wir nahmen es ihr nicht übel. Wir beneideten sie nicht darum, mit unserer Mutter in einem Zimmer zu hocken oder aus dem Bett geholt zu werden, um zu einem Mann zu fahren, den wir anderen gar nicht kannten und den ich wider besseres Wissen für alles verantwortlich machte, was passiert war. Wenn Beatrice von den Besuchen bei Bill zurückkehrte, war sie immer sehr still. Sogar noch, wenn wir ihr ein Eis spendierten.
»Ich mag seine Hände nicht«, hatte sie mir eines Nachts ins Ohr geflüstert, als wir zusammen im Bett lagen.
»Wessen Hände?«
»Die von Bill.«
»Und warum nicht?« Ich fand es verstörend, dass sie das sagte. Sie war mitten in der Nacht zu mir ins Bett gekrochen, das machte sie hin und wieder, dann kletterte sie über Ellen hinweg, die auf der unteren Betthälfte schlief. Jetzt lag sie da, eingekuschelt und zu mir gedreht. Sie hatte die Angewohnheit, sich dicke Haarsträhnen um den Finger zu wickeln. Wir zogen sie immer damit auf, dass ihre Locken eigentlich daher kamen. Manchmal, wenn ich neben ihr lag, machte sie das unwillkürlich auch mit meinen Haaren. Marie meinte, an den Ticks, die Beatrice entwickelte, könne man sehen, wie belastet sie sei.
»An einer Hand fehlt ihm vorne an den Fingern ein Stück. Die sind einfach nur ganz dick und rund an den Knöcheln.«
»Oh.« Ich schwieg. Ich wollte nicht zu viel fragen, weil Beatrice sich immer gleich aufregte, wenn wir sie nach diesen Besuchen ausquetschten. Marie meinte, es sei doch das Letzte, dass Mom einem Kind ein solches Geheimnis aufbürdete, ihr verbot, mit ihren Geschwistern darüber zu reden, und sie mitten in der Nacht zu jemandem schleppte, den sie gar nicht sehen wollte. Nach Dads Tod hatte Mom sich ein gutes halbes Jahr nicht mehr mit Bill getroffen. Er rief nicht mehr bei uns an, und sie schlich sich auch nicht mehr davon. Aber gleichzeitig war es, als gäbe es sie gar nicht mehr. Marie und Thomas kochten für uns, und Mom lag entweder im Bett oder war bei ihrer Schicht im Krankenhaus, monatelang tat sie nichts anderes als schlafen, arbeiten und wieder schlafen. Ihre Augen waren rot verschwollen. Trauer ist anstrengend, hatte Gwen gesagt, die Therapeutin, zu der wir dann doch nicht gegangen waren. Ich hätte sie gern verbessert. Sie sah das falsch. Unsere Mutter hatte sich von unserem Vater scheiden lassen. Sie hatte sich für jemand anderen entschieden, den sie vor uns geheim hielt. Auch wenn es ihr inzwischen besser ging und Bill ganz offensichtlich wieder aktuell war, schien es doch, als könnte sie uns, ihren vier älteren Kindern, nicht mehr in die Augen sehen.
Ich überlegte, ob wir irgendwelche Männer kannten, denen Teile der Finger fehlten. Wir vermuteten, dass Bill nicht am Berg wohnte, weil Beatrice erzählt hatte, sie würden meistens denselben Weg fahren, den wir nahmen, wenn wir mit Thomas zum Schwimmen gingen: vorbei am Restaurant Guernsey Cow, am Clogs- und am Dekoladen und dann weiter auf dieser Straße, vorbei an den Leuten mit dem Pferdewagen, sprich: die Route 30 entlang, durch die Pennsylvania-Dutch-Region, Richtung Wilmington im Bundesstaat Delaware.
»Vielleicht gehört Bill ja zu den Amischen«, witzelte Thomas, und Marie musste so lachen, dass ihr die Milch, die sie gerade trank, aus der Nase lief. Ich hatte immer noch die Befürchtung, Bill könnte ein Bekannter von uns sein, womöglich war ich sogar einmal nett zu ihm gewesen, weil ich nicht wusste, wer er war. Marie meinte, der einzig denkbare Grund, warum unsere Mutter ihn immer noch geheim hielt, sei, dass er verheiratet sein müsse.
»Weißt du, was mit seinen Fingern passiert ist?«, fragte ich Beatrice. Ich dachte mir, zu wissen, wie er sie verloren hatte, könnte vielleicht ein Hinweis auf seinen Beruf sein. Sie lag neben mir im Dunkeln, drehte sich Löckchen in die Haare und sah zur Zimmerdecke hinauf.
Ich musste wohl doch eingeschlafen sein, denn ich hörte sie nicht nach Hause kommen. Am nächsten Morgen war Mom bereits mit Thomas zum Schwimmen gefahren. Die anderen waren unten – Ellen mit Beatrice auf dem Sofa, sie lang ausgestreckt, die Füße fast an Beatrice, die im Schneidersitz dasaß und ein Buch von Judy Blume las. Wir hatten Beatrice erzählt, Ellen sei auf ihrem Heimweg in der Dunkelheit hingefallen, weil sie durch den Wald gegangen sei, um schneller nach Hause zu kommen. Wir hatten ihr auch erklärt, dass Mom nichts davon erfahren dürfe, sie würde sonst sauer werden, weil Ellen durch den Wald gelaufen war. Beatrice hatte Stillschweigen gelobt. Thomas hatten wir dieselbe Geschichte erzählt. Ellen trug ein langärmeliges Tweety-Nachthemd, das die meisten ihrer Verletzungen verdeckte, bis auf die im Gesicht. Unsere Mutter hatte sie bisher noch nicht gesehen, aber falls sie nach den Schürfwunden fragen sollte, war unsere Geschichte hieb- und stichfest. Marie lag auf dem Sitzsack und las. Ellen triezte Beatrice.
»Wie war’s denn gestern? Wart ihr bei Bill?« Ihr Gesicht war kreidebleich, die Platzwunde unter dem Auge hatte sich schwarz verfärbt.
Beatrice las einfach weiter.
»Wie sieht er denn aus? So wie du?« Ellen wollte absichtlich gemein sein.
»Nein. Er ist groß und breit«, sagte Beatrice.
»Und was fährt er für ein Auto? Fahrt ihr manchmal mit seinem Auto irgendwohin?«
»Das habe ich dir schon hundert Mal erzählt. Er hat einen Pickup.«
»Trägt er einen Anzug, so wie Mr Walker, wenn er zur Arbeit geht, oder zieht er sich an wie der Klempner?«
»Er trägt Hemden mit ganz vielen Vierecken.«
»Kariert? So wie ein Cowboy?«, wollte Ellen wissen.
Beatrice zuckte die Achseln.
»Und wo wart ihr gestern Abend?«
»Du weißt doch, ich soll euch nicht erzählen, dass ich ihn gesehen habe. Wir haben in einem Lokal gesessen und was gegessen, und danach waren wir noch draußen auf dem Parkplatz.« Sie zog die Beine enger an den Körper.
»Herrgott, Ellen, lass sie in Ruhe«, sagte ich. »Solltest du dich nicht lieber ausruhen?« Ellen sah aus, als würde sie gleich losheulen.
Marie blickte von ihrem Buch auf. »Geh nach oben, Ellen. Nimm zwei von den Baby-Aspirin aus dem Medizinschrank. Aus dem Fläschchen mit dem rosa Deckel.«
Ellen stand auf und schleppte sich langsam die Treppe hoch; sie nahm immer nur eine Stufe auf einmal und hielt sich am Geländer fest.
Ich blieb im Wohnzimmer bei Beatrice und Marie sitzen, die beide in ihre Bücher vertieft waren. Die Bäume draußen spiegelten sich in dem cremeweißen Kachelboden, sodass es aussah, als wäre er ständig in Bewegung, die schaukelnden Zweige sorgten für einen raschen Wechsel von Licht und Schatten. Als das Telefon klingelte, zuckte ich zusammen.
»Ich geh schon«, sagte ich, obwohl sich sonst niemand gerührt hatte. Es war Sage.
»Charlotte fährt mich in ein paar Minuten zur Arbeit, aber vorher muss ich dir noch was erzählen.«
Ich ging mit dem Telefon in die Waschküche, damit die anderen mich nicht hören konnten. »Was denn?«
»Gestern Abend, oben am Turm, hat Abbey erzählt, Wilson wäre da gewesen, um ein paar Jungs zusammenzutrommeln – sie sollten ihm versprechen, irgendeinen Perversen mit ihm zu vermöbeln. Und dieser Typ, den sie sich vorknöpfen wollen, soll ein kleines Mädchen vom Berg angegriffen haben.«
Ich ließ mich auf den Stapel Schmutzwäsche sinken, der vor der Waschmaschine auf dem Boden lag.
»Großer Gott!«
»Du sagst es.«
»Hat er erzählt, dass wir es sind? Wusste Abbey, dass es um Ellen geht?«
»Ich glaube nicht. Das hätte sie mir gesagt.«
»Und haben sie’s gemacht?«
»Nein. Also, zumindest nicht gestern. Wilson meinte, er sei noch auf der Suche nach dem Typen. Aber er wollte schon mal wissen, ob sie ihm helfen. Dafür hat er ihnen ein paar Tütchen Gras gegeben und für danach einen Kasten Bier versprochen.«
»Warum macht er das?«
»Keine Ahnung. Aber er wird den Kerl sicher eh nicht finden.«
Mein Mund war so trocken, dass die Worte darin hängen blieben. »Wieso kann er uns nicht einfach in Ruhe lassen?«
»Erzählt es eurer Mutter, Libby.«
Ich schüttelte den Kopf. »Das geht nicht.«
Als ich mich hochrappelte, um den Hörer wieder aufzulegen, sah ich, dass ich auf Ellens schmutziger Schuluniform gesessen hatte, die voller Schlamm, Blut und Rollsplitt war. Sie hatte sie einfach dorthin geworfen. Die ganze Sache lief aus dem Ruder. Ich warf die Kleider in die Waschmaschine, stellte den Vollwaschgang ein und ging zurück ins Wohnzimmer. Dort lasen die anderen immer noch und ahnten nichts von dem Unheil, das uns drohte.
Ich nahm mir vor, Marie später davon zu erzählen, damit sie Wilson zurückpfiff und er uns endlich wieder in Ruhe ließ. Jetzt rollte ich mich neben Beatrice auf dem Sofa zusammen und zog die Knie an die Brust. Ich lag da, spürte den Drillichbezug an der Wange, betrachtete die Muster auf dem Fußboden. Versuchte, ruhiger zu atmen. Als Dad schon nicht mehr bei uns wohnte, hatte er einmal fast eine Woche auf diesem Sofa verbracht, weil er sehr krank war. Es ließ sich ausziehen, und wir hatten ihm mit Laken und Decken ein Bett zurechtgemacht. Mom hatte einen Arzt gerufen. In diesen Tagen fühlte sich alles plötzlich wieder richtig an, Mom, die auf dem Rand des Bettsofas saß, ihm das Fieberthermometer unter die Zunge schob und ihm kühle Kompressen auf die Stirn legte, wir alle, die wir uns um ihn kümmerten. Auch wenn ich wusste, dass es nur eine Illusion war.
Im Lauf der Woche, als es ihm wieder besser ging und er sich aufsetzen konnte, hatten wir uns alle um ihn herum gekuschelt, und er hatte uns vorgelesen. Selbst Thomas, der Dad gegenüber oft sehr befangen war, hatte sich an den Rand gelegt. Dad konnte ganze Passagen von Goldsmiths Gedicht »Das verödete Dorf« auswendig. Oft zitierte er diese Zeilen – »Wo Menschen sinken und wo Reichtum steigt!« –, wenn wir wieder einmal vom Reichsein redeten, vom großartigen Haus oder der großartigen Arbeitsstelle irgendeines anderen Vaters. In dieser Woche, als er krank war, las er uns »Das Lied des irrenden Aengus« vor, ein Gedicht von William Butler Yeats, das er liebte. Wir fünf lagen mit ihm auf dem Ausziehbett, als wäre es ein Boot, auf dem wir alle Schutz suchten, während das Meer um uns tobte. Bei der letzten Strophe klang seine Stimme ganz anders, als würden ihn die Verse immer wieder anrühren. Ich sah vor mir, was die Wörter beschrieben, das »hohe, gesprenkelte Gras«, das Silber und das Gold. Ich hatte mir die Strophe auf die erste Seite meines Baumbuchs geschrieben. Jedes Mal, wenn ich an die Zeilen dachte, sah ich Dad auf einer sonnengoldenen Wiese vor mir, wie er durch das hohe Gras ging, immer auf der Suche.
»Nicht mal eine Totenwache haben sie uns halten lassen«, hatte Tante Rosie geklagt, und der Schmerz darin zeigte mir, dass wir einen furchtbaren Fehler begangen hatten, einen, den wir nie wieder gutmachen konnten. Und wieder wünschte ich mir, wie schon so viele hundert Male vorher, ich hätte in dem Moment bei ihm sein können, als er starb, allein und weit weg von uns, und ihm etwas sagen können, um ihm klarzumachen, dass er geliebt wurde, auch wenn wir in unserer Familie nie über so etwas sprachen.
Eine Wolke wanderte über den Wohnzimmerboden, und der Raum verdunkelte sich. Ich sah auf. Marie las immer noch, Beatrice hatte sich mit dem Buch auf den Knien zurückgelehnt.
»Ist das gut?«, fragte ich sie.
Sie bewegte den Kopf langsam auf und ab, ohne die Augen von der Seite abzuwenden. Ich schaute zum Fenster. Der Wald sah nach Regen aus.
7
Am Freitagmorgen erwachte ich von einem Rasenmäher draußen, ein Geräusch, das nach Ordnung in der Welt klang, nach Erwachsenen, die sich um alles kümmern. Seit unserer abendlichen Autofahrt war eine ganze Woche vergangen. Mom hatte gearbeitet, und Marie und Ellen waren die meiste Zeit in unserem Zimmer geblieben; Ellen ruhte sich aus, Marie sortierte ihre Sachen und behielt Ellen im Auge. Das Knattern des Motors kam näher und entfernte sich wieder, und die Sonne stand jetzt so hoch, dass sie die Zimmerwand neben mir beschien. Ich konnte das frisch gemähte Gras förmlich riechen. Der Rasenmäherlärm schwoll an, dann hörte ich es rumpeln, als die Messer auf einen Stein stießen. Direkt unter unserem Zimmerfenster. Ich setzte mich auf. Jemand mähte unseren Rasen. Einen Moment lang freute ich mich. Ich kletterte über die schlafende Ellen auf dem Bett unter mir hinweg und schaute aus dem Fenster. Ich sah die Schneise, die der Rasenmäher von hier bis zum Ende der Auffahrt gezogen hatte, wo jetzt die Quarzsteine wieder richtig sichtbar waren. Ich dachte, unsere Mutter müsste wohl etwas organisiert haben.
Unten in der Küche hockte Thomas am Tisch vor seinem Müsli. Er hatte die breiten Schultern eines Schwimmers und sah älter als sechzehn aus. Seit einem Jahr rasierte er sich. Beim ersten Mal hatten wir alle um das Waschbecken herumgestanden und ihm zugeschaut, während Marie ihn anleitete.
»Scheiße noch mal, Libby. Warst du das?«
»Was denn?«
»GI Joe da draußen.« Thomas schob die Müslischüssel weg. »Das ist so ein fieser Typ. Ich hab dir doch schon gesagt, dass ich mir den Rasenmäher von den Griffiths ausleihe und irgendwie herschaffe. Konntest du nicht einfach warten?«
Ich ging zur Haustür und schaute genau in dem Moment nach draußen, als Wilson McVay mit dem Rasenmäher vorbeikam. Er trug Jeans, das weiße T-Shirt hatte er ausgezogen und es sich um die Schultern gebunden. Er sah aus wie einer von den Männern aus der Levi’s-Werbung, kantig und schön. Nur, dass es eben Wilson war. Auf dem Rückweg winkte er mir zu, grinste, und mir wurde regelrecht übel. Ich ging in die Küche zurück.
»Ich habe damit nichts zu tun. Ist Mom schon bei der Arbeit? Weiß sie es?«
Aber Thomas knallte nur die Plastikschüssel und den Löffel in die Spüle und stürmte die Treppe hoch.
Ich rannte in Beatrices Zimmer, weil man aus ihrem Fenster die Auffahrt sehen konnte. Dort stand Mr McVays Buick mit offenem Kofferraum, daneben ein Benzinkanister. An der Beifahrertür lehnte ein Rechen.
Ich kehrte in unser Zimmer zurück.
»Marie, Marie, aufwachen!« Ich schüttelte sie.
»Was? Scheiße, wie spät ist es?« Marie rollte sich auf die Seite, stützte sich auf den Ellbogen und gähnte. »Was ist denn?«
»Hast du Wilson McVay gebeten, unseren Rasen zu mähen?«
»Nein. Wieso?«
Der Rasenmäherlärm kam wieder näher, und Marie rappelte sich richtig auf und lehnte sich an die Wand.
»Wow! Wilson mäht unseren Rasen?«
»Ja. Er ist hier, und der Buick von seinem Vater steht in der Auffahrt. Hat er gewartet, bis Mom arbeiten ist? Beobachtet er uns vielleicht oder was? Thomas ist stinksauer. Er wollte einen Rasenmäher leihen gehen.«
»Was ist denn dabei, wenn er den Rasen mäht?« Ellen hatte sich auf dem Ausziehbett aufgerichtet, ihr dünnes Haar war vom Schlafen ganz platt und zerzaust. »Ist doch nett von ihm. Thomas sollte dankbar sein. Jetzt muss er das nicht mehr machen.«
»Sorg dafür, dass er wieder geht, Marie. Bitte. Sorg dafür, dass er wieder geht.«
»Was soll ich denn deiner Meinung nach tun? Rausgehen und sagen: ›Wie kannst du es wagen, für uns da zu sein, wenn wir mitten in der Nacht Hilfe brauchen, und dann auch noch netterweise unseren Rasen mähen?‹ Er denkt doch offensichtlich, dass er uns was Gutes tut.«
»Tut er ja auch«, sagte Ellen.
Ich hatte Marie immer noch nicht erzählt, was Wilson vorhatte. Vielleicht wusste sie es ja. »Marie, sag ihm einfach, er soll uns in Ruhe lassen. Jetzt gleich. Sag ihm, er soll einfach gehen. Thomas wollte den Rasen mähen.«
»Was machst du denn so ein Drama daraus?«, sagte Marie. »Thomas kann das nächste Mal mähen, dann ist die richtig schwere Arbeit schon getan.« Sie stand auf, trat ans Fenster und schaute nach draußen. »Außerdem sieht der Rasen sowieso beschissen aus. Alles ganz gelb.«
»Bitte, Marie. Ich will ihn nicht hier haben. Er macht mir Angst.«
Die Hintertür knallte zu.
»Tja, Abgang Thomas«, sagte Marie. Wir standen jetzt zu dritt am Fenster und sahen zu, wie Thomas die Auffahrt entlangstapfte. Er trat fest auf, straffte dabei die Schultern und blickte stur geradeaus, als er an Wilson vorbeiging. Wilson winkte ihm zu, aber Thomas beachtete ihn gar nicht und ging einfach weiter. Wilson störte das nicht. Es sah fast aus, als würde er singen.
Marie und Ellen machten Eistee und gingen mit ein paar Gläsern auf die Auffahrt hinaus, als Wilson fertig war. Als wir noch mit Dad Rasenmähen gingen, hatten manche Hausbesitzer uns auch kalte Getränke nach draußen gebracht.
Durch Beatrices Zimmerfenster beobachtete ich die drei. Ellen schmachtete ihn an, als wäre er ihr Held, und Marie brachte ihn zum Lachen. Am liebsten hätte ich aus dem Fenster gerufen, er solle doch gefälligst sein T-Shirt wieder anziehen, das sei vulgär, und alle Nachbarn könnten ihn sehen. Ich wollte hinausschreien: »Verschwinde und misch dich nicht ständig ein!«
Später, als er schon lange weg war, ging ich nach draußen, setzte mich auf die Veranda und musterte den Rasen. Wilson hatte gut gearbeitet: Die Ränder waren akkurat geschnitten, und er hatte sogar zwei Mal gemäht, so dass ein Muster aus diagonalen Bahnen entstanden war. Das Gras war immer noch gelb, aber hier und da war jetzt ein schmaler Streifen Grün zu sehen. In den Duft nach frisch gemähtem Gras mischte sich etwas Benzingeruch.
Thomas und ich hatten Dad am häufigsten geholfen. Marie war eher eine Zimmerlinde, und Ellen war noch zu klein gewesen. Ich überlegte, ob unsere Geräte wohl noch in der Bronx lagerten oder ob Dads Cousin sie vielleicht verkauft hatte. Es waren unsere. Ich wusste noch genau, wo jedes einzelne gekauft worden war, welchen Rasen wir mit welchem Mäher geschnitten hatten. Ich wusste, wie man sie reinigte, wie man sie am besten auf den Pickup lud und wieder herunter bekam. Ein Kloß saß mir im Hals. Ich atmete noch einmal tief ein – Benzin, gemähtes Gras, Sommerhitze. Die Vergangenheit. Thomas war noch nicht wieder zurück. Letzten Sommer war er von Tür zu Tür gegangen, um irgendwo einen Rasenmäher zu leihen. Wilson hatte einfach nur den Autoschlüssel seines Vaters genommen und das Gerät in den Kofferraum geladen. Was sollten wir Mom erzählen? Ich blieb draußen sitzen, bis ich den ersten Leuchtkäfer sah.
Am Abend bei den Bouchers machte Peter mir auf. »Libby!«, rief er, griff nach meiner Hand und zog mich über die Schwelle.
»Na, Sir Peter Hase, wie läuft das Hasen-Gangster-Leben? Futtern Sie viele geklaute Kohlköpfe und Karotten?«
Peter lachte und rannte in der Küche herum. »Peng-peng! Das ist ein Überfall! Gebt mir euren ganzen Salat!«
»Hallo, Libby.« Mrs Boucher kam in die Küche, während sie noch einen Ohrring befestigte. Sie duftete nach Zitrone.
»Hallo, Mrs Boucher« – und noch während ich es sagte, sah ich auf der Küchenablage gefaltet die braunen Handtücher, die wir letzte Woche benutzt hatten. Nachdem Wilson mit Ellen weggefahren war, hatte ich sie in Mrs Bouchers Waschmaschine gestopft, aber vergessen, sie hinterher wieder herauszunehmen. Mit heißem Gesicht schaute ich zu den Handtüchern und dann zu Mrs Boucher, die mich musterte.
»War letzte Woche alles in Ordnung, Libby? Das wollte ich dich noch fragen.«
Ich wollte schon eine Ausrede erfinden, irgendwas von einer umgekippten Kaffeetasse und dass ich die braunen Handtücher genommen hätte, um das Geschirrtuch nicht schmutzig zu machen, aber ich wusste, das würde nicht ehrlich klingen.
»Hände hoch, Libby!«, rief Peter. Ich hob die Hände, als würde ich mich ergeben. Und beschloss, es ihr zu sagen.
»Ellen hatte letzten Freitag einen Unfall und ist danach hierhergekommen. Es tut mir wirklich leid, ich hätte Ihnen das sagen sollen. Sonst habe ich nie jemanden ins Haus gelassen, wenn Sie nicht da waren.« Ich hörte das Zittern in meiner Stimme.
Wir setzten uns an Mrs Bouchers langen Esstisch. Ich erzählte ihr fast alles. Vom Kunstcamp, dem Rauswurf aus dem Auto, dem Trampen. Von dem Mann mit dem Camaro und den weißen Barbie-Haaren, dass Ellen aus dem Auto gesprungen und dann hierher zu Mrs Bouchers Haus gekommen war. Ich erzählte ihr nicht, dass der Mann Ellen ans Bein gefasst hatte, bis ganz nach oben. Ich drehte es so hin, als hätte sie einfach Angst bekommen und wäre aus dem Wagen gesprungen, als er gerade sehr langsam fuhr. Und ich sagte ihr auch nicht, dass Wilson gerade Leute zusammentrommelte, um den Kerl zu suchen und es ihm heimzuzahlen. Dafür erzählte ich ihr, dass Wilson McVay einfach aus dem Dunkeln aufgetaucht war, um Ellen abzuholen, dass ich nicht wusste, woher Marie ihn eigentlich kannte, und dass er sich seither viel bei uns herumtrieb. »Heute hat er sogar unseren Rasen gemäht.«
»Weiß eure Mutter, was mit Ellen passiert ist?«
»Nein, Mrs Boucher.« Ich schüttelte den Kopf. »Und Sie dürfen es ihr auch bitte nicht erzählen. Bitte.«
Sie drückte mir kurz den Arm. »Eure Mutter muss das wissen, Libby. Und Ellen sollte zum Arzt gehen.«
»Es geht ihr gut, ehrlich. Sie kommandiert schon wieder Beatrice herum und kabbelt sich mit Thomas. Sie ist ganz die Alte. Unsere Mutter würde sie nur bestrafen. Sie wissen doch, wie sie ist. Bitte.«
Mrs Boucher fuhr sich mit den Händen durchs Haar und sah mich an. »Ein Kind einfach allein am Straßenrand zurücklassen. Das ist entsetzlich.«
Ich betrachtete die Maserung des Tisches. Was immer ich tat, es machte alles nur noch schlimmer. »Bitte erzählen Sie niemandem davon. Ich schwöre Ihnen, es ist alles wieder gut.«
Ich hätte es ihr gar nicht erzählen dürfen. Anfang des Jahres, nachdem ich Sister Benedict erzählt hatte, dass unsere Mutter manchmal tagelang verschwand und nicht für uns kochte, hatten die Nonnen sie zum Gespräch gebeten. Hinterher war Mom fuchsteufelswild. Sister Benedict hatte von »Vernachlässigung« gesprochen. Sie hatte gesagt, sie habe ja Verständnis für das, was wir durchgemacht hätten, und sei voller Mitgefühl, aber sie sei auch in Sorge um unser Wohlergehen.
»Ist dir klar, was du getan hast, Libby?«, brüllte Mom mich an. Und die anderen, selbst Marie, hatten mich angeschaut, als wollte ich uns alle ruinieren. Ich hatte das Schweigegelübde gebrochen, an das wir uns in allen Dingen hielten, und das jetzt war ein weiterer Beleg dafür, dass uns allen Schlimmes drohte, wenn ich Geheimnisse an Fremde ausplauderte.
Mrs Boucher blieb einen Moment schweigend sitzen. Dann fragte sie: »Hat Ellen das Nummernschild des Wagens gesehen?«
»Nein.«
»Libby, du musst mir versprechen, dass du mich anrufst, wenn du den Eindruck hast, dass Ellen doch zum Arzt sollte oder wenn du sonstwie Hilfe brauchst. Du kannst mich jederzeit anrufen.«
»Das weiß ich. Vielen Dank.«
»Und noch etwas. Du hast völlig recht damit, bei Wilson McVay vorsichtig zu sein. Er hat nichts bei euch im Haus verloren, wenn eure Mutter nicht da ist. Wie auch sonst niemand Fremdes.«
Mrs Boucher arbeitete beim Gericht, wahrscheinlich wusste sie also sehr viel mehr über Wilson als wir alle zusammen. »Ich muss jetzt los. Schließt du hinter mir ab?«
»So was kommt ganz bestimmt nicht noch mal vor, Mrs Boucher, versprochen.«
Ich sah den Rücklichtern des Volvo nach, wie sie zwischen den dunklen Bäumen aufblitzten, zur Straße hinauf, und dann verschwanden. Von hinten hörte ich die Titelmusik von Der unglaubliche Hulk.
»Libby, der Hulk, der Hulk!« Peter war schon ganz aufgeregt. Er stellte sich vor den Fernseher, während die Titelmusik lief, zog die Schultern hoch und breitete weit die Arme aus. »Ich bin der Hulk!«, rief er.
Es war die Folge »Aufruhr im Zoo«. Ich wusste, dass er Albträume davon bekommen würde. Er hatte den Hulk schon mal gesehen, als er bei seinen Großeltern übernachtet hatte; danach musste ich einen ganzen Monat lang jeden Freitag so lange bei ihm im Zimmer bleiben, bis er eingeschlafen war.
»Sie sind so unvernünftig«, schimpfte Mrs Boucher, als das mit den Albträumen anfing. »Genau deswegen will ich nicht, dass die Kinder bei ihnen schlafen, das habe ich auch ihrem Vater gesagt. Sie würden auch noch den Exorzisten mit den Jungs schauen. Ich bewundere deine Mutter dafür, dass sie keinen Fernseher hat.«
»Los, Peter. Wer schneller unten im Bad ist und sich die Zähne geputzt hat!«
Mrs Boucher hatte mir nie erzählt, wohin sie freitagabends ging. Ich hatte bis dahin nicht für allzu viele Familien als Babysitterin gearbeitet, aber die anderen hatten mir immer gesagt, wo sie hin wollten, und mir die Telefonnummer des Restaurants oder ihrer Freunde dagelassen. Mrs Boucher hatte mir nur eine Nummer für den Notfall gegeben, und das war die von Mr Boucher. Er lebte mit seiner zukünftigen Frau zusammen. Meine Mutter sagte immer, Mrs Boucher sei eine Intellektuelle und außerdem eine von diesen Feministinnen, und aus ihrem Mund hörte sich das an wie Schimpfwörter. Ich fragte mich, was in der Ehe der Bouchers wohl vorgefallen war. Sie waren geschieden, so wie meine Eltern auch, aber ansonsten waren sie in jeder Hinsicht ganz anders. Ich war Mr Boucher schon mehrmals begegnet. Einmal hatten Marie und ich ihn mit seiner Verlobten im Supermarkt in Philadelphia gesehen. Wir wollten uns ein paar Donuts holen und sahen zufällig, wie sie sich vor der Fischabteilung küssten, wo komplette Fische mit Kopf und allem Drum und Dran auf Eis lagen.
»Ach du meine Güte«, hatte Marie gesagt, »Barbie und Ken.« Er erinnerte tatsächlich an Ken. »Der sieht so was von künstlich aus. Am liebsten würde ich rüberlaufen und ihm die Haare verwuscheln.« Seine Verlobte, Angela, war genauso groß wie er. Ihr blondes Haar war so frisiert und gesträhnt wie das von Farrah Fawcett. Außerdem war sie auffallend braun und trug ein leuchtend oranges Kleid. Sie sah jung und dümmlich aus, vor allem im Vergleich zu Mrs Boucher, die klein und dunkelhaarig war, dabei aber viel geerdeter und eleganter wirkte als diese beiden zusammen.
Ich war mir ziemlich sicher, dass Mrs Boucher sich mit einem Mann traf. Die letzten paar Monate hatte sie sich vor dem Ausgehen immer besonders sorgfältig zurechtgemacht. Wenn sie zurückkam, wirkte sie abwesend, und ein paar Mal hatte ich, wenn ich ins Auto stieg, um mich von ihr nach Hause fahren zu lassen, darin noch etwas anderes gerochen als Mrs Bouchers Zitronenduft – irgendein Rasierwasser. Es gab aber auch gewisse Hinweise, von denen ich Marie und Sage nichts erzählt hatte. In letzter Zeit leuchteten die Scheinwerfer des Volvo immer nur kurz in den Glaswänden auf, wenn er von der Straße einbog, und wurden dann ausgeschaltet. Der Wagen blieb stehen, manchmal eine ganze Stunde lang, dann gingen die Scheinwerfer wieder an, und der Wagen kroch die Einfahrt entlang bis zum Haus hinunter. Beim ersten Mal, als das passierte, war ich sehr erschrocken, fragte mich, wer da wohl im Auto saß und mich in dem hell erleuchteten, gläsernen Zimmer beobachtete. Ich blieb ganz still auf dem Sofa sitzen und wartete, bis sich der Wagen endlich wieder in Bewegung setzte. Und dann war es nur Mrs Boucher.
Wenn im Haus Licht brannte, konnte Mrs Boucher mich sehen, aber ich konnte draußen nichts erkennen. Ich überlegte, ob es wohl ein Test sein sollte, um herauszufinden, wie ich als Babysitterin war. Als es das nächste Mal passierte, stand ich auf, räumte ein bisschen herum, sah nach, ob die Spülmaschine fertig war, und betrachtete mich dabei von außen, als spielte ich vor einem Publikum oder in einem Film. Aber als der Volvo zum vierten Mal in die Zufahrt einbog und das Licht ausging, war ich mir einigermaßen sicher, dass Mrs Boucher nicht so viel Zeit damit verschwenden würde, mich zu beobachten. Ob sie wohl traurig war, ob es ihr schwerfiel, ins Haus zurückzukommen, so wie auch meine Mutter manchmal im Wagen sitzen blieb, wenn der schon in der Garage stand, als müsste sie sich dafür wappnen, uns allen wieder gegenüberzutreten?
Die letzten paar Wochen hatte ich den Fernseher immer stumm gestellt und gelauscht, und mir schien, als würde ich, kurz bevor die Scheinwerfer wieder angingen, eine Autotür schlagen hören. Saß da jemand mit Mrs Boucher im Auto? Einmal hatte sie mir erzählt, es mache ihr keine Angst, so tief im Wald in ihrem Baumhaus zu wohnen, es sei der intimste Ort der Welt. Ich wollte ihr nicht nachspionieren und hatte deshalb auch niemandem erzählt, was ich gesehen und gehört hatte.
Spät an dem Abend, als ich Mrs Boucher von Ellen erzählt hatte, stand ich gerade an der Spüle und drückte einen Teebeutel aus, als die Scheinwerfer wieder durch den Wald und über die Scheiben zuckten. Für den Bruchteil einer Sekunde wurde mir flau im Magen, weil ich glaubte, es wäre Wilson. Aber dann erloschen die Scheinwerfer, und ich wusste, es war nur Mrs Boucher, die wieder zurück nach Hause kam.
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