Читать книгу: «Karmische Rose»
Copyright Alle Charaktere in diesem Buch sind frei erfunden. Erstauflage: Das Werk einschlie gesch Jede Verwertung au Urheberrechtsgesetzes ist ohne die Zustimmung des Verlages unzul eBook (1. Auflage M Covergestaltung: Raphaela C. N Coverfoto: Lektorat: Angelika Funk Gesamtherstellung: Diana Schulz ISBN: 978-3-937883-58-8 www.echnaton-verlag.de
Inhaltsverzeichnis
Copyright
Prolog – März 1965
Tatjana – Februar 1918
Wilhelm Wollenberg – August 1961
Ludmila – 1939-1945
Sarah – Juli 1972
Ludmila – Februar-März 1945
Alexander Wollenberg – 1956-1962
Sarah – April 2007
Sarah – Mai 1973
Sarah – April 2007
Loredana – April 1990
Sarah – Mai 2007
Sarah – Mai 1974
Sarah – Mai 2007
Loredana – August 1990-Mai 1991
Sarah – November 2007
Loredana – Mai-Juni 1991
Sarah – Februar 2009
Loredana – August-Oktober 1991
Sarah – Februar 2009
Loredana – November 1991
Sarah – Februar 2009
Kunigunde – April 1541
Sarah – Februar 2009
Sarah – März 1973
Sarah – Februar 2009
Loredana – Dezember 1991
Sarah – Februar 2009
Loredana – Dezember 1991-Januar 1992
Sarah – April 2009
Loredana – Februar 1992
Sarah – September 2010
Loredana – März 1992
Sarah – September 2010
Loredana – März 1992
Sarah – September 2010
Loredana – Oktober 1992
Sarah – September 2010
Loredana – November 1992
Sarah – September 2010
Loredana – Juli 1993
Sarah – September 2010
Loredana – Juli 1993
Sarah – September 2010
Loredana – April 1998
Sarah – September 2010
Loredana – August 1998
Wladimir – Februar 1917
Loredana – August 1998
Sarah – Februar 2011
Loredana – Oktober 1998
Sarah – Februar 2011
Loredana – November 1998-Juli 1999
Sarah – Februar 2011
Loredana – Januar-Oktober 2004
Sarah – Februar 2011
Danksagung
Über die Autorin
Dies könnte Sie ebenfalls interessieren:
Für Nils
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke,
ein Sturm oder ein großer Gesang.
Rainer Maria Rilke
20.9.1899, Berlin-Schmargendorf
Prolog – März 1965
Die blonde Frau saß mit dem Baby in der Küche. Es war Frühling in der Schweiz, aber er zeigte sich noch nicht wirklich. Immer noch war es kalt und die Knospen der ersten Frühlingsboten kamen nur zögerlich aus dem gefrorenen Boden heraus.
Sie schaute aus dem Fenster in die beginnende Dämmerung. Immer wenn es dunkel wurde, kamen ihre Beklemmungen wieder, das Herzstechen und die Angst. Und mit diesen Gefühlen kamen auch die Bilder wieder, Bilder, die sie vergessen wollte. Bilder vom Lazarett in Astrakhan an der Grenze zwischen Russland und Kasachstan. Immer wieder sah sie die blutigen Körper der verletzten Männer vor sich, hörte sie ihr Stöhnen und roch den Geruch von fauligem Fleisch.
»Wann ist es endlich vorbei?«, fragte sie sich, während sie ihr acht Monate altes Baby ansah. Sie hatte Schuldgefühle und dachte, dass sie ihre Tochter lieben sollte, aber sie konnte es nicht. Zu groß war die Last der Vergangenheit.
Es hatte ein paar Momente in den letzten Wochen gegeben, in denen sie versucht gewesen war, ihrem Mann alles zu erzählen. Aber es ging nicht. Wenn sie den Mund öffnen wollte, war es so, als wäre ein Knoten in ihren Stimmbändern, der es ihr verbot weiterzusprechen. Und außerdem trug er eine ebenso schwere Last aus seiner Vergangenheit wie sie. Sie wollte ihn nicht auch noch mit ihren Geschichten belasten.
Irgendwann hatte er aufgehört sie zu fragen. Jetzt führten sie eine zwar nach außen harmonische, aber nach innen erkaltete Ehe. Wenn sie nachts wach wurde und die Schreie der Männer aus Astrakhan hörte, wünschte sie sich zu sterben, nur damit sie die Schreie nicht mehr hören musste und die Bilder endlich aus ihrem Kopf verschwänden.
Ihre Tochter sah sie mit großen Augen an. Es war so, als spüre das Kind die Angst der Mutter.
Erneut begann ihr Herz zu stechen und sie griff in die Schublade, um noch eine Valium herauszunehmen. Als sie die Tablette schluckte, hatte sie ein schlechtes Gewissen. Sie nahm die Medikamente heimlich, ohne Wissen ihres Mannes. Sie dachte: »Irgendwann werden mich diese ganzen Pillen umbringen – aber vielleicht ist es genau das, was ich will.«
Sie dachte an ihre Familie in Russland, die sie seit über zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte, und der Schmerz war so tief, dass er ihr fast das Herz zerriss.
Dann stand sie seufzend auf, versorgte mechanisch ihr Baby, das sie immer nur mit großen Augen ansah, und brachte es ins Bett.
Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass es 17.30 Uhr war. In einer Stunde würde ihr Mann nach Hause kommen. Es war Zeit, das Abendessen vorzubereiten. Wie in Trance fing sie an, Kartoffeln zu schälen und den Salat zu machen. Das Valium dämpfte all ihre Gefühle, nicht nur die Angst. Sie dachte: »Ja, das ist es, was ich will. Ich will einfach gar nichts mehr fühlen.«
Als die Kartoffeln auf dem Herd standen und der Salat auf dem Tisch, nahm das Herzstechen zu. Sie schaute zu ihrem Kind und sah, dass das Baby in seinem Bettchen eingeschlafen war. Sie begann zu keuchen und setzte sich in den Sessel neben dem Ofen.
Dort fand sie ihr Mann, als er eine halbe Stunde später nach Hause kam. Da war sie schon tot.
Tatjana – Februar 1918
In Pokrowsk herrschte eisige Kälte an diesem Februartag des Jahres 1918.
Tatjana packte alles zusammen, was in den kleinen Leiterwagen passte. Ihr Mann Dimitrij war damit beschäftigt, die Papiere zu ordnen, die sie mitnehmen mussten. Die drei Töchter Anastasija, Irina und Jekaterina saßen aneinandergekauert in einer Ecke des kleinen Hauses. Anastasija und Irina waren Zwillingsschwestern. Sie waren fünf Jahre alt. Jekaterina war ein Jahr älter.
Die Mädchen hatten große Angst. Tatjana hatte ihnen nur gesagt, dass sie nach Amerika auswandern würden. Was das bedeutete, konnten die Mädchen in diesem Augenblick nicht im Entferntesten ermessen.
Dimitrij und Tatjana waren Wolgadeutsche und lebten auf einem Bauernhof in der Nähe von Pokrowsk. Ihre Vorfahren waren im Jahr 1764 auf den Ruf von Zarin Katharina II aus Deutschland nach Russland gekommen. Seit die Bolschewiken im Oktober 1917 die Macht ergriffen hatten, war die Familie immer größer werdenden Repressalien ausgesetzt, denn die neue Regierung betrachtete die Wolgadeutschen als Feinde.
Tatjanas Familie baute Getreide an und hielt Vieh. Mit ihren Nachbarn, die allesamt Wolgadeutsche waren, hatten sie ein gutes Auskommen. Mit Tränen in den Augen dachte Tatjana, dass es ihr niemals in den Sinn gekommen wäre, sie würden eines Tages einmal ihre Heimat verlassen. Aber nun war es so gekommen. Es hatte in den vergangenen Wochen immer wieder Überfälle auf benachbarte Höfe gegeben und es war zu gefährlich, in Pokrowsk zu bleiben. Sie wollte ihre Töchter in Sicherheit bringen.
Eine befreundete Familie war vor ein paar Wochen nach Amerika ausgewandert und Tatjana schien es in dem Moment das einzige sichere Land auf der Welt zu sein. Dimitrij hustete. Sie schaute zu ihm hinüber. Seine eingefallene Gestalt und das graue Gesicht gefielen ihr ganz und gar nicht und sie dachte: »Hoffentlich wird er nicht krank.«
Als sie fertig gepackt hatte, rief sie ihre Töchter. Dimitrij stand bereits vor dem Haus. Er weinte, versuchte dies aber zu verbergen. Sie nahmen den Zug nach Murmansk, von wo aus ihr Schiff nach Amerika gehen würde. Tatjana hatte all ihre Ersparnisse aufgebraucht, um eine Schiffspassage für die ganze Familie zu erstehen.
Als sie in Murmansk ankamen, sahen sie, dass die Hafenstadt voll war. Offensichtlich waren sie nicht die Einzigen, die die Idee hatten, nach Amerika auszuwandern. Als sie sich in die lange Schlange von Menschen einreihten, die auf das Schiff wollten, bemerkte Tatjana, dass ihr Mann noch schlechter aussah als bei ihrer Abreise. Es dauerte Stunden, bis sie endlich an die Reihe kamen. Ein unfreundlicher Uniformierter kontrollierte ihre Pässe und die Schiffspassagen. Er sah alle Familienmitglieder aufmerksam an.
Sein Blick blieb an Dimitrij haften. »Bist du krank, Mann?«, fragte er. Dieser verschluckte sich und hustete, statt zu antworten. Der Mann sagte: »Du musst erst vom Arzt untersucht werden, vorher lasse ich dich nicht auf das Schiff.«
Tatjana wollte protestieren, aber der Uniformierte schob sie mit einer heftigen Handbewegung zur Seite. Er war schon mit den nachfolgenden Passagieren beschäftigt. In der Nähe sahen sie einen kleinen Verschlag mit einem roten Kreuz. Eine Frau zeigte auf den Verschlag und sagte zu Tatjana: »Da müsst ihr hin. Da ist der Arzt.«
Sie drängten sich durch die Menschenmassen hindurch. Nachdem sie weitere zwanzig Minuten gewartet hatten, standen sie endlich vor dem Arzt. Auch dieser kontrollierte zunächst die Pässe und die Schiffspassagen, dann nahm er Dimitrij mit hinter einen Vorhang. Zu Tatjana sagte er, sie und die Kinder sollten in der Nähe warten.
Die drei Mädchen drängten sich an ihre Mutter. Sie legte beide Arme um ihre Töchter, um ihnen inmitten des ganzen Gewühls ein bisschen Schutz zu geben. Anastasija fragte: »Mama, was macht der Arzt mit Papa?«
Tatjana antwortete: »Er untersucht ihn, damit wir aufs Schiff können.« Als sie ihre Worte hörte, überkam sie plötzlich ein ganz komisches Gefühl. Sie wollte den Gedanken verdrängen, aber es gelang ihr nicht und sie dachte: »Wenn wir überhaupt aufs Schiff kommen.«
Irina sagte: »Mama, ich habe Hunger.«
»Ja, mein Schatz, du bekommst gleich etwas zu essen. Wir müssen jetzt erst noch ein bisschen warten.«
Es dauerte. Sie hörte, wie der Arzt mit ihrem Mann sprach, und obwohl sie die Worte nicht verstehen konnte, gab es etwas an seinem Ton, das ihr nicht gefiel. Nach weiteren fünf Minuten trat Dimitrij aus der Kabine. Sein Gesicht war noch um eine Spur grauer.
Tatjana brach trotz der Kälte der Schweiß aus und ihr Herz fing an zu rasen. Sie schaute ihn an und fragte: »Und, ist alles in Ordnung mit dir?« Er schüttelte langsam den Kopf. Es fiel ihm sichtlich schwer zu reden.
Sie trat einen Schritt auf ihn zu und packte ihn an den Schultern. »Dimitrij, was ist los? Antworte mir!«
Ihr Mann senkte langsam den Kopf. Diese Geste sagte mehr als tausend Worte. Sie begriff in diesem Moment, dass das Schiff ohne sie nach Amerika fahren würde. Als er nach ein paar Sekunden, die ihr wie eine Ewigkeit vorkamen, den Kopf wieder hob, sagte er tonlos: »Sie lassen mich nicht auf das Schiff. Ich habe Typhus.«
Es kam ihr vor, als habe sie soeben ihr eigenes und das Todesurteil für ihre ganze Familie gehört. Sie ließ ihren Mann wieder los und schüttelte den Kopf, denn sie war nicht bereit, die eben gehörten Worte in ihren Kopf aufzunehmen. Irina näherte sich ihr und sagte: »Mama, fahren wir jetzt doch nicht nach Amerika?«
Am Klang ihrer Stimme hörte Tatjana, dass sie voller Hoffnung war, wieder nach Hause zurückkehren zu können, und dachte: »Wenn sie wüsste, was uns zu Hause erwartet, würde sie aufs Schiff rennen.«
Aber wie sollten ihre Töchter die politische Situation des Landes erfassen können? Es war ein solches Durcheinander von Machtinteressen, Repressalien und düsteren Zukunftsaussichten, dass es auch für sie schwierig war, das alles zu durchschauen.
Sie merkte, dass sie erst einmal aus dem Gewühl herausmusste, um einen klaren Gedanken fassen zu können. Als sie etwas abseits standen, sagte Dimitrij mühsam gefasst: »Lass uns nach Hause zurückfahren.« Dann hielt er kurz inne, als käme ihm dieser Gedanke gerade in diesem Moment: »Tatjana, wenn du mit den Kindern ausreisen willst, dann geh.«
Als die Töchter seine Worte hörten, schrien sie auf. Jekaterina begann zu weinen. »Nein, ich will nicht nach Amerika, ich will nach Hause zurück!« Auch Irina und Anastasija hatten angefangen zu weinen. Tatjana begriff, dass sie auf dem schnellsten Wege nach Hause zurück mussten. Sie gab sich einen Ruck und dachte: »Es wird sich alles finden. Vielleicht können wir auswandern, wenn Dimitrij wieder gesund ist, und vielleicht lassen uns die Bolschewiki bis dahin in Ruhe.« Aber noch während sie das dachte, merkte sie, dass sie ihre eigenen Gedanken nicht glauben konnte.
Die Familie packte ihre Habseligkeiten wieder zusammen. Glücklicherweise schafften sie es, die Schiffspassagen zu einem guten Preis an eine Familie zu verkaufen, die ebenfalls nach Amerika wollte. Als Tatjana das Geld in den Händen hielt, dachte sie, dass sie davon auf jeden Fall eine Weile leben könnten.
Sie mussten ein paar Stunden am Bahnhof warten, konnten dann aber einen Zug nehmen, der sie noch am gleichen Tag wieder in ihre Heimat bringen würde. Der Zug war fast leer.
»Kein Wunder«, dachte Tatjana, »wir sind in der falschen Richtung unterwegs.«
In der Nacht kamen sie in ihrem Haus an. Die Kinder stürmten sofort hinein. Tatjana konnte ihre Freude und Erleichterung spüren. Sie selbst hatte ganz andere Gefühle – Angst, Schwere und noch etwas, das sie nicht benennen konnte.
In den nächsten Wochen war sie damit beschäftigt, Dimitrij zu pflegen und die Kinder von ihm fernzuhalten, um die Ansteckungsgefahr zu vermindern. Trotz ihrer Bemühungen konnte sie nicht verhindern, dass die Krankheit in seinem Körper immer mehr wütete. Drei Wochen nach ihrer Rückkehr starb er.
Die Mädchen waren untröstlich. Sie hatten ihren Vater sehr geliebt. Er war ein guter, treuer und fleißiger Mann gewesen. Tatjana verdrängte ihre Trauer. Sie hatte genug damit zu tun, das Überleben ihrer kleinen Familie zu sichern. Sie musste nun noch mehr als bisher arbeiten, um den Hof zu erhalten und ihre Töchter vor Hunger zu bewahren.
Fünf Jahre später heiratete sie Ivan, der ihr Nachbar war und seine Frau und seine Kinder in der Hungersnot des Jahres 1920 verloren hatte. Im Jahr 1927 gebar sie ihm eine Tochter, Ludmila. Die Familie lebte relativ gut, verglichen mit anderen Wolgadeutschen, die von der Roten Armee mit starken Repressalien belegt wurden und große Teile ihrer Ernte an diese abgeben mussten. Wie durch ein Wunder blieb Tatjanas Familie davon verschont.
Wilhelm Wollenberg – August 1961
Er bekam kaum mehr Luft und wünschte sich nur noch zu sterben. Seit er vor 5 Monaten die Diagnose ›Kehlkopfkrebs‹ bekommen hatte, war es Tag für Tag bergab gegangen. Er spürte, dass es langsam zu Ende ging. In seinem Krankenhausbett liegend und mit Morphium vollgepumpt, ließ er sein Leben Revue passieren.
Er sah die Metzgerei seines Vaters, viele Kunden, die darauf warteten, an die Reihe zu kommen, und sich selbst als zwanzigjährigen Mann, der alle Hände voll zu tun hatte. Zwei Verkäuferinnen halfen ihm. Das Geschäft lief sehr gut und es gab Tage, an denen sein Vater unterwegs war und ihm alleine die Führung des Ladens überließ. Wilhelm machte die Arbeit Spaß, aber sie war nicht seine Erfüllung. Sein heimlicher Traum war es, Lehrer zu werden.
Sein Vater war ein verschlossener Mann und er konnte mit ihm nicht über seine Pläne sprechen. Nach dem frühen Tod seiner ersten Ehefrau, Wilhelms Mutter, hatte er bald darauf wieder geheiratet. Aus der zweiten Ehe gab es eine Stiefschwester, Magdalena, die von beiden Eltern sehr verwöhnt wurde. Ernst Wollenberg hatte sich in den letzten Jahren immer mehr seiner Tochter zugewandt und seinen Erstgeborenen darüber vernachlässigt. Wilhelm fühlte sich oft zurückgesetzt, aber er war zu stolz, um es sich anmerken zu lassen.
Er hätte sich gewünscht, ein besseres Verhältnis zu seinem Vater zu haben, aber er wusste nicht, wie er dies bewerkstelligen sollte. Immer war die kleine Magdalena dazwischen. Wilhelm war sehr eifersüchtig auf seine Stiefschwester, aber auch diese Gefühle musste er unterdrücken, denn es gab in seiner Umgebung niemanden, der damit hätte umgehen können oder wollen. Tief im Inneren fühlte er eine große Enttäuschung über seinen Vater.
Warum verhielt sich dieser immer so distanziert ihm gegenüber, während er Magdalena mit Geschenken überhäufte? Erna, Wilhelms Stiefmutter, ignorierte ihn quasi völlig. Sein Vater sah dies, schritt jedoch nicht ein. Das schmerzte Wilhelm sehr. Vor allem verstand er nicht, was er getan hatte, um dieses Verhalten seines Vaters zu ›verdienen‹.
Der junge Wilhelm träumte von einem eigenen Leben, weit weg von dem bedrückenden Elternhaus in der niederrheinischen Kleinstadt. Wenn er sich in diesen Tagträumen als Lehrer großer Schulklassen sah, war er glücklich. Doch die Realität holte ihn immer wieder ein, und zwar spätestens, wenn die Stimme seines Vaters durchs Haus schallte: »Wilhelm, du wirst in der Metzgerei gebraucht!«
Wenn er dann in der Wurstküche stand und arbeitete, sah er manchmal von Weitem die kleine Schwester, die mit ihrer Mutter bepackt wie ein Maultier von einem Einkaufsbummel in der Stadt zurückkam. In solchen Momenten dachte er, dass das Leben ungerecht sei, und fühlte Sehnsucht nach seiner eigenen Mutter, an die es zwar keine bewusste Erinnerung mehr in ihm gab, von der er aber genau wusste, dass sie ihn geliebt hatte. Sie war nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben, als er erst drei Jahre alt gewesen war.
So wuchs Wilhelm in materiellem Wohlstand gepaart mit emotionaler Kälte auf. Er entwickelte sich zu einem verschlossenen jungen Mann, der zahlreiche Talente hatte, die von seinem Vater jedoch nicht gefördert wurden.
Als er fünfzehn Jahre alt war und in der Metzgerei angelernt werden sollte, hatte er es gewagt, seinem Vater von seinem Wunsch zu berichten, Lehrer zu werden. Dieser hatte ihn kurz angeschaut und dann kalt zu ihm gesagt: »Niemand aus unserer Familie ist Lehrer und du wirst auch keiner. Du wirst Metzger wie ich auch.« Damit war für ihn das Thema erledigt gewesen.
Es war hart gewesen, von seinem Vater so abgespeist zu werden, aber er hätte es nie gewagt, ihm offen zu widersprechen. Er dachte an seine Mutter und dass diese, wenn sie noch gelebt hätte, ihn unterstützt und seinen Vater dazu bewogen hätte, seinen Berufswunsch zu akzeptieren.
Er hatte nur wenige soziale Kontakte, denn seine Stiefmutter sah es nicht gerne, wenn Freunde von ihm im Haus waren. Ein paar Mal hatte sie sich sehr unfreundlich verhalten. Es war Wilhelm peinlich gewesen und er hatte die Freunde nicht mehr eingeladen. Mit seinem Vater traute er sich nicht darüber zu reden, aus Angst vor einer abweisenden Reaktion. So blieb er stumm und litt.
In diesem Moment betrat die Krankenschwester das Zimmer. Sie fragte ihn, ob alles in Ordnung sei, und er nickte mit dem Kopf, denn er konnte kaum mehr sprechen.
Als sie wieder gegangen war, sah er den Tag, an dem er mit zweiundzwanzig Jahren Helena Schubert kennengelernt hatte. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Selbst jetzt noch breitete sich Wärme in seinem sterbenskranken Körper aus, wenn er daran dachte.
Helena stammte aus einer begüterten Bauernfamilie. Sie war bodenständig, konnte gut arbeiten und hatte das Herz auf dem rechten Fleck. Ernst Wollenberg war mit der Heirat einverstanden. So mieteten Wilhelm und Helena Anfang der Dreißiger Jahre eine Metzgerei in einem anderen Stadtteil und bauten sich in vielen Jahren fleißiger Arbeit ein gut gehendes Geschäft auf.
Neun Monate nach der Hochzeit wurde der erste Sohn, Alexander, geboren. Helena war im achten Monat der Schwangerschaft eine steile Kellertreppe hinuntergestürzt und das Kind hatte einen kürzeren Arm und ein schielendes Auge. Man führte diese leichte Behinderung auf den Sturz zurück. Zwei Jahre nach Alexander wurde sein Bruder Andreas geboren. Wilhelm war glücklich – er hatte eine hübsche Frau, die er liebte, zwei kleine Söhne und ein gut gehendes Geschäft.
Aber es gab auch Tage, an denen ihn die Vergangenheit einholte. Dann dachte er daran, dass er jetzt vor seinen Schülern stehen könnte und dass er sich seinem Vater gegenüber hätte durchsetzen müssen.
Als dieser 1934 starb, war Wilhelm sehr traurig, zum einen darüber, dass er seinen Vater verloren hatte, und zum anderen darüber, dass er eigentlich nicht wirklich einen Vater gehabt hatte. Kurze Zeit später erfuhr er, dass seine Stiefmutter eine Änderung des Testamentes bewirkt hatte, sodass sie nun die alleinige Erbin des Hauses, der Metzgerei und aller sonstigen Vermögenswerte war. Wilhelm war schockiert, denn trotz allem war er doch das erste Kind seines Vaters und konnte nicht begreifen, dass dieser einer solchen Maßnahme zugestimmt hatte.
Magdalena hatte sich inzwischen mit einem sehr dominanten jungen Mann verlobt. Robert Schmitz besaß ein Waffengeschäft. Er und Wilhelm hatten von Anfang an eine intensive Abneigung gegeneinander verspürt.
Als er seine Stiefmutter nach seinem Pflichtteil fragte, sagte sie ihm, dass sie ihm dieses momentan nicht auszahlen könne, da ihr als Witwe dazu die Mittel fehlten. Und sie wolle das Haus nicht verkaufen, in dem sie mit Magdalena lebte.
Wilhelm wusste, dass es nur eine Möglichkeit gegeben hätte, an sein Erbe zu kommen. Er hätte seine Stiefmutter verklagen müssen, aber das war nicht seine Art. Und so viel Distanz es auch zwischen ihm und Magdalena gab, letztlich war sie seine Schwester. So verzichtete er zu diesem Zeitpunkt auf seinen Anteil. Helene erkannte, dass grobe Ungerechtigkeit im Spiel war, und drängte ihren Mann zu handeln. Aber als ihr bewusst wurde, dass juristische Schritte unabdingbar sein würden, war auch sie ratlos. Die Angelegenheit wurde vorerst fallen gelassen.
In den nachfolgenden Jahren wurde der Kontakt zwischen Wilhelm und Magdalena immer spärlicher. Als die Schmitz-Familie 1942 ausgebombt wurde, ersuchten sie um Asyl bei ihm und er gewährte es ihnen. Wilhelms Elternhaus war völlig zerstört. Robert Schmitz baute es nach dem Krieg wieder auf.
Als diese Szenen jetzt vor seinem inneren Auge vorbeizogen, verstärkte sich der Schmerz in seinem Hals. Plötzlich dachte er: »Vielleicht hätte ich reden müssen – mit meinem Vater, mit meiner Stiefmutter und mit Magdalena. Ich hätte mich nicht abspeisen lassen dürfen, sondern viel mehr für mich einstehen müssen, vielleicht wäre mir dann diese Krankheit erspart geblieben.«
Ludmila – 1939-1945
Tatjanas Familie lebte relativ gut bis zum Jahr 1939. Als sie im Radio hörte, dass England nach dem Einmarsch der Nazis in Polen und dem abgelaufenen Ultimatum Hitlerdeutschland den Krieg erklärt hatte, begriff sie intuitiv, dass dieser Krieg nicht nur England und Deutschland, sondern alle europäischen Länder erfassen würde.
Wenn sie mit Ivan darüber sprach, beruhigte er sie. »Du weißt doch, dass es den Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin gibt – und Hitler wird es nicht wagen, diesen zu brechen.«
Tatjana dachte anders. Der deutsche Tyrann, von dem sie nur die Stimme kannte, wirkte ganz und gar nicht vertrauenswürdig auf sie und sie konnte sich gut vorstellen, dass er seine Meinung von einem Tag auf den anderen ändern würde, wenn es in seine Machtpläne hineinpasste.
1941 war es dann so weit. Das Unfassbare – das, was viele Menschen nicht hatten glauben wollen –, geschah. Hitler erklärte Russland den Krieg. Die wolgadeutsche Republik, die 1918 gegründet worden war und etwa 600.000 Einwohner hatte, wovon etwa zwei Drittel deutscher Abstammung waren, wurde aufgelöst. Am 18. August 1941 wurden die im Wolgagebiet lebenden Deutschen zu Staatsfeinden erklärt. In den Monaten danach wurden die etwa 400.000 verbliebenen Wolgadeutschen der kollektiven Kollaboration beschuldigt und nach Sibirien und Zentralasien deportiert und dort in Arbeitslager gezwungen. Tausende von Menschen starben.
Auch Tatjana blieb dieses Schicksal nicht erspart. Sie wurde in ein Arbeitslager deportiert, Ivan wurde als Kulak erschossen, ihre Kinder – die drei erwachsenen Mädchen und die knapp fünfzehnjährige Ludmila – blieben sich selbst überlassen. Ihr Haus wurde kurz darauf beschlagnahmt, die vier Schwestern in den Wald gejagt. Dort bauten sie sich eine Erdhütte, in der sie notdürftig hausten. Es gab nichts zu essen. Aber für sie war all das besser, als nach Kasachstan oder Sibirien vertrieben zu werden. Stets lebten die Schwestern in der Angst, dass dieses Schicksal sie doch noch ereilen würde.
Es vergingen Monate, ohne von den Behörden behelligt zu werden. Sie waren den ganzen Tag damit beschäftigt, irgendwo Lebensmittel zu ergattern, obwohl dies unter strengster Strafandrohung verboten war. Und eines Tages passierte es dann. Ludmila war am Markttag im Dorf und kam an einem Obststand vorbei. Sie wollte unauffällig zwei Äpfel mitnehmen, aber die Besitzerin des Standes hatte sie gesehen und schrie: »Polizei, Diebstahl!«
Ludmila versuchte zu entkommen, aber es gelang ihr nicht. Zwei bis an die Zähne bewaffnete Soldaten ergriffen sie und steckten sie ins Gefängnis. Verzweifelt versuchte sie sich loszureißen, doch ihr entkräfteter, halb verhungerter Körper hatte nicht mehr genug Energie.
Als sie mit anderen Gefangenen zusammen in der dunklen, feuchten Zelle saß, dachte sie, dass ihr Leben nun zu Ende sei. Es war schrecklich, dort zu sein, aber dennoch war es wärmer als in dem Erdloch, in dem sie mit ihren Schwestern wohnte. Sie wusste nicht, wo ihre Mutter war, sie wusste nicht, welches Schicksal ihre Schwestern ereilt hatte und ob sie überhaupt noch lebten, sie wusste nur, dass sie diesen Tag überleben wollte und dass sie sich nichts sehnlicher wünschte, als lebend aus dem Gefängnis herauszukommen.
Nach ein paar Tagen ließ der Gefängniswärter alle deutschen Gefängnisinsassen aus ihren Zellen holen. Sie wurden auf einen Transporter verladen. Als Ludmila sich, eingezwängt zwischen zitternden und weinenden Menschen, auf dem Laster wiederfand, wusste sie genau, was das bedeutete: die Zwangsdeportation nach Sibirien oder Kasachstan – dorthin, wo sich wahrscheinlich auch ihre Mutter befand. Aber sie war noch nicht bereit aufzugeben. Sie dachte: »Wenn sich eine Gelegenheit bietet, verschwinde ich.«
Ein paar Minuten später setzte sich das Fahrzeug in Bewegung. Am ersten Tag waren sie stundenlang unterwegs. Es gab nur wenige und kurze Pausen, in denen sie von russischen Soldaten mit Maschinengewehren bewacht wurden. Ein Entkommen war unmöglich.
Nach ein paar Tagen Fahrt änderten sich Landschaft und Temperatur zusehends. Es wurde viel kälter, obwohl es erst September war, und es sah immer eintöniger aus. Die Menschen wurden stiller und stiller. Drei hatten sie bereits verloren. Schwerkranke und Sterbende wurden einfach aus dem Laster geworfen, am Straßenrand liegen gelassen und ihrem Schicksal überlassen.
Es gab einige unter den Deportierten, die husteten oder völlig in sich zusammengefallen waren. Ludmila hatte zwar großes Mitgefühl mit den Erkrankten, die ohne Medikamente, Nahrung und Zuwendung auskommen mussten, gleichzeitig hoffte sie aber inständig, dass sie sich nicht anstecken würde. Angesichts der herrschenden Temperaturen, die sich immer mehr in Richtung Null-Grad-Marke bewegten, war sie nur spärlich bekleidet.
Einige Tage später machten sie wieder Pause. Die russischen Soldaten, die sie bewachten, waren in ein nahegelegenes Wirtshaus eingekehrt, aus dem Ludmila lautes Lachen und Zuprosten hörte. Sie wusste, dass der Wodka in Strömen floss. Nahe dem Tross stand zwar noch ein Wächter, aber dieser war in eine Unterhaltung mit einem Kollegen aus dem Ort vertieft und sie dachte: »Jetzt oder nie.«
Die Dämmerung nutzend, entfernte sie sich langsam vom Tross. Vorsichtig tat sie einen Schritt nach dem anderen, immer in der Erwartung, im nächsten Moment den Lauf eines Maschinengewehrs auf sich gerichtet zu sehen, aber nichts geschah. Mit laut klopfendem Herzen schaffte sie es bis in das nahe gelegene Wäldchen. Dann begann sie zu rennen, bis sie nicht mehr konnte. Sie lehnte sich an einen Baum und hielt sich die Seite. In ihrem Inneren wechselten sich Angst und Hoffnung in schneller Reihenfolge ab. Als sie nichts hörte außer dem kalten Wind, der ihr um die Ohren pfiff, begann sie langsam zu begreifen, dass sie entkommen war.
Sie hoffte, ihr Verschwinden würde erst am nächsten Morgen bemerkt werden oder vielleicht sogar erst am darauffolgenden Tag, und sie dachte bei sich, dass es am besten wäre, unsichtbar zu sein. Gleichzeitig wusste sie, dass sie keine Zeit zu verlieren hatte. Es war eisig, aber sie spürte die Kälte nicht. Sie war ganz von dem Gedanken beherrscht: »Ich muss überleben.«
Sie wusste nicht genau, wo sie sich befand, aber der Winter stand kurz bevor und sie musste wieder zurück in südliche Richtung. Als sie so schnell es ihr ausgezehrter Körper zuließ in Richtung Wald rannte, schwankte sie wieder zwischen Hoffnung und Verzweiflung.
Sie lief etwa zwei Stunden, dann war es völlig dunkel. Sie suchte sich einen Platz zum Schlafen im Schutz eines großen Baumes. Trotz der Kälte schaffte sie es einzuschlafen. Erst am nächsten Morgen wachte sie mit steif gefrorenen Knochen wieder auf.
Sie setzte ihre Wanderung fort und nach weiteren zwei Stunden sah sie aus der Ferne Männer, die aussahen wie deutsche Soldaten. Sie hielt sich versteckt und beobachtete, was vor sich ging. Die Männer brachten verletzte Kameraden zu einem Zelt mit einem großen roten Kreuz. Es musste sich wohl um ein deutsches Lazarett handeln. Sie blieb noch eine Weile auf ihrem Beobachtungsposten und plötzlich wusste sie: »Das ist meine Chance.«
Ihre Mutter hatte Nachbarn und Verwandten oft mit krankenschwesterlicher Hilfe zur Seite gestanden und Ludmila hatte immer zugeschaut. Außerdem sprach sie akzentfreies Deutsch. Wenn sie es schaffte, den Leiter des Lazaretts davon zu überzeugen, dass sie Deutsche war, die sich auf der Flucht vor der russischen Miliz befand, und dass ihre Dienste in dem Lazarett gebraucht werden könnten, war ihr Überleben für die nächsten Wochen gesichert.
Sie hatte allerdings keine Papiere dabei. Diese waren ihr von den russischen Soldaten, die sie auf den Transporter verladen hatten, abgenommen worden. Ludmila straffte sich und dachte: »Ich muss es einfach versuchen.«
Vorsichtig näherte sie sich dem Lazarett. Dort herrschte reges Treiben. Gerade trat ein Offizier in Naziuniform aus dem Zelt. Ludmila stellte sich vor ihn hin. Sie zitterte, denn sie wusste, sie wäre verloren, wenn etwas schiefginge.
Der Mann blickte die abgemagerte Gestalt überrascht an. Bevor er auch nur einen Ton sagen oder sie wegschicken konnte, stieß sie mit gepresster Stimme hervor: »Sie müssen mir helfen. Bitte schicken Sie mich nicht weg. Ich bin Wolgadeutsche. Ich sollte nach Sibirien deportiert werden, aber ich bin unterwegs geflohen. Ich bin Krankenschwester und kann Ihnen im Lazarett helfen.«
Sie hatte schnell und abgehackt gesprochen. Ihr Herz pochte wild, als sie auf die Antwort des Offiziers wartete.
Der Mann musterte sie kalt. »Papiere?«, fragte er knapp. Ludmila schüttelte den Kopf. »Unsere Papiere haben die russischen Soldaten konfisziert, die uns abtransportiert haben.«
Sie konnte sehen, wie der Uniformierte abwog, ob Ludmila ihnen nützlich sein könnte oder Ärger bringen würde. Er stand wohl sehr unter Druck und sie sah, wie gerade wieder einige Schwerverletzte in das Zelt gebracht wurden. Hier konnte jede helfende Hand gebraucht werden. Er zögerte noch eine Minute, dann sagte er: »Gehen Sie zu Dr. Schmidt und teilen Sie ihm mit, dass sie ab sofort als Krankenschwester hier arbeiten. Wenn er Fragen hat, soll er zu mir kommen.«
Ludmila schlug das Herz vor Aufregung und vor Freude bis zum Hals. »Danke«, erwiderte sie leise, »Sie sollen Ihre Entscheidung nicht bereuen.«
Dann betrat sie das Zelt. Als sie im Innenraum war, konnte sie das Ausmaß des Schreckens erst richtig sehen. Es roch nach Blut, Eiter und Krankheit und überall war das leise Stöhnen der Verwundeten und Schwerverwundeten zu hören. Sie hatte zwar schon einige kranke Menschen in ihrem Leben gesehen, aber das überwältigende Leid dieser Männer ließ sie fast erstarren.
Es gab nur zwei Krankenschwestern und einen Arzt für etwa dreißig Verwundete. Sie sah sich um. Am anderen Ende des Raumes erblickte sie einen erschöpft aussehenden Mann, der wohl Dr. Schmidt sein musste. Sie näherte sich ihm mit vorsichtigen Schritten. Je näher sie kam, desto mehr nahm sie wahr, wie müde der Mann war. Tiefe Schatten lagen unter seinen Augen und sie dachte, dass er wahrscheinlich schon mehr Leid gesehen hatte, als ein Mensch ertragen konnte.
Sie trat zu ihm und sagte: »Ich bin Deutsche und heiße Ludmila Wagner. Ich werde ab sofort als Krankenschwester für Sie arbeiten.«
Sie sah, wie ihm Fragen durch den Kopf schossen, die in dieser Situation aber einfach keinerlei Relevanz mehr hatten. Er nickte und sagte: »Gehen Sie zu Schwester Hildegard, sie soll Ihnen die wichtigsten Dinge zeigen.« Mit diesen Worten wies er auf eine robust und energisch wirkende Schwester, die gerade dabei war, sich um einen Mann mit einer Kopfverletzung zu kümmern, der leise vor sich hin wimmerte.
Die Schwester zeigte ihr, wo die Medikamente und das Verbandsmaterial waren, erklärte ihr in wenigen Worten die Verletzungen der einzelnen Männer und wie sie versorgt werden mussten. Ludmila hörte aufmerksam zu und dachte: »Ich muss mir alles merken und ich darf keinen Fehler machen. Sie dürfen auf keinen Fall merken, dass ich gar keine ausgebildete Krankenschwester bin.«
Sie versuchte sich alle Kenntnisse und Handgriffe, die sie von ihrer Mutter abgeschaut hatte, wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, während sie sich die Uniform, die Schwester Hildegard ihr gegeben hatte, anzog.
Dann begann sie langsam mit der Versorgung der Kranken, so wie die Schwester es ihr gesagt hatte. Es ging alles gut und stündlich kamen neue Verwundete im Lazarett an. Am Abend sagte Dr. Schmidt zu ihr: »Gute Arbeit, Schwester Ludmila. Essen Sie etwas und ruhen Sie sich aus.«
Erst in dem Moment bemerkte Ludmila den quälenden Hunger, den sie den ganzen Tag nicht gespürt hatte. Sie zog sich um, wusch sich und ließ sich dann an dem Tisch nieder, an dem bereits der Arzt, die zwei Schwestern und zwei Soldaten Platz genommen hatten.
Der Offizier, der ihr das Leben gerettet hatte, betrat soeben das Zelt und nahm ebenfalls am Tisch Platz. Ludmilas Herz klopfte und sie hoffte, er würde ihr keine Fragen stellen. Aber er schien andere Sorgen zu haben. Schweigend aß er die Suppe und das Brot. Dann stand er wieder auf und verließ mit einem Gute-Nacht-Gruß das Zelt. Sie atmete erleichtert auf.
Auch am nächsten Tag kamen noch mehr Verwundete in das Lazarett. Sie hatten alle Hände voll zu tun. Ludmila tat, was sie konnte, und Dr. Schmidts Blicke verrieten ihr, dass er mit ihrer Arbeit zufrieden war.
In den nächsten Wochen wurde sie zu einer unentbehrlichen Stütze für den Arzt. Manchmal, wenn sie abends nach dem Essen noch ein wenig zusammensaßen, war sie versucht, ihm ihre Geschichte zu erzählen, aber irgendetwas hielt sie immer davon ab. Sie war froh, dass sie überlebt hatte, und sie fühlte eine solch tiefe Dankbarkeit dem Offizier und dem Arzt gegenüber, dass sie über sich selbst hinauswuchs.
Sarah – Juli 1972
Sie stand am Fuß der Treppe ihres Elternhauses. Es war ein Sonntag. Ihre Adoptivmutter hatte an dem Tag viel getrunken und diverse Tabletten geschluckt. Sie war im Ausnahmezustand. Sarah wusste, dass es besser war, ihr in diesem Zustand so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen. Ihr Adoptivvater war zu Hause. Er lief hilflos treppauf, treppab und frönte seinem Zwang, Flusen vom Teppich aufzulesen und diese in den Mülleimer zu werfen. Wenn er alle Teppiche ›entflust‹ hatte, fing er wieder von vorne an. So konnte er Stunden zubringen. Die kleine Sarah hatte das schon oft gesehen, ohne wirklich zu verstehen, was in ihrem Vater vorging.
Er murmelte ab und zu etwas wie: »Was soll ich nur mit der Liselotte machen? Warum regt sie sich immer so auf?« Sarah versuchte, sich möglichst still und unauffällig zu verhalten, denn wenn sie ihm im Weg war, konnte er durchaus einmal ausrasten und die wohl latent in ihm vorhandene Wut entlud sich auf ihr. Das war nicht spaßig. Er schlug sie zwar nicht, aber er schrie sie dermaßen aggressiv an, dass sich seine Worte wie Schläge anfühlten.
In solchen Situationen versuchte sie stets, sich ganz klein zu machen. Sie bewegte sich dann möglichst lautlos und wünschte sich die ganze Zeit über inständig, bloß nicht von ihnen gesehen zu werden. Gesehen zu werden konnte in diesen Momenten äußerst unangenehme Folgen haben wobei das Angeschrienwerden noch zu den geringsten zählte.
Voller Angst ging sie in ihr Zimmer. Am liebsten hätte sie ihre Ohren verschlossen, denn sie konnte das Weinen und Schreien ihrer Adoptivmutter nicht mehr ertragen und auch nicht mehr das hilflose Treppauf-Treppab ihres Vaters. Sie versuchte sich abzulenken, indem sie mit ihren Puppen spielte, aber es gelang ihr nicht. Dann hörte sie den Schrei ihrer Mutter: »Heiner, bring das Kind um oder ich bringe mich um!« Sie erstarrte.
Sie nahm wahr, wie Heiner auf Liselotte einredete: »So beruhige dich doch, das Kind hört doch alles mit.« Dies war ihrer Mutter egal. Wenn sie sich im Ausnahmezustand befand, gab es kein ›Kind‹ mehr für sie. Dann war sie ganz in ihrer eigenen, verrückten Welt.
Im nächsten Moment hörte sie, wie ihre Mutter ihren Vater erneut anbrüllte: »Du bist an allem schuld! Würdest du mehr Geld verdienen, dann hätten wir ein besseres Leben und ich müsste nicht dauernd sparen und mich vor den Nachbarn schämen!«
Sarah hörte, wie ihr Vater nun schneller treppauf und treppab lief und die Flusen immer hektischer aufhob – ein Zeichen dafür, dass sich seine Aufregung und seine Hilflosigkeit steigerten. Dann betrat er vorsichtig ihr Zimmer. Er scharrte mit den Füßen, um den Teppich gerade zu legen und begann dann langsam, Fluse für Fluse aufzulesen. Sie fühlte in solchen Momenten eine Mischung aus Mitleid, Scham und Ärger. Und an diesem Tag kam noch die Angst hinzu. Ihr Bauch krampfte. Er sagte leise zu ihr: »Sarah, kannst du bitte etwas tun, um die Mama wieder zu beruhigen?«
Sie sah die Hilflosigkeit in seinen Augen und in dem Moment riss sie sich zusammen und merkte, wie etwas mit ihr passierte. Ihr Vater sah so bemitleidenswert aus, dass sie sich bemühte, erwachsen zu sein, während er immer mehr in sich zusammenfiel. Es war so, als wäre er plötzlich das Kind und sie die Mutter. Sie wusste nicht, woher sie die Kraft nahm, denn eigentlich hatte sie sehr große Angst, aber irgendwie schaffte sie es, diese Angst tief in ihrem Bauch einzuschließen. Sie straffte sich und ging langsam aus dem Zimmer.
Als sie die Treppe herunterkam, sah sie ihre Mutter mit rotem, verweintem Gesicht und einer Packung Tabletten in der Hand. Als sie Sarah erblickte, schrie sie: »Die nehme ich jetzt alle. Ich will nicht mehr leben und ich will euch nicht mehr sehen. Ich hasse euch!« Sarah begann zu zittern, aber sie bemühte sich dennoch, stark zu bleiben. Hinter sich hörte sie ihren Vater. Er sagte leise: »Tu was, Sarah, damit sich deine Mutter nicht umbringt. Bettele sie an, dass sie es nicht tut.«
Sie war verwirrt. Jedes falsche Wort konnte die Katastrophe auslösen. Schließlich sagte sie: »Mama, bitte tu es nicht«, woraufhin Liselotte laut aufschluchzte. Sie schaute Sarah an und schrie: »Wenn dein Vater mehr Geld verdienen würde, hätten wir diese Probleme nicht. Er ist an allem schuld!« Sie hatte einen irren Blick in jenem Moment und Sarah erschauerte. Dann sagte sie, immer noch mit demselben Blick in den Augen: »Ich nehme jetzt die Tabletten. Mir reicht es. Ich will euch nicht mehr.«
Sarah spürte einen leichten Schmerz in der Herzgegend und hörte ihren Vater sagen: »Sarah, knie nieder vor deiner Mutter, sonst nimmt sie die Tabletten.« Wie ferngesteuert und ohne es wirklich zu wollen, ging Sarah auf die Knie. Sie sagte: »Mama, bitte tu es nicht, wir brauchen dich doch.« Daraufhin schluchzte Liselotte nochmals laut auf. Dann ging sie in die Küche und schlug die Tür hinter sich zu. Die Tablettenschachtel hatte sie achtlos auf den Boden geworfen.
Heiner begann erneut damit, Flusen aufzusammeln. Sarah war wie erstarrt. Es war so demütigend. Sie erhob sich mechanisch und ging langsam mit staksenden Schritten die Treppe hinauf und in ihr Zimmer. Dort ließ sie sich auf ihr Bett sinken und nahm ihre Lieblingspuppe in den Arm. Sie sagte zu ihr: »Dora, hier ist es schrecklich. Sobald ich groß bin, will ich hier weg. Es ist nicht zum Aushalten.« Sie klammerte sich an die Puppe und lag so eine geraume Weile, bis die Starre, die sich über sie gelegt hatte, ganz langsam abflaute.
Draußen war es jetzt still. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Es war gespenstisch und sie fragte sich, was besser sei, das Geschrei ihrer Mutter oder diese bedrohliche Stille. Zwischen diesen beiden Extremen bewegte sich normalerweise die Geräuschkulisse im Hause Mager. Sarah hatte Hunger, aber sie wagte es nicht, ihr Zimmer zu verlassen. Zu groß war die Angst, dass sie dadurch einen erneuten Anfall ihrer Mutter auslösen könne.
Schließlich hielt sie es jedoch nicht mehr aus. Sie musste etwas essen, auch wenn es nur ein Stück trockenes Brot war. Sie ging möglichst leise die Treppe hinunter. Als sie unten angekommen war, bemerkte sie, dass aus dem Keller Licht und Musik nach oben drangen. Ihre Adoptivmutter war anscheinend im Keller, wo sie trank und Musik hörte. Sie ging vorsichtig in die Küche. Ihr Vater saß am Küchentisch und las Zeitung. Als er Sarah erblickte, sah er sie kurz an und lächelte. »Mein Schatz, du schaffst das schon«, sagte er.
Wie oft schon hatte Sarah diesen Satz von ihrem Vater gehört und nie hatte sie genau verstanden, was er damit eigentlich sagen wollte. Dass sie ihn nicht behelligen solle? Dass er ihr nicht helfen könne? Dass sie alles alleine schaffen müsse? Dass er hilflos war und als Vater völlig ungeeignet? Sie wusste es nicht genau.
Er las einfach weiter Zeitung. Sie schaute in den Obstkorb hinein und sah, dass zwei Bananen darin lagen. Sie nahm die beiden Bananen heraus und ging wieder in ihr Zimmer. Dort aß sie sie langsam auf.
Ludmila – Februar-März 1945
Die nächsten dreieinhalb Jahre vergingen mit der Pflege und Betreuung der verwundeten Soldaten. Ab und zu hörte Ludmila Neuigkeiten von der Front und es wurde immer wieder gemunkelt, dass Deutschland auf dem Rückzug sei und das Ende des Krieges bevorstünde.
Im Februar 1945 erfuhr sie schließlich, dass das Lazarett aufgelöst werden sollte. Es war inzwischen allen klar, dass Deutschland den Krieg verloren hatte, auch wenn der Führer immer noch seine wahnsinnigen Parolen ausgab, unterstützt von seinem Propagandaminister, der nur heimlich in sein Tagebuch schrieb, dass er den Krieg für verloren hielt.
An einem kalten, aber sonnigen Tag Anfang März 1945 nahm Dr. Schmidt sie beiseite mit den Worten: »Ludmila, Sie sind mir ans Herz gewachsen wegen Ihres unermüdlichen Einsatzes für die Kranken, die wir hier in den letzten Jahren gemeinsam gepflegt haben. Das Lazarett wird nun aufgelöst. Alle gehen nach Deutschland zurück. Wo gehen Sie hin? Wo kommen Sie her? Wo ist Ihre Familie?«
Ludmila spürte, wie die Angst wieder begann, in ihr hochzukriechen, und sie dachte: »Oh nein, bitte jetzt nicht.« Sie wünschte sich, unsichtbar zu sein, doch die bekannten Symptome hatten schon von ihrem Körper Besitz ergriffen. Ihr Herz raste, der Schweiß brach ihr aus, Hitze stieg in ihren Kopf und ihr Bauch fing an sich zusammenzukrampfen. Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen und fing an zu weinen.
Sie war hin- und hergerissen. Sollte sie dem Arzt die Wahrheit sagen? Oder irgendeine Geschichte auftischen? Sie schätzte ihn sehr, sowohl fachlich als auch menschlich. Ihn zu belügen, wäre ihr wie Verrat vorgekommen. Er verhielt sich ruhig, während er sie weinen ließ, denn er hatte genügend Menschenkenntnis, um zu vermuten, dass sich hinter ihrer Verzweiflung eine lange, traurige Geschichte verbarg.
Und dann brach es plötzlich aus ihr heraus, all das, was sie die ganzen Jahre in ihrem Herzen verborgen hatte. Es war so, als ob sie es nicht mehr länger zurückhalten könne. Sie putzte sich die Nase, sah Dr. Schmidt direkt in die Augen und begann zu sprechen: »Ich stamme aus einer Familie von russischen Deutschen. Ich und meine Geschwister wurden in Russland geboren. Aber meine Vorfahren stammen aus Deutschland.«
Sie machte eine kurze Pause, um die Wirkung ihrer Worte auf den Arzt zu überprüfen.
Er fragte: »Sind Sie Wolgadeutsche?« Sie nickte.
»Wann ist Ihre Familie nach Russland gekommen?«
»Meine Vorfahren sind 1764 aus Deutschland nach Russland übergesiedelt.« Sie hielt kurz inne und fragte dann: »Kennen Sie die Hintergründe der deutschen Auswanderung nach Russland?« Der Arzt schüttelte den Kopf »Nicht genau.«
»Hier herrschte damals Katharina die Zweite. Sie war eine deutsche Prinzessin, die aus einem verarmten Adelsgeschlecht stammte. Deshalb wurde entschieden, sie mit einem reichen russischen Thronfolger zu verheiraten.«
Ludmila machte eine kurze Pause und der Arzt forderte sie auf: »Sprechen Sie weiter.«
»Jahre später wurde ihr Mann, der bereits den Thron bestiegen hatte, ermordet. Damit wurde sie Zarin von Russland, das zur damaligen Zeit ein von patriarchalen Strukturen geprägtes, rückständiges Land war. Sie wollte aus ihrem Land ein großes und mächtiges Reich machen. Um diesen Plan umsetzen zu können, brauchte sie kluge, zuverlässige Menschen mit fleißigen Händen, die die Arbeit nicht scheuten. Als geborene Deutsche wusste sie, wo sie diese finden konnte – in ihrer Heimat, in Deutschland. Die Deutschen waren seit jeher bekannt für ihre Klugheit, ihren Fleiß, ihre Sorgfalt und ihre Verlässlichkeit.«
Dr. Schmidt nickte. Er hörte ihr sehr aufmerksam zu.
»Deshalb schloss sie mit deutschen Landesherren Verträge und erkaufte Tausende kluge und arbeitsame Menschen. Darunter waren auch meine Vorfahren. Die Zarin siedelte sie in den wilden, unbewohnten Weiten des Wolgagebietes an – entlang des breiten ungezähmten Stromes.«
Ludmila hielt kurz inne, um durchzuatmen und die Reaktion von Dr. Schmidt auf ihre Worte sehen zu können. Der Arzt blickte sie ruhig an und seine Augen sagten: »Du kannst mir alles erzählen, was auf deiner Seele lastet.«
So sprach sie weiter: »Meine Vorfahren hatten die neuesten Werkzeuge nach Russland mitgebracht, mit denen sie begannen, die wilden Böden des Wolgagebietes urbar zu machen und zu bearbeiten. Sie brauchten nicht lange, um die bis dahin unbewohnte Steppe in einen blühenden Garten zu verwandeln. Mit der Zeit wurde diese Gegend per Gesetz zur Deutschen Autonomen Republik erklärt. Es gab deutsche Schulen, Gymnasien, Universitäten, Theater und Museen. Die Deutsche Autonome Republik wurde ein fester Bestandteil des Wolgagebietes, ein Quell des Reichtums, der Kultur und hoch qualifizierter Arbeitskräfte für Russland.«
Sie machte eine kurze Pause, um den in ihr aufsteigenden Gefühlen von Schmerz, Wut und Trauer Raum zu geben. Dann fuhr sie fort: »Als Hitler im Jahr 1941 Russland den Krieg erklärte, liquidierten Stalin und seine Gefolgsleute unsere Republik und ihre Bewohner. Alle Deutschstämmigen wurden zu Feinden des russischen Volkes erklärt. In Listen des NKWD, des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten, wurden wir erfasst und über jeden von uns wurde ein Dossier eröffnet.«
Ludmila spürte, wie die Erinnerung an die Repressalien ihr die Kehle zuschnürte und sich ihr Bauch wieder schmerzlich zusammenzog, aber die lange zurückgehaltenen Worte flossen nur so aus ihr heraus.
»Die Alten und die Kinder wurden in die verschiedensten Gegenden des riesigen Russlands zwangsumgesiedelt – nach Sibirien, Kasachstan, in den Norden des Ural und in andere Republiken. Mein Vater wurde erschossen, meine Mutter in ein Lager gebracht und ich bin bei der Deportation geflohen.«
Nach einer kurzen Pause fuhr sie mit leiser Stimme fort: »Und von meinen drei Schwestern weiß ich nichts.«
»Viele junge Frauen und Männer wurden in Stalins Konzentrationslager gebracht, wo sie hinter Stacheldraht eingesperrt wurden, von Hunden und Aufsehern bewacht. Sie müssen die schwierigsten Arbeiten machen. In Sibirien arbeiten die Deutschen beim Holzeinschlag, im Norden in Bergwerken, im Ural in den Aluminiumwerken und Förderstätten von Erdgas. Dort sterben sie wie die Fliegen vor Hunger, Kälte und durch die Folgen von Schlägen und Grausamkeiten der Aufseher. Viele werden einfach erschossen. Millionen Russlanddeutsche wurden und werden in diesen Lagern zu Tode gequält.«
Sie brach ab, weil sie die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Dr. Schmidt nahm ihre Hand. Sein Gesicht zeigte tiefste Betroffenheit. Ludmila spürte, dass ihm die Worte fehlten.
So ließ er sie einfach weinen. Von Zeit zu Zeit reichte er ihr ein frisches Taschentuch. Nach einigen Minuten räusperte er sich. »Ludmila, ich bin zutiefst erschüttert über das, was ich gerade von Ihnen gehört habe. Es gibt keine Worte, mit denen ich meine Betroffenheit und mein Mitgefühl ausdrücken kann.«
Er atmete tief durch und fuhr dann fort: »Ich kenne Sie seit dreieinhalb Jahren. Sie haben hier hervorragende Dienste geleistet. Ich werde Ihnen helfen. Wenn Sie nach Deutschland wollen, werde ich Ihnen falsche Papiere besorgen.«
Ludmila schniefte nochmals und sah ihn ungläubig an, bevor sie antwortete: »Das würden Sie für mich tun?« Sie sprang auf, umarmte ihn und rief: »Damit retten Sie mir das Leben. Denn hier in Russland bin ich verloren. Wenn ich in die Hände der Behörden komme, werde ich wegen Hochverrats zum Tode verurteilt.«
Dr. Schmidt nickte. »Ich weiß. Aber das wird nicht geschehen. Geben Sie mir ein paar Tage Zeit.« Ludmila nickte. »Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll.« Der Arzt lächelte und erwiderte dann: »Danken Sie sich selbst, für Ihre Kraft, Ihren Mut und Ihren Überlebenswillen.«
Nach fünf Tagen rief er sie zu sich. Er gab ihr einen deutschen Pass, ausgestellt auf den Namen María Gundula Steiner, dazu eine Geburtsurkunde, aus der hervorging, dass sie am 17.11.1927 in Bayreuth als Tochter der Eheleute Rolf und Magda Steiner das Licht der Welt erblickt hatte. Außerdem erhielt sie eine Bescheinigung, die besagte, dass Gundula Steiner in den Jahren 1941 bis 1945 hervorragende Dienste für ihr Vaterland im Lazarett in Astrakhan geleistet hatte und dass man sie als Krankenschwester wärmstens empfehlen konnte.
Sie drückte die Papiere an ihr Herz und sagte: »Dr. Schmidt, ich werde Ihnen das nie zurückzahlen können, was Sie für mich getan haben.« Der Arzt lächelte warm und erwiderte: »Ludmila, das haben Sie schon längst getan.«
Ein paar Tage später reiste sie mit ihren neuen Papieren in einem Zug, der vollgestopft war mit verwundeten Soldaten und Frontpersonal, das den Dienst quittiert hatte, nach Deutschland. Dr. Schmidt musste noch ein paar Tage bleiben, um die Schließung des Lazaretts bis zum letzten Moment zu überwachen, aber ihre Dienste wurden nicht mehr gebraucht. Der Abschied war herzlich, aber auch traurig.
Das Lazarett war in den letzten dreieinhalb Jahren für Ludmila so etwas wie ihre Heimat geworden. Sie identifizierte sich mit ihrer Arbeit, sie wusste, dass sie gut war, und der Umstand, gebraucht zu werden, hatte viele andere Gefühle in ihr wie Heimatlosigkeit und die Erniedrigungen, die sie erlebt hatte, kompensiert.
Jetzt war sie wieder unterwegs und sie war wieder ein unbeschriebenes Blatt, das ein neues Zuhause suchen musste. Als sie die russische Landschaft am Zugfenster vorbeigleiten sah, dachte sie an ihre Familie. Sie wusste nichts von ihnen, nichts von ihrer Mutter und nichts von ihren drei Schwestern. Wehmut stieg in ihr auf. Dann dachte sie: »Jetzt schaue ich, dass ich die Verwandten meines Vaters in Deutschland finde, dann warte ich ab, bis der Krieg zu Ende ist, und dann mache ich mich auf die Suche nach meiner Familie.«
Nachdem sie das entschieden hatte, fühlte sie sich ruhiger.
Alexander Wollenberg – 1956-1962
Das Geschäft seines Vaters lief sehr gut, jedoch hatte Alexander eher künstlerische Ambitionen und Andreas wollte auf die Ingenieurschule gehen. Wilhelm und Helene Wollenberg hatten Alexanders künstlerisches Talent nicht gefördert. Sie verstanden ihren Sohn nicht. Nach langen Diskussionen hatten sie sich schließlich geeinigt, dass er Drogist werden sollte. So hatte er eine Lehre absolviert und war jetzt dabei, sich mit seiner jungen Frau sein eigenes Geschäft aufzubauen.
Er hatte sie im Frühjahr 1956 auf einer Party in Düsseldorf kennengelernt und sich Hals über Kopf in sie verliebt. Vielleicht war es ihr mysteriöses Flair, das sie aufrechterhielt, indem sie nichts über ihre Vergangenheit erzählte. Alexander wusste nur, dass sie zuvor mit einem anderen Mann verlobt gewesen war. Sie erzählte ihm nie genau, aus welchen Gründen die Verlobung gelöst worden war, und ließ nur durchblicken, dass ihre Familie mit der Verbindung nicht einverstanden gewesen war.
Sie war neunundzwanzig Jahre alt und eine gewisse Torschlusspanik mochte auch dazu beigetragen haben, dass sie die Verbindung mit Alexander einging. Im Oktober 1960 heirateten sie.
Als im März 1961, auf dem Höhepunkt seines geschäftlichen Erfolges, bei seinem Vater Kehlkopfkrebs diagnostiziert wurde, geriet das familiäre Gefüge komplett durcheinander. Wilhelm war das Herz der Familie, ein Mann, in dem sich Intelligenz, Geschäftstüchtigkeit, Warmherzigkeit, Fleiß, Humor und Beliebtheit auf eine einzigartige Weise mischten. Seine Krankheit war glücklicherweise kurz. Helene brach nach seinem Tod im August 1961 völlig zusammen und es war klar, dass sie das Geschäft nicht alleine würde weiterführen können.
Alexanders junge Frau war gerade schwanger geworden. Sie hatte ihrem Schwiegervater noch mitteilen können, dass sie ein Kind erwartete, und er hatte sich sehr gefreut. Am nächsten Tag war er gestorben. Alexander und Andreas waren untröstlich und bei der sensiblen jungen Frau kamen alte Existenzängste wieder hoch. Da sie schwanger war, konnte sie keine Beruhigungsmittel nehmen, was ihren Zustand noch verschlimmerte.
Kurz darauf, im dritten Monat der Schwangerschaft, gab es einen schlimmen Streit zwischen ihr und Alexander, der ihr vorwarf, dass sie hysterisch sei und ihm nicht die Unterstützung gebe, die er von ihr brauche. In jenem Moment brannten bei ihr die Sicherungen durch. Sie bekam einen Panikanfall und musste von einem Arzt behandelt werden.
Als ihr Mann im Geschäft war, packte sie einen kleinen Koffer und verließ das Haus. Sie hinterließ keinen Abschiedsbrief, einfach nichts. Als Alexander ihr Verschwinden bemerkte, redete er sich zunächst ein, sie würde sicher nach ein paar Tagen wieder nach Hause kommen. Aber es war nicht so. Nach einer Woche meldete er sie als vermisst.
Er schöpfte in den nachfolgenden Wochen und Monaten alle Möglichkeiten aus, etwas über sie in Erfahrung zu bringen, ohne Erfolg. Auch seine Versuche, über den Verbleib seines Kindes Auskunft zu bekommen, führten ins Nichts. Er schaltete sogar einen Privatdetektiv ein, dessen Recherchen ebenfalls ohne Ergebnis blieben.
Schwankend zwischen Verzweiflung, Wut, Selbstvorwürfen und Resignation begann er an zu trinken. Schließlich fand er sich damit ab, dass er sein Baby wohl nie sehen würde. Es verging jedoch kein Tag, an dem er nicht mit Wehmut, Liebe und Sehnsucht an dieses Kind dachte, von dem er noch nicht einmal wusste, ob es eine Tochter oder ein Sohn war.
Sarah – April 2007
Es war stickig in dem nüchternen, neonbeleuchteten Gerichtssaal an diesem sonnigen Apriltag. Sarah hatte soeben Platz genommen und beobachtete die Menschen um sich herum. Da war ihre Anwältin – blond und mondän. Sie war Mitarbeiterin einer renommierten Stuttgarter Rechtsanwaltskanzlei. Als Sarah sie in diesem Moment sah, mit Sonnenbrille, Kostüm und einer Attitüde, die besser in ein Luxusrestaurant als in einen Gerichtssaal hineingepasst hätte, fragte sie sich, ob sie nicht doch besser einen anderen Anwalt gewählt hätte. Aber in Stuttgart war die Kanzlei Hartmann & Gebert die beste Adresse für Prozesse gegen Geldinstitute und außerdem wäre ein Wechsel zum jetzigen Zeitpunkt schwierig gewesen, zumal sie dann zu einer Kanzlei nach München hätte wechseln müssen, was mit noch mehr Aufwand verbunden gewesen wäre.
Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Frauen hatte sich schon seit dem ersten Treffen im Oktober 2005 schwierig gestaltet. Sarah hatte immer das Gefühl, dass die Anwältin sie nicht wirklich verstand. Wenn sie versuchte, Frau Gebert die Motive darzulegen, aus denen heraus sie ihre Bank verklagt hatte, konnte sie sich nie ganz des Eindrucks erwehren, dass diese ihre Absichten nicht ganz begriff. Es war, als ob sie sich auf einer anderen Wellenlänge befand.
Die Anwältin hatte zwar keine gute Meinung von dem Geldinstitut, gegen das Sarah klagen wollte, aber sie war von Anfang an distanziert ihr gegenüber und sie zweifelte am Erfolg eines etwaigen Vorgehens gegen die Bank. »Vielleicht hätte ich nach diesem ersten Gespräch einen anderen Anwalt kontaktieren sollen«, dachte Sarah, als sie sich jetzt in dem grell beleuchteten Gerichtssaal wiederfand. Aber sie hatte entschieden, es mit dieser Anwältin zu versuchen.
Nun saß sie an diesem frühlingshaften Montag hier, atmete die muffige Atmosphäre ein und merkte, wie ihre eigentlich optimistische Grundstimmung ins Wanken zu geraten drohte. Der Richter, der vor ihr saß, war ein junger, gutaussehender Mann, der sich nonchalant gab. Sarah fragte sich, ob er genügend Erfahrung besaß, um ihre Geschichte richtig beurteilen und ein gerechtes Urteil fällen zu können.
Gerade betrat der Anwalt der Bank, begleitet von deren Assessorin, den Gerichtssaal. Er hatte ein rotes Gesicht und war übergewichtig – er sah aus wie jemand, der zu viel aß und trank und sich damit einen Ausgleich zu seinem Beruf schuf. Er bedachte Sarah mit einem Blick, als hätte sie ihn tätlich angegriffen. Es war ihr sofort klar, dass dieser Mann alles versuchen würde, um die Bank aus dem Schlamassel herauszuholen und Sarah und ihre Geschichte zu diskreditieren. Die Assessorin machte einen eher schuldbewussten Eindruck und versuchte, dies hinter einem möglichst neutralen Gesichtsausdruck zu verbergen. Außerdem waren noch Sarahs Ehemann und ihre beste Freundin im Saal.
Die Verhandlung begann. Der junge Richter räusperte sich. Er blickte Sarah mit einer Mischung aus Neugier und kaum spürbarer Missbilligung an. »Dann fangen Sie mal an zu erzählen, Frau Breuner. Und bitte, möglichst lückenlos.«
Sie holte tief Luft. Zwei Tage vorher hatte sie die letzte Besprechung mit Frau Gebert gehabt, die ihr erzählt hatte, der gegnerische Anwalt sei ein ›netter Mensch‹ und vor Gericht gehe es ›gesittet‹ und ›normal‹ zu. Nun, als sie die extrem angespannte und feindselige Atmosphäre im Raum spürte, fragte sie sich, ob die Anwältin ihr die Wahrheit gesagt hatte. Sie hatte Frau Gebert gefragt, ob sie noch etwas tun könne, um sich gut vorzubereiten, aber diese hatte lässig abgewinkt. Sarah solle einfach die Wahrheit erzählen.
So begann sie: »Im Mai 2004 beauftragte ich einen Privatdetektiv, nach meinen leiblichen Eltern zu forschen, nachdem ich einige Gespräche mit dem Jugendamt in Stuttgart und Berlin geführt hatte, in deren Verlauf mir mitgeteilt wurde, dass mir leider keine Auskünfte erteilt werden könnten.«
Sie hielt kurz inne und ließ die unangenehmen Gespräche Revue passieren, bei denen sie wie eine lästige Fliege abgewimmelt worden war mit den lapidaren Worten: »Mit Ihren Adoptiveltern wurde vereinbart, dass keinerlei Auskünfte über Ihre leibliche Familie erteilt werden dürfen.«
Weder Tränen noch Wut noch die Intervention ihres damaligen Anwaltes hatte etwas genutzt. Schließlich hatte sie in ihrer Verzweiflung einen Privatdetektiv beauftragt, der angeblich auf solche Fälle spezialisiert war.
Sie räusperte sich und fuhr fort: »Der Detektiv fing an, für mich zu arbeiten. Ich musste recht hohe Vorschüsse an ihn bezahlen. Nach einiger Zeit teilte er mir mit, dass er fündig geworden sei. Meine leibliche Mutter lebe wahrscheinlich in Argentinien. Wir vereinbarten, dass er in das Land reisen würde, um weitere Nachforschungen anzustellen.«
»Es wurden weitere Gebühren fällig, die ich alle von meinem Konto überwies. Eines Tages sah ich auf meinem Kontoauszug, dass ein Betrag von 45.000 € per Lastschrift von einem mir unbekannten Anwalt aus Argentinien eingezogen worden war, ohne dass ich eine Autorisierung dazu gegeben hätte. Ich ging sofort zu meiner Bank, um die Rückbuchung des Betrags zu veranlassen, aber ein paar Tage später teilte man mir lapidar mit, das sei leider nicht möglich.«
Sie schluckte trocken und merkte, wie die Gefühle von damals wieder in ihr hochstiegen – Ungläubigkeit, Entsetzen, Wut und Hilflosigkeit.
»Von dem Privatdetektiv habe ich nie wieder etwas gehört«, fügte sie mit leiser Stimme hinzu.
Der Richter schaute sie zweifelnd an und fragte: »Frau Breuner, an welchem Tag hatten Sie denn das Gespräch in Ihrer Bank, um das Geld zurückbuchen zu lassen?«
»Am 3. Juni 2005.«
Sie hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, da sprang der gegnerische Anwalt auf und rief in feindseligem Ton: »Nein, das stimmt nicht. Es war der 30. Mai 2005.« Der Richter schaute Sarah an und als sie nichts sagte, diktierte er in sein Diktiergerät: »Die Zeugin hat sich im Datum geirrt.«
Sie fühlte sich verunsichert, denn sie war davon ausgegangen, dass die Geschichte als solche und nicht die genauen Termine und Uhrzeiten wichtig seien. Jedenfalls hatte ihre Anwältin ihr das so vermittelt. Wenn sie gewusst hätte, dass die Zeiten so wichtig waren, hätte sie sich eine Liste erstellt. »Vielleicht wäre das aber auch die Aufgabe von Frau Gebert gewesen«, dachte sie in diesem Moment.
Sie fuhr fort: »Ich hatte, nachdem der Detektiv in Buenos Aires angekommen war, telefonisch und per E-Mail mit ihm korrespondiert und die Gebühren überwiesen, die er von mir verlangt hatte. Zu dem Zeitpunkt war ich mir sicher, dass er vertrauenswürdig war.«
Dann machte sie eine kurze Pause, die der gegnerische Anwalt wiederum nutzte. »Wie konnten Sie nur so naiv sein«, stieß er in aggressivem Ton hervor.
Sarah fühlte sich in ihrer Glaubwürdigkeit angegriffen und blickte hilfesuchend zu ihrer Anwältin. Diese verfolgte das Ganze mit neutralem Gesichtsausdruck. Sarah fragte sich, warum sie nicht eingriff, denn sie fühlte sich zusehends unter Druck.
Der Höhepunkt der Befragung war erreicht, als der Richter wissen wollte, mit welchem Mitarbeiter der Bank sie das erste Gespräch über die Rückbuchung geführt hatte. »Mit meinem Kundenberater, Herrn Manfred Müller.« Der gegnerische Anwalt brüllte los: »Ich habe hier eine Erklärung von Herrn Müller, dass er zum fraglichen Zeitpunkt in Urlaub war. Ich werde Sie wegen Prozessbetrugs verklagen!«
Sarah war schockiert. Die Gespräche mit der Bank waren zwei Jahre her und sie hatte mit mehreren Mitarbeitern des Geldinstituts über die Rückbuchung gesprochen, nicht nur mit einem, war sich aber relativ sicher, dass sie das erste Gespräch mit Herrn Müller geführt hatte.
Sie fühlte sich immer unwohler und fragte sich, was in diesem Gerichtssaal für ein Spiel gespielt wurde. Immer noch griff ihre Anwältin nicht ein. Sarah spürte das Mitgefühl ihrer Freundin, die ihr schräg gegenüber saß, aber auch deren Verunsicherung, und gleichzeitig die Bestürzung ihres Ehemannes, der hinter ihr saß.
Nach zwei Stunden war die Befragung abgeschlossen und der Richter schickte Sarah nach draußen. Er würde als Nächstes den Hauptzeugen der Bank, Sarahs Kundenberater Manfred Müller, befragen. Als sie sich ermattet auf der Holzbank niederließ, fühlte sich ihr Kopf an, als hätte sie die ganze Nacht nicht geschlafen. Nach etwa zehn Minuten trat ihre Anwältin aufgebracht auf den Gang. Sie kam mit energischen Schritten auf sie zu und sagte: »Frau Breuner, ich muss Sie darauf hinweisen, dass die gegnerische Seite Sie wegen Prozessbetrugs verklagen kann, falls sich herausstellen sollte, dass das erste Gespräch in der Bank nicht mit Herrn Müller, sondern mit einem anderen Mitarbeiter geführt wurde.«
Sarah verstand weder den feindseligen Ton ihrer Anwältin noch wusste sie, was sie falsch gemacht hatte.
Sie wandte sich an Frau Gebert. »Man kann die Sache doch nicht einfach herumdrehen und die Anklägerin zur Beklagten machen.«
Die Anwältin verzog das Gesicht zu einer missbilligenden Grimasse. »Frau Breuner, Sie müssen sich jetzt sofort entscheiden, ob Sie den Prozess weiterführen oder aufhören wollen. Wenn Sie weitermachen, kann es sein, dass man Sie wegen Prozessbetrugs belangt.«
Sarah straffte sich, atmete durch und erwiderte mit fester Stimme: »Ich werde weitermachen.« Die Anwältin verschwand ohne ein weiteres Wort im Gerichtsaal.
Sarah setzte sich wieder auf die Holzbank. Ihr war schwindelig und sie hatte das Gefühl, neben sich zu stehen. Ihr Kopf war wie in Watte gehüllt. Sie schloss einen Moment die Augen und wünschte sich, einfach unsichtbar zu sein.
Das Öffnen der Türe zum Gerichtssaal riss sie aus ihren Gedanken. Die Anwältin bat sie in kühlem Ton, in den Gerichtssaal zurückzukehren. Sarah ging zu ihrem Platz. Der Richter verkündete, dass an diesem Tag noch kein Urteil ergehen werde, weil noch weitere Zeugen von der Bank vernommen werden sollten. Der neue Termin wurde auf November 2007 festgelegt. Die Verhandlung war beendet. Sarahs Anwältin verabschiedete sich knapp und ohne weitere Erklärungen oder gar aufbauende Worte für ihre Mandantin.
Als sie mit Helmut und Annelie auf der Straße stand, hielt ihr unwirkliches Gefühl an. Sie fühlte sich wie in einem Traum, aus dem sie gerne aufgewacht wäre, aber das war in diesem Augenblick anscheinend nicht möglich. Helmut musste zur Arbeit. Annelie versuchte, sie zu trösten, war aber selbst so betroffen, dass ihr dies nur begrenzt gelang. Nachdem die beiden Frauen zu Mittag gegessen hatten, brachte Sarah ihre Freundin zum Bahnhof und fuhr dann nach Hause. Sie fühlte sich so erschlagen, dass sie nicht fähig war, auch nur einen Handschlag zu tun.
Den Nachmittag verbrachte sie mit Kopfschmerzen auf dem Sofa. Als sie mit Helmut und ihrer Tochter Leonie beim Abendessen saß, brachte sie kein Wort heraus. Sie ging früh ins Bett, denn am nächsten Tag hatte sie einen vollen Terminkalender und wollte ausgeruht sein.
Sarah hatte seit etlichen Jahren eine gut gehende psychotherapeutische Praxis in Stuttgart. Sie liebte ihre Arbeit und nahm diese sehr ernst. Dazu gehörte für sie auch, dass sie ihren Klienten immer in einem souveränen und ausgeruhten Zustand begegnete. Klarheit, Präzision und Tiefgang machten die Qualität ihrer Arbeit aus und waren die Schlüssel ihres Erfolges.
Als sie am nächsten Tag erwachte, hatten sich die Kopfschmerzen noch verstärkt und sie dachte: »Irgendwie muss ich diesen Tag hinter mich bringen und dann brauche ich einen Termin bei meiner Supervisorin.«
Sie schaffte es, mithilfe von zwei Aspirin und großer Willensanstrengung ihre Aufgaben zu erfüllen. Als der letzte Klient ihre Praxis verlassen hatte, nahm sie ihre Autoschlüssel und machte sich auf den Weg zur Praxis von Geneviève, bei der sie glücklicherweise noch am gleichen Abend einen Termin bekommen hatte.
Sie schilderte die Erlebnisse vor Gericht, ihre Kopfschmerzen, das Gefühl, von ihrer Anwältin völlig im Stich gelassen zu werden, die Angriffe des gegnerischen Anwaltes und die undefinierbare Haltung des Richters.
Als Geneviève sie fragte, was das Schlimmste an dem Tag gewesen sei, brach Sarah in Tränen aus. »Die Kälte meiner Anwältin zu sehen und zu spüren, war das Allerschlimmste.«
»Und was hast du in dem Moment gedacht?«
»Ich habe mir gewünscht, unsichtbar zu sein.«
»Und an was erinnert dich das?«
Unter Tränen entgegnete Sarah: »An meine Adoptivmutter. Sie war auch so kalt zu mir. Und ich hatte immer Angst, dass sie mich angreifen würde.«
»Wenn das eine solch große Wunde ist, dann wäre es vielleicht gut, wenn wir eine Rückführung in deine Kindheit machen und schauen, wo und unter welchen Umständen diese Wunde entstanden ist. Was hältst du davon?«
Sarah nickte. Minuten später lag sie auf der bequemen Couch. Geneviève leitete sie an: »Atme tief durch, vergegenwärtige dir nochmals die Situation vor Gericht, und dann geh zurück in der Zeit, in deine Kindheit hinein und in die Situation, wo es die gleichen Gefühle gab.«
Schon als die Supervisorin angefangen hatte zu sprechen, war ein Bild aufgetaucht. Sarah sah sich als etwa zehnjähriges Mädchen neben ihrer Adoptivmutter auf einer Bank sitzend. Liselotte weinte und Sarah dachte: »Am besten wäre es, unsichtbar zu sein.«
Und dann war sie auch schon mittendrin in der Geschichte.
Sarah – Mai 1973
Es war ein ungewöhnlich heißer Pfingstsonntag. Sarahs Cousin Stefan war bei ihnen zu Besuch. Er war zwei Jahre jünger als sie. Liselotte, ihre Adoptivmutter, mochte ihn, da er der Sohn ihrer Schwester war und ein bisschen wie ein Ersatzsohn für sie. Sie schenkte ihm viel Aufmerksamkeit.
Heiner, ihr Adoptivvater, mochte ihn nicht, fügte sich aber wie immer den Wünschen seiner Frau. An diesem Tag wollten sie in ein Restaurant zum Spargelessen gehen. Als sie dort ankamen, sahen sie, dass es sehr voll war, und die Kellnerin teilte ihnen mit, dass sie entweder nur Spargelsuppe essen könnten oder ungefähr eine Stunde lang warten müssten, bis es wieder gekochten Spargel geben würde. Schließlich einigten sie sich darauf, noch eine Stunde spazieren zu gehen. Alle hatten Hunger.
Stefan wurde langsam missmutig. Liselotte sagte zu Sarah: »Kümmere dich um deinen Cousin.« Selbst Heiner verbarg seinen Unmut angesichts des Wartens nicht und als sie schließlich an einem Tisch im Lokal saßen, war die Stimmung gespannt.
Sie bestellten das Essen und die Getränke. Liselottes Gesicht war leicht gerötet und ihr Hals fleckig. Als Sarah diese Warnzeichen sah, bemühte sie sich noch mehr, ganz ruhig und brav zu sein. Plötzlich machte Stefan eine unglückliche Bewegung und schüttete dabei seine Limonade um. Ein Teil der Limonade ergoss sich auf Heiners Sonntagshose.
Er, der normalerweise friedlich war, begann zu brüllen. »Du blöder Hund!«, schrie er das Kind an. »Du ungezogener Bengel, du hast meine Hose versaut!« Stefan begann zu weinen. Liselottes Gesicht wurde noch röter. Sie sagte in scharfem Ton: »Halt den Mund, Heiner. Er hat es doch nicht absichtlich getan.«
Sarah merkte, dass die Gäste von den anderen Tischen zu ihnen herüberschauten, und sie fing an, sich schrecklich zu schämen. Indes eskalierte die Situation völlig. Stefan stand heulend vom Tisch auf und Liselotte fuhr sie an: »Lauf deinem Cousin hinterher und tröste ihn.« Sie stand auf und hörte gerade noch, wie ihre Mutter zu ihrem Vater sagte: »Diese Ehe mit dir ist nicht zum Aushalten. Ich werde mich scheiden lassen.«
Sarahs Bauch krampfte sich zusammen, als sie das hörte. Dann rannte sie Stefan hinterher. Er lief immer weiter vor ihr weg, bis er an einen kleinen Fluss kam. Dort machte er Halt, zog sich die Schuhe aus und wollte mit den Füßen ins Wasser. Sie hielt ihn zurück und sagte: »Das dürfen wir nicht. Wir haben doch unsere Sonntagsschuhe an. Und die dürfen wir nicht ausziehen.«
Er lachte sie aus und sagte in aufsässigem Ton: »Ist mir doch egal, was du darfst oder nicht darfst. Ich mache, was ich will. Deine Eltern haben mir gar nichts zu sagen.« Sie wurde langsam wütend auf ihn und dachte: »Meine Mutter wird mich beschuldigen, wenn er etwas Verbotenes tut.« Sie forderte Stefan auf: »Komm jetzt, zieh die Schuhe wieder an. Wir müssen ins Restaurant und essen.«
Er tat so, als ob er sie nicht gehört hatte, und watete mit bloßen Füßen im Wasser umher. Es gefiel ihm sichtlich. Kurz entschlossen zog Sarah auch die Schuhe aus, ging ins Wasser und packte ihren Cousin am Ärmel. »Komm jetzt, wir gehen.«
Aber sie hatte nicht mit seinem Widerstand gerechnet. Er zog seinen Arm so heftig weg, dass er ins Schwanken geriet und dann der Länge nach ins Wasser fiel. Geschockt, aber gleichzeitig unfähig, sein Fallen zu verhindern, dachte sie: »Oh Gott, das wird Schläge geben.«
Sie half ihm, wieder aufzustehen. Er weinte und schlug nach ihr. »Du bist schuld, dass ich ins Wasser gefallen bin!«, schrie er. »Jetzt bin ich nass und kann nicht mehr ins Restaurant.« Er schluchzte, dann schrie er noch mal: »Du bist schuld!«
Sarah schwankte zwischen Wut, Angst und Verzweiflung. Sie hätte ihn am liebsten noch mal ins Wasser geschubst und wäre dann einfach weggelaufen. Aber das konnte sie nicht. Denn ihre Eltern warteten ja in dem Restaurant. Ihre Mutter war bestimmt schon sehr wütend und es war nicht auszudenken, was passieren würde, wenn sie noch länger auf sich warten lassen würden.
So packte sie Stefan am Arm. »Wir gehen jetzt.« Und tatsächlich ließ er sich widerstrebend von ihr zum Restaurant ziehen. Als sie dieses betraten, war es leerer als zuvor. Es war inzwischen auch schon halb drei. Die meisten Gäste hatten das Mittagessen bereits beendet oder setzten ihren sonntäglichen Schmaus mit Kaffee und Kuchen in einem der zahlreichen Gartenlokale fort. Heiner und Liselotte saßen noch an ihrem Tisch und hatten bereits zu essen begonnen. Zwei unberührte Teller standen daneben. Der Spargel sah bereits recht kalt aus.
Als ihre Mutter die beiden erblickte, fragte sie mit schriller Stimme: »Sarah, was ist mit Stefan passiert?« Bevor diese auch nur ihren Mund öffnen konnte, antwortete ihr Cousin bereits: »Tante Lilo, Sarah hat mich ins Wasser gestoßen.« Liselotte stand auf, kam auf ihre Tochter zu und ohrfeigte sie vor aller Augen. Sarah schlug beschämt die Augen nieder.
Heiner bat: »Lass doch das Kind in Ruhe. Wir wissen doch gar nicht, was wirklich passiert ist.« Liselotte antwortete mit schriller Stimme: »Halt du den Mund, du hast hier gar nichts zu sagen.« Ihr Vater verstummte, Sarah rang mit den Tränen und Liselotte wandte sich liebevoll Stefan zu. »Komm, mein Schatz, setz dich hin und fang an zu essen. Ich habe Gott sei Dank noch trockene Kleidung im Auto. Die hole ich jetzt für dich.«
Sie würdigte Sarah keines Blickes mehr. Heiner sagte: »Komm, setz dich und fang an zu essen. Sonst wird es kalt.« Sarah fuhr sich mit der Hand über die feuchten Augen. Dann setzte sie sich. Liselotte und Stefan waren hinausgegangen. Heiner seufzte und strich seiner Tochter über die Wange. »Mach dir nichts draus, mein Schatz. Du weißt ja, wie deine Mutter ist.«
Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: »Am liebsten würde ich mit dir weggehen, meine Süße. Wie wäre das, nur du und ich? Wir würden ein schönes Geschäft aufmachen und wären einfach glücklich?« Dann aß er weiter.
Sarah fühlte sich unbehaglich. So sehr sie sich auch bemühte, seinen Worten irgendetwas Tröstliches abzugewinnen, es gelang ihr nicht. Dann versuchte sie zu essen, aber sie bekam kaum einen Bissen herunter. Das nagende Hungergefühl kollidierte auf seltsame Art und Weise mit ihrer Angst, ihrer Wut und ihrer Verzweiflung. Ein Teil von ihr wollte essen, der andere Teil hätte sich am liebsten übergeben.
Sie kaute minutenlang an jedem Bissen des kalt gewordenen Spargels. Nach zehn Minuten kamen Liselotte und Stefan wieder zurück. Stefan hatte trockene Kleidung an. Er begann zu essen und sagte nach zwei Bissen jammernd: »Der Spargel ist kalt. Ich mag ihn nicht.« Mit diesen Worten schob er seinen Teller zurück. Sarah hielt die Luft an. Wie würde ihre Mutter reagieren?
Liselotte lächelte ihren Neffen süß an. »Das ist doch kein Problem, Stefan. Wir rufen einfach die Kellnerin und sagen ihr, dass sie den Spargel noch mal aufwärmen soll.« Sarah verspürte einen Stich. Für einen Moment traf sich ihr Blick mit dem ihres Vaters. Sie konnte in seinen Augen lesen, dass er dasselbe dachte wie sie.
Dann wandte er sich an Stefan. »Stell dich nicht so an. Sarah isst ihren Spargel doch auch.« Das hätte er besser nicht gesagt. Sofort veränderte sich Liselottes Gesichtsfarbe. »Heiner, es ist nicht zum Aushalten mit dir. Warum musst du mir immer in den Rücken fallen? Wenn du nicht so schwierig wärst, wären wir glücklich.« Mit diesen Worten warf sie ihre Serviette auf den Tisch, nahm Sarah bei der Hand und sagte: »Sarah, wir gehen.«
Sarah war völlig überrumpelt. Sie hatte gerade drei Bissen Spargel gegessen, ihr war übel, sie fühlte sich beschämt durch die öffentliche Ohrfeige, aber trotzdem war es ausgeschlossen, ihrer Mutter zu widersprechen. Als sie draußen waren, brach Liselotte in Tränen aus.
»Ich halte dieses Leben und diesen Mann nicht mehr aus«, schluchzte sie. »Wir gehen weg – du und ich. Du bist doch mein einziger Schatz.« Mit diesen Worten nahm sie das Mädchen in den Arm.
Sarah fühlte sich wie in einem Albtraum gefangen. Gerade war sie noch von ihrer Mutter beschimpft und geohrfeigt worden und jetzt war sie ›der einzige Schatz‹. Ihre Angst und Wut wichen einer großen Verwirrung, die in der Frage gipfelte: »Wer bin ich eigentlich?«
Liselotte hatte sich auf eine Bank gesetzt und ließ ihren Tränen freien Lauf. Sarah setzte sich neben sie und hielt ihre Hand. Sie überlegte angestrengt, was sie sagen könnte, um ihre Mutter zu trösten. Oder sagte sie besser nichts? Man konnte nie wissen, in welchen Hals sie bestimmte Äußerungen bekam. So beschränkte sie sich darauf, die Hand der Mutter zu halten und sich zu bemühen, das Rumoren in ihrem Bauch zu ignorieren. Sie dachte angestrengt: »Am besten wäre es, unsichtbar zu sein.«
Sarah – April 2007
In diesem Moment erwachte sie aus der Trance und öffnete die Augen.
Geneviève sagte: »Lass die Augen noch einen Moment lang geschlossen, Sarah. Und dann geh mal mit deinem Bewusstsein zu dem Mädchen auf der Bank. Was würdest du ihr sagen, um sie zu trösten?«
Sarah ging in ihrer Vorstellung zu dem Kind, nahm es ganz behutsam in den Arm und sagte ihm leise, liebevolle Worte. Nach ein paar Sekunden merkte sie, wie das Mädchen begann, sich zu entspannen.
Die Supervisorin fragte: »Willst du das Kind dort lassen oder möchtest du es aus dieser Situation herausholen?«
»Ich möchte es mitnehmen.«
Nachdem Sarah dem Kind vermittelt hatte, dass sie gekommen war, um es aus der unerträglichen Situation herauszuholen, nahm sie wahr, wie in dem Mädchen wieder ein Funke Hoffnung aufkeimte, dass es doch noch ein anderes Leben geben könnte als das, was es im Hause seiner Adoptiveltern erlebte.
In der Nachbesprechung fragte Genevève: »Wie geht es dir jetzt, Sarah?«
»Ich fühle mich sehr müde und gleichzeitig auf eine gute Art und Weise getröstet, so als wäre dieses Kind jetzt wieder bei mir.«
Die Supervisorin nickte. »Ja, das ist auch so. Dieses Mädchen ist jetzt wieder in deinem Energiefeld. Wenn du dich gut um es kümmerst, dann kann diese tiefe Wunde heilen und du ›brauchst‹ dann nicht immer wieder Personen wie deine Anwältin, um dich an die Verletzung zu erinnern. Es kann dann endlich mal unterstützende Menschen – auch Frauen – um dich herum geben, die sich so verhalten, wie sie sich verhalten sollten.«
Sarah nickte. Sie fühlte eine tiefe Zuneigung zu dem zehnjährigen Mädchen und den großen Wunsch, für es da zu sein. Gleichzeitig war sie traurig, aber die Erleichterung und die Liebe waren stärker.
Loredana – April 1990
Es war ein herrlicher Frühlingstag und das Wochenende stand bevor. Loredana liebte diese Tage in Madrid, in denen die Straßencafés von Einheimischen und Touristen bevölkert waren. Sie war zum Mittagessen mit ihrer Freundin Marisa im Restaurant Zalacaín verabredet und freute sich darauf. Während sie langsam die Gran Vía in Richtung Plaza España hinaufging, um von dort aus ein Taxi zu nehmen, atmete sie die Frühlingsluft ein und merkte, wie die Anspannung der harten Arbeitswoche von ihr abfiel.
Als sie im Restaurant angekommen war, ließ sie sich von dem Kellner an einen freien Tisch führen, bestellte einen Martini und hing ihren Gedanken nach. Marisa war noch nicht da.
Loredana arbeitete in einer Anwaltskanzlei im Herzen der spanischen Hauptstadt. Sie hatte oft einen zwölfstündigen Arbeitstag und konnte sich nicht so um ihren Sohn Alejandro kümmern, wie sie es gerne gewollt hätte. Das Leben in der Metropole war teuer und ihr Ehemann gab gerne Geld aus. Sie verdiente zwar recht gut, aber immer wenn sie Sergio gegenüber erwähnte, dass sie lieber zu Hause bleiben und sich um ihr Kind kümmern würde, kam von seiner Seite aus nur ein barsches Nein und er erwiderte: »Wir brauchen das Geld.«
Loredana war nicht in der Lage, sich gegen ihren dominanten Mann durchzusetzen und ihre eigenen Interessen zu behaupten. Wie sollte sie auch? Sie war jung, hatte keine eigene Familie in Madrid und fühlte sich in der riesigen Stadt völlig auf sich gestellt. Sich als junge Anwältin in der Kanzlei gegenüber den männlichen Kollegen zu behaupten, war Herausforderung genug, zumal sie als Katalanin in der spanischen Hauptstadt nicht gerade einen leichten Stand hatte.
Der Chef der Kanzlei, Enrique Martín, war ein smarter Madrilene, der schon vom ersten Tag an einen Blick auf die hübsche, blonde Loredana geworfen hatte. Es war anstrengend, ihn in seinen Grenzen zu halten. Wenn seine Mitarbeiter Katalanenwitze erzählten oder frauenfeindliche Kommentare abgaben, wies er sie nicht etwa zurecht, sondern beschränkte sich darauf, Loredana genüsslich und mit süffisantem Lächeln zu betrachten. Sie wusste genau, was er in solchen Momenten dachte. »Wenn du mir gefällig wärst, meine Liebe, dann würde ich dafür sorgen, dass die Kommentare ein Ende haben. So aber musst du dich schon selbst verteidigen.«
Auch Sergio, obgleich Katalane, gab ihr keine wirkliche Unterstützung. Wie auch – er war ja selten genug zu Hause. Er behauptete zwar, sie und Alejandro zu lieben, aber seine Worte standen in krassem Gegensatz zu seinem Handeln. Was sie immer wieder faszinierend und erschreckend zugleich fand, war, wie einfach es für einen Mann zu sein schien, als ›guter Vater‹ betrachtet zu werden, während es für eine Frau ungleich schwieriger war, als ›gute Mutter‹ angesehen zu werden.
Wenn die Nachbarn Sergio am Sonntag mit Alejandro im Park spazieren gehen und die Enten füttern sahen, bogen sie sich schon vor Begeisterung, wenn sie allerdings Loredana einmal mit etwas lauterer Stimme mit Alejandro reden oder ihn zurechtweisen hörten, tuschelten sie bereits. Dabei ließen sie völlig außer Acht, dass die gesamte Erziehungsverantwortung bei ihr lag.
Sie hatte den Kindergarten für Alejandro ausgesucht, sie hatte das Au-pair-Mädchen organisiert, das sich den ganzen Tag um Alejandro kümmerte, sie bezahlte die Rechnungen für beides, sie kaufte seine Kleidung, sie ging mit ihm zum Arzt, wenn er krank war, sie wurde auf der Arbeit angerufen, wenn im Kindergarten etwas vorgefallen war. Aber das war alles selbstverständlich und nebenbei sollte sie auch noch ihre Kompetenz in der Kanzlei Enrique Martín unter Beweis stellen und das Vorurteil widerlegen, dass blonde, hübsche Frauen nun mal dumm seien.
Manchmal kam sie abends total erschöpft nach Hause. Kaum hatte sie die Türe aufgeschlossen, sprang ihr Alejandro entgegen, der sich riesig freute, dass seine Mutter endlich wieder zu Hause war. Er wollte mit ihr spielen, aber Loredana war oft einfach zu müde dazu. Sie dachte dann nur daran, ihr elegantes, aber unbequemes Kostüm auszuziehen, ein heißes Bad zu nehmen und in einen Hausanzug zu schlüpfen. Allerdings musste in ein bis zwei Stunden das Abendessen auf dem Tisch stehen und keiner wusste genau, ob und wann Sergio nach Hause kommen würde. Sie schwankte dann zwischen der Wut auf ihren Mann, Erschöpfung und Schuldgefühlen Alejandro gegenüber, weil sie ihm nicht so gerecht werden konnte, wie sie es gerne wollte. Oft spielte sie trotzdem mit ihm und nach einer Weile fühlte sie sich besser.
An guten Tagen trudelte Sergio irgendwann am frühen Abend zu Hause mit einem niedrigen Alkoholpegel ein und an ganz guten Tagen war es dann sogar noch früh genug, um einkaufen zu gehen. Wenn er dazu in der Stimmung war, nahm er Alejandro mit, was für Loredana bedeutete, dass sie sich eine Weile ausruhen konnte. An schlechten Tagen kam Sergio gar nicht und Loredana wurde immer ungeduldiger, da sie nicht wusste, ob sie mit dem Essen warten sollte oder nicht. Irgendwann kochte sie dann, sie aßen mit dem Au-pair-Mädchen zu Abend und Alejandro versuchte, durch sein liebenswertes Geplapper die angespannte Stimmung zu überdecken.
Manchmal weinte sie an solchen Abenden. Wenn ihr Sohn sie fragte, warum sie weine, versuchte sie Ausflüchte zu finden. Eines Abends, als er sie wieder fragte, wollte sie ihn nicht länger belügen und sagte: »Ich weine, weil ich traurig bin, dass Papa wieder nicht bei uns ist.« Alejandro schaute sie mit seinen treuen, großen Augen an und sagte nichts. Danach fühlte sich Loredana wieder schuldig. War es richtig gewesen, ihrem Sohn den Grund ihrer Trauer mitzuteilen? Hätte sie es besser verschwiegen? Wie sie es auch drehte, es schien immer falsch zu sein, was sie tat.
Die Ankunft ihrer Freundin riss sie aus ihren Gedanken. Sie umarmten sich herzlich. Als sie sich gegenübersaßen, fragte Marisa: »Was ist denn mit dir los, meine Liebe? Du wirkst ja ganz in Gedanken versunken? Draußen ist so ein schöner Tag! Der Frühling beginnt.«
Loredana seufzte tief. Dann antwortete sie: »Ja, es ist total schön draußen. Aber ich fühl mich nicht so gut. Gestern ist es wieder mal zwischen Sergio und mir eskaliert.«
Marisa fragte erschrocken: »Was ist passiert?«
»Er kam gestern wieder spät und alkoholisiert nach Hause. Er war bester Stimmung – sofern man bei seinem Alkoholpegel davon sprechen konnte.« Sie nahm einen Schluck Wasser und fuhr fort: »Auf meine kühle Begrüßung reagierte er mit einem saloppen ›Ach komm, Süße, hab dich doch nicht so, no pasa nada‹.«
Das war sein Standardspruch in diesen Jahren: ›No pasa nada – alles halb so schlimm.‹ Er benutzte ihn bei jeder Gelegenheit und wie eine Beschwörung.
Sie fuhr fort: »Ich weiß nicht genau, was er eigentlich damit sagen will, aber ich kann es nicht mehr hören. Es kommt mir vor wie eine Beruhigungspille, die ich nicht mehr schlucken will. Gestern habe ich ihn zur Rede gestellt und ihm gesagt, dass ich dieses Leben nicht mehr lange mitmachen würde. Ich habe gedroht, ihn mit Alejandro zu verlassen. Er wurde wütend und kam mit funkelnden Augen auf mich zu. Ich konnte seine Alkoholfahne riechen und habe mich vor ihm geekelt.«
Loredana strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und atmete schwer. »Daraufhin erwiderte er: ›Du wirst Alejandro nie mitnehmen. Er gehört mir.‹ Ich war empört und entgegnete ihm: ›Er gehört dir nicht. Ein Kind gehört niemandem. Und außerdem solltest du ein zuverlässiger Vater und Ehemann sein. Und du bist nichts von alledem. Im Gegenteil, du bist unberechenbar und kannst nicht für ein Kind sorgen.‹«
Marisa schaute sie betroffen an und nahm ihre Hand. »Ich wusste nicht, dass es so schlimm ist. Wie lange willst du das noch mitmachen?«
»Als ich ihm sagte, dass er nicht für ein Kind sorgen könne, trat er auf mich zu und packte meinen Arm. Er funkelte mich an und presste zwischen den Zähnen hervor: ›Ich brech dir den Arm.‹ Ich erschauerte, denn so hasserfüllt habe ich ihn noch nie gesehen, und ich hatte große Angst. Dann riss ich mich los und rannte weg. Der einzige Raum in der Wohnung, den man von innen abschließen kann, ist Alejandros Zimmer.«
Sie schluckte, als würde sie nun vollends von der schrecklichen Erinnerung überwältigt. »Ich öffnete die Tür, ging in das Zimmer und schloss die Tür hinter mir ab. Dann brach ich in Tränen aus. Alejandro lag im Bett und schlief. Ich hörte seine gleichmäßigen Atemzüge, während ich weinte, und wusste, dass ich von diesem Mann wegmusste.
In dem Moment sah ich eine Vision von mir selbst in zehn Jahren, wenn ich mit Sergio zusammenbleiben würde. Ich sah mich krank und verbittert und nahm mir vor, dafür zu sorgen, dass das nicht geschehen würde. Ich spürte, dass ich bereit war, alles zu tun, um mir und meinem Sohn dieses Schicksal zu ersparen.«
Marisa nickte und erwiderte mit leiser Stimme: »Ja, das verstehe ich voll und ganz.«
»Ich setzte mich auf Alejandros Bettrand. Dann legte ich mich neben ihn, um zu schlafen. Ich versuchte, leise zu sein, aber das Bett war schmal und er wachte auf. Er sagte: ›Mama, was ist los? Warum weinst du?‹ Ich schluchzte erneut. ›Ich habe Angst vor Papa. Er hat mir wehgetan.‹ Schon als ich mich selbst reden hörte, fühlte ich mich schlecht und schuldbewusst.
Ich fragte mich, ob es richtig war, meinem schlaftrunkenen Sohn das zu sagen. Aber sollte ich ihn etwa belügen? Das fühlte sich noch schlechter an. Wenigstens die Wahrheit wollte ich ihm sagen, auch wenn sie bitter und schwer war. Aber Lügen, das wusste ich ganz genau, würden das Kind nur verwirren.«
»Und dann?«, fragte Marisa gespannt.
»Du wirst es nicht glauben. Mein kleiner Sohn wandte sich mir zu und strich mir über den Arm, so als wäre er der Erwachsene und ich das Kind. ›Schlaf jetzt, Mama, es wird alles gut.‹ Daraufhin fing ich wieder an zu schluchzen. In dem Moment wusste ich, dass ich diesen Zustand nicht länger will.«
Sie atmete tief. »Alejandro soll als Kind aufwachsen dürfen und nicht als Puffer zwischen zwei Elternteilen, die sich bereits so weit voneinander entfernt hatten, dass es keinen Weg zurück mehr gibt.«
In dem Moment kam der Kellner und nahm die Bestellung auf.
Sarah – Mai 2007
Knapp fünf Wochen waren seit dem fürchterlichen Termin bei Gericht vergangen, als Sarah die hellen Stufen des Jugendstilhauses, in dem sich die Kanzlei Hartmann & Gebert befand, hinaufstieg. Sie sah der Besprechung mit ihrer Anwältin mit gemischten Gefühlen entgegen. Auf jeden Fall, so hatte sie entschieden, würde sie in dem heutigen Gespräch Frau Gebert gegenüber ihrer Enttäuschung über deren mangelndes Engagement vor Gericht Ausdruck verleihen. Allerdings wusste sie nicht, wie die Anwältin ihre Kritik aufnehmen würde.
Als sie sich in dem luxuriös eingerichteten Büro gegenübersaßen, gab sich Frau Gebert äußerst freundlich und zuvorkommend, als würde sie ahnen, mit welchen Überlegungen Sarah schwanger ging. Plötzlich sprach sie nur noch von ›Wir‹ statt wie bislang von ›Ich‹ und ›Sie‹ und verbreitete einen seltsam anmutenden Optimismus, der so gar nicht zu ihrer bisherigen Arroganz und Skepsis passte. Sie machte Sarah große Hoffnungen auf den zweiten Gerichtstermin, der im November stattfinden sollte und bei dem weitere Zeugen des Geldinstitutes gehört werden würden.
Als Sarah den Auftritt der Anwältin vor Gericht kommentierte und ihrer Unzufriedenheit Ausdruck gab, veränderte sich deren Gesichtsausdruck. Sarah konnte sehen, wie es in ihr arbeitete und wie sie hin- und hergerissen war zwischen einer scharfen Erwiderung und der Angst, den Fall zu verlieren und ihrem Chef womöglich Rede und Antwort über die Gründe hierfür stehen zu müssen. Schließlich siegte aber doch wieder ihre Arroganz. »Frau Breuner, ich habe mein Möglichstes getan. Aber es ist eben einfach nicht gut gelaufen. Es wäre besser gewesen, wenn Sie sich an einige Sachen nicht mehr genau erinnert hätten.«
Sarah war irritiert. Nach einer kurzen Pause erwiderte sie: »Wie bitte? Sie haben mir doch vor dem Prozesstermin gesagt, ich solle die Geschichte einfach wahrheitsgemäß erzählen. Ich dachte, es wäre wichtig, die Erinnerungen so präzise wie möglich zu reproduzieren.«
Sie hielt einen Moment inne. »Frau Gebert, ich muss Ihnen sagen, dass ich mich nicht gut von Ihnen vorbereitet gefühlt habe.«
Die Anwältin ignorierte Sarahs Vorwurf und setzte stattdessen zum Gegenangriff an. »Ich weiß nicht genau warum, aber für den gegnerischen Anwalt scheinen Sie eine Reizperson zu sein.«
»Eine Reizperson? Was wollen Sie mir damit sagen?« Und dann setzte Sarah hinzu: »Selbst wenn es so sein sollte, wäre das kein Grund, mir dies entgegenzuhalten. Es ist Ihre Aufgabe, mich vor den Angriffen des cholerischen Anwalts zu beschützen.«
Sie fühlte Zorn in sich aufsteigen und dachte: »Wofür bezahle ich diese Frau eigentlich?« Laut sagte sie: »Frau Gebert, auf welcher Seite stehen Sie eigentlich? Ich kann nicht spüren, dass Sie hinter mir stehen. So können wir nicht weiterarbeiten. Wenn Sie von der Sache nicht überzeugt sind, sagen Sie es mir bitte jetzt. Dann werde ich mir einen anderen Anwalt suchen.«
Der Hieb hatte gesessen. Die Gesichtsfarbe der Anwältin nahm eine andere Tönung an und sie lenkte ein. »Nein, nein, Frau Breuner, davon kann doch gar keine Rede sein. Selbstverständlich stehe ich voll und ganz hinter der Sache.« Sarah bemerkte, dass die Frau hin- und hersprang und hätte gerne gewusst, was sie wirklich dachte. Wahrscheinlich wusste sie es selbst nicht genau.
Nachdem dieser Teil des Gesprächs erledigt war, besprachen sie die Strategie für den November-Termin. Frau Gebert war der Meinung, dass die Zeugen der Bank sich in Widersprüche verwickeln würden, da sie logen. Sarah war derselben Meinung. Als sie nach knapp einer Stunde das Büro der Anwältin verließ, hatte sie wieder Hoffnung auf ein gerechtes Urteil.
Sarah – Mai 1974
Wie so oft hatte es heftigen Streit zwischen Liselotte und Heiner gegeben. Lilo hatte getrunken und sicher auch schon ein paar Beruhigungspillen geschluckt. Sarah saß am Küchentisch und sollte essen. Sie hatte zwar Hunger, aber die angespannte Stimmung in der Küche nahm ihr den Appetit. Jeder Bissen, den sie in ihren Magen brachte, fühlte sich an wie ein Stein. Schließlich schob sie ihren Teller weg. Dann wollte sie aufstehen und in ihr Zimmer gehen, aber Liselotte hielt sie fest. Sie schrie: »Du gehst jetzt nicht, du hörst mir jetzt zu!«
Sie versuchte, sich loszureißen, aber ihre Adoptivmutter war stärker als sie. Auf dem Herd stand ein Kessel, in dem das Wasser gerade eben zum Kochen kam. Als Sarah nicht nachgab, nahm ihre Mutter mit einem irren Blick den Kessel vom Herd und brüllte: »Dir werde ich's zeigen«, und schüttete dabei das heiße Wasser über Sarahs Arm.
Das Mädchen schrie vor Schmerz und begann zu weinen. Heiner erwachte aus seinem gelähmten Zustand und packte seine Frau am Arm. Schwer atmend nahm er ihr den Kessel aus der Hand. Liselotte riss sich von ihm los und rannte schreiend aus der Küche. »Ich verlasse euch sowieso. Das Leben hier mit euch gefällt mir nicht. Ich gehe nach Südamerika.«
Dann war sie verschwunden und ließ ihr schluchzendes Kind und ihren geschockten Mann in der Küche zurück. Gott sei Dank trug Sarah an diesem Tag einen langärmeligen Pullover und darunter ein ebenfalls langärmeliges Unterhemd. Aber ihre rechte Hand und das Handgelenk waren rot und schmerzten sehr.
Heiner nahm sie in den Arm. Er versuchte, sie zu trösten. »Es ist doch nicht so schlimm.« Die Worte erreichten Sarah nicht, denn es war schlimm.
Gleichzeitig spürte sie Heiners Hilflosigkeit. Wie immer in solchen Situationen versank er in seiner eigenen Lethargie, statt dafür zu sorgen, dass die Misshandlungen aufhörten. Trotzdem war es besser, von ihm im Arm gehalten und auf seine Art und Weise getröstet zu werden, als die Lieblosigkeit ihrer Mutter zu erleiden.
Als sie sich langsam wieder beruhigte, holte er ein Taschentuch und wischte Sarah die Tränen ab. Dann nahm er sie auf den Schoß. »Meine Kleine, ich hab dich doch so lieb. Wir beide könnten doch ein neues Leben anfangen. Was hältst du davon? Ich schließe den Lebensmittelladen und wir beide machen dann eine richtig schicke Parfümerie in der Innenstadt auf, im besten Geschäftsviertel. Du bist so hübsch und so talentiert. Du kannst die Kunden bedienen und ich mache den Rest.«
Sarah hörte ihm zu und es war ein irreales Gefühl. Ihr Arm schmerzte und wahrscheinlich wäre es gut gewesen, wenn ein Arzt einen Blick darauf geworfen hätte, aber ihr Vater erzählte ihr von seinen Träumen, in die er sie mit einbaute, als wäre sie schon erwachsen und als würden sie gerade gemütlich Kaffee trinken.
Merkwürdig war allerdings, dass seine Worte in ihr nicht nur das irreale Gefühl auslösten, sondern auch etwas anderes. Nachdem sie seinen einlullenden Worten eine Weile zugehört hatte, fühlte sie plötzlich eine Art von Freude über ihre Wichtigkeit. Er fand sie hübsch und talentiert und er hielt sie für fähig, ein Geschäft zu führen. Er gab ihr mit seinen Worten eine Bedeutung, auch wenn ihr Arm noch immer vor Schmerz brannte.
Sarah merkte, wie sie zwischen drei Gefühlen hin- und herschwankte – das eine war Freude darüber, von ihrem Vater soviel Beachtung zu bekommen, das zweite war Verstörtheit über die Geschichte, die er ihr erzählte und in der sie eine Rolle hatte, die sie im wahren Leben nicht hatte, und das dritte war der brennende Schmerz im Arm, der nicht aufhörte.
Die Situation war irgendwie falsch. Aber gleichzeitig war diese falsche Situation um so vieles besser als die Schläge, die Grausamkeiten und die Unberechenbarkeit ihrer Mutter. Sarah hatte den Impuls, sich zu entziehen, aber sie konnte es nicht. Zu groß war ihr Bedürfnis nach Wärme und tröstenden Worten. Die Sätze ihres Vaters, so befremdlich sie auch waren, taten ihr trotzdem gut, einfach, weil es menschliche Worte waren, die in einem warmherzigen Ton gesprochen wurden und nicht mit der schneidenden Kälte, Ironie oder Verrücktheit ihrer Mutter.
Sie begann, sich zu entspannen. Ihr Vater redete weiter. Ab und zu streichelte er ihr über den Kopf. Kurz darauf merkte sie, dass seine Umarmung irgendwie anfing sich zu verändern. Auch die Art und Weise, wie er ihr übers Haar strich, war nicht mehr so wie vorher. Und sein Atem ging schneller.
Ihr Körper fing wieder an zu verkrampfen. Als Erstes spürte sie es im Bauch, dann in den Schultern. Heiner redete jetzt nicht mehr, sondern küsste ihre Wange auf eine merkwürdige Art und Weise. Im nächsten Moment begann er, ihren Körper zu streicheln – erst den Rücken, dann die Beine, die Arme und schließlich ihren Bauch. Sie erstarrte immer mehr und dachte: »Ich muss weg«, aber ihr Körper war wie gelähmt. Sie konnte ihre Arme und Beine nicht im Geringsten bewegen, so als würden die Impulse im Gehirn nicht weitergeleitet.
Eine Minute später wurde es noch unbehaglicher. Da, wo sie auf dem Schoß ihres Vaters saß, wurde es plötzlich hart und gleichzeitig ging Heiners Atem noch schwerer.
In diesem Moment geschah etwas. Ein Sog zog sie aus ihrem Körper heraus und im nächsten Augenblick sah sie die Szene von oben. Sie schwebte über ihrem Kinderkörper. Das Gute war, dass sie nichts mehr von diesen unangenehmen Körpergefühlen spürte – keine Hitze, keine Bauchkrämpfe, keine Enge im Brustkorb und keine Atemnot mehr. Da oben war sie sicher. Dann aber blickte sie auf den Körper herab und fragte sich: »Wem gehört dieser Körper?« Unbehagen stieg in ihr auf. Sie dachte: »Das ist ja mein Körper. Aber was macht er da unten? Warum ist er dort und ich bin hier? Und was passiert da gerade?«
Einerseits hatte sie das Bestreben, wieder nach unten in ihren Körper hineinzugehen, andererseits dachte sie: »Nein, niemals, ich will nicht wieder da unten hin.« Also blieb sie oben, unter der Zimmerdecke, wo sie in Sicherheit war. Aber es gefiel ihr nicht, was sie da unten sah. Ihr Körper wirkte verkrampft und schutzlos und das Gesicht ihres Adoptivvaters war gerötet. Sie sah, dass seine Hände nun überall auf ihrem Körper waren und dass er angefangen hatte, ihr den Pullover über den Kopf zu ziehen.
Es war ein groteskes Bild von der Zimmerdecke aus. Sarah sah ihr gerötetes Handgelenk und die rote Hand und sie erinnerte sich an das, was Minuten vorher passiert war. Inzwischen war ihr Körper da unten halbnackt und ihr Adoptivvater atmete immer heftiger. Gleichzeitig hörte sie seine Worte. »Du bist doch meine Süße. Du bist meine Beste. Meine kleine Sarah. Deine Haut ist so weich. Das tut mir so gut.« Die Worte hörten sich an wie süßes Gift. Sie waren falsch und es waren nicht die Worte, die zwischen einem Vater und seiner Tochter gesprochen werden sollten.
Dann sah sie, wie Heiner sein Geschlechtsteil entblößte. Es war erigiert und es sah irgendwie dick und bedrohlich aus. »Wie hässlich«, dachte sie. Dann rieb er dieses Teil an ihrem entblößten Hinterteil. Dabei wurde sein Gesicht immer röter und sein Atem ging immer schneller. Ihr Körper da unten sah aus wie der Körper einer Puppe. Er bewegte sich hin und her, im selben Rhythmus, wie der Mann sich bewegte. Es war so, als ob alles Lebendige aus dem Körper gewichen wäre.
Wieder spürte Sarah da oben den Impuls, in ihren Körper hineinzugehen, um ihm zu helfen, und wieder merkte sie, dass die Angst zu groß war. Dann fühlte sie plötzlich ein überwältigendes Schuldgefühl darüber, dass sie ihren Körper verlassen und da unten schutzlos zurückgelassen hatte.
Das Gefühl verstärkte zunehmend – es war wie eine graue Wolke, die sich ausbreitete. Sie wusste nicht mehr, ob es ihr Schuldgefühl war oder das des Mannes, der dort unten mit ihrem Körper etwas tat, was er niemals hätte tun sollen. Die graue Wolke breitete sich immer mehr über das Geschehen aus, so als ob sie es ganz erfasste. Dann fiel der Mann mit einem Aufstöhnen in sich zusammen. Sarah sah von oben die klebrige Flüssigkeit, die an dem Mädchenkörper haftete und ein paar Sekunden später war sie wieder in ihrem Körper.
Als Erstes spürte sie Ekel, verursacht durch die Flüssigkeit, die ihre Beine herunterkann, als Nächstes ihren Bauch, der sich wie ein Klumpen anfühlte, so als hätte sie einen großen, schweren Stein verschluckt. Dazu kamen Atemnot und Beklemmung. Am liebsten wäre sie sofort wieder aus ihrem Körper herausgegangen, aber es ging nicht mehr.
Heiner zog ein Taschentuch hervor und entfernte sich damit den Schweiß von der Stirn. Dann wischte er Sarah die Beine ab. Er zog seine Hose hoch und streifte ihr den Pullover und den Rock wieder über. Plötzlich spürte sie erneut die Schmerzen am Handgelenk und sie sah ihre gerötete Hand. Da erinnerte sie sich, wie die ganze Situation angefangen hatte, und sie wollte weinen. Aber auch das ging nicht. Die Tränen blieben ihr im Hals stecken. Sie nahm einen tiefen Atemzug, stand auf, rannte aus der Küche und in ihr Zimmer. Als sie die Türe hinter sich abgeschlossen hatte, warf sie sich aufs Bett und endlich kamen die erlösenden Tränen.
Sie weinte und weinte und es war so, als könne sie nicht mehr aufhören. Sie fühlte sich so unendlich verlassen wie noch niemals zuvor. Selbst nach den brutalen Prügelattacken ihrer Mutter hatte sie sich nicht so einsam gefühlt wie in diesem Moment. Auf Lilo konnte sie wenigstens wütend sein und denken: »Ich gehe hier weg, sobald ich alt genug bin.« Dann spürte sie ihre Kraft wieder und eine Zukunftsperspektive für ihr Leben, die jenseits dieses Elternhauses lag.
Jetzt aber war es anders. Ihre Welt oder das, was sie für ihre Welt gehalten hatte, war zusammengebrochen. Da, wo eigentlich ihr Herz war, war Leere. Die restlichen Teile ihres Körpers waren von Trauer und Schmerz überflutet. Sie fühlte sich wie in den Weltraum geworfen, nach Luft schnappend und nicht wissend, ob sie diesen Tag überleben würde und ob es danach noch einen anderen Tag gäbe.
Sarah – Mai 2007
Als sie mit tränenüberströmtem Gesicht aufwachte, wusste sie nur noch, dass sie einen Albtraum gehabt hatte, in dem Liselotte ihr furchtbar wehgetan hatte, und dass dann etwas Merkwürdiges mit Heiner geschehen war.
Sie stand auf und ging in die Küche, um ein Glas Wasser zu trinken. Als sie am Küchentisch saß, kamen weitere Erinnerungen hoch, die sie vehement verdrängt hatte. Sie fragte sich: »Warum haben Liselotte und Heiner Mager mich eigentlich adoptiert, wo sie mir doch so wenig Liebe zu bieten hatten?«
Die Ehe war lange kinderlos geblieben und Liselotte sah das wohl als Schande an. So waren sie und ihr Mann eines Tages zu dem Kinderheim in Berlin gefahren, in das man Sarah direkt nach ihrer Geburt gebracht hatte, und hatten sie mitgenommen.
Sarah wusste nur so viel über ihre leibliche Mutter, dass diese vor ihrer Geburt festgelegt hatte, dass sie sofort nach der Entbindung zur Adoption freigegeben werden sollte. Sie hatte sie noch nicht einmal sehen wollen. Sarah hatte in einer Therapiesitzung ihre Geburt nochmals erlebt. Sie hatte gespürt, wie verzweifelt ihre Mutter aus dem Krankenhaus und aus Berlin wegwollte und dass sie Sarah auf keinen Fall nach der Geburt sehen wollte, um keine Bindung an ihr Kind zu entwickeln.
Sarah konnte sich noch daran erinnern, wie sie in der Rückführung bittere Tränen geweint hatte, als sie sich damit konfrontieren musste, dass ihre Mutter sie nicht wollte. Gleichzeitig hatte sie es als heilsam empfunden, endlich einen Teil ihrer Herkunftsgeschichte auszugraben. Aber was sie wusste, war immer noch viel zu wenig.
Sie ging zurück ins Bett und dachte: »Es ist schon komisch, wie ähnlich das Verhalten meiner Adoptivmutter vor dreiunddreißig Jahren und das Verhalten meiner Anwältin vor fünf Wochen im Gerichtssaal sind. Genauso wie mich meine Mutter immer angegriffen hat, statt mich zu beschützen, hat Frau Gebert dasselbe getan.«
Neben ihr schlief ihr Mann Helmut. Sie hörte seine regelmäßigen Atemzüge. Schon allein dies beruhigte sie. Im Gegensatz zu anderen Männern, die vor ihm ihre Tür- und Bettschwelle überschritten hatten, fühlte sie sich bei Helmut vollkommen geborgen. Er vermittelte ihr das Gefühl von Sicherheit, Bestätigung und Unterstützung, nach dem sie so lange gesucht hatte, und er tat dies, ohne sie dabei einzuengen.
Wenn sie darüber nachdachte, warum er so anders war als die Männer, die es vor ihm in ihrem Leben gegeben hatte, vermutete sie stets, dass es damit zusammenhing, dass er eine glückliche Kindheit in der Schweiz gehabt hatte und zwei Elternteile, die ihn wirklich liebten.
Er war als einziger Sohn wohlhabender Bergbauern aufgewachsen. Seine Eltern hatten ihm nicht aufgezwungen, den Hof zu übernehmen, obwohl er der alleinige Erbe war. Als abzusehen war, dass er das Bergdorf, in dem er aufgewachsen war, verlassen würde, um in Deutschland zu studieren, hatten sie ihm keine Steine in den Weg gelegt, sondern ihn im Gegenteil unterstützt.
Als Sarah und Helmut sich kennenlernten, gab es von Anfang an eine starke Anziehung zwischen ihnen, aber es hatte lange gedauert, bis Sarah die Ängste überwunden hatte, die sie aus ihren alten Beziehungen mitgebracht hatte, vor allem aus ihrer Ehe mit Leonies Vater Armin, deren Ende für Sarah mit großen Schmerzen, tiefer Enttäuschung und viel Trauer verbunden gewesen war. Erst mit der Zeit entwickelten sich ihre Liebe und ihr Vertrauen zu Helmut.
Er warb mit Beständigkeit und Charme um sie. Das tat ihr gut und war Balsam für ihre verwundete weibliche Seele. Gleichzeitig hatte er ein feines Gespür für ihre Grenzen. Überhaupt war es diese Sensibilität – gepaart mit Ritterlichkeit, Charme und Männlichkeit –, die Sarah vollends für ihn einnahm.
Helmut hatte keine eigenen Kinder, kam jedoch mit Leonie, die mitten in der Pubertät steckte, gut zurecht. Ihre häufigen Stimmungsschwankungen nahm Helmut mit Gelassenheit und Souveränität. Leonie spürte, dass er sie respektierte, und sie gab ihm diesen Respekt zurück.
Als Helmut ihr einen Heiratsantrag machte, gab es für Sarah nur eine Antwort: »Ja.« Sie heirateten auf Hawaii und Sarah dachte, dass sie noch nie so glücklich gewesen war, außer bei Leonies Geburt.
Sie stand auf und schenkte sich noch ein Glas Wasser ein. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Einem Springbrunnen gleich sprudelten die Erinnerungen aus ihrer Seele empor – Erinnerungen, die ihrem Bewusstsein zugänglich waren, und solche, denen sie zum ersten Mal begegnete.
Manche Bilder wollte sie nicht sehen und plötzlich hörte sie in sich die Worte: »Das bildest du dir nur ein.« Wie oft hatte sie diesen Satz von ihrer Adoptivmutter gehört – eigentlich immer, wenn sie Gefühle oder Bedürfnisse äußerte, mit denen die Mutter nicht umgehen konnte.
Als sie drei Jahre alt war, hatten ihre Adoptiveltern ein Haus gekauft. Die ersten Nächte in dem neuen Haus waren furchtbar gewesen. Ihr neues Zimmer war kalt und hatte eine sonderbare Atmosphäre. In der Nacht sah Sarah ›Männchen‹. Das erzählte sie ihrer Adoptivmutter. Diese schaute sie völlig verständnislos an: »So ein Quatsch. Schlaf endlich. Das bildest du dir nur ein.«
Sarah erzählte es auch ihrem Adoptivvater. Dieser reagierte ein wenig verständnisvoller, aber auch er tat nicht das, was er hätte tun sollen, nämlich seiner Tochter ein anderes Zimmer zu geben. So hatte sie Nacht für Nacht Angst und wenn die Angst zu groß wurde, versuchte sie, sich mit den Worten ihrer Mutter einzulullen. »Ach, das bilde ich mir doch nur ein.« Allerdings funktionierte diese Taktik nicht wirklich gut. Die Angst verschwand nicht.
Und eines Nachts geschah es dann. Sarah war bei ihren Adoptiv-Großeltern zu Besuch und übernachtete auch dort. In dieser Nacht krachte in ihrem Elternhaus die Decke ihres Zimmers ein. Wäre sie in ihrem Zimmer gewesen, so wäre sie von der herunterfallenden Decke erschlagen worden. Nach diesem Ereignis bekam sie ein neues Zimmer, in dem sie wesentlich besser schlief und in dem es auch keine ›Männchen‹ mehr gab.
Sarah dachte: »Liselotte ist immer so oder ähnlich mit meinen Gefühlen umgegangen. Sie hat mich nie ernst genommen. War das der Grund dafür, dass ich den Versprechungen des Privatdetektivs so gutgläubig gegenüber war? Bin ich so anfällig für tröstende und liebevolle Worte von fremden Menschen, weil ich diese von meiner Mutter nie gehört habe?«
Als sie gerade mit der Frage beschäftigt war, wie viel Nachholbedarf an tröstenden Worten sie wohl noch hatte, betrat Helmut die Küche. Er sah schlaftrunken aus.
»Was ist los, mein Schatz? Warum bist du wach?« Er goss sich ein Glas Wasser ein und setzte sich zu ihr an den Küchentisch.
Sie sagte schuldbewusst: »Ich wollte dich nicht wecken. Ich muss an Liselotte denken. Ich will zwar nicht, aber die Bilder drängen sich unaufhörlich in meinen Kopf und in mein Bewusstsein.«
Helmut nickte. Sarah fuhr fort: »Ich glaube, dass durch diese ganze Geschichte mit dem Privatdetektiv viele alte Gefühle wieder an die Oberfläche gespült werden, die irgendwie mit Geld, Betrug und Angriff zu tun haben.«
»Willst du die Geschichte mit dem Hundertmarkschein hören?« Er machte eine zustimmende Geste und sie begann zu erzählen.
»Du weißt ja, dass Geld immer ein Reizthema für meine Adoptivmutter war, und du weißt auch, dass mein Adoptivvater mit seinem kleinen Lebensmittelladen nicht gerade fürstlich verdiente. Lilo sagte immer, dass zu wenig Geld hereinkäme, und sie maß ihn an Vorstellungen, die er nie hätte erfüllen können. Einer ihrer beliebtesten Aussprüche war: ›Wenn mein Vater mitbekommen würde, dass ich mit einem Mann verheiratet bin, der mir nichts bieten kann, würde er sich im Grab umdrehen.‹ Solche Sätze gab sie bevorzugt am Essenstisch von sich, bei den seltenen Gelegenheiten, als wir zu dritt waren und es eigentlich harmonisch hätte sein können.«
Sarah seufzte. »Mein Vater setzte meiner Mutter nie wirklich etwas entgegen und ich schämte mich für ihn, wenn er schwieg.« Sie überlegte kurz. »Ach, eigentlich habe ich mich für beide Eltern geschämt – für meine Mutter wegen der unpassenden und peinlichen Äußerungen und für meinen Vater wegen seines Schweigens, seiner Wehrlosigkeit und seiner Resignation.«
Helmut blickte sie mitfühlend an.
»Sie ließ keine Gelegenheit aus, um den Lebensstandard unserer kleinen Familie mit dem der Nachbarn und Bekannten zu vergleichen. Immer schnitt unsere Familie dabei schlechter ab als die anderen und immer gab sie meinem Vater die Schuld daran. Als ich in die Pubertät kam, traute ich mich kaum, meine Mutter um Geld für Kleidung oder für die Schule zu bitten.«
Sarah nahm einen Schluck Wasser. »Einmal hatte ich sie um Geld für einen Zeichenblock für die Schule gebeten. Sie war in dem Moment in keiner guten Stimmung, ohrfeigte mich und schrie mich an. ›Wir haben kein Geld, weil dein Vater kein Geld verdient!‹ Ich ging weg und fühlte mich schlecht.«
Sie seufzte. »Und du weißt ja, wie schlecht ich mich sowieso schon auf dem Elitegymnasium gefühlt habe, auf das meine Mutter mich geschickt hat.«
In ihrer Klasse hatten sich hauptsächlich Töchter von Ärzten, Rechtsanwälten und Industriellen befunden und als Adoptivtochter eines Lebensmittelhändlers war Sarah hier ohnehin schon die Außenseiterin. Sie musste sich immer wieder Hänseleien wegen ihrer Kleidung anhören. Die anderen Mädchen trugen Markenkleidung, während Sarah maximal C&A-Kleidung von ihrer Mutter bekam, obwohl diese für sich selbst immer mal wieder Pelzmäntel kaufte.
Sarahs Adoptivvater sah dem allem zu, ohne einzugreifen, und es gab auch sonst niemanden aus der Verwandtschaft, der sich für Sarah eingesetzt hätte. So lernte sie schon früh, mit zweierlei Maß zu messen, was ihren Wert und den Wert ihrer Bezugspersonen anbetraf.
Sie fuhr mit ihrer Erzählung fort. »Du weißt, dass ich oft im Laden meines Vaters mithelfen und auch Kunden beliefern musste. Eines Tages sollte ich ein paar Flaschen Sherry an einen reichen Kunden meines Vaters liefern. Ich bin mit meinem Fahrrad in den Laden gefahren, habe die Sherryflaschen genommen und das Wechselgeld, das mein Vater mir mitgab. Dann fuhr ich zu dem Kunden.
Er war ein gediegener Herr im besten Alter und er begrüßte mich mit den wohlwollenden Worten: ›Na, kleine Sarah, hilfst du deinem Papa wieder fleißig?‹ Ich spürte in jenem Moment einen Anflug von Scham, obwohl es nichts gab, wofür ich mich hätte schämen müssen. Vielleicht bezog sich das Gefühl auf meinen Vater, dem nichts Besseres einfiel, als seine kleine Tochter mit Alkohol und auf dem Fahrrad zu einem Kunden zu schicken, anstatt diese Arbeit selbst auszuführen oder von jemand anderem ausführen zu lassen.«
Helmut schaute Sarah mit Betroffenheit an. »Erzähl weiter«, sagte er mit seiner ruhigen, klaren Stimme.
»Der Kunde bezahlte mit einem Hundertmarkschein und ich gab ihm das Wechselgeld, das Papa mir mitgegeben hatte. Ich steckte den Hundertmarkschein in das kleine Papiertütchen, in dem sich das Wechselgeld befunden hatte, und verstaute es in meiner Jackentasche. Dann stieg ich wieder auf mein Fahrrad und fuhr durch die herbstliche Landschaft mit vielen bunten Laubhaufen zurück zum Laden.«
»Als ich dort ankam, verlangte mein Vater das Geld. Ich wollte das Tütchen aus meiner Jackentasche ziehen und stellte mit einem Riesenschreck fest, dass es nicht mehr da war. Ich hatte große Angst, denn ich hatte schon mehrmals erlebt, dass mein Vater sehr cholerisch reagieren konnte, wenn er über etwas wütend wurde. Und so geschah es auch in dem Moment. Als er mein erschrockenes Gesicht sah, brüllt er los: ›Wo ist das Geld? Du wirst doch nicht etwa das Geld verloren haben?‹
Ich fing an zu weinen. Mein Vater lief im Laden umher und schimpfte und schrie laut vor sich hin. Dann grifft er zum Telefon und rief Mama an.«
Sie hielt inne. Helmut konnte sehen, wie sie völlig in die Erinnerung eintauchte. Er füllte ihr Wasserglas nach.
»Ich hörte, wie Papa ins Telefon brüllte, dass ich zu dumm sei, um auf das Geld aufzupassen. Dann knallte er den Hörer auf die Gabel und schrie mich an: ›Fahr nach Hause zu deiner Mutter. Und dann such das Geld und bring es mir.‹
Ich stieg schluchzend auf mein Fahrrad und radelte nach Hause. Meine Mutter empfing mich mit einem strengen Blick. ›Was ist passiert?‹, wollte sie wissen. ›Wo ist das Geld?‹ Ich schluchzte und sagte: ›Ich weiß es nicht. Ich glaub, ich hab's verloren.‹ Mama erwiderte: ›Du musst es finden. Dein Vater braucht das Geld. Er wird sehr wütend auf dich sein, wenn du es ihm nicht bringen kannst.‹
Ich war verzweifelt. Wie sollte ich das Geld finden? Es gab so viele Laubhaufen in dem Park und inzwischen hatte es auch angefangen zu regnen. Das interessierte Mama aber nicht und sie kam auch nicht auf die Idee mitzukommen. Ich stieg wieder auf mein Fahrrad. Einerseits glaubte ich nicht, dass es möglich sei, das Geld in den vielen Laubhaufen zu finden, andererseits hatte ich schreckliche Angst, wenn ich mir vorstellte, ohne das Geld zu meinem Vater zu kommen.«
Helmut schüttelte den Kopf. Sarah konnte Empörung in seinem Gesicht sehen. Er sagte: »Ich verstehe einfach nicht, wie eine Mutter so kalt sein kann.«
»Der Regen tröpfelte auf mich herab und langsam wurde es auch noch dämmrig. Ich versuchte, mich zu konzentrieren, und betete: ›Bitte, bitte, lieber Gott, hilf mir, das Geld zu finden. Ich muss es finden.‹
Im Park angekommen, stieg ich vom Fahrrad ab und suchte angestrengt den feuchten, mit Laub bedeckten Boden ab. Eine Frau beobachtete mich und fragte, was ich da tue. Ich antwortete: ›Ich habe einen Hundertmarkschein in einem Tütchen verloren. Das Geld ist für meinen Vater. Ich muss das Tütchen wiederfinden, sonst ist mein Vater ganz böse.‹ Die Frau reagierte betroffen und sagte mir, dass sie mir helfen würde. Sie fragte mich, ob ich mich erinnern könne, wo ich das Tütchen verloren hatte, aber ich konnte mich nicht erinnern. Ich bemerkte aber an dem Verhalten der Frau, dass sie nicht daran glaubte, dass wir das Geld wiederfinden würden.«
Sarahs Augen füllten sich mit Tränen und Helmut strich ihr zärtlich übers Haar.
»Wir durchwühlten eine Zeit lang die feuchten Laubhaufen im Park. Es war klar, dass die Chance, das Tütchen mit dem Geld in einem der Haufen zu finden, gegen null ging. Nach einer halben Stunde Suchens und zunehmender Dunkelheit sagte die Frau vorsichtig zu mir, dass es vielleicht besser wäre, jetzt aufzuhören. ›Du solltest langsam nach Hause fahren. Es wird schon dunkel.‹ Ich war verzweifelt. Meine Gedanken überschlugen sich. Was sollte ich der Frau sagen? Dass ich panische Angst davor hatte, nach Hause zurückzukehren? Dass ich Angst hatte, dass mein Vater schreien und meine Mutter mich womöglich schlagen würde? Ich wusste, dass ich der Frau das unmöglich erzählen konnte. Ich schämte mich viel zu sehr dafür.«
Sie blickte Helmut in die Augen. »Weißt du, ich hatte oft das Gefühl, keine ›normalen‹ Eltern zu haben, und ich schämte mich, weil alles so unnormal war.«
Ihr Ehemann nickte. »Das ist verständlich, Sarah. Irgendwie musstest du mit der Situation umgehen. Du konntest ja als Kind nicht deine Koffer packen und ausziehen.«
Sarah erwiderte traurig: »Nein. Das konnte ich nicht.« Sie seufzte. »Ich bedankte mich bei der Frau für ihre Hilfe und stieg wieder auf mein Fahrrad. Dann radelte ich langsam aus dem Park hinaus und die Straße entlang. Ich war so verzweifelt und hoffnungslos. Am liebsten wäre ich einfach verschwunden. Ohne das Tütchen nach Hause zurückzukehren, erschien mir schrecklich, aber was sollte ich sonst tun?
Ich fuhr langsam den Weg entlang, schwankend zwischen Resignation und der Hoffnung auf ein Wunder. Mir war kalt und ich wünschte mir voller Inbrunst, dass irgendein Zauberer mich einfach aus der Situation erlösen würde. Je näher ich meinem Elternhaus kam, desto weiter wünschte ich mich weg. Aber wohin sollte ich gehen? Ich hatte ja nur diese Eltern.
Und plötzlich, du wirst es nicht glauben, entdeckte ich etwas Weißes auf dem Boden, schon halb durchnässt vom Regen. Ich stieg vom Fahrrad ab und hob es vom Boden auf. Ich traute meinen Augen nicht – es war das Tütchen, MEIN Tütchen. Ich machte das nasse Tütchen vorsichtig auf, und sah, dass der Hundertmarkschein noch darin war. Mein Herz hüpfte vor Aufregung.
Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, dass ich tatsächlich die Stecknadel im Heuhaufen gefunden hatte. Dann dachte ich: ›Jetzt kann ich endlich wieder nach Hause fahren.‹
Ich hatte das Unmögliche geschafft – ich hatte das Tütchen wiedergefunden. Mein Vater würde nicht schreien und meine Mutter würde mich nicht schlagen. Heute Abend zumindest wäre der Familienfrieden gesichert. Voller Schwung stieg ich wieder auf mein Fahrrad und fuhr heim.
Zu Hause angekommen, zeigte ich meiner Mutter das Tütchen. Ich weiß noch genau, wie sie reagierte. Sie sagte, sie müsse sofort den Vater anrufen, um ihn zu beruhigen. Nachdem sie das getan hatte, war normales Abendprogramm angesagt. Hände und Gesicht waschen, Abendbrot, Zähneputzen und ins Bett gehen – ohne ein anerkennendes Wort. Aber ich erwartete auch kein Lob. Ich war schon froh, wenn die Katastrophe vorbeizog und meine Eltern in einem normalen Zustand blieben.«
»Aber das war nicht an der Tagesordnung, oder?«
»Nein, war es nicht. Von sieben Wochentagen gab es an mindestens vier Tagen irgendwelche Probleme und familiären Verstimmungen. Es war sehr schwierig für mich, die Auslöser zu erkennen, aber ich bemühte mich sehr, Anzeichen vorherzusehen und mich dann ganz brav und ruhig zu verhalten – in der Hoffnung, das drohende Gewitter möge vorbeiziehen.«
Sie nahm noch einen Schluck Wasser und fuhr fort: »Weißt du, Lilo war einfach unberechenbar für mich. An guten Tagen machte sie Scherze und sagte mir, dass ich ein hübsches, begabtes Kind sei und alles, was sie habe. An schlechten Tagen sagte sie, dass ich an ihrem Unglück schuld sei und dass sie Papa schon lange verlassen hätte, wenn es mich nicht gäbe. Ich hörte ihr jedes Mal aufmerksam zu, bemüht, den Sinn in ihren Worten zu verstehen. In meinem Inneren regte sich in solchen Momenten die Frage: ›Ja, aber warum hast du mich denn dann adoptiert?‹ Ich hätte jedoch niemals gewagt, diese Frage offen zu stellen, aus Angst die Mutter zu verärgern oder womöglich einen Wutanfall mit Schlägen zu provozieren.«
Helmut nickte nachdenklich.
»Wenn sie schlug, war sie völlig außer sich. Sie benutzte irgendwelche Küchengegenstände und ich war nur damit beschäftigt, meinen Kopf zu schützen, um Verletzungen zu verhindern. Nach den Anfällen ging sie türeschlagend in den Keller, in dem sie sich dann erst einmal eine Weile aufhielt, um sich wieder zu beruhigen. Dort gab es ein ganzes Arsenal von Süßigkeiten, Alkohol und Tabletten, die sie reichlich konsumierte. Wenn sie sich da unten aufhielt, war es ratsam, sie auf keinen Fall zu stören, denn sonst konnte ein weiterer Wutanfall die Folge sein.«
»Und hat denn niemand von den Nachbarn jemals etwas bemerkt? Oder von deinen Verwandten? Haben die alle weggeschaut?«
Sarah nickte traurig. »Ja, ich glaube, niemand wollte es wahrhaben.« Sie schluckte und fuhr fort: »Ich hätte es ja auch niemandem erzählt. Es war zu schlimm. Ich bemühte mich in solchen Situationen, mich alleine in meinem Zimmer zu beschäftigen und den Gefühlsaufruhr in meinem Inneren irgendwie selbst wieder zur Ruhe zu bringen. Ich bastelte, malte, häkelte oder spielte mit meinen Puppen. Es herrschte dann eine unheimliche Ruhe im Haus, eine Grabesstille, die mir Angst machte. Es gab jedoch niemanden, dem ich meine Angst hätte mitteilen können. Manchmal erzählte ich meinen Puppen davon oder betete, dann fühlte ich mich getröstet.«
Helmut nahm sie in den Arm und sagte mit fester Stimme: »Mein Gott, wie verlassen du warst! Du musstest mit deinen Ängsten ganz alleine zurechtkommen. Ich bin so froh, dass du mir jetzt all das erzählen kannst und dass ich für dich da sein kann.«
Sarah schmiegte sich an ihn und fühlte sich vollkommen geborgen.
Loredana – August 1990-Mai 1991
Es war heiß im Auto. Als Loredana das Schild mit der Aufschrift ›Zaragoza‹ sah, wusste sie, dass sie ungefähr die Hälfte der Strecke geschafft hatten. Sie und Sergio waren unterwegs von Madrid an die Costa Brava. Sie wollten die Sommerferien im Haus seiner Eltern in Pals verbringen. Alejandro war von María schon vor einer Woche abgeholt worden.
Sie kamen auf der Landstraße gut voran. Loredana freute sich einerseits auf den Urlaub, andererseits bedrückte sie die Lebenssituation ihrer kleinen Familie. Immer wieder gab es Streit zwischen ihr und Sergio und dauernd überlegte sie, wo der Ausweg war. Alle Möglichkeiten, die ihr in den Kopf stiegen, fühlten sich nach kurzem Überlegen wie Sackgassen an.
So war ihr klar, dass sie, sollte sie sich entscheiden, sich von Sergio zu trennen, in Madrid als alleinerziehende Mutter mit einem zehnstündigen Arbeitstag in der Kanzlei Enrique Martín auf Dauer keine Überlebenschancen haben würde.
Die Möglichkeit, mit Alejandro zu ihren Eltern zu ziehen, schied ebenfalls aus. Ihr Vater war bereits gestorben und mit ihrer Stiefmutter verband sie fast nichts mehr.
Immer wieder überlegte sie, ob es sinnvoll wäre, von Madrid nach Pals umzuziehen. Sergio bekniete sie ohnehin schon seit Jahren mit dieser Idee. Er wollte gerne in der Nähe seiner Familie sein und er sagte ihr immer wieder, wie viel Hilfe sie dort mit Alejandro haben würden. Sie hatte sich bislang geweigert, weil sie Angst hatte, von Sergios Familie vereinnahmt zu werden.
Nach sechs Ehejahren, von denen die letzten drei zermürbend gewesen waren, wollte sie jedoch einfach nur, dass etwas weiterging, dass sich etwas an der festgefahrenen Situation, in der sie mit ihm in Madrid lebte, veränderte, denn so wie bisher konnte es einfach nicht mehr weitergehen.
Er hatte sich in der letzten Zeit sogar bemüht, abends weniger oft auszugehen und mehr zu Hause zu sein, aber es nutzte der Ehe nichts mehr. Sie hatte das Gefühl, dass einfach schon zu viel Porzellan zerschlagen worden war, und bezweifelte, dass es noch einmal ein Zurück geben würde. Sie dachte: »Vielleicht wäre es gut, nach Pals zu ziehen, um einfach Bewegung in diese Starre zu bringen.«
Als sie Sergio nach ein paar Wochen ihre Überlegungen mitteilte, war er sofort einverstanden. Noch vor Weihnachten entschieden sie, im kommenden Frühjahr nach Pals umzuziehen. Loredana sah der großen Veränderung in ihrem Leben mit gemischten Gefühlen entgegen, aber die Erleichterung darüber, aus der festgefahrenen Situation in Madrid auszubrechen, überwog ihre Ängste.
Ein paar Wochen vor dem geplanten Umzugstermin überraschte Sergio sie mit der Nachricht, dass ihn seine Firma für ein halbes Jahr nach München versetzt hätte. Sie fiel aus allen Wolken. Er versuchte sie auf seine gewohnte Art zu ›beruhigen‹. »No pasa nada, bonita – ist doch nichts dabei, Liebes«, sagte er zu ihr. Wütend entgegnete sie: »Doch, Sergio, und zwar allerhand. Nämlich, dass ich wieder mit allem alleine bin, mit dem Umzug, mit dem Kauf der Wohnung, die wir uns in Pals angeschaut haben, von der Eingewöhnung in die neue Umgebung, dem neuen Arbeitsplatz und der Anpassung an deine Familie einmal abgesehen.«
Sergio ging – wie meistens – nicht auf sie ein. Er wiegelte weiter ab, bis Loredana das Gespräch beendete. »Für ihn ist es wieder super – er ist weit weg in München, während ich in Pals wahrscheinlich an mehreren Fronten Schwerstarbeit leisten muss«, dachte sie.
Selbst sein Vorschlag, an dem Abend schön essen zu gehen, stieß bei Loredana auf keinerlei Gegenliebe. »Du kannst ja gehen. Ich esse lieber zu Hause.« Woraufhin er sich herabließ, im Supermarkt einkaufen zu gehen und ein Abendessen zu kochen. Dieses verlief schweigsam, wie immer, wenn sie sich nicht stritten oder über Nichtigkeiten unterhielten, denn auf beides hatte Loredana an diesem Abend keine Lust. Ihr Kopf war voll von Gedanken über alles, was in der neuen Lebenssituation auf sie zukommen würde, und sie konnte und wollte diese Gedanken nicht mehr mit Sergio teilen. Wozu auch? Er war ja sowieso nicht da.
Eine Frage schoss ihr allerdings noch durch den Kopf und diese stellte sie ihm auch: »Mein Lieber, von wem ist die Idee mit der Versetzung eigentlich ausgegangen?«
Er schaute sie überrascht an. »Na, von meinem Chef natürlich.«
»Und hast du ihm nicht erzählt, wie deine familiäre Situation ist? Dass wir gerade dabei sind umzuziehen und dass ich dann in Barcelona völlig auf mich gestellt bin?«
Sergio schwieg betreten. Dann sagte er monoton: »Nein, das hätte ja auch sowieso nichts genutzt.«
Vier Wochen später stand der Umzugswagen vor der Tür. Der Abschied von Madrid fiel Loredana nicht schwer. Die einzige Person, die ihr wirklich nahestand, war Marisa, und sie wusste, dass sie den Kontakt mit ihr auch weiterhin halten würde. Enrique Martín verabschiedete sie mit süffisanten Worten – sie hatte nichts anderes von ihm erwartet.
Loredana hoffte von ganzem Herzen, dass es in Barcelona leichter werden würde. Sie hatte eine Stelle gefunden in einer großen Firma, die eine Assessorin für ihre Rechtsabteilung suchte. Die neue Position bedeutete eine berufliche Weiterentwicklung und sie freute sich auf die Herausforderung, die auf sie zukam. Gleichzeitig aber hatte sie auch ein wenig Angst vor dem Firmenwechsel und fragte sich, wie sie wohl mit den neuen Kollegen zurechtkommen würde. Bei ihrem neuen Arbeitgeber handelte es sich um eine Motorenfabrik, in der hauptsächlich Männer arbeiteten. Sie konnte sich ausmalen, dass das Betriebsklima in einem solchen Unternehmen ganz anders sein würde als in einer renommierten Madrider Kanzlei und sie hoffte, dass ihr die Umstellung gut gelingen würde.
Loredana und Sergio hatten eine Wohnung in Pals gekauft, dem kleinen Dorf an der Costa Brava nördlich von Barcelona, in dem Sergios Familie lebte – genau genommen lag die Wohnung direkt gegenüber dem Haus von Loredanas Schwiegermutter. Von dieser war auch der Vorschlag zum Kauf dieser Wohnung gekommen – mit dem Hinweis, dass es dann für sie leichter wäre, auf Alejandro aufzupassen, da keine weiten Wege zurückzulegen wären.
Loredana konnte sich noch gut an den Tag erinnern, als sie mit Sergio und den Besitzern die Wohnung angeschaut hatten. Sie war ihr eigentlich zu klein und zu dunkel und befand sich zu sehr in der Nähe der vielbefahrenen Durchgangsstraße, von der Nähe zur Schwiegermutter und einer Schwägerin, die im selben Haus wohnte, einmal ganz abgesehen. Aber sie wollte keine weiteren Komplikationen. Sie wollte nur, dass jetzt endlich etwas voranging, und hatte deshalb dem Kauf zugestimmt, obwohl ihr die Wohnung nicht gefiel. Sergio interessierte das ohnehin nicht. Er war zufrieden damit, dass er endlich wieder in der Nähe seiner Familie war, alles Weitere ließ ihn unberührt.
Die ersten Tage in der neuen Umgebung kamen Loredana irgendwie unwirklich vor. Ihr Mann war seit einer Woche in München und Alejandro war viel bei seiner Großmutter. Diese fragte Loredana dann auch gleich, ob er nicht weiterhin bei ihr wohnen könne, dann wäre es für sie leichter, als wenn sie ihn jeden Morgen um halb sieben bei Loredana abholen müsse, bevor diese zur Arbeit fuhr. Loredana konnte die Argumente ihrer Schwiegermutter nachvollziehen und sie sah auch ein, dass es für Alejandro und letztlich auch für sie selbst bequemer wäre. Gleichzeitig würde es jedoch auch bedeuten, dass sie und ihr Sohn sich noch mehr voneinander entfernten. Aber nach den harten Jahren in Madrid an der Seite eines Mannes, der sie nicht unterstützte, hatte sie keine Kraft mehr, sich zu widersetzen. So nahm sie Marías Vorschlag an.
Alejandro hatte zwar ein eigenes Zimmer in ihrer Wohnung, aber er war selten dort. Meist ging Loredana ins Haus der Schwiegermutter, um mit ihrem Sohn zusammen zu sein. Auf gewisse Weise fühlte es sich falsch an, aber sie wusste nicht, wie sie es hätte ändern sollen.
Die Abwicklung des Wohnungskaufes erwies sich als komplizierter als angenommen. Loredana wartete noch auf die Zurückzahlung des Geldes, das sie in Madrid angelegt hatte und das nun als Anzahlung für die neue Wohnung genommen werden sollte. Die Überweisung war längst überfällig und die Besitzer der neuen Wohnung wurden ungeduldig.
Es war für sie sicher ungewöhnlich, mit einer Frau zu tun zu haben, und sie hätten sich wahrscheinlich leichter getan, mit Sergio zu verhandeln. Die Zusammenkünfte mit ihnen waren für Loredana oft unangenehm. Die beiden – ein Ehepaar – behandelten sie mit Distanz und Misstrauen. Oft war sie nach solchen Treffen wütend auf Sergio, darauf, dass er sie so alleine ließ, wo er doch ganz genau um die Mentalität der Ortsansässigen wusste. Wenn Loredana ihm am Telefon von diesen Treffen und ihren Gefühlen erzählte, hörte sie von ihm immer dasselbe: »No pasa nada – alles halb so wild.« oder »Pasa olímpicamente – das kann dir doch gleichgültig sein.« Am Ende hatte sie schon gar keine Lust mehr, ihn an ihren Sorgen teilhaben zu lassen. Wozu auch? Ihm fiel ja sowieso nicht viel dazu ein.
Endlich war das Geld aus Madrid überwiesen worden und der Notartermin konnte stattfinden. Sergio kam für diesen Termin aus München angereist, schließlich kauften sie die Wohnung auf beider Namen. Fast wie der Anflug einer Ahnung ging es Loredana kurz vor dem Termin durch den Kopf, ob es nicht doch besser wäre, die Wohnung nur auf ihren Namen schreiben zu lassen. Aber der gemeinsame Kauf war beschlossene Sache und sie wollte die Entscheidung nicht im letzten Moment kippen.
Als Sergio und sie zur Kanzlei des Notars gingen, hatte Loredana zwar ein komisches Gefühl, aber sie wagte nicht, diesem nachzugeben. Zu gut hatte sie verinnerlicht, dass Pflichtgefühl über momentan auftauchenden Gefühlsregungen zu stehen habe. Das hatte ihre Stiefmutter ihr immer wieder vermittelt.
Sie war eine Frau, die ihr ganzes Pflichtgefühl brauchte, um die Ehe mit ihrem Mann aufrechterhalten zu können, eine Ehe, die in Wirklichkeit schon lange keine mehr war. Loredana überlegte oft, ob ihre Eltern sich jemals geliebt hatten. Ihr Vater war Bürgermeister des Dorfes gewesen, in dem sie an der Costa Brava lebten. Sein Beruf war mit einem gewissen Prestige verbunden und er hatte auch öfters verreisen müssen, sodass Stiefmutter und Tochter oft alleine waren.
Sie hatte diese Zeiten als trostlos in Erinnerung und hatte sich oft gewünscht, ihre leibliche Mutter würde noch leben. Aber diese war früh gestorben und ihr Vater hatte ihr gesagt, dass sie ›brav‹ sein und ihrer Stiefmutter immer gehorchen solle. Diese war eine Frau, die ihre Augen vor allem verschloss, was sie nicht sehen wollte. Einmal hatte sie zu ihr gesagt: »Weißt du, vielleicht hat es andere Frauen für deinen Vater gegeben. Aber ich war immer seine Ehefrau. Das ist so, wie wenn es in einer Stadt mehrere Kirchen gibt. Aber es gibt nur eine Kathedrale. Und die war ich.«
Loredana war Jugendliche gewesen, als sie diese Worte gehört hatte. Sie hatte sie damals nicht verstanden und sie verstand sie auch heute nicht. Wie konnte ihre Mutter behaupten, dass sie ›die Kathedrale‹ sei, und daraus ein Gefühl wie Stolz ableiten, wo doch das natürliche Gefühl Ärger auf ihren Mann hätte sein müssen? Loredana konnte sich das nur so erklären, dass ihre Mutter sehr streng katholisch erzogen worden war und gelernt hatte, dass eine Frau ›alles verzeihen‹ und ihrem Mann stets zu Diensten sein müsse. Der bloße Gedanke daran erzeugte Übelkeit in ihr.
Ein bisschen bedauerte sie auch, mit ihrem Vater nie über all diese Dinge gesprochen zu haben. Sie erinnerte sich an ihn mit Liebe, aber auch mit vielen Fragezeichen. Über seine erste Ehe mit Loredanas leiblicher Mutter hatte er nie gesprochen.
Mit diesen Gedanken war sie beschäftigt, während sie mit Sergio zur Kanzlei des Notars lief. Sie dachte: »Und obwohl ich mich immer so gegen die Ideologie meiner Stiefmutter verwehrt habe, gehe ich doch hier an der Seite eines Mannes, von dem ich nicht genau weiß, ob ich ihn noch liebe, zu einem Termin, von dem ich nicht weiß, ob ich ihn wahrnehmen will, um eine Wohnung zu kaufen, die ich eigentlich auch nicht will.«
Es kam ihr vor, als laufe ein zweites Ich neben ihr her, das die ganze Situation beobachtete und kommentierte. Loredana sah sich wie von außen. Sie kannte dieses Gefühl aus vielen Situationen, die in Zusammenhang mit ihrem Mann standen. Wie meistens bemerkte Sergio nicht, dass etwas in ihr vorging. Er war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich wirklich für seine Frau zu interessieren. Sein Gesicht drückte Selbstzufriedenheit und eine Spur von Arroganz aus – wie so oft. Er war im Begriff, das zu bekommen, was er wollte – eine Wohnung gleich gegenüber von dem Haus seiner Mutter. Sein bequemes Leben für die nächsten Jahre war gesichert.
Die Sekretärin führte sie in ein muffiges, nach abgestandenem Rauch und viel altem Papier riechendes Büro. Der Notar selbst war mittleren Alters und hatte die gelangweilte Attitüde eines Mannes, der seine Schäfchen bereits im Trockenen hat.
Sergio übernahm sofort die Führungsrolle in der Situation, obwohl sie die Wohnung von Loredanas Ersparnissen kauften. Auch das registrierte sie mit Unbehagen, wusste jedoch nicht, wie sie diesem Gefühl Ausdruck hätte verleihen sollen. Die Männer begannen, auf eine kumpelhafte Art und Weise über Fußball zu reden, und sie fragte sich, warum sie sich in solchen Situationen immer wieder in die zweite Reihe stellen ließ. Sie fühlte sich dann oft wie ein kleines Kind, dem die Eltern sagen, dass es warten muss. Ein heißes Gefühl stieg aus ihrem Inneren an die Oberfläche. War es Wut? Oder Ärger? Auf jeden Fall war es ein intensives Unbehagen, das sie verspürte.
Der Notar und Sergio hatten ihre Plauderei beendet und das Verkäuferehepaar war inzwischen auch eingetroffen. Wie selbstverständlich übernahm der Mann der Verkäuferin die Gesprächsführung, obwohl die Wohnung seiner Frau gehörte. Loredana dachte: »Was für eine skurrile Situation – eigentlich müsste diese geschäftliche Transaktion zwischen uns beiden Frauen abgewickelt werden. Sie hat die Wohnung, ich habe das Geld – und trotzdem tun die Männer so, als wären sie die Hauptpersonen.«
Nach einigem Hin und Her waren die Verträge unterzeichnet und sie verließen die Kanzlei als frischgebackene Wohnungsbesitzer. Sergio schlug vor, das Ereignis irgendwo zu feiern, aber Loredana war nicht nach feiern zumute. Wie so oft befand sie sich in der Zwickmühle, Sergios Wünschen nachzugeben, sich dann aber schlecht zu fühlen, oder ihre eigenen Bedürfnisse zu äußern, woraus aber ebenfalls schlechte Gefühle oder zumindest ein schlechtes Gewissen resultieren würden, denn Sergio würde auf seine gewohnte, leicht beleidigte Art und Weise reagieren, wenn sie ihm sagte, dass sie nicht dasselbe wollte wie er.
Sie dachte: »Warum habe ich in dieser Ehe immer nur die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten, die ich beide nicht will? Warum muss ich mich immer entscheiden zwischen zwei Dingen, die beide nicht wirklich stimmig sind? Ich will mich doch einfach nur gut fühlen.«
Sarah – November 2007
Fünf Monate später fand die zweite Verhandlung gegen die Bank statt. Es sollten insgesamt fünf Zeugen der Bank gehört werden.
Eine Woche vorher führte Sarah ein Telefonat mit Frau Gebert, bei dem sie sich selbstbewusster fühlte als bei den vorherigen Gesprächen mit der unnahbaren Frau. Sie sagte: »Frau Gebert, ich erwarte, dass wir diesen Termin gewinnen.« Am nächsten Tag teilte ihr die Anwältin mit, dass sie krank sei. Sie konnte kaum sprechen. Eine Kollegin würde sie vor Gericht vertreten. Sarah dachte: »Irgendwie soll das wohl so sein. Eine andere Anwältin mit mehr Klarheit und Biss kann meiner Sache nur nützlich sein.«
Als sie am Verhandlungstag Frau Messing, die Kollegin von Frau Gebert, auf dem Gang vor dem Gerichtssaal begrüßte, spürte sie sofort, dass die Anwältin aus anderem Holz geschnitzt war. Sie wirkte klar, ohne Schnickschnack und Allüren und ganz auf die Sache konzentriert. »Ja, mit dieser Frau kann ich zusammenarbeiten«, dachte Sarah und nach einem ersten kurzen Gespräch merke sie, dass sie Frau Messing vertraute – mehr, als sie Frau Gebert vertraut hatte.
Sie musste auf der Bank vor dem Gerichtssaal warten. Helmut durfte der Verhandlung beiwohnen. Sie war schon gespannt, was er ihr später erzählen würde. Nach drei Stunden traten die Beteiligten nacheinander auf den Gang hinaus. Die Zeugen der Bank, die Sarah alle gut kannten, grüßten sie nicht. Sie selbst verspürte allerdings auch keinerlei Impuls, mit diesen Menschen in Kontakt zu treten.
Frau Messing trat auf sie zu. »Es ist gut gelaufen. Wir haben einige massive Widersprüche in den Aussagen aufgedeckt und herausgefunden, dass die Zeugen des Geldinstitutes von ihrem Anwalt präpariert wurden. Nun müssen wir abwarten, was der Richter entscheidet.« Dann verabschiedete sie sich mit einem aufmunternden Händedruck von Sarah.
Helmut und sie verließen das Gerichtsgebäude und beschlossen, irgendwo zum Mittagessen hinzugehen. Als sie am Tisch saßen, sagte Sarah: »Leg los. Ich bin total gespannt.«
Er holte tief Luft und berichtete: »Also, es war extrem spannend. Diese Frau Messing ist um Welten besser als Frau Gebert. Sie hat wirklich Biss und hat die Zeugen der Bank zerpflückt. Sie hat gute Fragen gestellt und ist richtig in die Tiefe gegangen. Eine Zeugin behauptete, alle Transaktionen würden in ein Kassenbuch eingetragen, dessen Einträge vier Wochen danach gelöscht würden. Eine andere Zeugin behauptete, die Einträge in diesem Kassenbuch würden erst ein halbes Jahr nach Vermerk gelöscht.«
Er fuhr sich durch die Haare und fuhr fort: »Derjenige, der behauptet hatte, dass er in Urlaub gewesen sei, als du das erste Gespräch mit ihm gehabt hattest, und der darüber ja sogar eine Aktennotiz erstellt haben sollte, wusste plötzlich weder von dem Urlaub noch von der Aktennotiz etwas.«
Sarah holte Luft. Wut stieg in ihr hoch. »Das gibt es doch nicht, dass die alle so lügen und dann auch noch von ihrem Anwalt präpariert wurden. Die haben mir gegenüber also tatsächlich nach dem Motto agiert ›Angriff ist die beste Verteidigung‹.«
Sie nahm einen Schluck Apfelsaftschorle und fuhr fort: »Und deshalb haben sie versucht, mich einzuschüchtern und mir anzudrohen, mich wegen Prozessbetrugs zu verklagen.«
Helmut nickte langsam.
Sarah sprach weiter: »Erinnerst du dich noch an die ungute Situation auf dem Gang des Gerichts, als Frau Gebert so schroff mit mir geredet hat und ich mich fast gedrängt gefühlt habe aufzugeben?«
Er nickte erneut.
»Gott sei Dank habe ich es nicht getan. Gott sei Dank bin ich meiner inneren Stimme und Wahrheit gefolgt und habe entschieden, den Prozess fortzusetzen. Trotzdem muss ich sagen, dass ich geschockt bin angesichts des Ausmaßes an Unverfrorenheit und Verlogenheit des gegnerischen Anwaltes und des Geldinstitutes.«
Sarah bekam in diesem Moment eine Ahnung von der internen Struktur solcher Geldinstitute. Als ein Jahr später die Finanzkrise die Republik erschütterte, verstand sie sehr genau, wie es dazu hatte kommen können, denn sie hatte die Skrupellosigkeit, Kälte und Menschenverachtung, die anscheinend in einigen Banken herrschte, am eigenen Leib erfahren müssen.
Helmut fuhr fort: »Es traten immer mehr Widersprüche auf und der gegnerische Anwalt, der beim ersten Prozesstermin noch so arrogant aufgetreten war, ist immer kleiner geworden. Es war ein deutliches Unbehagen bei den Vertretern der Bank spürbar – und übrigens auch beim Richter. Er hatte sich wohl erhofft, dass sich die Tendenz vom ersten Prozesstag fortsetzen würde und er ein einfaches Urteil fällen könne. Aber das war mitnichten der Fall. Ich bin total gespannt, wie er jetzt reagiert.«
Mit dieser Verhandlung war die Beweisaufnahme abgeschlossen. Der Termin für die Urteilsverkündung war in sechs Wochen anberaumt. Jetzt hieß es hoffen und warten.
Vier Wochen darauf kam ein Schreiben des Richters, in dem er mitteilte, dass die Glaubwürdigkeit des Geldinstituts zwar erschüttert sei, aber die Beweislage in seinen Augen nicht eindeutig genug, um zu einem Urteil zu gelangen. Er bat Sarahs Anwältin um Stellungnahme.
Kurz darauf hatte Sarah einen Termin bei Frau Gebert. Sie hätte viel lieber mit Frau Messing gesprochen, doch Frau Gebert war ja immer noch ihre Anwältin, was Sarah missfiel.
Nach ein paar einleitenden Worten sagte die Anwältin: »Wir haben die Bank ganz schön zerlegt.«
Sarah dachte: »Du hast gar nichts gemacht. Deine Kollegin hat die Zeugenaussagen zerpflückt, nicht du.« Dann sagte sie: »Warum ist Frau Messing bei diesem Gespräch nicht dabei? Sie hat doch die Zeugen bei der letzten Verhandlung befragt.«
Frau Gebert nickte zögerlich. Ihr Unbehagen war offensichtlich. »Ja, vielleicht kommt sie später noch dazu. Sie hat momentan einen anderen Termin.«
»Das ist aber ungünstig. Ich hätte sie gerne bei dem Gespräch dabei.«
Die Anwältin stand abrupt auf. »Ich werde schauen, wo sie ist.« Nach fünf Minuten kam sie zurück und teilte Sarah mit, dass die Kollegin in Kürze zu dem Gespräch hinzustoßen werde.
Als diese kam, erkannte Sarah sofort an ihrem Gesichtsausdruck, dass sie die Dynamik der Gesprächssituation erfasste. Sie merkte auch, wie unbehaglich Frau Gebert sich fühlte, als sich Sarah bei Frau Messing für die Vertretung beim letzten Prozesstermin bedankte. Nachdem sie kurz das weitere Vorgehen besprochen hatten, schaute sie auf die Uhr und sagte: »So, dann wären wir ja durch. Wir schreiben eine Stellungnahme, in der wir alle wichtigen Widersprüche aufführen, und senden diese nach Überprüfung durch Sie, Frau Breuner, ans Gericht.«
Sarah ging das alles zu schnell, aber Frau Gebert war schon aufgestanden und Frau Messing traute sich offensichtlich nicht, ihrer Kollegin zu widersprechen.
Als sie auf die Straße hinaustrat, schien die Sonne. Sie dachte: »Wenn alle Anwälte so arbeiten wie Frau Gebert, dann wundert mich die Unzufriedenheit der Mandanten nicht«, und verspürte auch einen Ärger über sich selbst, weil sie nicht noch andere Anwälte konsultiert hatte, bevor sie sich für die Zusammenarbeit entschieden hatte.
Бесплатный фрагмент закончился.
