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Ulrike Barow

Dornröschen muss sterben

Baltrumkrimi


Zum Autor

Ulrike Barow wuchs in Gütersloh auf und machte eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Danach zog es sie zum Lieblingsurlaubsort ihrer Kindheit, der kleinen Nordseeinsel Baltrum. Dort lernte sie ihren Mann kennen und arbeitete im Einzelhandel sowie im familieneigenen Vermietungsbetrieb. Nebenbei verfasste Ulrike Barow Artikel für die Lokalzeitung. Vor einigen Jahren griff sie die Idee auf, Baltrum-Krimis zu schreiben. Viele Kurzgeschichten sind seitdem ebenfalls entstanden. Inzwischen lebt sie mit ihrer Familie nicht nur auf der Insel, sondern auch in der schönen ostfriesischen Stadt Leer.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2020

(Originalausgabe erschienen 2009 im Leda-Verlag)

Herstellung: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer

unter Verwendung eines Fotos von: © dirk / stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6424-9

1

»He, du, ›mitmachen‹ heißt die Devise. Hier sind zwei Felder, wie du siehst, und auf dem einen fehlt uns noch genau eine Person für die komplette Mannschaft. Also, auf geht’s. Du kannst doch Volleyball spielen, oder?«

Hendrik registrierte erst, dass er gemeint war, als eine große, blonde Frau lachend auf ihn zukam und ihm einen rot-weißen Ball in die Hand drückte. Er hatte sich auf einen ruhigen Strandspaziergang gefreut. Nun sah er, dass die weite Sandfläche zwischen Randdünen und Badestrand mit buntem Flatterband in viele Felder aufgeteilt war. Verunsichert schaute er auf den Ball.

Er wollte sich mit mangelnder Spielpraxis herauswinden, aber die Blonde redete unbekümmert weiter auf ihn ein. »Gehörst du auch zu ’nem Verein? Ach nee, bestimmt nicht, sonst würdest du nicht so verträumt hier rumstehen und den Möwen nachschauen. Ich bin übrigens Britta. Britta Saathoff vom Postsportverein aus Leer. Ich gehöre zu den Leuten, die die Strandspiele vorbereiten. Am Himmelfahrtstag fangen sie an. Hast du doch bestimmt schon von gehört? Drei Tage lang Sport, Spaß und gute Laune.«

»Also, ehrlich gesagt war ich bis jetzt fast nur am Hafen.« Hendrik zuckte bedauernd mit den Schultern. »Aber wenn ich gewusst hätte, was hier los ist, wäre ich natürlich schon viel früher mal vorbeigekommen. Ich heiße Hendrik und bin mit der Antje hier.« Hendrik glaubte, Bedauern in Brittas Augen zu lesen und beeilte sich richtigzustellen: »Die Antje ist mein Segelboot. Eine Hai 590. Mit dem liege ich im Bootshafen. Du kannst es dir gerne mal anschauen, wenn du magst.«

»Komme ich drauf zurück, wenn mir meine Truppe mal Ausgang gibt. Aber jetzt wird gespielt. Gehört auch zur Vorbereitung. Man muss schließlich fit sein, wenn die anderen Vereine mit ihren Spielern hier auflaufen.« Britta drehte sich um und sprintete zum Volleyballfeld. Ihm blieb nichts anderes übrig, als ihr nachzulaufen. Schließlich hielt er immer noch den Ball in der Hand.

2

Die Leinen und Taue der Segelboote im Baltrumer Hafen sangen eine immer wiederkehrende monotone Melodie, und das dunkle Hafenwasser brach sich mit leisem Gluckern an den Booten, als Hendrik am Himmelfahrtsmorgen die karierte Gardine vor dem kleinen Bullauge zur Seite schob. Was er sah, rief ein zufriedenes Lächeln auf sein Gesicht. Blauer Himmel. Genau das Richtige, wenn man sich mit einer netten Frau in den Dünen treffen wollte. Drei wunderschöne Tage und Nächte hatte er jetzt schon mit Britta verbracht und hätte auch nichts dagegen einzuwenden, wenn es bis zu seiner Abfahrt so weiterginge.

Er stand auf, verstaute sein Bettzeug und öffnete die Luke. Draußen schaute Klaas Bengen bei den drei Neuankömmlingen, ob alles in Ordnung war.

»Moin, Klaas, was macht dein Boot?«, rief Hendrik. Er wusste, dass er den muffeligen Hafenmeister damit ordentlich ärgern konnte, denn dessen Motorboot lag noch hoch und trocken wegen eines Maschinenschadens auf einem Trailer am Bootshaus. Genau konnte er die Antwort nicht verstehen, es klang aber so ähnlich wie ›Leck mich doch‹. Das hättest du wohl gern, dachte er grinsend.

Mit Kulturbeutel und Handtuch machte sich Hendrik auf den Weg zu den Duschen hinter dem Bootshaus.

Fast alle Stege waren mit Booten belegt, und bei den meisten bestand die Besatzung aus ganzen Familien, sogar mit Bordhund. Vater wollte segeln und alle mussten mit. Ein Boot war nicht billig, also wurde es abgewohnt und abgeurlaubt, ob es der Familie nun passte oder nicht. Gelangweilte Ehefrauen, maulende Kinder, der Hund konnte auch nicht immer, wann er musste, Hauptsache: Papa hatte Spaß. Genau vor Hendrik betrat gerade so ein typischer Fall von Segler die Dusche. Klaus Kuhlmann. Er hatte zwar keine Kinder an Bord, soweit Hendrik es mitbekommen hatte, aber einen Hund. Und eine äußerst attraktiv aussehende Gattin. Klaus Kuhlmann war mit der Achteran im Hafen. Blöder Name, fand Hendrik.

»Moin, Hendrik, stell dir vor, meine Fock ist im Eimer, dabei wollten wir noch weiter nach Langeoog. Ich will doch in dieser Woche alle sieben Inseln schaffen. Borkum, Juist und Norderney habe ich schon durch. Leider wartet am Montag aber wieder die Arbeit auf mich. Meine Frau hat sogar schon vorgeschlagen, das Boot bis zum Sommer hier liegen zu lassen und noch zwei Tage lang eine Fahrradtour am Festland zu machen. Habe ich ihr aber gleich gesagt, kommt gar nicht in Frage. Ich fahre nachher nach Norden zum Segelmacher und komme abends wieder. Ich hoffe mal, dass der Zeit hat. Wird auch wieder teuer, aber was soll’s. Meine Schnucki kann solange auf das Boot aufpassen oder mal ’nen Gang zum Strand machen. Morgen geht’s dann weiter. Herrlichstes Segelwetter!«

Der Rest der Ansprache ging im Rauschen der Dusche unter. Das ersparte Hendrik netterweise die Antwort. Heute war Himmelfahrt, auch für Segelmacher ein Feiertag. Aber das sollte der Kerl man selber rausfinden. Vielleicht würde er ›Schnucki‹ zum Kaffee einladen. Falls Britta keine Zeit hatte.

Nach dem Duschen holte er sich einen Becher Kakao vom Verhungernix, dem Hafenkiosk, und beobachtete die Neuankömmlinge, die gerade von der Baltrum I kamen. Es war erstaunlich warm für Anfang Mai. Selbst der Wind, der oftmals die Temperaturen um einige Grade niedriger als am Festland erscheinen ließ, wehte sanft aus Süd und brachte keine Erfrischung mit.

3

Wie aufgereiht an einer Perlenschnur standen Insulaner, die ihre Gäste abholen wollten, am Kai, vor der Brust große Holzschilder mit den Namen der jeweiligen Häuser.

Der Strom der Gäste wollte kein Ende nehmen, während die Besatzung der Fähre die Container mit dem Gepäck entlud. Ein Durcheinander von Menschen, Gepäckkarren und Pferdekutschen wartete darauf, sich zum langen Marsch über die Hafenstraße zu formieren.

Auch Wolf Arnken und sein Sohn Jannis hatten sich eingereiht.

Endlich wieder auf Baltrum! Wolf freute sich. Ein ganzes Jahr war seit dem letzten Aufenthalt vergangen, aber im traditionellen Himmelfahrtsdurcheinander am Hafen war er schnell wieder heimisch.

»Papa, hier steht unsere Wippe. Ich passe drauf auf, und du holst die Koffer, okay?« Jannis Arnken hatte damit schnell eine Aufgabenverteilung vorgenommen, der sich sein Vater kaum entziehen konnte. Immerhin war Wolf einen Kopf größer als sein vierzehnjähriger Sohn. Das war gut für den Überblick.

Er nickte Jannis zu und versuchte, sich zum Container Nummer 13 vorzuarbeiten. Schmerzhaft schloss sein Knie Bekanntschaft mit der Wippe von Haus Silbermöwe. Verletzungen beim Kampf um das Gepäck waren nicht ungewöhnlich, wenn der Anleger wieder einmal voll war. Weiter. Nach gut fünf Minuten hatte Wolf es geschafft. Er griff die beiden Koffer, aber noch ehe er die Stätte mit seiner Beute verlassen konnte, stellte er fest, dass er beinahe ein falsches Gepäckstück in seine Karre geladen hätte. Schon stand der rechtmäßige Besitzer neben ihm und nahm ihm mit einem schnellen Griff die Tasche aus der Hand.

»Entschuldigung«, murmelte Wolf, erwischte diesmal die richtige Tasche und kehrte zu seinem Sohn zurück. »Jetzt ist mir klar, warum du nicht gehen wolltest. Jedes Jahr das gleiche Theater. Aber was soll’s. Wir haben Ferien!«

Jannis grinste. Er freute sich schon seit Wochen auf die paar Tage mit seinem Vater. Und auf seine Kumpel, die auch jedes Jahr zur gleichen Zeit mit ihren Eltern auf die Insel kamen. Seit einigen Jahren fanden an diesem Wochenende außerdem die Strandspiele statt, initiiert vom Niedersächsischen Turnerbund und für jeden offen. Da konnte er sich richtig austoben und viele neue Leute kennenlernen.

Im Ferienhaus Marianne wurden sie als gute Freunde empfangen, denn Wolf Arnken war schon als Kind mit seinen Eltern bei dem alten Ehepaar Kanter häufig zu Gast gewesen. Die beiden lebten nicht mehr, aber ihr Sohn Erwin hatte mit seiner Frau die Pension weitergeführt und Wolf Arnken war nun wiederum mit seiner Familie Stammgast im Hause.

»Haben wir die gleichen Zimmer wie im letzten Jahr?«, fragte Jannis. Henriette Kanter nickte, und Wolfs Sohn setzte sich, beladen mit Gepäck, stöhnend in Bewegung.

»Kannst man von Glück sagen, dass ich meine Magnete alle in der Küchenschublade liegen habe, sonst kämst du gar nicht die Treppe hoch«, rief Erwin Kanter leutselig hinter dem Vierzehnjährigen her, der stolz in beiden Ohrläppchen je zwei silberfarbene Ringe trug, die bei jedem Schritt hell klingelten.

»Cool bleiben, Mann, ist doch nur blanker Neid.« Jannis schüttelte seinen Kopf, dass die Creolen noch lauter klimperten.

»Wie ist es, Wolf, wollen wir zur Feier des Tages einen Lütten zu uns nehmen, wenn ihr die Koffer ausgepackt habt?«, fragte Kanter. »Wir sind mit der Arbeit auch fast durch, und außerdem ist nicht nur Himmelfahrt, sondern auch Vatertag, also Grund genug, eine Rast in unserer Küche einzulegen.«

Wolf Arnken nickte ergeben. Eigentlich reizte das Wetter eher zu einem Strandspaziergang, aber er wusste, dass er nicht darum herumkommen würde, über die neuesten Ereignisse im Leben seiner Familie zu berichten. Und zwar ausführlich. Gleichzeitig würde er alles erfahren, was sich während seiner Abwesenheit auf der Insel zugetragen hatte. Auch ausführlich. »Okay, treffen wir uns um elf. Schönen Gruß von meiner Frau übrigens noch. Anke wäre so gerne mitgekommen. Aber der Dienst im Krankenhaus, ihr kennt das ja. Sie will demnächst alleine mal ’ne Woche kommen. Falls ihr ein Zimmer frei habt.«

Erwin Kanter nickte. »Für euch doch immer.« Und augenzwinkernd fügte er hinzu: »Aber jetzt ein paar Tage ohne Gattin, das ist doch auch ganz schön, oder? Dann bis gleich. Der Genever steht schon kalt.«

Oben an der Treppe wurde Wolf von Jannis empfangen. »Na, wird der erste Urlaubstag wieder wie im Rausch vorbeiziehen, Pappilein?«

»Halt bloß dein vorlautes Mundwerk, sonst schicke ich dich gleich zurück nach Bremen, mein lieber Freund. Mit der Bahnhofsmission! Und wehe, du petzt Mama was, dann gibt’s, dann gibt’s …«

»Ein leckeres Abendessen im Hotel Fresena, wenn ich bitten darf, dann schweige ich. Und bis dahin hast du frei, weil ich mich um wichtigere Dinge kümmern muss, wie zum Beispiel alte Freunde und junge Damen, die zwar jetzt noch dem Ball, in Kürze aber mir nachlaufen werden. Tschüss!«

Bevor Wolf auch nur die Chance hatte, die Frage loszuwerden, wann der Sohn denn seinen Koffer auszupacken gedächte, war er schon alleine. Er ließ sich lang aufs Bett fallen.

Urlaub.

Seine kleine, aber erlauchte Detektei in der Bremer Innenstadt hatte er für vier Tage geschlossen. Sogar sein Handy lag ausgeschaltet zu Hause. Zu viele Klienten kannten seine Nummer und machten zu jeder Tages- und Nachtzeit Gebrauch davon. Er hatte mit seiner Frau verabredet, über das Handy von Jannis Kontakt mit ihr zu halten. Das musste genügen.

Endlich einmal Ruhe. Wie war das noch? ›Keine Staus. Keine Kompromisse‹. Er grinste und ließ seine Gedanken von einem großen Bier zu einem kleinen Genever schweifen, was ihn zwangsläufig wieder an seine Verabredung erinnerte. Um elf in der Küche. Also los.

Schnell verstaute er seine Sachen in dem schönen alten Eichenschrank. Familie Kanter hatte immer darauf Wert gelegt, dass sich ihre Gäste besonders wohl fühlten, und war im Winter, wenn nichts los war, häufig am Festland bei Antiquitätenhändlern auf der Suche nach besonders ausgefallenen Möbelstücken. Die stellten sie dann aufwändig restauriert in ihre Gästezimmer. Wolf mochte diesen Stil, er vermittelte ihm das Gefühl von Beständigkeit und Sicherheit. Auch wenn die Betten manchmal quietschten. Das ist eben der Atem des Alters, dachte er und war stolz auf seine lyrische Ader.

4

Hendrik hatte genug von der Wuselei am Hafen. Er machte sich auf den Weg zum Strand. Mit Britta war er zwar erst für den Nachmittag verabredet, aber er hoffte, sie könnte bereits am Morgen ein wenig Zeit für ihn erübrigen. Allerdings war ihm bewusst, dass jetzt, da alle Teilnehmer der Strandspiele angereist waren, in der Mehrzweckhalle wohl ein ähnliches Gedränge herrschte wie am Hafen.

Langsam schlenderte er über die Hafenstraße. Alles genau geregelt, dachte er spöttisch, als ihm wieder einmal die weiß gezogene Linie auf der Straße klarmachte, dass Fahrradfahrer und Fußgänger strikt voneinander getrennt den Weg in den Ort anzutreten hatten.

Rechts von ihm stieg eine einmotorige Cessna gegen den Wind vom Flugplatz auf. D-ECHP stand mit großen blauen Buchstaben auf der Seitenklappe. Delta-Echo-Charly-Hotel-Papa, internationales Alphabet, dachte er. Was der Mensch sich so in seinem Leben an Wissensfetzen aneignet, ist schon erstaunlich.

Die Hellerwiesen, die die Hafenstraße begrenzten, zeigten trotz der frühen Jahreszeit einen leichten Ansatz von Braun. Die Gräben waren trocken gefallen. Es hatte einfach zu wenig geregnet in diesem Frühjahr.

Vor dem Nationalparkhaus wartete eine junge Familie auf Einlass. Eines der beiden kleinen Mädchen, die im Bollerwagen saßen, wagte einen Ausbruchsversuch, wurde aber gleich von der Mutter mit schriller Stimme zurückgerufen. »Chantal, geh nich’ aus den Bollerwagen!! Sitzenbleiben, sons hackt’s!!« Chantal war das offensichtlich völlig egal, sie versuchte abermals, aus dem Holzwägelchen zu klettern. Vielleicht ist auch das Wort ›hackt’s‹ in ihrem Sprachschatz noch nicht so ganz angekommen, dachte Hendrik.

Er bog ab, lief an der Post vorbei und sah bald das Baltrumer Wahrzeichen, die Inselglocke, vor sich. Das kantige Holzgestell mit der alten holländischen Schiffsglocke stand auf einem mit Heckenrosen eingefassten Rasenstück neben der alten Kirche. Ein mit Koffern beladener Pferdewagen bahnte sich mühsam einen Weg zwischen Menschen, die sich völlig ungehemmt und achtlos von einer auf die andere Straßenseite bewegten, begeistert von dem Wissen, hier keinem Auto zu begegnen. Vielleicht ist die Idee gar nicht verkehrt, alle Inselstraßen mit weißen Mittelstrichen zu teilen, sinnierte Hendrik. Dann hätten die Urlauber wenigstens eine Richtlinie, im wahrsten Sinne des Wortes. So wie am Festland die Verkehrsschilder für ein weiches Bett von Anweisungen sorgten, in das man sich sorglos hineinplumpsen lassen konnte.

»Mensch, Hendrik, du hier?« In der Eingangstür des Cafés Störtebeker hatte sich eine breite Gestalt mit rötlichen Haaren aufgebaut und lachte ihn fröhlich an. »Das ist mal ’ne Überraschung! Die Welt ist doch klein, nicht wahr?«

»Hallo, Rolle, dich habe ich ja eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Wo kommst du her?«

»Ich bin auf Tagestour«, erklärte Roland Lütjens. »Meine Familie ist zur Seehundaufzuchtstation nach Norddeich gefahren. Sind zwar jetzt noch nicht viele Heuler da, aber etwas zu sehen gibt es dort immer. Ich habe mir die Tiere stattdessen in freier Wildbahn auf der Sandbank angeschaut, und nun bin ich hier. Komm, jetzt gehen wir erst einmal einen trinken. Auf das Wiedersehen.«

Hendrik schaute auf seine Armbanduhr. »Sozusagen Elführtje, unser altes ostfriesisches Trinkritual. Na gut, muss aber für mich kein Alkohol sein. Lass uns ins Strandcafé gehen.«

Nicht ohne Hintergedanken schlug Hendrik seinem alten Bekannten vor, den Weg über den Strand zu nehmen. Zwei Fliegen mit einer Klappe, wie das Sprichwort sagte.

»Weißt du noch, wie wir die Jungs aus Moordorf mit 7:2 vernichtend geschlagen haben?« Roland Lütjens gab Hendrik einen kräftigen Hieb auf die Schulter. »Auswärts, bei denen auf dem Platz? Wie gut, dass der Bus direkt am Bolzplatz geparkt hatte. So konnten wir schnell die Biege machen. Wer weiß, was sonst hinterher noch passiert wäre.«

»Ich erinnere mich«, sagte Hendrik lachend. »Damals waren wir noch richtig fit.«

Die beiden liefen die Schräge beim Strandhotel Wietjes hinunter, zogen ihre Schuhe aus und stapften durch den warmen Sand. Bald hatten sie das Volleyballnetz erreicht. Auf den abgesteckten Spielfeldern wurden Bälle in allen Größen geschlagen, getreten, geworfen und geprellt. Den beiden Männern schlug eine Woge von Gelächter, Spielkommandos und lautstarken Kommentaren zu den Spielzügen entgegen.

Hendrik schaute sich um. Keine Spur von Britta. Vielleicht war sie noch in der Mehrzweckhalle mit der Verteilung der verschiedenen Gruppen auf ihre Nachtquartiere beschäftigt. Einige schliefen in der Schule, einige in der Turnhalle und andere in den Zelten auf dem Gelände des Niedersächsischen Turnerbundes weit hinten in den Dünen.

»Komm, wir gehen weiter.« Hendrik zog seinen Freund aus alten Tagen am T-Shirt aus dem Gedränge.

Kurz vor der großen Halle stoppte Hendrik. »Wart mal eben kurz, muss was nachsehen, bin gleich zurück.« Er bahnte sich einen Weg mitten durch die Sportler, die sich in langen Kolonnen zum Strand bewegten, und warf einen aufmerksamen Blick durch das große Hallentor, aber auch hier keine Britta. Komisch, dachte er. Gerade jetzt, wo die Betreuer am nötigsten gebraucht wurden, war weit und breit nichts von ihr zu sehen.

Nur Marco Schneider, den ihm Britta als Chef und Organisator der Strandspiele vorgestellt hatte, kam fröhlich winkend auf ihn zu. »Kann ich dir helfen, du schaust so ratlos?«

»Hast du Britta gesehen? Ich finde sie auch am Strand nirgends.«

»Nee, tut mir leid, sie ist heute Morgen noch nicht hier aufgekreuzt. In ihrem Zimmer im Hotel Seehof ist sie auch nicht. Zumindest hat sie nicht auf unser Weckklopfen reagiert.« Marco Schneider grinste. »Böse Zungen munkelten schon, sie hätte bei dir auf dem Boot die Zeit verpennt.«

Hendrik schüttelte den Kopf. »Bei mir ist sie nicht geblieben. Sie sagte, sie wolle noch eine Mütze voll Schlaf haben und ist so gegen zwei Uhr heute Nacht gegangen. Na, sie wird sich wohl wieder einfinden, hier auf der Insel geht so leicht ja nichts verloren.« Die beiden lachten und Hendrik verabschiedete sich mit einem kurzen Nicken.

Er versuchte, Britta über ihr Handy zu erreichen. Fehlanzeige.

5

Roland Lütjens hatte sich am Strandaufgang auf einen der Zaunpfähle gesetzt. Es war zwar unbequem, aber immer noch besser, als zu stehen. Wie der Zufall doch manchmal spielt, dachte er, da macht man einen Inselausflug und trifft unversehens auf einen alten Freund aus Jugendtagen. Sie hatten viel zusammen unternommen damals, gemeinsam Sport getrieben, waren zum Angeln ans Große Meer gefahren und hatten im Motodrom von Halbemond den Motorrädern hinterhergesehen, wie sie Staub aufwirbelnd und mit quietschenden Reifen ihre Runden gedreht hatten.

»Na, was hast du denn hier im Gewimmel gesucht?«, fragte er Hendrik, der mit hängenden Schultern auf ihn zugetrottet kam.

»Nicht was, sondern wen. Britta heißt sie, aber ihre Leute haben sie heute Morgen auch noch nicht gesehen. Komisch ist das. Ich kenne sie zwar erst seit drei Tagen, hätte sie aber als zuverlässig eingeschätzt. Schließlich hat sie ihre Turngruppe vom Postsportverein zu betreuen. Bin gespannt, wie sich das aufklärt. Aber jetzt auf ins Strandcafé. Hoffentlich finden wir bei dem schönen Wetter draußen noch ein gemütliches Plätzchen.«

Roland Lütjens folgte seinem alten Freund. Bald hatten sie einen freien Tisch ergattert und jeder einen kräftigen Kaffee vor sich stehen.

Die nächste Stunde verbrachten sie damit, die Vergangenheit Revue passieren zu lassen. So unterschiedlich ihre Lebenswege verlaufen waren, waren sie doch immer ihrer Heimat treu geblieben. »Du hast doch damals eine Lehre in der Verwaltung im Norder Rathaus gemacht, oder?« fragte Hendrik.

Lütjens nickte. »Staubtrockene Angelegenheit, aber ich habe bis zur Prüfung durchgehalten.«

»Ich habe eine Lehrstelle in Delmenhorst gefunden«, erzählte Hendrik, »und bin nach der Ausbildung tatsächlich eingestellt worden. Dann kam das Übliche, Heirat, Hobbys, das alltägliche Leben halt. Bis meine Frau das alltägliche Leben meines Nachbarn immer mehr schätzen lernte. Da war es aus mit Delmenhorst. Die Stelle habe ich auch gekündigt. Ich hatte keinen Bock mehr auf diese Stadt. Bin dann heim zu Muttern. Wo wohnst du jetzt?«

»In Bad Zwischenahn. Ist auch nett da. Ich habe zwei Kinder inzwischen und führe ein ganz normales Familienleben. Du musst unbedingt mal kommen und uns besuchen. Und dein Zuhause ist jetzt wo? Bei deiner Mutter?«

Hendrik erzählte ihm, dass die Antje zurzeit sein Zuhause war. »Bei meiner Mutter in Norden habe ich noch ein Zimmer und einen Briefkasten. Für alle Fälle. Wenn das Arbeitsamt sich meldet. Ich habe schon alles Mögliche versucht, aber als Chemielaborant sind die Möglichkeiten hier im Norden eher begrenzt. Wenn ich bis zum Herbst nichts finde, werde ich wohl nach Süddeutschland gehen. Auch wenn es einem Ostfriesen schwerfällt, die Heimat zu verlassen. Auf Dauer ohne Arbeit ist aber auch kein richtiges Leben und das Arbeitsamt sitzt einem natürlich im Nacken. Aber bis dahin«, er grinste, »werde ich mir den frischen Nordseewind um die Nase wehen und wie ein richtiger Seemann in jedem Hafen eine Braut weinend zurücklassen. Eine Ehe ist genug. Bringt ja doch nichts. Nur Stress und Ärger. Tja, und dann habe ich vor drei Tagen am Strand die Britta kennengelernt. Sie hat mich erst zum Volleyballspiel und dann noch zu ein paar anderen netten Sachen verführt.« Hendrik machte dazu eine Handbewegung, die nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig ließ.

Roland Lütjens schaute ihn skeptisch an. »So genau wollte ich es eigentlich gar nicht wissen.«

»Du hast recht, war nicht so gemeint«, sagte Hendrik bedauernd. »Wir hatten wirklich bis jetzt eine schöne Zeit. Ich habe gar nicht mehr geglaubt, dass es auch nette Typen unter den Frauen gibt. Als meine Ex damals die Seiten gewechselt hat, da war ich so sauer, ich hätte die glatt um die Ecke bringen können.«

»Na, na, komm, ein bisschen vornehme Zurückhaltung bitte. So schnell bringt es sich nicht um. Du siehst doch, das Leben geht weiter.« Roland Lütjens umfasste mit einer ausholenden Armbewegung die Menschen um sie herum. »Schau sie dir an. Alles gut gelaunte Urlauber. Meinst du nicht, die hätten nicht auch schon dicke Probleme im Leben gehabt?«

Hendrik wunderte sich. »Das klingt ja, als wärst du Pastor und kein Verwaltungshengst. Ich habe es doch nicht so gemeint. Obwohl, wenn ich es recht überlege, mit meinem Chemiewissen könnte ich schon den einen oder anderen … Und ein kräftiger Schlag mit dem Hammer oder ein dickes Tau um den Hals würde im Notfall auch reichen.« Hendrik brach in lautes Lachen aus und konnte sich erst recht kaum beruhigen, als er Roland Lütjens’ mühsames Grinsen bemerkte. »Ist dir das Thema zu gruselig?«

Lütjens schüttelte den Kopf. »Nein, zu beständig. Komm, lass uns einen Gang machen. Ich will die Insel noch ein bisschen besser kennenlernen.«

»Okay, aber vorher muss ich noch mal kurz, du weißt schon. Für kleine Flamingos.«

Roland Lütjens nickte. »Alles klar. Bis gleich.« Er trank den letzten Schluck Kaffee aus und dachte darüber nach, was sein alter Freund ihm erzählt hatte. Hendriks Leben schien aus den Fugen geraten zu sein. Ehefrau weg, keine Wohnung, und ein Leben auf der Antje konnte Roland sich nur vorübergehend als lohnendes Ziel vorstellen. Vielleicht war er aber auch nur zu bieder geworden mit Familie und Reihenhaus in Bad Zwischenahn. Allerdings war die Ordnung in seinem Privatleben genau das, was er brauchte, wenn er von seinem Dienst nach Hause kam. Ein Dienst, der ihn zeitlich und nervlich so manches Mal auf das Äußerste forderte.

Doch jetzt war Urlaub. Erst nächste Woche würde er wieder arbeiten müssen. Und heute Abend würde seine Familie ihn in Neßmersiel wieder in Empfang nehmen und die beiden Kleinen würden ihm mit leuchtenden Augen von den Seehunden erzählen.

6

Soll ich Ihnen mal sagen, was ich vom Leben halte? Ehrlich gesagt, nicht viel. Wenn Sie nicht ganz oben mitschwimmen bei den Großen und Reichen, haben Sie keine Chance. Man ist der letzte Dreck. Wenn Sie den Mund aufmachen, hört Ihnen kein Mensch zu. Wo finden Sie denn heutzutage noch Halt? Was sind Werte wert? Die hohen Politiker schaufeln in die eigene Tasche. Die Pastoren predigen Wasser und saufen Wein. Freunde verraten dich an den Erstbesten, der vorüberläuft. Ja, Freundschaft, diesen Zustand können Sie komplett vergessen. Kennen Sie das nicht auch, das Gefühl, durch alles alleine durchzumüssen? Kennen Sie nicht? Aber ich. Auf nichts ist Verlass.

7

Wolf hatte es sich in der Küche neben Erwin Kanter gemütlich gemacht. Es war Mittag geworden und der Pegel der Flasche Genever näherte sich stetig dem Flaschenboden. Allerdings hatten die beiden daran nicht allein gearbeitet. Auch andere Pensionsgäste hatten ihre Köpfe durch die Tür gesteckt und sich nicht lange bitten lassen.

»Ist das schön, wieder hier zu sein. Die paar Tage habe ich auch bitter nötig.« Wolf lehnte seinen Kopf an die Rückwand des blauen Ostfriesensofas, das mit seiner elegant-gemütlichen Form der Blickpunkt der Küche war. »Was gibt es denn im Bootsclub Neues?«, fragte er mit halb geschlossenen Augen seinen Wirt, der nebenbei auch 1. Vorsitzender des Vereins war.

»Ach, nichts, eigentlich«, antwortete Kanter. »Der Bootshafen ist im Moment voll mit Gastliegern, vornehmlich aus Niedersachsen und Holland. Die meisten bleiben nur eine Nacht und werden wie in den letzten zwei Jahren von Klaas Bengen >bewacht<. Es ist uns zwar noch nicht gelungen, ein Mindestmaß an Freundlichkeit aus ihm herauszulocken, aber er versieht seine Arbeit gewissenhaft. Bis wir einen Neuen finden, müssen wir halt mit ihm vorliebnehmen. Zurzeit ist er besonders knurrig. Sein Bootsmotor ist kaputt und er hat wohl kein Geld für die Reparatur. Er ist so ein richtiger Einzelgänger, aber harmlos. Wäre doch noch ein Job für dich. Im Sommer hier, im Winter in Bremen.« Erwin Kanter lachte.

»Du, ich könnte mir schon vorstellen, hier ein paar Monate im Jahr zu verbringen, aber sowohl mein Kundenstamm als auch meine Familie würden definitiv Einspruch erheben. So, schenk uns man noch einen ein, und dann geh ich an die frische Luft. Mal sehen, ob sich Jannis irgendwo herumtreibt.« Wolf hielt seinem Gastgeber auffordernd sein leeres Glas entgegen.

Der Wirt nahm die Flasche aus dem Gefrierschrank, und es ertönte ein sattes Gluckern, als er die beiden Gläser füllte. »Auf eine gute Saison!« Die beiden stießen an.

In diesem Moment steckte Henriette Kanter den Kopf zur Tür herein. »Jetzt hat mein Fahrrad doch schon wieder einen Platten. Erwin, los, sei so freundlich. Ich muss gleich ganz schnell in den Insel-Markt und auch noch zum Rathaus. Ich brauche dringend neue Veranstaltungskalender, und mit deinem Herrenrad kann ich einfach nicht fahren. Ich habe ja immer gesagt, kauf dir ein Damenrad, aber du …«

»Ja, Henriette, natürlich, Henriette, wird sofort erledigt, meine Süße.« Mit einer eleganten Schlenkerbewegung stand Erwin Kanter auf. »Lieber Wolf, wie du hörst, die Pflicht ruft. Ich schätze, wir müssen unsere gemütliche Runde auflösen.«

Auch Wolf blieb nichts anderes übrig, als seinen inneren Schweinehund zu ignorieren und sich an der frischen Luft zu regenerieren. So nahm er den direkten Weg zur Haustür, obwohl seine Beine den Weg die Treppe hinauf in sein Zimmer bei Weitem vorgezogen hätten.

Als er die Tür öffnete, blendete ihn die kräftige Sonne. Er legte seine Hände über die Augen und blickte über den Hafen. Dahinter konnte er bei klarster Sicht die Seehunde auf der Sandbank am Norderneyer Ostende als winzige Punkte ausmachen. Müssten bald auch die ersten Jungen dort liegen, dachte er. Spätestens im Juni sollte es so weit sein.

Er beschloss, um die Strandmauer zu laufen. Als er auf die Uferpromenade bog, musste er sich mit einem beherzten Sprung vor zwei Fahrradfahrern retten. In ein fröhlich lautes Gespräch vertieft, hatten sie sämtliche Verbotsschilder und auch ihn völlig ignoriert. Aber er hatte sie erkannt. Der Chef seines Lieblingsrestaurants nebst Gattin! Und das zu dieser Uhrzeit! Mittags! Da sollten die doch wohl besser in der Küche stehen. Mindestens, solange er sich auf dieser Insel befand! Da wollte er gleich mal Tacheles reden. Er machte sich auf den Weg zum Restaurant Bliev Sitten, das als letztes Haus im Ostdorf versteckt in den Dünen lag.

Er war schon ein gutes Stück gelaufen, als vor ihm zwei Männer auftauchten. Selbst aus der Ferne bot der eine von ihnen eine imposante Gestalt – groß gewachsen, rötliche Haare – und Wolf irgendwie vertraut. Je näher die beiden kamen, desto sicherer wurde er. Es war tatsächlich Roland Lütjens, 1. Hauptkommissar aus Bad Zwischenahn, der sich dort locker lachend auf ihn zubewegte.

Als Wolf ihn das letzte Mal getroffen hatte, war die Situation völlig anders gewesen. Einer seiner Klienten war während eines Aufenthaltes in Bad Zwischenahn umgebracht worden. Im Zuge der Ermittlungen war Roland Lütjens auf Wolfs Detektei gestoßen, und so hatten sie sich kennengelernt. Die Fotos, die Wolf von der Gattin des Opfers mit ihrem Freund geschossen hatte, hatten dem Kommissar damals sehr geholfen. Ihre Beziehung hatte damals auf gegenseitiger Akzeptanz gefußt, und zuweilen hatte sogar etwas wie Sympathie durchgeblitzt. Aber nachdem der Fall abgeschlossen und die Frau überführt gewesen war, hatten sie sich nicht wieder gesehen.

8

Roland Lütjens stutzte. Den Mann kannte er. Dienstlich, das war ihm klar, und darauf hatte er jetzt und hier keinen Bock. Zumal er seinem alten Freund Hendrik noch nicht von seinem Job erzählt hatte. Nicht, dass er seinen Beruf nicht mochte, das ganz und gar nicht. Er hatte nur einfach keine Lust auf die ständig wiederkehrende Reaktion bei der Nennung seines Berufes. »Mensch, Kommissar, bei der Kripo, erzähl doch mal, muss ja spannend sein. Hast du denn auch schon mal einen richtigen Mord gelöst? Wie sieht so einer denn aus, so ’n richtiger Mörder? Hast du schon mal geschossen?« Immer die gleichen blödsinnigen Fragen und immer die gleichen Antworten. Das hätte er gerne vermieden. Aber jetzt würde ihm wohl nichts anderes übrig bleiben, als Hendrik reinen Wein einzuschenken. Schon sah er den Mann winkend auf sich zukommen.

9

»Roland Lütjens, wenn das mal nicht eine Überraschung ist. Ich grüße Sie.« Lachend begrüßte Wolf seinen Bekannten. »Was führt Sie hierher?«

»Ein Tag Urlaub von der Familie«, erwiderte Roland Lütjens und wandte sich an den Mann, der neben ihm stand. »Hendrik, das ist Wolf Arnken, wir kennen uns beruflich.«

»Auch in der Verwaltung tätig?«, fragte Lütjens’ Bekannter neugierig.

Der Detektiv erkannte erstaunt, dass dieser Hendrik nichts von Lütjens’ Beruf wusste. Wolf würde ihn darüber nicht aufklären. Der Kommissar hatte Gründe für sein Schweigen, und irgendwann kam vielleicht der Zeitpunkt, an dem sich Lütjens daran erinnerte, dass Wolf in dieser Situation zu schweigen gewusst hatte. »Nee, ich arbeite in der freien Wirtschaft«, antwortete Wolf. »Wir haben uns mal in Bad Zwischenahn getroffen.« Was nicht gelogen war.

Schnell wandte sich das Gespräch dem Inselleben zu. »Kommt, Leute, es gibt nichts, was wir nicht auch im Sitzen erzählen könnten!« Wolf steuerte die nächste Bank an, ohne auf die beiden anderen zu warten. Die vielen kleinen Genever in seinem Körper verlangten dringend nach einem Päuschen.

Er verdrehte genießerisch die Augen, als er erfuhr, dass Hendriks Zuhause im Bootshafen lag. »Auf einem Schiff zu wohnen, stelle ich mir wildromantisch vor. Dazu mit einer schönen Frau, äh, natürlich mit meiner schönen Frau, nachts im Mondschein auf einem Boot, das sich im Takt der Wellen bewegt … was kann es Großartigeres geben.«

»Hast recht«, sagte Hendrik. Alle drei waren schnell zum vertrauten ›Du‹ übergegangen. »Ich habe den Wahrheitsgehalt deiner Worte gestern Nacht noch ausprobiert. Leider ist meine Angebetete heute Morgen verschwunden, noch bevor ich sie Rolle vorstellen konnte. Ich verstehe wirklich nicht, dass Britta sich nicht mal bei ihrem Team abgemeldet hat. Ich muss doch gleich noch mal zurück zur Mehrzweckhalle und nachsehen, ob sie eingetroffen ist. Wer soll mir denn sonst die Nacht versüßen?«

»Bei der Lösung dieses Problems kann ich dir leider auch nicht helfen.« Wolf lachte. »Aber vielleicht findet sich im Zweifelsfall noch eine andere nette Dame bereit, die Nacht auf dem Boot mit dir zu teilen.«

»Na ja, eigentlich nicht, aber … ach, vergessen wir’s«, druckste Hendrik herum, bevor er sich an Roland Lütjens wandte. »Wann fährt eigentlich deine Fähre zurück, Rolle?«

»Um siebzehn Uhr, ich will aber vorher noch ins Heimatmuseum, mich dort ein bisschen bilden.«

»Und ich werde mich nun auf den Weg ins Ostdorf machen und dem Bliev Sitten einen Besuch abstatten.« Wolf erhob sich. »Mach’s gut, Rolle, auf irgendwann. Und Hendrik, wir könnten doch mal zusammen ein Bier trinken gehen. Ich wohne im Haus Marianne bei Kanters. Mein Sohn hat sowieso Vollbeschäftigung, also, wenn du Lust hast …«

»Gerne, und falls du dir mal das Boot von innen ansehen willst, jederzeit. Komm einfach vorbei.«

»Auch nachts zum romantischen Mondscheinschauen?«

»Untersteh dich, da bist du einer zu viel.«

»Verstehe ich nicht. Du würdest also tatsächlich Britta den Vorzug vor einer nächtlichen gemütlichen Männerrunde geben?« Lachend schüttelte Wolf den Kopf, winkte den beiden zum Abschied und war in Gedanken bereits bei einem leckeren Essen in seinem Lieblingsrestaurant.

10

»Netter Mann, dein Kollege«, sagte Hendrik. »Solche Stammgäste sind Gold wert für diese Insel. Komm, ich bring dich noch zum Heimatverein, Rolle, und dann werde ich mal wieder zum Boot schauen.«

Einträchtig liefen die beiden zum alten Bummert, der die Ausstellung des Heimatvereins beherbergte. Vor der Tür verabschiedeten sie sich. Sie tauschten ihre Handynummern aus und beschlossen, sich nicht wieder aus den Augen zu verlieren.

Auf dem Weg zum Hafen versuchte Hendrik noch einmal, Britta zu erreichen. Diesmal hatte er Glück.

Sie meldete sich sofort nach dem ersten Klingelton, aber ihre Stimme klang ganz klein und belegt. Hendrik merkte sofort, dass etwas nicht in Ordnung war. Ganz und gar nicht in Ordnung. »Britta, was ist los? Wo warst du die ganze Zeit? Ist was passiert?«

Er hörte Britta leise atmen, dann sagte sie: »Ach, Hendrik, ich musste mal kurz abtauchen. Mein Ex hat angerufen und gedroht, auf die Insel zu kommen. Und das wäre eine mittlere Katastrophe. Er lässt einfach nicht locker und wenn der seine Eifersuchtsanfälle kriegt, dann Gnade uns Gott. Ich bin gleich heute Morgen ganz früh aus dem Haus und um die Insel gelaufen. Damit mein Kopf wieder klar wurde. Ich habe nur der Chefin vom Küchenteam Bescheid gesagt, und die hat das leider nicht weitergegeben. Ich bin jetzt wieder in der Halle, da fühle ich mich sicher mit den ganzen Menschen um mich rum.«

Hendrik wusste nicht, wie er mit der Situation umgehen sollte, fragte dann aber: »Soll ich kommen?«

»Nee, lass man, ich habe heute den ganzen Tag so viel zu tun, wir treffen uns um neun bei dir auf dem Boot. Fünf Uhr schaffe ich nicht.«

Hendrik war froh, nicht ihre Probleme teilen zu müssen. Spaß haben war gut, aber Beziehungskisten? Davon hatte er die Nase gestrichen voll.

Am Anleger war Ruhe eingekehrt. Einige Wattwanderer saßen mit bloßen Füßen vor dem Verhungernix und warteten auf den Wattführer, der ihnen bei Niedrigwasser die Geheimnisse des trocken gefallenen Landstriches zwischen Insel und Festland näherbringen wollte.

Am Steg sah Hendrik sein Boot träge in der Sonne dümpeln. Gleich daneben lag die Achteran.

Aus der Ferne konnte er keine Bewegung auf dem Boot ausmachen. Aber je näher er kam, desto deutlicher schälte sich ein Paar endlos langer Beine heraus, die sich in ihrer Bräune deutlich vom Weiß des Vordecks abhoben. Hendrik dachte an Wolfs Frage nach ›einer anderen netten Dame‹, mit der er eine Nacht auf der Antje hätte teilen mögen. Ob da wohl so eine Art Vorsehung drin gelegen hatte? Tatsächlich war in dem Moment vor seinem geistigen Auge das verheißungsvolle Lächeln von Hedda Kuhlmann erschienen. Genannt Schnucki. Vorsichtig näherte er sich, bemüht, die Planken des schmalen Steges nur ein klein wenig ins Wanken zu bringen. Sozusagen gerade genug, dass Schnucki die Augen aufschlug, jedoch ihre laszive Körperhaltung ansonsten nicht veränderte. Er hatte Glück. Schnucki hatte keinerlei Hemmungen, sich von ihrem Bootsnachbarn ausgiebig betrachten zu lassen.

»Ist es nicht herrlich ruhig hier?«, seufzte sie nach einer Weile. »Klaus ist an Land und hat Wuffel mitgenommen. Welch ein erholsamer Nachmittag. Jetzt noch eine Tasse Kaffee und mein Glück wäre perfekt.«

Eines begriff Hendrik sofort: Dies war eine Aufforderung zum Tanz, wie sie deutlicher nicht sein konnte. »Kein Problem, in zehn Minuten bei mir auf dem Boot, einverstanden?«

»Bring den Kaffee doch lieber hier rüber. Ist gemütlicher.«

In diesem Moment kam Klaas Bengen angeschlürt. »Ist Ihr Mann da? Er wollte mir einen ganz speziellen Schraubendreher ausleihen! Komme schon zum zweiten Mal!«

Hedda Kuhlmann schüttelte den Kopf. »Nein, der ist erst heute Abend wieder auf der Insel. Du kommst am besten morgen noch mal vorbei.«

Klaas Bengen nickte, drehte sich um und verschwand wieder.

»Komischer Kerl«, sagte sie. »Hätte ich ihm ja auch geben können, aber wenn er sich so stur anstellt, bitteschön. Gott sei Dank sind nicht alle Männer so, der eine oder andere würde sich schon von mir was geben lassen, oder? Na, was ist, wo bleibt der Kaffee?«

Hendrik legte einen Zahn zu und verschwand unter Deck.

Oh Mann, oh Mann, dachte er, das ist ja vielleicht ’ne Granate. Ich will doch nur einen Kaffee mit ihr trinken und nicht auch noch die Koje auf der Achteran ausprobieren. Nachts Britta und tags Hedda, das schafft auch der stärkste Schipper nicht. Ich bin gespannt, wie ich aus der Nummer wieder rauskomme. Aber andererseits, wo liegt das Problem? Ich werde ganz cool das Getränk zu mir nehmen und dann abhauen. Termine, und so … kennt man ja. Auf der anderen Seite, wenn sich die Gelegenheit bietet, solch ein Superweib mal aus der Nähe, ganz aus der Nähe, und ohne lästigen Ehemann kennen zu lernen, wie blöd müsste ich dann wohl sein, diese Gelegenheit nicht zu ergreifen, dachte er, während das Wasser langsam durch den Filter sickerte.

Er hatte sich so auf Britta gefreut heute. Dann war sie einfach abgetaucht, hatte sich nicht gemeldet, und nun das: ein aggressiver Ex. Hendrik wollte eine richtig nette Beziehung ohne Verpflichtung, Altlasten und dem ganzen Kram.

Nach dem Kaffeestündchen mit Schnucki würde er aber vielleicht doch noch mal in die Halle schauen. Und Kaffeestündchen war auch so gemeint. So und nicht anders. Das war ihm in diesem Moment völlig klar geworden.

Vorsichtig stellte er die Kanne, Milch, Zucker und zwei Becher auf ein Plastiktablett und jonglierte es auf das Nachbarschiff.

»Komm rein, es muss nicht jeder seine neugierigen Blicke auf uns werfen.« Hedda hatte sich während seiner Abwesenheit ein Nichts von einem Top übergeworfen und winkte ihn in die Kajüte.

Also blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. Aus dem Augenwinkel sah er, dass sie hinter ihm die Tür zum Niedergang schloss.

11

Wolf machte sich auf den Weg zum Ostdorf. Links lag schützend der Deich und rechts von ihm auf den Hellerwiesen genossen einige Pferde ihre Ruhepausen, bevor sie vor den Kutschen wieder ihren Dienst versehen mussten. Zwischen ihnen flogen Möwen, laut kreischend auf der Suche nach Futter. Kurz hinter dem Hotel Dünenschlösschen erreichte er den Friedhof. Er bog ab und öffnete die schwere schmiedeeiserne Tür. Es war für ihn eine gute Tradition, das Grab der alten Familie Kanter zu besuchen. Es befand sich im hinteren Bereich in der Nähe einiger Soldatengräber. Hier lagen die Männer, deren Minensucher vor der Baltrumer Küste auf eine Mine gelaufen und untergegangen war. Alles junge Leute, so hatte man ihm erzählt. Der Gedanke, dass Jannis auch einmal so etwas passieren könnte, verursachte ihm jedes Mal Übelkeit. Seine Familie war ihm wichtiger als alles auf der Welt. Oft genug bekam er in seinem Beruf als Detektiv Abgründe zwischenmenschlicher Beziehungen mit, die er auch seinem ärgsten Feind nicht wünschte. Und schon gar nicht seiner Frau und Jannis.

Er setzte sich auf die kleine Bank und dachte nach. Viel Zeit hatten Anke und er im Alltag nicht zusammen. Aber wenn sie gemeinsam frei hatten, dann nutzten sie diese Stunden, füllten sie mit Leben. Das war nicht immer so gewesen. Vor einigen Jahren hatten sie sich fast auseinandergelebt, aber dann doch noch rechtzeitig die Notbremse gezogen. Was für ein Glück, dachte er, und lächelte, während er aufstand und weiterging.

Im Restaurant Bliev Sitten, oder auch »das letzte Haus vor Langeoog«, wie es der Besitzer Bernhard Ebeling liebevoll nannte, war jeder Platz besetzt. Das war kein Wunder, denn in dem kleinen Gastraum standen nur eine Handvoll Tische. Fröhliches Gemurmel schlug Wolf entgegen, als er eintrat. Das Licht, das durch die breiten Fenster fiel, umflutete die geschmackvolle Tischdekoration.

Eine Speisekarte suchte man hier vergebens. Drei Gerichte gab es täglich, immer wechselnd. Je nachdem, was der Ökohof hinterm Deich in Nesse oder die Netze der Fischerboote in Dornumersiel hergaben.

Dies alles hatte natürlich seinen Preis. Aber für Wolf waren Qualität und Ambiente in diesem Haus unschlagbar. Und das wollte was heißen, war er aus Bremen doch eine ganze Reihe guter Restaurants gewohnt. Dazu kam die Freundlichkeit der Besitzer. Bernhard Ebeling und seine Familie betrieben das Haus in der dritten Generation, und bald würde die vierte das Restaurant übernehmen.

Suchend schaute Wolf sich um. Keine Ebelings weit und breit. Das war noch nie vorgekommen, solange er sich erinnern konnte.

Doch dann konnte er mit einem Blick auf die Schwingtür zur Küche beruhigt aufatmen. Die massige Gestalt des Chefs, angetan mit einer blauen langen Schürze, balancierte drei Teller mit appetitlich angerichteten Seezungen in den Gastraum.

»Ja, ist denn das die Möglichkeit!« Das Gesicht des Mannes verzog sich zu einem breiten Lachen. »Da trudeln alle wieder ein, die mir liebe Gäste sind.«

»Auch wenn du nichts Besseres zu tun hast, als sie auf der Strandmauer über den Haufen zu fahren. Aber das klären wir noch.« Wolf blieb abwartend im Gastraum stehen, während der Wirt mit ein paar freundlichen Worten die Seezungen servierte und dann wieder zu ihm kam.

»Tut mir leid, wir haben dich echt nicht gesehen«, sagte Ebeling. »Das muss ich doch gleich mal Doro erzählen und unser Missgeschick mit einem besonders gelungenen Mittagessen wiedergutmachen. Setz dich eben draußen auf die Holzbank. Gleich wird ein Tisch für dich frei.«

Wolf tat wie ihm geheißen und genoss die Sonne. Sein Alkoholpegel hatte sich inzwischen einigermaßen reduziert, so dass dem Genuss einer exquisiten Mahlzeit nichts im Wege stand.

Zwar hatte er seinem Sprössling ein warmes Abendessen im Hotel Fresena versprochen, aber dem schaute er gelassen entgegen. Heute war Urlaub. Nächste Woche konnte das Fitnessstudio wieder an ihm verdienen.

»Möchtest du auch Seezunge?«, fragte Ebeling. Wolf zuckte zusammen. Er war fast eingenickt. »Oder ist dir das ostfriesische Deichlamm lieber? Als dritte Möglichkeit kann ich dir Spargel mit Norderneyer Seeluftschinken anbieten. Außerdem ist drinnen jetzt ein Tisch für dich frei geworden.«

Wolf folgte seinem Gastgeber und setzte sich an einen der massiven hellen Eichentische, jeder für sich ein Unikat in diesem Gastraum. Von seinem Platz aus hatte er einen herrlichen Blick in die Dünen. Fasane mit ihren halbwüchsigen Küken und Horden von Karnickeln zeigten unbekümmerte Futterlaune und ließen sich auch von den Gästen nicht aus der Ruhe bringen, die manchmal unerlaubt vom Wege abwichen und ihre Fährten kreuzten.

Er hatte Spargel gewählt, und es dauerte nicht lange, bis die weißen Stangen, auf den Punkt gegart, zusammen mit hauchdünn geschnittenem Schinken den Weg zu seinem Platz fanden. Kleine, goldgelbe Kartoffeln und Buttersoße rundeten sein Essen ab. Was kann es Schöneres geben, dachte er, als bei solch einem Wetter auf dieser Insel zu sein, fünfe gerade sein zu lassen und ein perfektes Essen vor sich zu haben?

»Schmeckt es denn?«, hörte Wolf eine dunkle Stimme hinter sich aus Richtung der Küche, und seine Rückenmuskeln zogen sich wie unter einem leichten Elektroschock zusammen. Diese Stimme konnte nur Doro Ebeling gehören, dunkel und heiser von unzähligen braunen Stumpen, die sie zu jeder Tageszeit in ihrer Nähe liegen hatte und mit Genuss rauchte. Jetzt erst wurde ihm bewusst, dass er wegen genau dieser Stimme den langen Weg ins Ostdorf auf sich genommen hatte.

Gut, nicht nur dieser Stimme wegen. Auch Bernhard war ein Supertyp, das Essen einfach genial und die Einrichtung wunderschön. Ach ja, natürlich auch der Blick in die Dünen. Aber das i-Tüpfelchen war eben diese verqualmte, erotische, Wunder versprechende Stimme von Doro Ebeling.

Wolf versuchte gleichzeitig, die Spargelstange herunterzuwürgen, die sich zur Hälfte in seinem Mund befand, die Freude in seinem Gesicht in einigermaßen neutrale Bahnen zu lenken und das Wasserglas abzustellen. So ziemlich alles ging bei diesem Versuch gründlich in und auf die Hose. Dass Doro Ebelings maßloses, unbändiges Lachen einzig und allein seinem Missgeschick galt, machte die Situation nicht besser.

»Nun pass mal auf, dass du dich nicht auch noch verschluckst, sonst hätten wir dich heute bereits zum zweiten Mal auf dem Gewissen, und das ist nicht gut fürs Image.« In ihren grünen, von Lachfalten und von einem dicken schwarzen Kajalstrich eingerahmten Augen blitzte der Schalk. »Wir haben im Rathaus unsere Personalausweise und Pässe verlängern lassen. Warum, erzähle ich dir gleich. Dann dachten wir, wir tun etwas ganz Verruchtes und fahren mit unseren Rädern verbotenerweise über die Strandmauer nach Hause.« Doro Ebeling lachte. »Wir haben die ganze Zeit gehofft, dass der Inselsheriff uns nicht erwischt, und damit waren wir so beschäftigt, dass wir nichts anderes mehr im Blick hatten. Und wenn es dich getroffen hätte, hätte ich mir das natürlich niemals verzeihen können.« Ihre Stimmlage hatte sich um mindestens eine Oktave gesenkt und ihre Augen schienen sich in seinen zu verlieren.

Wolf hatte das Gefühl, vom Kopf an abwärts bis zu den Zehenspitzen gelähmt zu sein. Mit einer Ausnahme vielleicht.

Dies alles dauerte jedoch nur bis zu dem Moment, als Doro Ebeling fragte: »Und, was macht deine Frau? Schnippelt sie immer noch an der Menschheit herum?«

Schlagartig ließ das Lähmungsgefühl nach und er nahm seine Umgebung wieder in ihrer Gesamtheit wahr. »Leider, sie hat Dienst. Sie kommt demnächst aber mal und ich bin sicher, dass ihr erster Weg hierher führen wird.«

»Dann sollte sie sich aber mit dem Kommen beeilen, lieber Wolf. Wir machen es hier nicht mehr lange. Unsere Kinder werden nach der Saison den Laden übernehmen, und wir – ja, wir werden die Welt umsegeln für ein Jahr. Stell dir das mal vor! Daher auch unser Besuch im Rathaus, du verstehst? Das Boot wird gerade bei Abeking und Rasmussen gebaut. In Lemwerder. Der Paul, unser Koch, bleibt. Das ist schon mal eine sichere Bank, und so hoffen wir, auch wenn die beiden noch jung sind, dass das alles hier in unserem Sinne weiterläuft.«

Wolf merkte, wie ihn eine Welle der Enttäuschung durchlief. Baltrum ohne Doro und Bernhard. Das war nicht richtig. Er gönnte es ihnen ja, aber das war wie … ach, er wusste auch nicht wie. Es war einfach nicht fair.

Sie hatte wohl gemerkt, wie schwer es Wolf fiel, diese Neuigkeit zu verdauen. »Wir könnten euch ja in Bremen besuchen, wenn wir unser Schiff abholen. Was hältst du davon?«

»Ist gebongt. Und wenn ihr wiederkommt auch, bitteschön. Wir dürfen uns doch nicht aus den Augen verlieren. Das würde auch Anke nicht gefallen. Aber sag mal, das kostet doch bestimmt eine schöne Stange Geld, wenn ihr bei solch einer renommierten Werft bauen lasst.«

»Das ist richtig. Die Germania ist sündhaft teuer, aber genau richtig für unsere Ansprüche und wunderschön. Sie wird exakt nach unseren Vorstellungen gebaut. Wir haben da mein Erbe reingesteckt. Sonst wäre das auch nicht gegangen. Von einem Esslokal auf Baltrum kann man dieses Schiff nämlich nicht bezahlen. So, jetzt muss ich wieder in die Küche. Die nächsten Menüs warten auf mich. Wir sehen uns später. Bis dann.«

Nachdem Doro wieder verschwunden war, gelang es Wolf, sein restliches köstliches Essen mit Anstand zu verzehren. Bernhard blieb kurz an seinem Tisch stehen und sie verabredeten sich für den Abend im Strandcafé.

Wolf blieb noch eine Weile sitzen, genoss den Augenblick und beschloss, den Nachmittag faul in der Sonne liegend am Strand zu verbringen.

12

Ein fürchterliches Wochenende. Menschen überall. Aufdringlich und nervtötend. Besonders diese sogenannten Turner. Hinterlassen nichts als Dreck. Machen Krach am Strand. Bewegen ihre ach so drahtigen Körper im Sand. Die reinste Provokation. Knappe Höschen und T-Shirts zeigen bei jeder Bewegung nackte Haut. Ich habe das genau gesehen. Sport ist denen doch völlig egal. Lächerlich, wie die sich in den Sand schmeißen, übertrieben und lächerlich. Die nennen das Volleyball und in Wirklichkeit ist es nur Reiben der Körper aneinander. Verstohlen, heimlich jede Möglichkeit nutzend, nackte Beine an nackten Beinen zu schubbern. Ganz genau habe ich das beobachtet. Und nachts werden die Versprechen eingelöst, die die aufreizenden Körper tagsüber am Strand gegeben haben. Ich weiß, wovon ich spreche.

13

Jannis machte sich keine Gedanken darüber, dass er den Koffer samt Inhalt auf dem Bett hatte liegen lassen, als er loszog. Für solche Kleinigkeiten wie Auspacken war einfach keine Zeit mehr gewesen. Schließlich hatte er eine Verabredung. Er war sich sicher, dass Jens schon auf ihn wartete. Sie hatten bereits Wochen zuvor von zu Hause aus E-Mails ausgetauscht, voller Vorfreude auf ihr Wiedersehen. Punkt elf an der Inselglocke. So hatten sie es verabredet. Sie wollten in aller Ruhe über ihr gemeinsames Hobby quatschen, bevor sie mit den anderen zusammentrafen. Im letzten Jahr hatten sie die Clique ordentlich genervt mit ihrem ständigen Erfahrungsaustausch. Zumindest hatten die so getan. Und zugegebenermaßen war Ahnenforschung kein Thema, mit dem man aktuell punkten konnte. Für die beiden aber gab es kaum etwas Cooleres als die eigene Familiengeschichte, der eine in Bremen, der andere in Wattenscheid.

Eigentlich war Jannis durch ein großes Ärgernis zu diesem Hobby gekommen: Welcher Junge mochte schon gerne Johannes heißen? Verstaubt und antiquiert, so lauteten seine Beschreibungen, wenn jemand auf seinen Namen zu sprechen kam. Er hatte früh darauf bestanden, dass alle ihn Jannis nannten. Das klang wenigstens etwas moderner. Das klappte auch. Seine Freunde, Mitschüler, Lehrer, alle nannten ihn Jannis. Sogar seine Eltern. Nur dann nicht, wenn sie sauer waren. Wenn er den Ruf »Johannes« hörte, wusste er genau, dass der unangenehmere Teil des Tages begann.

Dann hatte er angefangen, sich mit seinem Namen zu beschäftigen, denn sein Großvater hatte Johannes geheißen, und auch sein Vater hieß mit zweitem Namen so. Daraus hatte sich im Laufe der Zeit seine Lieblingsfreizeitbeschäftigung entwickelt. Inzwischen kannte er sich in den Generationen vor ihm und deren Zeit so gut aus, als wären seine Vorfahren nicht schon lange tot, sondern ständig bei ihm. Seine Eltern unterstützten ihn, wo sie nur konnten.

Auch wenn sie ihn manchmal »Johannes« riefen und behaupteten, dass es kaum ein nervtötenderes Hobby gab, als sich ständig mit den Geistern verstorbener Familienmitglieder auseinanderzusetzen.

»Mensch, Jens, super, dich zu sehen.«

Jens war zwar genauso alt wie Jannis, war aber mindestens einen Kopf kleiner und hatte eine blonde, von Gel gehaltene Strubbelmähne. Er schlug seinem Freund fröhlich auf die Schulter und beide setzten sich auf den Rasen, das Gerüst der Inselglocke als Rückenlehne nutzend. »Immer nur durchs Telefon oder Internet wird auch mal langweilig. Schon wieder ein Jahr her, seit dem letzten Mal.«

Fast augenblicklich fielen sie in ein Fachgespräch, das so manchen Wissenschaftler in Erstaunen versetzt hätte. Sie redeten und redeten, bis sie merkten, dass die Sonne immer höher gestiegen war.

»Meinst du, wir sollten jetzt mal wie zwei ganz normale Vierzehnjährige das Strandleben genießen?«, fragte Jens.

»Du meinst, mit ins Wasser und Mädchen und dem ganzen Kram?« Jannis strahlte seinen Freund an.

»Genau. Und Sport, und Eis essen. Das ganze Programm halt. Ich habe den anderen vom letzten Jahr gemailt. Die sind fast alle wieder da. Jasmin und Anna habe ich schon auf dem Schiff getroffen. Sie wollten sich am Kajakverleih treffen. Anna habe ich kaum wiedererkannt. Sie war doch so ein bisschen, na du weißt schon, nicht gerade schlank, und die hat jetzt eine …« Jens wurde rot. »… also die hat jetzt eine super Figur, ehrlich. Und ganz lange schwarze Haare.«

»Gut, dass du mich vorgewarnt hast. Wäre sonst ganz schön peinlich geworden, wenn ich mich ihr in blindem Eifer galant vorgestellt hätte.« Jannis lachte. »Noch irgendetwas, das ich wissen müsste?«

»Nee, eigentlich nicht. Jasmin hat sich kaum verändert. Sogar den grün-weißen Werder-Schal, den du ihr im letzten Jahr geschenkt hattest, trug sie um den Hals. Trotz der Wärme.«

Jannis sprang auf. »Na, dann! Stürzen wir uns ins pralle Leben!«

Sie liefen bis zum ersten Strandaufgang. Hier standen die Container von der Surfschule und dem Kajakverleih, ein beliebter Treffpunkt der Jugendlichen. Wer hierher kam, fand sofort Anschluss.

Die beiden wurden mit großem Hallo empfangen. Alle waren versammelt, Jasmin, Maik, Anna, Heiner, Andreas, der Bäcker aus dem Insel-Markt und noch viele, deren Namen Jannis erst wieder ins Gedächtnis zurückholen musste.

»Erzählt, wie habt ihr die unwichtigen Tage zwischen den Baltrum-Urlauben verbracht? Aber bitte, bitte kein Wort über eure Urgroßelterntanten und -onkels. Wir wollen es einfach nicht wissen!« Alle lachten lauthals und eine fröhliche Wiedersehensrangelei begann.

»Los kommt, wir gehen ein Stück weiter zu den emsigen Sportlern«, sagte Heiner schließlich. »Vielleicht lassen die uns mitspielen. Dann können wir denen mal zeigen, wie man das richtig macht.« Er stand auf und klopfte sich den Sand von seinem Bauch, der sich über die knappe Badehose wölbte. Eindeutig ein Zufluchtsort für viele, viele kleine Hamburger mit Pommes, dachte Jannis.

Links und rechts des Bohlenweges, der sie zu den Sportlern führte, saßen Familien in den Strandkörben, beseelt vom Wetter und dem Wissen um ein paar freie, unbeschwerte Tage. In diesem Jahr standen die Körbe besonders eng beieinander, denn die Stürme und Sturmfluten des letzten Winters hatten ein gutes Stück Strand abgenagt. Es würde eine lange Zeit, kräftigen Ostwind und viele heranwandernde Sandbänke brauchen, bis der Strand wieder zu seiner alten Größe herangewachsen wäre.

»He, pass doch auf, wo du hintrittst!« Ein zornrotes Gesicht mit Körper dran hatte sich vor Jasmin aufgebaut, die, einem Schubser von Jens ausweichend, fast in einem Strandkorb gelandet war. »Mir reicht das allmählich. Erst dieser Krach hier am Strand, dann die schreienden Blagen überall und jetzt auch noch du. Kann man hier nirgends seine Ruhe haben? Kann ich ja auch gleich nach Malle fahren und mir den Kopp zudröhnen.«

»Wäre gar nicht schlecht, die Idee«, erwiderte Jasmin, während sie mit zwei langen Sätzen wieder den sicheren Steg erreichte. »Fahrkarten gibt’s im Reisebüro. Und denk dran, Opa, demnächst in der Urne ist es schön stille.« Sie reihte sich seelenruhig wieder in die Gruppe ein und zuckte mit den Schultern. »Der alte Bock hat mich gestern auf dem Schiff schon genervt. Da hat er nämlich seiner Tochter eine gelangt. Scheißkerl. Der kann mich mal.«

Sie liefen weiter, und nach kurzer Zeit hatten sie das erste Spielfeld erreicht. Prellball. Damit kannte sich keiner von der Gruppe aus und sie beschlossen, sich ein wenig beim Volleyball umzusehen. Ganz unauffällig. Unverbindlich. Würden sich in den Sand hocken. Könnte ja sein, dass mal einer der anderen Spieler ausfiele. Dann würden sie schon einspringen. Nur nicht aufdrängen. Aber mitmachen, das wäre schon klasse.

Es dauerte etwa zehn Minuten, dann standen sie alle abwechselnd im Feld. Sogar

der dicke Heiner war dabei.

Auf den T-Shirts ihrer Gegner stand Postsportverein Leer. Und die Truppe war verdammt gut.

Zwei Stunden später und um mehrere Erfahrungen hinsichtlich ihrer sportlichen Laufbahn reicher, lagen Jannis und die anderen fix und fertig im weißen Inselsand. Aber auch die Leeraner bestanden auf einer Pause. Zwei von ihnen liefen zur Mehrzweckhalle und holten eine Runde Mineralwasser für alle. Die nächste halbe Stunde nutzten sie, sich näher miteinander bekannt zu machen. Auch dazu ist so ein Sportfest bestens geeignet, dachte Jannis, bevor er seinem Gegenüber eine höchst komische Geschichte aus dem Leben seines Urgroßvaters mütterlicherseits erzählte.

14

Britta war hin- und hergerissen. Sie fand es total süß, dass Hendrik angeboten hatte, in die Halle zu kommen. Gleichzeitig war ihr aber auch bewusst, dass sie hier einen Job zu erledigen hatte. Sie war als Betreuerin verantwortlich für die Gruppe. Jetzt hatte sie schon den Vormittag verpasst und ihre Arbeit den anderen aufgehalst. Aber sie hatte wirklich nicht damit gerechnet, dass die Vergangenheit in Form ihres Exmannes wieder auftauchen würde.

Er war damals nach Australien gegangen, als sie ihm den Stuhl vor die Tür gesetzt hatte. Schlagen ließ sie sich nur einmal. Danach war Schluss.

Nun war ihm offensichtlich das Geld knapp geworden. Ihre größte Sorge war gewesen, dass er mit der Morgenfähre auf der Insel auftauchen würde. Bis jetzt hatte er sich allerdings nicht blicken lassen. Das änderte aber nichts an der Tatsache, dass sie Angst hatte. Angst vor seiner Aggressivität, Angst vor der Aussicht, dass er sich wieder in ihr Leben einzuschleichen versuchte, und Angst, dass er ihre Beziehung mit Hendrik herausbekäme. Obwohl ihn das überhaupt nichts anging. Sie waren seit Jahren geschieden. Und trotzdem.

Sie wünschte nichts sehnlicher, als dass er wieder aus ihrem Leben verschwinden würde.

»He, Britta, aufwachen, deine Gruppe will was zu trinken haben. Wo steht euer Vorrat?«

Britta schreckte auf. »Da hinten, hinter dem Strandkorb, entschuldige bitte, ich war in Gedanken.«

Marco Schneider schaute sie mitleidig an. »Das habe ich gemerkt. Probleme mit Hendrik?«

»Nee, nee, das ist okay, lass man, wird schon wieder.« Sie band ihre Haare zu einem Pferdeschwanz und begleitete die beiden Spieler zum Strand.

15

Der Chef der Strandspiele schaute nachdenklich hinter ihr her. Von Brittas Lebensfreude war im Moment nicht viel übrig geblieben. Es war ein mühsames Lächeln gewesen, das sich beim Anblick ihrer beiden Schützlinge auf ihrem Gesicht gezeigt hatte.

Er kannte Britta nun schon eine ganze Weile, und es war ihm immer so vorgekommen, als könnte sie so leicht nichts erschüttern.

Als er vor Jahren damit begonnen hatte, die Turnspiele auf Baltrum zu entwickeln und umzusetzen, hatte er in ihr eine begeisterte Mitstreiterin gefunden. Sie brachte Gruppen aus allen Leeraner Vereinen dazu, sich an der Veranstaltung zu beteiligen. Inzwischen kamen Mitspieler aus ganz Niedersachsen, in jeglicher Altersstufe. So war die große Mehrzweckhalle, in der im Winter die Strandkörbe lagerten, jetzt mit lautem, fröhlichem Leben erfüllt.

Sein Küchenteam war perfekt organisiert. Die Zutaten für das Frühstück wurden morgens vom Insel-Markt angeliefert und das Abendessen von einem örtlichen Hotel zubereitet. Auch wenn einige Insulaner der Veranstaltung skeptisch gegenüberstanden – fünfhundert spielbegeisterte Menschen brachten eben doch einige Unruhe – im Großen und Ganzen klappte die Zusammenarbeit mit den örtlichen Entscheidungsträgern recht gut.

Seine Gedanken gingen zurück zu Britta. Er machte sich Sorgen um sie. Normalerweise hätte sie nie ihre Aufgaben vernachlässigt. Es musste schon was Ernstes dahinterstecken, wenn sie sich gerade hier und jetzt eine Auszeit nahm. Außerdem war er der Meinung, dass die Sache zwischen ihr und Hendrik Beyer viel zu schnell ging. Es sollte ihn nicht interessieren, sie war eine erwachsene Frau, aber trotzdem: Es gefiel ihm nicht.

Er wischte die letzten Krümel des Frühstücks von den Partytischen. Am liebsten wäre er Britta an den Strand gefolgt, aber er sah aus den Augenwinkeln seine Frau und wusste, dass er diese Idee wohl im Dünensand vergraben konnte. Nadine Schneider sortierte mit saurem Gesicht das Geschirr.

Schon kamen die ersten wieder vom Strand, um eine kleine Zwischenmahlzeit in Form vom Obst, Müsli oder Joghurt zu sich zu nehmen. Sport und Spiel machten hungrig.

Seine Frau nahm ihm den Lappen mit den Krümeln aus der Hand. »Marco, denk dran, der Bürgermeister wird in einer Viertelstunde hier sein. Ich habe gerade Kaffee angesetzt.« Nadine war die Leiterin seines Küchenteams. »Nicht, dass du noch kurzfristig zu einer Rundfahrt aufbrichst«, maulte sie. »Du bist im Kopf wohl nur noch bei Britta. Die wird schon alleine zurechtkommen. Brauchst du dich nicht auch noch drum zu kümmern. Ich muss schließlich auch sehen, wie ich fertig werde.«

Sie verschwand hinter den Gefriertruhen, ohne seine Antwort abzuwarten. Ein paar Spieler, die ihr Gemecker mitbekommen hatten, wandten sich wortlos in die andere Richtung.

Sie versucht doch immer wieder, mich bloßzustellen, dachte er. Soll sie doch mit dem Hintern zu Hause bleiben, wenn ihr alles zu viel wird.

Aber er wusste, das täte sie nie. Hätte ja sein können, dass irgendetwas Interessantes ohne sie passierte. Ständig meinte sie, dass er sofort auf die Piste ginge, wenn sie einmal nicht dabei war.

Und das Schlimme ist, dass ich es auch machen würde, dachte er. So weit hat sie mich inzwischen. Immer nur hetzen und meckern.

Er verließ die Halle und setzte sich mit hochrotem Kopf neben der Bratwurstbude in den Dünensand. Er musste ja in der Nähe bleiben, wollte er den Bürgermeister nicht verpassen. Und Nadines großen Auftritt als Gattin des Veranstaltungsleiters!

16

Es gibt keine schöne heile Inselwelt. Nein, wirklich nicht. Jeder muss für sein Tun bezahlen. Irgendwann muss das jeder. Auch Sie. Haben Sie sich darüber noch nie Gedanken gemacht? Glauben Sie wirklich an Schicksal? Papperlapapp. Sie selbst sind das Schicksal. Da hilft Ihnen keiner.

Habe es oft genug versucht. Mich geduckt und angebiedert, Dinge getan, die ich gehasst habe. Aber damit ist jetzt Schluss. Jetzt wird aufgeräumt. Gründlich. Und übrig bleiben die, die es verdient haben. Die Treuen. Und Redlichen. Auf die man sich verlassen kann.

Ich weiß genau, was zu tun ist. Mein Plan ist fertig. Gleich fange ich damit an. Dann werden sich alle ganz schön umgucken. Und Sie werden mir recht geben, da bin ich mir sicher.

17

Nein, es ging nicht. Er konnte den Kopf nicht bewegen. Mit Mühe hatte er das linke Auge aufbekommen, nun übte er mit dem rechten. Hendrik lag ausgestreckt auf dem Boden seiner Kajüte, den Kopf schmerzhaft zwischen Koje und einem vergessenen Fender eingeklemmt. Durch das Bullauge fielen Sonnenstrahlen, die an der gegenüberliegenden Wand mit dem Wiegen des Schiffes Zacken und Kreise malten. Linker Arm, rechter Arm, linkes Bein, rechtes Bein, Hendrik merkte zu seiner Beruhigung, dass noch alles da war, nur nicht seinen Befehlen gehorchte. Er beschloss, noch eine Weile liegen zu bleiben, denn sein Magen hob und senkte sich mit dem kurzen Wellenschlag im Hafen. Noch wollte seine Erinnerung nicht den Weg ins Licht antreten, so schloss er seine Augen wieder und fiel erneut in einen kurzen, traumlosen Schlaf, bis er von seinem eigenen Schnarchen geweckt wurde.

Und nun kam sie mit Macht. Die Erinnerung.

Sie hatte die Kajüttür geschlossen. Damit hatte alles begonnen. Nein, wenn er ehrlich war, hatte die Geschichte schon vorher begonnen. In seinem Kopf. Und weiter unten.

Sie hatten Kaffee getrunken. Schwarz ohne Milch. Sie waren sich nähergekommen. Zentimeter für Zentimeter. Dann hatte Schnucki eine Flasche Talisker Whisky, Single Malt, auf den Tisch gestellt. Und zwei Nosing-Gläser. So hatte sie die kleinen, bauchigen Gläser genannt, die zur Öffnung hin schmaler werdend zum Verkosten des Whiskys ein Muss waren. Seinen Einwurf, dass zu einem guten Whisky auch immer ein gutes Wasser gehörte und der gute Whisky ja auch eigentlich ihrem Gatten, wischte sie mit einem Lächeln vom Tisch. »Wasser ist für die Fische«, hatte sie gesagt, und »Cheerio«. Ein ums andere Mal. Und jedes Mal war der Abstand zwischen ihnen etwas kleiner geworden.

Er hatte nicht nein gesagt, weder zum einen noch zu dem anderen. Gefangen von der Situation. Der Gedanke an Britta war wie eine flüchtige Wolke vorbeigezogen. Es war warm gewesen in der Kajüte. Da war es nicht ausgeblieben, dass Schnucki ihr Nichts auszog und er sein T-Shirt. Ein Schweißtropfen war genau in der Mitte seiner Brust Richtung Bauchnabel gelaufen. Sie war ihm mit ihrem Zeigefinger gefolgt.

Was passiert, wenn die Geschwindigkeit konstant bleibt und der Abstand sich verringert? Die kleine Segelschule Band 1 Seite 15. Es kommt zu einer Kollision! Das war der letzte Gedanke, zu dem Hendrik fähig gewesen war.

Jetzt lag er in seinem Boot und versuchte das Ende der Geschichte zu rekonstruieren, aber es wollte ihm nicht einfallen. Je länger er nachdachte, desto verschwommener wurden die Bilder des Nachmittages. Ob er sich das Ganze nur eingebildet hatte? Was machte er hier eigentlich auf seinem Boot? Er hob seinen Kopf. Sozusagen als Test. Wie spät war es überhaupt? Sechs Uhr. Da hatte er doch glatt zwei Stunden gepennt. Oder war doch alles nur ein schöner Traum gewesen? Sein Blick fiel auf seine rechte Hand. Ein Kratzer zog sich quer über deren Rücken. Das Blut darauf war dunkel und geronnen. Verdammt, dachte er, wieder dieser Splitter in der Kajüttür. Ich muss sie unbedingt abschleifen.

Er setzte sich auf. Sein Mageninhalt stieg nach oben, machte jedoch kurz vor dem Austritt halt. Hendrik versuchte langsam auf die Beine zu kommen. Er musste aber sogleich feststellen, dass das schottische Lebenswasser noch wesentliche Bestandteile seines Körpers unter Kontrolle hatte, und legte sich mit einem tiefen Seufzer zurück in seine Ausgangsposition.

18

Britta hatte es nicht mehr ausgehalten und Marco Schneider gebeten, einen Ersatz für sie an den Strand zu schicken.

Er hatte genickt. »Mach dir keine Sorgen, ich sage Peter Bescheid. Schließlich gehört er auch als Betreuer zu deiner Gruppe. Er hatte ja heute Nachmittag ein paar Stunden Ruhe, und gleich ist sowieso Abendessenzeit. Das kriegen wir schon hin. Und, falls du jemanden zum Reden brauchst, jederzeit, weißt du?«

Britta lächelte ihm zu. »Danke für das Angebot. Später vielleicht. Schau mal, deine Frau will, glaube ich, etwas von dir. Sie schaut schon die ganze Zeit rüber.«

»Weißt du was? Das ist mir scheißegal.« Britta sah Marcos Erschrecken über die eigenen Worte, aber auch Wut und Entschlossenheit. Sie wussten beide, dass seine Worte haargenau seine Empfindungen ausgedrückt hatten. »Du kannst das gelbe NTB-Fahrrad nehmen, wenn du willst. Lass dir Zeit. Hier läuft schon alles.«

Britta bekam den letzten Satz gerade noch so mit, als sie schon aus der Halle lief. Sie schnappte sich das Rad und fuhr los. Sie hatte Marco nicht mal gesagt, dass sie zum Hafen wollte, aber er würde es sich denken können.

Es war der reinste Slalom. Kurz vor der evangelischen Kirche wäre sie beinahe schwer gestürzt. Zwar hatte sie den Dackel auf der rechten Seite der Straße am Fischerhäuschen gesehen, aber nicht, dass dessen Herrchen gegenüber auf dem Fußweg bei der Kirche lief. Die lange Hundeleine überspannte den Fahrweg komplett. Britta bremste scharf und mochte sich nicht ausmalen, was passiert wäre, hätte sich die Leine in ihrem Vorderrad verheddert. Sie sprang vom Rad, doch ehe sie sich zu einer scharfen Zurechtweisung aufraffen konnte, hatte sich der Mann schon bei ihr entschuldigt und seinen Hund kurz genommen. »Es tut mir leid, ich war völlig in Gedanken«, erklärte er.

Sie nickte. Das konnte sie gut nachvollziehen, ging es ihr doch den ganzen Tag nicht anders.

Ihre Beine zitterten noch leicht, als sie wieder aufs Rad stieg.

Je näher sie dem Hafen kam, desto ruhiger wurde es auf den Straßen. Das Abendschiff war schon nach Neßmersiel unterwegs und würde erst in gut anderthalb Stunden mit neuen Gästen wiederkommen. Auch im Bootshafen war nicht viel los, die meisten Schiffseigner waren wohl auch am Strand und genossen das Badeleben. Der leicht modrige Geruch schlickigen Wattbodens stieg ihr in die Nase.

Am Bootshaus sah sie den Mann sitzen, den Hendrik ihr gestern als Hafenaufseher beschrieben hatte. Mit seinem blau-weißen Fischerhemd sah er aus wie der Seemann schlechthin, fand sie. Wenn er nur nicht so griesgrämig gucken würde! Sie stellte ihr Fahrrad ab und lief zur Antje, die an ihrer Anlegestelle dümpelte. Britta wünschte sich sehr, Hendrik auf dem Schiff zu finden

Es schien, als hätte sie kein Glück. Auch auf den Nachbarliegern rührte sich nichts. Britta war maßlos enttäuscht. Aber klar, warum sollte er auch ausgerechnet jetzt an Bord sein? Sie hatten sich ja erst für abends verabredet. Aber gerade jetzt hätte sie ihn so gebraucht.

Zwar hatte sie nicht die geringste Ahnung, ob es ihn überhaupt interessierte, ihren Problemen zuzuhören. Sie kannten sich erst drei Tage, und dieses Kennen stand unter dem Motto: Strand, Sonne, Urlaub, Unbeschwertheit. Doch irgendwie in ihrem Innern meinte sie zu spüren, dass da unter Umständen ein ganz klein bisschen mehr sein müsste als nur Lust am Urlaubsstrand.

Es nützte nichts. Er war nicht da. Würde sie eben zurückfahren. Oder aufs Boot klettern und warten.

Ein Boot betreten in Abwesenheit des Eigners, das ist wie in eine Wohnung einbrechen, hatte Hendrik ihr erzählt.

Egal, sie würde warten. Wenigstens eine Weile!

Sie zog das Schiff an der Achterleine näher an den schmalen Steg, und mit einem beherzten Sprung über die Reling landete sie in der Plicht.

Gerade wollte sie es sich auf einer der Sitzbänke bequem machen, da meinte sie ein Stöhnen oder Schnarchen zu hören. Sie schaute sich um, konnte aber niemanden entdecken.

Da war es wieder. Das Schnarchen. Und wie es sich anhörte, kam das Geräusch von gar nicht so weit her: direkt aus der Kabine der Antje. Britta klopfte vorsichtig an der Kajüttür. Nichts! Sie klopfte wieder und bemerkte, dass die Tür nur angelehnt war. Vorsichtig öffnete sie.

Sie traute ihren Augen kaum. Da lag Hendrik rücklings und nur mit Boxershorts bekleidet auf dem Boden der Kajüte und schlief tief und fest. Seine nackten Füße zuckten leicht und streckten sich ihr wie zur Begrüßung entgegen. Aus dem kleinen Raum stieg Britta mit jedem Einatmen der Duft des schottischen Hochlandes in die Nase. Auch der Eindruck, dass auf dem Hochland ein paar Schafe und Rinder geweidet hatten, wurde mit jedem Atemzug stärker.

Das durfte doch wohl nicht wahr sein. Besoffen am helllichten Tag! Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Wie sollte sie mit dem Mann in dem Zustand denn reden können? Sie würde gehen. Ganz einfach wieder gehen. Männer! Sie drehte sich um, dann zögerte sie.

Wenn er doch ein ganz kleines bisschen wach würde … Irgendwie sah er auch süß aus, so unschuldig, wie er da lag. Und sie brauchte ihn. Sie kitzelte ihn an seinem großen Zeh. Er rührte sich nicht. Sie zwickte ihn leicht. Noch immer nichts. Sie kniff beherzt zu. Das hatte Erfolg. Mit lautem Stöhnen öffnete Hendrik seine Augen – und erstarrte.

»Was um alles in der Welt machst du denn hier?«, krächzte er.

»Danke der Nachfrage. Ich wollte dich sehen. Scheinbar aber keine so gute Idee. Ich geh dann mal.« Britta drehte sich um und stieg entschlossen den Niedergang hinauf.

»Nein, warte, war doch nicht so gemeint. Ich bin nur gerade aus dem Tiefschlaf gekommen.«

Sie zögerte. Sollte sie gehen oder nicht? Britta entschloss sich zu bleiben. Sie setzte sich auf den kleinen Hocker im Heck des Bootes und gab Hendrik Zeit, sich aus seiner unbequemen Lage zu befreien. Es schien ihr, als brauchte er ungewöhnlich lange, bis er endlich, bekleidet mit T-Shirt und kurzer Hose, in der Hand eine Flasche Mineralwasser, aus der Kajüte auftauchte und sich neben sie setzte. Das Rot seiner Augen sprach immer noch Bände.

»Du musst ja nicht, aber willst du mir die Geschichte deines Zustandes näherbringen?«, fragte Britta.

»Tja, das war so«, begann er, »ich habe heute Morgen einen alten Bekannten getroffen und einen neuen kennengelernt, und das war es doch wohl wert, darauf einen zu nehmen, oder nicht?«

»Komisch, ich hatte bei deinem Anruf überhaupt nicht das Gefühl, du hättest einen im Tee.« Warum konnte Britta sich des Gefühls nicht erwehren, dass sie gerade mit einer Lügengeschichte konfrontiert wurde?

»Soll das hier ein Verhör werden, oder was?« Hendrik schüttelte den Kopf. »Kommst hier rein, weckst mich und ich soll dir Rede und Antwort stehen. So nicht, da habe ich keinen Bock drauf.«

»Nun blas dich mal nicht künstlich auf. Mach doch, was du willst, mir doch egal, wie du deine Tage verbringst. Konnte ich doch nicht ahnen, dass du Komasaufen toll findest. Ich geh dann mal. Du kannst dich ja melden, wenn du wieder nüchtern bist.«

Wütend stand Britta auf, aber Hendrik zog sie am Arm wieder neben sich.

»Entschuldige. Wir fangen das Gespräch noch einmal neu an. Gib mir ein paar Minuten. Ich schleudere mir einen Eimer Wasser ins Gesicht und wir gehen auf die Terrasse vom Hotel Witthus, einen Kaffee trinken.«

*

Leicht schwankend kletterte Hendrik zurück in die Kajüte seines Bootes. Er warf einen vorsichtigen Blick in den kleinen Spiegel, den er neben der Tür des Niederganges angebracht hatte, und zuckte zusammen. Ihm wurde klar, dass nicht einmal drei Eimer Wasser seinen roten Augen und seiner unter der Seemannsbräune fast bleichen Gesichtsfarbe wieder zu einem einigermaßen gesunden Aussehen verhelfen würden. Ihm war schlecht, so schlecht wie es einem nur sein konnte, zwei Stunden nach einem Saufgelage, aber außergewöhnliche Situationen erforderten außergewöhnliche Maßnahmen. Denn eines erschien ihm jetzt am wichtigsten, nämlich Britta aus der direkten Nachbarschaft des Schauplatzes seiner nachmittäglichen Aktivitäten wegzubringen. Nicht vorzustellen, dass Schnucki auch noch zu ihrer fröhlichen Runde stoßen würde. Diese Situation wäre schlichtweg nicht auszudenken. Er nahm jedoch an, dass sie ebenfalls selig in Morpheus’ Armen lag. Aber wissen konnte man das natürlich nicht. Sein Kopf dröhnte bei dem Gedanken, die beiden Frauen könnten aufeinandertreffen. Er wusste, Frauen waren entsetzlich nachtragend!

»Wasch dir mal über die Hand. Ich glaube, du hast geblutet«, hörte er Brittas Stimme. Er schaute auf seine Hand, zuckte unwirsch mit den Schultern und murmelte: »Lieber nicht, fängt sonst nur wieder von neuem an.«

19

Klaus Kuhlmann stand in Neßmersiel und wartete auf die Fähre. Er war sauer. Natürlich war logisch, dass der Segelmacher in Norden heute geschlossen hatte. Tourismus, Service am Gast, Segelsaison, alles Banane. Es war Feiertag und das war’s.

Er hätte noch stundenlang weiter vor sich hin schimpfen können, so wie er es getan hatte, seit er die kleine Stadt mit dem großen Marktplatz verlassen hatte. Genauer gesagt, seit er mit dem Bus nach Norden zum Bahnhof gelangt war und von dort mit der Taxe zum Segelmacher ins Gewerbegebiet Leegmoor. Nur um dann vor verschlossener Tür zu stehen. Das Taxi hatte er da natürlich schon wieder weggeschickt. Kostete ja Geld. Nicht, dass er geizig wäre. Aber einem Taxifahrer Geld in den Hintern schieben? Nur im Notfall!

Er hätte vorher bei der Firma anrufen sollen, das wusste er jetzt auch. So war er mit seinem schweren Segelsack und der kaputten Fock über der Schulter und Wuffel an seiner Seite langsam zum Bahnhof zurückgelaufen. Eine Tortur bei der Hitze. Und dann die vergeudete Zeit. Was hätte er schön mit seiner Schnucki segeln können! Wenn nur nicht die Fock so blöde eingerissen wäre.

Nicht mal die Stadt hatte er besichtigen können. Wo hätte er denn mit seinem verdammten Segelsack hin sollen. Die Geschäfte hatten auch alle zu. Die Stunden, bis der Bus der Baltrum-Linie wieder Richtung Neßmersiel gefahren war, hatte Kuhlmann im Burger King am Bahnhof abgesessen.

Langsam kam das Schiff durch die Fahrrinne dem Anleger näher.

Er freute sich. Auf die Insel, sein Boot und natürlich auf Schnucki. Er hoffte nur, dass sie kein großes Abendessen zubereitet hatte. Die Stunden im Schnellrestaurant hatten seinen Magen gut gefüllt. Er wollte jetzt nur noch die Beine hochlegen und später mit einem guten Gläschen Talisker den Sonnenuntergang genießen. Auch Wuffel merkte man an, dass er sich gerne in seinen Hundekorb in der Kajüte zurückgezogen hätte. Das Abendschiff war recht leer, so hatte Klaus Kuhlmann auf dem Oberdeck freie Platzwahl. Er ließ sich auf eine der blauen Bänke sinken und genoss die Sonne, die noch hoch über Norderney stand.

»Bitte einzeln die Fahrkarten vorzeigen!«

Klaus Kuhlmann schreckte auf. Da hatte er doch die ganze Überfahrt verschlafen. Egal. Er war da. Kuhlmann schaute vom Deck aus auf den Anleger. Er war enttäuscht. Hatte er doch gehofft, dass Schnucki ihn und Wuffel abholen würde. Aber es war nichts von ihr zu sehen. Erstaunlich, wenn man bedenkt, wie vernarrt sie in den Hund ist, dachte er sarkastisch.

Er wartete, bis er seine Fock aus dem Container holen konnte, lud sie auf eine der Wippen, die offenbar herrenlos herumstanden, und lief zum Bootshafen.

Auf der Achteran zeigte sich keine Bewegung. »Na, mein Madamchen hat ihre freie Zeit ja ausgiebig genutzt. Selbst jetzt ist sie noch unterwegs.« Ein kleiner Schwall Magensäure stieg in seiner Speiseröhre hoch. Ob vom Ärger oder den verspeisten Hamburgern mit Pommes, konnte er im Augenblick nicht ermitteln. Er beschloss, sein Unwohlsein auf den Ärger über seine möglicherweise nicht anwesende Gattin zu schieben. Prophylaktisch sozusagen.

Als er auf sein Boot stieg, stellte er fest, dass die Kajütentür von außen verriegelt war. Wenigstens daran hat sie gedacht, dachte er. Er öffnete die Tür, und was er dann sah, veranlasste ihn, drei Doppel Whopper mit Pommes/Majo nebst vier Cola in den Baltrumer Bootshafen zu kotzen.

20

Britta und Hendrik setzten sich an den letzten freien Tisch auf der Terrasse vor dem Restaurant. Von einem großen, grünen Schirm vor der Sonne geschützt, hatten sie einen wunderschönen Blick über die Hellerwiesen bis zum Hafen und über das alte Pfahlschutzwerk bis zur Strandmauer.

Eine ganze Weile saßen sie schweigend und genossen ihren Kaffee mit Aussicht. Das wird mir fehlen, wenn ich wieder in Leer bin, dachte Britta, auch wenn es dort ganz bezaubernde Ecken und Winkel gibt und ich diese Stadt sehr liebe.

Als sich der Kaffee dem Ende zuneigte, versuchte Britta noch einmal, die ganze Geschichte aus Henning herauszuholen. Er aber gab sich wortkarg und blieb bei seiner Version.

»Wolf und Rolle heißen die beiden. Rolle ist ein alter Freund von mir und Wolf ein Gast aus Bremen, der Rolle zufällig kannte und hier wieder getroffen hat. Das haben wir gefeiert. Du kannst sie ja fragen, wenn du unbedingt willst.«

Britta empfand bei Hendriks Erklärung einen üblen Nachgeschmack. Eigentlich war es nicht die Geschichte an sich, sondern sein Gesichtsausdruck, die Art und Weise, wie er sie erzählte. Es klang alles so diffus und abweisend. Als hätte er ein ausgeprägt schlechtes Gewissen. Außerdem war klar, dass er seine Worte nicht beweisen musste, denn sie hatte keine Ahnung, wo sie die beiden Männer finden sollte.

»Danke, kein Bedarf, warum solltest du mich anlügen«, antwortete sie gereizt und konzentrierte sich auf ihren Kaffee.

Eigentlich hatte sie gehofft, sie könnte ihm die Story von ihrem Ex erzählen und von den Ängsten, die sie deswegen verfolgten. Aber als Hendrik nach einer Weile tatsächlich fragte, warum sie schon so früh bei ihm aufgetaucht sei, führte sie nur eine Stunde Freizeit als Argument an. Sie hatte das Gefühl, dass Hendrik im Moment nichts weniger interessierte als ihr Exmann.

»Schau mal, der Polizist fährt mit ’nem Affenzahn Richtung Hafen, siehst du das?« Hendrik zeigte, froh über die Ablenkung, mit ausgestrecktem Arm zur Hafenstraße. »Und der Hilfssheriff folgt ihm auf dem Fuße, nein, auf dem Rade.« Er grinste, als hätte er einen besonders guten Witz gemacht.

Britta schaute hinter den beiden her. Was da wohl passiert war?

Einige Zeit später hörten sie aus der Ferne Sirenenalarm. Einige Gäste waren aufgestanden und beugten sich über die Brüstung, um nichts von der sich anbahnenden Aufregung zu verpassen.

Hendrik und Britta sahen den Krankenwagen mit großer Geschwindigkeit hinter den beiden Polizisten her zum Hafen fahren. Die blaue Rundumleuchte und der Signalton sorgten in Sekundenschnelle für Platz auf der Hafenstraße.

»Wollen wir los? Ich muss wieder zu meiner Gruppe und du wirst sicher noch ein Schläfchen machen wollen.« Britta hatte auf einen zumindest klitzekleinen Widerspruch gehofft, aber sie sah sich enttäuscht. Hendrik nickte.

»Das wäre gut, lass uns zum Hafen gehen. Dein Fahrrad steht da noch und meine Koje wartet auch auf mich.« Hendrik legte das Geld auf den Tisch, und sie machten sich wortlos auf den Weg.

Von der unbeschwerten Fröhlichkeit der letzten drei Tage war nichts geblieben, und davon, den Abend zusammen zu verbringen, war keine Rede mehr.

21

Inselpolizist Michael Röder und Thomas Zahn, ein Kollege vom Festland, der im Sommer als Verstärkung aushalf, hatten in dem kleinen Büro der Polizeidienststelle Teepause gemacht, als der Einsatzbefehl von der Leitstelle gekommen war. Verblüfft hatten sie sich angeschaut, denn der Kollege hatte von »literweise Blut« gesprochen, und dass er daraufhin auch die Ärztin alarmiert habe.

»Wenn das man kein Dummejungenstreich ist«, hatte Röder gesagt. »So nach dem Motto: Sollen die sich auch ruhig mal bewegen.«

Als sie mit ihren Fahrrädern am Sportboothafen ankamen, war ihnen klar, dass tatsächlich etwas passiert sein musste. Am Ende des ersten Quersteges scharte sich eine kleine Gruppe um einen Mann, der laut schluchzend auf dem Steg saß. Ein brauner Terrier, der seine Leine hinter sich herzog, begrüßte die Polizisten mit lautem Bellen.

»Was ist passiert?«, fragte Röder den Hafenmeister, der abseits der Gruppe stand und betont gleichgültig ins Hafenbecken blickte.

Der sagte nur: »Da drin in der Achteran. Mausetot ist die.«

Die Gruppe machte ihnen bereitwillig Platz. Die Kajütentür der Achteran stand weit offen und den beiden Polizisten bot sich ein Bild, das sich wohl für lange in ihr Gedächtnis einbrennen würde.

Halb auf der Sitzbank und halb auf dem Boden lag eine Frau. Der nackte Oberkörper war von oben bis unten mit Blut verschmiert. Überall lag zerbrochenes Glas und es roch beißend nach Alkohol, obwohl die Kajütentür sicherlich schon eine Zeit lang offen gestanden hatte. Eine leere Flasche rollte mit der Bewegung des Bootes in einem See von Blut hin und her.

Der Kopf der Toten lag angewinkelt auf der Bank, um den Hals festgezurrt sahen sie einen weißen Spitzenbüstenhalter.

Ihr kleiner Slip war bis zu den Knien hinabgezogen.

Michael Röder wurden die Beine weich. Er schaute seinen Kollegen an und stellte fest, dass es dem auch nicht besser ging. Sie nickten sich aufmunternd zu und drehten sich um.

»Weiß jemand, was hier passiert ist?«, fragte Thomas Zahn. »Wer ist die Dame und wer hat sie gefunden?«

»Ich, ich habe sie gefunden. Das ist doch meine Frau.« Der Rest seiner Worte ging in haltlosem Schluchzen unter. Sie würden wohl auf die Ärztin und ein Beruhigungsmittel warten müssen. Der Mann hatte einen Schock, dem war jetzt nichts mehr zu entlocken.

»Wer hat die Polizei gerufen?« Michael Röder schaute sich um.

»Ich«, meldete sich Klaas Bengen unwirsch. »Der Mann hat geschrien. Da bin ich hin. Ich habe dann den Notruf gewählt. Was sollte ich sonst machen?«

»Wissen Sie, wie der Eigner des Bootes heißt?«

Klaas Bengen schaute zu dem Mann, der zusammengesunken auf dem Steg saß. »Nee, weiß ich nicht. Ich habe keinen Anmeldezettel. Obwohl er schon zwei Tage hier ist!« Die Stimme des Hafenaufsehers klang drohend.

»Haben Sie hier sonst noch jemanden gesehen?«, fragte Röder.

»Nein. Außer dem da war sonst keiner hier. Alle weggegangen.« Offenbar in der Annahme, dass er nichts mehr zur Aufklärung beitragen musste, drehte sich der Hafenmeister um und schlurfte davon.

Die beiden Polizisten ließen ihn gewähren, denn in diesem Moment hielt der Krankenwagen in Höhe des Bootshauses. Dr. Ellen Neubert, die Inselärztin, kam mit den beiden Rettungsassistenten über den Steg gelaufen. »Was steht an?«

»Da drin liegt eine Frau«, antwortete Röder. »Blutüberströmt. Ich denke, dass sie tot ist, aber das kannst du sicher besser beurteilen. Kleine Warnung: Es ist kein schöner Anblick …«

Dr. Neubert trat vor die geöffnete Kajütentür und verharrte dort einen Moment. Dann gab sie sich sichtlich einen Ruck. »Ich neige dazu, deine Meinung zu teilen, Michael, aber ich muss mir ein genaues Bild verschaffen.«

Sie stieg vorsichtig die fünf Stufen hinunter, die in das Innere der Achteran führten. Michael Röder sah, dass die Ärztin sich auch ohne Aufforderung bemühte, mit möglichst wenigen Dingen in Berührung zu kommen. Besonders achtete sie darauf, nicht in die Blutlache zu treten, die sich um die Frau gesammelt hatte. Ganz gelang es ihr jedoch nicht.

Von Nahem betrachtet gab es für sie offenbar keinen Zweifel. »Die Frau ist tot. Die ersten Totenflecken sind bereits ausgebildet.« Dr. Neubert zeigte auf den Büstenhalter, der der Toten um den Hals geschlungen worden war und sich tief in die Haut gegraben hatte. »Wer auch immer wollte, dass dieser Frau gründlich die Luft abgeschnürt werden sollte, hat ganze Arbeit geleistet.«

Sie betrachtete die Schnitte, die sich über den Körper verteilten. »Zwischen den Schnitten sind auch einige kreisrunde Löcher, die wie Einstiche aussehen. Sie müssen mit etwas sehr Spitzem ausgeführt worden sein.« Sie drehte sich zu den Polizisten um. »Meine Arbeit ist beendet, meine Herren. Dies ist ein Fall von unnatürlicher Todesursache. Jetzt müssen eure Fachleute ran. Hier hat der gemeine Arzt nichts mehr zu suchen.«

Man merkte Dr. Neubert äußerlich in diesem Moment nicht an, dass sie gar nicht so undankbar über diesen Umstand war.

Aber es gibt eben sonne und solche Todesfälle, dachte Röder, und dieser war ganz eindeutig einer von den anderen. Die Frau war grausam zugerichtet worden. Oder hergerichtet? Nein, dachte er, hingerichtet. Das war das richtige Wort für seinen Eindruck von dieser Situation.

»So, meine Herrschaften, ich möchte Sie bitten, diesen Steg zu verlassen«, wandte er sich an die immer größer werdende Menschentraube, die neugierig auf die Unglücksstelle starrte. »Aber warten Sie bitte oben vor dem Häuschen der DGzRS auf uns. Wir möchten Ihnen gleich noch ein paar Fragen stellen. Es wäre schön, wenn Sie sich so lange um den Hund kümmern würden, bis wir da sind.« Der Terrier lief immer noch bellend von einem Steg zum anderen und genoss, dass am anderen Ende der Leine keiner war, der ihn hielt. »Und Sie«, Röder wandte sich dem Mann zu, der inzwischen völlig apathisch auf einer Decke liegend von der Ärztin versorgt wurde, »können Sie mir bitte Ihren Namen nennen?«

»Klaus, Klaus Kuhlmann. Und das ist mein Boot. Und da drin ist …« Seine Stimme versagte wieder und Ellen Neubert schüttelte den Kopf.

»Lass man, da geht jetzt nichts mehr. Wir nehmen ihn jetzt erst mal mit in die Praxis. Ich rufe dich an, wenn er ansprechbar ist.«

Die beiden Rettungsassistenten hatten derweil die Trage aus dem KTW geholt. Vorsichtig legten sie Klaus Kuhlmann darauf und wollten ihn zum Fahrzeug schieben, als der Mann sich aufrichtete und schrie: »Nein, ich kann Hedda doch nicht alleine lassen. Lasst mich sofort hier runter.« Mit Mühe gelang es den beiden, Klaus Kuhlmann mitsamt der Trage auf dem schmalen, wackeligen Steg zu halten. Erst als auch Michael Röder und Thomas Zahn zugriffen, stabilisierte sich die Lage.

Dr. Neubert sprach beschwichtigend auf den verzweifelten Mann ein, der sich trotz der Spritze, die sie ihm bereits gegeben hatte, noch nicht beruhigen konnte. »Herr Kuhlmann, ich weiß, es ist leicht gesagt, aber bitte fassen Sie sich. Sie stehen unter Schock. Ich muss Sie mit in die Praxis nehmen. Die Polizisten werden sich um alles kümmern.«

»Auch um Wuffel?«

Die Ärztin schaute Kuhlmann fragend an, dann fiel ihr Blick auf den Hund. »Auch um Wuffel«, versicherte sie ihm.

Michael Röder schaute dem Krankenwagen nach, der sich seinen Weg zur Praxis der Inselärztin bahnte. »Thomas, holst du Flatterband und das dicke Vorhängeschloss, das in der Schublade unter dem Computer liegt? Nimm den Hund mit und bring ihn meiner Frau. Sie wird sich um ihn kümmern. Das Boot werden wir jetzt beschlagnahmen, und dafür Sorge tragen, dass sich ihm keiner mehr nähert. Ich werde erste Spuren sichern und dann die Leute befragen. Mit dem Mann des Opfers können wir uns hoffentlich auch noch unterhalten. Dann hätten wir vielleicht schon ein paar Informationen, die wir den Kollegen vom Festland auf den Tisch legen können. Ich werde jetzt mit Aurich telefonieren.«

Röder schloss die Kajütentür. Er hoffte, dass seine Kollegen vom 1. Fachdezernat für Brand- und Todesermittlungen noch heute auf die Insel kämen. Der durchdringende Geruch nach Alkohol und Blut, der aus der Kajüte kam, wurde durch die Sonneneinstrahlung auf das Kunststoffdach und die dadurch entstandene Wärme in dem Raum kräftig verstärkt. Aber solange die Fachkollegen nicht da waren, durfte nichts verändert werden.

Er griff zum Telefon und rief bei der Reederei an. Glücklicherweise war der Chef im Hause und versicherte ihm, dass die Baltrum III, problemlos den Neßmersieler Hafen ansteuern könnte. »Zwei Stunden gibt uns die Tide noch. Das sollte zu schaffen sein. Wann sind denn Ihre Kollegen aus Aurich da?«

»Ich werde gleich anfragen, schätze aber mal, gegen halb neun. Das müsste klappen.«

»Gut, ich sage der Besatzung Bescheid, die wird sich dann entsprechend auf den Weg machen.«

22

Schweigend liefen Britta und Hendrik nebeneinander her. Britta war in Gedanken bei der Lösung eines Problems, das noch gar keines war, und Hendrik mit der Pflege seiner Kopfschmerzen beschäftigt. Auf halbem Wege kam ihnen der Krankenwagen entgegen. Na, da wird wohl nichts Schlimmeres passiert sein, dachte Britta, so schnell, wie der wieder zurückkommt.

Dass ihre Einschätzung nicht der Realität entsprach, merkte sie allerdings, als sie das Schloss ihres Fahrrades aufschließen wollte und plötzlich ein Polizist in Uniform vor ihr stand und sie ansprach.

»Steht Ihr Fahrrad schon länger hier? Entschuldigung, Röder, ich muss Sie um etwas Zeit bitten. Darf ich fragen, wie Sie heißen und was Sie hier machen?«

Britta schaute sich um. Eine ganze Menge Neugieriger hatte sich zwischen dem Häuschen der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger und dem Bootsschuppen versammelt. Sie hatte das Gefühl, die Menschen wollten um nichts in der Welt verpassen, was sich hier gerade abspielte.

»Mein Fahrrad steht seit einer Dreiviertelstunde hier, und ich heiße Britta Saathoff. Ich bin Betreuerin bei den Strandspielen und bin mit meinem Verein, dem PSV Leer, auf der Insel. Ich war gerade mit einem Bekannten auf einen Kaffee im Witthus und wollte jetzt wieder zur Mehrzweckhalle fahren.« Ihr fiel auf, dass sie gerade ›einem Bekannten‹ und nicht ›meinem‹ gesagt hatte und dass sie es auch – sie erschrak ein wenig – in diesem Moment genau so empfunden hatte.

»Und wer sind Sie?« Der Polizist wandte sich Hendrik zu.

»Hendrik Beyer und ich bin seit drei Tagen mit meinem Boot, der Antje, hier im Hafen.«

»Und was haben Sie vor dem Kaffeetrinken gemacht, Herr Beyer?«

»Geschlafen«, antwortete er mürrisch. Britta hatte das Gefühl, dass sich Hendrik in diesem Moment äußerst unwohl fühlte und es kaum abwarten konnte, wieder auf sein Boot zu kommen. Sein verkniffenes Gesicht und die heruntergezogenen Schultern sprachen Bände. Die Hände steckten tief in den Taschen seiner verschossenen Jeans.

»Frau Saathoff, danke für Ihre Zeit. Ich schreibe mir noch eben Ihre Handynummer auf und ansonsten weiß ich ja, wo ich Sie bei Bedarf finden kann.«

Damit fühlte sich Britta entlassen, mochte aber noch nicht so ganz diesen aufregenden Schauplatz aufgeben. »Was ist denn eigentlich passiert, Herr Röder?«

»Ein Todesfall, auf der Achteran. Genaueres wissen wir aber noch nicht. Danke, Frau Saathoff.«

»Die Achteran? Ist das nicht das Schiff, das neben der Antje liegt? Hendrik«, aufgeregt fasste sie ihn am Ärmel. »Hast du denn gar nichts mitgekriegt? Ein Todesfall, Das muss man doch merken!« Als Hendrik nicht reagierte, wandte sie sich wieder dem Polizisten zu: »Herr Röder, können Sie denn nichts Genaueres sagen? Vielleicht fällt Hendrik doch noch etwas ein.«

»Frau Saathoff, wir sind gerade erst dabei, die Fakten zusammenzutragen. Und exakt darum muss ich mich jetzt wieder kümmern. Machen Sie sich keine Gedanken.«

Sie merkte, dass sie nun wirklich überflüssig war, und in den Pulk der Schaulustigen, der sich nach und nach immer weiter vergrößerte, mochte sie sich nicht einfügen. Sie blickte sich zum Abschied nach Hendrik um und erschrak. Sein Gesicht war so weiß, als wäre ein Mehlsack über ihm ausgeschüttet worden, und seine noch immer roten Augen zuckten unkontrolliert. Mann, was sieht der weggetreten aus, dachte sie. Was Alkohol doch aus einem Menschen machen kann.

»Dann schlaf du mal schön«, verabschiedete sie sich von ihm. »Bis irgendwann mal oder so.« Damit schwang sie sich auf ihr Fahrrad.

Von Hendrik kam keine Antwort.

23

»Herr Beyer, nun bleiben Sie bitte stehen. Ich hätte noch ein paar Fragen an Sie.« Michael Röder war hinter Hendrik hergelaufen und stellte sich ihm in den Weg. »Auch mich beschäftigt nämlich der Gedanke, dass Sie trotz Ihres angeblichen Schlafes etwas gehört haben müssten.«

Hendrik fuhr auf. »Was heißt hier angeblich? Nichts habe ich gehört. Ich will gehen. Tschüss auch.«

Michael Röder wich keinen Schritt zur Seite. »Herr Beyer, wir suchen uns jetzt ein lauschiges Plätzchen und unterhalten uns in Ruhe unter Ausschluss der Öffentlichkeit.«

In diesem Moment bog Erwin Kanter, der 1. Vorsitzende des Bootsclubs, von der Hafenstraße ab und kam geradewegs auf ihn zugefahren. »Habe gehört, hier ist was passiert?«

Röder stöhnte. »Mein Gott, geht das wieder schnell hier auf der Insel. Zehn Minuten, dann ist alles rum im Ort.«

Kanter nickte. »Ich habe mir nur gedacht, dass du vielleicht den Schlüssel vom Bootshaus brauchst. Deswegen bin ich hier. Ich frage auch nicht, was los ist, kannst du mir später erzählen.« Neugierig schaute er Hendrik an, der wie ein Häuflein Elend neben dem Polizisten stand.

Röder steckte den Schlüssel ein. »Ich danke dir, das war eine gute Idee. Kann sein, dass die Kollegen aus Aurich hier ihre Einsatzzentrale aufschlagen wollen. Du bekommst den Schlüssel zurück, sobald sich die Lage geklärt hat.«

Erwin Kanters Augen weiteten sich. »Kollegen aus Aurich? Dann schaut das nach etwas Schlimmerem aus? Ach, Mann, ich wollte doch nicht fragen, aber als 1. Vorsitzender des Bootsclubs muss man doch …«

»Ja, ein Todesfall auf der Achteran. Die Frau des Eigners. Wir ermitteln noch, wie man so schön sagt. Wir müssen versuchen herauszufinden, wer sich nachmittags hier im Bootshafen aufgehalten hat. Ganz schön schwierig, wenn man bedenkt, wie viele Gäste im Moment auf der Insel sind. Außerdem haben wir ein sehr großes Zeitfenster, da wir über den genauen Zeitpunkt der Tat, ich meine …« Röder räusperte sich. »… des Todes … noch nicht viel wissen.«

Erwin Kanter überlegte kurz und sagte dann: »Lasst euch von Klaas helfen. Der ist oft hier und hat eventuell einen gewissen Überblick über das Kommen und Gehen von heute Nachmittag.«

»Gute Idee und danke für den Schlüssel, tschüss, Erwin.« Michael Röder wandte sich wieder seinem Begleiter zu und sah, dass der sich kaum noch auf den Beinen halten konnte.

»Jetzt kommen Sie erst mal mit rein und setzen sich hin«, sagte der Polizist, nachdem sie an dem Spalier der Schaulustigen vorbei und ins Bootshaus gelangt waren. Die Sonne hatte die Luft im Bootshaus kräftig aufgeheizt, und es roch muffig, aber wenigstens waren sie vor den Menschen draußen sicher. »Sie sind ja ganz fertig. Was ist denn mit Ihnen passiert?«

Mit einem dumpfen Stöhnen ließ Hendrik sich auf einen der alten Plastikstühle fallen. »Zu viel getrunken. Ich habe heute Morgen zwei alte Bekannte getroffen. Das heißt, einen alten Bekannten, den anderen habe ich heute erst kennengelernt. Wir haben kräftig einen genommen. Ich weiß, hätte ich nicht machen sollen. Britta, also Frau Saathoff, fand das auch nicht lustig.«

Auch Michael Röder zog sich einen Stuhl heran. »Sie brauchen sich bei mir nicht für Ihren Alkoholkonsum zu rechtfertigen, Herr Beyer, ich möchte nur wissen, ob Sie irgendwas bemerkt haben, heute Nachmittag.«

»Nein, nein, ich habe gar nichts bemerkt. War doch betrunken und habe geschlafen, bis Britta kam.«

Röder stellte noch ein paar Fragen und hatte das Gefühl, dass zwar alle Aussagen des Mannes zusammenpassten, aber trotzdem schwammig waren, irgendwie nicht richtig greifbar. Das gab ihm zu denken. Ich werde möglichst bald mit seinen beiden Kumpels reden müssen, entschied er, und dann könnte es sein, dass seine schöne Geschichte zerplatzt wie Seifenblasen in der Sonne.

»Haben Sie die Telefonnummern, Namen, Adressen ihrer Bekannten?«

»Warum glauben Sie mir nicht? Was haben meine Bekannten damit zu tun?« Hendrik sprang auf und schleuderte seinen Stuhl in eine Ecke. »Die finden das bestimmt nicht lustig, wenn plötzlich die Polizei vor der Tür steht.«

»Kommen Sie, Beyer, ganz ruhig. Machen Sie keinen Ärger. Sie wollen sich doch an einem so schönen Tag nicht unbedingt die insulare Arrestzelle von innen ansehen, oder?« Michael Röder wäre es in diesem Moment weitaus lieber gewesen, wenn sein Kollege Thomas Zahn auch an der Anhörung teilgenommen hätte. Er hoffte, die Lage würde nicht weiter eskalieren. Dieser Mann hatte plötzlich so viel Wut im Bauch, dass er nur sehr schwer einzuschätzen war. »Wie kommen Sie auf die Idee, ich könnte Ihnen nicht glauben? Ich möchte nur vermeiden, dass mein Vorgesetzter mir nachher Schlamperei vorwirft.«

Doch so schnell wie Hendrik aufgebraust war, fiel er auch schon wieder in sich zusammen. »Okay, wenn ich Ihnen die Daten gebe, darf ich dann gehen? Ich bin einfach nur fertig, kaputt, alle, klaro?«

Röder stand auf. »Ja, aber Sie sollten besser Ihr Boot an einen anderen Liegeplatz verholen. Sprechen Sie mit Klaas Bengen. Der weist Ihnen einen neuen zu. Morgen früh um neun würden wir Sie gerne noch mal auf der Dienststelle sprechen.«

»Das geht leider nicht. Da bin ich schon auf dem Weg nach Langeoog.« Hendrik zuckte bedauernd mit den Schultern.

»Das geht leider auch nicht. Ich möchte Sie bitten, sich zur Verfügung zu halten. Da Sie unmittelbarer Nachbar der Achteran sind, möchten sich meine Fachkollegen vom Festland bestimmt mit Ihnen unterhalten. Danke, Herr Beyer, bis morgen.«

Hendrik war entlassen.

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18+
Дата выхода на Литрес:
26 мая 2021
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253 стр. 6 иллюстраций
ISBN:
9783839264249
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