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Ulrike Barow
Baltrumer Wattenschmaus
Kriminalroman

Zum Buch
Inselmorde Tim Seebald, der Totengräber auf Baltrum staunt nicht schlecht, als er auf dem Friedhof Knochen ausgräbt. An sich gehören sie dahin, sollten jedoch in einem Sarg liegen. Schnell stellt sich heraus, dass es die Überreste einer jungen Frau sind, die vor einigen Jahren in Bremen verschwunden ist. Kommissar Herbert Pankok aus Bremen versucht, Licht in den Fall zu bringen. Gleichzeitig wird Elmar Diesterweg, der auf der Insel Kochseminare gibt, verdächtigt, im geschützten Nationalparkgelände Enten und Gänse für seinen Kochtopf zu fangen. Die öffentlichen Anschuldigungen nehmen kein Ende und bald eskaliert die Situation.
Inselpolizist Michael Röder und Anika Frederik, seine Kollegin aus Barsinghausen, die ihm für ein paar Wochen zur Seite steht, bekommen weitere Unterstützung vom Festland. Mit dabei ist auch Arndt Kleemann, Röders bester Freund, der nach einem Jahr Auszeit wieder als Ermittler tätig ist. Er kennt sich mit den Gegebenheiten auf der Insel gut aus. Allein, dass die Einsätze mangels Autos mit dem Fahrrad bewältigt werden müssen, ist für manchen Kollegen eher gewöhnungsbedürftig.
Ulrike Barow wuchs in Gütersloh auf und machte eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Danach zog es sie zum Lieblingsurlaubsort ihrer Kindheit, der kleinen Nordseeinsel Baltrum. Dort lernte sie ihren Mann kennen und arbeitete im Einzelhandel sowie im familieneigenen Vermietungsbetrieb. Nebenbei verfasste Ulrike Barow Artikel für die Lokalzeitung. Vor einigen Jahren griff sie die Idee auf, Baltrum-Krimis zu schreiben. Viele Kurzgeschichten sind seitdem ebenfalls entstanden. Inzwischen lebt sie mit ihrer Familie nicht nur auf der Insel, sondern auch in der schönen ostfriesischen Stadt Leer.
Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:
Baltrumer Dünengrab (2019)
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
2. Auflage 2020
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung: Julia Franze
E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Stephan Sühling / stock.adobe.com
Druck: CPI books GmbH, Leck
Printed in Germany
ISBN 978-3-8392-6246-7
1
»Was ist mit dem Rosenstrauch? Willst du den mitnehmen?« Tim Seebald machte einen letzten Spatenstich und hielt gleich darauf die Pflanze hoch. Trockener Sand rieselte herab.
»Nee, lass man«, winkte Bernd Bohlen ab. »Ich würde gerne, aber bei uns in den Garten passt nichts mehr rein.«
Tim Seebald lachte. »Du hast auch schon genug von diesem heiligen Fleckchen Erde mitgehen lassen.«
»Immerhin helfe ich dir kostenlos«, protestierte Bohlen, »dafür darf ich wohl …«
»Klar. Wird sowieso bald ein Ende haben. Der Friedhof wird immer leerer. Die Gräber werden nach der Ablaufzeit aufgelöst – so wie das vom alten Volkers hier, und neue werden kaum noch angelegt.« Er zeigte auf die Stele, die im hinteren Teil des Friedhofes stand. »Was von den Menschen übrigbleibt, ist lediglich ein kleines Metallschild mit Namen derer, die auf See bestattet wurden. Mehr bleibt nicht.«
»Wem sagst du das?«, bestätigte Bohlen, »meine Schwester wollte auch unbedingt eine Seebestattung. Sie ist an Krebs gestorben. Mein Schwager hat ihren Wunsch erfüllt. Aber manchmal vermisst er doch einen Ort zum Trauern, hat er mir neulich erzählt.«
»Manche Orte – wie Harlesiel – haben einen Platz geschaffen, wo Hinterbliebene auf das Meer schauen und an ihre Liebsten denken können. Er heißt ›Brücke der Erinnerung‹ und ist genau auf das Beisetzungsgebiet zwischen Spiekeroog und Wangerooge ausgerichtet. Vielleicht wäre etwas Ähnliches auch für hier eine Idee«, überlegte Tim Seebald. »Aber nach Harlesiel kommt man schnell mal mit dem Auto, wenn man am Festland wohnt. Der Weg auf die Insel ist aufwendiger. Die Frage ist, wieviel Leute das in Anspruch nehmen würden.«
»Das weiß man nicht. Hat man heute überhaupt noch Zeit zum Trauern in dieser hektischen Welt?«, sinnierte Bernd.
»Vielfach sicher nicht. Und zum Pflegen der Gräber fehlt erst recht Lust oder Zeit.« Tim Seebald deutete auf ein Grab in der nächsten Reihe. »Die Seibolds wohnen auf der Insel. Trotzdem ist das Fleckchen Erde mit Muscheln belegt. Da muss man sich nicht mehr kümmern, meinen die Leute. Dabei sollte man nicht verkennen, dass auch dieser Belag hin und wieder Pflege erfordert. Aber darüber haben wir uns schon so oft unterhalten. Wir werden die Beerdigungsrituale nicht mehr zurückdrehen können.« Tim Seebald zuckte mit den Schultern. »Ich hätte es gerne, wie es früher war – mit bunten Blumen überall auf den Gräbern. Hier bei den Kramers sieht man zwar Grün, aber es ist einfach nicht gepflegt. Das Unkraut wuchert.« Er machte einen Schritt auf das Nachbargrab zu, bückte sich, hob etwas auf und zeigte es Bernd. »Das sieht fast aus wie ein Fingerknochen.«
Bernd Bohlen nahm das Teil, drehte es hin und wieder her, dann sagte er: »Quatsch. Das kann gar nicht sein. Die Toten liegen hier in Särgen. Wie soll denn ein Finger da …«
»Keine Ahnung. Wir sollten die Erdschicht entfernen und nachsehen, ob sich weitere Knochen dort befinden«, schlug Tim vor, doch Bernd schüttelte heftig den Kopf. »Auf keinen Fall. Das können andere machen.«
»Mensch, reg dich nicht auf.« Tim wischte sich den Schweiß von der Stirn und hinterließ ein paar dunkle Streifen. »Ich bin selbst nicht sicher, was es ist. Es war nur so ein erster Gedanke. Wahrscheinlich hat sich jemand einen Scherz erlaubt und einen Hühnerknochen dort hingeworfen. Oder eine Möwe hat ihn fallengelassen.«
»Du hast recht. Wir können uns nicht um alles kümmern. Also lass uns hier weitermachen«, schlug Bernd vor.
»In Ordnung«, erwiderte Tim, »der alte Grabstein muss wie üblich hinter die Hecke. Die Firma aus Norden, die den abholt, wird nächste Woche hier sein.«
Die beiden wuchteten den schweren Stein auf die Schubkarre und fuhren den Inhalt auf das Gelände neben dem Friedhof. Dort lagen bereits zwei weitere Grabsteine und mehrere Einfassungssteine von aufgelösten Gräbern. Dann gingen sie zurück, warfen die ausgegrabenen Blumen bis auf den Rosenstock in die Karre und brachten alles zum Komposthaufen. Von dort nahmen sie Erde mit und schaufelten sie dorthin, wo sich das Grab vom alten Volkers befunden hatte.
»So, und nun den Rasensamen rein, gießen und fertig.« Tim sah Bernd nicken, hatte aber das Gefühl, dass der Mann, der ihm netterweise immer half, wenn es Schweres zu erledigen galt, nicht ganz bei der Sache war. Wieder und wieder schaute der Mann hinüber zu dem Familiengrab der Kramers. Wahrscheinlich hatte Bernd Angst, dass der Rest des Skeletts plötzlich und unerwartet auftauchte. Er musste grinsen. Das wäre echt ein Ding. So konnte man natürlich auch Beerdigungskosten sparen, dachte er. Aber zugleich war ihm klar, dass ein anonymes Verscharren auf dem Friedhof mit Sicherheit aufgefallen wäre. Abgesehen davon, dass er sich häufig hier aufhielt, um alles in Schuss zu halten, kamen auch immer wieder Besucher, um sich die Namen auf den Steinen anzusehen. Im hinteren Bereich lagen Gräber von Soldaten, die bei der Explosion ihres Minensuchbootes ums Leben gekommen waren. Das Schiff war kurz nach dem Krieg vor der Insel auf eine Mine gefahren. Gleich neben den Gräbern waren Steine als Erinnerung an alte Insulanerfamilien aufgestellt worden.
»Bernd, wo ist die Tüte?«
Bernd Bohlen zuckte zusammen und nahm den Rasensamen aus der Vorratskiste. »Ich, du, ich, ach was!«
»Was möchtest du mir damit sagen?« Tim ahnte schon, was Bernd wollte. Nämlich weg. Möglichst schnell weg. Er war erstaunt, wie nahe seinem Freund der Fund des Knochens ging.
»Moin. Na, fleißig?«
Tim drehte sich um. Er konnte ein Stöhnen kaum unterdrücken. Nicht Martha. Auch sie war häufig auf dem Friedhof anzutreffen. Fast noch häufiger als er. Sie war eine der wenigen Insulanerinnen, die sich intensiv um ein Grab kümmerten. Und immer wollte sie sich unterhalten, wenn sie auf dem Weg zum Grab ihres Mannes bei ihm vorbeikam.
»Natürlich, Martha.«
»Ihr löst Volkers Grab auf? Sind denn schon wieder 25 Jahre rum? Tied vergeiht, hätte mein Geerd jetzt gesagt. Is so. Dat sall woll ook nich mehr lang dauern, bis ik min Beenen unnert Gras liegen hebb. Und wer kümmert sick dann?«
Oh, Mann, das ewig gleiche Geleier. Neulich hatte er es gewagt, ihr vorzuschlagen, sie solle sich doch seebestatten lassen. Da war er allerdings auf Granit gestoßen.
»Dat meenst du nich in Ernst?«, hatte sie fassungslos gesagt. »Ik sall mien Geerd hier alleen liegenlaten? We hebben im Leben binanner gelegen und dat sall ok im Dod so sein.«
»Martha, ich kümmere mich!« Martha und ihr Mann Geerd hatten keine Kinder. Also hatte er der alten Frau mindestens schon zum zehnten Mal versprochen, die Pflege zu übernehmen. Warum auch nicht? Ob er es wirklich tat, konnte sie dann schließlich nicht mehr überprüfen.
Martha nickte nur und schlurfte langsam weiter.
»Martha, ich habe einen Rosenstock. Willst du ihn haben?«, rief er hinter ihr her.
»Nee, dat lot man. Geerd het immer seggt, wat we bruken, kopen wir uns.« Sie zeigte auf einen Korb mit bunten Blumen. »Heb ik bi Anke holt.«
Na, dann eben nicht. Wenn Geerd es so wollte. War ja nur ein Angebot.
»Was ist nun? Gibt es noch etwas, oder machen wir Schluss für heute?« Bernd schaute ihn bittend an.
»Nein. Gönnen wir den Toten die Grabesruhe. Ich muss nach Hause. Das Abendessen wartet«, beschloss Tim mit einem Blick auf die Uhr.
Sie verstauten die Spaten, die Harke und den Eimer im Gartenhaus, luden den Rosenstock auf die Wippe und verließen den Friedhof. Die schwere Pforte quietschte beim Öffnen.
»Am Öl kann’s nicht liegen. Is’ keins dran«, murmelte Bernd, als er sein Rad aus dem Ständer hob.
»Danke für’s Helfen. Ich melde mich bei Bedarf wieder«, verabschiedete Tim ihn.
»Immer gerne«, erwiderte Bernd und bog links ab ins Ostdorf.
Tim fuhr am Hotel »Dünenschlösschen« und am Sportplatz vorbei und dann geradeaus. Zu Hause angekommen, wurde ihm wie fast jeden Abend schmerzlich bewusst, dass vielleicht ein Abendessen, jedoch keiner auf ihn wartete, mit dem er es zusammen genießen konnte. Wie gerne hätte er jetzt eine fröhliche Begrüßung vernommen, aber es blieb ruhig. Wie jeden Abend. Caroline war nicht mehr da. Seine Lebensgefährtin hatte ihn vor vier Monaten verlassen, seitdem war Stille eingekehrt. Er hatte bis heute keine Ahnung, warum Line – er hatte sie nie Caroline genannt – ein Leben auf dem Festland vorgezogen hatte. Natürlich hatte seine Freundin ihm zu erklären versucht, warum sie gehen würde, aber Tim hatte sich bis heute geweigert, es verstehen zu wollen. An diesem Abend hatte die Kälte des Januars in seinem Haus Einzug gehalten und war, obwohl der Frühling viele warme Tage gebracht hatte, nicht wieder verschwunden.
Er koppelte die Wippe vom Fahrrad und stellte den Rosenstrauch in einen Eimer. Es war nicht das erste Mal, dass er Blumen mitgenommen hatte. Sie waren voller Leben, warum also sollte er sie wegwerfen? Da gab er sie lieber anderen Insulanern. Auch wenn der Aberglaube besagte, dass man vom Friedhof nichts mitnehmen dürfe, weil das Unglück bringe. Aber er war sich sicher, dass dieser Glaube nur ausgestreut worden war, damit die Räuber nicht mit Blumen, die sie unerlaubt von den Gräbern mitgehen ließen, ihr Wohnzimmer schmückten. Sein Basecap und die Arbeitshandschuhe warf er auf das Regal im Flur. Das ging jetzt, seitdem Line weg war. Sie hatte immer darauf bestanden, dass die Arbeitssachen in den Schuppen gehörten. Warum konnte es nicht noch immer so sein?
Tim warf sich in den Sessel. Der Appetit, den er auf dem Friedhof gespürt hatte, war ihm vergangen. Jedes verdammte Teil, der leere zweite Sessel, die grüne Kuscheldecke mit den Fransen, die sie ihm zum letzten Weihnachtsfest geschenkt hatte, alles, verdammt alles erinnerte ihn an die Frau, die er so liebte.
Er musste raus an die frische Luft, konnte nicht drinnen bleiben. Beinahe rannte er, zog die Tür hinter sich zu ohne abzuschließen und ging zurück dorthin, wo er sich zurzeit am wohlsten fühlte. Auf den Friedhof.
Ich glaube, ich bin verrückt, dachte er, als er die metallene Pforte öffnete, die auf der einen Seite ein Segelschiff und auf der anderen die Inschrift »Christ Kyrie, komm zu uns auf die See« trug. Was soll ich hier? Natürlich gibt es immer etwas zu tun, aber nicht um 19 Uhr. Da wollten selbst die Toten ihre Ruhe.
Langsam schlenderte er an den Gräbern vorbei. Um einige kümmerte er sich, andere wurden von den Angehörigen gepflegt. Wie das von den Kramers. Er blieb stehen und musste beinahe lachen bei dem Gedanken an Bernds Gesicht nach dem Knochenfund.
Er bückte sich und schob vergilbte Narzissenblätter zur Seite. Auch Krokusse, die vor zwei Monaten den beginnenden Frühling begrüßt hatten, ließen nun schlaff die Köpfe hängen. Kramers hätten hier wirklich mal Ordnung reinbringen können, dachte er. Aber das mussten sie selbst wissen. Er war dafür nicht zuständig. Er wollte gerade weitergehen, da fiel ihm doch etwas auf. Ein toter Zweig einer kleinen Birke, der über das Grab hinausragte, störte seinen Ordnungssinn. Aber das Problem war keines. Er griff danach und riss ihn ab. Zumindest wollte er es, musste jedoch feststellen, dass er nicht nur den Zweig, sondern das ganze Bäumchen mit dem weißen Stamm in der Hand hielt. Sand flog hoch und landete auf seiner Jacke. Tim erschrak. Was hatte er da veranstaltet? Er legte den Baum neben das Grab und ließ sich auf die Knie fallen. Hoffentlich tauchten nicht gerade die Kramers auf, bevor er alles wieder hergerichtet hatte. Das würde ein schönes Geschrei geben.
Sicher war es am besten, die Birke wieder einzugraben. Und zwar sofort. Natürlich hatte er in dem kleinen grünen Gartenhäuschen eine Schaufel liegen, aber der Schlüssel lag neben seinem Basecap auf dem Regal. Also hieß es mit den Händen ein Loch zu graben, das groß genug war, die Wurzeln des kleinen Baumes aufzunehmen. Es ging erstaunlich leicht. Die Erde war nicht so fest, wie er befürchtet hatte. Plötzlich spürte er einen Stich an seinem linken Zeigefinger. Eine rostige Haarspange hatte den Schmerz verursacht. Er legte sie neben das Grab. Er würde sie später entsorgen.
Vorsichtig vergrößerte er das Loch und starrte auf das, was sich unter seinen Händen zeigte. Ein Knochen, dann ein zweiter schob sich ihm entgegen. Erst ein kleiner, dann einer, der aussah, wie eine Unterarmspeiche, dann ein dickerer mit einem Knubbel daran. Er schob wie unter Zwang weitere Erde vom Grab und hörte erst auf, als ihn eine Stimme in die Wirklichkeit zurückholte.
»Machst du eigentlich nie Feierabend? Dein Job ist es doch, Menschen zu vergraben, nicht auszubuddeln.« Bodo, sein Nachbar, stand vor ihm und schaute neugierig zu ihm herunter.
»Ruf Michael an«, krächzte Tim. »Hier stimmt was nicht.«
»Wieso? Das ist ein Friedhof. Da dürfen …«
»Ruf ihn an! Sofort!« Einen weiteren Satz würde er nicht herausbringen.
Bodo hatte offensichtlich verstanden. Er zog sein Handy aus der Tasche, wechselte ein paar Worte und steckte es wieder ein. »Er ist auf dem Weg. Wir sollen nichts weiter anfassen.«
»Darauf kann er sich verlassen«, stöhnte Tim und versuchte aufzustehen. Doch erst, als Bodo ihm unter die Arme griff, kehrte Kraft in seine Beine zurück.
»Nun sag mal, was ist passiert? Wieso wusstest du …?«
Tim winkte ab. »Warte, bis Michael da ist. Dann muss ich nicht alles zwei Mal erzählen.«
2
Röder zog seine leichte Dienstjacke an und holte sein Rad aus dem Gartenhäuschen. Der Maiabend zeigte sich recht kühl und der kräftige Westwind schob dunkle Wolken vor sich her. Er war gespannt, was ihn auf dem Friedhof erwartete. Bodo Kehler hatte sich bei seinem Anruf recht kurzgehalten.
Es waren nicht viele Menschen unterwegs, als er beim Hotel »Seehof« auf die D-Straße und gleich darauf am Hotel »Fresena« durch das Deichschart fuhr. Auch am Spielteich brauchte er nur ein, zwei Überholmanöver, dann stellte er sein Rad vor dem Friedhof ab. Hinten auf der Bank sah er Tim Seebald sitzen. Selbst aus der Ferne konnte man ihm ansehen, dass es ihm nicht gutging.
Bodo stand in der Mitte des Friedhofs an einem Grab und wedelte mit den Armen. »Die verdammten Möwen«, schrie er. »Dabei gibt es hier nichts zu holen.«
»Was habt ihr gefunden?«, rief er ihm zu.
»Ich nichts«, antwortete der stabile Mann mit der Halbglatze und deutete auf Tim Seebald. »Der da. Schau dir das an.«
Als Röder das Grab erreicht hatte, sah er Knochen. Und etwas, was wie die Reste einer Jacke aussah. Ihm war in diesem Moment nicht ganz klar, ob es ein ganz normaler Vorgang war, in einem Grab Knochen zu finden. Natürlich war er sich sicher, dass Tote in einem Sarg beerdigt wurden. Und das viel tiefer. Aber konnte es nicht durch Regen und andere Umstände passieren, dass Knochen zutage traten? Er schaute zu Tim, der sich immer noch nicht rührte. Dort saß der Fachmann. Und er war sich sicher, dass diese Situation nicht normal war, sonst hätte der Herr der Gräber anders reagiert.
»Wenn du bitte auf die Fundstelle aufpassen würdest? Ich muss mit Tim reden«, bat er Bodo.
Der nickte. »Was ist mit ’ner Folie oder so?«, brummelte er.
»Machen wir gleich.«
Er berührte Tim leicht an der Schulter, dann setzte er sich neben ihn. »Erklär mir, was los ist.«
»Ich war heute mit Bernd hier. Volkers’ Grab auflösen. Da hat Bernd auf dem Nachbargrab einen Knochen gefunden. Wir haben unseren Spaß gehabt, weil wir dachten, eine Möwe hätte den verloren. Ist ja nicht aus der Welt geholt der Gedanke. Heute Abend bin ich noch mal auf den Friedhof …«
»Warum?«, unterbrach Röder ihn.
»Ist doch egal. War eben hier«, winkte Tim ab. »Ich habe einen abgestorbenen Ast an der kleinen Birke auf Kramers Grab bemerkt und wollte ihn abreißen. Leider kam der ganze Baum raus, und als ich ein Loch buddelte, um den Baum wieder einzupflanzen, sah ich das Elend.«
»Dass die Knochen hochkommen, ist nicht normal, oder?«, fragte Röder.
Tim Seebald hob den Kopf und schaute Röder ungläubig an. »Wie soll das denn passieren? Meinst du, der Sarg öffnet sich von allein? Nee, mein Guter. Da hat jemand eine weitere Leiche mit reingepackt.« Er schlug die Hände vor das Gesicht. »Welcher Idiot macht nur so etwas? Und wann? Das muss doch jemand gemerkt haben! Im Sommer spazieren hier auf der Hellerstraße immer Leute vorbei. Die müssen mitbekommen haben, wenn hier nachts gegraben wurde.«
»Bis jetzt wissen wir nicht, wann was genau passiert ist. Ich werde erst einmal veranlassen, dass die Überreste aufs Festland zur Untersuchung geschafft werden, und mit Kramers Kontakt aufnehmen.«
»Das dürfte auch besser sein. Vielleicht könntest du mein Zutun beim Finden der Leiche verschweigen.«
Röder schaute ihn überrascht an. »Wie soll ich das verstehen?«
»Na ja, ich kann mit denen nicht so gut. Und wenn die hören, dass ich an der Birke herumgezupft habe, sind die bestimmt sauer. Geht mich auch eigentlich nichts an, was die mit ihrem Grab machen.«
»Mal schauen, was ich tun kann«, sagte Röder, »aber zunächst muss ich die Kollegen vom Festland benachrichtigen.«
»Kann ich nach Hause gehen?«, fragte Tim.
»Wenn es dir nichts ausmacht, bleibe einen Moment. Falls Fragen sind. Immerhin kennst du dich hier am besten aus.« Röder schaute in den Himmel. Die Wolken waren bedrohlich näher gekommen. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die ersten Tropfen fielen. Das konnte er jetzt am wenigsten gebrauchen. Er rief Axel Meinders, den Gemeindebrandmeister, an, und der versprach, mit ein paar Mann, einer großen Plane und einem Zelt anzurücken.
Mit seinem Chef Müller in Aurich verabredete er, dass die Spurensicherung am nächsten Morgen auf die Insel kommen und die Reste des oder der Toten zur genauen Untersuchung mitnehmen würde. Zur Vorsicht würde er auch die Pastorin anrufen. Er vermutete, dass auch sie keine Erklärung für den Leichnam in Kramers Grab hatte, aber sicher war sicher.
»Und du hast wirklich keine Idee? Weißt du denn, wann der letzte Tote hier begraben wurde?«, fragte Röder.
Tim Seebald zeigte auf den Grabstein. »Da steht es. Es ist ein Familiengrab. Der Vater von Klaus Kramer ist über 90 geworden und im Februar vor zwei Jahren beerdigt worden. Seitdem haben sich die Kramers aber kaum um ihr Grab gekümmert. Sieht ziemlich verkommen aus. Zur Pflege haben die keine Lust. Zumindest habe ich die auf dem Friedhof nur ganz selten gesehen. Selbst das Belegen mit Muscheln ist bei Kramers noch nicht angekommen. Aber was sage ich immer: Die Dinger gehören an den Strand.«
»Der Lauf der Zeit«, bestätigte Röder. »Und wenn man bedenkt, dass es nicht einmal Baltrumer Muscheln sein dürfen …«
»Genau«, schaltete sich Bodo ein, »ich habe vielleicht einen auf den Sack bekommen, als ich am Strand Muscheln gesammelt habe und mir zufällig einer vom NLWKN in die Quere gekommen ist. Ich Blödmann habe auch noch frank und frei erzählt, dass die Muscheln für das Grab meiner Großmutter seien. Da durfte ich die Wippe sofort wieder ausleeren und den Inhalt zu dem Riesenhaufen von einer Million anderer Muscheln zurück in den Sand kippen. Ich habe dann Muscheln aus Holland bestellt. Tja, das ist deutsche Gesetzgebung. Völlig verrückt!«
Röder wusste, dass es verboten war, Muscheln vom Strand mitzunehmen, aber auch er fand diese Regelung ziemlich absurd. Strandschutz war wichtig. Klar. Aber so viele konnte man gar nicht entnehmen, dass der Strand einer Gefährdung ausgesetzt war. Zumindest den Insulanern sollte es erlaubt sein, die Gräber oder auch den Vorgarten zu schmücken. Wobei er allerdings auch wieder an Sandras Argumentation denken musste. Sie hatte, seit sie auf dem Hof seines Freundes Arndt Kleemann gewesen war, ihre Liebe zu den Bienen entdeckt und wünschte sich nichts mehr, als dass jedes Grab und jeder Vorgarten wieder bepflanzt würden.
Motorengeräusch holte ihn aus seinen Gedanken. Alex und seine Leute rückten an. Er verabschiedete Bodo und Tim fürs Erste, nicht ohne die Bitte an den Totengräber, sich am nächsten Morgen auf dem Friedhof einzufinden. Seine Hilfe konnte beim Abtransport der sterblichen Überreste nötig sein. Dann half er den Feuerwehrleuten, den Schutz aufzubauen. Zusätzlich sicherten sie die Fundstelle mit Flatterband. Röder war sich zwar nicht ganz sicher, ob das Band eine Hilfe war, oder in dem einen oder anderen erst recht den Wunsch weckte, einmal in das Zelt hineinzuschauen. Er hatte jedoch keine Lust, die Nacht auf dem Friedhof zu verbringen, und sein neuer Hilfssheriff, der ihm in den Sommermonaten zur Seite stand, würde erst in zwei Tagen seinen Dienst antreten.
Er schaute auf die Uhr. War es schon zu spät, um bei Kramers an die Tür zu klopfen? 21 Uhr. Ging noch. Er verließ den Friedhof und fuhr los. Weit kam er jedoch nicht, da setzte prasselnd der Regen ein. Bevor er das Deichschart bei der »Teestube« erreicht hatte, war er völlig durchnässt. Wie gut, dass ich meine Regenjacke zu Hause am Garderobenhaken gelassen habe, dachte er. So wird sie wenigstens nicht nass! Nein, er konnte Kramers nicht zumuten, dass er so bei ihnen auftauchte. Er würde erst nach Hause fahren, sich um- und diesmal wetterfest anziehen.
Jetzt nichts wie rein. Beinahe warf er sein Rad an den Zaun und öffnete fast gleichzeitig die Tür zur Dienstwohnung.
»Zieh die Klamotten im Bad aus!«, hörte er Sandra aus dem Wohnzimmer.
Er zog das kleine Stück Reißverschluss wieder zu. Sie sollte ihren Willen haben. War auch besser so. Der Regen hatte ihn bis auf die Haut durchnässt, so klebte selbst das Unterhemd an seinem Rücken.
»Willst du einen Tee zum Aufwärmen?« Sandra stand in der Tür und schaute ihn mitleidig an, als er mühsam seine Füße von den Socken befreite.
»Nein. Nur etwas zum Anziehen. Ich muss wieder los.« Während er sich trockenrubbelte, erzählte er ihr, was der Grund für seine Aktivitäten war. »Ich bin echt gespannt darauf, was sich aus dem Leichenfund ergibt.«
»Ich auch. Das muss ja gruselig ausgesehen haben.«
»War nicht so schlimm. Es waren nur Knochen übrig. Es war kein Fleisch mehr dran und auch keine Haut. Außerdem sah man die Reste eines dunklen Stoffs.«
»Warten wir also auf die Ergebnisse der Rechtsmedizin. Ist denn hier mal jemand vermisst worden? Ich kann mich nicht erinnern«, sagte Sandra.
»Ich habe auch nichts auf dem Plan. Wenn es sich um einen Inselbewohner handeln würde, wäre mir der Vorgang sicher bekannt.« Er wischte sich ein letztes Mal mit dem Handtuch über den Bauch.
»Es schüttet doch ganz schön«, gab Sandra zu bedenken. »Würde es nicht reichen, wenn du Kramers anrufst?«
Er schüttelte den Kopf. »Nein. Ich möchte die Reaktion sehen. Wir kennen wie gesagt keine Zusammenhänge. Es nützt nichts. Ich muss los.«
Röder hatte das Gefühl, dass selbst Amir, ihrer beider Heidewachtel, ihn bedauernd anschaute, als er die Haustür hinter sich schloss. Es regnete immer noch und der Wind hatte zugenommen. Von dem lauen Maiabend, der Sandra und ihn gestern zu einem späten Strandspaziergang eingeladen hatte, war nichts mehr zu spüren. Er sah kaum einen Menschen auf der Straße.
Er fuhr die Düne hoch zu Kramers Haus und klingelte. Nichts rührte sich. Er versuchte es ein zweites Mal. Dann öffnete sich die Tür.
»Wer will da was von uns zu später Stunde?«, brummte Klaus Kramer mit tiefer, vom regelmäßigen Alkoholkonsum verdunkelter Stimme.
»Ich bin es. Michael. Darf ich reinkommen?«
Wortlos machte ihm Klaus Kramer Platz. Im Wohnzimmer sah Röder Elli sitzen. Sie drückte den Ton des Fernsehers weg. »Was führt dich zu uns?«
Ein zweites Mal erzählte er an diesem Abend von dem Fund und sah, wie die beiden ihn immer ungläubiger anschauten.
»Unser Grab?«, fragte Elli fassungslos. »Im Grab von unseren Eltern?«
»Von meinen Eltern«, warf Klaus ein.
»Ja, ist gut«, wischte Ella seine Worte genervt weg. »Ich will sie dir nicht nehmen.«
»Die letzte Beerdigung hat vor zwei Jahren stattgefunden, richtig?«, fragte der Inselpolizist.
»Ja, da ist sein Vater gestorben.« Ella zeigte mit dem ausgestreckten Finger auf ihren Mann, der seinen breiten Körper im Sessel versenkte. »Seitdem haben wir uns allerdings nie mehr so richtig um das Grab gekümmert. Mal eine Blume drauf gepflanzt, wenn wir im Garten was übrighatten, das war es auch schon.«
Er stand auf. »Die Leiche wird morgen früh abgeholt. Ich bitte darum, dort keine Spuren zu zerstören.«
»Wenn du damit sagen willst, dass du denkst, dass wir die Knochen heute Nacht bereits aus dem Grab entfernen, hast du dich getäuscht. Außerdem, wer bezahlt uns eigentlich das Wiederherrichten des Familiengrabes?« Klaus Kramer schaute den Polizisten vorwurfsvoll an.
»Klaus. Halt die Klappe!« Energisch schob Ella sich aus dem Sessel und beugte sich drohend über ihren Mann. »Als ob Michael nichts Wichtigeres zu tun hätte!«
Tatsächlich. Hatte er. Und wenn es nicht der Fall gewesen wäre, hätte er in diesem Moment wichtige Aufgaben erfunden. Er wollte nichts wie raus, sich zu Sandra ins Wohnzimmer setzen und ein Glas Rotwein genießen.
»Ich gehe dann mal«, sagte er knapp und verließ das Haus, ohne eine Antwort abzuwarten.
3
Aus dem einen Glas Rotwein waren drei geworden. Das merkte Röder am nächsten Morgen, als in aller Frühe sein Telefon klingelte.
»Paul Abarth hier«, meldete sich der Leiter der kleinen Baltrumer Inselschule. »Hätten Sie Zeit für mich? Wir wollten über die Fahrradkontrolle sprechen.«
»Natürlich. Wann? In einer halben Stunde?«, antwortete Röder.
»Nein. Vielleicht heute Mittag. Ich rufe nur jetzt schon an, weil gleich der Unterricht beginnt. Wie wäre es um zwei bei mir im Büro?«
»Dann um zwei bei Ihnen.« Es passte auch Röder ganz gut in den Kram. Er würde sich in Kürze mit seinen Kollegen vom Festland erst einmal um das Grab kümmern müssen.
Ein Blick aus dem Fenster sagte ihm, dass er an diesem Morgen seine Regenklamotten getrost zu Hause lassen konnte. Im Osten der Insel stand die Sonne bereits am Himmel. In einer halben Stunde würde der Hubschrauber mit den Leuten vom Kriminaldauerdienst landen.
Er räumte die Reste des Frühstücks weg und setzte sich in sein Dienstzimmer. Die Büroarbeit hörte nicht auf. Er sortierte ein paar Unterlagen, schaute nach, ob wichtige E-Mails angekommen waren, und machte sich auf den Weg zum Flugplatz. Gerade landete eine Maschine. Der Pilot stieg aus und packte ein paar Pakete neben die Landebahn. Aha, der Zeitungsflieger, überlegte Röder. Der kam in der Saison jeden Morgen um 8.30 Uhr. Die Mitarbeiter der entsprechenden Geschäfte warteten bereits. Zügig beluden sie ihre Wippen und verließen den Platz. Röder stellte sein Rad ab und klopfte an die Tür des Towers.
»Komm rein«, hörte er Melanies Stimme. »Habe dich schon gesehen.«
»Ich wollte nur sagen, dass gleich ein Hubschrauber landet«, teilte er der Frau mit, die an diesem Morgen Dienst in dem kleinen Tower tat.
»Die Besatzung hat sich bei mir angemeldet«, erklärte sie. »Ist etwas passiert?«
Röder überlegte. Sollte er …? Warum nicht? Kramers, Tim Seebald und auch die Feuerwehrleute wussten von den Knochen. Also wussten es bereits Dreiviertel der Insulaner. Da war er sich ziemlich sicher.
»Nichts Spektakuläres«, winkte er ab, »nur ein seltsamer Knochenfund, der untersucht werden muss. Daher kommen die Kollegen vom Festland, nehmen den Fundort unter die Lupe und alles Relevante mit.«
In der Ferne hörte er bereits das dumpfe Schlagen der Rotoren. Er schloss die Tür, kurz darauf landete der Hubschrauber.
Martin Brinkmann und ein weiterer Mann kamen ihm lächelnd entgegen.
»Darf ich vorstellen: Lars Haltegrund. Er wollte unbedingt mal auf einer Insel Spuren sichern«, erklärte Brinkmann. »Ist es mal wieder soweit?«
»So sieht es aus«, erwiderte Röder. »Laden wir eure Sachen ein und gehen zum Friedhof. Auf dem Weg dorthin berichte ich, was euch erwartet.«
Brinkmann nahm einige Kisten aus dem Hubschrauber und lud sie in die Polizeiwippe. »Hat es hier gestern auch so sehr geregnet?«
»Ziemlich.« Röder erzählte von seiner durchnässten Kleidung. »Aber die Fundstelle ist abgesichert.«
Als sie den Friedhof erreicht hatten, sah Röder einige Menschen, die um das abgesperrte Areal standen.
»Was ist mit Kramers Grab?«, rief ihm eine der Frauen zu.
»Eine Ermittlung steht an«, gab er knapp Antwort. »Bitte verlassen Sie das Gelände.«
Nur langsam löste sich die interessierte Gruppe auf. Nur Tim Seebald blieb abwartend neben dem Zelt stehen.
»Gut, dass du da bist«, begrüßte der Inselpolizist den Totengräber.
»Braucht ihr einen Sarg und die Totenkutsche?«, fragte Tim.
»Warte ab. Ich denke nicht. Meine Kollegen werden die Grabstätte zunächst in Augenschein nehmen.«
Die Männer schoben das Zelt zur Seite und entfernten die Folie.
»Wo sind denn die Knochen?«, wunderte sich Brinkmann.
»Da. Im Grab.« Röder deutete auf das Viereck.
Haltegrund machte Fotos, während Brinkmann eine kleine Schaufel aus einer Metallkiste nahm. »Und wie tief?«, fragte er, als er Schicht für Schicht der trockenen Erde beiseiteschob.
Tatsächlich, je tiefer sie gruben, desto mehr Knochen holten sie aus der Erde. Sogar den Schädel fanden sie. »Das ist bestens«, sagte Brinkmann und hielt ihn hoch. »Wir haben, sehr gut erhalten, das Gebiss. Wenn die Person offiziell als vermisst gemeldet wurde, können wir mit ein bisschen Glück sehr schnell herausfinden, um wen es sich handelt. Die Knochen sind meines Erachtens ausgewachsen.«
Röders Telefon meldete sich. Hoffentlich eine gute Nachricht, dachte er und wurde belohnt. Es war sein Hilfssheriff. Genau genommen diesmal eine Kollegin, die ihn in den nächsten Wochen unterstützen und bereits am späten Nachmittag auf die Insel kommen würde. Er fragte sich kurz, ob es eine weibliche Form von Sheriff gäbe, aber es wollte ihm nichts einfallen. Anika Frederik. Interessanter Name. Er war gespannt auf die Kollegin.
»Also, wie geht es weiter?«
Martin Brinkmann deutete auf eine Metallkiste. »Hier hinein legen wir die Knochen und nehmen sie mit zur weiteren Untersuchung. Du bekommst so bald wie möglich Bescheid, wenn wir Neues haben. Wie es mit den Ermittlungen weitergeht, solltest du mit Müller besprechen.«
Lars Haltegrund hatte den Deckel der Kiste geöffnet. Sie war mit dickem Vlies ausgelegt. Dorthin platzierte er vorsichtig Knochen für Knochen. Dann zeigte er auf ein Stück Stoff. »Das befand sich auch im Grab. Wir nehmen es mit zur Untersuchung. Ach ja, es könnte sein, dass du die Besitzer des Grabes zur DNA-Probe bitten musst. Nur, damit wir sichergehen können, dass es sich nicht um jemanden aus der Familie handelt. Aber das kannst du mit Müller besprechen. Bei dem werden alle Informationen auf dem Schreibtisch zusammenlaufen.«
»Darf ich fragen, was hier vor sich geht?« Röder drehte sich um und sah die Pastorin, Nadja Recknagel, hinter sich auftauchen. Er hatte ganz vergessen, sie von dem Vorfall zu unterrichten. Das holte er nun nach. »Es ist sicher, dass hier nicht noch ein Familienmitglied beerdigt wurde?«, fragte er zum Schluss.
Tim Seebald lachte auf. »Michael, wenn es so wäre, hätte ich dir davon berichtet. Schließlich bin ich der Totengräber. Mir entgeht nichts.«
»Aha, wenn das so ist, dann kennst du die Umstände, wie und warum die Knochen hier lagen.«
»Ach, ich meine doch die offiziellen, also die richtigen …«, stotterte Tim, »ach was, du weißt schon, die Beerdigungen mit Pastorin und so.«
»Nun lassen Sie den armen Mann in Ruhe«, mischte sich Nadja Recknagel ein. »Er hat keine Ahnung und ich auch nicht. Auch wenn ich zugebe, dass ich schon gern wüsste, wer hier die Totenruhe gestört hat.«
»Ich hoffe, die Experten am Festland finden es heraus.« Röder deutete auf die beiden Männer, die Kisten und Taschen auf der Wippe verstauten. Zuletzt nahmen sie mit Tims Hilfe die längliche Metallkiste mit den Knochen darin und trugen sie zu den anderen Sachen. »Die Knochen gehen nach Oldenburg zur Untersuchung.«
»Dann braucht ihr die Totenkutsche also nicht?«, fragte Tim.
Röder überlegte, dann meinte er: »Ich denke nicht. Es ist meines Erachtens nicht respektlos, wenn wir die Überreste zügig und ohne großes Aufsehen zum Flugplatz bringen. Oder was denken Sie, Frau Recknagel?«
»Gehen Sie. Das ist schon in Ordnung«, erwiderte die Pastorin knapp. »Die schnelle Aufklärung der Sache ist viel wichtiger, um dem oder der Toten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.«
»Der Hubschrauber ist unterwegs. Kommst du mit, Michael?«, fragte Brinkmann.
»Natürlich. Bin gleich soweit.« Er klärte mit Axel Meinders ab, dass die Feuerwehr das Zelt abholen sollte, aber das Grab weiterhin mit der Folie abgedeckt und gesichert bleiben möge, und bat Tim, auf das Eintreffen der Feuerwehr zu warten. Dann rief er bei Kramers an und unterrichtete sie davon, dass das Grab vorerst nicht wieder herzurichten sei, da die Polizei gegebenenfalls noch einmal den Zugriff brauchte. Dass er wegen der Probe bei ihnen vorbeikommen würde, verschwieg er. Klaus Kramer schien ihm an diesem Morgen bereits nicht mehr ganz nüchtern zu sein. Er wollte keinen sinnlosen Streit riskieren. Er schaute auf die Uhr. Gleich zwölf. Da hatte er genug Zeit bis zu seinem Treffen mit dem Schulleiter.
»Ich bin in Kürze wieder vor Ort«, rief er der Pastorin und dem Totengräber zu, die in ein Gespräch vertieft waren, dann verließen die Ermittler den Friedhof.
»Liebe Güte, was für ein Krach«, bemerkte Lars Haltegrund, als sie auf die Straße zum Flugplatz abbogen.
»Ringelgänse, Möwen, Austernfischer – alle reagieren ungehalten, wenn sich ein Fluggerät nähert«, erklärte Röder. »Aber wir befinden uns im Nationalpark. Da läuft nichts mit Abschießen. Auch wenn die Menge der Flattertiere ständig zunimmt.« Er zeigte auf die Hellerfläche, auf der sich die Vogelschwärme wie eine weiße oder graue Decke über das Grün gelegt hatten.
»Das sollte den Gästen, deren Schlafzimmer zum Heller hinzeigen, besser vor der Anreise klargemacht werden. Ich könnte bei der Lautstärke kein Auge zutun«, überlegte Haltegrund.
»Ginge mir ähnlich«, bestätigte Martin Brinkmann. »Und soweit ich weiß, geht das Geschnatter auf dem Heller den ganzen Sommer über, oder?«
»Die Vögel kommen im Frühjahr und fliegen ab Mitte Juli weiter. Einige Arten bleiben sogar inzwischen. Schaut mal«, Röder zeigte auf einen weißen Vogel mit einem löffelartigen Schnabel, »ein Löffler. Gibt es nicht sehr häufig und noch gar nicht lange hier.«
»Scheint mir aber recht zutraulich zu sein«, wunderte sich Brinkmann.
Und tatsächlich: Der große Vogel erhob sich erst in die Luft, als sich der Hubschrauber mit lautem Getöse näherte.
Sie luden alles ein und die Männer verabschiedeten sich. Röder fuhr zurück zum Friedhof und sah, dass die Feuerwehr das Zelt abgebaut hatte. Somit war alles geregelt. Die Pastorin war bereits gegangen, auch Tim und der Inselpolizist verließen den Friedhof.
Er fuhr zurück in die Wache und räumte ein paar Papiere auf dem Schreibtisch zusammen. Die neue Kollegin sollte nicht gleich den Schreck ihres Lebens bekommen, wenn sie ihre Arbeitsstätte für die nächsten Wochen sah.
Dann ging er in die Küche der Dienstwohnung und machte sich einen schnellen Kaffee. Es war ruhig in der Wohnung. Weder Sandra noch Amir waren da. Hatte sie etwas gesagt, wohin sie …? Ach ja. Er musste sich erst an den Gedanken gewöhnen, dass seine Frau tagsüber oft nicht da war. Sie hatte zusammen mit ihrer Freundin einen Bioladen auf der Insel aufgemacht. Gemüse und Obst bekamen sie vom Hof seines Freundes Arndt Kleemann und seiner Frau Wiebke. Seit zwei Monaten war der Laden geöffnet, und die beiden Frauen hatten gleich gut zu tun gehabt. Er setzte sich ins Wohnzimmer, genoss die Stille und dachte über den Fund auf dem Friedhof nach. Er war gespannt, ob sich herausstellen würde, wer der oder die Tote war und welche Ermittlungsarbeit auf der Insel es nach sich ziehen würde. Aber zunächst musste er sich anhören, was der Schulleiter zu sagen hatte.
Er stand auf, spülte seine Tasse aus und fuhr los. Es war immer noch trocken, auch wenn sich gegen Westen ein paar dunkle Wolken sammelten.
Er fuhr an der Volksbank vorbei und bog am Hotel »Seehof« links ab. Gleich darauf stellte er sein Rad in den Ständer an der Schule. Hoffentlich nimmt es keiner mit, dachte er. Ohne Rad war er aufgeschmissen. Er erinnerte sich an einen Sommer vor ein paar Jahren. Da waren einige Fahrräder der Kinder während des Unterrichts plötzlich verschwunden. Später stellte sich heraus, dass Gäste die Räder mitgenommen hatten, weil sie glaubten, dort sei ein kostenloser Fahrradverleih. Netterweise wurden die Räder zurückgegeben.
Paul Abarth stand in der Tür und begrüßte ihn freundlich.
»Kommen Sie rein.«
Er folgte dem Schulleiter ins Büro. »Also, wie sind die Pläne?«
»Setzen Sie sich.« Abarth deutete auf einen Bürostuhl, der vor dem Schreibtisch stand. »Wir sprachen ja schon einmal über die Fahrradkontrolle. Wir haben uns nun gedacht, dass wir den erhobenen Zeigefinger weglassen und stattdessen eine fröhliche Schulparty veranstalten, bei der alle mitmachen. Sie kommen und kontrollieren die Räder. Wir haben schon jemanden, der bei Bedarf kleine Reparaturen ausführen kann. Dazu machen wir ein tolles Programm und wollen vorbeifahrende Insulaner anhalten und sie fragen, ob wir deren Räder auf Sicherheit kontrollieren dürfen. Die Kinder helfen Ihnen und können so ihr neuerworbenes Wissen anwenden.«
Röder musste lachen. »Da bin ich aber gespannt, welcher Einwohner auf die Bremse tritt. Aber gut, ich bin gerne dabei. Wie wäre es in 14 Tagen? So können Sie in Ruhe mit Ihren Schutzbefohlenen alles vorbereiten, und meine Kollegin und ich stoßen dann zu Ihnen.«
»Wunderbar.« Abarth zögerte. »Wo Sie gerade Schutzbefohlene sagen. Ich muss etwas loswerden. Ist wahrscheinlich völlig unwichtig, aber dann können Sie mal hören, womit wir uns auseinandersetzen müssen. Wilko, der Junge von Antje und Hans Jessen, sagte neulich: ›Wer leben will, muss töten!‹ Der Knabe ist erst elf und dann solche Sprüche!«
»Haben Sie nachgefragt, was er damit meinte?«
»Natürlich. Aber er hat nur den Kopf geschüttelt und geschwiegen. Er und seine Schwester Meta, sie ist acht, sind eigentlich sehr fröhliche, aufgeschlossene Kinder. Doch seit einiger Zeit werden sie immer stiller und beteiligen sich kaum am Unterricht. Das berichten alle Lehrer. So etwas passiert immer mal wieder. Hat mit der Entwicklung zu tun und gibt sich meistens. Aber bei Wilko fällt mir neuerdings auf, dass er ab und zu seltsame Sprüche loslässt. Zum Beispiel diesen hier: ›Ich kann nicht. Ich hab’s ihm versprochen. Ich muss zu ihm.‹ Das war, als ich ihn darauf hinwies, dass wir nachmittags gegen eine Mannschaft vom Turnerbund auf dem Schulsportplatz Fußball spielen wollten. Dann drehte er sich um und war verschwunden.«
»Wissen Sie, wer ›ihm‹ ist?«
»Keine Ahnung.«
»Sie werden ihn im Auge behalten«, bat Röder den Schulleiter. »Reden Sie mit den Eltern. Sollte sich Neues ergeben – Sie wissen, wie Sie mich erreichen.«
Paul Abarth nickte. »Ich rufe gleich bei den Jessens an und bitte um ein Gespräch. Ich unterrichte Sie, wie sich das Ganze entwickelt.«
Michael Röder stand auf. »Gut. So verbleiben wir.«
»Danke.«
Der Inselpolizist verließ die Schule mit dem Gedanken, froh zu sein, dass es diesmal eine Kollegin war, die zu seiner Unterstützung auf die Insel kam. Sollte ein Kontakt zu den Kindern oder den Eltern nötig sein, würde sie bestimmt die passenden Worte finden. Zumindest hoffte er es. Noch kannte er sie nicht.
4
Anika Frederik spielte gedankenverloren mit dem Bändchen ihres Notizbuches. Gleich war die halbe Stunde Überfahrt, die sie vom Festland trennte, vorbei und sie würde ins Inselleben eintauchen. Sie hatte sich die Stelle nicht ausgesucht, sondern ihr Chef hatte ihr dringend dazu geraten. »Sie bleiben in Ihrem Job, aber es ist ein völlig anderes Arbeitsgebiet. Ruhig und beschaulich. Trunkenheit am Zügel – das war’s.«
Sie hatte lachen müssen. Dabei war es gar nicht der Job gewesen, der sie belastet hatte. Zum zehnten Mal auf dieser Schifffahrt zog sie ihre Geldbörse mit dem Bild aus der Tasche und steckte sie wieder ein. Am Ostende von Norderney gewahrte sie jede Menge Seehunde, die sich in ihrer Ruhephase nicht einmal von dem vorbeifahrenden Schiff stören ließen. Auch ein kleines Motorboot, das mit aufheulendem Motor an der Sandbank vorbeirauschte, schreckte die Tiere nicht auf.
Die »Baltrum I« querte die Wichter Ee, das Fahrwasser zwischen den Inseln, und bog in den Baltrumer Hafen ein. Es dauerte nicht lange, da verband der heruntergelassene Landgang das Schiff mit der Pier. Sie warf den leeren Kaffeebecher in den Mülleimer und verließ das Schiff. Auf zu neuen Ufern. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ihr Kollege wartete schon. Er sah nett aus. Schlank, Ende 40. So schätzte sie ihn zumindest ein. Er begrüßte sie mit einem freundlichen Lächeln. Sie holten ihr Gepäck aus dem Container und luden es auf den Fahrradanhänger.
»Ich habe dir ein Rad mitgebracht. So geht es zügiger«, sagte der Mann, der sich als Michael Röder vorgestellt hatte.
Das war gut. So mussten sie sich wenigstens nicht endlos unterhalten. Sie wollte erst einmal ankommen. Alles Weitere würde sich morgen bei Dienstantritt ergeben.
Als sie an der Dienstwohnung ankamen, nahm sie sogleich ihren Koffer und folgte dem Inselpolizisten.
»Soll ich dir alles zeigen?«, fragte er. »Die Wache ist gleich hier unten.«
»Geht das bitte auch morgen? Von mir aus ganz früh. Ich möchte erst einmal den Koffer auspacken und einen Spaziergang machen. Damit ich weiß, wo ich mich befinde«, bat sie. »Hast du einen Ortsplan?«
»Liegt auf dem Tisch. Aber eigentlich reicht es zu wissen, dass du dich hier im Westdorf befindest und, wenn du immer geradeaus gehst, irgendwann im Ostdorf landest«, erklärte Röder. »Verlaufen passiert nicht. Zumindest nicht für jemanden aus unserer Zunft. Morgen besorge ich dir einen Prospekt. Dann hast du mehr Informationen. Ansonsten – wenn du weitere Fragen hast, Sandra, meine Frau, und ich wohnen gleich links auf der anderen Seite. Falls dich Hunger überfällt – es gibt jede Menge Lokalitäten hier. Das Fahrrad kannst du bei Nichtgebrauch ins Gartenhäuschen stellen. Auch links.«
»Danke. Wann beginnt der Dienst morgen?«
»Sei um acht Uhr da. Ich habe einiges zu erzählen.« Damit war der Mann sehr zu ihrer Beruhigung verschwunden.
Sie legte ihre Sachen in den schmalen Schrank im Schlafzimmer, wusch sich das Gesicht, zog Zivilklamotten an, steckte Geld und Inselplan in die Jackentasche und startete ihren Erkundungsgang. Auf der Strandmauer angekommen, setzte sie sich auf einen der Steine, die einladend herausschauten und ließ den Blick über das Wasser gleiten. Kleine Wellen rollten an die Buhnen, und Urlauber waren damit beschäftigt, sich immer wieder zu bücken und etwas in Taschen oder Tüten zu stecken. Ihr Blick ging nach rechts über den breiten Strand. An den Randdünen luden einige Strandkörbe zum Verweilen ein. Allerdings schien es ihr nicht warm genug, um im Bikini dort zu sitzen. Das Thermometer zeigte bestimmt nicht mehr als 15 Grad an, und die Sonne versteckte sich immer wieder hinter dunklen Wolken.
»Nein, meine!«
»Nein, meine!«
»Die Muschel gehört mir!« Eine Kindergruppe, gefolgt von ein paar Erwachsenen, schlenderte vorbei. Wobei die Erwachsenen eher schlenderten, die Kinder aber fröhlich hin und her hüpften. Ein kleines Mädchen hielt die Hände auf dem Rücken fest verschlungen, während die anderen versuchten, ihm den Schatz zu entreißen. »Sucht euch selbst welche. Da liegen doch genug!«, rief das Mädchen, und so schnell, wie sie gekommen waren, verschwanden sie auch wieder hinter dem Deichschart. Den Eltern war wohl nicht mehr nach Muschelsuche am Strand gewesen.
Was für ein unschlagbar geruhsames Leben, dachte Anika. Natürlich – die Feriengäste hatten nur eine begrenzte Zeit hier. Aber die Insulaner, besonders deren Kinder, konnten es gar nicht besser haben. Sie wuchsen quasi auf einem Freiluftspielplatz auf. Hier konnte nichts passieren. Kein Auto konnte … Nein. Sie stand auf und lief weiter über den Höhenweg. Rechts sah sie ein großes Gebäude. Das musste das Schwimmbad sein. Eine weiße Brücke tauchte vor ihr auf, die zu dem Gebäude führte. Sie ging weiter und bog rechts ab. War hier bereits das Ostdorf? Sie schaute auf den Plan und stellte fest, dass sie sich genau in der Mitte zwischen Ostdorf und Westdorf befand. Bei den Schaukästen blieb sie stehen. Sie war überrascht über die vielen Veranstaltungen und Angebote auf dieser kleinen Insel. Dabei war nicht einmal Hauptsaison. Ein Hinweisschild zeigte nach links. »Rosengarten« stand darauf. Den würde sie sich ansehen und dann versuchen, ihren Magen zu beruhigen, der nach Essbarem verlangte.
Sie öffnete die schwere Pforte, fühlte die Muscheln, die den Rundweg des kleinen, gepflegten Gartens bedeckten, unter ihren Sneakers und setzte sich auf eine der hölzernen Bänke. Sie schloss die Augen und ließ das Erlebte Revue passieren. Manchmal hatte ihr Chef in Barsinghausen sogar gute Ideen. Und der Vorschlag, sie für vier Wochen auf die Insel zu schicken, war mit Sicherheit der beste von allen gewesen. Natürlich – passieren konnte immer etwas. Aber sie war weg von zu Hause, weg aus der Stadt. Sie öffnete ihr Notizbuch und schrieb Rosengartentor – warum so massiv?, dann klappte sie es zu und steckte es ein. Das war die erste von sicher vielen Fragen, auf die sie eine Antwort brauchte. Ihr Kollege würde ihr da bestimmt weiterhelfen.
Eine ganze Weile blieb sie sitzen, hörte den Vögeln zu und beobachtete eine Maus, die unbeeindruckt von ein paar Gästen, die die ersten Rosenblüten bewunderten, vor ihrem Loch hin und her lief und die spitze Nase in den Wind reckte.
Wie spät war es eigentlich? 21 Uhr. Es war immer noch hell. Kein Wunder zu dieser Jahreszeit. Aber ob es auf dieser Insel jetzt etwas zu essen gab, war fraglich. Für alle Fälle hatte sie zwei belegte Brötchen und ein paar Kekse mitgebracht. Sie hatte keine Lust aufzustehen, merkte jedoch, wie der Wind ihr unter die Jacke zog und sie zum Frösteln brachte. Also sollte sie besser gehen. Nicht, dass sie ihren ersten Arbeitstag mit Erkältung im Bett verbringen musste.
Auf ihrem Rückweg kam sie an zwei Hotels vorbei. Den Blick auf die Speisekarten verkniff sie sich. Nein, sie würde schnurstracks zurück in ihre Dienstwohnung gehen, eine gemütliche Hose anziehen und sich mit den Brötchen in den Sessel kuscheln. Sie wunderte sich, dass ihr trotz der späten Stunde Eltern mit Kinderwagen begegneten. Aber im Urlaub war eben alles anders. Daran musste sie sich gewöhnen, genau wie an viele andere Dinge. Da war sie sich sicher.
Sie lenkte ihr Fahrrad um die Ecke und öffnete gerade die Tür des Gartenhauses, als Michael Röder mit einem Hund auftauchte.
»Hallo, Frau Kollegin«, begrüßte er sie freundlich. »Wie wäre es mit einem Abendschluck?«
Ihr drehte sich fast der Magen um. Wenn sie jetzt, mit leerem Bauch, auch nur ein Glas Bier trinken würde – sie mochte nicht daran denken, wie schlecht es ihr erginge. Außerdem würde sie mit dem Mann in den nächsten Wochen sicher genug zusammen hocken.
»Nein, danke. Morgen vielleicht. Ich bin müde.« Damit schob sie das Rad ins Gartenhaus, und Röder verschwand mit einem kurzen Abschiedsgruß in seiner Wohnung.
In der Wohnung angekommen, biss sie hungrig in ihr Brötchen und merkte sofort, wie sich ihre Laune besserte. Nachdem sie auch das zweite Brötchen nahezu verschlungen hatte, legte sie sich aufs Bett und schlief ein, ohne sich vorher ihren Schlafanzug anzuziehen.
Plötzlich schreckte sie hoch. Das durchdringende Horn eines Krankenwagens holte sie aus dem Schlaf. Wo bin ich hier, dachte sie verwirrt und horchte. Es war nichts als Stille um sie herum. Eine Stille, die sie als beängstigender empfand, als wenn tatsächlich der Alarm von draußen zu hören gewesen wäre. Eine Stille, die so laut war, dass sie sich die Bettdecke über den Kopf zog und ihre Fäuste auf die Ohren presste. »Warum hört es nicht auf? Warum nicht?«, wimmerte sie.
5
Zwei Tage waren vergangen, seit Anika zu seiner Unterstützung eingetroffen war. Zwei Tage, in denen nichts passiert war, was seine Aufmerksamkeit erfordert hätte. Weder hatten die Kollegen aus Oldenburg Näheres zu dem oder der Toten sagen können, noch hatte sich Paul Abarth gemeldet. So hatte er genügend Zeit, seiner Kollegin die Insel zu zeigen. Immer hatte sie ihr Notizbuch dabei und konnte schon so manche Frage daraus streichen. Auch die nach dem Rosengartentor hatte er mit Hinweis auf die unendlich vielen Kaninchen und die hungrigen Rehe beantwortet.
Zu Anfang hatte er sie nicht richtig einschätzen können. Sie war ein ruhiger, beinahe zurückhaltender Typ, der alles, was er sagte, interessiert aufnahm. Doch manchmal durchbrach sie ihre Zurückhaltung, lachte fröhlich und kommentierte seine Ausführungen unbeschwert und lebhaft. Nur von ihrer Zeit in Barsinghausen schien sie ungern zu erzählen. Er hatte ein, zwei Mal versucht, etwas aus ihr herauszulocken, doch vergebens. Dann hatte er es aufgegeben. Es musste auch nicht sein. Hauptsache, sie kamen in ihrer Zeit auf der Insel miteinander klar.
»Worüber denkst du nach?«
Röder zuckte zusammen und hätte sich beinahe mit dem Brötchenmesser in den Finger geschnitten, als Sandra ihn aus seinen Gedanken holte.
»Ach, ich habe überlegt, was ich Anika noch nicht gezeigt habe. Gestern waren wir auf dem Friedhof und haben uns Kramers Grab angesehen.«
»Gibt es da schon Neuigkeiten?«, fragte Sandra und schenkte sich einen Kaffee ein. »Ich habe übrigens deine Kollegin gefragt, ob sie bei uns mit frühstücken wollte. Sie hat abgelehnt. Freundlich, aber bestimmt. Ich habe ihr dann nur erzählt, wo sie unseren Laden findet. Falls sie an Biolebensmitteln interessiert ist.«
»Ich denke, sie braucht ganz viel Ruhe«, erwiderte Röder. »Irgendwas ist mit ihr. Keine Ahnung, was es sein könnte.«
»Na gut. Ich muss gleich in den Laden, Eva ablösen. Die hat heute schon früh angefangen.«
»Und es macht dir immer noch Spaß?«, fragte Röder, obwohl ihm die Antwort durchaus bekannt war.
»Natürlich. Ich habe übrigens eine Bitte. Könntest du heute Nachmittag mal im Laden vorbeischauen? Wir wollen einen Kühlschrank anschließen, und zu diesem Zweck muss ein ziemlich schwerer Schrank umgesetzt werden.«
»Kein Problem, mache ich gerne.«
»Übrigens kommt übermorgen Wiebke. Wir wollen die weiteren Liefermodalitäten für das Gemüse besprechen.«
»Wird mein Freund Arndt auch dabei sein?«
Sandra schaute ihren Mann etwas verunsichert an und meinte: »Ich denke, der hat anderweitig zu tun.«
Das war schade. Er hätte ihn gerne wiedergesehen. Aber seit Arndt seinen Dienst als Hauptkommissar bei der Auricher Kripo aufgegeben und sich mit seiner Frau Wiebke einen Bauernhof in der Krummhörn zugelegt hatte, sahen sie sich nicht mehr so häufig. Röders schlechtes Gewissen machte sich bemerkbar. Auch er hätte die beiden auf dem Festland öfter besuchen können. Schließlich fuhren täglich Fähren ans Festland! Sandra hatte es getan, und so war die Zusammenarbeit mit »Kleemanns Hof« und die Idee eines Bioladens auf der Insel entstanden.
Sein Telefon machte sich bemerkbar.
Es war Paul Abarth, der ihn aus der Frühstücksbeschaulichkeit holte. »Wilko ist heute unentschuldigt nicht zum Unterricht erschienen.«
Röder schaute auf seine Uhr. »Der Unterricht hat doch gerade erst angefangen.«
»Richtig. Aber ich habe mit dem Vater telefoniert. Der Junge ist nicht mehr zu Hause.«
»Und was sagt die Schwester?«
»Die liegt laut Auskunft des Vaters mit Erkältung im Bett und weiß nichts.«
Röder bemerkte große Unruhe in der Stimme des Schulleiters. »Gut. Ich komme mit meiner Kollegin in Kürze bei Ihnen vorbei. Dann sehen wir weiter.«
Er beendete das Gespräch und unterrichtete Anika. Es dauerte keine fünf Minuten, da stand sie in der Küche vor Sandra und Michael. »Können wir los?«
Röder stand auf. »Momentchen. Darf ich mir vorher eine Jacke überziehen?«
»Natürlich, aber wir sollten so schnell wie möglich …«
»Ich beeile mich.« Er schnappte seine Regenjacke, winkte Sandra zu und folgte seiner Kollegin zum Gartenhäuschen. Er stellte fest, dass sein Vorderreifen ziemlich platt war. Normalerweise überließ er den wechselnden Hilfssheriffs die Fahrzeugpflege, weil er dazu einfach kein Talent – so redete er es sich zumindest ein – und auch keine Lust hatte.
»Brauchst du eine Luftpumpe?« Anika blickte mit Zweifel in den Augen auf sein Vorderrad. »Aber beeil’ dich.«
Er stöhnte leicht. Er sah ein, dass er, ohne sein Techniktalent zu zeigen, aus der Nummer nicht wieder rauskam, also pumpte er. Es ging leichter als gedacht. Gleich darauf fuhren sie über den Roten Platz.
»Gut, dass Sie da sind«, begrüßte Paul Abarth die beiden. Röder konnte ihm ansehen, dass er sich große Sorgen machte.
»Bitte berichten Sie uns, was genau das Gespräch mit den Eltern gebracht hat.«
»Setzen Sie sich erst einmal«, erwiderte Abarth, als sie in seinem Büro angekommen waren. »Also ich war da, fand jedoch nur die Mutter vor. Sie hatte keine Ahnung, wovon ich sprach, und beteuerte, dass alles in Ordnung sei. Sie habe nie bemerkt, dass ihr Sohn sich verändert hätte.«
»Waren die Kinder bei dem Gespräch anwesend?«, fragte Anika.
»Nein, nicht direkt. Die Tochter war im Kinderzimmer. Der Sohn angeblich bei Nachbarn.«
»Bei wem genau?«, fragte Anika.
»Keine Ahnung. In dem Haus sind zwei weitere Eigentumswohnungen. In der einen wohnt Elmar Diesterweg. Der hat sich wohl, wie Frau Jessen berichtete, seinen Lebenstraum mit dieser Wohnung erfüllt. In der anderen lebt Ilona Klinker und manchmal auch ihr Mann.«
Röder kannte die beiden. Sie hatten viele Jahre eine Pension betrieben, bevor sie sie ihrem Sohn überschrieben hatten. Franz Klinker war seitdem meistens unterwegs, um die Welt zu erkunden. Andere Stimmen sagten allerdings, dass er sich von seiner Frau getrennt habe und deswegen am Festland sei.
»Aber Nachbarn ist ein weiter Begriff. Wo Wilko zu dem Zeitpunkt genau war, weiß ich nicht.« Paul Abarth fuhr sich durch seine wuscheligen Haare, dann schüttelte er bedauernd den Kopf. »Was halten Sie von der Sache?«
Röder stand auf. »Wir werden der Sache nachgehen. Mal schauen, ob was dran ist. Und Sie möchte ich bitten, mal ganz vorsichtig die Mitschüler aus Wilkos Klasse zu befragen. Es könnte sein, dass er seinen Altersgenossen gegenüber aufgeschlossener war.«
»Das mache ich gerne. Und – danke.« Auch Anika Frederik und der Schulleiter erhoben sich. »Ich möchte selbst gerne wissen, warum mich die Sache so verfolgt«, sagte er. »Es ist eigentlich nichts passiert. Dumme Sprüche und Fehlstunden hat es bei Schülern gegeben, seitdem Schulen existieren. Natürlich gibt es hier ebenfalls einen bunten Querschnitt von Charakteren. Aber wir leben im Grunde genommen in einer heilen Welt, verglichen mit mancher Großstadtschule. Da fällt es eben mehr auf, wenn ein Kind sich verändert.«
»Wir melden uns.« Anika und Röder verließen das Schulgebäude genau in dem Moment, als die Glocke klingelte. Röder fühlte sich angenehm in seine Kindheit versetzt. Zumindest an die Grundschule hatte er positive Erinnerungen. Wie hatte die Klassenlehrerin mit dem Dutt geheißen? Fräulein Lebesam. Genau. Alle Kinder hatten versucht, das Beste aus sich rauszuholen, um Fräulein Lebesam zu gefallen. Und sie hatte alles getan, um den Kindern mit großer Zuneigung möglichst viel beizubringen.
Im Ostdorf angekommen, wollte Röder gerade den Klingelknopf drücken, als sich die Tür von innen öffnete und Ilona Klinker vor ihnen stand. »Super, dass Sie da sind. Sonst hätte ich bei Ihnen angerufen.«
»Wieso?«, fragte Röder einigermaßen verwirrt.
»Na, riechen Sie das nicht? Kommen Sie rein, Sie beide! Hier stinkt es mal wieder zum Gotterbarmen. Ich habe allmählich die Schnauze voll!«, schrie sie. »Jeremy hat schon Asthma deswegen.« Sie zeigte auf einen braunen Dackel, der sich mühsam die Treppe hinunterbewegte.
»Aber was sollen wir …?«
»Sie sollen es ihm verbieten. Jeden, jeden, jeden Tag stinkt es.«
Röder schnüffelte, auch Anika hielt ihre Nase in die Luft. Gut, man konnte riechen, dass gekocht wurde. Aber es war nicht unangenehm.
»Ich habe in unserer Pension jeden Tag am Herd stehen müssen. Immer war ich vom Essensdunst umgeben. Das will ich nicht mehr. Dann kann ich mich auch gleich wieder bei meinem Sohn in die Küche begeben!«
»Wer ist denn derjenige, der in diesem Haus kocht?«, fragte Anika.
Ilona Klinker zeigte nach oben. »Der da. Der Diesterweg im ersten Stock. Ich wohne genau darüber. Im zweiten!«
»Haben Sie es schon mal mit Lüften versucht?«, fragte die Polizistin.
Röder ahnte, dass das genau die falsche Frage war. Er sollte Recht behalten.
»Glauben Sie, ich bin blöd? Was meinen Sie, wie es stinken würde, wenn das Flurfenster nicht Tag und Nacht offen wäre!«, schrie Ilona Klinker erneut.
Jetzt wurde auch Röder böse. »Schreien Sie uns nicht an. Sie entschuldigen uns. Wir haben zu tun.« Er schob sich an der aufgebrachten Frau vorbei und klingelte an Jessens Tür.
»Die kann ich auch nicht ab mit ihrer ständigen Streiterei«, schickte Klinker ihnen hinterher, als Hans Jessen sie hereinließ.
»Wir kommen wegen Ihres Sohnes«, erklärte Röder, nachdem er Hans Jessen seiner Kollegin vorgestellt hatte.
»Ja, und?« Hans Jessen ließ sich auf das Sofa fallen, das fast den ganzen Raum beanspruchte. Abgesehen von dem Fernseher, der die halbe gegenüberliegende Wand einnahm. »Ist er nicht in der Schule?«
»Nein. Deswegen sind wir hier. Haben Sie eine Ahnung, wo er sein könnte?«
Jessen schüttelte den Kopf. »Nein.«
»Und machen Sie sich Sorgen deswegen?«, fragte Anika.
Wieder schüttelte der Mann den Kopf. Diesmal kräftiger. »Warum sollte ich? Er ist ein Freigeist, wie meine Frau immer behauptet. Also was soll ich mir Gedanken machen?«
»Weil Sie ein eigenständig denkender Mensch sind?«, fragte Anika.
Jessen lachte auf. »Das sollten Sie mal meine Frau hören lassen. Die würde das glatt abstreiten.«
»Wo ist Ihre Frau jetzt?«
»Am Festland. Sie sucht Sponsoren.« Jessen deutete auf den Fernseher. »Sie dreht Filme und nennt das dann Kunst. Und weil das manchmal etwas kostet und ich nur das Gehalt eines Bürotigers in der Reederei mit nach Hause bringe, sucht sie fremdes Kapital. Zum Beispiel für dieses Riesengerät zum Abspielen der Kunstwerke. Würde gerne wissen, wie sie das immer wieder schafft. Aber vielleicht möchte ich es doch nicht wissen.«
»Dann haben Sie sich heute freigenommen?«
»Ja. Weil Meta krank ist. Ich konnte sie nicht allein lassen.«
In diesem Moment hörte Röder ein schwaches »Papa« aus dem Nebenzimmer. Anika sprang auf. »Ihre Tochter ruft. Darf ich zu ihr?«
Jessen nickte. »Gleich die erste Tür rechts. Aber erschrecken Sie sie nicht.«
»Keine Sorge.« Schon war Anika verschwunden.
»Sie haben wirklich keine Ahnung, wo Ihr Sohn ist, Herr Jessen? Bevor ich die ganz große Suche lostrete, möchte ich alle Infos haben«, mahnte Röder eindringlich.
»Nein, ich weiß es nicht. Bin aber guter Hoffnung, dass er kommt. Ich mache mir keine Sorgen. Allerdings wundere ich mich, dass die Polizei Zeit für eine solche Lappalie hat. Sie kreuzen hier gleich zu zweit auf – Donnerwetter!«
Röder konnte es kaum fassen. Er würde vermutlich nicht so entspannt auf dem Sofa sitzen, wenn sein Kind verschwunden wäre. Auf der anderen Seite – es war erst eine kurze Zeit, die der Junge weg war. »Hat er Hobbys, die ihm zurzeit wichtig sind? Angeln oder eine andere Beschäftigung, die er draußen ausführt?«
»Nein. Manchmal ist er mit seinen Kumpels unterwegs, aber das ist doch normal«, bemerkte Jessen.
Klar, die Zeit draußen zu verbringen, war normal, dachte Röder. Es war nur die Frage, womit er die Zeit im Freien ausfüllte. »Ich hörte, Ihre Frau und Sie streiten sich öfter? Könnte sein Verschwinden damit zu tun haben?«
»Ach, hat die alte Klatschtante von oben ihr Maul aufgerissen?« Jessens Augen blitzten wütend. »Die soll sich mal an ihre eigene Nase fassen. Der ist der Mann schon vor Jahren abgehauen. Der darf nur wiederkommen, wenn in der Wohnung etwas repariert werden muss und kein Handwerker zu kriegen ist.«
»Apropos Wohnung – wohnen Sie zur Miete oder gehört Ihnen die Wohnung?«
»Ich weiß nicht, was Sie das angeht, aber uns gehört die Wohnung. Obwohl ich mir oft genug wünsche, dass ich einfach den Vertrag kündigen und wegziehen könnte«, gab Jessen zu.
Röder wunderte sich. Woher hatten die Jessens das Geld für eine Wohnung? Aber die Frage danach verkniff er sich. Tatsächlich ging es ihn auch wirklich nichts an.
»Eine letzte Frage: Sagt Ihnen der Spruch: ›Wer leben will, muss töten‹ etwas?«
»Nein. Wieso?«
»Das war ein Satz, den Ihr Sohn in der Schule losgelassen hat«, erklärte Röder.
»Den hat er bestimmt bei einem Kumpel aufgeschnappt«, winkte Jessen ab.
»Bist du durch?« Anika war zurück.
Röder hatte das Gefühl, dass sie etwas mit ihm zu besprechen hatte, das nicht unbedingt für Hans Jessens Ohren gedacht war.
»Ich denke ja. Oder haben Sie mir noch etwas mitzuteilen?«, wandte er sich erneut an Jessen.
»Nein. Habe ich nicht«, kam es aufgebracht zurück.
»Teilen Sie uns sofort mit, wenn Ihr Junge wieder auftaucht. Sollte er bis zwei Uhr nicht zu Hause sein, werden wir eine Suche einleiten.« Sie verabschiedeten sich.
Im Treppenhaus roch es immer noch nach Essen. Sie klingelten bei Elmar Diesterweg, doch niemand öffnete.
»Wir gehen vor die Tür«, schlug Anika vor.
»Also, was hast du erfahren?« Röder konnte seine Neugier kaum bändigen.
»Ehrlich gesagt, nichts. Das Mädel war wirklich krank. Auf meine Frage, ob sie wüsste, wo ihr Bruder sein könnte, schüttelte sie nur den Kopf. Ich hatte allerdings stark das Gefühl, dass sie mir etwas verschwieg«, gab Anika Auskunft. »Soll ich sie mir noch einmal vornehmen? Sie begreift sicher gar nicht, wie wichtig ihre Hilfe sein könnte.«
»Lass es erst einmal gut sein. Wir warten ab und fragen später nach.«
»Du meinst nicht, dass wir handeln sollten? Wir können doch die Insulaner zusammentrommeln. Die Feuerwehr. Die Lehrer. Wir könnten alle Nachbarn befragen, ob die etwas mitbekommen haben.«
»Nein. Wir warten bis zum Unterrichtsende am frühen Nachmittag. Vielleicht taucht er bis dahin in der Schule auf.«
»Wie du meinst.« Sie schnappte sich ihr Rad und fuhr so schnell los, dass er kaum folgen konnte. Man gut, dass er ihr nicht von seinem Auftrag im Bioladen erzählt hatte. Dafür hätte sie bestimmt kein Verständnis gezeigt. Apropos Bioladen – er würde jetzt dorthin fahren. Dann konnte er sich nachmittags um die wichtigen Dinge des Lebens kümmern.
6
»Es ist ganz sicher, dass dein Unterricht heute ausgefallen ist?« Elmar Diesterweg konnte es nicht so ganz glauben.
»Doch. Sonst wäre ich nicht hier, oder?«, antwortete Wilko bestimmt.
Er hatte den Jungen im Flur getroffen, gerade, als er das Haus verlassen wollte. Wilko hatte sich ihm angeschlossen, als er ihm erzählt hatte, dass er Queller pflücken wollte. Der Meeresspargel, wie er auch genannt wurde, schmeckte vorzüglich zu Lachs oder Lammbraten. Am Nachmittag erwartete er drei Damen, die sich zu einem Kochkurs in seiner Küche angemeldet hatten.
Sie überquerten den Weg, der am alten Ostdorf vorbei zum Heim des Niedersächsischen Turnerbundes führte, und erreichten bald den Heller, auf dem Tausende von Vögeln brüteten. Diesterweg hoffte, dass er einige der jungen Pflänzchen fand, die nicht vom Gänsekot verdreckt waren.
»Kann ich später mit dir das Essen zubereiten?«, fragte Wilko.
»Heute nicht. Da bekomme ich Besuch. Aber übermorgen kannst du gerne zu mir kommen«, erwiderte Diesterweg und legte seinen Arm um Wilkos Schultern, als er dessen enttäuschtes Gesicht sah. »So, gleich haben wir die Verlandungszone erreicht. Das ist der Ort, wo wir die Pflanze finden sollten.«
Die Vegetation wurde allerdings eher weniger als mehr in diesem schmalen Streifen zwischen Hellerwiesen und Wattenmeer. Hier konnten es tatsächlich nur Pflanzen aushalten, die kein Problem damit hatten, regelmäßig vom Salzwasser überspült zu werden. Und zu diesen Pflanzen gehörte der Queller. Und genau das gab ihm diese wunderbar salzige und leicht pfefferige Note. »Da schau mal. Da ist er.« Er bückte sich und kniff die grüne Spitze der Pflanze ab. »Salicornia europaea. Davon gibt es zehn bis 30 Arten. Sie sind fast nicht auseinanderzuhalten. Aber das macht nichts. Sie schmecken alle. Aber wenn du sie pflückst, mach es bitte so wie ich. Nicht die ganze Pflanze, sondern nur den oberen Teil. Der ist frisch und angenehm im Geschmack. Die Pflanze ist um diese Jahreszeit noch sehr klein, aber wenn sie älter wird, ist der Rest manchmal holzig und zu salzig.«
»Ich achte drauf.« Jetzt lächelte der Junge wieder und brachte ihm nach kurzer Zeit eine ganze Handvoll der frischgrünen Spitzen.
Er legte sie in den Korb aus Stroh und freute sich bereits auf die Zubereitung. Der Queller war nicht die einzige Pflanze, die nutzbar war. Vor zwei Wochen hatte er Wegerich gepflückt und die Blätter zu einem leckeren Salat verarbeitet. Ab Juli würde er den Samen dieser Pflanze sammeln und Speiseöl daraus bereiten.
»Machst du den Queller als Salat oder Gemüse? Du musst mir unbedingt zeigen, wie das geht. Für Mama, weißt du?«, bat Wilko.
»Meinst du nicht, dass sie das auch ohne meine Hilfe kann? Sonst darf sie sich auch gerne an meinem Kochkurs beteiligen. Ich werde sie mal fragen«, überlegte Diesterweg laut.
»Nein. Besser nicht«, wehrte Wilko unwillig ab.
Was war das? Hatte er etwas verkehrt gemacht? Der Junge hatte es wohl nicht so ganz leicht mit seinen Eltern. Er kannte das. Auch er hatte eine Kindheit hinter sich, an die er sich nur ungern erinnerte. Am schlimmsten war der Hunger gewesen. Es war nicht so, dass seine Eltern kein Geld gehabt hätten, nein, es hatte beiden nur die Lust auf regelmäßige Mahlzeiten gefehlt. Nur bei seiner Oma war der kleine Elmar immer gut versorgt worden. Sie ließ ihn, auch, als er ganz jung war, schon in die Töpfe schauen. Er konnte bis heute schwören, dass er allein aus diesem Grund Koch geworden war. Wahrscheinlich war die Erinnerung an seine Oma auch der Antrieb, warum er sich dieses Jungen angenommen hatte. »Komm mal her«, rief er zu ihm herüber. »Schau mal, was hier liegt.« Eine Nonnengans mit einem beinahe gänzlich abgerissenen Kopf lag zwischen den spärlichen Gräsern.
Wilko rupfte einen weiteren Stiel ab, kam langsam zu ihm und beugte sich über das tote Tier. »Mann, die hat es aber erwischt. Wie ist das passiert?«
Diesterweg zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, ob Mensch oder Tier der Verursacher war. Wir nehmen sie mit und entsorgen sie.« Er war sich allerdings im gleichen Moment nicht mehr so ganz sicher, ob das eine gute Idee war. Zu präsent war ihm die Situation vor einigen Wochen in den Dünen. Bei einem Spaziergang hatte er im Gebüsch ein großes Netz entdeckt. Darin hatten sich zwei Stockenten verfangen und waren gestorben. Sie konnten nicht lange tot gewesen sein, sie sahen recht frisch aus. Er hatte die Netzfalle abgebaut, damit sich nicht weitere Tiere dort verfingen. Netz und Enten hatte er mitgenommen. Er konnte nicht einsehen, warum er die Vögel nicht in die Bratröhre stecken sollte. Auf dem Rückweg in den Dünen kam ihm dummerweise ein Insulaner entgegen und fragte mit viel Zynismus: »Na, besorgst du dir deine Essenszutaten schon in den Dünen? Wir kaufen alles in den hiesigen Märkten. Dafür sind sie da!« Er, Diesterweg, hatte zunächst keine Antwort gehabt, so überrascht war er gewesen, doch dann hatte er versucht, dem Mann klarzumachen, dass er alles so vorgefunden hatte. Doch der Mann hatte nur abgewinkt. »Stockenten, auch Wildenten genannt, sollen sehr lecker sein. Lass sie dir schmecken. Aber lass dich nicht erwischen. Die Jagdzeit für die Tiere ist vorbei.«
Ein paar Tage später fiel in einem Gespräch auf der Straße das Wort Stockente, als er vorbeikam. Er hatte keine Ahnung, ob es ihn betraf. Wollte auch nicht nachfragen.
Wilko griff in die Federn des Tieres und breitete die Flügel auseinander. »Die sieht echt cool aus. Schau mal, die gestreiften Flügel.«
»Weißt du denn, warum dieses Tier Nonnengans heißt?«
»Nee.«
»Wenn der Kopf noch dran wäre, könntest du es sehen. Sie hat ein weißes Gesicht und einen schwarzen Scheitel. Nacken und Hals sind auch schwarz, daher erinnert die Färbung an die frühe Tracht katholischer Nonnen.«
Der Junge schaute Diesterweg verschmitzt an. »Du kennst dich echt gut aus. Aber weißt du auch, wie sie gebraten aussieht?«
»Stand noch nicht auf meinem Speiseplan.« Diesterweg lachte.
»Darf ich mitessen?«
Elmar Diesterweg schaute überrascht hoch und erkannte Ole Zander, den Wattführer, der in der gleichen Straße wohnte.
»Klar. Kein Problem!« Diesterweg lächelte. »Willst du gleich einen Kurs belegen? Wir können natürlich auch eine Gemeinschaftsaktion überlegen. Du gehst mit den Leuten ins Watt, dann pflücken wir alle zusammen den Queller, und ich frage in einer der Hotelküchen nach, ob wir die nutzen können. Wäre nicht das erste Mal. Eine ähnliche Sache mache ich demnächst mit dem Nationalparkhaus. Wir werden im Watt Tische und Stühle aufbauen und dort essen. ›Wattenschmaus‹ haben Enna Klar und ich die Veranstaltung genannt. Ich überlege gerade, was wir servieren. Es sollte auf jeden Fall etwas mit der Umgebung, also dem Wattenmeer, zu tun haben. Wenn du dabei sein möchtest, musst du dich bei ihr anmelden.«
»Kann ich drüber nachdenken. Aber jetzt lern erst mal den Nachwuchs an. Macht Wilko gerade ein Praktikum bei dir?«, fragte Ole.
»So könnte man es vielleicht nennen.«
»Bis dann.« Ole Zander zeigte auf die weite Schlickfläche zwischen Insel und Festland, auf der kaum Wasser zu sehen war. »Ich muss ins Watt. Die Leute warten schon am ›Verhungernix‹ auf mich.«
Elmar Diesterweg sah hinter dem Mann her, der mit seinem schweren Rucksack und der Grabeforke in der Hand durch den Schlick Richtung Hafen stapfte.
»Brauchst du noch mehr? Wieviel soll ich pflücken?«, fragte Wilko.
»Ich denke, es reicht beinahe. Schau. Da vorne steht ein Büschel, davon nehmen wir etwas mit, dann ist es gut.«
»Aber …«
»Nein. Wir pflücken nur so viel, wie wir brauchen. Das habe ich dir schon oft gesagt, oder?« Elmar Diesterweg hatte plötzlich keine Lust mehr. Er wollte so schnell wie möglich nach Hause. Hoffentlich hatte der Wattführer nicht gedacht, er habe die Gans höchstpersönlich zu Verzehrzwecken getötet. Er hätte besser darauf hinweisen sollen, dass er lediglich den Queller als Nahrung nutzen wollte.
»Ja, ja, ich habe verstanden«, nörgelte Wilko. »Die Großen bestimmen und die Kleinen müssen folgen. Wie bei meinen Eltern.«
Es tat Diesterweg weh, was der Junge sagte. Er hatte sich so um ihn bemüht. Hatte zugehört, wenn Wilko mal wieder mit verheultem Gesicht vor seiner Tür gestanden hatte. Hatte versucht, ihm das Gefühl zu geben, dass er ihn trotz der jungen Jahre respektierte und ihn ernst nahm. Er war kurz davor, ihm eine ziemlich abweisende Antwort zu geben, aber er riss sich zusammen und sagte nur: »Du kannst mir zu Hause helfen, den Queller zu waschen und vorzubereiten. Übermorgen gehen wir wieder zusammen raus und sammeln und kochen danach das perfekte Menü. Was hältst du davon?«
Wilko schaute ihn von der Seite an. Der Trotz war einem strahlenden Lächeln gewichen. »Okay, Boss. So wird es gemacht. Heute kochst du mit deinen Frauen und übermorgen sind wir dran.«
»Vielleicht finden wir auch Löffelkraut. Davon ein paar der scharfen Blätter in den Salat, das ist auch sehr lecker. Löffelkraut ist übrigens so reichhaltig an Vitamin C, dass es früher auf Segelschiffen gegen Skorbut eingesetzt wurde.«
Wilko schaute ihn fragend an. »Skorbut?«
»Das ist eine Vitaminmangelkrankheit. Da fielen den Seeleuten die Zähne aus.«
»Aha«, überlegte Wilko. »Daher hat man das Labskaus erfunden. Das kann man schließlich auch ohne Zähne schlucken.« Er kicherte.
Auch Diesterweg lachte. »Da magst du recht haben.« Gemeinsam gingen sie zurück über den Heller nach Hause.
»Wie war das noch?«, fragte Wilko. »Ist das eigentlich Nationalparkgelände? Dürfen wir hier laufen? Wir haben das nämlich gerade in der Schule. Ruhezone I, Ruhezone II und so.«
»Ach«, erwiderte Diesterweg versonnen. »Wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter.«
»Was heißt das?«
»Das heißt, wenn keiner mitbekommt, wenn jemand etwas Verbotenes getan hat, kann die Person auch nicht verurteilt werden, verstehst du?«
»Oder jemand kriegt es mit, aber sagt nichts.«
Elmar Diesterweg schwieg einen Moment, dann meinte er: »Die Möglichkeit besteht natürlich auch.«
Als sie die Haustür öffneten, stand Hans Jessen vor ihnen und starrte sie wutentbrannt an. »Ach, so war das mit: Man muss töten, um zu leben.«
»Was meinen Sie?«, fragte Diesterweg verblüfft.
»Was ich damit meine?« Hans Jessen lachte kreischend auf und deutete auf das kopflose Tier, das Diesterweg im Gras neben dem Fahrradständer abgelegt hatte. »Als ob Sie das nicht wüssten! Schlagen im Beisein meines Sohnes Gänsen den Kopf ab, nur damit Sie was für den Kochtopf haben!«
Waren jetzt alle verrückt geworden? Es musste doch klar sein, dass man erstens Nonnengänse nicht mal eben so einfangen und dass man zweitens Nonnengänse gar nicht verwerten konnte. Sie schmeckten einfach nicht.
»Es ist doch gut, wenn man aufmerksame Nachbarn hat. Die Szene kam Ole seltsam vor. Da hat er mich gleich angerufen. Auch weil er sich wunderte, dass Wilko nicht in der Schule war.«
Du liebe Güte, dachte Diesterweg. Das ist das zweite Mal, dass jemand etwas in den falschen Hals bekommt. Er mochte nicht darüber nachdenken, wie schnell sich auch diese Geschichte auf der Insel herumsprechen würde.
»Aber der Junge hatte frei. Der Unterricht war ausgefallen«, stotterte Diesterweg. Er merkte, wie Wilko neben ihm unkontrolliert zu zittern anfing. Jessen machte einen Schritt auf seinen Sohn zu, griff in sein T-Shirt. »Du gehst jetzt rein. Mit dir rede ich später.«
Der Junge rührte sich nicht.
»Los. Rein mit dir!«, schrie Jessen sein Kind an.
Was soll ich machen, überlegte Diesterweg. Würde der Mann Wilko schlagen? Dann musste er eingreifen. Oder würde das die Lage für das Kind verschlimmern? Er wollte um nichts in der Welt den Vater weiter aufregen. »Herr Jessen, die Gans haben wir tot auf dem Heller gefunden. Wir waren unterwegs und haben Queller für ein Gericht gesammelt, das ich heute Nachmittag kochen will. Wilko interessiert sich so sehr für das Kochen.«
Wilko schaute ihn angsterfüllt an. Hatte er etwas Verkehrtes gesagt?
»Dann war mein Sohn schon öfter bei Ihnen in der Wohnung? Mal sehen, was die Polizei dazu sagt!«
»Aber was hat die damit zu tun?«, fragte Diesterweg verdattert. Allmählich wurde die Lage für ihn unübersichtlich.
»Das können Sie sich immer noch nicht denken? Der Junge geht nicht zur Schule, nur damit er mit Ihnen kochen kann? Dahinter steckt mehr als nur Queller zu sammeln. Man muss töten, um zu leben – irre!«
»Nein. Wenn ich es Ihnen doch sage!«, versuchte Diesterweg Jessen zu überzeugen.
Jetzt liefen Wilko die Tränen über das Gesicht.
»Papa, was ist das für ein Krach?« Elmar Diesterweg sah Meta, blass und mit verwuschelten Haaren, im Nachthemd in der offenen Wohnungstür stehen. Gleichzeitig kam Ilona Klinker die Treppe hinunter. Ihr Dackel folgte ihr, ungelenk wie immer, seinen übergewichtigen Bauch von Stufe zu Stufe schiebend.
Klaus Jessen wandte sich um. »Nichts, mein Kind, gar nichts. Geh wieder ins Bett. Wilko und ich kommen auch gleich. Und Sie, Frau Klinker, geht es gar nichts an, was hier passiert. Aber wenn Sie es genau wissen wollen, schütze ich gerade meine Kinder vor einem per-…«
»Nein!«, schrie Diesterweg. »Nicht vor den Kindern.« Dann fügte er leise hinzu: »Wir können uns gerne unterhalten, wenn wir allein sind. Aber wir sollten jetzt wirklich …«
Hans Jessen hörte nicht mehr zu. Er schob Wilko grob den Flur entlang, verschwand mit ihm und Meta in der Wohnung und knallte die Tür zu.
Elmar Diesterweg hätte sich nicht gewundert, wenn die Klinker einen gehässigen Kommentar losgelassen hätte. Doch die Frau drehte sich wortlos um und ging die Treppe hoch. Der Hund folgte ihr mit durchdringendem Jaulen.
Er nahm sein Körbchen mit dem Queller. Die Lust am Kochen war ihm vergangen. Zumindest für heute. Aber es nützte nichts. Die Damen vom Kochclub würden darauf keine Rücksicht nehmen.
7
Röder hatte im Bioladen gerade die letzte Schraube in die Wand gedreht, als Hans Jessen ihm mitteilte, dass Wilko zu Hause sei.
»Und – wo hat er gesteckt?«, fragte Röder.
»Mit dem Diesterweg aus unserem Haus war er zum Queller pflücken. Wilko hat mir bestätigt, dass er dem Mann vorgeschwindelt hat, die Schule sei ausgefallen. Da hat ihn Diesterweg ohne Nachfrage einfach mitgenommen.«
»Na, dann haben sich unsere Sorgen um den Jungen ja in Luft aufgelöst«, war Röder erfreut.
»Wie man es nimmt. Ole Zander hat gesehen, wie Wilko und der Diesterweg eine tote Gans mit aus dem Watt genommen haben. Ist doch nicht normal, oder? Ich meine, der muss das Tier nicht in Wilkos Beisein töten. Wilko ist erst elf.«
»Wenn es Sie beruhigt, werde ich meine Kollegin vorbeischicken. Die kann mit Ihrem Sohn und Herrn Diesterweg reden. Ich denke, sie hat ein sehr gutes Gespür dafür, ob mit dieser Sache etwas nicht stimmt«, schlug Röder vor.
»Gute Idee. Machen Sie einen Termin mit unserem Chefkoch, dann melden Sie sich bei uns. Wir sind den ganzen Nachmittag da«, erwiderte Jessen.
Als der Mann das Gespräch beendet hatte, überlegte Röder, was er Anika mit auf den Weg geben konnte. Die Stimme des Mannes hatte weder wütend noch ängstlich geklungen, aber auch nicht gefestigt. Mehr so, als ob er mit der Angelegenheit ziemlich überfordert war. Er hoffte, dass Anika den richtigen Ton anschlagen würde. Er hielt sie für eine recht kompetente Kollegin, doch wenn es sich um Kinder in Notsituationen handelte, schien sie ein wenig zu überreagieren. Vielleicht täuschte er sich auch, und es war nur normal, dass Frauen entsprechende Gefahrenlagen anders beurteilten. Schließlich war es bisher nicht sehr häufig vorgekommen, dass ihm eine weibliche Hilfe zugeteilt worden war. Bis auf Marlene. Aber das war ein anderer Fall.
»Hilfst du uns, die Kisten hereinzutragen?« Sandra rüttelte leicht an der Leiter.
Er erschrak und wäre beinahe runtergefallen, wenn seine Frau ihn nicht gehalten hätte. »Ist doch gut, wenn eine schützende Hand über einem wacht«, lächelte sie.
»Stimmt. Besonders, wenn die Hand vorher dafür verantwortlich war, dass die Leiter überhaupt erst wackelte«, erwiderte er. Draußen war der Pferdewagen vorgefahren. Der Kutscher schlug die Seitenklappe nach unten und schob einige Kisten an den Rand der Ladefläche.
»Dann wollen wir mal.« Eine Kiste nach der anderen trug Röder in den Laden. »Muss die Kühlkette nicht eingehalten werden?«, versuchte er, sein neu erworbenes Fachwissen anzuwenden. Sandra hatte ihn, während sie mit ihrer Freundin Eva den Bioladen eingerichtet hatte, ausführlich daran teilhaben lassen.
»Ach«, beruhigte Sandra ihn. »In den Kisten und Kartons sind Nudeln, Reis und Dosensuppen. Da muss das mit der Kühlkette nicht sein«, fügte sie leicht ironisch hinzu. »Wenn morgen die Bestellung von Milch, Butter, Joghurt und so weiter angeliefert wird, dann kommt das in blauen Kühlbehältern.«
Richtig. Die standen auch immer beim »Frischemarkt« und beim »Inselmarkt« herum. Sie stapelten die Waren in einer Ecke des Ladens, dann rief er Anika an. Sie versprach, umgehend bei Jessens vorbeizuschauen und sich ein Bild zu machen.
Kaum hatte er sein Handy in der Hosentasche verstaut, meldete es sich erneut. Sein Chef aus Aurich war dran. Röder hörte interessiert zu, was Müller ihm zu sagen hatte.
»Mit der Abendfähre kommen zwei Kollegen rüber. Die wollen ein paar Sachen näher recherchieren bezüglich der Knochenfunde. Es wäre nett, wenn du zwei Zimmer besorgen könntest. Sie wollen mindestens für eine Übernachtung bleiben.«
»Das dürfte in dieser Jahreszeit kein Problem sein«, war Röder überzeugt. »Im Hotel ›Sonnenstrand‹ ist immer etwas für uns frei, wenn wir nett darum bitten.« Seit vielen Jahren waren Henning und Birgit Ahlers, die Besitzer des Hotels, kompetente Ansprechpartner, die nicht nur Zimmer, sondern regelmäßig auch ihren Clubraum für die Polizeiarbeit zur Verfügung stellten. Die Baltrumer Wache war für mehr als zwei Personen nicht ausgelegt. »Wer kommt denn?«
»Herbert Pankok aus Bremen. Da gibt es nämlich eine vielversprechende Spur. Aus unserem Kommissariat wird auch einer mit anreisen. Das wird sich gleich entscheiden. Nur, dass du Bescheid weißt. Wäre schön, wenn du die Kollegen vom Schiff abholst und einweist.« Damit war das Gespräch beendet.
Röder wunderte sich. Sonst hatte sein Chef durchaus mehr Zeit, wenn sie Telefonkontakt hatten. Aber vielleicht hatte gerade jemand sein Büro betreten und er musste sich anderen Aufgaben zuwenden. Wieder steckte er das Telefon ein. Er war gespannt, wer an Pankoks Seite auftauchen würde. Vielleicht Marvin Lingenberg, der bereits einige Male auf der Insel bei Mordfällen ermittelt hatte und sich inzwischen recht gut auskannte.
»Soll ich mit auspacken helfen?«, fragte er in der Hoffnung, dass der Kelch an ihm vorüberging. Er hatte Glück. Sandra zog es vor, die Ware Stück für Stück nach eingehender Begutachtung selbst in die Regale zu stellen.
»Gut. Ich bin auf der Wache, falls du mich brauchst. Später fahre ich zum Schiff.«
»Drehst du mit Amir eine Runde?«, fragte sie.
»Mache ich. Ich will sowieso mal eben zum Wasser gucken.« Er verabschiedete sich und fuhr nach Hause, wo sein Heidewachtel bereits wartete. Zumindest erweckte es den Anschein, so, wie der Hund ihn sehnsüchtig anschaute, als Röder die Küche betrat.
Der Hund sprang sofort auf, als Röder die Leine vom Haken nahm. »Also, los geht’s.« Er schaute in den Dienstraum, aber Anika war nicht da. Wahrscheinlich war sie bereits auf dem Weg zu Jessens.
Auf der Strandmauer waren einige Spaziergänger unterwegs. Die meisten Tagesgäste, die morgens mit dem Schiff gekommen waren, hatten ihre Strandmuscheln aufgebaut und sich im Sand ein gemütliches Nest geschaffen, das sie noch nicht bereit waren aufzugeben. Sie würden später mit der »Baltrum III« zurück ans Festland fahren. Die große Fähre war bereits unterwegs nach Neßmersiel. So regte sich buntes Treiben, obwohl es erst Mitte Mai und Vorsaison war. Auch die Strandkörbe, die die Mitarbeiter des Bauhofes aus dem Winterschlaf geholt hatten, waren gut belegt. Röder wandte sich nach links und ging an den Buhnen vorbei bis zur Kuckucksdüne. Er wunderte sich immer wieder, wie hartnäckig die Natur ihren Platz eroberte. Die Strandmauer, ein Gebilde aus beinahe nichts als Beton und Steinen, wies über die ganze Länge ganz schmale Einbuchtungen auf, in die sich Sand gesetzt hatte. Darin trotzten Löwenzahn, Gänseblümchen, Disteln und viele andere Arten ungeschützt Sturm, Regen und Salzwassergischt.
Das Wasser lief bereits wieder auf. Er schaute auf die Uhr. Noch eine Stunde, dann würde die »Baltrum I« in Neßmersiel die Motoren anschmeißen.
Er ließ die Strandmauer hinter sich und ging zurück ins Dorf. In Höhe des Nationalparkhauses sah er Ole Zander auf dem Fahrrad vom Hafen kommen.
»Na, Wattwanderung beendet?«, rief er ihm zu.
»Ja, schon eine ganze Weile. Habe mich mit Gästen unterhalten, die seit 30 Jahren auf die Insel kommen und alles kennen. Besser als die Einheimischen«, lachte er.
»Das kenne ich«, bestätigte Röder. Dann fragte er den Wattführer, was genau er beobachtet hatte, als er Elmar Diesterweg und den Jungen gesehen hatte.
»Genau das, was ich Hans bereits gesagt habe. Der Diesterweg und Wilko bückten sich öfter, als ob sie etwas suchten oder pflückten. Dann, kurze Zeit später, war ich bei ihnen und sah, dass eine Nonnengans tot im Gras lag. Wilko schlug vor, sie zu braten.«
»Das hast du seinem Vater erzählt?«
»Ja. Denn es ist verboten, Nonnengänse zu töten. Sie stehen unter strengstem Schutz. Es war so schräg irgendwie. Diesterweg hat mich sogar zum Essen eingeladen. So dachte ich, Hans sollte wissen, was ich beobachtet habe«, erklärte Ole Zander.
»Danke für deine Offenheit«, sagte Röder. »Falls dir was einfällt oder wenn du etwas hörst, was zur Aufhellung dient, melde dich bitte bei uns.«
»Geht in Ordnung.« Der Wattführer stieg auf sein Rad, winkte kurz und fuhr weiter.
Der Inselpolizist machte einen großen Bogen, ging am Hotel »Fresena« links ab durch das Deichschart und an der evangelischen Kirche vorbei. Er wollte wissen, ob die Turmfalken im Kirchturm ihr Nest gebaut hatten. Tatsächlich, da saßen die beiden Elterntiere in der Nische. Zu Hause angekommen, verbannte er Amir in sein Körbchen in die Küche, dann fuhr er los zum Hotel »Sonnenstrand«.
Henning Ahlers stand auf der Terrasse und wischte die Stühle ab. »Da haben sich doch wieder die Möwen verewigt«, begrüßte er den Polizisten.
»Tja«, lachte Röder, »immer Ärger mit der Natur. Schrecklich.«
»Was führt dich zu mir? Doch nicht etwa die gefundenen Knochen?«
»Doch. Es kommen gleich zwei Kommissare, und wir brauchen zwei Zimmer. Die Dienstwohnung ist belegt. Da wohnt Anika Frederik, meine Kollegin«, erklärte Röder.
»Dann komm mal mit rein. Ich wollte sowieso mit Birgit ein Tässchen Tee trinken. Wenn du also möchtest …«
»Gerne.« Röder würde nur im Notfall einen Nachmittagstee bei Familie Ahlers ausschlagen.
In der kleinen Küche war es gemütlich wie immer. Birgit stellte die Tassen auf den Tisch, dazu Kluntjes und Sahne, ganz so, wie der Ostfriese seinen Tee liebte. Auch ein paar Butterkekse fehlten nicht. Röder hatte das Gefühl, als ob die Außenwelt keinerlei Zutritt hatte. Es war einfach nur gemütlich auf dem alten Ostfriesensofa. Aus der großen Hotelküche kam hin und wieder das Scheppern von Töpfen, aber selbst das störte nicht.
»So, sag schon! Warum bekommst du Verstärkung?«, fragte Henning gespannt. »Du weißt doch, als Mitglied der Feuerwehr bin ich zum Stillschweigen verpflichtet.«
»Und ich als seine Ehefrau natürlich auch«, fügte Birgit lachend hinzu.
»Ganz ehrlich – ich habe keine Ahnung. Die haben wohl etwas herausgefunden, aber was genau, das wollen die beiden Kollegen mir nach ihrer Ankunft mitteilen. Es kommt ein Kommissar aus Bremen, Herbert Pankok, und jemand aus Aurich, der sich hier wohl auskennt. Leider hatte mein Chef nicht genügend Zeit, mir zu sagen, wer der Glückliche ist.«
»Na gut, dann warten wir mal ab. Die Zimmer sind bereit, und wenn ihr den Clubraum braucht – nur zu. Erst in der nächsten Woche kommt der Doppelkopfclub. Bis dahin solltet ihr mit euren Ermittlungen durch sein«, sagte der Hotelchef.
»Du hast zurzeit weibliche Hilfe? Wenn ja, wo steckt sie denn?«, fragte Birgit.
»Im Ostdorf. Ein Junge war nicht in der Schule erschienen, da gibt es wohl einige Probleme«, gab Röder Auskunft. Mehr würde er nicht sagen. Das mussten die beiden nicht wissen.
»Ach, es geht um Wilko? Der wohnt mit seiner Familie doch in dem Haus mit den drei Eigentumswohnungen hinterm Deich, nicht wahr? Da, wo auch der schwule Koch wohnt«, sagte Henning.
Birgit schaute ihren Mann wütend an. »Es ist doch völlig egal, was für eine sexuelle Präferenz jemand hat.« Sie wandte sich an Röder. »Neulich wollte der Redakteur einer Tageszeitung von uns wissen, ob wir in einer Anzeige auf der Suche nach einem Hausmeister m, w, und auch d setzen wollten. Ich wusste überhaupt nicht, was der meinte, und habe ihn gefragt, ob damit deutsch gemeint sei. Nein, divers, hat der geantwortet. Ich war verblüfft, das kannst du dir denken. Mir ist es wichtig, dass die Person ihre Aufgaben vernünftig erfüllt, nicht, mit wem sie ins Bett steigt!«
»Beruhige dich, mir geht es genauso. Es ist mir nur rausgerutscht, weil der vor einigen Jahren mal in einigen Häusern Kochkurse angeboten hat. Unser Koch hat ebenfalls teilgenommen. Quasi zur Weiterbildung, aber der Diesterweg hat ihn wohl nach dem vierten Bier ein wenig angebaggert«, erzählte Henning.
»Kann ich deinen Koch mal sprechen?«, fragte Röder.
»Leider hat er letzten Herbst aufgehört. Seine Frau mochte hier nicht sein. Die sind zum Festland zurück«, erklärte Birgit.
»Aber seine Telefonnummer hast du bei Bedarf?«
Henning nickte.
»Aber woher wusstest du von Wilko?« Diese Frage interessierte den Inselpolizisten brennend.
»Weil heute die fünfte Klasse der Feuerwehr einen Besuch abgestattet hat. Ich habe die Kinder herumgeführt. Zu Beginn habe ich das gefragt, was der Kasper auch immer fragt, nämlich: Seid ihr alle da? Und eines der Kinder sagte: ›Alle bis auf Wilko.‹ Das ist die Auflösung des Rätsels.«
»Also, wenn ihr eh schon alles wisst – ja, der Junge war mit Diesterweg in der Verlandungszone, Queller pflücken. Und der Vater, Hans Jessen, war darüber stinkesauer, weil Diesterweg angeblich eine Nonnengans zum eigenen Verzehr getötet hat. Anika ist hin, um die Wogen zu glätten.«
»Ich glaube, in diesem Haus ist sowieso kein gutes Klima«, ergänzte Birgit. »Ilona Klinker hat dort auch eine Wohnung, und die Frau kann ganz schön rabiat werden, wenn etwas gegen ihre Mütze läuft. Die hatten im Februar Eigentümerversammlung bei uns im Clubraum. Da ging echt die Post ab.«
»Hast du gehört, worum es da ging?«
»Nicht wirklich«, meinte Henning. »Nur einmal, als ich frische Getränke brachte, schlug die Klinker mit der Faust auf den Tisch und rief: ›Ich will den Rest auch kaufen, damit endlich Ruhe ist in diesem Haus.‹«
Röder stand auf. »Danke für den Tee und die Neuigkeit. Ich muss los.«
»Bis später. Wir sind gespannt, wen du uns mitbringst«, sagte Birgit zum Abschied.
»Ich auch«, erwiderte Röder. Wobei es eigentlich egal war, ob Gero oder Marvin dabei sein würde. Er kam mit beiden gut aus.
Als er den Hafen erreichte, legte das Schiff gerade an. Der Landgang wurde ausgefahren, und die ersten Gäste kamen von Bord. Und mitten zwischen den vielen Gesichtern sah er eines, was ihm nur zu bekannt vorkam. Das gab es nicht. Das konnte nicht sein. »Was machst du denn hier?«
Arndt Kleemann lachte ihn übermütig an. »Darf ich mich vorstellen: Ich bin neuerdings ermittelnder Beamter der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund.«
Röder wollte antworten, doch die Stimme versagte. Stattdessen nahm er seinen Freund in den Arm, bis er merkte, wie jemand an seiner Dienstjacke zupfte.
»Mein Name ist Herbert Pankok. Und wer hat mich lieb?«
8
»Na, haben Sie sich den Mann schon vorgenommen?« Hans Jessen stand am offenen Fenster und schaute Anika zu, wie sie verzweifelt versuchte, ihr Fahrrad abzuschließen. »Das müssen Sie nicht. Hier wird kein Rad geklaut. Schon gar kein Polizeidienstrad.«
Dienstrad? Sie blickte auf das Gestänge, doch nirgendwo konnte sie einen Hinweis darauf entdecken, dass man es als polizeieigen hätte erkennen können. Und wenn, würde es einen eifrigen Dieb auch nicht von seiner Tat abhalten. »Haben Sie Zeit?«
»Ich habe. Allerdings ist alles gesagt, oder?«
Anika Frederik antwortete nicht, sondern ging ins Haus und fragte sich, ob der Mann tatsächlich die Wohnungstür öffnete.
Doch er erwartete sie bereits im Flur. »Wollen Sie reinkommen?«
»Sind Ihre Kinder da?«, fragte sie.
»Ja, Meta liegt im Bett und Wilko sitzt an seinen Hausaufgaben. Ich habe sie mir telefonisch geben lassen. Wäre ja noch schöner, wenn er ohne sie durchkommen würde, wenn er schon nicht am Unterricht teilnimmt.«
»Darf ich mit ihm reden?«
Jessen zögerte. »Ich habe bereits alles versucht, ihn zum Reden zu bringen, aber er schweigt.«
»Alles?«, erwiderte Anika scharf.
»Ich habe keine Gewalt angewendet. Ist nicht mein Stil. Zumindest nicht bei Kindern. Kann ich ruhig sagen. Meine Akte kennen Sie sicher.«
Nein, die kannte Anika nicht. Röder hatte sie bisher nicht erwähnt.
»Also, was ist nun? Wenn wir Licht in die Angelegenheit bekommen wollen, ist es wichtig, dass …«
»Wilko. Die Frau von der Polizei will mit dir reden«, rief Jessen und riss eine Tür auf. Gleich darauf stand der Junge zitternd vor ihr.
»Wir gehen ins Wohnzimmer«, forderte Jessen die Polizistin auf, doch Anika winkte ab. »Ich würde gerne mit Wilko allein sprechen, wenn Sie mir die Erlaubnis geben. Wir könnten das in seinem Zimmer erledigen.«
»Wenn Sie meinen, dass es hilft – bitteschön.« Jessen trat einen Schritt zurück und zeigte auf die offene Kinderzimmertür.
Wilko setzte sich auf sein Bett, und die Polizistin quetschte sich auf den schmalen Kinderstuhl vor Wilkos Schreibtisch. »Möchtest du mir erzählen, wie du Herrn Diesterweg kennengelernt hast und was euch verbindet?«
Wilko nickte, dann begann er flüsternd. »Das war, als meine Eltern rumgeschrien haben, weil Mama immer weg ist wegen ihrer Arbeit. Und wenn sie zu Hause ist, soll sie kochen, hat Papa gesagt. Aber er sagt auch, dass sie nicht gut ist, und wenn sie das nicht bald lernt, haut er ab.«
»Und – kocht deine Mama denn so schlecht? Schmeckt es euch Kindern auch nicht?«, hakte Anika ein.
Jetzt stahl sich ein kleines Lächeln über das Gesicht des Jungen. »Wenn meine Mutter mal kochen muss, dann schlage ich immer vor, dass ich Pizza kaufen gehe. Das klappt fast immer. Sie kann einfach nicht kochen. Daher macht das der Papa. Das schmeckt irgendwie normal. Ich habe immer gedacht, das Essen muss so – langweilig schmecken. Aber seitdem ich mit Elmar koche, weiß ich, wie es auch anders geht. Soll ich Ihnen mal sagen, was wir schon gekocht haben? Labskaus. Das war superklasse. Und nicht etwa mit Corned Beef. Elmar hat gesagt, das nehmen nur die, die keine Lust haben, richtig zu kochen. Nein, wir haben gepökeltes Rind- und Schweinefleisch zerkleinert. Und Matjes und Gurken auch. Dazu haben wir einen Salat aus Brennnessel, Feldsalat und Löwenzahnblättern gemacht. Ganz frisch. Und die Soße dazu – total lecker.«
Anika wusste, dass es besser wäre, den Jungen nicht zu unterbrechen, dennoch winkte sie ab. »Habt ihr außer Kochen sonst Dinge miteinander gemacht?«
Wilko zögerte. »Ja, aber das war nicht schön.«
»Was war es?«, fragte Anika gespannt.
»Nichts. Eigentlich war es nichts«, erwiderte Wilko traurig.
»Bitte, Wilko.« Anika hoffte so sehr, dass der Junge sich öffnete. Dann hatten sie endlich etwas Verwertbares in der Hand.
»Na gut. Wir haben zum Beispiel ›Mensch ärgere Dich nicht‹ gespielt und Elmar hat jedes verdammte Mal gewonnen!« Wilko war aufgesprungen. »Es ist nur ein Spiel und man gewinnt mit Glück. Aber die verdammten Würfel wollten nie so wie ich!«
Anika konnte sich ein Lachen kaum verkneifen. Wenn das wirklich alles war …
»Also wolltest du …«
»Ja, ich wollte kochen lernen und das Mama beibringen. Im Treppenhaus roch es immer so lecker, und ich habe Mama gefragt, ob sie nicht mal bei Elmar was lernen kann, aber sie hat nur gelacht. Darum musste ich das machen! Damit ich ihr das beibringen kann und Papa nicht mehr meckert. Und wenn ich die doofe Schule aushabe, werde ich Koch!«
»Das ist eine gute Idee«, freute sich Anika. »Gibt es noch etwas, was du an Herrn Diesterweg magst?«
»Ja. Wenn ich traurig bin, und ich meine nicht traurig, wie nach dem ›Mensch ärgere Dich nicht‹ Spiel, sondern richtig traurig, dann setzen wir uns zusammen auf das Sofa und er erzählt mir Geschichten aus der Zeit, wo er in Amerika gewohnt hat und so. Das ist schön.«
»Setzt sich dein Papa denn nicht mal mit dir gemütlich auf das Sofa?«
Wilko schüttelte traurig den Kopf. »Papa nie. Der meckert immer nur. Manchmal nimmt er Meta in den Arm, weil die noch kleiner ist. Sagt er. Und Mama merkt einfach nicht, wenn es mir nicht gut geht. Außerdem hat die nie Zeit.«
»Dann sage mir, was es mit diesem ominösen Satz auf sich hat. Wer leben will, muss töten, oder so ähnlich.«
Wilko schaute sie ernsthaft an. »Das ist nun mal so. Wenn wir ein Schnitzel essen, muss vorher das Schwein getötet werden. Das weiß doch jeder.«
»Hat Herr Diesterweg schon einmal in deinem Beisein Tiere getötet?«
Wilko schwieg, dann schüttelte er kaum wahrnehmbar den Kopf. »Nein«, hörte Anika ganz leise.
Anika stand auf. »Danke für deine Offenheit. Darf ich das deinem Vater erzählen?«
»Nein, besser nicht. Aber eigentlich ist es auch egal. Der lässt mich sowieso nicht mehr zu ihm, so sauer wie der ist.« Wilko nahm sein Kopfkissen, knuddelte es zusammen und warf es auf den Boden. »Aber dann gehe ich heimlich. Papa merkt doch sowieso nicht, wenn ich weg bin. Und Mama erst recht nicht.«
Anika konnte das traurige Gesicht des Jungen kaum ertragen. »Bitte, Wilko. Lass ein wenig Ruhe einkehren. Vielleicht besinnen sich deine Eltern und alles wird besser.«
»Wenn Sie meinen!« Es klang nicht sehr viel Zuversicht in Wilkos Stimme. Aber dann fügte er an: »Ich denke darüber nach. Danke fürs Zuhören.«
Anika stand auf. »Okay. Ich schaue mal. Tschüss, Wilko.«
Auf dem Flur stand Wilkos Vater und schaute sie auffordernd an. Sie wusste, was er hören wollte, doch sie fragte nur: »Wollen Sie etwas unternehmen?«
Hans Jessen schüttelte den Kopf. »Bringt doch nichts. Wegen einer toten Gans in der Verlandungszone wird kein Verfahren eröffnet, nicht wahr?«
Sie verließ die Wohnung, ohne sich zu verabschieden. Wilko und auch seine Schwester taten ihr unendlich leid. Nur weil die Erwachsenen Stress hatten, mussten die Kinder es ausbaden. Aber sie wusste, es ging noch schlimmer. Es gab Kinder, die konnten nichts mehr ausbaden, weil sie nicht mehr lebten.
Sie ging die Treppe hoch zur nächsten Tür und klingelte. Es dauerte nur einen kurzen Moment, dann stand Elmar Diesterweg, angetan mit einer bunten Schürze, vor ihr und lachte sie an. Das Lachen erstarb jedoch sofort, als er erkannte, wen er vor sich hatte. »Entschuldigung, ich dachte, es wären die drei Damen vom Kochclub«, Er zog nervös an der Schleife, die die Schürze auf seinem Rücken zusammenhielt. »Heute Abend geht es um die Zubereitung von frischen Smoothies und Cocktails.«
»Ich habe ein paar Fragen«, erklärte Anika. »Aber wenn es jetzt nicht passt …«
»Nein, nein, kommen Sie herein.« Er warf die Schürze auf ein kleines Schränkchen im Flur. »Ich würde Sie gerne ins Wohnzimmer bitten, aber eigentlich müsste ich in die Küche. Ich bereite einiges vor. Die Damen müssten … Darf ich meine Schürze …«
»Herr Diesterweg, nun mal ganz ruhig. Wir gehen in die Küche, Sie arbeiten und ich schaue Ihnen zu. Dabei beantworten Sie mir die eine oder andere Frage. Wäre das in Ordnung?«, schlug Anika vor.
Diesterweg nickte und führte sie in einen modernen Raum, der von einer großen Kochinsel und darüber von einer ebenso gewaltigen Abluft dominiert wurde. »Hier ist mein Arbeitsplatz.« Er zeigte stolz in die Runde.
»Ich bin beeindruckt«, gab Anika zu, konnte sich jedoch eine Frage nicht verkneifen. »Warum riecht es denn im Treppenhaus immer so nach Essen, wenn Sie hier das Beste vom Besten installiert haben?«
»Tja. Die Antwort ist: Kommen Sie mal her!« Er zeigte auf ein Rohr, das durch die Wand nach draußen führte. »Hier ist meine Abluft. Alles, was da rausdünstet, kommt genau in der Ecke neben dem Flurfenster an. Und jedes Mal, wenn die Klinker das Fenster aufreißt, wird es nur schlimmer im Treppenhaus. Es hat übrigens eine Weile gedauert, bis ich das System begriffen hatte.«
Anika schaute den Mann verwundert an. »Aber warum das alles? Das hätten Sie längst ändern können!«
Diesterweg lächelte. »Lassen Sie einem Mann sein Geheimnis. Außerdem finde ich gar nicht, dass es im Treppenhaus stinkt. Ich finde den Geruch sehr angenehm. Wäre doch auch ziemlich niederschmetternd für meine Kochkünste, wenn ich anders denken würde. Aber wahrscheinlich wollten Sie mir ganz andere Fragen stellen, oder?«
»In der Tat. Was war heute auf dem Heller los?«
Elmar Diesterweg nahm ein paar Möhren und schrubbte sie unter dem laufenden Wasserhahn sauber. Dann zeigte er der Polizistin eine Schüssel, in der grüne, gummiartige Stücke lagen. »Da. Queller. Den habe ich mit Wilko gesammelt. Sicher hätte ich nachhaken müssen, ob die Schule wirklich ausfällt, aber er hat es mir glaubhaft versichert.«
»Haben Sie die Gans getötet?«
»Nein. Ich habe auch nicht den geringsten Schimmer, warum sich die Polizei dafür interessiert.«
»Nonnengänse stehen unter strengstem Schutz.«
»Ich weiß. Ich habe keine Ahnung, warum sie kopflos dort herumlag. Ich glaube, Sie gehen besser«, sagte der Mann und begann nun eine Zwiebel in rasender Geschwindigkeit in kleine Stücke zu zerteilen. Plötzlich schrie er auf. Anika sah Blut aus seinem Zeigefinger laufen. »Das haben Sie jetzt davon«, schrie er weiter. »Verdammt, ich muss gleich dieses Essen zubereiten.«
»Kann ich Ihnen ein Pflaster holen?«, fragte Anika, als sie sah, dass das Bluten nicht aufhörte.
»In der Schublade.«
Anika schob die Lade auf und fischte ein Pflaster heraus. Sie hoffte, dass es die richtige Größe hatte, zog das Papier ab und verarztete Diesterwegs Finger.
»So, bevor die drei Damen kommen, sage ich Ihnen etwas und dann gehen Sie: Ich mag Wilko sehr und freue mich, dass er sich so für das Kochen interessiert. Genau, wie ich mich auf die Gäste freue, denen ich mein Wissen weitergeben kann.«
»Wie auch immer – ich kann Ihnen nur raten, den Kontakt zu dem Jungen zu beenden. Seine Eltern sind dagegen. Zumindest, bis sich die Sachlage geklärt hat«, forderte sie den Mann eindringlich auf.
»Das Leben ist kurz, man muss das Beste draus machen.« Sehr zu Anikas Erstaunen lächelte Diesterweg sie freundlich an.
Sie hatte nicht die geringste Ahnung, was er damit sagen wollte, hatte jedoch das Gefühl, dass er ihr den tieferen Sinn hinter seinen Worten nicht erklären würde.
Diesterweg hatte die Küchentür geöffnet und zeigte in den Flur. »Sie finden allein raus? Ich habe zu tun.« Er nahm ein Messer aus der Schublade. »Ich muss Kräuter aus dem Garten holen. Für die Smoothies.«
Was sollte sie machen? Einfach gehen? Es gab keinen Grund für weitere Befragungen. Im Hausflur nahm sie ihr Notizbuch heraus. Sie würde mit Röder die Sache besprechen. Ebenso würde sie nach Jessens Akte fragen. Auch dazu machte sie eine kurze Notiz, steckte das Büchlein wieder ein und verließ das Haus. Ein Zusammentreffen mit der Mieterin von oben brauchte sie nicht mehr.
Was sie jedoch dringend brauchte, war Nahrung. In welcher Form auch immer. Ihr wurde klar, dass sie seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte und nichts Greifbares in der Dienstwohnung finden würde. Sie hatte schlichtweg vergessen einzukaufen. Kochen war sowieso nicht unbedingt ihre Leidenschaft. Wie der Diesterweg sich ständig damit beschäftigen konnte, war ihr schleierhaft. Essen diente dazu, den Körper auf Trab zu halten und nicht, stundenlang in einem Restaurant auf ein Häppchen nach dem nächsten zu warten und zum Schluss halbhungrig 200 Euro auf den Tisch zu blättern. So war es ihrer Freundin passiert. Die schwärmte heute noch davon.
Vielleicht sollte sie auch mal bei Diesterweg in die Lehre gehen, um ihren kulinarischen Horizont zu erweitern. Aber erstens war der Verdacht der illegalen Tiertötung nicht vom Tisch und zweitens hatte sie keine Ahnung, ob Diesterweg wirklich so gut in seinem Fach war. Stattdessen holte sie sich im »Inselmarkt« eine Reispfanne. Das musste für den Abend reichen.
Doch als ihr Telefon klingelte, ahnte sie, dass ihre Reispfanne warten musste. Sie sollte recht behalten.
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