Читать книгу: «Kinder ohne Karies»

www.editionkeiper.at
© edition keiper, Graz 2021
1. Auflage November 2021
Layout und Satz: textzentrum graz
Autorenfoto: Kyrillos Mikhail
Fotos 1, 10: Privatarchiv DDr. Elisabeth Santigli
Fotos 2, 4, 5, 6: Privatarchiv Dr. Ulrich Remschmidt
Fotos 3, 7, 8, 9: Kyrillos Mikhail
Fotos 11, 12, 13, 14, 15, 16: Teresa Robinson
Alle Illustrationen (Abb. 1 bis 15): Joseph Piaty
Korrektorat: Elisabeth Pirstinger, Michael Strauß
Druck und Bindung: OOK-PRESS KFT
ISBN 978-3-903322-48-6
eISBN 978-3-903322-61-5
KINDER OHNE KARIES
Eine Anleitung für ein
zahngesundes Leben
DR. ULRICH REMSCHMIDT
Inhalt
Danksagung
Vorwort
Die Bedeutung der Milchzähne, oder: Wie alles begann
Die Funktionen der Milchzähne
Was ist Karies und wie erkenne ich sie?
Wie sieht Karies aus?
Kann man Karies spüren?
Was genau sind die Probleme an Karies?
Stadien der Karies
Stufe 1: Initialkaries
Stufe 2: Schmelz- oder Dentinkaries
Stufe 3: Tiefe Zahnkaries / Caries Profunda
Stufe 4: Apikale Parodontitis
Kariesentstehung
1) Bakterien
2) Zeit
3) Kariesanfälligkeit des Zahnes
4) Zucker
5) Zuckerersatz-Stoffe
Ernährung
Fluoride
Zur Geschichte des Fluorids
Wirkungsmechanismus von Fluorid
Aufgaben von Fluorid am Zahn
Fluorid & Toxizität
Brauchen wir Fluorid wirklich?
Wo finden wir natürlich vorkommendes Fluorid?
Ein paar Fakten zu Fluorid
Fluoridempfehlung
Fluorose
Empfehlungen
Allgemeines über Mundspülung und Fluoridlack
Die vier Säulen der Kariesvermeidung
1. Plaque-Kontrolle
2. Stärkung der Widerstandskraft durch Fluoride
3. Ernährung
4. Zahnärztliche Kontrolle
Kinder von 0 bis 6
Welche Zahnpasta?
Die richtige Motivation
Ab wann zur Zahnärztin/zum Zahnarzt?
Das Schnullerproblem
Daumenlutschen
Der Schnuller
Der rechtzeitige Entzug
Tipps für Kinder von 0 bis 6
Kinder von 6 bis 12
Tipps für Kinder von 6 bis 12
Fissuren
Die Pubertät
1) Unterstützen
2) Weiterhin ein Vorbild sein
3) Den richtigen Knopf finden
Putztechnik
Elektrisch oder mit der Hand?
Der Zahnzwischenraum
Lebenslang kariesfrei
Was, wenn es doch passiert?
1. Weiterputzen
2. Ab zur Zahnärztin/zum Zahnarzt
3. Ursachen finden!
4. Aus dem Vorfall lernen
Literatur
Dieses Buch widme ich einem ganz besonderen Menschen. Daniel Felix Attila Bauer, einem treuen Wegbegleiter in meinem Leben, der im August 2017 auf tragische Weise aus unserer Mitte gerissen wurde.
Danksagung
Mein Bruder und ich stellen nun bereits die vierte Generation an Zahnärzten in unserer Familie. Diese langjährige Erfahrung war mir stets eine Hilfe, denn sowohl mein Opa, Herfried Remschmidt, als auch mein Vater, Rainer Remschmidt, ließen mich immer uneingeschränkt an ihrem Wissen teilhaben.
Ein Buch braucht immer viele Mitwirkende, entweder direkt, aber auch indirekt. Direkt hatte ich das Glück, die richtigen Leute um mich zu haben. Mit Anita Keiper, Robert Fimbinger, Kyrillos Mikhail und Joseph Piaty war nicht nur die Arbeit ein Vergnügen, ich habe auch meinen Freundeskreis um vier wertvolle Personen erweitert. Auch meine Fotografin Teresa Robinson sei hier dankend erwähnt. Sie zog leider während des Buchprojektes nach Wien und konnte uns somit nicht bis zum Ende begleiten. Doch wo sich eine Tür schließt, dort öffnet sich eine andere, und so fand ich ein weiteres Talent, den bereits erwähnten Kyrillos Mikhail. Danke euch beiden für all die tollen Bilder.
Ein großes Dankeschön an dieser Stelle auch an Bobbys Agency rund um Markus Mansi – ihr seid spitze.
Für die indirekte Hilfe bedanke ich mich bei meinen Eltern, Barbara und Rainer, die mich Zeit meines Lebens in jeder Situation liebevoll begleitet und unterstützt haben.
Ein herzliches Dankeschön geht an Dr. Rainer Remschmidt, Dr. Bernhard Hierzer, Dr. Bernhard Remschmidt, Mag. Birgit Pucher und Anna Achernig sowie an Familie Hofreiter, Erika und Jörg, für das Korrekturlesen und viele wichtige, tolle Inputs.
Mein Großvater mütterlicherseits sei hier nochmals besonders dankend erwähnt: Dr. Jörg Hofreiter, du hast mich zum Schreiben motiviert.
Zu guter Letzt möge hier auch die Grazer Universitätsklinik für Zahnmedizin und Mundgesundheit erwähnt sein, wo ich vieles sehen und lernen durfte. Vor allem das Team der Oralchirurgie um Univ.-Prof. Dr. Dr. Norbert Jakse und Dr. Elisabeth Harrer-Bantleon war ein wichtiger Wegbereiter für dieses Buch und für mich. Auch Dr. Dr. Elisabeth Santigli danke ich an dieser Stelle für die Fotos, die ich verwenden durfte. Auch OA. Dr. Michaela Nebl-Vogl will ich danken, sie hat mich von Anfang an unter ihre schützenden Hände genommen.
Vorwort
Vor vielen Jahren gab es in zahnärztlichen Kreisen eine Sorge: Karies als Krankheit könnte bald aussterben und es würde deshalb ein spürbarer Geschäftsrückgang zu verzeichnen sein. Grund für diese Überlegungen war ein (eigentlich erfreulicher) nachgewiesener jährlich zunehmender Rückgang von Karies.
Davon abgesehen, dass den Kolleginnen und Kollegen, die solche Ängste haben, die Weitsicht fehlt und dass Zahnärztinnen und Zahnärzte auch ohne die Krankheit Karies genug bedeutsame (und auch lukrative) Aufgaben haben, frage ich mich bei meinen täglichen Kontrollen, warum Karies wieder so allgegenwärtig ist.
Wenn ich mir meine Generation, also die um 1990 Geborenen, vor Augen führe, dann haben die meisten einen akzeptablen bis guten Zahnstatus. Viele von ihnen haben noch nie ein »Loch« gehabt.
Auch die Jugendlichen in Deutschland oder Österreich haben zwar einen durchwegs guten Zahnstatus, in letzter Zeit bemerken wir hierzulande jedoch wieder einen deutlichen Anstieg von Karies, vor allem bei den Milchzähnen.
Bei den unter Dreijährigen ist laut neuesten Untersuchungen der Anstieg am größten. Dies war einer der Hauptbeweggründe, um dieses Buch zu schreiben. In meinen Augen ist dies nämlich ein absolut vermeidbarer Trend. Wir haben heutzutage das Wissen und die Mittel, um die Krankheit Karies weitgehend in den Griff zu bekommen und sukzessive auszurotten.
Ein weiterer Beweggrund für dieses Buch: Zusätzlich zu der Tätigkeit in meiner Praxis bin ich einmal pro Woche an der Grazer Klinik für Zahnmedizin und Mundgesundheit als Lehrbeauftragter tätig und ein- bis zweimal im Monat übernehme ich dort einen Dienst auf der Kinderklinik für die Sanierung in Narkose.
Was wird im Rahmen einer solchen Sanierung gemacht? Kinder werden in Vollnarkose behandelt. Sie bekommen Füllungen und gegebenenfalls werden auch Zähne gezogen. Das muss geschehen, wenn Kinder nicht herkömmlich in der Zahnarztpraxis zu behandeln sind, entweder aus gesundheitlichen Gründen oder weil sie zu viel Angst haben.
Die Termine für diese Sanierungen sind mittlerweile an unserer Klinik fast ein Jahr ausgebucht. (Wenn es sich um eine Notsituation handelt, wie zum Beispiel eine gefährliche Schwellung, wird natürlich ein Termin eingeschoben.) Pro Kind sind zwischen fünf und sechs Personen beschäftigt, die Kosten für so einen Eingriff sind immens.
Mich erschreckt einerseits die immer weiter steigende Anzahl an sanierungsbedürftigen Kinderzähnen, andererseits die Tatsache, dass viele Kinder sich vor lauter Angst bei der Voruntersuchung oftmals nicht einmal in den Mund schauen lassen.
Wenn ich mit den Eltern spreche, stoße ich immer wieder auf Schuldabweisung und Nichtwissen. Sie unterschätzen die Bedeutung von Milchzähnen und die Gefahr von Karies ebenso wie das Risiko des Eingriffs. Mich überrascht immer wieder, wie leichtfertig die Eltern die Narkoseeinwilligung unterschreiben, ist doch ganz groß als Komplikation »möglicher Todesfall« angegeben. Wie kann man es nur so weit kommen lassen?
Und das Ganze wäre so leicht zu vermeiden! Ein Kind ohne Karies freut sich über einen Besuch bei seiner Zahnärztin/seinem Zahnarzt, wo es natürlich viel Lob für die schönen Zähne gibt, und manchmal springt sogar eine Belohnung heraus. Das Kind assoziiert dann etwas Positives mit dem Besuch, vor dem so viele Menschen Angst haben, und die jährlichen Kontrollen und Mundhygienetermine werden problemlos eingehalten. Somit steht einem lebenslangen gesunden Gebiss nichts mehr im Weg.
Aber wie bereits erwähnt, ist in den meisten Fällen leider genau das Gegenteil zu beobachten. Schon fast vergessene Probleme wie Zuckerteekaries (oder Nuckelflaschenkaries, auch bekannt als nursing bottle syndrome) tauchen vermehrt auf.
Wenn ich die Eltern über das Ess- und Trinkverhalten ausfrage, erzählen sie mir immer wieder von dem Apfelsaft, der Milch und dem gesüßten Tee aus der Flasche. Auf meinen Einwand, dass nur Wasser als tägliche Begleitung in Frage kommt, höre ich Aussagen wie »Er/ Sie trinkt aber kein Wasser« oder »Das wusste ich ja gar nicht«.
Auch neuartige Krankheiten, wie zum Beispiel die Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (kurz: MIH), im Volksmund auch »Kreidezähne« genannt, bei der eine veränderte Zusammensetzung des Zahnschmelzes zu beobachten ist, vermehren sich zunehmend. Die Ursache der MIH ist bis heute ungeklärt, aber manche sprechen schon von einer neuen Volkskrankheit. Die Prävalenz liegt diffus zwischen 0,5 und 40%.
Weiters sind nicht nur offensichtliche Erkrankungen der Zähne, sondern auch Zahnfehlstellungen wieder im Ansteigen. Noch nie wurden so viele Zahnspangen verschrieben wie heutzutage. Und auch wenn eine Zahnspange als »normal« gilt, muss man Zahnfehlstellungen zu jenen Erkrankungen des Kausystems dazuzählen, bei denen eine Therapie benötigt wird.
Aber woran liegt der Anstieg von Karies, Schmelzstörungen und Zahnfehlstellungen?
Hinsichtlich Karies ist der Schuldige schnell gefunden: Zucker. Aber liegt es allein am steigenden Zuckerkonsum? Laut einer Statistik aus dem Jahr 2017/18 konsumierten die Österreicher pro Kopf durchschnittlich 33,3 Kilogramm Zucker im Jahr. Dies ist zwar deutlich mehr als vor 100 Jahren, aber seit ungefähr 10 Jahren ist wieder ein leichter Rückgang zu beobachten. Also würde ich hier nicht den alleinigen Grund der zunehmenden Zahnerkrankungen vermuten.
Meiner Erfahrung nach findet sich die Ursache in der Aufklärung und in der Erziehung. Unsere Generation hat aufgrund der zurückgehenden Karies verlernt, auf diese Krankheit zu achten. Hinzu kommen Unwissen oder Ignoranz der mundgerechten Ernährung und eine Überdosis an kieferfeindlichen Schnullern oder Fläschchen.
Denn wenn Kinder schreien, gibt es die Nuckelflasche, um sie zu beruhigen. Am besten noch mit Saft oder Milch. Das sorgt dann für Zuckerattacken bei jedem einzelnen Schluck.
Insgesamt schlucken wir ungefähr 600 bis 2000 Mal täglich. Da braucht sich keiner mehr wundern, warum sich Karies bildet, wenn bei jedem Schluck Zucker auf die Zähne gelangt. Zusätzlich entsteht eine starke Sogwirkung auf Zähne und Kiefer, die gerade dabei sind, sich zu entwickeln. Das fördert Zahn- und Kieferfehlstellungen.
Des Weiteren sind Milchzähne deutlich anfälliger für Karies als bleibende Zähne, und: Wenn Karies erst einmal entstanden ist, schreitet sie immer schneller fort. Das führt zu frühzeitigem Zahnverlust, der wiederum Fehlstellungen begünstigt. Ein fataler Kreislauf, der zur Schädigung des Kindergebisses führt.
Bei Zucker alleine die Schuld zu suchen, ist in meinen Augen jedoch der falsche Weg. Damit würden wir es uns zu einfach machen. Denn, wie wir später noch erfahren werden, die Entstehung von Karies ist von vielen Faktoren abhängig, nicht nur vom Zuckerkonsum.
Fakt ist jedoch, dass seit dem Auftauchen der industriellen Nahrung die Häufigkeit von Zahnfehlstellungen und Karies rapide zugenommen hat. Wir essen einfach zu weich, zu oft und zu nährstoffarm. (Corruccini, 1990)
In diesem Buch werden wir die unterschiedlichen Gründe der Entstehung von Karies und Zahnfehlstellungen genau beleuchten und die Faktoren, welche wir beeinflussen können, erörtern. Genau bei diesen Hebeln können wir dann ansetzen und die Grundlage für ein gesundes Gebiss schaffen. Jedes weitere Kind ohne Karies bringt uns einen Schritt näher an ein absolut realistisches Ziel der Weltgesundheitsorganisation: 80% der sechsjährigen Kinder in Österreich sollen kariesfrei sein.
Das war das Ziel für 2020. Auch wenn wir es leider verfehlt haben, glaube ich an die Chance, dieses Ziel in naher Zukunft zu erreichen. Deutschland hat es bereits vorgemacht: In der Gruppe der Zwölfjährigen kann das Land bereits solche Zahlen vorweisen.
Dieses Buch soll Ihr Interesse an der Mundgesundheit wecken, eine Anleitung zur bestmöglichen Vermeidung von Karies darstellen und als ein Nachschlagewerk für den täglichen Gebrauch dienen.
Des Weiteren finden sich Empfehlungen, Tipps und Tricks für jede Altersgruppe, um Kariesbildung zu verhindern. Auch weitere wichtige Punkte, wie zum Beispiel die Ernährung, die uns hilft, die Zähne von innen zu stärken, möchte ich kurz anschneiden.
Gesunde Zähne sind möglich. Jedoch liegt dies in den ersten Jahren vor allem in den Händen der Eltern.
Interessierte, die meine Quellen nachlesen wollen, finden das Quellenzitat immer direkt in Klammer gesetzt nach den zitierten Beiträgen, mit Namen natürlich. Ein ausführliches Quellenverzeichnis befindet sich am Ende des Buches. Ich finde, große Namen gehören möglichst oft erwähnt.
Viel Spaß beim Lesen.
Ulrich Remschmidt
Die Bedeutung der Milchzähne, oder: Wie alles begann …
Die Aussage eines Vaters, welcher mit seinem Sohn in meine Praxis kam, beschäftigt mich bis zum heutigen Tag. Der Grund für seinen Besuch war eine erste Zahnkontrolle bei seinem dreijährigen Sohn. Als ich die Mundhöhle des Kindes inspizierte, fielen mir sofort einige Löcher auf. Einige seiner Milchzähne waren nur noch Wurzelreste.
Ich wandte mich mit ernster Miene an den Vater und klärte ihn darüber auf, wie wichtig das Nachputzen ist und dass eine Erstvorstellung in der Zahnarztpraxis eigentlich ab dem ersten Zahn notwendig sei. Er schaute mich jedoch nur fragend an und sagte: »Das sind doch nur Milchzähne, oder?«
Natürlich weiß ich, dass diese Haltung nicht auf alle Eltern übertragbar ist, aber dennoch merke ich häufig, dass heutzutage einem Großteil der Bevölkerung die Wichtigkeit des Milchgebisses nicht bewusst ist. Dies wurde auch bereits durch diverse Umfragen belegt.
Eine Studie aus Indien zum Beispiel zeigte: Nur 39% der Eltern sind sich der Wichtigkeit von frühzeitigen Kontrollen und der Gefahr von Milchzahnkaries überhaupt bewusst. Wenn es die Eltern nicht wissen, wie sollen es dann die Kinder wissen? Auch andere Länder, wie zum Beispiel Saudi-Arabien, schnitten in solchen Umfragen sehr schlecht ab und zeigten deutliche Wissenslücken. (Kamil et al., 2015; Setty, & Srinivasan, 2016)
Nun könnten Sie selbstverständlich das Argument einbringen, dass die Bevölkerung in Europa besser aufgeklärt ist. Das mag bedingt zutreffen, aber auch deutsche Kollegen berichten von unzureichendem Wissen bei Eltern. (Stumpf, 2012)
Bei diesen Umfragen ging es übrigens gar nicht um wissenschaftlich komplexe Themen. Es wurden Fragen zu Lage, Anzahl und Funktion der Milchzähne sowie deren Auswirkung auf die bleibenden Zähne gestellt.
Fakt ist: Ein entzündungsfreies Milchzahngebiss ist eine der wichtigsten Grundlagen für ein gesundes Leben. Die ersten sechs Jahre eines Kindes sind sehr bedeutsam für die weitere Entwicklung, und gerade sie unterliegen einem starken Einfluss durch die Außenwelt. Schäden in dieser Zeit können langfristige Folgen haben.
Mittlerweile wissen wir dank neuester Erkenntnisse der Wissenschaft, dass die Grundlage für ein gesundes Leben sogar noch viel früher geschaffen wird, nämlich bereits im Mutterleib.
In der Frühphase unserer Entwicklung sind wir vulnerabel und ein Mangel an Nährstoffen, ein gesundheitsschädigendes Verhaltensmuster oder vermeintliche Kleinigkeiten, wie zum Beispiel ein entzündeter Zahn, können lebenslange Konsequenzen haben.
Auch wenn manche Eltern der Meinung sind, dass Milchzähne wenig Relevanz haben und nur die »Erwachsenen-Zähne« eine Wertschätzung verdienen – dies ist ein falscher Zugang und Denkansatz, denn die Funktionen von Milchzähnen sind vielseitig und bedeutsam.
Die Funktionen der Milchzähne
Wir brauchen Milchzähne unter anderem als Platzhalter für die nachkommenden Zähne. Bei frühzeitigem Verlust der Milchzähne kann es zu einem nachgewiesenen Verlust dieses wertvollen Platzes kommen, welchen die nachfolgenden Zähne eigentlich brauchen. (Heilmann, Sheiham, Watt, & Jordan, 2016)
Wird ein Milchzahn also durch Karies zerstört und muss entfernt werden, können die weiter hinten stehenden Zähne nach vorne kippen oder wandern. Der bleibende Zahn, welcher noch im Knochen liegt, hat dann leider keinen Platz mehr zum Durchbrechen und bleibt regelrecht im Kiefer stecken.
Wird der Platzverlust nicht durch einen sogenannten »Platzhalter« verhindert, kann es im weiteren Verlauf zur Notwendigkeit einer sowohl finanziell als auch zeitlich aufwendigen Zahnspange kommen. Und nicht nur Zeit und Geld sind ein Thema. Jeder, der eine Zahnspange hatte, weiß, wie schmerzhaft sie hin und wieder (gerade in den ersten Tagen nach dem Nachstellen) sein kann.

Foto 1: Ein »Platzhalter«
Falls der Schaden nicht rechtzeitig behoben wird, kann er sich sogar auf die Entwicklung unseres Gesichts auswirken. Wir brauchen unsere ersten Zähne, um die Kieferbögen richtig auszuformen. Die Zähne und der Zahnkontakt geben dem Körper und den Knochen Reize für das richtige Wachstum.
Ein früher Verlust kann eine Reihe von sowohl ästhetischen als auch funktionellen Problemen nach sich ziehen. Diese sind dann im höheren Alter oft nur noch mittels einer Operation zu lösen. Natürlich wird keiner den Eltern die Schuld geben, wenn eine aufwendige Kieferoperation ansteht, jedoch wäre sie eventuell vermeidbar gewesen.
Unterschätzen Sie nicht die umfassenden Folgen früher Zahnfehlstellungen! Ein optimaler Mundschluss ist äußerst wichtig, ansonsten kommt es zur Austrocknung der Mundhöhle und verminderter Speichelbildung. Das wiederum begünstigt Karies, und die Kinder sind anfälliger für alle möglichen Infektionserkrankungen.
Selbstverständlich brauchen wir unsere Milchzähne auch für die Nahrungszerkleinerung. Essen ohne Zähne macht wenig Spaß und ohne sie kann es zu einem gestörten Essverhalten kommen. Denn ein schmerzender, durch Karies zerstörter Zahn kann beim Essen wehtun. Dies führt wiederum zu einem Schmerz-Vermeidungs-Verhaltensmuster. (Frenzel, & others, 1933)
Damit wird eine Spirale ausgelöst, die in diesem Stadium der Entwicklung enorme Schäden, wie zum Beispiel Mangelerscheinungen, anrichten kann. Zusätzlich steigt durch frühkindliche Karies auch das Risiko für Karies im bleibenden Gebiss. (Colak, Dülgergil, & Dalli, 2011; P E Petersen, & Kwan, 2009)
Ebenso spielen die Zähne eine wichtige Rolle bei der Lautbildung, also beim Erlernen der Sprache. Gehen die vorderen Zähne verloren, kann die Zunge nicht in ihrer natürlichen Position verweilen. Dies resultiert dann in einer Missbildung der S-Laute, auch bekannt als Lispeln. (Fymbo, 1936; Koroluk, & Riekman, 1991)
Doch auch erziehungstechnisch spielen unsere ersten Zähne eine wesentliche Rolle, denn dadurch bekommen unsere Kinder einen Erstkontakt mit der oralen Hygiene. Durch konsequente Pflege der Zähne lernt ein Kind, langsam Verantwortung für den eigenen Körper zu übernehmen.
Sie sehen, die Bedeutung der Milchzähne ist vielseitig. Deswegen ist es unsere oberste Pflicht, diese zu erhalten. Die tägliche Mundhygiene an die Kinder zu delegieren und sie damit alleine zu lassen, ist definitiv der falsche Zugang. Ja, natürlich gibt es Kinder, die sich mit der Mundhygiene leichter tun, aber im Allgemeinen gilt:
Bevor ein Kind nicht schreiben kann, kann es auch nicht Zähne putzen. Meiner Meinung nach sollte ein Kind mindestens 8 Jahre alt sein, ehe man es sukzessive alleine putzen lässt, davor ist ein selbstständiges Putzen nicht zu erwarten. Deswegen helfen Sie Ihren Kindern beim Putzen und erklären Sie ihnen genau, wie wichtig Zähne sind.
Wenn Sie die Bedeutung der Milchzähne erkennen und dieses Bewusstsein Ihren Kindern weitergeben, haben Sie schon einen wichtigen Grundstein für ein kariesfreies und zahngesundes Leben gelegt.
Und ich weiß genau, dass das nicht immer leicht ist, aber Ihr Kind wird es Ihnen im Nachhinein danken. Mein Vater erzählt heute noch davon, wie er mich mit der Zahnbürste durch das Haus gejagt hat. Dennoch bin ich ihm rückblickend sehr dankbar dafür. Ich selbst habe noch nie ein »Loch« gehabt und ich bin damit der Erste in unserem Familienstammbaum, seit sehr langer Zeit. Es ist besser, die Zahnhygiene mit Nachdruck konsequent einzufordern, als sich später mit den Folgen von unzureichender Mundhygiene – z. B. Karies – herumzuschlagen.
Foto 2: Zähneputzen Klein-Ulrich
Das Bild links aus meiner Kindheit zeigt, dass auch ich als Kind das Nachputzen nicht gerade jubelnd über mich ergehen ließ, aber dank der Fürsorge meines Vaters habe ich noch nie einen Bohrer zu spüren bekommen.
Zusammenfassung der Milchzahnaufgaben
Platzhalter für die bleibenden Zähne
Gesichtsentwicklung
Optimaler Mundschluss
Nahrungszerkleinerung
Lautbildung
Erstkontakt mit der Körperhygiene
Was ist Karies und wie erkenne ich sie?
Suchen wir in diversen Lehrbüchern oder in den Tiefen des Internets, stoßen wir auf unterschiedlichste Erklärungen und Definitionen. Folgende Definition beschreibt in meinen Augen die Karies am besten:
Karies ist eine durch den Stoffwechsel diverser Bakterien verursachte Krankheit der Zähne.
Karies ist also eine Krankheit und sie entsteht durch Bakterien, aber was geschieht mit unseren Zähnen bei der Entstehung? Diese Frage lässt sich durch die Herkunft des Wortes beantworten: Das Wort »Karies« ist aus dem Lateinischen entlehnt (caries) und bedeutet soviel wie »Morschheit« oder »Fäulnis«. Es wurde bereits im 18. Jahrhundert verwendet, um den erweichten Zustand des Zahnschmelzes zu beschreiben.
Diese Erweichung entsteht, indem die dem Zahn angelagerten Bakterien Mineralien aus dem Schmelz herauslösen. Was folgt, ist ein Verlust der Zahnhartsubstanz.
Im Englischen bezeichnet man Karies übrigens unter anderem als Tooth Cavity. Das bedeutet übersetzt soviel wie »Loch im Zahn«.
Dieser Begriff beschreibt die Krankheit sehr gut, da es schließlich durch die Karies nicht zu einer Erweichung des gesamten Zahnhartgewebes kommt, sondern nur eine Stelle betroffen ist.
Entfernt man die Karies rechtzeitig vom Zahn und ersetzt diese durch diverse Materialien (je nach Größe gibt es unterschiedliche Möglichkeiten), ist nichts mehr an dem Zahn »morsch« und man kann mit den richtigen Hygienemaßnahmen lange Zeit kariesfrei bleiben.
Eines der großen Probleme an Karies: Man erkennt die Krankheit leider selber oft recht spät. Manchmal kann man jahrelang nichts davon merken, bis dann auf einmal die ersten Zähne zu brechen beginnen. Aber hier die gute Nachricht: Es gibt einige Methoden, um sich davor zu schützen!
Auf diese Methoden werde ich später noch genauer eingehen, starten wir erst einmal mit den typischen Anzeichen.
Wie sieht Karies aus?
Visuell kann man Karies nur auf der Zahnoberfläche erkennen. Sie kann natürlich auch auf anderen Flächen beginnen, wie zum Beispiel im Zahnzwischenraum oder unter Restaurationen. Vor allem im Zahnzwischenraum ist sie praktisch nur am Röntgenbild oder mit speziellen Kameras zu entdecken.
Dies macht den regelmäßigen Besuch in der Zahnarztpraxis unerlässlich!
Karies kann verschiedenste Farben haben und muss nicht immer dunkel sein. Diese Farbunterschiede spiegeln die unterschiedlichen Stadien der Karies wieder. In der Literatur finden wir diverse Unterscheidungen, von gelblich, opak, kreide-weiß bis hin zu schwarz. (Laudenbach, & Simon, 2014)
Karies oder harmlose Verfärbungen?
Oft wird aktive Karies aber auch mit den sogenannten Verfärbungen verwechselt, denn der Unterschied ist für das ungeübte Auge nicht immer zu erkennen.
Den Anfang bilden meist White Spots, die sich kreideweiß darstellen und der Beginn einer Karies sind. Mit der richtigen Pflege, Ernährungsumstellung und einer eventuell anschließenden Therapie können diese rechtzeitig zum Stillstand gebracht werden.
Rechts im Bild können wir zwei unterschiedliche Phasen in der Entwicklung von Karies erkennen:
Foto 3: Verfärbung vs. aktive Karies
Die kleinen, braunen, glatten und punktförmigen Verfärbungen im kleinen Kreis sind meist harmlos. Sie werden als Brown Spots bezeichnet und waren zwar einmal beginnende Karies, sind jedoch wieder verfestigt und können auch so bleiben, wenn man sie dementsprechend pflegt. Vergleichen kann man diese Verfärbungen mit einer Narbe. Wenn die beiden Läsionen im kleineren Kreis fest sind, könnte man sich auf ein Watch & Wait einigen. Das geht jedoch nur, wenn die betroffene Person regelmäßig zur Kontrolle kommt und die Fläche leicht zu reinigen ist.
Der Defekt im großen Kreis ist dunkel-schwarz mit einem bräunlichen Saum, und wenn man ihn mit einer zahnärztlichen Sonde untersucht, bleibt man an der erweichten Grube hängen. Am Röntgenbild könnte man wahrscheinlich eine dunkle Einziehung erkennen. Bei dem markierten Zahn in dem größeren Kreis ist auf jeden Fall eine Intervention nötig.
Sollten Sie solche Verfärbungen bei sich oder Ihrem Kind entdecken, ist möglichst bald ein Termin zu vereinbaren. Je kleiner die Läsion, desto unproblematischer die Versorgung.
Kann man Karies spüren?
Wenn man ein gutes Körpergefühl hat, kann man Karies nicht nur sehen, sondern auch spüren. Symptome können anfangs leichte Schmerzen, wie die allseits bekannten Empfindlichkeiten auf süße Speisen, bis hin zu Problemen beim Kauen sein.
Oftmals berichten die Patientinnen/Patienten von einem »Ziehen im Zahn«, nachdem sie Süßigkeiten oder heiße bzw. warme Speisen gegessen haben.
Doch ein leichtes Schmerzempfinden muss nicht immer gleich Karies bedeuten. Häufig werden ziehende oder drückende Schmerzen im Mund von den Patientinnen/Patienten für Karies gehalten. Bei der Untersuchung stellen sich dann die Beschwerden aber als sensible Zahnhälse oder als leichte Entzündungen der Mundschleimhaut heraus.
Bei Kindern finden wir ebenfalls sehr häufig einen Wachstumsschmerz im Wechselgebiss. Aber auch wenn die Schmerzen nicht von einem kariösen Zahn kommen, ist es ratsam, sie abzuklären. Lieber einmal zu oft in die Zahnarztpraxis als einmal zu wenig.
Denn meistens werden die Symptome nicht besser und leider sind gerade bei Karies die Anzeichen erst zu spüren, wenn bereits »Feuer am Dach« ist. Jeden Tag kommt eine Patientin/ein Patient mit einer bereits weit vorangeschrittenen Karies in meine Praxis. Das Schlimmste an der ganzen Sache ist, es wäre so leicht vermeidbar gewesen. Ich höre häufig auf meine Frage, »Wo waren Sie die letzten Jahre?«, dass nun mal nichts wehgetan hätte.
Das große Problem an Karies ist die lange Schmerzfreiheit.
Manche Menschen können Karies im Frühstadium zwar spüren, im Normalfall jedoch schreitet diese Krankheit lange Zeit symptomlos voran oder beruhigt sich nach einem kurzen Schmerzintervall wieder für längere Zeit. Jedoch sind diese anfänglichen Schmerzen meistens nicht besonders ausgeprägt.
Die wirklichen Schmerzen treten erfahrungsgemäß erst relativ spät auf und haben dann meistens finanziell und zeitlich aufwendigere Behandlungen zur Folge.
Sie sehen, der regelmäßige Besuch bei der Zahnärztin/ beim Zahnarzt bleibt uns nicht erspart.
Was genau sind die Probleme an Karies?
Eines der großen Probleme an Karies ist das kontinuierliche Voranschreiten, eine Selbstheilung bzw. ein dauerhafter Stillstand ist leider sehr selten. Hat die Läsion eine gewisse Größe erreicht, kann der Körper sich nicht mehr gegen die Vermehrung der Bakterien wehren und ein ständiges Fortschreiten der Erkrankung ist ohne Intervention vorprogrammiert.
Doch nicht nur der Zahn leidet unter Karies, sondern auch das Gewebe und der Knochen rund um den Zahn. Komplikationen, die daraus entstehen, können anfangs nur leichte Entzündungen des umliegenden Zahnfleisches, der sogenannten Gingiva, sein. Man spricht von einer Gingivitis, wenn das Zahnfleisch blutet und geschwollen ist, jedoch kein Gewebe und Knochenverlust damit einhergeht.
In weiterer Folge kann es zu Entzündungen des Zahngewebes und Infektionen oder Abszessbildung kommen. Abszesse sind Eiteransammlungen in einer Körperhöhle. Abszesse bei Zähnen entstehen, wenn Bakterien die Wurzel passieren und in den Knochen eindringen, wo sie sich dann ausbreiten können.
Vor allem die erste Phase der Entzündung der Wurzel kann sehr schmerzhaft sein. Sobald die Entzündung im Knochen angelangt ist, folgt eine Phase der Schmerzfreiheit. Aber auch diese währt nicht ewig.
In diesem Stadium kann eine Wurzelbehandlung die Rettung des Zahnes sein. Folgt darauf eine ausreichende Versorgung des Zahnes, kann man dadurch wieder stabile Verhältnisse schaffen. Ist der Zahn jedoch bereits bis auf Knochenhöhe zerstört worden, muss er höchstwahrscheinlich entfernt werden. Deswegen zögern Sie nicht, bei Auffälligkeiten oder Beschwerden frühzeitig eine professionelle Meinung einzuholen.
Im Allgemeinen gilt bei Zahnerkrankungen wie bei jeder anderen Erkrankung auch: Je früher man dagegen vorgeht, desto besser.
Anfangs ist es oft mit einer Füllung getan, später wird der Eingriff sowohl zeitlich als auch finanziell aufwendiger. Ein weiteres Dilemma am Zuwarten sind leider oft zusätzlich auftretende Schmerzen. Ist die Entzündung weit fortgeschritten, kann der Schmerz unter Umständen auch trotz einer lokalen Anästhesie nicht vollständig ausgeschaltet werden. Immer wieder staune ich, wie lange Menschen Probleme ignorieren. Eine meiner Standardfragen bei der Anamnese ist, wie lange der Zahn denn schon wehgetan hat, wenn sich eine Patientin/ein Patient mit Schmerzen vorstellt. »Nun ja, seit zwei, drei Monaten schon« ist eine häufigere Antwort, als Sie vielleicht annehmen würden.
Vergessen Sie auch eines nicht:
Entzündungen der Zähne bedeuten auch Entzündungen im restlichen Körper. Die Wissenschaft hat es schon lange vermutet, aber mittlerweile ist es auch vielmals erforscht und dokumentiert worden: Eine chronische Entzündung im Mund hat eine Wirkung auf den gesamten Körper. Deshalb werden viele Patientinnen/ Patienten vor geplanten großen Operationen zunächst zur Zahnärztin/zum Zahnarzt geschickt.
Laut derzeitigem Stand der Wissenschaft kann die Parodontitis, also die Entzündung des Zahnhalteapparates, das Risiko für diverse andere Erkrankungen steigern. Beispiele dafür sind Herzinfarkte, Diabetes, Atembeschwerden und auch Schlaganfälle. Sogar ein Zusammenhang mit Frühgeburten wird diskutiert und wurde schon in mehreren Studien aufgezeigt. (Bertl, 2011; Jockel-Schneider, Heß, & Schlagenhauf, 2016; Sigusch, & Sigusch, 2006)
Die wichtigste Voraussetzung zur Vermeidung von Karies, Fehlstellungen und Entzündungen des Zahnhalteapparates sind regelmäßige Untersuchungen.
Sollten Sie oder Ihre Kinder von Karies betroffen sein, sind Sie mit diesem Problem nicht alleine, denn die Häufigkeit von Karies ist nach wie vor immens. Laut einer Studie sind weltweit ungefähr zwei bis drei Milliarden Menschen betroffen, diese Statistik macht Karies zu einer der häufigsten Erkrankungen generell und zur häufigsten chronischen Erkrankung weltweit. (Richards, 2013)
Zusammenfassung der durch Karies bedingten möglichen Probleme
Lokale Entzündungen der Schleimhaut
Entzündungen des Zahnes
Schmerzen
Bildung von Abszessen (= mit Eiter gefüllte Hohlräume)
Infektionen des Knochens und des Körpers
Substanzverlust und Frakturgefahr des Zahnes
Zahnverlust und daraus resultierende Mehrbelastung der Restbezahnung
Risiko zur An- und Entfachung diverser Erkrankungen
Stadien der Karies
Entstehung von Karies
Wie entsteht Karies eigentlich? Wieso haben manche Menschen ständig Probleme mit ihren Zähnen und andere nie? Kann man mit schlechten Zähnen geboren werden und ist vielleicht die Genetik schuld?
Karies entsteht nach heutiger Auffassung durch mehrere Einflussfaktoren. Man spricht deshalb von einem multifaktoriellen Geschehen. In den folgenden Kapiteln werden diese Faktoren näher beleuchtet.
Gehen wir zuerst jedoch noch genauer auf die unterschiedlichen Stadien des Fortschreitens von Karies ein.
Grundsätzlich kann man die Karies, je nach Ausbreitung und Größe, in vier Stufen einteilen. Wie lange es dauert, bis eine Karies entsteht oder wie schnell der Übergang in das nächste Stadium erfolgt, ist leider nicht vorhersagbar, denn das hängt von vielen Faktoren ab.
Bei Kindern schreitet die Karies im Allgemeinen jedoch deutlich schneller voran. Der Grund ist der Aufbau und die Zusammensetzung der Milchzähne. Der Schmelz ist anders strukturiert, die Poren im Zahnbein sind deutlich größer und auch die Wurzelkanäle sind breiter und kürzer. (Shellis, 1984)
Abb. 1: Das Fortschreiten der Karies
Stufe 1: Initialkaries
Die Bakterien lagern sich an den Zahn an und es kommt zu einer Demineralisierung der Zahnoberfläche. Das bedeutet grob gesagt, dass Mineralien aus dem Schmelz herausgelöst werden und es dadurch zu einem Substanzverlust kommt. Aufgrund der Komplexität werde ich auf diesen Vorgang im nächsten Kapitel näher eingehen.
Wie Sie bereits wissen, ist diese anfängliche Karies erkennbar an den kreideartigen weißlichen Verfärbungen (White Spots) an der Zahnschmelzoberfläche. Hier kann eine Fluoridbehandlung eine Remineralisierung bewirken und so dem krankhaften Prozess noch entgegenwirken und ihn verzögern beziehungsweise sogar aufhalten. Diese White Spots können sich mit der Zeit braun (Brown Spots) verfärben. Die anfängliche Karies kann dann als Verfärbung am Zahn bestehen bleiben und mit der richtigen Hygiene niemals weiter voranschreiten.
Eine Verbesserung der Mundhygiene kombiniert mit einer Umstellung der Ernährungsgewohnheiten sind die wichtigsten Schritte in diesem Stadium. Gerade die betroffenen Flächen des Zahnes benötigen Ihre volle Aufmerksamkeit.
Stufe 2: Schmelz- oder Dentinkaries
Wenn wir nicht die Oberhand über diese (von diversen Bakterien hervorgerufene) Demineralisierung bekommen, dringen die Bakterien immer weiter in den Zahn ein und ein »Loch« entsteht. Die Schmelzkaries kann man in weitere Untergruppen einteilen. Wir Zahnärzte und Zahnärztinnen sprechen von E1 und E2 (Enamel = Schmelz). Diese beiden Stadien können mittlerweile auch non-invasiv, das heißt ohne Bohren, behandelt werden. Ozonbehandlungen oder Infiltration sind vielversprechende Methoden, um ein Fortschreiten zu verhindern.
Gelingt dies nicht, kann sich die Karies über die Schmelzschicht fortsetzen und gelangt dann in weiterer Folge in das sogenannte Dentin (auch bekannt als Zahnmark, Zahnbein). Dieses Stadium wird als D1 bezeichnet.
Auf dem folgenden Bild sehen Sie das Behandlungsschema einer Firma, die mit bohrerlosem Infiltrieren von Läsionen wirbt. Eine weitere Alternative wäre die sogenannte »Ozon-Behandlung«. Bei einer guten Mundhygiene ist es auf jeden Fall einen Versuch wert, es zunächst ohne Bohrer zu probieren, aber das ist immer individuell zu entscheiden.

Abb. 2: Bohrerloses Behandlungsschema
Das Zahnbein, auch Dentin genannt, besitzt viele Nerv(en)kanäle, nicht nur die großen Kanäle, in welchen der Nerv verläuft, wie auf den meisten Abbildungen dargestellt. Ist die Karies bis ins Zahnbein vorgedrungen, treten meist auch die ersten Zahnschmerzen auf.
Zwar gibt es nicht invasive Methoden wie die oben erwähnte Infiltration, wenn die Karies noch ganz am Rand des Zahnbeines ist (D1), aber nur in speziellen Fällen und mit viel Compliance (sprich: mit regelmäßigen Kontrollen und guter Mundhygiene) sind diese erfolgsversprechend.
In den Stufen D2 und D3 muss gebohrt oder gelasert und danach der entstandene Defekt mit einer Füllung versehen werden. Die Karies ist nämlich mittlerweile zu weit in den Zahn vorgedrungen und von der Mundhöhle abgeschottet, sodass kein Wirkstoff auf sie einwirken kann. Die Bakterien ernähren sich großteils ohne Sauerstoff und können sich problemlos vermehren.
Stufe 3: Tiefe Zahnkaries / Caries Profunda
Die Karies ist nun bis in den Hauptkanal vorgedrungen, in dem der versorgende Nerv liegt. Dieser Nerv, auch bekannt als Pulpa, wird durch diese Invasion entzündet. Das kann mit starken Aufbiss- und Spontanschmerzen einhergehen.
Vor allem nachts, wenn der Kopf besser durchblutet wird, kann es sich so anfühlen, als ob man den Herzschlag im Zahn fühlt, die Patientinnen/Patienten schildern oft ein pulsierendes Schmerzgefühl.
Nun muss man diesen entzündeten Nerv entfernen und in einer zweiten Sitzung wird das Kanalsystem aufgefüllt. Diese Behandlung ist besser bekannt als Wurzelbehandlung. Sie ist sehr zeitintensiv und auch sehr langwierig.
Gerade bei Kindern ist so eine Wurzelbehandlung nicht einfach, weil sie viel Geduld von beiden Seiten erfordert, und oftmals neigen Zahnärztinnen/Zahnärzte berechtigterweise dazu, einen tief zerstörten Milchzahn aufzugeben.
Um Überraschungen zu vermeiden, empfiehlt sich gerade bei Kindern ein engmaschiges Kontrollschema. Ein Besuch bei der Zahnärztin/beim Zahnarzt des Vertrauens alle 6 Monate ist hier eine gute Richtlinie.
Stufe 4: Apikale Parodontitis
Haben die Bakterien den Zahn durchwandert und sich über die Wurzelspitze hinaus im Knochen vermehrt, folgt meist eine Phase der Schmerzfreiheit. Diese kann durchaus länger anhalten, jedoch hebt sich der Zahn nach einer Zeit aus dem Knochen heraus, und das führt in den meisten Fällen zu einem starken Aufbiss-Schmerz.
Der Zahn wirkt verlängert. Schwellungen und Fisteln sind besonders bei Kindern häufig, also untersuchen Sie immer auch die Umgebung rund um den Zahn, wenn Ihr Kind über Schmerzen klagt.
Nach mehreren Tagen sind dann die ersten Anzeichen am Röntgenbild erkennbar. Zuerst ist der Spalt rund um den Zahn erweitert, in weiterer Folge sieht man häufig bereits einen rundlichen Schatten an der Wurzelspitze.
Dunkle Flecken auf Röntgenbildern deuten auf einen leeren Raum hin: Der Knochen wird von den Bakterien resorbiert.
Foto 4: Auf dieser Abbildung sehen wir bei den Pfeilen das klassische Bild einer chronischen Entzündung der Wurzelspitze. Das Fachwort hierfür: chronische apikale Parodontitis.
Mit dieser Vorinformation gehen wir nun auf die Entstehung der Karies ein.
Kariesentstehung
Das Grundprinzip der Entstehung von Karies besteht darin, dass Mikroorganismen alias Bakterien, welche sich an den Zahn anlagern, den durch die Ernährung aufgenommenen Zucker zu Säuren abbauen können. Das heißt entweder, ohne Bakterien keine Karies, oder – die zweite Möglichkeit – ohne Zucker keine Karies.
Diese entstandenen Säuren können, sobald der pH-Wert unter 5,5 fällt, die Zahnoberfläche entkalken beziehungsweise demineralisieren. Wie bereits erwähnt, werden Mineralien, die Bausteine unser Zähne, aus dem Schmelz herausgelöst.
Dies ist aber keine Einbahnstraße!
Denn durch Speichel und die herausgelösten Mineralien geht der pH-Wert nach einer bestimmten Zeit wieder in den Normalbereich über pH = 5,5 zurück und der Zahn kann sich wieder erholen. Es folgt eine Phase des Aufbaus. Die Mineralien werden wieder eingelagert. Dieser Vorgang wird Remineralisation genannt.
Je nach Ausmaß des vorhergegangen Verlustes kommt es (Featherstone, 2004) zu
einer Beibehaltung des Status quo,
einer Reparatur mit wenig Verlust oder
einem Loch (Kavitation).
Die Waagschale ist recht einfach: Wenn ein Abbau erfolgt, muss ein Aufbau erfolgen, ansonsten kippt das Gleichgewicht zugunsten der Karies.
Ein Problem gibt es jedoch bei dieser Rechnung: Der Aufbau erfolgt deutlich langsamer als der Abbau. Zwei Stunden Abbau brauchen ca. zwanzig Stunden Aufbau. (Körperich, & Maiwald, 2003)
Die Entstehung von Karies hängt aber, wie bereits erwähnt, von mehreren Faktoren ab – man spricht von einem multifaktoriellen Geschehen.
Aber was genau bedeutet »multifaktoriell«?
Multifaktoriell bedeutet, mehrere einzelne Ursachen zusammen führen zu einem bestimmten Ergebnis. Es führen also mehrere Ursachen zur Entstehung von Karies.
Schauen wir uns diese Ursachen nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft genauer an:
1.Bakterien
2.Zeit
3.Kariesanfälligkeit des Zahnes
4.Zucker Krankheitsanfälligkeit des Zahnes Zucker

Das Zusammenspiel dieser vier Ursachen führt zur Entstehung von Karies. Eine alleine ist selten Grund genug. Wer diese vier Gründe kennt und diese in seinem Alltag in Balance hält, kann ein Leben lang von Karies verschont bleiben. Deswegen gehen wir nun auf jeden dieser vier Gründe näher ein.
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