Читать книгу: «Die Entdeckung der Nachhaltigkeit»
Ulrich Grober
DIE ENTDECKUNG DER
NACHHALTIGKEIT
Kulturgeschichte eines Begriffs
Verlag Antje Kunstmann
INHALT
EINS »… EINE ANGEBORENE FÄHIGKEIT«?
Prolog
ZWEI EIN SPERRIGER BEGRIFF
Begriffsverwirrung
Wortkörper
Formelsammlung
DREI »… DER SCHÖNSTE STERN AM FIRMAMENT«
Ikone Erde
Stummer Frühling
Schrei des Schmetterlings
Die Pyramide der Bedürfnisse
Die Imagination an die Macht
VIER URTEXTE
Sonnengesang
Die Schöpfung bewahren
Mord an Mutter Erde
FÜNF EIN EUROPÄISCHER TRAUM
Astronautenperspektive 1440–1634
Aus den Fugen
Modell Descartes
Modell Spinoza
Die beste aller Welten
SECHS VIRTUOSEN
Die Wälder der Serenissima
»…manage the woods discreetly!«
Die Forstreform des Sonnenkönigs
SIEBEN DIE WORTSCHÖPFUNG
Ein barockes Silicon Valley
»… ein purer Spinozist«
Ein sächsischer Europäer
Wortschöpfung
Das Dreieck der Nachhaltigkeit
Blick nach Fernost
Versuchsfeld Weimar
In Goethes Wäldern
ACHT DIE GEBURT DER ÖKOLOGIE
Linnés »oeconomia naturae«
Kosmos Weimar
»… ein Stern unter Sternen«
Lieder der Erde
Gegenentwürfe
Der erste Ökologe
»Oecologie« definieren
Umwelt und Entwicklung
NEUN DIE VERMESSUNG DER WÄLDER
100 Hektar Urwald
Märchenwald und Realität
Die Arbeit am Begriff
Hochschule für Nachhaltigkeit
Den Forst »einrichten«
Der »normale« Wald
Frühe Warnungen
Die unsichtbare Hand des Marktes
Die Erfindung des Schädlings
ZEHN FOSSIL, NUKLEAR, SOLAR
Holzmangel und »sea-coal«
Die unterirdischen Wälder
Tickende Zeitbombe
Solares Zeitalter
»Heller als 1000 Sonnen«
Die Entdeckung der Photovoltaik
ELF »NACHHALTIG« ÜBERSETZEN
Der helvetische Weg
Tharandt und Nancy
In den Wäldern des Nordens
»Sustained yield« im Dschungel
Die amerikanische Variante
Angekommen
ZWÖLF ERDPOLITIK I: AUFBRÜCHE
Grenzen des Wachstums
»… ein dauerhaft bewohnbarer Planet«
»Siehe, ich mache alles neu«
Gaia
DREIZEHN ERDPOLITIK II: DER GROSSE WURF
Lebendige Ressourcen
Entwicklung neu denken
Die Brundtland-Formel
Der Geist von Rio
VIERZEHN UND JETZT?
EPILOG
Danksagung
Anmerkungen
Quellen (Auswahl)
EINS
»… EINE ANGEBORENE FÄHIGKEIT«?
Prolog
Die Ernte des Vorjahres war mager ausgefallen. Schon im März 2008 hatte in den Dörfern der Dürregebiete im westlichen Senegal die soudure eingesetzt. Das französische Wort für Schweißnaht, Lötstelle oder – im übertragenen Sinn – für etwas, was überbrückt werden muss, hat im frankofonen Afrika einen besonderen Beiklang. Es bezeichnet die Lücke zwischen dem Zeitpunkt, wo in den Dörfern die Vorräte aus der letzten Ernte zur Neige gehen, und dem Beginn der neuen Ernte. Ngekh sagt man in der Landessprache. Erfahrungsgemäß dauert diese Periode der Mangelernährung von Anfang Juni bis Mitte September. 2008 aber ließ die Regenzeit auf sich warten. Erst spät im Oktober kamen die ersten Früchte der neuen Ernte auf den Tisch.
In vielen Regionen Afrikas wiederholen sich Jahr für Jahr Szenen wie diese: Nach der Ernte füllt jede Familie lederne Säckchen mit Hirse, Gerste oder Reis. So kühl und so trocken wie möglich deponiert sie diese im hintersten Winkel ihres Speichers. Was die Bauern da für später zurücklegen – als Reserve vorhalten –, ist das Saatgut für das kommende Jahr, ihre Lebensversicherung, die einzige, die sie haben. Unsichtbar für begehrliche Blicke, unerreichbar für hungrige Mäuler, bleiben die Säckchen liegen. Auch dann noch, wenn die Erträge der letzten Ernte aufgezehrt sind.
Afrika ist ein großer Lehrmeister. Die menschliche Gemeinschaft, so sagt man hier, bestehe aus denen, die vor uns da waren, denen, die hier und heute leben, und denen, die nach uns kommen. Afrika erzieht zur Resilienz. Das ist die Fähigkeit, Schläge aller Art von sich abfedern zu lassen und Widerstandskräfte zu mobilisieren, um Perioden der Entbehrung nicht nur zu überstehen, sondern aktiv zu überwinden und dabei Lebensmut, Lebensfreude und Freundlichkeit zu bewahren und zu stärken. Die Hollywood-Ikone und Darfur-Aktivistin Mia Farrow sprach von der Resilienz der Seele. Das Wort lässt sich auch mit Unverwüstlichkeit übersetzen. Diese Eigenschaft werden wir in Zukunft dringend brauchen, und zwar überall auf der Welt.
In Zeiten von Dürrekatastrophen – wie in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts – zieht sich die soudure unerträglich lange hin. Dann lautet die eiserne Regel der Überlebenskunst: Bevor du die Rücklagen an Saatgut antastest, verkaufe alle deine Habseligkeiten. Schlachte dein Rind, deine Ziegen. Schicke deine Kinder zum Arbeiten in die Stadt. Geh selbst wandern, um anderswo etwas Geld oder Naturalien zu verdienen. Aber bewahre dein Saatgut. Erst wenn der Hunger lebensbedrohlich wird, hol das Säckchen hervor. Und dann denk lange darüber nach, ob du es öffnest. Wenn die Familien im Sahel und anderen Regionen Afrikas anfangen, ihre Reserven für die kommende Aussaat aufzuzehren, stehen sie am Abgrund. So begann Mitte der achtziger Jahre auf den Straßen und Pisten der Sahelzone ein Exodus, den viele nicht überlebten. Reporter und Helfer berichteten damals, wie Bäuerinnen ihr letztes Säckchen hervorholten und die Hirsekörner mit stolzer Gebärde, als wären es Diamanten, vor ihnen auf den Tisch häuften.
Im Dezember 2008 hörte ich Adama Sarr zu. Der junge Koordinator einer kleinen Nichtregierungsorganisation in einer Trockenregion des Senegals war zu einer Vortragsreise nach Deutschland gekommen. Jeden Abend erzählte er vor einem kleinen Publikum von der soudure. Wie ist unter dem bedrohlichen Vorzeichen des Klimawandels der Teufelskreis des chronischen Hungers zu durchbrechen? Sarr berichtete von den Aktivitäten in den zwölf Dörfern, in denen sein Netzwerk aus Kleinbäuerinnen, Viehzüchtern und Dorflehrern arbeitet. Wie die Mitglieder den Baobab, den Lebensbaum Afrikas, schützen, neue Bäume pflanzen, Hecken anlegen, um die Kulturen vor den heißen Winden zu schützen, wie sie Kleinstkredite beschaffen, den Bau von Kochherden anleiten, welche die offenen, holzfressenden Feuerstellen ersetzen, wie sie Kompostgruben einrichten, Brunnen bohren, die Menschen alphabetisieren. Was das Saatgut angeht, propagiert die Gruppe die Rückkehr zu traditionellen lokalen Kulturpflanzen, den einheimischen Hirsesorten beispielsweise. Denn das importierte industrielle Saatgut ist meist hybrid. Das heißt, es ist gar nicht mehr von selbst keimfähig, also unbrauchbar für die Aussaat.
Welche Vision steht hinter diesen Anstrengungen der senegalesischen Bauernorganisation? In dem Infoblatt, das ich von dem Vortragsabend mit nach Hause nahm, fand ich sie formuliert: accéder à un développement durable. Zu einer nachhaltigen Entwicklung gelangen.*
*
Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden. Zeitlose Weisheit und wunderbare Metapher für Nachhaltigkeit. Sie stammt freilich nicht aus Afrika, sondern aus der Feder Goethes. Der Dichter und Minister eines verarmten deutschen Zwergstaates hat sie aus seiner unmittelbaren Umwelt geschöpft. Die frühen Jahre seiner Amtszeit waren für die bäuerliche Bevölkerung Thüringens von Missernten und Hungersnöten geprägt. Selbst im grünen Herzen Deutschlands spitzte sich damals jeden Frühsommer die soudure zu. Im Juli des Jahres 1779 beispielsweise flehten ganze Dörfer die Weimarer »Cammer«, die herzogliche Finanzbehörde, um Steuererlass an. Man wisse nicht, heißt es in einem Bittbrief aus einem Dorf bei Jena, wo die armen Leute das Saamen Korn zur künftigen Aussaat hernehmen sollten. In jenen Jahren war Goethe als Minister mit der Arbeit der Kammer befasst. Erschüttert berichtete er aus Ilmenau seiner Freundin Charlotte von Stein über die Begegnung mit einem Mann, »der im Elende der Hungernoth seine Frau neben sich in der Scheune sterben« sah und sie »selbst einscharren« musste.
In die Welt gesetzt hat Goethe das Sinnbild in seinem Bildungsroman »Wilhelm Meisters Lehrjahre«. Ein rätselhafter Abbé, Mitglied einer geheimnisvollen »Turmgesellschaft«, in die Wilhelm Meister, der Held des Romans, hineingerät, überreicht ihm ein Schriftstück »von wichtigem Inhalt«. Dieser »Lehrbrief«, so wird ihm gesagt, beziehe sich auf die »Ausbildung des Kunstsinnes«. Sein zweiter Teil aber handele »vom Leben«. Er beginnt mit den Worten: »Die Kunst ist lang, das Leben kurz« und endet mit dem Satz: … gebackenes Brot ist schmackhaft und sättigend für Einen Tag; aber Mehl kann man nicht säen, und die Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden.
Als Goethe diese Zeilen niederschrieb, arbeitete das herzogliche Forstdepartement an einem gewaltigen Aufforstungsprogramm. Die Wälder des Herzogtums sollten – so hieß es schon 1761 in einer Anordnung der Herzogin Anna Amalia wörtlich – eine neue und nachhaltige Forsteinrichtung erhalten.
*
In den Tagen des September 2008 kollabierte das internationale Finanzsystem. Die Zeitungen druckten Weitwinkelaufnahmen von den Granitbauten der Bankpaläste. Finanzinstitute, die bis dahin solide wie das Urgestein ihrer Architektur gewirkt hatten, erschienen aus diesem Blickwinkel so einsturzgefährdet wie der Turmbau zu Babel. Sogenannte Wirtschaftsweise, die sich bis dahin damit gebrüstet hatten, bei der Sanierung ganzer Länder »ohne Narkose zu operieren«, wurden einen Moment lang kleinlaut. »Wo ist mein Geld?« fragte der Dokumentarfilmer Michael Moore eine Bankerin auf der Wallstreet. »Ich weiß es nicht«, antwortete sie. In diesen Tagen, so die englische Zeitung DAILY TELEGRAPH, erlebte sich der britische Kapitalismus als »Auslaufmodell«. Vor laufender Kamera sah man Milliardäre weinen. Politiker erzählten fassungslos, sie hätten in den »Abgrund« geblickt. Über Nacht spannten sie Rettungsschirme auf. Dann packten sie Konjunkturpakete. Die Geldsummen, die nun ins Spiel kamen, waren unfassbar. Um ein Vielfaches überstiegen sie die Beträge, die UN-Experten für die vollständige Befreiung der Menschheit von der Geisel des Hungers hochgerechnet hatten. Mit dem frischen Geld und den neuen Sicherheiten machten die Banken weiter – business as usual. Prompt folgte die europäische Schuldenkrise von 2011. »Ich sehe unser System in einem schmerz haften Prozess des Zusammenbruchs«, schrieb Paul Gilding, der frühere Direktor von Greenpeace. »Unser System des ökonomischen Wachstums, der ineffizienten Demokratie, der Überbelastung des Planeten Erde – unser ganzes System frisst sich selbst auf.«
Es gibt keine Alternative? Warum eigentlich nicht? Kaltblütig Strukturen, die nicht nachhaltig sind, kollabieren lassen, dafür den Einsatz erhöhen, um bestehende nachhaltige Strukturen zu stärken und neue in die Welt zu setzen. Wäre das nicht die bessere Strategie, um gestärkt aus der Krise hervorzugehen? Sie erfordert freilich, dass man zwischen nachhaltig und nicht nachhaltig präzise zu unterscheiden vermag.
*
In jenen Spätsommertagen war ich wandern. In der Bergwelt des hinteren Ötztals, unter einer azurblauen Himmelskuppel, bei 25 Grad im Schatten. Von den letzten Häusern des alten Tiroler Bergsteigerdorfes Vent kraxelte ich empor in die Gletscherzone. Vor mir lag auf 3000 Meter Höhe schmutzig grau das Gletschertor des Rofenkarferners. Von seinen Rändern quoll milchig grünes Wildwasser, das schäumend zu Tal stürzte, in der mittäglichen Sonnenglut wesentlich stärker anschwellend als am frühen Morgen. Wie alle Gletscher der Welt ist auch der Rofen rückläufig. Auf den saftigen Hochweiden links und rechts des steinigen Pfades blühten in voller Pracht Arnika und Eisenhut, Purpur-Enzian und Steinbrech. Nach Süden öffnete sich das Blickfeld zum Alpenhauptkamm.
Zum Greifen nahe lag die Texelgruppe mit Similaun und Hauslabjoch. Dort oben auf dem Grat, in einer Rinne im Gneis, hatte der namenlose Wanderer, den wir Ötzi nennen, an einem Frühsommertag vor rund 5300 Jahren sein Leben ausgehaucht und im scheinbar ewigen Eis seine vorerst letzte Ruhe gefunden. Er war einer von uns: Der erste Europäer, den wir von Angesicht zu Angesicht kennen. Die Saumpfade, auf denen er von Süden her über den Kamm ins Ötztal herüberwanderte, sind noch da. Auch die Quellen, aus denen er trank, und die Kräuter, mit denen er sich selbst, vielleicht auch andere heilte.
Bis Bozen sind es zu Fuß fünf Tagesetappen. Im Museum am Rande der Altstadt stehe ich vor einer tiefgekühlten Vitrine. Nur eine Glasscheibe trennt mich von dem Mann aus dem Eis. Die Mumie aus dem 4. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung ist überraschend schmalschultrig und feingliedrig. Die eingetrockneten Augen, denen noch anzusehen ist, dass ihre Iris einmal blau war, sind nach oben gerichtet. Die rechte Hand, mit der er das Beil führte und den Bogen spannte, greift ins Leere. Rings um den gläsernen Sarg sind die Überreste seiner Ausrüstung ausgestellt. Jedes Stück spiegelt seine halbnomadische Lebensweise. Alles ist bis ins Letzte durchdacht, alles perfekt seiner natürlichen Umwelt, seinen Bedürfnissen, seinen Zielen angepasst. Die Stiefel mit der Sohle aus Braunbärenfell, dem Oberteil aus Rindsleder und dem Innengeflecht aus Lindenbast sind absolut hochgebirgstauglich. Das Kupferbeil ist ein gusstechnisches Meisterstück, der Jagdbogen aus Eibenholz modernen Sportbögen an Reichweite und Durchschlagskraft beinahe ebenbürtig. Die Konstruktion des Außengestells am Rucksack gilt bei heutigen Outdoor-Ausrüstern als optimale Lösung für den Transport schwerer Lasten. Neun ein heimische Arten von Holz sind verarbeitet. Für jeden Zweck hat er exakt die am besten geeignete Sorte ausgewählt. Die Sorgfalt, mit der er das volle Spektrum der heimischen Ressourcen nutzte, und die Eleganz der Einfachheit, die jedes seiner Artefakte auszeichnet, geben über die Jahrtausende hinweg den Blick frei – auf einen schöpferischen Geist. Der Gletschermann – der archetypische homo sustinens? Einer aus der langen Ahnenreihe der Erfinder der Nachhaltigkeit?
Ein kleines, spät entdecktes Detail stört das Bild. In Ötzis linker Schulter steckt eine Pfeilspitze. Die hat ihn getötet, nicht Kälte, Schnee und Eis. Jäger nennen das einen Blattschuss. Offenbar war er auf der Flucht. Ein Opfer und Täter, Jäger und Gejagter in einer blutigen Stammesfehde? An dem Abend in Vent hatte ich im gut besetzten Speisesaal des größten Hotels am Platze einen Gletscherforscher aus Innsbruck referieren hören. Viele klimahistorische Befunde, so sagte er, deuten darauf hin, dass in Ötzis Epoche ein Kälteeinbruch den Alpenraum erreichte. Ötzis gewaltsamer Tod, so seine Hypothese, könnte mit dem Kampf um die schrumpfenden Weidegebiete zu tun haben. Ein Klimakrieg vor über 5000 Jahren? Merkwürdiger Gedanke angesichts der Vitrine im Museum: Sein Sarg aus Eis taut infolge der Erderwärmung auf und entlässt aus der Tiefe der Zeit einen stummen Boten in unsere Gegenwart.
Um den Zeithorizont zu verstehen: Zu Ötzis Lebzeiten war Babylon erst eine Ansammlung von Lehmbauten im Zweistromland. Aber viel weiter östlich, im Flussgebiet des Indus, besang man möglicherweise schon damals die alles tragende, fest gegründete, goldbrüstige Mutter Erde und betete: Was ich von dir, o Erde, ausgrabe, laß es schnell nachwachsen. Lass mich, o Reinigende, weder deinen Lebensnerv durchtrennen noch dein Herz durchbohren.
Kann man nicht auch diese, später in der vedischen Hymne an die Erde überlieferten Verse als eine Formel für Nachhaltigkeit lesen? Indira Gandhi, die damalige indische Ministerpräsidentin, hat sie 1972 in Stockholm auf der ersten großen Umweltkonferenz der Vereinten Nationen in diesem Sinne zitiert.
Eines scheint mir gewiss: Die Idee der Nachhaltigkeit ist weder eine Kopfgeburt moderner Technokraten noch ein Geistesblitz von Ökofreaks der Generation Woodstock. Sie ist unser ursprünglichstes Weltkulturerbe. Es war der britische Thronfolger Prinz Charles, der vor einigen Jahren die Frage aufwarf, ob nicht tief in unserem menschlichen Geist eine angeborene Fähigkeit existiert, nachhaltig im Einklang mit der Natur zu leben.
*
Aber was ist nachhaltig? Das von Joachim Heinrich Campe, dem Lehrer Alexander von Humboldts, 1809 herausgegebene »Wörterbuch der deutschen Sprache« definiert Nachhalt als das, woran man sich hält, wenn alles andere nicht mehr hält. Das klingt tröstlich. Wie eine Flaschenpost aus einer fernen Vergangenheit für unsere prekären Zeiten. Wir suchen nach einem Modell, das ein Weltsystem abbildet, das 1. nachhaltig (sustainable) ist ohne plötzlichen und unkontrollierbaren Kollaps; und 2. fähig ist, die materiellen Grundansprüche aller seiner Menschen zu befriedigen. Noch eine Flaschenpost. Diese ist in dem berühmten Bericht an den Club of Rome von 1972 über die Grenzen des Wachstums enthalten.
In beiden Fällen ist Nachhaltigkeit der Gegenbegriff zu »Kollaps«. Er bezeichnet, was standhält, was tragfähig ist, was auf Dauer angelegt ist, was resilient ist, und das heißt: gegen den ökologischen, ökonomischen und sozialen Zusammenbruch gefeit. Was frappiert: Die beiden Bestimmungen aus so unterschiedlichen Epochen sind annähernd deckungsgleich. Sie verorten »Nachhaltigkeit« im menschlichen Grundbedürfnis nach Sicherheit.
Um in den inneren Sinnbezirk dieses Wortes zu gelangen, sollte man weit ausgreifen. Dieses Buch will auf dem Weg über die Sprache und die Begriffsgeschichte zur Klärung und Sensibilisierung beitragen. Es erzählt davon, wie sich in langen Zeiträumen intuitives Vorsorgedenken zu einem Begriff kristallisierte. Wie unter dessen Schirm ein Wortfeld entstand, auf dem sich alltäglich gewordene Vokabeln wie Ökologie, Umwelt, Lebensqualität und sogar Management herausbildeten. Wie ein Wort kühne Träume und Hoffnungen aus allen Epochen der Menschheitsgeschichte speicherte und zu einer Zukunftsvision bündelte. Wie sich uraltes Überlebenswissen mit Errungenschaften unserer Hightech-Ära verknüpfte. Es handelt vom langsamen Wachstum einer Idee und von den komplexen Beziehungen zu den Lebenswelten, in denen sie sich entwickelte. Es benennt aber auch die Irrwege, die man dabei ging. »Der Tag ist abgegriffen. Lasst uns in den Morgen zu rücksteigen«, empfahl der Dichter Christian Morgenstern. Das Buch lädt dazu ein, einen Schritt zurückzutreten: Aus der dabei gewonnenen Distanz heraus Maß nehmen, Maßstäbe gewinnen, um die Gedankenwelt, den Begriff und das Wortfeld Nachhaltigkeit für sich selbst neu zu vermessen, seine Gravität, also seine Schwerkraft, aber auch seine Elastizität zu verstehen.
* Kursiv gesetzt sind in diesem Buch alle Zitate, in denen die Sprache der Nachhaltigkeit erscheint. Alle anderen Zitate stehen in Anführungszeichen. Die Nachweise finden sich im Anhang unter der jeweiligen Seitenzahl.
ZWEI
EIN SPERRIGER BEGRIFF
Begriffsverwirrung
Was assoziieren wir mit dem Wort Nachhaltigkeit? Ist es glasklar oder nebulös? Ist es vor allem ein Lichtblick, mit positiven Erwartungen besetzt? Oder ist es ein Langweiler? Setzt es Fantasien frei? Klärt es Zusammenhänge? Oder verschleiert es Abhängigkeiten? Wie auch immer man in seinem eigenen Wortschatz damit umgeht, man sollte möglichst genau wissen, wovon die Rede ist.
In den letzten Jahren ist die Klage über die »inflationäre Verwendung«, die Verwässerung, die Begriffsverwirrung zum Mantra geworden. Aus meiner journalistischen Arbeit kenne ich Leute, die das Wort nicht in den Mund nehmen, ohne dabei mit gekrümmten Zeige- und Mittelfingern Gänsefüßchen in die Luft zu malen. Das Wort ist in das mediale Feuerwerk der Reklamesprache geraten. »Nachhaltigkeit der Diät«, »nachhaltige Befreiung der Kopfhaut von Schuppen«, »nachhaltiger Ausbau der Kapitalkraft« – nichts ist unmöglich. In der Schweiz weihte man einen Monat vor dem Kopenhagener Klimagipfel »die nachhaltigste Autobahn aller Zeiten« ein.
Was meint, wer von »nachhaltigem Wachstum« spricht? Stetiges Wachstum des Bruttosozialprodukts oder eines Firmenimperiums mit allen damit verbundenen ökologischen und sozialen Kollateralschäden? Das Wachstum grüner Strukturen innerhalb einer womöglich schrumpfenden Ökonomie? Manchmal ist gedankliche und sprachliche Schlamperei im Spiel. Allzu oft freilich werden bewusst Nebelkerzen gezündet. »Greenwashing« nennt man das in den USA. In Anlehnung an das biblische »seine Hände in Unschuld waschen« – oder auch an die im Kalten Krieg aufgekommene Redewendung von der »Gehirnwäsche«. Aus der Verwirrung lässt sich Kapital schlagen.
Der Trick ist simpel, aber nicht ganz einfach zu durchschauen. Denn das Wort führt im Deutschen ein Doppelleben: einmal als allgemeinsprachliches Wort, dann als politischer Begriff. Was bedeutet »nachhaltig« auf der Ebene der Gemeinsprache? Zunächst einmal tatsächlich nichts weiter als »nachdrücklich«, »intensiv«, »dauerhaft«. Siehe Goethes Wortwahl im »Wilhelm Meister«-Roman von 1796: »Er schien nunmehr zum ersten Male zu merken, daß er äußerer Hülfsmittel bedürfe, um nachhaltig zu wirken.« So weit, so gut. Das Verwirrspiel setzt da ein, wo die Ebenen verwischt werden. Wo man in der Sache im Rahmen der alltags sprachlichen Bedeutung bleibt, jedoch suggeriert, man meine die neue, ökologisch aufgeladene Bedeutung des Begriffs. Eine schlich te Gewinnerwartung für die nächsten zwei, vielleicht drei Jahre mutiert so zu einer nachhaltigen, will sagen: ökologisch verantwortlichen und sozial gerechten Rendite. Fatal ist es, wenn »Nachhaltigkeit« gegen vermeintlich überzogene Forderungen von Umweltschützern in Anschlag gebracht wird: Man erklärt den Bau eines Kohlekraftwerks zur »nachhaltigen« Lösung, weil es sauberer sei als das alte und Arbeitsplätze erhalte.
Wo der Begriff seiner Substanz beraubt ist, lässt sich damit wenig – oder alles – machen. Noch den banalsten Vorgang, ja sogar die rücksichtsloseste Plünderung des Planeten, kann man mit diesem entkernten Begriff als »nachhaltig« ausgeben.
Das Wort ist auf den ersten Blick nicht sonderlich attraktiv. »Nach« und »halt«, »-ig« und »-keit« – das klingt statisch, sperrig, irgendwie dröge. Selbst unter Experten ist das Unbehagen weit verbreitet. Bei einer Fachtagung in Berlin hörte ich vor einigen Jahren den damaligen grünen Umweltminister händeringend an das Auditorium appellieren, ihm eine bessere Übersetzung für sustainability zu liefern. Nachhaltigkeit sei schwerfällig, nicht vermittelbar, einfach »nicht sexy«. Aber was ist, wenn sustainability historisch eine Übersetzung von Nachhaltigkeit war – und nicht umgekehrt? Bei meinem Gang durch die Wälder der Aufklärung komme ich darauf zurück. Und was ist, wenn in der »Sperrigkeit« des Begriffs Nachhaltigkeit gerade sein subversives Potenzial liegt?
Im Umfeld des Kopenhagener Klimagipfels von 2009 führten manche Thinktanks und Medien ein neues Vokabular ein. Von nun an soll eine klimagerechte Strategie den Weg in eine postkarbone Zivilisation bahnen. So notwendig der Übergang zu einer CO2-neutralen Entwicklung ist – dieses Vokabular kann das Wortfeld der Nachhaltigkeit ergänzen, den Hauptbegriff jedoch keineswegs ersetzen.
Eine kleine Szene aus »Alice hinter den Spiegeln«, Lewis Carrolls Kinderbuch aus dem England des 19. Jahrhunderts, beschreibt den Mechanismus von semantischen Machtspielen aller Art: »›Wenn ich ein Wort gebrauche‹, sagte Goggelmoggel in recht hochmütigem Ton, ›dann heißt es genau, was ich für richtig halte – nicht mehr und nicht weniger.‹ ›Es fragt sich nur‹, sagte Alice, ›ob man Wörter einfach etwas anderes heißen lassen kann.‹ ›Es fragt sich nur‹, antwortete Goggelmoggel, ›wer der Stärkere ist, weiter nichts.‹ Alice war zu verwirrt, um darauf noch eine Antwort zu finden…«
Wortkörper
Sustainability, hållbar utveckling, desarrollo sostenible, chi xu fa zhan, Nachhaltigkeit – im globalen Dorf ist das Wort allgegenwärtig. Speist man es nur in ein paar Sprachen als Suchbegriff bei Google ein, bekommt man innerhalb von Sekunden etliche Millionen Treffer. Es gibt, nimmt man das Internet als Messlatte, nicht viele Themen, die am Beginn des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts die Menschheit so stark beschäftigen.
Der moderne Begriff hat jedoch tiefe Wurzeln und eine lange Tradition. Alte Wörter sind in der Regel mit den vergangenen Bedeutungen aufgeladen. Diese archäologischen Schichten möchte ich freilegen, um an das Potenzial heranzukommen, das sich dagegen sperrt, mit unserer gegenwärtigen Normalität gleichgeschaltet zu werden. Dazu ist es notwendig, mehrsprachig zu verfahren. Werfen wir zunächst einen Blick auf den Wortkörper in der Gestalt, wie er 1987 im Brundtland-Bericht der UN definiert ist: Sustainable development.
Was genau bedeutet sustainable? Der eine Bestandteil der Wortbildung ist schnell erklärt. -able heißt können, fähig sein. Im Deutschen haben wir dafür das Suffix -bar. Holz kann brennen. Es ist brennbar. Komplexer ist das Verb sustain. Das Oxford English Dictionary aus den sechziger Jahren, also vor der neuen Begriffsbildung, behandelt es in mehreren Spalten und belegt es seit dem Mittelalter. Unter Punkt 4 erscheint die uns interessierende Bedeutungsebene. Sustain meint hier to keep in being. Übersetzt wäre das etwa im Dasein halten. Eine andere Umschreibung lautet: to cause to continue in a certain state, also: bewirken, dass etwas in einem bestimmten Zustand fortdauert. Dann: to keep or maintain at the proper level or standard etwa: auf dem angemessenen Stand erhalten. Und to preserve the state of, den Zustand von etwas bewahren. Demnach wäre sustainable wortgetreu zu übersetzen mit aufrechterhaltbar oder auf Dauer bewahrbar. Oder schlicht: tragfähig.
Die englische Sprache ist, salopp gesagt, eine Kreuzung aus Plattdeutsch und Vulgärlatein. Sustain ist ein Wort lateinischen Ursprungs. Im lateinischen Wörterbuch finden wir mit annähernd gleicher Bedeutung die Verben sustinere und sustentare. Die Grundwörter sind jeweils sub (unter) und tenere (halten, tragen). Für die deutsche Übersetzung bietet das Wörterbuch an: aushalten, aufrechterhalten, tragen, stützen, bewahren, etwas zurückhalten. Mit dem letzten Eintrag sind wir ganz dicht an nachhalten.
Wohl unterscheiden sich die Blickwinkel der beiden Wörter. Während sustentare mehr die Anordnung der Dinge im Raum, nämlich das Tragende, die Tragfähigkeit einer Struktur ins Visier nimmt, betont nachhalten die Zeitleiste, nämlich die Anlegung einer ausreichenden Reserve für die Zukunft. Semantisch aber – auf ihrer Bedeutungsebene – sind sich sustinere, sustainable und nachhalten, nachhaltig sehr nahe. Und das ist kein Zufall.
Das allgemeinsprachliche Wort nachhaltig ist im Deutschen schon sehr früh zu einem fachsprachlichen Terminus geworden. Vor fast 250 Jahren avancierte es zum Leitbegriff des deutschen Forstwesens. Es bezeichnet seitdem die Verpflichtung der Forstwirtschaft, Reserven für künftige Generationen nachzuhalten. Mitte des 19. Jahrhunderts übersetzte man nachhaltige Forstwirtschaft ins Englische: sustained yield forestry. In dieser sprachlichen Form und mit klar umrissener Bedeutung gelangte es in die internationale forstliche Fachsprache und kurz nach Gründung der Weltorganisation auch in das Vokabular der Vereinten Nationen. Dort diente es wiederum drei Jahrzehnte später als Vorbild und Blaupause für die moderne Begriffsbildung sustainable development. Von den verschlungenen Wanderwegen des Wortes seit seiner Prägung in der Epoche der Frühaufklärung wird noch die Rede sein.
Formelsammlung
Eine verbindliche und alles umfassende Definition von Nachhaltigkeit gibt es nicht. Dafür ist der Begriff zu komplex und zu dynamisch. Stattdessen sind einige Formeln in Umlauf gekommen, also mehr oder weniger verkürzte, näherungsweise Bestimmungen. Vier solcher Formeln haben den Diskurs bis heute geprägt: Am bekanntesten ist eine Stelle aus dem Brundtland-Bericht der UN von 1987: Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, welche die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generation befriedigt, ohne die Fähigkeit zukünftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Das ist im Wortlaut die weltweit am häufigsten zitierte Formulierung der Grundidee. Nennen wir sie Formel eins.
Das Dreieck der Nachhaltigkeit ist eine Denkfigur, die nach dem Erdgipfel von Rio 1992 gebräuchlich wurde: Ökologie, Ökonomie und soziale Gerechtigkeit sind die drei Eckpunkte eines Dreiecks. Sie sind stets im Zusammenhang, also vernetzt zu denken.
Schlicht und anschaulich ist Formel drei: Nicht mehr Holz fällen als nachwächst. So erklären Forstleute seit 300 Jahren ihren, den klassischen Begriff von Nachhaltigkeit. Damit versucht man heute, auch das erweiterte und erneuerte Konzept anschaulich zu machen.
Formel vier: Die Schöpfung bewahren ist ein Rückgriff auf die Schöpfungsgeschichte der Bibel mit ihrem Gebot, die Erde zu bebauen und zu bewahren. Die Schöpfungsmythen anderer Kulturen haben ganz ähnliche Gebote.
Jede dieser Formeln erfasst Wesentliches. Aber wie bei allem Formelhaften besteht die Gefahr der Verkürzung und der Abnutzung. Tausend Mal gehört und gelesen, verlieren sie vollends ihre inspirierende Kraft.
Doch diese vier Leitsätze lassen sich hervorragend als Navigationssystem nutzen, um in die Geschichte des Begriffs und damit in seine Tiefenschichten einzudringen. Unsere Zeitreise führt in die scheinbar heile Welt der mittelalterlichen Klöster und die Zeit der Kathedralen (Formel vier). Von dort geht es in die geometrisch vermessenen Wälder der Aufklärung (Formel drei), dann in die Epoche unserer Kulturgeschichte, als man »zurück zur Natur« wollte und dabei den Zusammenhang von Ökologie und Ökonomie entdeckte (Formel zwei). Sie kehrt zurück in unsere Gegenwart der umfassenden Krise, der Erdpolitik und der großen Transformation (Formel eins).
*
Unsere Reise beginnt in der so turbulenten und kreativen Zeit um 1968. Warum da? Das hat mit den geistigen und spirituellen Defiziten der Gegenwart zu tun. Wir haben keine große Erzählung mehr, keine Visionen, die uns beflügeln und antreiben. Dieses Vakuum ist nicht gut. Um die Klimakatastrophe noch im letzten Moment abzubremsen, sagen uns die Experten, bräuchten wir ein neues »Apollo-Projekt«: eine überwölbende Idee, die in kürzester Zeit große Potenziale aktiviert für etwas, das wir machen, koste es, was es wolle. In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts war das die Vision, noch in diesem Jahrzehnt Menschen auf den Mond zu bringen – und zurück. Wir brachen auf, um den Mond zu erkunden, aber tatsächlich entdeckten wir die Erde. Der berühmte Satz des Astronauten Eugene Cernan brachte die unverhoffte, die eigentliche Wirkung des Apollo-Projekts zum Ausdruck. So wie in der harten, grauen Schale der Muschel eine zarte, leuchtende Perle entsteht, entsprang einer wachstumsbesessenen, technikgläubigen, expansionistischen Kultur aus der Umkehrung des Blicks ein neuer, erdverbundener zivilisatorischer Entwurf. Sein Leitmotiv wurde: Nachhaltigkeit. Sein Fundament war die Überzeugung: Die Erde ist der schönste Stern am Firmament. Daran lässt sich anknüpfen.
Arbeit am Begriff geht stets Hand in Hand mit der Lust am Bild. Die Bilder – und Ikonen – aus den kulturrevolutionären Bewegungen der sechziger Jahre sind noch präsent. Im kollektiven Gedächtnis der Menschheit abgespeichert, millionenfach reproduziert im Cyberspace des Internet. Mit ein paar Mausklicks lässt sich eine kleine, faszinierende Galerie abrufen. Earthrise – Erdaufgang ist ein erster Suchbegriff.
DREI
»… DER SCHÖNSTE STERN AM FIRMAMENT«
Ikone Erde
Ein paar kalifornische Hippies kamen zuerst auf die Idee. Zeigt uns whole earth, die ganze Erde! So wie sie aus dem Weltall zu sehen ist. Die Botschaft an die NASA, Mitte der sechziger Jahre von einigen Langhaarigen auf Buttons und Aufklebern an der amerikanischen Westküste verbreitet, war ausgesprochen zeitgeistig. Von einem Foto des blauen Planeten versprach man sich in den Hochburgen der Gegenkultur eine bewusstseinserweiternde Wirkung, wie von einer euphorisierenden Droge. Die NASA war zunächst an ganz anderen Bildern interessiert: an Aufnahmen von potenziellen Landeplätzen, letztlich an einem Foto der amerikanischen Flagge auf dem Mond. Doch sehr bald kam es auch dort zu einer Kursänderung.
1968 war es so weit. An Heiligabend sah die Menschheit sich selbst und ihren Planeten zum ersten Mal von außen. Über dem Horizont einer grauen, steinernen, öden Mondlandschaft hob sich die Erde aus der Schwärze des Weltalls. Auf der 400.000 Kilometer entfernten Erde läuft in diesem Moment die Tag-Nacht-Grenze in einem Halbkreis durch Afrika und berührt an ihrem linken Rand die Antarktis. Der Atlantik ist zu sehen. Amerika, der Nordpol und Europa liegen unter dichten Wolkenwirbeln verborgen. Das Raumschiff Apollo 8 befindet sich auf einer Umlaufbahn um den Mond, etwa 100 Kilometer über der Oberfläche. Die NASA sucht nach einem geeigneten Platz für die erste Mondlandung, die für 1969 geplant ist. Stunden später – immer noch Heiligabend – sendet Apollo 8 Fernsehbilder zur Erde. Anders und Lovell, die Astronauten, begleiten sie mit einer Lesung aus der Schöpfungsgeschichte. »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde …« Sie schließen mit den Worten: »Und Gott sah, dass es gut war.« Sekunden später verschwindet ihr Raumschiff hinter der erdabgewandten Seite des Mondes.
Das Foto vom Erdaufgang hatte eine mobilisierende Wirkung. Ein neues Weltbild, Bild des Planeten, Bild der Menschheit von sich selbst, nahm Konturen an. Der amerikanische Dichter Archibald MacLeish, damals 77 Jahre alt, Veteran des Ersten Weltkriegs, Propagandist von Roosevelts New Deal, hat es in der New York Times verkündet:
Die Erde so zu sehen, wie sie wirklich ist, blau und schön, ein winziges Etwas, das in der lautlosen Ewigkeit schwebt, das bedeutet, dass wir uns selbst gemeinsam als Passagiere der Erde sehen, als Brüder auf diesem leuchtenden Planeten inmitten der ewigen Kälte des Alls, als Brüder, die nun endlich wissen, dass sie wahrhaftig Brüder sind.
Dantes mittelalterliche Vorstellung von Himmel und Hölle und dem Menschen als Gegenüber Gottes und Mittelpunkt des Universums sei überwunden. Aber auch die moderne nihilistische Vorstellung von der absurden Existenz des Menschen am Rande einer bedeutungslosen Milchstraße, preisgegeben einer sinnlosen Logik der Gewalt, sei hinfällig. Alle Menschen werden Brüder. An klänge an Schillers Ode »An die Freude« sind unüberhörbar. Der greise Poet artikulierte jedoch den Zeitgeist von 1968: Die euphorische Zuversicht, man erlebe den Anbruch eines new age, eines neuen Zeitalters, oder wie es damals in dem Hippie-Musical Hair hieß: the dawning of the age of Aquarius, die Morgenröte der Wassermann-Ära.
Mit dem Foto vom Earthrise gewann die globale Kultur ein machtvolles Gegenbild zur Ikone des Weltuntergangs, deren düstere, albtraumhafte Macht Denken und Fühlen einer ganzen Generation beherrscht hatte: »Mushroom Cloud«, das apokalyptische Bild des Atompilzes, der alles menschliche Leben auf der Erde auszulöschen droht. Diese nekrophile Bilderwelt entstand zwischen 1944, der ersten Zündung einer Atombombe in der Wüste von New Mexico, und 1963, als ein internationaler Vertrag überirdische Atomtests verbot. Die Fotos zeigen den Moment nach dem Atomblitz. Eine schlanke Säule aus Wasserdampf oder Wüstenstaub steigt von »Ground Zero«, der Stelle, wo die Bombe aufschlug, in den Himmel, dehnt sich wie der Schirm eines Pilzes in die Atmosphäre, bevor sie in Form von todbringenden nuklearen Niederschlägen zur Erde zurückkehrt. Die dunkle Majestät dieser Fotos aus dem Kalten Krieg wirkte lange nach, unterschwellig bis heute. Erst im Kontrast mit der Ikone der Zerstörung lässt sich die befreiende Kraft des Earthrise-Fotos erahnen. Verdoppelt wurde sie durch ein Foto, das vier Jahre später entstand.
Am 7. Dezember 1972, kurz nach Mitternacht Ortszeit, läuft im Kennedy Space Center der Countdown für Apollo 17, den bis heute letzten bemannten Flug zum Mond. Die Abschussrampe ist in gleißendes Flutlicht getaucht. Es beleuchtet die turmhohe, schneeweiße Saturn-V-Trägerrakete mit dem winzigen Raumschiff in der Spitze. Wernher von Brauns Wunderwerk der Technik, die Antwort der Moderne auf die Pyramiden Ägyptens. Ein Millionenpublikum hat sich an der Küste Floridas versammelt, um das grandiose Spektakel aus Licht, Lärm und menschlicher Kühnheit live zu erleben – das Woodstock der Raumfahrt-Freaks. »Liftoff«. Eine Schockwelle bringt die Umgebung zum Beben. In dem Inferno aus Donner, Rauch und Stichflammen hebt die Rakete vom Boden ab, durchstößt den selbst erzeugten Feuerball und entschwindet, einen riesenhaften Schweif aus brennendem Kerosin und Sauerstoff ausstoßend, in südöstlicher Richtung in den dunklen Himmel über der Karibik.
Der perfekte Moment für die Aufnahme kommt sehr bald, nachdem das Raumschiff die Erdumlaufbahn verlassen hat und auf seine elliptische Bahn in Richtung Mond eingeschwenkt ist. Eben noch unter dem enormen Druck, der Körper und Psyche beim Startvorgang belastet, legen die Männer an Bord ihre Raumanzüge ab und tauchen in den Zustand der Schwerelosigkeit ein. In diesem Moment der Loslösung von der Erde wenden sie den Blick zurück. »Ja, der Mond ist da«, berichtet Evans laut NASA-Protokoll 4 Stunden, 47 Minuten und 45 Sekunden nach dem Start an die Bodenstation. Und dann, ekstatisch: »Die Erde ist … das ist die Erde. Wow, was für eine Schönheit.« Minuten später meldet Kommandant Cernan, jetzt sehe er die Erde so voll, wie man sie noch nie gesehen habe. »Und weißt du, sie hängt an keinen Stricken. Sie ist da draußen ganz allein.« Harrison Schmitt gerät ins Schwärmen über dieses »zart aussehende Stück Bläue im Weltraum«. Was ihn und seine Kameraden in den Zustand der Entrückung versetzt, ist der Anblick der von der Sonne voll erleuchteten Tagseite der Erdkugel. Sie sind schon weit genug im All, um die ganze Erde mit einem Blick zu erfassen, aber noch nahe genug, um Wolkenwirbel und Landmassen und die zeitlupenhaft langsame Drehung der Erde erkennen zu können. Noch liegt Afrika in voller Größe im Blickfeld. Gleich wird die östliche Spitze Südamerikas auftauchen. In diesem Augenblick entsteht das klassisch gewordene Foto. Vermutlich ist es Harrison Schmitt, der auf den Auslöser der Hasselblad-Bordkamera drückt. Fünf Stunden nach dem Start, etwa 45.000 Kilometer von der Erde entfernt.
Auf dem Rückflug überfliegt das Raumschiff die Ödnis der erdabgewandten Seite des Mondes. Dann kommt der blaue Planet wieder ins Blickfeld. »Du siehst aus dem Fenster« – erzählte Cernan später –»und blickst, durch 400.000 Kilometer schwarzen Weltraum, zurück auf den schönsten Stern am Firmament. Du verfolgst, wie er sich dreht … und er bewegt sich in einer Schwärze, die nahezu unvorstellbar ist … Du kannst es das Universum nennen. Aber es ist die Unendlichkeit des Raumes und die Unendlichkeit der Zeit.«
Die Landung erfolgt 302 Stunden nach dem Start, 59 Sekunden nach dem vorausberechneten Zeitpunkt, punktgenau im Zielgebiet südwestlich der Samoa-Inseln im südlichen Pazifik. Eine Kapsel von drei Metern Durchmesser, zerbeult, zerschrammt, rußgeschwärzt. Das ist alles, was zwölf Tage nach dem Aufbruch ins All übrig ist. Die drei Astronauten sind laut ersten Untersuchungen bei bester Gesundheit und … extrem glücklich. Am 23. Dezember, pünktlich zu Weihnachten, gibt die NASA ein Foto frei, das Apollo 17 mitgebracht hat. Blue marble avancierte zum meistpublizierten Foto der Mediengeschichte. Was verlieh der Aufnahme seine einzigartige Aura?
Die Flugbahn des Raumschiffs kreuzt im Moment der Aufnahme gerade die imaginäre Verbindungslinie zwischen Sonne und Erde. Die Sonne steht so direkt hinter dem Raumschiff, dass sie die Tagseite der Erde voll erleuchtet. Ihr Licht erfasst die ganze Erde, die gesamte Gestalt, fast ohne beschattete Dämmerungszone. Der Planet schimmert blau. In dieser Farbe erscheint die Atmosphäre, deren Luftmoleküle die Blauanteile des Sonnenlichts zurück werfen. Ein zartblauer Schleier überzieht die Landmassen. In tiefer Bläue leuchten die Ozeane. Zu sehen sind weite Teile des Indischen Ozeans und des südlichen Atlantik. Weiße Wolkenbänder ziehen in riesenhaften Wirbeln durch die Westwindzonen. Die Dynamik der großen Windsysteme wird sichtbar und lässt die zugrunde liegenden Kräfte, die Wirkung der ozeanischen Strömungen und die Macht der Erddrehung ahnen. Der Südpol ist der Sonne zugeneigt. Gletscher und Eisschelf der Antarktis liegen, von Zyklonen umkreist, blendend weiß im Sonnenlicht. Zu sehen ist ganz Afrika, die Wiege der Menschheit, und – am oberen Rand der Erdkugel – Nildelta und Sinai, die Arabische Halbinsel und das östliche Mittelmeer, Zentren früher Hochkulturen. Am Äquator bauen sich Wolkentürme auf und verdecken die Erdoberfläche. Nur schwach dringt das Grün des tropischen Regenwaldgürtels hindurch. Tiefdruckgebiete wechseln mit Hochdruckzonen. Die Atmosphäre ist wolkenlos über der Sahara und dem Sahel im Norden und der Kalahari im Süden. Deutlich treten die warmen, erdigen, rot-gelb-braunen Farbtöne der Wüsten hervor. Die lebenserhaltende Lufthülle der Erde wirkt transparent und hauchdünn, das Pflanzenkleid wie ein zarter Flaum. Nirgendwo wird ein Artefakt als Anzeichen menschlicher Existenz erkennbar. Es ist vielmehr die Biosphäre der Erde, die sie vor allen anderen Gestirnen heraushebt, sie einzigartig macht. Der blaue Planet schwebt, sich um die eigene unsichtbare Achse drehend, in der Leere und Schwärze des unendlichen Alls. Sein Schwebezustand erhöht den Eindruck von traumhafter Schönheit, völliger Einsamkeit und Einzigartigkeit und – nicht zuletzt – großer Verletzlichkeit. Nirgendwo sonst im All eine Spur von Leben. Nur eine Erde. Wir sind allein.
Fragil – zerbrechlich, zart, verletzlich – ist ein Schlüsselbegriff bei der zeitgenössischen Deutung der grandiosen Bilder. An die zwischen 1968 und 1972 entstandenen overview-Fotos koppelten sich die Berichte der Augenzeugen, der amerikanischen Astronauten und russischen Kosmonauten. Sie verstanden sich als ausgestreckte Fühler der Menschheit und deuteten ihre starken Eindrücke mit weitgehend identischen Metaphern. Sehr schnell verdichteten sich diese zu einer großen Erzählung aus wenigen Worten. Darin ist die Rede von der grenzenlosen Majestät, die das funkelnde blauweiße Juwel ausstrahle. Als eine zarte himmelblaue Sphäre, umkränzt von langsam wirbelnden Schleiern, steige die Erdkugel wie eine Perle unergründlich und geheimnisvoll aus einem tiefen Meer empor – ein Saphir auf schwarzem Samt. Blau ist die Farbe, die entsteht, wenn das Sonnenlicht die Lufthülle des Planeten erreicht, wenn sich – bildhaft gesprochen – Himmel und Erde durchdringen. Es ist die Farbe der Mystik, der Transzendenz. Zutiefst beunruhigend erscheint dagegen die Schwärze des Weltraumes in seiner unendlichen Tiefe und völligen Lautlosigkeit. Der starke Kontrast zwischen der Leuchtkraft der Erde, der schwarzen Leere des Alls und der kalten Pracht der Sterne macht die absolute Einzigartigkeit der Erde bewusst. Aber unser gesamter Daseinsbereich ist mit einem einzigen Blick zu erfassen. So eng begrenzt und winzig ist er. Und auf einen Blick ist zu sehen, dass die Erde nicht dem Menschen untertan ist. Aus dem Weltraum ist zu erkennen, dass alle Systeme auf der Erde miteinander verbunden sind. Atmosphäre, Landmassen, Ozeane formen zusammen mit der Biosphäre den Raum des Lebens. Vom Menschen aber – keine Spur. Er ist zu klein, als dass sein Fußabdruck von außen wahrnehmbar wäre. Dieses »einsame, marmorierte, winzige Etwas« aus uralten Meeren und Kontinenten, heißt es in einem Bericht, ist unsere Heimat, während wir durch das Sonnensystem reisen. »Ich habe dabei den ganzen Planeten umarmt und alles Leben auf ihm«, erzählt der Astronaut Russell L. Schweickart, »… und es hat diese Liebkosung erwidert.« Sein russischer Kollege Boris Wolynow ergänzt: »Wenn du die Sonne, die Sterne und unseren Planeten ansiehst … bekommst du eine innigere Beziehung zu allem Lebendigen.«
Der Ton von Staunen und Ehrfurcht, diese Haltung der Demut bei Menschen, die auf ihren Entdeckungsreisen ins All extremen persönlichen Mut bewiesen hatten, verknüpfte sich unlösbar mit den Fotos. Die Herausforderung an uns alle, so Harrison Schmitt, der Fotograf von blue marble, ist es, diese Heimat zu behüten und zu schützen. Gemeinsam. Als Menschen dieser Erde. Das kühne Abenteuer, das technische Wunder, das ästhetische Faszinosum bekam in dieser modernen Saga eine ethische und spirituelle Dimension. Millionenfach reproduziert wurden die Bilder den Bewohnern des entstehenden globalen Dorfes zugänglich. Sie erforderten kein Wissen über Astronomie, Geografie oder Ökologie. Jeder und jede, auch jeder Analphabet konnte sie betrachten, bestaunen, unmittelbar verstehen. Die Umkehr des Blicks erzeugte ein Wir-Gefühl, das nun nicht mehr nur auf einen Nahraum begrenzt war, sondern die ganze Erde einschloss.
Als ozeanisches Gefühl hatte Sigmund Freud 1930 »die Empfindung der Ewigkeit« beschrieben: als ein Gefühl »wie von etwas Unbegrenztem, Schrankenlosem, gleichsam Ozeanischem«. Dieser Ausnahmezustand der Selbstentgrenzung, der Ausweitung des Ichs in die Welt hinein, sei, so Freud, jenseits aller Religionssysteme, jenseits jeden Glaubens und jeder Illusion als »religiös« zu bezeichnen. Man hat die beiden Fotos aus dem All als Ikonen unserer Epoche bezeichnet. Eine Ikone ist im Verständnis der russisch-orthodoxen Kirche, aus der die Ikonenverehrung kommt, mehr als ein Abbild. Auch mehr als ein Sinnbild. Ihre Bildmagie gebe vielmehr die Sicht auf das Geheimnis frei. Sie öffne ein Fenster zur Ewigkeit. Auf eine unerklärliche Weise sei in dem Bild das Heilige selbst anwesend. In der Ikone aus dem Kosmos sahen wir zum ersten Mal das Antlitz von Gaia – Mutter Erde.
15 Jahre nach dem letzten Mondflug erschien der Brundtland-Bericht der UN. Seine ersten Sätze zeigen, wie stark der Entwurf der Nachhaltigkeit von dem neuen Weltbild geprägt war:
In der Mitte des 20. Jahrhunderts sahen wir zum ersten Mal unseren Planeten aus dem Weltall… Was wir aus dem All sehen, ist eine kleine und zerbrechliche Kugel, die nicht von menschlichen Aktivitäten und Bauwerken dominiert ist, sondern von einem Muster aus Wolken, Ozeanen, grüner Vegetation und Böden… Die Unfähigkeit der Menschheit, ihr Verhalten diesem Muster anzupassen, verändert die planetarischen Systeme fundamental. Viele dieser Veränderungen sind begleitet von lebensbedrohlichen Gefahren. Diese neue Realität, der wir nicht entfliehen können, müssen wir erkennen und steuern.
Stummer Frühling
Silent spring – Stummer Frühling. Eine geniale Metapher, Titel eines Buches der amerikanischen Meeresbiologin Rachel Carson. Ihr Thema war der Krieg des Menschen gegen die Natur. 1962 ist das Buch erschienen und trug weltweit zum Erwachen des Umweltbewusstseins bei. Stummer Frühling – das bezog sich auf ein zartes Klanggebilde, die so innigen, melodischen, von sehr hoch bis tief auf- und absteigenden Tonketten des Rotkehlchens. Das Tirilieren und Flöten dieses kleinen Singvogels, schon sehr früh morgens und noch spät abends vom Männchen, aber auch vom Weibchen zu hören, empfindet unsere Psyche als ganz besonders aufmunternd. In dieser Metapher ist die einfache Frage aufgehoben: Was verlieren wir, wenn – beispielsweise – der Gesang des Rotkehlchens aus unserer Umwelt (environment) verschwindet? Man kann mit Fug und Recht sagen: Der Entzug von Naturschönheit hat die moderne Umweltbewegung in Gang gesetzt.
Es war einmal eine Stadt im Herzen Amerikas, in der alles Leben in Harmonie mit seiner Umgebung zu leben schien. So setzt die Fabel für morgen im Anfangskapitel von Rachel Carsons Buch ein. Das Städtchen lag inmitten blühender Farmen mit Kornfeldern, deren Gevierte an Schachbretter erinnerten, und mit Obstgärten an den Hängen der Hügel, wo im Frühling Wolken weißer Blüten über die grünen Felder trieben… Das Bild einer heilen Welt, und dann der Schock: Eine seltsame Seuche tauchte in der Gegend auf und unter ihrem Pesthauch begann sich alles zu verwandeln. Der nächste Frühling kam. Es herrschte eine ungewöhnliche Stille… Die wenigen Vögel, die sich noch irgendwo blicken ließen, waren dem Tode nah; sie zitterten heftig und konnten nicht mehr fliegen. Es war ein Frühling ohne Stimmen… Schweigen lag über Feldern, Sumpf und Wald.
Die Idylle ist kontaminiert. Das Wort, das Rachel Carson hier benutzt, bedeutet im lateinischen Ursprung nicht nur verschmutzt oder vergiftet, sondern auch: befleckt, besudelt, entweiht. Silent Spring ist die erste frontale Attacke auf die »Todeselixiere« der chemischen Industrie, die ab Mitte der fünfziger Jahre von Flugzeugen aus an vielen Orten der USA flächendeckend versprüht wurden. Zur »Schädlingsbekämpfung«, zum »Schutz« von Pflanzen. Es waren vor allem Frauen, die sich Ende der fünfziger Jahre an die schon berühmte Naturschriftstellerin wandten. Eine Hausfrau aus dem Mittleren Westen schrieb ihr, dass nach einer DDT-Sprühaktion innerhalb eines Jahres sämtliche Rotkehlchen verschwunden seien. Eine Journalistin aus einer Kleinstadt an der Ostküste berichtete, wie nach einem solchen Gifteinsatz sieben Singvögel tot an ihrer Vogeltränke lagen. Eine New Yorker Waldorflehrerin, Besitzerin eines Gartens auf Long Island, in dem sie nach biologisch-dynamischen Verfahren Kräuter und Gemüse anbaute, schickte ihr die Prozessakten eines Gerichtsverfahrens. Sie hatte die Kontaminierung ihres Gartens bis vor den Obersten Gerichtshof gebracht.
Was war der Hintergrund? Um das Ulmensterben durch einen Pilzbefall, der in den fünfziger Jahren in den nordamerikanischen Parks und Alleen grassierte, in den Griff zu bekommen, hatten die Behörden um 1954 begonnen, massiv die Chemikalie DDT einzusetzen. Die Blätter der so behandelten Bäume aber dienten im Herbst den Regenwürmern zur Nahrung. Diese lagerten das Gift in ihrem Gewebe ab. Die Würmer wurden wiederum im Frühjahr von den heimkehrenden Singvögeln gefressen oder an ihre Brut verfüttert. Nahrungsketten wurden zu Todesfallen. Ein Frühling ohne den Morgen-Chorus der Singvögel in Wald, Feld und Garten. Wollen wir das? Wollen wir wirklich darauf verzichten? Ist dieses Naturphänomen nicht ein Element unseres emotionalen Wohlbefindens und damit unseres Wohlstands? Die Frage machte Rachel Carson zum Ausgangspunkt ihres Buches.
Fakten- und materialreich belegt sie die verheerende Wirkung von DDT und anderen Chemikalien auf das Leben im Boden, im Wasser und in der Luft. Mit demselben Zorn prangert die Autorin – beim Schreiben des Buches war sie bereits unheilbar krebskrank – das Strontium 90, die Strahlung aus dem Fall-out der Atombombenversuche, an. Ihre Botschaft: Die Natur schlägt zurück – wenn wir nicht sehr schnell umdenken, die Kontaminierung unserer Welt einstellen und zu den Prinzipien zurückkehren, nach denen die Natur selbst arbeitet. Rachel Carsons Buch befreite die junge, in einer Nische agierende wissenschaftliche Ökologie aus dem Elfenbeinturm und popularisierte deren wesentliche Botschaft: In der Natur ist alles mit allem verbunden.
Nach dem Erscheinen von Silent Spring wurde Rachel Carson in einer beispiellosen, von der chemischen Industrie gesteuerten Medienkampagne als hysterisch, als Lügnerin, Fälscherin und Kommunistin diffamiert. Sie musste sich die Frage gefallen lassen, warum sich eine kinderlose Frau über das Erbgut Sorgen mache. Rachel Carson starb im Frühling 1964. Acht Jahre später, 1972, kündigte der Vertreter der US-Regierung auf dem Stockholmer Umweltgipfel der UN ein Verbot des Einsatzes von DDT in der Landwirtschaft an. Ökologie war zum Anliegen einer weltweiten Bewegung geworden. Der faszinierende Blick auf den blauen Planeten verband sich mit der liebevollen und besorgten Wahrnehmung der Nahräume: Die exquisiten Tonketten des Rotkehlchens draußen im Garten sind im gesamten bisher bekannten Universum einzigartig.
Von der Ökologie her hat sich Rachel Carson dem Begriff der Nachhaltigkeit angenähert. Sie schreibt von der Erhaltung der Erde für zukünftige Generationen. Alles Leben müsse einen Zustand der Anpassung und Balance mit seinen Umgebungen suchen. Das war ihr lebenslanges Thema. Schon 1953 hatte sie in einem Leserbrief an die Washington Post den Raubbau an den Ölvorkommen im Meeresboden angeprangert: Der wahre Reichtum der Nation liegt in den Ressourcen der Erde: Boden, Wasser, Wälder, Mineralien und Wildleben. Sie für die gegenwärtigen Bedürfnisse zu nutzen und gleichzeitig ihre Erhaltung für zukünftige Generationen sicherzustellen, erfordert ein sorgfältig ausgewogenes und langfristig angelegtes Programm. Die Substanz der Brundtland-Formel, formuliert mehr als drei Jahrzehnte vorher von einer prominenten Ökologin und Journalistin.
Dem »Stummen Frühling« hat Rachel Carson eine Widmung vorangestellt: Für Albert Schweitzer, der sagte: Der Mensch hat die Fähigkeit verloren, vorauszublicken und vorzusorgen. Er wird am Ende die Erde zerstören. Gegen den Strich gelesen, enthält das Zitat eine wunderbare Bestimmung von Nachhaltigkeit. Es ist die Fähigkeit, vorauszublicken und vorzusorgen.
*
Im August 1965, drei Jahre nach Erscheinen des »Stummen Frühlings«, fand in der Universitätsstadt Boulder in den Rocky Mountains eine kleine, wenig beachtete wissenschaftliche Tagung statt. Ihr Titel: »Ursachen des Klimawandels«. Das Klima des Planeten, so die anwesenden Experten, sei ein prekäres System mit einem gefährlichen Potenzial zu dramatischen Veränderungen, anfällig für menschliche Interventionen. Der Tagungsleiter Roger Revelle war wie Rachel Carson Meeresforscher. Seine ersten wissenschaftlichen Daten hatte er gewonnen, als er 1946 im Auftrag der US-Navy die Folgen der Atombombentests im Bikini-Atoll in der Südsee untersuchte. Ein Jahr nach der Konferenz von Boulder, 1966, hielt Revelle an der Harvard Universität eine Vorlesung. Im Hörsaal saß ein 18-jähriger Student aus Tennessee namens Al Gore.
Wiederum vier Jahre später, im Sommer 1970, mitten in der kurzen Ära der Mondflüge, feierte das junge Amerika in den Parks der Großstädte und in der wilden und freien Natur des Landes Earth Day. 20 Millionen Menschen protestierten gegen die Zerstörung ihrer Umwelt.
In Deutschland hatte DER SPIEGEL im November 1969 die öffentliche Aufmerksamkeit für das neue Thema entfacht. Titel der Story: Apokalypse 1979 – Der Mensch vergiftet seine Umwelt. Ein Stein war ins Rollen gekommen.
Schrei des Schmetterlings
Neue Inhalte nahm man in jener Zeit nicht allein über Bücher auf, sondern schneller und intensiver noch über eine politisch hellwache und unglaublich kreative Popkultur. Ohne viel Federlesens haben junge Musiker in ihrem Medium die Botschaften der Suchbewegungen poetisiert, radikalisiert und popularisiert. Well, take me back down where cool water flows … Walking along the river road at night, / barefoot girls dancing in the moonlight – green river … Im Sommer 1969, nur ein paar Wochen nach der ersten Mondlandung, nach Woodstock, hörte ich den Song im Radio. 2:14 – ein paar sich wiederholende Gitarrenriffs, eine gleichmäßig pulsierende Basslinie, das antreibende Schlagzeug, die raue Stimme eines 24-Jährigen, der von den endlos scheinenden, seligen Sommern seiner Kindheit erzählt, von Tagen und Nächten am grünen Fluss, ersten Schwimmversuchen, nächtlichen Rufen der Ochsenfrösche, barfuß tanzenden Mädchen im Mondlicht. Green River war eine Hymne an die noch unzerstörte große Natur und den Zusammenhalt der Menschen, die in ihr und mit ihr lebten.
Ein Jahr später, im August 1970, war ich nach einer mehrwöchigen Reise per Anhalter quer durch die USA, an der Westküste angekommen. Mit den Leuten, die mich aufgenommen hatten, fuhr ich am nächsten Abend von Berkeley über die Golden Gate Bridge nach San Francisco hinüber. In der lauen Sommernacht hörten wir Green River live von einer weit entfernten Bühne. Creedence Clearwater Revival spielten, wenn ich mich recht erinnere, ein Benefiz-Konzert zugunsten einer frisch gegründeten freien Drogenklinik, und ich lauschte atemlos ihrem Song: … you’re gonna find the world is smouldring / and if you get lost, come on home to green river. Wenn du das Gefühl hast, die Welt gerät in Brand, und du nicht mehr weißt wohin, dann komm heim an den grünen Fluss …
Meine Sternstunde als Rockfan hatte ich zwei Jahre vorher erlebt: Ich war – auch per Anhalter – nach Frankfurt am Main gekommen, um mich für das Wintersemester 1968/69 zu immatrikulieren. Abends spielten The Doors. Das Konzert in der Kongresshalle war kurz und ging tumultartig zu Ende. Nach dem provozierenden Song über den »Unknown Soldier« – mit einer dramatisch inszenierten, von Trommelwirbeln begleiteten Performance einer standrechtlichen Erschießung – verlangten ein paar der vielen anwesenden amerikanischen GIs wütend nach »Light my fire«. Als das Orgel-Intro einsetzte, drängte ein kleiner Trupp Soldaten zur Bühne und schwenkte seine Regimentsfahne. Jim Morrison riss sie ihnen aus den Händen und schleuderte sie mit einer obszönen Geste zerknüllt ins Publikum. Das war’s. Sofort nach dem Song ging das Licht an. Die Doors verließen die Bühne, das Publikum räumte den Saal. Ich blieb. Da ich noch keine Bude hatte und früh am nächsten Morgen nach Hause musste, wollte ich möglichst lange im Warmen bleiben. In der fast leeren Halle machten sich Beleuchter und Putzfrauen an die Arbeit. Doch dann kamen The Doors zurück auf die Bühne, nahmen ihre Instrumente wieder auf und begannen zu jammen.
When the music’s over. Im Mittelteil des Stücks ein sanfter Gitarrenlauf, ruhige Basslinie, verhaltener Gesang: Before I sink into the big sleep / I want to hear the scream of the butterfly. Hier ist nicht mehr wie bei Rachel Carson vom Lied des Rotkehlchens die Rede, sondern surrealistisch vom Schrei des Schmetterlings. I hear a very gentle sound, very soft, very clear. Und dann laut und klar die gesprochene Passage des Stücks: What have they done to the earth? What have they done to our fair sister? Den Krieg gegen die Natur imaginiert Jim Morrison auf der fast dunklen Bühne mal leise, fast verstummend, dann aufschreiend als Vergewaltigung der Erde. Was haben sie der Erde, unserer schönen Schwester, angetan? Ihr die Kleider vom Leib gerissen, sie gefesselt, zu Boden gezerrt, gebissen, ihr Messer in die Seite gestoßen, ihren Körper verwüstet und geplündert. Dann wieder leise: Ich höre einen ganz zarten Ton. Und wie ein Urschrei: We want the world and we want it … now. Now? Now! Gänsehaut pur!
Die Pyramide der Bedürfnisse
1970 erschien in den USA eine Neuausgabe von Abraham Maslows psychologischem Standardwerk »Motivation und Persönlichkeit«. Das Buch, schon in den 1950er Jahren in kleinen Kreisen berühmt, traf nun den Zeitgeist. Maslows Theorie der Grundbedürfnisse hat man in Form einer Pyramide abgebildet. Sie besteht aus fünf Ebenen, die von unten nach oben Bedürfnisse in eine durchlässige Hierarchie bringen. Die Basis bilden die unabweisbaren, das Überleben sichernden körperlichen Bedürfnisse: Nahrung, Wasser und Luft, ein Dach über dem Kopf, die Befriedigung der sexuellen Triebe. Sind diese grundlegenden Bedürfnisse angemessen befriedigt, ist das Grundvertrauen gelegt, sie stets angemessen befriedigen zu können, treten sie im Bewusstsein des Individuums zurück. In den Vordergrund rückt ein neues Bedürfnisensemble: das Streben nach Sicherheit und Geborgenheit, körperlicher Unversehrtheit, Stabilität und Angstfreiheit. Dann folgt die Ebene, auf der die soziale Akzeptanz des Individuums durch seine Umwelt höchste Bedeutung erlangt. Hier geht es um ein Netz liebevoller zwischen menschlicher Beziehungen, um Zuneigung, Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und um deren Zusammenhalt. Im Anschluss daran wird der Wunsch nach Herausbildung eines stabilen Selbstwertgefühls mächtig. Respekt und Wertschätzung durch andere rücken in den Vordergrund. Wobei der Respekt, den man sich tatsächlich verdient hat, das Gefühl der Selbstachtung am sichersten stabilisiert. Das Bedürfnis nach Schönheit und das Interesse an Wissen und Erkenntnis kommen ins Spiel.
An der Spitze der Pyramide steht das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung (self-actualization). Es wird zu einer wesentlichen Trieb kraft von Fühlen, Denken und Handeln und kann sogar alle anderen Bedürfnisse zurücktreten lassen. Es bezieht sich auf das zutiefst humane Streben nach einem erfüllten Leben. Mit Nietzsches Lebenskunst-Motto »Werde, der du bist« umreißt Maslow die Bedeutung des neuen Begriffs. Ein Musiker müsse Musik machen, ein Künstler malen, ein Dichter schreiben, um im Einklang mit sich selbst zu leben. Selbstverwirklicher seien Menschen, die sich und ihre Umwelt mit allen Schwächen und Stärken präzise wahrnähmen und grundlegend akzeptierten. Sie verfügten über innere Autonomie und ein stabiles Gemeinschaftsgefühl, über eine große Offenheit und die Fähigkeit, die Fülle des Lebens wahrzunehmen und zu genießen. Sie seien von überzogenen Scham- und Schuldgefühlen unbelastet und vom Urteil anderer unabhängig. Sie seien jedoch fähig, tiefe Bindungen zu anderen Menschen und zur Natur einzugehen. Der Widerspruch zwischen Selbstbezogenheit und Selbstlosigkeit verschwinde. Selbstverwirklicher widmeten ihr Leben der vollständigen Entwicklung und Ausschöpfung ihrer Anlagen, Möglichkeiten und Potenziale. Fremden und unbekannten Erscheinungen würden sie nicht mit dem Gefühl der Furcht und der Abwehr, sondern mit Neugier, Staunen und Ehrfurcht begegnen. Sie seien problemzentriert und an Lösungen interessiert. Das Geheimnisvolle, das Neue, das Fremde würde sie anlocken und begeistern. Sie folgten der inneren Stimme und einer Berufung, die in der Regel von außen, aus der Gesellschaft komme. Das Streben nach Exzellenz, nach Gipfelerfahrungen und dem Erlebnis der Einheit mit Natur und Kosmos seien wesentliche Elemente von Selbstverwirklichung.
Das Konzept war nicht neu. Maslow hatte es bei dem 1933 in die USA emigrierten deutschen Neurologen und Psychiater Kurt Goldstein gefunden. Der Grundgedanke aber war schon im Bildungsideal der deutschen Klassik angelegt. Wilhelm von Humboldt hatte ihn ausformuliert: Die Entwicklung aller Keime …, die in der individuellen Anlage eines Menschenlebens liegen, halte ich für den wahren Zweck des menschlichen Daseins.
In bewusster Abkehr von den klassischen Schulen der Psychotherapie richtete Maslow den Fokus auf die Faktoren, die seelische Gesundheit und ein gelungenes Leben ausmachen. Unter diesem Aspekt suchte er Versuchspersonen aus. Er ging in die Indianerreservate und interviewte Menschen, die noch nach dem traditionellen Wertekanon ihres Stammes lebten. Er untersuchte die Biografien starker Persönlichkeiten, unter anderem die von Albert Schweitzer, Spinoza und Goethe.
Alle fünf Ebenen seiner Pyramide erfassen Bedürfnisse, die jeder Mensch verspürt. Eine aufsteigende Linie führt zu den »Metabedürfnissen«. Die Stufe der Selbstverwirklichung sei zwar nicht allen möglich, für die Gestaltung einer »good society« sei jedoch entscheidend, dass jeder die gleiche Chance bekäme, einen Zugang zur jeweils höheren Stufe zu bekommen. Hier liegt das dynamische Prinzip in Maslows Hierarchie der Bedürfnisse. Im menschlichen Organismus und im menschlichen Geist existiere eine Tendenz zum inneren Wachstum, zur Verwirklichung aller seiner Fähigkeiten, zu Gipfelerfahrungen. Erst diese Art Wachstum »über sich hinaus« ermögliche Reichtum des inneren Lebens und tieferes Glück. Das gute Leben hängt nun nicht mehr von der Befriedigung der biologischen Grundbedürfnisse durch ein immer größeres Quantum an Waren ab. Entscheidend werden die sinnstiftenden immateriellen Güter, Aktivitäten und Ziele. Armutsbekämpfung ist nicht mehr nur die Beseitigung des Mangels an Gütern und Dienstleistungen. Es geht jetzt auch darum, die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen und Identitäten zu erhalten und allen Menschen vielfältige Möglichkeiten zu eröffnen, ein erfülltes Leben zu führen.
Maslows Theorie der Bedürfnisse verband sich in den frühen siebziger Jahren mit dem aufkeimenden Umweltbewusstsein. Aus dieser Kombination ging ein neues politisches und kulturelles Konzept hervor, das seitdem zum festen Bestandteil des Nachhaltigkeitsdenkens gehört: Quality of life – Lebensqualität.
Der Brundtland-Bericht griff das neue Denken auf. Wenn die Bedürfnisse der jetzigen Generation gegen die der zukünftigen Generationen abgewogen werden, sind dort stets die basic needs im Sinne Maslows gemeint, nicht etwa der »Bedarf« einer Überflussgesellschaft. Nachhaltige Entwicklung erfordert es, die Grundbedürfnisse aller zu befriedigen und die Möglichkeit, sich den Traum von einem besseren Leben zu erfüllen, auf alle auszuweiten.
Die Imagination an die Macht
John Lennons und Yoko Onos Song Imagine entstand im Sommer 1971 im Landhaus des Paares, Tittenhurst Park in Ascot, an der westlichen Peripherie von London. In diesem aristokratischen Ambiente hat das Künstlerehepaar den Song geschrieben und in einem dreiminütigen Videoclip inszeniert und zelebriert. Ein Mausklick, und er ist verfügbar.
Wenn das Piano mit den Anfangstakten beginnt, sieht man die beiden unter dem alten Baumbestand eines Parks im Nebel. Die Kamera zeigt sie von hinten. Ein junges Paar, schwarz gekleidet, Schulter an Schulter, Hand in Hand. Imagine there’s no heaven / It’s easy if you try… Wenn die Stimme einsetzt, kommen sie ins Offene, gehen auf die schneeweiße Hauptfassade eines georgianisch-klassizistischen Herrenhauses zu. No hell below us / Above us only sky… Lennon legt den Arm um die Schulter seiner Frau. Das Paar erreicht das von zwei Säulen verzierte Portal, hält einen Moment inne. Ein Schild kommt ins Bild: This is not here. Wir betreten, so verstehe ich diese Botschaft, nicht ein aristokratisches Herrenhaus, sondern einen Bezirk unseres Bewusstseins: den Sitz der Vorstellungskraft, den inneren Palast, wo die Träume von einer besseren Welt ihren Ursprung haben. Imagine all the people / Living for today… singt die Stimme, während die beiden im Eingang verschwinden. Ein abgedunkelter, halbrunder Raum. Allein durch die Schlitze der Vorhänge fällt etwas Licht. Imagine there’s no countries / It isn’t hard to do … Yoko Ono, nun in weißem knöchellangem Kleid, öffnet den ersten Vorhang, lässt Tageslicht herein. Nothing to kill or die for / And no religion too … Der Blick fällt auf den an einem weißen Steinway-Flügel sitzenden John Lennon. Imagine all the people / Living life in peace… Von links nach rechts die Fensterfront abschreitend öffnet Yoko Ono Vorhang um Vorhang, flutet den Raum mit Sonnenlicht. Imagine no possessions / I wonder if you can … Lennons feierlicher Gesichtsausdruck kommt groß ins Bild. Sein Blick wechselt zwischen Klaviertasten und Kameraauge. No need for greed or hunger / A brotherhood of man. Das frische Grün des Gartens dringt mit dem Licht in den Raum, während Yoko den nun hellen Raum durchschreitet und neben ihrem Gatten Platz nimmt. Imagine all the people / Sharing all the world… Das Paar ist hinter dem Flügel in der Totalen zu sehen. Ein weißes Stirnband bändigt ihr langes pechschwarzes Haar. Ihr Blick richtet sich nach innen, während er die letzte Strophe beginnt: You may say I’am a dreamer / But I’m not the only one … Sie blicken sich in die Augen. I hope someday you’ll join us / And the world will live as one. Ende des Liedes. Draußen zwitschert ein Vogel. Die Augen leuchten. Ein langer Kuss. Ende des Videos bei 3:14.
*
Imagine wirkte als Hymne einer Generation. Warum? Zum einen war es die Melodie, vom Piano sostenuto gespielt und durch ein raffiniert-schlichtes Streicherarrangement untermalt, von Lennons kraftvoller Stimme gesungen. Der Komponist sprach selbstironisch vom »sugar-coat«, vom Zuckerguss des Songs. Die eingängige und eindringliche Musik verband sich organisch mit der revolutionären Botschaft des Textes. »Ein antireligiöser, antinationalistischer, antikonformistischer, antikapitalistischer Song«, sagte Lennon in einem Interview, »praktisch das Kommunistische Manifest.« Vor allem aber nahm der Song den Zeitgeist auf. Er formuliert die kulturrevolutionäre Gewissheit, dass eine andere Welt möglich ist.
Die Zukunft ist nie die bruchlose Fortsetzung der Gegenwart. Sie wird immer neu gemacht, freilich mit den geistigen und spirituellen Ressourcen der Vergangenheit. Jede schimmernde Perle wächst in einer harten, grauen Muschelschale heran. Das Neue kann nur im Schoß des Alten entstehen. Was jedoch immer wieder erstaunt: In jeder Renaissance, in jeder Epoche des Aufbruchs, erscheinen in verwandelter Gestalt die Bilder, die Grundideen und das Vokabular der Nachhaltigkeit.
VIER
URTEXTE
Sonnengesang
Laudato si, mi signore, cun tucte le tue creature, / spetialmente messor lo frate sole, / lo qual’è iorno, et allumini noi per loi … Gelobet seist Du, mein Herr, mit allen Deinen Geschöpfen, vor allem dem Herrn Bruder Sonne, der den Tag heraufführt und uns durch sich erhellt.
Der fromme Lobpreis versetzt uns in die Welt der mittelalterlichen Klöster und in die Zeit der Kathedralen. Genauer gesagt, in die Parallelwelt der Einsiedeleien auf durchsonnten Berghöhen, der endlosen staubigen Landstraßen Mittelitaliens, der Dorfarmut und ihrer barfüßigen Propheten. Canticum Solis, der Sonnengesang des Franziskus von Assisi, die mittelalterliche Ode an die Schöpfung, ist wie kein anderer Text aus dieser Epoche in unserem kulturellen Gedächtnis präsent. Sein »ökologischer« Gehalt ist schon häufig bemerkt worden. Der Sonnengesang enthält aber auch das begriffliche Grundgerüst der Nachhaltigkeit. Um in dem alten Erbe den modernen Diskurs wiederzuerkennen, muss man freilich zu den Quellen gehen.
Assisi liegt auf einem Hügel. Nähert man sich zu Fuß, baut sich die Stadt dramatisch vor einem auf: die wuchtige Klosteranlage auf dem westlichen Bergsporn, die rosig schimmernden Häuserfronten der Altstadt, die Ruine der Stauferburg auf der Hügelkrone, das steil ansteigende, bewaldete Massiv des Monte Subasio im Osten. Die Stadt in Umbrien, dem grünen Herzen Italiens, ist ein spirituelles Zentrum des alten Europa.
Dem »genius loci« ist man an zwei Plätzen außerhalb der Stadtmauern besonders nahe. Durch die Porta dei Cappucini, das höchstgelegene Stadttor, gelangt man auf ein zypressengesäumtes Sträßchen, dann auf einen Waldpfad, der den Rücken des Monte Subasio emporsteigt. Zwischen zwei felsigen Hängen liegt dort oben die Einsiedelei Santuario delle Carceri. Sie diente Franziskus als Rückzugsort. Ein Steinbett mit hölzerner Kopfstütze, auf dem er geschlafen haben soll, ist in dem Raum erhalten. In dem Steineichenwald oberhalb stößt man auf Grotten, in denen er gefastet und meditiert hat. Die alte Eiche an der steinernen Brücke nahebei ist der Baum, wo er der Legende nach den Vögeln gepredigt hat.
Der andere magische Ort: die schlichte, von Olivenhainen und Zypressen umgebene Klosteranlage von San Damiano am südlichen Abhang des Hügels, auf dem Assisi thront. Das damals baufällige Gebäude diente dem jungen Franziskus und seiner noch kleinen Schar als erste Unterkunft. Mit eigenen Händen hat er es instand gesetzt und dann seiner Anhängerin und Gefährtin Klara überlassen. Im Gärtchen ihres Klosters baute ihm Klara »aus Gesträuch und Rosenzweigen« ein Zelt, als er im Herbst 1225, schon auf die fünfzig zugehend, am Ende seiner Kräfte, von Augenschmerzen gepeinigt, zur Ruhe kommen wollte. Ein Jahr vor seinem Tod erlebt Franziskus in San Damiano einen »strahlenden Sonnenaufgang in der Seele«, wie der französische Franziskaner Eloi Leclerc schreibt. Im Zustand der Entrückung dichtet Franziskus seine Laudes creaturarum, den Sonnengesang. Codex 338 der Stadtbibliothek von Assisi, datiert mit 1279, ist die älteste erhaltene Handschrift. Ihre Sprache ist das »Volgare«, die frühitalienische Volkssprache, die sich schon deutlich vom lateinischen Ursprung entfernt hat.
Die Dichtung aus 50 Zeilen nimmt ihren Ausgang vom Allerhöchsten: Gelobet seist Du, mein Herr, mit allen Deinen Geschöpfen – cun tucte le tue creature. Aufschlussreich ist die Vokabel »tucte«. Der Aufstieg der Seele führt nicht über die Abwertung der materiellen Welt. Im Gegenteil. Die Seele öffnet sich zu allen Geschöpfen, zur ganzen Schöpfung. Von Anfang an bringen die Laudes creaturarum Fülle, Ganzheit, Einheit und immer wieder die Schönheit von scheinbar unbelebter Materie und lebendiger Natur ins Spiel. Tucte le tue creature – in der Sprache der Ökologie und Erdsystem-Forschung von heute: das Netz des Lebens.
Die Blickachse des Textes verläuft vertikal. Die Anordnung seiner Bilder führt von ganz oben nach ganz unten. Vom Allerhöchsten über die Sonne, den Mond und die Sterne durchquert sie die Lufthülle der Erde, die Atmosphäre, und erreicht die Biosphäre, die Gewässer und den Erdboden. 750 Jahre vor dem Foto von blue marble imaginiert dieser kosmische Lobgesang den Blick von oben auf den Planeten.
Doch Franziskus spricht nicht einfach von Sonne, Mond, Wind, Wasser, Feuer … Die Rede ist stets von frate sole, sora luna, frate vento, sora aqua, frate focu. Alles ist Bruder oder Schwester. Mensch und Naturphänomene haben gleichen Ursprung und gleichen Rang. Sie sind Geschöpfe eines gemeinsamen Vaters. Hier geschieht etwas Bedeutendes: Die franziskanische Perspektive hebt die Trennung zwischen Mensch und übriger Schöpfung auf. Sie vollzieht einen radikalen Bruch mit machtvollen Traditionen des antiken und christlichen Denkens – und fordert mindestens ebenso radikal die westliche Moderne heraus. Sich die Natur untertan zu machen, das war – und ist – im Mainstream der Tradition legitim, ja sogar ein Gebot. Für uns ist es Normalität. Der neue Mensch einer franziskanischen solaren Zivilisation dagegen akzeptiert und feiert seine eigene Naturzugehörigkeit. In dieser Versöhnung liegt die spirituelle Basis für die »Kommunion«, für eine universale geschwisterliche Gemeinschaft von Menschen und Mitwelt.
Herausgehoben ist die Sonne. Sie ist nicht nur frate. Als unendliche Quelle des Tageslichts, der Energie, des Lebens ist sie gleichzeitig messor – Herr oder (legt man das grammatikalische Geschlecht des deutschen Wortes zugrunde) Herrin. Die Sonne zieht besondere Attribute auf sich: schön, strahlend, glanzvoll. Sie ist Quelle von Freude und ästhetischem Genuss. Ja, sie ist sogar wie in so vielen Kulturen der Welt Dein Gleichnis, o Höchster, Symbol der Gottheit. Sonne und Mond sind komplementär. Wie Tag und Nacht, hell und dunkel, Klarheit und Geheimnis. Sora luna e le stelle, Mond und Sterne, gehören noch zum himmlischen Bereich. In der Schwärze des Kosmos wirkt das Funkeln der Gestirne kostbar und schön (pretiose et belle), erscheint der Mond, sein Zyklus, seine sanfte Energie als besonders geheimnisvoll und anziehend.
Mit der anschließenden Strophe tritt die Bildfolge des Textes in die Sphäre der vier irdischen Elemente Luft, Wasser, Feuer, Erde ein. Gelobet seist Du, mein Herr, durch Bruder Wind. Ihm zugeordnet sind die Luft, die Wolken, heiteres und jedes Wetter. Die Rede ist also von der Lufthülle der Erde in ihren verschiedenen Erscheinungsformen – also vom Klima. Genau an dieser Stelle taucht im Sonnengesang zum ersten Mal das Ursprungswort von sustainability auf: sustentamento. Franziskus lobt Gott für die Phänomene der Atmosphäre, durch welche Du Deinen Geschöpfen ›sustentamento‹ gibst« (per lo quale a le tue creature dai sustentamento), also Halt, Unterhalt, Nachhalt. Wobei sustentamento (im modernen Italienisch: sostentamento) all das bezeichnet, was zur Erhaltung und zum Fortbestehen von Lebewesen und Dingen notwendig ist: Lebensunterhalt, Existenzgrundlagen. Ihre dauerhafte Sicherung ist eine Gabe Gottes. Er gewährt sie nicht allein durch Bruder Wind. Genauso haben Schwester Wasser (charakterisiert als sehr nützlich, demütig und kostbar) und Bruder Feuer (schön, angenehm, robust und stark) ihren Anteil.
Der Sonnengesang wird nun zum Gesang der Erde. Gelobet seist Du, mein Herr, durch unsere Schwester Mutter Erde. Wie die Sonne ist auch die Erde – und damit ist hier vor allem das Erdreich, der Humus, der Mutterboden gemeint – doppelt hervorgehoben. Sora nostra mater terra. Sie ist nicht allein our fair sister wie in dem Doors-Song von 1967. Aber auch nicht nur magna mater, die große Mutter, wie in archaischen Kulten, oder Gaia, Erdgöttin. Die mütterliche Erde bekomme bei Franziskus zusätzlich das »Gesicht einer Schwester«, schreibt Eloi Leclerc, und damit eine neue – ewige – Jugendlichkeit. »Das Gefühl von Abhängigkeit und Verehrung, das der Mutter zukommt, wird hier durch das Gefühl geschwisterlicher Zuneigung nuanciert.« Die Erde ist eben auch Schwester und somit Tochter desselben Vaters, selbst ein Geschöpf.
In ihrer Eigenschaft als Mutter hat sie freilich eine besondere Macht. Mater terra, la quale ne sustenta et governa et produce diversi fructi con coloriti flori et herba. Sie ist die Erde, die uns trägt (sustenta = erhält, aufrechterhält) und regiert (governa = lenkt, leitet) und vielfältige Früchte mit bunten Blumen und Kräutern erzeugt. Ein zweites Mal greift Franziskus auf eine Form von sustentare zurück. Was gibt uns Halt und Nachhalt? Es ist der von Gott geschaffene Erdboden im Zusammenspiel mit der Lufthülle des Planeten. Wir nennen das heute: Biosphäre. Sie bringt unfehlbar Früchte, Fruchtbarkeit, Biodiversität und – damit verknüpft – Farbe und Schönheit hervor. Solange wir uns von ihr leiten (governa) lassen. Die Bilder von Fülle und Vielfalt verbinden sich untrennbar mit der Begrifflichkeit von sustentamento.
Von diesem Punkt aus verstehen wir erst den Kern des franziskanischen Weltbildes: sein Armutsideal. Die Freude an der Fülle des Lebendigen ringsum ist Antrieb, den »Verbrauch« von »Ressourcen« auf ein Minimum zu reduzieren. Besitz ist Ballast. Verzicht ist Befreiung. Nehmt nichts mit auf den Weg, heißt das Gebot im Neuen Testament (Lukas 9, 3). Imagine no possessions, sang John Lennon. Wer die Besitzlosigkeit zum Konzept macht, muss wissen, was ihn ohne die Sicherheit des Besitzes trägt. Was auf Dauer tragfähig bleibt, sagt uns der alte Text, ist eine geschwisterlich behandelte Natur. Im Vertrauen auf diesen sicheren Halt sind neue Bilder des guten Lebens zu entwerfen. Der franziskanische Minimalismus ist ein Weg, die Integrität der Mitgeschöpfe – aller Geschöpfe –, ihre Schönheit, ihre Robustheit, ihre bunte Vielfalt, zu erhalten und so auf Dauer erleben und behutsam genießen zu können. Der freiwillige Verzicht, nicht der erzwungene, öffnet einen Zugang zur glanzvollen Fülle des Lebens. Die franziskanische Pyramide der Bedürfnisse: einfach leben, egalitär, im Einklang mit der Schöpfung, offen für die Stimme des Allerhöchsten. Das Credo freilich ist: Nachhaltigkeit wird nicht vom Menschen gemacht, sondern ihm gewährt. Sie ist Gabe und Gnade Gottes. Das Fundament franziskanischer Theologie ist die Lehre von der göttlichen Vorsehung.
*
Das letzte Wort des Sonnengesangs lautet: humilitate – Demut. Nackt ausgestreckt auf nackter Erde sterben war Franziskus’ letzter Wille. So ist er der Legende nach Bruder Tod begegnet. Seinen Sterbeort, die schlichte Capella del Transito im Waldtal unterhalb von Assisi, hat man im 17. Jahrhundert mit einer monumentalen Barockbasilika überwölbt.
Zur selben Zeit suchte nördlich der Alpen der französische Aufklärer Descartes nach einer Philosophie, die »für das Leben nützlich« ist. Wie Franziskus beschäftigte er sich mit den Elementen. Er wollte »die Kraft und Wirkung des Feuers, des Wassers, der Luft, der Gestirne, der Himmel und aller übrigen Körper in unserer Umwelt« erforschen, um sie »zu allem möglichen Gebrauch zu verwerten«. Seine Idee: Die Menschen »zu Herrn und Eigentümern der Natur zu machen.«. Ein härterer Kontrast zum franziskanischen Ideal ist kaum denkbar.
Die Schöpfung bewahren
Der Mensch hat die Fähigkeit, vorauszublicken und vorzusorgen, verloren. Er wird am Ende die Erde zerstören. Das war Albert Schweitzers Befund. Er setzt voraus, dass der Mensch potenziell fähig ist, die Erde zu bewahren. Dem mittelalterlichen Denken war diese Vorstellung fremd. Die Bewahrung der Schöpfung galt als das Werk der »göttlichen Vorsehung«. Mehr als ein Jahrtausend lang – von Augustinus bis Luther – gehörte die Lehre von der »Providentia Dei« zum Fundament des christlichen Glaubens. Dieser theologische Fachbegriff vereinte ein ganzes Spektrum von Bedeutungen: Vorherbestimmung, Vorausschau, Vorsorge, Fürsorge. Dem Menschen war dabei eine untergeordnete Rolle zugewiesen. In der Epoche der Aufklärung kollabierte der Glaube an die Providentia. Aus seinen Trümmern aber, so meine These, stammen tragende Pfeiler des modernen Nachhaltigkeitsdenkens. Ein Blick auf das alte Gerüst ist deshalb höchst aufschlussreich.
Die Vorstellung existierte schon in der antiken Philosophie: Die große Zweckmäßigkeit und Schönheit sowohl in den allerkleinsten Dingen wie in den größten Zusammenhängen von Natur und Kosmos verweisen auf eine ordnende Kraft. In Anbetracht ihrer umfassenden Wirkung kann diese nur göttlichen Ursprungs sein. Bereits die griechischen Philosophen Anaxagoras, Platon und Epikur sprachen in diesem Zusammenhang von göttlicher »Vorsehung« und »Fürsorge« (tou theou pronoia). Die Philosophen der Stoa formten daraus ein Weltbild: »Alles ist wie ein heiliges Band miteinander verflochten … Aus allem zusammengesetzt ist eine Welt (unus mundus) vorhanden, ein Gott, alles durchdringend, ein Körperstoff, ein Gesetz«, schrieb der Philosoph auf dem römischen Kaiserthron, Marc Aurel. Eine Welt – unus mundus – schon damals! Der venunftbegabte Mensch ist in der Lage, die gegebene Ordnung als sinnvoll wahrzunehmen, ihre Schönheit zu genießen und sich in ihr einzurichten. Wohlgemerkt: sich in der Welt einrichten. Nicht: die Welt einrichten und sie nach dem Prinzip der Nützlichkeit »managen«.
In der frühen christlichen Theologie schließt die Providentia-Lehre unmittelbar an die Schöpfungsgeschichte an. Nach dem Entwurf von »unus mundus« und dem Schöpfungsakt (creatio) »aus dem Nichts heraus« (ex nihilo) hat Gott sein Werk keineswegs verlassen. Sein Wille bleibt in der Schöpfung präsent. Er wirkt mit seiner Allmacht und nach seinem Plan weiter in sie hinein. »Providentia« meint die conservatio – Erhaltung – der Welt und die Fortsetzung der Schöpfung. Gott sorgt für alle seine Geschöpfe, erhält sie auf Dauer in ihrer Existenz, führt sie ihrer Bestimmung, ihrem Telos, nämlich der Erlösung, entgegen. Schon ein Dokument aus der urchristlichen Gemeinde Roms, der sogenannte 1. Clemensbrief, geschrieben um das Jahr 100, handelt von der »Nachhaltigkeit« des göttlichen Willens:
Die Himmel, kreisend durch sein Walten, ordnen sich ihm in Frieden unter. Tag wie Nacht vollenden sie den von ihm angeordneten Lauf, ohne einander zu behindern. Sonne und Mond und die Chöre der Sterne durchlaufen entsprechend seiner Anordnung in Eintracht ohne jede Überschreitung die ihnen vorgeschriebenen Bahnen. Die fruchttragende Erde bringt nach seinem Willen und zu den entsprechenden Zeiten Nahrung hervor in Fülle für Menschen und Tiere und alle Lebewesen auf ihr, ohne dass sie jemals abweicht von dem, was durch ihn festgelegt ist.
Das Werk der Vorsehung übersteigt freilich alle menschliche Erfahrung. Folglich ist es nicht immer leicht zu durchschauen. Für diesen Sachverhalt bringt der Kirchenvater Augustinus die »unsichtbare Hand« ins Spiel. Gott, so schreibt er in seinem Buch »Über den Gottesstaat«, arbeite nicht wie ein Künstler, der seine Werke mit »körperlichen Händen« aus »irdischen Stoffen« gestalte, sondern »die Hand Gottes ist die Macht Gottes, die auch sichtbare Dinge auf unsichtbare Weise wirkt«. Auch hier ein Denkbild, das in säkularisierter Form weiterwirkte: Adam Smith hat sich aus dem Steinbruch der Providentia-Lehre bedient, als er 1776 die »unsichtbare Hand« des freien Markt für heilig erklärte.
Eins jedenfalls ist gewiss: Aus einem Kirschkern entsteht kein Apfelbaum, sondern immer nur ein Kirschbaum. Die Verlässlichkeit und Stetigkeit der Abläufe ist für den mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin ein Beweis für die teleologische, also zielgerichtete Struktur der Natur. Der Scholastiker, geboren 1225, in dem Jahr, als der Sonnengesang gedichtet wurde, sieht darin das Wirken einer zweckvollen »Leitung«. »Also«, folgert er, »muß es notwendig ein Wesen geben, durch dessen Vorsehung (providentia) die Welt geleitet wird (mundus gubernetur)«. Auf das Wort governa stießen wir schon im Sonnengesang. Bei Thomas wird gubernatio (Lenkung, Leitung, Regierung) zu einem Schlüsselbegriff. Gott lenkt das Einzelne und das Ganze zur Verwirklichung aller Möglichkeiten, die darin angelegt sind. »Der Aufbau der Wirklichkeit«, kommentiert der Theologe Udo Krolzik, »ist also in dem Streben der Naturdinge begründet, das zu sein, was sie von Natur aus sind.« Conservatio ist kein Stillstand, kein statisches Bewahren. Werden und Entwicklung sind eingeschlossen. Die gubernatio verleiht diesem Prozess eine zielgerichtete Dynamik.
Im Luthertum erlebte die Providentia-Lehre eine letzte Blüte. Da »im Himmel und auff Erden«, predigte Martin Luther 1537, »alles so wunderbarlich, ordentlich und gewis« geregelt sei, müsse »ein einig, ewig Göttlich wesen sein, welches alle ding erschaffen, erhelt und regieret.« Luther glaubte an die Ubiquität, die Allgegenwart des Göttlichen. Allerdings habe sich die göttliche Präsenz in »alle Creaturen verkrochen und versteckt«. Diese Anschauung wurde zu einem starken Antrieb für die naturwissenschaftliche Forschung. Noch Linné, Spross einer Dynastie lutherischer Landpfarrer, suchte in der Natur den Fußabdruck Gottes. Luthers Gott ist nämlich »verborgen«. Seine Vorsehung ist ein Akt der Gnade. Sein Zorn ist deren unberechenbare Komponente.
Befiehl du deine wege / und was dein hertze kränkt / der allertreusten pflege / Deß, der den himmel lenckt: / Der wolken, lufft und winden / gibt wege, lauf und bahn, / Der wird auch wege finden / Da dein fuß gehen kann.
So erscheint Bruder Wind 1653 im Lied eines Berliner Predigers. Der berühmte Choral Paul Gerhardts, von Johann Sebastian Bach einige Jahrzehnte später in die Matthäus-Passion eingearbeitet, enthält in Kurzfassung die lutherische Lehre von der Vorsehung. »He’s got the whole world in his hand« – das Spiritual der protestantischen Schwarzen im amerikanischen Süden verkündet noch dieselbe Botschaft.
Conservatio est actio DEI externa, qua ex mera bonitate omnia, quae sunt, sustentat. Die Conservatio ist die nach außen gerichtete Tat Gottes, die aus reiner Güte alles, was da ist, erhält … Die Vokabeln conservatio und sustentare – Anklang an den Sonnengesang, Vorgriff auf den Nachhaltigkeitsdiskurs des 20. Jahrhunderts – finden sich in einem theologischen Traktat aus dem Jahre 1682. Sein Verfasser, Abraham Calov, galt als »Mathematiker der Religion« und Gralshüter der lutherischen Orthodoxie an der Universität zu Wittenberg. Seine Autorität reichte weit. Bis hinauf zu den Universitäten von Uppsala und Dorpat. Calov war »spiritus rector« des frommen Paul Gerhardt, Zeitgenosse der freien Geister Kepler und Descartes. Am Vorabend der Aufklärung erscheint die christliche Providentia-Lehre als hoch entwickeltes System. Ihr begriffliches Gerüst wird mit allen Stützpfeilern, Verstrebungen und Stellschrauben noch einmal in voller Größe sichtbar.
Der Oberbegriff »providentia« benennt die Handlung und die Fähigkeit, in die Zukunft hinein zu denken. Die Voraussicht führt zu einem Vorherwissen der Dinge. Das Vorausgesehene, das dem Gewollten entspricht, bedarf der Sorge, dass es auch eintritt, also der Vorsorge. Diese bedingt wiederum ein dem angestrebten Ziel angemessenes Handeln (actio) in jedem gegebenen Moment. Die Struktur des providentiellen Handelns ist hochkomplex. Sie hat drei tragende Elemente. Grundlegend ist die conservatio (synonym: sustentatio, das franziskanische sustentamento). Hier geht es um die Erhaltung, die Bewahrung aller Dinge in ihrem durch die Schöpfung festgelegten Existenzvollzug. Sie ist Fortsetzung der Schöpfung und verhindert den Rückfall ins Nichts – annihilatio –, die Vernichtung.
Die gubernatio meint die Leitung und Lenkung aller Abläufe, die Regierung über die Dinge. Ein Bestandteil ist die cura, die Sorge und Fürsorge, auch der pflegliche Umgang mit der Schöpfung. Zeichen der göttlichen gubernatio sind die gesetzmäßigen Erscheinungen in der Natur: Die Gleichmäßigkeit der kosmischen Bewegungen, die regelmäßige Abfolge der Jahreszeiten, der Wasserkreislauf, die Generationenfolge in den Naturreichen.
Drittes Element von Providentia ist der concursus, das Zusammenkommen oder Zusammenspiel der verschiedenen Wirkursachen. Hier geht es um die Beziehung zwischen göttlichem Wirken (actio externa), dem Wirken der Naturkräfte und dem freien menschlichen Handeln. Das göttliche Wirken ist prima causa, erste Ursache. Naturkräfte und menschliche Mitarbeit (cooperatio) sind secundae causae, zweitrangige Ursachen, aber durchaus mit Spielräumen, eigenen Wirkungen und Nebenwirkungen. Schließlich behandelt die Lehre vom concursus auch noch die kitzlige Frage, wie das Böse beim Gang der Dinge mitwirkt. Die göttliche gubernatio wechselt zwischen den Optionen: Zulassung (permissio), Hinderung (impeditio), Ausrichtung auf göttliche Ziele (directio) und Begrenzung (terminatio) des Bösen.
Mehr als 1500 Jahre hatte dieses kunstvolle Gedankengebäude Bestand. Dann geriet die Zeit aus den Fugen, und der Bau kollabierte. Eckdaten des Zusammenbruchs waren das Jahr 1666, als Newton im Obstgarten seines Elternhauses beobachtete, wie ein Apfel zu Boden fiel, und das Jahr 1755, als ein Erdbeben Lissabon zerstörte und Zehntausende in den Tod riss – Fromme und Ketzer, Säuglinge und Greise ohne jeden Unterschied. Die neue Physik mit ihrer Erkenntnis, dass die Schwerkraft den Gang und Fortgang im Universum lenkt und im Lot hält, war das eine. Das andere war die schlichte Frage: »Unde malum?« Woher kommt das Böse? Beides zusammen brachte den Glauben an die göttliche Vorsehung zum Einsturz. Selbst die Theologie verabschiedete sich davon.
Wer an die Providentia glaubt, braucht keinen Nachhaltigkeitsbegriff. Denn die Zukunft liegt in Gottes Hand. Wo aber dieser Glaube ins Wanken gerät, tut sich ein Abgrund auf. »Es rettet uns kein höh’res Wesen«. Was tritt an diese Stelle? Sind Gott und die Natur identisch? Ist die Evolution eine Art »Vorsehung der Natur«? Kann der Mensch die »gubernatio«, die Lenkung der Natur übernehmen? Findet die menschliche Ratio in den Naturgesetzen den Schlüssel zur Herrschaft über die Erde? Wenn die »prima causa« (Gott) ausfällt, wie agieren dann die »secundae causae«? Wie gestaltet sich die »cooperatio« zwischen Mensch und Natur? Im Einklang miteinander? Oder wird der Mensch zum Sachwalter von Voraussicht und Vorsorge? Aber wie? Als familiärer »Hausvater«, der seinen gesamten Haushalt zum Wohle aller, einschließlich der Knechte, der Tiere im Stall und Pflanzen auf dem Feld, treuhänderisch verwaltet und verbessert der nachfolgenden Generation übergibt? Soll ein starker, ein absolutistischer Staat diese Rolle übernehmen? »Etat Providence« sagen die Franzosen noch heute für »Wohlfahrtsstaat«. Oder regelt die »unsichtbare Hand« des Marktes alles? Im großen Schmelztiegel der Frühaufklärung befanden sich alle diese Ideen noch in Gemengelage dicht beisammen. Bis sich die Geister schieden.
Und heute? Das Vokabular der Providentia-Lehre ist urplötzlich zurück – im globalen Diskurs der Nachhaltigkeit. Greifen wir ein paar Stellschrauben des Gerüsts heraus: Der alte Zentralbegriff conservatio blieb im Englischen und Französischen fast bruchlos erhalten. Im Sinne von bewahrender Nutzung wurde er zum Gegenbegriff von Raubbau und Umweltzerstörung. Ein internationales Netzwerk von Naturschützern und Ökologen, die »International Union for Conservation of Nature« (IUCN), setzte 1980 conservation kurzerhand mit sustainable development gleich. Denkfabriken der internationalen Politik diskutieren vehement über global governance oder earth system governance, die alte Idee der gubernatio – Lenkung – in neuem Gewand. Kongresse in aller Welt befassen sich mit einem »Kapitalismus 3.0«, der eine neue Integration ökologischer und sozialer Wirkkräfte beinhaltet. Das hieß früher concursus. Und was sagt uns: terminatio – Begrenzung des Bösen? Heute streitet man über Grenzwerte für toxische Belastung, über die Begrenzung des CO2-Ausstoßes pro Kopf, und – wieder – über die Grenzen des Wachstums. Nicht zuletzt entwerfen Filme und Bücher immer neue Bilder der annihilatio, der Vernichtung des Planeten. Die existenzielle Angst vor der Apokalypse, die den Glauben an die Vorsehung unterschwellig begleitete, ist nicht gebannt.
Providentia – ein alter Hut? Kein Zweifel, die Säkularisierung der Idee ist unumkehrbar. Statt an »He’s got the whole world in his hands« glauben wir eher der Botschaft »The world in your hands« aus den Werbespots der globalen Kreditkartenunternehmen. Die Frage, ob die Bewahrung der Schöpfung gelingt, ist jedoch keineswegs entschieden. Der Philosoph Jürgen Habermas empfahl kurz nach den Terroranschlägen von 9/11 der säkularen Gesellschaft, sich ein »Gefühl für die Artikulationskraft religiöser Sprachen« zu bewahren. Denn dort ließen sich »Ressourcen der Sinnstiftung« entdecken. Mit dem Gebot, der Mensch solle die Erde bebauen und bewahren (Genesis 2, 15), ist in der Bibel ein Urtext von Nachhaltigkeit formuliert. In der hebräischen Fassung heißt es an dieser Stelle abad (bebauen, bedienen) und schamar (pflegen, behüten, bewahren). Hier sind wir ganz dicht an der Formel sustain und develop – nachhaltige Entwicklung.
Mord an Mutter Erde
Mit blassem Gesicht erschien sie im Zeugenstand. Sie trug ein grünes Gewand. Aus ihren Augen strömten Tränen. Ihr Haupt wies Verletzungen auf, das Kleid hing zerrissen herab, und man konnte sehen, wie ihr Leib vielfach durchbohrt war … voller Wunden und blutbespritzt … Keine Spur mehr von Anmut und Schönheit.
Wieder ist die Rede von mater terra. Diesmal geht es jedoch um Vergewaltigung und Mord, diesmal ist sie Opfer. Eine kleine Erzählung, im Latein der Humanisten geschrieben, versetzt den Leser in die Zeit der Renaissance – und in eine Boomzeit des europäischen Frühkapitalismus. Anno 1477, ein halbes Jahrhundert bevor der Konquistador Pizarro an der Küste Perus landete und sich mit 180 Mann auf die Suche nach dem Goldland der Inka machte, stampfte man im silberreichen sächsisch-böhmischen Erzgebirge ein mitteleuropäisches »Eldorado« aus dem Boden. Angeekelt von dem Silberrausch um ihn herum, verfasste ein Pädagoge namens Paulus Niavis (Paul Schneevogel) im nahen Chemnitz eine allegorische Erzählung. Sie berichtet von einer Gerichtsverhandlung. Die Anklage lautet auf Vergewaltigung der Erde. Das 1492 erschienene Büchlein trug den Titel »Iudicium Iovis – das Gericht Jupiters, gehalten im Tal der Schönheit …«
Im Dresdner Museum für Mineralogie und Geologie sind noch Wahrzeichen aus der Zeit, von der Paulus Niavis erzählt, zu sehen: zwei zerklüftete Brocken, die matt silbern glänzend in der Vitrine liegen. Der eine ist faustgroß. 600 Gramm gediegenes Silber. Der andere wiegt an die sieben Kilo und besteht hauptsächlich aus Silberglanz. Die beiden Erzstufen stammen aus der Zeit des großen »Berggeschreys«, des spektakulären Silberfunds des Jahres 1477 im westlichen Erzgebirge. Der Überlieferung nach sind sie Bruchstücke von dem sagenhaften Tisch aus massivem Silber, an dem Herzog Albrecht mit seiner Gefolgschaft »in der erden schoß«, in einem Stollen der Schneeberger Fundgrube St. Georg gespeist haben soll. Vielleicht sind es aber auch nur Geschenke der erzgebirgischen Montanunternehmer an den Landesherrn bei dessen Rückkehr von einer Pilgerfahrt ins Heilige Land. Der plötzliche Reichtum hatte seine Schattenseiten. Der Silberrausch lockte Tausende von Bergknappen »auf den Schneeberg«. Fieberhaft treiben sie Schächte und Stollen in die Flanken der Berge, roden Wälder, leiten Bachläufe um und vergiften sie mit den blei- und arsenhaltigen Abwässern der Bergwerke. Rauchschwaden aus zahllosen Holzkohlenmeilern und Schmelzhütten verpesten die Luft. Der kurze Silberrausch hinterlässt tiefe Narben im Antlitz der Landschaft.
*
Im Frühsommer 2009 machte ich eine Wanderung zu den Erinnerungsorten. Von der Anhöhe im Süden der Stadt hat man einen wunderbaren Panoramablick auf Schneeberg: Die barocke Stadtanlage liegt auf einer Erhebung in einer weiten Talsenke der nördlichen Erzgebirgsausläufer. Dort wo der Turm der spätgotischen Hallenkirche aufragt, wurden 1477 die ersten Stollen und Schächte in den Berg getrieben. Heute ist man stolz auf diese Geschichte. Ein Bergbaulehrpfad verbindet die Relikte: kunstvoll gemauerte Schächte, liebevoll renovierte Huthäuser, ein Pochwerk für die Erzaufbereitung, ein Teich, der das Aufschlagwasser für die Gruben staute.
Meine Route führte in den nächsten Tagen an der Mulde entlang zum Erzgebirgskamm, dann von Johanngeorgenstadt weiter auf tschechischer Seite über das Hochplateau nach Jáchymov, dem alten St. Joachimsthal. Drei Wandertage in einer großartigen Mittelgebirgslandschaft: stiller Hochwald, Aussichtsberge, Forellenbäche, Moore, bizarre Felsen. Am nackten Gestein der Berghänge tritt hier und da die Kontaktzone zwischen dem Granit und dem anstehenden Grauwacke-Gestein zutage. Dort bildeten sich im Schoß der Erde die Gänge von Silber und anderen Metallen. Im Gelände stößt man immer wieder auf Spuren des alten Bergbaus: das lautlos fließende Wasser eines Floßgrabens, ein zugemauertes Stollenmundloch, trichterförmige Vertiefungen im Waldboden oder kegelförmige Erhebungen im Gelände – Relikte von eingestürzten Grubenbauen, Abraumhalden und alten Schachtanlagen. Manches davon geht auf jene Boomjahre um 1500 zurück. Alles ist überwachsen, von üppiger Vegetation bedeckt.
Kurz vor Jáchymov überquert mein Weg die 1000 Meter hohe Basaltkuppe des Plešivec (Plessberg). Von dort oben schweift der Blick den ganzen Kamm des Gebirges entlang bis zur Doppelspitze von Fichtelberg und Keilberg, hinab in die engen Waldtäler von Jáchymov und Hroznětín (Lichtenstadt) und nach Süden in die Ebene des Eger-Grabens. Irgendwo hier am Fuß des Plessbergs hat Paulus Niavis 1492 »das Tal der Schönheit« verortet, den Schauplatz des Gerichtsverfahrens, von dem er erzählt.
*
Die Handlung: Ein Eremit aus Lichtenstadt gerät in der Nähe seiner Klause in eine Gerichtsverhandlung der antiken Götter. Unter Vorsitz von Jupiter halten sie ein Tribunal über »homo montanus«, den Bergmann. Die Anklage: Schändung der Mutter Erde durch Eindringen in ihre Eingeweide, die Gebärmutter – die Matrix. Die Erde, so ihre Anwälte Merkur und Minerva, trägt Jahr für Jahr Früchte, mit denen sie alle Lebewesen ernährt und erhält (alit atque sustentat) … »Aber mit dieser Güte nicht einverstanden, dringt der Mensch in die Eingeweide seiner Mutter ein, durchwühlt ihren Leib, verletzt und beschädigt alle inneren Teile. So zerfleischt er schließlich den ganzen Körper und lähmt dessen Kräfte völlig.« Kann sich die Erde, fragt der Ankläger, angesichts dieser »Raserei der Menschen« auf Dauer behaupten und ihren Platz stets weiter einnehmen? Direkt an den Angeklagten gewandt, ruft Merkur: Du Mörder! Schau sie dir an! Die, die dich nicht nur nährt und am Leben erhält (nutrit et in vita conservat), sondern dich auch nach deinem Tod in ihren Schoß aufnimmt, aus dem du gekommen bist … In dir ist keine Spur von Liebe zu der, die dich gebar?
»Homo montanus«, der Beschuldigte, zeigt keinerlei Unrechtsbewusstsein. Er argumentiert kühl ökonomisch. Die Güter seien ungleich unter den Regionen der Welt verteilt. Um sie auszutauschen, bräuchte man Geld, also Silber. Dieses Metall, das die Götter den Menschen gegeben hätten, habe die Erde in ihrem Schoß aufgespeichert und damit dem Menschen willkürlich entzogen. Sein gewaltsames Eindringen sei also gerechtfertigt. Nicht alles, was über die »tägliche Notdurft« hinausgehe, sei verwerflicher Luxus. Mit dem Silber könne man auch den Armen helfen und die Ordnung erhalten. Ohne bergmännische Arbeit könne es »keinen Staat und geselliges Zusammenleben« geben. Der Verkehr unter den Menschen würde aufhören. »Wie Tiere würden wir wieder in den Wäldern hausen«. Den Zustand seines Opfers nimmt Montanus nicht wahr. Den Vorwurf, die eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören, übergeht er.
In der Erzählung aus dem Erzgebirge erscheint – wie im »Sonnengesang« zwei Jahrhunderte zuvor – die Natur als lebensspendende Mutter Erde. Doch sie muss nun gegen den Eingriff des Menschen verteidigt werden. Denn mit seiner – modern ausgedrückt – »Schockstrategie« vernichtet er seine eigenen Lebensgrundlagen. Auch in diesem Text aus der frühen Neuzeit taucht eingekapselt in Schlüsselwörter der Providentia-Lehre das Vokabular der Nachhaltigkeit auf: sustentare und conservare. Geschickt übernimmt der Angeklagte diese Rhetorik in seine eigene Verteidigung: Den Anspruch, diesen Erdball zu bebauen und zu bewahren (colere tuerique) und damit das göttliche Gebot zu erfüllen, reklamiert er kurzerhand für sich selbst.
Damit kommt er durch. Es sei die »Bestimmung der Menschen«, so die Urteilsbegründung der Götter, »dass sie die Berge durchwühlen.« Aber das Urteil enthält eine ernste Warnung: mater terra werde früher oder später zur Selbsthilfe greifen. Die Leiber der Eindringlinge würden verschlungen, durch böse Wetter erstickt, durch vielerlei Gefahren bedroht. Mit dieser düsteren Vorausschau endet die Erzählung von 1492, dem Jahr, als Kolumbus in der Neuen Welt landet. Die Vergewaltigung von mater terra erreicht eine neue Stufe.
*
Eine verblüffende Entdeckung: Die präkolumbianische Kultur der Anden hat ein Gegenstück zu der kleinen Geschichte aus dem Erzgebirge. Eduardo Galeano, der Chronist Südamerikas, dokumentiert sie in seinem Epos »Erinnerung an das Feuer«. Die Episode spielt am »Cerro Rico«, dem »reichen Berg« von Potosí im heutigen Bolivien: »Als vor der Eroberung, zu Zeiten des Inka Huaina Capac, einmal ein Pickel in die Silberadern des Berges drang, erscholl gräßliches Getöse und erschütterte die Welt. Damals sprach der Berg zu den Indianern: Dieser Reichtum soll anderen gehören.« Die unerhört reichen Silbervorkommen dieses Berges wurden von den Inkas nie angetastet. Das Bild von mater terra hatte eine Entsprechung in ihrer Kultur: Pachamama ist die Erdgöttin, die gemeinsam mit Tuta Inti, dem Sonnengott, die Welt regiert, allen Kreaturen das Leben schenkt und sie nährt. Erst die Konquistadoren begannen mit der Ausbeutung der Minen von Potosí. Europa wurde von den Silberbarren überschwemmt. Der erzgebirgische Bergbau geriet in eine lang andauernde Krise. Die Abhänge des »Cerro Rico« aber, schreibt Galeano, färbten sich binnen kurzer Zeit rot von Menschenblut. Die Zahl der Opfer gnadenloser Ausbeutung ging in die Millionen.
Im Herbst 2009 hatte der bolivianische Präsident Evo Morales einen Auftritt vor der UN-Vollversammlung in New York. Er sprach über Pachamama – Mutter Erde. »Für die indigene Bewegung, sagte er, ist die Harmonie mit Mutter Erde etwas Heiliges. Mutter Erde schenkt uns das Leben … Wenn wir über das Wohlergehen unseres Volkes reden, dafür arbeiten und kämpfen, dann müssen wir zuerst das Wohlergehen von Mutter Erde garantieren.« Rückkehr zu den eigenen kulturellen Wurzeln? Oder das Manöver eines Populisten? Wenn es um die Exploration der Erdölvorkommen geht, agiert das staatliche Konsortium »Petro Andina« auf indianischem Territorium so rücksichtslos wie seine Vorgänger.
*
Auch unsere Erzählung aus dem Erzgebirge fand eine Fortsetzung, die in die Gegenwart hineinreicht. Die Landschaft ist mit kaum vernarbten Wunden übersät. Die Wanderung über den Gebirgskamm führt vorbei an eingezäunten, mit schütterem Baumgrün bewachsenen, spitzkegeligen Halden und Hügeln aus rötlichem Abraumgeröll. Im Besucherbergwerk von Johanngeorgenstadt holt der Museumsführer einen schwärzlich glänzenden Stein aus der Vitrine und bringt einen Geigerzähler zum Ticken: Uranerz. Bis zum Zusammenbruch des Ostblocks gehörte die Region am Erzgebirgskamm zu den größten Uranproduzenten der Erde.
Die Geschichte dieses unheimlichen Elements ist von Anfang an mit dem Erzgebirge verknüpft: An den Erzstufen aus dem »Berggeschrey« von 1477 fand man mit modernen Untersuchungsmethoden Spuren von Uran. Aus Proben von Pechblende, die er aus Johanngeorgenstadt und St. Joachimsthal bezogen hatte, isolierte der Berliner Chemiker Martin Klaproth 1792 ein bis dahin unbekanntes Element und nannte es: Uran. Gut 100 Jahre später wies die polnische Forscherin Marie Curie an Material aus Jáchymov eine Strahlung nach, die sie als Radioaktivität bezeichnete. Mit Uran aus Johanngeorgenstadt wurde 1949 die erste sowjetische Atombombe gezündet. In den ersten Jahren des Kalten Krieges errichtete der sowjetische Geheimdienst in den Tälern und auf den Höhen des Erzgebirges eine hermetisch abgeriegelte Sperrzone zur Ausbeutung der Uranvorkommen. Der »nukleare Winter« – Horrorvision der frühen 1980er Jahre – wäre nicht zuletzt mit radioaktivem Material aus dem Erzgebirge in Gang gesetzt worden. Zum Glück ist es nicht so weit gekommen. Sonst hätte sich das düstere Menetekel von Minerva und Merkur, den Anwälten von mater terra, in letzter Instanz erfüllt.
*
Ironie der Geschichte: Der aus dem erzgebirgischen Feinsilber der ersten Boomzeit geprägte »Joachimsthaler Guldengroschen« gab dem mitteleuropäischen »Taler« seinen Namen. Nach diesem Geldstück wiederum wurde 1776 der US-Dollar, die spätere Leitwährung der Globalisierung, benannt. In dem wuchtigen Renaissance-Bau der Münze von Jáchymov ist heute ein Museum untergebracht. Am Eingang steht eine Stanze. Mit einem kräftigen Hammerschlag kann sich der Besucher selbst einen Joachims-Thaler prägen. Der ist allerdings aus Blech.
FÜNF
EIN EUROPÄISCHER TRAUM
Wir leben in unruhigen Zeiten. Viel von der Welt liegt im Dunkeln, sodass zahlreiche Menschen keine klare Orientierung haben. Der Europäische Traum ist ein Silberstreif am Horizont einer geplagten Welt. Er lockt uns in eine neue Zeit der Inklusivität, Diversität, Lebensqualität, spielerischen Erfahrung, Nachhaltigkeit, der universellen Menschenrechte und der Rechte der Natur und des Friedens auf Erden. Wir Amerikaner haben immer gesagt, für den Amerikanischen Traum lohne es sich zu sterben. Für den neuen Europäischen Traum lohnt es sich zu leben.
Mit diesen Sätzen endet das 2004 erschienene Buch des US-Soziologen Jeremy Rifkin über den »Europäischen Traum«. Seine Botschaft – tröstlich und herausfordernd zugleich – wirft für einen Europäer ein paar Fragen auf: Gibt es ihn wirklich – den Europäischen Traum? Wenn ja, wie hebt er sich vom »American Dream« ab? Möglicherweise durch das Leitmotiv Nachhaltigkeit? Eine Archäologie, die dem nachgeht, muss tief graben. Im alten Europa beginnt die Umwälzung der Weltbilder mit der buchstäblich »revolutionären« Einsicht, dass die Erde sich dreht.
Astronautenperspektive 1440–1634
Von außen erscheine die Erde als lucida stella – leuchtender Stern. Als animal – also lebendiges Wesen. Ihre Gestalt ist edel und kugelförmig. Sie ist einzigartiger Wohnsitz – habitatio, die heutigen Ökologen sagen: Habitat – von Mensch, Tier und Pflanze. Davon ist schon Nikolaus von Kues (Cusanus) überzeugt. Der Theologe und Naturphilosoph von der Mosel beschreibt 1440 gelassen seine kosmische Vision: Das Universum ist potenziell unendlich. Es hat weder eine Grenze noch einen festen Körper als Mittelpunkt. Auch wenn möglicherweise andere Sterne ebenfalls bewohnt sind, so scheint es doch im Rahmen der Geistnatur keine edlere und vollkommenere Ausprägung zu geben als die Geistnatur, die hier auf der Erde und in ihrer Region zu Hause ist. Hier ist schon der Blick von außen, die Astronautenperspektive, imaginiert. Ein halbes Jahrtausend vor den ersten Weltraumflügen. Der Befund ist derselbe: Die Erde ist der schönste Stern am Firmament.
Die neuen faszinierenden Weltbilder, die Nikolaus von Kues und seine Zeitgenossen entwarfen, lösten freilich eine existenzielle Beunruhigung aus: Wenn die Erde nicht im Mittelpunkt des Kosmos ruht, sondern als Staubkorn am Rande des Alls schwebt, ist dann nicht das Universum viel zu groß, zu alt, zu vielgestaltig, als dass es um des Menschen willen da sein könne? Was ist, wenn der Mensch die göttliche Gnade verloren hat? Wenn die göttliche Vorsehung nicht mehr wirkt, wie kann sich der Mensch dann in diesem unermesslichen, übermächtigen, gleichgültigen Kosmos behaupten? Und: Gibt es eine Entwicklung?
Entwicklung ist bei Nikolaus von Kues zunächst ein Terminus der Geometrie: Linea est puncti evolutio. Die Linie ist die Entwicklung – wörtlich: Ausrollung – des Punktes. Synonym mit evolutio gebraucht Cusanus das Wort explicatio, eine Ableitung von plicare – falten. Entwicklung ist in jener Epoche die Entfaltung der den Dingen innewohnenden Anlagen. Nicht mehr, nicht weniger. Ihr Sinnbild ist das Samenkorn, aus dem die junge Pflanze heranwächst. Entfaltung ist etwas höchst Sinnliches. Die Künstler der Renaissance blickten fasziniert auf den Faltenwurf der den Körper verhüllenden Kleidung. Seine Formen darzustellen, so plastisch wie die geologischen Faltungen des Hochgebirges und so locker wie die luftigen Strukturen einer Wolke am Himmel, galt als Übung wahrer Meisterschaft. Eine Rückbesinnung auf solche subtilen Bilder und Sprachvorstellungen ist heute ein lohnendes Unterfangen. Sie hilft uns, mit der Wortverbindung »nachhaltige Entwicklung« angemessen umzugehen.
*
Auch Johannes Kepler hatte einen Traum. 200 Jahre nach Nikolaus von Kues, am Ausgang der Renaissance, erzählt der Astronom, der das Buch des Cusanus an der Universität Tübingen studiert hatte, von einer imaginierten Reise zum Mond. Sein »Somnium« (Traum) erscheint 1634, als den Autor schon »ein tieferer, nämlich der Todesschlaf, befallen hatte«. Kepler, auf dessen Berechnungen der Planetenbahnen noch die Mondflüge der NASA basierten, kleidet seine Beschreibung des heliozentrischen Weltbildes in eine Traumerzählung, in der sich Fantasy mit damals revolutionärer naturwissenschaftlicher Erkenntnis verbindet.
Ihr Inhalt: Nach langen Studienjahren bei dem dänischen Astronomen Tycho Brahe ist er in seine Heimat, und das ist im Traum Island, zurückgekehrt. Als er seiner Mutter, einer Kräuterfrau, die ihn einst verstoßen hatte, von der Arbeit in Brahes Stern warte berichtet, erwähnt sie ihren vertrauten Umgang mit »weisen Geistern«, die sich in das kalte und finstere Island zu rückgezogen hätten und von dort aus weite Reisen, sogar zum Mond, unternähmen. Neugierig geworden, bittet der Sohn seine Mutter, ihn einzuweihen. In einer Frühlingsnacht nimmt sie ihn mit zu einem Kreuzweg, an dem sie mit einem Zeremoniell den Geist beschwört. Kaum haben beide ihre Köpfe verhüllt, beginnt eine heisere, übernatürliche Stimme zu flüstern. In isländischer Sprache erzählt sie von einer Fahrt zu der im Äther liegenden Insel Levania – dem Mond.
Gut 350 Jahre vor dem Beginn der Raumfahrt analysiert Kepler nun präzise deren kniffligste Probleme: die gewaltige Schubkraft beim Start des Raumschiffs, den Übergang zur Schwerelosigkeit, die Kälte des Alls, den Aufprall auf den Mond. Für eine solche Reise seien keine »wohlbeleibten Wollüstlinge« geeignet, keine deutschen Männer, eher Spanier mit »dürren Leibern« oder »ausgemergelte alte Weiber, die sich von jeher darauf verstanden, nächtlicherweise auf Böcken, Gabeln und schäbigen Mänteln reitend, unendliche Räume auf der Erde zu durcheilen«. Es folgt eine Beschreibung der Mondoberfläche und der unterschiedlichen klimatischen Bedingungen, die dort herrschen. Dann aber wendet Kepler seinen Blick zurück. Das »weitaus großartigste Schauspiel« für die Mondbewohner ist nämlich der Anblick der »Volva«, der Erde. »Obgleich sie sich nicht von der Stelle zu bewegen scheint, so dreht sie sich … doch an ihrem Platz um sich selbst und zeigt der Reihe nach einen wunderbaren Wechsel von Flecken, und zwar so, dass sie von Osten nach Westen gleichmäßig vorüberziehen.« Auf der sich langsam um die eigene Achse drehende Erdkugel unterscheidet man vom Mond aus deutlich die hellere Hälfte, nämlich die Meere, und die dunklere, mit Flecken bedeckte, die Kontinente. Die Landmassen Afrikas erscheinen auf dem rotierenden Planeten wie das Bild eines menschlichen Kopfes. Europa, »ein Mädchen in langem Gewande«, neigt sich diesem Kopf »wie zum Kusse« hin, wobei es gleichzeitig mit lang ausgestrecktem Arm »eine heranspringende Katze«, nämlich England, anlockt.
Löst man nun den Blick von der Erde und blickt ins All hinein, sieht man hinter der Erde die Gestirne wandern und nimmt ihr komplexes Bewegungssystem wahr. Gemeinsam mit der Erde befinden sie sich in der Unendlichkeit des Alls auf geometrisch darstellbaren und mathematisch berechenbaren Umlaufbahnen um die Sonne.
Der Ich-Erzähler in Keplers »Traum« ist, wie der Autor selbst, ein aufgeklärter Mensch des 17. Jahrhunderts. Tycho Brahe, der dänische Astronom, war sein Mentor in Prag. Keplers Mutter war im württembergischen Weil der Stadt als Hexe verfolgt worden. Nur seine energische Intervention hatte sie vor dem Scheiterhaufen bewahrt. Ein Jahr nach ihrer Entlassung aus dem Kerker starb sie an den Folgen der Folter. Die didaktische Absicht der Traumerzählung: Dem Leser durch den Wechsel von Perspektive und Bezugssystem das neue heliozentrische Weltbild begreiflich zu machen. Kepler sieht sich als »Priester Gottes am Buch der Natur«. Indem er die Gesetze der Planetenbewegung im Sonnensystem erforscht, hofft er, die Ordnung und die Regeln der himmlischen Harmonie zu entdecken. Noch wirkt der Glaube an die Providentia. Aber er ist in die Krise geraten. »Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume macht mich schaudern«, schreibt Keplers Zeitgenosse, der französische Mathematiker Blaise Pascal. Die Erschütterung oszilliert zwischen Faszination und Verstörung, Demut und Hochmut.
Бесплатный фрагмент закончился.
