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Uli Hannemann

OH NEE, BOOMER!

Wenn früher plötzlich alles besser wird


Uli Hannemann

(geb. 1965 in Braunschweig) »lebt« und »arbeitet« als »freier« »Autor« in Berlin und ist dort Mitglied der wöchentlichen Lesebühne »LSD – Liebe statt Drogen«.

2005 erschien sein erstes Buch »Hähnchen leider« bei Satyr, was zugleich die allererste Veröffentlichung des Satyr Verlags war. Die Geschichtenbände bei Ullstein, allen voran »Neulich in Neukölln«, wurden Bestseller. Seine jüngsten Buchveröffentlichungen sind die Sagenparodie »Die megascharfe Maus von Milo: 24 neue Arbeiten des Herakles« (Berlin Verlag; 2016), die Textsammlung »Wunschnachbar Traumfrau« (Voland & Quist; 2017) sowie die Fußballfibel »Eintracht Braunschweig« (CULTURCON; 2018).

Daneben schreibt Hannemann Glossen, Kolumnen und Polemiken vor allem für die taz. Auf seiner Website veröffentlicht er zudem den Blog »Blök«, und »Die besten Texte der Welt« sind von ihm jeden Sonntag auf dem Münchner Radiosender egoFM zu hören.

E-Book-Ausgabe Oktober 2020

© Satyr Verlag Volker Surmann, Berlin 2020

www.satyr-verlag.de

Cover: Jussi Jääskeläinen | www.kobaia-design.com

Korrektorat: Jan Freunscht

Autorenfoto: Ulla Ziemann

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über: http://dnb.d-nb.de

Die Marke »Satyr Verlag« ist eingetragen auf den Verlagsgründer Peter Maassen.

E-Book-ISBN: 978-3-947106-65-3

Inhalt

Wie anfangen?

Böse Menschen kennen viele Lieder

Ein Buch mit leeren Seiten

Der Mann in der Andropause: Midlife-Crisis? What Midlife-Crisis?

Forever young

Der Spieler

Saufen für Luchsbabys

Der Mann in der Andropause: Der dritte Frühling

Eulen nach Athen

Knastgespräche

Diesseits jeder Hoffnung

Der Mann in der Andropause: Junge Menschen

Lernkasse

Schwamm drüber

Perlen vor die Säue

Der Mann in der Andropause: Eine Null

Shavasana

Eine Mauer des Schweigens

Neu in Berlin

Der Mann in der Andropause: Weinen ist gesund

Sommer vor der Stadt

Fast erster April

Lebensraum im zweiten Stock

Der Mann in der Andropause: Murphy’s Gesetz

Die große Demo

Drei Quadratmeter Deutschland

Muttertag

Der Mann in der Andropause: Die wilde Wut

Blechkuchen

Operation Erwachsenenkreditkarte

Mein Albtraum

Der Mann in der Andropause: Kinder

Heraus zum achten Mai

Kunstpatienten

Die Sorgen der Arschlöcher

Der Mann in der Andropause: Die Menomädels

Filmstadt Berlin

Der lange Heimweg

Soko »Klauschwein«

Der Mann in der Andropause: Neue Skills

Gedanken zum Frauentag

Stiller Exzess

Immer auf die Kleinen

Der Mann in der Andropause: Angst

Sparschwein mit Brille

Tötet sie alle!

Der Mann in der Andropause: Sex sells, Corona buys

Zivilcourage

Das Büro

Der Mann in der Andropause: Androurlaub

Vitamin Weh

Klopapier

Das Grauen schlechthin

Der Mann in der Andropause: Starrsinn

Schönheit muss leiden

Es ist noch nicht zu spät

Der Mann in der Andropause: Androarbeit

Erleuchtung im Alltag

Kein Auge trocken

Nur Mut

Der Mann in der Andropause: Krank

Wie anfangen?

Wie anfangen?

Ich versuche es mal so:

Der Begriff »Boomer« macht schon seit geraumer Zeit besonders unter Jüngeren die Runde. Er ist die Sau, die noch zum x-ten Mal durchs Dorf getrieben wird, obwohl ihr längst die Zunge raushängt. Die ursprünglich wertfreie Bezeichnung für die Alterskohorte der hierzulande in den geburtenstarken Jahrgängen zwischen 1955 und 1969 Geborenen (»Baby-Boomer«) ist dabei mehr und mehr zu einem Synonym für »altes Arschloch« geworden.

Außer für die originären Arschlöcher ist die Beschäftigung mit dem potenziellen Arschloch in uns allen für jeden eine wichtige Erfahrung. So oft habe ich mich wie eines benommen, ohne wirklich eins zu sein. Dieser Widerspruch ist nicht gesund. Er verursacht existenzielle Zweifel und seelische Altlasten. Irgendetwas fühlt sich immer falsch an, doch ausschließlich nach den Regeln der Vernunft zu leben, wäre erst recht eine deprimierende Vorstellung.

Fast beneide ich Menschen, die sich wie Arschlöcher verhalten und zugleich echte Arschlöcher sind. Denn so leben sie in harmonischem Einklang: Minus mal minus gibt plus. Sie sind scheiße und dennoch oder sogar gerade deshalb mit sich absolut im Reinen. Das ist der lässige Groove des Bösen. Sie können Drogenboss, Chef der Bild-Zeitung oder Söldner sein – alles fühlt sich für sie richtig an. Die Welt gehört ihnen und mit ihr alle anderen Menschen und Tiere. Sie können damit machen, was sie wollen, und es ist in Ordnung, nur weil sie sind, wer sie sind. Und meistens sind es Männer und hier wiederum oft Boomer.

Ein Boomer zu sein, kehrt die Beweislast somit automatisch um. Das gilt auch für mich selbst. Denn ich benehme mich nun vielleicht nicht mehr so oft wie ein Arschloch, doch dafür bin ich jetzt per se eines – einfach nur, weil ich ein Boomer bin. Betrete ich irgendwo den Raum, ob analog oder virtuell, ist es für die Anwesenden, als schöbe sich ein klobiger Schatten vor die Sonne. Ehe ich den Mund öffne, wissen schon alle, was ich sagen werde. Ich bin grundsätzlich auf Bewährung unterwegs.

All das würde sich mit der Hypothek meines einschlägigen Verhaltens nun also wunderbar ausgleichen, gäbe es denn ein noch höheres und vor allem gerechteres Wesen als dasjenige, das den eh schon von uns Ausgebeuteten am anderen Ende der Welt obendrein noch die Hütten ins Meer fegt, sodass uns von dem Anblick daheim auf dem Fernsehsofa beinah der Lachsbagel im Hals stecken bleibt.

Aber so ein Wesen gibt es wohl nicht.

Oder vielleicht so?

Der Boomer gilt als unsexy und ungeschmeidig. Als technisch, moralisch, historisch abgehängt. Als an seiner Macht klebend, misogyn und notorisch heterosexuell, wenngleich nur noch in einer Art parodistischem Notbetrieb praktizierend. Der schwule Boomer, die Boomerin sind in der Regel nicht gemeint, obwohl eine altersbedingte Versteifung der nicht nur körperlichen Haltung auch bei ihnen oftmals nicht zu leugnen ist.

Der Prototyp des gemeinten Boomers ist peinlich, aber auch unfreiwillig komisch in seinem Strampeln, so etwas wie Würde und Relevanz zu bewahren. Gern möchte er in sämtlichen Lebensbereichen noch irgendwie mittendrin, ach was, weiterhin wie gewohnt ganz vorne mit dabei sein. Nun versucht man halt, über ihn zu lachen, so wie er Jahrtausende lang über andere gelacht hat. Das funktioniert nicht immer, weil es zumindest rudimentären Humor voraussetzt, und aggressiver Ageismus ist ja an sich noch kein Humor.

Er ist aber auch alt und hässlich! Also nicht alt und hässlich in einer ehrenwerten Dimension, die derart drüber ist, dass sie ihn schon wieder unangreifbar macht, sondern so ein schmerzhaftes Übergangs-alt-und-hässlich – der Apfel, an dem man schon die meisten Stellen rausschneiden muss, bevor man ihn zur Not noch essen kann. Eine Person darauf zu reduzieren, wäre normalerweise politisch unkorrekt, doch nicht in seinem Fall, denn schließlich hat er mit allem angefangen und noch immer den weißen (in diesem Fall der höchste) Gürtel in Diskriminierung inne. Da darf man das. Muss sogar, denn niemand besitzt mehr unsichtbare Privilegien als er.

Die soll er nun endlich fressen. Über die vergangenen zehntausend Jahre hat seinesgleichen alle anderen genervt. Eigentlich gehörten für das nächste Dekamillennium jetzt jene anderen ans Ruder. Frauen und so. Blöd nur, dass es für die Menschen auf diesem Planeten gar keine weiteren zehntausend Jahre mehr geben wird. Selbst dafür hat der Boomer vorgesorgt: Er hat die Umwelt zerstört, das Klima, die Gesellschaft und alles andere im Grunde auch. Er hat buchstäblich verbrannte Erde hinterlassen und die Brücken hinter sich gesprengt. Wie so ein Nazi. Wahrscheinlich ist der Boomer einfach nur ein Nazi. Nach ihm die Sintflut. Die Rechnung wird auf ewig unbeglichen bleiben.

Oder am Ende so:

Dass der heterosexuelle mittelalte weiße Mann ein Arsch ist, wissen wir nun also alle zur Genüge. Doch was treibt dieser Arsch denn überhaupt, wenn er nicht gerade unvorteilhaft altert oder catcalling und mansplaining durch die Wurstbuden zieht? Und schlägt tief unter diesem Berg aus faulendem Fleisch, Niedertracht und Starrsinn vielleicht doch noch irgendwo ein kleines, schwarzes Herz?

Um es kurz zu machen: Nein. Da ist gar nichts. Wo bei anderen das Herz sitzt, schwärt in ihm nur hartes Gestein. Denn zu all dem andern Übel kommt ja auch noch das Manspreading, das betreibt er schließlich obendrein, das macht alles nur noch schlimmer. Breitbeinig und raumgreifend sitzt er auf dem Weg zum Arzt in der U-Bahn. Er fährt nun jeden Tag zum Arzt, weil er glaubt, dass der ihm noch helfen kann. Kann er aber nicht. Gegen Älterwerden gibt es keine Medizin und gegen Verbohrtheit schon mal gar nicht. Das macht den Mann böse und traurig. Umso schlimmer, da heute noch nicht mal mehr das Manspreading funktioniert: Denn neben ihm sitzt ein junger Mann, der stärker ist. Der Ältere drückt und drückt, doch gegen den strammen Spagat des Jüngeren hat er keine Chance. Warum gilt der eigentlich nicht als Arsch?, fragt sich der Ältere wütend und verzweifelt.

Nun, auch diese Antwort ist ganz einfach. Der junge Mann ist jünger und sieht besser aus. Das Auge hasst halt mit. Und weil er jünger ist, denken die anständigen Leute, dass der vielleicht noch irgendwie die Kurve kriegt und später nicht so wird wie der Boomer. Wird er am Ende aber leider meistens doch.

Böse Menschen kennen viele Lieder

Es ist ein Uhr morgens. Von der Grünanlage neben dem Haus dröhnt elektronische Musik zu uns nach oben in den vierten Stock. Na gut, dann machen wir eben das Schlafzimmerfenster zu. Draußen ist es Sommer, drinnen ist es warm – wir bleiben trotzdem cool. Dit is eben unsa Ballin. Da steppt der Bär nach dem achten Bärenpils schon mal ein bisschen lauter, wa.

Halb zwei. Im Zimmer ist es heiß. Trotz geschlossenem Fenster ist es zu laut zum Schlafen. Inzwischen ertönt auch hinten auf der Oberbaumbrücke Musik. Unter den Arkaden dort hallt das ganz wunderbar, da bräuchte man eigentlich keine Verstärker. Mit fetzt allerdings noch mehr. Ich stülpe mir das Kissen wie einen Sturzhelm über den Kopf und stelle mir vor, wie ein Streifenwagen nach dem anderen stumm staunend die öffentlichen Lärmquellen passiert. Ruhestörung ist offenbar kein Offizialdelikt. Ruft niemand bei der Polizei an, unternehmen die auch nichts. Finde ich ja eigentlich gut. Schließlich sind wir gar nicht die Bösen. Also bürgerliche Edelwaldschrate, die, sobald nach 22 Uhr auch nur das zarte Stimmchen einer nachtwandernden Elfe ans empfindliche Ohr dringt, nach dem SEK brüllen. Die Kneipentöter, die Clubkiller, die schwarz-grünen Dorfdeppen vom Helmwitzplatz. Von mir aus können die fröhlichen jungen Leute ja draußen bis, sagen wir, Mitternacht rumlärmen. Selbst danach würde ich nicht einfach die Bullen rufen, wie so ein Spießer, für den die Krachmacher uns dennoch halten. Schlafen kann man ihrer Meinung nach noch lang genug, wenn man entweder tot ist oder so alt wie wir – was für die ja sowieso dasselbe ist. Und wer möchte sich schon von Toten, toten Spießern noch dazu, vorschreiben lassen, wo und zu welcher Nachtstunde er Pauke, Signalhorn oder Stalinorgel aufstellt, um frohgemut zu musizieren. Natürlich rufen wir nicht die Bullen. Da sind Petze, Blockwart, Denunziant gefordert. Aber doch nicht wir. Eine Frage muss trotz alledem gestattet sein: Warum kann es immer nur das eine oder andere Extrem geben?

Zwei Uhr. Am Eingang zur Hochbahn spielt jetzt eine Rockband. Die Gitarre jault, der Bass puckert, das Schlagzeug scheppert. Dazu singt – gemäß meiner aus dem Kontext getroffenen Ferndiagnose – ein Arschloch. Das Arschloch singt laut. Eine hörbar wachsende Menge Schaulustiger jubelt dem Arschloch zu. Das Inferno tobt nun von allen Seiten. Mir wird klar, warum hier keiner die Bullen ruft. Mitten im Tsunami schreit auch niemand nach der Badeaufsicht.

Halb drei. Betrunkene grölen und werfen mit Flaschen, Glas splittert. Tatütata. Vier Live-Acts werben gleichzeitig um die Aufmerksamkeit eines entfesselten Mobs. Lautes Lachen, Hilferufe und lautes Lachen über Hilferufe. Tatütata. Irgendwer göbelt mit dem Sound eines gepfählten Orks in einen Hauseingang, wahrscheinlich unseren. Wir sind allein mit unserer Verzweiflung und unserer Schlaflosigkeit. Das kann man ja alles niemandem erzählen. Da kämen eh bloß die üblichen Totschlagsprüche wie »Na, wer keinen Lärm aushält, darf eben nicht in der Stadt wohnen« oder »Zieh doch nach Brandenburg zu deinen Nazifreunden«. Was man eben so sagt, wenn man jung ist. Und dumm. Und rücksichtslos und gemein, so gemein, brunzdumm und hundsgemein. Bin ich so nassgeschwitzt, oder sind das alles meine Tränen?

Drei Uhr. Wir stehen todmüde auf dem Balkon und blicken ungläubig nach unten auf das brodelnde Meer aus zugedröhnten Menschenfeinden. Irres Lachen mischt sich in unser Weinen, als uns die absurdeste Redensart der Welt einfällt: »Böse Menschen kennen keine Lieder.« Denn in Wahrheit kennt keine Personengruppe auch nur annähernd so viele Lieder wie die bösen Menschen. Kaiser Nero, Horst Wessel, Dieter Bohlen. Die Leute denken ja immer gern, klar, Krieg, Folter, Mieterhöhungen – so in etwa sehen sie aus, die klassischen Kernkompetenzen des bösen Menschen –, aber auf die nächstliegende kommen die meisten mal wieder nicht: Lieder.

Es ist ein unendliches Repertoire; die meisten Texte handeln von Ruhestörung, Rücksichtslosigkeit und dem Wahnsinn lächerlicher Liebesprojektionen. Böse Menschen haben das Lied quasi erfunden. Den Trommelwirbel zur Hinrichtung. Den Takt für die Galeerensklaven. Die Marschmusik. Auf den Schlachtfeldern der Geschichte trommelten eigens aufgestellte Musikkompanien den bewaffneten Kollegen den Rhythmus zum Sterben.

Halb vier. Jemand muss nun doch die Polizei gerufen haben. Eine Wanne hält an der Kreuzung, meine lieben Freunde, die wackeren Beamten – formerly fälschlich known as »Drecksbullen« –, steigen aus. Sie begeben sich zur U-Bahn-Combo, man sieht Taschenlampen leuchten, kurz verstummt die Musik. Dann gehen sie zurück auf die andere Straßenseite, wo mittlerweile die Wanne geparkt steht. Rotzfrech fängt die Band sofort wieder an zu spielen. Na, ich hoffe, die Wachtmeister holen bloß schnell ihre Waffen.

Als sie zurückkehren, bin ich enttäuscht. Soweit ich das vom Balkon aus erkennen kann, läuft da unten nur so ein windelweiches Deeskalationsgelaber. Wäre ich der Einsatzleiter, würde ich den Knüppel aber mal im 1/32-Takt tanzen lassen und anschließend den Brei großzügig mit Pfefferspray nachwürzen. Das machen sie doch schließlich schon bei friedlichen Demos, am helllichten Tag und ohne Musik. Warum ist das ausgerechnet hier zu viel verlangt, wo endlich mal ein guter Grund vorliegt? Ich würde sogar noch weiter gehen. Erst eine Salve über die Köpfe hinweg – die hört man auch gut – als allerletzten Warnschuss. Und wenn dann immer noch nicht Ruhe ist: die Bande einfach niedermähen. Die Köpfe der Rädelsführer abschlagen und überall in der Umgebung oben auf Ampeln und Verkehrsschilder stecken, zur Abschreckung. Die Instrumente verbrennen, das Schlagzeug in winzig kleine Teile schreddern. Und natürlich auf die Reste draufscheißen, auf alles und alle gründlich draufscheißen, gähn, bin ich müde.

Ein Buch mit leeren Seiten

Jedes Mal, wenn Radfahrer auf dem Bürgersteig für meinen Geschmack zu dicht an mir vorbeifahren, bekommen sie von mir verlässlich ein in die Seite gebrummeltes »Arschloch« mit auf den Weg. Es ist wie ein Reflex.

Und so habe ich den bewährten Fluch schon auf den Lippen, als sich eine Frau mit einem sperrigen Lasten-Bike, in dem offenbar ihr ganzer Wurf verstaut ist, zwischen mir und einem Baugerüst hindurchquetschen möchte. Doch stattdessen lasse ich sie, wohl aus einer instinktiven Eingebung heraus, stumm passieren, ja trete sogar noch freiwillig ein Stück beiseite. Erst dann erkenne ich in ihr die Freundin einer Kollegin. Ein kurzer Gruß, ein schlampig aufgesetztes Lächeln und weiter. Sie ahnt nicht, welchem Schimpf sie gerade knapp entgangen ist. Puh.

Umso mehr, da ich in solchen Fällen zu gegenderten Beleidigungen neige. Als eine mir flüchtig bekannte Radiomoderatorin mich mit ihrem Rad mal ohne hinzugucken übel schnitt, entfuhr mir automatisch ein »Och nö, Häschen«. Sie drehte sich kurz um und zwitscherte: »Sorry.« Ich lächelte so säuerlich wie falsch und hegte die begründete Hoffnung, dass sie mich nicht gehört hatte. Andernfalls hätte sie sich ja wohl kaum entschuldigt, weil dann wären wir ja quitt gewesen.

Man kann das Kind ruhig beim Namen nennen: Das ist nicht korrekt. Ich weiß das natürlich. Ich bin kein Heiliger, auch wenn die meisten das von mir denken, das ist mir schon klar. Für sie bin ich immer nur Ikone, silbergraues Sexsymbol, Liebling der Massen. Die enttäusche ich nun natürlich, doch ich will hier wenigstens dieses eine Mal ehrlich sein.

Natürlich niemals das F-Wort. Gegenüber Frauen schon mal prinzipiell nicht, und ohnehin wäre das, am Anlass gemessen, ein gewaltiger Overkill. Aber so ein halb ironisches »Häschen« kann mir schon mal entschlüpfen. Das fände ich normalerweise auch nicht so ganz die feine Art, doch genau deshalb mache ich das ja. Wie Jod brennt es erst, bevor es heilt und nützt. Sie merken sich das auf diese Weise Erlernte besser, und ich kann die alte Sau rauslassen – eine klassische Win-win-Situation.

Vierzigjährigen rufe ich im Wilden Westen des Straßenverkehrs hingegen gerne mal ein »Ach nee, Muttchen« zu, im gespielt gutmütigen Tonfall des in der Routine bitter gewordenen Altenpflegers, denn obwohl oder eben gerade weil auch die mittlerweile fast schon wieder meine Töchter sein könnten, verletzt es in seiner boshaften Anmaßung ganz besonders, und das ist schließlich der Zweck. So beleidigt das tapfere Schneiderlein: Sexismus, Ageismus und ein bisschen Lookismus auf einen Streich – ein eleganter, ein großartiger Kniff, wie ich meine. Besser noch als das F-Wort, denn oft sticht der Degen tiefer als der Säbel. Das nächste Mal fahren die Ziegen bestimmt rücksichtsvoller.

Heute beglückwünsche ich mich allerdings zu der zufälligen Ausnahmeentscheidung, die Frau nicht angeraunzt, sondern ihr in einem unerklärlichen Anflug von Milde im Gegenteil sogar noch Platz gemacht zu haben. Und das, obwohl ich in dem Moment noch nicht mal ihr Gesicht gesehen hatte.

Was für ein Glück! Denn andernfalls hätte sich das doch nur rumgesprochen: »Neulich hat mich so ein Typ am Hermannplatz vollkommen grundlos mit ›blöde Sau‹ beschimpft. Und weißt du, wer das war? Dein komischer Schreibkumpel da, dieser Olli oder so, der hat mich wohl erst nicht erkannt. Und dann aber so rumgenuschelt von wegen ›nicht so gemeint‹ und so. Also ich fand den ja schon immer ganz schön creepy.«

Nein, nicht auszudenken. Einmal mehr stelle ich fest, wie wenig ich möchte, dass die Leute herausbekommen, wie ich wirklich bin. Das ist deswegen merkwürdig, da man mir meistens recht gut anmerkt, wie es in mir aussieht: ob ich verlegen, wütend, ungeduldig, gelangweilt oder aufgeregt bin. Nur wenn ich mich freue, was ohnehin selten geschieht, weiß ich das bestens zu verbergen.

Ansonsten aber bin ich wie ein offenes Buch, wenngleich mit leeren Seiten. Wenn ich es mir recht überlege, bin ich außerdem ein reichlich widerwärtiger Mensch. Doch, Hand aufs Herz, wer ist das eigentlich nicht?

Der Mann in der Andropause: Midlife-Crisis? What Midlife-Crisis?

Wie schön war doch die Midlife-Crisis! Das war ein Spaß, da wurde noch Porzellan zerschlagen, als wäre das eigene Leben ein einziger Polterabend. Vortodesangst vermählte sich mit grundloser Aufbruchsstimmung, das Brautpaar war dumm und fickte gut. Aber immer noch besser Flausen im Kopf als Leere. So wie heute. Denn leider liegt die Midlife-Crisis inzwischen auch schon wieder eine Weile zurück. Nun herrscht die Andropause.

Mach mal Andropause!, schreit der Körper, flüstert der Geist. Ruh dich ein bisschen aus, ein paar Jahrzehnte nur, bevor du stirbst. Fahr den Ehrgeiz runter, stell den Spiegel in den Keller und verschenke allen Kasperkram getrost an Jugendliche. Damit du optimal erholt in den Tod gehst und nicht schon mit einem Burn-out im Jenseits ankommst.

Die Andropause ist als Begriff nicht unumstritten. Denn der Prozess verläuft weitaus unauffälliger als sein weibliches Gegenstück. Während die Wechseljahre der Frau praktisch eins zu eins die Havarie eines Atomkraftwerks (mit der Menopause als Kernschmelze) abbilden, bei der sich fatale Kettenreaktionen unweigerlich in einem Super-GAU entladen, präsentieren sich die Wechseljahre des Mannes eher als Deich, der langsam von Bisamratten untergraben wird. Stetig höhlt der Zahn der Zeit den Mann und seine Männlichkeit. Auf das Phänomen überhaupt aufmerksam wurde ich im Grunde erst durch die immer dringlicher werdende Frage: Warum werde ich eigentlich Jahr für Jahr unablässig scheißer?

In der Tat gibt es Parallelen zwischen den Klimakterien der Geschlechter. Hormonell bedingte Stimmungsschwankungen; Rührseligkeit wechselt sich ab mit Wut, Verzagtheit und Lustlosigkeit. Überforderung. Angst. Entfremdung. Stillstand. Rückschritt. Dass Energie, Körperkraft und Libido mit schwinden, ist dabei fast Nebensache – die braucht man ja kaum mehr als dicker, kastrierter Kater, der sich vor dem Ofen zusammenrollt und nur noch schlafen will. Und fressen und vielleicht noch hinter den Ohren gekrault werden ab und zu. Dazu Fußball im Fernsehen. Der Frühherbst des Lebens, da sich Nase und Wangen prächtig rot zu färben beginnen, hat auch seine schönen Seiten.

Der häufige Irrtum einer breiten Öffentlichkeit scheint mir in der Verwechslung der Andropause mit der bekannteren Midlife-Crisis zu liegen. Vor einiger Zeit hatte ich mal die Idee, Erstere könnte im Grundton gut einen Romanstoff unterfüttern, mit einer tragikomischen und dennoch oder sogar deshalb würdevollen Hauptfigur. Die hat natürlich null mit mir selbst zu tun, eh klar, Literatur eben; wer in der Kritik zwanghaft lyrisches Ich und Autor vermengt, ist voll das dumme Schwein. Doch mit wem ich auch darüber sprach – alle winkten nur ab: »Ach ja, Midlife-Crisis meinst du. Postvirile Witzfigur vergisst, in den Spiegel zu gucken, rennt weg, knickknack, und hat am Ende komplett verschissen. Alimente, Alleinsein, Alkohol, Ableben. Sorry, aber das ist so überstrapaziert. Das macht jeder. Läuft nicht.«

»Es geht aber um die Andropause«, quengelte ich dann seltsam übererregt. »Das ist etwas völlig anderes.« Ich präzisierte den Gegensatz nochmals scharf im Exposé, versah ihn mit Belegen, Zitaten, Links und Ausrufezeichen und formatierte den ganzen Scheiß fett und kursiv. Das alles ergänzte ich noch um eine Liste übelsinniger Edelfedern im einschlägigen Alter. Weiterhin keine Chance.

Dabei ist der Unterschied zwischen Andropause und Midlife-Crisis grundlegender Natur: Denn die eine befasst sich nur mit der Vergangenheit, die andere exzessiv mit der Gegenwart. Die eine hat sich von jeglicher Zukunft verabschiedet, die andere überschätzt ihre kolossal. Gemein haben beide eigentlich nur eines: Schön ist das alles nicht.

Forever young

Eines Freitagmorgens in der Yogastunde bemerkte ich die Veränderung. Wir sollten, mit den Armen über dem Kopf auf dem Rücken liegend, mit beiden Händen den jeweils anderen Ellbogen ergreifen. Für meine Mitschülerinnen war das kein Problem. Ich aber mühte mich vergeblich – die Arme mussten auf einmal zu kurz geworden sein, denn bis dahin war mir das immer gelungen. Ich sah, wie Carola, die Lehrerin, zu mir herüberblickte. Mit ernster Miene notierte sie etwas in ein neben ihrer Matte bereitliegendes Oktavheft.

Während ich mich mit zunehmend rotem Gesicht abmühte, musste ich an meinen Schulreifetest denken:

Mit fünf Jahren war ich dafür ungewöhnlich jung gewesen. Der Amtsarzt forderte mich auf, mit dem rechten Arm über den Kopf hinweg mein linkes Ohr zu berühren. Ich glaube, meine Mutter half noch etwas nach, indem sie heimlich drückte. Ich muss es wohl geschafft haben, denn der Doktor machte ein Häkchen. Ich war stolz auf meine Leistung. Bis zum Ende meiner Schullaufbahn blieb ich stets der Jüngste in der Klasse.

Nach heutigen Erkenntnissen ist es natürlich schwer zu verstehen, warum man die Kinder nicht einfach fragte, was eins plus drei ist, wie das kleine Tier mit den Stacheln heißt oder ob sie überhaupt schon in die Schule wollten, aber früher war das eben so: Ärmchentest.

Nach der Yogastunde kam Carola zu mir. Sie wedelte mit ihrem Notizbuch. »Ich muss das melden«, sagte sie. »So leid es mir tut, aber ich komme sonst in Teufels Küche. Dann machen die mir hier den Laden zu, und ich kann sehen, wo ich bleibe. Ich hab nun mal ein Kind zu versorgen.«

Ich ahnte, dass ich tief in der Tinte steckte. Es war ja nicht so, dass sich die Zeichen nicht bereits zuvor gemehrt hätten. Denn schon seit Längerem hatte ich mich seltsam klein gefühlt. Ich kam auf dem Stuhl sitzend nicht mehr so richtig mit den Füßen auf den Boden und machte wieder öfter in die Hose. Das alles hatte ich auf mein Alter und dessen Begleiterscheinungen zurückgeführt. Gewissermaßen hatte ich sogar recht damit, allerdings anders, als ich gedacht hätte.

Kaum eine Woche später bekam ich Post.

»Lieber Uli-Schnulli. Uns wurde gemeldet, dass deine Ärmchen zu kurz sind. Du giltst somit als nicht eingeschult«, stand in dem Schreiben. Aus nachvollziehbaren Gründen hatte man sich in der Anrede gegen die Höflichkeitsform entschieden. »Des Weiteren werden dir der Hauptschulabschluss, die Mittlere Reife und das Abitur unehrenhaft aberkannt. Daher hättest du auch nicht an der FU Berlin studieren dürfen. Ein entsprechendes Betrugsverfahren wurde von der Berliner Staatsanwaltschaft eingeleitet. Liebe Grüße, Elisabeth Sack, Bezirksstadträtin für Bildung, Schule, Kultur und Sport für den Bezirk Neukölln in Berlin.«

Ihr Titel war fast so lang wie der ganze Brief. Doch das war es nicht, was mich beschäftigte. Sondern mein Abitur. Mein schönes bayerisches Landabitur, bewerkstelligt einst an einem schönen bayerischen Landgymnasium, also alles vom Feinsten: Latein, Französisch, Anschreien, Strammstehen. Und nicht so ein preußisches Klippschulzertifikat, das den grenzdebilen Absolventen mithilfe gleitfähiger Leistungsfächer wie Origami oder Poledance nahezu ruckfrei in den Popo geschoben wurde.

Man hatte mir die Schulreife entzogen. Und was noch schwerer wog: ausdrücklich unehrenhaft. Das hatte zur Folge, dass ich selbst nach einer Sperrfrist sowie erfolgreich bestandener MPU keinen neuen Anlauf auf den Erwerb des Abiturs unternehmen dürfte, sondern auf einer schwarzen Liste landete, die mir lebenslänglich den Besuch jeglicher wie auch immer gearteten Lehreinrichtung verwehrte. Symbolisch würde dieser Amtsbeschluss besiegelt, indem man mein Abiturzeugnis öffentlich an das Portal einer entweihten Kirche nagelte und von saarländischen Sonderschülern mit Exkrementen bewerfen ließ. Die sogenannte »Causa sine minima ratio perplex« von 1637 galt für Fälle wie meinen nach wie vor als Höchststrafe. Auch wenn ich eines Tages entgegen sämtlicher Prognosen mit dem Arm doch wieder das Ohr erreichen sollte, wäre die Sache für mich endgültig gelaufen. Das alles hatte ich der Yogalehrerin zu verdanken.

Und noch vieles mehr. Bereits am nächsten Tag kamen Mitarbeiter des Ordnungsamts, die Personalausweis, Führerschein und Kreditkarte einzogen und im Hof mein Fahrrad »anpassten«, wie sie sich ausdrückten. Der Sattel wurde tiefer gestellt und die 26-Zoll-Reifen durch 14er ersetzt. Ich war nun offiziell nicht mehr erwachsen. Auch mein Mietvertrag war ungültig geworden. Dann nahmen sie mir mein Geld ab, um es »für deine Zukunft« auf ein Sparbuch einzuzahlen.

»So, kleiner Mann«, sagte einer der Männer nach Beendigung der Arbeiten und strich mir unbeholfen über den Kopf. »Jetzt kannst du wieder zum Spielplatz fahren.«

Dort versuchte ich gerade, die Rutsche hochzuklettern, als mich die nächste schlimme Überraschung ereilte. Die Polizei kam wegen des angekündigten Betrugsverfahrens. Ich war zwar nicht mehr strafmündig, doch natürlich ein Risiko für mich und die Gesellschaft. Ich wurde in einer Noteinrichtung untergebracht, bis das Jugendamt meine Eltern erreichte. Das Gespräch dürfte kurz gewesen sein. Die Aussicht, bis an ihr Lebensende auf ein vierundfünfzigjähriges Vorschulkind aufzupassen, ließ die über Achtzigjährigen nicht gerade vor Begeisterung im Kreis humpeln. Dazu hatte meine Mutter damals nicht den Schularzt überlistet. Aber sie hatten keine andere Wahl, denn sonst käme ich ins Heim. Das brächten sie nicht übers Herz. Immerhin wurde das Zugticket vom Amt bezahlt.

Und wieder bin ich der Jüngste. Zu Hause wartet mein Kinderzimmer. Hoffentlich sind die Schlümpfe noch da. Mit brennenden Augen blicke ich aus dem Fenster des Schnellzugabteils, das für allein reisende Kinder reserviert ist. Nur eine Ordensschwester der Bahnhofsmission begleitet uns. Sie achtet darauf, dass wir rechtzeitig aufs Zugklo gehen und uns hinterher auch schön die Hände waschen. Draußen zieht die Endmoränenlandschaft vorüber, kahle Bäume, braune Wiesen und schmutzig orangefarbene Baumärkte. Am Rande einer Bundesstraße streiten sich mehrere Krähen mit einem Bussard um die Filetstücke eines überfahrenen Waschbären. Mama, ich komme.

Der Spieler

Am Fahrkartenautomat auf dem U-Bahn-Steig spricht mich ein freundlicher Herr an. Er habe da einen Fehlkauf getätigt. Und zeigt mir den unabgestempelten Abschnitt einer Viererkarte. Für zwei Euro fünfzig könnte ich den haben, da hätte ich auf den Regeltarif AB von zwei Euro achtzig je Fahrt dreißig Cent gespart. Deal?

Blitzschnell rattert es in meinem Kopf. Tarife, Zahlenkolonnen, Multiplikations- und Vergleichsrechnungen. Ich bin ein lebender Computer. Und der – klingeling – spuckt nun aus: Eine Viererkarte im Automaten kostet neun Euro. Wenn ich aber viermal zwei Euro fünfzig rechne, bin ich schon bei zehn. Das ist kein gutes Geschäft für mich, und das sage ich ihm auch. Ich bin stolz auf dieses Herrschaftswissen.

Stimmt, sagt er und holt einen weiteren Abschnitt der Viererkarte hervor. Er würde mir deshalb zwei Karten für zusammen fünf Euro geben. Na? Wäre das was?

Es ist schwer zu sagen, wer von uns beiden der Gerissenere ist. Ich denke, wir spielen beide in einer derart hohen Liga, dass sie erst noch erfunden werden muss. Auf Normalsterbliche muss dieser Titanenkampf des arithmetischen Scharfsinns wirken, als ob Einstein und Newton einander mit Geistesblitzen bewürfen, nur noch viel extremer. Die Ahnung eines Donnergrollens liegt über der Szene, die Welt hält den Atem an.

Ich rechne erneut. Fieberhaft, fehlerlos. Klingeling: Fünf Euro, verkünde ich nunmehr das Ergebnis, seien genau genommen nichts anderes als zweimal zwei Euro fünfzig, nur anders ausgedrückt. Sodass sich dadurch für mich nichts verändert hätte und ich lieber selbst eine Viererkarte für neun Euro aus dem Automaten zöge.

Das stimmt, lenkt er – später wird sich zeigen: zum Schein – ein. Er will mir damit das gute Gefühl geben, mich in dem geistigen Ringen durchgesetzt zu haben. Doch damit bereitet er nur den psychologischen Boden für eine derart schlaue Finte, dass selbst ich darauf hereinfalle. Vier Euro dann für beide Tickets, sagt er. Damit hätte er Verlust und ich Gewinn gemacht.

Hätte. Denn jetzt pokert er, doch die Statistik ist auf seiner Seite. Fast niemand hat vier Euro klein – nach einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums sieht sich im Schnitt noch nicht einmal jeder fünfte Bundesbürger in der Lage, eine Forderung von vier Euro passend zu begleichen.

Und er kann – welch ein Wunder, doch genau darin liegt der entscheidende Trick! – natürlich popürnich nicht rausgeben. Er spekuliert also darauf, dass sein Gegenüber, im Verlauf der nun schon fast zwei Minuten dauernden Anbahnung vertrauensselig, unvorsichtig oder schlicht auch durch das lange und hoch konzentrierte Rechnen mürbe geworden, auf das Rückgeld verzichtet.

Ja okay, sage ich, vier Euro für zwei nagelneue Fahrscheine, super, und beginne, in meiner Börse nach dem Geld zu kramen. Betont gleichgültig sieht er mir zu. Er braucht Nerven wie Stahlseile und tiefes Vertrauen in seine Methode. Denn jene faulen Kunden, die die vier Euro klein haben, geben sich ja nicht schon vorher zu erkennen. Andernfalls könnte er sie gezielt nicht ansprechen und auf diese Weise aussondern. Damit würde er seinen Profit sogar noch erhöhen. Doch besagte zwanzig Prozent sind nur der Schnitt auf lange Sicht.

Das ist wie beim Roulette: Selbst wenn die Kugel zum fünften Mal auf Rot fällt, bleibt die Chance für Schwarz beim nächsten Spiel gleichbleibend fifty-fifty. Weil also auch mehrere Leute hintereinander jeweils vier Euro passend haben könnten, muss er für solche Quertreiber stets ein paar Euros zurückhalten, um zur Not in finanzielle Vorleistung zu gehen, bis er endlich die verdiente Rendite abschöpfen kann. Erst ab drei Fahrten, auf die kein Käufer rausgeben kann, macht er Gewinn. Um die Effizienz zu erhöhen, koppelt er sein Lockangebot auch zwingend an die zwei Karten. Mit einer einzelnen würde es ohnehin nicht funktionieren, denn über ein Zweieurostück verfügen dann doch wieder über siebzig Prozent der Bundesbürger permanent.

Ich finde natürlich nur einen Fünfer, er kann, leiderleiderleider, nicht rausgeben, und ich gebe ihm halt den Schein, denn durch die lange Interaktion ist er mir mittlerweile fast so etwas wie ein Freund geworden in seiner nicht uncharmant ausgeführten Rolle zwischen Schnorrer und Betrüger.

Saufen für Luchsbabys

Ich liebe Kinowerbung. Sie wappnet mein Gemüt mit Leichtigkeit und Liebe, damit ich die nachfolgende Arthouse-Mühsal leichter ertrage. Die bunten Botschaften sind die Sauna vor dem Eisbecken und die Betäubungsspritze vor der Wurzelbehandlung. Wohltuend wirken überdies die häufigsten Motive: Eiscreme, Essen und leckere Getränke, die schöne Menschen in scheinbar unberührter Landschaft zu genießen pflegen.

Sehr naturverbunden gibt sich auch der Werbespot der Brauerei Krombacher. Über die komplette Dauer von dreißig Sekunden spielt er im Wald. Also da, wo auch das Bier am besten schmeckt.

»Jede dritte Tierart in Deutschland ist gefährdet …«, mahnt ein Sprecher zu den Bildern einer kleinen Eule, die putzig aus einem Baumloch lugt. Kleine Eulen müssen super PR-Berater haben – sie sind momentan das große Ding in Sachen niedlicher Ausstrahlung. In den sozialen Netzwerken, in Kalendern an der Supermarktkasse, in der Bierwerbung verdrängen sie die Katzenkinder. Dabei galten sie bis zu ihrem Image-Relaunch noch als hässliche Unglücksvögel, die man kurzerhand ans Scheunentor nagelte, um den Gottseibeiuns zu bannen. Nun droht den kleinen Katzen das gleiche Schicksal. Lange Zeit haben die sich ihrer Position vollkommen sicher gewähnt und es deswegen versäumt, weiter an ihrer Marke zu arbeiten. Sie haben sich auf ihren Lorbeeren ausgeruht. »Kleine Kätzchen gehen immer«, »kleinen Kätzchen kann keiner«, haben sie wohl gedacht. Ein fataler Irrtum. Jetzt haben sie ausgedient. Hochmut kommt vor dem Fall.

»… oder sogar vom Aussterben bedroht«, fährt der Erzähler fort. Ein Fischotter guckt traurig und auch irgendwie nachdenklich: Wie lange wird es ihn und seinesgleichen noch in freier Wildbahn geben? Mit schlechtem Gewissen drücke ich mich tiefer in den Kinosessel. Wie oft habe ich sommers unbedacht in Badeseen gepinkelt und den Ottern so den Lebensraum vergällt. Wenn ich mir vorstelle, wildfremde Leute kämen zu mir nach Hause und schissen mir einfach ins Wohnzimmer: Da wäre ich aber unter Garantie auch gefährdet!

Doch es gibt ja noch Krombacher. »Es wird Zeit, dass wir gemeinsam etwas dagegen tun«, wird die trinkfreudige Gemeinde der potenziellen Käufer aufgerüttelt. Untersuchungen haben ergeben, dass die Anzahl geposteter und gelikter kleiner Eulen mit fortschreitender Abendstunde sowie steigendem Blutalkoholgehalt dramatisch explodiert. In diese tiefe Kerbe menschlicher Schwäche schlagen nun die Bierbrauer. Für sich und für die Natur. Eine klassische Win-win-Strategie.

Auftritt Igel (goldig) und Biene (nützlich). Sie sind zu klein, um die im Wald stehen gelassenen Flaschen einzusammeln und zum Pfandautomaten zu bringen. Aber der Mensch kann das tun, der Krombacher-Konsument, und der Erlös fließt in den Erhalt der Tierwelt.

Nicht ohne Stolz setze ich die an der Kinokasse erworbene Bierflasche an den Mund. Ich zeige Verantwortung. Meine ganze Verachtung gilt den Limotrinkern um mich herum. Warum hassen sie die Tiere so? Für die meisten Arten dürfte der Bierverzicht tödlichere Folgen haben als der Klimawandel. Es ist im Grunde, als würde man einem Rehkitz die Mate-Pulle direkt über den Schädel ziehen – das käme im Endeffekt aufs Gleiche raus.

»Das große Krombacher-Artenschutzprojekt beginnt«, ertönt nunmehr der zentrale Slogan – es erhebt sich der Adler, es flattert der Schmetterling. Mehr Symbolik war nie. »Mit jedem Kasten Krombacher geben Sie bedrohten Tierarten in Deutschland ein sicheres Zuhause.«

Während ich noch überlege, ob die Unterbringung in leeren Bierkästen denn überhaupt artgerecht wäre, wird erneut der Otter eingeblendet. Er wirkt noch missmutiger als zuvor. Anschließend sieht man eine Luchsmutter mit Jungtier, dann zwei junge Luchse, die miteinander raufen. Spielerisch erlernen sie das Töten. So ähnlich dürften auch kleine Soldaten an ihr blutiges Handwerk herangeführt werden.

»Jetzt schützen und genießen«, erklärt der Sprecher. Das könnte eine Werbung für Kondome sein, ist es aber nicht. Ein unendlich klarer Wasserfall rauscht mächtig zwischen Bäumen, er steht seit jeher für das Reinheitsgebot. Es geht immer noch um Bier.

»Ein Kasten ist gleich ein Stück Heimat.« Damit auch jeder versteht, dass das ein und dasselbe ist, wird »1 Kasten = 1 Stück Heimat« in Schrift und Ziffern eingeblendet: eine Gleichung mit zwei sehr Bekannten. Vor unserem inneren Auge öffnet sich die ganze Weite der deutschen Provinz. Eine Bushaltestelle. Ein paar Jugendliche. Darüber, welchem politischen Spektrum sie anhängen, wollen wir von hier aus nicht (vor-) urteilen. Ein Kasten Bier. Heimat eben.

Direkt vor mir fangen auf einmal drei junge Leute an, mitten in die Werbung hineinzuquasseln. Das gibt es doch nicht. Wir Alten haben über Jahrtausende hinweg die Zivilisation aufgebaut: die alten Ägypter, die alten Griechen, die alten Römer. Die Jungen reißen sie während nur eines Reklamespots wieder ein. »Pscht«, mache ich erst, dann lauter: »Ruhe bitte!« Ich bin fest entschlossen, die Sanktionsspirale auf Kopfnüsse zu steigern, sollten sie mir keine andere Wahl lassen. Denn gleich wird sich hier vor unseren Augen das Schicksal der heimatlichen Tiere entscheiden.

Zum dritten Mal blickt der Otter traurig in die Kamera. Es ist immer derselbe. Offenbar gibt es nur noch einen. Die Lage ist ernst. Trinken, schnell! »Jeder Kasten zählt«, brummt daher die Stimme aus dem Off. Schließlich sind Biertrinker und Tiere ja auch Leidensgenossen. Sie sitzen im selben, dem Untergang geweihten Boot. Denn nicht nur jede dritte Tierart ist gefährdet, auch jeder dritten Bierart droht die Extinktion. Obwohl es jeden Tag neue gute Gründe dafür gäbe, sich haltlos zuzuschütten, schrumpft die Zahl der Biertrinker in Deutschland seit Jahren besorgniserregend. Auch da zählt also jeder Kasten. Wir saufen nicht nur für Luchsbabys, wir tun es auch für uns selbst. Der deutsche Trinker stirbt vielleicht früh, aber er stirbt niemals aus.

Der Mann in der Andropause: Der dritte Frühling

Auf einmal scheint er mich unerwartet doch noch zu ereilen: der dritte Frühling. Den ersten (die Adoleszenz mit Anfang dreißig) und den zweiten (die Midlife-Crisis mit Anfang vierzig) habe ich mit Schrammen an längst nicht nur der eigenen Seele überstanden und glücklich hinter mir gelassen. Doch neuerdings, o Freude, o Wunder, tritt Freund Pinselchen auf einmal wieder merklich öfter in Aktion, heidewitzka, bis zu fünf Mal muss ich manche Nacht aufs Klo. Meist kommt dann aber nicht viel – wenigstens das hat noch ein bisschen was von Honeymoon-Syndrom. Dafür bin ich oft nicht fertig, wenn ich fertig bin, sondern könnte gleich noch mal. Das Nachtröpfeln ist der Orgasmus des alten Mannes.

»Too much information«, werden jetzt mal wieder die Zartbesaiteten nölen. Aber besser too much information, so lautet meine Devise, als too wenig. Wer too much information fürchtet, hat doch die letzte Neugier auf das Leben und die Welt verloren. Der ist im Grunde wie tot. Wie Sagrotan hat die Angst vor der Vergänglichkeit des Fleisches alles Sinnliche in ihnen abgetötet – solchen Leuten gilt mein ganzes Mitleid.

Dabei gibt sich mein Urologe doch so viel Mühe, es ist fantastisch: Blut, Urin und Schnickschnack, alles wird schön überprüft. Nichts ist gut, Kontrolle ist besser, denn leider bin ich genetisch meine eigene Zeitbombe. Eines Tages, so sagt der Urologe, wird die wohl hochgehen. Na, der macht mir aber Spaß, palim-palim, helau.

Der Urologe ist mir wie ein Freund. Alle anderen habe ich über die Jahre hinweg vergrämt oder schlicht vernachlässigt. Ich bin ein merkwürdiges Arschloch geworden, wie die meisten in meinem Alter. Dabei können wir doch nichts dafür, dass wir alles besser wissen und als Einzige die Dinge realistisch sehen. Auf dem Gipfel ist es einsam.

Apropos Arschloch. Hose runter, Ultraschall. Er ist gründlich und erklärt mir alles: Hier sorgt Sand in der Niere für Urlaubsgefühle, dort liegt die Prostata, dreieinhalb Zentimeter, alles in Ordnung. Über seinen spannenden Ausführungen vergesse ich fast, dass er die ja noch abtasten muss. Inside Deep Ass. Dazu lege ich mich auf die Seite, und er zieht einen Handschuh über. Und noch ein Scherz: »Erst die Arbeit, dann das Vergniegen.« Er ist Pole.

Bei der Gelegenheit fällt mir wieder ein, wie lustig ich das englische Wort für Polen finde: Poland. Haha. Poland. Hahahaha. Im Alter wird man nicht nur immer klüger, sondern auch immer witziger. In Poland gibt’s zwei Berge / und auch ein tiefes Tal / im Tal da wohnen Zwerge / die bauen ’nen Kanal. Kurz habe ich überlegt, ob ich das K in Klammern setzen soll: »(K)anal«. Ich habe dann drauf verzichtet, denn der typische Witz des Alters ist subtil. Mein Humor ist eine Rose im Oktober. Noch einmal entfaltet sich die ganze Pracht, doch der Höhepunkt kündigt zugleich den Abschied an.

Eulen nach Athen

Mal was Sinnvolles schreiben. Das ist schon lange mein heimlicher Wunsch. Wie so ein Schriftsteller mit Rollkragenpullover. Sechs Uhr morgens, Stehpult, Wasserglas. Ein Essay, das schwerblütig mit »meines Erachtens« beginnt und mit »die Geschichte wird über uns richten« endet. Statt meiner üblichen Lyrics wie »gestern an der Kasse bei Edeka hab ich voll gepupst, hihi haha – Arschloch, K/Fotze, ficken« endlich mal ein inhaltlich wie sprachlich brillantes Meinungsstück zu komponieren, das die Leserin zum Nachdenken und am Ende vielleicht sogar zum Handeln bewegt.

Denn das neue Jahrzehnt beginnt, wie das alte endete: mit Meldungen über Kriege, Katastrophen, Krankheiten und Klimawandel. Daher geht mir mein eitles Geschnatter zunehmend selbst auf die Nerven, diese notorische ZDFisierung einer geschriebenen Kleinkunst, die immer harmlos ist und niemals aneckt nach dem Motto: Kleine Geschichten aus der großen Stadt – wäre doch schön, wir hätten sie nicht aufgeschrieben.

Und so war ich zuletzt immer froh, wenn ich ausnahmsweise mal einen Auftrag für einen echten Artikel mit einem richtigen Thema bekam. Hauptsache, irgendwas mit Haltung. Aber leider entpuppt sich auch das wieder als bloße Augenwischerei: In einer linken Zeitung zu schreiben, wie doof zum Beispiel Nazis sind, bedeutet nicht nur, Eulen nach Athen zu tragen, sondern Athen mit einer springflutartigen Eulenplage zu überziehen, einer regelrechten Eulenpest, überall wimmelt es bloß so von Eulen, die Eulen fliegen den Leuten ins Gesicht, krallen sich schauerlich heulend in die Haare, keiner traut sich mehr zu Fuß auf die Straße, Autos mit geschlossenen Fenstern quälen sich durch dicke Wolken flatternder Eulen, es müssen Billionen sein, die die Sonne derart verfinstern, dass am Tag das Fernlicht eingeschaltet werden muss, links und rechts der Straße türmen sich die von den Fahrzeugen beiseite geschobenen Eulen zu immer höheren Wällen auf; Straßenreinigung, Militär und Katastrophenschutz sind völlig überfordert, längst sind sie auch schon in den Wohnungen der Menschen, kaum öffnet man den Kleiderschrank – schuhu, schuhuu! –, den Klodeckel – schuhu, schuhuu! –, im Küchenregal, im Kühlschrank, in Lebensmittelbehältern, in Lampenschirmen, in Kleidung, Frisuren, Bauchfalten, Arschritzen, Wimpern, Harnröhren, Zahnzwischenräumen sammeln sich lebende Eulen, tote Eulen, Eulenreste, Federn, Gewölle, Kehrschaufeln sind längst ausverkauft und ebenso Eulensprays, verbrennen, vergraben, ausstopfen, Zoo-Volieren, man wird der Masse einfach nicht Herr, die Akropolis sieht aus wie ein Guanofelsen im Südpazifik, übrigens sind auch die griechischen Mäuse ziemlich sauer … Was wollte ich sagen …? Genau, deshalb gibt es an dieser Stelle mal etwas zu einem ernsten Thema: Die holen bei uns nun schon seit Monaten die vollen Werkstofftonnen nicht mehr ab.

Anstelle der Eulenarie könnte man auch kürzer sagen: Man schmort im eigenen Saft. Aber kurz ist immer blöd, wegen des Zeilengelds. Also, wo war ich gerade …? Dum di dum di dum … genau: die Werkstofftonnen. Werden nicht mehr abgeholt. Alles andere schon noch regelmäßig: Restmüll, Papier und Biomüll (keine Eulen und Käserinden – das lockt Ratten an!), nur eben nicht der Plastikmüll. Soll das eine Strafe für unzulässige Durchmischung sein? Aber die wäre ja auch irgendwann mal abgebüßt.

Ich rufe bei der auf der Tonne angegebenen Nummer an, doch dort meldet sich nur der Anrufbeantworter: »Hallo! Hier ist der Anschluss von Monika, Michael und Mathilda Müllabfuhr. Wir sind leider gerade auf Tour oder in der Deponie. Sie können uns jedoch nach dem Piepton eine Nachricht hinterlassen …«

Und dann bricht es doch aus mir heraus. All die Sottisen, Kalauer und Banalitäten, die ich schon fast einen halben Tag lang zugunsten des heiligen Ernstes unterdrückt habe, sprudeln nun haltlos auf das Tonband der redlichen Müllmenschen: meine Erlebnisse mit Lehrlingen an der Supermarktkasse, Backfachverkäuferinnen, Bettlern, Balkontomaten und Fahrraddieben; Geschichten, deren grundlegende Vanität jedem Leser die Tränen der Vergeblichkeit in die Augen treiben muss. Aber ich kann einfach nicht anders.

Knastgespräche

Sonntagmittags gehen wir gewöhnlich für wenigstens ’ne Stunde raus. Wir zwingen uns dazu, in der Regel auf mein Betreiben hin. Man muss nun mal an die frische Luft. Die Leute sagen, dass man sonst ziemlich sicher stirbt. Wenn nicht gleich, dann später.

Die kürzeste Runde, also die Notroute bei schlechtem Wetter, führt von der Wohnung meiner Frau Q. aus durch den Görlitzer Park, links rum am Sportplatz vorbei, am Schlesischen Busch noch mal links rüber zur Schlesischen Straße und dort dann zurück. Eine Stunde dauert das auch nur deshalb, weil ich am Sportplatz immer zwanghaft stehen bleiben und den Amateurspielern beim Kicken zugucken muss. Ich kann nicht anders, Fußball wirkt auf mich wie ein Magnet.

Was mich zugleich fasziniert und anwidert, ist das ständige Gepöbel gegen den Schiedsrichter. Er kann es niemandem recht machen. Vielleicht macht er auch mal Fehler, doch die Spieler können ja selbst nichts. Tapsig stolpern sie über den Platz, der Ball schussert wie eine Flipperkugel mal hier- und mal dorthin. Sie sind weder fit noch talentiert oder technisch gut ausgebildet, Breitensportler eben. Aber der Schiedsrichter muss natürlich Bundesliganiveau haben. Nicht um alles in der Welt wollte ich seinen Job machen – sollen sich die undankbaren Psychopathen doch untereinander anschreien und in die Fresse hauen.

Wenn ein Tor fällt, bin ich zufrieden. Dann setzen wir unseren Weg fort. »Ächz«, sagt Q., und sie sagt wortwörtlich »ächz«, denn wir sind beide kulturell von Donald Duck und Asterix geprägt: »Ächz, verdammt, können wir jetzt vielleicht mal wieder rein?«

Sie will Serie gucken. Teechen. Sofa. Die Füße hochlegen für den Rest des Tages. Oder das scheißschwierige Rätsel im SZ-Magazin lösen. Mit mir zusammen, aber ich sitze meist nur blöd daneben. So kann sie mal wieder ihre geistige Überlegenheit beweisen. Toll, Glückwunsch, dabei ist das überhaupt nicht nötig. Ich weiß zum Glück, welche Qualitäten ich habe und welche nicht. Ich habe auch kein Problem damit, dass bei uns im Grunde fast so ein traditionelles Geschlechterverhältnis herrscht, bloß eben mit vertauschten Rollen. Sie ist eher so die Checkerin. Sie bekommt auch für einen ähnlichen Job viel mehr Geld, was allerdings tatsächlich nicht so schwer ist: Jede Laus verdient mehr als ich. Der »Loser Pay Gap« geht in der Diskussion hinter all den anderen Pay Gaps stets ein wenig unter.

Aber gut ist, dass ich als beobachtender Rätseladjutant überhaupt nichts tun muss. Ich kann ja auch nicht viel. Ich muss einfach nur schön sein. Sonst nichts. Der Mangel an Gestaltungsmöglichkeiten macht mein Leben wunderbar unkompliziert.

»Knurr«, sagt sie. »Jetzt ist es aber wirklich langsam genug.«

»Nur noch diesen kurzen Schlenker«, bettle ich: Schlesischer Busch und dann zurück. Also wie immer. Um die freudlose Chose spielerisch aufzulockern, stellen wir uns vor, wir wären im Knast und dürften nur einmal am Tag ’ne Stunde raus für eine Pflichtrunde an der frischen Luft. Im Grunde ist es ja auch so. Unser Dasein ein Knast, der Winter als Strafverschärfung. Der Hofgang immer im Kreis – Görli, Sportplatz, Schlesische –, über uns der schon mittags nach Weltuntergang aussehende ewig dunkelgraue Himmel. Fehlt nur noch der Maschendraht davor.

Die Atmosphäre wird komplett, als wir den Wachturm auf dem ehemaligen Mauerstreifen passieren. Um die Hofgangssituation zu simulieren, improvisieren wir Knastgespräche. Unsere schwere Jugend. Die doofen Wärter. Wie man aus altem Toastbrot Schnaps brennt. Wofür wir einsitzen.

Natürlich färben wir die Schilderungen unserer Vergehen auf eine Weise ein, die uns und unsere Taten clever, hart und irgendwie cool aussehen lassen soll. Ein gutes Standing in der Anstaltshierarchie kann überlebenswichtig sein. So musste ich einen Nazi umbringen, der meiner Schwester im Kaufladen den Wagen in die Hacken geschoben hat. Das ging nicht anders – jeder Ehrenmann hätte genauso gehandelt. Meine Frau wiederum hat im großen Stil Silberbesteck geklaut, um ein Waisenhaus in Laos zu finanzieren. Hat ihre Freiheit geopfert, um ein wenig Glanz in stumpfe Kinderaugen zu zaubern. Der Winter ist immer die härteste Zeit hier. Zum Glück werden wir beide im Frühjahr entlassen.

»Wenn ich rauskomme, werde ich als Erstes ein paar Rechnungen begleichen«, sage ich und versuche, meine Stimme rau und gefährlich klingen zu lassen. Das gehört nun mal zu dem Spiel.

»Was für Rechnungen?«

»Na ja: Strom, Gas, Miete, Mitgliedsbeitrag für AfD, ADAC und Alpenverein, so was eben«, sage ich. »Und du?«

»Goldene Löffel klauen«, sagt sie, und ihr Blick wird schwärmerisch. »Das wollte ich schon immer.«

Diesseits jeder Hoffnung

Bis vor Kurzem gab es für Alkoholismus offiziell nur eine Lösung: aufhören, und zwar komplett und für immer.

Doch das neue Zauberwort heißt »Kontrolliertes Trinken«. Im von zehntausend Konsumeinheiten zum groben Sieb perforierten Gehirn des Betroffenen bleibt von diesem Wortpaar immerhin noch »trinken« hängen. Das klingt doch gleich viel besser als die böse Nulldiät: saufend trocken werden, oder besser gesagt, halbtrocken – das ist doch wunderbar! Erzprotestanten, Guttempler, Langweiler, Miesepeter, Betschwestern, Gesundheitsapostel, Sauertöpfe, Panikmacher, Besserwisser, Krümelkacker, Askesefaschos: All diese zutiefst verhassten Protagonisten der Nüchternheit können uns gepflegt am Hobel blasen. Wer so lebt, ist doch schon gestorben.

Nun sitze ich bei Frau Dr. alk. Dipl.-Psych. Verena Parder-Wedde in Rummelsburg, neben mir noch vier weitere Kandidaten der Altersklasse 50 bis 69. Wo bin ich hier bloß gelandet? Die durch die großen Fenster hereinfallende Spätnachmittagssonne erreicht nicht ganz unseren Stuhlkreis auf dem hellen Holzlaminat. Die Leiterin gibt eine selbst gehäkelte Schnapspulle zur Vorstellungsrunde herum. Wer die »Sprechflasche« hält, darf erzählen, warum er hier ist.

Die fast weißhaarige Hilde (64) hat mit dem Trinken begonnen, nachdem ihr Mann gestorben war. Irgendwer musste dessen gigantischen Getränkevorrat ja vertilgen, wäre doch schade drum gewesen. Mein direkter Nachbar Lothar (68) hatte Pech im Lotto. Anita wiederum hat noch nie getrunken, weil sie Alkohol nicht ausstehen kann. Doch das Versprechen »Kontrolliertes Trinken« hat sie neugierig gemacht. Vielleicht, so die aparte Mittfünfzigerin, könne sie hier unter Anleitung den Alkoholgenuss erlernen, um auf Feiern nicht länger Außenseiterin zu sein. Während die anderen labern, lege ich mir meine Worte zurecht.

Es war so, der junge Arzt war neu, ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Und egal mit welchem meiner ganzen Prekariatsärzte ich die letzten dreißig Jahre über gesprochen hatte: Noch nicht mal beim Rundum-Gesundheitscheck wurde jemals auch nur eine Sekunde lang verquaste Eso-Kacke thematisiert, wie meine Lebensumstände, meine Stimmung, meine Ernährung, mein Berufs- oder Sexleben und mein Suchtverhalten. Die Blutwerte waren ja okay. Dieser übergriffige Quacksalber aber blickte mich nur einmal kurz an und sagte: »Sie müssen aufhören zu rauchen.« Ohne meine Lunge abzuhorchen, mein Atem rasselte nicht, und ich hatte ihm auch keinen blutigen Schleim auf den Schreibtisch gehustet.

Ich reagierte perplex: Wie er denn darauf käme? Er erklärte, rauchen wäre ungesund. Ach so. Das hatte ich zwar auch schon mal gehört, aber ich hatte das Geunke stets darauf zurückgeführt, dass die Tabakindustrie um ihre clevere Geschäftsidee beneidet wurde. »In Ihrem Alter«, sagte er mit einem zweiten kurzen Blick, der mir wehtat, »steckt man nicht mehr alles so weg wie eventuell gewohnt.« Er erwähnte auch noch irgendwie Cholesterin und Ernährung und so’n Scheiß, ich wollte daher schon wieder abschlaffen, als das Wort »Alkohol« fiel. Begleitet von einem dritten kurzen, doch dafür umso intensiveren Blick. Ich schwitzte. In dem Blick sah ich mein Gesicht gespiegelt, das heute Morgen so aussah wie an zu vielen anderen Morgen. Er gab mir einen Informationszettel.

Zu Hause stieß ich mit dessen Hilfe auf das Angebot »KT – Kontrolliertes Trinken. Mehr Genuss, mehr Freiheit, mehr Sicherheit.« Mit dem Slogan »Es gibt mehr als Abstinenz« wirbt der von den Krankenkassen bezuschusste Gesundheitskurs um Trunkenbolde diesseits jeder Hoffnung, die nach Schleichwegen um das leidige Aufhören herum suchen. Also um die meisten. Um mich. Noch am selben Tag buchte ich online den Kurs bei Frau Dr. Parder-Wedde.

»Das ist eine großartige Geschichte.« Parder-Wedde wendet sich an die anderen Teilnehmer: »Finden Sie nicht auch?« Sie nicken wie ferngesteuert. Solange kein Alkohol im Spiel ist, will keine rechte Stimmung aufkommen.

Und noch schlimmer wird es, als die Berufsspielverderberin lächelnd zur Disposition stellt: »Was könnte ich anstelle des Trinkens tun?« Hilfloses Schulterzucken in der Runde, Nasenbohren. Wie »anstelle des Trinkens«? Es hieß doch »kontrolliert« und nicht »anstelle«. Und für die Kontrolle hat man schließlich dieses dämlich grinsende Honigkuchenpferd da vorn bezahlt. Die blöde Sau. Die einen sind kurz vorm Ausrasten, die anderen kurz vorm Einschlafen. Wie Alkis halt so sind.

Doch zum Glück erfolgt ein rascher Themenwechsel, hin zum »gemeinsamen Erarbeiten von Wochentrinkzielen«. Sie fragt in die Runde: »Was könnten denn das für Ziele sein?« Heißa, nun sprudeln aber die Vorschläge. Wer gerade noch wie leblos in seinem Stuhl hing, schnipst nun eifrig mit den Fingern, um sich einzubringen: besoffen sein, Flasche leer, Kasten leer, hartes Erbrechen, Erarbeitung eines zweistelligen Europfandbetrags bei der Leergutannahme. Die Diplompsychologin ist begeistert von der regen Mitarbeit.

Und das Schöne ist: Wer das Pensum nicht schafft, muss dennoch nicht nachtrinken. Denn im Gegensatz zum Aufhören heißt das KT ein Scheitern ausdrücklich willkommen: »Eigene Ziele formulieren und … umsetzen, mit den Konsequenzen, Risiken, Misserfolgen und Fortschritten gelassen umgehen …«, steht bereits in der Kursbeschreibung. Wenn der Kasten nicht geschafft wird, versucht man es eben in der nächsten Woche aufs Neue oder erarbeitet sich ein anderes Ziel, das für den Anfang realistischer gesteckt erscheint. Das kann ein schwerer Kater sein oder eine nachts vom Sturz im Schlafzimmer aufgeschlagene Stirn – der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt.

Ein elementarer Teil der Methode liegt überdies darin, dass der Süchtige lernt, das vom Alkoholmissbrauch quasi ausgeleierte Belohnungszentrum zu stimulieren. Laut Leitfaden »gehören dazu effektive Tipps und Übungen, um in gute Stimmung zu kommen mit körpereigenen Drogen«. Parder-Wedde bittet um Beispiele. Die meisten nennen den Restalkohol vom Vorabend. Zusammen mit dem effektiven Tipp: Je gründlicher man da vorgetankt hat, desto besser auch die Stimmung. »Wie könnte ich mir täglich eine Freude machen?«, fasst die Chefin die Aufgabenstellung zusammen, und unsere Antwort ertönt stolz im Chor: »Kontrolliert trinken!«

Von draußen dringt Lärm durch das offene Fenster herein. Auf einer Bank im Hof lassen Saufbrüder krakeelend Pappschachteln mit Rotwein kreisen, Hunde bellen. Das muss der postpräventive Gesundheitskurs »Unkontrolliertes Trinken« (UkT) sein. Fast hätte ich ja den belegt, denn nicht zuletzt ist der umsonst, während wir nach Zuzahlung noch immer dreihundert Öcken pro Nase latzen müssen. Ein wenig neidisch blicke ich hinunter zu den fröhlich grölenden Teilnehmern. Sie wirken so unbeschwert, so frei, so anarchisch. Ich verspüre nicht übel Lust, mir nach dem Ende der heutigen Sitzung den dort entstandenen Ballast in geselliger Runde von der Seele zu spülen. Vielleicht frage ich Anita, ob sie mitkommt.

Der Mann in der Andropause: Junge Menschen

Spätestens seit Eintritt des Vorsiechenalters verstehe ich die Jugendlichen gar nicht mehr. Also alle unter 45-Jährigen. Sie sind so anders. Schon wegen Kleinigkeiten reizen sie mich zur Weißglut. Das sind dann stets die Momente, in denen ich sie gerne mal scheinheilig »um ihr Wohlergehen besorgt« anspreche: »Warum hast du eine Wollmütze auf? Es ist doch warm. Warum trägst du eine Sonnenbrille? Es ist doch dunkel. Warum fährst du mit Kopfhörern Rad? Es ist doch gefährlich.«

Ihr Gehabe nervt mich kolossal. Die ständig eingestreuten lächerlichen Englischfetzen, obwohl ihre Sprachkenntnisse einer seriösen Qualitätsprüfung oft gar nicht standhalten, srsly. Ihre Unfähigkeit, auf Mails zu antworten, geschweige denn die von mir sauber aufgelisteten Punkte nacheinander abzuhaken – immer lesen sie nur die erste Zeile, dann wird die Konzentration auch schon vom nächsten Device absorbiert. Ihre Angewohnheit, eine Nachricht mit einem schlichten »hey« ohne weitere Anrede zu beginnen und mit einem Lach-Smiley zu beenden. Das ist weder höflich noch lustig. Und was schon per se nicht lustig ist, wird es auch nicht, indem man ein Grinsezeichen dahintersetzt, word!

Im nächsten Moment könnte ich sie jedoch schon wieder knuddeln. Schließlich waren wir selbst mal jung und haben ganz verrückte Sachen gemacht. Ich hab mal einen Apfel geklaut, der über den Zaun hing. Und einmal ist ein Schneeball in der Schule an der Tafel gelandet, kaum einen Meter neben dem Lehrer. Der war zwar nicht von mir, aber was da hätte passieren können: Nicht auszudenken! Außerdem sind die Jungen heute oft so schlau und freundlich – das findet übrigens auch Zbigniew, mein Urologe: »Jun-ge Menschen«, sagt er voller Liebe und spricht das N und das G dabei wie immer getrennt aus. »Jun-ge Menschen sind so stark und so frisch wie ihr Harnstrahl.«

Er hat ja so recht. Ihre unfassbar niedliche Arglosigkeit, die sich darin manifestiert, eben nicht allem Fremden präventiv mit Ablehnung zu begegnen, rührt mich im Innersten. Sie sind oft auch echt engagiert, während ich bloß schlau labere. Und besser als meines ist ihr Englisch allemal – etwas anderes behaupte ich ja nur aus Missgunst.

Sie können überhaupt ganz viel: Komputer und Umwelt und Schmartfon und so. Und sie beschämen mich mit ihrer offenherzigen Gelassenheit mir gegenüber. So gehen sie einfach darüber hinweg, dass ich schon über dreißig Jahre vor meinem Tod täglich böser werde und das nicht zuletzt an ihnen auslebe. Als ob sie ihn nicht mitbekämen, lassen sie den passiv-aggressiven Unterton meiner Warum-Fragen einfach an ihren, mit dem Blut zahlloser Social-Media-Trolle perfekt imprägnierten, Gemütern abperlen.

Ehrlich besorgt – denn diese beißende Dauerironie, die das gesellschaftliche Klima auf dem Globus komplett zu vergiften droht, ist ihnen fremd – wenden sie sich mir zu: »Sie sind nice. Aber irgendwas nagt hölle in Ihnen. Wollen Sie nicht mal zum Doc gehen? Srsly :)«

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
27 ноября 2025
Объем:
171 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783947106653
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
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