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Torsten Diedrich
Stalingrad 1942/1943
Reclam
Kriege der Moderne
Herausgegeben vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr

Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Fachbereich Publikationen (0842-01)
2018 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Umschlagabbildung: Süddeutsche Zeitung Photo / Scherl – Gefangene deutsche Soldaten vor dem Getreidesilo in Stalingrad, das besonders hart umkämpft war, Winter 1943
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2018
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961415-1
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-011162-8
www.reclam.de
Inhalt
1 Der lautlose Tod
2 Wozu ein Krieg gegen die Sowjetunion? Hitlers Rassen-, Raub- und Expansionskrieg gegen die Sowjetunion Die sowjetische Kriegs- und Außenpolitik unter Stalin Unternehmen »Barbarossa«
3 Kriegsbild und Kontrahenten Die Wehrmacht nach dem Scheitern von »Barbarossa« Die Verbündeten des Deutschen Reiches Die Rote Armee
4 Die Schlacht um Stalingrad Vorbereitende Operationen Operation »Blau« – der Vormarsch zur Wolga Stalingrad: Das Objekt der Begierde Der Kampf um die Stadt Drohende Vorzeichen Operation »Uranus« und der Kessel von Stalingrad Hoffen auf Befreiung Der ruhmlose Untergang der 6. Armee
5 Der »Fall Blau« – Ursachen des operativen Scheiterns Der »Gröfaz« Das Versagen der Wehrmachtführung Halten oder Ausbruch – Paulus’ Versagen Das Ende einer Armee – Blitzkrieg oder Stadtkampf
6 Verbrechen und Leiden im Krieg Deutscher Vernichtungskrieg im Osten Das Leiden der Bevölkerung
7 Stalingrad – Wirkung und Mythos Mythos Kriegswende Der deutsche Opfermythos Sowjetische Mythen um die Schlacht Stalingrad in Russlands Geschichtsbild und Erinnerungskultur Stalingrad in Deutschlands Geschichtsbild und Erinnerungskultur
8 Fazit: Die Bedeutung der Schlacht um Stalingrad
Anhang
Danksagung
Zeittafel194119421943Generallegende für taktische Zeichen
Literaturhinweise
Abbildungsnachweis
Personenregister
[7]1 Der lautlose Tod

Soldaten der Roten Armee kämpfen im Stahlwerk »Roter Oktober« in Stalingrad, Oktober 1942.
Es ist Nacht in der zerstörten Halle des Stahlwerkes »Roter Oktober«. In einer Ecke glimmen die Reste von Balken, die sich bei den Angriffen deutscher Sturzkampfbomber am Vortag entzündet hatten. Brand- und Leichengeruch schwebt über den Trümmern. Tote Soldaten liegen in den Ruinen, gestorben im Hagel der Bomben oder gefallen beim folgenden Angriff deutscher Stoßtrupps. Die Schreie eines Verwundeten sind inzwischen verstummt. Ist er tot oder haben ihn Kameraden bergen können? Nun hocken deutsche Infanteristen den die Halle verteidigenden sowjetischen Soldaten im Dunkeln gegenüber. In ihre Deckungen gekauert, versuchen sie Ruhe und etwas Schlaf zu finden, bevor der Wahnsinn im Morgengrauen wieder losgeht. Ein Kampf um jeden Meter steht ihnen bevor. Überall lauert der Tod. Die Männer sind erschöpft, bangen um ihr Leben und haben Angst vor schweren Verletzungen. Alle hoffen auf Verstärkung. Werden ihnen die Kameraden beistehen können, werden sie gerettet werden? Wann endlich wird dieses Abschlachten ein Ende haben?
[8]Doch nicht alle ruhen. Nahezu lautlos arbeiten sich zwei dunkle Gestalten durch Stein- und Metalltrümmer voran, Zentimeter um Zentimeter, ihre Gewehre in Planen gehüllt. Ihre Gesichter sind rotbraun wie Rost oder Ziegelmehl und wirken entschlossen. Sowjetische Scharfschützen! Sie schieben sich in eine erhöhte, vorgelagerte Position. Lautlos bezieht der eine Stellung, bringt sein Gewehr in Anschlag. Unter der Plane lugt ein Zielfernrohr hervor, doch es ist noch nicht an der Zeit, dieses zu enthüllen. Die Jagd beginnt erst, wenn es wieder hell wird. Vorsichtig tarnt sich der Soldat mit Trümmern, einer Decke, mit Staub und Schmutz. Der andere beobachtet, wie sein Kamerad mit der Umgebung verschmilzt, bis er nicht mehr erkennbar ist. Zuletzt weist die Hand mit dem Handschuh auf eine Stelle, an der der Zweite nun in Stellung geht. Auch er ist bald unsichtbar geworden. Beide werden einander Deckung geben oder bei Bedarf gezielt die Aufmerksamkeit der Gegner wechselseitig auf sich ziehen. Sie haben das oft geübt, bei der Scharfschützenausbildung im Werk »Lasur« und später in den umkämpften Fabriken. Jeder Fehler kann den Tod bedeuten.
Das könnte eine Szene aus einem der vielen sowjetischen Spielfilme über die Schlacht um Stalingrad aus der Nachkriegszeit sein. Sie könnte aber ebenso gut aus der zeitgenössischen sowjetischen Frontpropaganda stammen. Die Konstruktion von Heldenfiguren war eine wesentliche Aufgabe der sowjetischen Propaganda, die Soldaten und Bevölkerung im Kampf gegen die deutschen Eroberer zu motivieren hatte. Ihre Popularisierung nach dem Krieg bildete einen wichtigen Beitrag zur Prägung des Mythos von der »unbesiegbaren« Sowjetarmee. Tatsächlich aber sind solche Szenen in den Häuserkämpfen der Schlacht hundertfach vorgekommen und haben den Charakter dieser Kämpfe wesentlich mitbestimmt. Doch folgen wir dem Geschehen zunächst weiter:
Als der Morgen dämmert, wird es lebendiger in den Hallen. Vereinzelt huschen Schatten umher. Es sind Melder, die Befehle für den kommenden Tag übermitteln, und Soldaten, die Verpflegung und Wasser in die vordersten Reihen bringen. Die dort Eingesetzten müssen nach der strapaziösen Nacht wieder zu Kräften kommen, um die Hallen endgültig zu erstürmen oder aber das eroberte Terrain mindestens in der Hand zu behalten. In der Morgendämmerung rückt Ersatz heran, frische Stoßtrupps, die dem Angriff neue Kraft geben, bzw. Verteidiger, die standhalten oder den Kampf wenden sollen. Zu dem Brand- und Lei[9]chengeruch gesellt sich trotz der Kälte Schweiß – Schweiß der Anstrengung beim Vorwärtsrobben, Schweiß der Angst vor dem Kommenden. Kaum merklich setzen sich auch die Scharfschützen in Bewegung. Vorsichtig werden die Gewehrmündungen freigelegt, das Zielfernrohr entblößt. Die Optik tastet nun die gegenüberliegenden Trümmer ab. Die Schützen sind bemüht, keinen Lichtschein auf das Objektiv fallen zu lassen, damit nicht Spiegelungen ihren Standort verraten. Die Meister der Tarnung und des Anschleichens haben ihr Handwerk gelernt und spähen nach einem lohnenden Ziel. Offiziere, Artilleriebeobachter und Melder werden bevorzugt beschossen, ebenso Proviantgänger, denn ohne Verpflegung sinkt die Moral der Kämpfenden.
Ein deutscher Soldat arbeitet sich kriechend voran, hinter sich mehrere Kochgeschirre ziehend und doch bemüht, kein Geräusch zu machen. Sein Gesicht ist rot vor Anspannung, aber auch vor Angst. Der Soldat sieht schmutzig und alt aus, dabei hat er das zwanzigste Lebensjahr noch nicht überschritten. Sein älterer Kamerad ist deutlich hinter ihm zurückgeblieben. Ist das Absicht, Erfahrung oder Instinkt? Noch hat er die eigene vordere Linie nicht erreicht, auch wenn die Kameraden in ihrer Deckung bereits zu erkennen sind. Der Junge weiß, dass unbedachte Bewegungen tödlich enden. Die Furcht vor sowjetischen Scharfschützen ist in den deutschen Reihen allgegenwärtig. Zu oft haben sie zugeschlagen und Schrecken verbreitet. Doch der Tod ist meist lautlos und schnell, präzise wie ein Chirurg. Das ist vielleicht besser, als von Granaten zerfetzt oder von Maschinengewehren zerschossen zu werden. Aber wer will denn wirklich sterben? Alle hoffen und beten zu Gott, er möge sie in dieser Hölle verschonen, auch wenn mancher bereits seinen Glauben verloren hat.
Der Scharfschütze hat den kriechenden Soldaten bemerkt. Er wägt ab, ob das Ziel lohnend und ein sicherer Treffer möglich ist. Es gilt, das eigene Versteck nur preiszugeben, wenn die Jagd Erfolg verspricht. Sein Adrenalinspiegel steigt, der angepeilte Deutsche erscheint im Fadenkreuz, hebt nur leicht den Kopf, der Finger am Abzug krümmt sich. Mit Gewichten haben sie in der Ausbildung das Abdrücken ohne Verreißen der Waffe geübt. Gehör und Blick schärfen sich, der Schütze ist voll auf seinen Gegner als namenloses Ziel fixiert, moralische Zweifel gelten nicht. Töten ist sein Handwerk. Mit einem trockenen Klacken, der Mündungsfeuerdämpfer verschluckt den Knall, verlässt das Projektil den [10]Lauf und bohrt sich in die Stirn des Proviantgängers, der zusammensackt. Der Stadtkampf hat ein weiteres Opfer gefordert. Lautlos rollt sich der Schütze aus seiner Deckung und verschwindet hinter den Trümmern, ehe noch ein gegnerisches Maschinengewehr (MG) oder eine Granate sein Versteck erreichen kann. Der zweite Schütze bleibt regungslos liegen und wartet ab, manchmal Stunden oder Tage, ohne sich zu bewegen. Scharfschützen sind Einzelkämpfer, sie führen ihren eigenen Krieg – die Jagd in den Trümmerbergen von Stalingrad.

Wassilij SaizewSaizew, Wassilij bei der Ausbildung von Scharfschützen 1942
Die Wirkung von sowjetischen Scharfschützen wie Wassilij SaizewSaizew, Wassilij oder Nikolai IlinIlin, Nikolai war immens, auch wenn nur ein geringer Teil der deutschen Soldaten, die in den Kämpfen um Stalingrad starben, von ihrer Hand fiel. Ihre Zunft, der auch Frauen wie Ljudmila PawlitschenkoPawlitschenko, Ludmila oder Tanja TschekowaTschekowa, Tanja angehörten, erzeugte große Furcht bei den deutschen Infanteristen. IlinIlin, Nikolai brachte es laut offizieller Bestätigung auf 185 erschossene deutsche Soldaten und gehörte damit zum Kreis der »Edelschützen« mit mehr als 40 tödlichen Treffern. SaizewSaizew, Wassilij war einer der Ersten, [11]die durch die sowjetische Militärpropaganda, wie in der Armeezeitung Zur Verteidigung unseres Landes, zum Helden stilisiert wurden. Wegen seines Erfolges erhielt er den Auftrag, in den Ruinen der chemischen Fabrik »Lasur« eine Scharfschützenschule aufzubauen. Bald berichtete die Zeitung täglich über die besten Schützen und zählte deren Treffer. So machte man die Einzelkämpfer in der Roten Armee und der Bevölkerung bekannt, ihre Taten wurden bereits im Krieg zum Mythos.
Der umstrittene Kinofilm Enemy at the Gates von Regisseur Jean-Jacques AnnaudAnnaud, Jean-Jacques aus dem Jahr 2001, der das deutsch-russische Duell zweier Scharfschützen in den Ruinen von Stalingrad thematisierte, setzte SaizewSaizew, Wassilij ein weiteres Denkmal. Der Film erzählt wie das zugrundeliegende Buch von David L. RobbinsRobbins, David L. War of the Rats (1999) aus sowjetischer Perspektive und reduziert, so die Kritik, das Grauen und massenhafte Sterben dieser Schlacht auf ein Duell zweier Spezialisten. SaizewsSaizew, Wassilij Duell mit einem deutschen Major König ist allerdings historisch nicht belegt. Die Geschichte entstammt wohl eher der sowjetischen Propaganda und sollte den Heldenmut der sowjetischen Soldaten befördern. In der Russischen Föderation stieß besonders die Einstiegsszene, die ein ›Verheizen‹ der sowjetischen Soldaten im Kampf um die Stadt zeigt, auf heftige Kritik.

Plakat des Films Enemy at the Gates mit Jude LawLaw, Jude und Joseph FiennesFiennes, Joseph aus dem Jahr 2001
Die Schlacht von Stalingrad war eine der grausamsten und blutigsten des Zweiten Weltkriegs. In der russischen Erinnerung lebt sie als heroischer Sieg über das »faschistische« Deutschland und als Wende im Zweiten Weltkrieg fort. Aber war dem wirklich so? War Stalingrad die Wende im Deutsch-Sowjetischen Krieg, hätte die Schlacht bei anderem operativem Verhalten der Wehrmacht gar gewonnen werden können? Das soll anhand der politischen Hintergründe, des Kriegsbilds und des Kräfteverhältnisses zwischen den Kontrahenten sowie des Kriegs- und [12]Schlachtverlaufs in diesem Buch untersucht werden. Die großen Opferzahlen verdeutlichen zudem die brutale Kriegführung auf beiden Seiten, die von Adolf HitlerHitler, Adolf und seinen Heerführern mit dem Überfall auf die Sowjetunion im Zuge ihres verbrecherischen Eroberungs- und Vernichtungskriegs ausgegangen war. Die Radikalität und Rücksichtslosigkeit auf diesem Kriegsschauplatz hatten massenhaft Gewalttaten gegen Soldaten, Kriegsgefangene und Zivilisten zur Folge, wobei die aktive wie passive Unterstützung des Völkermordes an den Juden durch die Wehrmacht besonders zu betonen ist.
Aber hat das, was die historische Forschung eindeutig belegt, auch ins kollektive Bewusstsein und in die Erinnerungskultur Eingang gefunden? Ganz offensichtlich wird die Erinnerung an die Stalingrader Schlacht bis heute von zahlreichen Mythen und Legenden bestimmt. Immer noch pflegen verschiedene Interessengruppen Bilder der »sauberen« Wehrmacht, bis heute erscheint die 6. Armee in Deutschland in dem verbrecherischen Weltanschauungskrieg des Nationalsozialismus vielen eher als Opfer denn als Täter.
[13]2 Wozu ein Krieg gegen die Sowjetunion?

Die deutsche Wochenschau propagiert den siegreichen Feldzug gegen die Sowjetunion, 14. August 1941.
Als das Deutsche Reich am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfiel, stand HitlerHitler, Adolf scheinbar im Zenit seiner Macht. Die Wehrmacht beherrschte große Teile Europas, und die im deutschen Volk tief empfundene »Schmach von Versailles« schien getilgt. Rassenideologie und militärische Erfolge hatten bei vielen Deutschen nationalistisch-chauvinistische Auffassungen verstärkt. Ein Gefühl der nationalen Selbstüberschätzung war in Deutschland weit verbreitet. Nichts schien den deutschen Soldaten aufhalten zu können.
Doch HitlerHitler, Adolf und seine Heerführer hatten einen Zweifrontenkrieg begonnen. Ein solcher war dem Deutschen Reich bereits im Ersten Weltkrieg zum Verhängnis geworden. Zwar musste sich Großbritannien auf dem europäischen Festland vorerst geschlagen geben, aber sein Widerstand gegen die deutsche Expansion blieb bestehen. HitlersHitler, Adolf Versuche, im Sommer 1940 die deutsche Luftherrschaft über die britische Insel zu [14]gewinnen und die Briten mit Bomben zum Frieden zu zwingen, waren zudem gescheitert. Die Invasion der Insel, das geplante »Unternehmen Seelöwe«, erwies sich ohne Luftherrschaft über dem Ärmelkanal als nicht durchführbar. Auch auf ein Einlenken der Briten und einen Frieden im Westen hoffte HitlerHitler, Adolf vergebens. Selbst aus Übersee kamen Drohungen. US-Präsident Franklin D. RooseveltRoosevelt, Franklin D. bezeichnete Deutschland, Japan und Italien als Feinde der USA. Warum also der Krieg im Osten?
Hitlers Rassen-, Raub- und Expansionskrieg gegen die Sowjetunion
Im Spätsommer 1940 war in HitlerHitler, Adolf angesichts dieser Situation ein wahnwitziger Plan gereift. Er glaubte, nun endlich seinen Traum von der Eroberung des »Lebensraums im Osten« realisieren zu können. Deutschland hielt die Sowjetunion sowohl im Hinblick auf deren militärische Schlagkraft als auch aufgrund der unterdrückten Völker für einen Koloss auf »tönernen Füßen«. War es nicht möglich, sie in einem Blitzkrieg in die Knie zu zwingen? Mit der Kornkammer der Ukraine und den Ölfeldern im Kaukasus, so hoffte HitlerHitler, Adolf, würde Deutschland dann die materielle Basis für eine langfristige Kriegführung gegen das widerstrebende britische Empire zur Verfügung stehen. Zudem liebäugelten HitlerHitler, Adolf und die Wehrmachtführung mit der Idee, östlich des Schwarzen Meeres weiter in Richtung Iran auf der einen und von Nordafrika über Ägypten auf der anderen Seite vorzustoßen, um das Herrschaftsgebiet des Britischen Empire im Nahen und Mittleren Osten zu bedrohen.
Damit nahmen HitlersHitler, Adolf Ostfeldzug, der Plan eines »germanischen Völkerzugs« nach Osten und eines »Glaubenskriegs gegen Bolschewismus, Judentum und Slawen«, konkrete Formen an. Doch HitlersHitler, Adolf Russlandbild war ideologisch stark verzerrt. Neben der auch in Westeuropa anzutreffenden Unterschätzung der inneren, wirtschaftlichen und militärischen Kraft der Sowjetunion verfälschte die »rassenbiologische Schwächediagnose« sein Urteil. Er meinte, das jüdische Volk sei zu schwach, um einen eigenen Staat zu bilden. Deshalb unterwandere es andere Völker und entnationalisiere sie durch rassische Durchmischung, was in Russland bereits geschehen sei. In HitlersHitler, Adolf Augen waren »Juden[15]herrschaft« und Bolschewismus identisch, die Russische Oktoberrevolution hielt er für ein Werk des »Judentums«.

NS-Propagandaplakat aus dem Jahr 1941. Mit dem »Kreuzzug gegen den Bolschewismus« sollte Europa unter »die Flügel« des deutschen Adlers kommen.
Den Krieg gegen seinen »Weltfeind Nr. 1« stellte sich HitlerHitler, Adolf anders vor als die vorangegangenen Feldzüge. Das Unternehmen »Barbarossa« wollte er nicht allein als Kampf der Waffen führen, sondern auch als rassenideologischen Vernichtungskrieg, um den »jüdischen Bolschewismus« auszurotten. Ministerialbeamte, Wissenschaftler, Generalstabsoffiziere, Diplomaten und Industrielle planten im Auftrag HitlersHitler, Adolf ein »Großgermanisches Reich deutscher Nation«. Unterschiedlichste Ansätze wurden dabei verfolgt, konkrete Festlegungen blieben aber aus. Nach den kühnsten Vorstellungen sollte es sich von der Atlantikküste bis zum Ural erstrecken. Als sein Kern galten neben Deutschland auch Teile Frankreichs und Westeuropas, im Osten Böhmen und Mähren (Tschechien) sowie Polen. Diesem Reich sollten die Reichskommissariate »Norwegen«, »Ukraine«, »Ostland« (Baltikum, Weißrussland), »Moskowien« und »Kaukasien« als Protektorate zugeordnet werden. Der Ural war als Grenze zum dann noch verbleibenden russischen Staat gedacht. Die eroberten Rohstoffe der Sowjetunion gedachte HitlerHitler, Adolf für den »Endkampf« im »Weltblitzkrieg« gegen Großbritannien und die USA und später für die Vormacht eines von Deutschland dominierten »Groß-Europa« zu nutzen.
Die von HitlerHitler, Adolf veranlassten und von der Wehrmachtführung umgesetzten »Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare«, kurz: [16]»Kommissarbefehl« genannt, vom 6. Juni 1941 und der »Erlass über die Ausübung der Kriegsgerichtsbarkeit im Gebiet ›Barbarossa‹ sowie über besondere Maßnahmen der Truppe« (Kriegsgerichtsbarkeitserlass) vom 13. Mai 1941 waren verbrecherisch. Beide Befehle verstießen bewusst gegen das Völkerrecht. Der Kommissarbefehl wies an, Politkommissare der Roten Armee nicht als Kriegsgefangene zu behandeln, sondern ohne Verfahren zu erschießen. Gemäß dem Kriegsgerichtsbarkeitserlass konnten Straftaten von Zivilpersonen gegen die Wehrmacht in den Ostgebieten ohne Kriegsgerichts- oder Standgerichtsverfahren mit der Todesstrafe geahndet werden. Flüchtende Personen waren unverzüglich, Verdächtige auf Befehl von Offizieren zu erschießen. Übergriffe von Wehrmachtsangehörigen gegen die Bevölkerung im Besatzungsgebiet wurden von der Strafverfolgung ausgenommen. Das größte Verbrechen und der Kern des Kriegführungsplans war aber HitlersHitler, Adolf Auftrag an den Reichsführer-SS, Heinrich HimmlerHimmler, Heinrich, die »jüdisch-bolschewistischen« Bevölkerungsteile durch SD- und SS-Einsatzgruppen im besetzten Gebiet ermorden zu lassen. Damit wurde der Ostfeldzug bereits von Beginn an als verbrecherischer Vernichtungskrieg geplant.
Die sowjetische Kriegs- und Außenpolitik unter Stalin
StalinStalin, Josef hingegen hatte gehofft, die Sowjetunion aus dem europäischen Krieg vorerst heraushalten zu können. Nachdem seine Versuche, Nichtangriffsverträge mit den Westmächten zu schließen, gescheitert waren, entschloss er sich, den Stier bei den Hörnern zu packen. Am 24. August 1939 ließ er den »Hitler-Stalin-Pakt« unterzeichnen. Bis zuletzt hielt er stoisch an diesem Nichtangriffspakt in der Überzeugung fest, Deutschland werde keinen Zwei-Fronten-Krieg wagen, sondern sich erst Richtung Osten wenden, wenn Großbritannien besiegt sei.
Nicht, dass StalinStalin, Josef keine Eroberungsabsichten verfolgte. Der Diktator wollte die im Ersten Weltkrieg verlorenen Gebiete zurückholen, und der Nichtangriffspakt ermöglichte der Sowjetunion, das Baltikum sowie die ostpolnischen Gebiete zu besetzen. Außenminister Wjatscheslaw MolotowMolotow, Wjatscheslaw forderte im November 1940 in Berlin zudem die Ausweitung des sowjetischen Einflusses auf Südosteuropa, die Türkei und den Nahen Osten. Doch StalinStalin, Josef wusste auch, dass die Rote Armee trotz ho[17]her Rüstungsproduktion und innerer Veränderungen einer modernen Kriegführung, wie sie die Wehrmacht in Europa und Afrika anwandte, nicht gewachsen war. Er veranschlagte weitere zwei Jahre, um die Rote Armee technisch und im Hinblick auf das taktisch-operative Verhalten für die moderne Kriegführung zu wappnen. Stalin wollte verhindern, dass die Sowjetunion in den Krieg hineingezogen würde, bevor die »imperialistischen Mächte« einander zerfleischt hätten. Dann, so hatte StalinStalin, Josef schon 1925 betont, würde die Sowjetunion »als Letzte auftreten, um das entscheidende Gewicht in die Waagschale zu werfen«.
Gewaltige Veränderungen prägten das Land. Die Kollektivierung der Landwirtschaft in den 1930er Jahren trieb Millionen Bauern in die Städte und schuf so die Voraussetzungen für eine groß angelegte Industrialisierung. Es entstanden Industriekombinate, eine Schwerindustrie, Retortenstädte und gewaltige Energiekombinate und Stauseen. Die Volkswirtschaft war zwar noch wenig effizient und produzierte zu Lasten des Konsums, doch bildete sie die Grundlage dafür, dass die Sowjet[18]union in den 1940er Jahren ein gewaltiges Rüstungspotenzial entwickeln konnte. Allerdings kosteten Kollektivierung und Industrialisierung Millionen Menschen das Leben. Neben Hungersnöten war die Verfolgung von »Großbauern« und »Staatsfeinden« eine der Ursachen. Der »Große Terror« richtete sich 1937/38 gegen die Führungskräfte des Landes, gegen vermutete Staatsfeinde (Kulaken) und zugleich gegen ethnische Minderheiten. Insgesamt wurden etwa 1,5 Millionen Menschen verhaftet und 700 000 exekutiert. Millionen verschwanden in den Arbeitslagern der Glawnoje uprawlenije lagerej (›Hauptverwaltung der Lager‹, abgekürzt GULag), eine halbe Million Sowjetbürger wurden bis 1941 in andere Gebiete deportiert. Bis heute gibt es keine genauen Zahlen zu den Opfern der »Säuberungswellen«.

Die Rote Armee demonstriert auf dem Roten Platz in Moskau Stärke, doch noch war die stärkste Armee der Welt nur bedingt einsatzfähig. Konstantin F. Juon, Parade, 1941.
Im Umbruch befanden sich auch die sowjetischen Streitkräfte, denn die militärischen Führungseliten waren einerseits bevorzugte Opfer der politischen »Säuberungen«. Die Rote Armee verlor ihre kriegserfahrensten und kompetentesten Köpfe, so drei der fünf Marschälle, 13 der 15 Armeegenerale, 50 der 57 Kommandierenden Generale und 154 der 186 Divisionsgenerale. Andererseits ließ StalinStalin, Josef die Rote Armee deutlich ausbauen. 1941 standen 5,3 Millionen Soldaten unter Waffen, die Hälfte davon war an der Westgrenze der Sowjetunion stationiert. Weitere 12 Millionen konnten als personelle Reserve mobilisiert werden. Den extremen Armeeausbau begleitete eine beschleunigte materielle Aufrüstung, die allerdings eher quantitativ als qualitativ zu Buche schlug. Immerhin verfügte die Rote Armee 1941 über etwa 23 000 Panzer, 116 000 Geschütze und Granatwerfer sowie 13 000 einsatzbereite Flugzeuge. Damit besaß die UdSSR auf dem Papier die stärkste Armee der Welt. Doch die Streitkräfte waren nur bedingt einsatzfähig und sehr heterogen. Ihre Führung, ihr technischer Zustand und ihr schwacher Zusammenhalt eigneten sich nicht für die moderne Kriegführung. Das wusste auch StalinStalin, Josef.
Unternehmen »Barbarossa«
Die deutsche Militärstrategie setzte beim Überfall auf die Sowjetunion auf das Konzept des »Blitzkrieges« mit Panzerdurchbrüchen durch die Verteidigungslinien der Roten Armee, um dann schnell bis tief ins Hin[19]terland des Gegners zu stoßen. Dabei sollten die gegnerischen Armeen und Divisionen durch große Umfassungsoperationen eingekesselt und zerschlagen werden. Der Vorstoß war auf der gesamten Grenzlänge geplant und sollte im Hauptstoß in der Einnahme der Hauptstadt Moskau gipfeln. Für den Feldzug war das Erreichen der Linie Wolga – Archangelsk vorgesehen. Ein wichtiger Planer des Ostfeldzuges war Generalleutnant Friedrich PaulusPaulus, Friedrich, den der Chef des Generalstabes des Heeres, Generaloberst Franz HalderHalder, Franz, im September 1940 dafür in den Generalstab berief.

Der Überfall auf die Sowjetunion wurde von der Wehrmachtführung willfährig mitgetragen. HitlerHitler, Adolf räumte die Furcht vor dem Zweifrontenkrieg mit dem Argument aus, der russische »Bär« werde so schnell fallen, dass Großbritannien daraus kein Kapital schlagen könne. Die Niederlage des letzten »Festlanddegens« in Europa werde die Briten zum Friedensschluss zwingen. Doch vieles sprach gegen den Angriff. Seit 1940 war klar, dass der Wehrmacht im Kriegsfall eine zahlenmäßig überlegene Rote Armee gegenüberstehen würde, deren Ausrüstung mit modernen Waffen jedoch erst begonnen hatte. Um den Überfall erfolgversprechend erscheinen zu lassen, betonte das Oberkommando des Heeres (OKH), die Rote Armee besitze keine kompetente militärische Führung, während die Einheiten schlecht ausgerüstet und moralisch wenig motiviert seien.
Am Morgen des 22. Juni 1941 überfielen über 3 Millionen deutsche und mit ihnen verbündete Soldaten die UdSSR auf einer Frontbreite von 2130 Kilometern. Es war ein Überraschungsschlag ohne jede Kriegserklärung. StalinStalin, Josef hatte zwar die Masse seiner Armee zur Abschreckung an die Westgrenze verlegt, die Einheiten aber nur teilweise in Alarmbereitschaft versetzt. Der deutschen Luftwaffe gelang es noch am ersten Tag, das Gros der sowjetischen Luftwaffe am Boden zu zerstören und die Lufthoheit zu erringen. Drei Heeresgruppen stießen in Richtung Leningrad (heute Sankt Petersburg), Moskau sowie Kiew vor und drangen schnell tief in sowjetisches Gebiet ein.

Infanterie der Wehrmacht in einer eroberten Ortschaft
Das Konzept des geplanten »Blitzkrieges«, die operative Führung mit dem verstärkten Einsatz moderner technischer Kampfmittel, schien aufzugehen. Die vier gut geführten deutschen Panzergruppen, unterstützt durch zielgenaue Luftschläge, durchbrachen immer wieder die Abwehrlinien der Roten Armee. Die nachfolgenden Infanteriedivisionen umzingelten die gegnerischen Truppen und fügten den sowjeti[22]schen Streitkräften hohe Verluste an Menschen und Material zu. In gut einer Woche drang die Wehrmacht bis zu 400 Kilometer ins Landesinnere vor. In der Kesselschlacht von Minsk und Białystok verlor die Rote Armee 420 000 Soldaten und über 3000 Panzer. Bei Smolensk betrugen die Verluste 486 000, im Kessel von Uman 103 000, im Kessel von Kiew 665 000 Rotarmisten. Bis Ende 1941 gerieten rund 3,3 Millionen sowjetische Soldaten in Gefangenschaft. Die Rote Armee verlor über 12 000 Panzer und ebenso viele Flugzeuge. Am 3. Juli notierte HalderHalder, Franz in sein Kriegstagebuch:
Im Ganzen kann man also schon jetzt sagen, dass der Auftrag, die Masse des russischen Heeres vorwärts Düna und Dnjepr zu zerschlagen, erfüllt ist. […] Es ist also wohl nicht zu viel gesagt, wenn ich behaupte, dass der Feldzug gegen Russland innerhalb [von] 14 Tagen gewonnen wurde.

Die Grenzgarnisonen werden überrannt. Sowjetische Soldaten ergeben sich 1941.
Der Wehrmacht war die anfängliche Überraschung gelungen. Zwar konnte der Aufmarsch des Millionenheeres nicht verborgen bleiben, [23]zumal es Hinweise auf die deutschen Angriffspläne gegeben hatte, doch hatte StalinStalin, Josef allen Angriffsmeldungen keinen Glauben geschenkt. Er hielt stur an der vermeintlichen »Lebensversicherung«, dem Pakt mit HitlerHitler, Adolf, fest. Und er irrte sich gewaltig; der Überfall traf ihn wie ein Schock. Zum Zeitpunkt des Überfalls gab es keinen Oberbefehlshaber der sowjetischen Streitkräfte. Erst am 23. Juni 1941 schuf StalinStalin, Josef die »Stawka« (Stawka Werchownowo Glawnokomandujuschtschewo), das ›Hauptquartier des Kommandos des Obersten Befehlshabers‹. Wegen der immensen Verluste versuchte das Hauptquartier immer neue Divisionen auszurüsten und in die Schlacht zu schicken, um die Wehrmacht aufzuhalten. Diese neuen, oft schlecht ausgerüsteten und kriegsunerfahrenen sowjetischen Verbände hatten gegen die eingespielten Wehrmachtverbände zunächst kaum eine Chance.

Erst Schlamm, dann Frost behindern den Vormarsch. Panzer I und Sonderkraftfahrzeuge 7 quälen sich auf einer unbefestigten Straße in den Weiten der Sowjetunion.
Das Bild änderte sich jedoch bald. Die deutschen Truppen begannen, sich müde zu siegen. Oft gingen mehr Fahrzeuge durch Staub, der mit dem Beginn der regnerischen Jahreszeit zu Schlamm wurde, und fehlenden Nachschub verloren als durch Kampfhandlungen. Die Versor[24]gungswege wurden immer länger, die Verkehrswege immer schlechter. Und anders als in Frankreich lief der Gegner nach frustrierenden Erlebnissen nicht fort oder ergab sich. Vielmehr kämpften die sowjetischen Soldaten zäh um jeden Meter Boden ihrer Heimat. Die Sowjetunion brach nicht wie prophezeit zusammen, sondern führte immer neue Divisionen und Kriegsgerät heran. Der Verschleiß an Mensch und Material nahm auch bei der Wehrmacht bald dramatische Formen an; es mangelte überall an Ersatz.
Anfangs schien es, als könne die Sowjetunion unmöglich derart gravierende Verluste an Mensch und Material kompensieren. Doch sie schöpfte aus ihren unendlich wirkenden menschlichen und wirtschaftlichen Ressourcen im Hinterland. Kein Plan der Wehrmachtführung hatte die etwa 12 Millionen Reservisten in der UdSSR einkalkuliert; auch das Wirtschaftspotenzial hinter dem Ural war unterschätzt worden. Obschon die UdSSR von Kriegsbeginn bis Ende 1941 nur etwa 6300 Panzer neu produzieren konnte, stieg die Produktionszahl konti[25]nuierlich an. Zudem hatte der Materialverlust einen innovativen Effekt. Veraltete Modelle mussten durch modernes Gerät ersetzt werden, womit zugleich die Kampf- und Feuerkraft der sowjetischen Einheiten wuchs. Am 11. August 1941 gelangte HalderHalder, Franz zu dem Eingeständnis, dass »der Koloss Russland […] unterschätzt worden ist. […] Wir haben bei Kriegsbeginn mit etwa 200 feindlichen Divisionen gerechnet. Jetzt zählen wir bereits 360.«
HitlerHitler, Adolf und die Wehrmachtführung aber hielten an ihrer Überzeugung fest, die Sowjetunion werde die immensen Verluste nicht wettmachen können, ihr Zusammenbruch stehe kurz bevor. Im August 1941 verlagerte HitlerHitler, Adolf gar die Offensive von Moskau weg und in den Südosten hinein, um sich die Ukraine zu sichern. Zwar streckten im Kessel von Kiew 665 000 sowjetische Soldaten die Waffen, doch die Eroberung der ukrainischen Hauptstadt brachte keinen entscheidenden Vorteil. Die Operation »Taifun«, der Angriff auf Moskau aber, verzögerte sich. Als am 2. Oktober die Operation begann, verlor die Rote Armee in der Doppelschlacht von Wjasma und Briansk zwar erneut 673 000 Soldaten und fast 1300 Panzer. Zugleich aber wurde deutlich: Die deutschen Divisionen waren ausgebrannt, manche besaßen nur noch ein Drittel ihrer Waffen oder die halbe Kampfstärke. Schlamm, der beginnende Frost sowie der Mangel an Material, Treibstoff und Soldaten hatten den »Taifun« zum lauen Lüftchen werden lassen. Der deutsche Angriff kam wenige Kilometer vor Moskau zum Erliegen. Die Vernachlässigung des Nachschubs zeitigte deutliche Folgen.

Sowjetische Panzer auf dem Weg zur Schlacht vor Moskau Ende 1941
Ein zweiter Faktor kam der Sowjetunion zu Hilfe. Mitte August hatte der sowjetische Agent Dr. Richard SorgeSorge, Richard aus Japan nach Moskau gemeldet, dass sich das Tenno-Reich nicht gegen sie, sondern gegen die USA wenden werde. StalinStalin, Josef konnte daher 700 000 gut gerüstete und ausgebildete Soldaten aus Sibirien abziehen, um sie vor Moskau einzusetzen. Erstmalig seit Kriegsbeginn besaß die Rote Armee eine starke operative Reserve, die nun gegen die mit letzter Kraft anrennende Wehrmacht zum Tragen kam. Am 5. Dezember brachen 14 sowjetische Armeen gegen die total erschöpfte Heeresgruppe Mitte los. Den frischen Truppen hatten die abgekämpften deutschen Divisionen nichts entgegenzusetzen. Die Rote Armee drängte sie bis zum 7. Januar 1942 auf einem 1000 Kilometer breiten Abschnitt der Front bis zu 250 Kilometer nach Westen zurück.
[26]Die Gesamtlage an der Ostfront offenbarte, dass dem deutschen Heer die Voraussetzungen für ein siegreiches Ende des Feldzuges verlorengegangen waren. HitlerHitler, Adolf, der die Warnungen bezüglich der fehlenden Winterausrüstung und der notwendigen Auffrischung der deutschen Truppen in Winterstellungen in den Wind geschlagen hatte, fiel nun nichts Besseres ein als ein rigoroser Haltebefehl. Die Wehrmacht grub sich ein, wo sie gerade lag. Kommandeure, die taktische Rückzüge zur Frontbegradigung oder in operativ bessere Stellungen zuließen, wurden ihres Kommandos enthoben. Die Winterkrise erschütterte die Wehrmacht.
HitlerHitler, Adolf suchte einen Sündenbock und glaubte, ihn in Generalfeldmarschall Walther von BrauchitschBrauchitsch, Walther von, dem Oberbefehlshaber des Heeres, gefunden zu haben. Er ließ BrauchitschBrauchitsch, Walther von ablösen und machte stattdessen sich selbst zum Oberbefehlshaber des Heeres. Ende 1941 merkten viele Generale, dass ihre ursprünglichen Zweifel am »militärischen Genie« des Gefreiten aus dem Ersten Weltkrieg berechtigt gewesen waren. Zu Widerspruch fanden dennoch nur wenige den Mut. HitlersHitler, Adolf rigoroses [28]Durchgreifen gegenüber den Generalen dämpfte deren Entschlossenheit stark.
Das Unternehmen »Barbarossa« war gescheitert, und damit der »Blitzkrieg« gegen die Sowjetunion. Es folgte ein langwieriger Abnutzungskrieg gegen die UdSSR mit ihren unerschöpflichen materiellen und personellen Ressourcen. Zudem wuchs die Gefahr, dass die Briten und nun auch die Amerikaner, denen HitlerHitler, Adolf im Dezember 1941 den Krieg erklärt hatte, eine zweite Front eröffnen würden. HitlerHitler, Adolf und die Wehrmachtführung hatten das Deutsche Reich in eine prekäre Lage manövriert, aus der sie keinen Ausweg wussten. Sie versteiften sich auf die Hoffnung, dass sich die Sowjetunion mehr verausgabt habe als die Wehrmacht, weshalb sich die Rote Armee nicht mehr regenerieren könne. Eine Sommeroffensive sollte 1942 die Entscheidung bringen und die UdSSR in die Knie zwingen. Doch das »Dritte Reich« war zur Offensive an der gesamten Ostfront nicht mehr fähig. Daher beschloss HitlerHitler, Adolf, die Kräfte im Süden zu konzentrieren. Eine dortige Großoffensive mit dem operativen Konzept der Umfassung und Vernichtung der sowjetischen Truppen sollte der UdSSR ihr Öl und die Kampfkraft nehmen.

[29]3 Kriegsbild und Kontrahenten

Der Marsch in den Tod. Sowjetische Karikatur Metamorphose der deutschen Wehrmacht von der Künstlergruppe KukryniksyKukryniksy (Maler) 1942
Im Frühjahr 1942 standen sich an der Ostfront zwei schwer angeschlagene Gegner gegenüber. Beide hatten im Kriegsjahr 1941 schwere Verluste erlitten, beide hatten Schwierigkeiten, ihre Streitkräfte zu regenerieren. Und doch wollten HitlerHitler, Adolf und StalinStalin, Josef 1942 die Initiative, den Angriff und einen baldigen Sieg – das Deutsche Reich, weil es einen Abnutzungskrieg gegen den riesigen sowjetischen Staat nicht gewinnen konnte, die UdSSR, weil sie um ihr Überleben kämpfte.
HitlerHitler, Adolf fasste die Ziele ins Auge, die er schon 1941 anvisiert hatte – die Ölfelder des Kaukasus, die Wolga als Lebensader der UdSSR und die Rüstungsmetropole Stalingrad (heute Wolgograd). In Maikop, Grosny und Baku wurden 90 Prozent des sowjetischen Erdöls gefördert, und an der Wolga lagen große Industriezentren der Sowjetunion. Mit deren Eroberung hoffte HitlerHitler, Adolf, der Roten Armee die rüstungswirtschaftliche Grundlage zu nehmen. Er vermutete,Stalin, Josef die Sowjetunion werde die Erdölfelder mit allen Kräften verteidigen. Das würde der Wehrmacht ermöglichen, deren »lebendige Wehrkraft endgültig zu vernichten«.
[30]Doch die Wehrmachtführung stand vor einem Dilemma. Alles, was sie gegen die UdSSR geplant hatte, war auf den »Blitzkrieg« fixiert. Ein Plan B fehlte. Es blieb nur, auf den militärischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch von StalinsStalin, Josef Reich zu hoffen. In dieser Zwickmühle zeigte sich die ganze Ratlosigkeit der Wehrmachtführung, die HitlersHitler, Adolf wahnwitzigem Plan mangels eigener Alternativen folgte. Nur zaghafte Einwände wurden erhoben. Der Chef des Ersatzheeres, Generaloberst Friedrich FrommFromm, Friedrich, verkündete hinter vorgehaltener Hand, dass angesichts der katastrophalen Versorgungslage der Wehrmacht ein Friedensschluss die einzige Alternative sei. Generalmajor Eduard WagnerWagner, Eduard, der Generalquartiermeister des Heeres, verspottete intern die »utopischen Offensivpläne«. Doch offiziell gab es keinen Widerspruch gegen die kommende Offensive.

Adolf HitlerHitler, Adolf und Franz HalderHalder, Franz (r.) mit dem Oberbefehlshaber der ungarischen 2. Armee Generaloberst Gusztáv JányJány, Gusztáv Vitéz bei Planspielen der Wehrmacht am 21. Mai 1942
Mit der Weisung Nr. 41 vom 5. April 1942 legte HitlerHitler, Adolf die Ziele für die Operation »Blau« fest. Die Heeresgruppe Süd unter Generalfeldmarschall Fedor von BockBock, Fedor von hatte den eigentlichen Angriff zu führen. Zu[31]nächst war vom nördlichen Flügel in einer Zangenbewegung die Stadt Woronesch am Don zu nehmen (Blau I). Anschließend sollte am Don entlang mit der 6. Armee aus dem Raum Charkow heraus die Masse der sowjetischen Kräfte vernichtet werden (Blau II). Daraufhin wollte das OKH mit dem südlichen Flügel die Wolga und Stalingrad erreichen (Blau III). Schließlich sollte die Eroberung der Ölfelder bis hinunter nach Baku und zum Kaukasus (Blau IV) folgen. Ferner enthielt die Weisung weitere Ziele, so die Besetzung der Halbinsel Krim als Flankendeckung des Stoßes in den Kaukasus im Süden und die Eroberung Leningrads im Norden.

Der Plan aber hatte ganz erhebliche Schwächen, sodass nicht einmal StalinStalin, Josef an ein solches Risikounternehmen seines Gegners glaubte. Ein operativer Fehler war, dass »Fall Blau« mit dem Vorstoß zur Wolga und in den Kaukasus gleich zwei Hauptziele hatte. Die Aufsplitterung und damit Schwächung der Kräfte war also programmiert. Hinzu kam die gewaltige Distanz, die beim Vorstoß zurückzulegen war: Stalingrad lag 500 Kilometer, Baku gar 1200 Kilometer entfernt. Die Wehrmacht sollte diese gewaltige Strecke noch vor Einbruch des Winters überwinden. Gleichzeitig war der Nachschub über diese Entfernungen sicherzustellen, ein Problem, das schon den Vormarsch 1941 behindert hatte. Über den Dnjepr gab es nur eine Eisenbahnbrücke, die zum Engpass der Versorgung zu werden drohte.
Mit dem Vorstoß verlängerte sich die abzusichernde Frontlinie um Hunderte Kilometer. Die Wehrmacht war schon kaum in der Lage, die materiellen und personellen Voraussetzungen für die Sommeroffensive zu schaffen. Wie aber wollte sie den neugewonnenen Raum sichern? HitlerHitler, Adolf plante, die lange Nordflanke vorrangig mit Armeen der Verbündeten zu besetzen. Da diese Einheiten in ihrer Erfahrung und Kampfkraft jedoch nicht an die Wehrmachtverbände heranreichten, sollten zwischen ihnen zur Stabilisierung der Front einzelne deutsche Verbände »eingezogen« werden. Und so blieb das Unternehmen eine regelrechte Einladung zum sowjetischen Gegenangriff.
[33]Die Wehrmacht nach dem Scheitern von »Barbarossa«
Im Frühjahr 1942 war das Ostheer nur noch ein Schatten jener Wehrmacht, mit der HitlerHitler, Adolf 1941 in die UdSSR eingefallen war. Der Kampfkraftverlust der Verbände wurde bei den Heeresgruppen Nord und Mitte auf je ein Drittel geschätzt, bei der Heeresgruppe Süd lag er sogar bei 50 Prozent. Über 1,1 Millionen Tote, Verwundete und Vermisste, also einen Verlust von 35 Prozent ihrer Gesamtstärke, hatte die Wehrmacht bis Ende März 1942 zu verbuchen. Konnte der Generalstab beim Angriff 1941 immerhin 65 Prozent der Divisionen als voll einsatzbereit bewerten, waren es Ende März 1942 höchstens noch 5 Prozent. Nur acht von 162 Divisionen galten als für alle Einsatzaufgaben geeignet. Das Rückgrat des Heeres, die Infanteriedivision, zählte im Normalfall 16 500 Mann. An der Front war die Personalstärke in den heftigen Abwehrkämpfen im Winter zum Teil auf unter 50 Prozent gesunken. Es fehlten etwa 35 Prozent der Truppen bzw. bis zu 7000 Mann pro Division. Die Hoffnung, den Personalmangel bis Jahresende auszugleichen, blieb eine Illusion. Daher wurden Einheiten der Heeresgruppe Nord und Mitte abgezogen, um die Divisionen im Süden der Ostfront aufzufüllen.
Die intern erhobenen Bedenken dagegen, den Feldzug in diesem Zustand zu eröffnen, wehrte das OKW ab. Die Nachteile würden durch »die im Winter gezeigte hohe moralische und körperliche Leistungsfähigkeit, die Durchbildung der Führer- und Kämpfereigenschaften« ausgeglichen. Sorgen machte sich HalderHalder, Franz auch über die Versorgung der Truppe. Schon im Frühjahr war klar, dass es angesichts des wenig ausgebauten sowjetischen Eisenbahn- und Straßennetzes kaum möglich sein würde, die Versorgung für die kommende Offensive vollkommen sicherzustellen. Trotz aller Zweifel aber wagte HalderHalder, Franz nicht, gegen HitlerHitler, Adolfs Vorhaben zu opponieren. Folglich blieb im OKH und in den Führungsstellen der Versorgung unterschwellig die Befürchtung bestehen, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen sei, falls die Offensive 1942 scheitern sollte.
Im Juni 1941 hatte die Wehrmacht im Osten mit 203 Divisionen angegriffen, deren jeweilige Stärke bei ca. 13 800 Mann lag. Ein Jahr später standen durch Kontingente der Verbündeten 229 Divisionen zur Verfügung, doch deren Kampfstärke war auf 11 800 Mann gesunken. Italien, Rumänien, Ungarn und die Slowakei stellten 51 Divisionen für die Ost[34]front, auch eine spanische Freiwilligendivision stand vor Leningrad. Mit der Einbeziehung der Verbündeten gelang es, im Südabschnitt eine numerische Überlegenheit gegenüber der Roten Armee zu schaffen, insbesondere bei der Zahl der Panzer und Flugzeuge. Dies lag auch daran, dass StalinStalin, Josef die neue Offensive der Wehrmacht von Kursk und Orel Richtung Norden auf Moskau und Gorki erwartete und dementsprechende Abwehrschwerpunkte im Norden setzte. Dagegen schätzte die Abteilung Fremde Heere Ost, die im OKH mit der Feindaufklärung betraut war, die operativen Reserven der Roten Armee im Mai 1942 auf insgesamt nur 60 Divisionen.

Bespannte Truppenteile der Wehrmacht auf dem Marsch an der Ostfront im März 1942
Die materielle Lage des Ostheeres war keineswegs befriedigend. Von den 3648 Kampfpanzern der Typen I bis IV an der Ostfront waren 3254 völlig zerstört worden oder mussten repariert werden. Nach Auslieferung von 732 neuen und der Rückführung instand gesetzter Panzer fehlten im Januar 1942 noch 1547 Panzer, also fast die Hälfte des Panzerbestandes vom Sommer 1941. Schlimmer wirkte sich das Fehlen von Radfahrzeugen aus, von denen über 74 000 ausgefallen waren. Schon 1941 [35]waren die Divisionen mit Kraftfahrzeugen und schweren Waffen für den Bewegungskrieg untermotorisiert. Diese Problematik hatte sich nun verschärft, sodass Huf und Stiefel die üblichen Fortbewegungsmittel der Infanterie und Artillerie blieben. Mangel herrschte auch bei Infanterie- und Artilleriewaffen, denn die deutsche Kriegsproduktion hinkte den Verlusten der Wehrmacht hinterher. Im Jahr 1942 wurden mehr und mehr Beutewaffen verwendet, weshalb die Einheiten unterschiedlich gut ausgerüstet waren.

Die Munitionsfertigung reichte nach Berechnungen des Generalquartiermeisters Eduard WagnerWagner, Eduard bei den wichtigsten Kalibern nicht mehr aus, um den Verbrauch zu decken. Generaloberst FrommFromm, Friedrich prognostizierte im Januar 1942, dass die Neufertigungen nie für den ganzen Monat genügen würden und eine grundlegende Besserung nicht zu erwarten sei. Den Wehrmachtverbänden des Jahres 1942 fehlte es somit erheblich an Mobilität und Feuerkraft.
Ende Juni 1942 verfügte die Heeresgruppe Süd über 103 Divisionen, von denen allerdings 16 nicht vollständig waren oder nur als Sicherungs[36]divisionen dienten. Unter den 10 Panzerdivisionen waren drei ungarische leichte in der Reserve der Heeresgruppe. 4 Divisionen waren motorisiert. Im Bestand befanden sich zudem 12 rumänische, 6 italienische und eine slowakische »Schnelle Division«. Das Gros der deutschen Panzer und Kraftfahrzeuge blieb in motorisierten Divisionen konzentriert.
»Schnelle Truppen«
Mit der Einführung der Panzer entstand in der Wehrmacht die Truppengattung der »Schnellen Truppen«. Zu ihr gehörten neben der Panzertruppe die Panzerjäger, die Kavallerie und die Aufklärungsverbände.
Die Infanteriedivisionen (mot.) wurden im Zuge der Mechanisierung der Wehrmacht zur Erhöhung ihrer Mobilität mit Lastkraftwagen ausgestattet und sollten die Panzerdivisionen bei ihren Vorstößen unterstützen.
Die »Leichten Divisionen« ersetzten die Kavallerie und waren ein Bindeglied zwischen den Infanteriedivisionen (mot.) und den Panzerdivisionen. Sie verfügten anfangs über zwei Kavallerieschützenregimenter, ein Aufklärungsbataillon, ein Artillerieregiment und eine Panzerabteilung. Da sie sich im Feldzug gegen Polen nicht bewährten, wurden sie allerdings schrittweise in Panzerdivisionen umgewandelt.
1943 wurden die »Schnellen Truppen« zugunsten der »Panzer-Truppen« aufgelöst. Aus den Infanteriedivisionen (mot.) wurden Panzergrenadierdivisionen. In der Roten Armee vollzog sich mit motorisierten und mechanisierten Verbänden ab 1942 eine ähnliche Entwicklung der Mobilisierung und Kampfwertsteigerung der Infanterie.


Schaut man sich die Panzerwaffe an, spricht der formale Vergleich auf den ersten Blick sowohl nach technischen Daten als auch in der Menge für die sowjetische Seite. Über schwere Panzer verfügte die Wehrmacht nicht. Standard waren die mittleren Panzer III mit 5-cm-Kanone und Panzer IV mit kurzer 7,5-cm-Kanone. Der zusätzlich verwendete tschechische Beutepanzer T-38 war 1942 veraltet. Der leichte Panzer II hatte auf dem Gefechtsfeld keine Chance mehr und diente lediglich der Aufklärung. Mit der Serie von Sonder-KfZ 250 waren verschiedene Schützenpanzerwagen im Einsatz, die sich 1941/1942 bewährt hatten. Doch [38]es kam nicht nur auf die Leistung der Kanonen und die Panzerung an, sondern vor allem darauf, wie die Panzer eingesetzt wurden. Der Vorteil im taktischen Einsatz lag in dieser Hinsicht klar auf Seiten der Wehrmacht. Die deutschen Panzer waren per Funk miteinander verbunden, sodass ihr Einsatz im Gefecht koordiniert werden konnte.

Sturmgeschütze III auf dem Vormarsch mit aufgesessener Infanterie im Juli 1941
Bewährte Allzweckwaffen der Infanterieunterstützung waren die seit 1941 in Abteilungen zusammengefassten Sturmgeschütze. Das mit 10 000 Stück am häufigsten produzierte Sturmgeschütz III, das oft den Infanteriedivisionen zugeordnet wurde, diente als Durchbruchs- und Jagdpanzer sowie als fahrende Artillerie. Leichte Panzer rüstete man als [39]Selbstfahrlafetten mit Beutegeschützen um. Die Artillerie der Wehrmacht war kriegserprobt und leistungsstark. Die Panzerabwehrkanone 3,7 cm (Pak) allerdings wirkte nur gegen ältere Panzertechnik und wurde von den Landsern seit dem Auftauchen des Panzers T-34 als »Panzer-Anklopf-Gerät« verspottet. An seine Stelle trat 1942 die wirkungsvolle 7,5-cm-Pak. Zur Panzerbekämpfung optimal geeignet war die Flugabwehrkanone (Flak) 8,8 cm.
Die deutsche Luftwaffe war technisch modern, ihre Piloten waren im Hinblick auf Können und Einsatzkonzept hochqualifiziert. Allerdings hatte sie im Luftkrieg gegen England schwere Verluste an Menschen und Material erlitten. Gut ausgebildete Piloten waren inzwischen rar geworden. Solange die deutsche Luftherrschaft an der Ostfront Bestand hatte, machte sich dieser Mangel zunächst nicht bemerkbar. Das Zusammenspiel zwischen Luftwaffe und Bodentruppen funktionierte hervorragend. Dabei kam mit dem Sturzkampfbomber Junkers Ju 87 (»Stuka«) ein zwar technisch veraltetes, aber trotzdem wirksames Mittel zum Einsatz. Die Stukas bewährten sich im Häuserkampf von Stalingrad bei der zielgenauen Bekämpfung gegnerischer Stellungen, während der Bomber Ju 88 massenhaft bei der Zerstörung der Stadt eingesetzt war. Als Jäger war die Messerschmitt Bf 109 den sowjetischen Jägern 1942 noch überlegen. Die technisch fortschrittlichere Focke-Wulf [40]Fw 190 kam im Osten erst spät zum Einsatz. Die Messerschmitt Bf 110 war hingegen 1942 an der Ostfront als Jagdbomber und Erdkampfflugzeug modernen Jagdflugzeugen nicht mehr gewachsen. Standardtransportflugzeug der Luftwaffe war die alte »Tante Ju«, die Junkers Ju 52. Sie und die Heinkel He 111 sollten den Kessel von Stalingrad hauptsächlich mit Nachschub und Proviant versorgen.

Behelfsreparatur einer Ju 88 des Kampfgeschwaders 51 »Edelweiß« auf einem Feldflugplatz an der Ostfront
In Fragen des operativ-taktischen Könnens war die Wehrmacht der Roten Armee 1942 überlegen. Das operative Konzept der Wehrmacht sah auch 1942 tiefe Panzervorstöße vor, wie man sie 1941 erfolgreich praktiziert hatte, die in Kombination von unterschiedlichen Truppengattungen oft als »Kampfgruppen« durchgeführt wurden. Die Speerspitze, in der Panzer, motorisierte Artillerie, Raketenwerfer und Luftwaffe als verbundene Waffen operierten, schuf jene Augenblicke der Überlegenheit, die viele Schlachten entschieden. Die Panzerspitzen rissen die Fronten des Gegners auf und kesselten dessen Verbände ein. Der »hölzerne« Stiel des Speeres, die nachrückende Infanterie, besetzte dann das Gelände, räumte die Kessel aus und führte die Gefangenen ab. [41]Die gepanzerte Speerspitze stieß derweil weiter vor. Diese Doktrin wurde auch 1942 noch effizient und erfolgreich angewandt. Allerdings traten während des Vormarschs 1942 verstärkt die Hindernisse auf, die schon 1941 das Vordringen erheblich verzögert hatten. In der Weite des Raums konnte die Infanterie den Panzerspitzen kaum folgen, auch die Versorgungseinheiten kamen nicht hinterher, und immer häufiger blieben die schnellen Truppen wegen Treibstoffmangels liegen.
Im taktischen Bereich waren die Offiziere und Unteroffiziere der Wehrmacht dank ihrer Ausbildung und des Führungsprinzips der Auftragstaktik den sowjetischen Einheitsführern weiterhin überlegen. Gemäß der Auftragstaktik wurden nur Ziele, Grenzen und Mittel vorgegeben, in der Umsetzung hatte der Befehlsempfänger relativ freie Hand. Das erlaubte eine flexible, an die reale Lage vor Ort angepasste Gefechtsführung. Sie erwies sich im Vergleich zu anderen Armeen als einzigartig und war das Geheimnis mancher Erfolge auch gegen überlegene Gegner. 1942 aber machte sich bemerkbar, dass viele erfahrene Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten ausgefallen waren, für die sich kein adäquater Ersatz mehr fand.
[42]Noch immer zeigten sich die deutschen Soldaten motiviert. Ihr Kampfgeist beruhte auf der Kriegserfahrung, professionellem Können und engen kameradschaftlichen Bindungen. Im Offizierkorps ebenso wie unter den einfachen Soldaten war der Glaube an den »Führer« Adolf HitlerHitler, Adolf weitgehend ungebrochen. Der Nimbus von der »unbesiegbaren Wehrmacht« erhielt in den Winterschlachten 1941/42 zwar erhebliche Kratzer, doch HitlersHitler, Adolf starrsinniger Haltebefehl hatte dazu geführt, dass die Wehrmacht die Ostfront im Februar 1942 stabilisieren konnte. Das gemeinsame Leid bei der erbitterten Verteidigung fremden Bodens verstärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Kameradschaft. Wenn der Winter überstanden wäre, davon waren viele überzeugt, würde die Wehrmacht den Krieg im Osten erfolgreich beenden.

Panzer und Infanterie im Winterkampf vor Wolokolamsk im Dezember 1941
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