Читать книгу: «Ghostsitter»

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Die bisherigen Bände dieser Serie:

Ghostsitter Band 1: Geister geerbt

Ghostsitter Band 2: Vorsicht! Poltergeist!

Ghostsitter Band 3: Hilfe, Zombie-Party!

Ghostsitter Band 4: Schreck im Spiegelkabinett

Ghostsitter Band 5: Tanz der Untoten

Die Serie wird fortgesetzt!

1. überarbeitete Neuauflage August 2019

Copyright © 2019 by Tommy Krappweis & Edition Roter Drache

Edtion Roter Drache, Holger Kliemannel, Haufeld 1, 07407 Remda-Teichel

edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org

Umschlagillustration und Vignetten: Timo Grubing

Umschlaggestaltung: Timo Grubing

Korrektorat: Diane Krauss

Gesamtherstellung: Jelgavas tipografia

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2020

Alle Rechte vorbehalten.

Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (auch auszugsweise) ohne die schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.

ISBN 978-3-964260-54-3


Inhalt

Kapitel 1:Umsonst gegruselt

Kapitel 2:Voll verhamstert

Kapitel 3:Der Getodstag

Kapitel 4:Das Ritual

Kapitel 5:Ein beleidigter Geist

Kapitel 6:Voodoo im Museum

Kapitel 7:Ein Dolch in Essen

Kapitel 8:Frag den Hamster

Kapitel 9:Lena

Kapitel 10:Der Geist in der Vitrine

Kapitel 11:Der Ring der Kaili

Kapitel 12:Recherche mit dem Daumen

Kapitel 13:Der charmante Werwolf

Kapitel 14:Die Sammlerin

Kapitel 15:Der Auktionator

Kapitel 16:Der Ektoplasma-Express

Kapitel 17:Der Klingelstreich

Kapitel 18:Désirée von Dumont

Kapitel 19:Das Hörspiel im Salon

Kapitel 20:Die Sammlung

Kapitel 21:Der Schrank

Kapitel 22:Die Flucht

Kapitel 23:Der Kessel

Kapitel 24:Kurz entgeistert

Kapitel 25:Ein Kessel Buntes

Kapitel 26:Der Kucheneffekt

Kapitel 27:Hoppla

Kapitel 28:Vampirisches

Kapitel 29:Ausgependelt

Kapitel 30:World of WerWizards

Über den Autor

Weitere Bücher


Kapitel 1: Umsonst gegruselt

Zwei Euro fuffzich? Nicht euer Ernst.« Tom blickte auf und sah in das betont cool gelangweilte Gesicht eines etwa sechzehnjährigen Jungen.

Der erwiderte Toms Blick durch seine verspiegelte Sonnenbrille, schaute dann einmal ganz besonders geringschätzig an der Fassade der Geisterbahn auf und ab und wandte sich schließlich an das Mädchen neben ihm.

»Also, nee. Das Ding sieht total vergammelt aus. Guck mal, da oben bei dem Uhu sind die Glühbirnen kaputt, und die Geisterfigur da bewegt sich, als hätte sie ein Gipsbein. Nee, für zwei fuffzich kaufen wir uns lieber was zu trinken, und ich erschreck dich selbst.«

Doch bevor er seine Freundin am Arm wegziehen konnte, hob Tom die Hand und beugte sich den beiden aus dem kleinen Kassenhäuschen der Geisterbahn entgegen. »Vorschlag. Ihr steigt jetzt einfach ein, ohne zu bezahlen, und ich bekomme das Geld hinterher – und zwar nur dann, wenn ihr euch gegruselt habt.«

Der Junge sah Tom verwundert an. Auch dem Mädchen war deutlich anzusehen, dass sie den Vorschlag irgendwie seltsam fand.

Tom wartete geduldig auf eine Antwort. An diesem Mittwochvormittag war bis auf ein paar Kindergartengruppen, die sich um das Entenangeln und das Dampfkarussell scharten, eh nicht viel los auf dem Rummelplatz. Für Kinder unter sechs Jahren war die Schreckensfahrt auf jeden Fall zu gruselig, also waren die beiden Jugendlichen vor ihm die einzigen potenziellen Kunden weit und breit. Da konnte er auch mal eine Fahrt verschenken, und wenigstens sah es dann so aus, als hätten sie Besucher.

»Okay«, ließ sich da der coole Sonnenbrillentyp vernehmen, woraufhin seine Freundin überrascht zu ihm rüberguckte.

Doch der winkte ab. »Was denn, Lena? Kann ja nicht viel krasser sein als der Horrorfilm, den wir am Wochenende mit Basti geschaut haben, oder? Schau dir den alten Kasten doch mal an. Was bitte soll uns da groß erschrecken? Ich hab allerhöchstens Angst, dass das Ding zusammenklappt, bevor wir auf der anderen Seite wieder rausgeschaukelt sind.«

Tom lächelte so freundlich, dass man fast hätte Verdacht schöpfen können, und deutete höflich in Richtung des Einstiegs. »Bitte, hier entlang. Viel Spaß.«

Er sah deutlich, dass das Mädchen der Einladung eher unwillig folgte. Aber auch sie wollte sich nun doch keine Blöße geben und setzte sich schließlich neben ihren Freund in den nächsten Wagen, der vor ihnen seine ruckelnde Fahrt verlangsamt hatte.

Kaum waren die beiden hinter dem Fallgitter in der Dunkelheit verschwunden, warf Tom seine telepathische Verbindung an. Achtung, Leute, hier kommt ein Härtefall! Also, nur der Typ, nicht das Mädchen. Hab ihm gesagt, er muss nur zahlen, wenn er sich gruselt.

Alles klar, antwortete das Geistermädchen Mimi direkt in seinem Kopf, wir kümmern uns um ihn.

»Und? Spaß gehabt?«, fragte Tom den Jungen ein paar Minuten später. Zumindest musste es sich bei dem schlotternden Stück Gelbwurst um den gleichen Jungen handeln, der vorhin mit seiner Freundin in die Gondel gestiegen war. In der Geisterbahn hatte er schließlich keine Möglichkeit gehabt, sich gegen sein eigenes Wurstdouble einzutauschen. Der Junge brachte kein einziges Wort heraus und starrte geradeaus nach nirgendwo.

»Also ich fand’s suuuuper!«, antwortete stattdessen das Mädchen ganz begeistert. »Das Geistermädchen hat mir die Hand für ein High Five entgegengestreckt, und meine Hand ist einfach durch sie durchgeglitten, das war voll cool! Und der Zombie war ja mal richtig niedlich mit seinem Kuschelhasen. Und sag mal, wie habt ihr das gemacht, dass die Mumie mir voll in die Augen schaut und sich so höflich verbeugt? Das war der Wahnsinn!«

Tom grinste breit und betätigte den alten, rostigen Hebel, der den Transport der Gondeln unterbrach. »Na ja, wir haben einfach echte Geister und Untote in der Geisterbahn angestellt. Sind wirkungsvoller als unechte und lungern nicht auf Friedhöfen rum.«

Das Mädchen lachte laut, und Tom fiel auf, dass ihr das ziemlich gut zu Gesicht stand. »Haha, na klar, das erklärt natürlich alles! Warum machen das nicht alle Geisterbahnen so?«

»Keine Ahnung.« Tom zuckte schelmisch mit den Achseln. »Ist auf jeden Fall wirkungsvoll und deutlich billiger.« Und das war, ebenso wie alles andere, nicht gelogen.

Dann deutete er auf das Ding neben ihr. »Ich glaube, seine Knie sind noch nicht voll einsatzfähig. Magst du mir vielleicht helfen, deinen Freund aus der Gondel zu wuchten?«

»Meinen Freund? Wir sind nicht … Also wir sind nur …«, stammelte das Mädchen kurz und bemerkte dann, dass Tom sie fragend ansah. Ein rötlicher Schatten bildete sich auf ihren Wangen, und sie wedelte kurz mit beiden Händen durch die Luft. »Äh … nein, nein, warte, ich dachte, du meinst Freund wie fester Freund oder so, aber warum solltest du, ich meine, du kennst mich ja gar nicht, und warum würdest du … okay, ich denk wieder mal zu viel drüber nach, was andere denken, tut mir leid, vergiss es. Vergiss alles, was ich gesagt hab, okay?« Während des kleinen Monologs war sie immer röter geworden, und Tom war es jetzt plötzlich unangenehm, sie in diese Situation gebracht zu haben.

»Ich hab gar nix gemeint oder gedacht, wirklich nicht. Alles gut«, beeilte er sich zu erklären, »aber bitte lass uns deinen … Kumpel … mal da unten auf die Stufe setzen.«

Das Mädchen nickte, und wollte auf der anderen Seite aus der Gondel steigen. Doch Tom deutete auf das Warnschild mit der Aufschrift ›Bitte links aussteigen‹.

»Komm bitte hier rüber«, sagte er und trat zur Seite, um sie vorbeizulassen. Dann kletterte er über die Gondel auf die andere Seite, und sie griffen dem Jungen gemeinsam unter die Achseln.

Der reagierte immerhin passiv auf die Aufwärtsbewegung, stieg etwas tapsig, aber unfallfrei aus dem Wägelchen und sackte nach ein paar Schritten auf der untersten Stufe vor der Geisterbahn zusammen. Dort starrte er weiter vor sich hin, und Tom hatte das unbestimmte Gefühl, ihm vielleicht doch besser mal den Puls fühlen zu müssen.

Mimi?, rief er gleichzeitig telepathisch, was habt ihr denn mit ihm gemacht, um Gottes willen? Ihr solltet ihn nur ein bisschen erschrecken und nicht fürs Leben zeichnen!

Ich hab nix gemacht!, antwortete ihm das Geistermädchen. Ehrlich nicht! Und nach einer Pause. Also … nur ein bisschen.

Der Typ blinzelt nicht mal, verdammt!, schimpfte Tom in Gedanken zurück. Was mach ich denn jetzt mit dem?

Der erholt sich schon wieder, ließ sich da die grummelige Stimme von Toms Onkel Welf vernehmen. Lass ihn doch einfach ein bisschen da sitzen, bis er merkt, dass sein Arm noch dran ist.

W… was?, stammelte Tom stumm in Richtung Geisterbahn, während er den Ärmel des Jungen hochrollte, um das Handgelenk auf der Suche nach etwas Ähnlichem wie einem Pulsschlag abzutasten.

»Was hat er denn?«, fragte da das Mädchen neben ihm. »Das war doch alles gar nicht schlimm.«

»Für dich nicht, hahaha«, lachte Tom zu laut und zu künstlich, während er gleichzeitig versuchte, etwas Leben in die bleiche, schwitzige Hand des Jungen zu rubbeln. »Jeder reagiert anders auf … auf das, was wir da drin … bieten. HAHA. Ähm. Haha.«

Nervös griff Tom mit beiden Händen zu und drehte den Kopf des Jungen zu sich. »Hey. HALLO. Alles okay?«

Da schrie der Kerl plötzlich wie am Spieß und schlug wie verrückt um sich. »Waaahh! WAHH! LASST MICH! GEHT WEG!«, schrie er, verlor dabei die Balance, rutschte von der Stufe und landete ziemlich unsanft auf dem staubigen Kies darunter. Dort krabbelte er ungelenk rückwärts wie ein betrunkener Taschenkrebs, weg von der Geisterbahn.

»Hey Luca, ich bin’s, Lena!«, rief das Mädchen erschrocken. »Es ist alles gut, das war doch nur …«

»Nur? Nur!?«, blökte der Junge namens Luca so laut über den Rummelplatz, dass sich die Kindergartenkinder tatsächlich für wenige Sekunden vom Entenangeln abwendeten.

Luca krabbelte zu Lena und krallte sich an ihrer Jacke fest. »Das Gespenst hat mir ins Ohr geflüstert, die Mumie wollte meine Augen für ein Murmelspiel! Dann hat mir ein Werwolf die linke Hand abgebissen und sie dem Zombie gegeben, der mir damit am Ende zugewunken hat!«

Stumm schaute Lena an Luca herab. »Das war aber dann voll nett von dem Zombie, dass er dir die Hand am Ende wieder drangepappt hat«, sagte sie trocken, und Tom verbiss sich ein Grinsen.

Luca hob seine unversehrte Hand vor die schreckgeweiteten Augen. Einer unheilvollen Ahnung folgend, riss er plötzlich auch die andere Hand hoch und stellte fest, dass sich auch diese genau dort befand, wo er sie das letzte Mal gesehen hatte: am Handgelenk.

Endlich beruhigte er sich ein wenig, und Tom bemerkte mit zunehmender Erleichterung, dass auch wieder etwas Farbe in das Gesicht des Jungen zurückgekehrt war.

Luca atmete ein paarmal tief durch und sah sich dann um. »Ohne Mist, ich hab so was noch nie erlebt … Dagegen sind alle Horrorfilme wie die Teletubbies.«

Zitternd zog er eine Geldbörse aus der Innentasche seiner Jacke, fischte einen Fünfeuroschein heraus und streckte ihn Tom entgegen. »Da. Du hast gewonnen, Kleiner.«

Tom schüttelte den Kopf. »Ist schon okay, die Fahrt geht auf’s Haus.«

»NEIN«, rief Luca da plötzlich wieder so laut, dass Lena ihn stirnrunzelnd ansah. »Ich … ich will euch nichts schuldig sein. Alle Rechnungen werden beglichen, wir sind quitt. Sag, dass wir quitt sind!«

»Ähm … wir sind … quitt?«, stammelte Tom überfordert und sah, wie der ältere Junge erleichtert aufatmete. »Gut. Das ist gut. Quitt ist gut, keine Schulden bei den … bei den … Dings.«

Er schnaufte noch einmal tief durch und stemmte sich dann auf die nur noch wenig zitternden Beine. »Komm, Lena, ich brauch jetzt eine Cola oder so was.«

»Okay«, nickte sie und sah Tom fragend an. »Sag mal, wir sind aber schon in derselben Geisterbahn gefahren, oder? Also, ich hab von alldem nix mitbekommen, was Luca da erzählt. Die Geister da drin waren alle voll nett zu mir, und der Hamster war sogar voll süß.«

»Hamster«, wiederholte Tom lahm, und Lena lachte. »Na, der knuffeli-gnubbeli Hamster auf dem Sarg in der Kerker-Deko! Oder ist der da nur zufällig reingekrabbelt?«

Sie winkte Tom noch einmal, und ihm war fast so, als hätte sie ihm zugeblinzelt. Aber das konnte auch wegen der Sonne gewesen sein.

Tom hatte eh kaum Zeit, sich darüber mehr als einen halben Gedanken zu machen, denn die Sache mit dem Hamster beschäftigte ihn sehr. Aus gutem Grund.


Kapitel 2: Voll verhamstert

Tom starrte auf den Hamster, und der Hamster starrte zurück. »Das darf doch jetzt echt nicht wahr sein«, murmelte Tom und schaute Hilfe suchend zu Mimi.

Das grünlich schimmernde Geistermädchen war im Dunkel der Geisterbahn sehr gut zu sehen und zuckte mit den durchsichtigen Achseln. Auch Hop-Tep die Mumie, Toms Pflegeonkel Welf der Werwolf und Wombie der Zombie standen um den Sarg in der Kerker-Dekoration herum. Der Zombie starrte wie immer teilnahmslos ins Leere, hatte aber seinen Kuschelhasen Odor so in der Armbeuge platziert, dass der gut sehen konnte. Es fehlte also nur Vlarad der Vampir. Oder anders gesagt: Es fehlte nur der Vampir. Vlarad war ja da, aber eben in Gestalt eines Hamsters.

Es patschte laut durch die Geisterbahn, als Tom sich mit der flachen Hand mitten ins Gesicht schlug und diese dann ganz langsam herunterzog. Er hatte sich diese Geste vor ein paar Wochen angewöhnt und seitdem mehr als genug Gelegenheiten gehabt, sie einzusetzen. Denn irgendwas war ja immer. Und mit einer Geisterbahn voll mit echten Untoten war nicht nur immer was, sondern eben auch immer was ganz Besonderes. Das heutige Besondere saß vor ihnen und blinzelte aus unschuldigen Knopfaugen in die Runde.

»Vlarad hat also zu viel Hamsterblut genossen, wenn ich das richtig deute?«, seufzte Tom, und alle außer Wombie nickten. Natürlich wussten sie alle, dass es für Vlarad nicht so einfach war, immer genug unterschiedliches Blut zur Verfügung zu haben, um nicht zu dem jeweiligen Spendertier zu mutieren. Andererseits klappte es meistens auch ganz gut. Vlarad hatte im Lauf der Jahre ein stattliches Register von Zoohandlungen und Tierparks angelegt, wo er sich mit ausreichend Nahrung versorgen konnte, ohne eines der Tiere zu gefährden. Solange der Vampir sich nur ein paar Milliliter Blut abzapfte, blieb bei den Tieren nichts zurück als die verschwommene Erinnerung an eine hypnotisch-beruhigende Stimme und einen kleinen Piks.

Außerdem forschte der Vampir seit Jahrzehnten an einer veganen Alternative zu Tierblut, aber leider hatte er damit bislang noch keinen wirklichen Durchbruch erzielt – eher im Gegenteil: Nach einer dieser veganen Testphasen überwältigte ihn oft ein kaum zu bremsender Blutdurst. Und wenn sich der sonst so auf Benimm und Anstand versessene Graf nicht mehr im Griff hatte, konnte es gelegentlich passieren, dass er zu viel von einer Tierart erwischte. Und heute war wohl gelegentlich, denn der Hamster vor ihnen war der lebendige Beweis.

»Was machen wir denn jetzt?«, stöhnte Tom.

»Wir könnten ihm ein kleines Cape nähen«, ließ sich Welf vernehmen, und Mimi kicherte. »Au ja, und einen süßen kleinen Gehrock und eine Weste und …«

Tom hob die Hand. »Ich habe – natürlich – nicht gemeint, was wir mit dem Hamster alles Lustiges machen können, sondern wie wir den Vampir zurückbekommen, den wir spätestens dann brauchen, wenn heute Nachmittag viele Leute mit der Geisterbahn fahren und sich kaum vor einem Hamster gruseln werden!«

»Jetzt reg dich doch nicht so auf, Tom. Du hast doch vorhin gesehen, dass wir zur Not auch ohne Vampir ziemlich wirkungsvoll sind, oder?«, antwortete ihm das Geistermädchen und grinste frech.

»Oh ja, das hab ich gesehen, und darüber müssen wir auch noch reden«, gab Tom aufgebracht zurück. »Ihr habt den Typen so erschreckt, dass ich dachte, er sackt zusammen und fließt als Götterspeise aus der Gondel! Der war total weggetreten und hatte sogar vergessen, wie man blinzelt!«

Mimi schob beleidigt die Unterlippe vor. »Du hast gesagt …«

»Mooooment«, rief Tom, »ich hab nicht gesagt: Macht den Heini zu Bibber-Bampf! Ich wollte nur, dass er sich genug gruselt für zwei fuffzich!«

»Was soll’s«, ging Welf unwirsch dazwischen, »hat er sich eben für ein paar Euro mehr gegruselt. Du wolltest ihm die Fahrt ja sogar schenken.«

»Was hätt ich denn bitte auch anderes machen sollen?«, entgegnete Tom. »Guten Tag, Sie hatten gerade Schiss für hundert Euro, also geben Sie mir wenigstens ’nen Zwanni, oder was?«

»Zum Beispiel«, grummelte Welf. »Davon könnten wir die Lieferung mit den neuen Glühlampen bezahlen, die morgen Vormittag hier ankommen sollen.«

Tom stand einen Moment lang der Mund offen, und er wartete, bis seine Kiefer wieder dazu taugten, Laute zu formen.

»Das darf doch jetzt echt nicht wahr sein«, stieß er dann zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Der Herr Graf hamstert sich einen, während ihr jemanden fürs Leben traumatisiert, und jetzt bin ich derjenige, der Mist gebaut hat!?«

Das hat niemand von uns so ausgedrückt, junger Freund, vernahm Tom plötzlich direkt in seinem Kopf. Es war Hop-Tep, der gerade telepathisch zu ihm gesprochen hatte, obwohl er direkt vor ihm stand. Und das war auch gut so, denn durch die Bandagen war von der Mumie meistens nur ein undeutliches Genuschel zu verstehen.

Tom seufzte. »Das weiß ich doch.« Er setzte sich neben den Hamster auf den Sarg. Der ägyptische Prinz sprach selten, aber wenn er etwas sagte, dann hatte er erschreckend oft recht. So auch diesmal.

Tom sah das Nagetier nachdenklich an. Das schaute hamsterig zurück. Dann gab er sich einen Ruck, blickte auf und rang sich ein halbes Lächeln ab. »Also gut, was tun wir?«

»Das ist einfach«, antwortete Welf. »Wir warten, bis die Wirkung nachlässt.«

»Und wie lange dauert das?«

»Kommt drauf an, wie viel Hamsterblut Vlarad erwischt hat. Wenn es sozusagen ein kompletter Hamster war, dann verwandelt er sich wohl erst übermorgen Nacht zurück.«

Tom schluckte. »Was meinst du mit ›ein kompletter Hamster‹? Du meinst, das Spendertierchen ist … es ist …«

»Untot«, unterbrach ihn Mimi. »Irgendwo in der Stadt gibt es jetzt vermutlich einen etwas bleichen Hamster mit sehr spitzen Eckzähnen, der demnächst herausfinden wird, dass er das Tageslicht meiden sollte.«

»Oh nein, der Arme!«, rief Tom. »Können wir da gar nix machen?«

Die Erfahrung hat gezeigt, dass das gar nicht nötig ist, meldete sich da wieder die Mumie zu Wort. Bedenke, junger Freund, dass der kleine Hamster nun ewig leben wird, zudem die Kräfte eines kleinen Bären hat, und bald wird er auch herausfinden, dass er sich des Nachts in Gestalt einer Fledermaus in die Lüfte erheben kann. Bislang waren alle Tiere, denen dieses Schicksal widerfuhr, hocherfreut.

»Okay, so gesehen«, murmelte Tom. Er selbst hatte ja auch schon öfter darüber nachgedacht, wie es wohl wäre, wenigstens eine dieser Superkräfte zu besitzen, über die seine untoten Freunde im Überfluss verfügten. Doch auf der anderen Seite merkte Tom täglich, dass er als normaler Mensch auch Vorteile hatte. Er konnte unbehelligt vom Sonnenlicht am Tag herumspazieren, verwandelte sich bei Vollmond nicht in eine reißende Bestie, und, im Gegensatz zu Mimi, konnte er Dinge anfassen und festhalten, ohne einfach hindurchzugleiten.

»Ihr meint also, dem Hamster, den Vlarad gebissen hat, geht’s gut?«, fragte Tom verwundert in die Runde.

»Schau uns an«, lächelte Mimi, »sehen wir unglücklich aus?«

Tom lächelte zurück. »Nein. Wirklich nicht.«

»Siehst du. Und dem Vampirhamster wird’s auch gutgehen. Der wird sogar richtig Spaß haben, glaub mir.«

»Na gut«, sagte Tom, »so weit der Vampirhamster, bleibt nur noch unser Hamstervampir.«

Er sprang vom Sarg und rubbelte die Hände aneinander. »Dann machen wir es so. Mimi, du übernimmst bitte zusätzlich Vlarads Position. Wenn eine Gondel hier an der Kerker-Deko vorbeifährt, gleitest du durch den Sargdeckel und schwebst links die Gleise entlang und um die Ecke. Wenn die Gondel dann an deiner eigentlichen Position vorbeikommt, lässt du sie durch dich hindurchfahren und gleitest dann durch den Boden ungesehen zurück zu Vlarads Sarg. Das sollte in wenigen Sekunden machbar sein, sodass du bereit bist, wenn die nächste Gondel kommt, oder?«

»Yes, Sir«, antwortete das Geistermädchen breit grinsend und deutete ein Salutieren an.

»Danke dir.« Tom wandte sich an die Mumie. »Hop-Tep, du bist doch so irre begabt mit Nadel, Faden und Make-up. Könntest du dem Hamster-Vlarad vielleicht ein Ratten-Cosplay basteln? Ich finde, so eine dicke Ratte würde sich in der Deko super machen.« Er blickte zu dem Hamster. »Also, wenn es für dich okay ist, Vlarad, dass du als Ratte arbeitest, bis du wieder zurückverwandelt bist?«

Der Hamster nickte sehr unhamsterartig, und Tom musste grinsen. »Supi, danke dir. Wenn wir den Magnetverschluss aus dem Sarg ausbauen, könnte unsere Riesenratte vielleicht sogar selbst den Deckel anheben und rauskrabbeln. Ginge das, Hop-Tep?«

Das sind zwei sehr hübsche Ideen, junger Freund, und ich werde mich umgehend daranmachen, antwortete die Mumie.

Tom schnaufte erleichtert durch und schaute zu den anderen. »Also, war’s das, oder haben wir sonst noch irgendwelche Probleme?« Natürlich erwartete er nun nichts anderes als ein vielstimmiges »Nein, alles okay, Tom«.

Stattdessen antwortete Mimi mit einem verdrucksten »Na ja …«, und Tom sah sie groß an.


Kapitel 3: Der Getodstag

Hop-Tep, Welf und Wombie standen stumm in Toms Zirkuswagen. Der Zombie hatte seinen Kuschelhasen Odor bequem in der linken Armbeuge platziert, und in der rechten saß Vlarad der Hamster. Daneben schwebte Mimi.

Vor ihnen im Bett kniete Tom und vollführte schon seit ein paar Minuten eine seltsame Übung. Er richtete sich auf, hob die Arme in die Luft und ließ sich dann ein ums andere Mal mit dem Kopf voran in sein Kissen plumpsen. Dort angelangt rief er ein dumpfes »Warummmmm?« in die Federn, schnaufte ein Mal geräuschvoll durch, richtete den Oberkörper wieder auf und wiederholte das Ganze immer und immer wieder.

»Also wenn du die Antwort auf deine Frage wissen willst«, setzte Mimi schließlich an.

Ohne den Kopf aus dem Kissen zu heben, streckte Tom beschwörend eine Hand aus und klappte seinen Zeigefinger hoch. »Moment«, mumpfte es dumpf aus dem Kissen. Er raffte sich auf und stellte sich aufrecht hin. Abermals breitete er die Arme aus und ließ sich dann aus dem Stand einfach nach vorne fallen. Sein Gesicht landete zielsicher direkt im Kissen, und er brüllte ein allerletztes, tief empfundenes »Warummmmmmmppffffff…« hinein. Ein paar Sekunden lang war es still.

Dann erst atmete Tom ein letztes Mal tief in das Kissen, richtete sich schließlich auf und setzte sich auf die Bettkante. Er verschränkte die Beine und legte die Hände in den Schoß, und eigentlich wirkte er nun wieder wie ein ganz normaler vierzehnjähriger Junge. Bis auf das seltsam schiefe Lächeln, das eher wahnsinnig als freundlich wirkte.

»Äh … alles okay, Tom?«, fragte Mimi vorsichtig.

»Nein, Mimi, gar nichts ist okay«, antwortete Tom immer noch seltsam lächelnd, »aber es macht überhaupt keinen Sinn, euch zu erklären, was nicht okay ist. Also übergehen wir das doch einfach und legen direkt los mit unserem nächsten Problem.«

Mimi schüttelte energisch den Kopf. »Nein, das ist doof! Ich will wissen, warum du so komisch bist.«

»Na gut«, seufzte Tom, »ich versuche es mal zu erklären, obwohl ich genau weiß, dass es überhaupt keinen Sinn hat und wir damit nur wertvolle Zeit verlieren.«

Er deutete in die Runde. »IHR WUSSTET genau, dass unser geschätzter Zombiefreund Wombie in wenigen Tagen seinen hundertsten Getodstag feiert. Oder sollte ich sagen feiern muss. Richtig?«

Alle nickten, außer Wombie. Aber Tom wusste genau, dass der Zombie alles mitbekam, auch wenn er aussah, als würde er gerade nur seinen halb offenen Mund durchlüften.

»Schön. IHR WUSSTET außerdem lange vor mir, dass der hundertste Getodstag eines Zombies mit einem ganz bestimmten Ritual gefeiert werden muss, weil der Zombie sonst sein untotes Leben verliert und nie wieder erweckt werden kann, richtig?«

»Auch richtig«, antwortete nun Welf. »Aber warum …«

»WEIL«, unterbrach ihn Tom schroff, »… weil ihr mir das also alles schon vor Wochen in aller Ruhe hättet erzählen können und nicht erst jetzt! Ich aber stand nichts ahnend in der Geisterbahn, wir hatten gerade erst das Hamsterproblem halbwegs gelöst, und nur weil ich mehr so aus Spaß nachgefragt habe, was denn sonst noch so ansteht, bekomme ich ganz nebenbei erzählt, dass unser armer Wombie hier in wenigen Tagen für immer zu Staub zerfällt, wenn wir nicht dieses Ritual durchführen! Da ist es doch völlig klar, warum ich … Da würde doch jeder … Ihr müsst doch verstehen, wieso ich … d… grmpf.«

Tom unterbrach sich, als ihm lauter verständnislose Augen entgegenblickten. »Ihr versteht mich wirklich nicht, oder?«

Alle schüttelten den Kopf. Unwillkürlich schaute Tom zu Wombie, und zu seinem Erstaunen schwenkte auch der den Kopf langsam, aber sichtbar einmal hin und einmal her.

Okay, selbst der Zombie, um dessen untotes Leben es hier ging, konnte nicht nachvollziehen, wo das Problem lag. Das gab Tom den Rest.

»Vielleicht sollte ich es in mein Handy sprechen und euch dann so oft vorspielen, bis ihr es verstanden habt«, murmelte Tom matt.

»Oder du erklärst es uns einmal so, dass wir verstehen, was du meinst«, grummelte Welf. »Wenn du das aber nicht kannst, dann lass uns doch jetzt mal loslegen, denn wir haben nur noch ein paar Tage Zeit.«

Da sprang Tom auf und deutete zitternd auf Welf. »Hahaaaa! Da! Da hört ihr es! Genau das meine ich! ›Wir haben nur noch ein paar Tage‹ hat er gesagt! WENN ihr mir vorher erzählt hättet, dass wir dieses Ritual bis Ende der Woche durchgeführt haben müssen, dann hätten wir viel mehr Zeit gehabt! Genau das meine ich!«

»Aber wir können es doch schaffen bis Freitag«, antwortete Mimi. »Warum regst du dich denn so auf?«

Tom hätte Mimi am liebsten an den Schultern gepackt, aber leider wären seine Hände dann nur durch sie hindurchgeglitten. Also versuchte er das durch Lautstärke auszugleichen. »Wegen all dem Stress, Mimi!«, rief er. »Der Stress! Bedenke! Den! Stress!«

Mimi zuckte mit den durchsichtigen Achseln. »Pff. Bedenke den Spaß.«

Tom hatte gerade zu einer weiteren lautstarken Antwort angesetzt, doch Mimis letzte Anmerkung nahm ihm komplett den Wind aus den Segeln, und er sackte zurück auf die Bettkante wie ein luftleerer Wasserball.

»Bedenke … den Spaß«, stammelte er, und dabei kehrte das seltsame Lächeln zurück. »Den Spaß … Ach so, ja, den Spaß. Den hatte ich nicht bedacht. Hui, der Spaß. Wie konnte ich den vergessen.«

Mimi lächelte dankbar. »Das heißt, alles ist wieder gut?«

Eigentlich hatte Tom »Na ja, geht so« antworten wollen. Aber er bemerkte nicht, dass sein Mund vor Erstaunen halb offen stand, und darum klang die Antwort eher so ähnlich wie »Awagesso«.

»Das ist schön«, nickte Mimi und fuhr ungerührt fort: »Also, Vlarad hat alle wichtigen Fakten über uns in verschiedenen Notizbüchern zusammengetragen.« Sie wandte sich an den Hamster in Wombies Arm. »Vlarad, kannst du uns bitte irgendwie mitteilen, wo wir das Notizbuch über Wombie finden?«

Der Hamster zögerte kurz. Dann aber nickte er, sprang von seinem Platz hinunter auf den Holzboden und lief zu der Wand im hinteren Bereich des Zirkuswagens. Dort setzte er sich auf und schaute Tom erwartungsvoll an.

Der wusste, was das bedeutete. Tom ließ die Wand mit einem telepathischen Befehl zur Seite gleiten und gab so den Blick auf den magischen Käfig frei, in dem Onkel Welf aus Sicherheitsgründen immer die Vollmondnächte verbringen musste. Die Gitterstäbe öffneten sich vor ihm wie ein Vorhang, und Tom betrat das Innere des kleinen Gefängnisses, das Mimi gerne Welfs Spielzimmer nannte.

Er sah sich um, doch außer der Pritsche in der rechten Ecke, einem Hocker und einem verbeulten Wasserkanister war hier nichts zu entdecken. Da quietschte Vlarad einmal halblaut, um auf sich aufmerksam zu machen, und deutete dann mit dem rechten Pfötchen auf die Pritsche. Tom klappte sie nach oben, aber dort war nichts zu sehen. »Hier is’ nix.«

Ein leises Patsch erklang, und Tom erkannte, dass der Hamster sich mit der flachen Pfote auf die Stirn gehauen hatte.

»Hey, das ist meine Geste«, murmelte er und klappte die Pritsche wieder runter. »Und wo bitte soll ich denn sonst nachschauen?«

Tom war sich sicher, dass der Hamster gerade seufzend die Augen nach oben verrollt hatte, wie es Vlarad so gerne tat, wenn man nicht sofort verstand, was er meinte. Dann hopste das kleine Tierchen auf das Brett und deutete mit übertriebener Geste und einem wenig hamsterhaften Ausfallschritt mehrfach auf die metallbeschlagene Wand.

Tom musste grinsen. »Wenn du bei der Bewegung noch ein bisschen mehr die Hamsterhüfte schwingst, film ich dich mit dem Handy, leg Musik drunter und lad’s bei Youtube hoch als Vlarad der Discohamster.«

Sofort unterbrach der verwandelte Vampir seinen ausdrucksstarken Hinweistanz und wartete einfach ab, bis Tom verstand, was er ihm sagen wollte.

Das dauerte nicht lange, denn als Tom die Wand aus der Nähe in Augenschein nahm, fiel ihm eine rechteckige Naht in dem Metall auf. Einer Ahnung folgend, drückte er dagegen. Es klickte zufriedenstellend, und sofort sprang eine Klappe auf. Tom schob die Finger vorsichtig in den schmalen Hohlraum und fischte tatsächlich Vlarads Notizbuch heraus. Er wandte sich zu den anderen, um den Käfig zu verlassen.

»Okay, das war ja zur Abwechslung mal gar nicht so schwwwwwwrggggllll…« Zu spät hatte Tom die pfeifende Warnung von Vlarad dem Hamster gehört, und nun hörte er für ein paar Minuten erst einmal gar nichts mehr.


Kapitel 4: Das Ritual

Als Tom die Augen wieder aufschlug, lag er in Welfs Käfig auf dem Rücken. In der Hand hatte er immer noch das Notizbuch. Außerdem roch es hier irgendwie … angekokelt.

»W… was ist passiert?«, stieß er heiser hervor und wollte sich aufsetzen.

»Vorsicht, ganz langsam, Junge«, raunte Welf ihm zu und half ihm hoch.

Auch Mimi war direkt neben ihm, und Tom sah ihr an, dass sie in Sorge war. »Vlarad wollte dich noch warnen, aber du warst einfach zu schnell. Niemand außer ihm kann das Notizbuch aus dem Käfig raustragen. Alle anderen bekommen eine thaumaturgische Ladung aus den magischen Gitterstäben ab. Sicherheitsmaßnahme.«

»Aha«, stöhnte Tom und rieb sich die Stirn, »sagt mir bitte nicht, dass die Antwort, warum ihr mir das auch verheimlicht habt, irgendwas mit Spaß zu tun hat, den man bedenken soll.«

»Was? Nein! Überhaupt nicht!«, beeilte sich Mimi zu sagen, und auch Welf schüttelte den Kopf. »Davon wussten wir nichts. Und ich denke, nachdem wir nun das Versteck alle kennen, wird Vlarad dafür bald ein neues suchen.«

Der Werwolf sah zu dem Hamster, und dieser nickte.

»Warum muss Vlarad denn Informationen über euch verstecken?«, wunderte sich Tom und rieb sich die Stirn.

Da meldete sich Hop-Tep zu Wort, und Tom bemerkte mal wieder, wie lange der ägyptische Prinz zu allem geschwiegen hatte. Er sprach sehr selten und dann auch nur, wenn er etwas beizutragen hatte, was ihm wichtig genug erschien.

Jeder von uns trägt die Saat der Gefahr in sich, ertönte die Stimme der Mumie salbungsvoll direkt in Toms Kopf. Ja, wir wissen unsere untoten Instinkte zu kontrollieren und haben geschworen, niemandem Leid anzutun. Aber sollte jemals etwas geschehen, was uns diesen Schwur vergessen macht, muss es möglich sein, jeden von uns aufzuhalten.

Mimi nickte. »Vlarad hat über lange Zeit alles an Informationen zusammengetragen, was es über Zombies, Werwölfe, Gespenster und Mumien zu finden gab. Die Notizbücher hat er an verschiedenen Orten in diesem Wagen hier und in der Geisterbahn versteckt und magisch gesichert. Auch über sich selbst hat er alles gesammelt, aufgeschrieben und dann Hop-Tep zur Verwahrung gegeben.«

Tom war beeindruckt. Seine untoten Freunde hatten für den unwahrscheinlichen Fall der Fälle vorgesorgt, wenn einer von ihnen aus irgendwelchen Gründen einmal tatsächlich gestoppt werden musste? Wow. Und in Toms Händen befand sich nun Vlarads gesammeltes Wissen über Wombie den Zombie. Den schien das alles übrigens nicht weiter zu beeindrucken. Er stand nach wie vor exakt dort, wo er die ganze Zeit gestanden hatte, und blickte ins Leere.

Tom schüttelte den Kopf, um sich zu sammeln. Dann öffnete er das kleine Büchlein. »Es ist alphabetisch geordnet, richtig? Also schau ich unter R wie Ritual oder …« Doch dann runzelte er die Stirn. »Ich kann das kaum entziffern. Es sieht aus wie Deutsch, aber …«

»Das ist die sogenannte Deutsche Kurrentschrift«, erklärte Mimi. »Vlarad hat sie als Kind gelernt und bisher keinen Anlass gesehen, eine neue Schrift zu üben. Sie sieht doch auch irgendwie toll aus, oder? So voll romantisch!«

»Ja, schon«, nickte Tom, »aber ich kann sie halt auch voll romantisch gar nicht lesen, tut mir leid.«

»Und ich kann nicht umblättern«, seufzte das Geistermädchen. »Wie sieht’s mit dir aus, Welf?«

Der Werwolf brummelte eine Zustimmung, nahm das Notizbuch an sich und blätterte eine Weile darin hin und her. Schließlich schien er gefunden zu haben, wonach er gesucht hatte, und las vor: »Die Erweckung eines Zombies der Klasse 5, nach afrikanischem Ritus zu untotem Leben erweckt, besteht auf Tag und Stunde genau hundert Jahre lang. Findet zu dieser Stunde keine Wiederholung des Rituals statt, kehrt der Zombie zurück in den Tod, und die Natur holt die Verwesung des Körpers augenblicklich nach.«

»Ach du Sch…«, entfuhr es Tom. »Wenn wir das Ritual nicht richtig hinkriegen, wird Wombie vor unseren Augen … vergammeln?« Unwillkürlich schaute er zu dem Zombie hinüber, aber der wirkte so unbeteiligt wie immer. War Wombie wirklich alles egal, oder glaubte er nur unerschütterlich daran, dass alles gut werden würde? Dieser Gedanke beruhigte Tom ein wenig. Er atmete durch und wandte sich dann wieder an Welf. »Okay, was brauchen wir denn für das Ritual? Ich hoffe, wir finden das alles in unserem Haushalt.«

Welf warf Tom einen seltsam undurchdringlichen Blick zu. Dann las er vor: »1. Das Ritualmesser von Papa Joe, Voodoo-Priester. 2. Der Opferring der Kaili. 3. Ein Kessel, der für die Zubereitung magischer Essenzen der Stufe 5 verwendet wurde.«

Tom stöhnte. »Ritualmesser? Opferring? Magischer Kessel? Ich glaube, das finden wir nicht im Küchenschrank.«

»Nein, aber das Messer finden wir schon mal in Essen«, antwortete Welf, und Tom sah ihn erstaunt an. Der Werwolf hielt Tom das Notizbuch unter die Nase und deutete auf einen Absatz unterhalb der Liste. »Vlarad hat auch recherchiert, wo der Kram zu finden ist. Wir müssen nur hin und die Dinger herholen. Das Messer liegt in einem kleinen Museum in Essen, der Ring ist Teil einer privaten Sammlung, und einen geeigneten Kessel finden wir bei Zoracz.«

»Bei Zoracz?«, wiederholte Tom. »Ausgerechnet bei dem? Echt jetzt?«

Mimi sah ihn fragend an. »Aber das ist doch super! Zoracz steht mit seinem Spiegelkabinett auch auf diesem Rummelplatz. Wir müssen also nur hin und …«

»… ihn fragen, ob er uns vielleicht seinen magischen Kessel ausleiht? Suuuper Idee!« Tom lachte trocken auf. »Der Heini hat mehrfach versucht, mir die Geisterbahn abzuluchsen, er hat Dämonen mit blutigen Schwertern auf uns gehetzt und ist auch ansonsten offensichtlich nicht ganz bubu in der Birne! Und zu dem spaziere ich jetzt einfach mal rüber und sag: ›Hallo Zoracz, alte Wuppe, uns ist gerade die Milch ausgegangen, hast du vielleicht welche im Haus und, ach Gottchen, jetzt hab ich gar nix zum Reinkippen dabei. Ach, na schau doch mal, schütt’s doch einfach in den magischen Kessel der Stufe 5, der da drüben auf deiner Anrichte rumsteht, wir bringen ihn dann auch ganz bestimmt ganz schnell wieder zurück, sobald wir damit etwas völlig Unverdächtiges angestellt haben, was dir sicherlich am Allerwertesten vorbeigeht, nicht wahr? Na dann ist ja alles gut und bis später‹.«

Mimi lachte. »Ich wär auf jeden Fall gern dabei, wenn du das versuchst.«

»Ich nicht«, murrte Tom. »Aber gut, dann lasst uns mal überlegen, wie wir an die Dinge rankommen. Womit fangen wir an?«

»Vielleicht mit dem Einfachsten?«, schlug Mimi vor.

»Okay, es ist mit Sicherheit simpler, in ein Museum einzubrechen, als Zoracz davon zu überzeugen, mir den Kessel auszuleihen.«


Kapitel 5: Ein beleidigter Geist

Zu Toms verhaltener Freude war der Nachmittag auf dem Rummelplatz tatsächlich recht erfolgreich verlaufen. Die Untoten in der Geisterbahn hatten ihren Job perfekt gemacht, die Geisterbahn selbst hatte bis auf einen Wechsel der Hauptsicherung gut durchgehalten, und der Hamster-Vlarad im Rattenkostüm hatte für ein paar ohrenbetäubende Quietscher gesorgt.

Von Montag bis Donnerstag war der Rummelplatz nur bis halb sieben geöffnet, und das passte Tom ganz gut in den Kram, denn schließlich hatten sie ja noch einiges vor. So saß er nun in seinem Zirkuswagen und stapelte die Münzen in Zehner- und Fünfergruppen, um sie danach einfacher zusammenzählen zu können.

Um sieben Uhr hatte er mit seinen untoten Freunden ein weiteres Meeting anberaumt, um einen Plan zu schmieden, wie sie an den Ritualdolch kommen würden.

Schon tummelten sich erfreulich viele Münztürmchen vor Tom, und er nickte zufrieden. So konnte es gerne weitergehen. Allerdings war er, ehrlich gesagt, schon etwas enttäuscht, dass diese Lena von heute Vormittag nicht noch mal zurückgekommen war. Seltsamerweise hatte Tom irgendwie damit gerechnet, auch wenn er nicht genau wusste, warum eigentlich. Vielleicht war sie heute auch noch zu sehr damit beschäftigt, ihren Freund Luca zu pflegen. Dieser Luca, der laut ihr selbst gar nicht ihr Freund war, sondern nur, na ja, ein Freund eben.

Hm. War es das, was Tom so sicher gemacht hatte, dass er sie wiedersehen würde? Warum sonst war es Lena denn wichtig gewesen, ihm zu erklären, dass sie und Luca kein Paar wären? Oder wollte sie einfach generell nicht, dass irgendwer dachte, sie wäre mit so einem Unsympathen zusammen? Also, da gefiel ihm die erste Variante doch deutlich besser.

Tom grinste ein klein wenig in sich hinein, doch dann verdrängte er die Gedanken an das Mädchen und versuchte, sich wieder auf das Stapeln der Münzen zu konzentr…

»Hallo.«

»AAHHH!« Tom erschrak so fürchterlich, dass er beide Beine hochriss und die Knie von unten krachend gegen den kleinen Küchentisch schmetterte. Münzen flogen kreuz und quer durch den Zirkuswagen, verschwanden zwischen Holzdielen, unter dem Bett und hinter der Küchenzeile.

»Mimi!«, rief Tom und fasste sich an die vor Schreck schweißkalte Stirn. »Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du nicht einfach so neben mir erscheinen sollst!«

»Tom!«, rief Mimi und ahmte seinen Tonfall dabei ziemlich gut nach. »Wie oft müssen wir dir noch sagen, dass du deine telepathische Verbindung mit uns lösen sollst!«

Es dauerte einen Moment, bis Tom verstand, warum sie das gesagt hatte, aber dann fiel ein weiterer Groschen, und zwar in seinem Hirn. Die anderen hatten alles mitgehört, was er in den letzten Stunden gedacht hatte. ARGH!

»Nicht alles«, antwortete ihm da Mimi, und sie klang irgendwie komisch. »Manche von uns haben dann doch anderes zu tun, als dir bei deinem Liebeskummer zuzuhören.«

»W… was, wieso?«, stammelte Tom. Er bemerkte, dass Mimi sauer auf ihn war, konnte aber nicht sagen, warum. Es fühlte sich an, als stünde Wombie mit beiden Beinen auf der Leitung, die Toms Hirn mit Strom versorgte.

Wenigstens hatte er sich so weit im Griff, dass er endlich die telepathische Verbindung in seinem Kopf kappte, damit die anderen nicht weiterhin alles mithörten, was er dachte.

»Gratulation«, sagte Mimi trocken. »Endlich. Ich konnt’s echt nicht mehr hören, das Gesäusel.«

Tom wollte sich gerade bücken, um die Münzen vom Boden aufzuheben, aber nun richtete er sich wieder auf und starrte Mimi an. »Gesäusel? Was meinst du denn damit?«

Statt einer direkten Antwort verwandelte sich das Gespenstermädchen in eine grünlich schimmernde Geistererscheinung von Lena, warf dann theatralisch beide Hände in die Luft und jammerte: »Oh, dieser wunderbare, superknuddeli-wuddelig süße Junge von der Geisterbahn! Werde ich ihn jemals wiedersehen? Buhuuu, buhuuu!«

Augenblicklich fühlte es sich für Tom an, als habe Wombie die Füße von dem Schlauch genommen, und es rumste förmlich, als sein Hirn den ersten Gang einlegte. Mimi hatte Toms Gedanken über Lena mitgehört und war nun … eifersüchtig?

»Aber Mimi!«, beeilte er sich zu sagen. »Ich kenn die doch gar nicht! Ich war doch nur …«

»… enttäuscht, dass sie nicht sofort zu dir zurückgerannt ist, ganz genau!«, unterbrach ihn Mimi hitzig. »Ich meine, du kannst ja rummachen, mit wem du willst, geht mich ja nix an. Pff.«

»Rummachen!?« Tom stand auf und sah Mimi entrüstet an. »Also wirklich, was soll das denn jetzt? Wie kommst du denn auf so was? Und überhaupt, du hättest ja auch weghören können.«

Mimi lachte trocken auf. »Ha, ja genau. Bei der Lautstärke, mit der du deine Liebesschwüre durch den Äther pustest, hätte ich von Vlarad einen Geisterbann der Stufe 13 gebraucht, und trotzdem hätte ich dich noch flüstern gehört.«

»Liebesschwüre?« Tom war fassungslos. »Also, das ist doch … Das ist …« Er ließ sich auf den Stuhl fallen und starrte für ein paar Sekunden wombieartig auf den leeren Tisch, um sich wieder zu fangen. Schließlich seufzte er und drehte sich zu Mimi um, die die ganze Zeit über mit verschränkten Armen und verkniffenem Mund vor ihm auf und ab geschwebt war. Tom war die Situation unangenehm, und er war überhaupt nicht der Typ »beleidigte Leberwurst«. Im Gegenteil, wenn etwas in der Luft lag, dann wollte er es lieber jetzt als gleich klären. So auch diesmal. »Mimi, bitte, darf ich was sagen, ohne dass du mich sofort wieder unterbr–«

»Na klar, mach nur. Kein Problem«, unterbrach diese ihn sofort.

Tom konnte nicht anders, er prustete los. »Perfektes Timing, Mimi. Respekt!«

Da formte sich auch in Mimis Gesicht ein breites Grinsen, und das Geistermädchen musste kichern. »Hihi, okay, ich seh’s ein, das war jetzt echt doof.«

Beide lächelten erleichtert und ein bisschen beschämt in den Boden.

Dann seufzte Mimi und schwebte hinüber zu der Wand mit den gerahmten Erinnerungsfotos, die Toms verstorbener Großonkel Heinrich über Jahrzehnte hinweg dort aufgehängt hatte. »Du hast recht, es tut mir leid, Tom. Das war voll blöd von mir, entschuldige …«

Tom stand auf und ging zu ihr hinüber. »Ach, Mimi, du musst dich nicht entschuldigen.« Unwillkürlich streckte er die Hand aus, um sie ihr tröstend auf die Schulter zu legen. Doch die Finger glitten einfach durch das Gespenst hindurch, und Mimi sah ihnen traurig nach. Doch als Tom seinen Zeigefinger ausstreckte und damit nach oben deutete, wo sich sein Gesicht befand, musste sie grinsen. Mimi folgte dem Fingerzeig und sah Tom dankbar an. Der grinste verschmitzt und deutete auf die vielen Fotos an der Wand. »Mein Großonkel hat es echt geschafft, die meisten Katastrophen irgendwie fotografisch festzuhalten.«

Mimi lachte. »Hihi, ja, wir haben schon immer Witze drüber gemacht, ob er einfach was extra angezettelt hat, damit er wieder ein Foto davon machen kann.«

»Als hättet ihr das nötig«, antwortete Tom mit einem schiefen Grinsen, und Mimi nickte. »Du hast recht. Das haben wir bisher immer ganz prima auch so geschafft.«

Tom trat einen Schritt zurück und betrachtete die Wand prüfend. »Mir fällt da was auf«, begann er dann. »Also … findest du nicht, es wird langsam mal Zeit, dass da auch ein paar Katastrophen von uns hängen?«

Mimi kniff die Augen zusammen. »Verdammt, du hast recht! Hier zum Beispiel, neben dem Foto von dem Großbrand, den Wombie ausgelöst hat, als er auf der Suche nach seinem Hasen eine Zapfsäule abgerissen hat. Da wäre noch Platz.«

Tom nickte bedächtig. »Absolut. Genau da muss ein Foto hin, auf dem sich Hop-Tep an seinen eigenen Bandagen aus dem Fenster eines Museums abseilt.«

»Mit ’nem Voodoo-Dolch in der Hand?«

»Ganz genau.«

Mimi kicherte. »Stimmt, so ein Bild müssen wir unbedingt schießen, damit wir es genau da hinhängen können. Ich sag den anderen Bescheid, dass wir uns zehn Minuten früher treffen, okay?«

Tom grinste so breit, dass die Mundwinkel fast an seinen Ohrläppchen kitzelten. »Okay, Mimi.«

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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176 стр. 28 иллюстраций
ISBN:
9783964260543
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