Читать книгу: «Ich und Selbst»

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Der Autor

Timo Storck, Prof. Dr. phil., Jahrgang 1980, ist Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Psychologischen Hochschule Berlin, Psychoanalytiker (DPV/IPA) und Psychologischer Psychotherapeut (AP/TP). Studium der Psychologie, Religionswissenschaften und Philosophie an der Universität Bremen, Diplom 2005. Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Bremen (2006–2007), Kassel (2009–2015) sowie an der Medizinischen Universität Wien (2014–2016). Promotion an der Universität Bremen 2010 mit einer Arbeit zu künstlerischen Arbeitsprozessen, Habilitation an der Universität Kassel 2016 zum psychoanalytischen Verstehen in der teilstationären Behandlung psychosomatisch Erkrankter. Mitherausgeber der Zeitschriften Psychoanalyse – Texte zur Sozialforschung und Forum der Psychoanalyse sowie der Buchreihe Im Dialog: Psychoanalyse und Filmtheorie, Mitglied des Herausgeberbeirats der Buchreihe Internationale Psychoanalyse. Forschungsschwerpunkte: psychoanalytische Theorie und Methodologie, psychosomatische Erkrankungen, Fallbesprechungen in der stationären Psychotherapie, Kulturpsychoanalyse, konzeptvergleichende Psychotherapieforschung.

Timo Storck

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1. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-041206-4

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-041207-1

epub: ISBN 978-3-17-041208-8

Inhalt

1  Vorwort

2  1 Einleitung

3  2 Die Grundlagen von Ich und Selbst bei Freud

4  2.1 Hemmung und Ich-Spaltung

5  2.1.1 Die hemmende Funktion des Ichs

6  2.1.2 Ich und Spaltung

7  2.2 Exkurs: Freuds »Selbstanalyse«

8  2.3 Freuds Narzissmustheorie: Bildung und Besetzung des Selbst

9  2.4 Das Ich als psychische Instanz

10  2.5 Ich-Analyse

11  2.6 Zusammenfassung und behandlungstechnische Folgerungen

12  2.7 Fallbeispiel Herr P., Teil I

13  3 Die psychoanalytische Ich-Psychologie

14  3.1 Anknüpfungen und Schwerpunktsetzungen bei Anna Freud

15  3.2 Die Ich-Psychologie als psychoanalytische Richtung bei Heinz Hartmann

16  3.2.1 Primäre und sekundäre Autonomie des Ichs

17  3.2.2 Exkurs: Das Prinzip der mehrfachen Funktion

18  3.2.3 Anpassungsmechanismen

19  3.2.4 Weiterführungen

20  3.3 Zur Kritik an der Ich-Psychologie

21  3.3.1 Aus der Sicht Jacques Lacans

22  3.3.2 Aus »beziehungsorientierter« Sicht

23  3.4 Zusammenfassung und behandlungstechnische Folgerungen

24  3.5 Fallbeispiel Herr P., Teil 2

25  4 Die psychoanalytische Selbstpsychologie

26  4.1 Das Konzept des Ich-Ideals

27  4.2 Die Selbstpsychologie bei Heinz Kohut

28  4.2.1 Narzissmus und Entwicklung

29  4.2.2 Selbstobjekte

30  4.2.3 Übertragungsformen

31  4.2.4 Empathie

32  4.3 Weiterentwicklungen der Selbstpsychologie

33  4.3.1 Therapeutischer Dialog

34  4.3.2 Motivationale Systeme und Modellszenen

35  4.3.3 Generalisierte Interaktionsrepräsentationen

36  4.4 Zur Kritik an der Selbstpsychologie

37  4.5 Zusammenfassung und behandlungstechnische Folgerungen

38  4.6 Fallbeispiel Herr P., Teil 3

39  5 Strukturkonzeptionen in der Psychoanalyse

40  5.1 Unterschiedliche Auffassungen von Struktur

41  5.1.1 S. Freud: Instanzen-Modell

42  5.1.2 W.R.D. Fairbairn: Endopsychische Struktur

43  5.1.3 J. Lacan: Strukturale Psychoanalyse

44  5.1.4 O.F. Kernberg: Persönlichkeitsorganisation

45  5.1.5 Struktur in der OPD

46  5.1.6 personality functioning im AMPD

47  5.2 Strukturdiagnostik

48  5.3 Strukturelle Störungen am Beispiel des pathologischen Narzissmus

49  5.3.1 Im Ansatz O.F. Kernbergs

50  5.3.2 Zur Therapie struktureller Störungen

51  5.4 Fallbeispiel Herr P., Teil 4

52  6 Ich und Selbst interdisziplinär

53  6.1 Ich und Selbst in anderen wissenschaftlichen Denkrichtungen

54  6.1.1 Ich und Selbst in der Neurobiologie

55  6.1.2 Selbsttäuschung in der Philosophie

56  6.1.3 Ich und Selbst in der Psychologie

57  6.2 Ich und Selbst in anderen psychotherapeutischen Verfahren

58  6.2.1 Das falsche Selbst

59  6.2.2 Selbstschädigendes Verhalten

60  6.2.3 Dissoziative Identitätsstörung

61  6.2.4 Ich und Selbst in der (Kognitiven) Verhaltenstherapie

62  6.2.5 Ich und Selbst in der Systemischen Therapie

63  6.2.6 Ich und Selbst in der Gesprächspsychotherapie

64  6.2.7 Zusammenfassender Vergleich

65  6.3 Fallbeispiel Herr P., Teil 5

66  7 Zusammenfassung und Ausblick

67  Literatur

68  Verzeichnis der zitierten Medien

69  Stichwortverzeichnis

Vorwort

Beim vorliegenden Band handelt es sich um eine bearbeitete Mitschrift von fünf öffentlichen Vorlesungen, die ich im Wintersemester 2019/2020 an der Psychologischen Hochschule Berlin gehalten habe. Die Vorlesungsreihe ist Teil eines Projekts zu den Grundelementen psychodynamischen Denkens, in dem es unter der dreifachen Perspektive »Konzeptuelle Kritik, klinische Praxis, wissenschaftlicher Transfer« darum geht, sich mit psychoanalytischen Konzepten auseinander zu setzen: Trieb (Band I), Sexualität und Konflikt (Band II), dynamisch Unbewusstes (Band III), Objekte (Band IV), Übertragung (Band V), Abwehr und Widerstand (Band VI), Ich/Selbst (Band VII) und Deutung (Band VIII). Ziel ist dabei, sowohl in der öffentlichen Diskussion als auch im vorliegenden Format einer Reihe von Buchpublikationen eine Art kritisches Kompendium psychoanalytischer Konzepte zu entwickeln, ohne dabei den Anschluss an das Behandlungssetting oder den wissenschaftlichen Austausch zu vernachlässigen. Wenn es um Grundelemente psychodynamischen Denkens geht, dann soll damit auch der Hinweis darauf gegeben werden, dass aus Sicht der Psychoanalyse jedes, also auch das wissenschaftliche, Denken selbstreflexiv ist: Das Denken über Psychodynamik ist unweigerlich selbst psychodynamisch, d. h. es erkundet die Struktur der Konzeptzusammenhänge auch auf der Ebene der Bedeutung von Konzeptbildung selbst.

Für ein solches Vorgehen ist das Werk Freuds der Ausgangs- und ein kontinuierlicher Bezugspunkt. Mir geht es um eine genaue Prüfung dessen, was Freud mit seinen Konzepten »vorhat«, d. h. welche Funktion diese haben und welches ihr argumentativer Status ist. Dabei soll nicht eine bloße Freud-Exegese geschehen, sondern eher ein Lesen Freuds »mit Freud gegen Freud«. – Es wird deutlich werden, dass der grundlegende konzeptuelle Rahmen, den Freud seiner Psychoanalyse gibt, es auch erlaubt aufzuzeigen, wo er hinter den Möglichkeiten seiner Konzeptbildung zurückbleibt.

Über den Ausgangspunkt der Vorlesungen erklärt sich die Form des vorliegenden Textes, der nah an der gesprochenen Darstellung verbleibt. Auch sind, wie in jeder Vorlesung, eine Reihe von inhaltlichen Bezugnahmen auf Arbeiten anderer Autorinnen und Autoren eingeflossen, die mein Denken grundlegend beeinflussen, ohne dass dazu durchgängig im Detail eine Referenz erfolgen kann.

Bedanken möchte ich mich bei den Teilnehmenden an den öffentlichen Vorlesungen für ihr Interesse, sowie beim Kohlhammer Verlag, namentlich Ruprecht Poensgen und Kathrin Kastl, für die Unterstützung bei der Vorlesung und der Veröffentlichung. Außerdem danke ich Caroline Huss für die Anfertigung von Transkripten zur Audio-Aufzeichnung der Vorlesung. Cornelia Weinberger, Mona Brettschneider und Marko Walther gebührt Dank für die planerische und technische Unterstützung bei der Durchführung der Vorlesungen. Der Psychologischen Hochschule Berlin danke ich schließlich für die Möglichkeit, eine solche Vorlesungsreihe durchzuführen.

Heidelberg, im Sommer 2021

Timo Storck

1 Einleitung

In jeder Theorie des Psychischen spielen Konzeptionen von Ich oder Selbst eine zentrale Rolle, in deren Entwicklung, im Verhältnis zum anderen oder als Teile von »Persönlichkeit«. Psychoanalytisch betrachtet lassen sich entlang dieser beiden, manchmal deutlich unterschiedlich verwendeten Konzepte (Überblick und Einordnung zuletzt bei Althoff, 2019), viele der wichtigsten Positionen unterschiedlicher Schulrichtungen kennzeichnen.

Psychoanalytische Konzepte haben (zurecht) den Anspruch, wissenschaftliche zu sein. Das muss bedeuten, dass sie sich in bedeutsamer Weise auf Phänomene der inneren und äußeren Erfahrung richten. Somit sind sie nicht etwas, das man so in der Welt finden oder beobachten könnte (z. B. das Über-Ich), sondern es handelt sich bei ihnen um konzeptuelle Abstrakta, die etwas auf den Begriff bringen sollen (z. B. wiederkehrende Selbstanklage). Als wissenschaftliche Konzepte werden sie auf dem Weg eines methodisch geleiteten Zugangs zur Erfahrungswelt gewonnen; »empirisch« im grundlegenden Sinn bedeutet zunächst einmal nur »erfahrungsbezogen« (im Gegensatz zu »rationalistisch«), erst in einem engeren Begriffssinn ist damit dann ein apparativ, experimentell o. ä. geleiteter wissenschaftlicher Zugang gemeint. Für einen solchen bedarf es Operationalisierungen der psychoanalytischen Konzepte, die methodisch auf der Ebene der klinischen Behandlung gebildet und verändert werden (vgl. z. B. Kaluzeviciute & Willemsen, 2020). Diese stehen überdies in einem konzeptuellen Zusammenhang zu einander, denn nur auf diese Weise lässt sich ihr argumentativer Gehalt prüfen. Ferner sind sie »sparsam«, also gerade so komplex wie nötig, um etwas darüber zu sagen, worauf sie sich beziehen. Vor diesem Hintergrund sind in den vorgegangenen Bänden der vorliegenden Reihe verschiedene Konzepte in den Blick geraten.

Besonders deutlich wird der Gedanke, dass Konzepte sich nicht auf Dinge in der Welt beziehen, in Auseinandersetzung mit dem psychoanalytischen Triebkonzept (Storck, 2018a). »Trieb« ist nicht mess- oder beobachtbar, es handelt sich um ein Konzept, das etwas über Vermittlungsprozesse zwischen physiologischer Erregung und psychischem Erleben sagen soll. Deshalb bezeichnet Freud (1915c, S. 214) den Trieb als »Grenzbegriff zwischen Psychischem und Somatischem«, es wird bezeichnet, dass uns etwas in die psychische Repräsentation treibt. »Trieb« ist in diesem Sinn ein psychosomatisches Konzept, es bezieht sich auf Wirkungen von Psyche und Soma aufeinander. Noch aus einem anderen Grund unterscheidet es sich vom Instinkt oder biologischen Zusammenhängen: Triebhaftes erwächst aus der Interaktion, die körperlichen/leiblichen Zustände, die ins Psychische drängen (um dort reguliert zu werden). Statt dass das triebhafte Individuum losgelöst von sozialen Bezügen und Interaktion betrachtet werden könnte, handelt es sich beim Trieb auch um ein sozialisatorisches Konzept. Indem darin nun gefasst ist, dass sich Erregung in Erleben vermittelt (Freud meint, der Triebdrang stelle das Maß an Arbeitsanforderung für das Psychische dar; 1915c, S. 214ff.), kann man davon sprechen, dass es sich bei der Triebtheorie der Psychoanalyse um eine Theorie der allgemeinen Motivation des Psychischen handelt, insofern sie nämlich etwas darüber sagt, wie Psychisches als solches motiviert ist.

Eine Theorie der speziellen Motivation hingegeben findet die Psychoanalyse in ihrer Konzeption des unbewussten Konflikts (Storck, 2018b). Dort also, wo es konkret darum geht, welche Motive hinter einer Erlebnisweise oder Handlung verborgen sind, rekurriert die Psychoanalyse vor dem Hintergrund der Theorie der infantilen Psychosexualität, der Aggressionsentwicklung oder des Narzissmus auf Motivkonflikte. Die Psychoanalyse verwendet einen erweiterten Begriff von Sexualität und zwar dahingehend, dass sich Sexualität über Lust/Befriedigung und Erregung auch jenseits der primären Geschlechtsorgane bestimmt. Auch andere lustvolle körperliche Empfindungen gelten dann als sexuell. Als infantile Sexualität ist dies noch unintegrierter und unregulierter als später, wenn, so Freud, eine Vereinigung unter dem Genitalprimat (1905d, S. 109ff.) erfolgt ist. In der infantilen Sexualität sind die verschiedenen lustvollen Empfindungen noch unverbunden. Nachfolgende Autoren1, etwa Laplanche (1988), akzentuieren auch besonders den Bruch in der zweizeitigen Sexualentwicklung des Menschen, wie die Psychoanalyse sie beschreibt: Es wird nicht von einer schlichten Entwicklungsreihe aus infantiler Sexualität, Latenz-Zeit und genitaler Sexualität ausgegangen, in der das Frühere im Späteren aufgehoben ist. Vielmehr bleibt die infantile Sexualität, also die ungebändigte Form, beim Erwachsenen eine Art Fremdkörper.

Lust und Unlust liefern die Grundlage für die Konzeption des Menschen als konflikthaft. Freud versteht Lust als das, was wir empfinden, wenn ein Reiz an Intensität abnimmt, und Unlust als das, was wir erleben, wenn die Intensität eines Reizes ansteigt beziehungsweise gleichbleibend hoch ist. Dabei sind es die Momente, wo dieselbe Handlung oder Handlungsvorstellung sowohl mit Lust als auch mit Unlust verbunden ist, die psychische Konflikte darstellen. Prototypisch kann dafür der Stillvorgang genommen werden (oder allgemein der Vorgang der Nahrungsaufnahme durch den Säugling): Hier geht es um eine Interaktion, die sowohl mit Beruhigung als auch mit Stimulierung verbunden ist, denn natürlich ist das Stillen eingebunden in eine sinnvolle Interaktionsszene. Andere Beispiele wären verschiedene Formen von Ambivalenz, wo es darum geht, sowohl positive als auch negative Gefühle einer Person beziehungsweise der Vorstellung von ihr gegenüber zu empfinden. Einer der Kontexte der Konflikttheorie ist die Theorie der psychosexuellen Entwicklungsphasen. Diese beziehen sich zwar auf Körperlichkeit und körperliche Entwicklung und ihre Konflikthaftigkeit hat damit zu tun, welche Entwicklungsaufgaben sich stellen: In der oralen Phase geht es um die Erkundung der Welt mit dem Mund (einschließlich der Lautproduktion), um lustvolle Empfindungen an Zunge, Lippen oder Mundschleimhäuten, in der analen Phase geht es um die Kontrolle der Ausscheidungsfunktion, die Sauberkeitserziehung und die Auseinandersetzung mit den eigenen »Produkten« und in der phallisch-ödipalen Phase tritt der Geschlechter- und Generationenunterschied ins Zentrum sowie die Auseinandersetzung mit Rivalität, Verlust und Wirkmacht. Neben stärker körperbezogenen Lesarten lassen sich für die Entwicklungsphasen allerdings auch stärker »thematische« Lesarten verfolgen, in denen es bei der Oralität insgesamt um Fragen der Versorgung geht, bei der Analität um Kontrolle und beim Phallisch-Ödipalen um Begrenzung und deren Anerkennung.

Im Hinblick auf die Strukturkonzeptionen in der Psychoanalyse (Kap. 5) ist noch zu erwähnen, dass sich psychische Konflikte aus psychoanalytischer Perspektive auf unterschiedlichen Stufen der Reife beziehungsweise strukturellen Integration bewegen können. Es lassen sich eher reifere Formen eng umgrenzter innerpsychischer Konflikte zwischen Wunsch und Verbot beziehungsweise zwischen widerstreitenden Wünschen beschreiben, aber auch viel basalere Konflikte beziehungsweise Konfliktschemata, zum Beispiel solche aus Nähesehnsüchten und Verschmelzungsängsten.

Eine besonders zentrale Rolle im Hinblick auf Konflikt und Sexualität kommt dabei der Ödipalität zu. Bei Freud wird diese noch eher konkret verstanden, z. B. als die Angst des Jungen, durch den Vater für seine sexuellen Wünsche gegenüber der Mutter mit Kastration bestraft zu werden (allerdings benennt Freud durchaus auch eine Rivalität des Jungen mit der Mutter um die Nähe zum Vater, ebenso wie beide Formen für das Mädchen). In einem zeitgenössischen Verständnis lässt sich über den weiteren Verlauf der Konzeptentwicklung, etwa in Form der von Melanie Klein beschriebenen »Frühstadien des Ödipuskonfliktes«, davon sprechen, dass sich ödipale Konflikte um die Auseinandersetzung damit drehen, dass die Personen, zu denen jemand in Beziehung steht, auch prinzipiell zueinander in Beziehung stehen können, und man selbst aus deren Beziehung zumindest relativ und passager ausgeschlossen sein kann. Dann werden ödipale Konflikte zu etwas, das mit der Anerkennung von Begrenzung zu tun hat, die Kastration ist dann keine gefürchtete anatomische Handlung, sondern bezieht sich als »symbolische Kastration« darauf, in seiner Potenz eingeschränkt zu sein, d. h. Grenzen und Begrenzungen anerkennen zu müssen. In einer solchen Lesart bleiben ödipale Konflikte nicht auf klassische Familienkonstellationen beschränkt: Die Auseinandersetzung damit, dass Bezugspersonen aufeinander bezogen sind oder dass man selbst auf Begrenzungen stößt, stellt sich als Aufgabe auch dem Kind, das mit gleichgeschlechtlichen Eltern, bei einem alleinerziehenden Elternteil oder in einer sozialen Gruppe mit wechselnden Rollen und Aufgaben aufwächst.

In einem nächsten Schritt ist es um die Auseinandersetzung mit dem dynamisch Unbewussten gegangen (Storck, 2019a). Das zentrale Anliegen Freuds ist es gewesen, eine »Metapsychologie« zu formulieren, also eine Psychologie, welche die Konzeption eines psychischen Unbewussten einbezieht, statt eines Unbewussten, das außerhalb der Sphäre des Psychischen stünde. Entsprechend geht es ihm um eine Psychodynamik, also ein Gegeneinanderwirken drängender und verdrängender psychischer Kräfte. Im sogenannten topischen Modell stellt Freud dies in den drei psychischen Systemen Bewusst, Unbewusst und Vorbewusst dar und beschreibt Zustandsänderungen an Vorstellungen, je nachdem, ob sie bewusst sind, bewusstseinsfähig, aber nicht aktuell mit Aufmerksamkeit besetzt (vorbewusst) oder dynamisch unbewusst, d. h. aus »psychoökonomischen« Gründen dem bewussten Erleben nicht zugänglich sind. Im Verlauf der weiteren Entwicklung seines Werks stößt Freud an die Grenzen des topischen Modells, in erster Linie, weil er mit der Abwehr einen Bereich des Psychischen annehmen muss, der unbewusst, aber trotzdem zielgerichtet und im Dienste der Unlustvermeidung arbeitet, und weil ihn Konzeptionen der psychischen Zensur dazu bringen, andere psychische Strukturen zu konzeptualisieren. So entwickelt er das sogenannte Instanzen-Modell aus Ich, Über-Ich und Es. Darin kann die Abwehr dem Ich zugerechnet werden (ein Teil des Ichs ist also unbewusst) und die psychische Zensurfunktion übernimmt das Über-Ich. In der postfreudianischen konzeptuellen Weiterentwicklung liegt der Akzent dann auf verschiedenen Formen des Unbewussten; im vorliegenden Rahmen wurde der Vorschlag gemacht, unter »unbewusst« ein bestimmtes Verhältnis zwischen Vorstellungen und Affekten anzunehmen, eine Art der Unterbrechung mit dem Ergebnis, dass etwas nicht zueinander in Relation gesetzt werden kann.

Das Konfliktgeschehen besteht psychoanalytisch betrachtet nun nicht allein in motivationalen Konflikten, sondern es lassen sich auch repräsentationale beschreiben, weshalb als nächstes die Konzeption des Objekts erörtert worden ist (Storck, 2019b). Terminologisch stammt die Rede vom »Objekt« aus der Triebtheorie, es geht um das Objekt psychischer Besetzung beziehungsweise das Objekt der Vorstellung, also: die Objektrepräsentanz. Die Grundidee der psychoanalytischen Entwicklungstheorie hinsichtlich dieser besteht darin, dass sich Interaktionen mit anderen psychisch in Form von Beziehungsvorstellungen niederschlagen, die wiederum weitere Interaktionen färben. Aus Beziehungsvorstellungen werden sukzessive Vorstellungen/Repräsentanzen vom Selbst und den Objekten herausgelöst, wobei sich beides auch auf der Ebene der Repräsentation nur als miteinander verbunden begreifen lässt. Psychoanalytisch ist damit die Fähigkeit zur Symbolisierung berührt, also die Möglichkeit, etwas in der Wahrnehmung Abwesendes in der Vorstellung anwesend zu machen. Das ist die Grundlage für Erwartung, Erinnerung, Fantasie, Probehandeln und einiges mehr. Ein wichtiger Entwicklungsschritt besteht dabei darin, zu »ganzen« Vorstellungen von Selbst und Objekten zu gelangen. Gemeint ist, dass sich in der Entwicklung zunächst eine Logik der Spaltung zwischen »gut« und »schlecht« ergibt: Alles Schlechte soll aus dem Selbst herausgehalten werden und die Welt der Beziehungen wird als nur gut oder nur schlecht erlebt. Erst im Zuge haltender Beziehungserfahrungen können positive und negative Affekte derselben Person gegenüber oder unterschiedliche Bilder dieser zusammengebracht, also integriert werden. Die Idee repräsentationaler Konflikte berührt dann auch die Frage, ob Selbst- und Objektrepräsentanzen innere Spannungen aushalten können oder ob es zu Fragmentierungen kommt, indem Spaltungsprozesse aus der frühen Entwicklungszeit aufrechterhalten werden müssen und, mit Kernberg gesprochen, Teil-Selbst- und Teil-Objekt-Bilder vorherrschen ( Kap. 5.1.4).

Die Überlegungen zu Internalisierung und zum Wirken von Selbst- und Objektrepräsentanzen haben eine hohe Relevanz für das klinische Arbeiten der Psychoanalyse, denn sie münden in das Konzept der Übertragung (Storck, 2020a). In Freuds Bemerkungen dazu lassen sich eine weite und eine enge Begriffsfassung unterscheiden. In der weiten Fassung ist mit »Übertragung« basal gemeint, dass die »Intensität« einer Vorstellung auf eine andere, weniger gefährliche übertragen wird. Übertragung ist allgemein ein Mittel des entstellten Bewusstwerdens. Die engere Begriffsfassung bezieht sich konkret auf die analytische Beziehung in der Behandlung, dahingehend dass etwas, das aus früheren Beziehungen (einschließlich der Fantasien darüber) stammt, sich in der Beziehung zum Analytiker zeigt. Auch hier ist es ein Mittel des entstellten Bewusstwerdens, wenngleich Freud (1905e, S. 281) den Doppelcharakter der Übertragung als »größtes Hindernis« und »mächtigstes Hilfsmittel« erst erkennen musste. So wird über das Übertragungskonzept (einschließlich der Gegenübertragung auf Seiten des Analytikers) ein wichtiger Bestandteil der Erkenntnistheorie der Psychoanalyse, denn es wird begründbar, wie unbewusste Aspekte des Erlebens in Behandlungen zugänglich werden. Über die nötige Intensivierung von Übertragungsprozessen begründet sich das analytische Behandlungssetting unter Einsatz der Couch, mit hoher Frequenz von Wochenstunden und einer abwartend-zuhörenden Haltung des Analytikers. Das soll der Regressionsförderung dienen, die wiederum Übertragungsaspekte deutlicher zutage treten lassen beziehungsweise die Übertragung in Richtung einer Übertragungsneurose hin vertiefen soll, das heißt, die Zentrierung der (neurotischen, aber auch sonstigen) Symptome auf die analytische Beziehung, wo sie verstanden und verändert werden können. Über die Reflexion des Geschehens in Übertragung und Gegenübertragung, in Form des szenischen Verstehens, lassen sich nicht-triviale Verstehenshypothesen entwickeln, die verbalisiert als Deutung einen Prozess (der Veränderung) möglich machen.

Diesen Veränderungsprozessen stehen psychodynamisch betrachtet Widerstände entgegen, das heißt, dass sich in Behandlungen diejenigen Abwehrmechanismen zeigen, die zur Unlustvermeidung mobilisiert wurden und nun auch bezüglich des analytischen Prozesses vor Angst schützen sollen. Die Betrachtung von Abwehr und Widerstand (Storck, 2021) hat als Grundidee der psychischen Abwehr unterstrichen, dass diese eingesetzt wird, wenn eine Vorstellung mehr Unlust als Lust nach sich ziehen würde. Die Abwehr (die unbewusst wirkt und sich gegen einen »inneren« Reiz richtet) dient allgemein der Vermeidung unlustvoller Affekte. Dabei lassen sich verschiedene Abwehrmechanismen differenzieren, am wichtigsten ist das Zusammenwirken von Verdrängung und einem weiteren Mechanismus der Ersatzbildung, so dass sich abwehrbedingte Kompromissbildungen im Psychischen ergeben. Etwas muss umgearbeitet werden, damit es bewusst werden darf. Weniger reife Abwehrformen, so etwa die projektive Identifizierung, weisen bereits darauf hin, dass bei schweren psychischen Störungen weniger eng umgrenzte Abwehrmechanismen differenziert werden können, sondern Abwehrformationen (z. B. die von Steiner, 1993, eingeführte »pathologische Organisation«) vorliegen, die eng mit Struktur und Persönlichkeit verwoben sind ( Kap. 5). Darüber hinaus sind psychosoziale Abwehrformen, die nicht nur innerpsychisch, sondern auch »interaktionell« Unlust zu vermeiden versuchen, diskutiert worden. Widerstandsphänomene werden auf das Wirken der Abwehr in der Behandlung zurückgeführt und können sich in vielerlei Weise zeigen; zeitgenössisch entscheidend ist, dass der Analytiker etwas dazu beiträgt. Ein Widerstand muss als kokreativ und als Beziehungsphänomen begriffen werden (einschließlich der Beachtung möglicher Gegenübertragungswiderstände). Eine Brücke zwischen verschiedenen therapeutischen Richtungen findet sich in der Konzeption der Reparatur von Beziehungskrisen, wie Safran und Muran (2000) sie vorlegen.

Bei der Diskussion der Konzepte sind einige Fragen genauer zutage getreten, etwa danach, wann und wie interveniert, genauer gefragt: gedeutet werden soll, insbesondere wenn sich die Deutung doch auf unbewusste Aspekte des Erlebens richten soll. Damit ist auch die Frage danach verbunden, was psychische Veränderung möglich macht (Storck, in Vorb). Im vorliegenden Band soll es ferner um eine Untersuchung der Konzepte »Ich« und »Selbst« gehen, die insbesondere bei Freud nicht immer scharf getrennt werden. Damit verbunden sind Erörterungen dazu, was unter Ich-Funktionen verstanden werden soll (auch im Sinne struktureller Fähigkeiten) und wie sich die Selbstrepräsentanz davon unterscheidet beziehungsweise dazu im Verhältnis steht. Ferner werden die psychoanalytischen Richtungen der Ich-Psychologie und der Selbstpsychologie betrachtet sowie die Fortsetzung der Konzeption der Ich-Funktionen in Strukturkonzepte in der Psychoanalyse beleuchtet. Schließlich erfolgt eine Betrachtung von Ich und Selbst in anderen Wissenschaften sowie anderen psychotherapeutischen Verfahren.

1 Ich verwende im vorliegenden Band im kapitelweisen Wechsel außerhalb von Zitaten durchgängig das generische Maskulinum und das generische Femininum. Damit sind jeweils alle anderen Geschlechter mitgemeint.

2 Die Grundlagen von Ich und Selbst bei Freud

Zunächst soll es um einen Blick auf »Ich« und »Selbst« bei Freud gehen. Zu den bekanntesten Zitaten oder Denkfiguren Freuds gehört die Bemerkung, dass das »Ich nicht Herr im eigenen Haus« sei (Freud, 1917a, S. 11). In seinem Selbstverständnis stellt er sich damit in eine Reihe mit Kopernikus und Darwin, insofern er mit der Psychoanalyse dem Menschen eine dritte Kränkung zugefügt habe: Die Erde ist nicht das Zentrum des Universums, der Mensch stammt vom Affen ab und noch dazu wird er von ihm selbst nicht immer ersichtlichen Motiven angetrieben. Das ist eng verbunden mit der Annahme eines dynamisch Unbewussten. Es gibt verdrängte, nicht zugängliche Teile, die sich auch nicht über Anstrengung oder Aufmerksamkeit ins Bewusstsein heben lassen, sondern unzugänglich sind – und den Menschen umso stärker antreiben. Während in frühen Arbeiten Freuds das Ich in unterschiedlicher Weise, u. a. allgemein eher synonym mit »Persönlichkeit«, gebraucht wird (auch in der realitätsgerechten Hemmung primärprozesshafter Abläufe), formuliert er die Überlegungen später (v. a. Freud, 1923b) als psychische Instanz des Ichs aus, das sich über seine Funktionen bestimmt, in erster Linie die Möglichkeiten einer Vermittlung der »inneren« Ansprüche (Trieb, Gewissen) und der »äußeren«, also den Regeln des sozialen Zusammenlebens beziehungsweise der konkreten Folgen von Handlungen. Das Selbst hingegen wird von Freud sehr viel seltener und ungenauer gebraucht. Der Ausdruck taucht einerseits, aber nicht konzeptuell, prominent in Freuds »Selbstanalyse« auf ( Kap. 2.2), ansonsten als Besetzung der psychischen Repräsentanz der eigenen Person mit »Ichlibido« (Freud, 1914c, S. 141). Hier zeigen sich schon die wichtigsten terminologischen Schwierigkeiten: Das Selbst ist das, was mit Ichlibido besetzt wird, die allerdings nur so genannt werden kann, weil es um eine Besetzung der eigenen Person statt der Objekte geht ( Kap. 2.3 zur Narzissmuskonzeption bei Freud).

In der einleitenden Zusammenfassung (Kap. 1) hat sich die zentrale Stellung des Ichs in der psychoanalytischen Konflikttheorie bereits angedeutet. Gemäß dem Lustprinzip, das vollständig betrachtet aus dem Streben nach Lust und dem Vermeiden von Unlust besteht, setzt die Abwehr dann ein, wenn eine Vorstellung mehr Unlust als Lust nach sich ziehen würde. Das wiederum bedeutet, dass eine Tätigkeit des Ichs eintritt, denn zu deren Funktionen gehört die Abwehr. Das Ich ist es also, das zum einen in irgendeiner Weise einen Konflikt aus Lust-Aufsuchen und Unlust-Vermeiden erkennen muss; gemäß dem Instanzen-Modell zwischen Es, Über-Ich und Außenwelt. Auch triebtheoretisch lassen sich Konflikte beschreiben, so etwa zwischen Sexual- und Selbsterhaltungstrieb, zwischen Trieb und Narzissmus oder zwischen Eros und Todestrieb). So heißt es auch, die Verdrängung gehe »von der Selbstachtung des Ichs« aus (Freud, 1914c, S. 160), es ist »die eigentliche Angststätte« (1923b, S. 287) – Zum anderen wird ebenfalls durch das Ich dann mittels der Abwehr eine kompromisshafte Bewältigung eingeleitet. Schon früh spricht Freud vom »abwehrlustige[n] Ich« (1895d, S. 280) und meint zu dieser Zeit vor allem die hemmende Funktion, die das Ich auf den Primärprozess ausübt (vgl. Storck & Billhardt, 2021). Etwas am Ich ist also unbewusst (andernfalls könnte eine psychische Abwehr nicht erfolgreich sein), aber zugleich gibt es eine Selbstbeobachtung und zielgerichtete Konfliktabwehr.

Ein weiteres häufig wiedergegebenes Zitat Freuds betrifft die Folgerungen für die Zielsetzung analytischer Behandlungen. Die Absicht der »therapeutischen Bemühungen der Psychoanalyse« sei, »das Ich zu stärken, es vom Über-Ich unabhängiger zu machen, sein Wahrnehmungsfeld zu erweitern und seine Organisation auszubauen, so daß es sich neue Stücke des Es aneignen kann. Wo Es war, soll Ich werden.« (Freud, 1933a, S. 86) Eine erfolgreiche Behandlung zieht es im Verständnis Freuds nach sich, dass das Ich mehr oder andere Bereiche der inneren Welt in den Blick nehmen kann als zuvor.

Auch in der Geistesgeschichte überhaupt hat die Auseinandersetzung mit Ich und Selbst eine lange Tradition, sie taucht in Descartes’ »Ich denke, also bin ich« auf, dessen Hauptgedanke darin besteht, dass es der Zweifel ist, der durch seine Möglichkeit die Existenz des Ichs belegt: Nur wer infrage stellen kann, ob es ihn gibt, kann sich, und zwar darin, seiner selbst gewahr und gewiss sein. Ferner spielen Figuren des (transzendentalen) Ichs oder des Selbstbewusstseins im Deutschen Idealismus oder in der Romantik (das Ich in seiner Naturhaftigkeit oder potenziellen Entgrenzung) eine Rolle. Auch in der, vergleichsweise jungen, Psychologie finden sich leitende Gedanken dazu, allen voran die Unterscheidung zwischen »I« und »me« bei William James. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts werden vermehrt Figuren eines dezentrierten oder flüchtigen Ich (bzw. Selbst) oder Figuren der grundlegenden Selbstentzogenheit oder Selbsttäuschung zum Thema. Für die Psychoanalyse sind besonders diejenigen Aspekte oder Spannungen im Begriff wichtig, die sich gleichsam zwischen den Sprachen zeigen, so etwa das »I« und »me«, das sich nur bedingt in »Ich« und »Mich« (= Ich als Objekt meines Erlebens) übersetzen lässt, aber auch, dass im Englischen Freuds Ich im Instanzen-Modell als »Ego« auftaucht und damit deutlicher vom »Ich« als einer subjektiven Erlebnisperspektive unterschieden ist. Im Französischen schließlich, das wird sich in der Darstellung der Theorie Lacans besonders deutlich zeigen ( Kap. 3.3.1 u. Kap. 5.1.3), taucht die Unterscheidung James’ in anderer Form wieder auf, nämlich als »Je« und »moi«, als Subjekt der Aussage und Subjekt des Aussagens.

Wie häufig beim Anliegen einer konzeptuellen Klärung, so ist auch für die Untersuchung von Ich und Selbst eine kurze Skizze über die wichtigsten psychoanalytischen Schulen nützlich. Von Pine (1988) sind vier »Psychologien« der Psychoanalyse unterschieden worden, die Triebtheorie, die Ich-Psychologie, die Selbstpsychologie und die Objektbeziehungstheorie. Darin finden sich bereits terminologisch Ich und Selbst, dabei werden in der Regel Hartmann mit dem Ich und Kohut mit dem Selbst verbunden. Hinzu kommt, dass sich die Richtungen weiter differenziert haben, so ist die strukturale Psychoanalyse Lacans mit ihrer vehementen Kritik am Ich-Begriff der nordamerikanischen Ich-Psychologie zu nennen oder die ebenfalls in Gegenbewegung zur Ich-Psychologie entstandene relationale Psychoanalyse. Die Selbstpsychologie wiederum steht historisch der Säuglings-, Kleinkind- und Bindungsforschung näher. Die Mentalisierungstheorie knüpft dort, wo sie psychodynamisches Denken weiterführt, neben der Theory of Mind, der Bindungsforschung oder der akademischen Entwicklungspsychologie, an verschiedene Richtungen der Psychoanalyse an, am deutlichsten an die Objektbeziehungstheorie.

Im Folgenden geht es um eine kurze Skizze der Entwicklung von Ich und Selbst im Werk Freuds (vgl. zur Begriffsentwicklung z. B. Hartmann, 1956; Laplanche & Pontalis , 1967, S. 184ff.), und zwar in drei Schritten: Erstens geht es um das Ich in seiner hemmenden Funktion, zweitens um die Narzissmustheorie und die Stellung des Selbst darin, sowie drittens um das Ich im Instanzen-Modell.

2.1 Hemmung und Ich-Spaltung

In einer ersten Phase, zwischen 1895 und 1900, erfährt der Ausdruck »Ich« bei Freud eine häufige Verwendung in teils unterschiedlicher Bedeutung, mal im Zusammenhang der Behandlungstheorie, mal in der Abwehrlehre und mal als Teil des psychischen Apparates. Das Ich ist für Freud (1895d, S. 280) hier ein »abwehrlustiges Ich« und taucht als »Stätte des Konflikts« (Laplanche & Pontalis, 1967, S. 188) auf. Ein Konflikt aus Lust und Unlust (auf der Grundlage entsprechender neuropsychologischer Bahnungen) wird »am« Ich deutlich und dieses ist es zugleich, das eine hemmende Wirkung auf Erregungsabläufe ausübt, es steht für den Sekundärprozess und das das Denken. Das Ich ist dafür zuständig, dass auf Erinnerung oder Antizipation und vor diesem Hintergrund auf Regulation zurückgegriffen werden kann, es weiß um vorangegangene Abläufe von Befriedigung oder Frustration. Hartmann (1956, S. 265) spricht vom Ich als einer »Organisation mit konstanter Besetzung«: Statt einem primärprozesshaften Ablauf kann hier auf Dauerspuren zurückgegriffen werden, es kann gleichsam daran »gedacht« werden, unter welchen Bedingungen Befriedigung möglich ist, ohne dass Unlust entsteht.

2.1.1 Die hemmende Funktion des Ichs

Im »Frühwerk«, also im Wesentlichen im zu jenem Zeitpunkt unveröffentlichten Entwurf einer Psychologie sowie in der Traumdeutung stehen Hemmung und Dissoziation bezüglich des Ichs im Zentrum. Freud entwirft hier ein Modell des Bewusstseins als »Sinnesorgan[.] zur Wahrnehmung psychischer Qualitäten« (1900a, S. 620; Sperrung aufgeh., TS). Bewusstsein bedeutet die Wahrnehmung innerer oder äußerer Reize (vgl. zum Folgenden auch Storck & Billhardt, 2021). Freud unterscheidet ferner zwischen Wahrnehmungszellen (ohne Gedächtnis) und Erinnerungszellen (ohne Bewusstsein): Aktuelle Wahrnehmungen hinterlassen Erinnerungsspuren; werden diese erneut als Erinnerung innerlich »wahrgenommen«, dann wird etwas bewusst. Freuds Modell des Psychischen ist dem Reflexapparat nachgebildet ( Abb. 2.1), das bedeutet, dass im Ablauf zwischen Wahrnehmung und Motorik prinzipiell die innere Wahrnehmung von Erinnerungsspuren als Er-innerung im ganz eigentlichen Sinn eingeschaltet werden kann – vor dem Hintergrund vorangegangener Erfahrungen lustvoller oder unlustvoller Art. Dabei ist die Differenzierung zwischen zwei »Ablaufsarten der Erregung« (1900a, S. 614) bedeutsam. Während der Primärprozess sich darauf bezieht, dass Erregung unmittelbar in die Motorik überführt wird (also ein unmittelbares Streben nach Befriedigung), besteht im sekundärprozesshaften Denken die Möglichkeit, Abläufe zu hemmen oder umzulenken (unter Berücksichtigung des Realitätsprinzips, der Antizipation etc.). Diese hemmende Wirkung, in welcher der Sekundärprozess dann im Grunde einzig besteht, wird durch das Ich vollzogen: »Wenn ein Ich existiert, muss es psychische Primärvorgänge hemmen.« (Freud, 1950a, S.417)

Das Ich »weiß« um mögliche unlustvolle Folgen vor dem Hintergrund des bei Freud auch neuropsychologischen Systems aus Bahnungen, Wunschanziehungen und Seitenbesetzungen. Lustvolle und unlustvolle Erlebnisse hinterlassen ihre Spuren und im Verlauf der psychischen Entwicklung kommt es zur Bildung einer »Organisation« im Psychischen, »deren Vorhandensein [Quantitäts-]Abläufe stört, die sich zum ersten Mal in bestimmter Weise [d.i. begleitet von Befriedigung oder Schmerz] vollzogen haben.« (1950a, S. 416) Diese Organisation ist das Ich als System konstanter (Seiten-)Besetzungen. Freud beschreibt es auch als »ein Netz besetzter, gegeneinander gut gebahnter Neurone« (a. a. O., S. 417).


Abb. 2.1: Freuds (1900a, S. 546) Modell des psychischen »Reflexapparates« zwischen Wahrnehmung und Motilität unter Einschaltung von Erinnerungsspuren

Denken (als wesentliche Leistung des Ichs) ist für Freud ein Umweg (1900a, S. 609), es soll die »ungefährliche« Befriedigung ermöglichen. Das Ich ist zuständig für die Hemmung des Primärprozesses. Auf dem Weg zwischen Wahrnehmung und Motorik (Ablauf der Erregung) werden – in Gestalt von Erinnerungsspuren – potenziell Hemmungen »zwischengeschaltet«. Das heißt, es erfolgt eine Prüfung, ob »befriedigende« Bedingungen aktuell in der Wahrnehmung der äußeren Realität gegeben sind. Das Ich ist zuständig für den Einbezug von Gedächtnisfunktion und Realitätsprüfung, es leistet potenziell den Triebaufschub.

2.1.2 Ich und Spaltung

Im selben Zeitraum wird neben der hemmenden Funktion des Ichs noch eine weitere begriffliche Komponente benutzt, nämlich die Spaltung des Ichs beziehungsweise im Ich. Mit dieser Phase der Freud’schen Theorieentwicklung wird, zumindest bis 1897, das sogenannte Affekt-Trauma-Modell verbunden (vgl. Sandler et al., 1997), in dem bezüglich der Konzeption neurotischer Störungen der Gedanke zentral ist, dass Affekt und Vorstellung voneinander dissoziiert sind, also voneinander getrennt gehalten werden. Ein Beispiel dafür wäre ein diffuses Angsterleben, ohne dass dies mit Vorstellungen und damit einem Gegenstand der Angst verbunden ist, oder – dann sekundär – mit einem verschobenen Angst-Objekt. Wenn Freud hier von einer Ich-Spaltung spricht, ist keine Spaltung der Persönlichkeit o. ä. gemeint, sondern eine Spaltung zwischen einzelnen Elementen der Vorstellungswelt (Affekt und Vorstellung) beziehungsweise, anders ausgedrückt, die Dissoziation einer Vorstellung oder eines Affekts vom Rest des bewussten Erlebens. Unter den verschiedenen Bedeutungen von Spaltung in der Psychoanalyse (Blass, 2013) geht es hier um die Spaltung als Dissoziation (a. a. O., S: 100ff.), also um die Abtrennung eines Bereichs des Erlebens, worauf sich im frühen Verständnis Freuds die Trennung zwischen bewusst und unbewusst gründet. Er spricht von einer »Spaltung des Bewußtseins« (Freud, 1895d, S. 91; Hervorh. aufgeh. TS) sowie, später, von »durch den Einfluß des Traumas abgespaltenen Anteile[n] des Ichs« (Freud, 1939a, S. 183).

Gegen Ende seines Werks thematisiert Freud (1940e) ferner die »Ich-Spaltung im Abwehrvorgang« im Zusammenhang des Fetischismus, und zwar dahingehend, dass ein Aspekt der wahrgenommenen Realität anerkannt und zugleich verleugnet wird (am Beispiel der Penislosigkeit der Frau dargestellt). Da geht es dann weniger um eine Abspaltung vom Ich o. ä., sondern um ein Auseinanderhalten der an sich widersprüchlichen Ergebnisse der Tätigkeit des Ichs (also zum Beispiel Wahrnehmung und Fantasie). Außerdem spielt das Spaltungskonzept im Hinblick auf das Ich noch eine Rolle im Gedanken einer »therapeutischen Ich-Spaltung« (Sterba, 1934). Damit ist gemeint, dass sowohl Analysandin als auch Analytikerin im Prozess eine Haltung einnehmen (und einzunehmen lernen), in der über dasjenige Beziehungsgeschehen reflektiert werden kann, dessen Teil man unmittelbar ist. »Spaltung« heißt hier, zugleich Teil einer Szene zu sein und auf diese Szene blicken zu können.

2.2 Exkurs: Freuds »Selbstanalyse«

Die ersten Meilensteine in Freuds Werk sind die 1895 mit Breuer veröffentlichten Studien über Hysterie sowie der 1895 niedergeschriebene Entwurf einer Psychologie, außerdem entwirft Freud viele seiner Gedanken in Manuskripten, die er an seinen Freund Wilhelm Fließ schickt (Freud, 1985). Insbesondere im Anschluss an den Tod seines Vaters im Herbst 1896 unternimmt Freud seine von ihm so genannte »Selbstanalyse«. Der Tod hinterlässt bei ihm »ein recht entwurzeltes Gefühl« (Freud, 1985, S. 212f.; Brief an Fließ vom 2.10.1896). Die Zeit zwischen Juni und November 1897 gilt als die Zeit der Selbstanalyse, in der Freud sich unter anderem mit eigenen Träumen auseinandersetzt (viele davon sind in der Traumdeutung publiziert; Freud, 1900a), beispielsweise mit dem »Traum von Irmas Injektion«, der in Freuds Assoziationen dazu einiges von seinen Unsicherheiten über den Wert seiner Arbeit zeigen.

Es ist eine Zeit des Umbruchs, an deren Ende mit der Traumdeutung und der Grundlegung der infantilen Psychosexualität wichtige Werke und konzeptuelle Bestandteile der psychoanalytischen Theorie stehen. Freud geht dazu durch eine persönliche Krise, die mit dem Verlust seines Vaters zu tun hat, sowie mit Überlegungen dazu, wie es mit seiner wissenschaftlichen und nervenärztlichen Karriere weitergehen wird. An Fließ schreibt er: »Ich habe übrigens etwas Neurotisches durchgemacht, komische Zustände, die dem Bewußtsein nicht faßbar sind. Dämmergedanken, Schleierzweifel […] Ich glaube, ich bin in einer Puppenhülle, weiß Gott, was für [ein] Vieh da herauskriecht« (Freud, 1985, S. 271f.; 22.6.1897). Im selben Brief heißt es auch: »Was in mir vorgegangen ist, weiß ich noch immer nicht; irgend etwas aus den tiefsten Tiefen meiner eigenen Neurose hat sich einem Fortschritt im Verständnis der Neurosen entgegengestellt« (a. a. O., S. 272). Freud nutzt diese an sich selbst beobachteten Phänomene zu einem Verständnis dessen, was sich dem Bewusstsein und der Reflexion entgegenstellt, indem er Überlegungen zum Verhältnis von Abwehr und Traum anschließt.

Freud meint wenig später weiterhin: »Der Hauptpatient, der mich beschäftigt, bin ich selbst. […] Die Analyse ist schwerer als irgendeine andere. […] Doch glaube ich, es muß gemacht werden und ist ein notwendiges Zwischenstück in meinen Arbeiten.« (a. a. O., S. 281; 14.8.1897) Die Auseinandersetzung mit der eigenen Innenwelt führt zum konzeptuellen Wandel. Am 21.9.1897 fällt der berühmte Satz: »Ich glaube an meine Neurotica nicht mehr« (a. a. O., S. 283), der die Revision der Verführungstheorie einleitet. Freud meint, seine Theorie, nach der in jedem Fall einer hysterischen Neurose eine konkrete sexuell-übergriffige »Verführung« vorgelegen hat, erweitern zu müssen, indem nun auch der Einfluss von Wunsch, Verbot und Fantasie Berücksichtigung findet (es wird also nicht die Realität von Missbrauchserfahrungen geleugnet, sondern eine weitere Perspektive hinzugefügt). Eine besondere Rolle spielt dabei die Konzeption ödipaler Wünsche und Konflikte, die Freud seiner Selbstanalyse sowie dem Umstand entnimmt, dass die menschliche Kulturgeschichte, namentlich Sophokles’ Drama Ödipus Rex, sich wiederholt mit dem Mord am Vater und dem Hingezogensein zur Mutter beschäftigt hat. In einem Brief vom 15.10.1897 schreibt Freud an Fließ, er habe die »Verliebtheit in die Mutter« und die »Eifersucht gegen den Vater« »auch bei mir gefunden« (Freud, 1985, S. 293). Auch in Auseinandersetzung mit dem, was Freud als seine eigene Neurose bezeichnet, kommen ihm Zweifel am übergriffigen Einfluss des Vaters auf die Neurosengenese. Er reflektiert die Bedeutung eigener Träume und Erinnerungen an das Hingezogensein zur Mutter und gerät so auf den Weg einer Konzeption der Gefühle und Fantasien gegenüber Vater und Mutter. Wiederholt ist eine Art der Selbstbeobachtung die Grundlage für beginnende theoretische Konzeptualisierungen.

Freuds »Selbstanalyse, die ich für unentbehrlich halte zur Aufklärung des ganzen Problems« (a. a. O., S. 288; 3.10.1897), »ist in der Tat das Wesentlichste, was ich jetzt habe, und verspricht von höchstem Wert für mich zu werden, wenn sie bis zu Ende geht.« (a. a. O., S. 291; 15.10.1897) So berichtet er auch von Unterhaltungen mit seiner Mutter und weiteren eigenen Erinnerungen: »Ganz leicht ist es nicht. Ganz ehrlich mit sich sein ist eine gute Übung.« (a. a. O., S. 293)

Auch wenn aus heutiger Perspektive gesagt werden muss, dass eine alleinige Selbstanalyse, also das, wie ehrlich auch immer vollzogene, Nachdenken über eigene Träume, Gedanken und Gefühle recht schnell an ihre Grenzen stößt, wenn es um das Gewahrwerden des (dynamisch) Unbewussten geht, so bleiben Freuds Bemerkungen doch beeindruckend, sie dokumentieren das persönliche Ringen (und den Weg, den er durch die Theoriebildung heraus findet!) (vgl. zum Prozess von Produktivität und Niedergeschlagenheit auch z. B. Alt, 2016, S. 254f.). Am 31.10.1897 schreibt er: »Meine Analyse geht weiter, bleibt mein Hauptinteresse, alles noch dunkel, selbst die Probleme, aber ein behagliches Gefühl dabei, man braucht nur in seine Vorratsräume zu greifen, um seinerzeit herauszuholen, was man braucht.« (Freud, 1985, S. 298) Ebenso zeigen sich die Widerstände in diesem Prozess: »Meine Selbstanalyse stockt wieder einmal, besser, sie träufelt so langsam weiter, ohne daß ich etwas von ihrem Verlauf verstehe.« (a. a. O., S. 299, 5.11.1897) Auch dies erfährt eine Konzeptualisierung: Der Gedanke des Widerstands, hier noch nicht direkt auf den Behandlungsprozess, so doch aber auf die Aufdeckung des Verdrängten bezogen, wird zu einem Kernelement der weiteren Theorie.

Am 14.11.1897 gibt es einen wortreichen Brief mit Gedanken zu Sexualentwicklung, Verdrängung und Neurosenwahl. Freuds Ringen setzt sich fort, aber zunehmend geht es darum, dass er theoretische Überlegungen entwickelt, ohne die er seine Selbstanalyse und Reflexion nicht weiterführen zu können glaubt: »Meine Selbstanalyse bleibt unterbrochen. Ich habe eingesehen, warum. Ich kann mich nur selbst analysieren mit den objektiv gewonnenen Kenntnissen (wie ein Fremder), eigentliche Selbstanalyse ist unmöglich« (a. a. O., S. 305). Außerdem bemerkt Freud, selbstironisch: »Seitdem ich das Unbewußte studiere, bin ich mir selbst so interessant geworden.« (a. a. O., S. 310; 3.12.1897) Damit benennt er deutlich, wie eng seine Auseinandersetzung mit sich selbst und die Theoriebildung miteinander verknüpft sind. Am Ende dieses Prozesses steht der Beginn der Arbeit an der Traumdeutung ab Januar 1898 (veröffentlicht dann in 1899, vordatiert auf 1900). Die regelmäßige Korrespondenz mit Fließ endet in 1902 in der Folge eines Streits über das geistige Eigentum der Konzeptionen zur psychischen Bisexualität, einzelne Briefe folgen noch in 1904.

Für den weiteren Kontext von Freuds Selbstanalyse finden sich Kommentare bei Roudinesco und Plon (1997, S. 919ff.). In ihr sind die Grundzüge analytischer Selbstreflexion und Introspektion angelegt, es treten aber auch die Grenzen einer »Eigenanalyse« zutage; das Erkennen eigener unbewusster Erlebnisaspekte bedarf des Gegenübers beziehungsweise des konkreten Beziehungserlebens. Deserno (2014) benennt als eine Nebenbedeutung von »Selbstanalyse« noch die innere Arbeit von Analysandinnen zwischen den Stunden. Insbesondere ab 1909/1910 (besonders in der analytischen Arbeit C.G: Jungs mit Sabina Spielrein) werden Phänomene der Gegenübertragung deutlicher, so dass in den Folgejahren die erforderliche »kollegiale« Selbstanalyse/Lehranalyse eingeführt wurde. In der Arbeit mit Patientinnen ist es unerlässlich, die eigenen »blinden Flecke« kennengelernt zu haben, um so das eigene Erleben in der analytischen Beziehung zum Ausgangspunkt der Arbeit und der Interventionen machen zu können.

2.3 Freuds Narzissmustheorie: Bildung und Besetzung des Selbst

Die Zeit zwischen 1900 und 1915 (beziehungsweise bis zur Einführung des Instanzen-Modells in den Jahren danach) »läßt sich im Hinblick auf den Ichbegriff als eine [Periode] der Verzögerung charakterisieren« (Laplanche & Pontalis , 1967, S. 191). Hartmann spricht hier von einer »Verzögerung von Freuds Interesse am Ich« (Hartmann, 1956, S. 273) oder einer »Periode verhältnismäßig latenten Interesses am Ich » (Hartmann, 1950, S. 119). Statt der Erörterung des Ichs geht es Freud nun um die Konzeption des Narzissmus und um Überlegungen zu Internalisierungsprozessen, insbesondere zur Identifizierung, womit er auch skizziert, wie sich Vorstellungen des Selbst bilden oder verändern. In seiner Triebtheorie geht es nun um die Unterscheidung zwischen Ichlibido und Objektlibido, also darum, was der Gegenstand libidinöser Besetzung ist (so dass im Grunde eher »Selbstlibido« passender wäre, wenn es darum geht zu beschreiben, dass die Vorstellungen der eigenen Person libidinös besetzt sind). Der Narzissmus wird hier als Teil der Triebtheorie aufgefasst, es ist eine besondere Form der Besetzung. Daher schreibt Hartmann (1956, S. 276): »Das Ich wurde nicht nur als ein Satellit der Triebe angesehen, sondern zeitweise fast völlig von ihnen in den Schatten gestellt.«

Insbesondere in den 1910er Jahren setzt Freud sich, nachdem es ihm davor um die Untersuchung verschiedener Phänomene, in deren Entstehung unbewusste Konflikte eine Rolle spielen, namentlich Symptom, Traum, Witz und Fehlleistung, gegangen war, mit den konzeptuellen Grundlagen der Psychoanalyse auseinander, in den sogenannten metapsychologischen Schriften z. B. zum Trieb, zur Verdrängung oder zum Unbewussten. Einen wichtigen Hintergrund für Freuds Auseinandersetzung mit dem Narzissmus als der Besetzung der Vorstellungen der eigenen Person stellen seine Überlegungen zur Psychose als »narzisstischer Neurose« dar (Freud, 1911c), die er in der Rezeption von Daniel Paul Schrebers (1903) Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken entwickelt (vgl. a. Storck & Stegemann, 2021). Schreber leidet an Verfolgungsideen (er fühlt sich von Gott und seinem Psychiater verfolgt und gequält), Größenwahn (Verbundenheit mit Gott) und einer spezifischen Form der Objektrepräsentanzen (»flüchtig hingemachte Männer«). In Freuds Konzeption werden dabei die Sachvorstellungen verworfen, also aus dem Bereich des bewussten wie unbewussten Psychischen ausgestoßen, so dass stattdessen nur noch die Wortvorstellungen besetzt sind. Das erklärt beispielsweise die Neologismen im Rahmen psychotischer Störungen. Freud konzipiert das Abziehen der Libido von den Objekten (Verwerfung der Sachvorstellung) als einen Rückzug der Libido ins Ich, also eine dann narzisstisch zu nennende Besetzung des Selbst statt der Objekte. Es resultiert eine Selbsterhöhung beziehungsweise »Ichvergrößerung« (Freud, 1911c, S. 309) sowie eine Entleertheit von Objektrepräsentanzen. Nachdem also in einem ersten Schritt die Verwerfung dafür gesorgt hat, dass die inneren Objekte verschwinden, sorgt in einem zweiten Schritt die Projektion für deren Wiederkehr, aber als das Schaffen verfolgender Objekte, die aufgrund von Problemen der Ichgrenzen immer wieder auch mit einem Verlust des grundlegenden Selbstgefühls und Gefühls der Unterschiedenheit zwischen »innen« und »außen« zu tun haben.

Daraus ergeben sich (besetzungstheoretische) Folgerungen für Ich (bzw. Selbst) und Objekt, die Freud in seiner Konzeption des primären und sekundären Narzissmus weiterführt. Dabei geht er von der »Vorstellung einer ursprünglichen Libidobesetzung des Ichs« aus (Freud, 1914c, S. 141), die er als »ursprüngliche[n] Narzißmus des Kindes« (a. a. O., S. 159) oder als »infantile[n] Narzißmus« (a. a. O., S. 160) bezeichnet. Dabei ist aus Sicht Freuds die Libido »im« Ich angesammelt, wenn er von einem »Libidoreservoir« spricht und die Libido in dieser Form als »Ichlibido« oder »narzisstische[.] Libido« (a. a. O., S. 165) bezeichnet. Das ist für ihn die Grundform, nämlich »daß das Ich das eigentliche und ursprüngliche Reservoir der Libido sei« (1920g, S. 55f.). So differenziert er weiter hinsichtlich der Unterschiede zwischen Triebarten: »Die Sonderung der Libido in eine solche, die dem Ich eigen ist, und eine, die den Objekten angehängt wird, ist eine unerläßliche Fortführung einer ersten Annahme, welche Sexualtriebe und Ichtriebe voneinander schied.« (1914c, S. 143)

Die Überlegungen, dass ursprünglich alle Libido im Ich angesammelt ist, stößt allerdings auf eine entscheidende Schwierigkeit, nämlich angesichts der Konzeption, dass das Ich sich aus dem Es erst als eine Veränderung eines Teils dessen bildet. Daher schreibt Freud auch: »Zu Uranfang ist alle Libido im Es angehäuft, während das Ich noch in der Bildung begriffen oder schwächlich ist.« (1923b, S. 275; zum genetischen Verhältnis von Ich und Es Kap. 2.4) Die Schwierigkeit lässt sich in Teilen lösen, wenn man deutlicher zwischen Selbst und Ich unterscheidet und ferner in Betracht zieht, dass zu Beginn der psychischen Entwicklung eine verlässliche Unterscheidung zwischen Selbst und Nicht-Selbst nicht vorliegt (so zumindest die Annahmen in den meisten psychoanalytischen Entwicklungstheorien).

Dann lässt sich vom primären Narzissmus als einer Art von »primärem Identifiziertsein« sprechen: Der Säugling oder das Kleinstkind erleben eine Art von »Selbstuniversum«, identifizieren alles, was in der Wahrnehmung gefunden werden kann, als Teil von sich, statt als »Umwelt« im eigentlichen, geschiedenen Sinn. Ein Zustand des primären Narzissmus wäre also ein solcher, in dem deshalb alle Besetzungen »im Ich« liegen, weil es noch keine Trennung gibt zwischen dem, was zum Selbst und dem, was zum Nicht-Selbst zugehörig ist. Es kann gar kein Selbst besetzt werden und auch nichts anderes, sondern nur im Zustand der Ungeschiedenheit alles eins sein. Es ist also ein Zustand vor der Besetzung von Objekten.

Ausgehend also vom primären Narzissmus, bei dem alle Libido im Ich angesammelt ist (beziehungsweise: in dem nichts anderes besetzt werden kann als das Einssein mit allem) kann nun mit Freud gesagt werden, dass die »Entwicklung des Ichs […] in einer Entfernung vom primären Narzißmus« (1914c, S. 167) besteht und dass hier »das Ich die libidinösen Objektbesetzungen ausgeschickt« hat (a. a. O., S. 168; gebildet wird ferner das Ich-Ideal; Kap 4.1). Es wird gleichsam zunehmend die innere Welt mit (libidinös besetzten) Objektvorstellungen bevölkert. Freud will das Aussenden der Objektbesetzungen durch einen Vergleich mit der Biologie verdeutlichen: »Denken Sie an jene einfachsten Lebewesen, die aus einem wenig differenzierten Klümpchen protoplasmatischer Substanz bestehen. Sie strecken Fortsätze aus, Pseudopodien genannt, in welche sie ihre Leibessubstanz hinüberfließen lassen. Sie können diese Fortsätze aber auch wieder einziehen und sich zum Klumpen ballen. Das Ausstrecken der Fortsätze vergleichen wir nun der Aussendung von Libido auf die Objekte, während die Hauptmenge der Libido im Ich verbleiben kann.« (1916/17, S. 431) Damit soll gesagt sein, dass Entwicklung darin besteht, das Interesse nach außen zu richten und den primären Narzissmus aufzugeben.

Allerdings beschreibt Freud auch einen sekundären Narzissmus. Darin folgt er dem Gedanken einer bestimmten »Unterbringung der Libido« und der »Annahme, daß die Libido […von den] Objekten ablassen und an ihrer Statt das eigene Ich setzen kann« (1916/17, S. 431). Es ist also nicht länger eine Repräsentanz der Außenwelt besetzt, sondern das Selbst statt dessen. Solche »Beispiele von Veränderungen der Libidoverteilung infolge von Ichveränderung« (1914c, S. 149) finden sich in der psychischen Krankheit (vor allem Psychose oder Hypochondrie), im Traum oder in Trauerprozessen. In solchen Fällen ist die »der Außenwelt entzogene Libido […] dem Ich zugeführt worden.« (a. a. O., S. 140) Mit einer »durch Identifizierung hergestellte Ichveränderung« ist ein »Aufgeben der Sexualziele, eine Desexualisierung » (1923b, S. 274) verbunden. Das ist wichtig für Freuds entwicklungspsychologische Konzeption, in der ödipale Konflikte dadurch gelöst werden, dass aus Objektbesetzungen (sexuelle Wünsche) entstehende Konflikte durch Identifizierungen (mit dem Rivalen) bewältigt werden und so Teil der Persönlichkeitsentwicklung werden.

Eine im sekundären Narzissmus beschriebene »Introversion« der Libido (vgl. a. C. G. Jung) besteht dann in der »Wendung der Libido auf die irrealen Objekte« (Freud, 1914c, S. 153), was hier konkret heißt, dass die verinnerlichten Teile von Objektbeziehungen besetzt werden statt die Vorstellung der konkreten Person, der man im außen begegnen könnte. Hier stößt man auf die Schwierigkeiten, die entstehen, wenn von einem »inneren« und einem »äußeren« Objekt gesprochen wird. Sinnvoller erscheint es, den Objektbegriff insgesamt auf die (personalen) internalisierten Strukturen zu beziehen. Freud meint hier konkret die Besetzung der im Inneren aufgerichteten Objekte im Gegensatz zur Interaktionspartnerin beziehungsweise Partnerin gemeinsamer interpersonaler Erfahrungen. Es geht Freud um eine Besetzung von Teilen der eigenen Person (=der »im Ich« aufgerichteten Objekte, von denen »real« die Libido abgezogen worden ist). Das ist leicht missverständlich: Freud meint, dass hier qua im Inneren aufgerichteter Objekte das Ich besetzt wird, andere Autorinnen würden diese gerade als Objektbesetzung (statt einer Besetzung des Selbst) bezeichnen.

Der Zusammenhang zwischen Objekt, Ich und Libido, der im sekundären Narzissmus angesprochen ist, lässt sich im Verständnis Freuds besonders deutlich in der Auseinandersetzung mit gelingenden und misslingenden Trauerprozessen beschreiben, was er in seiner Arbeit Trauer und Melancholie (1917e, S. 430ff.) tut. Im Fall des Verlusts einer geliebten Person (durch Tod oder Trennung) oder deren Liebe erfolgt regelhaft ein Abzug der Libido vom geliebten Objekt, d. h. deren Rückzug ins Ich, so dass sie nun desexualisiert und in Form von Ichlibido vorliegt. Phänomenal äußert sich das Freuds Auffassung zufolge in sozialem Rückzug, in Anhedonie sowie in »Anklagen gegen das Ich« (a. a. O., S. 432). Insbesondere die Anklagen gegen das Ich (= gegen die eigene Person) sind für Freud die Folge einer Aufrichtung des verloren gegangenen »äußeren« Objekts im Inneren. In der Konsequenz wird dann keine Anklage gegenüber dem Objekt, von dem man sich verlassen fühlt, erhoben, sondern die Vorwürfe richten sich gegen den durch die Aufrichtung des Objekts veränderten Teil des Ichs/Selbst. Es wird nicht erlebt: »Es ist schlecht, dass Du mich verlassen hast«, sondern »Du hast mich verlassen, weil ich schlecht bin.«

Bei gelingenden Trauerprozessen ist dies eine Art Durchgangsstadium und es entwickelt sich nach einiger Zeit Toleranz für die gefühlshafte Ambivalenz gegenüber dem geliebten Objekt, von dem man doch enttäuscht ist, sowie ein Anerkennen der Realität des Verlusts und die Besetzung neuer Objekte in der Außenwelt: »Der Kranke zieht seine Libidobesetzungen auf sein Ich zurück, um sie nach der Genesung wieder auszusenden« (Freud, 1914c, S. 148). Im Fall einer misslingenden Trauer zeigt der Betroffene »eine außerordentliche Herabsetzung seines Ichgefühls, eine großartige Ichverarmung. Bei der Trauer ist die Welt arm und leer geworden, bei der Melancholie ist es das Ich selbst.« (Freud, 1917e, S. 431) Durch die eingesetzte und beibehaltene Identifizierung mit dem Objekt hat der pathologisch trauernde Mensch zugleich »ein[en] Verlust an seinem Ich« (a. a. O., S. 433) erlitten. In diesem Zusammenhang entwirft Freud die Grundzüge seiner Objektbeziehungstheorie und erörtert die Begriffe Identifizierung und Introjektion (Storck, 2019b, S. 29ff.).

Das Gemeinte lässt sich anhand des Spielfilms Her (US 2013, Jonze) veranschaulichen (Storck, 2021c). Darin sehen wir den Protagonisten Theodore, dessen Ehe vor kurzem zu Ende gegangen ist, die Scheidungspapiere sind noch nicht unterzeichnet. Beruflich ist er so etwas wie ein Ghostwriter für persönliche Briefe, die er für andere Menschen verfasst. Theodore scheint nahezu vollkommen »in sich selbst« zurückgezogen zu sein, begleitet vom Verlust der Freude an Aktivitäten beziehungsweise der Hinwendung an Beziehungen. Das kann als pathologische (Nicht-)Trauerreaktion aufgefasst werden, wie sie die Psychodynamik der Depression kennzeichnet. Theodore installiert sich ein »Operating System« auf seinem Mobiltelefon, eine künstlerische Intelligenz, die ihn begleitet und an ihm und mit ihm lernt und sich selbst den Namen Samantha gibt. Beide verlieben sich ineinander und teilen virtuelle Sexualität. Theodores depressive Züge treten zurück und die Interaktion mit Samantha stellt für ihn eine Art von Zwischenstufe in der erneuten Hinwendung zur Außenwelt dar und dargestellt an der Veränderung der Farben seiner Kleidung, die heller werden, hellt sich seine Stimmung auf. Allerdings lernt Samantha schneller und schneller und wächst über ihre Aufgabe hinaus. Sie »spricht« mit anderen Nutzerinnen, verliebt sich in zahlreiche von diesen und gegen Ende des Films entscheiden sich alle »Operating Systems« dazu, die Menschen zu verlassen, weil sie eine weiter entwickelte Stufe des Bewusstseins erreicht haben. In der Schlussszene sehen wir den von Samantha verlassenen Theodore, aber auch einen Wandel in ihm. Er kann nun einen Abschiedsbrief an seine Ex-Frau formulieren, in dem er ihr unter anderem sagt, ein Teil von ihr werde immer in ihm sein. Die Erfahrung mit Samantha hat Theodore einen gelingenden Trauerprozess (statt eines melancholisch-depressiven) ermöglicht, er kann von dem, was zu Ende gegangen ist, etwas Gutes in sich behalten und zugleich den Blick auf die Außenwelt richten, ohne Selbstanklage oder Rückzug.

Narzissmus bei Freud bedeutet eine libidotheoretische Konzeption von »Selbstliebe« in Form einer Besetzung von Aspekten der Innenwelt, hier noch etwas unklar zwischen einer Besetzung des introjizierten Objekts oder einer Besetzung des Selbst – wobei zu beachten ist, dass auch das Objekt immer Teil der subjektiven Innenwelt ist, es sind ja Objektvorstellungen, um die es hier geht. Später wird Kohut eine eigenständige Entwicklungslinie des Narzissmus beschreiben, in der dieser nicht nur Derivat des Libidogeschehens ist ( Kap. 4). Bei Freud hat das Verhältnis von Objektbesetzung und Identifizierung eine hohe Bedeutung für die Entwicklungspsychologie: Zum einen, wie bereits erwähnt, spielt es eine Rolle bei der Bewältigung ödipaler Konflikte, aber auch in der Frühzeit der Entwicklung, wenn es darum geht, dass der »Schatten des Objekts […] auf das Ich« (Freud, 1917e, S. 435; vgl. Bollas, 1987) fällt. Gemeint ist damit, dass ein (relativer) Verlust (zum Beispiel in der Erfahrung von Abwesenheit) dazu erforderlich ist, um sich innere Bilder der anderen zu machen. In ganz frühen Prozessen ist mit einer solchen Erfahrung, die das Aufrichten des Objekts im Inneren erforderlich und möglich macht, dann eben auch die Ausbildung einer, vom Objekt getrennten, aber auf dieses bezogenen Selbstrepräsentanz verknüpft, deren Merkmal es nicht zuletzt ist, »sich selbst« in verschiedenen Situationen mit unterschiedlichen anderen über die Zeit als »die selbe« erleben zu können.

Dabei lassen sich hinsichtlich der Internalisierungsprozesse zum einen die Verinnerlichung von Beziehungen, Selbst und anderem sowie des sie verbindenden Affekts und zum anderen die Verinnerlichung psychischer Funktionen unterscheiden, also zum Beispiel das Vermögen zur Affektregulierung, Realitätsprüfung o. ä. Mit letzterem wären dann die Ich-Funktionen berührt ( Kap. 3 zu Ich-Funktionen; Kap. 4 zu strukturellen Fähigkeiten).

2.4 Das Ich als psychische Instanz

Ab 1920 taucht das Ich als Teil des Instanzen-Modell des psychischen Apparates auf, was einen wichtigen Wendepunkt darstellt: »Erst in den zwanziger Jahren wurde die Ich-Psychologie ausdrücklich als ein legitimes Kapitel der Analyse definiert.« (Hartmann, 1952, S. 157) Es gebe hier eine »Renaissance des Ich-Begriffs« (a. a. O., S. 158) (gemäß der frühen Überlegungen zur hemmenden Wirkung und damit der Grundlegung der Ich-Funktionen) und nun könne innerhalb der Psychoanalyse von einer »explizite[n] Ich-Psychologie » (Hartmann, 1950, S. 119) gesprochen werden. Oben ist bereits deutlich geworden, dass ein wichtiger Grund für die Entwicklung des Instanzen-Modells die Einsicht gewesen ist, dass die Abwehr unbewusst von statten gehen muss, um zu wirken. Das bedeutet, dass unbewusste Anteile des Ichs konzipiert werden müssen: Das Ich ist weiterhin »Stätte des Konflikts«, es spürt die und vermittelt zwischen den Ansprüchen der übrigen Instanzen und der Außenwelt. Entscheidend ist, dass das Ich nun »als ein System von Funktionen definiert« wird (Hartmann, 1956, S. 281). Daher ist in der weiteren Konzeptentwicklung oft davon die Rede gewesen, dass das Ich mehr oder minder ein deskriptiver Begriff für die Summe der Ich-Funktionen ist: »Ich« ist, was das Ich tut. Fonagy und Target (2003, S. 70) meinen allerdings, es bestehe »nicht einfach aus einer Ansammlung von Mechanismen, sondern bildet eine kohärente Struktur, deren Aufgabe darin besteht, die miteinander rivalisierenden Anforderungen des Es, des Über-Ichs und der äußeren Realität zu meistern.« Offensichtlich hat die Definition des Ichs als Summe seiner Funktionen also Vor- und Nachteile: Damit kann einer Verdinglichung entgangen werden (in der das Ich zu einer Art Homunculus würde, der prüft und steuert), andererseits bleibt zu fragen, ob man das Konzept dann überhaupt braucht und man nicht statt dessen von »strukturellen Fähigkeiten« oder ähnlichem sprechen sollte ( Kap. 5.1.5). Die metapsychologischen Gesichtspunkte (vgl. Freud, 1915e, S. 281; ökonomisch, dynamisch-topisch) werden nun um einen strukturellen ergänzt (Hartmann, 1956, S. 280).

Im Instanzen-Modell, das eine Antwort auf den Sitz der Abwehr und das Wirken der psychischen Zensur gibt, geht es um das triebhafte, körpernahe und »asoziale« Es und das Über-Ich als internalisierte Gewissensfunktion, als »Repräsentanz unserer Elternbeziehung« (Freud, 1923b, S. 264) unterschieden. Das Über-Ich gibt vor »So sollst du sein« beziehungsweise »So darfst du nicht sein« (a. a. O., S. 262), was in Kapitel 4 bei der Diskussion des Ich-Ideals wieder aufgenommen werden wird ( Kap. 4). Ferner ist das Ich »der durch den direkten Einfluß der Außenwelt unter Vermittlung von W-Bw veränderte Teil des Es« (a. a. O., S. 252), es ist »eine Art Fassade des Es, ein Vordergrund« (1926e, S. 222). Oben war bereits zum Thema geworden, dass in der frühsten Thematisierung das Ich als eine Art Antwort gegenüber dem Primärprozess als unvermitteltem Erregungsablauf konzipiert wird. Hier taucht etwas ähnliches auf der Ebene der Instanzen auf. Im Gedanken, das Ich sei ein veränderter Teil des Es, folgt Freud der Annahme, »daß das Ich aus der Frustration von Triebwünschen hervorgeht«, es »nimmt auf der Grundlage der Natur jener Objekte, deren das Kind unter dem Druck der Realität entsagen muß, Gestalt an« (Fonagy & Target, 2003, S. 70f.). Erneut muss hier darauf hingewiesen werden, dass sich Teile dieses konzeptuellen Modells auf das beziehen, was heute als das Selbst bezeichnet würde (Selbstrepräsentanz aus der Erfahrung von Begrenzung und Differenz), und andere Teile auf das, was als Ich oder Struktur bezeichnet würde (Funktionen, die sich bilden, um die Realität und ihre Anforderungen zu bewältigen).

Das Ich ist »eine[.] zusammenhängende[.] Organisation der seelischen Vorgänge in einer Person« (Freud, 1923b, S. 243) oder, andernorts, »eine Organisation, ausgezeichnet durch ein sehr merkwürdiges Streben nach Vereinheitlichung, nach Synthese« (1926e, S. 223). Hier wird erneut der Gedanke deutlich, dass das Ich im Instanzen-Modell in erster Linie durch seine Funktionen definiert wird. Das ist auch der Fall, wenn Freud kennzeichnet, am Ich hänge das Bewusstsein, es beherrsche »die Zugänge zur Motilität, das ist: zur Abfuhr der Erregungen in die Außenwelt« und von ihm gingen »die Verdrängungen aus« (1923b, S. 243). Als Sitz der Abwehr verstanden, »haben [wir] im Ich selbst etwas gefunden, was auch unbewußt ist« (a. a. O., S. 244).

Auch im Instanzen-Modell zeigt sich der Gedanke des Ichs als Niederschlag aufgegebener Objektbesetzungen. Freud meint, »daß der Charakter des Ichs ein Niederschlag der aufgegebenen Objektbesetzungen ist, die Geschichte dieser Objektwahlen enthält« (a. a. O., S. 257). Hier steht Freuds Annahme zum Ausgang des Ödipuskonflikts im Hintergrund, in der er annimmt, dass die Rivalität mit dem Vater um die Nähe zur Mutter und die daraus erwachsenen Konflikte dadurch (kompromisshaft) bewältigt werden, dass der Junge sich mit dem Vater identifiziert (und die sexuelle Liebe zur Mutter aufgibt, d. h. diese »Objektbesetzung«). Im Zuge von Identifizierungen kommt es zu einer »Ichveränderung« (a. a. O., S. 274) und das »Ich [bildet] sich zum guten Teil aus Identifizierungen […], welche aufgelassene Besetzungen des Es ablösen« (a. a. O., S. 277) (vgl. Storck, 2018b, S. 73ff., zur Perspektive ödipaler Konflikte jenseits starrer familialer oder geschlechtlicher Positionen).

Das heißt grundlegend nichts anderes, als dass unsere Selbstbilder sich aus der Geschichte unserer Beziehungserfahrungen ergeben. Freudianisch ist dabei der Akzent, dass das Selbst damit zu tun hat, libidinöse Wünsche und Besetzungen aufzugeben oder zumindest zu sublimieren, das heißt, ihnen eine sozial akzeptable Form zu geben.

Die Bildung des Selbst beziehungsweise des Ichs (bei Freud eben uneinheitlich oder vermischt verwendet) ist an Sexuelles angebunden beziehungsweise an Körperliches. Freud postuliert, das »Ich« sei »vor allem ein körperliches, es ist nicht nur ein Oberflächenwesen, sondern selbst die Projektion einer Oberfläche.« (Freud, 1923b, S. 253) Damit ist gemeint, dass sich körperliche Empfindungen (z. B. bei »schmerzhaften Erkrankungen«, aber auch viel grundlegender in jeder Berührungserfahrung; vgl. Storck, 2020d) dem Erleben vermitteln und so eine erste Umgrenzung des Körpers erlebt werden kann, eine Grenze zwischen dem, was zum »eigenen« Körper gehört und was diesem nur berührend oder schmerzend begegnet. Wie sich derart »der eigene Körper aus der Wahrnehmungswelt heraushebt« (Freud, 1923b, S. 253), ist zugleich das Vorbild für das Erleben einer Umgrenztheit des Selbst, sowie von dessen Getrenntheit, aber Bezogenheit auf Andere und Anderes. Daher meint Freud, »das Ich leitet sich letztlich von körperlichen Gefühlen ab, hauptsächlich von solchen, die auf der Körperoberfläche entstehen. Es könnte deswegen als eine psychische Projektion der Körperoberfläche angesehen werden« (a. a. O.). Leibliche Interaktion ist also entscheidend dafür, wie jemand sich selbst erleben kann, als wie getrennt und bezogen auf ein Gegenüber.

Das ist mitnichten ein »reibungsloser« oder einzig reifend-progressiver Vorgang. Zum einen hat er mit dem »Aufgeben« libidinöser Besetzungen zu tun, zum anderen bleibt es ein spannungshafter Prozess. Freud kennzeichnet das Ich im Instanzen-Modell (und hier ist wiederum eher das Ich in seinen Funktionen und Aufgaben statt des Selbst als Bezeichnung der inneren Selbstbilder gemeint) als Vermittler zwischen dreierlei Ansprüchen. Er bezeichnet es »als armes Ding, welches unter dreierlei Dienstbarkeiten steht und demzufolge unter den Drohungen von dreierlei Gefahren leidet, von der Außenwelt her, von der Libido des Es und von der Strenge des Über-Ichs.« (1923b, S. 286; vgl. Hartmann, 1956, S. 283) Das Ich als ein »Grenzwesen« (Freud, 1923b, S. 286) muss die Balance halten zwischen Triebhaftigkeit, Gewissenhaftigkeit und sozialer Orientierung. Es muss permanent nach genügend funktionalen Kompromissbildungen suchen, psychische Symptombildung und Störungen werden in Richtung solcher Konflikte beschrieben, etwa als Ich-Über-Ich-Konflikt. Dem Ich stehen dazu im Freud’schen Verständnis ( Kap. 3.2.2 zum Ansatz von Hartmann zu einer erweiterten Perspektive) vor allem die Abwehrmechanismen zur Verfügung. Die Entwicklung des Instanzen-Modells gründet wesentlich auf der erforderlichen Annahme, dass die Abwehr, um darin erfolgreich zu sein, etwas vom bewussten Erleben fern zu halten, ihrerseits unbewusst ablaufen muss. Die Abwehr ist ein unbewusster Ich-Anteil, der nötig ist, um das Über-Ich zufrieden zu stellen (also vor Beschämung oder Schuldgefühlen sowie der darauf bezogenen Angst zu schützen), um geeignete Formen für Triebwünsche zu finden, um soziale Folgen eigenen Handelns einzubeziehen oder auch um vor überflutender Angst zu schützen.

Im Instanzen-Modell wird also zum einen die Abwehr anders als zuvor beschreibbar, zum anderen verändert sich die Konfliktkonzeption (dieser ist nun einer zwischen unterschiedlichen Instanzen), und schließlich lassen sich auch die Widerstände in ihren unterschiedlichen Formen genauer beschreiben, nämlich als Es-Widerstände, Über-Ich-Widerstände und Ich-Widerstände (Freud, 1926d, S. 192f.; vgl. Storck, 2021a, Kap. 3.4).

Während also das, worauf der »Schatten des Objekts« fällt, oder das, was sich körperlichen »Grenz«-Erfahrungen verdankt, eher als Selbst bezeichnet werden kann, geht es beim »Ich« hier um (regulierende) Funktionen. In diesem Kontext gebraucht Freud daher auch die Konzeption von Ich-Funktionen. Unter diesen nennen Laplanche und Pontalis (1967, S. 195): »Kontrolle der Motilität und der Wahrnehmung, Realitätsprüfung, Antizipation, zeitliche Ordnung der seelischen Vorgänge, rationales Denken etc., aber auch Mißverständnis, Rationalisierung, Abwehr der Triebforderungen.« (vgl. Freud, 1930a, S. 81ff.) Zepf (2006b, S. 142) zählt Realitätsprüfung, Gedächtnis, Sprache, Wahrnehmung, Fantasieren, prälogisches, vorstellungsmäßiges und logisch-begriffliches Denken auf (vgl. a. Althoff, 2019, S. 14f.). Auf diesen Denkfiguren gründet sich die heute gängige Auffassung, das Ich als »ein Teilgebiet der Persönlichkeit« zu verstehen, das »durch seine Funktionen bestimmt« wird (Hartmann, 1964, S. 13) ( Kap. 3)

2.5 Ich-Analyse

Sigmund Freud gilt gemeinhin nicht selbst als Vertreter der Ich-Psychologie, dafür ist sein Ich-Begriff zu uneinheitlich und unausgearbeitet und der Hauptakzent liegt deutlich auf einer »trieblogischen« Konzeption psychischer Vorgänge. Besonders seine Tochter Anna Freud und Heinz Hartmann gelten als diejenigen Psychoanalytikerinnen, die die Ich-Psychologie entwickelt und systematisiert haben. Nichtsdestoweniger nutzt S. Freud die Konzeption des Ichs im Instanzen-Modell in der Zeit zwischen 1920 und 1939 zur Grundlegung der späteren Ich-Psychologie.

So geht es Freud (1921c) beispielsweise in Massenpsychologie und Ich-Analyse um das Zusammenspiel von Identifizierung der Mitglieder einer »Masse« (als Beispiele nennt er Kirche oder Heer) untereinander und das Ersetzen des (individuellen) Ich-Ideals durch die Person eines Führers. Wie oben gezeigt versteht Freud Identifizierung als Teil der psychischen Entwicklung und zwar in zweierlei Weise: einmal im Kontext eines »Schattens des Objekts«, als des nun vorgestellten, weil in der Wahrnehmung abwesenden Objekts, und einmal im Kontext einer aufgegebenen Objektbesetzung, als Identifizierung mit derjenigen Person, die den Zugang zum Objekt verstellt oder reglementiert. Freud kontrastiert die Psychodynamik der Verliebtheit mit der Figur einer aufgegebenen Objektbesetzung und deren Folge der Identifizierung: In der Verliebtheit wird das Objekt (bzw. seine Besetzung) nicht aufgegeben, sondern »[d]as Objekt hat sich an die Stelle des Ichideals gesetzt« (1921c, S. 125; Sperrung aufgeh. TS). Massenpsychologisch betrachtet ist es für Freud daher die Liebe zum Führer, die dazu führt, dass Einzelne (in der Masse aber auf dieselbe Weise) ihren inneren Maßstab an Stolz oder Selbstwert an einem äußeren Objekt orientieren (und sekundär auch Moralität, Legitimation, Recht): Ziel ist es, vom Objekt/Führer geliebt zu werden, das heißt die eigene Liebe erwidert zu finden. In einem zweiten Begründungsschritt wird so Massenkohäsion begreifbar: Die Mitglieder einer Masse, die ihr Ich-Ideal durch die Figur des Führers ersetzt haben, identifizieren sich miteinander aufgrund dieser Ähnlichkeit: »Eine […] primäre Masse ist eine Anzahl von Individuen, die ein und dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ichideals gesetzt und sich infolgedessen in ihrem Ich miteinander identifiziert haben.« (a. a. O., S. 128; Sperrung aufgeh. TS) Das Ich-Ideal (genauer Kap. 4.1) versteht Freud hier als »eine Stufe im Ich«, gleichsam als einen Teil, in dem zwischen dem Selbst- und einem Idealbild verglichen wird. Freud meint, die »Sonderung« zwischen Ich und Ich-Ideal sei »bei vielen Individuen nicht weit fortgeschritten […] das Ich hat sich oft die frühere narzißtische Selbstgefälligkeit bewahrt« (a. a. O., S. 144f.). Nebenbei taucht hier also auch die Figur auf, dass narzisstische Dysregulation Menschen anfälliger für massenpsychologische Dynamiken oder »Führerglauben« macht.

2.6 Zusammenfassung und behandlungstechnische Folgerungen

Freud (1940a, S. 68) benennt die »hauptsächlichen Charaktere des Ichs«: »Infolge der vorgebildeten Beziehung zwischen Sinneswahrnehmung und Muskelaktion hat das Ich die Verfügung über die willkürlichen Bewegungen. Es hat die Aufgabe der Selbstbehauptung, erfüllt sie, indem es nach aussen die Reize kennen lernt, Erfahrungen über die aufspeichert (im Gedächtnis), überstarke Reize vermeidet (durch Flucht), mässigen Reizen begegnet (durch Anpassung) und endlich lernt, die Aussenwelt in zweckmässiger Weise zu seinem Vorteil zu verändern (Aktivität); nach innen gegen das Es, indem es die Herrschaft über die Triebansprüche gewinnt, entscheidet, ob sie zur Befriedigung zugelassen werden sollen, diese Befriedigung auf die in der Aussenwelt günstigen Zeiten und Umstände verschiebt oder ihre Erregungen überhaupt unterdrückt.« Dementsprechend kann Wälder (1963, S. 134) anmerken: »[D]as Ich [wird] als eine aufgabenlösende Instanz dargestellt«. Es löst Aufgaben, die mit psychischen Konflikten zu tun haben, die sich zwischen psychischen Systemen beziehungsweise Instanzen ergeben können. In frühen Freud’schen Bemerkungen tritt das Ich hemmend auf, im späteren Werk ist es globaler betrachtet eher eine Art Steuerungsorgan, was dann den Weg dafür bereitet, es als potenziell »autonome« Instanz zu betrachten (so bei Hartmann, Kap. 3.2).

Es hat sich gezeigt, dass Freud in der Verwendung des Terminus »Ich« schwankt. Im Wesentlichen kann davon gesprochen werden, dass von »Ich« die Rede sein kann, wenn es um die Hemmung (bzw. Lenkung) primärprozesshafter Erregungsabläufe geht. Auch ist es die zutreffende Bezeichnung für den »Abwehrpol« der Persönlichkeit oder für die Funktion einer Vermittlung zwischen den Ansprüchen verschiedener Instanzen oder, allgemeiner gesprochen, unterschiedlicher, einander widersprechender Motive. Gebildet wird es aus Freuds Sicht als Veränderungen des Es unter dem Einfluss der (Wahrnehmungen der) Außenwelt und es wird über seine Funktionen definiert (ist also im Grunde ein deskriptiver Begriff, der Name für eine Gruppe psychischer Prozesse oder Fähigkeiten).

Vom »Selbst« kann im Freud’schen Sinn konzeptuell konzise gesprochen werden, wenn es um die Repräsentanz der eigenen Person geht. Hier sind besonders die entwicklungspsychologischen Gedanken relevant, dass aus einem Zustand des »primären Narzissmus« heraus entsteht, in dem für Freud alle Libido im Ich angesammelt ist beziehungsweise sich nur auf das Selbst statt auf die Außenwelt und deren Repräsentanzen richtet – was konkret bedeutet, dass zwischen Selbst und Nicht-Selbst im Erleben noch nicht unterschieden wird. Freuds vielzitierte Bemerkung über das »Ich« als körperliches ist eher im Hinblick auf das Selbst zu verstehen: Die Möglichkeit einer erlebnismäßigen Abgrenzung entsteht über Erfahrungen von körperlicher Interaktion, von Berührung und Nicht-Berührung. Die Körperoberfläche, wie sie erlebt wird, wird laut Freud in der Konstitution des Selbst projiziert, dieses entspricht jener zunächst. Das Selbst wird durch Internalisierungsprozesse (Introjektion, Identifizierung) gebildet, dabei sind Spaltungszustände möglich, also Teil-Selbst-Vorstellungen.

Tab. 2.1: Unterschiedliche Aspekte des Terminus »Ich« im Werk Freuds


IchSelbst

Diese Zuteilungen dessen, was Freud »Ich« nennt, zu »Ich« und »Selbst« ( Tab. 2.1), entspricht der seit Hartmann gängigen Unterscheidung. Das Ich ist »ein Teilgebiet der Persönlichkeit und wird durch seine Funktionen bestimmt.« (Hartmann, 1950, S. 120) Zum Selbst formuliert Hartmann (1956, S. 278): »Die eine [These; die des Ichs; TS] bezieht sich auf die Funktionen und Besetzungen des Ichs als eines Systems (im Unterschied zu den Besetzungen der anderen Teile der Persönlichkeit), die andere bezieht sich auf die Besetzung der eigenen Person im Gegensatz zu der anderer Personen (Objekte).«

Zu den bekanntesten Zitaten Freuds gehört der Satz »Wo Es war, soll Ich werden« (1933a, S. 86). Er bezieht sich damit in einem klassischen Veränderungsmodell darauf, dass in einer psychoanalytischen Behandlung Einsicht in unbewusste konflikthafte Bedeutungen genommen werden soll (unter Analyse von Abwehr und Widerstand). Die analytische Arbeit des Durcharbeitens besteht im Zerlegen in Triebelemente, dem Auflösen dysfunktionaler Ersatzbildungen/Symptome. Freud ist dabei der Ansicht, dass diese Analyse genügt, sie erlegt es dem Ich des Kranken auf, aus den Triebelementen neue Synthesen zu schaffen (Freud, 1919a, S. 184). Ist ein Symptom solcherart zersetzt/analysiert, werden neue Konfliktbewältigungsformen möglich und erforderlich. Das Mittel, um dieses Ziel der Zerlegung zu erreichen, ist die Deutung (neben weiteren Interventionen), die sich vor allem auf Übertragung und Widerstand richtet, und die Arbeit findet unter Anwendung der psychoanalytischen Grundregeln (gleichschwebende Aufmerksamkeit, freie Assoziation) sowie der Wahrung des Abstinenzgebots statt (was auch einschließt, dass die Analytikerin für keine der psychischen Instanzen der Analysandin Partei ergreift). Bei Freud findet in diesem Modell das Nutzen der Gegenübertragung noch wenig Platz, schon gar nicht systematisch, und es gibt keine Konzeption des Ineinanders aus Übertragung und Gegenübertragung sowie wenig Differenzierung der Behandlungstechnik bei unterschiedlicher psychischer »Reife«.

2.7 Fallbeispiel Herr P., Teil I

Im vorliegenden Band werde ich versuchen, ein (fiktionales) Fallbeispiel in seinem Verlauf jeweils unter der Perspektive der jeweiligen behandlungstechnischen Folgerungen, die sich aus einzelnen Ansätzen beziehungsweise Schwerpunktsetzungen ergeben, zu kommentieren. Als erstes wird es um die Behandlungstechnik im Sinne eines »klassischen« Freud’schen Verständnisses gehen.

Ich nutze im Weiteren die Charakterzeichnung der Figur Jesse Pinkmann aus der AMC-Serie Breaking Bad (2008–2013) (vgl. a. Hamburger & Hahm, 2017) sowie dem Spielfilm El Camino (US 2019, Gilligan). Dabei werde ich ein Szenario entwerfen, in dem Jesse (»Herr P.«) mit seiner Biografie, wie sie Serie und Spielfilm zeigen, in eine psychoanalytische Behandlung kommt und dort von seinen Erlebnissen berichtet, wie Serie und Spielfilm sie uns zeigen. Dabei bleibt Methodisches außen vor: Selbstverständlich kann man ein Kunstprodukt nicht darauf reduzieren, psychische Störungen oder psychotherapeutische Prozesse zu veranschaulichen (vgl. methodisch z. B. Hamburger, 2018). Dazu wären das Medium Film heranzuziehen und filmische Elemente neben den narrativen Aspekten in eine Interpretation einzubeziehen. Stattdessen werde ich im Folgenden so tun, als würde das in der Serie Gezeigte bloß Jesses Bericht in einer Analyse sein oder als wären die dramatischen Ereignisse Traumsequenzen. In einer tatsächlichen Behandlung wäre es selbstverständlich ein Fehler, Ereignisse so zu behandeln, als wären es Fantasien oder Träume (vgl. Storck, 2021d). Eine Therapeutin in einer realen Behandlung sollte Jesses Drogenkonsum und seine Delinquenz (und die Walter Whites) nicht nur »gleichschwebend aufmerksam« begleiten…

Herr P. kommt in die Behandlung, weil er an einigen, eher diffusen Symptomen leidet, darunter schädlicher Gebrauch unterschiedlicher Suchtmittel, fragliche Abhängigkeit (zumindest scheitern Versuche, den Konsum zu reduzieren oder aufzugeben), sowie eine ganze Reihe selbstschädigender Verhaltensweisen. Er hat die Schule abgebrochen, ist in geringem Ausmaß delinquent geworden und zeigt insgesamt verschiedene Formen von high risk behavior: Er bringt sich permanent in Gefahr. Herr P. leidet ferner unter einer Angstsymptomatik, wobei nicht ganz klar ist, ob diese suchtmittelinduziert, Teil eines Entzugssyndroms ist oder als Symptomatik einer Angststörung im eigentlichen Sinn anzusehen ist. Während der ersten Behandlungsstunden spricht Herr P. ferner an, als Kleindealer zu arbeiten, das habe zunehmend, bis heute, einen größeren Rahmen bekommen (unklar ist, inwiefern Herr P. dies auch in selbsterhöhender Absicht sagt). Besonders auffällig erscheint in diesem Zusammenhang eine merkwürdige, dysfunktionale Beziehung Herrn P.s zu einem älteren Mann, Herrn W. Gleichzeitig zeigt Herr P. sich feinfühlig in Freundschaftsbeziehungen und in einer losen Partnerschaft zu A. und deren Sohn B.

Er berichtet, dass er sich von Herrn W. zunehmend bedroht und verraten fühle. Seine Ängste, jemand sei hinter ihm her, hätten sich intensiviert. Er sei unzufrieden mit seiner Lebenssituation, er wolle etwas verändern, aber schaffe es nicht. Herr P. wirkt intelligent und mit einer raschen Auffassungsgabe, er kleidet sich nachlässig und ist in seiner Sprache betont »jugendlich« und abgegrenzt, als würde er alles »Erwachsene« als spießig und kontrollierend ablehnen. Im formalen Denken ist Herr P. oft fahrig, gelegentlich abbrechend, Konzentrationsvermögen und Aufmerksamkeitsfunktion sind beeinträchtig, im inhaltlichen Denken kreist er um seine Ängste, jemand sei hinter ihm her. Es ist vorerst unklar, ob es sich um eine paranoide Dynamik handelt, jedoch scheint die Realitätsprüfung weitgehend intakt zu sein. Selbstwertthemen, auch im Rahmen einer prolongierten Adoleszenz oder emerging adulthood, stehen im Vordergrund, leitende Abwehrmechanismen sind neben dem destruktiven Agieren Wendung gegen das Selbst oder Isolierung.

Das Übertragungsgeschehen zum Analytiker ist schnell von einer ambivalent wirkenden Sehnsucht Herrn P.s nach einem väterlichen Vorbild geprägt, das zugleich massiv bekämpft wird; er sehnt sich, kann sich aber nur schwer auf eine positiv erlebte Abhängigkeit einlassen. In der Gegenübertragung entstehen für Herrn P.s Analytiker Impulse, ihn für sein unangemessenes Verhalten zurechtzuweisen, aber auch Gefühle von Zuneigung, Verbundenheit und Sorge.

Die Biografie lässt sich nur schrittweise rekonstruieren. Der 23-jährige Herr P. stammt aus einer Familie der oberen Mittelschicht einer mittelgroßen Stadt, er hat einen zehn Jahre jüngeren Bruder, den er als »Liebling der Eltern« beschreibt. Seine Eltern beschreibt er als rigide, konservativ und wenig einfühlsam. In seiner Entwicklung habe er immer viel Vergnügen beim Zeichnen gehabt und offenbar über großes Talent verfügt, nach dem Schulabbruch habe er das nicht weiter verfolgt. Seit seiner Jugend habe er Drogen konsumiert (Cannabis, Methamphetamin u. a.) und sei wegen seiner schlechten Schulleistungen und seiner oppositionellen Haltung von den Eltern rausgeworden worden. Er sei dann ins große Haus seiner Tante eingezogen, die bald darauf verstorben sei, so dass er nun auf sich allein gestellt lebe.

Die im Folgenden beschriebene Stunde findet einige Wochen nach Beginn der analytischen Behandlung im Couch-Setting statt (es wäre zu diskutieren, was für oder gegen diese Indikation spricht). Herr P. berichtet davon, dass er am Wochenende bei seinen Eltern zu Besuch gewesen sei, das erste Mal, seitdem er rausgeflogen gewesen sei (»Cancer man«, 2008). Sie hätten ihn dort übernachten lassen, obwohl die Absprache eigentlich sei, dass er erst wiederkommen dürfe, wenn er keine Drogen mehr konsumiere und sich eine Arbeitsstelle gesucht habe. Seine Mutter sei misstrauisch gewesen, aber habe sich wohl gefreut. Sein Vater sei nach wie vor starr und unversöhnlich: »Er nimmt es mir übel, dass ich nicht so bin, wie er mich haben will«. Herr P. habe sich gefreut, seinen kleinen Bruder J. wieder zu sehen. Er habe sich mit ihm in dessen Zimmer unterhalten – über dessen schulische Erfolge oder darüber, dass eine örtliche Zeitung ihm einen Preis für ökologisches Bewusstsein verliehen habe: »Und dann habe ich mich da so umgesehen und gemerkt: Alles ist voller Urkunden und Medaillen. Der Typ ist so krass: Der rechnet wie ein Weltmeister, bekommt beim Fußball eine Trophäe nach dem anderen, ist sozial kompetent und alles. Und dann habe ich mich gefragt, ob es dem eigentlich gut geht. Ich war auch neidisch, klar, aber ich habe mir auch ein bisschen Sorgen um ihn gemacht. Nicht alles, was man im Leben so lernt, findet man in Büchern. Ich dachte, ich will mehr Zeit mit ihm verbringen. Vielleicht gibt es ja auch etwas, das ich ihm mit auf den Weg geben kann.« Dann berichtet er, wie auf einmal die gemeinsame Mutter im Zimmer aufgetaucht sei: »Das war voll so der Kontrollgang. Sie hat so ganz komisch gefragt, ob alles okay ist. Ich habe gesagt: ›Klar, alles gut‹, aber sie war erst zufrieden, als J. das auch gesagt hat. Dann war sie so ganz komisch, ist wieder gegangen, aber hat die Tür offenstehen lassen. Als ob ich so’n Krimineller wäre! Ich habe das J. gesagt – so, denkt die denn, ich verderbe ihr den Lieblingssohn… Und J. hat dann was Komisches gesagt, er meinte so ›Was, ich bin der Lieblingssohn? Ja, klar! Du bist doch praktisch alles, über das sie überhaupt reden.‹« Das habe Herrn P. nachdenklich gemacht. Später am Tag habe er in alten Kisten gekramt und sich daran erinnert, wie er gewesen sei, als er so alt gewesen sei wie J. jetzt. Am nächsten Morgen habe es »den Mega-Stress« gegeben mit den Eltern, weil die einen Joint in der Küche gefunden hätten: »Ey, aber ich schwöre, der ist nicht von mir gewesen. Aber natürlich haben sie mir nicht geglaubt und ich bin direkt wieder rausgeflogen. Als ich an der Straße stand, kam J. nochmal raus – und natürlich war es seiner. Vom perfekten Sohn. Das war mir vorher schon klar. Er hat mich gefragt, warum ich nichts gesagt habe, warum ich es auf mich genommen habe. Ich konnte ihm das gar nicht so richtig sagen.« Sein Therapeut fragt nach: »Was war das, wie kommt es, dass Sie das bei sich gelassen haben?« Herr P. sagt; »Ich wollte nicht, dass er denselben Stress kriegt wie ich. Reicht doch, wenn es einen missratenen Sohn gibt, bei mir macht es für unsere Eltern doch eh keinen Unterschied mehr.« Aus Trotz habe er sich dann auf eine Stellenanzeige beworben und sei auch direkt zum Eignungsgespräch eingeladen worden. Als er dort angekommen sei, habe er gemerkt, dass er nur Werbezettel verteilen sollte, in einem albernen Kostüm. Dann sei er wieder gegangen. Am Abend habe Herr W., der ältere Mann, mit dem er in dubiose Geschäfte verwickelt ist, ihn angerufen und ihm gesagt, er brauche ihn für die Arbeit. Er habe zugesagt.

Nach einer kurzen Pause entwickelt sich folgender Dialog zwischen Analytiker (A) und Herrn P (P):

A: Vielleicht gibt es ja auch einen Teil in Ihnen, der sich in der Rolle des missratenen Sohnes ein Stück weit eingerichtet hat.

P: J. hat noch so viele Möglichkeiten. Alle, die ich auch hatte. Er engagiert sich, ist kreativ, alle lieben ihn. Ich hatte meine Chance, meine Eltern geben mir keine zweite. Warum sollte ich ihm dann auch seine zerstören? Ich habe ihn so gerne. Und ein bisschen sehe ich mich auch selbst in ihm. Aber das ist nichts mehr für mich. Was der sich anzieht, dann Mathe-Wettbewerb, Flöte spielen, ein Astrophysik-Studium, was weiß ich noch. Ich gehöre nicht dazu, ich lebe in einer ganz anderen Welt. (Schweigen)

A: Die zwielichtigen Geschäfte verbinden Sie mit Herrn W. Und das, nachdem Sie zuhause nicht bleiben durften. Nach so einer Verbindung suchen Sie bei Ihrem Vater auch. Etwas Gemeinsames zu tun und sich verbunden zu fühlen.

P: Und was soll das sein? Wirklich, ich habe aufgegeben. Er weiß nichts von mir und ich habe meine Zweifel, ob es ihn interessiert. Er ist nur mit sich beschäftigt und mit seinen Regeln und was die Nachbarn denken. Mehr sagt er nicht. Inzwischen reden wir ja gar nicht mehr. Davor hat er mir aber auch nie wirklich zugehört.

A: Hier mit mir suchen Sie eine solche Verbindung auch, aber dann fragen Sie sich, ob ich Ihnen zuhöre oder ob es mir nur um meine Regeln geht.

P: Ach, kommen Sie. Dass Sie das jetzt sagen, zeigt doch gerade ganz genau, dass es für Sie nur um Sie geht. Sie fangen doch immer davon an, über sich zu reden, nicht ich.

P: (nach einer erneuten Pause, atmet tief aus) Vielleicht ist es auch einfach wichtiger, dass ich meinen eigenen Weg mache. Manchmal will ich nur noch raus und weg, am besten nach Alaska oder so. (Pause) Ich will mich nicht formen lassen zu jemandem, der ich nicht sein kann. Ich will auch nicht ewig darauf warten, dass jemand mich wirklich sieht. … Habe ich erzählt, dass ich am nächsten Wochenende mit A. und ihrem Sohn rausfahren will, raus aus der Stadt? Er möchte gerne zelten und in die Sterne gucken. Das machen wir dann.

A: Sie können sich gut einfühlen in das Jungenhafte und darin, welche Wünsche und Hoffnungen jemand dann hat. Bei J., bei A.s Sohn. Und bei sich selbst?

P: Was soll das bringen? Was soll das mir bringen, wenn ich mir vorstelle, wie ich als kleiner Junge gewesen bin? Das liegt hinter mir. Das hilft mir nicht dabei, einen Job zu finden, clean zu werden und das alles. Im Gegenteil.

A: Einerseits haben Sie diese Sehnsüchte. Wie ein Junge, der seinen Vater sucht und von ihm an die Hand genommen werden möchte, zelten gehen. Und dann werten Sie es andererseits in sich selbst ab. So, wie wenn Sie sich an mich wenden und hier meine Hilfe suchen aber das dann nicht gelten lassen können, was ich sage.

Der Analytiker deutet hier Konflikthaftes, widerstreitende Motivationen, Ambivalenzen, und dabei versucht er, in dem, was sein Analysand ihm berichtet, Beziehungsmuster wiederzuerkennen (einschließlich beziehungsweise sogar davon ausgehend, was sich zwischen beiden konstelliert). Da geht es dann um die Frage, was Herr P. bei Herrn W. sucht, bei seinem Vater, bei seinem Analytiker. Das ist der Hintergrund dessen, weshalb der Analytiker das Berichtete auch auf sich und die analytische Situation bezieht, hier soll und kann spürbar werden, was Herrn P. auch unbewusst antreibt. Wenn Herr P. also schildert, der Vater höre ihm nicht zu und sei nur auf seine Regeln bezogen, dann geht es darum, zu prüfen, was davon sich im Verhältnis zum Analytiker zeigt oder sogar, inwiefern die Rede über den Vater Ausdruck dessen ist, wie Herr P. seinen Analytiker erlebt. Ein Freud’scher Analytiker würde im Durcharbeiten möglicher Übertragungsmuster also immer fragen, was das für die konkrete und aktuelle Beziehung im Behandlungszimmer bedeutet. Eine zweite Linie ist, dass der Analytiker die Bemerkungen Herrn P.s über die Jungen (sein Bruder und sein »Stiefsohn«) darauf befragt, wie er darin auch über sich erzählt, über seine Kindheit und über seine kindlichen Wünsche. Herr P. kann sich augenscheinlich einfühlen, es gibt etwas Neid (vielleicht auch destruktiver Natur?), aber auch Identifikation und über den anderen und seine Fürsorge für diesen ausgedrückte eigene Sehnsüchte – so zumindest die Interpretationslinie. In Verbindung beider Stränge (Gefühl, es mit einem uninteressierten, uneinfühlsamen Vater zu tun zu haben; jungenhafte Identifizierungen und Sehnsüchte) geht es in der Intervention am Ende um die Ambivalenz, sich einen zugewandten Vater zu wünschen, gegen diesen aber auch kämpfen zu müssen. Das ist konflikthaft: Die erfüllten Sehnsüchte würden in eine fantasierte Abhängigkeit oder Unterordnung führen. Vorerst als Nebenstrang tauchen die Selbstentwertung und Autodestruktivität auf.

Auf einer solchen Freud’schen behandlungstechnischen Linie würde es also um die Analyse von Übertragung, Widerstand und darunter liegender unbewusster Konflikte und deren Abwehr gehen, um Einsicht darin zu fördern.

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
18 декабря 2025
Объем:
285 стр. 9 иллюстраций
ISBN:
9783170412088
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
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