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Timo Matys
Eine kleine verrückte Reise
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog: Ein Pizzabäcker schiebt sich dazwischen
1 - Klinik
2 – Die Abfahrt
3 – Nach der Abfahrt
4- Nach der Abfahrt: Anhalt
5 – Nach dem Anhalt: Abfahrt
6 – Duisburg: Ein Park, Teil I
7 – Duisburg: Ein Park, Teil II
8 – Wieder im Bus
9 – Die Schlacht bei Worringen
10 – Überlands, Teil I
11- Überlands, Teil II
12 – Überlands, Teil III
13 - Überlands, Teil IV
14 – Das Hotel Bayrische Höh‘
15 – Ein Erlebnis, erzählt
16 – Bayrische Höfe
17 – Das Watternorn
18 – Klaus, Poet
19 – Italien, oh Italien
20 – Ein Therapiegespräch - zwischengeschaltet
21 – Museo d‘Arte, Teil I
22 – Museo d‘Arte, Teil II
23 – Museo d‘Arte, Teil III
24 - Museo d‘Arte, Teil IV
25 – Im Hotel
26 – An einer Hotelbar, - erneut
27 – Durch die Po-Ebene
28 – Ein Blassnicht
29 – Verona, Teil I
30 – Verona, Teil II
31 – Verona, Teil III
32 – Verona, Teil IV
33 – Ich in Italien
34 – Bilder, wieder einmal
35 – Endlich Venedig, Teil I
36 – Endlich Venedig, Teil II
37 – Bei der Polizei: Ein Sprachproblem
38 – Endlich Venedig, Teil III
FRAGMENTARISCHES
Epilog
Anhang: Figuren
Impressum neobooks
Prolog: Ein Pizzabäcker schiebt sich dazwischen
EINE KLEINE VERRÜCKTE REISE
Auf Mario wirkten sie etwas merkwürdig, diese neuen Gäste.
Am Anfang war es ihm nicht aufgefallen, er hatte sie für normale Reisende gehalten. Doch dann hatte er bemerkt, wie eine Frau plötzlich zu zittern begann und eine Tablette aus ihrer Tasche nahm und sie mit etwas Wasser aus einer Plastikflasche herunterspülte. Eine zweite Frau tat wenige Minuten später dasselbe. Es waren keine Italiener, so wie er die Sprache einordnete, nachdem er einige Proben gehört hatte, es waren Leute aus dem deutschsprachigen Raum, Österreich, Schweiz oder von noch weiter nördlich. Niemand schien mit einem der anderen Reisenden verwandt zu sein, viele blieben still für sich allein an den Tischen sitzen, obgleich in Gesellschaft anderer, während andere sich übermäßig in den Vordergrund schoben und laut oder hysterisch lachten. Er wurde zu einem der nahegelegenen Tische gerufen.
"Italien, das ist Pizza", hörte er jemanden sagen, ohne den Sinn der Äußerung zu verstehen.
Während er die Bestellungen aufnahm, fiel ihm auf, dass es an einem Tisch, an dem drei Männer saßen, wohl sehr lustig herging.
„Und was haben Sie gedacht, als ich ihnen sagte, es sei im Jahre 1288, nein 1388, ach egal…“
„Ja, da lagen Sie falsch.“
Es waren zwei Männer, einer Anfang 40, der andere älter, die sich lautstark unterhielten und den dritten Mann ganz außen vor zu lassen schienen.
An einem anderen Tisch war ein sehr gewichtig tuender Mann damit beschäftigt, etwas aufzuzählen, wohl einen Spruchvers oder so etwas.
„Gregoricci, Dürer, Raffael, Tizian…“
Es ging um Kunst allem Anschein nach, aber davon hatte er keine Ahnung.
„Und ich sage Ihnen, in Venedig werde ich es finden“, sagte der Mann, während die anderen ihn bewundernd ansahen.
Mario reichte ihnen die Speisekarte und ließ sie, da er weder Englisch noch Deutsch sprach, die Speisen auf Italienisch studieren.
„Ahhh“, seufzte der Mann. „Italienisches Essen, jene Köstlichkeiten, die auch unsere größten Maler verspeiset haben.“
Mario verstand nur das Wort italiano, es musste wohl um Essen gehen.
„Bringen Sie uns eine Pizza“, sagte der Mann, nachdem er die Speisekarte für mehr als zwei Minuten studiert hatte. „Eine pizza, eine für uns alle.“
Mario nickte, obwohl er nicht verstanden hatte, und entfernte sich in Richtung Küche. Als er den Koch traf, unterhielt er sich mit ihm auf Italienisch.
„Komische Leute, nicht?“
„Warum?“
„Sie wollen alle Pizza, keine Nudeln oder so etwas.“
„Alle Pizza, oh, das wird schwierig.“
Sie machten sich ans Werk. Mario war ein geübter Pizzabäcker, den Teig musste man lange kneten und rollen, damit er eine gute Konsistenz bekam.
„Eh, Mario, was macht deine Frau?“, fragte ihn der Koch in gewohntem Alltagstrott.
„Es geht“, sagte Mario.
Sie kneteten weiter und schließlich schob Mario eine der Pizzen in den Ofen.
Plötzlich kam ein Mann in den Backraum, es war einer der Gäste, es war der wichtigtuende Mann, der etwas mit Kunst zu tun zu haben schien.
„Excuse me, excuse me“, sagte er. „I wanted to have a look at your pizza baking procedure.“ Er lächelte breit.
Mario sah den Koch an.
Der Mann sprach weiter: „Delightful pizza. I would like to eat them all by myself.“
Mario verstand nichts, doch der Koch erwiderte: „Please, we will bring the pizza to you in a moment.“
Der Mann zog ein Handy aus der Tasche und fotografierte die beiden, dann verließ er den Raum wieder.
Nachdem die Gäste gegangen waren, fand Mario ein Blatt Papier auf dem Boden. Es war ein Abdruck eines Kunstwerks oder von etwas ähnlichem. Es zeigte einen alten Mann mit einer Pflanze, sehr hässliches Bild.
1 - Klinik
Er saß in seinem Zimmer und starrte die Wand an. Die Wand war leer und weiß. Sie hatte keine Wölbungen oder Huckel, sie war glatt und unschön, - wie alle Wände in Krankenhäusern. Innerlich erschrak er bei dem Gedanken, dass dieses Weiß schon seit eineinhalb Monaten ein tagtäglicher Anblick war. Er bewegte seinen Arm zur Seite, drehte ihn langsam auf dem rauweichen Untergrund seines Bettlakens. Er fühlte seine Hand und das Blut in seiner Hand und fragte sich, was passieren würde, wenn seine Adern, überdehnt und mit Blut überfüllt, platzten. Er drehte weiter an seinem Arm und rieb ihn am Untergrund hin und her. Das Gefühl ließ ihn lebendig werden. Er hatte das so in der Therapie gelernt. Das bewusste Fühlen. Er hasste die Therapie.
Seit seiner Ankunft war er eingebunden in ein Todesnetz von Bewegungs-, Sport-, Musik-, Werk- und Ergotherapeuten, von denen er nur eines sagte, nämlich dass er sich nicht entscheiden konnte, welche von ihnen am schlimmsten waren. In der Musiktherapie wurde auf Blechen herumgehämmert und mit windschief in einer scheibenartigen Box liegendem Sand herumgespielt. In der Ergotherapie, der "Ärgertherapie", wie er sie für sich nannte, wurde wie im Kindergarten gebastelt, und die Bewegungstherapie, über die man außer ihrer Existenz nichts Abwertendes sagen konnte, war aufgrund ihres „gewichtigleichten“ Inhalts nichts für ihn. Er hatte den behandelnden Ärzten wiederholt versichert, dass er diese Therapien nicht brauche, doch man hatte ihn darauf hingewiesen, dass dies in den Zuständigkeitsbereich des Pflegepersonals falle, welches ihm wiederum eine Nichtteilnahme an den Therapien, wohl wohlmeinend, untersagte. "Herr Stubenmann", hatten sie gesagt. "Die Therapien sind essentiell für ihre Gesundung."
Das Leben im Krankenhaus bot wenig Abwechslung. Das morgendliche Wecken viel zu früh um 7. Das anschließende Frühstück mit den Stationsgenossen, anschließend erneut wahlweise Ober-, Chef- und Assistenzarztvisite, wenn nicht Therapien, dann Mittagessen (Mittagsruhe!) und wieder Therapien. Er ertrug es nicht, nicht mehr lange, so dachte er, aber er musste es ja auch nicht mehr lange ertragen.
Heute Morgen, in der Oberarztvisite, hatte ihm der Leitende Oberarzt des Krankenhauses und Leiter der Depressionsstation freudig ausladend mitgeteilt, dass er bald nach Hause dürfe.
"Es freut uns, dass Sie wieder gesund sind und dass es Ihnen besser geht."
Es ging ihm nicht besser als eineinhalb Monate zuvor, er war nun nur medikamentös ein-, oder besser, ruhiggestellt, er war nicht mehr ganz so traurig vielleicht, aber die Gedanken blieben dieselben. 'Welche Gedanken?', fragte ihn die Stimme in seinem Kopf, so wie ihn das die Ärzte jede Woche gefragt hatten. 'Alter, Einsamkeit trotz Ehe, Verfall'. Seine Frau hatte ihm beim letzten Besuch einen Brief hinterlassen:
Lieber Rudolph,
ich habe dir lange und doch ziemlich treu zur Seite gestanden, aber dein Zustand lässt mich nicht los. Es ist nicht dasselbe wie früher (und ich habe Annahme dazu, dass es das nie wieder werden wird). Und deswegen habe ich beschlossen, dir diesen Brief da zu lassen, damit du über ihn nachdenken kannst. Rudolph, du lässt dich zu sehr gehen, du hängst in alten Gedankenmustern fest und ich weiß nicht, warum. Zum letzten Mal sage ich dir: das Leben ist nicht vorbei, nur weil du die 50 seit 6 Jahren überschritten hast. Also hör auf mit deinen Verfallspanoramen. Hör auf, in deinem Kopf zu malen.
Bitte
deine Frau
Er malte ja gar nicht. Es waren die Bilder, die ihn nicht losließen, die Bilder, die er sah, wenn er in den Spiegel sah, die Bilder, die er von seinem schlaffen Glied hatte, das er altersbedingt nur noch mit Viagra hochpuschen konnte (und selbst das, so fürchtete er, würde bald nicht mehr funktionieren), die Bilder von nahendem Alter und Tod, das Ende...
Er wand sich auf dem Bett und starrte wieder ins leere Weiße. Wenn nun die Welt die Wand war, stand er eindeutig außerhalb der Welt. Er konnte sie betrachten und formen. Er projizierte sein Leben auf die Wand. Seine Kindheit in Essen-Werden, seine Zeit auf dem Gymnasium in Bredeney, seine Studienzeit in Wuppertal. Warum Wuppertal? Er war oft mit der Schwebebahn gefahren. Die Studentenzeit war im Rückblick die schönste Zeit seines Lebens gewesen. Er war nach den Vorlesungen immer mit Freunden in die Bars gegangen, hatte etwas getanzt und sich mit Frauen unterhalten. Hauptsächlich aber erinnerte er sich an die Gespräche mit den Kommilitonen. Es ging natürlich um die aktuelle Politik, ihre Herleitung aus der Geschichte und dann fachintern um Kunst.
Zur Kunst hatte er immer ein zwiegespaltenes Verhältnis gehabt, obgleich Lehrer für Kunstgeschichte. Er konnte nicht malen, zeichnen, er konnte stundenlang vor Bildern stehen und doch nichts ver-stehen. Bilder waren für ihn ein Rätsel, denn er hatte zwar Vorlesungen über Malweise und Bildinterpretation gehört, doch konnte er bei dem konkreten Bild nichts damit anfangen. Er war ein Amateur der Bildinterpretation, nur merkten das die wenigsten seiner Schüler (seiner ehemaligen Schüler), da ebenfalls Amateure.
Ohnehin hatte er aufgegeben. Sein Leben war vorbei, und in seinem Alter konnte er auch nicht auf eine bessere Zukunft hoffen. Er sah auf die Uhr, die neben der Wand zu hängen schien, und bemerkte, dass die Zeit für die Ergotherapie schon beinahe verflossen war. Er schreckte auf! Würde er die Therapie nicht rechtzeitig aufsuchen, bliebe sein Therapieeintragsbuch für diese Stunde leer und die Kasse würde die Therapie nicht übernehmen, was zur Folge hatte, dass er gegen die Stationsregeln verstieß und im schlimmsten Fall zusätzlichen Küchendienst würde machen müssen.
Er sprang von seinem Bett, stürzte beinahe und ging schnell aus dem Zimmer. Draußen traf er Leon, der seine üblichen Runden in der Station drehte. Er hastete um eine Ecke, dann eine weitere, traf auf eine Pflegerin, die er nicht ausstehen konnte, und gelangte am Ende der Station an.
Der Ergotherapieraum befand sich am Ende einer langen, schmalen Treppe, die in die oberen Stockwerke führte. Warum hatte man nur die Therapieräume im Obergeschoss angelegt; doch sicher um die Patienten zu demütigen, speziell Patienten wie ihn, mit einem Dickbauch.
Er setzte einen Fuß auf die unterste Treppenstufe, lagerte seinen schweren Körper auf dem hochstehenden Bein und versuchte sich zu bewegen. Er spürte, wie sein Puls raste. Er bewegte das andere Bein und fiel. Er wurde ohnmächtig. Es war ein Herzanfall. Dies war sein Ende. Er wusste es. Alle EKGs, die sie seit seiner Aufnahme bei ihm gemacht hatten, hatten falsch gelegen, hatten in ihm ein Gefühl falscher Sicherheit erzeugt, welches nun dazu führte, dass er allein und unbehandelt starb.
Er lag und dachte an sein Leben. Sein Puls raste. Er tastete seinen Arm ab und maß seinen Puls. Poch. Poch. Poch. Er lebte noch. Langsam stützte er sich mit seinen Armen auf, immer behutsam, damit sein Herz sich nicht überanstrengte. Es gelang ihm beinahe, aufzustehen. Doch da war es wieder! Der Puls raste. Er sackte in sich zusammen und fiel auf die Treppe. Sein Rückgrat brach, so fühlte er es. Er hechelte und schrie laut, aber niemand hörte ihn. Er lag für einige Minuten auf der Treppe und konnte sich nicht bewegen. Dann rührte sich zuerst sein rechter Arm, und dann sein linker. Er stand auf und atmete schwer. Langsam ging er wie benommen die Treppe hinauf.
Als er am Ergotherapieraum ankam, war dort alles dunkel. Er erkannte noch die Schale aus Holz, die er nun schon seit geraumer Zeit, seit einigen Wochen mindestens, zu vollenden versuchte, was ihm aber jede Woche stets aufs Neue misslang. Er sah die andere Schale, die, die Paul bearbeitete, die rote Schale, die weiter fortgeschritten war als seine eigene. Er hätte die rote Schale am liebsten genommen und auf dem Boden zerbrochen, aber Paul hätte das nicht gefallen. Und er selbst würde in die Geschlossene kommen. Dieser Gedanke erregte in ihm Unwohlsein und Angst. Die Geschlossene war ein Mythos unter den Patienten und gleichzeitig stand sie für Wahnsinn - eigenen und fremden gleichermaßen. Er würde nie dorthin gelangen. Langsam kam ihm zu Bewusstsein, dass andere Therapien auf die Ergotherapie folgten. Er griff nach seinem Therapieplan, der sich gefaltet in seiner Hosentasche befand. Als er darauf sah, fiel ihm ins Auge, dass er nun Musiktherapie hatte. Er brach innerlich ein Stück zusammen. Warum taten sie ihm das an?, warum quälten sie ihn so?, wie lange noch? Ja, wie lange noch?
Er hatte sich diese Frage schon öfters gestellt, er war aber nie zu einem Ergebnis gekommen. 22 Jahre blieben ihm rechnerisch, aber würde er die mit seiner Lebensführung erreichen? Er erinnerte sich, dass sie in der Gruppentherapie gelernt hatten, diese Gedanken nicht zu denken. Und so beschloss er, die Pfleger zu fragen, ob er noch ein EKG machen konnte.
Er ging zurück zu seinem Zimmer und achtete auf den Schlag seines Herzens. Er kam an der Pflegestation vorbei, vorbei an Leon, der seine Runden drehte, vorbei am Nachbarzimmer, das sich bei offener Tür in einem Halbdunkel aus ausgeschalteter Beleuchtung und angeschaltetem Handylicht befand. Er öffnete die Tür zu seinem Zimmer und legte sich wieder aufs Bett. Er hatte vergessen, den Pflegern Bescheid zu sagen.
…
Er lag wieder auf seinem Bett, die Augen geschlossen. Er wusste nicht, dass er auf seinem Bett lag, er hatte es einmal gewusst, nun träumte er. Und erwachte.
"Guten Morgen!", kam es aus der Kehle einer der Unsäglichen, des sogenannten Pflegepersonals.
Er behielt die Augen geschlossen und rührte sich nicht, das Pflegepersonal sollte fortgehen, am liebsten wäre er ausgerastet, aber dann drohte die Geschlossene. Er streckte seinen rechten Arm langsam in Richtung seines Fußes und öffnete langsam seine Augen. Er lag in seinem Bett und schwitzte von der nächtlichen Unruhe, die durch seine Träume hervorgerufen war. Was hatte er geträumt, was hatte ihn derart in Unruhe versetzt? Er fühlte Schmerz in seinem Kopf aufkommen, seelischen Schmerz, der sich langsam auf seinen ganzen Körper ausweitete und ihn lähmte. Er wollte liegen, schlafen und vergessen, doch die Pfleger erlaubten ihm das nicht.
"Herr Stubenmann, Sie müssen aufstehen."
Er wollte laut Nein! rufen. Nein!, das bin nicht ich, der hier liegt und von Pflegern tagtäglich um seinen Schlaf gebracht wird. Nein!, das bin nicht, der seit anderthalb Monaten hier liegt und verkümmert, innerlich wie äußerlich. Doch, das war er.
Er blieb unter der Decke und sagte: "Ich komme gleich."
Er drückte den Kopf in das Kissen und ließ es, zur Seite vorgedrängt, die Ohren bedecken, sodass er nichts hörte oder sich zumindest einbilden konnte, er höre nichts. Er merkte, wie ihm die Kontrolle entglitt und er wieder einschlief, er merkte, wie langsam und immer rasch fortschreitender der Traum begann.
Er lief eine Straße entlang und lachte. Er wusste nicht, warum er lachte. Er musste verrückt geworden sein, denn wenn es nichts zu lachen gab, warum lachte er dann? Er war verrückt und lachte und langsam überkam ihn Angst wegen seines Lachens. Er würde auf die Geschlossene müssen, zu den wirklich Verrückten, denen, die nackt durch die Straßen liefen, denen, die nicht mehr wussten, wer sie waren. Tränen rannen ihm über sein Gesicht, er spürte, wie sein Herz aufhörte zu schlagen. Es würde sein Ende sein...
"Herr Stubenmann, das Essen ist schon abgeräumt!"
Er schreckte auf und fiel beinahe aus dem Bett. Er nahm seine Schlappschuhe und hastete den Gang entlang hin zum Essensraum. Ulrike saß als einzige noch dort und lächelte widerwärtig bei seinem Anblick.
"Setzen Sie sich doch zu Frau Bosmann."
Ulrike, die er nie hatte leiden können. Er zog einen Stuhl zurecht und setzte sich darauf, ohne Frau Bosmann, wie er sie nur nannte, anzusehen. Sein Teller stand vor ihm, darauf lagen ein Apfel, zwei Scheiben Brot, etwas Käse und Marmelade: das Diätmenü. Er hatte bei der Einlieferung auf Anraten der Ärzte hin das Diätmenü auf dem Speisezettel ausgewählt und diese Entscheidung am nächsten Tag bereut. Doch war er zu stolz gewesen, seinen Fehler einzugestehen und dies vor dem Pflegepersonal, welches er damals schon zu verabscheuen begann, kundzutun. Damals hatte er Prinzipien gehabt, heute war ein prinzipienlos unglücklicher Mann.
"Ich hatte letztens den Eindruck, dass du für die Entlassung noch nicht bereit wärst", flüsterte Ulrike mit stechenden Augen.
Er antwortete nicht, nur nicht antworten, dachte er sich. Sie wollte ihn zu einem Ausbruch provozieren, sie wollte, dass er auf die Geschlossene kam, wollte ihn leiden sehen, wollte sehen, wie er mit zwangsweise verabreichter Medikation ruhiggestellt wurde. Nicht antworten! Er aß langsam, Bissen für Bissen. Dann regte sich Wut und er stellte das Tablett einfach so in den Esswagen zurück.
"Herr Stubenmann, Sie haben noch Oberarztvisite."
Die Pflegerin sah ihn nachdrücklich an. Er lief hinter ihr her den Gang entlang, zwei Zimmer weiter, dann links abgebogen, dann rechts. Er wartete, während sie, vor einer weißen Tür stehend, klopfte und aus dem dahinterliegenden Raum ein "Herein" kam.
Oberarzt Ursel, er war in seiner ersten Woche hier gewesen und danach in den Urlaub gefahren. Er hatte gehofft, ihn nie wiederzusehen, er hatte gehofft, dass er im Urlaub auf den Bahamas von einem dicken Ast erschlagen oder beim Frühstück auf der Veranda von einer Schlange gebissen werden würde. Er hasste Oberarzt Ursel, er hasste ihn, mehr als er alles andere in dieser Klinik hasste. In seiner ersten Woche hatte ihn Oberarzt Ursel gefragt, wie es denn um seine Sexualfunktionen stehe und er, Stubenmann, hatte gelogen, woraufhin Oberarzt Ursel ihn weiter gefragt hatte, ob denn etwas in der Ehe nicht stimme. 15 Minuten hatte dieses Spiel gedauert, bis er die Schande seiner Impotenz gestanden hatte.
"Aber Viagra können Sie hier nicht nehmen", hatte Oberarzt Ursel gesagt und dabei in sich hineingelächelt.
Seit diesem Augenblick hasste er Oberarzt Ursel, wie er ihn gedanklich stets nannte. Nun also saß er ihm wieder gegenüber und blickte in sein mit einer Hornbrille verziertes Gesicht.
"Da sind Sie ja wieder", sagte Ursel.
'Da bin ich wieder, du dreckiger Honigbeißer', hätte Stubenmann am liebsten geantwortet.
Ursel lächelte. "Wie ist der Stand der Dinge?"
"Nicht gut, das wissen Sie ja."
"Warum? Hier steht, Sie sind im Genesen begriffen."
Er schwieg.
Ursel las vor: "Herr Stubenmann zeigt Fortschritte bei der gedanklichen und gefühlsmäßigen Abgrenzung von früheren mentalen Zuständen... Das ist doch gut!"
"Ja", sagte Stubenmann bloß.
"Dann werden wir Sie bald entlassen."
"Aber ich bin doch nicht gesund."
"Das sehe ich anders."
Ursel lächelte breit und verspielt.
"Wir werden Sie in einer Woche entlassen können."
"Dann geht es wieder los", sagte Stubenmann.
"Hören Sie, warum reisen Sie nicht. Es gibt doch da dieses neue Angebot für psychisch Kranke. Die Kasse übernimmt das auch."
"Was?"
"Ja, eine Urlaubsreise für psychisch Kranke. Mit Psychologen - für Notfälle." Ursel lächelte überheblich.
"Aha."
…
Er klopfte an die Tür und wartete. Der Briefkasten war geleert. Die Rasenfläche des Vorgartens war akkurat gestutzt und so wunderte es ihn nicht, dass auch die kleine Laterne, die in einiger Entfernung vor der Haustür stand, wieder repariert war.
Er war mit der Bahn nach Hause gefahren. Seine Frau hatte sich geweigert ihn abzuholen bzw. es genaugenommen nicht zur Sprache gebracht. Seine letzten Tage in der Klinik waren ruhig gewesen, er hatte kaum etwas unternommen. Als er die letzte Ergotherapiestunde verlassen hatte, war in ihm ein Triumphgefühl aufgekommen. Er hatte gesiegt. Veni vedi vici, hatte er der Ergotherapeutin zurufen wollen, doch seine innere Vernunft hatte ihn davor bewahrt. Die Mitpatienten hatten seinen Abschied erschreckenderweise teilnahmslos aufgenommen. Leon hatte wenigstens 'Auf Wiedersehen' gesagt, aber er war sich sicher, dass es kein Wiedersehen geben würde. Als er gegangen war, war ihm zum ersten Mal der gleichmütige Trott des klinischen Alltagslebens aufgefallen, in dem die Patienten, wie auch er, für Monate verweilten. Die Klinik war sein Zuhause gewesen, so fühlte er am letzten Tag, und nun musste er wieder Neuland betreten, immer mit der Furcht im Hinterkopf, wieder zurückkehren zu müssen.
Er klopfte wieder und die Tür öffnete sich. Da war sie, einst eine Schönheit, empfundene Schönheit, nun mit ausladenden Wangen gesegnet, nicht unähnlich seiner selbst. Obwohl sie ihn in der Klinik besucht hatte, kam es ihm vor, als hätte er sie seit langer Zeit nicht gesehen.
Sie schwieg und schaute ihn an.
"Komm rein", sagte sie und drehte sich um.
Sie verließ den Eingangsbereich und ging den Flur entlang in Richtung der Küche, die sich weiter hinten in dem kleinen Reihenhaus befand, das sie vor 10 Jahren gekauft hatten. Er stieg die Stufe zur Tür hinauf und folgte ihr den Gang entlang. Der Eingangsbereich ihres Hauses war schmucklos und vielleicht karg zu nennen. Es hingen keine Bilder an den Wänden oder ähnliche Stücke jener postmodernen Gestaltungswut, welche so manchen in ihrem Freundeskreis erfasst hatte. Er ging langsam durch den Flur und fühlte sich, als würde er sich vorwärtstasten, wie ein Krebs, der mit seinen Scheren überall gegen stößt und keinen Halt findet.
Im Esszimmer wartete sie auf ihn vor einem ungedeckten Tisch.
"Du kannst noch etwas Brot aus der Trommel nehmen und Käse ist im Kühlschrank."
Schweigend nahm er sich mit von ihr vorgezeichneten Bewegungen ein Stück Brot und belegte es mit Käse. Er kaute und achtete auf feine Noten im Geschmack, eine Veränderung gegenüber dem Klinikessen.
"Ich werde verreisen", sagte er.
"Verreisen?"
"Nenn es meinetwegen Kur. Es wird von der Krankenkasse übernommen."
"Ich verstehe nicht. Kur? Aber wieso Reise?"
Er seufzte oberflächlich. "Es wird von der Kasse übernommen, keine Sorge."
...
In dieser Nacht schlief er schlecht. Er hatte Angst, einzuschlafen und mit seinem Geschnarche seine Frau, die sich zu dieser Zeit stets in einem Zustand halbschlafenden Dahindämmerns befand, aufzuwecken. Er dachte an die Klinik und dass er sich jetzt kein Oxazepam mehr holen konnte und auch kein Beruhigungsmittel, auch wenn er noch einige Notfallmedikamente mitgenommen hatte. Schließlich jedoch schlief er ein.
Am nächsten Morgen wachte er spät auf. Ihm rückte sofort zu Bewusstsein, dass er das morgendliche Wecken in der Klinik gewohnt war, und seine Frau hatte ihn nicht geweckt. Er stieg langsam aus dem Bett, wobei er darauf achtete, dass sein Puls nicht zu hoch kletterte.
…
Er saß in der Straßenbahn, seinen Kopf gegen die Scheibe gelehnt, und dachte nach. Er war nun ein alter Mann und wie er die junge Frau, die ihm in dem Vierersitz gegenüber saß, betrachtete, kam ihm dies wieder zu Bewusstsein, dass er keine sexuellen Freuden in seinem Leben mehr haben würde. Er war alt und gealtert.
Die Straßenbahn hielt an der nächsten Haltestelle. Er betrachtete die Menschen beim Ein- und Aussteigen, wie sie sich wanden und doch immer ihrem Trott nachgingen. Er mochte es, die Menschheit in Gedanken mit Ameisen zu vergleichen, die ebenfalls zu klein waren, um ihr winziges Sozialgefüge zu übersehen. Er wurde ebenfalls übersehen. Seine Bedürfnisse hatte man nie ernstgenommen, die Psychiater nicht, die ihm einfach weiter Medikamente verschrieben, die Klinik nicht, die ihn einfach ohne Psychotherapie verfertigt hatte, und auch nicht seine Frau, die ihn nicht verstand und ihm Vorwürfe wegen seiner Erkrankung machte.
Die Straßenbahn fuhr wieder an. Die Frau ihm gegenüber war aufgestanden und hatte ihren Platz verlassen.
Er blickte ihr hinterher, doch sie war schon fast aus seinem Gesichtsfeld verschwunden. Er konnte sie noch draußen knapp erkennen, wie sie einen wohl ebenfalls jungen Mann umarmte, der sich begierig um sie schlang. Was hätte er gegeben, noch einmal in diesem Alter zu sein. Nun war er vorgerückt und betrachtete, das Gesicht an die Fensterscheibe gelegt, sehnsüchtig das junge, so nahm er an, Paar. Zu seiner Zeit hatte man das Paar genannt, auch wenn man nur kurz zusammen gewesen war. Bei seinen Eltern war es anders gewesen, die hatten sich auf einer dieser Studentenkundgebungen kennen gelernt, - oder zumindest hatten sie das bis kurz vor ihrem Tode, ihren Toden, die übrigens zeitlich weit auseinander gelegen hatten, wiederholt. Sein Vater war jung gestorben, im Alter von 57 Jahren, seine Mutter erst vor kurzem. Er erinnerte sich an die Beerdigung, alle in Schwarz, mit Sarg, seine Frau war dabei gewesen, bereits damals hatte seine Ehe gekriselt. Am heutigen Tage hatte er alle Hoffnung auf einen Fortbestand aufgegeben... Nun also der Weg zur Krankenkasse, zur Bewilligung dieser bescheuerten Reise oder wie man das nannte. Die Bahn hielt erneut an und er stieg aus.
In einer der Nebenstraßen der Innenstadt befand sich die Krankenkasse. Die anscheinend zuständige Sachbearbeiterin erklärte ihm, er hätte seinen Antrag schon vor Zeiten einreichen sollen und es sei nun keine Bewilligung mehr möglich, doch um des guten Willens wegen finanziere man ihm trotzdem die Fahrt.
…
Er stieg am Hauptbahnhof in die wie üblich überfüllte Bahn ein. An der nächsten Haltestelle stieg die junge Frau wieder ein. Gierig betrachtete er jeden ihrer Schritte. Sie musste wohl auf dem Weg zur Arbeit sein, denn sie trug nun eine Anzugjacke und war auch ansonsten in Schwarz gekleidet, - Bankerin? Aber dann fuhr sie in die falsche Richtung, die Banken waren in der Innenstadt, in hohen Türmen aus Glas. Während er überlegte, verlor er die Frau aus den Augen.
…
Er war alleine zum Hauptbahnhof gefahren, seine Frau hatte ihm zuhause alles Gute gewünscht. Er stand an Steig 3 inmitten der Stadt Essen, hinter ihm die hohen Gebäude der Skyline, vor ihm, in einiger Entfernung, der Hauptbahnhof. Er hatte einen großen Koffer und eine kleine Handtasche mitgenommen, doch der Koffer alleine war für ihn zu schwer und das leichte Gewicht der Handtasche kam dann noch dazu. Er fühlte sich traurig wegen seiner Frau und gleichzeitig dachte er, dass seine Ehe nun vermutlich für immer vorbei war, bei der Rückkehr hatte sie sich vermutlich schon von ihm geschieden oder eher die Scheidungspapiere eingereicht. Er fürchtete sich vor der Rückkehr und der Leere, die ihn erwartete. Er blickte auf die Uhr. Es war erst 11, Zeit genug, noch in die Innenstadt zu gehen und ein Pommes zu essen. Das war ungesund und machte ihn ein Stück dicker, so dachte er, doch im Falle einer Scheidung konnte man sich schließlich alles erlauben.
Langsam zog er sein Gepäck hinter sich her und ließ die Handtasche leicht schlenkern.
Er überquerte die Straße am Zebrastreifen und musste wieder an die Ameisen denken. Auf der anderen Seite durchquerte er den Hauptbahnhof, kam rechts an MkMöve vorbei, der großen deutschen FastFood-Kette. Doch da gab es kein Pommes. Er ging weiter und sah eine Reklame auf einer ansonsten weißen Säule: Die Werbung des VolkSang-Museums, eine neue Kunstausstellung. Claus Dürer, der Maler, der sich in Venedig das Leben genommen hatte, berühmte Bilder, verzerrte Bilder, realistische Bilder. Und gleich sein berühmtestes war abgebildet, die Madonna mit dem kurzen Hals, wie man sie in Abgrenzung zu Parmigianino genannt hatte. Eine kleine Frau in blau-weißer Seide, in realistischen Proportionen, nur mit eigenartig kurz verzerrtem Hals. Sie legte das Jesuskind in einen Waschtropf und wollte es dort, so lautete die gängige Interpretation, ertränken, da sie es nicht ertrug, die Mutter Gottes zu sein. Er hatte das Bild schon im Kunststudium nicht gemocht, und jedesmal, wenn er ihm begegnete, steigerte sich seine Abneigung in mehr als Hass, Hass, ja, sie hätte froh sein sollen die Mutter Gottes zu sein. Hass, ja, sie hätte ihn nehmen und allen zeigen sollen. Hass, ja, auf eine Frau, die genauso aussah wie seine Frau. Mutter Gottes, er ging weiter.
Auch dass man das Jesuskind immer so lebensentleert darstellen musste, ohne Gesichtszüge, ohne Mimik. Konnte es nicht ein schreiendes Jesuskind sein oder ein im Angesicht des Todes mutig lachendes? Er ging weiter.
Essen Die Einkaufsstadt.
Man hatte ein Komma vergessen. Er fühlte sich gleich wieder wie ein Lehrer. Er spürte, wie sein Herz schneller schlug, und er versuchte sich zu beruhigen. Langsam schob er sein massiges Selbst vorwärts und schämte sich seiner, der er ein alleinig dickes, geschiedenes, verbliebenes Etwas war.
Er sah wieder auf die Uhr, 11.15. Er kam am Domplatz vorbei, wo ihn früher der Kardinal als Konfirmand gesegnet hatte. Er sah das Burggymnasium und fragte sich, wie man so ein hässliches Gebäude jemals hatte modern finden können. Der Dom war ganz nett, trotz des Protzgrabs für den Kardinal. Er ging weiter geradeaus, hin zu dem kleinen türkischen Imbiss, den er öfters besuchte. Er rief den Kellner - oder wie nannte man die in den türkischen Restaurants, - gab übereifrig Bakschisch - das Wort kannte er - und stach mit der Gabel in seine Pommes. Es schmeckte gut und nach fett. Über seinen Körper konnte er nur das zweite sagen. Er sah wieder auf die Uhr, 11.37. Der Bus fuhr um 12.45. Nein, um 11.45. Er sprang auf und ergriff seinen Koffer und die Tasche mit der einen Hand. Mit der anderen stopfte er sich den Rest Pommes ins Maul, so dachte er. Und er hastete die Straße entlang zum Hauptbahnhof. Er fühlte, wie das alle zu viel für ihn wurde. Er würde einen Herzinfarkt erleiden. Seine Schüler würden sich freuen.
Als er schließlich am Bus ankam, war es beinahe 12, aber man hatte auf ihn gewartet.
2 – Die Abfahrt
Claudia saß hinten im Bus. Sie war schon ganz ungeduldig, denn der Bus hatte bereits vor einigen Minuten abfahren sollen. Wartezeiten machten sie nervös, auch wenn sie sonst immer planlos war, so fühlte sie sich zumindest. Sie dachte an ihre Mutter zuhause und was sie wohl sagen würde, wenn sie ihr von dieser Reise erzählt hätte, - hatte sie nicht. Sie beruhigte ihre immer wechselnde Sorge, ob sie alles richtig gemacht hatte, doch ganz wollte der Gedanke nicht verschwinden. Ganz so wie ihre Gedanken ohnehin nicht verschwanden. Sie blieben einfach, drängten sich auf, die Psychiaterin hatte sie 'drängende Gedanken' genannt. Schöner als 'Zwangsgedanken', dachte sie. Was für eine Idee auch diese Fahrt, wer kam auf solche Ideen? Und doch fühlte sie sich unter ihresgleichen und eigentümlich sicher.
Sie blickte aus dem Fenster, um vielleicht dort den Grund für die verspätete Abreise zu finden. Aber dort war nur die Werbung für irgendeinen Film oder so etwas. VolkSang hieß er wohl, und es ging um das Waschen oder das Taufen von Kindern. Merkwürdiges Bild, war es überhaupt ein Bild? Sie wusste es nicht. Wie immer ahnungslos, dachte sie.
Vorne bewegte sich etwas. Ein hässlicher alter Mann hastete herein, schwer bepackt mit Koffer und Taschen. Ein Nachzügler also. Sie schenkte ihm keine weitere Beachtung, sondern zog den Reisekatalog hervor, der ihnen beim Einsteigen gereicht worden war.
Insane Travels - Eine Möglichkeit, inneren Frieden zu finden
Willkommen zu unserem Reiseprogramm. Sie werden in den nächsten Tagen allesamt eine Reise in ein unbekanntes und aufregendes Land Ihrer Wahl unternehmen. Sie werden neue Städte kennenlernen, neue Gesichter und alte Statuen. Doch das Wichtigste sind Ihre Mitpatienten, sie werden...
"Ist hier noch frei?" Eine Stimme ließ sie aufschrecken. Es war der dicke alte Mann, der zuletzt vorne eingestiegen war. Etwas angewidert zwang sie sich zu einem Lächeln:
"Natürlich, bitte sehr."
Der Mann setzte sich schwerfällig neben sie und zog direkt sein Handy aus seiner Tasche. Sie konnte verstohlen erkennen, dass er vermutlich eine Nachricht suchte, wo keine Nachricht war. Unglücklich verheiratet, schloss sie. Sie suchte nach einem Ehering am Finger, fand aber keinen. Typ unromantisch, dachte sie. Sie hörte, wie der Mann sich zurücklehnte und schwerfällig ausatmete, es roch nach Gebratenem. Angeekelt drückte sie ihr Gesicht an die Fensterscheibe, doch der Geruch verblieb.
"Ich bin Rudolph", sagte der Mann.
"Claudia", murmelte sie.
"Und was haben Sie, darf ich fragen?"
Sie tat so, als hätte sie ihn nicht gehört.
"Ich bin übrigens Lehrer von Beruf... aber ausgebrannt, wenn man das so sagen kann..."
"Ich bin auch Lehrerin", kam eine Stimme von hinten, eine ältere Frauenstimme, so nahm Claudia es wahr.
"Ah." Rudolph schien erleichtert, eine Leidensgenossin gefunden zu haben, und sogleich entwickelte sich ein Gespräch, so fürchtete Claudia.
"Was unterrichten Sie denn?"
Es war dies wohl die Standardfrage im Lehrerzimmer. Claudia hatte das Lehrerzimmer immer gehasst, ein Ort von geistigen pseudotischen - das Wort hatte sie sich damals selbst ausgedacht - Höhenflügen und arrogantem Standesdünkel, sie hasste das Lehrerzimmer; sie hasste die feinen Anzüge, in die sich diese Leute hüllten, sie hasste ihre stocksteif angelegten Frisuren, ihre holzarmen Schuhe - wie konnte man nur Tiere töten? -, sie hasste sie vielleicht auch einfach so.
"Geschichte und Englisch", sagte die Stimme von hinten.
Vergangenheitsalternde, und auch noch fremdsprachig. Sie beherrschte keine Fremdsprache. Fremdsprachen waren unnütz.
"Ah, Geschichte und Englisch..., mein Zweitfach ist Religion, katholisch…“
Nun redeten sie über ihre Zweitfächer… Lehrer, es war typisch, dass diese Pseudogebildeten ihre Überlegenheit zur Schau stellen mussten, typisch, dass sie neben dem ach so tollen Erstfach auch ihr Zweitfach in die Welt hinausposaunen mussten. Claudia versuchte, sich auf das Fenster zu konzentrieren, doch draußen prangte nur die Werbung für diesen Film. Wieder so etwas Spießiges, hoffentlich wurde die ganze Reise nicht so.
„Und mögen Sie Ihre Schüler?“
„Aber natürlich.“
„Und darf ich den Namen Ihres Lieblingsschülers erfahren?“
Oh Gott…
„Heinrich“, sagte der Mann. „Er hieß tatsächlich Heinrich, sehr altmodisch…“
„Das ist aber ganz reizend, ich meine, weniger reizend, dass Sie hieß sagen.“
„Ach so, nein…“
„Nein?“
„Hieß, weil ich nicht mehr im Dienst bin, er ist nicht mehr mein Schüler.“
„Nicht mehr Dienst? Nun ja, ich bin zurzeit auch vom Unterricht freigestellt, anders wäre das hier ja gar nicht möglich. Sagen Sie, was hat denn Ihr Heinrich so Brillantes angestellt?“
„Oh, er hat gemalt, gemalt wie ein Künstler, und seine Interpretationsgabe…, wir nahmen ein Bild und er hat es sofort richtig gedeutet, wie aus dem Lehrbuch.“
„Daran verzweifelt ja selbst unser einer oft, haha…“
„In der Tat…“
Es war nicht mehr zu ertragen, sie hätte vielleicht aufgeschrien, wenn nicht von vorne im Bus eine Stimme ertönt wäre.
„Ich darf Sie alle begrüßen auf dieser Kult-Tour, Kulturreise, Kultur- und Genesungsreise. Wir werden Sie wieder gesund machen, das verspreche ich. Nichts geht über eine schöne Reise ins beschauliche Italien, gar nicht so beschaulich, sollte ich sagen. Wir haben alles an Bord, was wir brauchen. Backboards eine kleine Küche, steuerbords eine Schachtel mit Medikamenten. Ich stelle mich vor: Manuel Zurst, Psychiater und Psychotherapeut, Ihr treuer Begleiter und, vielleicht bald, Freund…
Ich gebe Ihnen nun einen Überblick über die Reise. Sie führt uns von hier über Duisburg nach Köln, wo wir uns die beschaulichen kleinen drei Königsgräber ansehen werden. Dort stoßen dann auch die letzten Mitreisenden zu uns, die uns auf diesem unserem großartigen Abenteuer begleiten werden. Umgeben von diesen freundlichen, aber leider kranken, Menschen werden wir nach München fahren, wo wir übernachten, 3-Sterne-Hotel, die Krankenkasse muss es sich ja schließlich leisten können. Und dann kommen wir ins eigentliche Land der Träume, Italien, wo uns Wunder und Menschen erwarten. Doch nun, genug geredet, hier ist Ihr Reiseleiter, der noch mehr redet: Roland, du darfst“, ertönte eine recht helle Stimme, deren Sprecher wohl in den Dreißigern sein musste, von vorne im Bus.
„Meine Damen und Herren“, hier kam eine ältere Stimme. „Mein Name ist Roland Grossfuss, ich bin Ihr Reiseleiter. Mein Leben zeichneten viele Irrungen und Wirrungen aus. Aus einem gutbürgerlichen Elternhause stammend, gelangte ich alsdann aufs Gymnasium und studierte Kunst und Latein, ja, Latein.“ Er lachte und erwartete wohl auch ein Lachen vonseiten der Reisenden. „Und als mir die Latte dann auf den Kopf fiel, beschloss ich, diesen Job zu übernehmen. Macht mehr Spaß als Lehrer…“ Noch ein Lehrer… „…und wir haben es ja eh lieber mit Erwachsenen zu tun als mit unreifen Jugendlichen, nicht?“ Er lachte wieder. „Nun denn, auf ans Werk, wir fahren los. Ich setze mich ans Steuer und fahre Sie, wohin Sie wollen, nämlich nach Duisburg. Wir treffen in etwa einer Stunde ein.“
Claudia kroch die Angst hoch. Bildungsreise, Lehrer? Ihre Vorstellung von Italien entsprach einem Land mit Sonne, braunen Menschen, - von der Sonne braungebräunt – und weißen Stränden, an denen man Cocktails schlürfte. Etwas spießiger zwar als das Camp der Baumliebenden... Ach, das Camp der Baumliebenden, CdB. Vor 10 Jahren war sie eine unbedarfte junge Frau gewesen, naiv im Glauben daran, eine Ausbildung zur Sozialhelferin sei ein erstrebenswerter Beruf, da man ja Menschen helfen konnte, doch sie wurde bitterst von der Realität enttäuscht. Die ersten Drogensüchtigen, mit denen sie zu tun gehabt hatte, hatten sich ständig mit Nadeln die Haut aufgeritzt. Wo sie doch kein Blut sehen konnte. Sie hatte den Job anderthalb Jahre durchgehalten und war dann zusammengebrochen. Die anschließende Ausbildung zur Ergotherapeutin hatte sie in der Klinik begonnen, begonnen, sagte sie, weil die Ergotherapeutin in der Klinik sie darauf gebracht hatte. Aber das CdB hatte ihr Hoffnung gegeben, direkt nach dem Klinikaufenthalt. Sie waren in den Süden Deutschlands gefahren, an einen der Seen. Dort hatte es grünes Wasser gegeben, weiche, angenehme Luft und gleichzeitig, am wichtigsten, freundliche Menschen, normale Menschen. Damals hatte sie ihren Hang zum Gras gefunden. Grünes Gras, nicht jenes, welches man rauchte. Das hatten die anderen gemacht. Sie hatte einen Mann kennengelernt, Thomas, damals 32, mit langen, braunen Haaren, muskulösen Oberarmen. Er hatte Gitarre gespielt, abends, am Lagerfeuer, und sie hatten zusammen gesungen. Das war vor 10 Jahren gewesen. Nach ihrer Rückkehr aus Süddeutschland war sie erneut zusammengebrochen, als die Ausbildung wieder anfing. Der anschließende Klinikaufenthalt zählte zu den düstersten Kapiteln ihres Lebens. Dunkelheit. Trauer, um sich selbst. Paroxetin – sie war gegen die Wand gerannt vor Unruhe, Mirtazapin – sie hatte nur noch geschlafen, schließlich Mirtazapin und viel Trinken. Sie war immer noch müde, müde von einem Leben, das, so fühlte sie, ihr nichts bot und nichts mehr bieten konnte, so dachte sie manchmal. Aber diese Reise war eine gute Idee gewesen, eine gute Idee bis gerade eben, bis sie von diesen Bildungsmenschen gehört hatte. Sie griff nach ihrer Tasche und wollte die letzten Reste des ihr vor drei Monaten verschriebenen Beruhigungsmittels hervorholen, aber sie befürchtete, dass man sie dabei beobachten könnte. Sie war zwar unter Kranken, aber nichts würde sie dazu bringen, sich vor ihnen innerlich zu entblößen, dachte sie.
Der Bus setzte an.
3 – Nach der Abfahrt
Rudolph war guter Dinge, dass diese Reise ausgezeichnet werden würde. Er konnte zwar sowohl Reiseleiter, da ebenfalls Kunstlehrer – und pensioniert! -, - Kunstlehrer waren die Schlimmsten! -, als auch Bordpsychologe, da Psychologe, nicht leiden, aber die Aussicht auf diese ganzen netten Menschen, von denen sogar einer der beiden, Bordpsychologe oder Reiseleiter, gesprochen hatte, von denen er nun schon einen, eine, kennengelernt hatte, erfüllte ihn mit Wohlgenuss. Und was war mit dieser jungen Frau neben ihm? Sie wirkte etwas aufgelöst und hatte seine Ankunft merklich nicht gerade positiv aufgenommen.
Rudolph seufzte. Egal. Er lehnte sich zurück in seinen bequemen Ledersessel, vermutlich Kunstleder, und entspannte. Er ließ seinen Geist wandern. Was war eine Reise anderes als eine Fahrt ins Ungewisse, so wie sie, daran erinnerte er sich aus dem Studium, Columbus unternommen hatte. Man würde lange Zeit auf See sein, Stürme und Gefährdnisse auf sich nehmen müssen, und weiterhin viel Ruhe brauchen, doch die Aussicht auf die Eingeborenen, und die Kameradschaft, die auf See erlebt wurde, ließen seine Hoffnung höher steigen. Eine schlechte Metapher, dachte er, aber er neigte nunmal zur Mittelmäßigkeit.
„Sind Sie nicht auch gespannt, was es alles zu sehen geben wird?“, brachte sich die nette Frau von hinten wieder stimmlich zum Vorschein.
„Natürlich“, brummte er.
„Ich war noch nie in Venedig, es soll ganz ausgezeichnet dort sein, - und wir werden die Maskensaison mitkriegen. Karneval.“
„Karneval, ja… das interessiert mich auch…“
„Haben Sie auch an die Kunstwerke in Venedig gedacht? Tintoretto, Tiepolo, Tizian. Und dann Dürer, wussten Sie, dass Dürer in Venedig tätig war? Der neue Dürer, nicht der des 16. Jahrhunderts… Das müsste Sie als Kunstlehrer doch gerade interessieren.“
„Oh ja, das tut es“, log er. „Ich mochte Bilder immer schon. Schon als kleines Kind habe ich gerne gemalt.“
„Wirklich? Haben Sie Fotos davon? Und malen Sie heute auch? Ich bin übrigens Romilda…“
„Neinnein, heute nicht mehr. Ich bin da sozusagen herausgewachsen.“
Eine kurze Stille trat ein, während derer Romilda wohl nach einem Weg suchte, das Gespräch fortzusetzen. Rudolph dachte plötzlich an seine Frau, verdrängte den Gedanken aber sofort wieder. Sie war auch Lehrerin, anscheinend waren alle Leute, mit denen er in seinem Leben zu tun hatte, im Lehrberuf tätig. Sein Vater war auch schon Lehrer gewesen: Sportlehrer. Abends war er stets schweißüberströmt nach Hause gekommen und hatte, vorlaut, wie Rudolph es mit zunehmendem Alter und abnehmender Achtung vor den Älteren empfunden hatte, getönt: „Heute war Friedrich im Schulunterricht wieder tüchtig.“ Tüchtig war überhaupt ein Wort, das er geliebt hatte, vermutlich, ohne ihm überhaupt eine wirkliche Bedeutung beizumessen oder seine tatsächliche Bedeutung angeben zu können. Was bedeutete „tüchtig“? Fleißig, ehrlich? Auch er konnte es nicht sagen. Sein Vater hatte ihn ungeschickliches Kind dazu gezwungen, neben der Schule Sport zu betreiben, und kommentierte das stets mit dem Lateinischen „optimum“, dem vermutlich einzigen lateinischen Wort, welches er beherrschte. Rudolph fragte sich, ob nicht der alte Lateinlehrer seines Vaters, so es denn ein Lehrer gewesen war, Schuld an den Qualen seiner Kindheit trug.
„Und was halten Sie denn von Dürer?“, fragte Romilda, wohl um das Gespräch erneut in Gang zu bringen. „Claus Dürer“, fügte sie hinzu.
Er musste überlegen. Er hasste niemanden mehr als den neuen Dürer und seine Bilder der Mutter Gottes.
„Seine Trilogie des Wahnsinns ist doch beeindruckend, nicht?“
Rudolph musste an die Bilder denken. Bilder, wieder Bilder. Heute Morgen erst war er Dürers Bild wieder begegnet, in Form einer Werbung für die Ausstellung im VolkSang-Museum. Aber das war die wahnsinnige Maria gewesen und die war kein Teil der Trilogie des Wahnsinns, auch wenn die thematische Ähnlichkeit unverkennbar war. Die Trilogie des Wahnsinns, drei Ölgemälde, in kurzlebiger Strichtechnik verfasst, Anleihen bei der chinesischen Malerei nehmend. Das erste Gemälde hieß „Der König“, es zeigte einen alten Mann im ebenso alten Altersheim, wie er in seinem Bett lag und eine Topfpflanze neben sich auf dem Bett stehen hatte; das zweite hieß „Der Hund“ und zeigte einen Businessman, wie man modern wohl gesagt hätte, der auf der Straße, grinsend dreinblickend, auf einer Bananenschale ausrutschte. Das dritte Bild der Trilogie schließlich war verschollen, hieß aber, das war allgemein bekannt, „Der Vogel“ und zeigte, so hatte Dürer es später angegeben, einen Mann, der, ikarusgleich, glaubte fliegen zu können.
„Ja, sehr beeindruckend.“ Ihm war bewusst, dass er nun seine eigene Ansicht ausführen musste, um das Gespräch am Laufen zu halten.
„Man hat das dritte Werk ja nie aufgefunden“, sagte er.
„Wie wahr… eine Schande… man sollte meinen, dass die Maler, die doch Wertschätzung vor ihren Bildern haben, vorsichtiger mit ihnen umgehen.“
„Tun sie nicht, tut Heinrich auch nicht…“
„Heinrich?“
„Mein Schüler.“
„Achso, den Namen konnte ich nicht mehr zuordnen.“
Heinrich hatte viel gemalt, schon in der 6. Klasse, - und er hatte ihn 5 Jahre lang begleitet, die 7. und 8. nicht, dann aber fast bis zum Abitur; und Heinrich hatte inzwischen ein gutes Abitur abgelegt, dessen war sich Rudolph sicher. Und er hatte Claus Dürer nie gemocht, lehnte dessen Stil als „vollkommen verfremdelnd“ ab und auch die Thematik sagte ihm nicht zu. Heinrich hatte stets realistisch gemalt, im Stile des Klassizismus. Er hatte ihm davon abraten wollen, doch Heinrich blieb dabei und so hatte Rudolph einen Teil seiner Achtung vor der modernen Malerei verloren.
„Achja, das ist nicht weiter schlimm. Aber Sie müssten mal seine Bilder sehen.“
„Oh“, seufzte sie theatralisch. „Das müssen Meisterwerke sein.“
Rudolph schreckte innerlich auf. Die Frau neben ihm weinte.
4- Nach der Abfahrt: Anhalt
Sie hielten an einer Autobahnraststätte und die junge Frau musste, begleitet von den Herren Zurst und Grossfuss, ins Ungewisse aussteigen. Romilda beobachtete die drei von innen durch die Glasscheibe. Sie sprachen einige Minuten miteinander, dann kam Zurst wieder in den Bus gestiegen und sagte übertrieben theatralisch: „Wir haben, leider, ein mittelgroßes Problem. Wir werden hier für eine Stunde halt machen. Genießen Sie den Ausblick!“ Er lachte, als hätte er einen guten Witz gemacht.
„Sollen wir einen Kaffee trinken gehen“, fragte sie diesen Mann namens Rudolph.
„Gerne, gerne, und auch etwas essen?“
Romilda musste innerlich auflachen. Sie hatte ihn beim Einsteigen beobachtet, etwas übergewichtig, nicht zu übergewichtig, aber für sein Alter durchaus nicht mehr im normalen Bereich. Und er hatte nach Fett gerochen. Was mochte er wohl gegessen haben? Etwas Fleischhaltiges? Vielleicht.
„Schauen wir mal“, sagte sie.
Sie stand von ihrem dunkelgrünen Sitz auf, achtete darauf, sich nicht an der seitlichen Kante des obenliegenden Gepäckraumes den Kopf zu stoßen, und griff nach ihrem Portemonnaie, das eben dort lag. Dann folgte sie ihrem Gesprächspartner den Mittelgang des Busses entlang zum mittleren Ausstieg, der sich ziemlich lautlos geöffnet hatte, als sie angehalten hatten. Die Luft draußen war frisch und kühl, nicht unüblich für den Frühling, der nun seit anderthalb Monaten in voller Blüte war.
Sie folgten der Traube aus Reisenden, die sich beim Aussteigen gebildet hatte, eine steinerne Treppe hinauf, durch eine Glastür hindurch, die sich selbst öffnete, und schließlich hinein in eine jener typischen Autobahnraststätten, wie man sie, so dachte Romilda, fast überall in Deutschland findet. Sie suchte einen Tisch, während er, relativ rasch, wie sie fand, nach Essen suchte. Sie bahnte sich einen Weg zwischen den kleinen weißen Tischen, an denen es heute Morgen noch recht ruhig zuging. In einer Ecke saß ein Mann, der wohl einen Lastkraftwagen führte, in der anderen Ecke noch ein Mann, leicht beschwipst, - sie hoffte, dass sie ihm auf der Autobahn nicht begegnen würden, - und nahe dem Eingang saß schließlich eine Gruppe von drei Kindern mit ihren Eltern.
Romilda suchte einen Platz im hinteren Bereich des Raumes, nahe dem Fenster. Sie setzte sich und wartete einige Minuten, während derer sie in die Luft starrte und ihren Gedanken nachhing. Dann setzte sich eine Frau ihr gegenüber.
„Hallo“, sagte sie, etwas verzagt.
„Hallo“, erwiderte Romilda. „Kennen wir uns?“
„Du fährst doch auch mit Insane Travels?“
Romilda war etwas überrascht, dass die Frau sie duzte, aber vielleicht war das Sitte unter psychisch Kranken, was sie nicht sagen konnte, da sie bisher nur Kontakt zu ihrem behandelnden Psychiater gehabt hatte. Vielleicht war dieser Rudolph die höfliche Ausnahme.
„Ja, fahre ich. Wer sind Sie?“, ignorierte sie das Du.
„Petra.“
Romilda betrachtete die Frau. Sie hatte zwei kleine Ohrringe in jedem ihrer beiden Ohrläppchen, die stark nach unten hingen. Sie hatte hochgeschossene Wangenknochen und kleine, schwarze Augenbrauen wie auch schwarze Haare, die zu ihren grünen Augen passten. Recht hübsch, dachte Romilda.
„Woher kommst du denn?“, fragte Petra. Ein neuer Versuch.
„Bochum“, antwortete sie.
„Ah, ich komme direkt aus Essen. Und was hast du?“
Romilda hätte am liebsten gesagt, dass sie es hasste, wenn man aufdringliche Fragen stellte, doch sie musste erst recht lange überlegen, bis ihr in den Sinn kam, dass die Frau vielleicht das Wort ‚haben‘ gemeint hatte.
„Ich… habe eine Zwangsstörung in Kombination mit Angst“, sie brachte diese Worte langsam und ruhig hervor, als ob sie damit die Kontrolle über das Gesagte behielt.
„Ah, du Ärmste“, sagte Petra. „Ich habe eine bipolare Störung.“
Aha, kindheitstraumatisiert also. Sie wollte am liebsten nicht weiter mit dieser Frau sprechen, doch da kam Rudolph, - Rudolph mit zwei großen Brezeln und zwei Flaschen Coala. Coala, das Süßgetränk war ihr in verhasster Erinnerung, seit sie, vor etwa vier Jahren etwa, eine Schulfeier mit diesem Getränk begangen hatten, für Alkohol waren die Jugendlichen ja offiziell, und von der geistigen Reife her, noch zu jung. Auf dieser Feier hatten die Schüler sie genötigt Coala zu trinken, bis sie derart aufgeputscht war, dass sie leicht angefangen hatte hin- und herzuwippen, zum Klange der pubertätsriechenden Musik, die aus den Lautsprechern ertönte, welche die Schüler eigens für diesen Anlass mitgebracht und aufgestellt hatten. Sie war dann die Treppe zum Schulgelände hinuntergetorkelt und hatte den Rektor der Schule getroffen, der sich über die laute Musik beschwerte.
„Ah, und wer sind Sie?“, Rudolph hatte sich auf das Gespräch mit Petra eingelassen.
„Petra.“
„Ah, hallo Petra, ich bin Rudolph, und das ist Romilda“, wies er auf sie.
„Ja, wir haben uns schon vorgestellt“, sagte Petra. „Wisst ihr, was los ist? Ich habe es beim Aussteigen kurz mitbekommen. Diese junge Frau hat einen Heulkrampf bekommen, weil sie mit den Leuten nicht klarkommt, anscheinend sind es viele Lehrer, die mit uns fahren.“
„Tja“, sagte Romilda abschätzig böse. „Wir sind Lehrer und was sind Sie?“
Petra schien die beleidigende Absicht, die in ihrer Stimme lag, nicht bemerkt zu haben oder berücksichtigte sie zumindest nicht. „Ich bin Studentin. Physik.“
„Dann bist du ja sicher sehr begabt“, sagte Rudolph, wobei man ihm einen achtungsvollen Unterton anmerkte.
„Ein bisschen vielleicht“, sagte Petra. „Physik ist ein Fach, bei dem man eigentlich nicht viel können muss, viel rechnen und ein wenig logisch denken.“
„Ich halte es ja eher mit den Klassikern“, sagte Romilda. „Nicht, Rudolph, Sie lesen doch sicher auch am liebsten Hölderlin?“
Rudolph sagte nichts, sondern nickte leicht unachtsam.
„Jaja…“, er sagte nichts mehr.
Petra schien belustigt. „Wisst ihr, was ich mag?“ Sie machte eine Pause. „Dämonen. Den La-Place’schen und den Maxwell’schen, aber den Maxwell’schen mehr.“
„Das kommt auch in diesem Buch vor, oder?“, fragte Rudolph.
„Welches?“
Romilda wusste, welches Buch gemeint war.
„Ich erinnere mich gerade nicht an den Namen“, sagte er.
Petra sah ihn fragend an, belustigt vielleicht ein wenig, aber auch mit einer sich schleichend bemerkbar machenden Langeweile.
„Ich weiß es nicht mehr“, sagte Rudolph. „Der Schriftsteller war Schweizer.“
„Ich müsste dann mal aufs stille Örtchen“, sagte Romilda.
„Ah, willst du keine Coala?“, fragte Rudolph.
„Später vielleicht…“
Sie erhob sich langsam von ihrem Platz und bahnte sich einen Weg zwischen den niedrigen Tischen hindurch. Sie wusste, dass Rudolph ihr enttäuscht und überrascht nachsah, doch sie sah keinen Grund, ihm noch irgendeine überflüssige Regung vor die Füße zu werfen, anhand derer er ablesen konnte, dass sie das Gespräch zumindest noch annähernd wohlwollend aufgenommen hatte. Sie suchte nach dem Toilettenschild, ihre Augen glitten die Wände entlang. Schließlich kam sie zu der Auffassung, dass die Toilette wohl draußen sein musste, außerhalb des eigentlichen Raststättengebäudes. Sie betrachtete die Kinder, wie sie mit der Waffe eines Spielzeugmännchens, das ihre Eltern wahrscheinlich bei mobile.de erworben hatten, einen Schuss auf benachbarte Gäste abfeuerten, und ihre Eltern, die beschwichtigend unhöflich zu erklären versuchten, es seien eben Kinder. Sie verließ das Raststättengebäude und folgte dem grünen Rasen hin zu einer Ansammlung kleiner Toilettenhäuschen, grün und blau, von denen ein „schwieriger“, so hätte sie es gegenüber ihren Schülern ausgedrückt, Gestank ausging. Gottseidank gab es Geschlechtertrennung! Die grüne Bude für Frauen war, wenn auch nicht abschließbar, dann doch relativ reinlich gehalten. Sie setzte sich auf den Toilettensitz und ließ das „schwierige“ Wasser langsam aus sich ab. Sie hörte Stimmen von draußen, die näherkamen. Eine Hand riss die Tür des Häuschens auf. „Oh, entschuldige“, sagte das Gesicht einer verweinten Claudia. Sie schloss die Tür wieder, während sich Romilda, ganz Zorn, Schreck und langsam anschwellender Hass, mit dem verbliebenen und nicht ausreichenden Rest Toilettenpapiers abtrocknete.
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