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Dr. theol. h.c. Gerhard Wehr, geb. 1931 in Schweinfurt/Main. Nach langjähriger Tätigkeit in verschiedenen Bereichen der Diakonie und der Erwachsenenbildung, zuletzt als Lehrbeauftragter an der Fachakademie für Sozialpädagogik in Rummelsberg/Nürnberg, arbeitet er als freier Schriftsteller in Schwarzenbruck bei Nürnberg. Ein Großteil seiner Werke zur neueren Religionsund Geistesgeschichte ist in mehreren europäischen und asiatischen Sprachen verbreitet.

Zum Buch

„Unser höchstes Studium sei es, das Leben Jesu Christi meditierend in uns aufzunehmen“

Thomas von Kempen

Gerhard Wehr umreißt die Konturen jener geistlichen Reformbewegung der sogenannten Devotio moderna (Neue Frömmigkeit), in deren Rahmen Thomas von Kempen gewirkt hat. Anhand ausgewählter Abschnitte aus der Nachfolge Christi wird deutlich, wie sehr ihr Verfasser bestrebt ist, an das urchristliche Vorbild anzuschließen und vom Evangelium her das geistliche Leben zu aktivieren. Wie die Biographien von Bonhoeffer, Edith Stein oder Dag Hammarskjöld zeigen, sind vielfältige Nachwirkungen bis heute belegbar.

Die Nachfolge Christi (De imitatione Christi), eine zur Meditation und spirituellen Orientierung anleitende Weisheitsschrift der niederdeutschen Mystik, gilt – nächst der Bibel – als die am weitesten verbreitete und übersetzte Schrift. Sie entstammt der fl eißigen Feder des Augustiner Chorherrn Thomas von Kempen am Niederrhein (gestorben 1471). Dabei kann offen bleiben, ob er selbst als Verfasser oder Kompilator zu gelten hat. Doch es spricht für sich und für den hohen Rang, den man seinem spirituellen Erbauungsbuch eingeräumt hat, wenn man mehrere prominente Männer der Geistesgeschichte als Autoren für möglich gehalten hat.

Thomas von Kempen

Nachfolge Christi

Thomas von Kempen

Nachfolge Christi

Textauswahl und Kommentar von Gerhard Wehr


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Alle Rechte vorbehalten

Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2013

Der Text basiert auf der Ausgabe marixverlag, Wiesbaden 2011

Lektorat: Dr. Bruno Kern, Mainz

Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH

Bildnachweis: akg-images GmbH, Berlin

eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-8438-0202-4

www.marixverlag.de

INHALT

I. Einführung

Ein Klassiker christlicher Mystik

„Kommt und folgt mir nach!“

Thomas von Kempen und die Devotio moderna

Die Nachfolge Christi in vier Büchern

Zur Wirkungsgeschichte

Zur vorliegenden Ausgabe

II. Nachfolge Christi

Aus dem ersten Buch – Geistliche Lebensregeln

Christus nachfolgen (Kap. 1)

Erkenne dich selbst (Kap. 2)

Von der Wahrheit (Kap. 3)

Klug handeln (Kap. 4)

Die Heilige Schrift lesen (Kap. 5)

Leidenschaftslos (Kap. 6)

Realistisch bleiben (Kap. 7)

Zurückhaltung üben (Kap. 8)

Gehorsam (Kap. 9)

Besonnenes Reden (Kap. 10)

Bereit zum Frieden (Kap. 11)

Glück im Unglück (Kap. 12)

Der Versuchung widerstehen (Kap. 13)

Bedächtig urteilen (Kap. 14)

Selbstlos lieben (Kap. 15)

Die Fehler anderer ertragen (Kap. 16)

Vom mönchischen Leben (Kapitel 17)

Das Vorbild geistiger Väter (Kap. 18)

Geistliche Exerzitien (Kap. 19)

Einsamkeit und Stille (Kap. 20)

Mut zur Reue (Kap. 21)

Menschliches Schicksal (Kap. 22)

Memento mori (Kap. 23)

Vom Jüngsten Gericht (Kap. 24)

Voll Eifer und Liebe (Kap. 25)

Aus dem zweiten Buch – Impulse für ein inneres Leben

Vom inneren Dialog (Kap. 1)

Sein Wille geschehe (Kap. 2)

Vom inneren Frieden (Kap. 3)

Reinheit des Herzens (Kap. 4)

Selbstbetrachtung (Kap. 5)

Freude des guten Gewissens (Kap. 6)

Jesus lieben (Kap. 7)

Mit Jesus befreundet sein (Kap. 8)

Des Trostes bedürftig (Kap. 9)

Dankbar in Gott gegründet (Kap. 10)

In der Schar der Freunde Christi (Kap. 11)

Der Königsweg des Kreuzes (Kap. 12)

Aus dem dritten Buch – Vom inneren Trost

Der innere Christus (Kap. 1)

Innen redet die Wahrheit zu uns (Kap. 2)

Wie das Wort zu hören ist (Kap. 3)

Aus dem vierten Buch – Vom Sakrament des Altars

Nicht neugierig, sondern demütig (Kap. 18)

III. Thomas von Kempen in seinen Briefen

IV. Stimmen und Zeugnisse zu Thomas von Kempen

Wilhelm Oehl (1931)

Josef Sudbrack (1964)

F.W. Wentzlaff-Eggebrecht (1969)

Hans Norbert Janowski (1978)

Kurt Ruh (1999)

Ulrich Köpf (2002)

Silvia Reinhardt (2003)

Rudolf van Dijk (2005)

Literatur

1. Textausgaben

2. Sekundärliteratur

I. EINFÜHRUNG
EIN KLASSIKER CHRISTLICHER MYSTIK

Wer sich in Bücher vergangener Jahrhunderte vertieft, muss sich die Frage gefallen lassen, was sie für ihn bedeuten oder welchen Gewinn er gerade von Schriften erwartet, die vor einem ganz anderen Lebens- oder Erkenntnishorizont zustande gekommen sind. Unschwer lässt sich auf die etwaige Zeitgebundenheit mancher Aussagen verweisen. Von daher mögen sich auch Verständnisschwierigkeiten ergeben. Dennoch üben Texte und Dokumente vergangener Epochen nicht selten eine erstaunliche Faszination auf uns, die Nachgeborenen, aus. Das trifft auf das umfangreiche Schrifttum der Mystikerinnen und Mystiker in besonderer Weise zu. In einem nicht unerheblichen Maß gilt das auch für das Buch von der Nachfolge Christi (De imitatione Christi).

Es handelt sich um eine in den Niederlanden entstandene spätmittelalterliche, ursprünglich lateinisch abgefasste mystische Schrift. Wie kaum eine andere hat sie das geistliche Leben vieler Generationen befruchtet, und zwar auch ungeachtet der jeweiligen unterschiedlichen kirchlichen oder bekenntnisbedingten Einbindungen. Das erklärt neben anderen, auf den Inhalt bezogenen Gesichtspunkten die weite Verbreitung des Buches. Sein Bekanntwerden in handschriftlicher Form setzte bereits im 15. Jahrhundert ein. Diese Schrift von der Nachfolge Christi gehörte infolge des anhaltenden Interesses zu jenen Büchern, die man – wie einst in den Schreibstuben der Klöster üblich – offensichtlich systematisch kopierte. Neben dem Autograf aus dem Jahre 1441 zählt man Hunderte von Manuskripten, ehe die nachfolgende Drucklegung möglich wurde. Und was die gedruckten Editionen anlangt, so werden über 4000 genannt. Somit geht die Gesamtauflage zusammen mit einer ebenfalls sehr großen Zahl an Übersetzungen weltweit in die Millionen.

Entsprechend groß und imponierend ist somit auch die Zahl der Zeugnisse, die die Bedeutsamkeit des Buches unterstreichen. Katholiken und Protestanten waren und sind sich in der Wertschätzung ziemlich einig geblieben. Das zeigt die Aufnahme der Schrift in allen Reformationskirchen und deren geistlichen Gemeinschaften ebenso wie in den geistlichen Exerzitien des Ignatius von Loyola. So nachhaltige Erneuerungsbewegungen wie der überaus differenzierte Pietismus haben aus dem Buch von der Christus-Nachfolge geschöpft. Das geht aus den Lebensbeschreibungen Ungezählter hervor. Offizielle Empfehlungen wurden katholischerseits ausgesprochen. „Die Zeugnisse hervorragender Männer und Frauen ließen sich endlos fortsetzen“, schreibt der Jesuit Josef Sudbrack: „... so haben die Päpste bis heute immer wieder auf die Imitatio Christi hingewiesen. Und wenn auch die überschwängliche Bewunderung des Clemens Brentano, der die Imitatio sogar der Bibel vorziehen wollte, weil sie ungeschichtlicher sei, nicht mehr geteilt wird, so ist der Einfluss des bescheidenen Büchleins doch geblieben. Man denke nur an die zahlreichen Neuausgaben der jüngsten Zeit.“1

Schon der Philosoph Leibniz (1646 – 1716) pries denjenigen glücklich, der „nach dessen Inhalt lebt und sich nicht damit begnügt, es nur zu bewundern“. Diese Schrift ist für auf buchstäbliche Erfüllung setzende praktizierende Christen zu einem Lebensbuch geworden. Aber nicht nur für sie. Es war Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945), der protestantische Theologe im kirchlichen Widerstand gegen Hitler, der im Gefängnis der Nazis die Nachfolge Christi las. Und, wie er seinem Freund Eberhard Bethge gemäß dem Briefbuch Widerstand und Ergebung schrieb, benutzte er die ursprüngliche lateinische Fassung, weil sie „doch unendlich viel schöner ist“ als deutsch. Darüber darf nicht vergessen werden, wie existenziell bedeutsam dieses Thema für Bonhoeffer bereits während des Kirchenkampfes in den Dreißigerjahren war. So entstand im Rahmen seiner Tätigkeit als Studienleiter des Predigerseminars der Bekennenden Kirche in Finkenwalde das nach wie vor diskutierte wie meditierte Buch Nachfolge (1937). Man könnte von einer aus der besonderen Zeitlage heraus aktualisierten Imitatio Christi sprechen, wenngleich Bonhoeffer seiner eigenen Spiritualität folgt. Andererseits markiert die kleine Schrift Bonhoeffers Theologie und persönliches Schicksal.2

Der frühere UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld (1905 – 1961), von dem erst nach seinem Tod bekannt wurde, dass er ein diszipliniertes geistliches Leben geführt hat, benutzte die Nachfolge Christi als spirituelles Vademecum. Es begleitete ihn bei den ausgedehnten Auslandsreisen im Dienst seiner Friedensbemühungen. Beide, der an Karl Barth orientierte Bonhoeffer und der international anerkannte schwedische Diplomat Hammarskjöld, lebten je auf ihre individuelle Weise exemplarisch im Geist der christlichen Mystik.3 Dazu bemerkt Josef Sudbrack, man müsse vielleicht besondere Grenzerfahrungen gemacht haben, um mit dem Geist der Christus-Nachfolge und mit dieser zur Meditation anregenden Schrift vertraut zu werden.

„KOMMT UND FOLGT MIR NACH!“

Was die Thematik anlangt, so ist der Ruf in die Christus-Nachfolge unauflöslich mit der ursprünglichen Botschaft des Wanderpredigers Jesus von Nazaret und daher mit dem Christsein als Existenzform verbunden. Und diese Botschaft lässt sich bereits durch den in diesem Wort enthaltenen Imperativ konzentriert zum Ausdruck bringen.

Es sind bedeutsame, zugleich prototypische Situationen, die die Evangelien schildern – auf der einen Seite die drei Synoptiker Matthäus, Markus und Lukas, auf der anderen Seite das Johannesevangelium. Bald einladend, bald gebieterisch fordernd tritt der wandernde Jesus an Menschen heran, an Einzelne und an kleine Gruppen mit der Anrede „Kommt und folgt mir nach!“ Dieses Wort gilt neben Einzelbeispielen einigen Fischern am See Genezaret in Galiläa, die sich als Jünger der sich bildenden Jesus-Bewegung angeschlossen haben und als Apostel tätig geworden sind. Man hört auffälligerweise von keiner vorausgehenden Diskussion, von keinem durchaus zu erwartenden „Ja, aber“ der Angesprochenen. Vielmehr wird erzählt, wie diese Männer ihre Fischernetze verlassen und ihre Arbeitsverhältnisse, gegebenenfalls sogar die Familie aufgeben, als hätten für sie zuvor keine festen Bindungen bestanden. Den Evangelisten lag zweifellos daran, der letztlichen Unbedingtheit – Meister Eckhart würde sagen: „ohne Warum“ (sunder warumbe) – Nachdruck zu verleihen. Die Christus-Nachfolge gestattet jedoch keine Privilegien oder private Zugeständnisse. Auch das betont das Evangelium; denn „wer die Hand an den Pflug legt und blickt zurück, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes“ (Lk 9,62).

Weil es sich sowohl um die Aufforderung zu einem äußeren Anschluss als auch und vor allem um ein inneres Teilnehmen an dem Leben des kommenden Messias handelt, verweist das ursprüngliche Wort von der „Nachfolge“ auf das „Herzstück christlicher Spiritualität“ überhaupt (E. von Severus). Es geht um nichts Geringeres als darum, dass die Angesprochenen ihrem bisherigen Leben eine entscheidende Wendung und einen neuen Inhalt zu geben bereit sind. Mit dem Wort von der Nachfolge wären andere Grundworte der neutestamentlichen Botschaft (euangélion), nicht minder gewichtige, zu verknüpfen, etwa das Wort von dem anbrechenden „Reich“ (Dein Reich komme!), das mit und in den Menschen der Nachfolge beginnt (Lk 17,21). Nicht zuletzt hat diese Nachfolge mit einer existenziellen „Umkehr“ (metánoia) zu tun, die viel mehr als ein bloßes Umdenken meint: „Du musst dein Leben ändern!“ (Rilke)

Die Nachfolge Christi zieht somit tiefgreifende Konsequenzen für die äußerlich wie innerlich Angesprochenen nach sich. Der Anschluss an den Nazarener bedeutet für seine ersten Anhänger und Anhängerinnen, den Weg zu gehen, wie er ihn durch sein Leben vorgezeichnet hat. Dieser Weg führt durch eine Reihe charakteristischer Durchgangsstationen der Prüfung und der Bewährung hindurch. Deren Symbolhaftigkeit reicht bis tief in die Reifungsprozesse eines jeden Menschen hinein. So gesehen wird es jeweils darauf ankommen, dass man das in Bild und Gleichnis geschilderte Jesus-Leben so für sich erschließt, dass deren individuelle Bedeutsamkeit für jeden Einzelnen einsichtig und umsetzbar wird. Das zeigen all jene, die inmitten ihres bisherigen und künftigen Berufs je auf ihre individuelle Weise die Christusnachfolge zu praktizieren versuchen.

Von daher gesehen muss man sich klar machen, was Jesu Worte „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem!“ – das heißt: zum Kreuz – in ihrer existenziellen Tiefe meinen, wenn man sie in der gebotenen Weise auf sich selbst bezieht. Es kann jedenfalls nicht etwa gemeint sein, Jesus in äußerlicher Weise im Sinne einer buchstäblichen Imitatio lediglich nachzuahmen. Jesus trägt sein Kreuz. Seinen Jüngern ist es aufgetragen ihr eigenes Kreuz und ihr eigenes Leben, gerade auch mit seinen Belastungen und Beschwernissen, zu leben. Darüber hinaus gilt: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Gal 6,2) Und dazu gehören die von den Evangelien in ihrer konkreten Vielfalt geschilderten Akte der Nachfolge, etwa die Freundes- wie die Feindesliebe (agápe), die Bereitschaft zur „Fußwaschung“ als Ausdruck einer diakonisch-karitativen Dienstbereitschaft. Dazu gehören die bei Matthäus in der Gerichtsrede beispielhaft genannten Zeichen der Barmherzigkeit: „Was ihr einem unter meinen geringsten Brüdern (und Schwestern!) getan habt, das habt ihr mir getan!“ (Mt 25,40).

Die zugrunde liegende theologische Bedeutung lässt sich mit den folgenden Worten zusammenfassen: „Schon die innerneutestamentliche Begriffsgeschichte von ‚nachfolgen‘(akolouthein) zeigt sehr deutlich das Bestreben der urchristlichen Theologen, die Worte Jesu vom Nachfolgen stets auf eine der heilsgeschichtlichen Situationen ihrer Hörer gemäße Weise neu zu sagen. Gerade diese Einsicht verpflichtet auch die Theologie der Gegenwart, den spirituellen oder existenziellen Sinn der Nachfolge Christi unter Führung des biblischen Fundamentes aufzuzeigen ... Der Kern aller biblischen Religiosität ist der unverzügliche Gehorsam ... Die Antwort des gehorsamen Menschen ist der Glaube. Die Treue gegen den auserwählenden Ruf Gottes auf dem Wege des Christus führt zum ewigen Leben.“4 Dabei ist immer wieder zu bedenken, dass damit kein fernes oder zukünftiges Jenseits gemeint ist, sondern dass das ewige Leben stets jetzt und hier beginnt. Dies kann als Inbegriff einer mystischen Tatsache betrachtet und soll lebenspraktisch umgesetzt werden.

Bleibt nur noch zu resümieren, dass der Ruf in die Nachfolge im Laufe der Geschichte der Christenheit in vielfältiger Gestaltung aufgenommen und realisiert worden ist – etwa in der Weise einer zeit- und situationsgemäßen Erprobung historischer Vorbilder. Dabei ist eine Umwandlung und Angleichung jeweils erforderlich. Andererseits gibt es auch Beispiele einer mehr oder minder buchstäblichen Weise bloßer Nachahmung, als ließen sich Lebensformen von einst in die Lebenswirklichkeit von Menschen einer anderen Epoche verpflanzen. Eben dies verbaut den innerlichen, mystischen Zugang! Und gerade diese Unterscheidung ist zu machen, will man den ursprünglichen, in den Evangelien symbolisch-gleichnishaft aufgezeigten Ansatz nicht verfehlen. Dieselbe Unterscheidung ist auch zu treffen, wenn man die spirituellen Anweisungen des Buches von der Nachfolge Christi für sich zur Geltung bringen will. Nicht umsonst gibt das Buch (I,5) selbst Hinweise darauf, in welcher Geisteshaltung spirituelle Wortlaute zu lesen und anzuwenden sind.

Dietrich Bonhoeffer, den man von seinem theologischen Ansatz her lange Zeit kaum im Kontext mystischer Erfahrung gesehen hat, gibt bereits in seinem Buch Nachfolge zu erkennen, wie wichtig und unverzichtbar ihm das Gleichgestaltetwerden, die conformitas der Mystik, ist. Denn „das ist die Einwohnung Jesu Christi in unseren Herzen. Das Leben Jesu Christi ist auf dieser Erde noch nicht zu Ende gebracht. Christus lebt es weiter in dem Leben seiner Nachfolger. Nicht von unserem christlichen Leben, sondern von dem wahrhaftigen Leben Jesu Christi in uns ist nun zu reden. ‚Nun aber lebe nicht ich, sondern Christus lebt in mir‘ (Gal 2,20). Der Menschgewordene, der Gekreuzigte, der Verklärte ist in mich eingegangen und lebt mein Leben.5

THOMAS VON KEMPEN UND DIE DEVOTIO MODERNA

So kennt die Kirchengeschichte andererseits auch eine Fülle von Beispielen, an denen deutlich wird, wie groß die Diskrepanz zwischen dem einst ergangenen Wort der Christuserscheinung und der späteren Lebenspraxis spürbar geworden ist. Nach Blütezeiten eines geistlichen Aufbruchs folgen immer wieder Zeiten eines religiösen Niedergangs und einer spirituellen Dürre. Nicht selten beginnt sie bei den führenden Vertretern der Kirche und ihrer „Geistlichkeit“ in den Klöstern, nicht zuletzt bei den saturierten Posteninhabern und Pfründebesitzern! So wird das Evangelium bei den einen nur buchstabengetreu gepredigt, bei anderen wird es auch in sich wandelnden Formen der Deutung und Auslegung weitergetragen. Aber die zu erwartende Praxis lässt oft viele Wünsche offen. Sobald man sich diverser Mangelerscheinungen bewusst wird, kommt es aber immer wieder zur Bildung von kritischen Äußerungen, die schließlich in Reformbewegungen einmünden.

Es entsteht Mal um Mal das Bedürfnis, die bisherige alte Frömmigkeit durch eine neue zu ersetzen. Das Motto von einer ständiger Erneuerung bedürftigen Kirche (Ecclesia semper reformanda) gilt nach wie vor. Eine solche „neue Frömmigkeit“, eben in Gestalt der Devotio moderna, ist gegen Ende des 14. und am Anfang des 15. Jahrhunderts in den Niederlanden entstanden. Darunter ist freilich nicht eine dem Zeitgeist angepasste und im heutigen Sinn zu verstehende Modernität gemeint, sondern eine Umkehr, wie sie in Zeiten einer spirituellen Veräußerlichung erforderlich wird. Von den niederländischen Provinzen hat sie sich bis ins Elsass und in den oberdeutschen Raum ausgebreitet, beispielsweise durch Brüder und Schwestern eines gemeinsamen Lebens.6

In dieser Devotio fanden sich religiös eingestellte Männer und Frauen zusammen, die bestrebt waren, Arbeit und Frömmigkeit in und mit ihrem Alltag zu verbinden, ohne sich viel um die theologische Theoriebildung und akademische Diskussion zu kümmern. In ähnlicher Weise hatten sich schon früher Beginen (wie die Mystikerin Mechthild von Magdeburg7oder Hadewijch) und (männliche) Begarden zusammengefunden. Damit unterschieden sie sich von ausgesprochen klösterlichen Kommunitäten, deren Mitglieder die drei klassischen Gelübde der Armut, Ehelosigkeit und des Gehorsams auf sich nahmen. Vornehmlich ging es den nicht klösterlich organisierten Religiosen darum, in die Nachfolge Christi einzutreten, um in Zeiten eines äußeren Niedergangs und einer spirituellen Dürftigkeit auf diese Weise das eigene Leben nach dem Leben Jesu und seiner Jüngerschaft einzurichten. Dazu gehörte der Versuch, die Untugenden durch eine evangeliumsgemäße Ethik zu überwinden und den „alten Menschen“ wie ein zerschlissenes Kleid abzulegen. Wie schon aus der älteren Mystik bekannt, ging es ihnen um das innerliche Gleichförmigwerden (conformitas) mit Christus und den urchristlichen Vorbildern.

Wie schon aus den neutestamentlichen Berufungsberichten ersichtlich, ging dies nicht ohne eine Neubesinnung und ohne neue Akzentsetzung vor sich. Das Studium der Heiligen Schrift sollte nicht etwa um der bloßen Pflege einer theologisch-scholastischen Gelehrsamkeit willen betrieben werden. Vielmehr fühlte man sich motiviert, die bisherige, lediglich auf Beachtung der reinen Lehre zielende Orthodoxie durch die Verwirklichung einer konsequenten Orthopraxis zu ergänzen. Ihr hatte die beschauliche Meditation zu dienen. Nur was in der Christus-Nachfolge zur Tat wird, verdient daher Beachtung. Mit anderen Worten:

„In der Absicht dieser Methode beständiger innerer Verarbeitung liegt weniger begriffliches Denken als vielmehr religiöses Empfinden; geistliche Erfahrung hat für die Devotio moderna einen höheren Stellenwert als spekulatives Denken. Mit niederländischem Gespür für das Beständige bleibt sie auf festem Boden, wenn sie erklärt, der Mensch dient Gott, sofern er sein Leben und seine Arbeit als göttliche Berufung versteht und entsprechend gestaltet. Jede ehrbare Tätigkeit hat vor Gott gleichen Wert, und für das Gemeinschaftsleben gibt es weder gestufte Grade noch grundsätzliche Unterschiede. Als wesenhaft persönlich geprägte Frömmigkeit steht die Devotio jedem offen. Ihr Wert ist in ihrem Bemühen selbst beschlossen; daher kann sich jeder im Rahmen seiner Fähigkeiten in sie einbringen und findet dabei Hilfen zur inneren Einübung in Gestalt der Gewissensprüfung, der Sammlung von Lesefrüchten bei der Lektüre erbaulichen Schrifttums ...“8

Was die Vertiefung und Auswertung überkommener und neu gestalteter, der Erbauung dienender Bücher anlangt, so ist damit eine wichtige Besonderheit der Devotio moderna genannt. Gleicherweise ist es das Verdienst des Thomas von Kempen, durch Kopieren, Sammeln und Interpretieren spirituellen Schriftgutes auf lange Zeit hin einen bedeutsamen Beitrag für das geistliche Leben geleistet zu haben. Das Buch Nachfolge Christi (De imitatione Christi) ist daher nicht zufällig mit seinem Namen verbunden. Es gilt als die literarische Perle der ganzen Bewegung.

Aber als der eigentliche Initiator der Devotio moderna gilt Geert Groote (Gerardus magnus; Gerhard Grote; gestorben 1384), offensichtlich eine charismatische Persönlichkeit. Aus einer Patrizierfamilie des niederländischen Deventer stammend, hatte er in jungen Jahren eine wissenschaftliche Karriere durchlaufen. In Paris hatte er den Magistergrad erworben. Er verzichtete jedoch bewusst auf die Erlangung der Priesterweihe, aber um später als Wanderprediger die erforderliche, vom Bischof erteilte kirchliche Redeerlaubnis zu bekommen, ließ er sich zum Diakon ernennen.

Geert Groote empfing geistliche Impulse durch die Kartäusermönche von Arnheim und anlässlich seines Besuchs bei dem Mystiker Jan Ruusbroec (gest. 1381) in dessen Waldeinsamkeit von Groenendaal unweit von Brüssel, wo er mit einigen Mönchen zurückgezogen lebte.9 Er übersetzte Ruusbroecs viel gelesenes Werk Die Zierde der geistlichen Hochzeit10 ins Lateinische. Leiten ließ sich Geert Groote durch die Schriften des Kirchenvaters Aurelius Augustinus und die Predigten des in diesen Kreisen hoch geschätzten Bernhard von Clairvaux. Grootes Lebensmaxime lässt sich als Übung der Nächstenliebe im Aufblick zu Gott beschreiben, wobei ihm wichtig war, die lebensnotwendigen Güter mit Gleichgesinnten, mit seinen geistlich gesinnten Brüdern und Schwestern, selbstlos zu teilen. „Das Leben Jesu ist der Spiegel jedes menschlichen Lebens, der ihn auffordert, durch Selbsterkenntnis und Abwendung der Sünde die Reinheit des Herzens zu erreichen und durch die immer wieder apostrophierte Gleichförmigkeit (conformitas) mit dem Willen Gottes den inneren Frieden zu finden. Bekehrung ist die wahre devotio, die sich im herzinnigen Frohsein zeigt und als schlichter, demütiger und arbeitsamer Lebensstil erscheint.“11

In diesem Zusammenhang entstanden Hausgemeinschaften mit geistlicher Ausrichtung. Das Leben spielte sich in klosterartigen Häusern ab. Die geschwisterliche Gemeinsamkeit fand ihren Ausdruck darin, dass sich Kleriker und sogenannte Laien zusammentaten, um die herkömmliche gesellschaftliche Barriere, die durch die kirchliche Weihe gegeben ist, zu relativieren. Das bedeutete einen Verzicht auf die üblichen Standes- und Ordensattribute sowie die Ablehnung aller geistlichen Privilegien. (Im nachfolgenden Reformationsjahrhundert wird Martin Luther darauf hinweisen, dass im Grunde jeder getaufte Christ bereits einen potenziellen Priester verkörpert.12 ). „Völlig neu war gegenüber früheren Rückgriffen auf das urkirchliche Gemeinschaftsleben ihre Methodik: die intensive Lektüre zur eigenen Erbauung, die Meditation anhand von herausgeschriebenen Merksätzen und die schriftliche Gewissenserforschung: Hier wurde sozusagen die städtisch-rationale Verwaltungspraxis in die private Religiosität übertragen.“13

Ein Zentrum der Devotio moderna, in dem man zum herkömmlichen monastischen Leben zurückkehrte und von dem wiederum Anstöße zu einer Klosterreform ausgingen, entstand in Windesheim bei der niederländischen Stadt Zwolle, wo man nach der Regel der Augustiner Chorherren, also im traditionellen klösterlichen Rahmen, lebte. Die „Windesheimer Kongregation“ mit ihren als „geregelte Stifte“ bezeichneten Reformklöstern breitete sich auch außerhalb der Niederlande aus. In Deutschland und der Schweiz kam es innerhalb kurzer Zeit zu zahlreichen Klostergründungen dieser Art. Das führte nicht zuletzt zu einer Wandlung der inneren Struktur der ganzen Bewegung: „Aus den Brüdern wurden ‚Fraterherren‘. Mögen auch im späteren 15. Jahrhundert die großen Impulse in Spiritualität und Monastik abgeflacht sein, so ist doch die Zahl der geistlich-klösterlichen Niederlassungen angewachsen wie nie zuvor. Von den 47 Klöstern, Konventen und Kapiteln, die es um 1500 beispielsweise im Herzogtum Kleve gab, waren mehr als die Hälfte, nämlich 26, Gründungen des 15. Jahrhunderts.“14 Eben dies entwickelte sich während der Lebenszeit des Thomas von Kempen, der in der Devotio moderna eine wichtige Rolle spielen sollte.

Die Initiative zu den verschiedenen Gemeinschaftformen der Devotio ging, wie erwähnt, von Geert Groote aus. Unterstützt wurde er durch seine ersten Anhänger und Schüler, unter ihnen Florentius Radewijns (gestorben 1400), der auf die Durchbildung eines asketischen Lebens großen Wert legte. Ein Spezifikum Grootes stellte die kirchenkritische Predigt dar. Sie richtete sich gegen die offensichtlich nicht geringe Zahl solcher Kleriker, die mit ihren Gelübden, so auch mit dem Zölibatsgebot, allzu freizügig umgingen und in den Kirchengemeinden Anstoß erregten. (Weitere, hier nicht weiter aufzuführende Gesichtspunkte ergeben sich aus mancherlei Beziehungen zum Humanismus und seinen pädagogischen Zielsetzungen sowie zu Fernwirkungen, die auf die Reformation verweisen.)15

Was nun Thomas von Kempen (auch: Maleolus a Kempis, gestorben 1471) anlangt, dessen ursprünglicher Name Hemerken (d.i. Hämmerchen) war und der von Kempen am Niederrhein stammte, so führte er als Augustiner Chorherr ein betont nach innen gekehrtes Leben. Sein älterer Bruder Johannes, der als Augustiner selbst der Windesheimer Kongregation angehörte, hatte ihn auf die Brüder vom gemeinsamen Leben aufmerksam gemacht. Anlässlich einer Wallfahrt lernte er etwa zwanzigjährig im Jahr 1399 das Chorherrnstift Agnetenberg bei Zwolle kennen. Nach der üblichen Vorbereitungszeit als Novize und Donatus verband er sich durch Verpflichtung auf die ewigen Gelübde mit den Augustinern und erlangte die Priesterweihe. Agnetenberg wurde unter seiner Leitung als Subprior und Novizenmeister zu einem Zentrum der von Geert Groote begründeten Devotio moderna. „Neben seinen Verpflichtungen als Geistlicher und Inhaber von Ämtern bestand seine Tätigkeit im Schreiben von Büchern: im Kopieren fremder und im Verfassen eigener Werke (seit etwa 1420). Am 1. Mai oder 25. Juli 1471 starb er in Agnetenberg.“16 Die Tatsache, dass allein vier vollständige Abschriften der Bibel auf Thomas von Kempen zurückgehen, veranschaulicht, welches Ausmaß diese Schreibarbeit entwickelt hat.

Von 38 eigenen Schriften abgesehen, führte seine umfangreiche Abschreibetätigkeit zur Kompilation der Nachfolge Christi, durch die er berühmt geworden ist. Thomas verstand sich im Übrigen nicht als auctor, sondern als scriptor (Schreiber). Das ist nicht zuletzt angesichts der Tatsache zu berücksichtigen, dass die Verfasserschaft des Buches lange Zeit hindurch umstritten war. Mehrere prominente Persönlichkeiten des geistlichen Lebens vermutete man hinter dem in zahlreichen Handschriften verbreiteten und viel gelesenen Buch. Erhalten hat sich ein Autograf, also ein aus des Kempeners eigener Hand verfasstes vollständiges Nachfolge-Buch. Gegen 40 Namen wurden als mögliche Autoren vermutet, darunter Geert Groote, sowie andere Mitglieder der Devotio oder gar Bernhard von Clairvaux! Das entsprach einer zusätzlichen bedeutenden Aufwertung der Nachfolge Christi. Abgesehen davon, dass der spirituelle Rang eines Buches nicht allein von seinem etwaigen Autor abhängt, wird man davon ausgehen können, dass Thomas von Kempen die ihm zugänglich gewordenen Textteile in einem abschließenden Arbeitsgang zusammengefügt, bearbeitet und schließlich herausgegeben hat. Ausschlaggebend konnte nur der Gehalt des vierteiligen Buches sein. Und das Ergebnis zeigt, wie gut der „Scriptor“ seine Bibel kennt und wie vertraut ihm aber auch Texte der Philosophie wie der Kirchenväter gewesen sein müssen, nicht zu vergessen Bernhard von Clairvaux, um einer solchen Arbeit gewachsen zu sein. Dazu bemerkt Johanna Lanczkowski:

„Das Heilbringende und Vorbildhafte des Lebens Jesu soll den Menschen zur Demut, zur Liebe, zu Leid und Kreuz und Leidensnachfolge aufrufen, um ihn auf den Weg des Heils zu führen. Thomas von Kempen hat mit seiner Imitatio Christi den Geist der Mystik weltweit bekannt gemacht und durch die Jahrhunderte lebendig gehalten.“17

DIE NACHFOLGE CHRISTI IN VIER BÜCHERN

Die Schrift setzt sich aus vier Büchern zusammen. Weil sie als Spruchsammlungen nicht streng strukturiert sind, war es seit den Tagen ihrer Niederschrift nicht schwer, die einzelnen Buchteile in unterschiedlicher Reihenfolge oder auch nur teilweise zu vervielfältigen. Wie ersichtlich, handelt es sich um eine Blütenlese von Weisheitsworten. Eine als „Rapiarium“18 bezeichnete Anthologie hatte die Aufgabe, die Leserschaft mit richtungweisenden Leitworten zu versorgen, seien es solche aus der Heiligen Schrift oder seien die Zitate anderen kirchlichen oder sonstigen literarischen Quellen entnommen. Groß ist daher der Anteil an biblischen Texten. Andere wichtige Quellen stellen Wortlaute des Zisterziensers Bernhard von Clairvaux dar. Als einflussreich erwies sich der Dominikaner und spätere Kartäuser Ludolf von Sachsen (gestorben 1378). Durch Geert Groote fand seine Vita Jesu Christi Eingang in die Devotio moderna, wo sie geradezu zur Standardlektüre erhoben wurde. Dieser Vita war ihrerseits eine weitreichende Wirkung beschieden.19 Sie gehörte z.B. zum Lesestoff, der Ignatius von Loyola auf seinem Krankenlager zur Verfügung stand und der ihn für die Meditationsanweisungen in seinem Exerzitienbuch inspirierte.

Das erste Buch der Nachfolge Christi bietet Ratschläge und Ermahnungen (admonitiones), wie sie Menschen innerhalb wie außerhalb eines Klosters zur spirituellen Lebensgestaltung mit Blick auf die Nachfolge Jesu Christi nützlich sein können. Und wenn die in Bruder- und Schwesternhäusern Lebenden, abgesehen von den Augustiner Chorherren der Windesheimer Kongregation, sich keiner strikten Ordensregel unterwarfen, so stellen Kloster und Zelle zumindest ein Gleichnis für die eigene Innerlichkeit dar. Prinzipiell geht es darum, sich in das Leben des Herrn zu versenken und als Vorbild für das eigene geistliche Unterwegssein zu betrachten. Wenn beispielsweise der Rat gegeben wird, das Herz möge sich von allen Äußerlichkeiten um des Ewigen willen abwenden, so ergibt sich aus heutiger Sicht daraus eine überaus befremdliche weltdistanzierte Einstellung. Sie beherrscht ohnehin die Spiritualität der Devotio moderna im Allgemeinen und des Nachfolge-Buches im Besonderen. Diese Einseitigkeit soll jedenfalls nicht verschwiegen werden.

Derselben Haltung entspricht die in diesen Kreisen zu beobachtende Skepsis gegenüber allzu abgehobenen Spekulationen, wie sie aus der zeitgenössischen Philosophie und der scholastischen Theologie bekannt geworden sind. Daher konnte es nur verpönt sein, wenn ein Priester und Theologe sich etwas auf seinen geistlichen Status zugute tut, es jedoch an einer ernsthaften spirituellen Gesinnung und Ethik mangeln lässt. Umso mehr wird die zeitbedingte praktizierbare Frömmigkeit geschätzt, um den in Kirche und Gesellschaft sich abzeichnenden Niedergangserscheinungen durch eine umso strengere Askese entgegenzutreten. Alle Übung dient dem Ziel einer nüchternen Selbsterkenntnis und als Demut deklarierten kritischen Selbsteinschätzung. So gesehen sind es die Ideale des mönchischen Lebens, wie sie nach der Überzeugung der Devoten das Leben eines jeden Christen bestimmen sollten. Mit anderen Worten:

„Eine große Hilfe zu einem wahrhaft mönchischen Leben ist das Vorbild der heiligen Väter und systematische Übungen (exercitia). Am fruchtbarsten ist indes die Einsamkeit und Stille der Zelle, so kann man Gott am besten dienen. ‚In der Zelle wirst du finden, was du draußen oft verlierst. Dauernd in der Zelle zu sein, macht sie köstlich ... In Schweigsamkeit und Stille gedeiht die andächtige Seele und lernt die Geheimnisse der Schrift.‘ “20

Mehr noch: Im 20. Kapitel gibt Thomas den Rat, Jesus als den Geliebten der Menschenseele einzuladen und die Türe der Zelle zu verschließen. Mit keinem als mit diesem Gast werde der Meditierende den ersehnten inneren Frieden empfangen.

Im zweiten Buch kommt die mystische Note der Christus-Nachfolge in der Weise zur Geltung, dass der Kompilator der Schrift darauf bedacht ist, dem inneren Meister eine ihm angemessene Wohnung, das heißt eine entsprechende geistigseelische Beheimatung zu schaffen. Deshalb das Insistieren auf Reinheit und Einfalt des Herzens, auf die Schärfung des Gewissens und die Herstellung eines inneren Friedens. Auch hier wird Jesus als Freund und Geliebter geachtet, der in der Herzenstiefe wohnen möge. Mit Recht wird das 12. und letzte Kapitel dieses zweiten Buches als Höhepunkt bezeichnet, geht es doch um den „Königsweg des Kreuzes“. Daher der Hinweis: „Wandle, wo du willst, suche, was du willst, du wirst keinen Weg höher hinauf, noch einen sichereren nach unten finden als den Weg des heiligen Kreuzes!“

Das dritte Buch bietet mancherlei Anklänge an das in den beiden vorausgegangenen Buchteilen Gesagte. Der Schreiber will seinen Lesern in der Weise einen inneren Zuspruch vermitteln, dass er die Bereitschaft zu einem inneren Hören zu wecken versucht. Er tut es in Anlehnung an Psalm 84: „Ich will hören, was Gott der Herr in mir spricht.“ Dies lässt sich als eine Einladung zur Kontemplation verstehen, in der der Übende jene Stille herstellt, die nötig ist, damit das wortlose Wort vernommen werden kann. Von daher ergibt sich auch eine dialogische Struktur, nach der der innere Christus zur menschlichen Seele spricht. Und deren Antwort kann nur ein beseligendes Hören und Schweigen sein.

Gipfelt das zweite Buch in dem erwähnten Kapitel vom „Königsweg des Kreuzes“, so zeigt das vierte Buch, worin aufs Ganze gesehen das Ziel des Christus-Wegs besteht. Und dieses Ziel wird Mal um Mal in der Feier der Eucharistie, beim heiligen Abendmahl, symbolisch erreicht. Denn der sakramentale Akt der Verbindung mit Christus in der Kommunion mittels Brot und Wein ist zugleich und hauptsächlich ein mystisches Geschehen. Damit setzt Thomas von Kempen in der Nachfolge Christi ein bedeutsames Zeichen. Haben sich zahlreiche Kapitel dieser Schrift in der Hauptsache mit dem Exerzitiencharakter dieses Erbauungsbuches beschäftigt, haben sie Anleitungen und Vorschläge für das Vorankommen auf dem Weg vermittelt, so hebt das abschließende Buch hervor, wohin die Devotio moderna als individuell gestalteter Seelenweg führen will, nämlich zur Gemeinschaft mit dem Christus selbst. So liest man auf den letzten Seiten der Imitatio:

„Jeder Andächtige kann alle Tage und zu jeder Stunde zur geistlichen Kommunion Christi heilsam und ohne Hinderung hinzutreten. Denn jedes Mal kommuniziert er in mystischer Weise und wird unsichtbar gestärkt, wenn er das Mysterium von Christi Menschwerdung und seine Passion andächtig betrachtet und in Liebe zu ihm entbrennt.“

ZUR WIRKUNGSGESCHICHTE

Der fleißigen Feder des Thomas von Kempen verdanken wir, wie bereits erwähnt, zahlreiche Schriften, vor allem aber Kopien. Diese Art der frühen Literaturverbreitung wurde für ihn, den geradezu buchstäblich seiner Klosterzelle verschriebenen Augustiner Chorherrn, zum Lebensinhalt. Die bedeutsamste von ihm zusammengetragene und redigierte ist unbestritten De imitatione Christi. Das ausgehende Mittelalter ist ohne dieses Hauptwerk der Devotio moderna gar nicht zu denken. Darüber hinaus ist das Buch als ganzes oder auch durch einzelne Teile zu einem Elementarbuch sowohl der volkstümlichen wie der in den Orden gepflegten Frömmigkeit geworden. Das gilt bereits für die Exercitia spiritualia des Ignatius von Loyola. „Der Protestantismus hat die Imitatio (meist mit Ausnahme des vierten Buches) ebenfalls hoch geschätzt... In pietistischen Lektüreempfehlungen werden aus dem Spätmittelalter gerne Johannes Tauler, die Theologia deutsch und Thomas von Kempen nebeneinandergestellt. Selbst dort, wo man aus Misstrauen gegen ‚katholische‘ Mystik die beiden erstgenannten ausscheidet, wird die Imitatio weiterhin empfohlen.“21 Ferner sind die Protestanten Johann Arndt und Peter Poiret, Gottfried Arnold und Gerhard Tersteegen zu nennen. Dass sich darüber hinaus so eigengeprägte Männer wie Dietrich Bonhoeffer – neben ihm der ebenfalls von den Nazis ermordete Jesuit Alfred Delp – und Dag Hammarskjöld die Nachfolge zu eigen gemacht haben, wurde bereits eingangs berichtet. Selbst in Rudolf Steiners anthroposophischem Schulungsbuch Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? wird neben dem Johannesevangelium und der Bhagavadgita die Schrift des Thomas von Kempen als bedeutsame Begleitlektüre der meditativen Übungen zu einem spirituellen Leben empfohlen.22

Das Werk des Kempeners und seiner geistesverwandten Freunde trägt wohl die der mittelalterlichen Frömmigkeitstradition verpflichteten Deutungen des Jesus-Lebens. Sie ist auch nicht frei von Einseitigkeiten und Akzentsetzungen, deren Anerkennung einem heutigen Leser schwer fallen. Doch – lutherisch gesprochen – in der „Freiheit des Christenmenschen“ lassen sich in mancher Hinsicht auch unzeitgemäß scheinende spirituelle Schriften als Übungsbücher akzeptieren. Mit anderen Worten: Was uns aus vergangenen Lebens- und Glaubenswelten überkommen ist, fordert uns zu einer Über-Setzung auf. Und es bedarf keines besonderen Hinweises, dass es sich dabei nicht allein um sprachliche oder gedankliche Verdeutlichung handelt. Wie aber kam es zu dem außerordentlichen Erfolg des Nachfolge-Buches? Der Mystik-Historiker Kurt Ruh verweist auf den geistlichen Gehalt und sagt von der Imitatio:

„Sie enthält genau das, wessen die fromme christliche Leserschaft beider Konfessionen zu ihrer Erbauung und zu ihrem Seelenheil bedurfte: die persönliche Christus-Liebe und -Nachfolge, die Meditation über Leben, Leiden und Sterben des Herrn, die Gewissenserforschung, die Weltverachtung, die Ablehnung theologisch-philosophischer Gelehrsamkeit, die ‚pietistische‘ Ausrichtung als solche mit ihrem nicht als Widerspruch empfundenen Sündenbewusstsein und ihrer Erwähltheitsgewissheit. Dazu kommt in den Übersetzungen die schlichte, auf Laienkreise hin ausgerichtete Sprache.“23

ZUR VORLIEGENDEN AUSGABE

Der Auswahl aus den vier Büchern der Thomas von Kempen zugeschriebenen Nachfolge Christi ist die lateinische Fassung De imitatione Christi. Libri quatuor, Ratisbona-Regensburg 1957 zugrunde gelegt. Zum Vergleich wird herangezogen: Gerrit Grote, Die Nachfolge Christi oder das Buch vom innern Trost, Olten-Freiburg 1947 und Geert Groote, Thomas von Kempen und die Devotio moderna, hg. von Hans Norbert Janowski, Olten-Freiburg 1978. Die Zitate aus dem Briefwechsel des Thomas von Kempen finden sich in: Wilhelm Oehl (Hg.), Deutsche Mystikerbriefe des Mittelalters 1100 – 1550 (1931), Darmstadt 1972.

1 Josef Sudbrack, Existentielles Christentum, in: Geist und Leben 35 (1964), 38 ff.

2 Eberhard Bethge, Dietrich Bonhoeffer. Eine Biographie, München 1967, 515 ff. – Gerhard Krause, Bonhoeffer, Dietrich, in: Theologische Realenzyklopädie (TRE) Bd. 7, 55 ff.

3 Gerhard Wehr, „Nirgends, Geliebte, wird Welt sein als innen“. Mystik im 20. Jahrhundert, Gütersloh 2011, 72 ff; 152. ff.

4 A. Schulz, Nachfolge, in: Heinrich Fries (Hg.), Handbuch theologischer Grundbegriffe, München 1970, Bd. 3, 215.

5 Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge, in: Bonhoeffer-Auswahl, Bd. 3, Gütersloh 1977, 105.

6 Robert Stupperich, Brüder vom gemeinsamen Leben, in: TRE, Bd. 3, 220 ff.

7 Gerhard Wehr, Mechthild von Magdeburg – „Das fließende Licht der Gottheit“, Wiesbaden 2010.

8 Émile Brouette, Devotio moderna I, in: TRE, Bd. 8, 605 f.

9 Bernhard Fraling, Der Mensch vor dem Geheimnis. Untersuchungen zur geistlichen Lehre des Jan van Ruusbroec, Würzburg 1967, 239 f.

10 Jan van Ruusbroec, Die Zierde der geistlichen Hochzeit. Übers. Marijke Schaad-Visser, Einsiedeln 1987.

11 Rudolf van Dijk, Groote, Gerhard, in: Peter Dinzelbacher (Hg.), Wörterbuch der Mystik, Stuttgart 1989, 207 f.

12 Martin Luther, An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung (1520) (= WA 6,381 – 469).

13 Arnold Angenendt, Geschichte der Religiosität im Mittelalter, Darmstadt 1997, 78.

14 AaO., 79.

15 Reinhold Makrosch, Devotio moderna II, in: TRE, Bd. 8, 609 – 616.

16 Ulrich Köpf, Thomas von Kempen, in: TRE, Bd. 33, 480.

17 Johanna Lanczkowski, Thomas von Kempen, in: Peter Dinzelbacher (Hg.), Wörterbuch der Mystik, aaO., 496.

18 „Rapiarium ist ein geistliches Notizbuch, in dem zur persönlichen Erbauung Exzerpte, Lesefrüchte, Zitate usw. aufgezeichnet sind.“ (Rudolf van Dijk, Rapiarium, in: Dinzelbacher [Hg.], Wörterbuch der Mystik, aaO., 434). Solche Leit- und Losungsworte entsprachen der in der Devotio moderna heimisch gewordenen, individuell gestalteten Spiritualität.

19 Ludolf von Sachsen, Das Leben Jesu Christi, Einsiedeln 1994. – Iris Geyer, Ludolf von Sachsen, in: TRE, Bd. 21, 479 ff.

20 Kurt Ruh, Geschichte der abendländischen Mystik. Band IV: Die niederländische Mystik des 14. bis 16. Jahrhunderts, München 1999, 191.

21 Ulrich Köpf, Thomas von Kempen, in: TRE, Bd. 33, 483.

22 Rudolf Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? (1904), Dornach 1975, 100.

23 Kurt Ruh, Geschichte der abendländischen Mystik, Band IV, aaO., 194.

II. NACHFOLGE CHRISTI
AUS DEM ERSTEN BUCH – GEISTLICHE LEBENSREGELN
Christus nachfolgen (Kapitel 1)

Wie bereits erwähnt, pflegte man in den Kommunitäten der „Devotio moderna“ Sammlungen von geistlichen Lebensregeln (admonitiones ad vitam spiritualem utiles) anzulegen, um von solchen Worten den Alltag bestimmen zu lassen. Das erste Buch der Imitatio intoniert bereits das Thema der ganzen Schrift.

1. „Wer mir nachfolgt“, spricht der Herr, „wandelt nicht in der Finsternis.“ [Joh 8,12]

Das sind die Worte Christi, mit denen wir aufgefordert werden, seinem Leben und Wandel zu folgen, wenn wir wahrhaftig erleuchtet und von aller Herzensblindheit befreit werden wollen.

2. Unser höchstes Bemühen bestehe also darin, betrachtend in das Leben Christi einzudringen (meditari). Christi Weisung (doctrina) überragt alle Lehren der Heiligen. Und wer Gottes Geist hat, wird dort das verborgene Manna finden [das Brot des Lebens, nach Offb 2,17].

3. Aber es kommt vor, dass viele trotz wiederholten Hörens des Evangeliums wenig Verlangen verspüren, weil sie Gottes Geist nicht in sich tragen. Wer aber Christi Worte in ihrer Fülle und Weisheit verstehen will, der muss danach streben, sein Leben Christus nachzubilden (conformare).

4. Was nützt es dir, Hohes über die göttliche Dreieinigkeit zu disputieren, wenn dir die Demut fehlt und wenn du der Dreieinigkeit missfällst? In der Tat, hohe Worte machen weder heilig noch gerecht. Aber ein tugendhaftes Leben bewirkt die Liebe Gottes.

5. Ich will lieber einsichtige Reue fühlen als deren Definition bestimmen können.

6. Wüsstest du die ganze Bibel auswendig, dazu die Weisheiten aller Philosophen, was nützte dir das alles, wenn dir Gottes Liebe und Zuwendung (gratia) fehlte? O Nichtigkeit (vanitas) der Nichtigkeiten, denn alles ist nichtig [Koh 1,8]; ausgenommen, Gott lieben und allein ihm dienen.

7. Das ist die höchste Weisheit: durch Geringachtung (contemptus) des Weltlichen das Himmelreich zu erstreben. Minderwertig (vanitas) ist es daher, vergängliche Reichtümer zu ergattern und ihnen zu vertrauen ... Nichtig ist es, nach Ehren zu geizen und sich nach dem Hohen auszustrecken. Nichtig ist es, ein langes Leben zu wünschen und sich wenig um ein gutes Leben zu kümmern. Nichtig ist es, allein auf das jetzige Leben zu setzen und an das künftige nicht zu denken. Nichtig ist es, das Vergehende, Flüchtige zu lieben und nicht dorthin sehnsuchtsvoll zu eilen, wo eine immerwährende Freude andauert.

8. Denke oft an das Sprichwort, dass das Auge vom Sehen und das Ohr vom Hören nicht satt wird. Sei daher bestrebt, dass sich dein Herz von der Liebe zu den sichtbaren Dingen entfernt und sich dem Unsichtbaren zuwendet.

Erkenne dich selbst (Kapitel 2)

Als Kompilator der „Nachfolge Christi“ bezieht sich Thomas von Kempen zwar durchwegs auf das biblische Wort, das er bei seiner Leserschaft als bekannt voraussetzen kann. Aber darüber hinaus spielt er als Beleg für seine literarische Bildung wiederholt auf Aussprüche aus der philosophischen oder der Vätertradition an.

1. Natürlicherweise verlangt jeder Mensch nach Wissen. Aber was ist schon bloßes Wissen ohne Gottesfurcht? Da ist es besser, ein biederer (humilis) Bauer zu sein, der Gott dient, als ein hochmütiger Philosoph, der zwar den Lauf des Himmels kennt, aber darüber sich selbst vernachlässigt.

2. Wer sich selbst gründlich erkennt, nimmt sich selbst nicht so wichtig; auch geht er dem menschlichen Lob aus dem Weg.

3. Lass die übergroße Wissbegier auf sich beruhen, denn darin liegen große Zerstreuung und Täuschung. Wissbegierige wollen gern gesehen, gehört und weise genannt werden. Vieles gibt es, dessen Kenntnis der Seele wenig oder zu Garnichts dient. Sehr unklug ist, wer nach anderen Dingen trachtet als nach denen, die seinem Heil dienen. Viele Worte sättigen die Seele nicht. Aber ein gutes Leben erfrischt das Gemüt (mens). Und ein gutes Gewissen stärkt das Gottvertrauen (confidentia). Je mehr du weißt, desto kritischer wirst du beurteilt werden, wenn du nicht heiliger gelebt hast. Daher brüste dich nicht mit irgendeinem Können oder Wissen, sondern wenn dir Wissen verliehen ist, so nimm zu in der Furcht Gottes.

4. Wenn du viel weißt, so erscheint es wenig gegenüber dem, was du nicht weißt. Sei nicht hochmütig (altum sapere), sondern stehe lieber zu deinem Nichtwissen. Warum willst du dich über andere stellen, die gelehrter und in der geistigreligiösen Tradition (lex) erfahrener sind?

5. Willst du etwas Brauchbares wissen und lernen, so sei es dir lieber, nicht erkannt und für nichts geachtet zu werden.24

Das ist die höchste und wertvollste (verissima) Lektion, das heißt: sich selbst recht erkennen und gleichzeitig sich selbst gering schätzen ...

Von der Wahrheit (Kapitel 3)

1. Glücklich, wen die Wahrheit durch sich selbst belehrt, und zwar nicht durch irgendwelche Gestalten und vergängliche Stimmen, sondern wie sie sich selbst darstellt. Unsere Fähigkeiten täuschen uns oft und reichen nicht tief genug. Was nützt bloße Sophisterei (cavillatio) über okkulte und verborgene Dinge, über die wir am Tag des Gerichts nicht beurteilt werden? Große Torheit ist es, das Nützliche und Notwendige zu versäumen und lediglich dem Neugier Erregenden und dem Verderben Bringenden nachzujagen! Augen haben wir, aber wir sehen nicht! Warum sind wir so versessen auf die Bezeichnungen von Gattungen und Arten? – Wenn das ewige Wort zu dir spricht, ergeben sich viele Anschauungen und Meinungen. Denn alles entstammt dem einen Wort [Joh 1,3]. Das ist der Anfang (principium), der zu uns spricht. Ohne ihn versteht man nichts oder beurteilt man falsch. Nur wer ein festes Herz (cor stabilis) und Gottes Frieden hat, dem sind alle Dinge eines. O Gott, der du die Wahrheit bist, vereinige mich mit dir in der ewigen Liebe!

2. Des vielen Lesens und Hörens bin ich oft überdrüssig. Aber in Dir [Wahrheit], Gott und Wort des Vaters, liegt das Ganze. Es verlangt mich, dies [Dich] zu haben. So mögen vor deinem Anblick alle Lehrer schweigen; und verstummen mögen alle Kreaturen. Allein Du sprich zu mir! Je mehr ein Mensch innerlich eins geworden ist, desto Höheres und Größeres erfasst er durch Dich ohne Mühe, weil er von oben her das Licht der Erkenntnis (lumen intelligentiae) empfängt ...

3. Ein guter und gottergebener Mensch (devotus homo) erwirkt (disponit) die äußeren Werke zuvor in seinem Innern. Nicht von abwegigen Neigungen (desideria vitiosae inclinationis) lässt er sich antreiben, sondern von der rechten Vernunft lässt er sich leiten. – Ein großer Kampf ist’s, sich selbst zu besiegen.

4. Demütige Selbsterkenntnis (humilis tui cognitio) ist ein sichererer Weg zu Gott als eine wissenschaftliche Forschungsweise. Das Wissen und die Kenntnis einer Sache sind [für sich genommen] nicht sträflich, sondern in Ordnung und von Gott gewollt. Aber ein gutes Gewissen und ein gutes Leben haben stets noch größeren Wert. Weil aber manchen das Wissen[wollen] wichtiger ist als eine gute Lebensführung, gehen sie oft in die Irre und erhalten keine oder nur mäßige Frucht.

5. Ach, wenn sie nur so viel Mühe darauf verwendeten, um ihre Mängel auszurotten, wie sie sich auf das rationale Problematisieren konzentrieren, so geschähen nicht so viel Skandalöses, nicht so viel Verärgerung darüber im Volk und nicht so viele Auflösungserscheinungen in den Klöstern!

6. Am Tag des Jüngsten Gerichts werden wir nicht gefragt werden, was wir gelesen, sondern was wir getan haben; nicht um schöne Redensarten wird es gehen, sondern gelebte Frömmigkeit ist gefragt.

7. Nun sag mir: Wo sind eigentlich alle jene Herren und Lehrmeister (magistri), die du gut kanntest, solange sie noch lebten und ihre Wissenschaften noch florierten? Schon verfügen andere über ihre Sachen ... In ihrem Leben schienen sie etwas zu sein, doch heute schweigt man von ihnen. O wie rasch vergeht der Ruhm der Welt! (O quam cito transit gloria mundi!) Ja, wenn ihr Leben mit ihrer Wissenschaft übereingestimmt (concordasset) hätte, dann hätten sie durchaus gut studiert und recht gelesen. Aber wie viele gehen durch wertloses Wissen (vana scientia) in dieser Welt zugrunde; es sind Menschen, die nicht um den Dienst Gottes Sorge tragen. Lieber wollen sie groß sein als demütig. Deshalb entwertet sich ihr ganzes Denken.

8. Wahrhaft groß ist, wer große Liebe übt. Und wahrhaft groß ist, wer [seiner eigenen Einschätzung nach] in sich klein ist; [das heißt] wer es als höchste Ehre ansieht, nichts zu gelten. Wahrhaft klug ist, wem das Irdische wie Kot [stercora; Phil 3,8] erscheint, um letztlich Christus zu gewinnen. Und wahrhaft gelehrt ist, wer den Willen Gottes tut und darüber seinen eigenen Willen aufgibt.

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