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Thomas Ruster
Die neue Engelreligion
Thomas Ruster
Die neue Engelreligion
Lichtgestalten – dunkle Mächte
Butzon & Bercker
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ISBN 978-3-7666-1356-1
E-BOOK ISBN 978-3-7666-4127-4
EPUB ISBN 978-3-7666-4128-1
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Umschlaggestaltung: Christoph Kemkes, Geldern
Satz: Schröder Media GbR, Dernbach
Druck: Bercker Graphischer Betrieb, Kevelaer
Inhalt
Vorwort
I. Die neue Engelreligion
1. Eine Religion für unsere Zeit
2. Hilfreiche Helfer allüberall
3. Dunkle Kräfte
4. Satanische Mächte
5. Die beiden Seiten der Engelreligion
6. Der Himmel ist wieder offen!
II. Etwas über den Himmel
1. Der Himmel, die Erde und Gott
2. Religion als Himmelsfrömmigkeit. Zum Verhältnis von Christentum und Religionen
3. Jesus ist „durch die Himmel gegangen“ (Hebr 4,14)
4. Wohin kommen wir, wenn wir „in den Himmel kommen“?
III. Der verschlossene Himmel
1. Kant und Swedenborg
2. Das Zeitalter ohne Himmelskenntnis
3. Zum Stand der theologischen Angelologie
IV. Engelwelten
1. Himmlische und kirchliche Hierarchie
2. Heilige Herrschaft?
3. Zwischen Engeln und Menschen: the missing link
4. Die Schutzengel und ihre Systeme
V. Die Engel im göttlichen Rechtswesen
1. Das Tora-System
2. Die guten Engel und das Gesetz des Lebens
3. Der Teufel, die Tora und die Theodizee
VI. Engel im Kampf unserer Zeit
1. Keine Engel nach Jesus?
2. Gottesdienst und Gottesreich
3. Christentum und Engelreligion
Anmerkungen
Literaturverzeichnis
Qui conta come i savi astrologi dispuavano del cielo impireo
Grandissimi savi stavano in una scuola a Parigi e disputavano del cielo impireo, e molto ne parlavano disiderosamente, e come stava di sopra li altri cieli. Contavano il cielo dov’è Giupiter, Saturno e Mars, e quel del sole, e di Mercurio e della luna; e come sopra tutti stava lo ’mpireo cielo, e sopra quello sta Dio padre in maiestade sua. Così parlando, venne un matto, e disse loro: „Signori, e sopra il capo di quel Signore che ha?“ E l’uno rispuose a gabbo: „Havi un capello.“ Il matto se n’andò, e’ savi rimasero. Disse l’uno: „Tu credi al matto aver dato un capello, ma elli è rimaso a noi. Or diciamo: sopra capo che ha?“ Assai cercaro loro scienzie; non trovaro neente. Allora dissero: „Matto è colui ch’è sì ardito che la mente metta di fuori dal tondo; e via più matto e forsenato colui che pene e pensa di sapere il suo Principio; e sanza veruno senno chi vuol sapere li Suo’ profondissimi pensieri.“
Il Novellino (12. Jh.), Nr. XXIX
Wie die gelehrten Astrologen über das Empyreum disputierten
Berühmte Gelehrte aus einer Hohen Schule in Paris disputierten über das Empyreum; mit großer Begeisterung erklärten sie, wie dieses über den andern Himmelskreisen stand, und sie sprachen auch von den andern Himmeln, dem des Jupiter, Saturn, Mars, der Sonne, Merkurs und der Luna; aber über allen war das Empyreum, und über diesem nur noch Gottvater in seiner Herrlichkeit. Als sie sich so unterhielten, kam ein Narr hinzu und fragte sie: „Ihr Herren, und über dem Haupt jenes Herrn, was ist da?“ Im Scherz antwortete einer: „Sein Hut.“ Der Narr ging seines Weges, und die Gelehrten waren wieder unter sich. Da sprach einer von ihnen zu dem, der dem Narren geantwortet hatte: „Ihr glaubtet, Ihr hättet dem Narren eine Lektion erteilt, aber die Frage ist ohne Antwort geblieben: Was ist über dem Haupte Gottes?“ Aber so lange sie auch in ihrer Wissenschaft suchten, so fanden sie doch nichts. Da erkannten sie: „Ein Narr ist derjenige, der in seiner Verwegenheit über den Kreis dessen, was wir kennen, hinausgeht; und ein noch größerer Narr und ganz von Verstand derjenige, der sich abmüht, den Anfang der Dinge erkennen zu wollen; und ganz und gar von Sinnen, wer Gottes geheime Gedanken ergründen will.“
(Übersetzung von János Riesz)
Vorwort
Seit geraumer Zeit fasziniert mich die neue Engelreligion. Hinter dem schon oft besprochenen Engel-„Boom“ steckt mehr als eine Mode. Aber was? Ein Gespür für überirdische Mächte? Eine neue Wahrnehmung des Himmlischen? Eine Absage an die reduzierte Weltsicht unserer rationalistischen Kultur? Oder nur eine Art von Gläubigkeit, die sich dem Markt angepasst hat und den Konsumismus ins Religiöse verlängert?
Die Engelreligion schickt sich an, die Religion der Zukunft zu werden. Ihre weltweite und wachsende Verbreitung, ihre undogmatische, den Bedürfnissen der Menschen von heute entgegenkommende Art prädestiniert sie dazu. Sie vermag sich mit allen früheren Religionen zu verbinden, sie schöpft aus ihnen, auch aus dem Christentum. Wie steht sie zum christlichen Glauben? Wie können Christen zu ihr stehen? Die Engelreligion trifft das Christentum an einer empfindlichen Stelle. Gerade hat die Theologie mit Mühe den Glauben entmythologisiert, da kommt ihr das ganze mythologische Material wieder entgegen, in einem sehr zeitgemäßen Gewand: alte Bekannte in neuen Kleidern, die doch in den Kirchen kein Heimatrecht mehr haben. Haben die christlichen Kirchen den religiösen Zug der Zeit verpasst?
Das sind die Fragen, die mich in diesem Buch bewegen. Ich versuche, dem Phänomen der Engelreligion gerecht zu werden, es so genau wie möglich zu untersuchen. Davon habe ich sehr profitiert. Von Seiten des christlichen Glaubens gibt es natürlich Einwände. Die Engel der Bibel sind nicht so wie die Engel der neuen Engelreligion. Sie folgen einem anderen Gesetz. Und Gott ist der Schöpfer des Himmels, mithin auch der Engel in ihrer Macht; davon ist in der Engelreligion nicht die Rede. So gibt es allen Anlass, die Engellehren der Theologie noch einmal durchzumustern. Im Lichte der neuen Engelverehrung zeigen sie eine überraschende Aktualität, aber sie müssen sich auch korrigieren lassen. Am Ende wird die Einsicht stehen, dass das Christentum gut daran tun wird, der Engelreligion mit offenen Armen zu begegnen. Und die Einladung an die Gläubigen der Engelreligion, sich dem christlichen Glauben zu öffnen.
Danken möchte ich allen, die die Entstehung dieses Buches unterstützt haben, vor allem Frau Gudula Frieling für ihren theologischen Rat und Herrn Sebastian Peters für seine wertvollen Hinweise zur Heavy-Metal-Szene, der dunklen Seite der Engelreligion.
Gewidmet sei dieses Buch meinem Vater, der den Doctor angelicus des Mittelalters, Thomas von Aquin, immer sehr verehrt hat. Wenn ihn dereinst die Engel in das Himmelreich geleiten, wird er die Wahrheit über sie erfahren.
Dortmund, im Februar 2010
Thomas Ruster
I. Die neue Engelreligion
1. Eine Religion für unsere Zeit
Die alten Religionen, das Christentum voran, ringen um ihren Fortbestand. Ihre Zeit scheint abgelaufen zu sein. Mit ihrer schwierigen Dogmatik, ihrer aus den Jahrhunderten belasteten Geschichte und ihren aus früheren Gesellschaftsphasen stammenden Formen sind sie das Erbe einer Vergangenheit, das es schwer hat, sich in unserer Zeit zu behaupten. Aber keine Zeit kann ohne Religion sein. Und schon hat sich eine neue Religion herausgebildet, weltweit und in den Herzen unzähliger Menschen fest verankert: die Religion der Engel. Die schier unglaubliche Konjunktur der Engelliteratur ist ein Index für ihre Verbreitung.1 Was ist das für eine Religion? Was sind ihre Überzeugungen, in welcher Weise nimmt sie Transzendenz wahr, welche Heilsversprechen und Verheißungen macht sie? Wie stellt sie Erlösung von der Macht des Bösen und des Todes in Aussicht? Ein Durchblick durch einige Veröffentlichungen der Engelliteratur, wie man sie heute in allen Buchläden überreich findet, soll helfen, diese Fragen zu beantworten.2 Es wird sich zeigen: Die Engelreligion entspricht in idealer Weise den Anforderungen an eine moderne, zeitgemäße Religion. Sie gibt den Menschen schlicht und einfach das, was sie als Religion brauchen. Sie ist den Bedingungen angepasst, unter denen Menschen heute religiös sein können und wollen. Doch schauen wir genauer hin.
Das erste Merkmal der Engelreligion ist: Sie braucht keinen Glauben an Gott, sie kann sich allein auf Erfahrung und Wahrnehmung verlassen. „Ich glaube nicht an Gott, nicht an Adam und Eva, nicht an das, was in der Bibel geschrieben steht. Ich glaube an höhere Mächte“, erklärt Giulia Siegel, die grünäugig-blonde Tochter des Schlagerproduzenten Ralph Siegel, die selbst ein wenig wie ein Engel aussieht. „Für mich waren die Engel schlicht immer schon etwas ganz Normales.“ Ihre Ansichten will sie niemandem aufdrängen, will niemanden „vergewaltigen“. Sie weiß: Engel kann man nicht beweisen, man braucht es auch nicht. Es genügt ihr, „einfach zu versuchen, meine Begegnungen mit den Engeln mit meinen Augen zu beschreiben“. Und an die Leser ihres Buches ergeht die Aufforderung: „Frag also nicht, sondern bitte – und du wirst sehen, dass du gehört wirst.“3
Solche Bekundungen finden sich in vielen Engelbüchern. Die Autorinnen und Autoren – ganz überwiegend sind es Autorinnen – berufen sich einfach auf ihre Erfahrung und bieten an, dass andere daran Anteil haben können. Kein Verweis auf ein schwieriges altes Buch wie die Bibel, auf Offenbarung, Glaubenslehre und Dogmen, dafür ausführliche Schilderungen des eigenen Lebens, der eigenen Begegnungen mit den höheren Mächten. Wie erfrischend ist es, das zu lesen, wenn man etwa einen Katechismus zum Vergleich heranzieht. Und es wird deutlich, dass Giulia Siegels Aussage, sie glaube an höhere Mächte, nicht ganz ernst gemeint ist, jedenfalls nicht im dem Sinne, wie in der Kirche bisher vom Glauben gesprochen wurde. Nicht auf den persönlichen Glauben an einen unsichtbaren, der Erfahrung entzogenen Gott kommt es an, sondern auf die Wahrnehmung. Und es wären ja keine höheren Mächte, wenn sie nicht erfahrbar wären. So weiß Giulia eben, dass Engel da sind.4 Und diese Wahrnehmung ist für alle möglich.
Damit kommen wir zu einem zweiten Merkmal der Engelreligion. Sowenig wie sie Schrift und Dogmen braucht, sowenig braucht sie Priester, amtliche Hierarchie oder sonst eine Vermittlung zu höheren Mächten. Jana Haas, das aus Kasachstan stammende „neue Engel-Medium“, hat in ihren Kursen erfahren, „dass es jedem Menschen möglich ist, sich spirituell zu öffnen, dass jeder Mensch geistige Ebenen und höhere Betrachtungsweisen erlangen und verwirklichen kann“.5 Doreen Virtue, neben Diana Cooper eine führende Gestalt der Engelreligion in den USA, berichtet, wie sie nach einem ihrer Vorträge von einem blonden jungen Mann gefragt wird: „,Was Sie heute gesagt haben – dass jeder mit Gott und den Engeln6 reden kann –, meinen Sie das wirklich? Jeder?‘ Und in seinem Gesicht stand die unterschwellige Frage: ,Meinen Sie, das auch ich mit Gott sprechen kann?‘“ Doreens Antwort ist eindeutig: „,Ich konnte feststellen, dass jeder, unabhängig von seiner spirituellen oder religiösen Sozialisierung oder seinem Bildungshintergrund, klare Mitteilungen des Göttlichen, Mitteilungen aus spirituellen Sphären empfängt, […] direkt, ohne dass ein Priester, ein Hellseher oder [sonst] jemand für mich übersetzt‘“.7 Der junge Mann ist begeistert. Direkte Kommunikation mit dem Göttlichen, für jeden möglich! – es braucht nur ein wenig Übung bzw. die Bereitschaft, den Körper „durchlässiger, transparenter für das Licht zu machen“.8 Der größte Teil der Engelliteratur besteht demgemäß auch in Anleitungen und praktischen Übungen zum Erwerb der Fähigkeiten zur Engelskommunikation. Es können Visionen, Bilder, mentale Vorstellungen sein oder auch Geräusche, Stimmen, Worte oder Ahnungen, Gefühle oder Gedanken, Ideen, plötzliche innere Gewissheiten, in denen sich die Engel anmelden.9 Kontakt mit den Engeln ist auf vielen Kanälen möglich. Um den Kontakt herzustellen, braucht es Entspannung, Achtsamkeit, Sensibilität, wie sie uns im hektischen Alltag normalerweise nicht gegeben sind. Eben deshalb braucht es noch die Übungen in den Engelbüchern, verfasst von denen, die zu einer höheren geistigen Ebene bereits durchgedrungen sind. Die Grundregel lautet: „Öffne einfach dein Herz!“10 Es handelt sich also nicht um geheime esoterische Wissenschaft, nicht darum, den Weg einer Meisterin, eines Meisters zu erlernen und nachzugehen. Vielmehr, und auch das ist ein wichtiges Merkmal dieser Religion, ist der Weg zu den höheren Mächten immer ein ganz individueller. Es ist wesentlich, sagt Jana Haas, „dass jeder Mensch auf seine ganz individuelle Art und Weise so genannte unsichtbare Wesen, Engel und Lichthelfer wahrnimmt.“11 Die Engelreligion ist allgemein und für alle offen, zugleich auch individuell und zutiefst persönlich; sie ist undogmatisch und demokratisch; sie ist wirklich eine Religion für unsere Zeit.
In der Engelreligion kommt es nicht auf Bekenntnis und Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft an, „da Gott Botschaften und Engel überallhin schickt“.12 In Doreen Virtues Workshops finden sich denn auch Teilnehmer aus dem „Protestantismus, Katholizismus, sind vom New-Age-Denken geprägt, Mormonen, Juden, Buddhisten, Muslime, Agnostiker und was es nicht noch an Möglichkeiten gibt“.13 Viele Workshop-Besucher haben eine problematische religiöse Sozialisation hinter sich. Sie haben oft einen Widerwillen gegenüber allem, was an Religion erinnert, wollen nicht einmal, dass die Bibel, Gott, der Heilige Geist oder Jesus erwähnt werden. Sie sind bei Doreen Virtue willkommen, und ihnen zuliebe spricht sie dann statt von Gott lieber vom „Universum“, vom „Spirit“ oder einfach von der „Liebe“, nicht ohne zuvor dafür von der göttlichen Führung „grünes Licht“ erhalten zu haben.14 Die Engelreligion ist bereits die universale Religion. Sie hat alle konfessionellen Grenzen und religiösen Abgrenzungen überwunden, für die die Menschen heute ohnehin kaum mehr Verständnis haben, ja unter denen sie leiden. Die Beziehung zum Göttlichen kann nicht mit religiöser Rechthaberei einhergehen. Gerade die Menschen, die unter religiöser Einengung und unter einem drückenden, kleinmachenden Glauben gelitten haben, sind die ersten Anhänger dieser neuen Religion.
Statt konfessioneller Enge gibt es das Gefühl der Verbundenheit von allem und mit allem. Kurt Tepperwein, ehemaliger Unternehmer, dann zur Engelreligion bekehrt und nunmehr als „Lebenslehrer“ tätig, erklärt es ein wenig akademisch: „Ich erfahre die Ebene der Engelwesen in der Einheit des allumfassenden einen Seins als einen mehrdimensionalen Aspekt des schöpferischen Ausdrucks des Universums.“15 Die Engel sind es, die die Botschaft des Universums von außen in den Menschen eintreten lassen, dort auf Bekanntes treffen und Verwandtes berühren, so dass der Mensch sich in Einheit mit dem Ganzen fühlen kann: „Aus dem Ursprung der allumfassenden Quelle sind wir ein Teil des Ganzen und die Energie eines Engels ist ein Wesensanteil deines großartigen Seins.“16 Hinter allen Zerteilungen und Ausgrenzungen, die so sehr das moderne Leben prägen, gibt es also eine große, unzerstörbare Einheit, jeder Mensch ist in dieser Einheit geborgen, und Engel weisen den Weg zu ihr. Das ist eine große Verheißung der Engelreligion. In gründlicher, vorbildlicher Weise hat Jana Haas diese mehrdimensionale Einheit des Seins auseinandergelegt. Angelehnt an die frühere christliche Rede von den Engelordnungen und -hierarchien zeigt sie auf, welche angelischen Kräfte auf den Menschen einwirken und wie sie zu seinem Heilwerden beitragen.17 Der Schutzengel verschafft „Klarheit über dich und deinen Weg“, er hilft auch, sich von „Täuschungen, Selbsttäuschungen und Verhaftungen“ zu lösen. Daneben existiert eine besondere Dimension der Heilkraft, die aus dem „Himmel der Heilung“ kommt. Der Engel der Heilkraft wirkt aber nicht wie ein Medikament, er arbeitet vielmehr mit dem, „was wirklich in dir lebendig ist“, durchaus auch entgegen dem, was der Kopf gerade denkt. Ferner kennt Jana Haas sieben Erzengel, die jeweils für einen Wochentag, ein bestimmtes Organ und einen bestimmten Chakraraum (= Medium für den Kontakt mit der geistigen Welt) zuständig sind. So ist der Erzengel Michael für den Sonntag und damit für die Ruhe und Muße zuständig, die nötig sind, um die Vergangenheit zur Ruhe kommen zu lassen und Furchtlosigkeit zu gewinnen. Er wirkt zugleich auf das Wurzelchakra (eines der sieben Energiezentren im Körper) ein, von wo aus der Lebensmut gestärkt wird. Michael frischt das Blut, sein bevorzugtes Organ, mit himmlischen, höheren Energien auf. Jana hat beobachtet, dass der Erzengel Michael, der früher mit der Symbolik des Kampfes verbunden war, heute eine veränderte himmlische Rolle angenommen hat, in Reaktion auf die inzwischen erfolgte Entwicklung der Menschheit, die nicht mehr so stark vom kriegerischen Kampf bestimmt ist. Michael steht heute für „die Inspiration zur Tatkraft und zum Lebensmut durch die Verbindung zu einer himmlischen Kraftquelle“. So geht es weiter durch die Woche mit den übrigen Erzengeln, und immer erscheint die Einheit von Zeit, Energie und Körperorgan. Weiterhin gibt es „Familienengel“, die sich um das soziale System der Familie kümmern, und „Kristallengel“, die für übergreifende Institutionen, ja für die ganze Menschheit zuständig sind. Wer sich in diese Ausführungen vertieft, dem kann deutlich werden, wie das ganze Leben in einer Ordnung steht und in den geistigen Kräften mit dem Universum verbunden ist. Die Heilkraft der Engel, so versichert Jana, ist deshalb auch nichts Wunderbares oder Magisches, sondern viel eher die Einweisung in eine kosmische Ordnung, die vom Menschen erlebt werden kann. „Die Heilkräfte der Engel sind Schwingungen von größter Klarheit und Ordnung, von Harmonie und Durchlichtung.“ Wer ihrer teilhaftig werden will, muss in sich Ordnung schaffen und sich bewusst werden über die bereits vorhandenen Kräfte von Körper, Seele und Geist. Leben mit den Engeln, das ist das Leben in der wahren und heilvollen Ordnung des Seins.
Die Engel und Gott sind ganz dasselbe, so erklärt Doreen Virtue. Die Aussage ist überraschend und erklärungsbedürftig, das empfindet auch Doreen. Da sie aber einen guten Draht zur „himmlischen Führung“ hat, kann sie diese selbst fragen, wie es sich damit verhält. Die Antwort des Himmels lautet: „Es gibt keinen Unterschied zwischen uns. Wir sind alle eine geeinte Stimme, die aus dem Geist und dem Herzen entspringt.“ Frage Doreens: „Da du ,wir‘ sagst, nehme ich einmal an, dass hier der Engel spricht?“ Antwort: „Das stimmt.“ – „Und gleichzeitig spreche ich mit Gott?“ – „Aber ja. Wie gesagt, wir unterscheiden uns nicht voneinander.“18 Damit ist die Sache klar, aber es ist auch von der Sache her klar. Denn das Himmlische, das Göttliche, Gott oder die Engel sind ja nur verschiedene Namen für ein- und dasselbe: die liebedurchwirkte Einheit des Universums, den Geist des Ganzen, der alles trägt und erhält. Darum kann Doreen Virtue Gott auch Universum, Spirit oder Liebe nennen. Sie weiß: „Wo ist Gott? Überall, unter anderem in Ihnen selbst.“ Er ist „Liebe, reine Liebe“, und so ist er auch „in den Zellen in unserem Körper, unserem Kopf und unserem Herzen.“19 Angelika Arnolds bringt es auf die Formel: „Lebe wieder ein menschliches Leben“, und das heißt: „Lebe wieder ein Leben in Verbundenheit mit dem Urgrund.“20 Das ist die große Botschaft der Engelreligion.
Nicht verwunderlich ist es daher, dass diese Religion auch die spirituelle Dimension der Natur wiederentdeckt. Naturwesen, Wesen der Erde also, die nicht mit den Engeln identisch sind, spielen in der Engelliteratur eine große Rolle. Man erfährt von Waldwächtern, Steinwesen, Wurzelwesen, Baumgeistern, Elfen, Feen, Zwergen, Devas (im Buddhismus Himmelswesen und Götter) usw.21
Jana Haas beschreibt ihre Begegnung mit einem solchen Wesen: „Auf der Rigi sah ich, wie aus dem Wald ein lichtvolles Geistwesen in weiblicher Gestalt herauskam, durchsichtig weiß, vielleicht einen und einen halben Meter groß, das sehr achtsam und konzentriert war. Diese Gestalt hielt behutsam eine Laterne in der Hand, in der ein Licht leuchtete. […] Sie sagte mir, dass sie eine ,Waldwächterin‘ ist und dass ihre Aufgabe darin besteht, das ewige Wissen des Waldes in ihrer Laterne zu hüten.“ Die Waldwächterin, der bald auch noch ein Wurzelwesen zur Seite tritt, führt Jana an einen „Ort der Kraft“. Sie zeigt ihr am Himmel die „Lichtbücher“ und erklärt: „Du kannst alles Wissen in dieser Bibliothek nachschauen. Hier ist das gesamte Wissen des Himmels und der Erde niedergelegt.“22 Für die Anhänger der Engelreligion ist die Natur nicht bloß seelenloses Material. Sie ist voller Leben und Geist, ein bedeutsamer Teil des geistigen Kosmos und in diesem mit den Menschen vielfältig verbunden. So kann es geschehen, dass Angelika Arnolds bei einem Badeurlaub erkennt, dass auch die Delfine Engel sind. „Delfine sind die Engel der Meere. Sie nehmen gerne Kontakt mit dir auf.“ „Die Delfin-Energie bringt dich leicht in das höhere Energie-Wissen des Universums und noch weiter in die Tiefe deines Seins.“ Konsequenterweise wird ein Einweihungsritual in die Energie der Delfine angeboten, das auch außerhalb des Wassers funktioniert. Der Delfin ruft nach uns. „Ihr Rufen: ,komm‘ – präsent, lockend und fordernd. Manchmal brach ich in Tränen aus, konnte es kaum noch aushalten. Da war etwas, was mich tief aus dem Urgrund meiner Seele rief.“ „Vielleicht hast du ja auch einen Delfin als Schutzengel.“23
In diesem Zusammenhang sind auch die erstaunlichen Erfahrungen der Findhorn-Community zu erwähnen, die in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts datieren. Auf unfruchtbar-sandigem Boden im Norden Schottlands legte die Gemeinschaft einen üppigen, fast tropischen Blumen- und Gemüsegarten an – nicht durch den Einsatz von Kunstdünger, sondern durch „telepathischen Kontakt mit den engelhaften Wesen, die das Pflanzenwachstum überstrahlen und lenken“, durch direkte Kommunikation mit den Engeln, Devas, Naturgeistern und Elementseelen, die zum Beispiel kundtun, dass die Pflanzen Wasser brauchen oder vor dem Wind geschützt werden wollen. Die damals vieldiskutierte Erfahrung von Findhorn war: „Du kannst mit den Engeln sprechen“, du kannst dich einweisen lassen in die spirituelle Gemeinschaft mit der Natur, die unserer technischen Zivilisation sonst verloren gegangen ist.24
Neben den Naturwesen finden wir weitere geistige Gestalten, etwa die Geister der Verstorbenen, die zum Guten, aber auch zum Bösen wirken können, sowie andere, auch lebende Menschen als Geistführer. „Sie haben mindestens einen Geistführer, der seit Ihrer Geburt bei Ihnen ist und bis zum letzten Atemzug an Ihrer Seite bleiben wird. Gewöhnlich ist dieser Geistführer ein Ahne – etwa ein Teil der Urgroßeltern –, ein Angehöriger, der mehrere Jahre vor Ihrer Geburt verstorben ist.“25 Helga Schaub, von der wegen ihrer besonderen Aufmerksamkeit für die dunkle Seite der Mächte noch später die Rede sein wird, weiß darum, dass Mörder, Selbstmörder, rachsüchtige Seelen oder zu plötzlich Verstorbene die Aura eines Menschen besetzen können, in einer Wohnung oder auf dem Dachboden poltern oder von ihrem Grab her wirken. Sie bewirken Depressionen, grundlose Traurigkeit und Schwäche.26 Jana Haas ist von ihrer Urgroßmutter in die spirituelle Welt eingeführt worden, und auch noch nach deren Weggang blieb sie ihre spirituelle Lehrerin. „Ich empfing Visionen von ihr und erhielt Durchsagen in Bezug auf wichtige Lebensstationen.“27
Kurt Tepperwein gibt der Überzeugung Ausdruck, dass die Engel heute mehr als früher „allseits erfahr- und erkennbar“ sind.28 So ist es zu erklären, dass sich die Engelreligion immer mehr verbreitet. Die Zeit arbeitet für diese Religion, ja hat schon erfolgreich für sie gearbeitet. Denn immer mehr Menschen entdecken ihre spirituellen Kräfte, nehmen Kontakt zur Engelwelt auf, entringen sich der Herrschaft einer begrenzten, auf das Feststellbare und Machbare beschränkten Rationalität. „Vielleicht liegt die Zukunft in größerer Offenheit, persönlicher Integrität, innerer Reife, visionärem Mut, kooperativem Handeln, kreativer Selbstorganisation.“29 Wieder ist es Jana Haas, die der Erwartung eines goldenen, spirituellen Zeitalters den prägnantesten Ausdruck verleiht. Sie ist sicher: „Das Goldene Zeitalter hat bereits begonnen, überall!“30 Anzeichen dafür sind die immer deutlichere Abkehr von Unmenschlichkeit und der Gewalt gegen Mensch, Tier und Umwelt, also das Erwachen eines neuen Bewusstseins, das zwischen Gut und Böse, Hell und Dunkel, Entwicklung und Beharrung unterscheiden kann, das sich von der Bindung an Macht und Besitz, Dogmen und materialistischen Glaubensmustern befreit. Differenziert beobachtet sie, wie die Entwicklung in den verschiedenen Ländern unterschiedlich weit vorangeschritten ist. Von ihrer russischen Herkunft her kennt sie sich mit Ländern aus, in denen das Spirituelle noch „zwei Gesichter“ hat – weiße und schwarze Magie, Heiler, die ihre spirituellen Kräfte zu heilenden, und Magier, die sie zu schädigenden Wirkungen nutzen. Symbolfigur dieser Doppelgesichtigkeit ist für sie Rasputin, der skandal- und geheimnisumwitterte Heiler am russischen Zarenhof. Es kommt nicht von ungefähr, dass viele Diskotheken nach diesem Rasputin benannt werden – ein Hinweis auf die noch unklare Unterscheidung von hell und dunkel, die der Klärung harrt. In einigen Ländern aber ist die Entwicklung schon viel weiter gekommen. In Deutschland, Österreich und der Schweiz sieht sie nur noch lichte Kräfte am Werk. Dafür sorgt schon die geistige Welt selbst, die andernfalls ihren Kräftefluss anhalten würde. Die spirituelle Evolution ist nicht allein Sache des menschlichen Reifegrads, sie ist das Werk und die Wirkung der geistigen Welt selbst. Es muss so sein, dass nach der Evolution der rationalen und technischen Fähigkeiten des Menschen nun auch eine Evolution der spirituellen Kräfte erfolgt. Die Erwartung eines goldenen Zeitalters fügt sich in das Fortschritts- und Evolutionsschema, das so sehr das neuzeitliche Weltbild bestimmt. Auch in dieser Hinsicht ist die Engelreligion eine Religion für unsere Zeit. Am Ende wird, so versichert Jana Haas, ein Zeitalter stehen, in dem die Ambivalenz von weißer und schwarzer Magie überwunden ist. In dem das esoterische (nur Eingeweihten zugängliche) Wissen, das immer auch mit Hochmut und Unterdrückung verbunden gewesen ist, ein für alle zugängliches exoterisches (für Nichteingeweihte verständliches) Wissen geworden sein wird. Ein „weibliches“ Zeitalter der Ebenbürtigkeit und Individualität wird es sein, das das „männliche“ Zeitalter der Unterordnungen und Unterscheidungen ablösen wird. Man sieht, die Engelreligion hat auch ihre Eschatologie.
Noch auf ein weiteres Merkmal der Engelreligion ist hinzuweisen. Sie gibt sich technikfreundlich, ja sie benutzt gerne technische Modelle für die Darstellung des Himmlischen. Auch dies ist neu gegenüber den alten Religionen. Angelika Arnolds erlebt das Universum „wie ein riesiges Netzwerk. […] Ich sende etwas aus, die Verbindung wird gesucht und hergestellt“: das Universum als Telefonzentrale.31 Am stärksten ist diese religiöse Technikkompatibilität bei der Amerikanerin Doreen Virtue ausgeprägt. Wie erklärt es sich, dass nicht alle göttlichen Botschaften richtig verstanden werden? Die himmlische Führung selbst erklärt es. Doreen: „Du sagst also, deine Kommunikation mit uns sei wie CDs, und unser Herz und Verstand sei so eine Art CD-Player?“ Himmlische Antwort: „Genau, du sagst es! Ich kann dir gar nicht sagen, wie begeistert ich bin, wenn meine Worte so ankommen, wie sie gedacht waren! […] Manchmal bewirkt der ,Staub‘, der sich auf euren Herzen und euren Gedanken niedergelassen hat, dass der ,Lesemechanismus‘ beim Empfang meiner kodierten Worte wichtige Zeilen und Daten überspringt.“ Doreen: „Also verpassen wir die Bedeutung deiner Antwort auf unsere Gebete aufgrund von Empfangsstörungen unsererseits?“ Gott: „Ja, genau […].“32 Die älteren Religionen hatten die Problematik der Verständlichkeit von Gottes Wort etwas aufwändiger erklärt. Aber Doreen verfügt ja über einen heißen Draht zu Gott, sie kann direkt mit ihm telefonieren. Das Telefon gibt überhaupt das Modell für die Beziehung zwischen Himmel und Erde ab. Die himmlische Führung selbst lässt sich vernehmen mit der Äußerung: „Tut es öfter! Ich mag es, wenn meine heiß geliebten Kinder zu Hause anrufen. […] Es macht mich traurig, dass sich meine Kinder so schwer damit tun, zu Hause anzurufen. […] Sprecht einfach mehr mit mir, Kinder. Sprecht mehr mit mir.“33 Das kann im Handy-Zeitalter jeder verstehen, während man sich in den Kirchen noch angestrengt darum bemüht, die Eigenart des Gebets als Gespräch mit Gott zu erklären. Die Engelreligion aber ist in der Moderne angekommen und bedient sich zwanglos ihrer Bilder und Erfahrungen. So auch Giulia Siegel, wenn sie davon spricht, dass sie mit ihren Engeln „arbeitet“ und dass man seine Engel beschäftigen muss, „damit sie ,fit‘ bleiben“. „Ich setze meine Engel immer wieder ein, ich trainiere sie quasi …“ Seine Engel kann man auch verleihen, wenn man sie gerade nicht so dringend braucht; in der Weihnachtszeit kann es aber zu Engpässen kommen, da sie dann überlastet sind.34 Die Engelwelt als Dienstleistungsunternehmen … Damit sind wir bei der Frage, wie denn der Alltag mit den Engeln konkret aussieht.
2. Hilfreiche Helfer allüberall
Religionen tun sich in der Regel schwer damit, die Heilshaftigkeit des Glaubens konkret und überzeugend darzutun. Man spricht von Vergebung der Sünden, von Sinngebung und Orientierung. Aber was hilft mir das, wenn ich verzweifelt auf der Suche nach einem Parkplatz bin? Ganz anders in der Engelreligion. Die entsprechende Literatur quillt über von Berichten über konkret erfahrene Hilfe durch die Engel. Das Beispiel Parkplatzsuche habe ich gleich mehrfach gefunden. Giulia Siegel beschäftigt ihre Engel damit, ihr beim Finden eines Parkplatzes behilflich zu sein – in München, wo sie wohnt, wahrlich keine einfache Sache – und es funktioniert! Nun, die geflügelten Wesen haben ja auch eine größere Übersicht. Aber das ist es nicht allein. Einmal, als sie mit ihrem Vater unterwegs ist (der bislang nicht an die Engel glaubte), macht sie die Probe aufs Exempel. Man steuert ein Lokal in der Türkenstraße an. Natürlich sind alle Parkplätze belegt. Da ruft sie ihre Schutzengel an – sie heißen Viktor und Thaddäus –, und, als sie schon direkt vor der „Location“ stehen, da geschieht es: „Genau in dieser Sekunde fuhr ein Auto direkt vor der Tür des Karaoke-Restaurants aus einer Lücke, so dass ich einfach hineinrauschen konnte.“35 Giulias ganzes Buch handelt von solchen haarsträubenden Geschichten, in denen Engel eine fast ausweglose Situation zum Guten wenden. Sie hält ihre Engel wirklich gut beschäftigt. Da ist der geheimnisvolle Rabe, den sie wie vom Himmel geschickt auf der Straße sitzen sieht, und der bald darauf stirbt, um ihr auf diese Weise mitzuteilen, dass sie sich von ihrem Partner trennen muss. Der Engel als Rabe? „Wie auch immer deine Engel für dich aussehen, ist im Grunde völlig egal. Wichtig ist in meinen Augen jedoch: Engel setzen manchmal eben einfach Zeichen.“36 Engel helfen ihr, eine Wohnung zu finden. Engel bringen eine völlig verkorkste und auch finanziell katastrophale Geschichte mit einem Aupair-Mädchen zu einem guten Ende. Ihr Schutzengel bewahrt ihr Leben, als sie, die bei Schnee und Eis von München in die Schweiz gefahren war, um ein Weihnachtsgeschenk abzuholen (es hätte auch mit der Post geschickt werden können, aber sie wollte auf Nummer sicher gehen), einen schweren Unfall hatte, ihr Wagen sich fünfmal überschlug und sie dennoch mit nur leichten Verletzungen davonkam. Der Bereich des Autofahrens scheint ausweislich dieser Literatur ein bevorzugtes Betätigungsfeld der Engel zu sein. Doreen Virtue erzählt von den Parkplatzengeln, von Engeln, die helfen den Autoschlüssel zu finden, von der vom Himmel stammenden plötzlichen Eingebung, die Spur zu wechseln – und „kurz darauf zeigt sich, dass Sie nur knapp an einem Stau oder an einem Verkehrsunfall vorbeigeschrammt sind“. Eine Frau („nennen wir sie Suzanne“) wurde nach einem schweren Verkehrsunfall von einem überaus freundlichen und gut aussehenden Sanitäter gerettet, und bei der späteren Nachfrage im Krankenhaus zeigt es sich, dass es diesen Sanitäter gar nicht gegeben hat. „Gottes Führung hält sich rund um die Uhr bereit“, das ist die Botschaft.37 Sie hilft, wenn man die Lebenshaltungskosten nicht in den Griff bekommt, wenn die Klimaanlage des Nachbarn nervt, wenn man den Geldberuf zugunsten einer schlechter bezahlten, aber erfüllenderen Tätigkeit aufgibt, und – natürlich – bei der Partnerwahl und Partnersuche. Das alles und viel mehr ist durch namentlich ausgewiesene Begebenheiten beglaubigt. „Gott sorgt für die Erfüllung all unserer Bedürfnisse – Liebe und materielle Unterstützung, Ermutigung und solider Rat inbegriffen. Wir brauchen nie zu befürchten, dass uns irgendetwas vorenthalten wird. Gott [= Engel] ist reine Liebe, reines Licht und reine Intelligenz. Von daher wird jedes Geschenk, nach dem es uns je verlangen könnte, von dieser Quelle hervorgebracht.“ Man muss auch nicht befürchten, dass Gott bzw. die Engel durch die vielen Anfragen, die an sie gerichtet werden, überfordert sind. „Gott ist kein Kriseninterventionszentrum, zu dem jeweils nur ein Anrufer durchkommt [diese moderne Horror-Erfahrung ist also in der Engelreligion überwunden!]. Er existiert in einer zeitlosen Dimension. Dementsprechend erfasst Gott alle Anfragen von allen gleichzeitig, ohne dass etwas durcheinandergerät oder sich gegenseitig stört.“38 Die Engelreligion ist wirklich die perfekte Religion der modernen Waren- und Konsumwelt. Was es für Geld nicht zu kaufen gibt, wird durch den Himmel nachgereicht.
Nicht ganz so platt äußern sich andere Autorinnen und Autoren zur Hilfe der Engel. Kurt Tepperwein verheißt Haltungen oder Tugenden wie Aufrichtigkeit, Ausdauer, Klarheit, Kreativität und Leichtigkeit als Gaben der Engel, die durch Meditation der Texte und Engel-Kalligraphien, die Tepperwein anbietet, zugänglich werden. Angelika Arnolds erfährt durch die Engel (Delfine) eine tiefe Erfüllung ihrer Liebessehnsucht, aber die Engel sind ihrer Erfahrung nach auch für alltäglichere Dinge zu gebrauchen: Parkplatzsuche, Bewachung des Fahrrads (man braucht nicht mehr abzuschließen), oder wenn man Ärger mit einem Mitmenschen hat, kann man sich an seinen Schutzengel wenden, der die Sache dann mit dem Schutzengel des anderen in Ordnung bringt. Jana Haas spricht von Engelerfahrungen auf einem höheren Niveau. Die spirituellen Energien bewirken authentisches Menschsein, Freilegung des wahren Selbst und Befreiung von falschen Bildern und Bindungen, Einfügung in die Ordnung des Universums und die Fähigkeit zur Liebe. „Was ist Liebe? Liebe ist, den anderen so zu akzeptieren, wie er bzw. sie ist.“39 Und doch ist ihre Engellehre mehr als nur Psychologie. Sie weiß vom Sterbe- und Todesengel, der die Verbindungen zum Leben trennt, beim Loslassen hilft und zusammen mit dem Schutzengel die Verstorbenen in die ihnen bestimmte himmlische Sphäre führt. Sie kennt, benennt und beschreibt die Inkarnations- oder Geburtsengel, die jede Phase der Schwangerschaft mit einer spezifischen Funktion unterstützen. Sie helfen auch bei der Geburt und sind ein- bis zwei Wochen nach der Geburt noch tätig, bis sie ihre Aufgabe an den Schutzengel übergeben.
Wie auch immer im Einzelnen, die Engelreligion kommt unseren Wünschen und Bedürfnissen so entgegen wie selten eine. Wer ihr anhängt und ihre Regeln und Rituale befolgt, kann eines glücklichen, erfüllten Lebens sicher sein. Welche andere Religion vermochte oder vermöchte das heute so zu behaupten? Wie könnte sich aber heute eine Religion halten, die weniger verhieße?
3. Dunkle Kräfte
Soweit nun ein Einblick in die lichte Seite der Engelreligion. Sie ist die, die in der entsprechenden Literatur und auf den Engel- und Heilerkongressen im Vordergrund steht. Aber traditionell gehören zur Welt der Engel auch die dunklen Kräfte, der Teufel und die gefallenen Engel, die Dämonen und die Besessenheit. Auch von ihnen muss die Rede sein, zumal wenn es um die Erfahrung des Bösen geht. Und ansatzweise ist diese dunkle Seite auch bei den bisherigen Schilderungen schon aufgeschienen. Jana Haas weiß von den Gefahren der schwarzen Magie, sie hat sie leidvoll am eignen Leibe erfahren. Sie kennt auch eine Art von Exorzismus. Einmal, als sie einer spirituell begabten Frau eine Frage stellt, sieht sie, wie hinter der Frau ein lichtvolles Wesen erscheint, um die Antwort zu geben, gleich darauf aber auch ein dunkles Wesen, das ebenfalls eine Antwort durchzugeben versucht. „Sofort sagte ich innerlich: ,Nur reine Liebe darf in mich hinein, alles andere weichen muss von mir.‘ Prompt konnte die Frau die Antwort dieses dunklen Wesens nicht durchgeben.“40 Liebe versus dunkle Gewalten, auf dieser Linie bewegen sich die Aufstellungen der hellen Engelliteratur in der Auseinandersetzung mit dem Bösen. Doreen Virtue, die doch die Engel ganz auf die Erfüllung unserer Bedürfnisse abgestellt hatte, kommt an der Frage nicht vorbei, wie die Engel zu unseren schlechten, egozentrischen Wünschen stehen. Hier führt sie die Figur der „gefallenen Engel“ ein. Sie stellen sich ein, wenn Wünsche und Vorstellungen von „Angst, Konkurrenz, Mangel und Zerstörung“ besetzt sind.41 Wie kann man aber zwischen den Gefühlen des höheren und des niederen, egoistischen Selbst unterscheiden, wenn doch auch die Wünsche des höheren Selbst auf Geld, Karriere, Sicherheit und unbegrenztes Autofahren gerichtet sind? Doreen macht es nur an der Unterscheidung der Gefühle fest – ob sie von Liebe oder von Angst bestimmt sind – und stellt umfangreiche Listen mit „emotionalem Vokabular“ zur Verfügung, um die eigenen Gefühle besser erkennen und ausdrücken zu können.42 Und doch bleibt die Unterscheidung undeutlich und problematisch. Eine Religion, die auf die Wahrheit der Bedürfnisse setzt, eine solche kapitalismuskompatible Religion hat Probleme, mit der Macht des Bösen fertig zu werden.
Eine, soweit ich sehe, große Ausnahme in der Engelliteratur ist Helga Schaubs Buch über die „Befreiung von Dunkel-Mächten“. Sie erklärt: „Die Zeit ist reif dafür, dass wieder offen und öffentlich über Besetzungen und dunkle Energien gesprochen wird.“43 Schaub hat einen protestantisch-christlichen Hintergrund, sie glaubt an Christus, gehört aber nach eigener Aussage keiner Kirche an. Sie hat eine Reiki-Ausbildung absolviert und ist als Heilerin im Kampf mit den dunklen Mächten tätig. Sie berichtet von ihrer Fähigkeit, schädliche Energien und böse Geister zu erkennen und von ihnen zu befreien. Im Zuge ihrer Tätigkeit ist sie in engen Kontakt mit dem in der katholischen Kirche geübten Exorzismus gekommen. Sie hat die exorzistische Literatur gründlich studiert und ist auch nach Rom gereist, um die führenden Exorzisten der katholischen Kirche persönlich kennen zu lernen, ja sie hat selbst einen Exorzismus an sich ausführen lassen. Liest man ihr Buch mit katholischen Augen, so ersteht die ganze in der Kirche weitgehend verdrängte Welt der bösen Geister und der teuflischen Mächte wieder auf, zusammen mit den Mitteln der Beschwörung und der Austreibung. Helga Schaub beansprucht, das in der Kirche bereitliegende exorzistische Wissen und Können auf einen zeitgemäßen, entwickelteren Stand zu führen. Ohne die Gebete, die im Christentum vorliegen, geht es nicht, aber „christliche Gebete im Verein mit asiatischer Energiearbeit, das wäre optimal“.44 Es genügt nicht, wenn meist sehr alte katholische Priester Gebete murmeln, sie müssen auch selbst eine kraftvolle, heilende Energie mitbringen. Ein Exorzismus wirkt nicht „ex opere operato“, durch seinen bloßen Vollzug. Und vor allem: Das in der katholischen Kirche übliche Anfahren, Bedrohen und Beschimpfen des Dämons ist der falsche Weg. Der Geist, der einen Menschen besetzt hält, will ja selbst ins Licht und in die Erlösung, und das wäre der rechte Exorzismus (Schaub: „Clearing“), der ihm den Weg dazu weist.
„Der beste Schutz vor schädlichen Energien ist das Gebet und der echte tiefe Glaube“, sagt Helga Schaub.45 Ich finde es bemerkenswert, dass hier, wo es um die Überwindung des Bösen geht, das Christliche eine weit größere Rolle spielt als sonst in der neueren Engelliteratur. Sollte etwa der christliche Glaube gerade an dieser Stelle eine besondere, unverzichtbare Bedeutung haben? Darauf ist zurückzukommen. Bei Helga Schaub aber ist nicht so recht klar, woran denn geglaubt werden soll. Sie spricht von einer „freundschaftlichen Beziehung zu dem eigenen höheren Selbst, dem Göttlichen in uns“, und dies sei völlig „unabhängig von Religion, Dogmen und Glaubensbekenntnissen“.46 Nun, wenn es so einfach wäre … Aber so wahrt sie jedenfalls ihren Platz in der dogmenfreien Engelreligion.
Lassen wir uns von Helga Schaub ein wenig in die Welt der dunklen Kräfte hineinführen. Ihre theoretische Grundlage ist das „Gesetz der Resonanz“. Gute wie schlechte Gedanken und Gefühle senden Schwingungen aus, diese wirken weiter und fallen irgendwann einmal auf ihren Urheber zurück. Wer Böses erlebt, hat zuvor Böses getan oder gedacht. Dieses von ihr so genannte „Gesetz von Ursache und Wirkung“ – „Was ich säe, das werde ich ernten“47 – geht nur auf, wenn man im Sinne des Karma-Gedankens mehrere Existenzen in Rechnung stellt. Und es enthält vielleicht eine allzu deterministische Erklärung für das Leid eines Menschen. Aber mit der Aufmerksamkeit für die Fortwirkung negativer und positiver Energien kann doch viel erklärt werden. Das in sachlichem Ton gehaltene Buch führt überzeugende Beispiele für die Wirkung von bösen Gedanken, Flüchen, Verwünschungen und spiritistischen Praktiken an. Ein Beispiel: Ein Mann heiratet eine Frau, deren Eltern und Verwandten aus Rumänien stammen. Die Beziehung zu den Schwiegereltern ist von Anfang an schlecht. Dann wird der Mann krank, mit Symptomen, die auf eine Vergiftung hindeuten. Alle medizinischen Untersuchungen verlaufen ergebnislos. „Als ich in seinen Arbeitsbereich im Haus kam, spürte ich nach etwa zwei Minuten einen metallenen Geschmack auf der Zunge, mir wurde übel und leicht schwindelig. Ich verließ den Raum und stellte einige Tests an, die einwandfrei Folgendes ergaben: Auf feinstofflicher Ebene, die mit herkömmlichen Methoden nicht messbar und nicht sichtbar ist, wurden diesem Klienten ganz gezielt in seinen Arbeitsbereich Giftstoffe geschickt, die die oben beschriebenen Symptome auslösten.“48 Es stellte sich heraus: Die Schwiegermutter hatte einen Magier damit beauftragt, dem Mann zu schaden. Nachdem nun die Räume „gereinigt“ und die schwarze Magie gebannt war, kann die Heilerin den Mann davon überzeugen, die Schwiegermutter in seine Gebete einzuschließen und ihr alles Gute zu wünschen. Denn nur mit Liebe ist gegen das Böse anzukommen, nur das Licht kann die Dunkelheit erhellen. – Helga Schaub ist Expertin für die Wahrnehmung feinstofflicher Wesenheiten, so sagt sie. Diese Wesenheiten sind normalen Analyseinstrumenten nicht zugänglich; ist damit schon ausgemacht, dass es sie nicht gibt? Sie erklärt: Ein Mensch kann durch dunkle Energien besetzt werden, vor allem dann, wenn seine Aura schwach und durchlöchert ist, etwa bei Alkoholikern. Die dunklen Kräfte können zum Beispiel durch okkulte Praktiken herbeigerufen werden, und die Autorin warnt nachdrücklich davor, dass junge Menschen an okkulten Handlungen und spiritistischen Sitzungen teilnehmen. „Viele Menschen sind sich dessen gar nicht bewusst, dass schon das Tragen oder Aufzeichnen des satanischen Pentagramms oder der Gebrauch des Satanskreuzes sowie die Anrufung des Fürsten der Dunkelheit genügen, um diese dunklen Energien anzulocken. Wehe den Geistern, die ich rief!“49 Es kann sich auch um die Geister Verstorbener handeln, die sich etwa nicht von ihren Besitztümern lösen können oder noch auf Rache sinnen. Da sie Energie benötigen, docken sie an andere Personen an und ernähren sich von deren Energie. Eine solche Person ist dann zeitweilig oder dauernd „besetzt“. Die Folgen sind Schwäche, Lustlosigkeit, tiefe Traurigkeit und eine Reihe körperlicher Beschwerden, die die Autorin zum Zwecke der Erkennbarkeit detailliert aufführt. Manche dieser verirrten Seelen machen auch als Poltergeister auf sich aufmerksam. Sie müssen davon überzeugt werden, sich abzulösen und abholen zu lassen in die jenseitige Welt. Gelingt dies, ist beiden Seiten gedient, der „besetzten“ Person und der armen Seele. „Geben Sie der verirrten Seele liebevoll zu verstehen, dass Sie alleine leben möchten, und dass sie sich im Licht weiterentwickeln darf. Sprechen Sie zu den Verstorbenen, nennen Sie sie beim Namen, wenn Sie wissen, um wen es sich handelt.“50 Auch dies ist ein Clearing, ein Exorzismus. Neben solchen durch menschliche Energie verursachten Schädigungen beschreibt Helga Schaub auch die negativen Energien, die durch technisch erzeugte Strahlung, durch Handys oder durch Elektrosmog im Büro ausgelöst werden und die nicht selten zu Erkrankungen führen. Dagegen kann man sich durch bestimmte Maßnahmen, unter anderem durch geeignete, strahlenabsorbierende Steine schützen. Doch der eigentliche Schutz gegen alle Arten dunkler Mächte wird erreicht durch Glauben, durch liebevolle Gedanken, durch Lachen, Singen und inneren Frieden, durch Gebet und Gedankenreinheit. Das ist gar nicht magisch, und es ist in jedem Fall zu empfehlen.
4. Satanische Mächte
Satan und seine Engel, den Fürsten der Hölle in seinem Schrecken, die finsteren Mächte und Gewalten, die nach alter Vorstellung mit zur Welt der Engel gehören, haben wir bisher noch nicht angetroffen. Sie kommen in dieser ,hellen‘ Engelreligion nicht oder nur ganz am Rande vor. Die niedlichen Parkplatzengel einer Giulia Siegel wären ohne Zweifel zu schwach, um gegen sie aufzukommen, und auch die Maßnahmen der Helga Schaub griffen wohl nicht. Ist die dunkle Seite der Engelwelt heute ganz vergessen? Nein, aber ich finde sie an einem völlig anderen Ort. Vor mir liegt der Band „Heavy Metal Thunder. Album Covers that Rocked The World“ von Neil Aldis und James Sherry. Er enthält Abbildungen von über 400 Covers von Alben aus der Heavy-Metal-Musikszene von 1970 bis 2005. Schon auf dem Titelbild grinst eine Teufelsfratze. Und dann sind sie in diesem Band alle versammelt: die Teufel und Dämonen, die Verdammten der Hölle, die Täter und die Opfer grausamer Gewalt. Es ist ein Pandämonium, ein Album des Grauens. „Welcome to Hell“ heißt eine Produktion der britischen Band Venom von 1981, auf dem Cover erscheint ein gehörnter Teufel im satanischen Pentagramm. „Possessed“ ist eine weitere Produktion der gleichen Band von 1985. Gezeigt werden geheimnisvoll durchleuchtete Kinder mit dem Satanszeichen auf der Brust. „Reign in Blood“ heißt ein Album der Band Slayer (1986). Das Cover zeigt eine Szene aus der Hölle in der düsteren Art, wie man es von mittelalterlichen Darstellungen des Jüngsten Gerichts kennt: Menschen, die bis zum Hals in einer feurigen Flüssigkeit stehen, bocksköpfige und gehörnte Teufel, weitere Insassen der Hölle, darunter auch ein Bischof. „A Catalogue of Destruction“ wird auf dem Sampler Speed Kills (1987) angeboten, ein weiterer Sampler ist „Hell Comes to Your House“ betitelt (1984) und zeigt ein muskulöses, schweins- oder drachenköpfiges Wesen, das ein friedliches Castle in seinen Klauen hält. Besonders grauenerregend sind die Covers der Gruppe Iron Maiden. In der Produktion „Life after Death“ (1985) ist das eiserne Mädchen51 dem Grabe entstiegen, enthäutet, mit leeren, wahnsinnig blickenden Augen und einem schrecklichen Gebiss treibt sie von nun an ihr Unwesen. Ein „Inkubus“ wird auf der Aufnahme der gleichnamigen Band unter dem Titel „Beyond the Unknown“ (1990) beschworen: eine bedrohliche, rotäugige und wie ein Mönch gekleidete Gestalt vor einer Ruinenlandschaft. Immer wieder Teufel und Dämonen, von einer beachtlichen Fantasie der Künstler ausgeführt. Der Gipfel der Scheußlichkeiten ist vielleicht: Cannibal Corpse mit den Alben „Eaten Back to Life“ (1990) und „Butchered at Birth“ (1991). Auf letzterem Cover wird eine junge Frau von halbverwesten Fleischerdämonen mit blutigem Messer geschlachtet, das Kind wird ihr aus dem Leib gerissen. Die abgerissene Nabelschnur ist inmitten all des Blutes noch zu erkennen. Darstellungen kruder, unvorstellbarer Gewalt auch auf vielen anderen Bildern. Daneben findet man Impressionen einer zerstörten, todverfallenen Welt. Nuclear Assault zeigt unter dem Titel „Survive“ (1988) ein zerbröckelndes Atomkraftwerk, darüber einen hässlich grinsenden gehörnten Totenkopf, das alles in einer schwefelgelben, giftigen Atmosphäre. Das Atomkraftwerk taucht auch bei „World Remise“ (1994) der Gruppe Obituary wieder auf, eingebettet in eine Landschaft grün-gelblich rauchender Fabrikschlote. „Cause of Death“ (1990) und „Slowly we Rot“ (1989) heißen weitere Produktionen dieser Gruppe. „Death Shall Rise“ (Cancer, 1991) könnte das Motto all dieser Bildmotive sein. Der Sensenmann mit Teufelskopf erhebt sich hier kraftstrotzend über einer Landschaft aus menschlichen Körperteilen.
Im Grunde genommen müsste man die Musik dazu hören. Aber für jemanden, der in der europäischen Musiktradition aufgewachsen ist, ist hier eigentlich keine Musik zu hören. Nur ein Grunzen, Stöhnen, Kreischen der „Shouter“ genannten Sänger, begleitet von wahnsinnig schnell hämmernden Rhythmen, in einer Lautstärke (live) von 100 Dezibel und mehr. In der Industrial-Musikszene werden gerne auch Geräte wie Hämmer oder Kreissägen zur Begleitung eingesetzt. Das sind für mich Geräusche aus der Hölle.
Was ist das alles? Der Reiz des Verbotenen? Die Faszination durch eine dunkle, mysteriöse Welt? Das Spiel mit den Tabus? Das Vergnügen am Schock? Die Lust am Horror? Oder einfach die Auswirkung einer Musikindustrie und ihrer Abnehmer, die mit Nervenkitzel um Marktanteile kämpft und in sich eine Dynamik zur immer weiteren Steigerung des Horrors erzeugt? Von allem sicher etwas, und doch: Irgendwie äußert sich hier auch eine echte Wahrnehmung. Hier werden Mächte erfahren, deren Ausdruck von selbst zur Gestalt des Satanischen und Dämonischen drängt – und darum ist diese Szene zur Engelreligion hinzuzunehmen.
„They know something is wrong. They don’t feel comfortable in their given setting in live“52, so charakterisiert der Leader der Band Misery Index, Jason Netherton, die Stimmung bei den „Metal People“.53 Etwas, das sie falsch finden, ist offensichtlich schon das Verschweigen und Verdrängen des Todes aus der Gesellschaft. Die Gothic-Leute54 tragen schwarz, behängen sich mit Symbolen des Todes, feiern in ihrer Musik die Macht des Todes; sie verleihen dem Tod Präsenz. Womöglich lieben sie den Tod sogar. Dies jedenfalls legt der Name der Berliner Band Thanateros nahe. Ihr Texter und Sänger Benjamin Richter erklärt: „Ich denke, dass der Tod und die Liebe von zentraler Bedeutung für den Menschen sind. Der Tod als der große unbekannte Gegenspieler des Lebens, das Unfassbare, Dunkle. Aber ohne Tod kein Leben. Unsere westliche, moderne Kultur versucht gerade alles zu tun, um den Tod […] zu verdrängen. Die Alten werden aus dem Blickfeld geräumt; man hat ewig jung und fit auszusehen; Todkranke werden an Maschinen angeschlossen, um sie um jeden Preis noch für ein paar Tage länger am Leben zu erhalten.“55 Richter, der Religionswissenschaft und Ethnologie studiert hat, versteht sich als Anhänger des Schamanismus. Mit diesem, einer uralten religiösen Tradition, begreift er die Einheit von Leben und Tod in einem zyklischen, natürlichen Ablauf, in einem „Circle Of Life“, wie ein Album von Thanateros von 2003 heißt. Seinen religiös fundierten Naturalismus stellt Richter bewusst gegen das westlich säkularisierte und auch gegen das christliche Weltbild, mit Recht übrigens, denn der christliche Glaube kann der natürlichen Wahrnehmung des Todes nicht beistimmen. Richter bezieht sich auf vorchristliche, vor allem keltische Traditionen und versteht sich als praktizierender Heide. Die Anknüpfung an heidnische Religion ist ein typisches Merkmal der Gothic-Culture. Thanateros und ein der Band angeschlossener, von Benjamin Richter mitbegründeter magisch-schamanischer Adarga-Orden (zusammen mit einem Adarga-Institut) beschränken sich nicht auf die Kritik unserer todvergessenen Gesellschaft, sie wollen auch einen Weg in die Zukunft weisen: „Thanateros versuchen […] das scheinbar verlorene Erbe einer vergangenen Ära, das Gestern mit dem modernen Geist, mit dem Heute zu verbinden und so einen möglichen Weg für das Morgen zu skizzieren.“56
Doch nicht nur die Todesvergessenheit, viel mehr noch die Todesverfallenheit, ja die Faszination durch den Tod in unserer Gesellschaft bewegt die Gothic- und Metal-Szene. Die Plattencover mit den Atomkraftwerken, den verödeten Fabriklandschaften, mit dem Sieg des Meisters Tod deuten schon darauf hin. Wir sind eine Zivilisation, die auf der Macht des Todes beruht, die sich weit mehr Tod leistet, als nach dem natürlichen Zyklus angemessen ist. Diese geheime, uneingestandene Liebe zum Tod wird bei Heavy Metal ausdrücklich! Mick Mercer, der Herausgeber eines Szene-Magazins, notiert über die Anfänge des Goth: „Leben und Tod waren die verbreitetsten Themen der frühen Achtziger, wo die nukleare Bedrohung über unseren Köpfen schwebte. […] Man musste nicht lange nach Inspiration suchen. Der Verfall der Gesellschaft umgab uns überall.“57 Die amerikanische Band Sacred Reich gibt in einem ihrer Songs zu Protokoll: „Our atmosphere clouded with poison. We’re killing ourselves to live filling the world with hate and dissention. […] Our ignorance means death.“58 Gegen die Ignoranz unserer Verbrüderung mit dem Tod geht nicht nur diese Band an, die vor allem den American Way of Life mit seiner Umweltschädigung und seinem Kriegstreiben aufs Korn nimmt. Nicht die Metal-Music verbreitet morbide Stimmung, sie verschafft ihr nur Ausdruck. Die Band Cannibal Corpse, angesprochen auf die Frage, ob sie mit ihren Covers und ihrer Musik die jungen Leute nicht zur Gewalt motiviert, antwortet: „We’re not out trying to teach your children about violence. I mean, all they have to do is watch the news if they want to learn about it.“59 Es genügt also, die Nachrichten zu sehen, dann weiß man genug über die Macht des Todes in unserer Zeit. Die industrielle Produktion, die Vorherrschaft einer leblosen kalten Technik, die Herabwürdigung der Menschen zu Bedienern der Maschine und der Natur zur Ressource, zum Materiallager eines überdimensionierten Wohlstands, das ist der Hintergrund der der Gothic-Culture oft vorgeworfenen Todesfaszination. Die US-amerikanische Band Cattle Decapitation, um auch dieses Beispiel noch zu erwähnen, macht mit ihren grauenerregenden Covers und ihren Texten auf unseren wahrhaft satanischen Umgang mit Tieren aufmerksam. In einem ihrer Songs versetzen sie die Menschen selbst als Vieh ins Schlachthaus: „AAAAHHHHH! Millions of human hung up hooks suspended in deep freeze Subzero, sterile environment keeps meat tender and lean choice cuts from the slaughter. Husband, mother, daughter. Dead families kept together.“60 Hier wird etwas gesehen, was sonst verborgen gehalten wird. Die Band will nicht predigen, will nicht überzeugen. „I think the shock value we use is preaching enough“, erklärt das Bandmitglied Ryan.61
Also ist Aufklärung die Sache des Metal, oder genauer: Aufwachen aus dem Traumschlaf unserer Zivilisation. „Punk war wie ein Faustschlag genau zwischen die Augen. Er haute dich aus den Socken, wenn du ihn das erste Mal hörtest, und auf einmal bedeutete der ganze Müll um dich rum überhaupt nichts mehr. Alles sollte sich verändern und entweder hast du das sofort und instinktiv begriffen oder nichts davon abgekriegt“, berichtet der Szenebeobachter Mick Mercer über die Anfänge der Goth-Bewegung.62 Man könnte sagen, dass die sich steigernde Brutalität und Härte dieser Musik darauf aus ist, immer neue solcher Faustschläge auszuteilen. Auch Gewalt kann aufklärerische Funktion haben, ohne Gewalt wird die kulturelle Vernebelung nicht zu durchbrechen sein (das wussten schon die Propheten der Bibel!). „In einem großen Umfang glaube ich fest daran, dass gewisse Formen der Gewalt positive Auswirkungen auf die Gesellschaft haben können. […] Gewalt ist ein Stellvertreter der sozialen Veränderung und ebenso eine gültige Form des künstlerischen Ausdrucks“, so war in einem Internet-Fanzine (Fan-Magazin) der Szene zu lesen.63 Die britische Band Grey Wolves, die sich, provozierend genug, in ihrer Namenswahl an die gleichnamige rechtsradikale türkische Terrorgruppe anlehnt, hat sich diesem Aufklärungsprojekt besonders verschrieben. Es gehe darum, „the dirt behind the dream“, den Dreck hinter dem Tagtraum, bewusst zu machen. Da aber das Bewusstsein dazu neigt, sich diesem Dreck gegenüber zu verschließen, ist nicht weniger als „cultural terrorism“ nötig, um es aufzuwecken. Die Gruppe übt ihren kulturellen Terrorismus durch bewussten Tabubruch, durch das Spiel mit unmoralischen und verbotenen Themen aus. Sie hat ein eigenes „Informationsministerium“, die Homepage „Open Wound Alliance“ begründet, um auf die offenen Wunden der Gesellschaft hinzuweisen. Dort findet man verwirrende, widersprüchliche, unkorrekte und provokative Informationen, die dazu dienen, die Benutzer zu irritieren und zu medienkritischen Menschen zu machen. Man sieht sich in einen „information war“ verwickelt und kämpft in diesem Krieg mit allen Mitteln.64
Damit wird vollends deutlich, dass die Gothic- und Metal-Szene nicht nur anprangert, sondern auch auf Gegenstrategien zum miserablen Zustand unserer Gesellschaft sinnt. Dass diese Gesellschaft scheinbar so alternativlos daherkommt, „that there are no alternatives or dissenting ideas being discussed“65, das regt Jason Netherton von der Band Misery Index auf. Der Name der Band kommt von einer Art Armutsbericht in den USA, und dieser fällt Jahr für Jahr katastrophal aus. Der studierte Ökonom Netherton kämpft gegen Neoliberalismus, Turbokapitalismus und Globalisierung. Für ihn ist unsere Wirtschaftsform ein Programm zur Zerstörung des Planeten. Menschen werden zu Sklaven „der Maschine“ erniedrigt, werden zur Mordlust gegeneinander angeregt. „What remains here …? Bowing to the dollar in their selfish church of capital, where wealth encrusts their bodies, yet cancer fills their hearts? Brother will kill brother in this stained-glass abattoir called Earth“66, heißt es in dem Song „Retaliate“ in Anspielung auf das „stahlharte Gehäuse“ Max Webers. Netherton möchte die Ideen des Anarchismus und des Sozialismus wach halten, nicht als einzigen Ausweg aus der Krise, sondern um über Alternativen überhaupt nachdenken zu können. Die Rolle des Musikers ist für ihn die, Menschen eine Stimme zu geben, die sonst keine Möglichkeit haben sich auszudrücken.67
Einen viel radikaleren Weg geht die Band Dissection, die der Black-Metal-Richtung angehört. Und hier stoßen wir auch zum ersten Mal auf den vielbeschworenen Satanismus der Gothic-Szene.68 Die Band steht im Umkreis des „Misanthropisch-luziferischen Ordens“, der sich auf der Grundlage neognostischen, altgermanischen und sozialdarwinistischen Gedankenguts zu einem antikosmischen Satanismus bekennt. Das heißt, die Menschheit muss abgeschafft („misanthropisch“) und die Welt ins Nichts zurückgestoßen werden („antikosmisch“). Die Energien, die dazu nötig sind, kommen von Luzifer/Satan. „Anti-Cosmic has he function of bringing disharmonic Chaotic energies into Cosmos, this way speeding up the evolution that leads the creation back to the formless chaos that descends it from“69,so die Philosophie des „Ordens“ in einem Selbstzeugnis. Im Hintergrund steht eine gewisse politisch-religiöse Radikalisierung der skandinavischen Gothic-Szene, in deren Gefolge es zu Brandstiftungen an Kirchen und zu Morden – auch innerhalb der Szene – gekommen war.70 Von hier aus wird auch erkennbar, warum die Gothic-Szene anfällig ist für die Infiltration mit nationalsozialistischem und neofaschistischem Gedankengut. Kirche, Christentum und Demokratie sind die gemeinsamen Feindbilder. Wilde Zerstörungswut, gepaart mit der sozialdarwinistisch motivierten Hoffnung, dass eventuell die Über- oder Herrenmenschen die neue Welt regieren werden, das sind Verbindungslinien zwischen satanistischem Black Metal und der Neonazi-Szene. Rob Darken, der Frontmann der polnischen Band Graveland, erläuterte in einem Interview die Absichten der unter dem Banner NS-Black Metal zusammengeschlossenen rechten Gruppierungen wie folgt: „Der deutsche Kriegsgeist muss erwachen! Wir sollten menschenfreundliche Ideen zerstören! Aber wir tun nichts und viele Leute aus der Türkei, Neger und andere Subkulturen kommen in unsere Länder und mischen unser Blut! Sie zerstören unsere Kultur und Traditionen! Zerstören die Demokratie, das Christentum, die amerikanische Kultur. Es ist höchste Zeit, aufzuwachen und einen neuen Krieg zu beginnen!“ Die Ablehnung einer todverfallenen Kultur führt hier selbst zu Hass- und Gewaltfantasien. Oder anders: Wenn man Satan als den Herrn der Welt anerkennt, gerät man auch unter seine Gewalt.
Das Thema Neofaschismus und Metal-Kultur erfordert sicher eine differenziertere Betrachtung, als sie an dieser Stelle möglich ist. In den Texten der deutschen Gruppe Death in June entdecke ich andere Töne, die vielleicht gehört zu werden verdienen. Mit ihrem Namen erinnert die Gruppe, die in Kampfanzügen und Masken auf der Bühne erscheint und Nazi-Symbole auf ihren Covers führt, an den 30. Juni 1934, als Hitler den so genannten Röhm-Putsch niederwarf, d. h. die SA vernichtete und 200 seiner treuesten Anhänger ohne Gerichtsurteil exekutierte. In ihrem Album „Brown Book“ – der Name ist einem DDR-Dossier zur Dokumentation der Gräueltaten der Nazis entlehnt – gibt es die Zeilen:
„Wird er meine Seele halten?
Wird er mein Herz herausreißen?
Wird er, wird er
Mich zerreißen?
Eine Rose zu ertränken
[…]
Liebe ist jetzt leer
Für immer unvollständig
Ein Stich ins Herz der Hoffnung […]
Wir beten für das Ende
Wir fordern die Hinrichtung
Eines zerstörten Glaubens, der fehlt
Einer sterbenden Liebe, die vergeht“71
Ist dies vielleicht ein Stück „Poesie nach Auschwitz“, die laut Adorno zu schreiben barbarisch wäre? Wer gedenkt der missbrauchten Liebe, der zerstörten Hoffnung der damaligen jungen Generation? Und ist nach einem solchen Missbrauch von Liebe, Treue, Glaube und Hoffnung nicht die Liebe überhaupt gestorben? Was bedeutet diese historische Lektion für die jungen Menschen heute? Können sie noch lieben und hoffen? Nach Richard Leviathan, selbst ein Angehöriger der Gothic-Kultur, handelt es sich bei den Songs von Death in June um „Kunstwerke, die tief in das finstere Herz unseres historischen Gewissens eintauchen“.72 Solche Finsternis mit einem schwachen poetischen Licht zu erhellen ist auch eine Arbeit an der Todverfallenheit unserer Gesellschaft.
Doch zurück zu Satan und dem Satanismus, die natürlich in unserem Zusammenhang vor allem interessieren. Was ist darunter zu verstehen? Viele Deutungen sind möglich, so wie der Teufel ja auch viele Namen hat. Nik Page, ein deutscher Gothic-Sänger, der mit mehreren Bands zusammengearbeitet hat, steht dem Satanismus nahe.73 Er versteht unter dem Satan aber nicht „den Teufel, den die Kirche selbst erschaffen hat, um das niedere dumme Volk noch besser kontrollieren zu können“, auch nicht den „Gott der Bosheit“ oder einfach „eine Art negative Energie, die in jedem von uns steckt“, sondern, viel raffinierter, die Kraft der Versuchung, die es auf unsere Schwäche abgesehen hat, um sie in eine Stärke zu verwandeln, die uns schließlich selbst zerstört. „Mephisto [so nennt er ihn im Anschluss an Goethes Faust] beweist uns Tag für Tag, dass der Mensch jede großartige Erfindung früher oder später in ein Instrument der Zerstörung verwandelt … und dennoch haben wir ihm den luxuriösen Alltag unserer Konsumgesellschaft zu verdanken, den niemand freiwillig missen will.“ Es ist also der Teufel, der im Kapitalismus steckt und dem alle tatsächlich dienen. In genialer Umdichtung erzählt Nik Page den Mythos vom Engelssturz neu: Die drolligen kleinen Engel und ihr weißbärtiger Super-Opi leben in Harmonie und Langeweile auf einer Wolke, bis eines Tages Luzifer „mit großen Kulleraugen und Schmollmund“ um Einlass bittet. „Es dauerte jedoch nicht lange, bis das Miststück seinen wahren Charakter offenbarte. Sie war nicht nur der schönste, sondern auch der intelligenteste aller Engel.“ Bald hatte sie alle Engelknaben um den Finger gewickelt und „Opis tugendhaftes Paradies in eine lasterhafte Partyhöhle verwandelt“. Zwar wurde die „undankbare Partygöre“ aus dem Himmel verstoßen, aber nun, auf Erden, treibt sie es umso schlimmer. Im Song „Mephisto“ besingt Nik Page den teuflischen Gott der Lust und der Bedürfnisse ganz in diesem Sinne:
„Du bist der Gott der Maschinen
Der Schöpfer der Lust
Hast uns die Augen geöffnet
Bist der sündige Kuss
Hast die Erleuchtung versprochen
Uns Zerstörung geschenkt
Hast uns die Unschuld genommen
Unser Karma gelenkt
Tief in meiner Seele brennt ein Feuer nur für dich …
Mephisto.“
Es ist also unsere Lust selbst, die die Maschine antreibt, die uns Zerstörung bringt. Und dieser Mechanismus funktioniert in mephistophelischer Kraft. Der Satanismus, der der Gothic-Culture zur Last gelegt wird, ist der einer auf grenzenlose Bedürfnisse, auf ewige Lust getrimmten Kultur. Dass damit beileibe nicht nur die sexuelle Lust gemeint ist, entnehme ich einem auffälligen Moment, das sich wie ein roter Faden durch die Selbstzeugnisse der Gothic-Kulturwelt zieht: der Hass auf die Musikindustrie. „Fuck the Industry!!“74, so oder so ähnlich heißt es immer wieder. Man schimpft auf die Musikindustrie, auf Kommerzialisierung und Verflachung – und kann ihr doch nicht entkommen. Denn sie allein macht das Überleben der Bands möglich, sie verschafft ihnen bisweilen erheblichen Erfolg und Wohlstand. Versuche, die eigenen Produktionen in selbst gegründeten, nicht kommerziellen Labels zu vertreiben, müssen wohl sämtlich als gescheitert gelten.75 Man bleibt dem teuflischen System ausgeliefert, man dient ihm selbst – und da haben wir den Grund für den Satanismus der Szene.
5. Die beiden Seiten der Engelreligion
Die Engelreligion ist, das habe ich zu zeigen versucht, so recht die Religion unserer Zeit. Sie kennt keine Dogmen, keine Hierarchie und keine institutionelle Gestalt. Sie stellt keine Forderungen und hat keine Gebote. Sie baut auf Erfahrung und nicht auf Glauben. Sie schränkt Freiheit nicht ein, verlangt keine Bekenntnisse und verzichtet auf religiöse Abgrenzungen. Sie entspricht dem Individualismus und der Suche nach eigenem persönlichem Ausdruck. Sie vermittelt gegen alle Vereinzelung ein Gefühl von Ganzheitlichkeit, allseitiger Verbundenheit und Geborgenheit. Sie schafft Ordnung im Weltbild und im eigenen Inneren. Sie vermittelt Heil und Heilung für die kleinen und großen Nöte des Daseins. Sie antwortet auf die unendliche Sehnsucht nach Liebe. Es ist, als wenn ein genialer Religionsstifter die gesamte Religionsgeschichte auf ihre guten und bewährten Elemente hin durchgemustert und diese auf die Bedingungen der Moderne adaptiert hätte, dabei alles Überlebte, Schwierige und Unangenehme beiseite lassend. Aber so ist es ja nicht gewesen. Diese Religion hat sich vielmehr aus den spontanen religiösen Bedürfnissen von Leuten entwickelt, die sich in den etablierten Religionen nicht zu Hause fühlten oder erstmals ihren Weg zum Himmel entdeckten. Die Engelreligion ist ganz und gar eine Religion der Bedürfnisse, aus Bedürfnissen entstanden und auf die Erfüllung von Bedürfnissen ausgerichtet. Sie passt in eine Welt, in der die Erfüllung von Bedürfnissen der fraglos höchste Wert und überdies der Motor der wirtschaftlichen Dynamik ist.
Nun hat diese Religion, wie gezeigt, ihre zwei Seiten, eine helle und eine dunkle – die übrigens sicher nicht zufällig im Blick auf ihre Akteure auch als weibliche und männliche Seite zu erkennen sind. Beide Seiten fügen sich zu der Kennzeichnung „Religion der Bedürfnisse“, aber sie bilden gewissermaßen die Vor- und Rückseite. Während auf der lichten Seite die Befriedigung unserer Wünsche und Bedürfnisse gepredigt wird, ist die dunkle Seite für die diabolische Verkehrung der Bedürfnisse – „Lust“ – in Zerstörung aufmerksam, ja, sie treibt sie selbst voran. Was bei den „Kindern des Zorns“ (so will ich sie einmal mit Eph 2,3 nennen) an Kapitalismuskritik, an Beobachtung der verhängnisvollen Auswirkungen unserer Industriekultur, an „Todesfaszination“ vorhanden ist, verweist auf die Paradoxie der Bedürfnisse. Sie sind gut und sie sind schlecht. Gut sind sie, weil der Hunger gestillt werden will und weil es Freude macht, ihn zu stillen, und sei es der Hunger nach Anerkennung, Liebe, Geborgenheit und Sicherheit. Schlecht sind sie, weil sie von sich aus kein Maß kennen. In ihrer Maßlosigkeit bewirken sie Zerstörung – so wie die ,bröckelnden‘ Atomkraftwerke auf maßlosen Energiebedarf reagieren, der grausame Umgang mit Tieren auf maßlosen Fleischbedarf. Vor dieser Problematik bleiben die Versuche Doreen Virtues, zwischen den Wünschen des höheren und des niederen Selbst zu unterscheiden, ebenso hilflos stehen wie die Unterscheidung von Jana Haas zwischen weißer und schwarzer Magie oder die von Helga Schaub zwischen positiver und negativer Energie. Denn wie soll hier unterschieden werden? Was für den einen als ,weiß‘ erscheint, kommt beim anderen ,schwarz‘ an, und leicht kann man um eines höheren Zwecks willen auch das niedere Bedürfnis als höheres erleben. Zumal in einer Zeit, für die die ständige Steigerung der Bedürfnisse zur Notwendigkeit einer zum unablässigen Wachstum gezwungenen Wirtschaft geworden ist. Ist es denn da nicht ,positiv‘, ,negative‘ Dinge zu tun, z. B. zur Schaffung von Arbeitsplätzen die Wirtschaft anzukurbeln, noch mehr überflüssige Dinge und damit zukünftigen Abfall zu produzieren, noch mehr zu konsumieren, noch mehr Geld anzulegen? Bedenklich ist, dass die lichte Seite der Engelreligion ihre Beispiele und ihre Anschauung nur aus dem persönlichen, privaten Leben nimmt. Der politische und ökonomische Bereich sind völlig ausgeblendet. Und doch hängt beides zusammen. Der Slogan „Gott sorgt für die Erfüllung all unserer Bedürfnisse. Wir brauchen nie zu befürchten, dass uns irgendetwas vorenthalten wird“ (Virtue) scheint doch geradezu einem ökonomischen Imperativ zu gehorchen. Grenzenlose Bedürfnisbefriedigung – jetzt auch religiös legitimiert und ermöglicht. Autofahren – jetzt ohne Parkplatzprobleme. Energieaufwändige Reisen in die Südsee – jetzt auch zur Begegnung mit den Delfinengeln, die sehnsüchtig nach dir rufen. Partnerwechsel – durch den Engel-Raben selbst angezeigt. Warum hören wir nie von Engeln, die zum Öffentlichen Nahverkehr raten? Oder zur Treue in der Partnerschaft? Und weiter: Die Religion verlängert die Bedürfnisse ins Unendliche, ins Transzendente. Nun sollen wir gar das Göttliche in uns selbst entdecken, mit dem ganzen Universum verbunden sein, in jeder Lebenslage Trost und Beistand erfahren, das ganze Wissen der Welt in Himmelsbüchern lesen können. Das ist in etwa das, was die Schlange der Eva im Paradies versprochen hat. Die Maßlosigkeit der Bedürfnisse greift nach der Unendlichkeit des Himmels. Die Engelreligion überträgt insoweit die Logik der grenzenlosen Steigerung, die dem Kapitalismus eigen ist, ins Religiöse. Was Wunder, dass sich auch viele Wirtschaftsgrößen zum Glauben an die Engel bekennen.76
Von Ferne erinnern die beiden Seiten der Engelreligion an die früheren Darstellungen des Jüngsten Gerichts. Zur rechten Seite des Weltenrichters – zur Linken des Betrachters – die Seligen, die von lichtvollen Engeln ins Paradies geführt werden. Zu seiner Linken die Verdammten, die von Teufeln gequält und in die Hölle gebracht werden. In der Engelreligion fehlt jedoch die Figur des Weltenrichters, der nach Gottes Maß und Gesetz richtet. So schieben sich beide Seiten übereinander. Das alte Bild ist zerstört. Beide Seiten richten sich nach derselben Logik. Wir werden verdammt durch das, was uns selig machen soll. Die Seligen sind schon die Verdammten, sie wissen es nur noch nicht.
6. Der Himmel ist wieder offen!
Trotz dieser Zweideutigkeit der Engelreligion, die nur christlich-theologisch aufzulösen sein wird – dazu später mehr –, die gute Nachricht lautet: Es gibt in unserer Zeit wieder eine richtige Religion!77 Der Himmel ist wieder offen! Die himmlischen Mächte, die guten wie die bösen, werden wieder wahrgenommen, und es werden wieder die Beziehungen zwischen der Erde und dem Himmel geregelt, wie es eben in Religionen geschieht. Denn dies ist ja eigentlich die Aufgabe von Religion: dass sie die Verhältnisse zwischen dem Vertrauten und dem Unvertrauten, dem Empirischen und dem Numinosen, dem „Natürlichen“ und dem „Übernatürlichen“, letztlich zwischen der Erde und dem Himmel beobachtet und behandelbar macht. Religion gibt dem Unvertrauten einen Platz im Vertrauten. Sie benennt heilige Orte und Zeiten, sie liefert Bilder des Unsichtbaren, entwickelt Rituale für den Verkehr mit dem Göttlichen und schafft auf diese Weise Formen des Umgangs mit dem Bereich der Welt, der der direkten Beobachtung unzugänglich ist.78 Genau dies geschieht in der Engelreligion – bis hin zur Angabe von konkreten Methoden, von Orten und Zeiten zur Kontaktaufnahme mit den Engeln.
Die Engelreligion hat den Bann gebrochen, der mehr als 200 Jahre über der ,aufgeklärten‘ Welt lag. Gemäß der Aufklärung sollte sich die Erkenntnis auf das Empirische, Nachprüfbare und Berechenbare beschränken, und daraus ist unser Begriff von Wissen und auch von Wissenschaft entstanden. Der Himmel mit seinen Mächten war von diesem Begriff des Wissens ausgeschlossen und folglich auch aus der Wissenschaft. Der Himmel, der Bereich übermenschlicher Kräfte und Mächte, wurde dem mythologischen Weltbild zugeordnet, das aus der Kraft menschlicher Vernunft zu überwinden die Philosophie der Aufklärung angetreten war. Religion im beschriebenen Sinn wanderte in die Esoterik und den Okkultismus ab. Das Christentum, insoweit es in der Moderne noch geduldet werden wollte, sah sich gezwungen, sich von seinen ,mythologischen‘ Elementen zu reinigen. In der weltweit verbreiteten Engelreligion ist nun dieser Bann gebrochen. Das esoterische Wissen schickt sich an exoterisch zu werden, wie Jana Haas richtig bemerkt. Und von Seiten der Philosophie her mehren sich die Stimmen, die erklären, dass die Aufklärung ihr Ziel nicht erreicht hat, dass sie in ihrer eigenen „Dialektik“ verfangen geblieben ist. Die Moderne hat die mythologischen, naturgeschichtlichen Zwänge nicht durchbrechen können, die sie überwinden wollte, diese sind vielmehr in der Gestalt der alles beherrschenden Markt- und Warengesellschaft wiedergekommen.79 So ist auch von dieser Seite her wieder Raum für die Religion in der Moderne geschaffen worden. Das Christentum wird diese Wiederkehr der Religion mit Freude begrüßen können, denn ohne das Wissen um die himmlischen Mächte ist ein Weltbild unvollständig und blind.
Die Engelreligion tritt das Erbe der gesamten Religionsgeschichte an. In der Gothic-Szene ist uns die keltische und altgermanische Religion begegnet, man nimmt Bezug auf den Schamanismus, den alten russischen Geisterglauben, das asiatische Wissen um feinstoffliche Energien, die Lehre vom Karma und von der Wiedergeburt, den Voodoo-Kult, afrikanischen Ahnenkult, indianische Religion usw. usw. Die Liste ließe sich beliebig erweitern. Und das ist so in Ordnung. Egon Wenberg, ein Kenner der Wissenschaft von den Engeln, sagt mit Recht: „Die Engel sind älter als alle Religionen der Welt. […] Es gibt keine nur christlichen Engel. […] In jeder Religion gibt es Engel. Die Religionswissenschaften sprechen auch von Begleitgöttern, von Geistwesen, von dienenden göttlichen Wesen“80, oder einfach, so ist hinzuzufügen, von Göttern, denn die Götter des Polytheismus sind nichts anderes als himmlische Mächte, also das, was später unter dem Einfluss der Bibel angeloi bzw. Engel genannt worden ist. Der Reichtum der alten Religionen kehrt in der Engelreligion in unsere Zeit zurück, damit auch ihre Weisheit, ihre Himmels-„Wissenschaft“, das heißt ihre Kenntnis der himmlischen Mächte, deren Einfluss auf das irdische Leben in Rechnung zu stellen ist. Das ist ein Gewinn, eine Erweiterung unserer Erkenntnis! Zwar treffen die Vertreterinnen und Vertreter der Engelreligion ihre Auswahl aus dem reichen Stoff der Tradition je nach ihrer Erfahrung mit dem Himmlischen, aber darin bestätigt sich nur ein Moment, das für die Entwicklung der Religionen überhaupt typisch ist. Nicht zu allen Zeiten ist der Himmel gleich, nicht immer sind es dieselben Mächte, die vom Himmel her wirken, und darum ist es verständlich, dass eine neue Religion nur auf jene Elemente früherer Himmelskenntnis zurückgreift, die ihre gegenwärtige Himmelswahrnehmung bestätigen. Nicht von ungefähr kommen in der Gothic-Szene die germanischen Gottheiten wieder hervor, die unter dem Einfluss des Christentums in den Hintergrund getreten waren, stimmt doch die Erfahrung destruktiver Mächte, wie sie die Gesellschaft heute bietet, mit der germanischen, gewaltbestimmten Mythologie viel besser zusammen als mit der Religion der Liebe und Gnade. Und doch werden wir feststellen können, dass der Durchgang durch das Christentum die Engelreligion unserer Tage tiefgreifend geprägt hat. Nicht nur sind die Engels- und Teufelsvorstellungen81, die Engelsnamen, die Vorstellungen von einer Ordnung und Hierarchie der Engel von der christlichen Tradition her genommen, sondern auch die Tatsache, dass jedenfalls in der lichten Engelreligion so viel von Liebe gesprochen wird, ist ein Beleg für die religionsgeschichtliche Wirkung des Christentums. Der christliche Glaube hat gewirkt, er hat in der Engelreligion maßgebliche Spuren hinterlassen! Ist es doch keineswegs selbstverständlich, dass aus der himmlischen Welt Liebe und positive Energie auf die Erde strömen.
Nehmen wir einmal zum Vergleich die Religion des alten Griechenland, wie sie uns in der Theogonie des Hesiod entgegentritt.82 Dieses Werk des 8. Jahrhunderts v. Chr. soll hier exemplarisch für die ,alte Engelreligion‘ stehen. Es beschreibt die Entstehung der Götter und der Welt, und es zeichnet ein keineswegs freundliches Bild des Götterhimmels. Am Anfang sind da nur das dunkle Chaos, mit dem sich „die breitbrüstige Gaia“ (117) verbindet, sowie „Eros, der schönste unter den unsterblichen Göttern, der gliederlösende“ (120). Aus der Verbindung zwischen der Erde und dem dunklen Abgrund geht Uranos, der Himmel, hervor – die Unterscheidung von Erde und Himmel ist in der Tat die grundreligiöse Unterscheidung! Dass aber Eros keineswegs Liebe bedeutet, sondern nur die Macht der Begierde, zeigt sich in der weiteren Geschichte. Uranos überzieht Gaia mit einer Serie von Begattungen, die viel eher Vergewaltigungen sind, und das Schlimmste ist: Alle Kinder, die daraus hervorgehen, „waren dem Vater verhaßt“ (155). Sobald eines von ihnen geboren ist, stopft er es in die Erde zurück und lässt es nicht ans Licht. Gaia weiß sich keinen anderen Rat mehr, als Kronos (die Zeit), ihrem jüngstem Kind, eine „scharfzahnige Sichel“ (175) in die Hand zu geben, mit der dieser den Vater blutig entmannt (aus dem ins Meer geworfenen Genital des Uranos geht dann Aphrodite hervor, die Schaumgeborene. Aphrodite – eine genitale Männerphantasie? Richtig ist aber: Es ist die Zeit, das Alter, das den Vater aus seiner sexuell dominanten Rolle verdrängt.). Aber auch Kronos geht mit seinen Nachkommen nicht gerade freundlich um. Da er darauf sinnt, „daß nicht von den ehrwürdigen Himmelsabkömmlingen ein anderer unter den Unsterblichen die Königswürde innehätte“ (461 f.), hält „Kronos nicht unachtsam Wacht, sondern auf der Lauer liegend verschlang er seine Kinder“ (466 f.). Rheia, die Gemahlin des Kronos, ist untröstlich, und sie sucht bei Gaia und Uranos Rat, wie sie „rächen könne die Frevel an ihrem Vater und ihren Kindern, die der gewaltige, hinterlistige Kronos verschlungen hatte“ (473). Man sucht Kronos zu überlisten, und es gelingt auch: Als er seinen letztgeborenen Sohn Zeus verschlingen will, reicht man ihm stattdessen einen Stein. So kann Zeus überleben. Herangewachsen, befreit er sowohl die Kinder des Uranos – die Titanen – wie auch seine Geschwister, die Kinder des Kronos, aus ihrer Gefangenschaft. Zwischen beiden Göttergruppen entbrennt ein entsetzlicher, jahrelanger Krieg um die Herrschaft im Himmel. „Furchtbar hallte wider das endlose Meer. Die große Erde dröhnte. Es stöhnte der Himmel, erbebend, von Grund auf wurde der hohe Olymp erschüttert vom Ansturm der Unsterblichen“ (678 – 681). Schließlich gelingt es Zeus und den Seinen, die Titanen zu besiegen. Er verbannt sie in die Tiefen des Tartaros, die Unterwelt, ein vielfach gesichertes Gefängnis, aus dem sie bis auf weiteres nicht entfliehen können. Als bedrohlich-rumorende Gewalt bleiben sie aber weiterhin präsent. Zeus ist nun der unumschränkte Herrscher über die Sterblichen und die Unsterblichen, und der Dichter Hesiod kann nicht genug daran tun, sein Regiment zu preisen, denn Zeus regiert nach Recht und Gerechtigkeit. „Gut aber hat er jegliches den Unsterblichen festgesetzt und zugleich (ihnen) ihre Würden zugesprochen“ (74) – er schafft Ordnung im Himmel –, auf Erden aber begünstigt er den König, der „Urteile fällt mit gerechtem Spruch“ (85). So ist also eine einigermaßen zuträgliche Weltordnung begründet. Von Zeus hören wir weiterhin, wie er sich diversen „schönfüßigen“ oder „schönwangigen“ oder sonstwie liebreizenden Göttinnen und Menschentöchtern naht und mit ihnen eine Unzahl von Kindern zeugt. Es ist also die Kraft des Eros, die das Geschehen in Gang hält. Als aber Prometheus auftritt und mit List für die Menschen das Feuer vom Himmel holt, da reagiert Zeus empfindlich. Er bindet Prometheus „mit unauflöslichen Banden, mit schmerzenden Fesseln“ an einen Felsen und stachelt seinen Adler an, täglich seine „unsterbliche Leber“ zu fressen (521 – 524). Und über das gesamte Menschengeschlecht, das heißt bis dato nur über die Männer, wird vom Obergott eine besonders gemeine Strafe verhängt. Er erschafft das „unheilvolle Geschlecht der Frauen und ihre Arten“, die hinfort „als großes Unglück wohnen unter den sterblichen Männern“ (591 f.). Die Frauen sind nämlich wie die Drohnen, die die fleißigen Bienen für sich arbeiten lassen, dabei aber „drinnen bleiben in den schattigen Bienenstöcken und ernten für sich in ihren Bauch das von fremden Händen Erarbeitete“ (598 f. – bei den Bienen ist es wohl umgekehrt). Für besonders fatal hält es Hesiod, dass der Mann im Alter auf die Pflege durch die Ehefrau angewiesen ist. Deshalb „lebt er mit unaufhörlichem Schmerz in der Brust, im Sinn und Herzen, und unheilbar ist das Übel. So ist es nicht möglich, den Verstand des Zeus zu täuschen und zu umgehen“ (611 – 613).
Sehr frauenfreundlich ist das nicht, und nicht sehr menschenfreundlich. Schauen wir auf die Himmelswelt der Griechen: Sie besteht zuletzt nur aus einer Orgie der Begierde und der Gewalt. Nicht zu bestreiten ist, dass in Hesiods Theogonie eine wirkliche Wahrnehmung himmlischer Mächte vorliegt. Da ist die Rivalität der Väter auf die Söhne, in die diese ohne ihren Willen hineingeboren werden und die sie tödlich bedroht. Da ist der Zwang für die Söhne, ihre Eigenständigkeit nur im Widerstand gegen den Vater erringen zu können. Hesiod zeichnet ein fluchbeladenes Geschick, in dem List, Betrug und Gewalt, also schuldhaftes Verhalten, unvermeidlich sind. Ohne Schuld kann es kein menschliches Leben geben – eine Art griechische Version der Erbsündenlehre. Dann ist da die Herrschsucht, der Kampf um die Macht als eine Gewalt, der die Götter unterliegen und die von ihnen kommt. Und es ist Eros, der erste Gott, die Macht der Begierde und der Bedürfnisse, die Götter und Menschen in ihrem Bann hält. Sie kann aus männlicher Sicht leicht in abstruse Frauenfeindlichkeit umschlagen, wie es bei Hesiod geschieht. Und zuletzt steht über allem die menschenverschlingende Gewalt der Vergänglichkeit, sind doch alle Götter Kroniden, Nachkommen des Kronos. Umso stärker muss der Neid zwischen den Unsterblichen und den Sterblichen sein, wie er anlässlich des Falls Prometheus sich gewaltsam auswirkt. Hesiod ist aufmerksam für die Errungenschaften der Kultur, die die Macht des Schicksals begrenzen. Man gibt dem Kronos Steine zu fressen – mit steinernen Bauten ist ein schwaches Mittel gegen die Vergänglichkeit errichtet. Und doch bleibt das Leben der Menschen von Mächten und Gewalten bedroht. Vom Himmel her ein lüsterner, neidischer Gott, von der Unterwelt her die bedrohlichen Titanen. Wie mag es sich in einem solchen Weltbild gelebt haben? Von Liebe ist bei alledem keine Spur.
Der Durchgang durch das Christentum hat also die Engelreligion bereichert. Wenn Doreen Virtue Gott bzw. die Engel auch als „Liebe, reine Liebe“ bezeichnet, wenn Jana Haas ein goldenes Zeitalter der höheren Spiritualität heraufkommen sieht, das sich in der Abkehr von Gewalt und Unmenschlichkeit ankündigt, wenn Helga Schaub echten Glauben, Gebet und liebevolle Gedanken gegen die dunklen Mächte aufbietet, dann hat der christliche Glaube offenbar Wirkung gezeigt. Das ist dankbar anzuerkennen. Manche meinen, der christliche Glaube in seiner speziellen Form habe sich damit erübrigt, er sei aufgegangen in einer universalen Religion der Liebe und habe damit sein Bestes gegeben, aber wir werden sehen, dass dem nicht so ist. Doch zunächst ist darauf aufmerksam zu machen, dass die Engelreligion auch umgekehrt das heutige Christentum bereichert. Sie gibt Christen, die sich darauf einlassen – und das sind nicht wenige – die verlorene Religion zurück. Man denke einmal an die katholische Kirche im Zeitalter des Barock. Über zwei Jahrhunderte – von der Mitte des 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts – war die barocke Kultur in den katholischen Ländern Süd- und Osteuropas, in der Alpenreligion, in Südamerika und in etwas anderer Weise auch in Frankreich höchst lebendig. Das Barockzeitalter war vielleicht die letzte Epoche einer integralen, den biblischen Glauben mit der Religion verbindenden Katholizität. Betritt man eine Barockkirche, sieht man sofort, welch eine überragende Rolle die Engel hier spielen. Geradezu in Überfülle sind sie dort vertreten – nicht nur in den Kirchen, sondern auch in der Literatur der Zeit. Zuhauf treten sie in den beliebten Jesuitendramen auf, die davon erzählen, wie Menschen von Teufeln verführt und von Engeln beschützt werden. Bei den Aufführungen wurde auch mit szenischen Tricks nicht gespart: Die Teufel treten aus einer Versenkung auf der Bühne, die Engel schweben mittels einer komplizierten Maschinerie vom Himmel herab und zum Himmel zurück. Beliebt war das Motiv des versöhnten Teufels, eines armen Wesens, das sich im Grunde nach Liebe und Erlösung sehnt – so in Friedrich Gottlieb Klopstocks „Messias“.83 Helga Schaub könnte ihre Freude daran haben. Barocke katholische Religiosität war Christentum inklusive Engelreligion. Und dadurch war es eine Religiosität, die einen ungezwungenen Zugang zur Welt der Geister, Naturwesen und der Magie hatte. Der Historiker und Barockforscher Peter Hersche spricht von der „kirchlichen Halbmagie“ jener Zeit.84 „Magie gehörte damals zur selbstverständlichen Lebenswirklichkeit“, in vielfacher Weise war sie auch im kirchlichen Leben verankert. Schon die kirchlichen Segnungen und Weihen profaner Gegenstände sowie die Reliquienverehrung reichten in den Bereich der Magie hinein. Daneben gab es den Wettersegen, verbunden mit „Schauermessen“, Hagelprozessionen und dem Wetterläuten bei aufziehendem Gewitter, dem man eine abwehrende Kraft gegen die Blitze zuschrieb. Segnungen gegen Ungeziefer wurden gegen Mäuseplage und Engerlinge eingesetzt. Allerhand heilkräftige Gegenstände, Kreuze, Andachtsbilder, geweihte Wässer und Amulette waren im Umlauf, besonders beliebt waren die so genannten Kompositamulette, die aus tausenden unterschiedlicher Ingredienzien zusammengesetzt sein konnten: gesegneten Wässern und Kräutern, Reliquienteilen, Wachsen und Ölen, geschriebenen Segen hoher kirchlicher Funktionäre bis hin zu den Päpsten. „Das alles wurde [in Klöstern] zusammengemengt, pulverisiert, in Rollen verpackt anderen Konventen zugesandt, von diesen portionsweise weiterverteilt und, versehen mit einer geistlichen Gebrauchsanweisung, als Mittel gegen sämtliche denkbaren Leiden benutzt.“ Auch Liebeszauber waren beliebt. Wunder kamen häufig vor. Große Bedeutung hatte der Exorzismus, der auch gegen Tierseuchen eingesetzt wurde. Als ein besonders krasses Beispiel der kirchlichen Halbmagie nennt Hersche den Brauch des so genannten Kinderzeichnens. Totgeborene Kinder wurden, damit sie nicht der ewigen Verdammnis anheimfielen, durch Wärmeeinwirkung scheinbar wiederbelebt und dann getauft. Letzteres hatte nicht die offizielle Billigung der Kirche, wurde aber geduldet, schon wegen der Verzweiflung der Eltern. Insgesamt versuchte die katholische Kirche „eine Integration bzw. Umwandlung magischer Vorstellungen in religiöse.“ Die Magie wurde verkirchlicht, dadurch zugleich anerkannt, begrenzt und integriert. Die Protestanten ihrerseits hatten Gelegenheit, sich über den katholischen ,Aberglauben‘ aufzuregen und ihre Abgrenzung gegen das Katholische zu betonen. Die barocke Religiosität ist dann unter dem Einfluss der Aufklärung, des Josephinismus in Österreich, der Revolution in Frankreich, der Säkularisierung in Deutschland vom Ende des 18. Jahrhunderts an rigide zurückgedrängt worden. Sie überlebte nur in Restbeständen der Volksreligion, am längsten in den katholischen Mittelmeerländern. Der im barocken Katholizismus enthaltene Anteil von Religion, das heißt vom Umgang mit übersinnlichen und himmlischen Mächten, ist im Gefolge des 2. Vatikanischen Konzils praktisch ganz aus der katholischen Kirche ausgemerzt worden.85 Und dann kommt die Engelreligion und lässt all das, zumindest sehr viel davon, wieder aufleben! Viele katholische Christen nehmen das dankbar an. So zum Beispiel die Italienerin Paola Giovetti, die ein hinreißendes Buch über die „unsichtbaren Helfer der Menschen“ geschrieben hat.86 Sie ist katholisch und findet die Existenz der Engel und anderer übersinnlicher Wesen einfach überall belegt. Andachtsvoll zitiert sie Worte des Papstes Johannes Paul II. über die Engel, berichtet von Engelwundern bei Heiligen und an Wallfahrtsorten, bezieht aber auch die Naturgeister Rudolf Steiners, die Lichtwesen Raymond Moodys und die Engellehre Emanuel Swedenborgs problemlos mit ein. Sie erzählt sensationelle Geschichten der wunderbaren Rettung durch Engel, die auch bei Giulia Siegel oder Doreen Virtue stehen könnten. Sie überlässt es den Lesern, sich das alles zusammenzureimen. In das gleiche Spektrum gehören die viel gelesenen Bücher Uwe Wolffs.87 Der katholische Theologe führt kenntnisreich und gekonnt durch die bunte und bisweilen düstere Welt der Engel und Dämonen. Von Geburt an, ja schon vorgeburtlich beeinflussen machtvolle Gestalten den Menschen im Guten wie im Bösen. So wusste es das frühere Christentum, so wissen es aber auch allerhand angeführte Zeugnisse aus den Religionen, der Literatur und der Parapsychologie. Ausführlich erzählt Wolff von Teufelspakten und Teufelsaustreibungen. Auch ihm ist ein Stück seiner Religion wiedergegeben worden, das er genüsslich schaudernd durchstreift. Seinen theologischen Lehrern in Münster konnte er nichts davon sagen, es hätte sonst passieren können, dass ihm der Professor für Neues Testament die Seminararbeit über die Dämonenaustreibung in der Synagoge von Kafarnaum aberkennt.88
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