Читать книгу: «Nick 6 (zweite Serie): Baltimore Lees Diamanten»

Impressum
Originalausgabe Februar 2020
Charakter und Zeichnung: Nick © Hansrudi Wäscher / becker-illustrators
Text © Thomas Newton
Copyright © 2020 der eBook-Ausgabe Verlag Peter Hopf, Minden
Korrektorat: Andrea Velten, Factor 7
Redaktionelle Betreuung: Ingraban Ewald
Umschlaggestaltung: etageeins, Jörg Jaroschewitz
Hintergrundillustration Umschlag: © Karelin Dimitriy – fotolia.com
ISBN ePub 978-3-86305-295-9
www.verlag-peter-hopf.com
Hansrudi Wäscher wird vertreten von Becker-Illustrators,
Eduardstraße 48, 20257 Hamburg
www.hansrudi-waescher.de
Alle Rechte vorbehalten
Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse sind rein fiktiv.
Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.
Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Verarbeitung und die Verbreitung des Werkes in jedweder Form, insbesondere zu Zwecken der Vervielfältigung auf fotomechanischem, digitalem oder sonstigem Weg, sowie die Nutzung im Internet dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages erfolgen.
Inhalt
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
THOMAS NEWTON
Baltimore Lees Diamanten
Nick Großband 6
EINS
Nick steuerte seinen Turbowagen von der Hochstraße, die in einer weiten Kurve auf das Parkdeck des Hotels führte, in dem er abgestiegen war. Gedankenversunken warf er einen schnellen Blick zum Himmel. In einer der Passagiermaschinen, deren Rumpf sich als blitzendes Objekt vor dem blauen Himmel abzeichnete, saß Ramon Garcia auf dem Weg zurück nach Hause.
Er seufzte und lenkte den Wagen in eine freie Parkbucht. Die Erinnerung an das gefahrvolle Abenteuer in Ecuador war noch lange nicht verblasst. Und doch ergriff ihn bereits die Unruhe, wenn er an den bevorstehenden Start des Sternenschiffs dachte, um endlich zu der lange erwarteten Expedition in das fremde Paralleluniversum aufzubrechen.
Geschäftiges Treiben umgab ihn, als er über die Rolltreppe in die lichtdurchflutete Lobby gelangte. Zahlreiche Geschäftsreisende und Touristen scharten sich um die Rezeption. Überall standen Koffer, und so musste er mehr als einmal ausweichen, um nicht über einen davon zu stolpern.
Fast wäre er dadurch mit der jungen Frau zusammengestoßen, die sich ihm mit einem Mal in den Weg stellte. Sie fuhr sich mit der Hand durch ihr blondes Haar, das in Wellen über die Schultern fiel, und taxierte den Piloten. Er wollte schon zu einer Entschuldigung ansetzen, als er die blitzenden Augen erkannte. Die Lippen in dem fein geschnittenen Gesicht verzogen sich zu einem nur allzu vertrauten leicht spöttischen Lächeln.
»Miss Lee!«, stieß er aus. »Das ist aber ein Zufall. Wie kommen Sie nach New York?« Er reichte der Tierfängerin die Hand. »Ich dachte, Sie pflegen Ihr Getier im Weltraum-Zoo in Kalifornien.«
Sie überging seine Bemerkung über die wertvollen und exotischen Tiere, die sie im Laufe ihrer noch jungen Karriere bereits hatte einfangen können, und ergriff die gereichte Hand.
»Hallo, Nick«, erwiderte sie und neigte leicht den Kopf. »Ich bin nicht zufällig hier.« Sie hielt kurz inne und schien nach Worten zu suchen. »Seit zwei Tagen versuche ich, Sie hier zu treffen«, eröffnete sie.
»Oh, das tut mir aber leid«, antwortete der Pilot. »Der Prozess um Drago hat mich ganz in Anspruch genommen.« Er musterte sie und konnte förmlich sehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete. Ein Lächeln umspielte seinen Mund. »Ich wette, dass ich weiß, was Sie auf dem Herzen haben. Sie wissen, dass ich mit dem Sternenschiff in wenigen Wochen auf einen Expeditionsflug in das neu entdeckte Universum starte!«
Sie öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch er fuhr unbeirrt fort.
»Selbstverständlich wollen Sie dabei sein und Tiere für Ihren unersättlichen Zoo einfangen.« Er zwinkerte ihr zu. »Stimmt’s, oder habe ich recht?«
Jane Lees Gesicht blieb verschlossen. »Ihre Wette haben Sie nur zur Hälfte gewonnen. Ich möchte tatsächlich an der Expedition teilnehmen, aber nicht, um Tiere einzufangen, sondern …« Erneut hielt sie inne und sah sich hastig um. Sie legte ihm die Hand auf den Unterarm und sah ihn eindringlich an. »Ich kann hier nicht darüber sprechen. Könnten wir nicht …?«
»Aber sicher!« Nick machte eine einladende Geste. »Kommen Sie in mein Appartement.«
Sie wollten gerade aufbrechen, als ein Hoteldiener an sie herantrat und eine leichte Verbeugung machte. »Miss Lee?«, fragte er, und sie drehte sich zu ihm um. »Sie werden am Visiphon verlangt. Kabine sechs.«
»Oh!« Sie wandte sich an Nick. »Entschuldigen Sie mich einen Augenblick.«
Der Pilot nickte nur stumm und sah ihr nach, wie sie in den Seitentrakt für die abgetrennten Visiphon-Kammern ging. Er dachte über ihr Verhalten nach, das einen angespannten Eindruck gemacht hatte, und beschloss, ihr zu folgen. Jane Lee verschwand gerade um eine Ecke, als sie von einer Hand gepackt und in eine Kabine gezerrt wurde.
Bei allen … was ist das?, schoss es ihm durch den Kopf, und er verlor keine Sekunde. Mit schnellen Schritten hastete er um die Ecke und hörte hinter einer der geschlossenen Türen zuerst ein Poltern und dann einen unterdrückten Schrei.
Nick riss die Tür auf und sah, wie die Tierfängerin mit einem Mann rang, der ihr die Hand vor den Mund legen wollte.
»Ich störe doch nicht etwa?«, meinte Nick mit lauter Stimme, und der Mann fuhr herum.
»Teufel!«, stieß er aus und griff ohne zu zögern nach einer Pistole.
»Du bist ja ein schönes Früchtchen!«, rief Nick. »Aber damit hast du kein Glück bei mir!«
Noch bevor sein Gegner die Waffe abfeuern konnte, hatte ihn ein mächtiger Fausthieb gegen das Kinn zu Boden geschickt. Benommen blieb er liegen. Nick nahm die Waffe an sich und packte den Fremden beim Kragen. In diesem Augenblick kamen mehrere Hotelbedienstete und ein älterer Mann in einem teuren Anzug den Gang entlanggeeilt.
»Was … was ist geschehen?«, fragte einer der Angestellten und sah mit entsetztem Blick zuerst auf den Ohnmächtigen, dann auf die Waffe.
»Dieser ›Held‹ wollte die Dame hier berauben«, erklärte Nick und wies auf Jane Lee. »Bringen Sie ihn in die Wirtschaftsräume, und dann lassen Sie ihn von der Polizei abholen!«
»Ja, ja! Das ist die beste Lösung«, schnaufte der ältere Mann und wischte sich den Schweiß von seiner glänzenden Halbglatze. »Noch nie ist in meinem Hotel … ja, ja, nur kein Aufsehen!« Er wies seine Angestellten an, den Mann zu ergreifen und schirmte ihn auf dem Weg durch die Lobby so gut er konnte ab, damit keinem seiner Gäste etwas auffiel.
Nick sah der Gruppe nach, bevor er sich der jungen Frau zuwandte. »Wie fühlen Sie sich, Miss Lee?«, fragte er mit Besorgnis in der Stimme.
Sie rang sich ein Lächeln ab. »Dank Ihrem schnellen Eingreifen gut.«
»Sie werden sich nach einem Drink noch besser fühlen«, antwortete Nick und bot ihr seinen Arm an. »Kommen Sie.«
Sie hakte sich ohne Widerspruch bei ihm unter und folgte ihm zu den Aufzügen. Nur kurz darauf betraten sie das weiträumige Appartement, das Nick bezogen hatte. Er führte Jane Lee zu einer Sitzgruppe, und sie nahm in einem der modern designten Sessel Platz.
Auf Rückfrage mischte er ihr einen Scotch mit Eis und reichte ihr den Drink, dann goss er auch sich ein Glas ein. Sie nahm einen großen Schluck und stieß gepresst den Atem aus.
Nick lehnte sich gegen die Bar und betrachtete seinen Gast forschend. »Ich verstehe nicht, dass in einem solchen Hotel etwas Derartiges geschehen konnte«, meinte er schließlich.
Jane Lee schüttelte leicht den Kopf.
»Es war kein gewöhnlicher Raubüberfall«, erwiderte sie. »Seit einer Woche werde ich ständig bedroht.«
»Wie?!«, entfuhr es Nick entgeistert.
Gedankenversunken strichen ihre Finger über den Rand des Glases. »Ich möchte Ihnen alles erzählen«, fuhr sie fort. »Sie sind einer der wenigen Menschen, denen ich vollkommen vertraue. Und ich brauche Ihre Hilfe.«
Nick konnte seine Verblüffung bei dieser Eröffnung kaum verbergen, dennoch erwiderte er nichts, um Jane Lee nicht zu unterbrechen.
Ihre Augen suchten die seinen, als wisse sie nicht so recht, wie sie anfangen sollte. »Sie erinnern sich, dass mein Vater, der Biologe Baltimore Lee, mit seinem Raumschiff seit vier Jahren als verschollen gilt und vor zwei Jahren für tot erklärt wurde?«, fragte sie.
»Ja, natürlich«, antwortete Nick. »Mein Freund Tom hat mit Ihrem Vater gearbeitet, bevor er in dieselbe Abteilung der Weltraumforschungsbehörde wie ich kam.«
Sie kaute auf ihrer Unterlippe und schien erneut nach den passenden Worten zu suchen.
»Mein Vater ist wirklich vor zwei Jahren gestorben«, sagte sie. »Ich habe vor acht Tagen eine Botschaft von ihm erhalten.«
Nick sah sie verwundert an. »Aber … das ist doch unmöglich!«
Sie erwiderte seinen Blick unverwandt. »Nicht, wie Sie meinen. Ein Raumschiffkapitän, Vince Anderson, hat mir die Botschaft meines Vaters gebracht.«
Nick schürzte die Lippen. »Anderson? Den Namen habe ich nie gehört.«
Jane Lee winkte ab. »Er fliegt auf eigene Rechnung und ist ein übler Bursche. Aber hören Sie …«
Sie nahm einen weiteren Schluck, bevor sie erneut ansetzte.
»Anderson ist wie andere Glücksritter in das neu entdeckte Universum eingedrungen. Als sein Schiff den zweiten Planeten des Systems umkreiste, das für normale Raumschiffe mit R-3-Antrieb erreichbar ist, hat er einen Satelliten im Orbit entdeckt. Es stellte sich heraus, dass dieser Satellit das Tagebuch meines Vaters enthielt.«
»Oh!«, stieß Nick erstaunt aus und bat Jane Lee mit einer Geste, fortzufahren.
»So, wie es aussieht, hatte mein Vater die Dimensionsspirale bereits vor fünf Jahren entdeckt und war in das dahinter kreisende Sonnensystem eingedrungen. Auf dem zweiten Planeten hat er Schiffbruch erlitten. Außer ihm ist die gesamte Besatzung von den Eingeborenen niedergemetzelt worden.«
Sie presste ihre Lippen zusammen, bevor sie weitersprach.
»Meinen Vater hatten die Wilden nicht getötet, um eines dieser für sie seltsamen Wesen sozusagen als Sehenswürdigkeit zu behalten. Nach und nach gelang es ihm aber, das Vertrauen dieser Wilden zu gewinnen … und schließlich haben sie ihn sogar zu ihrem Häuptling gemacht.«
Ihre Hände legten sich fester um die Armlehnen des Sessels.
»Ein Aggregat des Schiffs war unbeschädigt geblieben. Da mein Vater den Planeten damit jedoch nicht verlassen konnte, hat er es kurz vor seinem Tode dazu benutzt, den Satelliten mit seinem Tagebuch auf eine Kreisbahn zu bringen. Er war zu diesem Zeitpunkt an einem tropischen Fieber erkrankt und ist ihm schließlich erlegen.«
Sie senkte den Kopf, und Nick betrachtete sie nachdenklich.
»Eine tolle Geschichte«, antwortete er. »Aber was hat das alles mit den Überfällen auf Sie zu tun?«
Jane Lee strich sich eine Strähne ihres blonden Haars aus der Stirn.
»Sie werden gleich verstehen«, entgegnete sie. »Das Gebiet, in dem die Wilden leben, ist ungeheuer reich an Diamanten von für uns unvorstellbarer Größe. Mein Vater hat die bedeutendsten Fundgebiete ausbeuten lassen und einen riesigen Schatz angehäuft.« Sie zuckte mit den Schultern. »Für die Wilden sind die Diamanten ohne Bedeutung. Mein Vater hat den Schatz mir vermacht. Er hat den Wilden ein Medaillon mit meinem Bild gegeben, und da er wusste, dass ich ein identisches Medaillon besitze, die Wilden angewiesen, den Schatz nur jemandem auszuhändigen, der ihnen das zweite Medaillon bringt.«
»Langsam begreife ich«, sinnierte Nick. »Anderson hat das Tagebuch natürlich gelesen, und …«
In diesem Augenblick flog die Tür zum Appartement mit einem Krachen auf. Im Türrahmen stand ein Mann mittleren Alters und richtete seine Waffe auf die beiden Anwesenden. Hinter ihm waren die Schatten zweier weiterer Männer zu erkennen.
»Ihre Kombination ist goldrichtig«, meinte er mit einem wölfischen Grinsen.
»Anderson!«, stieß Jane Lee aus.
Der Mann deutete eine Verbeugung an. »Ich habe Miss Lee den Vorschlag gemacht, sie zum zweiten Planeten zu bringen. Zwei Drittel für mich wegen der Unkosten und ein Drittel für sie.« Er warf der Tierfängerin einen grimmigen Blick zu. »Da sie aber nicht auf meinen Vorschlag eingehen wollte, habe ich beschlossen, das Geschäft alleine zu machen.«
Anderson machte mit der Waffe eine Geste und bedeutete damit Nick und Jane Lee, sich zu erheben. Sein Blick ging zwischen beiden hin und her. »Dazu brauche ich das Medaillon. Leider haben die auf Sie angesetzten Jungs versagt.« Er stieß ein theatralisches Seufzen aus, bevor sich sein Körper anspannte.
»Rücken Sie das Ding heraus, vorwärts!«, presste er hervor und richtete den Lauf der Waffe auf Jane Lee.
Die junge Frau sah unschlüssig zu Nick herüber. Dieser gab ihr mit den Augen ein Zeichen, das Medaillon herauszugeben. Zuerst sah sie ihn entsetzt an, dann nickte sie stumm und lockerte den Kragen ihrer Kombination, als läge das Schmuckstück darunter verborgen.
Nick verfolgte, wie Vince Anderson sich davon ablenken ließ, und sprang wie ein Panther vor. Sein mächtiger Fausthieb erwischte die waffenführende Hand und schlug sie nach oben. Die Finger lösten sich um den Griff, und die Waffe flog durch die Luft.
Anderson schnappte nach Luft und wich zurück. »Hilfe! Teddy, Ringo!«, brüllte er.
Das Rufen schreckte die beiden Komplizen auf, die im Flur vor der Tür Stellung bezogen hatten. Mit gezogenen Waffen stürmten sie herein.
»Hände hoch, oder wir schießen!«, knurrte einer von ihnen, ein Mann mit grobschlächtigem Gesicht.
Nick verlor keine Sekunde und packte Anderson. Er hielt ihn in einem unnachgiebigen Griff gefangen und zog ihn vor sich. »Das dürfte eurem sauberen Kapitän schlecht bekommen!«
Vince Anderson schrie auf und stemmte sich verzweifelt gegen den Griff. »N… nicht schießen, Jungs!«, stammelte er. Sein Kopf fuhr suchend umher. »Bedroht Jane Lee!«, forderte er seine Gehilfen mit einem Mal auf. »Dann ist Nick machtlos!«
Die junge Frau stieß einen wütenden Schrei aus und machte den Eindruck, auf Anderson losgehen zu wollen. Die beiden Bewaffneten waren dadurch einen Moment lang abgelenkt, und so hob Nick den Raumschiffkapitän an und schleuderte ihn seinen Komplizen entgegen.
Die Männer hatten keine Zeit mehr, auszuweichen, und so gingen sie unter dem Aufprall zu Boden. Stöhnend blieben sie liegen, doch schnell waren sie dabei, sich wieder aufzurappeln. Nick bereitete sich auf den nächsten Schlagabtausch vor, als zwei weitere Schatten im Türrahmen erschienen.
»Hallo, Nick«, grüßte ein Mann mit grüner Hautfarbe. »Du hast das Klopfen überh…« Er stieß wie der Mann hinter ihm einen erstaunten Laut aus, als er den Tumult erblickte. »Was ist das denn für ein Empfang?«
»Xutl! Tom!«, rief Nick aus. »Haltet die Burschen fest!«
Andersons Gehilfen hatten in dem Gemenge ihre Waffen verloren und mussten einsehen, dass sie gegen die Überzahl keine Chance hatten. Sie setzten zur Flucht an und wollten sich an Xutl und Tom Brucks vorbeischieben. Doch Nicks Faust fällte einen, bevor er auch nur aufstehen konnte.
»Hoppla … nicht so eilig!«, entfuhr es dem Marsianer, und er packte den anderen.
»Lassen Sie mich los!«, schrie dieser und wehrte sich nach Leibeskräften. Tom Brucks konnte nur mit Mühe sein Gleichgewicht halten und schob seine Brille zurecht, die ihm halb von der Nase gerutscht war.
Einen Augenblick lang war Xutl von der Gegenwehr überrascht und wich zurück, dann jedoch schoss seine Faust vor. »Ich weiß zwar nicht, worum es hier geht, aber wenn du ein raues Spiel liebst, dann bitte!«
Wie vom Blitzschlag getroffen, ging der Mann zu Boden.
Xutl schüttelte verwundert den Kopf und besah sich die drei Fremden.
»Was hat das zu bedeuten, Nick?«, wandte er sich an seinen Freund. »Gehört das etwa neuerdings zu deinen täglichen Übungen nach dem Mittagessen?«
Nick lachte trocken auf. »Nein, ganz sicher nicht. Danke, dass ihr mir so geistesgegenwärtig geholfen habt. Übrigens …«, er machte einen Schritt zur Seite und deutete in das Innere des Appartements, »… hier ist noch jemand, der sich über euer unverhofftes Erscheinen freut.«
Er wies auf Jane Lee, die den beiden Männern zunickte.
»Nanu, sehe ich richtig?«, meinte Xutl. »Unsere nimmermüde Tierfängerin der Sternenschiff-Expedition!«
Tom Brucks nestelte noch immer an seiner Brille. »Wie geht es Ihnen?«, fragte er die junge Frau. »Haben Sie diesen Trubel inszeniert?«
Er bereute seine flapsige Formulierung, als er ihr angespanntes Gesicht sah.
»Inszeniert nicht«, erwiderte sie. »Aber ich muss gestehen, dass er meinetwegen entstanden ist …«
*
Wenig später hatte sie noch einmal die Erlebnisse ihres Vaters geschildert. Tom und Xutl hatten aufmerksam zugehört.
»Das ist die abenteuerlichste Geschichte, die ich je gehört habe«, gestand der Biologe ein und kratzte sich am Kopf.
Jane Lee lächelte dünn. »Sie können sich sicher vorstellen, was es für mich bedeuten würde, wenn ich die Diamanten bekommen könnte, die mein Vater für mich von den Eingeborenen fördern ließ.« Sie machte eine entschuldigende Geste, als sei es ihr selbst unangenehm, darüber zu sprechen. »Ich wäre nicht mehr von der Weltraum-Zoo-Direktion abhängig und könnte eigene Expeditionen ausrüsten!«
»Großer Himmel!«, erwiderte Tom Brucks. »Haben Sie denn nichts anderes im Kopf als Ihre unheimlichen Biester? Ich könnte mir vorstellen …«
Sie lachte auf. »Ich weiß, was Sie sich vorstellen«, unterbrach sie ihn. »Riesige Treibhäuser, in denen sich alle unheimlichen Pflanzen des Universums versammeln würden.«
»Sie haben es dem fanatischen Biologen gut gegeben, Miss Lee«, feixte Xutl und grinste seinen Freund an. »Aber Scherz beiseite«, wurde er wieder ernst. »Dieser Geier wollte sich das für die Bergung des Schatzes notwendige Medaillon unter den Nagel reißen?«
Er deutete auf Vince Anderson, der nach wie vor besinnungslos zwischen seinen Komplizen am Boden lag.
»Ja, mein Vater schreibt in seinem Tagebuch ausdrücklich, dass er die Wilden angewiesen hat, den Schatz nur demjenigen zu übergeben, der das Medaillon vorweist«, bestätigte Jane Lee.
Sie machte eine hilflose Handbewegung. »Ich hatte ihm ein großzügiges Angebot gemacht, weil ich es ja ihm verdanke, dass ich das Tagebuch meines Vaters erhalten habe. Anderson verlangte wie schon gesagt zwei Drittel, und aus seinem Verhalten schloss ich schnell, dass er mir auch das eine Drittel vorenthalten würde, wenn er den Schatz erst einmal an Bord gehabt hätte.«
Nick fuhr sich übers Kinn.
»Nach dieser Entwicklung können Sie unmöglich mit Anderson zum Planeten fliegen, Miss Lee. Ich richte ein Gesuch an die Weltraum-Forschungsbehörde, damit Sie mit uns fliegen können.«
Sie sah ihn aus großen Augen an. »Das … wäre wunderbar«, stieß sie aus.
Er winkte mit einem Lächeln ab. »Das Sternenschiff wird zurzeit für den Flug in das neu entdeckte Weltall ausgerüstet. Man wird nichts dagegen einzuwenden haben, wenn wir mit dem Besuch des zweiten Planeten auch persönliche Ziele verfolgen.«
Ein Stöhnen war zu hören, und er wandte sich um. Anderson und seine Männer erhoben sich benommen.
»Sieh an. Unser stürmischer Besuch kommt wieder zu sich«, kommentierte Nick den Anblick.
Vince Anderson hob den Kopf und zischte schmerzerfüllt auf. Er legte eine Hand an die Schläfe.
»Teufel …«, murmelte er und stieß dann einen Laut aus, als ihm bewusst wurde, wo er sich befand.
Nick suchte den Teppich um die Männer herum mit den Augen ab, um sicherzugehen, keine Waffe übersehen zu haben, dann ging er vor dem Raumschiffkapitän in die Hocke. »Miss Lee hat mir erzählt, dass sie Ihnen ein Drittel des Diamantenschatzes für Ihre Dienste geben wollte.« Er schüttelte den Kopf. »Das Angebot dürfte durch Ihr Verhalten hinfällig geworden sein.«
Mit einer raschen Bewegung erhob er sich und wies zur Tür.
»Verschwinden Sie mit Ihren ›Helden‹, und lassen Sie es sich nicht einfallen, unseren Weg noch einmal zu kreuzen, Anderson«, machte er ihm unmissverständlich klar. »Ein zweites Mal kommen Sie nicht so glimpflich davon!«
Andersons Körper bebte vor unterdrückter Wut, dennoch blieb ihm nichts anderes übrig, als einzusehen, dass er verspielt hatte. Er rappelte sich schwerfällig auf und schnauzte seine Männer an, aufzustehen.
Als er die Tür erreicht hatte, drehte er sich noch einmal zu Nick um. »Das … werden Sie mir noch büßen!«, schnaufte er und taumelte auf den Gang.
Der Weltraumpilot sah ihm nach und verschloss die Tür, dann kehrte er in den Wohnbereich zurück.
Tom Brucks schürzte die Lippen. »Hoffentlich hast du keinen Fehler gemacht«, meinte er zu seinem Freund. »Wir hätten Anderson nicht laufen lassen dürfen. Für den bewaffneten Überfall wäre er bestimmt zu einem Jahr Gefängnis verurteilt und damit aus dem Verkehr gezogen worden.«
Nick bedachte ihn mit einem nachdenklichen Blick, bevor er den Kopf schüttelte.
»Ich glaube nicht, dass er noch etwas unternehmen wird, um Miss Lee zu schaden. Er weiß jetzt, dass sie nicht mehr allein ist. Außerdem kann er mit seinem Klapperkasten von Raumschiff nicht mit dem Sternenschiff konkurrieren.«
Tom zog die Augenbrauen hoch. »Damit hast du allerdings recht!«
Nick ging zur Bar hinüber und griff nach einer der Flaschen, in der eine bernsteinfarbene Flüssigkeit schimmerte. »Kommt, wir wollen Anderson vergessen und stattdessen auf Miss Lees künftiges Unternehmen anstoßen!«
Tom Brucks lachte. »Das ist die beste Idee, die du seit Langem gehabt hast!«
ZWEI
Am nächsten Morgen startete Nick zusammen mit Jane Lee und seinen Freunden vom New Yorker Großflughafen zum Flug nach Nevada. Ihr Ziel war das Forschungsgelände, auf dem das Sternenschiff nach der Entführung durch Diktator Drago wieder instand gesetzt worden war und für die bevorstehende Expedition ausgerüstet wurde.
Einen Feuerschweif hinter sich herziehend, schraubte sich der Jet in den wolkenverhangenen Himmel. Schon bald blieben die hoch auftürmenden Wolkenkratzer der Metropole hinter ihnen zurück.
Nick setzte sich mit der Flugkontrolle in Verbindung und schwenkte nach Bestätigung durch den Tower seine Flugroute auf einen südwestlichen Kurs, dann schaltete er auf Autopilot. Der Jet würde schon bald die Stratosphäre erreichen und die Entfernung von mehreren tausend Kilometern binnen einer Stunde zurücklegen.
»Ich habe übrigens eine Überraschung für Sie, Miss Lee«, meinte er zu der Tierfängerin, die direkt hinter ihm saß. »Kurz vor dem Start habe ich von der Weltraum-Forschungsbehörde alle Vollmachten für die Zusammenstellung der Sternenschiff-Besatzung erhalten. Sie stehen natürlich mit als Erste auf der Liste.«
Die junge Frau konnte einen Freudenschrei nur mit Mühe unterdrücken. »Sie … sind wunderbar!«, entfuhr es ihr stattdessen.
»He, keine Übertreibungen«, grummelte Tom Brucks hinter ihr. »Xutl und ich haben uns auch für Sie eingesetzt!«
Nick musste bei dem kleinen Wortgefecht, das nun zwischen den beiden folgte, schmunzeln und lehnte sich entspannt zurück.
*
Zur gleichen Zeit herrschte auf einem Raumschiff-Flughafen in der Nähe New Yorks reger Betrieb. Die privaten Gesellschaften setzten alle verfügbaren Schiffe ein, um möglichst viele von den Gütern des neu entdeckten Sonnensystems für sich zu gewinnen. Nahezu im Minutentakt starteten und landeten die Raketen. Ein Grollen und Brausen der zahlreich aufheulenden Triebwerke erfüllte die Luft.
Abseits der Gebäudetrakte der großen Gesellschaften lagen die Bürogebäude der kleinen Unternehmen. Sie waren in einem Halbkreis um ein kleines Landedeck angeordnet, auf dem soeben ein Helicar landete. Drei Männer warteten, bis die Maschine gelandet war und die Rotoren aufgehört hatten, sich zu drehen, bevor sie den Mann begrüßten, der mit seinen Begleitern ausstieg.
Bereits an seinem Gesichtsausdruck konnten Vince Andersons Männer sehen, dass die Pläne ihres Chefs fehlgeschlagen waren. Mit verhärteter Miene schritt der Raumschiffkapitän auf sein Büro zu. Der Schnauzer in seinem Gesicht vibrierte vor unterdrückter Wut.
»Sie hätten auf Miss Lees Vorschlag eingehen sollen, Chef«, wagte Theo ›Teddy‹ Cummings es, die Stille zu durchbrechen. »Ein Drittel des unermesslichen Schatzes …«
»Halt den Mund!«, schnauzte Anderson ihn an, und Teddy zog unwillkürlich den Kopf ein. Die Gruppe betrat die Büros von Andersons alles andere als gut laufendem Transportgewerbe. Frank Stone, der als Letzter den Raum betrat, stellte sicher, dass die Tür hinter ihnen geschlossen war und niemand das Gespräch zufällig verfolgen konnte.
Anderson herrschte seine Leute mit einer Geste an, sich um ihn zu versammeln. Sein Blick ging von einem zum anderen, bevor er ansetzte.
»Noch ist gar nichts verloren«, grollte er.
»Aber … ohne das Medaillon können wir doch gar nicht an den Schatz heran«, warf Ringo Olsen ein.
»Das ist noch nicht das Schlimmste«, fügte Butch Saunders neben ihm an. »Jane Lee hat diesen Nick überredet, sie im Sternenschiff mitzunehmen!«
Ein Raunen ging durch die Gruppe.
»Was soll dann Ihr Gerede, dass nichts verloren ist, Chef?«, warf Ringo ein. »Mit dem Sternenschiff haben sie den Schatz gehoben, ehe wir überhaupt gestartet sind!«
»Dummkopf!«, brauste Anderson auf. »Das Sternenschiff startet erst in vier Wochen. Und bis dahin wollen wir ja nicht untätig sein, oder?«
Die Männer sahen ihn fragend an.
»Wenn wir in den nächsten drei Tagen starten, können wir fast gleichzeitig mit dem Sternenschiff den zweiten Planeten erreichen«, führte der Kapitän aus.
»Hm … das stimmt«, überlegte Matt Norris, der sich bisher aus dem Gespräch herausgehalten hatte, um seinen Boss nicht gegen sich aufzubringen. »Aber was hätten wir damit gewonnen?«
»Damit allein nicht viel. Aber wir werden an Bord des Sternenschiffs einen Verbündeten haben«, erwiderte Anderson mit einem Grinsen.
»Was?!«, entfuhr es Teddy. »Sie kennen jemand der Besatzung?«
Anderson wiegte den Kopf, und sein Grinsen wurde noch breiter. »Noch nicht … aber du wirst mir die Besatzungsliste besorgen. Der Rest ist eine Frage des Geldes. Du wirst schon sehen!«
*
Nachdem Theo Cummings seine Kontakte eingesetzt hatte und zudem eine stattliche Summe Geld hatte springen lassen, lag Anderson die Besatzungsliste tatsächlich vor. Er ordnete seine Männer an, das Schiff startklar zu machen und teilte ihnen mit, dass er für eine ›kurze Reise‹ unterwegs sein würde.
Keiner seiner Untergebenen wagte es nachzufragen, was er damit genau meinte, und so machten sie sich stattdessen an die vor ihnen liegende Aufgabe. Ihre Rakete war nach der letzten Reise alles andere als in einem guten Zustand, und so würden sie die verbleibende Zeit benötigen, um sie raumtauglich zu machen.
Als Anderson nach zwei Tagen zurückkehrte, ging er vergnügt auf seine Männer zu, die ihn vor dem Büro erwarteten.
»Ist die Kiste startklar?«, fragte er mit einem Nicken zu der Rakete, die nur unweit von ihnen entfernt in den Himmel ragte.
»Ja«, bestätigte Butch Saunders, der als sein leitender Ingenieur die Triebwerke überwachte. »Donnerwetter«, fügte er an, als er sah, wie sein Boss mit ausladenden Schritten und schwungvoll auf die Einstiegsluke zulief. »Sie haben Erfolg gehabt?«, raunte er ihm zu.
Anderson warf ihm nur einen verschwörerischen Blick zu und stieg die Leiter empor. Nachdem sich alle Männer auf ihren Plätzen eingefunden hatten, ließ er den Raketenmotor hochfahren und bat über Funk um Starterlaubnis.
Die Zufriedenheit, die eben noch sein Gesicht erfüllt hatte, wich nun einer starren Grimasse, als er die Antwort hörte.
»Raumschiff A-1 von Kapitän Anderson«, meldete sich ein Mitarbeiter aus dem Tower, »Ihr Startgesuch ist abgelehnt. Der Weltraum-Sicherheitsdienst verlangt eine technische Überprüfung Ihres Schiffes.«
Anderson schlug mit der Faust aufs Instrumentenpult.
»Bei allen Teufeln! Dahinter kann nur Nick stecken!«, stieß er aus. »Der Kerl hat seine Beziehungen spielen lassen, um uns aufzuhalten. Na warte …« Seine Finger huschten über die Kontrollelemente. »Ich kann auch ohne Erlaubnis starten!«
»Aber Chef!«, wollte Frank Stone am Navigationspult einwerfen. »Dann …«
Anderson machte eine unwirsche Handbewegung. Rasend vor Wut war er bereit, alle Risiken einzugehen und sich über das Startverbot hinwegzusetzen. Allen Vorschriften zum Trotz riss er den Starthebel zu sich heran und wartete nicht einmal, bis sich alle seine Männer angeschnallt hatten. Sie schrien wild durcheinander, als sie durch den Andruck von ihren Sitzen geworfen wurden.

Das Hecktriebwerk brüllte auf, und eine Feuerlohe leckte über den Bodenbelag. Dunkle Rauchschwaden hüllten die umstehenden Maschinen ein. Bodenpersonal und Piloten rannten über den Platz und versuchten sich in Sicherheit zu bringen.
Zuerst nur langsam, dann immer schneller schoss die Rakete in die Höhe. Fassungslos sahen ihr die Lotsen im Tower hinterher.
Vince Anderson starrte mit versteinerter Miene auf den Hauptbildschirm und ließ sich durch nichts in seinem Tun beirren. Als er aus dem Augenwinkel das Licht für den Sprechfunk sah, schaltete er ihn wie beiläufig ein.
»Achtung, Achtung! Kapitän Anderson! Landen Sie sofort! Sie haben bei dem unerlaubten Start zwei Raumschiffe beschädigt!«, schnarrte eine Stimme aus dem Lautsprecher. »Landen Sie sofort! Sonst schicke ich Ihnen die Raumpatrouille auf den Hals!«
Mit unbewegtem Gesicht schaltete Anderson das Funkgerät ab und stellte den R-3-Antrieb ein, als das Schiff die oberste Schicht der Atmosphäre passierte. Trotz seines verwegenen Vorhabens wusste er genau, was er seiner Maschine abverlangen konnte. Auch wenn er wertvolle Zeit gewonnen hätte, wäre es zu riskant gewesen, den Antrieb bereits innerhalb der Atmosphäre hinzuzuschalten.
Hinter sich hörte er ein Stöhnen aus mehreren Kehlen.
»Was … was ist geschehen?«, fragte Ringo Olsen und fasste sich an den Kopf.
»Wir sind im Raum«, erklärte Anderson trocken. »Setz dich ans Radargerät, damit wir rechtzeitig merken, wenn uns die Raumpatrouille an den Kragen will«, ordnete er an, ohne sich weiter für den Zustand seiner Männer zu interessieren.
Diese folgten den weiteren Anweisungen zuerst nur widerwillig, doch der kalte Blick ihres Chefs machte ihnen deutlich, dass er Widerspruch nicht zuließ.
»Sie … hätten nicht ohne Erlaubnis starten dürfen«, warf Theo Cummings dennoch zögernd ein. »Selbst wenn wir der Raumpatrouille entwischen … bei unserer Rückkehr auf die Erde erwischt man uns doch!«
Anderson verzog die Lippen. »Bei unserer Rückkehr sieht alles ganz anders aus, Teddy. Dann sind wir so unermesslich reich, dass uns die Entschädigungssumme für die zerkratzten Raumschiffe und die Strafe nicht das Geringste ausmachen werden. Und sollten sie mir mein Kapitänspatent entziehen …«, er zuckte mit den Schultern. »Ich wollte mir sowieso eine Insel in der Südsee kaufen.«
Die Männer konnten selbst nicht sagen, ob es die Gelassenheit ihres Chefs war oder die Aussicht auf einen Reichtum, den sich keiner von ihnen auch nur ansatzweise vorstellen konnte.
»Achtung!«, rief Ringo Olsen nach einem Blick auf den Bildschirm. »Wir haben ein Raumschiff auf dem Radar. Es hat seinen Kurs auf unseren abgestimmt.«
Anderson knurrte. »Das wird das Schiff der Raumpatrouille sein, das diesen Sektor überwacht.«
Nun warfen sich die Männer doch einen besorgten Blick zu.
»Das ist das Ende unserer Eskapade, Chef!«, jammerte Frank Stone. »Ich sehe uns schon im Straflager auf der Venus landen statt auf dem zweiten Planeten im neu entdeckten System!«
»Mach die Strahlenkanone klar, Teddy«, wies Anderson seinen Untergebenen an, ohne auf Stones Äußerung einzugehen.
»Zu Befehl«, antwortete Cummings und warf seinem Kollegen einen scharfen Blick zu. Doch Frank Stone ließ sich nicht beirren.
»Sie wollen es auf einen Kampf ankommen lassen?«, überschlug sich seine Stimme fast. »Das ist doch aussichtslos! Die Patrouillenschiffe sind viel besser bewaffnet als wir!«
Anderson wandte sich nur kurz zu seinem aufmüpfigen Untergebenen um. »Und wir haben den Vorteil, dass uns die Patrouille erst zum Beidrehen auffordern muss, bevor sie ihre Geschütze einsetzen darf.«
»Achtung, ein zweites Patrouillenschiff nähert sich dem Sektor!«, warf Ringo ein.
Anderson brummte. »Sie wollen uns also jede Fluchtmöglichkeit abschneiden.«
Als er sah, wie Frank Stone den Mund öffnete, schnitt er ihm mit einer unwirschen Bewegung das Wort ab und überprüfte den Kurs des zuerst entdeckten Schiffes. »Ausgezeichnet!«, rief er aus und erhob sich aus seinem Sessel. »Lass mich an die Kanone, Teddy«, forderte er ihn auf. »Übernimm du die Kontrolle, Ringo.«
Dieser sah seinen Chef irritiert an. »Ich verstehe nicht …?«
Beide Männer folgten jedoch der Anweisung, und Anderson beugte sich über die Waffenkontrolle. Als nur wenig später der Befehl über Funk einging, das Schiff zu stoppen, setzte er ohne zu zögern seine Strahlenkanone ein.
Blitzend schlug der Strahl in das Heck des Patrouillenschiffs ein und löste es in Atome auf. Eine Explosion erschütterte das Schiff, und die Steuertriebwerke trudelten durchs All.
Anderson lachte auf. »Halte den Kurs, Ringo. Das Patrouillenschiff ist manövrierunfähig.«
»Aber das zweite Schiff?«, hakte dieser nach.
Vince Anderson winkte ab. »Keine Sorge. Das erste Schiff kann seine Flugbahn nicht ändern … mit diesem Kurs rauscht es auf die Sonne zu. Glaubst du, die Männer im zweiten Schiff lassen ihre Kameraden verglühen?«
Ringo Olsen lief bei der Kaltblütigkeit seines Chefs ein Schauder über den Rücken, dennoch ließ er sich nichts anmerken.
»Sie haben recht«, meinte Theo Cummings. »Das zweite Schiff hat seinen Kurs geändert!«
Anderson grinste zufrieden und stemmte die Arme in die Hüften.
»Der Weg in das fremde System ist frei, Jungens!«
Er wies Ringo an, den Pilotensitz wieder zu räumen und nahm selbst Platz. Seine Augen überflogen die Instrumente. »Jetzt kann uns nichts mehr aufhalten«, sagte er, nachdem er sich vergewissert hatte, dass sie sich wieder auf dem eingegebenen Kurs befanden. »Die Diamanten auf dem zweiten Planeten sind schon so gut wie in unseren Taschen!«
*
Zur gleichen Zeit wurde auf dem Versuchsgelände der Weltraum-Forschungsbehörde in der Wüste von Nevada an der Ausrüstung des Sternenschiffs gearbeitet.
Das einzigartige, kugelförmige Raumschiff ragte wie ein Berg in den stahlblauen Himmel und schimmerte matt im Licht der Sonne. Zahlreiche Kräne und Aufbauten rings um das Schiff nahmen letzte Reparaturarbeiten vor oder beförderten Zubehör in die Ladebucht.
Inmitten der Betriebsamkeit auf dem Landedeck standen Nick und Xutl und sahen wie gebannt auf den stählernen Koloss.
»Die Arbeiten schreiten planmäßig voran«, erklärte der Marsianer. »In drei Wochen können wir starten.«
»Gut. Ich …«, wollte Nick antworten, als ihn eine Lautsprecherdurchsage unterbrach.
»Achtung, Achtung! Nick, bitte zum Chef!«
Verwundert sahen sich die beiden Männer an.
»Am besten, du kommst mit«, meinte Nick zu seinem Freund, und der Marsianer stimmte zu.
Sie stiegen in einen bereitstehenden Turbowagen und fuhren das Landefeld entlang zum Hauptgebäude. Nach dem schweren Sabotageanschlag durch Diktator Dragos Leute war die Anlage wieder vollkommen instand gesetzt worden. Kurze Zeit darauf standen sie vor Murrays Büro und wurden durch den Sekretär des Chefs der Weltraumbehörde hereingebeten.
Murray erhob sich hinter seinem Schreibtisch und reichte den beiden Männern die Hand. Der ernste Blick seines Vorgesetzten machte Nick stutzig.
»Ich wollte mit Ihnen über Ihre Besatzung sprechen«, eröffnete Murray. »Aber vorher muss ich Ihnen noch mitteilen, dass Kapitän Anderson trotz strikten Startverbots abgeflogen ist.«
»Donnerwetter, das hätte ich ihm nicht zugetraut!«, stieß Nick verblüfft aus.
Murray schüttelte den Kopf.
»Der Kerl ist mit allen Wassern gewaschen. Er hat ein Schiff der Raumpatrouille mit seiner Strahlenkanone beschädigt und damit das zweite ihn verfolgende Schiff mehr oder weniger außer Gefecht gesetzt, weil die Jungs an Bord ihre Kameraden retten mussten.«
Nick schob das Kinn vor.
»Anderson scheint ein guter Taktiker zu sein«, musste er eingestehen. »Aber ich verstehe nicht, warum er ein solches Risiko auf sich nimmt. Gegen das Sternenschiff hat er doch keine Chance. Selbst wenn es ihm gelingt, vor uns den zweiten Planeten zu erreichen, dann hilft ihm das gar nichts! Das Medaillon hat Miss Lee.«
»Hm … vielleicht will er die Wilden mit Waffengewalt zwingen, ihm die Diamanten auszuhändigen?«, überlegte Murray.
Nick fuhr sich übers Kinn. »Ich kann nur nicht verstehen, dass Anderson das versuchen will, Sir. Er hat das Tagebuch von Miss Lees Vater gelesen, und daraus geht hervor, dass die Wilden in unzugänglichen, von Sümpfen umgebenen Schluchten leben. In solch einer Schlucht helfen moderne Waffen wenig. Das musste die Besatzung von Baltimore Lees Expedition ja am eigenen Leibe erfahren.« Er schüttelte den Kopf. »Nein, es ist undenkbar, dass Anderson das übersehen hat.«
Murray sah ihn eindringlich an.
»Ich rate Ihnen, vor Anderson auf der Hut zu sein. Er muss bestimmte, Ihnen unbekannte Pläne verfolgen.« Er sah kurz auf seinen Schreibtisch. »Aber nun zu Ihrer Besatzung …«
Der Leiter der Weltraumbehörde machte eine kurze Pause, als wisse er nicht so recht, wie er anfangen sollte.
»Der Chef der Weltsicherheitsbehörde wünscht, dass außer den von Ihnen angegebenen Männern noch drei hinzukommen.«
Nick sah seinen Vorgesetzten verwundert an. »Wie?! Die Besatzung ist vollständig, Sir!«, erwiderte er.
Murray hob beschwichtigend die Hand. »Vollständig schon. Aber es sind nicht einmal zehn Prozent der Männer der ersten Sternenschiff-Expedition an Bord. Raum genug haben Sie also, um den Wunsch Ihres obersten Chefs zu berücksichtigen.«
»Die Erfahrungen, die ich auf der ersten Expedition gesammelt habe, rechtfertigen eine geringere Anzahl, Sir«, führte Nick aus. »Ich habe die Männer dieses Mal nicht nur nach ihren fachlichen Kenntnissen ausgesucht, sondern auch charakterliche Gesichtspunkte berücksichtigt.«
»Wenn Ihnen das Sorge macht, kann ich Sie beruhigen«, antwortete Murray. »Die drei Neuen sind über jeden Zweifel erhaben. Sie sind vor einer Woche von der Raumakademie abgegangen. Es handelt sich um Eric Marsh …«
»Eric Marsh. Ist das etwa …?«, entfuhr es Nick.
»Ja, der Sohn eben unseres höchsten Chefs«, bestätigte sein Vorgesetzter. »Die anderen beiden sind Freunde von ihm. Richard Dickson und Peter Bruce. Alle drei sind prächtige Burschen, wie ich selbst feststellen konnte!«, betonte er.
Nicks Miene machte keinen Hehl daraus, dass er von dieser Anordnung nicht begeistert war.
»Hm, eigentlich … na, dem Wunsch des Chefs kann ich mich nicht verschließen«, meinte er schließlich.
»Gut«, antwortete Murray und wirkte erleichtert. »Die drei warten nebenan. Kommen Sie, ich mache Sie mit ihnen bekannt.«
Er ging auf eine Seitentür zu und öffnete sie. Als sie den dahinter liegenden Raum betraten, empfing sie eine schneidige Stimme.
»Achtung, stillgestanden!«, rief ein junger Mann in tadellos sitzender Uniform, und zusammen mit den anderen beiden Anwesenden nahm er Haltung an.
Nick lachte. »Rühren, Sie sind nicht mehr auf der Akademie«, begrüßte er die drei, und sie folgten seiner Bitte.
Murray ging auf den Jungen zu, der den Befehl gegeben hatte.
»Das ist Eric«, stellte er ihn vor.
Eric Marsh war ein junger Mann von vielleicht achtzehn Jahren, der einen Bürstenhaarschnitt trug. Sein keck wirkendes Gesicht war mit Sommersprossen übersät.
Er machte eine zackige Verbeugung. »Es ist eine Ehre für mich, an der Expedition teilnehmen zu dürfen, Sir!«, wandte er sich an Nick.
»Danke«, erwiderte dieser. »Aber nennen Sie mich ruhig Nick, junger Mann. Das ist so üblich in der Schiffsgemeinschaft.«
Eric Marsh nickte und strahlte dabei.
»Richard und Peter«, stellte Murray die anderen beiden Kadetten vor.
»Zu Befehl, Nick!«, antworteten sie wie aus einem Munde und waren sichtlich stolz, ihn beim Vornamen nennen zu dürfen.
Der Weltraumfahrer schmunzelte. »Danke. Am besten, Sie lassen sich von Xutl durch das Schiff führen, damit er Ihnen Ihre künftigen Arbeitsbereiche zuweisen kann.«
Er sah zu seinem Freund, der ihm zunickte und die jungen Männer bat, ihm zu folgen, während Nick mit Murray die Vorbereitungen bis zum Starttermin durchging.
DREI
Drei Wochen später startete das gewaltige Schiff vom Raumgelände in Nevada und durchbrach binnen weniger Minuten die Atmosphäre, um mit zugeschaltetem R-3-Triebwerk das Schwerefeld der Erde zu verlassen.
Nick verfolgte auf dem Heckbildschirm, wie der blaue Planet immer schneller hinter ihm zurückblieb.
»Achtung, Xutl. In fünf Minuten und siebzehn Sekunden schalte ich auf Überlichtantrieb«, richtete er sich an seinen Freund im Kopilotensitz.
»Gut. Die Vergleichszahlen stimmen«, antwortete der Marsianer.
Nick schaltete den Countdown dazu und wartete darauf, dass dieser auf Null ging. Doch kurz bevor die Zeit ablief, blinkte ein Licht am Instrumentenpult auf.
»Die Warnlampe am Kontrollgerät leuchtet auf«, meinte Nick und runzelte die Stirn. »Die Steuerung des Überlichtantriebs ist gestört!«
»Das ist unmöglich!«, stieß Xutl aus. »Ich habe vor dem Start die Anlage noch einmal persönlich überprüft!«
»Und doch leuchtet das Warnsignal auf«, entgegnete Nick und wies auf die Diode.
»Ich verstehe das nicht«, murmelte Xutl und wirkte sichtlich ratlos.
»Alle Maschinen stopp!«, ordnete Nick über Bordfunk kurz entschlossen an. »Die Verantwortlichen für den Überlichtantrieb in die Zentrale. Ende!«
Nick erhob sich und sah in die angespannten Gesichter der Männer, die an ihren Konsolen saßen. Jane Lee hatte sich beim Start in der Zentrale aufgehalten und kam auf ihn zu. Auf ihrer Stirn hatte sich eine kleine Falte gebildet.
»Warum lassen Sie die Maschinen stoppen?«, fragte sie. »Wir können doch mit R-3-Antrieb weiterfliegen, bis der Schaden behoben ist?«
»Das würde neue Berechnungen für den Flug mit dem Überlichtantrieb erfordern«, erklärte Nick. »Das dauert länger als die Zeit, die wir verlieren, wenn wir an diesem vorausberechneten Punkt stehen bleiben.« Er sah, wie sie ihre Lippen schürzte. »Sie brauchen keine Angst zu haben, das Ihnen Kapitän Anderson zuvorkommt«, fügte er lächelnd an.
In diesem Augenblick betraten die beiden verantwortlichen Männer für den Überlichtantrieb die Zentrale. Chefingenieur Warren Jones zuckte nur hilflos mit den Schultern, nachdem Xutl sie instruiert hatte.
»Die Störung ist uns vollkommen unverständlich«, sagte er.
»Uns auch«, antwortete Nick. »Aber damit wird der Schaden nicht behoben, meine Herren. Gehen Sie mit Xutl an die Arbeit.«
Der Marsianer ging auf die Konsole mit dem Steuerungsgerät zu, und die beiden Männer schlossen sich ihm an.
*
Harvey Blake saß am Pult vor der Funkanlage und notierte eine eingehende Nachricht. Wegen der Interferenzen hatte er die Kopfhörer übergestreift, um den Text besser verstehen zu können. Neben ihm stand sein Kollege Ronald Perten und lehnte sich müßig gegen die Tischplatte. Gerade unmittelbar nach dem Start fiel es offiziellen Stellen oder Angehörigen noch ein, eine Nachricht an ein Mitglied der Besatzung zu schicken.
Blake war gerade mit der Notiz fertig, als eine Durchsage die Funkübertragungen unterbrach.
»Achtung, Blake und Perten sofort in die Zentrale!«
Die beiden Funker sahen sich ratlos an und fragten sich zuerst, ob sie richtig gehört hatten. Doch die Meldung kam ein zweites Mal mit einem eindringlichen Klang in der Stimme.
Die Männer verließen den Raum und liefen mit schnellen Schritten den Gang entlang.
»Was mag Nick von uns wollen?«, überlegte Perten. »Es ist ungewöhnlich, dass wir die Funkanlage unbesetzt lassen.«
»Darüber denke ich nicht nach. Anweisung ist Anweisung«, antwortete Blake.
*
Wenige Minuten später und gleichzeitig Hunderttausende von Kilometern entfernt erreichte ein Funkspruch Kapitän Andersons Raumschiff, das gerade zum Manöver ansetzte, um in die Dimensionsspirale einzutauchen, die in das neu entdeckte Universum führte.
Als Frank Stone die Kennzeichnung der Übertragung durchgab, forderte ihn Anderson auf, die Nachricht auf seine Konsole zu überspielen und nahm sie über Kopfhörer persönlich entgegen. Mehrfach nickte er, dann grinste er zufrieden.
»Verstanden«, antwortete er der Stimme am anderen Ende. »Führen Sie alles Weitere wie besprochen aus. Ende!«
Er schmunzelte und strich sich über seinen Schnurrbart.
»Unser Mann ist in Ordnung, Leute«, meinte er zu seinen Männern. »Nicks Schiff liegt mit einer Störung in der Überlichtantriebs-Anlage fest!« Er konnte ein Lachen nicht unterdrücken. »Bis der Schaden behoben ist, sind wir in der neuen Dimension.« Er deutete auf den wabernden Spiralnebel, der den ganzen Hauptbildschirm einnahm.
»Gut!«, antwortete Ringo Olsen. »Wollen Sie uns nicht sagen, wer an Bord des Sternenschiffs für uns arbeitet?«, hoffte er, seinem Chef das Geheimnis entlocken zu können.
Anderson sah ihn einen Augenblick lang an und schüttelte dann den Kopf. »Lieber nicht. Es ist besser, nur ich kenne unseren Verbündeten.«
Olsen nickte stumm. Er wusste, dass sich sein Chef nur ungern in die Karten schauen ließ.
»Jeder Mann auf seinen Platz!«, herrschte der Kapitän seine Männer an. »Wir fliegen durch die Spirale.«
Anderson holte tief Luft, bevor er den Steuerhebel nach vorne drückte. Es war nicht sein erster Sprung in das fremde Universum, dennoch beschleunigte sich sein Herzschlag unwillkürlich, als die Arme des Nebels immer größer wurden.
Vorsichtig steuerte er sein Schiff in das unheimliche Raumgebilde, das die beiden Dimensionen verband.
Keiner der Männer in der Zentrale wagte ein Wort zu sagen. Die Anspannung unter ihnen war fast körperlich spürbar. Lichtblitze durchfluteten den Raum, auf der Außenhülle war ein bedrohliches Knistern zu vernehmen – und dann tat sich vor ihnen das Schwarz des anderen Weltalls auf.
»Geschafft …«, murmelte Anderson und stieß ein Lachen aus, um seine Nervosität zu überdecken. »Der zweite Planet und die Diamanten des alten Lee warten auf uns!«
*
Nick staunte nicht schlecht, als er die beiden Männer sah, die die Zentrale betraten und auf ihn zukamen.
»Blake und Perten?«, begrüßte er sie. »Was wollen Sie hier?« Die Funker warfen sich einen Blick zu und sahen den Weltraumfahrer verblüfft an.
»Aber … Sie haben uns doch hierher befohlen«, entgegnete Harvey Blake.
Nick runzelte die Stirn. »Ich? Unsinn! Das muss ein Irrtum von Ihnen sein.«
»Bestimmt nicht!«, beharrte Blake. »Sie haben uns über Bordfunk Anweisung gegeben, in die Zentrale zu kommen. Wir haben uns auch gewundert.«
Nick blickte die beiden Männer nachdenklich an. Es war offensichtlich, dass sie genauso irritiert waren wie er. »Merkwürdig … Gehen Sie in den Funkraum zurück«, wies er sie an.
»Jawohl, Sir«, antwortete Perten, und die Funker beeilten sich, die Zentrale zu verlassen.
Nick sah ihnen nach und konnte sich auf die Geschichte keinen Reim machen. Im Augenblick musste er sich ohnehin um Wichtigeres kümmern. Ohne funktionierenden Überlichtantrieb saßen sie hier fest.
Er ging zu der Konsole hinüber, an der Chefingenieur Jones und Franks, der leitende Techniker, die Frontblende abgenommen hatten, um die dahinter liegenden Bauelemente untersuchen zu können.
»Wie steht es?«, fragte er Xutl, der ein Bauteil mit einem Prüfgerät untersuchte. »Habt ihr die Störungsursache gefunden?«
»Noch nicht«, musste der Marsianer einräumen. »Im Steuerungsgerät ist alles in Ordnung.«
Warren erhob sich mit einem Ächzen. »Wir folgen jetzt den Leitungen, die in das Aggregat führen.«
Nick warf dem Mann einen ernsten Blick zu. »Hoffentlich liegt die Störung nicht im Aggregat selbst.«
»Das hoffen wir auch«, erwiderte Franks. »Wir haben zwar alle Ersatzteile an Bord, aber eine Reparatur des Aggregats würde eine langwierige Arbeit werden.«
Der Weltraumfahrer wollte etwas darauf erwidern, als jemand in die Zentrale stürmte und seinen Namen rief. »Blake?«, erkannte er den Funker. »Sie sind schon wieder hier?«
Der Mann schnaufte, um wieder zu Atem zu kommen. »Sehen Sie sich den Kontrollstreifen an«, sagte er und reichte ihm das dünne Plastikband, auf dem Zahlen und Buchstaben eingestanzt waren.
»Ja, und …?«, antwortete Nick.
»Jeder Funkspruch wird automatisch registriert, wie Sie wissen«, erläuterte Blake. »Während Perten und ich vorhin hier waren, ist ein Funkspruch gesendet worden!«
»Was?!«, entfuhr es Nick.
Der Funker nickte, wie um seine eigenen Worte zu bestätigen. »Derjenige, der den Funkspruch gesendet hat, muss das Aufzeichnungsgerät abgeschaltet haben, weil der Wortlaut der Übermittlung nicht erfasst worden ist. Aber er hat nicht daran gedacht, dass die Funksprüche unabhängig davon nummeriert werden.«
»Teufel!«, entfuhr es Nick. »Das bedeutet, dass jemand unter dem Vorwand, ich hätte Sie und Perten in die Zentrale befohlen, heimlich einen Funkspruch abgesendet hat!«
»Genau«, stimmte Blake zu. »Leider können wir nicht feststellen, an wen der Funkspruch gerichtet wurde und wer ihn gesendet hat.«
Nick presste die Lippen aufeinander und dachte angestrengt nach.
»Danke, Blake«, richtete er sich an den Funker. »Gehen Sie zurück auf Ihren Posten. Und lassen Sie in Zukunft den Funkraum nie unbesetzt, was auch immer geschehen mag!«
Harvey Blake nickte knapp. »Ich beginne zu verstehen, aber das gefällt mir alles nicht.«
Nick entließ den Mann und ging zurück zum Marsianer, der ein weiteres Bauteil inspizierte. Er beugte sich zu ihm, sodass die Umstehenden ihn nicht hören konnten.
»Lass die beiden Spezialisten alleine weiter nach der Störungsursache suchen, Xutl. Ich muss mit dir sprechen.«
Der Marsianer sah ihn verblüfft und ernst zugleich an und gab Warren ein paar Anweisungen, bevor er sich Nick anschloss.
»Wir gehen in meine Kabine«, meinte der Weltraumfahrer und winkte Tom Brucks zu sich. »Komm du bitte auch mit.«
»Was ist los?«, fragte der Biologe, der sich die Zeit in der Zentrale vertrieb. »Du machst ein Gesicht wie zehn Tage Regenwetter.«
Nick erwiderte nichts darauf, sondern verließ die Brücke und ging zu seiner Kabine.
Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, trat er an die Kontrollkonsole und drückte mehrere Knöpfe.
»Was machst du da, Nick?«, fragte Xutl.
»Ich schalte alle Möglichkeiten aus, dass unser Gespräch belauscht werden könnte«, antwortete der Weltraumfahrer.
»Wie?«, entfuhr es Tom Brucks. »Ich verstehe nicht …?«
Nick drehte sich zu seinen beiden Freunden um. Zwischen seinen Augen hatte sich eine tiefe Falte gebildet.
»Es ist etwas geschehen, das mich vermuten lässt, dass wir jemanden an Bord haben, der … nun, sagen wir … unser Vertrauen nicht verdient.«
Xutl und Tom Brucks sahen ihn fassungslos an. Nick bat sie, Platz zu nehmen, und unterrichtete sie über den geheimnisvollen Funkspruch. Der Marsianer legte die Hand ans Kinn und hörte ihm schweigend zu.
»Das ist wirklich seltsam«, meinte Tom Brucks. »Wir …«
Nicks Kopf ruckte herum. Jemand klopfte gegen die Kabinentür. Er warf seinen Freunden einen schnellen Blick zu und erhob sich, um die Tür zu öffnen.
»Ah, die beiden Experten für den Überlichtantrieb«, begrüßte er Warren und Franks, die auf dem Gang standen.
»Wir haben den Grund für die Störung gefunden«, entgegnete Chefingenieur Warren und warf ein kleines Knäuel in die Luft.
»Ein Stückchen Draht?«, fragte Nick, nachdem er es aufgefangen hatte.
»Ja, nur ein Stückchen Draht …«, antwortete der Ingenieur mürrisch. »Es hat einen Kurzschluss verursacht. Was mich nicht wundert. Das eigentlich Merkwürdige an diesem Draht ist, dass er nicht zu dem Gerät gehört, in dem wir ihn gefunden haben.«
»Hm …«, überlegte Nick. »Haben Sie die Störung behoben?«
»Ja«, antwortete John Franks. »Nachdem wir den Draht entfernt hatten, konnten wir das Aggregat wieder hochfahren. Die Anlage ist vollkommen überprüft worden. Sie funktioniert wieder einwandfrei!«
»Danke«, antwortete Nick. »Bitte bewahren Sie Stillschweigen über diesen geheimnisvollen Draht.«
Er hob das Knäuel an, und der Ingenieur wie auch der Techniker nickten. Ihnen war anzusehen, wie sehr sie sich über diesen Vorfall ärgerten. Sie verabschiedeten sich, und Nick schloss die Tür.
Er warf seinen Freunden einen gedankenverlorenen Blick zu.
»Es hat keinen Sinn, darum herumzureden … wir haben einen Verräter an Bord!«
»Du hast recht«, entgegnete Xutl ernst. »Der Draht ist der Beweis dafür, dass jemand die Anlage sabotiert hat. Aber …«
»… wer könnte das getan haben?«, fiel ihm Tom Brucks ins Wort. »Und warum?«
Nick sah ihn unverwandt an. »Die Beschädigung der Überlichtgeschwindigkeits-Anlage war nur geringfügig. Aber sie bedeutet für uns einen Zeitverlust. Ich wüsste jemanden, dem das sehr gelegen käme!«
»Du meinst Anderson?«, hakte Tom nach.
»Genau«, bestätigte der Weltraumfahrer. »Anderson ist trotz Startverbot zu einer Raumreise aufgebrochen, und ich müsste mich schon sehr irren, wenn sie ihn nicht in das neu entdeckte Sonnensystem führt! Er hat vier Wochen Vorsprung, wenn ich mich an Murrays Information richtig erinnere, aber wir wären mit Überlichtgeschwindigkeit doch lange vor ihm auf dem zweiten Planeten gelandet.«
Er wandte sich dem Marsianer zu.
»Du kannst es ausrechnen. Xutl. Ich vermute, Anderson fehlte genau diese durch die Sabotage hervorgerufene Verzögerung, um vor uns ans Ziel zu gelangen.«
Sein Freund nickte. »Ich rechne es nach. Aber selbst wenn sich dein Verdacht bestätigen sollte, wissen wir nicht, wer von unserer Besatzung mit ihm im Bunde ist.«
Nick schob das Kinn vor. »Früher oder später wird er sich verraten«, überlegte er. »Er wird versuchen … Geh zu Jane Lee, Tom«, wies er den Biologen an. »Sie soll dir das Medaillon aushändigen. Es ist besser, ich verwahre es.«
»Gut«, stimmte Tom Brucks zu.
Die Männer verließen die Kabine. Während Tom zu Jane Lees Quartier ging, schlugen Nick und Xutl den Weg zur Zentrale ein. Nachdem das Aggregat wieder funktionierte, mussten sie nur wenige Kontrolldurchläufe durchführen und konnten dann auf Überlichtgeschwindigkeit schalten.
VIER
Das Sternenschiff schien sich in Nichts aufzulösen und ließ nur den leeren Weltraum zurück – nur um im Bruchteil von einer Sekunde an der vorausberechneten Stelle in der Nähe des Dimensionswirbels wieder zu materialisieren.
Das Gebilde wirkte wie ein kleines Abbild der Milchstraße. Die Spiralarme waren durchzogen von Abertausenden glitzernder Bestandteile, die wie weit entfernte Sterne wirkten.
Nick ließ sich einen Augenblick lang von dem Bild gefangen nehmen, dann wandte er sich Johnson an der Ortung zu. »Stellen Sie fest, ob in diesem Sektor Raumschiffe den Wirbel anfliegen.«
Nach wenigen Sekunden kam die Rückmeldung. »Drei Schiffe halten Kurs darauf. Ich kann ihre Zeichen im Teleskop erkennen. Sie gehören der Interstellar-Gesellschaft. Ein weiteres Schiff kann ich mit keinem unserer Instrumente entdecken.«
»Dann ist Andersons Schiff schon durch die Dimensionsspirale geflogen«, meinte Nick mit leiser Stimme zu Xutl im Kopilotensitz. »Na, wir wollen auf der Hut sein.«
Gerade als er das Sternenschiff in das Zentrum des Wirbels steuern wollte, eilte Tom Brucks in die Zentrale und hielt auf ihn zu.
»Nick, komm sofort mit zu Jane Lee!«, bat er ihn eindringlich. »Sie … scheint ohnmächtig zu sein.«
»Was?«, stieß der Weltraumfahrer aus und erhob sich. »Übernimm du das Kommando, Xutl.«
Der Marsianer bestätigte, und Nick folgte dem Biologen. Sie hasteten die Gänge entlang, bis sie Jane Lees Kabine erreichten. Nick öffnete die Tür und zuckte im ersten Moment zusammen.
Wie leblos lag die junge Frau auf ihrem Bett. Der Kopf hing über der Kante.
»Miss Lee!«, rief er, doch sie reagierte nicht.
»Sie rührt sich nicht. Ich habe vergeblich versucht, sie zu sich zu bringen!« In Toms Stimme schwang Besorgnis mit.
Nick griff sie bei den Schultern und drehte sie herum, sodass sie vollständig auf dem Bett lag.
Er legte seine Finger auf ihr Handgelenk und atmete auf.
»Gott sei Dank! Ihr Puls ist regelmäßig.«
Nun konnte er auch sehen, wie sich ihre Brust schwach hob und senkte. Er schaltete das Licht an und sah sich aufmerksam um. Sein Blick fiel auf ein Glas, das halb unter das Bett gerollt war. Es war bis auf einen letzten Rest fast völlig geleert.
Nick betrachtete die orangefarbene Flüssigkeit im Licht und hob das Glas an seine Nase. Er roch nur kurz daran und verzog den Mund. »Hm … dieses Fruchtgetränk hat einen merkwürdigen Geruch«, stellte er fest. »Hol den Bordarzt, Tom!«
Sein Freund nickte und verließ mit schnellen Schritten die Kabine. Nick warf der jungen Tierfängerin einen besorgten Blick zu und sprach zu ihr. Doch sie zeigte weiterhin keine Reaktion.
Wenige Minuten später war Tom Brucks mit Brian Ferris, dem Bordarzt, zurück. Der Mediziner bat die beiden Männer, die Kabine zu verlassen, um Jane Lee gründlich zu untersuchen.
Nick und Tom standen auf dem Gang und hingen ihren Gedanken nach. Nach unendlich scheinenden Minuten öffnete sich die Tür, und Ferris erschien im Türrahmen.
»Was ist mit Miss Lee, Doktor?«, fragte Nick voller Unruhe.
Der Arzt wiegte den Kopf. »Sie muss eine Überdosis Schlafmittel genommen haben. Ihr Zustand ist nicht gefährlich. Am besten, wir lassen sie ausschlafen. Ich sehe nachher noch einmal nach ihr.«
Tom Brucks gab einen unbestimmten Laut von sich. »Das verstehe ich nicht. Vor ein paar Tagen habe ich Miss Lee gegenüber über meine Schlaflosigkeit geklagt und sie nach ihrem Schlaf gefragt. Sie sagte, dass sie wie ein Kind auf der Stelle einschliefe, sobald sie sich zur Ruhe lege. Und nun soll sie plötzlich ein Schlafmittel benutzen? Da stimmt was nicht!«
Nick sah seinen Freund ernst an. »Du hast recht. Außerdem wäre es seltsam, wenn Miss Lee angekleidet zu Bett ginge.« Er hielt inne. »Sollte unser geheimnisvoller Feind …?«
Er wandte sich an den Arzt. »Haben Sie bei Ihrer Untersuchung gesehen, ob Miss Lee ein Medaillon um den Hals trägt?«
Ferris schüttelte den Kopf. »Nein, ein Medaillon wäre mir bestimmt aufgefallen.«
Nick bedankte sich und bat den Arzt, zur Krankenstation zurückzukehren.
Nachdem er mit seinem Freund alleine war, schüttelte er leicht resigniert den Kopf. »Unser geheimnisvoller Feind hat keine Zeit verloren, Tom. In Miss Lees Kabine war alles in Ordnung. Er hat sie also nicht durchsucht.«
»Miss Lee hat das Medaillon bestimmt immer bei sich getragen«, vermutete der Biologe. »Und der Schurke brauchte nur zuzugreifen, als er sie mit dem Schlafmittel betäubt hatte.«
»Bleib bei ihr, bis sie erwacht, und benachrichtige mich dann sofort«, bat Nick seinen Freund. »Ich muss in die Zentrale.«
*
Nick wollte nicht noch mehr Zeit verlieren. Xutl hatte das Sternenschiff bereits in eine perfekte Ausgangsposition vor den Dimensionswirbel navigiert, und so musste der Weltraumfahrer es nur noch hindurchsteuern.
Beim Eintritt in den Wirbel flimmerte wenige Augenblicke lang alles um sie herum in hellen Lichtern, die durch die Luft tanzten, doch das Phänomen verschwand so schnell, wie es gekommen war. Nick betrachtete den dunklen Sternenhimmel, der sich nun vor ihm erstreckte, und fragte sich, welche Geheimnisse dieses neue Universum bergen mochte.
Er riss sich von dem Gedanken los und wandte sich zu Xutl um. »Berechne den Kurs«, bat er ihn. »Wir fliegen sofort den zweiten Planeten an.«
»Ich habe die Daten bereits in die automatische Steuerung eingegeben«, antwortete der Marsianer.
»Gut«, antwortete Nick. Wieder einmal wurde ihm bewusst, wie sehr er sich auf seinen außerirdischen Freund verlassen konnte.
»Der zweite Planet steht in einer sehr günstigen Position«, fügte Xutl an. »Übrigens, meine Berechnungen über Andersons Schiff haben ergeben, dass der Zeitverlust, den wir durch die Sabotage gehabt haben, ihm genügend Vorsprung verschafft hat.«
»Also doch«, brummte Nick.
»Was nützt ihm das aber letzten Endes?«, erwiderte Xutl. »Ich verstehe diesen Anderson nicht. Ohne das Medaillon kann er doch gar nicht an die Diamanten heran.«
Nick legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihn eindringlich an.
»Wenn wir nicht scharf aufpassen, bekommt er das Medaillon wohl …«
»Was?«, stieß der Marsianer entgeistert aus, und mehrere Besatzungsmitglieder drehten sich zu ihm um.
Nick zog ihn in eine stille Ecke der Zentrale. »Unser unbekannter Feind hat wieder zugeschlagen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist es ihm gelungen, Miss Lee das Schmuckstück zu entwenden.«
Xutls Miene verfinsterte sich bei diesen Worten.
*
Einige Stunden später erhielt Nick von Jane Lee die Bestätigung seiner Vermutung. Er legte den Arm tröstend um die junge Frau, die ihre Tränen nicht unterdrücken konnte.
»Mein Medaillon«, stieß sie aus. »Es ist verschwunden!«
Nick und Xutl hatten sich auf den Weg zu ihrer Kabine gemacht, nachdem Tom Brucks über Funk mitgeteilt hatte, dass sie erwacht sei.
»Beruhigen Sie sich, Miss Lee«, versuchte Nick sie zu trösten. »Ich treffe alle Vorkehrungen, um es dem Verräter unmöglich zu machen, nach unserer Landung mit dem Medaillon von Bord zu kommen.«
Die Worte konnten sie nicht wirklich beruhigen, und so blieb den drei Freunden nichts anderes übrig, als zu hoffen, den Verräter und Saboteur bei der Landung zu stellen.
*
Nach zwei Tagen Raumfahrt durch das fremde Sonnensystem ging das Sternenschiff um den zweiten Planeten in eine Kreisbahn. Bisher war er oberflächlich abgescannt worden und trug nur eine nüchterne Bezeichnung, und so lagen ihnen über die Beschaffenheit keinerlei Daten vor. Daher untersuchten sie vor der Landung die Oberfläche, was mehrere Stunden in Anspruch nahm.
»Von Andersons Schiff ist keine Spur zu entdecken«, meldete Dennis Gerald vom Ortungspult. Nick hatte die Besatzung inzwischen soweit eingeweiht und ihnen von Andersons waghalsigem Aufbruch erzählt. Die Geschichte über Baltimore Lee und die Diamanten behielt er bis auf Weiteres wohlweislich für sich. Er wollte, dass sich die Männer auf ihre Aufgabe konzentrierten.
»Kreisen andere Schiffe um den Planeten?«, fragte der Weltraumfahrer nach.
»Nein. Die großen Gesellschaften konzentrieren sich auf den dritten und vierten, die schon zum Teil erforscht sind.«
»Dann ist Anderson schon gelandet«, überlegte Nick. »Richten Sie die Instrumente auf die Umgebung unseres vorgesehenen Landeplatzes.«
Gerald bestätigte.
Nick ging zum Tisch der Kartografie, an dem Jane Lee ungeduldig auf ihn wartete. Ihr war anzumerken, wie schwer es ihr bei ihrem aufbrausenden Naturell fiel, untätig abwarten zu müssen.
Nick griff nach dem Tagebuch und schlug es auf. Er breitete eine ineinander gefaltete reißfeste Plastikfolie auf und betrachtete die einzelnen Markierungen darauf. »Gut, dass Ihr Vater eine recht detaillierte Karte beigefügt hat«, meinte er zu der jungen Frau. »Damit sollten wir nahe des Eingeborenendorfs landen können.«
Er ging zurück zum Pilotenpult und bat die Besatzung darum, ihre Ergebnisse durchzugeben.
»Die Instrumente sprechen an«, teilte Gerald mit.
»Gut, dann ist Anderson erledigt«, antwortete der Weltraumfahrer und nickte zufrieden.
Doch es verging keine Minute, bevor Nicks Zuversicht stark gedämpft wurde.
»Fehlanzeige« musste Gerald eingestehen. »Es war ein Berg, der sich aus dem Sumpf erhebt. Er ist stark eisenhaltig, und unsere Instrumente haben darauf angesprochen.«
Nick unterdrückte einen Fluch.
»Wir landen«, beschloss er und wartete, bis alle Platz genommen und sich angeschnallt hatten.
Das Sternenschiff senkte sich durch den Antigravitationsantrieb langsam herab und durchbrach die oberste Wolkendecke, die den Planeten einhüllte. Es vergingen Minuten, bis die weißen Schlieren endlich aufrissen und einen Blick auf die Landschaft freigaben. Die ersten Messungen ergaben, dass der zweite Planet durch seine Nähe zur Sonne deutlich wärmer war, und durch die Wolken herrschte ein tropisch-feuchtes Klima auf der Oberfläche. Unter ihnen breiteten sich weite, dicht bewachsene Dschungelwälder in einem grün-gelblich schimmernden Ton aus. Immer wieder wurden sie von bräunlichen, frei liegenden Sumpfflächen durchbrochen.
Nick steuerte einen Sumpf inmitten einer Hügellandschaft an und ließ das Sternenschiff darin versinken, bis nur noch eine flache Kuppe erkennen ließ, wo das kugelförmige Schiff verborgen lag. Er aktivierte die Kamera auf der Oberseite und schwenkte sie einmal um ihre Achse, bis er das gewünschte Ziel ausgemacht hatte.
Mit dem Finger deutete er auf eine im ersten Moment kaum erkennbare Schlucht, die zwischen zwei gewaltigen Felsen verlief. Jane Lee stellte sich neben ihn, und Tom Brucks und Xutl schlossen sich ihr an.
»Nach den Tagebuchaufzeichnungen befindet sich das bewohnbare Gebiet des Planeten hinter dieser Schlucht. Um die Eingeborenen nicht zu erschrecken, schlage ich vor, eine kleine Expedition zu bilden, die sie zu Fuß aufsucht.«
»Aber … die Wilden werden uns umbringen, wenn wir ohne das Medaillon zu ihnen kommen!«, warf Jane Lee ein.
»Keine Sorge«, entgegnete Nick. »Die Expedition wird aus Freiwilligen bestehen. Und einer von ihnen ist der Bursche, der Ihnen das Medaillon gestohlen hat.« Er zuckte mit den Schultern. »Eine andere Möglichkeit, aus dem Schiff zu kommen und es Anderson zu übergeben, gibt es für ihn nicht, weil außer der Expedition niemand das Schiff verlassen darf.«
»Sie sind mit allen Wassern gewaschen«, musst Jane Lee zugeben. »Ich möchte Sie nicht zum Feind haben!«
*
Nick gab sein Vorhaben an die Besatzung weiter und wies jeden, der an der Expedition teilnehmen wollte, an, sich innerhalb einer Stunde in der Messe einzufinden. Als Nick den Raum betrat, sah er sich gut einem Dutzend Männer gegenüber, die ihn erwartungsvoll ansahen. Er musterte die Freiwilligen, die sich für das Unternehmen gemeldet hatten, und stutzte, als er drei junge Gesichter erblickte.
»Eric, Richard und Peter?«, fragte er und schüttelte den Kopf. »Das Unternehmen ist zu gefährlich für Sie. Sie verfügen noch über zu wenig Erfahrung.«
»Einmal muss man beginnen, Erfahrungen zu sammeln«, antwortete Eric Marsh und schob keck das Kinn vor. »Warum nicht jetzt?«
»Das ist Ihre erste Raumfahrt. Ich trage die Verantwortung für Sie«, erklärte ihm Nick mit ernster Miene.
Erics Augen funkelten. »Ich bestehe darauf, an der Expedition teilzunehmen! Ich will nicht, dass man mich in Watte packt, nur weil ich der Sohn des Chefs der Weltsicherheitsbehörde bin.« Er machte einen Schritt auf Nick zu. »Ich werde mich bei meinem Vater über Sie beschweren!«
Der Weltraumfahrer schmunzelte. Er war in dem Alter nicht viel anders gewesen, musste er zugeben. »Immer mit der Ruhe, Eric. Vielleicht haben Sie recht.« Er sah die drei Kadetten an. »Wenn Sie und Ihre Freunde darauf bestehen, mitzukommen, dann machen Sie sich klar.«
Er wandte sich an alle Anwesenden. »Wir brechen in zehn Minuten auf. Stellen Sie Ihre nötige Ausrüstung zusammen!«
*
Der Aufbruch der kleinen Expedition blieb nicht unbeobachtet. Unentdeckt von den Sensoren konnten sich im Schutz der dichten Vegetation drei Männer nahe an das Sternenschiff heranschleichen, dessen Landung ihnen alles andere als verborgen geblieben war.
Butch Saunders reckte vorsichtig den Kopf hoch und spähte über die fleischigen Blätter einer Pflanze hinweg.
»Sie gehen zur Schlucht«, teilte er seinen Begleitern mit gesenkter Stimme mit.
»Kurz davor bleibt unser Mann wie verabredet etwas zurück«, antwortete Ringo Olsen. »Wir müssen uns bereithalten, das Medaillon entgegenzunehmen.«
Anderson hatte die Karten aus Baltimore Lees Tagebuch kopiert und eingehend studiert. Für das Sternenschiff gab es inmitten der hügeligen Landschaft nur eine Möglichkeit zu landen – und damit auch nur einen Weg zu den Eingeborenen, der durch diese Schlucht führte. Ihm war bewusst, dass er damit alles auf eine Karte setzte. Aber nur so hatte er seinen Spitzel schon vor dem Abflug mit Informationen versorgen können.
Die Männer folgten der Gruppe mit gebührendem Abstand und hielten sich so gut sie konnten im Dickicht verborgen.
*
Schon bald lief Nick der Schweiß über die Stirn. Zu der feuchten Hitze kam der beschwerliche Weg durch die dicht stehenden Farngewächse, die ihnen bis zu den Hüften wuchsen.
Die Luft war erfüllt von Myriaden kleiner Insekten, die sie umschwirrten, sich von den fremden Ankömmlingen aber doch fernhielten.
Nick stieß den Atem aus und blieb für einen Moment stehen. Er blickte nach vorne, und sowohl Tom Brucks wie auch Jane Lee schlossen zu ihm auf. Xutl war an Bord zurückgeblieben. Im Notfall konnte der Marsianer das Sternenschiff auch alleine starten, und Nick wollte für alle Eventualitäten vorbereitet sein.
»Auf der Lichtung da drüben werden wir erfahren, wer der Verräter ist«, sagte er zu seinem Freund.
»Du hättest die Untersuchung noch auf dem Sternenschiff vornehmen sollen«, brummte der Biologe.
Nick sah ihn nachdenklich an. »Ich wollte es zuerst. Aber wir wissen nicht, was den Verräter dazu getrieben hat, sich mit Anderson zu verbünden. Vielleicht hat er aus einer Zwangslage heraus gehandelt. Diese Entlarvung in einer kleinen Gruppe ist nicht so schwerwiegend für ihn, als sich vor der gesamten Besatzung zu verantworten. Es kann sein, dass wir ihn auf den rechten Weg zurückführen können.«
Tom Brucks warf ihm wie auch Jane Lee einen zweifelnden Blick zu, doch sie erwiderten nichts.
Nick gab der Gruppe mit einem Handzeichen zu verstehen, ihm auf die Lichtung zu folgen. Er sah sich um. Als er sicher war, dass keiner der Männer im Schutz des Dickichts zurückgeblieben war, löste er die Strahlenpistole aus dem Holster.
»Einen Augenblick, bitte!«, forderte er die Umstehenden auf.
»W… warum richten Sie Ihre Pistole auf uns?«, stammelte Erics Freund Richard Dickson.
»Was hat das zu bedeuten?«, rief Dennis Gerald von der Ortung.
Nick gab den Männern mit der Waffe ein Zeichen, sich enger zusammenzustellen und positionierte sich direkt vor ihnen. Sein Blick ging von einem zum anderen, und er sah in sowohl erstaunte wie auch verärgerte Gesichter.
»Bis auf Miss Lee und Tom Brucks lassen alle ihre Waffen auf den Boden fallen«, forderte er sie auf. »Wer sich weigert oder eine verdächtige Bewegung macht, wird erschossen!«
Ein Raunen ging durch die Gruppe.
»Das ist ja unerhört!«, begehrte Eric Marsh auf. »Sie sind wahnsinnig geworden!«
Bevor Nick ihm antworten konnte, gellte in seinem Rücken ein Hilfeschrei auf.
»Allmächtiger!«, stieß er aus, als er mit ansehen musste, wie Jane Lee von einem meterlangen schlangenähnlichen Pflanzenarm aus dem Dickicht umklammert und in die Höhe gerissen wurde.
Das wurzelartige Gebilde rollte sich zusammen und zog die Tierfängerin ins Dickicht, die sich in der Schlinge um ihre Hüfte wand und um sich schlug.
»Miss Lee!«, schrie Tom Brucks auf und wollte ihr nacheilen.
»Vorsicht!«, rief Nick und hielt seinen Freund zurück. Er wollte vorspringen, um ungehindert auf die Pflanze schießen zu können, ohne Jane Lees Leben zu gefährden.
Gerade als er anlegte, fiel jedoch ein Schatten auf die Lichtung, und das Rauschen großer Flügel ließ die Männer herumfahren.
»Was … ist das?«, entfuhr es Tom Brucks.
Nick wünschte, er hätte ihm eine Antwort darauf geben können. Die fliegenden Tiere erinnerten an große, vierbeinige Saurier mit gewaltigen Schwingen. Doch es waren keine Wildtiere. Auf ihren Rücken saßen fremdartig aussehende Reiter mit blau schimmernder Haut. Ihre Umhänge flatterten im Flugwind, als sie auf die Gruppe herabstießen.
Mehrere schlanke Objekte blitzten im fahlen Sonnenlicht auf, und Nick sah die Dreizacke, die auf die Gruppe herniedergingen.
»Vorsicht!«, rief er. »Die Burschen werfen mit ihren Forken nach uns!«
»In Deckung!«, schrie Tom und brachte sich mit einem Sprung ins Unterholz in Sicherheit.
Die Dreizacke verfehlten sie jedoch allesamt und trafen stattdessen die dicken Wurzeln der Pflanze, die Jane Lee gefangen hielt.
Nick hatte nicht vor, die schlechte Treffsicherheit der Wilden ungenutzt verstreichen zu lassen. Er riss seine Strahlenpistole hoch und zielte auf den ihm am nächsten fliegenden Reiter.
»Schießt nur mit Lähmungsstrahlen!«, ordnete er an. »Tötet sie nicht!«
Er wollte seinen ersten Besuch auf diesem Planeten nicht damit beginnen, sich die Eingeborenen zu Todfeinden zu machen.
Als die seltsamen berittenen Krieger die Waffen der Männer in der Sonne aufleuchten sahen, rissen sie ihre Flugechsen herum und ergriffen die Flucht, noch bevor ein Schuss abgegeben werden konnte.
Verwundert sah Nick ihnen nach. »Es scheint, sie haben schon einmal Bekanntschaft mit Strahlwaffen gemacht«, vermutete er. »Sie fürchten sich vor ihnen.«
Er wandte sich zu Tom um. »Behalte unsere Männer im Auge«, wies er ihn an. »Ich kümmere mich um Jane Lee.«
Beschwörend hob sein Freund die Hand. »Geh nicht allein ins Dickicht! Das ist zu gefährlich.« Doch er musste zusehen, wie der Weltraumfahrer mit gezogener Waffe zwischen den Baumriesen verschwand. Tom blickte ihm nach und presste die Lippen aufeinander, dann wandte er sich zu den Männern um, von denen immer noch viele besorgt zum Himmel blickten. Er hatte nicht vor, Nick alleine zu lassen und beschloss, ihm zu folgen.
»Vorwärts!«, ordnete er an und nutzte seinen Karabiner wie einen Offiziersstock. »Wir müssen zusammenbleiben!«
»Ich … ich kann nicht«, stöhnte Dennis Gerald und hob den Arm. »Ich bin am Bein verwundet.«
Tom trat auf den Mann zu und verzog beim Anblick der blutenden Wunde die Lippen. Gerald würde ihnen unmöglich folgen können. Der Biologe sah sich um, bis sein Blick auf Eric Marsh fiel, der zögernd näher gekommen war und die Augen nicht von der Verwundung lassen konnte.
»Sie bleiben bei ihm!«, befahl Tom. »Sie wollten Verantwortung übernehmen. Jetzt haben Sie Gelegenheit dazu. Und versorgen Sie die Wunde!«
Er richtete sich an Gerald. »Keine Sorge, wir sind bald zurück«, murmelte er. Der Navigator nickte nur und lehnte sich schweißüberströmt gegen eine Wurzel.
*
Inzwischen war Nick durch das Dickicht auf der Suche nach Jane Lee gehetzt. Immer wieder rief er ihren Namen, doch sie antwortete ihm nicht. Durch das Auftauchen der Reiter hatte sich die Pflanze mit ihrer Beute tief in den Dschungel zurückziehen können. Dennoch brauchte er nicht lange, um das wurzelartige Gewächs zu finden. Es lag regungslos auf einer kleinen Lichtung.
Die Schlangenarme bewegen sich nicht mehr, stellte er erstaunt fest. Aber wo war Jane Lee? Er stieg über die armdicken Wurzeln, als er plötzlich den Dreizack entdeckte, der mitten in einem Gebilde steckte, das aussah wie ein Blütenkelch. Das musste das Zentrum der Pflanze sein, vermutete er.
Warum hatten die Eingeborenen sie getötet?
Erneut rief er Jane Lees Namen. Ohne Erfolg. Nick beschloss, über die Schlangenarme zu klettern, um nach der jungen Frau zu suchen. Vielleicht war sie zwischen den Schlingen hindurchgerutscht und lag besinnungslos unter ihnen im Dickicht verborgen.
Er sah aus dem Augenwinkel, wie Tom mit den restlichen Männern zu ihm aufgeschlossen hatte. Doch er nahm auch eine andere Bewegung wahr. Ein Schatten, der sich blitzschnell aus den Ästen über ihm löste …
Das Raubtier erinnerte an eine Kreuzung aus Löwe und Jaguar, und es stand seinen irdischen Vettern an Gefährlichkeit ins nichts nach! Es begrub Nick mit seinem Gewicht unter sich und wollte mit einer Pranke zum tödlichen Hieb ausholen, als Tom Brucks das gesprenkelte Raubtier geistesgegenwärtig am Schweif packte und zurückriss.
Umgehend ließ es von seiner Beute ab und brülle den Biologen wütend an. Tom war einen Moment lang wie versteinert und schien unfähig, sich zu bewegen. Noch bevor sich die Raubkatze auf ihn stürzen konnte, riss ihn der junge Peter Bruce zu Boden, während Richard Dickson seine Waffe in Anschlag brachte.

»Da, Bestie!«, rief er und drückte ab. Mitten im Sprung verging das Raubtier in einer gleißenden Feuerlohe, bis nichts zurückblieb als ein schwarzer Fleck auf dem verbrannten Boden.
Tom rappelte sich auf und stieß den Atem hörbar aus. Er ging auf die beiden Kadetten zu und legte Peter die Hand auf die Schulter, während er Richard zunickte.
»Ich danke Ihnen. Sie haben mir das Leben gerettet!«
Peter Bruce wirkte bei dem Respekt, den ihm die umstehenden Männer zollten, sichtlich verlegen und lachte unterdrückt auf. »Es war also doch kein Fehler, uns auf diese Expedition mitzunehmen?«
Noch bevor der Biologe antworten konnte, meldete sich Nick zu Wort.
»Das war es nicht!«, rief er und winkte mit dem Arm. »Aber kommt hierher!«
Er wartete, bis sich die Gruppe um ihn geschart hatte, und zeigte auf das ›Herz‹ der gewaltigen Schlingpflanze.
»Seht euch das an.« Er wies auf den Dreizack, der tief in der weichen Pflanzenfaser steckte.
»Die fliegenden Krieger haben die Pflanze getötet«, raunte Tom und konnte seine Verwunderung nicht verbergen. »Aber wo ist Jane Lee?«
»Sie ist verschwunden«, antwortete Nick mit versteinerte Miene. Er machte eine ausladende Handbewegung. »Ich habe das Dickicht in der Umgebung der Pflanze durchsucht, aber ich konnte keine Spur von ihr entdecken. Auch andere Fährten sind nicht auszumachen. Es bleibt nur der Schluss, dass einer der Eingeborenen Jane Lee auf seinem Flugsaurier mitgenommen hat, nachdem er die Pflanze getötet hatte.«
Tom Brucks besah sich die Stelle gründlich, und das auch, weil er als Biologe von dieser neuartigen Lebensform fasziniert war.
Ein Hilfeschrei gellte durch den Dschungel.
»Was ist denn das nun wieder?«, rief Nick aus. »Wir sind doch vollständig?«
»Eric ist mit Dennis auf der Lichtung zurückgeblieben. Unser Navigator hat eine Verwundung am Bein«, kam die Antwort von einem der Männer.
Nick sah in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war. »Schnell!«, entschied er und hastete los. Die übrigen Männer schlossen sich ihm an und hetzten durch das Dickicht. Schon bevor sie die Lichtung erreichten, spürte Nick, wie der Boden unter seinen Füßen wieder und wieder vibrierte. Ein trompetenartiger Lärm erfüllte die Luft, und das Knirschen und Krachen von Bäumen war zu hören.
Nick entfuhr beim Anblick der grauen Giganten ein Stöhnen, als er die Lichtung erreichte und einen freien Blick hatte. Waren irdische Elefanten bereits beeindruckende Geschöpfe, so übertrafen sie diese Tiere um ein Vielfaches. Sie mochten gut fünfzehn Meter in die Höhe ragen, und neben den Stoßzähnen, die matt gelblich schimmerten, besaßen sie zwei weitere Hörner, die ihnen aus der Stirn wuchsen.
Wer auch immer so unbesonnen sein mochte, sich diesen Kolossen in den Weg zu stellen, hätte in einem direkten Zweikampf nicht den Hauch einer Chance …
»Helfen Sie mir!«, schrie Eric Marsh und wedelte mit den Armen. »Die Untiere kommen direkt auf die Lichtung zu, und ich kann Dennis nicht alleine tragen.«
Schnell eilten die Männer herbei und hoben den Verwundeten an, der unterdrückt aufschrie. Sie trugen ihn ins Dickicht und hofften, dass die Dickhäuter sie nicht wahrgenommen hatten. Keiner von ihnen wusste zu sagen, ob sie friedlich waren.
»Langsam wundert es mich nicht mehr, warum die großen Gesellschaften keinen Wert darauf legen, auf diesem Planeten Handel zu treiben …«, murmelte Nick und verfolgte aufmerksam jede Bewegung der Tiere, deren Schritte das Erdreich erbeben ließen.
Nick gab Anweisung, sich noch tiefer ins Unterholz zurückzuziehen, und das erwies sich als umsichtige Entscheidung, denn die Kolosse nahmen auch auf die Natur keine Rücksicht und walzten alles nieder, als sie die Lichtung überquerten. Bäume knirschten in ihren Wurzeln, wenn einer der schweren Körper sie zur Seite drückte. Große Äste brachen wie Streichhölzer und flogen durch die Luft.
So faszinierend der Anblick der Tiere war, so froh war der Weltraumfahrer, als sie an ihnen vorbeigezogen waren.
»Gott sei Dank sind sie nicht in unsere Richtung weitergegangen, sonst …«, er mochte sich gar nicht vorstellen, wie sie sich vor diesen Ungetümen hätten in Sicherheit bringen sollen.
»Ah, mein Bein! Diese Schmerzen …«, stöhnte Dennis Gerald auf.
Nick sah, unter welchen Qualen der Mann litt. Seine Augen glänzten, und die Schutzhaube seiner Kombination war schweißgetränkt.
»Ruhig, Dennis«, redete Nick auf ihn ein. Er betrachtete sich die Wunde, die sich erneut geöffnet hatte. »Verbinde ihm das Bein mit seinem Verbandspäckchen, dann ziehen wir uns zurück«, bat er Tom Brucks.
»Aber … Miss Lee?«, antwortete sein Freund mit einem entgeisterten Ausdruck im Gesicht.
Nick sah ihn unverwandt an. »Ich glaube nicht, dass sie in unmittelbarer Lebensgefahr schwebt. Sonst hätten sich die Wilden nicht die Mühe gemacht, sie aus der tödlichen Umklammerung der Pflanze zu befreien.«
»Ob die Wilden zu dem Stamm gehören, deren Häuptling Jane Lees Vater war?«, überlegte einer der Männer.
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