Читать книгу: «Totkehlchen»

Шрифт:

Totkehlchen

Modrichs dritter Fall

Thomas Matiszik


1. Auflage März 2019

© 2019 OCM GmbH, Dortmund

Gestaltung, Satz und Herstellung: OCM Verlag, Dortmund

Verlag: OCM Verlag, Dortmund, www.ocm-verlag.de

ISBN 978-3-942672-71-9

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlages. Dies gilt auch für die fotomechanische Vervielfältigung (Fotokopie/Mikrokopie) und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Inhaltsverzeichnis

1  Prolog

2  Kapitel 1

3  Kapitel 2

4  Kapitel 3

5  Kapitel 4

6  Kapitel 5

7  Kapitel 6

8  Kapitel 7

9  Kapitel 8

10  Kapitel 9

11  Kapitel 10

12  Kapitel 11

13  Kapitel 12

14  Kapitel 13

15  Kapitel 14

16  Kapitel 15

17  Kapitel 16

18  Kapitel 17

19  Kapitel 18

20  Kapitel 19

21  Kapitel 20

22  Kapitel 21

23  Kapitel 22

24  Kapitel 23

25  Kapitel 24

26  Kapitel 25

27  Kapitel 26

28  Kapitel 27

29  Kapitel 28

30  Kapitel 29

31  Kapitel 30

32  Kapitel 31

33  Kapitel 32

34  Kapitel 33

35  Kapitel 34

36  Kapitel 35

37  Kapitel 36

38  Kapitel 37

39  Kapitel 38

40  Kapitel 39

41  Kapitel 40

42  Kapitel 41

43  Kapitel 42

44  Kapitel 43

45  Kapitel 44

46  Kapitel 45

47  Kapitel 46

48  Kapitel 47

49  Kapitel 48

50  Kapitel 49

51  Kapitel 50

52  Kapitel 51

53  Kapitel 52

54  Epilog

PROLOG

Aljosha fror und war sehr müde. Bereits seit knapp zwei Stunden kauerte er in einem Erdloch, das sein Vater in kurzer Zeit nahezu geräuschlos ausgehoben hatte. Dies war umso erstaunlicher, als der Boden in der schneebedeckten Taiga doch gefroren war und der Klappspaten, mit dem Dimitri Sobukov das Loch gegraben hatte, kein besonders stabiles Modell. Aljoshas Vater besaß wahre Bärenkräfte. Niemand, so glaubte jedenfalls Aljosha, könnte es mit Papa aufnehmen. Auch wenn er eigentlich nichts über ihn wusste, die Bewunderung für Papa war grenzenlos. Jetzt aber war ihm so kalt, dass er nicht länger warten wollte. Er wusste noch nicht einmal worauf.

„Papa“, flehte Aljosha, „bitte lass uns zur Hütte zurückgehen. Mir ist so kalt!“

Im nächsten Augenblick fühlte Aljosha die kräftige Hand seines Vaters auf seinem Mund. Mit der anderen Hand bedeutete er ihm zu schweigen. Das Rauschen des Windes in den Nadelbäumen war verstummt. Langsam, wie in Zeitlupe, trottete eine Elchkuh mit ihrem Kalb aus dem Waldstück. Dimitri Sobukov küsste Aljosha voller Freude mehrfach auf die Stirn und wies ihn an, mucksmäuschenstill zu sein.

„Du darfst dich jetzt nicht vom Fleck rühren, mein kleiner Alexej. Schau einfach zu, was Papa macht und merke es dir für die Zukunft“, flüsterte er.

Dimitri zielte mit seinem Jagdgewehr auf die Elchkuh und traf diese mitten ins Herz. Leblos sank sie zu Boden, während das Kalb starr vor Schreck in die Richtung des Schusses schaute. Für einen kurzen Moment kreuzte sich sein Blick mit dem Aljoshas. Panik erfasste das Kalb. Als ob es ahnte, dass der nächste Schuss ihm gelten würde. Aljosha stiegen Tränen in die Augen, als sein Vater abermals abdrückte. Die Kugel traf das Elchkalb am Hinterlauf. Es schrie laut auf, Dimitri jedoch brach in heftige Flüche aus. Sein eigener Sohn hatte ihn gestoßen, um das Tier zu schützen. Dimitris Blick war nun hasserfüllt. Er zog Aljosha an der Kapuze seines Parkas aus dem Erdloch und schleifte ihn bis zu der Stelle, an der das Elchkalb auf dem Boden kauerte und sich vor Schmerzen wand. Verzweifelt versuchte es, von der Stelle zu kommen, um seinen Peinigern zu entfliehen. Ohne Skrupel trat Dimitri Sobukov mit seinem schweren Stiefel auf den verletzten Hinterlauf und ließ das arme Tier aufheulen.

„Papa, bitte! Hör auf damit! Du tust ihm doch weh!“

Aljoshas Gedanken überschlugen sich. So hatte er seinen Vater noch nie erlebt. Natürlich war ihm klar, dass man ihn in Ruhe lassen musste, wenn er nach längerer Zeit mal wieder nach Hause kam. Aber das, was er jetzt vor sich sah, war die Fratze eines herzlosen und gefühlskalten Menschen, der ein hilfloses Tier quälte, ohne mit der Wimper zu zucken. Und sein eigener Sohn hatte es auch noch gewagt, ihn daran zu hindern, sein grausames Werk zu beenden.

„Papa, bitte tu das nicht. Es reicht doch. Du hast die Mutter getötet, warum muss das Kalb auch noch sterben?“

Dimitri sah seinen Sohn mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Verachtung an. Diesen Blick sollte Aljosha sein Leben lang nicht mehr vergessen. Dann zog ihn sein Vater an den Haaren zu sich und drückte ihm das Jagdgewehr in die Hand. Aljosha zitterte und wehrte sich gegen die Umklammerung seines Vaters. Ein schneller Fausthieb in die Rippen raubte ihm in Sekundenbruchteilen die Luft. Er röchelte, während sein Vater sich hinter ihn stellte und das Gewehr in Aljoshas Händen positionierte, sodass der Lauf direkt auf das Kalb gerichtet war.

„Und jetzt bringst du es zu Ende, mein Sohn. Drück ab, kleiner Alexej!“

Aljosha schloss die Augen und setzte zu einem markerschütternden Schrei an, als er spürte, dass sein Zeigefinger den Abzug betätigte. Die Wälder begannen wieder zu rauschen, als sich der Schnee blutrot färbte.

DER
LETZTE
TAG

„Kommissar Modrich? Hallo? Wachen Sie auf, bitte! Sie kommen wieder. Ich kann sie hören. Bitte, ich habe solche Angst!“

Wer rief ihn da? Und wo war er überhaupt? Peer Modrich röchelte und versuchte sich zu bewegen. Vergeblich. Seine Beine versagten den Dienst. Schlimmer noch, er spürte sie nicht.

„Warten Sie, ich helfe Ihnen!“

Peer kannte die Stimme. Oder doch nicht? Was war nur los mit ihm? Abermals versuchte er, seine Position zu verändern. Er bekam eine Hand zu greifen und zog sich an ihr hoch. Im nächsten Moment hätte er am liebsten laut geschrien. Es war seine Hand, die durch die plötzliche, ruckartige Bewegung höllisch schmerzte und sich anfühlte, als sei ein Bulldozer über sie hinweggerollt. Dennoch keimte in ihm so etwas wie Hoffnung auf. Doch dann merkte er, wie der Hand des anderen die Kraft auszugehen schien. Statt sich an ihr hochzuziehen, zog Peer die Hand – und dessen Besitzer – zu sich zu Boden. Jemand begann zu weinen. Ein Kind. Modrich schauderte. Um ihn herum war es stockfinster, der pochende Schmerz in seiner Hand, die Taubheit in seinen Beinen und das Weinen des Kindes neben ihm machten Peer endgültig klar, dass er sich in einer ziemlich prekären Lage befand. Das Schlimmste allerdings war, dass er sich nicht im Entferntesten erinnern konnte, wie er in diese Situation geraten war.

„Der Junge muss verschwinden, so oder so. Was machen wir mit dem Bullen?“

Es war ein Flüstern, das Peer wahrnahm, dennoch deutlich genug, um zu verstehen, dass man etwas mit ihm und dem Kind, das immer noch neben ihm kauerte, vorhatte. Hastig tastete er seine Jacke ab und suchte etwas, womit er das Kind und sich vor dem drohenden Unheil beschützen konnte. Fehlanzeige. Keine Dienstwaffe, keine Handschellen, auch sein Handy hatte man ihm offenbar abgenommen. Unvermittelt legte sich das Kind auf Peer und flüsterte ihm flehend ins Ohr:

„Halten Sie mich fest, bitte. So fest wie Sie können. Ich gehe mit denen nicht mit. Die bringen mich sicher irgendwohin, wo ich nicht sein möchte. Wo niemand sein möchte. Bitte, Herr Modrich! Helfen Sie mir!“

Das Zittern des Kindes übertrug sich auf Peer, der spürte, dass er nichts würde ausrichten können, wenn die Personen, die in wenigen Sekunden bei ihnen sein würden, tatsächlich versuchten, ihm das Kind zu entreißen.

„Der Bulle ist für uns keine Gefahr mehr und sowieso schon halb tot. Wir lassen ihn einfach hier liegen. Den Rest erledigen die Ratten. Hol jetzt den Jungen, ich warte draußen auf dich! Und solltest du es später wieder nicht hinbekommen, erledige ich ihn.“

1

Langsam ruckelte der Touristenbus über die nur notdürftig asphaltierten, schmalen Wege des Nationalparks. Sechs Jahre hatten die Vulkanausbrüche, die Lanzarote zu einer faszinierenden Touristenattraktion haben werden lassen, im 18. Jahrhundert gedauert. Timanfaya, der über fünfzig Quadratkilometer große Nationalpark der Kanareninsel, gehörte seit jeher zum Pflichtprogramm eines jeden Besuchers. Gregor Frobisch blickte aus dem Fenster des Busses und rieb sich die Augen. Es war unangenehm heiß und trocken, fast hatte man den Eindruck, als sei es Hochsommer und nicht Herbst. Es war aber nicht nur das Klima, das für seine blutunterlaufenen Augen verantwortlich war.

Vor nicht einmal vier Monaten hatte ihn Max Huber, sein Kollege vom Polizeirevier Neuss, angerufen, während er an einem Fortbildungsseminar für polizeiliche Führungskräfte in Koblenz teilnahm.

„Gregor, hast du von dem Flugzeugabsturz gehört?“

Frobisch stockte augenblicklich der Atem. Seine Frau Jill war mit ihrem gemeinsamen Sohn Lucas übers Wochenende nach Rom geflogen und sollte an diesem Tag planmäßig zurückkehren. Er hatte noch am Vorabend mit den beiden telefoniert.

„Mit welcher Fluggesellschaft sind Jill und Lucas geflogen?“, fragte Max Huber vorsichtig.

„Air Italy, glaube ich …“

„Scheiße“, kam es knapp zurück, „Wie schnell kannst du dich von deinem Seminar loseisen?“

Frobisch nahm Hubers Worte wie hinter Glas wahr. Sie prallten von einer unsichtbaren Scheibe ab und drangen nicht komplett bis zu ihm vor. Trotzdem hatte er begriffen. Schweigend erhob er sich und verließ, das Handy immer noch am Ohr, den Raum. Der Seminarleiter hob protestierend den Arm und rief Frobisch „Moment mal, was soll das werden?“ hinterher. Frobisch knallte die Tür hinter sich zu, verließ das Gebäude durch die Drehtür am Haupteingang und steuerte schnurstracks auf das erstbeste freie Taxi zu.

„Maritim Hotel, und bitte beeilen Sie sich!“

Max Huber versuchte alles, um Frobisch beizustehen.

„Gregor, es gibt noch keinerlei gesicherte Erkenntnisse über die Zahl der Opfer. Du darfst die Hoffnung nicht aufgeben. Vielleicht hat der Pilot ja eine Notlandung hingekriegt und es gibt Überlebende!“

Der Taxifahrer hatte das Radio eingeschaltet. Die Nachrichten begannen: „Tragischer Flugzeugabsturz über den Alpen fordert fast zweihundert Tote.“ Gregor Frobisch hielt den Atem an und legte zitternd auf.

„Hallo? Hallooo? Die anderen Gäste sind schon ausgestiegen und wollen gern den Park erkunden. Möchten Sie nicht mitkommen?“

Die Reiseleiterin sah Frobisch besorgt an. Er saß im hinteren Teil des Busses wie ein Häufchen Elend, den Kopf gegen die Scheibe gelehnt, und wurde von einem heftigen Weinkrampf geschüttelt. Alles kam wieder hoch: Der Moment, als er die ersten Bilder von der Absturzstelle gesehen hatte. Ein einziges Trümmerfeld. Es hatte Tage gedauert, bis man seine Frau und seinen Sohn identifiziert hatte. Und obwohl ihm alle Kollegen davon abrieten, bestand Frobisch darauf, sie noch einmal zu sehen. Oder besser gesagt das, was von ihnen übrig geblieben war. Die Leere im Haus, die Stille, die ihm jedes Mal, wenn er den Flur betrat und ein „Hallo Schatz“ oder „Papaaaa“ erwartet hätte, buchstäblich den Atem raubte und ihn um den Verstand zu bringen drohte. Frobisch war sehr schnell klar geworden, dass er dringend einen Tapetenwechsel benötigte. Es musste nicht weit sein. Die Hauptsache war, wegzukommen von dem Ort, an dem er die letzten Jahre mit seiner Familie verbracht hatte. Als er die Stellenausschreibung für den Posten des Polizeichefs in Dortmund sah, musste er nicht lange nachdenken und bewarb sich noch am gleichen Tag. Der Ruhrpott mit seinem bisweilen zwar etwas ruppigen, aber immer ehrlichen und direkten Charme würde ihn auf andere Gedanken bringen. Da war er sich ganz sicher. Außerdem hatte er von Peer Modrich und seiner Kollegin gehört. Gudrun Faltermeyer hieß sie, wenn er sich nicht täuschte. Wenn es stimmte, was alle sagten, waren die beiden wohl ziemliche Originale und dennoch absolut integre Persönlichkeiten mit einem untrüglichen kriminalistischen Spürsinn. Die Zusammenarbeit mit den beiden würde sicherlich Spaß machen.

„Ich komme“, schniefte Frobisch und trottete der Reiseleiterin hinterher. Der Sauerstoff tat ihm gut, Hitze hin oder her. Morgen ging sein Flieger zurück nach Deutschland. Übermorgen würde sein erster Arbeitstag in Dortmund sein. Frobischs Neuanfang war überfällig.

2

Keine Frage, das Warten hatte sich gelohnt. Das Sparen auch. Elisabeth lag neben ihrem Mann im Bett und fasste zärtlich seine Hand. Jens Kleibrink wusste jetzt, dass er alles richtig gemacht hatte. iSimangaliso war vielleicht nicht der berühmteste Nationalpark Südafrikas, aber vermutlich der schönste. Der Tipp seines Arbeitskollegen Volker erwies sich als goldrichtig. Elisabeth schaute selig lächelnd Richtung Fenster. Ihre Unterkunft war, legte man westeuropäische Standards zugrunde, eher spartanisch. Eine bessere Lehmhütte, lediglich mit dem Nötigsten ausgestattet. Kein Fernseher, kein WLAN, dafür aber eine zuverlässige Klimaanlage, die bei den vorherrschenden Temperaturen unverzichtbar war.

Elisabeth seufzte und begann, Jens’ Arm zu streicheln. Er kannte diese Art des Streichelns und frohlockte. Auf einmal begann der Boden zu beben. Erst leicht, kaum wahrnehmbar, dann immer stärker. Elisabeth klammerte sich wie ein ängstliches Kind an ihren Mann. Jens spürte, wie sich sein Hals zuschnürte, versuchte aber, die aufsteigende Panik vor seiner Frau zu verbergen. Das durfte jetzt nicht sein. Sie hatten sich diesen Urlaub verdammt noch mal verdient. Und nun bebte die Erde. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Jens sprang aus dem Bett und zog Elisabeth hinter sich her.

„Wir müssen hier raus!“, befahl er. „Wenn das wirklich ein Erdbeben ist, sind wir in dieser Hütte nicht sicher.“

Zögerlich folgte Elisabeth ihrem Mann, nahezu gelähmt vor Entsetzen. Alles Mögliche schoss ihr durch den Kopf, vor allem eins: Was würde mit Benny passieren, wenn ihnen nun etwas zustieße? Ihr Sohn verbrachte die Tage bei Elisabeths bester und ältester Freundin Camilla. Verwandte gab es nicht mehr. Nicht auszudenken, wenn … Plötzlich hielt sie inne. Jens stand im Türrahmen und stammelte: „Jetzt sieh dir das an. Das ist ja Wahnsinn!“

Elisabeth war einen guten Kopf kleiner als ihr Mann und lugte, immer noch ängstlich, unter seinem angewinkelten Arm in Richtung Straße. Im Licht der Laternen konnten sie den Grund für das vermeintliche Erdbeben sehen: Eine Herde Flusspferde polterte durch das Dorf. Ein gutes Dutzend musste das sein. Elisabeth und Jens standen wie angewurzelt und mit offenem Mund da. So ein Naturschauspiel bekam man definitiv nur hier, im iSimangaliso, geboten. Nirgendwo sonst auf der Welt gab es eine größere Flusspferdpopulation, nirgendwo sonst konnte man die riesigen Tiere durch die Straßen laufen sehen. Dabei sei es außerordentlich wichtig, so hatte es ihnen ein Wildhüter nach ihrer Ankunft erklärt, dass man die Tiere in Ruhe ließ. Hippos sehen zwar drollig aus, sind aber brandgefährlich und trotz ihrer Körperfülle sehr schnell. Stellte man sich ihnen in den Weg, riskierte man unweigerlich sein Leben.

Das ganze Spektakel dauerte keine Minute. Die Erde hörte wieder auf zu beben, Elisabeths und Jens’ Puls beruhigte sich aber nur ganz allmählich.

„Ich brauche jetzt erst mal etwas Starkes zu trinken“, meinte Jens.

„Ich brauche auch etwas Starkes“, erwiderte Elisabeth lächelnd, nahm seinen Arm und zog ihn zu sich.

3

Es stand wirklich schlecht um den kleinen Leo Faltermeyer. Nachdem sein gebeutelter Körper die ersten beiden Implantate wieder abgestoßen hatte, bereiteten die Ärzte den Jungen nun auf eine dritte Operation vor. In vier Tagen sollte es so weit sein. Und auch wenn das Neurochirurgen-Team am Uniklinikum in Aachen eins der besten in Europa war, gab es für Leo nur noch diese eine Chance. Sollte das neue Implantat, eine Spezialanfertigung aus den USA, wieder für Probleme sorgen, würde man eine weitere OP, wenn überhaupt, erst in ein paar Jahren angehen können. Guddi saß am Bett ihres Sohnes und las ihm aus Michel aus Lönneberga vor. Leo liebte dieses Buch über alles. Seit dem unseligen Abend in der Holzwickeder Lagerhalle, als ein Querschläger aus Kurt Heppners Waffe ihm das Rückenmark durchtrennt hatte, war das Lachen aus Leos Gesicht verschwunden. Dass nun selbst Astrid Lindgrens Kinderbuch nicht mehr für ein Lächeln sorgen konnt, machte Guddi unendlich traurig. Immer wenn sie alleine war und ihren Gedanken nachhing, umhüllten dunkle Nebelschwaden ihr Gemüt und ließen sie weder schlafen noch Appetit verspüren. Nur gut, dass sie noch nicht wieder im Dienst war.

Das letzte Mal, als sie Peer getroffen hatte, konnte sie ihren Schlafmangel noch halbwegs kaschieren. Die teuren Pflegeprodukte, die Hartmut ihr geschenkt hatte, hielten wirklich, was sie versprachen. Aber nun, nach Monaten der Schlaf- und Appetitlosigkeit, sah Guddi aus wie ein Zombie. Abgemagert, tiefe Augenringe und blass wie eine Wasserleiche. Ihren Badezimmerspiegel, der allmorgendlich Zeugnis über ihr optisches Elend ablegte, hatte Guddi vor zwei Wochen in den Keller verbannt. Sie hatte sich geschworen, den Spiegel erst wieder aufzuhängen, wenn die alte Guddi zurückgekehrt war. Aber was, wenn dies nie passieren würde? Was würde es mit ihr machen, wenn die OP schiefgehen sollte? Im Moment galt es, diesen furchtbaren Gedanken zu verdrängen und Leo das Gefühl zu geben, dass seine Mutter wirklich daran glaubte, dass alles gut werden würde. Die Ärzte mussten diesmal einfach recht behalten und durften keinen Fehler machen.

4

Peer Modrich war auf den Hund gekommen. Ein drei Jahre alter Tosa Inu hatte das Herz des Kommissars im Sturm erobert. Shao, wie Modrich ihn getauft hatte, war einer der wenigen Hunde, die einigermaßen unbeschadet die brutalen Hundekämpfe überstanden hatten, die über Monate hinweg in Dortmund und Umgebung stattgefunden und eine bedeutende Rolle in Modrichs letztem Fall gespielt hatten. Sein Fell sah zwar immer noch so aus wie das eines riesigen Teddybären, mit dem zu intensiv geschmust worden war, aber das würde sich geben, wie der Tierarzt beteuert hatte. Schlimmer waren die seelischen Wunden, die Shao durch die zahlreichen Kämpfe mit seinen Artgenossen davongetragen hatte. Das Aufeinandertreffen mit anderen Hunden geriet in den meisten Fällen immer noch außer Kontrolle. Und das, obwohl Modrich mit Shao seit geraumer Zeit regelmäßig eine Hundeschule besuchte, die auf den Umgang mit traumatisierten Hunden spezialisiert war. Jakob Schlüter, der Hundetrainer, galt als eine Art Hundeflüsterer, dem man sogar eine eigene TV-Show angeboten hatte. Aber auch Schlüter konnte nicht zaubern.

„Das, was ihr Hund erlebt hat“, erklärte er Peer nach der ersten Trainingsstunde, „hat so tiefe Narben auf seiner Seele hinterlassen, dass wir mindestens ein Jahr brauchen werden, um ihn zu einem souveränen Hund zu machen, frei von jeglichen Ängsten oder Aggressionen.“

Modrich nickte nachdenklich. Ob es wirklich eine so gute Idee war, sich einen Hund ins Leben zu holen? Noch dazu ein solches Kaliber? Shao wog sechzig Kilogramm und hatte eine Schulterhöhe von knapp achtzig Zentimetern. Die Frage, wer mit wem Gassi ging, war, wenn man Modrich und Shao beobachtete, bisweilen nur schwer zu beantworten.

„Und bedenken Sie bitte außerdem“, fuhr Schlüter fort, „der Tosa wurde für diese abscheulichen Hundekämpfe gezüchtet. Seine DNA ist quasi auf Krawall gebürstet. Wenn wir das nicht in den Griff bekommen, sehe ich für ihn keine friedliche Zukunft mit Ihnen.“

Der Hundeflüsterer hatte leider recht. Die Dame bei der zuständigen Behörde in Dortmund hatte es sofort mit der Angst zu tun bekommen, als sie Shao sah.

„Was um Himmels willen ist das?“, hatte sie gestammelt, „ein Hund oder ein Bär?“

Shao legte den Kopf in den Schoß der Dame und eroberte damit ihr Herz. Jedoch verlangten die Vorschriften einen zeitnahen Sachkundenachweis. Und als Peer den jährlichen Hundesteuerbetrag sah, wurde ihm klar, dass Shao nicht nur ein stressiges, sondern auch ein teures Vergnügen sein würde.

Modrich nahm den Dummy und schleuderte ihn mit aller Kraft in die Botanik. Shao schaute ihn fragend an und schüttelte sich. „Apportieren willst du also auch nicht“, bemerkte Peer, nahm Shaos riesigen Kopf in beide Hände und streichelte ihn liebevoll. Er schaute auf seine Armbanduhr und beschloss, den Heimweg anzutreten.

Modrich hatte sein Auto unweit des Hixterwaldes, seines bevorzugten Gassireviers, geparkt. Mittlerweile schaffte es Shao sogar, ohne Peers Zutun in den Kofferraum zu springen. Offenbar hatte man Shao, als er noch als Kampfhund ‚tätig‘ war, regelmäßig in viel zu enge Transportboxen gezwängt. Aus diesem Grund hatte er sich noch vor wenigen Tagen mit allen Kräften gesträubt, sich in den Kofferraum von Modrichs Dienst-Passat zu bewegen. Schließlich blieb Modrich keine andere Wahl. Er hob Shao kurzerhand hoch und wuchtete ihn in den Kofferraum. Wobei das mit dem Wuchten eine echte Gefahr für Peers Bandscheiben darstellte. Umso glücklicher war er, als der Tipp des Hundeflüsterers, Shao mit einem kurzen, aber kräftigen Leinenruck in den Kofferraum zu befördern, vor knapp einer Woche Früchte trug und Shao tatsächlich zum ersten Mal freiwillig und ohne Theater in den Kofferraum gehüpft war.

Die Fahrt zu seiner Wohnung in Dortmund-Aplerbeck dauerte keine zehn Minuten. Wenig, aber doch ausreichend Zeit, um sich Gedanken zu machen, wie er seinem neuen Chef gegenübertreten sollte. Das Ende Kurt Heppners als Polizeichef war sehr abrupt gekommen und hatte bei Peer, vor allem aber bei Guddi, tiefe Spuren hinterlassen. Während Guddi dem Polizeidienst vermutlich noch längere Zeit fernbleiben würde, hatte Peer sich immer und immer wieder gefragt, warum ihm nicht aufgefallen war, dass Kurt Heppner große persönliche Probleme hatte. Peer schaute in den Rückspiegel und sah in das Gesicht seines Hundes.

„Du hast es gut, Shao“, begann er, „musst dir jetzt keine Sorgen mehr machen.“ Shao bellte einmal kurz. „Hieß das ‚Ich weiß, Herrchen’?“ Modrich holte tief Luft und setzte seinen Dialog mit dem Tosa fort: „Weißt du, Shao, wenn wir Menschen nur halb so sorgfältig auf unsere Artgenossen achten würden wie auf unsere Haustiere, wäre diese Welt eine bessere!“

Shao machte Platz.

„Okay, ich verstehe, jetzt wird es dir zu philosophisch, was?“ Peer trommelte rhythmisch auf das Lenkrad, während im Radio Rosanna lief.

„Ich liebe diesen Song“, murmelte er, „aber wem erzähl ich das eigentlich alles? Modrich, es wird Zeit, wieder zurück in die Spur zu finden. Und am besten fängst du gleich damit an, wenn du deinem neuen Chef gegenübertrittst.“

5

Alexej Sobukov war abgemagert bis auf die Knochen. Bei einer doch eher stattlichen Körpergröße von knapp 1,90 Metern wog er nur noch fünfundsechzig Kilo. Seit fast drei Monaten verspürte er einfach keinen Appetit mehr und aß nur noch das Allernötigste. Manchmal gingen Tage ins Land, an denen Sobukov sich ausschließlich von Wasser, Säften und Kraftbrühe ernährte. Zu seiner permanenten Appetitlosigkeit gesellte sich ein extrem unangenehmes Völlegefühl, das er selbst dann empfand, wenn er nichts zu sich genommen hatte. Alexej vermutete ein Magengeschwür – im besten Fall. Wenn er Pech hatte, konnte es auch Krebs sein. Aber was hieß schon Pech? Vielleicht war das alles ja auch die gerechte Strafe für das, was Alexej Sobukov seit Jahren war: Ein eiskalter Killer ohne Gewissen und Moral, den niemand mehr Aljosha nennen durfte. Der seinem Vater nicht nur in nichts nachstand, sondern ihn in puncto Skrupellosigkeit noch übertraf. Bei Weitem sogar.

Der Dortmunder Zoo war um diese Uhrzeit, kurz vor 21 Uhr, eine Oase der Ruhe. Keine umhertollenden und quengelnden Kinder, keine lauten Schreie aus dem Affenhaus waren zu vernehmen. Nur ganz vereinzelt hörte man ein herzhaftes und lang gezogenes Raubtiergähnen oder das Flügelschlagen eines riesigen Geiers aus dem Gehege im Eingangsbereich des Zoos.

Alexej stand im Schutze der Dämmerung und wartete auf sein nächstes Opfer.

Daniel Lehmeier war seit fast zwei Jahren Direktor des Dortmunder Zoos. Mit 39 Jahren war er eigentlich zu jung für den Job, wie seine Kritiker anfänglich gefeixt hatten. Lehmeier hatte es allerdings bald geschafft, diese Kritiker verstummen zu lassen und sein Vorhaben, alle Tiere im Zoo nahezu artgerecht zu halten, in die Tat umgesetzt. Dafür war er weite Wege gegangen, hatte so lange Gelder von privaten und öffentlichen Sponsoren eingesammelt, bis er sein Bild vom idealen Zoo so umsetzen konnte, wie er es sich schon seit Jahren erträumt hatte. Der Zoo war unter Lehmeiers Leitung nicht nur für die Tiere zu einem angenehmeren Ort geworden, sondern auch für die Besucher, die besonders an den Wochenenden und in den Ferien in großen Scharen nach Dortmund strömten, um sich das neue Raubtiergehege, das Affenhaus oder die Pinguininsel anzuschauen. Lehmeier war ein Macher, ein Menschenfänger par excellence. Ihm gehörte zweifellos die Zukunft. Eine große lokale Tageszeitung hatte ihn unlängst sogar als Kandidaten für das Oberbürgermeisteramt ins Gespräch gebracht. Dass er noch kein Mitglied einer großen Partei war, schien dabei eher ein Vorteil zu sein.

Daniel Lehmeier schloss die Tür seines Büros hinter sich zu, blickte hinauf zum Sternenhimmel und streckte sich. Er atmete dreimal tief ein und wieder aus, beugte seinen Oberkörper und ließ dann seine Arme locker baumeln. Es war ein langer, aber guter Tag gewesen. Er hatte diesem Typen am Telefon die Leviten gelesen, hatte ihm deutlich gemacht, dass der Deal mit dem seltenen Nashorn endgültig geplatzt war.

„Die Papiere sind gefälscht, Mann. Das arme Tier sieht auf den Fotos aus, als habe man es monatelang gefoltert und nicht gefüttert!“

Lehmeier kannte in diesem Punkt kein Pardon. Das Wohl aller Tiere hatte bei ihm oberste Priorität. Und dieser Kerl war ihm gleich verdächtig vorgekommen. Einmal in Rage geredet, gab es für Lehmeier kein Halten mehr.

„Wissen Sie, ich erkenne mittlerweile meine Schweine am Gang. Ich weiß nicht, wie man das in Ihrem betulichen Alpendialekt sagt, deshalb hier noch eine Floskel, die selbst Sie verstehen sollten: Fahren Sie zur Hölle!“

Er lächelte zufrieden, während er einen flüchtigen Blick auf seine neue Armbanduhr warf, die er sich gegönnt hatte, nachdem ihm die Stadt Dortmund den Bürgerpreis für ‚besondere Verdienste‘ verliehen hatte. Eine Rolex Divemaster. Dafür müssten andere lange schuften. Ein Lächeln huschte über Lehmeiers Gesicht. Dann wurde sein Kopf von Sobukovs Säbel fein säuberlich und blitzschnell vom Rest des Körpers getrennt. Mit einem dumpfen Knall fiel Lehmeiers Kopf in die Buxbaumhecke, die neben seinem Büro zu ansehnlicher Größe herangewachsen war. Der kopflose Rest kippte vornüber zu Boden und beschrieb eine geradezu groteske Kurve.

Nun war es Alexej Sobukov, der zum Himmel hinaufsah und tief ein- und ausatmete. Er verspürte längst schon keine Befriedigung mehr beim Töten, vor allem wenn die Zielperson ein unbescholtener Bürger war. Aber er hatte keine Wahl. Während er einen letzten Blick auf die Leiche warf, säuberte er die Klinge seines Säbels, zündete sich dann eine Zigarette an und verließ den Tatort.

Keine fünf Stunden später saß Sobukov in der Lobby des Hotels Duke in Berlin und nippte an einem Wodka-Red-Bull, seinem Standard-Drink. Er half ihm dabei, mit nur drei bis vier Stunden Schlaf pro Tag auszukommen. Der Kellner hatte ihm freundlich zu verstehen gegeben, dass dies die letzte Runde sein würde. Gut, dass Alexej in Berlin war. Nicht New York war die Stadt, die niemals schlief, sondern Berlin. Und Alexej Sobukov kannte Berlin wie seine Westentasche. Immer wenn er Jobs in Deutschland zu erledigen hatte, zog es ihn nach getaner Arbeit in die Hauptstadt. Nirgendwo sonst in Deutschland konnte er so schnell abtauchen und unerkannt bleiben. Nur in Berlin schaffte er es, das schlechte Gewissen, das er immer häufiger nach einem Mord empfand, abzustreifen und im Nachtleben auf andere Gedanken zu kommen.

Wie so häufig zog es Alexej auch heute in den Rumtreiber, einen Club, der täglich bis in die späten Morgenstunden geöffnet hatte und eine Art Auffangbecken für alle war, die trotz eines deutlich erhöhten Alkoholpegels noch keine Lust verspürten, ins Bett zu gehen. Der Laden sowie der Großteil seiner Stammgäste waren ziemlich abgerockt. Conny, die Inhaberin, war Mitte vierzig. Sie begrüßte jeden ihrer Gäste mit Handschlag und kannte die Lebensgeschichte der meisten in- und auswendig. Als Alexej den Rumtreiber betrat, warf Conny ihm lächelnd eine Kusshand zu und unterhielt sich weiter intensiv mit einem jungen Mann in Pumps und schwarzem Lederminirock. Seine Perücke lag vor ihm auf dem Tresen, den Lippenstift und die Wimperntusche musste er sich kurz zuvor mit seinen Tränen verwischt haben. Er schluchzte herzzerreißend, während Conny ihn fest an sich drückte und ihn zu trösten versuchte.

Alexej setzte sich auf den letzten freien Barhocker und sah sich um. Die meisten Gäste kannte er gut. Die Luft im Rumtreiber war wie immer zum Schneiden. Hier gab es kein Rauchverbot. Aus den Boxen säuselte Marianne Rosenberg „Ich bin wie du“, als Alexej eine Hand auf seinem Oberschenkel spürte.

„Na, schöner Mann, so allein heute Abend?“

Der Typ, der vorhin noch schluchzend am Tresen saß, stand nun hinter ihm. Die Perücke schief auf seinem Kopf liegend, die Wimperntusche immer noch im Gesicht verteilt, blickte er Alexej fragend und gleichzeitig fordernd an.

„Conny hat mir gesagt, dass du keines von diesen Arschlöchern bist. Und wenn ich dich so ansehe, glaube ich, dass sie recht hat.“

Alexej blickte über die Schulter des Mannes hinweg zu Conny hinüber. Sie warf ihm noch eine Kusshand zu und zuckte mit den Schultern. Offenbar hatte sie keinen anderen Ausweg gesehen, das heulende Elend loszuwerden. Conny hatte schon immer geahnt, dass Aljosha, wie sie ihn als eine der ganz wenigen Personen nennen durfte, ein mysteriöses Geheimnis mit sich herumtrug und nicht der war, für den er sich in ihrem Club ausgab. Wenn sie allerdings gewusst hätte, dass der dünne Mann mit dem leichten osteuropäischen Akzent einer der berüchtigsten Auftragskiller der Welt war, läge ihre Hand sicher immer noch tröstend auf dem Kopf des wimmernden Transvestiten.

„Wenn Conny das sagt, wird es wohl stimmen“, entgegnete Alex und legte seine Hand auf die des jungen Mannes. „Was ist mit dir passiert, warum weinst du? Und wie heißt du?“

Der Mann wedelte hektisch mit beiden Händen, als würde er gleich in Ohnmacht fallen.

„Oh mein Gott, wie unhöflich von mir“, begann er. „Ich heiße Francesca, aber meine Freunde dürfen mich Frank nennen.“

Er lachte so laut, dass es alle Gäste im Rumtreiber mitbekamen und spontan mitlachten, Alexej eingeschlossen.

„Dann nenne ich dich lieber Francesca, wenn du nichts dagegen hast. Ich habe nämlich keine Freunde.“ Dabei sah Alexej seinen Gesprächspartner mit undurchdringlicher Miene an. Francesca lachte abermals laut auf. Diesmal aber erwiderte Alexej das Lachen nicht.

„Erzähl mir jetzt, warum du so traurig bist.“ Alexej deutete auf die länglichen Narben an Francescas Unterarm.

„Das war ich selber“, wisperte sie. „Zweimal habe ich versucht, mir die Pulsadern aufzuschneiden. Selbst dafür bin ich wohl zu blöd.“

Wieder rann schwarze Wimperntusche über ihre Wangen.

„Ich …“, begann Francesca zögerlich, „ich hatte bisher nur Pech mit Männern. Aber der erste in meinem Leben war gleichzeitig der schlimmste!“

Alexej zeigte keinerlei Regung. Er ahnte, was als Nächstes kommen würde.

„Mein Vater ist ein echtes Schwein. Er kommt nicht klar damit, dass ich anders bin, dass ich seiner spießigen Idealvorstellung eines Sohnes nicht entspreche.“

„Was hat er getan?“, fragte Sobukov mit seltsam heiserer Stimme.

„Getan? Er hat mir nichts getan. Jedenfalls nichts, das man sehen kann.“

Francesca gab Conny ein Zeichen. Wenige Sekunden später stand ein Glas Schwarzbier auf dem Tresen. Francesca nahm einen tiefen Schluck.

„Seitdem er von meiner ‚Veranlagung‘ weiß, hat er kein einziges Wort mehr mit mir geredet. Und das, obwohl wir noch lange unter einem Dach gewohnt haben und meine Mutter mit Engelszungen auf ihn eingeredet hat. Ich war plötzlich Luft für ihn. Im Grunde genommen waren ihm von dem Zeitpunkt an, als aus Frank Baldauf Francesca wurde, alle anderen Menschen wichtiger als ich. Seine Kollegen, unsere Nachbarn. Einfach alle. Er hat meine Verwandlung nie verstanden, und schon gar nicht toleriert!“

Alexej kniff die Augen zusammen.

„Und deshalb hast du dir irgendwann die Pulsadern aufgeschnitten? Warum hast du ihn nicht einfach getötet?“

Francesca ließ beinahe ihr Bierglas fallen und sah Alexej schockiert an. Sobukov erwiderte den Blick, um dann loszuprusten.

„Kleiner Scherz, my sweet transvestite. Ich erledige das für dich!“ Er nahm Francescas Arm und zog sie zu sich. „Und das, meine Liebe, ist jetzt mein voller Ernst!“

6

Jens Kleibrink hatte das Klingeln des Weckers nicht gehört. Seine Frau stand im Türrahmen und betrachtete ihn liebevoll, während er, die rechte Hand im Schritt und den Kopf ins Kissen gedrückt, genussvoll schnarchend im Bett lag. Elisabeth war voller Tatendrang.

Zu Hause war es immer Jens, der als Erster aufstand, sobald der Wecker um sechs Uhr klingelte. Er bereitete das Frühstück zu, während Elisabeth noch einen Moment im Bett verharrte und erst allmählich, nach intensivem Recken und Strecken, wach wurde und aufstand. Danach betrat Elisabeth leise das Kinderzimmer, um Benny zu wecken. Für den Elfjährigen war das frühe Aufstehen eine einzige Qual. Sie wussten nicht mehr, wie oft sie sich gefragt hatten, welchen Sinn und Zweck der Unterrichtsbeginn um 7:55 Uhr erfüllte. Sogar einige Lehrer hatten in Gesprächen durchblicken lassen, dass ihnen der frühe Vogel herzlich egal war und sie versuchten, Verständnis für morgenmuffelige Kinder aufzubringen. Benny Kleibrink war allerdings ein Sonderfall. Im Grunde war der Junge mit den unbändigen blonden Locken und den großen braunen Augen bis zur ersten großen Pause absolut unansprechbar. Und da war es vollkommen wurscht, ob die Ansprache sanft, aufmunternd, mahnend oder ohrenbetäubend laut war. Bennys Reaktion war immer identisch: Alles, was er herausbrachte, war ein undefinierbares Grunzen. Und ein Gesichtsausdruck, der deutlich signalisierte, dass es besser war, ihm nicht zu nahe zu kommen. Das Einzige das – in den meisten Fällen zumindest – half, war der Duft eines frischen Toasts, fingerdick bestrichen mit Erdnussbutter.

Der Hüttenservice hatte das Frühstück vor wenigen Minuten vor der Tür abgestellt und leise geklopft. Während Elisabeth in Sekundenschnelle aus dem Bett hüpfte, blieb Jens liegen und machte ein schmatzendes Geräusch.

„Hmmm“, brummte er, während Elisabeth ihm das frische Toastbrot unter die Nase hielt. „Wie der Sohn, so der Vater“, wisperte sie Jens ins Ohr und beobachtete, wie sich ein jungenhaftes Lächeln auf das Gesicht ihres Mannes legte. Es waren diese kleinen, eher beiläufigen Momente, die Elisabeths Herz noch immer schneller schlagen ließen.

„Wird Zeit, Schatz! In einer guten Stunde müssen wir am Treffpunkt sein. Ich bin schon ganz aufgeregt!“

Das opulente Büffet im fünfzig Meter entfernten Hauptgebäude der Ferienanlage hatten sie am Vorabend sausen lassen und stattdessen in einem kleinen gemütlichen Restaurant landestypische Spezialitäten genossen: Maisgrieß, dazu frischer Fisch. Jens und Elisabeth bereuten ihre Entscheidung keine Sekunde.

Sie hatten die Fahrt zum St. Lucia See zusätzlich zum ohnehin schon teuren All-inclusive-Pauschalangebot gebucht, auch wenn es ihr Urlaubsbudget eigentlich nicht mehr zuließ. Aber wer wusste schon, ob sie noch einmal eine solche Gelegenheit bekommen würden? Eine herkömmliche Safari, wie man sie in Namibia oder in anderen Ländern des afrikanischen Kontinents buchen konnte, wäre für Jens und Elisabeth nicht infrage gekommen. Sie wollten etwas Besonderes, etwas Abwechslungsreiches. Sie würden in wenigen Stunden sowohl Nashörner und Leoparden als auch Pelikane und Reiher bewundern dürfen. Den Abstecher in die Sumpfgebiete konnten sie leider nicht verhindern. Der Reiseleiter schüttelte lachend den Kopf, als Jens ihm erklärte, wie sehr sich seine Frau vor jeglichen Amphibien ekelte. Als Abschluss würde es dann noch eine Walbeobachtung geben. Darauf freuten sich beide besonders. Buckelwale in freier Natur zu erleben war dann doch ein extraordinäres Spektakel, von dem sie noch Jahre später zehren dürften.

Eine halbe Stunde später klopfte es an ihrer Tür. Aufgeregt wie kleine Schulkinder schauten sich die beiden an.

„Bereit?“, fragte Jens und hielt dabei beide Arme hoch. Elisabeth klatschte ihren Mann ab und erwiderte: „Aber auf jeden Fall! Los geht’s!“

7

„Meine sehr verehrten Damen und Herren von der Presse, liebe Kolleginnen und Kollegen.“ Modrich verdrehte die Augen. Er hasste diese hochoffiziellen Anlässe. ‚Fenster auf, Zeit raus, Fenster wieder zu’, dachte er und unterdrückte nur mit großer Mühe ein Gähnen. Er hatte letzte Nacht kaum ein Auge zugetan, weil Shao, der neben Modrichs Bett auf einer alten Matratze lag, während des Schlafes leise vor sich hin blähte. Das kam häufiger vor, aber in dieser Nacht musste etwas Shaos Verdauungstrakt heftiger als sonst in Wallung gebracht haben. In kurzen Abständen gab Shao ein leise zischendes Geräusch von sich, das Modrich jedes Mal vorwarnte und die Luft anhalten ließ. Der Gestank war derart penetrant, dass Peer sein Gesicht nach dem nächsten Atemzug ins Kopfkissen presste, um nicht die volle Ladung abzubekommen. Irgendwann, es musste kurz vor zwei Uhr nachts gewesen sein, hatte Modrich die Nase sprichwörtlich voll und entschied sich, auf die Wohnzimmercouch zu wechseln. Leider hatte er dabei die Rechnung ohne Shao gemacht. Der hatte nämlich überhaupt keine Lust, alleine im Schlafzimmer zu bleiben. Zuerst hockte er leise winselnd vor der verschlossenen Schlafzimmertür. Als Peer dies ignorierte, fuhr Shao schärfere Geschütze auf. Zuerst kratzte er am Teppichboden vor der Tür, und zwar so heftig, dass Modrich fürchtete, sein Hund würde ein Loch in den Boden des Zimmers buddeln, bis er auf der anderen Seite der Tür wieder wohlbehalten bei seinem Herrchen herauskäme. Als Shao endlich vom Teppichboden abließ, wähnte sich Modrich schon im Reich der Träume. Der Hund schien sich mit seiner Situation abgefunden zu haben. Alles, was Modrich noch wahrnahm, war ein tiefes Schnaufen, das klang, als wollte auch Shao nun endlich einschlafen. Offenbar war das Schnaufen allerdings nur die finale Vorbereitung Shaos, die Schlafzimmertür wie ein Rammbock aufzustoßen. Ein kurzer, schneller Anlauf, ein kerniger Sprung. Im nächsten Moment prallten sechzig Kilo mit voller Wucht gegen die stabile Holztür. Modrich, der durch seine bleierne Müdigkeit eigentlich schon eingeschlummert war, fiel vor Schreck von der Couch. Sein erster, instinktiver Gedanke war, dass sich ein Einbrecher Zutritt zu seiner Wohnung verschafft hatte, das laute Jaulen ließ ihn aber blitzschnell realisieren, dass sein Hund gegen die Schlafzimmertür gedonnert war und diese vermutlich stark beschädigt hatte. Auf allen Vieren krabbelte er in Richtung Tür, öffnete sie zaghaft, als der Tosa all seine Kraft aufbrachte, durch den eigentlich viel zu kleinen Spalt stieß und dabei Modrich zu Boden warf. Freudig erregt wedelte Shao mit dem Schwanz, ließ sich auf Modrich nieder und schleckte sein Gesicht ab.

„Ja doch, ich freu mich auch, dich wiederzusehen, Shao!“

Modrich schaffte es nur mit Mühe, das Tier zur Seite zu rollen und selber wieder auf die Beine zu kommen.

„Wir machen das wie folgt“, sprach Modrich und hob dabei den Zeigefinger in Richtung Shao, der seinen Kopf zur Seite legte. „Du darfst dich heute ausnahmsweise auf der Couch hier ausbreiten. Ich gehe wieder zurück in mein Bett und lasse die Schlafzimmertür offen. So kann ich hoffentlich endlich schlafen und du weiterhin ungestört vor dich hin blähen. Einverstanden?“

Mit dem letzten Wort nahm Peer den Kopf des Hundes in seine Hände, schüttelte diesen sachte und gab Shao einen Gute-Nacht-Kuss. Drei Stunden später hatte Modrich ein Einsehen und ging mit Shao vor die Tür. Es war höchste Zeit.

Oberstaatsanwältin Thea Brammenkemper strafte Modrichs genervten Gesichtsausdruck mit einem verächtlichen Blick und fuhr fort.

„Für alle, die mich noch nicht kennen: Mein Name ist Thea Brammenkemper. Ich bin seit einem knappen Monat die leitende Oberstaatsanwältin. Leider kann der Polizeipräsident aufgrund einer wichtigen Dienstreise nicht hier sein. Aus diesem Grund darf ich – und ich sage das nicht ohne Stolz – an seiner Stelle nun diese Aufgabe übernehmen. Lassen Sie uns kurz zurück­blicken: Kurt Heppner war ein herausragender Kollege. Über viele Jahre hat er die Dortmunder Kriminalpolizei mit großem Geschick, kriminalistischem Spürsinn und einzigartiger Menschenkenntnis geführt. Niemand in diesem Revier hätte nur einen Gedanken daran verschwendet, dass es in Kurt Heppners Leben ein dunkles Geheimnis geben konnte, das schlussendlich aus einem vorbildlichen Staatsdiener einen unkontrollierbaren und kaltblütigen Mörder gemacht hat.“

Ihr Blick schweifte durch die Reihen und blieb bei Gregor Frobisch hängen.

„Und so tragisch und dramatisch Heppners Abgang auch war, bleibt uns nun keine weitere Zeit für Sentimentalitäten. Vielmehr ist es nun an uns und besonders an mir, den Nachfolger Kurt Heppners möglichst geräuschlos in seine neue Position zu heben und ihm den Einstieg etwas zu erleichtern. Selbstverständlich übernehme ich diese Aufgabe, gerade im Hinblick auf die traditionell gute Zusammenarbeit unserer Institutionen, sehr gern.“

Wieder blieb ihr Blick an Peer Modrich hängen, der diesmal allerdings nicht gähnte, sondern ein breites Grinsen aufsetzte.

„Kommissar Modrich“, raunzte Brammenkemper, „würden Sie die anderen Anwesenden und mich doch freundlicherweise an Ihrer guten Laune teilhaben lassen? Ich bin sicher, wir alle möchten dringend wissen, was an meinen letzten Worten so überaus witzig war.“

Peers Absicht, das Wort ‚geräuschlos‘ nur zu denken, ging gründlich daneben. Stattdessen murmelte er selbiges leise, aber eben hörbar in seinen Bart.

„Entschuldigung, geht das auch etwas lauter?“, trompetete die Oberstaatsanwältin. Ihre Halsadern waren bedrohlich angeschwollen. Peer dachte allerdings nicht an Deeskalation.

„Nun, wenn Sie mich so direkt fragen, liebe Frau Oberstaatsanwältin“, begann er, „sollen Sie natürlich eine Antwort bekommen.“

Alle Anwesenden drehten sich zu Modrich um, der in der hintersten Reihe saß und sich weiter um Kopf und Kragen redete. Alle außer Gregor Frobisch.

„Offensichtlich, und das sage ich bei allem gebotenen Respekt, ist Ihre Definition von ‚geräuschlos‘ eine andere als meine.“

Thea Brammenkemper richtete sich hinter dem Rednerpult auf, setzte ihre Lesebrille ab und ging dann langsam auf Modrich zu. Sie war eine äußerst stattliche Erscheinung. Dem Anlass entsprechend trug sie hohe Schuhe, die sie auf eine wirklich beeindruckende Größe wachsen ließen. Ihr war nicht entgangen, dass die meisten der anwesenden Pressevertreter und natürlich auch die versammelten Kollegen einen Mordsspaß an dem hatten, was Modrich gerade abzog. Als amtierende Oberstaatsanwältin musste sie in dieser Situation die Ruhe bewahren und diesen vorlauten Polizeikommissar souverän und ausschließlich verbal in seine Schranken weisen, auch wenn ihr in diesem Moment die Hand relativ locker saß. Ehe es jedoch dazu kommen konnte, hatte sich Gregor Frobisch von seinem Platz in der ersten Reihe erhoben und stellte sich nun mit einer beschwichtigenden Geste hinter das Rednerpult.

„Ich freue mich außerordentlich, einen so verdienten Kollegen wie Kommissar Modrich an meiner Seite zu wissen“, legte Frobisch los. Thea Brammenkemper machte eine schnelle Drehung und hob protestierend den Zeigefinger. Niemand sollte sie jetzt daran hindern, an diesem Polizeiflegel ein Exempel zu statuieren.

„Verehrte Oberstaatsanwältin Brammenkemper“, fuhr Frobisch fort. „Ich bin mir sicher, dass es Kommissar Modrich gut gemeint hat. Da Sie mich allen Anwesenden eingangs ausführlich vorgestellt haben, sollten wir den offiziellen Teil nun schnell hinter uns bringen und drüben in den Büros des Morddezernats noch ein Gläschen zur Feier des Tages trinken. Ich habe alkoholfreien Sekt besorgt. Ach ja, die geschätzten Kollegen von der Presse sind natürlich ebenfalls herzlich dazu eingeladen.“

Der folgende Applaus stimmte Thea Brammenkemper für den Moment wieder milde. Auch sie hatte nun offenbar eingesehen, dass es besser war, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Diesen Modrich konnte sie sich auch noch ein anderes Mal vorknöpfen. Niemand bemerkte in diesem Augenblick, dass Peer sein Handy am Ohr hatte und seltsam blass wurde. Mit der freien Hand fuchtelte er abwechselnd wild herum und hielt sich den Zeigefinger vor die Lippen.

„Sag das bitte noch mal. Ich habe den letzten Satz nicht verstanden!“

Mit einem Mal verstummten alle Anwesenden einschließlich des neuen Polizeichefs und der Oberstaatsanwältin. Peer nahm das Handy vom Ohr und wandte sich an die Journalisten.

„Bitte nicht böse sein, aber die Party ist leider vorbei, ehe sie beginnen konnte. Ich muss Sie nun bitten, den Raum zu verlassen, und zwar sehr zügig!“ Dann hielt er sich das Handy wieder ans Ohr. „Okay, warte noch einen Moment.“

Die Pressemeute verließ etwas missmutig den Raum. Natürlich hätten sie zu gern gewusst, was für die plötzliche Blässe im Gesicht des Kommissars verantwortlich war. Als kein Journalist mehr zu sehen war und der neue Polizeichef die Tür leise schloss, setzte Modrich das Telefonat fort.

„So, jetzt bitte noch mal, und zwar langsam und deutlich!“

Frobisch und die Oberstaatsanwältin blickten Modrich erwartungsvoll an, als dieser das Telefonat beendete und seinen Blick kurz zu Boden senkte.

„Wir haben einen ziemlich brutalen Mordfall zu beklagen. Haben Sie beide Zeit und Lust, mit mir den Dortmunder Zoo zu besuchen?“

Thea Brammenkemper schüttelte verständnislos den Kopf.

„Modrich, es kann ja sein, dass Sie einen besonders schrägen Humor haben, aber Sie können nicht erwarten, dass jeder über Ihre Witze lacht. Was soll das also jetzt bedeuten?“

„Wenn es um Mord geht, scherze ich nicht“, gab Peer unumwunden zurück. „Ich möchte mit Ihnen den Tatort inspizieren, und dafür müssen wir in den Dortmunder Zoo.“

Brammenkemper schien immer noch nicht ganz zu verstehen, folgte Modrich aber, ebenso wie Gregor Frobisch.

8

Das Schlimmste, das Johannes Baldauf jemals erlebt hatte, war der Christopher Street Day vor zwei Jahren in Berlin. Er war kurz zuvor mit seiner Frau und seinem heranwachsenden Sohn in die Hauptstadt gezogen. Das Sanitärunternehmen, für das Baldauf fast zwei Jahrzehnte im ostwestfälischen Oelde gearbeitet hatte, war von der internationalen Konkurrenz geschluckt worden. Fast die Hälfte der 250 Angestellten stand auf der Straße. Baldauf hatte das große Glück gehabt, als einer der Ersten gefragt worden zu sein, mit nach Berlin zu kommen, wo der neue Eigentümer seinen Stammsitz hatte. Wobei das mit dem Glück so eine Sache war. Johannes Baldauf fielen Veränderungen schwer. Er war in seinem fast fünfzig Jahre langen Leben nie gerne gereist und auch nur einmal über die deutsche Landesgrenze hinausgekommen. Kurz nach dem Mauerfall hatte er mit zwei Freunden eine dreiwöchige Reise nach Budapest gemacht. Noch heute erzählte er bei jedem Anlass, wie unfassbar günstig Speisen und Getränke damals in der ungarischen Hauptstadt waren und wie sehr sich die Zeiten und Sitten seither geändert hätten. Die wenigen Freunde, die Baldauf und seine Frau Martina noch besuchten, waren aus der alten Heimat Westfalen. In Berlin hatten die Baldaufs keine engen Kontakte knüpfen können. Oder wollen. Der Besuch des Christopher Street Days machte Johannes Baldauf diese Stadt noch suspekter als zuvor.

„Überall Multikulti, jeder scheint hier mit jedem zu vögeln“, sagte er und verzog dabei angewidert sein Gesicht, während sein Sohn Frank dem bunten Treiben des CSD aufmerksam folgte. Ein Transvestit auf Plateausohlen näherte sich Frank mit riesigen Schritten und blieb unmittelbar vor ihm stehen. Franks Gesicht steckte plötzlich in einem künstlichen Dekolleté, er wurde von zwei kräftigen Armen gepackt und hochgehoben. Der Kuss, den er bekam, war ein überaus intimer.

In diesem Augenblick brannten bei Johannes Baldauf alle Sicherungen durch. Das wilde Kriegsgeschrei, das er anstimmte, ließ die umstehenden Besucher des CSD wie auf Kommando herumfahren. Sie sahen einen völlig entfesselten Mann, der erst einen Mülleimer aus seiner Verankerung riss, um dann mit demselben auf den Transvestiten und seinen bedauernswerten Sohn einzuschlagen. Körperlich eigentlich hoffnungslos unterlegen, war es die unbändige Wut, die Johannes Baldauf an diesem Tag um ein Haar zu einem Mörder werden ließ. Zwei der unzähligen Schläge hatten den Transvestiten schwer am Kopf getroffen, sodass dieser erst taumelte und dann zu Boden sank. Frank Baldauf lag blutüberströmt auf dem Bürgersteig und hielt schützend die Hände vor sein Gesicht. Wären dem Transvestiten nicht zwei couragierte CSD-Besucher zur Hilfe geeilt, wer weiß, was noch alles geschehen wäre. Mit vereinten Kräften wurde Johannes Baldauf niedergerungen und so lange festgehalten, bis die Polizei vor Ort war und ihn in Gewahrsam nehmen konnte.

Tatsächlich musste man Baldauf bereits zwei Stunden später wieder laufen lassen, weil der Transvestit im allgemeinen Chaos verschwunden war und sein Sohn vor lauter Angst keine Aussage machen wollte. Die Zeugen, die Baldauf schlussendlich überwältigt hatten, sagten lediglich aus, dass der Transvestit und Baldauf offenbar in eine Schlägerei verwickelt waren und sich die Verletzungen vermutlich daraus ergeben hätten. Baldauf selbst hatte auf Notwehr abgestellt und zudem betont, dass er seinen Sohn in Gefahr sah. Zu Hause angekommen, nahm Baldauf sich Frank noch mal vor.

„Um deinen Vater zu verteidigen, machst du dein Maul wohl nicht auf? Aber wehe, es kommt so eine Tucke daher und will dir ihre Zunge bis zum Anschlag in den Hals stecken! Das scheint genau dein Ding zu sein, richtig? Ich weiß nicht, was bei dir schiefgelaufen ist, aber ich komme mehr und mehr zu dem Entschluss, dass es damals eine Fehlentscheidung war, dich nicht abzutreiben. Hätte ich mich mal durchgesetzt.“

Frank Baldauf schnappte nach Luft und sah seinen Vater ungläubig an.

„Ja, du hast schon richtig gehört. Du warst ein Unfall. Eigentlich hättest du von einer Gummiwand abprallen und dann im Müll landen sollen. Das Scheißding ist aber geplatzt und wir hatten den Salat. Na ja, kein Wunder, dass du dich nun in eine solche Richtung entwickelt hast.“ Baldauf zog seine Spucke hoch und spie Frank vor die Füße. „Von heute an bist du nicht länger mein Sohn. Geh deinen Weg, lass dich meinetwegen von jedem Dahergelaufenen begrapschen. Ist mir ab sofort wurscht. Was deine Mutter daraus macht, geht mir ebenfalls am Arsch vorbei.“

Martina Baldauf arbeitete seit knapp sechs Monaten in einem Berliner Kinderkrankenhaus. So gelang es ihr wenigstens während der Schichten, dem täglichen Wahnsinn, der sich zu Hause abspielte, zu entfliehen. Sie hasste ihren Mann. Mit jedem Tag wurde es schlimmer. Viel länger würde sie es mit ihm nicht aushalten. Frank war nun alt genug und konnte auf eigenen Beinen stehen. Zur Not würde sie eine Zeit lang mit ihrem Sohn zusammenleben. Irgendwo weit weg von diesem Scheusal. Warum wurden solche Menschen niemals zur Rechenschaft gezogen?

Als Alexej Sobukov Monate später die Wohnungsklingel der Familie Baldauf betätigte, hatte Martina Baldauf Frühschicht.

9

Freds Albtraum riss Guddi aus ihren Träumen. Seit einer gefühlten Ewigkeit hatte sie nicht mehr so tief und fest schlafen können. Die Ärzte hatten ihr gestern noch mal Mut gemacht, ihr den Eingriff sehr präzise erklärt. Es konnte eigentlich nichts schiefgehen. Im Vergleich zu den beiden ersten OPs, bei denen die Ärzte gebetsmühlenartig auf das hohe Risiko hingewiesen hatten, schien es jetzt fast so, als wollte das gesamte Ärzteteam jegliches Restrisiko allein durch positive Gedanken von vornherein ausschließen. ‚Vielleicht hilft das ja tatsächlich‘, dachte Guddi, als sie sich ins Bett legte und nach kurzer Zeit eingeschlafen war, obwohl Fred sie noch länger mit Fragen zu seinem Zwillingsbruder löcherte. Fred hatte, im Unterschied zu Leo, keine körperlichen Schäden davongetragen. Allerdings war er seit den schrecklichen Stunden in der Gewalt der Entführer trotzdem ein anderer Mensch geworden und benötigte die Hilfe eines Psychotherapeuten. Er kam weder mit der Tatsache klar, dass sein Bruder plötzlich nicht mehr mit ihm herumtollen konnte, noch schaffte er es, die schrecklichen Bilder jener Stunden in der Lagerhalle aus dem Kopf zu bekommen. Den Moment, als sich der letzte Schuss löste und seinen Bruder traf. Die Sekunden, als das Leben aus Leo wich. Die panischen Schreie seines Vaters, der mit ansehen musste, wie ein völlig entfesselter Kurt Heppner seinen Sohn zum Krüppel machte.

Aber auch Fred hatte mitbekommen, dass die Ärzte, die sich um Leo kümmerten, diesmal sehr viel optimistischer waren als bei den vorangegangenen Operationen. Er wünschte sich nichts mehr, als endlich wieder mit Leo im Garten Fußball zu spielen oder mit dem Mountainbike loszuradeln, bis ihnen die Zunge vor Durst und Erschöpfung fast bis zum Boden hing. Aber natürlich musste er auch jedes Mal, wenn er seinen Bruder im Krankenhaus besuchte – und das war beinahe täglich – der Realität ins Auge blicken. Und diese war leider grausam. Leo Faltermeyer lag in einem Spezialbett und konnte an einem guten Tag lediglich seinen Kopf und die Finger seiner rechten Hand bewegen. Dieser Anblick machte Fred jedes Mal fertig. Sobald sie das Krankenhaus verlassen hatten, weinte er hemmungslos in den Armen seiner Mutter und wollte für den Rest des Tages von allen nur noch in Ruhe gelassen werden.

‚Morgen wird alles gut‘, hatte er sich vor dem Zubettgehen geschworen.

Jetzt saß er, schweißgebadet und mit weit aufgerissenen Augen, neben seiner Mutter im Bett und gab einen lang gezogenen, pfeifenden Ton von sich. Guddi fasste Freds Arm. Dabei merkte sie, dass ihr Sohn offenbar noch immer schlief. Er nahm sie jedenfalls nicht wahr, sondern starrte vor sich hin und ließ den pfeifenden Ton zu einem dunklen Stöhnen anschwellen. Jetzt nahm Guddi Fred in die Arme und flüsterte ihm beruhigende Worte ins Ohr. Es war nichts mit Zusammenhang, ihr fiel aufgrund der eigenen, bleiernen Müdigkeit nichts wirklich Sinnvolles ein.

„Mami“, begann Fred schließlich leise, „ich habe geträumt, dass Leo wieder laufen kann!“ Guddi musste sich zusammenreißen. Sie hatte mit solch einer Reaktion ihres Sohnes rechnen müssen. Das alles war, wie der Therapeut mehrfach betont hatte, ein entscheidender Schritt zur Verarbeitung seiner außergewöhnlichen persönlichen Situation. Jetzt aber zog es ihr doch den Boden unter den Füßen weg. Sie kämpfte mit den Tränen, wollte für Fred aber Stärke zeigen. Ob das so richtig war, wusste sie nicht. Sie tat es eher intuitiv.

„Das ist doch toll, Fred. Und ich bin mir sicher, dass, wenn wir beide ganz fest daran glauben, dein Traum auch in Erfüllung geht!“

Fred schluchzte nun laut und bekam den folgenden Satz nur schwer über die Lippen.

„Es waren Maschinenbeine, Mama. Leo hatte Maschinenbeine!“

Guddi wollte losschreien, wusste aber, dass nichts anderes die Situation besser beruhigen würde als eine zärtliche Umarmung. Sie hielt Fred ganz fest und wiegte ihn hin und her, so lange, bis er sich tatsächlich beruhigt hatte und wieder eingeschlafen war. Maschinenbeine. Mit diesem Bild im Kopf war es ihr unmöglich, noch einmal Schlaf zu finden. Gudrun Faltermeyer war eine überaus starke Frau, die nun allerdings vor ihrer bislang härtesten Prüfung stand.

10

Dass die Tiere im Dortmunder Zoo an diesem Morgen unruhiger waren als sonst, hatte weniger mit den zahlreichen seltsamen Gestalten in Uniformen und weißen Ganzkörperoveralls zu tun, sondern vielmehr mit der Tatsache, dass der Zoo seit dem Fund der Leiche Daniel Lehmeiers gesperrt worden war und die Tierpfleger ihren Schützlingen kein Futter bringen konnten.

Modrich und Frobisch hatten von den Kollegen der Spurensicherung ebenfalls Overalls in Empfang genommen und umgehend übergezogen, während Thea Brammenkemper in einigem Abstand vor dem Gehege der Giraffen stand und nervös an einer Filterzigarette zog.

Doktor Klaus Gahmen, Chef der Spurensicherung, beugte sich gerade über den abgetrennten Kopf des Opfers, während Modrich und Frobisch sich entsetzt dem Rest der Leiche näherten. „Moin Peer“, sagte Gahmen, als er den Kommissar erblickte.

„Hi Klaus“, erwiderte Modrich. Als er Gahmens fragenden Blick in Richtung Frobisch bemerkte, fuhr er fort.

„Stimmt ja. Du warst vorhin gar nicht dabei. Darf ich dir Gregor Frobisch, unseren neuen Polizeichef vorstellen? Herr Frobisch löst Kurt ab, der … Na ja, du weißt das ja alles.“

„Es ist mir nicht entgangen“, nickte Gahmen und reichte Frobisch seine Hand.

„Auf gute Zusammenarbeit. Oh, ich hoffe, Sie finden es nicht unhöflich, dass ich den Handschuh nicht abstreife. Keine Sorge, ich habe die Leiche bislang nicht berührt.“

Frobisch schienen Gahmens Worte nicht sonderlich zu interessieren. Stattdessen gab er ihm nur flüchtig die Hand, um sich sogleich zum Kopf der Leiche herunterzubeugen.

„Da scheint jemand sehr wütend auf den Zoodirektor gewesen zu sein“, nuschelte Frobisch. Gahmen sah zu Modrich hinüber, der ratlos mit den Schultern zuckte. „Wut war sicher im Spiel“, bestätigte Gahmen, „darüber hinaus aber auch noch Kraft, Technik und eine gewisse Präzision.“

Modrich war froh, dass Klaus Gahmen wieder zurück im Team war. Er schätzte den Chef der Spurensicherung für seine schnellen und präzisen Analysen. Gahmen war fast zwei Jahre wegen eines schweren Herzinfarktes dienstunfähig geschrieben und konnte nie vollwertig ersetzt werden. Nun, nach einem lebensrettenden, fast sechsstündigen operativen Eingriff, war er wieder im Vollbesitz seiner Kräfte und lieferte den Ermittlern bisweilen entscheidende Hinweise auf den Tathergang und ein mögliches Motiv. Mit Guddi konnte Modrich vorerst nicht rechnen, deshalb war es umso wichtiger, dass er Gahmen wieder an seiner Seite wusste. ‚Mal sehen, was der Neue so draufhat‘, dachte Peer und blickte zu Frobisch, der immer noch den Kopf des Opfers inspizierte.

„Chef, was ist denn so interessant an dem Kopf?“, fragte Modrich. „Oder hoffen Sie, dass er noch eine Aussage macht?“

Frobisch ignorierte Modrichs Anmerkung und beugte sich noch ein wenig tiefer herunter. Gahmen sah Peer abermals irritiert an und wollte gerade etwas sagen, als Frobisch herumschnellte und die beiden triumphierend anlächelte. „Der Täter ist offenbar Raucher. Sehen Sie hier.“

Gahmen und Modrich hockten sich nun neben Frobisch und begutachteten den Kopf. Auf der linken Wange war eine Brandwunde zu sehen, die die Größe eines Centstückes hatte. „Offenbar war auch eine Menge Hass und Verachtung im Spiel“, ergänzte Frobisch. Gahmen nickte. „Das sieht in der Tat aus, als hätte der Täter nach der Enthauptung in Ruhe zu Ende geraucht und den Glimmstängel im Gesicht seines Opfers ausgedrückt.“

Modrich erhob sich und resümierte. „Dann müssen wir ja nur noch die Kippe finden und die DNA analysieren. Und schwupps, haben wir den Täter.“

Gahmen wiegelte ab. „Gut möglich, Peer. Aber so leicht wird das dann eventuell doch nicht. Die Tat scheint nicht von einem Amateur begangen worden zu sein. Ein Hieb mit einer solchen Präzision kann nur von jemandem ausgeführt werden, der Erfahrung im Umgang mit Schwertern oder ähnlichen Waffen hat. Der Täter wusste exakt, wie er sein Werkzeug zu führen hatte. Die eigentliche Tat hat vermutlich nur wenige Sekunden gedauert. Das war kein Anfänger, und es würde mich sehr erstaunen, wenn der Typ so blöd ist und einfach seine Kippe liegen lässt. Es sei denn, er will, dass wir ihm auf die Schliche kommen.“

Frobisch nickte zustimmend. „Ich sehe das ganz ähnlich. Trotzdem sollten wir hier alles absuchen. Letzten Endes müssen wir herausfinden, ob die Brandwunde im Gesicht des Opfers tatsächlich von der Zigarette des Täters stammt. Dafür müssen wir sie aber erst einmal finden. Und wenn er uns wirklich auf seine Fährte locken will, sollten wir diese Einladung, höflich wie wir nun einmal sind, nicht ausschlagen.“

„Vielleicht ist es aber auch weniger eine Einladung, sondern vielmehr eine Falle!“, konterte Peer und dachte an den ‚Erlöser‘-Fall, bei dem Guddi und er sich leichtsinnig in akute Lebensgefahr gebracht hatten.

In diesem Moment bekam Peer eine SMS. Verdammt, er musste sich endlich angewöhnen, das Ding stumm zu schalten, solange er im Einsatz war. Es war Guddi.

‚Bin jetzt im Krankenhaus. Geht gleich los. Drück uns die Daumen. Melde dich, wenn du kannst!‘

„Kommissar Modrich, geht es Ihnen nicht gut?“, fragte Frobisch besorgt.

Peer fuhr sich nervös durchs Haar und schüttelte hektisch den Kopf. Es machte den Eindruck, als wollte er dunkle Gedanken loswerden.

„Alles gut soweit“, erwiderte er, „ich müsste nur heute Nachmittag dringend nach Aachen. Der Sohn meiner Kollegin wird gerade ein weiteres Mal operiert.“

Frobisch schien keinen Plan zu haben, wovon Peer sprach.

„Gudrun Faltermeyer. Sie ist seit unserem letzten Fall beurlaubt. Sie wissen nichts darüber, richtig?“

Frobisch schüttelte den Kopf. „Um ehrlich zu sein, hatte ich genug eigene Baustellen, um mich eingehend in die Vitae meiner neuen Mitarbeiter einzulesen. Frau Faltermeyer ist für mich noch ein unbeschriebenes Blatt. Im Vergleich zu Ihnen, Modrich!“

„Dann sollte ich Ihnen das beizeiten alles erzählen. Ich finde, Sie sollten wissen, wer zu Ihrem Team gehört und warum dieses Team im Moment nicht vollzählig ist.“

Frobisch sah Peer zustimmend an. „Sie haben recht. Was halten Sie davon, wenn ich Sie heute Abend abhole und wir in die Kneipe Ihres Vertrauens gehen? Was ich so gehört habe, sind Sie da ein Mann vom Fach.“ Frobisch huschte ein Lächeln übers Gesicht. „Und manchmal auch fürs Grobe!“, ergänzte er.

Peer runzelte die Stirn. Sein Ruf eilte ihm wieder einmal voraus. „Halb acht würde bei mir passen. Meine Adresse haben Sie sicher, oder?“

Frobisch nickte. „Was halten Sie davon, wenn ich hier für Sie weitermache und Sie jetzt schon zu Ihrer Kollegin fahren?“

Peer schaute einigermaßen verdattert.

„Ich meine das durchaus ernst, kann es mir aber auch gern wieder anders überlegen. Also: Sehen Sie zu, dass Sie hier wegkommen. Bis heute Abend.“

11

„Es gibt vermutlich nichts Schlimmeres für einen Jungen als das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Wenn dein Vater dich spüren lässt, dass du für ihn ein Versager bist, ist es so, als würde jemand den Stecker bei dir ziehen.“

Johannes Baldauf wachte langsam auf. Die Betäubung ließ ihn nur ganz allmählich das wahrnehmen, was um ihn herum passierte. Sein Nacken schmerzte höllisch, was offenbar daran lag, dass er rücklings auf dem Ehebett lag und sein Kopf am Fußende des Bettes herabhing. Seine Erinnerungen an die letzten Stunden waren mehr oder minder ausgelöscht. Jemand hatte an der Wohnungstür geklingelt. Das war’s, was Baldauf noch wusste.

Die Schmerzen hielten ihn nur für eine kurze Zeit davon ab, den Kopf zu heben. Schließlich wollte er wissen, woher die Stimme kam. Vor allem aber musste er möglichst schnell herausfinden, warum Kopf und Hals die einzigen Teile seines Körpers waren, die er spürte.

Musik erklang. Jemand hatte wohl das Radio eingeschaltet, das im Flur auf der Anrichte stand. Es lief derselbe Sender, den seine Frau immer hörte, wenn sie von der Arbeit kam und entspannen wollte. Deutsche Schlager hatten es Martina Baldauf angetan. Ihre Helden waren Karel Gott, Howard Carpendale und Roland Kaiser. Ihren Hochzeitstanz hatten Johannes und Martina Baldauf zu Ti Amo hingelegt. Baldauf hatte mit Schlagern selbst nichts am Hut, kannte aber durch Martinas Faible fast jeden Song aus dem Effeff.

Rocky von Frank Farian war einer der vielen Schlagerklassiker, die er abgrundtief verabscheute. Warum lief dieser Schund ausgerechnet jetzt? Baldauf wollte protestierend die Hand heben, musste aber sogleich feststellen, dass sie ihm nicht gehorchte, sondern schlaff auf dem Bett liegen blieb.

„Sie sagte: Rocky, ich hab noch nie ein Kind bekommen. Ich will es dir gern geben!“

Irgendjemand sang den Refrain mehr schlecht als recht mit. Ein scheußlicher osteuropäischer Akzent kam hinzu. ‚So muss es klingen, wenn Klitschko singt‘, dachte er.

Baldauf drehte seinen Kopf in alle Richtungen, konnte aber niemanden sehen.

„Ich sagte: Kopf hoch, Baby, lehn dich an mich. Es wird schon irgendwie gehen!“

Ein Mann tanzte durch den Flur und spielte dabei Luftgitarre.

„Sie sagte: Rocky, ich habe solche Angst zu sterben. Ich weiß nicht, was da noch kommt!“ Bei diesem Satz tanzte er ins Schlafzimmer und kniete sich hinter Baldaufs Kopf auf den Teppich.

„Niemand weiß, was da noch kommt, oder?“

Panik erfasste Johannes Baldauf. Über ihm schwebte bedrohlich das irre Gesicht eines Mannes, den er noch nie zuvor gesehen hatte und der ihm offenbar mithilfe eines Schlagertextes etwas Wichtiges mitteilen wollte.

„Was wollen Sie?“, krächzte Baldauf, „Was haben Sie mit mir gemacht? Ich spüre meinen Körper nicht mehr.“

Das Gesicht näherte sich Baldauf bis auf wenige Milli­meter.

„Gibt es einen neuen Morgen in einer anderen Welt?“

Alexej Sobukov griff hinter sich und zog einen schwarzen Koffer zu sich heran. Baldauf erkannte aus den Augenwinkeln, dass es sich dabei um einen Arztkoffer handelte.

„Was soll das werden? Machen Sie mich sofort los oder ich …!“

Sobukov stand abrupt auf und tanzte zu den letzten Takten von Rocky. Mit einer eleganten Drehung landete er wieder auf dem Teppichboden, diesmal jedoch fixierten beide Knie Baldaufs Kopf. Triumphierend hob er die linke Hand.

„Oder du wirst was? Jungchen, du hast keine Ahnung, mit wem du’s hier zu tun hast. Ist aber auch überhaupt nicht kriegsentscheidend. Möchtest du eigentlich gar nicht wissen, warum ich mir ausgerechnet dich ausgesucht habe?“

Baldauf versuchte zu nicken, schaffte es aber nicht.

„Ich werde es dir erklären. Aber zuerst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen.“

Baldauf hatte keinerlei Optionen. Er lag da und konnte nur hoffen, dass dieser Irre ihn nicht töten würde. Und was zum Geier hatte der Typ da zwischen seinen Fingern? Sobukovs Hand schnellte vor und befestigte eine Wäscheklammer auf Baldaufs Nase. Verzweifelt versuchte er, weiterhin normal durch die Nase zu atmen, aber es gelang ihm nicht.

„Bitte den Mund jetzt ganz weit öffnen!“, säuselte Sobukov und griff in seinen Koffer. Mit einer winzigen LED-Taschenlampe leuchtete Sobukov in Baldaufs Mund.

„Ui, das sieht aber gar nicht gut aus. Bitte notieren Sie: Backenzahn unten rechts kariös, Extraktion unvermeidlich. Von Zahnpflege hast du die letzten Jahre nicht so viel gehalten, nicht wahr, Jungchen?“

Sobukov blickte sich um und schüttelte den Kopf.

„Na so etwas. Meine Assistentin hat wohl bereits ihre Mittagspause angetreten. Aber was soll’s: Den einen Zahn kann ich mir auch selber merken. Leider sind mir die Betäubungsmittel ausgegangen, aber ich denke, so ein kleines bisschen Zahnweh wirst du verkraften können. Oder, Jungchen?“

Baldauf wollte losschreien, heraus kam aber nur ein heiseres, gutturales Röcheln. Als Nächstes musste er den Kopf irgendwie aus der Umklammerung bekommen, um zu verhindern, dass der Wahnsinnige weiter in seinem Mund rumwerkeln konnte. Sobukov schaute sich die zwecklosen Versuche seines Opfers kurz an, um dann blitzschnell einen trockenen Handkantenschlag auf das Jochbein seines Opfers zu platzieren. Baldauf spürte, wie ihm der Schmerz die Sinne zu rauben drohte. Sobukov drehte seinen Kopf, als wollte er genau beobachten, wie lange es wohl dauern würde, bis sein Opfer vor Schmerzen losschreien würde. Aber Baldauf tat ihm diesen Gefallen nicht.

„Der Radiosender meint es heute besonders gut mit uns“, sprach Sobukov plötzlich mit heiterer Stimme. „Spitz deine Ohren doch mal, Jungchen, was sie gerade spielen.“

Baldauf hörte im Hintergrund den Refrain von Abschied ist ein scharfes Schwert und brach in hysterisches Lachen aus. Das alles musste ein schlechter Traum sein. Vermutlich würde er gleich daraus erwachen und bereits den frischen Kaffee aus der Küche riechen können, den ihm Martina, sofern sie nicht bei der Frühschicht war, jeden Morgen zubereitete. Ein weiterer kräftiger Schlag seines Peinigers ließ ihn abrupt verstummen.

„Jungchen, das ist genau dein Problem. Du hast einfach keinen Respekt. Weder vor der Kunst noch vor deinem Sohn. Und warum ist das so? Weil du schlichtweg ein dummer Mensch bist!“

Ehe sich Baldauf fragen konnte, was sein Sohn Frank mit alldem hier zu tun hatte, griff Sobukov erneut hinter sich und reckte nun beide Hände in die Luft.

„Du hast die Wahl: Bohrer oder Zange? Langsam oder schnell? Schmerzhaft oder sehr schmerzhaft? Hm, was meinst du?“

Nach einer kurzen Pause, in der Baldauf nur noch panisch die Augen aufreißen konnte, fuhr Sobukov fort.

„Oh, ich sehe schon: Du möchtest, dass ich das entscheide. Nun gut, wenn dem so ist, dann machen wir uns mal flott ans Werk!“

Das Geräusch des Bohrers mischte sich mit dem letzten Refrain, den Roger Whittaker mit samtweicher Stimme vortrug.

Бесплатный фрагмент закончился.

449,59 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
214 стр. 7 иллюстраций
ISBN:
9783942672719
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:
Третья книга в серии "Kommissar Modrich"
Все книги серии

Похожие книги