Читать книгу: «Tibor (zweite Serie) 1: Die Spinnengöttin»

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Impressum

Originalausgabe November 2020

Charakter und Zeichnung: Tibor © Hansrudi Wäscher / becker-illustrators

Text © Thomas Knip

Copyright © 2020 der eBook-Ausgabe Verlag Peter Hopf, Minden

Korrektorat: Andrea Velten, Factor 7

Redaktionelle Betreuung: Ingraban Ewald

Umschlaggestaltung: etageeins, Jörg Jaroschewitz

Hintergrundillustration Umschlag: © Binkski – fotolia.com

ISBN ePub 978-3-86305-266-9

www.verlag-peter-hopf.com

Hansrudi Wäscher wird vertreten von Becker-Illustrators,

Eduardstraße 48, 20257 Hamburg

www.hansrudi-waescher.de

Alle Rechte vorbehalten

Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse sind rein fiktiv.

Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.

Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Verarbeitung und die Verbreitung des Werkes in jedweder Form, insbesondere zu Zwecken der Vervielfältigung auf fotomechanischem, digitalem oder sonstigem Weg, sowie die Nutzung im Internet dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages erfolgen.

Inhalt

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

THOMAS KNIP
Die Spinnengöttin

Tibor (zweite Serie) Band 1

EINS

Brütende Hitze lag über Tibors heimatlichem Dschungel am Rande der ›Toten Sümpfe‹. Schon seit Tagen ging kein einziger Windhauch. Myriaden von Mücken hingen in Wolken über dem Wasser. Ihr leises Sirren war das einzige Geräusch, das die Luft erfüllte. Kein Tier zeigte sich, um seinen Durst zu stillen. Sie alle hielten sich im Schatten der Bäume verborgen. Es war, als sei der gesamte Dschungel in einen tiefen Schlummer gefallen.

Auch Tibor hielt nach einem erfrischenden Bad seinen Mittagsschlaf unter einem Sonnensegel. Das hieß, er versuchte es. Denn anders als er waren seine Begleiter, die Äffchen Pip und Pop und Kerak, der mächtige Gorilla, alles andere als ruhig.

»Gib mir sofort die Banane wieder!«, zeterte Pop und griff mit seinen kleinen Händen nach der reifen Frucht.

»Ich denke gar nicht daran!«, entgegnete Pip und hielt die Banane nur umso fester umklammert. Er pellte die Schale ab und riss das Fruchtfleisch mit einer schnellen Bewegung heraus. »Hier, die Schale kannst du zurückhaben«, meinte er gönnerhaft und grinste Pop frech an.

Dieser zeterte nun nur umso lauter und hüpfte wütend auf der Stelle. »So eine Frechheit! Na, warte!«

Mit einem Satz sprang er Pip an und schlang seine Finger um dessen Handgelenk, noch bevor er die Banane verzehren konnte.

»Hee, lass los!« Pip versuchte, sich aus dem Griff seines Bruders zu befreien. Zusammen kullerten sie über das ausgetrocknete Gras, ohne dass es einem von ihnen gelang, die Banane zu für sich zu ergattern.

Ein dumpfes Grollen erklang. Träge drehte sich Kerak, der dem Treiben bisher müßig zugesehen hatte, um, streckte seinen langen Arm aus und entriss den beiden Äffchen die Frucht mit einem kraftvollen Ruck.

»Ich weiß wirklich nicht, warum ihr euch streitet«, meinte er und grinste breit. »Die Banane habe ich jetzt, und …«, sie verschwand mit einem Bissen in seinem Maul, »… weg ist sie!«

Er kaute sie mit lautem Schmatzen und schluckte sie hörbar herunter.

»Das ist doch …«, ereiferte sich Pip.

Kerak strich sich die Reste aus den Mundwinkeln und leckte sie von seinen Fingern. »Damit wäre der Friede wieder hergestellt. Es gibt nichts mehr, worüber ihr euch streiten müsstet!«, meinte er mit einem zufriedenen Grinsen.

Tibor, der bei dem Lärm, den die Äffchen gemacht hatten, um seinen Schlaf gebracht worden war, sah zu ihnen herüber und lachte. »Gut gemacht, Kerak«, meinte er. »Das war geradezu weise von dir.«

Kerak nickte zufrieden und rieb sich seinen Bauch. Dann legte er sich wie Tibor wieder hin und döste in der Sonne.

Pip und Pop waren immer noch fassungslos und sahen sich um ihre schmackhafte Mahlzeit betrogen.

»Ob das wirklich weise war, wird sich noch herausstellen«, meinte Pip. »Komm!«, forderte er seinen Bruder auf.

»Übernehmt euch nicht!«, schickte Kerak ihnen hinterher und lachte auf.

Gemeinsam trollten sich die Äffchen vom Ufer und hüpften auf die Bäume zu. Binnen weniger Augenblicke hatte sie das Blattwerk verschluckt. Als Pip sicher war, dass sie der Gorilla nicht mehr hören konnte, hielt er an.

»Es wird Zeit, dass wir dem Dicken mal wieder zeigen, dass er mit uns nicht alles machen kann!«

»Ich bin ganz deiner Meinung«, grummelte Pop. »Kerak wird zu übermütig. Die Frage ist nur, was wir unternehmen können.«

»Hmmm …«, überlegte Pip, während er flink an einer Liane hochkletterte und sich mit ihr zum nächsten Baum schwang. Pop folgte, und zusammen turnten sie durch das Astwerk. Als sie eine Lichtung erreichten, hielt sich Pip an einem Ast fest und sah auf den Elefanten, der mit seinem Rüssel nach Nahrung in den Bäumen suchte.

»Was hältst du von unserem langnasigen Freund da drüben?«, fragte er Pop, der auf dem Ast neben ihm zum Halten kam.

»Ich … ich verstehe nicht«, entgegnete Pop und blickte verwundert auf den Elefanten, unter dessen mächtigen Schritten der Boden leicht erzitterte.

Pip drehte sich zu seinem Bruder um und neigte keck den Kopf. »Ich habe eine Idee … Geh schon an den Fluss zurück, damit du den Spaß nicht versäumst.«

Pop sah ihn fragend an und kratzte sich am Kopf. Als Pip eine Geste mit den Händen machte, die ihn verscheuchen sollte, folgte er der Anweisung und schwang sich zurück zum Lager. Pip sah ihm nach und drehte sich dann dem Elefanten zu. Er ließ sich auf den Boden fallen und blickte sich um. Es dauerte nicht lange, bis er fand, wonach er gesucht hatte.

Zufrieden umklammerte er den Stock, der deutlich länger war als er selbst, und zog ihn hinter sich her. Achtsam schlich er sich an den Dickhäuter heran, der, nichts Böses ahnend, die zarten Blätter von den Bäumen zupfte.

Pip wog den Stock in seinen Händen und sah die gewaltigen Hinterbeine des Elefanten hinauf. Er wusste, dass die Tiere in den Kniekehlen besonders empfindlich waren. Mit einem Satz sprang er in die Höhe …

*

Bulgro genoss den frischen Geschmack der Blätter, die er mit seinen Zähnen zermalmte. Er schloss gerade seinen Rüssel um ein weiteres Büschel, als er ein unangenehmes Stechen in der Kniekehle verspürte.

Unwillig machte er einen Schritt zur Seite, bevor er sich die Blätter in den weit aufgerissenen Rachen stopfte. Er musste sich wohl an einer hervorstehenden Wurzel gestoßen haben. Doch nur Augenblicke später war das Stechen erneut zu spüren, obwohl er nun auf der Stelle stand. Bulgro schwang seinen Kopf zur Seite, um zu erkennen, was ihm im Weg war.

Nun spürte er das pieksende Stechen auf der anderen Seite, und kurz darauf erneut.

Der Elefant schnaubte. Da trieb doch jemand seinen Schabernack mit ihm! Wiederholt sah er von einer zur anderen Seite nach hinten, ohne etwas erkennen zu können. Dafür folgte ein ums andere Mal das Stechen.

Ihm dämmerte es. Sicher waren das wieder Tibors nichtsnutzige Äffchen! Sie wähnten sich in dessen Gegenwart in Sicherheit und erlaubten sich allerhand Scherze, die sie sich ohne den Sohn des Dschungels an ihrer Seite nie trauen würden.

Bulgro stieß ein Tröten aus und drehte sich, so schnell er konnte, um. Dabei hörte er ein Knacksen und Rascheln im schattenverborgenen Unterholz. Mit stampfenden Schritten beschloss er, dem Geräusch zu folgen.

*

Pip konnte ein Keckern nur mit Mühe unterdrücken, um sich nicht zu verraten.

Wie gehofft, war sein Plan aufgegangen! Er achtete darauf, genug Abstand zu dem erzürnten Elefanten zu haben, damit dieser ihm nicht zu nahe kam. Gleichzeitig sollte er aber auch seine Witterung nicht verlieren, und so warf er immer wieder einen Blick über die Schulter, um sicherzugehen, dass dieser ihm folgte.

Doch alleine das Brechen und Krachen von Ästen und Zweigen hinter ihm ließ ihn deutlich vernehmen, dass Bulgro nach wie vor nach ihm suchte.

Der kleine Affe musste vor Anstrengung bereits deutlich nach Luft schnappen, als er endlich den Fluss erreichte. Pop saß im Gras und sah, wie sein Bruder an ihm vorbeihüpfte und direkt auf Kerak zuhielt, der durch den Lärm im Dschungel aufgesprungen war.

»Hier …«, meinte Pip völlig außer Atem und reichte Kerak den Stock. »Halte den ein Weilchen.«

Verdutzt griff der Gorilla zu. »Wie? Ja, aber wozu?«, wollte er wissen.

Der kleine Affe brauchte sich nicht mal mehr eine Ausrede einfallen zu lassen. In diesem Augenblick brach Bulgro aufgebracht durch das Uferdickicht und hielt auf die kleine Gruppe zu.

»Aha!«, grollte der Elefant mit lautem Tösen. »Da hätten wir ja den Witzbold! Und sogar noch mit dem Stock in der Hand!«

Kerak sah ihn völlig verwirrt an. »Wie?!«, stammelte er und hielt den Stock abwehrend vor sich.

»Dir soll die Lust vergehen, ehrwürdige Dickhäuter zu stören!«, ließ sich Bulgro in seiner Wut nicht unterbrechen. Kerak wusste nicht, wie ihm geschah, als sich der Rüssel des Elefanten um seinen Körper schlang. Mühelos hob Bulgro den schweren Gorilla an. Kerak schlug mit den Armen um sich, konnte aber nicht verhindern, wie ihn der Elefant mit einem kräftigen Schwung von sich schleuderte.

»Da, kühl dich ab!«, schickte Bulgro dem um Hilfe schreienden Gorilla hinterher, der durch die Luft flog. »Und vergiss nicht … nächstes Mal kommst du nicht so glimpflich davon!«

Mit einem lauten Platschen landete Kerak kopfüber im Fluss. Das Wasser spitzte meterhoch in die Höhe und schlug über ihm zusammen. Prustend kam der Gorilla wieder empor und schüttelte sein klatschnasses Fell.

Am Ufer keckerten und feixten die beiden Äffchen.

»Was sagst du nun?«, grinste Pip den Gorilla an.

»Das hast du großartig gemacht!« Anerkennend klopfte Pop seinem Bruder auf die Schulter.

»Ah, so ist das?«, grollte Bulgros Stimme in ihrem Rücken. Noch bevor er wusste, wie ihm geschah, wurde Pip von der Rüsselspitze des Elefanten gepackt und hochgehoben. Alles Zetern und Kreischen half nichts, als Bulgro ein weiteres Mal Schwung holte.

»Dann ist es das Beste, du leistest Kerak Gesellschaft! Du kannst ihn auch gleich für mich um Entschuldigung bitten …« Der Rüssel holte aus und warf das Äffchen hoch in die Luft. Mit einem quietschenden Geräusch landete Pip direkt neben dem Gorilla im Wasser und versank unter der Oberfläche.

Tibor hatte die ganze Zeit nur fassungslos zugesehen und sich gefragt, was hier eigentlich vor sich ging. Doch er hatte keinen Grund gesehen, einzugreifen, und so ließ er Bulgro gewähren. Dieser drehte sich nun um, neigte vor Tibor seinen Kopf und stapfte mit einem verhaltenen Schnauben zurück in den Dschungel.

Inzwischen war Pip um sich schlagend wieder aufgetaucht und sah sich einem wütenden Gorilla gegenüber. »Bitte, Kerak, ich will es auch nicht wieder tun!«, sagte er mit kläglicher Stimme.

Der Gorilla entblößte seine Zähne und grollte Pip an. »Ich glaube dir nicht. Ich …« Das Äffchen wirkte nun wie ein Häufchen Elend und sah seinen Freund aus großen Augen an. Kerak grummelte noch ein paar Augenblicke lang. »Na, guck nicht so ängstlich, sonst kommen mir noch die Tränen! Ich verzeihe dir …«

Er zog Pip aus dem Wasser und setzte ihn auf seine Schulter, dann watete er zurück zum Ufer. Laut schnaufend ließ er sich ins Gras fallen. Pip sprang von dessen Schultern und stakste triefend vor Nässe auf seinen Bruder zu.

Tibor seufzte und legte sich wieder unter das Sonnensegel.

»Ruhe jetzt«, erklärte er. »Ich will jetzt schlaf…«

Ein lauter Schrei gellte durch die Luft. Sofort war Tibor auf den Beinen. »Jemand ruft um Hilfe!«

»Ja, ein Zweibeiner«, antwortete Kerak und reckte die Schnauze vor.

Erneut hallte der Hilfeschrei durch den Dschungel. Diesmal konnte Tibor auch die Richtung feststellen, aus der er kam. Er rannte eine weit aus dem Erdreich ragende Wurzel empor, griff nach einer tief hängenden Liane und schwang sich durch den Urwald. Kerak folgte ihm, die beiden Äffchen auf seinen Schultern.

»Ah, ich sterbe!«, rief die Stimme verzweifelt aus.

»Schneller!«, trieb Tibor seine Freunde an. Sie brauchten nur wenige Augenblicke, um eine Lichtung zu erreichen. Inmitten der dicht wachsenden Gräser und Farne lag ein Eingeborener, der laut stöhnte und sich am Boden wälzte.

Tibor sprang wie Kerak von seinem Ast und eilte durch das Gras auf den am Boden Liegenden zu. Sie hatten ihn fast erreicht, als der Boden plötzlich unter ihnen nachgab.

Zweige brachen, Blätter und Farnwedel wurden durch die Luft gewirbelt. Unter sich sahen sie eine gähnende Öffnung. Die Äffchen kreischten, und Keraks wütendes Grollen erfüllte die Luft. Tibor blieb nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass er den Sturz abfedern konnte. Hart kam er auf dem Erdreich auf und ging in die Knie. Zu seinem Glück dämpften die Zweige und Büschel, die mit ihm in die Tiefe gerissen worden waren, seinen Aufprall.

Dennoch wurde ihm die Luft aus den Lungen gepresst, und er brauchte mehrere Augenblicke, um sich von dem Sturz zu erholen.

»Schnell, helft mir!«, hörte er die Stimme nun weit über sich. Er sah empor und erkannte als Silhouette vor dem Sonnenlicht den Eingeborenen auf zwei langen Stangen liegen, die quer über die Grube gelegt worden waren.

»Was hat das zu bedeuten?«, rief Tibor und streckte seine schmerzenden Glieder.


Zur Antwort zeigte sich ein Dutzend mit Speeren bewaffneter schwarzer Krieger am Rand der Grube, der gut sechs Meter über ihm lag. Zwei der Eingeborenen halfen ihrem Stammesbruder und zogen ihn zu sich her.

»Versuche nicht, deine Tiere zu rufen, Tibor!«, rief einer der Krieger mit erregter Stimme. »Wir müssten dich sonst töten!«

Tibor sah sich mit einem schnellen Blick nach seinen Freunden um. Erleichtert stellte er fest, dass Kerak den Sturz wie die beiden Äffchen, die auf seinen Schultern saßen, anscheinend unbeschadet überstanden hatte.

Er blickte nach oben. »Was wollt ihr von mir? Wer seid ihr?« Es fiel ihm schwer, seinen Ärger zu unterdrücken. Wobei er nicht sagen konnte, ob er wütend auf die Eingeborenen war, die ihm die Falle gestellt hatten, oder auf sich selbst, dass er so unbedacht vorgegangen war.

»Wir gehören zum Stamm der O’gogos«, antwortete der Eingeborene. »Wir haben schon viel von dir gehört.«

»Ja, und immer nur Gutes!«, ergänzte ein anderer. »Wir brauchen deine Hilfe!«

Tibor musste an sich halten, um nicht aufzulachen. »Ich muss schon sagen, ihr habt eine seltsame Art, um Hilfe zu rufen …«

»Verzeih uns, mächtiger Tibor«, antwortete der Krieger. In seiner Stimme klang eine Unsicherheit mit, als sei ihm selbst nicht recht, was sie getan hatten. »Aber wir wollten dir zeigen, dass wir entschlossen sind, dich zu töten, wenn du unsere Bitte ablehnst.«

Wie um die Worte zu unterstreichen, richteten sich mehrere Speere auf ihn.

Tibor atmete tief durch. »Ihr seid deutlich …«, entgegnete er. Seine Gesichtszüge verhärteten sich. »Was also soll ich für euch tun?«

Der Eingeborene senkte den Kopf und zögerte mit der Antwort. »Wir wissen, dass du verborgene Stellen im Dschungel kennst, an denen viele Diamanten zu finden sind. Wir brauchen viele davon, und zwar schnell!«, eröffnete er schließlich.

Tibor runzelte die Stirn. »Wozu wollt ihr die Edelsteine haben?«

»Darauf dürfen wir dir keine Antwort geben«, erwiderte ein anderer, der ebenfalls zögerte. »Wenn du zusagst, ist es gut. Ansonsten … sprechen unsere Speere das letzte Wort!«

»Wie lautet also deine Antwort?«, fragte ein weiterer, dessen Stimme angespannt klang.

Tibor wusste, dass ihm keine andere Wahl blieb. Die Speerspitzen machten deutlich, dass die Eingeborenen ihre Drohung wahrmachen würden. Und er war nicht bereit, das Leben von Kerak, Pip oder Pop zu gefährden.

»Ich muss schon sagen …«, schallte seine Stimme aus der Grube. »Ihr bittet mich, euch zu helfen, und stellt mir eine derart niederträchtige Falle! Ihr habt vorgetäuscht, ein Mensch befände sich in höchster Lebensgefahr …«

»Wir wussten uns keinen anderen Rat«, unterbrach ihn der Eingeborene, der der Anführer der Gruppe zu sein schien. »Und wenn man unser Verhalten im rechten Licht betrachtet … nicht nur einer von uns befindet sich in Lebensgefahr.« Er unterbrach sich, bevor er weitersprach. »Unser gesamter Stamm ist verloren, wenn du uns nicht hilfst!«

»Wir haben schon zu viel geredet«, fiel ihm ein anderer ins Wort. »Verschaffst du uns die Diamanten oder nicht?«, richtete er sich mit hastiger Stimme an den Sohn des Dschungels. »Wenn du ablehnst, töten wir dich auf der Stelle«, drohte er noch einmal.

Tibor bedachte ihn mit einem unbeeindruckten Blick.

»Ihr wisst, dass dann keiner von euch den Dschungel lebend verlassen wird. Meine Tiere kennen keine Gnade, wenn mir etwas zustößt!«

»Das wissen wir! Aber … wenn du ablehnst, sind wir ohnehin des Todes!«

Tibor erkannte die Verzweiflung der Eingeborenen, die ihnen offen ins Gesicht geschrieben stand. Aber er sah auch deren Entschlossenheit.

»Ihr lasst mir keine andere Wahl. Einverstanden, ich hole die Diamanten«, entgegnete er. Er streckte den Arm in die Höhe. »Helft uns aus der Grube!«

Ein Seil wurde herabgelassen, und Tibor griff danach.

»Nur dir!«, machte der Krieger klar. »Der Gorilla und die beiden Äffchen bleiben unten! Wir wissen, wie sehr du an deinen Freunden hängst. Sie bleiben so lange unter der Bedrohung unserer Speere, bis du uns die Diamanten übergeben hast!«

Tibor antwortete nichts darauf, sondern ließ sich nur stumm von den Eingeborenen aus der Grube helfen. Er zog sich über den Rand und erhob sich, umgeben von Speerspitzen, die auf ihn gerichtet waren.

»He, was wird aus uns?«, rief ihm Kerak aus der Grube zu, der die Unterhaltung der Menschen mitverfolgt hatte, ohne deren Sinn zu verstehen. Auch Pip und Pop reckten ihm ihre kleinen Arme entgegen.

»Ihr müsst leider in der Grube bleiben, bis ich zurückkomme«, konnte Tibor mit gutturalen Lauten nur antworten, bevor ihn die Krieger mit sich zogen. Er verfolgte, wie sie sich tuschelnd unterhielten, und dann lösten sich zwei aus der Gruppe.

»Wir begleiten dich«, erklärte einer von ihnen, während der andere seinen Speer stoßbereit hielt. Tibor sah nur kurz auf die Klinge und richtete seine Augen kühl auf das angespannte Gesicht des Kriegers.

»Wie ihr wollt«, antwortete er und ging los. Die beiden Krieger beeilten sich, dicht hinter ihm zu bleiben. Binnen einer Minute waren sie so tief in den Dschungel eingetaucht, dass von den übrigen Männern auf der Lichtung nichts mehr zu sehen war.

»Alleine käme ich schneller voran …«, meinte er zu seinen Bewachern und blieb kurz stehen.

»Das spielt keine Rolle. Wenn wir bei dir sind, kannst du uns nicht überlisten«, antwortete einer der beiden und wies Tibor mit seinem Speer an, weiterzugehen.

»Ich habe versprochen, euch die Diamanten zu geben – und wenn ich etwas verspreche, dann halte ich es auch«, antwortete der Sohn des Dschungels.

»Gilt das auch für ein Versprechen, das dir abgezwungen wurde?«, meinte der Krieger.

Tibor verzog die Lippen. »Ihr seid wirklich zu misstrauisch. Aber ich gebe zu, dass ich euch lieber helfen würde, wenn ihr mich darum gebeten hättet. Andererseits …«, dieser Gedanke beschäftigte ihn schon die ganze Zeit, »… müsst ihr in großer Bedrängnis sein, sonst hättet ihr diesen Gewaltstreich nicht gewagt.« Er blickte die Eingeborenen über die Schulter an. »Wollt ihr mir nicht doch sagen, wozu ihr die Diamanten so dringend haben müsst?«, hoffte er, die Männer zum Einlenken bewegen zu können.

»Nein!«

»Das dürfen wir nicht!«, kam die gepresste Antwort.

»Vertraut euch mir an!«, beharrte Tibor. »Ich meine es wirklich ehrlich mit euch.«

Einer der Männer senkte den Kopf, sah ihn dann aber wieder entschlossen an. »Das mag sein … aber wir verlassen uns doch lieber auf unsere Speere.«

»Wenn ihr euch darauf verlasst, seid ihr verlassen …«, antwortete Tibor düster.

»Wie … wie meinst du das?«, fragte der zweite Eingeborene. Er sah sich hastig um, als rechne er mit einem Angriff aus dem Unterholz, und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Blitzschnell ließ sich Tibor nach hinten fallen. Er machte eine Rolle rückwärts über das Gras, noch bevor die Eingeborenen reagieren konnten, und stieß die Beine in die Höhe. Seine Füße trafen die Hände der O’gogos. Schmerzerfüllt schrien die Männer auf, stolperten zu Boden und ließen die Speere fallen.

Tibor wusste, dass er keine Sekunde verlieren durfte. Schon griff einer seiner Bewacher nach dem Speer im Gras, als ihn Tibor zurückstieß.

»Nicht doch … die beiden Speere nehme ich an mich!« Er packte die Waffen und hielt sie mit ausgestreckten Armen von sich. »Zurück!«, forderte er die Eingeborenen auf, die sich wieder erheben wollten, und schlug ihnen den Speerschaft gegen die Brust. Benommen sackten die Männer ins Gras.

»Ihr armen Narren!« Tibor schüttelte den Kopf. »Habt ihr geglaubt, mich in meinem Dschungel unter Druck setzen zu können?«

»Wir …«, stöhnte einer der beiden O’gogos und hielt sich den Kopf.

»Seht euch um!«, forderte Tibor sie mit ausgebreiteten Armen auf.

Die beiden Eingeborenen rissen die Augen schreckgeweitet auf. Um sie herum war mit einem Mal ein lautes Rascheln und Knacken zu hören. Entsetzt schrien sie auf, als sie sich einer Übermacht von Gorillas gegenübersahen, die sich wie Schatten aus dem Unterholz erhoben oder sich in den Ästen zeigten.

Einer der gewaltigen Menschenaffen stieß ein Grollen aus. »Wollten die Zweibeiner dir etwas antun? Sollen wir sie töten?«

»Nein, Tando!«, rief Tibor mit knurrenden Lauten zurück, die die O’gogos nur noch mehr zusammenzucken ließen. Die ersten Gorillas machten bereits einen Schritt auf die Eingeborenen zu, als Tibor sie mit einer Handbewegung aufhielt.

»Ihr könnt gehen. Die beiden bedeuten keine Gefahr für mich. Lasst auch die anderen Zweibeiner in Ruhe, die Kerak und die beiden Äffchen gefangen halten.«

Kurz war verhaltenes Murren unter den Gorillas zu hören, doch dann verschwanden sie so schnell wieder im Dschungel, wie sie erschienen waren. Tibors feine Sinne verrieten ihm, dass sie seiner Anweisung gefolgt waren.

»Hier!« Er richtete sich an seine Bewacher und streckte ihnen die Speere entgegen.

Die beiden O’gogos sahen ihn entgeistert an.

»Nun nehmt eure Speere schon, ihr Helden«, meinte er. »Wir wollen weitergehen. Das gerade eben sollte nur eine kleine Lehre dafür sein, dass Vertrauen mehr wert ist als euer Misstrauen.«

Die Eingeborenen nahmen die Waffen mit versteinerten Mienen entgegen und folgten ihm stumm.

ZWEI

Kurze Zeit darauf hatten sie einen breiten Fluss erreicht, der den Urwald zerteilte. Das Erdreich unter den Füßen der drei Männer war entlang des Ufers weich und gab bei jedem Schritt nach. Hohe Farne und Schilfrohre reichten den Männern bis zur Hüfte.

Tibor blieb stehen und blickte auf die Insel, die sich inmitten des Flusses erhob.

»Wartet hier«, sagte er zu den O’gogos. »Ich habe mir in einer Höhle auf dieser kleinen Insel einen Vorrat an Diamanten angelegt.«

Die beiden Krieger nickten nur stumm. Seit dem Vorfall mit den Gorillas sahen sie sich fortwährend nach allen Seiten nervös um und hielten ihre Speere fest umklammert. Tibor nahm es mit einem Lächeln zur Kenntnis, spannte seine Muskeln an und sprang mit einem weiten Satz in den Fluss. Kurz tauchte er unter, bevor er wieder an die Oberfläche kam und mit kraftvollen Kraulzügen auf die Insel zuschwamm.

Ihn beschäftigte nach wie vor die Frage, wozu die O’gogos die Steine benötigten. Er ging nicht davon aus, dass sie sie für sich selbst haben wollten. Ihr Stamm lebte so tief im Dschungel, dass sie höchstwahrscheinlich noch nie mit der modernen Zivilisation in Berührung gekommen waren. Sie dürften den Wert von Diamanten wohl nicht einmal kennen.

Tibor erreichte die Insel und stieg an einer flach abfallenden Stelle über die dunklen, nassen Steine, die mit Moos und Flechten bedeckt waren. Er wusste genau, wohin er sich wenden musste und kniete an dem wuchtigen Felsblock, der den größten Teil der Insel einnahm, nieder.

Ein Blick zur Seite zeigte ihm, dass die beiden O’gogos nach wie vor am gegenüberliegenden Ufer standen und zu ihm herübersahen.

Am Fuß des Felsbrockens lagen mehrere kleinere Steine scheinbar willkürlich verstreut. Tibor schob sie zur Seite und legte die Öffnung frei, die dahinter verborgen lag. Es war nicht mehr als eine kleine Nische, in der ein prall gefülltes Säckchen verborgen lag.

Tibor holte es hervor und wog es in seiner Hand. Die Diamanten, die darin verstaut waren, hatte er im Laufe der Jahre angehäuft. Sie waren ein Vermögen wert und hätten ihm ein Leben in Wohlstand bescheren können. Doch dafür interessierte er sich schon lange nicht mehr.

Er verschloss die Nische wieder mit den Steinen. Nachdenklich sah er auf das Säckchen. Sollten die O’gogos sie haben …

… zumindest vorübergehend, ergänzte er seinen Gedanken. Er dachte keine Sekunde daran, den Eingeborenen den Schatz zu überlassen, ohne herauszufinden, wofür sie ihn benötigten!

Er sprang zurück in den Fluss und schwamm durch die Strömung auf das andere Ufer zu. Noch bevor er aus dem Wasser gestiegen war, hob er das Säckchen in die Höhe und warf es seinen Bewachern zu.

»Fangt den Beutel auf!«, rief er. Einer der Krieger fing ihn mitten im Flug. Die beiden Männer knieten nieder und wurden vom hohen Gras verdeckt.

Tibor stemmte seine Arme auf eine knorrige Wurzel und stieg über die Böschung aus dem Fluss. Wie er erwartet hatte, besahen sich die O’gogos die Beute. Sie hatten das Säckchen geöffnet und hielten mehrere der matt schimmernden Steine ins Sonnenlicht.

»Das sind aber nicht viele Diamanten«, stellte einer von ihnen missmutig fest.

»Sind das wirklich alle, die du hast?«, fragte der zweite Krieger nach.

Tibor musste tief durchatmen.

»Nun schlägt es dreizehn!«, entfuhr es ihm. »Die Steine in diesem Beutel sind so viel wert, dass …« Er winkte ab und schüttelte den Kopf. »Ach, das versteht ihr doch nicht. Es sind alle Diamanten, die ich habe. Sucht doch selbst auf der Insel nach, wenn ihr wollt!«, beharrte er und wies auf die Erhebung im Fluss.

Einer der O’gogos hob abwehrend die Hände. »Schon gut …«

Die beiden Krieger erhoben sich und wiesen mit ihren Speeren zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Schweigsam traten sie den Rückweg an.

»Die Männer, denen ihr diese Diamanten geben müsst, werden mehr als zufrieden sein«, unterbrach Tibor die Stille. »Sie haben doch sicher die gleiche Hautfarbe wie ich?«

»Ich weiß nicht, wovon du sprichst«, murmelte einer der O’gogos. »Diese Steine sind für die große G…«

»Halt den Mund«, unterbrach ihn der andere und machte ein entsetztes Gesicht. »Willst du sterben? Du weißt doch, Sie sieht alles und hört alles!«

›Sie‹?!, durchzuckte es Tibor.

»Dringe nicht weiter in uns!«, wandte sich der Krieger an ihn. »Wir beschwören dich!«

»Ja, hab Erbarmen!«, fügte der andere an.

Tibor musterte die Männer. Die nackte Angst war ihnen buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Auch wenn er nun wusste, dass die Eingeborenen die Diamanten nicht für sich selbst haben wollten, musste er einsehen, dass sie es nicht wagen würden, sich ihm anzuvertrauen. Für den Augenblick musste er es dabei bewenden lassen.

Ohne ein weiteres Wort miteinander zu sprechen, setzten sie ihren Weg fort.

*

Zwei Stunden später erreichten sie die Lichtung, auf der die übrigen O’gogos schon angespannt auf die Rückkehr der kleinen Gruppe gewartet hatten. Der Anführer der Eingeborenen nahm den Beutel entgegen. Er betrachtete ihn nur kurz und nickte mit einem Ausdruck der Erleichterung im Gesicht. Auch ihm war anzusehen, dass ihm überhaupt nicht bewusst war, welches Vermögen er in den Händen hielt.

»Wir danken dir im Namen unseres Stammes«, richtete er sich an Tibor. »Wir werden zu den Göttern flehen, dass wir nicht wiederkommen müssen, um noch mehr von dir zu fordern!«

Tibor sah ihn mit offenem Mund an. »Wie? Soll das etwa heißen …« Er schüttelte fassungslos den Kopf. »Diamanten sind sehr selten. Es hat Jahre gedauert, bis ich diese Menge gesammelt habe!«

Der Eingeborene zuckte förmlich zusammen und verneigte sich mehrfach leicht, als wollte er sich für seine Worte entschuldigen. »Wir können nur hoffen, dass diese Diamanten genügen!«

Er reichte den Beutel an einen Krieger weiter und deutete dann zuerst auf die Grube und danach auf einen kleinen Käfig aus Holz, den die O’gogos offenbar in Tibors Abwesenheit gezimmert hatten.

»Wir holen jetzt die beiden Äffchen heraus«, erklärte der Krieger, der wieder mit gefestigter Stimme sprach. »Befiehl ihnen, in diesen Käfig zu gehen.«

»Was soll das?«, fragte Tibor mit unverhohlenem Ärger in der Stimme.

»Nur eine Vorsichtsmaßnahme«, wehrte der Eingeborene ab. »Damit du uns nicht folgst. Wir nehmen die Äffchen mit, bis wir auf unserem Gebiet sind. Dann lassen wir sie frei …«

Tibor sah, wie einer der Männer ein so dünnes Seil in die Grube ließ, dass es gerade das Gewicht von Pip und Pop tragen konnte. Kerak hätte sich daran unmöglich hochziehen können. Die beiden Äffchen nutzten die Gelegenheit und kletterten flugs an dem Seil hoch, während der Gorilla in der Grube einen grollenden Ton von sich gab.

»… sollten wir aber merken, dass du uns verfolgst, töten wir sie!«, fuhr der Eingeborene mit einem unmissverständlichen Klang in der Stimme fort.

Die kleinen Äffchen erreichten den oberen Rand der Grube und rannten erfreut auf Tibor zu, der sich vor ihnen hinkniete. Er wies auf den Käfig. Pip und Pop sahen ihn aus großen Augen fragend an.

»Habt keine Angst«, erklärte er ihnen mit leisen Worten. »Vertraut mir. Klettert in den Käfig.«

Die kleinen Affen folgten seiner Bitte und schlossen ihre Hände um die Gitterstäbe, während einer der O’gogos das Gatter am Käfig zuschnürte. Zusammen mit einem weiteren Mann legte er die lange Stange, an der der Kasten befestigt war, über seine Schulter.

»Eine Warnung gebe ich euch mit«, richtete sich Tibor an den Anführer der Gruppe. »Wenn die Äffchen nicht heil und gesund zurückkehren, dann komme ich … und nicht allein!«

Die beiden Krieger, die ihn vorhin begleitet hatten, stießen einen erschreckten Laut aus. Sie ahnten, was diese Drohung bedeuten würde. Der Anführer blickte sich zu ihnen um und sah deren Furcht.

»Wir halten unser Wort!«, beeilte er sich zu sagen. »Weil du dein Versprechen eingelöst hast … – nicht, weil wir Angst vor deiner Drohung haben.« Er straffte seinen Oberkörper. »Auf unserem Gebiet, da sind wir unangreifbar. Sie wacht über uns! Lass es dir also nicht einfallen, uns nachzuspüren, sobald die Äffchen zu dir zurückkehren.«

Die Krieger machten sich zum Abmarsch bereit und tauchten in das dichte Gestrüpp des Dschungels ein.

»Leb wohl«, rief ihm der Anführer noch zu, bevor auch er zwischen den Bäumen verschwand. »Und vielen Dank für die Diamanten!«

Es lag keine Häme in diesen Worten. Der Mann wirkte sichtlich erleichtert. Und dennoch musste Tibor alle Beherrschung aufbringen, den Männern nicht nachzusetzen. Doch er dachte auch an Pip und Pop und war nicht bereit, ihr Leben zu riskieren, nur weil er unbeherrscht handelte.

»Fort sind sie …«, murmelte er. »Und ich habe nicht die leiseste Ahnung, für wen sie die Edelsteine haben wollen. Ich …«

»Vielleicht bist du so nett und hilfst mir aus der Grube, bevor du weitere Überlegungen anstellst!«, unterbrach ihn eine grollende Stimme.

Tibor wandte sich um und sah Kerak tief unter sich in dem Loch. Der Gorilla hatte missmutig die Unterlippe vorgeschoben und stapfte auf der Stelle.

»Oh, entschuldige!«, antwortete der Sohn des Dschungels. Er sah sich um und fand schnell eine Liane, die stark genug war, um das Gewicht des Menschenaffen zu tragen. Er schnitt sie ab, band sie um einen Baum und ließ sie dann in die Grube hinab. Behände kletterte der Gorilla aus der Falle und grunzte zufrieden, als er sich über den oberen Rand ins Freie zog. Er legte seinem Freund aus Dank seine Pranken auf die Schultern.

»So, nun lass uns erst einmal die Grube wieder zuschütten«, sagte Tibor schließlich. »Ich möchte nicht, dass eines meiner Tiere hineinfällt.«

Kerak kratzte sich am Kopf. »Oh, das wird eine Arbeit …

die Zweibeiner haben die Erde überall verteilt. Ich rufe Tando und seine Gorillas. Mit ihrer Hilfe schaffen wir es schneller.«

Er war gerade dabei, die Pranken zu einem Trichter geformt an den Mund zu legen und atmete tief ein, um einen Schrei auszustoßen, als Tibor vorsprang und ihm die Hände auf den Mund presste.

»Sei still!«, forderte er ihn auf.

Durch den Schwung kam Kerak aus dem Gleichgewicht und rollte über den Kopf. Verdutzt sah er seinen Freund an. »Was soll das denn?«

»Überleg doch selbst ein wenig!«, bat ihn Tibor. »Auch die O’gogos würden deinen Ruf hören und denken, wir wollten etwas gegen sie unternehmen. Das könnte Pip und Pop das Leben kosten!«

Keraks Stirn furchte sich. Seine Zähne malmten. Dann neigte er den Kopf.

»Daran hatte ich nicht gedacht. Es tut mir leid!«

Tibor winkte ab und lächelte. »Schon gut. Lass uns nun an die Arbeit gehen.«

*

Bis zum Abend hatten sie es geschafft, die Grube wieder aufzufüllen. Mit schmerzenden Knochen kehrten sie zur Baumhütte zurück und betteten sich auf ihre Lager. Der Mond stand bereits hoch am Himmel und schien durch eine Fensteröffnung.

Obwohl sie durch die Arbeit müde und erschöpft waren, fanden sie vor Sorge um ihre beiden kleinen Freunde keinen Schlaf.

»Es hat keinen Sinn«, stieß Tibor aus. Er richtete sich halb in seinem Bett auf und stützte den Kopf auf eine Hand. »Ich wälze mich von einer Seite auf die andere, aber einschlafen kann ich nicht.«

»Mir geht es ebenso«, grummelte Kerak neben ihm, der auf mehreren aufgeschichteten Farnwedeln am Boden lag. »Und das eine sage ich dir – auch wenn Pip und Pop heil und gesund zurückkehren … den Zweibeinern verzeihe ich das nicht! Ich suche sie und drehe jedem Einzelnen von ihnen das Genick um!«

Er unterstrich seine Worte mit einem wütenden Brüllen.

»Das wirst du schön bleiben lassen«, entgegnete Tibor seinem Freund und schwang sich aus dem Bett.

»Wie?«, erwiderte Kerak mit einem ungläubigen Ausdruck im Gesicht. »Diese heimtückischen Zweibeiner sollen ungestraft davonkommen? Du willst so tun, als wäre nichts geschehen?«

Auch der Gorilla hatte sich inzwischen erhoben und stützte sich mit seinen Vorderpranken auf dem Boden ab. »Wenn das die anderen Tiere erfahren, dann bist du der Herr des Dschungels gewesen!«, beharrte er. »Nicht einmal der feigste Schakal hätte dann noch Respekt vor dir!«

»Reg dich nicht auf, Kerak!«, beschwichtigte Tibor ihn. »Ich habe keineswegs die Absicht, die Herausforderung der O’gogos auf sich beruhen zu lassen. Aber sie zu bestrafen, das wäre ungerecht.«

Kerak sah ihn verständnislos an und schnappte nach Luft.

»Die O’gogos haben nicht aus eigenem Antrieb gehandelt«, erklärte Tibor. »Sie wissen nichts vom Wert der Steine. Jemand, der darüber gut Bescheid weiß, hat sie derartig unter Druck gesetzt, dass sie es wagten, in meinen Dschungel zu kommen.«

Der Gorilla grummelte und sah ihn aus seinen dunklen Augen an. »Du meinst, es stecken weiße Zweibeiner dahinter?«

Tibor stemmte die Hände in die Hüften. »Vielleicht … aber auf keinen Fall die O’gogos. Es muss zumindest jemand sein, der mit den Weißen in Berührung gekommen ist und erfahren hat, was für sie wertvoll ist.«

Er legte sich wieder hin und zog die dünne Stoffdecke über seinen Körper. »Nun wollen wir aber doch versuchen zu schlafen. Ausgeruht können wir morgen besser überlegen, was wir tun sollen.«

Tibor war gerade eingedöst, als ihn ein leises Rascheln und Knacksen hochfahren ließ.

»So ist es recht!«, hörte er eine keckernde, vertraute Stimme. »Während wir in höchster Lebensgefahr schweben, schlaft ihr seelenruhig! Schöne Freunde seid ihr …«

»Pip! Pop!«, rief Tibor aus und strahlte die beiden Äffchen an, deren Umrisse sich nun am Fenster im Mondlicht zeigten.

»Gott sei Dank«, grollte Kerak. »Da seid ihr ja wieder!«

Die kleinen Affen sprangen vom Fensterrahmen auf den Gorilla zu, der sie behutsam in seine Pranken nahm. »Bin ich froh!«, sagte er und ließ sogar zu, dass sie an seinem Fell zupften. »Wenn ihr mich auch manchmal ärgert … ohne euch fühle ich mich ganz krank.«

»Soso«, meinte Pip und grinste breit, dann kletterte er auf Keraks Schulter. »Na, wir sind auch froh, dich wieder ärgern zu können.«

Er wies mit seinem dünnen Arm nach draußen. »Aber kommt jetzt! Wir führen euch …«

»Das hat Zeit bis morgen früh«, wurde er von Tibor unterbrochen. »Kerak und ich konnten nämlich vor Sorge um euch wirklich nicht schlafen.«

Die beiden Äffchen sahen sich an, gähnten ausgiebig und hatten nichts dagegen, selbst zu ihrem wohlverdienten Schlaf zu kommen.

*

Nach einem kräftigen Frühstück brachen die Freunde am nächsten Morgen auf.

Noch herrschte die Kühle der Nacht im Dschungel. Feuchtigkeit hing in der dunstverhangenen Luft. Nur wenige Vögel begrüßten den jungen Tag bereits mit ihren Schreien und Rufen, die durch den Urwald hallten, unterbrochen vom Gezeter einer Horde Affen, die sich irgendwo im Dickicht verborgen hielt.

Tibor schwang sich mit den Affen an seiner Seite an Lianen durch den Dschungel und kam so rasch voran.

»Ich möchte, dass ihr Kerak und mich bis an die Stelle führt, an der euch die O’gogos freigelassen haben«, bat er Pip und Pop. »Aus den Spuren müsste ich erkennen können, ob sie dort die Diamanten bereits ihrem Auftraggeber überreicht haben. Das würde mir eine Menge Nachforschungen ersparen!«

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als die Gruppe die äußerste Grenze des Dschungels erreichte. Gestrüpp und Gräser erstreckten sich auf der lichter werdenden Landschaft. Pip kreischte und deutete aufgeregt nach vorne. Sofort machte die Gruppe auf einem breiten Ast Halt, der ihnen einen freien Blick auf die Umgebung bot.

»Dort war es!«, rief das Äffchen. »Auf der Geröllhalde!«

Ein lang gestreckter Hügel erhob sich aus dem Gras. Zu allen Seiten bedeckten zahlreiche Felsen und Steine die spärlich bewachsenen Abhänge. Tibor sah sich um.

»Das Gebiet der O’gogos beginnt erst jenseits des Hügels«, überlegte er. »Und auf der Geröllhalde wird es schwer werden, Spuren zu finden. Zudem wäre es ungefähr das Dümmste, hier hochzuklettern.«

Er wies auf die Hügelkuppe. »Von dort oben könnte uns jeder sofort sehen.«

»Glaubst du, die Zweibeiner haben Wachen aufgestellt?«, fragte Kerak.

»Bestimmt«, entgegnete der Sohn des Dschungels. »So dumm sind sie nicht, dass sie glauben, ich würde das alles auf sich beruhen lassen.«

Der Gorilla verzog die Lippen und blickte angestrengt nach vorne.

»Los, ihr beiden!«, forderte Tibor die Äffchen auf und wies nach vorne. »Schleicht euch von der anderen Seite auf den Hügel und seht nach, wie viele Wachen oben stehen.«

Pip und Pop nickten eifrig und ließen sich über tief hängende Äste in das hohe Gras fallen. In dessen Schutz gelangten sie bis an die untersten Ausläufer des weiträumigen Geröllfelds. Geschickt turnten die Äffchen zwischen den Felsen und Steinen hindurch immer höher und hielten nach Wachposten Ausschau.

Sie hatten schon fast den Hügelkamm erreicht, als sie Stimmen hörten. Vorsichtig schlichen sie weiter und spähten über einen Felsen hinweg. Nur wenige Meter von ihnen entfernt saßen zwei mit Speeren bewaffnete O’gogos. Sie achteten kaum auf ihre Umgebung, sondern unterhielten sich angeregt.

Pip wünschte sich, er könnte verstehen, was sie sagten. Doch die Sprache der Zweibeiner war ihm genauso fremd wie seinem Bruder oder allen anderen Tieren im Dschungel. Dafür wusste er genau, wofür die große, tonnenförmige Trommel gedacht war, die direkt neben den beiden Männern auf dem Boden stand.

Damit konnten sie ihren Stamm warnen, und das war es, was Tibor vermeiden wollte.

Pip dachte angestrengt nach, als ihn Pop an der Schulter zupfte. Mehrmals wischte er mit der Hand in dessen Richtung, doch sein Bruder ließ sich nicht abweisen. Er drehte sich zu ihm um und wollte ihn schon anfahren, als er bemerkte, wie Pop fortwährend in eine Richtung deutete.

»Sieh da drüben«, flüsterte er.

Pip öffnete erstaunt den Mund. »Da sind ja ebenfalls Wachen!«, fand er schließlich seine Sprache wieder. Seine Augen suchten die Gegend ab. »Und wenn mich nicht alles täuscht, dann sitzt dort auf dem Baum auch noch ein Zweibeiner!«

Unruhe befiel ihn. Er unterdrückte den Drang, so schnell wie möglich zu Tibor zurückzuhasten.

»Lass uns auf die Spitze des Hügels klettern«, schlug er Pop stattdessen vor, »damit wir auch auf die andere Seite sehen können.«

Sein Bruder nickte hastig. So gut sie konnten, nutzten sie die Deckung der Steine aus und erklommen die Höhe mit schnellen Sprüngen. Die beiden Wachen, die sie zuerst bemerkt hatten, bekamen überhaupt nicht mit, wie die kleinen Äffchen in ihrem Rücken an ihnen vorbeikletterten und den Hügelkamm erreichten.

Pip drohte der Mut zu verlassen, als er mit einem schellen Blick sah, dass es rings um sie herum genauso aussah. Überall hielten sich Wachen verborgen. Er richtete sich auf, um noch besser über den Felsen nach unten spähen zu können.

Doch dabei übersah er die Gefahr, die hinter ihnen lauerte …

*

Nkeme hatte zuerst nur ein leises Poltern gehört und sich nichts dabei gedacht. Eines der zahlreichen Steinchen würde sich gelöst haben. Dann hörte er es ein weiteres Mal, und diesmal begleitet von einem leise schnatternden Geräusch.

Er runzelte die Stirn und blickte aus seiner Deckung nach oben.

Vor der Sonne hoben sich nur unweit von ihm entfernt zwei kleine Affen als Umrisse ab, die sich anscheinend interessiert umsahen.

»He, sieh dort drüben«, raunte er seinem Begleiter zu und stieß ihm den Ellenbogen in die Seite. Mbatu murrte und rieb sich die Stelle. Er sah, wie Nkeme nach oben wies, und sofort entdeckte er die Äffchen.

Er zuckte mit den Schultern. »Na und? Das sind zwei Äffchen, wie es Tausende hier gibt.«

»Es könnten aber auch ebenso gut die von Tibor sein, Pip und Pop«, entgegnete Nkeme.

Mbatu stieß den Atem hörbar aus. »Du siehst Gespenster.« Er wollte es sich schon wieder im Schatten eines überhängenden Felsens bequem machen. Es war ein heißer Tag, und er hatte nicht vor, sich mehr als nötig anzustrengen.

»Nein, beobachte sie doch!«, ließ Nkeme nicht locker. »Sie kundschaften unsere Wachen aus!«

Mbatu seufzte, stützte sich auf die Trommel, mit der sie ihre Stammesbrüder warnen konnten, und rückte zu seinem Begleiter heran, um die kleinen Affen eine Weile zu beobachten. Er musste Nkeme recht geben. Sie verhielten sich tatsächlich ungewöhnlich.

»Hm … du hast recht.« Er überlegte. »Vorsicht ist besser!«

Er wies auf seinen Speer und deutete eine ausholende Bewegung mit dem Arm an. Nkeme verstand und nickte. Ohne ein Geräusch zu verursachen, erhob sich Mbatu aus seiner kauernden Haltung, griff nach der Waffe und warf seinen Speer auf die ahnungslosen Affen.

*

Pip hörte ein leises Zischen, als auch schon ein langer Schatten an ihm vorbeiflog. Der Speer verfehlte ihn nur um Haaresbreite, und der kleine Affe stieß einen erschrockenen Ruf aus. Er sprang auf, und von Panik erfüllt hüpfte er hin und her.


Pop kreischte neben ihm und wusste nicht, was er tun sollte.

Erst, als es zu spät war, sahen sie die großen Gestalten über sich. Die beiden O’gogo-Krieger waren den Hügel hinaufgeeilt, warfen sich auf die Affen und schlossen ihre Hände um die kleinen Körper.

*

Nkeme lachte auf. »Den einen habe ich!«

Er hielt den Affen, der sich in seinem Griff wand und zeterte, mit beiden Händen umfasst.

»Und ich den anderen«, triumphierte Mbatu. Er hatte den zweiten am Schwanz zu packen bekommen und hielt ihn in die Höhe. Wehrlos schlug das Äffchen mit seinen dünnen Armen um sich. »Am besten, wir schmettern sie gegen die Steine!«

Der O’gogo holte aus und wollte Pip zu Boden schleudern. Doch der kleine Affe verkrallte sich im Haarschmuck des Kriegers und riss ein dichtes Büschel Haare aus der Kopfhaut, noch während ihn Mbatu durch die Luft warf.

Der O’gogo schrie einen schmerzerfüllten Schrei aus und fasste sich an den Kopf.

Pip flog durch die Luft und sah die Steine rasch näher kommen. Er hielt die herausgerissenen Haare wie ein Kissen vor sich. Auch wenn er unsanft von dem Felsen abprallte, so milderten die Haare seinen Aufprall doch so weit, dass er unbeschadet auf die Beine kam und sich in Sicherheit bringen konnte.

Nkeme starrte inzwischen wie versteinert auf seinen Begleiter, der noch immer vor Schmerzen aufjaulte und einen wilden Tanz vollführte.

»Bei allen …«, stammelte er nur und verstand nicht, was gerade geschehen war. Er vergaß völlig den kleinen Affen in seiner Hand.

Pop hatte nicht vor, diesen Augenblick ungenutzt verstreichen zu lassen. Er schwang im Griff des Eingeborenen herum und krallte seine Finger in dessen rechte Schulter. Seine kleinen, scharfen Zähne gruben sich tief in das Ohr des O’gogo, der nun seinerseits vor Schmerzen aufschrie und den Affen in seiner Hand losließ.

Pop landete sicher auf dem Boden und hastete auf seinen Bruder zu, der hinter einem Felsen wild mit den Armen fuchtelte. Ihnen blieb keine Zeit, sich darüber zu freuen, der Gefahr entronnen zu sein. So schnell sie konnten, hasteten sie den Hügel hinab.

»Um ein Haar hätte mir der teuflische kleine Affe das Ohr abgebissen!« Nkeme sah das Blut auf seiner Handfläche und fluchte. Er presste sie erneut gegen die schmerzende Stelle.

»Und ich …«, jammerte Mbatu, dem die Tränen in den Augen standen, »… ich bin ohne Kopfschmuck!« Seine Finger tasteten über die wenigen verbliebenen Haare auf seinem Schopf. »Oh, diese Schande!«

Nkeme hörte nicht auf zu fluchen, beugte sich vor und griff nach mehreren Steinen. Er holte mit aller Kraft aus und schickte sie den Äffchen hinterher. Mbatu tat es ihm gleich, und ein wahrer Hagel ging auf Pip und Pop herab. So gut sie konnten, zogen sie ihre Köpfe ein und sahen einen um den anderen Stein nur knapp an sich vorbeifliegen.

Ohne dass sie es verhindern konnten, traf jedoch einer davon die Trommel, die kurz torkelte und dann von Felsblock zu Felsblock den Abhang hinuntersprang und bei jedem Aufprall ein dröhnendes Getöse von sich gab …

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9783863052669
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