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Thomas Hanifle
Frauen im Kriegsdienst
Südtirolerinnen bei Wehrmacht und SS

Gedruckt mit Unterstützung der Südtiroler Landesregierung, Abteilung Deutsche Kultur

Bildnachweis:
Günther Matscher (Anna Ruepp), Privatarchiv: S. 8, 18, 74, 97, 120, 123 | Pfarrarchiv St. Leonhard i. P. / Karl Gögele: S. 10 | Wikipedia / gemeinfrei: S. 12 o., 27 | Flickr / Sergey G: S. 12 u. | Hilde Kerer, Privatarchiv: S. 3, 15, 28, 91, 95, 101, 110 | Hanns Fliri: S. 16 | National Archives and Records Administration (NARA): S. 19 | Verena Neubauer (Therese Marchetti), Privatarchiv: S. 21, 154 | Costantino di Sante, „Criminali del campo di concentramento di Bolzano“, Bozen 2019: S. 25, 59 (Aussme), 65 (Aussme) | United States Holocaust Memorial Museum (USHMM): S. 30 | Bundesarchiv Berlin: S. 33 | Landesarchiv Tirol: S. 50 | Klara Wieser (Claire French Wieser), Privatarchiv: S. 72, 77, 87 | Rebekka Rungg, Privatarchiv: S. 93, 149 | Bundesarchiv Koblenz: S. 161, 175 | Martha Flies, Privatarchiv: S. 165, 167
© Edition Raetia, Bozen 2022
Projektleitung: Magdalena Grüner
Korrektur: Helene Dorner, Gertrud Matzneller
Umschlaggestaltung: Philipp Putzer, www.farbfabrik.it
Umschlagfoto: Hilde Kerer, Privatarchiv
Grafisches Konzept: Dall’O & Freunde
Druckvorstufe: Typoplus, Frangart
Druck: Tezzele by Esperia
ISBN 978-88-7283-719-1
ISBN E-Book 978-88-7283-841-9
Unseren Gesamtkatalog finden Sie unter www.raetia.com.
Bei Fragen und Anregungen wenden Sie sich bitte an info@raetia.com.
Inhalt
Einleitung: Kämpfende und kampfunterstützende Frauen
Weibliche Kriegshilfe in der Geschichte und Südtirolerinnen im Kriegsdienst
„Die Frau gehört mit zur SS“
Frauen als Zivilangestellte der SS und Angehörige der Waffen-SS
„Über Durchschnitt“
Hedwig Zonta, Funkerin im SS-Helferinnenkorps
„Überall einzusetzen“
Cäcilie „Cilli“ Ladstätter, Fernsprecherin im SS-Helferinnenkorps
„Die Edeldeutsche“
Maria von Sölder, Sekretärin der Lehr- und Forschungsgemeinschaft SS Deutsches Ahnenerbe und Funkerin bei der Luftwaffe der Wehrmacht
„Donna uomo“
Paula Plattner, Sekretärin im Polizei-Durchgangslager in Bozen
„Ehrendienst am deutschen Volk“
Weibliche Arbeitsdienste als Vorbereitung für den Kriegsdienst
Zwischen den Welten
Klara Wieser, Reichsarbeitsdienst und Kriegshilfsdienst in einem deutschen Reservelazarett
Die vergessenen Helferinnen und Soldatinnen
Frauen als Zivilangestellte der Wehrmacht
Das Blitzmädel
Hilde Kerer, Nachrichtenhelferin bei der Wehrmacht
„Wir konnten keine Nacht durchschlafen“
Anna Ruepp, Flakhelferin bei der Wehrmacht in München
„Eine schöne Zeit“
Olga Mellauner, Flakhelferin der Wehrmacht in Sommerrein an der Leitha im Burgenland
„Da durftest du nichts sagen“
Zita Ladurner, Flakhelferin bei der Wehrmacht in München
„Dann erschießen Sie mich doch“
Aloisia Pechlaner, Kriegsdienst in Soldatenheimen und bei der NS-Volkswohlfahrt
„Ich habe schön verdient“
Rebekka Rungg, Mitarbeiterin in einem Offizierskasino sowie Dolmetscherin und Telefonistin bei der Luftwaffe
„Das Beste herausholen“
Therese Marchetti, Verpflegungsveranwortliche eines Reservelazaretts in Thüringen
Die Organisation Todt
Hitlers Bautrupp und seine Aufgaben in Italien
Angst als ständiger Begleiter
Martha Flies, Sekretärin bei Reh & Co. (Organisation Todt)
Dreckig, anstrengend und asozial
Frauen in der NS-Kriegswirtschaft
„Was sollte ich machen?“
Johanna Giuliani, für die Rüstungsindustrie zwangsverpflichtet
„Man war eine Null“
Weitere Südtirolerinnen im Kriegsdienst
Anmerkungen
Einleitung
Kämpfende und kampfunterstützende Frauen
Weibliche Kriegshilfe in der Geschichte und Südtirolerinnen im Kriegsdienst
Als Mann verkleidet stand Victoria Savs im Ersten Weltkrieg aufseiten Österreichs gegen die Italiener. Bei einem Angriff in den Sextner Dolomiten soll die Tirolerin, die zeitweilig in Meran lebte, 20 italienische Gefangene trotz feindlichem Artilleriefeuer hinter die österreichische Linie gebracht haben, so die Legende. Dafür erhielt sie die Tapferkeitsmedaille. Die Propaganda entlarvte nach der heldenhaften Aktion ihre wahre Identität und machte aus ihr das Heldenmädchen aus Tirol, umso mehr als sie bei einem Angriff ein Bein verlor. Nach dem Krieg wurde sie vergessen, später schenkte ihr Hitler ein Holzbein und sie ließ sich für die NS-Propaganda einspannen.1 Jeanne d’Arc, bekannt als Johanna von Orléans, schaffte es im 15. Jahrhundert sogar zur Nationalheldin, als sie es gegen die Engländer aufnahm, die große Teile Frankreichs besetzt hatten. Mit den Truppen des Königs, die sie anführte, befreite sie die Stadt Orléans und den südlichen Teil des Landes von den Aggressoren. Jeanne D’Arc wurde von den Engländern gefangen genommen und hingerichtet, ihr Mythos ist seither ungebrochen.2
Mit solchen Heldinnengeschichten kann es Anna Ruepp nicht aufnehmen. Die Südtirolerin war gegen Ende des Zweiten Weltkriegs Flakhelferin der Deutschen Wehrmacht und bediente ein Horchgerät, um feindliche Flugzeuge zu orten. Nachts bewachte sie abwechselnd mit ihren Kameradinnen und bewaffnet mit einer Pistole das Areal ihrer Flakscheinwerfer-Abteilung bei München und hoffte, die Waffe nicht benutzen zu müssen. Über der Uniform der Luftwaffe trug sie die Lammfelljacke des Vaters, damit sie nicht fror. So wie Anna Ruepp ging es Tausenden jungen Frauen, die bei Kriegsende für den Abwehrkampf verpflichtet wurden. Die NS-Elite um Hitler wollte nichts unversucht lassen, um die drohende Niederlage noch abzuwenden.3
Männer geben, Frauen brauchen Schutz
Kriegsheldinnen wie Jeanne d’Arc oder Victoria Savs wurden von der Propaganda häufig überhöht dargestellt und sind die Ausnahme in der Geschichte, kämpfende oder kampfunterstützende Frauen wie Anna Ruepp dagegen nicht. Beispiele dafür reichen bis in die Antike zurück: So nahmen Frauen bereits an den Feldzügen Alexanders des Großen teil. Im Dreißigjährigen Krieg versorgten sie im Tross nicht nur die Männer, sondern sie kämpften auch an ihrer Seite. Die Palastwachen im Mongolischen Reich im 14. Jahrhundert und die Kriegerinnen im afrikanischen Dahomey im 18. und 19. Jahrhundert waren als rein weibliche Kampftruppen gefürchtet. Der weibliche Kriegseinsatz war dabei breit gefächert und reichte von der Krankenpflege bis hin zu Frauen, die auch als Scharfschützinnen eingesetzt wurden.4

Anna Ruepp (li.) am Horchgerät in Baden bei Wien
Der Kriegsraum ist seit jeher jedoch männlich bestimmt. Männer tragen Waffen, kämpfen an der Front, verteidigen die Heimat und erzählen Heldengeschichten. Frauen sind vor allem Opfer und stehen für Heimat und Frieden, vom Krieg erzählen sie kaum. Männer geben, Frauen brauchen Schutz, so der Dualismus, der bis in die Antike zurückreicht und in vielen Kulturkreisen verankert ist.5 Im 19. Jahrhundert wurde dieser Dualismus durch die Nationalisierung der Massen nochmals verstärkt, wobei sich die kulturellen Vorstellungen entlang der Koordinaten Volk und Nation orientierten. Im Entwurf von Nation bildete sich eine spezifische Form „des antagonistischen Militarismus mit seinem kriegerischen, heroischen Männlichkeitsentwurf“ heraus, der die Frau nicht nur vom militärischen, sondern auch vom politischen Bereich ausschloss, weiß die Historikerin Siglinde Clementi.6 Militarisierung und Politik ergänzten sich: Die Forderung nach politischen Rechten für alle männlichen Bürger war an die allgemeine Wehrpflicht gebunden, die im Europa des 19. Jahrhunderts in allen Staaten eingeführt wurde. So wurden Militär und Politik zur alleinigen Domäne des Mannes, der Vaterland, Familie und Heimat verteidigen sollte.7 Die Praxis sah aber anders aus, denn bei kriegerischen Auseinandersetzungen waren Frauen weiterhin unersetzlich. Außerdem stützten sich die Vorstellungen von Nation und Volk auf die Volksfamilie und hier nahm die Frau unweigerlich eine wichtige Rolle ein. So bekamen Männer und Frauen „auf der Basis des bürgerlichen, polarisierten Geschlechtermodells dichotome Rollen und unterschiedliche Sphären, Identitäten und Aufgabengebiete zugewiesen, die sich zwar hierarchisch gestalteten, sich aber auch komplementär aufeinander bezogen und funktional ergänzten“, so Siglinde Clementi.8

Frauen sind unverzichtbare Akteurinnen in der Kriegsmaschinerie. In Lazaretten und Spitälern sind sie mit der Pflege von Verwundeten betraut. Im Bild eine Szene in einem Verwundetenspital in Galizien, 1914/15
Spätestens mit dem Ersten Weltkrieg wurde die weibliche Beteiligung zu einem Massenphänomen. Hunderttausende Frauen waren nicht nur an der Heimatfront und in der Rüstungsindustrie tätig, sie dienten auch in der englischen Royal Air Force oder wurden in Frankreich, Russland, Deutschland oder Österreich in Feldlazaretten oder Militärhospitälern eingesetzt. Im Zweiten Weltkrieg weiteten sich die Aufgabengebiete der Frauen im Kriegsdienst aus – ihre Anzahl ging in die Millionen. In der amerikanischen Armee dienten rund eine halbe Million, in der Sowjetarmee über eine Million und auch die englische Armee beschäftigte mehr als 200.000 Frauen.9 Bis auf die Sowjetunion war es allen Nationen wichtig, dass diese als Helferinnen und Unterstützerinnen der kämpfenden Männer wahrgenommen würden. „Nicht der Militärdienst per se war nun das zentrale Kennzeichen der Geschlechtsunterschiede, sondern der Kampfeinsatz selbst. Waffentragende weibliche Soldaten blieben undenkbar“, schreibt die Historikerin Karen Hagemann.10 Und Hitler-Deutschland? Dort schuf das Nazi-Regime bereits 1935 die rechtliche Grundlage für eine weibliche Wehrpflicht. So sah die allgemeine Wehrpflicht für den Mann eine Klausel vor, dass im Kriegsfall „über die Wehrpflicht hinaus jeder deutsche Mann und jede deutsche Frau zur Dienstleistung für das Vaterland verpflichtet“ sei.11 Darauf brauchten sich die Kriegsplaner vor allem zu Beginn des Zweiten Weltkriegs nicht zu berufen, denn viele Frauen meldeten sich aus Kriegsbegeisterung freiwillig. Bis zum Kriegsende waren einige Millionen Frauen nicht nur als Krankenschwestern beim Deutschen Roten Kreuz, als Reichsluftschutzhelferinnen an der Heimatfront, im Reichsarbeitsdienst oder in der Kriegs- und Landwirtschaft tätig, sondern auch in der Gestapo, Wehrmacht und SS. Die Frauen ersetzten die frontkommandierten Männer, sie „agierten mitten im Krieg, fanden sich an nahezu allen Kriegsschauplätzen“, weiß die Historikerin Franka Maubach, die den Erfahrungen der Wehrmachtshelferinnen nachgespürt hat.12 Die Wehrmacht bildete eine halbe Million Frauen zu Nachrichten- und Flakhelferinnen, Funkerinnen oder Bürokräften aus – viele davon begleiteten die deutschen Truppen in die von den Nazis eroberten Gebiete. Vor allem in Osteuropa, in Polen oder in Russland, unterstützten viele Frauen in unterschiedlichen Funktionen auch Verbrechen. „Sie waren ganz in der Nähe der Tatorte; die Entfernungen zwischen den Kleinstädten, wo die Frauen ihrer täglichen Routine nachgingen, und den Schrecken der Ghettos, Lager und Massenhinrichtungen waren nicht groß“, urteilt die Historikerin Wendy Lower, die zur Komplizen- und Täterschaft von deutschen Frauen im europäischen Osten geforscht hat.13 In der SS peinigten und mordeten KZ-Aufseherinnen unschuldige Gefangene, die NS-Eliteorganisation gründete sogar einen Helferinnenkorps, der sich in die Sippengemeinschaft einfügte. Aber nur wenige Frauen wurden für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen. Die Nachkriegsjustiz traute ihnen weitgehend weder aktives Handeln noch Verantwortung zu, deshalb galten sie „als Statistinnen des Verbrechens“, urteilt die Historikerin Marita Krauss.14

Vier Pilotinnen der U.S. Air Force vor ihrem Flugzeug, ca. 1944. Derartige Bilder waren häufig propagandistisch ausgeschlachtet.

Die Sowjetarmee beschäftigte über eine Million Frauen, im Bild Angehörige der sogenannten Nachthexen, eines Nachtbombenfliegerregiments.
Der Umgang mit den Erinnerungen
Wie gingen die Frauen mit ihren Erfahrungen um? Die russische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch hat die Stimmen von Frauen eingefangen, die in der Roten Armee gekämpft haben. Auch solche, die an der Front waren, hätten viele Jahre kaum oder überhaupt nicht über diese Zeit erzählt. Und wenn schon berichteten die Frauen „nicht ihren ‚weiblichen‘ Krieg, sondern den ‚männlichen‘“, schreibt Alexijewitsch. Sie passten sich dem festgeschriebenen männlichen Kanon an, der von Heldengeschichten, Technik oder Generälen bestimmt war. Die Journalistin sprach mit Dutzenden Zeitzeuginnen und fand heraus: „Der ‚weibliche‘ Krieg hat seine eigenen Farben und Gerüche, seine eigenen Empfindungen und seinen Raum für Gefühle. Seine eigenen Worte. Darin kommen keine Helden und keine ihrer unglaublichen Taten vor, sondern einfach Menschen, die eine unmenschliche menschliche Arbeit tun.“15
Diese Stimmen hatten in der Nachkriegszeit bis herauf in die 1990er-Jahre keinen Platz, natürlich auch in Deutschland nicht, weder in der Öffentlichkeit noch in der Forschung. Die allermeisten Frauen, die für Hitler-Deutschland Kriegsdienst geleistet hatten, fügten sich dort mehr oder weniger unbehelligt in die Nachkriegsgesellschaft ein. Wenn ihre Rolle während des Krieges überhaupt thematisiert wurde, wurden sie als unschuldige Kriegsopfer dargestellt, wie häufig in der Geschichte. In der deutschen Nachkriegsgeschichte wurden aus ihnen sogar Heldinnen, „die den Trümmerhaufen beseitigen mussten, welchen Deutschlands beschämende Vergangenheit hinterlassen hatte“, urteilt die Historikerin Lower.16 Und auch für Karen Hagemann versuchte Westdeutschland seine „Verantwortung und Schuld mit einer Opfer-Erzählung bewältigen zu können, die sich auf die alliierten Flächenbombardements, Nachkriegsvertreibungen und Massenvergewaltigungen durch die Sowjets konzentrierte“17.
Die Kriegskameradinnen blieben auch nach dem Krieg in Kontakt, sie trafen sich regelmäßig in kleinen Gruppen und erinnerten sich an die gemeinsame Zeit. Es mag befremdlich klingen, aber für viele dieser Frauen waren es die schönsten Jahre ihres Lebens: Sie waren jung, ungebunden, sie konnten reisen und neue Länder kennenlernen, viele von ihnen verliebten sich im Krieg das erste Mal.18
Auch Südtirolerinnen, die für NS-Deutschland Kriegsdienst leisteten, berichteten von schönen Momenten im Krieg. Aloisia Pechlaner arbeitete in einem Soldatenheim in Neapel und verbrachte ihre Freizeit gerne am Strand, deutsche Soldaten führten sie in der Stadt aus. Olga Mellauner war als Flakhelferin im Burgenland stationiert, Anfang 1945 flüchtete sie vor den heranrückenden Russen. Die Zeit blieb der Brixnerin trotzdem gut in Erinnerung, vor allem die weibliche Kameradschaft. Zita Ladurner feierte ihren 18. Geburtstag während der Ausbildung zur Flakhelferin in Baden bei Wien. Es war Winter, täglich gab es Fliegeralarm, aber „Sorgen hattest du keine“, kommentierte die Algunderin noch Jahrzehnte später, im Gegenteil: Es gab sehr schöne Momente und sie gingen sogar ins Kino.19 Hilde Kerer war zuerst in Minsk und später in Poitiers in Frankreich als Nachrichtenhelferin für die Wehrmacht tätig. Dort kaufte sie sich im Mai 1944 einen Tennisschläger und spielte in jeder freien Minute mit ihren Kolleginnen. Mit diesen machte sie außerdem Ausflüge in der Gegend oder ging paddeln, am Pfingstmontag 1944 plante sie einen Reitausflug. Die Notizen in ihrem Tagebuch lesen sich wie ein Urlaubsaufenthalt. Erst als die Alliierten in der rund 300 Kilometer entfernten Normandie landeten, hält auch der Krieg darin Einzug. „Die Arbeit ist ins Vielfache gestiegen. Die Terroristen machen unser Gebiet unsicher“, schrieb Hilde Kerer.20 Anfang August verließ die Brixnerin fluchtartig mit ihrer Abteilung das von den Nazis besetzte Land.
Die meisten der Südtirolerinnen im Dienst der SS und Wehrmacht kehrten nach Kriegsende in ihre Heimat zurück. Von ihren Erfahrungen als Nachrichten- und Flakhelferinnen, Sekretärinnen und Funkerinnen, Mitarbeiterinnen von Soldatenheimen oder Verpflegungsverantwortliche eines Lazaretts berichteten sie kaum etwas, es wollte auch niemand etwas davon wissen. Warum auch? Der Krieg war endlich vorbei, in Südtirol stand das zähe Ringen um eine echte Autonomie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Eine selbstkritische Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit stand über Jahrzehnte nicht zur Debatte. Die Nachkriegsgeneration wuchs damit auf, sich als Opfer der Diktaturen von Mussolini und Hitler zu verstehen.

Kameradschaft spielte auch unter Frauen im Krieg eine große Rolle. Im Bild die Brixnerin Hilde Kerer (re.) mit ihrer Kollegin Elfriede Zeidler.
Dass die Väter und Großväter als Soldaten der Wehrmacht und SS auch an Kriegsverbrechen beteiligt waren, wurde lange Zeit überhaupt nicht oder nur in Ansätzen thematisiert21 – bis heute fehlt eine breite öffentliche Diskussion darüber. Im Gegenteil: Die Südtiroler Soldaten wurden in Todesanzeigen, Nachrufen und vor allem bei Gedenkfeiern vor Kriegerdenkmälern und auf Soldatenfriedhöfen heroisiert, die Gefallenen als Kriegsopfer mythisiert, die lediglich ihre Pflicht erfüllt hatten.22 Ehemalige SS- und Wehrmachtssoldaten trugen bei solchen und ähnlichen Anlässen sogar ihre Tapferkeitsmedaillen zur Schau.23 Bis heute geben die Sinnsprüche auf den Kriegerdenkmälern in den Ortschaften ein verzerrtes und einseitiges Geschichtsbild wieder. Südtiroler Deserteure aus der Wehrmacht, Widerständler, Verfolgte und Ermordete des NS-Regimes finden darin keinen Platz. Und die Frauen, die Kriegsdienst geleistet hatten? Auch sie kommen bei der Heldenschau und bei Gedenkveranstaltungen nicht vor. Wenn schon finden sie sich als steinerne Witwen bei den Kriegerdenkmälern dargestellt, die um ihre gefallenen Männer trauern – und entsprechen so eben jenem Bild der Frau in einem männlich dominierten Kriegsraum, das über Jahrhunderte hinweg transportiert wurde.

Während Männer auf Kriegerdenkmälern heldenhaft mythisiert werden, werden Frauen, wenn überhaupt, als trauernde Witwen und Mütter dargestellt. Im Bild das Kriegerdenkmal in Naturns
Optantinnen als Kriegshelferinnen
Aber was hatten die Südtirolerinnen überhaupt zu erzählen? Wie kam es dazu, dass sie Kriegsdienst für das Nazi-Regime leisteten? Meldeten sie sich freiwillig oder wurden sie zwangsverpflichtet? Welche Aufgabengebiete und welche Handlungsspielräume hatten sie in diesem männlich dominierten Kriegsraum? Waren einige nahe an den NS-Verbrechen dran oder vielleicht sogar daran beteiligt? Was bekamen sie mit? Welche Verantwortung tragen sie? Diesen Fragen geht dieses Buch nach. Es beschäftigt sich mit den Biografien von Südtirolerinnen, die im Unterschied zu ihren deutschen Kameradinnen nicht in Hitler-Deutschland, sondern hauptsächlich in Südtirol sozialisiert wurden, das seit 1919 zu Italien gehörte. Der italienische Faschismus, der die deutsch- und ladinischsprachige Minderheit seit 1922 unterdrückte, war dabei prägend. Die meisten der porträtierten Frauen besuchten ausschließlich italienischen Unterricht, da die deutsche Sprache verboten war. Wenn überhaupt erlernten sie das Lesen und Schreiben in der deutschen Sprache in einer der Geheimschulen, die es in fast allen Ortschaften Südtirols gab. Als Hitler in Deutschland die Macht ergriff, wuchs bei vielen Südtirolerinnen und Südtirolern nicht nur das Selbstvertrauen, sondern bald auch die Hoffnung, dass Hitler Südtirol wie das Saarland zurück ins Reich holen würde. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich längst der Völkische Kampfring Südtirol VKS als nationalsozialistische Volksgruppenorganisation formiert, die bald in fast allen Dörfern einen Ableger hatte. Mindestens drei Frauen, die später in den Kriegsdienst für NS-Deutschland eintraten, bewegten sich als Jugendliche und junge Frauen in den VKS-Kreisen, waren regelmäßig bei Treffen dabei oder führten sogar eine Jugendgruppe. Der VKS war nicht nur wie die NSDAP organisiert und strukturiert, er übernahm auch die nationalsozialistische Weltanschauung und vermittelte diese bei Schulungen und Treffen weiter.24 Maria von Sölder, die später für die SS und die Wehrmacht tätig war, sagte lange nach dem Krieg selbstbewusst: „Wir waren die bewussteren Deutschen. Einer, der da lebt, ist es automatisch, wir mussten darum kämpfen.“25 Im Zuge der Südtiroler Option im Jahr 1939 machte sich der VKS für die Auswanderung der Südtiroler Bevölkerung nach Deutschland und gegen einen Verbleib im italienischen Südtirol stark. Der Pakt zwischen Hitler und Mussolini sollte das Südtirolproblem aus der Welt schaffen. 86 Prozent der Südtirolerinnen und Südtiroler optierten nach einer wahren Propagandaschlacht für das Gehen. Diejenigen, die sich für das Bleiben entschieden, wurden ausgegrenzt und schikaniert. Die Option spaltete die Bevölkerung und hinterließ tiefe Gräben auch innerhalb von Familien. Insgesamt rund 70.000 Südtirolerinnen und Südtiroler verließen bis 1941 das Land, dann kam die Abwanderung kriegsbedingt zum Stillstand.

In Südtirol aufwachsen bedeutete in den 1930er-Jahren aufwachsen mit dem Faschismus: Das Foto zeigt ein Treffen der faschistischen Jugend Balilla in Marling Mitte der 1930-Jahre.
Bis auf die Dableiberin Martha Flies Ebner, die als Sekretärin bei der Organisation Todt in Norditalien arbeitete, waren alle in diesem Buch porträtierten Südtirolerinnen Optantinnen oder Minderjährige, deren gesetzlicher Verantwortliche sich für die Abwanderung entschieden hatte. Der Großteil dieser Frauen wanderte effektiv ins Deutsche Reich ab. Dort erhielten sie in der Regel die deutsche Staatsbürgerschaft und konnten deshalb zum Beispiel für den Reichsarbeitsdienst verpflichtet werden oder sie fügten sich in NS-Frauengruppen wie dem Bund Deutscher Mädel ein – viele seiner Mitglieder meldeten sich dann auch freiwillig für den Kriegsdienst. Die Branzollerin Hedwig Zonta und die Welsbergerin Cilli Ladstätter schafften es sogar auf die SS-Helferinnenschule.
Es gab aber auch Frauen wie Paula Plattner, die nicht ins Deutsche Reich auswanderte und nach dem Kriegsaustritt Italiens im September 1943 und der Besetzung Südtirols durch die deutschen Truppen vorerst für den Südtiroler Ordnungsdienst und schließlich als Zivilangestellte der SS im Bozner Durchgangslager zum Schrecken der Gefangenen wurde.

Paula Plattner (re.) war im Bozner Durchgangslager für ihre harte Gangart bekannt. Im Bild mit ihrem Vorgesetzten und Liebhaber Hans Haage und ihrer Kollegin Renata Longo
Einige Südtirolerinnen arbeiteten dagegen als Dienstmädchen in italienischen Städten und wurden dort vor Ort von der Wehrmacht, die zunächst als Kriegspartner und nach dem Herbst 1943 als Besatzungsmacht in Italien operierte, für den Dienst in Soldatenheimen oder Offizierskasinos angeworben. Die Praderin Rebekka Rungg wurde aufgrund ihrer Sprachkenntnisse auch als Dolmetscherin eingesetzt. Und schließlich gab es Fälle wie jenen von Klara Wieser, der Tochter eines Bozners und einer Deutschen, die ihre Kindheit zum Teil in Südtirol verbrachte und als deutsche Staatsbürgerin dann für den Reichsarbeitsdienst und den Kriegsdienst in einem Lazarett verpflichtet wurde.
Interviews und Dokumente
In diesem Buch werden 14 Südtirolerinnen ausführlich vorgestellt. Neun davon waren 23 Jahre alt und jünger, als sie in den Kriegsdienst eintraten, sechs von diesen sogar erst 18 Jahre alt und jünger. Die restlichen fünf Frauen waren Anfang 30. Wie viele Südtirolerinnen insgesamt Kriegsdienst für NS-Deutschland leisteten, kann, wenn überhaupt, nur grob geschätzt werden. Fest steht, dass einige Tausend Frauen im Alter zwischen 15 und 29 Jahren effektiv bis Ende 1941 nach Deutschland abwanderten – also Jahrgänge, die bevorzugt für den Kriegsdienst infrage kamen.26 Außerdem wurden mit dem Einzug der deutschen Truppen in Italien im Herbst 1943 dort auch Südtirolerinnen für den Kriegsdienst herangezogen. Es ist also davon auszugehen, dass mindestens einige Hundert Frauen mit Südtiroler Herkunft als Kriegshelferinnen eingesetzt wurden, vielleicht sogar mehr: als Maiden für den Reichsarbeitsdienst, als Arbeiterinnen in der Rüstungsindustrie oder Landwirtschaft, als Flak- oder Nachrichtenhelferinnen bei der Wehrmacht, als Reichsluftschutzhelferinnen, als Zivilangestellte in Soldatenheimen, in unterschiedlichen Funktionen bei der SS oder Gestapo oder als Mitarbeiterinnen im Südtiroler Ordnungsdienst SOD ab Herbst 1943. Wie viele von diesen Frauen nach dem Krieg nach Südtirol zurückkehrten, ist nicht bekannt, auch nicht, wie viele im Krieg ums Leben kamen.
Die meisten der Südtiroler Frauen, die in der SS oder Wehrmacht aktiv waren, sind längst verstorben. Dieses Buchprojekt ist deshalb vor allem eine Spurensuche, die auf Interviews mit Zeitzeuginnen und auf Dokumente aus unterschiedlichen Archiven zurückgreift. Einige der Interviews wurden nicht vom Autor, sondern von der Journalistin Astrid Kofler für ein Filmprojekt, vom Künstler Stefan Fabi sowie den Historikerinnen Martha Verdorfer und Adelina Wallnöfer vor allem für das Buch „Wie die Schwalben fliegen sie aus“ (Edition Raetia 2011) geführt, wobei der Fokus der Gespräche nicht ausschließlich auf dem Kriegsdienst lag. Die Interviews der beiden Historikerinnen sowie weitere Gespräche mit Südtiroler Frauen aus dem 20. Jahrhundert befinden sich im Frauenarchiv Bozen. Der italienische Historiker Costantino di Sante legte mit seiner Arbeit über die Verbrechen im Polizei-Durchgangslager in Bozen27 auch die unrühmliche Rolle von Paula Plattner offen, die ausführliche Strafprozessakte der Klausnerin befindet sich im Staatsarchiv in Bozen. Der Autor führte außerdem Interviews mit einigen Nachkommen der Porträtierten, so mit Verena Neubauer, der Tochter von Therese Marchetti, und Günther Matscher, dem Sohn von Anna Ruepp. Allen Genannten gilt ein großes Dankeschön für ihre wertvolle Arbeit und Mithilfe. Umfassende Informationen über den Werdegang von Südtirolerinnen in der SS und Wehrmacht lieferten außerdem Dokumente aus dem Bundesarchiv in Berlin, den National Archives in Washington, den Akten der Dienststelle Umsiedlung Südtirol DUS im Tiroler Landesarchiv, dem Staatsarchiv in Bozen sowie des Südtiroler Kriegsopfer- und Frontkämpferverbands im Südtiroler Landesarchiv. Vor allem im Rahmen einer noch eingehenderen Auswertung der DUS-Akten in Innsbruck könnten weitere Frauen ausfindig gemacht werden, die im Kriegsdienst standen, und nähere Einzelheiten dazu offengelegt werden.

Anhand von überlieferten Dokumenten lassen sich viele Kriegstätigkeiten nachvollziehen. Im Bild das Arbeitsbuch von Therese Marchetti
Bei der Beschäftigung mit manchen der hier vorgestellten Biografien taucht die Frage nach der Verantwortung, Mitbeteiligung, Mitwisserinnen-, Komplizinnen- und Täterinnenschaft im Rahmen des verbrecherischen NS-Systems auf. Kann über diese Frauen, wenn sie nicht aktiv an NS-Verbrechen beteiligt waren, überhaupt geurteilt werden oder hatten sie ohnehin keinen Handlungsspielraum? In den Texten kommen dazu vor allem Historikerinnen zu Wort, außerdem zeigen Beispiele aus der jungen Vergangenheit, dass die Justiz auch nach Jahrzehnten Unterstützerinnen und Unterstützer von NS-Verbrechen noch im hohen Alter zur Rechenschaft ziehen kann.
Der Historiker Leopold Steurer machte mich außerdem auf das Wirken der Österreicherin Hedwig Stocker als Oberwachtmeisterin in der Haftanstalt Krems aufmerksam. Briefe und Dokumente belegten, dass Stocker eine Frau mit Zivilcourage war, die unter den Gefangenen, zumeist politische Häftlinge und NS-Widerstandskämpfer, sehr beliebt war. Ihr Beispiel zeigt, dass Frauen immer noch die Wahl hatten, wie sie den Handlungsspielraum im Rahmen ihres Aufgabengebietes auslegten. Hedwig Stocker entschied sich, mutig zu sein: „Sie hat unter Hintansetzung ihrer Person und dem Risiko, ihre Stellung zu verlieren, alles für uns getan, wie z. B. uns mit Essen versorgt, uns immer Möglichkeiten gegeben, ein menschliches Dasein zu führen“, schrieben zwölf Häftlinge nach dem Krieg in einem Brief. Stocker ging noch einen Schritt weiter: Gegen Kriegsende versteckte sie eine politisch Verfolgte und rettete sie so vor den Fängen der SS.28
„Die Frau gehört mit zur SS“
Frauen als Zivilangestellte der SS und Angehörige der Waffen-SS
Hildegard Lächert trat im April 1942 ihre Ausbildung zur Aufseherin im Frauenkonzentrationslager in Ravensbrück an.1 Es war der Beginn einer unrühmlichen Karriere: Über das KZ Majdanek im damaligen Polen, in dem sie von Häftlingen den Übernamen „Blutige Brygida“ erhielt, kam die Berlinerin ab Jänner 1945 ins Durchgangslager nach Bozen.2 Dort wurde sie zur Kollegin der gebürtigen Klausnerin Paula Plattner, die im Lager als Sekretärin tätig war. Beide verband mehr, als ihnen vermutlich lieb war: Sie wurden zu Geliebten des Lagerchefs Hans Haage, galten unter Häftlingen als grausam und unmenschlich und wurden beide nach dem Krieg dafür zur Rechenschaft gezogen. Weder Lächert noch Plattner waren Angehörige der SS. Sie zählten zum SS-Gefolge und waren als weibliche Zivilangestellte durch Arbeitsverträge an Himmlers Eliteorganisation gebunden – rund 4.000 davon waren wie Lächert als Aufseherinnen in Konzentrations- und Vernichtungslagern tätig.3
Die historische Forschung fokussierte sich bisher vor allem auf die Täterinnenrolle der Aufseherinnen, die mit ihrem Einsatz und ihren Handlungen in den Lagern aktiv an Verbrechen des NS-Staates beteiligt waren. Die restlichen Frauen, die vor und während des Zweiten Weltkriegs vor allem im Verwaltungsapparat der SS und der dazugehörigen Organisationen tätig waren, fanden dagegen kaum Beachtung. Die Anzahl dieser weiblichen Zivilangestellten ist bis heute weitgehend unbekannt: Die Frauen arbeiteten als Sachbearbeiterinnen, Stenotypistinnen, Sekretärinnen, Bibliothekarinnen, Referentinnen, Dolmetscherinnen, Heimleiterinnen oder Krankenschwestern im Deutschen Reich oder in den von den Nazis besetzten Gebieten Europas. Auch mindestens zwei Südtirolerinnen waren darunter: Paula Plattner war im Durchgangslager in Bozen und die gebürtige Bruneckerin Maria von Sölder in einer Außenstelle der Forschungs- und Lehrgemeinschaft Ahnenerbe in München ebenfalls als Sekretärin tätig.
Machten sie sich in ihren untergeordneten Positionen mitschuldig? Ja, ist sich Jutta Mühlenberg sicher. Ihre Beteiligung an den NS-Verbrechen „bestand in der Mitarbeit im bürokratischen Apparat der SS“, so die Historikerin, die sich mit der Rolle der Frauen in den SS-Dienststellen beschäftigt hat. „Ohne ihr Mitwirken und ihr Engagement hätte die nationalsozialistische Vernichtungspolitik – der Polizeiapparat, das Lagersystem, die rassische Auslese, die Siedlungspolitik und die Zwangsarbeitsprogramme – jedoch nicht die Brisanz und Dynamik entwickeln können, mit der sie umgesetzt wurde.“4

Die „blutige Brygida“ Hildegard Lächert war auch im Durchgangslager in Bozen für ihre Grausamkeit berüchtigt.
Das gilt auch für das sogenannte SS-Helferinnenkorps, also jenen rund 2.400 SS-Helferinnen, die ab 1943 vorwiegend im Nachrichtendienst als Funkerinnen oder Fernschreiberinnen tätig waren5 – so wie Hedwig Zonta und Cilli Ladstätter. Im Unterschied zu den weiblichen Zivilangestellten waren die beiden Südtirolerinnen Angehörige der Waffen-SS und der SS-Sippengemeinschaft. Bei der Gründung des Helferinnenkorps stand maßgeblich SS-Chef Heinrich Himmler Pate.
Kein reiner Männerorden
Die SS entwickelte sich innerhalb der NSDAP zur wohl mächtigsten Organisation im NS-Regime und diente Hitler als Herrschafts- und Unterdrückungsinstrument. Sie übernahm nicht nur die Polizeigewalt und den Geheimdienst im Deutschen Reich, sondern verantwortete unter anderem den Betrieb und die Verwaltung der Konzentrations- und Vernichtungslager und war wesentlich am Holocaust und an Massentötungen beteiligt. Mit der Waffen-SS schuf sich die Organisation zu Kriegsbeginn einen militärischen Arm, der aufgrund seines brutalen Vorgehens gefürchtet war. Die SS verstand sich von Anbeginn als Sippengemeinschaft, es galten strenge Aufnahmekriterien. Reichsführer-SS Heinrich Himmler wollte eine Eliteformation etablieren, die zur Keimzelle einer nordischen Rassendominanz werden sollte.6
Die SS war aber nicht der reine Männerbund, wie bis heute vielfach geglaubt wird. Schon 1929 hatte der SS-Chef von einer „Gemeinschaft aus Männern und Frauen“7 gesprochen und später verkündet: „Auch die Frau gehört mit zur SS, sie ist Teil der SS.“8 Aber nicht jede Frau sollte dazugehören. Eine freiwillige rassische und politische Überprüfung von angehenden Ehefrauen von SS-Männern sollte sicherstellen, dass die Sippengemeinschaft „artrein“ blieb. Himmler träumte davon, dass aus diesen Ehen eine „rassische Oberschicht des germanischen Volkes“ hervorging, die bald zur Führungsschicht eines von den Nazis beherrschten Europa werden würde.9
Rund 240.000 solcher Ehen wurden bis 1945 geschlossen. Viele SS-Frauen hüteten aber nicht daheim die Kinder, während die Männer an ihren Einsatzorten waren. Sie reisten ihnen nach, lebten sogar zeitweilig an den Orten des Grauens, in denen die SS ihre Verbrechen beging: am Rande von KZs oder Ghettos in den von den Deutschen besetzten Gebieten. Und sie waren keineswegs nur Anhängsel, sie wurden zu Mitwisserinnen, Komplizinnen und in einigen Fällen auch Mittäterinnen, weiß die Historikerin Gudrun Schwarz, die viele Lebensläufe von SS-Frauen untersucht hat.10
Einige dieser SS-Frauen wurden Angehörige des SS-Helferinnenkorps, einer Elitegruppe, die Himmler schon vor Beginn des Zweiten Weltkriegs angedacht hatte, die aber erst 1942 auf Initiative des Chefs des SS-Fernmeldewesens Ernst Sachs ins Leben gerufen wurde. Die SS benötigte aufgrund der territorialen Eroberungen immer mehr Personal im Nachrichtenwesen und speziell Frauen, um Männer für die Front freizumachen. Außerdem sollte die Waffen-SS wachsen, vor allem sollten ihre Feldverbände massiv ausgebaut und dafür auch Frauen eingesetzt werden.11

Weibliches SS-Gefolge im KZ Bergen-Belsen 1945
Wie bei den SS-Ehefrauen galt: Es sollten nur solche Frauen und Mädchen aufgenommen werden, die überzeugte Nationalsozialistinnen waren und den rassistischen SS-Kriterien entsprachen – für Himmler die perfekten Ehefrauen für SS-Männer. Der Korps sollte sich zu einer Schwesternorganisation der Schutzstaffel entwickeln und dieselben Gesetze und germanischen Werte und Tugenden verinnerlichen wie der Männerorden. Sicherstellen sollte dies eine Ausbildungsstätte, in der sie nicht nur für ihre Aufgaben in der SS-Dienststelle vorbereitet werden würden. Die Reichsschule-SS sollte die jungen Frauen in ihrer weltanschaulichen Sicht prägen und außerdem das Zentrum des Ordens werden, in dem die Frauen ihr Elitebewusstsein weiterentwickelten.12 Und das in klarer Abgrenzung zu den Nachrichtenhelferinnen der Wehrmacht, die als „Blitzmädchen“ einen schlechten Ruf genossen. Diese wollten sich nur einen Offizier angeln, so das haltlose Vorurteil, und deshalb wurden sie auch als „Offiziersmatratzen“ beschimpft. Die SS-Helferinnen sollten dagegen zu Vorbildern in der deutschen Gesellschaft werden und das Frauenbild der SS hochhalten.13

Die Nachrichtenhelferinnen trugen auf ihren Krawatten und am Ärmel das Blitzemblem, daher der Begriff „Blitzmädchen“. Im Bild die Brixnerin Hilde Kerer
Im Unterschied zur Wehrmacht, die Nachrichtenhelferinnen auch über die Presse rekrutierte, wollte Himmler auf jegliche öffentliche Werbung verzichten: Die Mädchen und Frauen sollten am besten aus dem engen Familien- und Bekanntenkreis von SS-Männern kommen und sich freiwillig melden. In der Praxis sprachen auch Führerinnen des Bundes Deutscher Mädel BDM und der NS-Frauenschaften politisch verlässliche Kandidatinnen direkt an, außerdem bewarben sich junge Frauen etwa aus dem Umfeld des Reichsarbeitsdienstes.14
Pflicht zu Treue, Gehorsam und Verschwiegenheit
Die Reichsschule für SS-Helferinnen befand sich in Oberehnheim unweit von Straßburg im heutigen Frankreich, die Schul- und Wohngebäude waren von den Nazis beschlagnahmt worden. Häftlinge des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof waren ab 1942 mit dem Aus- und Umbau der Reichsschule-SS beschäftigt, ab Ende 1942 wurde im Ort ein eigenes Außenlager in unmittelbarer Nähe zur Schule eingerichtet. 1943 sollen sich dort bis zu 160 Häftlinge befunden haben.15
Die Ausbildungskurse der jungen Frauen starteten ab September 1942 und sahen vorerst einen Grundlehrgang vor, der den Schwerpunkt auf die weltanschauliche Erziehung legte und in der Regel mit dem sogenannten Gelöbnis endete. Dabei verpflichteten sich die Frauen zur Treue zu Führer und Volk, zum Gehorsam und zur Verschwiegenheit sowie zu einer fraulichen Haltung, „wie sie die Würde und das Ansehen der deutschen Frau gebietet, und wie sie von künftigen Hausfrauen und Müttern deutscher Kinder erwartet werden muß“16. Erst nach dem Gelöbnis wurden die Frauen offiziell in den SS-Helferinnenkorps aufgenommen, davor galten sie als Kriegshelferinnen. Sichtbar wurde dies auch auf den Uniformen, auf denen sie nunmehr SS-Runen anbringen konnten. Nach dem Grundlehrgang konnten sich die SS-Helferinnen für eine Fachausbildung zur Fernschreiberin, Fernsprecherin oder Funkerin entscheiden; diese Fachlehrgänge dauerten zwischen sechs und 24 Wochen.17
Ab Februar 1943 wurden die SS-Helferinnen in die Dienststellen der SS und Sicherheitspolizei in den Einsatz geschickt, bis Mitte 1944 hatten sie „ca. 700 Männer für die kämpfende Front freigemacht“, schrieb der Chef des Fernmeldewesens Ernst Sachs an Himmler.18 Die Frauen wurden zwar hauptsächlich im Nachrichtenverbindungsdienst eingesetzt, übernahmen in einigen Fällen aufgrund ihrer beruflichen Qualifikation zeitweilig aber auch andere Tätigkeiten, so etwa als Schreibkräfte oder Heimleiterinnen.
Die SS-Helferinnen arbeiteten in SS-Hauptämtern ebenso wie in Konzentrationslagern im Deutschen Reich und in den von den Deutschen besetzten Gebieten. Entsprechend ihren Aufgabengebieten taten sie ihren Dienst und wurden dafür von ihren Vorgesetzten beurteilt, denn die SS-Führung hegte Zweifel, dass die Frauen den gestellten Ansprüchen genügten. Bis auf wenige Fälle waren diese Zweifel unbegründet. Im Gegenteil, viele taten sich auch aufgrund ihrer politisch-ideologischen Einstellung besonders hervor.19 An ihren Einsatzorten waren sie zwar nicht selbst aktiv in Verbrechen verwickelt, aber sie wussten davon – wie auch von der Existenz und Bedeutung der Konzentrations- und Vernichtungslager. Viele der SS-Helferinnen hatten Nachrichten entgegenzunehmen und zu übermitteln, in denen es um Verbrechen ging, das machen mehrere Fälle deutlich. Auf diese Weise unterstützten sie den Mordapparat der SS und wurden nicht nur Mitwisserinnen, sondern auch Mittäterinnen. Es existieren Fotos, die SS-Helferinnen und SS-Männer bei einem Ausflug zur Solahütte zeigen. Auf einem Bild sitzen die jungen Frauen vergnügt auf der Balustrade der Terrasse und lachen in die Kamera. Die Solahütte war rund 30 Kilometer von Auschwitz entfernt und diente der Lager-SS als Erholungsort. „Das in den Prozess der Vernichtung involvierte bürokratische Personal erhält mit diesen Fotos ein weibliches Gesicht“, schreibt Jutta Mühlenberg. Die Frauen waren die Kolleginnen der unmittelbaren Täter und sorgten allein mit ihrer Anwesenheit für „einen emotionalen und sozialen Halt für die Lager-SS, der die Umsetzung der mörderischen Taten dauerhaft mitermöglichte“20.

SS-Helferinnen 1944 bei einem Ausflug zur Solahütte nahe Auschwitz
Fanatische Anhängerinnen des NS-Systems
Bei Kriegsende stuften die Alliierten die SS-Helferinnen als fanatische Anhängerinnen des NS-Staates ein. Sie glaubten, dass die Frauen aktiv an den sogenannten Werwolf-Einheiten beteiligt waren, einer Widerstandsbewegung, die ihnen mit Sabotageaktionen das Leben schwer machen sollte. Als Mitarbeiterinnen einer „paramilitärischen Organisation“ sollten sie automatisch in Internierungsarrest genommen werden – so wie auch solche Kriegshelferinnen, die aufgrund ihrer Positionen und Ämter im NS-Staat vorbelastet waren. Bei der Verhaftungsdirektive der Alliierten spielte es allerdings keine Rolle, ob die Frauen Angehörige der Waffen-SS waren oder Tatbeteiligungen bei Verbrechen vermutet wurden. Es wurden aber bei Weitem nicht alle SS-Helferinnen und wenige weibliche Zivilangestellte der SS interniert. Die Internierungszeit kam einer Strafmaßnahme gleich und dauerte durchschnittlich zwei Jahre.21
Es kam auch zu einigen Entnazifizierungsverfahren. Die Aufseherinnen von Konzentrations- oder Vernichtungslagern mussten sich aufgrund ihrer aktiven Beteiligung an den täglichen Verbrechen verantworten. Bei den Verfahren gegen SS- und Kriegshelferinnen wurde dagegen ausschließlich über die politische Schuld verhandelt: Für die Justiz waren sie in untergeordneten Positionen tätig und deshalb nicht mit eigenen Taten an der Ausführung von NS-Verbrechen beteiligt. Die allermeisten weiblichen Zivilangestellten der SS blieben weitgehend unbehelligt, auch weil sie nicht Angehörige einer verbrecherischen Organisation waren, sondern nur für diese gearbeitet hatten. Die wenigen SS-Helferinnen, die sich in den Verfahren zu verantworten hatten, legten sich häufig erfolgreiche Entlastungsstrategien zu. So gab die Fernschreiberin Julie L. an, nur deshalb zur SS gegangen zu sein, um nicht in einem Rüstungsbetrieb arbeiten zu müssen. Außerdem habe sie kein Interesse an Politik gehabt und als Frau sei sie per se unpolitisch.22 Andere SS-Helferinnen gaben an, dass die Einberufung unfreiwillig aufgrund der Notdienstverordnung erfolgt war und es ohnehin keine weiblichen Angehörigen der Waffen-SS gegeben hatte. Maria H. war keine 20 Jahre alt, als sie von April bis Dezember 1944 als Funkerin im Kommandanturstab des Konzentrationslagers Dachau arbeitete. Nach dem Krieg sagte sie aus, dass sie zwar gesehen hatte, wie die Häftlinge aus dem Lager marschierten, aber nicht wusste, wohin diese gingen. „Von Misshandlungen, Erschiessungen usw. haben wir nie etwas gehört oder gesehen. Über solche Dinge wurde zwischen uns eigentlich auch fast nie gesprochen, da wir als junge Mädels andere Interessen hatten“,23 so die SS-Helferin. Maria H. fiel wie einige ihrer Kolleginnen unter die Jugendamnestie und wurde letztlich nicht zur Rechenschaft gezogen. Erst vor rund zehn Jahren wurde die Justiz wieder auf die Rolle der SS-Helferinnen im NS-System aufmerksam und ermittelte auch über ihre Beteiligung an NS-Verbrechen. Viele der Beschuldigten waren da allerdings schon verstorben, so wie die Südtirolerin Hedwig Zonta.
„Über Durchschnitt“
Hedwig Zonta, Funkerin im SS-Helferinnenkorps

Hedwig Zonta als junge Frau: Ihrer Akte nach zu urteilen, fügte sie sich überzeugt in das NS-System ein.
Im Jahr 2016 erhob die Staatsanwaltschaft Schleswig Anklage gegen die damals 92-jährige Helma Maaß wegen Beihilfe am Mord von 266.390 Menschen, die von April bis Juli 1944 in den Gaskammern von Auschwitz getötet wurden. In diesem Zeitraum war die Deutsche als Funkerin für die SS im Konzentrationslager tätig. Zum Prozess kam es nicht, die Betagte war nicht verhandlungsfähig. Und dennoch: Bis dahin interessierten sich Ermittlungsbehörden nicht für solche „NS-Rädchen“ wie Helma Maaß, die nicht eigenhändig Morde verübt, aber diese unterstützt hatten. Doch die Verurteilung des KZ-Wachmanns John Demjanjuk im Jahr 2011 brachte eine Wende in der Rechtsprechung bei NS-Prozessen: Für Beihilfe zum Mord waren nunmehr wesentlich niedrigere Beweishürden zu nehmen als in den Jahrzehnten zuvor.24 Seither überprüfen die Ermittler der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg die Personalakten von Vernichtungs- und Konzentrationslagern. So stießen die Staatsanwälte auf noch lebende Beschuldigte wie Helma Maaß oder bereits Verstorbene,25 darunter die 1926 geborene Südtirolerin Hedwig Zonta, die vom 21. Juni bis zum 14. Juli 1944 als Funkerin im Konzentrationslager in Hamburg-Neuengamme gearbeitet und wie Helma Maaß dem SS-Helferinnenkorps angehört hatte.26 Über 100.000 Häftlinge, Männer und Frauen, waren im Hauptlager und in den Außenstellen von Neuengamme unter schlechten Bedingungen untergebracht, mehr als 40.000 Menschen überlebten den NS-Terror nicht. Welche Rolle spielte dabei eine Funkerin wie Hedwig Zonta? Und wie kam es, dass die gebürtige Branzollerin sich freiwillig bei der Waffen-SS meldete und schließlich mit 18 Jahren SS-Helferin im größten Konzentrationslager Nordwestdeutschlands wurde?
Bewerbung bei der Waffen-SS
„In charakterlicher Hinsicht ist nichts Nachteiliges bekannt.“ So lautete im Jänner 1943 die politische Beurteilung über Hedwig Zonta des verantwortlichen Führers des Sicherheitsdienstes des Reichsführers-SS im Abschnitt Innsbruck. Weil die damals noch 16-Jährige überdies beim Bund Deutscher Mädel BDM war und ehrenamtlich bei der Seefelder Frauenschaft mitarbeitete, kam sie jederzeit für eine Einstellung als Nachrichtenhelferin der Waffen-SS infrage.27 Die Südtirolerin war im Zuge der Option im September 1941 ins Deutsche Reich ausgewandert. Während ihre Eltern, Franz Zonta und Luise Zonta geborene Zambelli, in einem Südtirolerheim in Stams unterkamen, zog die Tochter zu einer Tante nach Seefeld bei Innsbruck. Am 1. November 1941 trat sie dort in der Drogerie Dertnig eine Stelle als Bürokraft an. Die notwendigen Kenntnisse dafür hatte sie laut ihrem Lebenslauf zum einen an einer Handelsschule, vermutlich in der italienischen Lehranstalt Scuola di avviamento commerciale in Bozen erworben, die sie nach der Volksschule in Branzoll und Bozen besucht hatte. Zum anderen war Zonta acht Monate lang, bis zum Jänner 1941, bei der Arbeitsgemeinschaft der Optanten für Deutschland als Bürohilfe angestellt.28 Während ihrer Schulzeit hatte sie ihre Vorliebe für das Sprachenlernen und Dolmetschen entdeckt, die sie später gerne vertieft hätte. Deshalb besuchte sie ab Sommer 1942 zweimal wöchentlich einen Dolmetscherkurs in Innsbruck, den sie aber nicht mit einem Diplom abschloss. Dafür wären weitere Kurse notwendig gewesen, gab sie in ihrem Lebenslauf an. Außerdem hatte sie sich nach dem Kurs eine „Staatsstelle“ erhofft. Stattdessen nahm sie in Innsbruck eine Stelle als Büro- und Verkaufshilfskraft an.29 Aber nur für kurze Zeit: Im November 1942 meldete sie sich freiwillig zur Waffen-SS. Wehrmacht und SS boten damals jungen Frauen nicht nur die Aussicht auf eine bezahlte Arbeit und einen sozialen Aufstieg, sondern auch die Möglichkeit zu reisen und neue Gebiete innerhalb des sich ausweitenden Deutschen Reiches kennenzulernen.
Im Dezember 1942 erfolgte die ärztliche Untersuchung „für die Annahme als SS-Nachrichtenmaid“, bei der Zonta für „tauglich“ befunden wurde.30 Nachdem die Überprüfung durch den Sicherheitsdienst ebenso positiv ausgefallen war, wurde sie laut Notdienstverordnung dem „Chef des Fernmeldewesens beim Reichsführer-SS u. Chef d. Deutschen Polizei in Berlin SW 68, Wilhelmstr. 100 zur Dienstleistung zugewiesen“31. Laut dieser Verordnung aus dem Jahr 1938 konnte jede Bewohnerin und jeder Bewohner des Reichsgebietes nach Vollendung des 15. Lebensjahres zu beliebigen, vom Staat bestimmten Diensten herangezogen werden. Sobald auch klar war, dass keine „erbbiologischen Bedenken“ gegenüber Hedwig Zonta bestanden, stand einer Ausbildung an der Reichsschule für SS-Helferinnen in Oberehnheim bei Straßburg im Elsass an der heutigen Grenze zu Deutschland nichts mehr im Wege.32 Die Aufnahme war nicht jederfrau vorbehalten: Für Jutta Mühlenberg, die sich eingehend mit dem SS-Helferinnenkorps auseinandergesetzt hat,33 sollten strenge Aufnahmebedingungen sicherstellen, dass nur Frauen und Mädchen in das SS-Helferinnenkorps aufgenommen wurden, die den rassistischen Kriterien der SS entsprachen und überzeugte Nationalsozialistinnen waren.
Ausbildung zur SS-Helferin
Die Ausbildungsstätte für SS-Helferinnen in Oberehnheim war 1942 auf Initiative des Chefs des SS-Fernmeldewesens Ernst Sachs gegründet worden.34 Ende März 1943 kam Hedwig Zonta in Oberehnheim an, am 1. April 1943 begann die 17-Jährige die Ausbildung zur SS-Helferin.35 Ihre Kolleginnen waren in der Regel zwischen 18 und 21 Jahre alt und im Unterschied zu Zonta im NS-Staat sozialisiert worden. Insgesamt waren sie besser ausgebildet als der Durchschnitt ihrer Altersgenossinnen, die SS-Führung betrachtete sie aber als noch bildungsfähig.36 Der Plan: Die rassisch geprüften und weltanschaulich ausgebildeten Frauen sollten zur Elite und das SS-Helferinnenkorps zur Schwesterorganisation der Schutzstaffel heranwachsen.37 So auch Hedwig Zonta, die vorerst die einmonatige Grundausbildung und anschließend die zweimonatige Fachausbildung zur Funkerin absolvierte. In ihrer NS-Akte, die sich unter anderem in den National Archives in Washington befindet, liegen zwei fast identisch formulierte Lebensläufe. In beiden Schreiben, datiert mit 11. und 20. April 1943, zeichnete sie ihren bisherigen Werdegang nach und ging auf ihr eigentliches Anliegen ein: das Sprachenlernen, das sie schon immer „am meisten interessierte“. Anscheinend hatte sie sich darangemacht, Französisch zu lernen, und gemerkt, „dass es mir leicht fällt – auch weil diese Sprache mit der italienischen sehr verwandt ist. Hätte wirkliche Freude daran und mein Wunsch wäre, mehrere Sprachen zu lernen, um später dann Dolmetscherin zu werden.“38 Wozu sie die Lebensläufe vorgelegt hatte, geht aus ihrer Akte nicht hervor.
Indes begann der Grundlehrgang auf Schloss Oberkirch, der auch erste Unterrichtsstunden im Nachrichtenvermittlungsdienst umfasste, mit einer allgemeinen schulischen Ausbildung. Der Tagesablauf in Oberehnheim war streng getaktet: Frühsport und Fahnenhissen, Unterricht am Vormittag und Nachmittag, dazwischen Mittagessen und Mittagsruhe. Nach dem Abendessen wurde die Fahne wieder eingeholt, für Wochenendausflüge in der Gegend mussten schriftliche Urlaubsgesuche eingereicht werden. Der Unterricht konzentrierte sich neben allgemeinbildenden Fächern wie Rechtschreibung, Erdkunde oder Erste Hilfe vor allem auf die Vermittlung erster Kenntnisse in der Nachrichtentechnik, unter anderem lernten die jungen Frauen das Morsen. Das mit Abstand umfangreichste Fach war mit zwölf Wochenstunden allerdings die „Weltanschauliche Erziehung“, das die Kernelemente der SS-Ideologie vermitteln sollte: so etwa die deutsche und europäische Geschichte aus rassistischer und geopolitischer Sicht, die dem politischen Führungsanspruch Deutschlands zugrunde lag, und das Feindbild des Juden als Gegenstück zur germanischen Rasse.39
„Die SS-Helferinnen wurden sowohl auf den Beruf als auch auf das Leben in der Sippengemeinschaft der SS vorbereitet“, urteilt Jutta Mühlenberg. „Als Angehörige der neuen weiblichen Elite im nationalsozialistischen Staat sollten sie in vielen Lebensbereichen eine Vorbildfunktion einnehmen können.“40 Dabei spielten die SS-Ideale Ehre, Treue und Verschwiegenheit eine wesentliche Rolle, wobei es Aufgabe der Frau war, ihre „Geschlechtsehre“ zu wahren und Moralvorschriften einzuhalten. Und „als Hüterin der Art“ sollte sie für rassisch wertvollen Nachwuchs sorgen.41
Strebsamer, guter Charakter
Bis zum Ende des Grundlehrganges galten die Frauen offiziell noch als Kriegshelferinnen. Erst mit dem sogenannten Gelöbnis, in dem sie sich wiederum zu Treue, Ehre und Verschwiegenheit verpflichteten, wurden sie in das SS-Helferinnenkorps aufgenommen und somit Mitglieder der Waffen-SS.42 Hedwig Zonta schloss Ende April 1943 den Lehrgang ab und begann mit dem 1. Mai 1943 ihre Fachausbildung zur Funkerin. Ein wichtiger Teil der Ausbildung war der Verschlüsselung von Nachrichten gewidmet, da einfach abgesetzte Funksprüche von anderen mitgelesen werden konnten. Um dies zu vermeiden, erlernten Zonta und ihre Kolleginnen Hand- und Maschinenverfahren. Der Unterricht sah wahrscheinlich auch den Umgang mit modernen Enigma-Chiffriermaschinen vor, da diese in den Funkstellen von Konzentrationslagern verwendet wurden, in denen die SS-Funkerinnen später vielfach zum Einsatz kamen.43 Die Hälfte der Frauen wurden zu Fernschreiberinnen oder Fernsprecherinnen ausgebildet. Nur rund ein Viertel der SS-Helferinnen entschied sich für einen Lehrgang für Funkerinnen, der in der Regel mit fünf Monaten auch am längsten dauerte. Allerdings wurde manche SS-Helferin aufgrund ihrer praktischen Fähigkeiten bereits nach wenigen Wochen in den Einsatz geschickt.44 Hedwig Zonta erwies sich als Musterschülerin, nach zwei Monaten schloss sie die Fachausbildung ab und verpflichtete sich wiederum ausdrücklich zur Dienstverschwiegenheit, auch nach einem eventuellen Ausscheiden aus der Waffen-SS.45 Vorerst wurde sie aber nicht in den Einsatz geschickt, sondern verrichtete ihren Dienst in der Funkstelle im Ehnschloss in Ottrott nahe Oberehnheim, in dem die angehenden SS-Funkerinnen ausgebildet wurden. Dort wurde Ende Juli 1943 der Funkverkehr mit dem Hauptamt in Berlin aufgenommen. Dabei war sie auch als Hilfsausbilderin und Aufsichtskraft tätig, am 1. November 1943 wurde sie zur SS-H-Unterführerin befördert.46 Der Leiter der Ausbildungsgruppe Funk Hugo Pächter attestierte ihr in seiner Beurteilung einen strebsamen, guten Charakter, ihre Haltung und Leistung stufte er jeweils als sehr gut ein. In der abschließenden Bemerkung beurteilte der SS-Obersturmbannführer Hedwig Zonta als „über Durchschnitt“.47 Die Südtirolerin war für eine Karriere im SS-Helferinnenkorps anscheinend wie geschaffen und wurde auch ohne Führungslehrgang befördert. Die Lehrgänge für Führerinnen und Unterführerinnen innerhalb des SS-Helferinnenkorps begannen nämlich erst im Herbst 1944. Davor wurden diese Führungspositionen vor allem mit ehemaligen Führerinnen aus dem BDM oder von Frauen aus leitenden Positionen der Reichsfrauenschaft besetzt. Zumindest bei der Besetzung von Unterführerinnen griff die SS-Ausbildungsstätte, wie der Fall Zonta zeigt, aber schon 1943 auf internes Personal zurück.48
Bisher lief für die SS-Helferin Zonta alles rund – oder doch nicht? Am 22. Februar 1944 stellte Hedwig Zonta ein Versetzungsgesuch, und zwar bat sie darin um „Vormerkung für den Einsatz in meiner Heimat Südtirol bzw. Nord-Italien, Verona, obwohl ich noch nicht 21 Jahre bin“. Warum? „Nahezu 3 Jahre war ich nicht mehr zuhause in Südtirol, wo der landwirtschaftliche Besitz meiner Eltern liegt. Meine Großmutter, 73 Jahre alt, ist ganz allein dort, da meine Eltern im Jahre 1942 nach Deutschland ausgewandert sind. Ich könnte sie nach meiner Versetzung öfters besuchen und nach dem Rechten sehen, da meine Eltern keine Genehmigung zur Rückwanderung nach Branzoll b. Bozen erhalten“, so die SS-Helferin. Hedwig Zonta hatte zwei Brüder: Einer davon hätte das Gut übernehmen sollen, starb aber Ende 1943 an der Ostfront, „der andere und nunmehr einzige Bruder ist dieser Tage wieder an die Front gekommen“, schrieb Hedwig Zonta. Als Argument für ihre Versetzung brachte die noch nicht einmal 18-Jährige ihre Italienischkenntnisse ins Spiel, die sie „dienstlich verwerten“ konnte.49 Ihr Alter, wie sie selbst schon im Gesuch vorbrachte, machte ihr aber einen Strich durch die Rechnung. Eine Anordnung von Reichsminister Martin Bormann verbot den Auslandseinsatz von Helferinnen unter 21 Jahren, das war Hedwig Zonta bekannt. „Selbst wenn die Reichsschule-SS Sie zum Einsatz nach Norditalien in Marsch setzen würde, werden Sie sicherlich von den entsprechenden Dienststellen ebenso schnell wieder zur Reichsschule-SS zurückgeschickt werden“, so der Kommandeur der Reichsschule-SS Rudolf Dilcher, der das Gesuch nicht genehmigte. Was Hedwig Zonta nicht wusste: Laut derselben Anordnung Bormanns war ein Auslandseinsatz trotzdem möglich, wenn die jungen Frauen bei ihren Eltern oder Verwandten in der Nähe der Einsatzstellen wohnten.50 Eine Versetzung wäre möglich gewesen, hätte es dort eine entsprechende Dienststelle gegeben. Ob es weitere Gründe für ihren Versetzungswunsch gab, geht aus ihrer Akte nicht hervor.
Stattdessen wurde Zonta im Mai 1944 zu ihrem ersten Einsatz geschickt, und zwar zur Funkerstelle des SS-Oberabschnitts Nordsee in Hamburg. SS-Oberabschnitte waren Verwaltungseinheiten der SS, denen mehrere Abschnitte unterstanden. Nach knapp einem Monat wechselte Zonta wiederum nach Hamburg ins Konzentrationslager Neuengamme.51
Im größten KZ Nordwestdeutschlands
Das Konzentrationslager Neuengamme diente ursprünglich als Außenlager des KZs Sachsenhausen, wurde dann aber zu einem selbstständigen Lager ausgebaut. Bis zum Kriegsende war es mit seinen rund 86 Außenstellen das größte und zentrale Konzentrationslager Nordwestdeutschlands, in das SS und Gestapo Zehntausende Menschen vor allem aus den von den Deutschen besetzten Gebieten deportierten: Juden, Kriegsgefangene, politisch Verfolgte oder Menschen, die in den Besatzungsgebieten Widerstand leisteten.52 Ein Teil der Gefangenen musste im Klinkerwerk auf dem Lagergelände Zwangsarbeit leisten, andere bauten in den Außenstellen Schiffe oder räumten in Städten Bombenschutt weg. Hunger, Schwerstarbeit und der mörderische SS-Terror bestimmten ihren Alltag in Neuengamme. So wurden Häftlinge etwa über die sogenannte Postenkette gejagt, „wo sie von den Wachposten ‚auf der Flucht’ erschossen wurden“, schreibt der Historiker Detlef Garbe, der viele Jahre die KZ-Gedenkstätte Neuengamme leitete.53 Mehr als 40.000 Menschen kamen im Hauptlager, in den Außenlagern oder im Zuge der Lagerräumungen auf Todesmärschen ums Leben. Das KZ diente Justiz und Polizei außerdem als Hinrichtungsstätte, überdies wurden medizinische Experimente an Häftlingen, darunter Kindern, durchgeführt. Es war ein Ort des Schreckens, in dem Hedwig Zonta Ende Juni 1944 ihren Dienst antrat.
Der Krieg entwickelte sich zuungunsten Deutschlands: Jüngere SS-Wachmänner von Neuengamme wurden zunehmend an die Front geschickt und durch ältere oder nur beschränkt diensttaugliche Angehörige der Waffen-SS ersetzt. Es wurden immer mehr Arbeitskräfte für den reichsweiten Einsatz von Rüstungsvorhaben benötigt. Deshalb kamen vermehrt Gefangene aus Vernichtungslagern aus dem Osten nach Neuengamme, aber nur wenige davon landeten im Hauptlager. Der Großteil wurde in den Außenlagern eingesetzt, die gegen Kriegsende errichtet wurden.54 Im Juli 1944 kamen mehr als 10.000 jüdische Häftlinge aus dem KZ Auschwitz und zum Teil aus Ungarn nach Neuengamme und in die Außenlager.55 Was bekam Hedwig Zonta davon mit? Was wusste sie überhaupt von den KZs? Welche Nachrichten liefen über die KZ-Funkstelle in Neuengamme? Hatte sie Kontakt zu SS-Wachmännern, die Häftlinge misshandelten, und zu den Opfern des NS-Terrors? Und vor allem: Welchen Anteil an der Verantwortung für die Morde kann die Funkerin Hedwig Zonta tragen, die keine vier Wochen im KZ Neuengamme Dienst tat? Ihre Akte gibt dazu wenig Aufschluss, überhaupt sind bisher kaum Erinnerungen, Interviews oder Briefe von SS-Helferinnen bekannt, die ihren Dienstalltag nachvollziehbar machen könnten.56 Auch in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme gibt es keine Quellen, die einen Einblick in den Betrieb der KZ-Funkstelle geben.57 Zwar ist bisher auch keine individuelle Tatbeteiligung einer SS-Helferin bekannt, das Urteil von Jutta Mühlenberg ist trotzdem eindeutig: „Sie gehörten zum bürokratischen Personal, waren Mittäterinnen, Zuschauerinnen und – zum Teil – auch Zeuginnen von Gewalttätigkeiten.“58 Es ist davon auszugehen, dass eine SS-Helferin wie Zonta über den Zweck und die Bedeutung eines Konzentrationslagers Bescheid wusste, allein deshalb, da sie schon während ihrer Ausbildung in Oberehnheim mit einem solchen in Kontakt gekommen war. Häftlinge eines Außenkommandos des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof waren mit den Bauarbeiten für die Reichsschule-SS beauftragt worden und wurden täglich zu den Baustellen gebracht. Ende 1942 war schließlich das Außenlager Oberehnheim des genannten Lagers gegründet worden, das sich in der zum Schloss Oberkirch gehörenden sogenannten Meierei befand. Im Verlauf des Jahres 1943 waren hier rund 160 Häftlinge untergebracht, die für unterschiedliche Bauprojekte unter schlechten Bedingungen schufteten. Die SS-Helferinnen in der Grundausbildung sahen die Häftlinge täglich und es kam zu Kontakten: So unterhielten sich die „SS-Maiden des öfteren mit Häftlingen“, was strengstens verboten war.59 Und die jungen Frauen bekamen auch die Gewalt mit, die die Gefangenen ertragen mussten. Besonders schlimm war es im Jahr 1943, in dem in weniger als zwölf Monaten 86 von 150 Häftlingen starben.60 Hedwig Zonta muss mitbekommen haben, was im Außenlager in Oberehnheim und in Neuengamme vor sich ging. In den KZ-Kommandanturen waren in der Regel eigene Funkstellen eingerichtet, die über moderne Enigma-Chiffriermaschinen verfügten.61 In der Baracke der SS-Kommandantur und deren Schreibstube in Neuengamme befanden sich weitere Abteilungen, so unter anderem die politische Abteilung der Gestapo.62 Ob sich dort auch die Funkstelle befand, ist nicht belegt. Zonta war der unmittelbaren Tätergruppe trotzdem nahe, sie diente als Funkerin dem schnellen, direkten Kontakt des Lagerkommandanten mit vorgesetzten SS-Stellen oder zu anderen Lagern. Und sie bekam natürlich mit, was sie per Funk und verschlüsselt mitteilen musste. Die Kommandanturen informierten die zentrale SS-Verwaltungs- und Führungsbehörde für die Konzentrationslager etwa über den Häftlingsbestand, die Zu- und Abgänge, über einzelne Bestände von Opfergruppen wie Juden oder Russen, aber teilten auch die Zahl der Todesfälle mit.63
Jutta Mühlenberg ist sich sicher, dass die SS-Helferinnen in den KZs „mit ihren Tätigkeiten im Nachrichtenverbindungsdienst an der arbeitsteiligen Kollektivtat“ teilnahmen.64
Ausbildung zur Funkstellenleiterin
Warum Hedwig Zonta nach nicht einmal vier Wochen Neuengamme wieder verließ, ist nicht belegt. Am 15. Juli 1944 war sie jedenfalls wieder zurück in Oberehnheim, und zwar war sie dort wiederum als Funkerin und als technische Aufsicht der auszubildenden Funkerinnen im Ehnschloss in Ottrott tätig. Außerdem absolvierte sie einen Sonderlehrgang für Funkerinnen im Aufsichtsdienst, um in Zukunft als Funkstellenleiterin arbeiten zu können. Der Sonderlehrgang wurde von Prinzessin Ingeborg zu Schaumburg-Lippe geleitet, mit der Zonta bald in Konflikt geriet. Seit Februar 1944 war die glühende Nationalsozialistin Heimleiterin der Ausbildungsgruppe Funk und leitete Lehrgänge für Unterführerinnen. Am 2. Oktober 1944 wandte sie sich mit einer „Meldung“ an den Leiter der Ausbildungsgruppe Funk Hugo Pächter mit der Bitte, „der Unterführerin im SS-H. K. Zonta, einen strengen Verweis erteilen zu wollen, umso mehr, als sie während des wochenlangen Lehrgangs meinen Weisungen gegenüber eine andauernde passive Resistenz an den Tag legte“65. Was war passiert? Um für die Abschiedsfeier ihres Sonderlehrganges eine Torte zu backen, hatte Hedwig Zonta eine Küchenhilfe um Weizenmehl und Fett gebeten. Da die Lagerköchin nicht anwesend war, sagte Zonta, dass diese ihr die Zutaten vor Antritt ihres Urlaubs ausdrücklich versprochen hatte, und bekam schließlich, was sie brauchte. Es handelte sich allerdings um eine Lüge, wie die Heimleiterin in dem Brief vermerkte. Für die Heimleiterin hatte Zonta „das einer Unterführerin entgegengebrachte Vertrauen einer außerhalb der SS stehenden Person mißbraucht, trotzdem ihr der Weg zu ehrlichem Handeln offenstand, da sie jederzeit die Erlaubnis bei der Heimleiterin hätte einholen können“66. Dieser Vorfall, im Grunde genommen eine Lappalie, hatte für Schaumburg-Lippe anscheinend das Fass zum Überlaufen gebracht. Konsequenzen hatte der Vorfall für Zonta aber keine. Hugo Pächter verwies darauf, dass eine Bestrafung nicht möglich war, da sich Zonta seit dem 18. September 1944 „wieder im Einsatz in Glau b. Trebbin/Mark, SS-Art-Schule, befindet“67.
In dem kleinen Örtchen Glau in Brandenburg, keine 50 Kilometer südlich von Berlin, lag bei einem Artillerie-Übungsplatz ab Dezember 1941 die SS-Artillerie-Messschule I der Waffen-SS und das Amt 8 FEP (Forschung, Entwicklung, Patente) des SS-Hauptamtes. Nicht weit von der Kanonierschule hatten die Nazis ein kleines sowjetisches Kriegsgefangenenlager und spätestens seit 1941 eine Außenstelle des Konzentrationslagers Sachsenhausen eingerichtet. Anfang 1945 kamen dort rund 150 Häftlinge zum Arbeitseinsatz, unter anderem schufteten sie für die Erweiterung des Übungsplatzes beim Straßen-, Schießstand- und Barackenbau oder sie wurden auch für Hilfsarbeiten in der SS-Schule eingesetzt. Sie wurden in diesem Lager misshandelt, Zeugen berichteten auch von Morden.68 Hedwig Zonta war wieder nahe dran, allerdings verliert sich in Glau ihre Spur. Es existieren keine persönlichen Dokumente, die ihren dortigen Aufenthalt nachvollziehbar machen – auch ist nicht bekannt, wie sie das Kriegsende erlebte. Viele ihrer SS-Kolleginnen kamen in Kriegsgefangenschaft und Internierungshaft, aber nicht weil sie der Waffen-SS angehörten, sondern weil die Alliierten sie als fanatische Anhängerinnen des Hitler-Staates beurteilten.69 Zonta tauchte vermutlich unter, es wurde kein Verfahren gegen sie eingeleitet.
Die Frage der Verantwortung
Zontas Rolle als SS-Helferin bleibt an einigen Stellen unscharf. Ihre Akte lässt aber doch das Urteil zu, dass sie sich trotz ihres jungen Alters nahtlos und überzeugt in das NS-System einfügte. Als Angehörige der SS sah sie womöglich die Chance einer Karriere und damit auch eines sozialen Aufstiegs. So entwickelte sie sich zu einer Musterschülerin im SS-Helferinnenkorps. In Oberehnheim, Neuengamme und auch in Glau bekam sie mit, wie in Konzentrationslagern mit Häftlingen umgegangen wurde. Sie wurde zur Kollegin der Täter und Täterinnen. Jutta Mühlenberg spricht von einer lähmenden Gleichgültigkeit, einem Desinteresse der SS-Helferinnen gegenüber dem Schicksal der Häftlinge und so auch der Juden in den Konzentrationslagern. „Die SS-Helferinnen billigten den Konsens, dass es sich bei den Häftlingen nicht um Menschen handelte, sondern um ‚Untermenschen‘, die im nationalsozialistischen Staat kein Recht auf Leben hatten“, schreibt die Historikerin.70 Mit ihrer freiwilligen Mitarbeit im bürokratischen Apparat der SS trugen Hedwig Zonta und ihre Kolleginnen dazu bei, das NS-Herrschaftssystem in den letzten Kriegsjahren zu stützen. Und auch wenn SS-Helferinnen wie Hedwig Zonta in untergeordneten Stellen tätig waren, so „enthebt sie dies nicht von Verantwortung“, schreibt die Historikerin Gudrun Schwarz. „Diejenigen, die mitmachten und Befehlen gehorchten, sollten nicht gefragt werden, warum sie gehorcht haben, sondern warum und in welchen Funktionen sie Unterstützung geleistet haben.“71 Darauf kann Hedwig Zonta keine Antwort mehr geben.
„Überall einzusetzen“
Cäcilie „Cilli“ Ladstätter, Fernsprecherin im SS-Helferinnenkorps
Eine ähnliche Laufbahn innerhalb des SS-Helferinnenkorps wie Hedwig Zonta schlug auch Cilli Ladstätter ein. Die gebürtige Welsbergerin absolvierte zur selben Zeit wie die Branzollerin, ab Anfang April 1943, die Grundausbildung an der Reichsschule-SS in Oberehnheim. Die beiden müssen sich mit ziemlicher Sicherheit gekannt haben. Aber während sich Zonta zur Funkerin ausbilden ließ und dann auch kurzzeitig in einem Konzentrationslager arbeitete, wurde Ladstätter Fernsprecherin und landete später im SS-Hauptamt in der Reichshauptstadt Berlin. Dort, im Bundesarchiv, liegt wie in den National Archives in Washington auch Ladstätters NS-Akte, die ihren Lebenslauf und ihre Karriere innerhalb der Waffen-SS nachzeichnet.72
Über den Reichsarbeitsdienst zur SS
Geboren wurde Cilli Ladstätter am 23. November 1922 im Lenzerhaus in Welsberg, wo sie auch die italienische Volksschule besuchte. Mehr ist aus ihrer Kindheit nicht bekannt. Die Familie optierte 1939 für das Deutsche Reich und übersiedelte entweder 1940 oder 1941 nach Vorarlberg. Während die Eltern in Hard bei Bregenz unterkamen, wurde die Tochter ab April 1941 für den Reichsarbeitsdienst RAD eingezogen.73 Der RAD war mit Beginn des Zweiten Weltkriegs auch für junge Frauen, sofern sie tauglich, nicht vorbestraft und „arisch“ waren, zwischen 17 und 25 Jahren Pflicht. Die Arbeitsmaiden wurden in Lagern zusammengezogen, in denen nationalsozialistische Erziehungsarbeit stattfand. Gefordert wurden Eigenschaften wie Pflichtbewusstsein, Disziplin, Opfer- und Dienstbereitschaft, Gehorsam oder Einsatzwille. Täglich leisteten sie „Ehrendienst am Deutschen Volke“, sie halfen Bauern in der Landwirtschaft oder entlasteten Mütter im Haushalt. Der Verdienst war gering, er lag kaum über dem Arbeitslosengeld. Nach Ablauf der zwölf Monate Dienstzeit, später wurden es 18 Monate, standen politisch indoktrinierte junge Frauen für den Kriegseinsatz bereit. Viele dieser Mädchen kamen vor allem in den letzten Kriegsjahren als Flakhelferinnen zum Einsatz.74
Cilli Ladstätter, die am 1. April 1942 ihren Reichsarbeitsdienst beendete, fand vorerst Arbeit als Serviermädel im Hotel Europa in Bregenz. Ende 1942 oder spätestens Anfang 1943 meldete sie sich freiwillig für die Waffen-SS. Es ist möglich, dass sie dafür auch angeworben wurde. Bezirksführerinnen beim RAD oder auch Leiterinnen von örtlichen NS-Frauenschaften sprachen damals junge Frauen an, sich für die SS zu melden, sofern sie sie für geeignet hielten.75 Wie bei ihrer Landsfrau Hedwig Zonta war es wahrscheinlich die Aussicht auf Arbeit und auf einen sozialen Aufstieg, der sie zu diesem Schritt bewog. Am 5. Februar 1943 erhielt sie vom Führer des SD-Abschnittes eine positive Beurteilung: „Politisch ist sie während ihres Aufenthaltes in Bregenz weder positiv noch negativ in Erscheinung getreten. Charakterlich wird sie als einwandfrei bezeichnet“, so der SS-Mann.76 Nach der ärztlichen Einordnung wurde Cilli Ladstätter aufgrund der Notdienstverordnung vom 15. Dezember 1938, nach der jeder und jede Deutsche nach Vollendung des 15. Lebensjahres zu militärischen Dienstleistungen herangezogen werden konnte, „dem Chef des Fernmeldewesens beim Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei Berlin“ zugewiesen.77 Das Ziel: Ausbildung und Einsatz als Nachrichtenhelferin der Waffen-SS, auch weil erbbiologisch über Ladstätter „nichts Nachteiliges in Erfahrung gebracht werden“ konnte.78
Tod des Bräutigams
Am 5. April 1943 begann Cilli Ladstätter die Grundausbildung zur SS-Helferin in Oberehnheim mit einem streng geregelten Tag und dem Unterricht, der allgemeinbildende Fächer, eine Einführung in die Nachrichtentechnik und vor allem die politisch-ideologische Indoktrination durch das Fach „Weltanschauliche Erziehung“ vorsah. Die Vermittlung dieser weltanschaulichen Grundlagen sollte auch dazu beitragen, dass sich junge Frauen wie Cilli Ladstätter und die Kollegin Hedwig Zonta von ihrer bisherigen konfessionellen Zugehörigkeit lösten. Beide hatten in ihrem Personalfragebogen bei „Bekenntnis jetzt“ und „früher“ „katholisch“ eingetragen.79 Diese Zugehörigkeit zu einer christlichen Konfession wurde anfangs noch geduldet. Ziel der SS war es aber, dass sich die jungen Frauen davon lossagten.
Mit dem „Gelöbnis“, sich unter anderem „ehrenhaft und untadelig zu benehmen, wie es Ansehen und Würde der deutschen Frau verlangt“, wurde sie am 14. Mai 1943 in den SS-Helferinnenkorps aufgenommen.80 Die bestandene Grundausbildung wurde allerdings von einem Schicksalsschlag getrübt: Anfang Mai hatte Cilli Ladstätter die Nachricht vom plötzlichen Tod ihres Verlobten erhalten. Das Telegramm war an ihren bisherigen Wohnort in Bregenz geschickt worden, so erreichte sie die Nachricht erst nach der Beisetzung. Ihr Bräutigam war bereits am 25. April 1943 seinen im Krieg erlittenen Verwundungen im Reservelazarett Luban im heutigen Polen erlegen. Cilli Ladstätter stellte deshalb einen Antrag auf einen Sonderurlaub, um die Eltern ihres Bräutigams zu besuchen. „Da ich vom Lazarett keine näheren Auskünfte bekommen kann, ist mir eine mündliche Unterredung mit den Eltern des Verstorbenen ein Bedürfnis“, so Cilli Ladstätter in dem Antrag auf Sonderurlaub, der ihr gewährt wurde.81
In ihrer Akte findet sich ein weiteres Urlaubsgesuch für die SS-Helferin, diesmal für einen Zeitraum von zehn Tagen ab 24. Mai 1943. Aber nicht die gebürtige Welsbergerin, sondern ein SS-Unterscharführer bat um die Genehmigung. Der Grund: „Da wir in kürzester Zeit wieder mit einem Einsatz zu rechnen haben und ich wieder zur Front muss, möchte ich mich mit SS-Maid Ladstätter aussprechen zwecks Heiratsangelegenheiten. Ich bitte um Genehmigung des Urlaubs, da ich noch vor dem Einsatz heiraten möchte.“82 Ob die Heirat zustande kam, ist aus ihrer Akte nicht ersichtlich.
Indes begann die Südtirolerin ihre Fachausbildung zur Fernsprecherin. Neben dem Fachlehrgang fand auch ein gemeinsamer Unterricht in verschiedenen Fachbereichen statt, so etwa in Sport, Werkarbeit oder „Weltanschaulicher Erziehung“. Die Ausbildung zur Fernsprecherin dauerte bis zum 23. Juli 1943 und sah das Erlernen der Handvermittlung von Gesprächen vor. Die jungen Frauen saßen vor einem Klappen- und Glühlampenschrank und wurden durch das Aufleuchten einer Lampe oder das Fallen einer Klappe auf eine gewünschte Vermittlung aufmerksam. Daraufhin setzten sie sich Kopfhörer und Mikrofon auf, schalteten sich in die Leitung des Anrufers ein und verbanden anschließend diese mit jener des gewünschten Teilnehmers, den sie anriefen. Sobald das Gespräch beendet war, leuchtete eine spezielle Glühlampe auf und sie trennten die Verbindung. Als Vermittlerinnen konnten sie die Gespräche mithören.83
„Weltanschauliche Einstellung in Ordnung“
Eine Beurteilung über ihre Zeit in Oberehnheim fehlt in der Akte über die SS-Helferin Cilli Ladstätter. Dafür erhielt sie eine solche nach einigen Monaten von ihrem Vorgesetzten an ihrer ersten Einsatzstelle: dem SS-Hauptamt in Berlin.
Das SS-Hauptamt war ursprünglich das Leitorgan und die Hauptverwaltungsstelle der SS in Deutschland. Mit der steigenden Bedeutung der SS wuchsen auch die Aufgabengebiete für die Parteiorganisation. Um diese zu bewältigen, wurden weitere Hauptämter gegründet. So übernahm das neu gegründete SS-Führungshauptamt als Kommandostelle die militärische Führung der Waffen-SS. Das SS-Hauptamt verlor damit zu Kriegsbeginn an Bedeutung und Einfluss, es kümmerte sich vor allem um die Anwerbung von Rekruten und Freiwilligen sowie um die politisch-ideologische Schulung der SS. Chef des SS-Hauptamtes war Gottlob Berger, der zunehmend auch Volksdeutsche, so etwa aus Rumänien oder Südtirol, für die SS rekrutierte.84 Cilli Ladstätter kam im Sommer 1943 zu einem Zeitpunkt in die deutsche Reichshauptstadt, in dem der Krieg sich zuungunsten Deutschlands entwickelt hatte. Im September und November 1943 erlebte sie in Berlin schwere Luftangriffe der Alliierten mit. Das SS-Hauptamt befand sich bis Ende November 1943 noch am Hohenzollerndamm 31, musste aber nach den Bombardements in die Douglasstraße 7/11 umziehen.85 Über ihre Zeit in Berlin ist aus den vorliegenden Dokumenten wenig bekannt, sie scheint ihre Arbeit aber zur Zufriedenheit ihrer Vorgesetzten gemacht zu haben. In einer Beurteilung beschrieb sie SS-Obersturmführer Rüß als „sehr lebhaft, aufgeschlossen, leicht beeinflußbar, hilfsbereit und arbeitsfreudig“, die „Verschwiegenheit“ als „ausreichend“ sowie Führung und Haltung als „in und außer Dienst gut“. Ihre „weltanschauliche Einstellung“ bezeichnete er als „in Ordnung“ und ihre „Stellung in der Gemeinschaft als „sehr gut“. Zusammenfassend war sich der SS-Mann sicher, dass SS-Helferin Cilli Ladstätter als „Fernsprecherin überall einzusetzen“ wäre.86
Spur verloren
Mit dieser Beurteilung verliert sich die Spur von Cilli Ladstätter. Ihr weiterer Werdegang nach Dezember 1943 ist nicht bekannt, auch nicht, ob sie den Krieg überlebt hat. Nach Südtirol, in ihre Heimatgemeinde, kehrte sie nicht zurück. Die Familie wanderte im Zuge der Option aus, ihr Geburtshaus wurde verkauft, so eine entfernte Verwandte aus Welsberg.87 Cilli Ladstätter war 20 Jahre alt, als sie zum Reichsarbeits- und Kriegshilfsdienst verpflichtet wurde und sich dann freiwillig bei der Waffen-SS bewarb. Die Aussicht auf eine Stelle im SS-Nachrichtendienst gab jungen Frauen wie ihr damals die Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen und die Aussicht auf eine Karriere auch nach dem Krieg sowie die Möglichkeit, etwas Neues kennenzulernen und zu reisen. Den streng geregelten Alltag und den Drill in der SS-Helferinnenschule kannte sie bereits vom RAD, auf die politisch-weltanschauliche Indoktrination wurde während der Ausbildung in Oberehnheim noch mehr Augenmerk gelegt. Die jungen Frauen sollten in Zukunft ja zur Elite, zur SS-Sippengemeinschaft gehören.
Wie ihre Landsfrau Hedwig Zonta bekam Cilli Ladstätter mit großer Wahrscheinlichkeit mit, was im nahen Außenlager des KZs Natzweiler-Struthof in Oberehnheim vor sich ging – die angehenden SS-Helferinnen konnten die Häftlinge täglich sehen. Und vermutlich wurde sie auch Zeugin, wie die NS-Aufseher Gewalt anwandten. Zwar leistete sie anschließend nicht wie Kollegin Hedwig Zonta in einem KZ ihren Kriegsdienst, doch auch als Mitarbeiterin im SS-Hauptamt in Berlin trug sie dazu bei, das NS-Herrschaftssystem in den letzten Kriegsjahren aufrechtzuerhalten.
„Die Edeldeutsche“
Maria von Sölder, Sekretärin der Lehr- und Forschungsgemeinschaft SS Deutsches Ahnenerbe und Funkerin bei der Luftwaffe der Wehrmacht
Schlagfertig und selbstbewusst muss Maria von Sölder gewesen sein. Als sie 1941 einige Monate nach ihrer Ankunft in Deutschland von einem Gestapo-Mann gefragt wurde, ob sie bei der Partei, also bei der NSDAP war, verneinte sie und erklärte, dass es in Südtirol geheißen hatte, sie müsste sich erst einmal zwei Jahre lang im Deutschen Reich bewähren. „Ich habe immer gesagt, wir sind die Edeldeutschen, wir sind die besseren Deutschen als die draußen. Das wollten sie uns nicht abkaufen, aber ich habe gesagt, das macht nichts“, so die Südtirolerin in einem Interview, das sie einige Jahre vor ihrem Tod im Jahr 2007 der Journalistin Astrid Kofler gegeben hatte.88 Darin erzählte sie von ihrem bewegten Leben: der Kindheit und Jugend in der Zeit des Faschismus, der Ausbildung zur Katakombenlehrerin und dem Einsatz für die deutsche Sache. Bekannt wurde von Sölder vor allem als selbstlose Helferin für die Familien der Männer, die im Zuge der Bombenjahre der 1960er-Jahre inhaftiert worden waren. Stolz sei sie auf die Taten, auf diese Feuernacht im Juni 1961 gewesen, in der Strommasten gesprengt wurden, um auf das Südtirolproblem aufmerksam zu machen.89 Was sie in diesem Interview ebenfalls ansprach, aber bisher kaum bekannt war: Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete Maria von Sölder vorerst als Sekretärin bei der Lehr- und Forschungsgemeinschaft der SS Deutsches Ahnenerbe und schließlich bis Kriegsende als Funkerin der deutschen Luftwaffe in Neapel.
Einsatz für die deutsche Sache
Maria von Sölder war knapp elf Jahre alt, als am 15. Mai 1921 die Wahlen zum italienischen Parlament stattfanden, an denen erstmals Südtiroler teilnehmen durften. Es war ein Ereignis, das sie bewusst wahrnahm: Sie stand vor einer Gebäudewand, auf der Plakate unterschiedlicher Parteien aufgeklebt waren. Als sie von Passanten gefragt wurde, wen sie denn wählen sollten, zeigte sie auf das „Blümele“, das Edelweiß, das Parteizeichen des Deutschen Verbandes. Davon ließ sie sich auch nicht abbringen, als ihr Italiener, die das beobachtet hatten, Prügel androhten.90 Ein anderes Mal, immer im Jahr 1921, soll sie der italienischen Fahne den Gruß verweigert haben und deshalb von italienischen Faschisten tatsächlich verprügelt worden sein.91 Diese Episoden, auch wenn sie von Sölder vielleicht überspitzt dargestellt wurden, zeigen eines deutlich: Sie war keine, die tatenlos zusah, und eine, die sich zu wehren wusste, das zog sich durch ihr ganzes Leben. „Ich habe immer genau Bescheid gewusst, was ich kann und was ich nicht kann“,92 sagte die gebürtige Bruneckerin selbstbewusst, die einen Teil ihrer Kindheit auch in Bozen verbracht hatte.93 Dort nahm die 1910 Geborene als Mädchen prägende Ereignisse bewusst wahr: den Abmarsch der Soldaten an die Front, die Fliegerangriffe auf Bozen und schließlich die Annexion Südtirols durch Italien.94 Sie besuchte noch die deutschsprachige Schule und lernte Italienisch als Fremdsprache. Auch nach der Pflichtschule lernte sie Italienisch privat weiter, „weil ich der Ansicht bin, dass die Sprache der Freunde nicht so wichtig ist wie die der Feinde“95. Denn daheim war alles deutsch, der Vater kämpfte im Ersten Weltkrieg in den Reihen der österreichischen Kaiserjäger am Isonzo gegen die Italiener.96

Maria von Sölder: eine Frau, die sich zu wehren wusste
Später stemmte sich von Sölder im Alltag gegen die Italianisierung der Südtiroler Gesellschaft: Sie öffnete daheim die Fenster, als die Familie im Inneren laut deutsche Lieder sang, oder lehrte Südtiroler Kinder die verbotene deutsche Sprache. In der Grundschule in Bozen hatte sie Kanonikus Michael Gamper kennengelernt, der maßgeblich am Aufbau der Katakombenschule beteiligt war. Ihr ehemaliger Religionslehrer fragte sie, ob sie nicht in den Geheimschulen unterrichten wollte. Sie war sofort dabei: „Und nachdem etwas gegen das Gesetz war, war es immer schön“,97 erzählte von Sölder. In Grado bei Triest besuchte sie im Sommer 1925 einen Lehrgang, den sie abbrechen musste, weil die Faschisten darauf aufmerksam geworden waren.98 Mit dem Unterricht ging es trotzdem los: Sie unterrichtete in den nächsten Jahren unter anderem in den Brunecker Ortsteilen Aufhofen und Dietenheim. Von den Faschisten wurde sie beschattet und mehrmals verhört. Sie drohten ihr mit den Liparischen Inseln, auf die damals Antifaschisten verbannt wurden. Sie blieb aber frech. „Ich habe gesagt: ‚Geht nicht.‘ Warum, haben sie dann gefragt. ‚Weil ich minderjährig bin.‘“99 Passiert ist ihr jedenfalls nichts.
Bis 1929 blieb Maria von Sölder in Südtirol, dann zog es sie wie viele andere junge Südtiroler Frauen der damaligen Zeit in italienische Großstädte, um als Dienst- und Kindermädchen zu arbeiten: So war sie einige Jahre als Erzieherin unter anderem in Turin und Venedig tätig, kehrte dann aber wieder nach Südtirol zurück und half ihrer Schwester, die selbst Kinder bekommen hatte, im Haushalt.100 Ab 1936 lebte Maria von Sölder in Eppan.101
Politisch verlässlich
In Deutschland war inzwischen Hitler an die Macht gekommen. So hofften nun auch ab Mitte der 1930er-Jahre breite Kreise in Südtirol auf einen baldigen Anschluss an das Deutsche Reich. Vor allem der Völkische Kampfring Südtirols VKS entwickelte sich schnell zum verlängerten Arm der Nazis im Lande, der sich im Zuge der Südtiroler Option für die Auswanderung nach Deutschland starkmachte. Der VKS hatte praktisch in jedem Südtiroler Dorf Aktivisten und Vertrauensleute. Es ist davon auszugehen, dass sich Sölder im Umfeld dieser Organisation bewegte – allein schon deshalb, weil sie 1939 eine Stelle als Sekretärin bei der Amtlichen Deutschen Ein- und Rückwandererstelle ADERSt bekam.102 Die ADERSt war eine deutsche Dienststelle, von Sölder nennt sie „eine SS-Dienststelle“, die die gesamte bürokratische Abwicklung der Umsiedlung der Optanten in das Deutsche Reich organisierte, aber auch den VKS bei der Optionspropaganda unterstützte. Sie war direkt dem Reichsführer-SS und Chef der deutschen Polizei Heinrich Himmler unterstellt. Die Stellen bei der ADERSt waren sehr begehrt, weil gut bezahlt, und nur politisch zuverlässige Personen kamen dafür infrage. Und als eine solche galt Maria von Sölder: Bereits am 15. November 1939, also noch vor Ablauf der Optionsfrist Ende 1939, hatte sie ihre Einbürgerung beantragt, die am 8. Februar 1940 stattfand.103 Die Option für Deutschland war für sie die Möglichkeit, sich endlich von Italien loszulösen.104 „Wir waren die bewussteren Deutschen“, kommentierte von Sölder ihre damalige Einstellung. „Einer, der da lebt, ist es automatisch, wir mussten darum kämpfen.“105 Auch Wolfram Sievers, Chef der Kulturkommission der SS-Organisation Ahnenerbe in Bozen, die das kulturelle Erbe der Südtiroler Optanten registrieren, sicherstellen und nach Deutschland überführen sollte, scheint sie imponiert zu haben. „Die Herren, bei denen Frl. Sölder hier arbeitet, sind mit ihren Leistungen sehr zufrieden, und loben sie auch wegen ihres Charakters“, so Sievers in einem Empfehlungsschreiben an den SS-Obersturmführer Adolf Rampf.106 Von Sölder hatte sich für eine neue Aufgabe beworben und in Sievers, der überdies der Reichsgeschäftsführer der Lehr- und Forschungsgemeinschaft SS-Organisation Ahnenerbe war, einen Fürsprecher gefunden. Rampf wiederum leitete die Außenstelle Süd-Ost der Lehr- und Forschungsgemeinschaft, die von Salzburg in die Widenmayerstraße 35 nach München verlegt worden war.107 Sievers nannte in dem Brief familiäre Gründe, warum sich von Sölder für den Posten beworben hatte,108 vermutlich suchte sie aber auch eine neue Herausforderung. Selbst gab von Sölder an, sie habe auf der schwarzen Liste der Faschisten gestanden und sollte von diesen aus dem Land verwiesen werden. Deshalb sei sie von allein gegangen.109 Beleg dafür gibt es keinen, im Gegenteil: Es ist unwahrscheinlich, dass die Faschisten sich auf eine Angestellte einer deutschen Stelle eingeschossen hatten, so auch die Einschätzung des Historikers Leopold Steurer.110
Ende April 1941 übersiedelte von Sölder nach München und begann mit 1. Mai 1941 ihre neue Stelle als Sekretärin in der Geschäftsführung der Außenstelle. „Aber es war nicht das verschriene Ahnenerbe, sondern eine Forschungsgemeinschaft“, so die Bruneckerin. „Die machten Höhlenforschung im Lande und hatten gerade in Tibet eine Expedition gemacht. Das war etwas Normales, das hatte nichts mit dem SS-Gedanken zu tun gehabt.“111 Aber stimmte das?
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