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Thomas Flanagan
Pächter der Zeit
SAGA Egmont
Pächter der Zeit
Aus dem Englischem von Gabriele Haefs nach
The tenants of time
Copyright © 1988, 2018 Thomas Flanagan und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711483978
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.
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Zur Erinnerung an
F.W.Dupee
Mark Schorer
Kevin Sullivan
Erster Teil
1
[Patrick Prentiss]
Lange Zeit nach dem Fenier-Aufstand in Kilpeder im Jahre 1867, als Robert Delaney und Ned Nolan bereits tot waren, nachdem Ardmor sich in Italien niedergelassen hatte, als nur noch Hugh MacMahon und der alte Lionel Forrester, die beide einen Teil der Geschichte kannten, noch lebten, entdeckte ein Fremder in Kilpeder, daß er, anfangs ohne sich dessen bewußt zu sein, daran arbeitete, diese Teile zusammenzufügen. Als ihm klarwurde, daß er diese Arbeit vielleicht niemals vollenden würde, und die Teile deshalb zurück in die Truhe der Vergangenheit legte, war er zu der Überzeugung gelangt, daß die Ereignisse in Kilpeder, vom Aufstand 1867 bis zum Sturz Parnells 1891, eine Form, ein Muster, ein Thema hätten, die sich in den Variationen von einem halben Dutzend Leben niederschlügen. Aber dieses Wissen war ihm zu nichts nutze. Er hatte sich in die Vergangenheit verliebt, eine vergebliche Liebe.
Eines Abends im Juni 1904 kam Patrick Prentiss zum erstenmal nach Kilpeder und nahm sich ein Zimmer in den Arms. Er war ein unaufdringlich gekleideter Mann von Mitte zwanzig, grauer Tweed in Fischgrätmuster, weicher grauer Hut, einen Überzieher über den Arm geworfen. Sein Akzent beeindruckte Gilmartin, den Besitzer der Kilpeder Arms, auf diesem Gebiet ein Fachmann.
Als er sich ins Gästebuch eintrug, nahm er aus einem Etui aus marokkanischem Leder eine Brille mit dünner goldener Fassung, in der das Licht der grünen Lampenglocke funkelte. Seine Schrift hatte keine Ähnlichkeit mit den Kritzeleien der wohlhabenden Farmer oder dem schroffen Selbstvertrauen der Handelsreisenden, der üblichen Kundschaft der Arms. Patrick Prentiss, Dublin und London.
Am nächsten Morgen hatte er das kleine, von der Sonne erhellte Eßzimmer für sich, dessen breites, geschwungenes Fenster auf den Marktplatz hinausging. Ein Mädchen mit rotem Gesicht, mit schlanker Taille, aber dicken Fesseln unter dem schwarzen Rock brachte ihm Porridge, gekochte Eier, fettigen, dick geschnittenen Speck, gerösteten Toast, eine Kanne Tee. Beim Essen lag vor ihm auf dem Tisch ein Exemplar von Muirhead’s Guide, und er bemühte sich, die kleinen, enggeschriebenen Buchstaben zu entziffern.
Gilmartin wartete hinter dem kurzen Tresen aus Schwarzeiche auf ihn. »Werden Sie lange bei uns bleiben, Mr. Prentiss?« fragte er und erwartete zu hören, daß Prentiss am Nachmittag bereits abgereist sein würde.
»Nicht lange«, antwortete Prentiss. »Vielleicht ein oder zwei Wochen. Macht das Probleme?«
»Nicht im geringsten«, sagte Gilmartin. »Sehen Sie sich doch um. Donnerstagabend wird es hier im Haus allerdings von Farmern und Viehhändlern wimmeln, die wie ihr Vieh brüllen. Ich kann Ihnen ein ruhiges Zimmer an der Rückseite des Hotels geben, mit Blick auf die Berge. Priester und Anwälte haben sich lobend darüber geäußert.«
Prentiss sah sich um. Verstaubte, ausgefranste rote Teppiche, unregelmäßig verteilte Sessel mit rissigem schwarzem Leder. An den Wänden hingen hinter Glas Forellen und Flußbarsche, mit schillernder Haut und glotzenden Augen. Ein großes sepiafarbenes Foto zeigte eine Jagdgesellschaft: Reiter, Pferde, Jagdhunde. Ein grelles Ölgemälde: Berge in der Ferne, lila und schiefergrau, tiefblauer Himmel, Wolken wie Wattebäusche.
»Das sind die Berge«, sagte Gilmartin. »Die Derrynasaggarts. Kennen Sie sich in diesem Landesteil aus?«
»Ich habe von den Derrynasaggarts gehört«, erwiderte Prentiss. »Dahinter liegt Kerry.«
»Und die brühmten Seen von Killarney. Im Sommer steigen Reisende auf dem Weg zu den Seen bei mir ab, aus England und Deutschland. Deutsche haben mir gesagt, daß es bei ihnen solche Seen nicht gibt. Ganze Bücher sind über sie geschrieben worden.«
Prentiss hatte, da er etliche dieser Bücher gelesen hatte, nicht den Wunsch, sie zu besuchen, Pfade, ausgetreten von Generationen von Führern und Sommerfrischlern, Ausflugskarren mit Picknickkörben, Bootsleute voll abgegriffener Versionen sentimentaler Sagen. Kilpeder, diese verschlafene Marktstadt, und die wilden Hügel, die es umgaben, hatten ihn hergelockt.
Er ging zur offenen Tür und betrachtete den Marktplatz. Keine Menschenseele war so früh unterwegs, und die Läden waren geschlossen, Ihm gegenüber lag eine stattliche Markthalle aus Stein mit den Proportionen eines früheren Jahrhunderts, Quader von grauem, behauenem Stein, ein Ziergiebel. In beiden Richtungen zogen sich daneben Läden und Schenken hin, ein Laden war sehr viel größer als alle anderen; sein Name, D. Tully und Sohn, stand in vergoldeten, komplizierten Schnörkeln auf einem roten Schild. Auf Prentiss’ Seite, am nähergelegenen Ende des Platzes, befanden sich die Tore eines Gutes, Steinvögel mit ausgebreiteten Flügeln hockten auf den Torpfosten. Schräg gegenüber den Pfosten lag einee saubere protestantische Kirche mit einem Kirchturm, ihre Türen aus Eichenholz waren geschlossen. Zu seiner Rechten erstreckten sich Läden bis hin zur Polizeikaserne, und dahinter lagen in unregelmäßigen Abständen die Hütten der Landarbeiter an der Straße nach Macroom, an der die schweren Türme und sinnlosen, ornamentalen Zierpfeiler der katholischen Kirche aufragten. Ein Mann trat aus einer der Hütten und ging langsam, schwerfällig, auf den Marktplatz zu. Aus der Entfernung hatte seine formlose Jacke die Farbe des Regens.
»Ich habe einen Brief für den Schulmeister«, sagte Prentiss.
»Ah«, erwiderte Gilmartin. »Wenn’s weiter nichts ist.« Er trat neben Prentiss in die Tür. »Christy Mannion. Die Schule liegt die Straße hinunter in der Chapel Street, hinter der Kirche, und Mannions Haus ist gleich daneben.«
»Nicht Mannion«, erklärte Prentiss. »Hugh MacMahon.«
Gilmartin lächelte. »Der ehemalige Schulmeister. Er ist schon lange im Ruhestand. Hughie lebt jetzt weit außerhalb der Stadt, an der Straße nach Killetin. Sie brauchen ein Pferd oder einen Einspänner, und ich habe beides nicht. Aber die Mietstallung kann Ihnen da leicht behilflich sein und Ihnen die richtige Straße zeigen.«
Jetzt trat aus der Wache ein Constable ins blasse Sonnenlicht, sein Uniformrock war nicht zugeknöpft.
»Er hat mich unterrichtet«, sagte Gilmartin. »Ein anständiger alter Bursche. Ein gelehrter Mann. Christy Mannion kann ihm nicht das Wasser reichen, der ist so ein junger Spund aus Dublin, der alles auswendig gelernt hat. Heute besteht der ganze Unterricht nur noch aus Examen und Zeugnissen. Ein kluger Mann. Er hat mit Gelehrten korrespondiert.«
Der Constable grüßte den Landarbeiter leichthin mit einem Winken, und der Mann berührte seine Mütze.
»Jetzt ist es hier friedlicher«, sagte Prentiss, »als anno 67.«
Überrascht starrte Gilmartin ihn an, dann grinste er wieder, ein goldfunkelndes Grinsen. »Unsere Stunde des Ruhms, bei Gott. Die Schlacht von Clonbrony. Vor ein paar Jahren war die Rede davon, auf dem Marktplatz eine Statue aufzustellen, aber sie konnten sich nicht über ihr Aussehen oder die Inschrift einigen. Das ist auch besser so, wenn man sich die Denkmäler in einigen Orten ansieht, die ich nennen könnte.«
Sie standen einen Moment in der windstillen Luft, dann sagte Gilmartin: »Hugh MacMahon war dabei, haben Sie das gewußt? Einer der Fenier von Clonbrony. Jetzt sind nur noch wenige davon übrig, abgesehen von den Mitläufern.«
»Ich habe es gewußt«, erwiderte Prentiss. »Deshalb habe ich ja einen Brief für ihn.«
Gilmartin stand müßig mit in die Seiten gestemmten Armen in der Tür und sah hinter Prentiss her, der über den Marktplatz zur Mietstallung ging. Aus dem Haus waren die drei Dienstmädchen bei der Arbeit zu hören, Besenstriche auf den Teppichen. Constable MacGann trat neben ihn, ein bulliger Mann mit rotem Gesicht und klaren blauen Augen unter dem Helm.
»Schau an«, sagte Gilmartin mit entsprechender Kopfbewegung. »Ein wortgewandter junger Bursche aus Dublin und London, der hergekommen ist, um Hugh MacMahon zu besuchen. Ich dachte zuerst, er hätte geschäftlich im Schloß zu tun.«
»Was Wunder«, erwiderte MacGann. »MacMahons Name ist den Gelehrten und Professoren der ganzen Welt ein Begriff.« Gilmartin mißfiel MacGanns Ulster-Akzent, Dornen und Brombeeren.
»Wegen Clonbrony Wood«, fuhr Gilmartin fort. »Das behauptet er wenigstens.«
»Attend you gallant Irishmen«, deklamierte MacGann in einer Art Sprechgesang. »Man sollte doch denken, das alles wäre aus und vorbei und hätte ein anständiges Begräbnis bekommen.«
»Das dachte man auch früher schon«, sagte Gilmartin. »Und dann beschloß Ned Nolan, uns einen Besuch abzustatten.«
»Ein erbärmliches Land«, meinte MacGann, »wo man nicht einmal Schurken und Helden unterscheiden kann.«
»Na ja«, sagte Gilmartin, faul und boshaft in der ersten Wärme der Sonne. »Mich geht das nichts an, Gott sei Dank.«
Prentiss verließ zu seinem ersten Besuch bei dem Mann, der noch nicht zu seinem Freund geworden war, Kilpeder in einem Einspänner, wobei er versuchte, die komplizierten Erklärungen des Stallburschen über den Weg nach Killetin im Kopf zu behalten. Er fuhr an Tullys Laden vorbei und an der Wache, wo vor langer Zeit junge Männer in einen Hagel aus Gewehrkugeln gestürmt waren, standhafte Ziegel und enge Fenster; vorbei an der katholischen Kirche, deren Türen zur Frühmesse geöffnet waren; in Blau gekleidete Statuen wurden sichtbar und ein vergoldeter Tabernakel, der im priesterlichen Schatten nicht funkelte; vorbei am Schulhaus, wo der Mann, der sein Freund werden sollte, einst mit einem Stock in der Hand die Kinder von Kilpeder hatte pauken lassen; vorbei an Hütten mit eingefallenen, unebenen und verrußten Strohdächern; und schließlich hinaus in die Leere der Poststraße nach Macroom. Bei einer Kreuzung, drei Meilen vor der Stadt, gekennzeichnet wie versprochen durch ein kleines, der Mutter Gottes geweihtes Heiligenhäuschen am Straßenrand, bog er nach links ab und hielt auf die Hügel zu.
Junges Korn und Heu leuchtete in der Morgensonne, grünblättrige Kartoffelfelder, dichtbewachsene Grasweiden, schwarz und braun geschecktes Vieh auf den Feldern. Häuser in der Ferne, weißgetüncht, strohgedeckt. Die Gräben auf beiden Straßenseiten waren von blühenden Brombeerhecken überwuchert. Das Gezwitscher von Vögeln, und der Ruf eines Vogels, den er nicht bestimmen konnte, ein langer Ton und dann zwei kurze. Seine Ohren suchten angestrengt nach anderen Geräuschen, aber er hörte nur noch die Hufe auf der festen Erde, das Quietschen der Räder.
Prentiss’ rechte Hand hielt locker die Zügel, seine linke ruhte, durch Zufall, auf seinem Exemplar des Muirhead, kompakt, blau eingebunden, ein voluminöser Führer für Besucher dieser Insel, er erstickte sie mit galvanisierten Tatsachen, Skizzen, Lokalgeschichte, Karten. Für Prentiss brachte das Buch die melancholische Bestätigung der Unzulänglichkeiten der Sprache. »Kleinere Straßen«, hätte der Muirhead sagen können, wenn er sich zu solchen Details herabgelassen hätte, »führen nordwärts zu Dörfern wie Killetin«, ohne Vogelsang oder blühende Hecken zu bedenken.
Vor einigen Monaten in London, in seiner Wohnung in Pump Court, und fast ein Jahr, nachdem er sich zuerst versucht gefühlt hatte, über den Fenieraufstand zu schreiben, als das Bücherpaket von Blackwell angekommen war, das auch den Muirhead enthalten hatte, hatte er es sich sofort in seinem Sessel am Kamin gemütlich gemacht, um den Eintrag über Kilpeder zu lesen. »Ein typischer Marktflecken in West Cork«, hatte er gelesen, »gelegen an der Straße Macroom-Killarney, mit wenig Interessantem für den Besucher, mit Ausnahme von Ardmor Castle, seinen Parks und Ziergärten, Sitz der Earls of Ardmor.« Prentiss, Ire durch Geburt, durch eine Kindheit in Dublin, durch Familienferien am Loch Corrib, hatte den müden Tonfall begriffen, hatte fast Mitgefühl verspürt, hatte sich Kilpeder vorgestellt, indem er es aus Erinnerungen an kleine Städte konstruierte, die er kannte, Longford und Mullingar. Und doch begriff der Muirhead, wenn Prentiss recht hatte, nichts, und seine Sprache brachte die korrekten Lügen aller Reiseführer.
»Geschichte«, hatte der Muirhead angekündigt und dabei voller Selbstvertrauen ein Wort verwendet, das für Prentiss zu einem Gewirr aus Schatten geworden war. »Kilpeder und seine Umgebung, bis zu den Derrynasaggarts im Westen, befand sich ursprünglich im Besitz des gälischen Clans O’Donovan. Der Mittelteil gelangte später in die Hände der mächtigen normannischen Familie Barry, die am Ufer der Sullane eine beeindruckende Festung samt Bergfried errichtet hatte. Das Gebiet ging während der stürmischen Desmond- und Tyrone-Rebellionen der Tudorzeit mehrmals zwischen beiden Familien hin und her. 1584 wurde Sir Tadg O’Donovan durch den Lord Deputy Perrot an einem Baum auf dem Gebiet der heutigen Domäne gehängt. Ein Baum, der angeblich derselbe ist, was man jedoch bezweifeln muß, wird dem Neugierigen gezeigt. Die ursprüngliche Burg wurde 1599 von Hugh O’Neill, dem rebellischen und für vogelfrei erklärten Hugh of Tyrone, belagert und zerstört. Im 17. Jahrhundert gingen die Ländereien von Kilpeder in den Besitz der Forresters, einer Familie aus Dorset, über, die später in den Adelsstand erhoben wurde.«
Armer Baum, dessen Echtheit bezweifelt werden muß, hatte Prentiss neben seinem Londoner Feuer gedacht, als der Verkehr von Fleet Street leise zu seinen Ohren vordrang. Er stellte sich eine nächtliche Szene vor, von Fackeln beleuchtet, ein halbes Dutzend Soldaten, die Tadg O’Donovan zu einer Eiche stießen und zerrten, an der in aller Eile eine Schlinge aus Hanf über einen Ast gestreift worden war. O’Donovans Haare sind verfilzt, ein ungepflegter Bart fällt auf seine Brust. Er schreit vor Wut und Furcht und dreht den Kopf zu seiner besiegten Festung um. Er trägt ein verdrecktes Wams und Hosen aus Ochsenleder. Das Rittertum, das er einst als Belohnung und gegen das Lehensgelübde der englischen Königin gegenüber erhalten hatte, ist jetzt vergessen, durch seinen Verrat zunichte geworden. Perrot, der Lord Deputy, hoch zu Roß, sitzt müßig dabei, er hat andere Aufgaben zu bedenken. O’Donovan brüllt, ein Gemisch aus Gälisch und Englisch. Perrot achtet nicht darauf. O’Donovan zuckt verzerrt an dem Baum, dessen Echtheit bezweifelt werden muß, seine Ochsenlederhosen sind besudelt. Und dieser Baum wird im Reiseführer erwähnt und dem Neugierigen gezeigt.
Aber vielleicht, dachte Prentiss jetzt, als er durch flaches Weideland auf die Vorhügel zufuhr, wußte er auch nicht besser als der Muirhead, wie die Vergangenheit sich abgespielt hatte. Er hatte seine eigene Version aus Scott und Hugo zusammengesetzt, seine Lektüre der Geschichte der Tudorzeit, für die Irland ein düsteres westliches Moor gewesen war, ein Moor, das Reiter und Ruhm, Kernesa und Gallowglassesb mit zerzausten Bärten, verräterisch und dumm, in die Tiefe zog. In der klösterlichen Gelassenheit des New College, Oxford, wo er in Englands festgefügter Geschichte lebte, dessen Steine im Laufe der Jahrhunderte honigfarben wurden, ungeschwärzt von Flammen, hatte er mit beschämter Faszination die narbenreiche und fragmentarische Geschichte seines Volkes gelesen, zur mitfühlenden Erheiterung seines Dozenten. Tee und Scones mit Butter um halb sechs, vor dem Fenster ein behagliches Kloster mit würzigem Geruch, und zwischen ihnen, dem Lehrer und dem Studenten, Stücke von dem, was sich als Geschichte ausgab, beschmutzt, verkohlt an den Rändern. Nun hatte diese Faszination ihn nach West Cork geführt, zum Haus eines in den Ruhestand getretenen Schulmeisters.
MacMahon hatte ihn vom Fenster aus gesehen, Pferd und Einspänner auf der kurvenreichen Straße zwischen den Hecken, und erwartete ihn am kleinen, affektierten, unnötigen Tor. Wilde Heckenrosen kletterten an der niedrigen Wand aus groben Feldsteinen empor. Ein dünner Mann, groß und aufrecht, hohe Stirn, schütter gewordener weißer Haarschopf, energisch geschorener Schnurrbart und, hinter dicken Gläsern, große, haselnußfarbene Augen.
»Seien Sie willkommen, Mr. Prentiss«, sagte er und streckte den Arm aus, um seinem Gast vom Wagen zu helfen. »Sie sind so jung, wie ich erwartet hatte. Ich weiß nicht, warum ich das erwartet hatte, um Ihnen die Wahrheit zu sagen.« Er sprach mit ausgeprägtem West-Cork-Akzent, ausgeprägter als Gilmartin, dieser weltgewandte Schankwirt, lebhafte, musikalische Aussprache. Ein Gesicht, das für einen Mann in seinem Alter seltsam wenig Falten aufwies. Wie alt mochte er sein, fragte Prentiss sich. Im Jahre 67 war er sicher Anfang zwanzig gewesen, jung für einen Schulmeister, aber bereits verheiratet. »Ein junger Mann mit gebildetem und respektablem Auftreten«, hatte der Cork Examiner geschrieben, »mit dem eifrigen Gesicht eines Enthusiasten. Er war adrett angezogen, in deutlichem Gegensatz zu vielen seiner Mitverschwörer.« Heute trug er graugesprenkelten Tweed, ein ungebügeltes, aber schneeweißes Hemd und eine blaßblaue Krawatte.
Die Hütte war so adrett wie MacMahon selber. Sie standen einen Moment lang in der kleinen Diele mit ihren weißgetünchten Wänden, breiten, rotgestrichenen Dielenbrettern, dann öffnete MacMahon die Wohnzimmertür. An die rückwärtige Wand waren braungefleckte Bretter gehämmert worden, und vom Boden bis zur Decke war die Wand ein Bücherwald. Die Bücher drohten die Regalbretter zum Bersten zu bringen. Ihnen gegenüber stand zwischen den Fenstern ein richtiger Bücherschrank aus Mahagoni. Zwei Sessel neben dem verrußten Kamin, tief, abgewetzt, die Bezüge ausgefranst und ausgeblichen. Sonnenlicht erfüllte das Zimmer.
Während MacMahon Tee kochte, ging Prentiss an der Bücherwand entlang, in der die Bände planlos und ohne System untergebracht waren – Geschichte, Reisen in Afrika, Theologie, vielleicht zwei Dutzend lateinische Bücher fielen ihm ins Auge, Livius, Sallust, einige französische, die Gedichte von Lamartine, ein Roman von Hugo. Das hatte er nicht erwartet – ein Schulmeister in West Cork, ein Leben, verbracht damit, den Kindern von Farmern und Ladenbesitzern Rechnen, die Geographie der Welt, die Magna Carta und die Schlacht von Waterloo beizubringen.
MacMahon machte sich am Teetablett zu schaffen: Porzellan mit Weidenmuster, dünne, akkurate Scheiben Brot. Ein Tontopf enthielt Marmelade, mit dem süßen, Übelkeit erregenden Geruch der Hecken. »Der Schrank zwischen den Fenstern stammt aus dem alten Haus, in Kilpeder. Er war Marys großer Stolz, es gab auch noch eine dazu passende Anrichte und eine Art Vitrine, die auf Klauenfüßen stand. Aber wir hatten nie genug Platz für alle Bücher. Sie lagen in großen Stapeln im Schlafzimmer, ohne System oder Ordnung. Mary sagte immer, ich würde eines Tages noch selber zum Buch werden. Eines Morgens würde sie wachwerden und ein Buch neben sich im Bett finden.«
»Sie haben wirklich gewaltigen Appetit auf Bücher«, meinte Prentiss.
»Appetit«, wiederholte MacMahon und kostete das Wort aus. Sorgfältig schenkte er mit weißen, braunfleckigen Händen den Tee ein. »Da haben Sie wohl recht. Jahrelang habe ich geglaubt, ich nähme aus vollen Händen Wissen und Weisheit zu mir, aber im Grunde ist es wohl nur ein Appetit wie jeder andere.«
»Einer, den ich mit Ihnen teile«, sagte Prentiss und ließ seine Worte in der Luft hängen, bis er seine Tasse bekommen und einen Schluck probiert hatte. »Hervorragend«, sagte er und erinnerte sich schaudernd an sein Frühstück.
»Richtig aufgießen ist der Trick«, erklärte MacMahon. »Bob Delaney schwor auf den billigsten Tee. Der billigste Tee wurde an die Armen verkauft, und die nehmen niemals minderwertige Ware. Tee ist schließlich ihr einziges Vergnügen. Und Bob, wissen Sie«, sagte er und rührte seinen eigenen Tee um, »kannte sich in solchen Fragen aus, wo er doch seine ganze Jugend hinter Tullys Theke verbracht und Tee aus den Fässern in kleine Säckchen abgefüllt hatte.«
»Sie waren befreundet, nicht wahr?« fragte Prentiss. »Sie und Robert Delaney.«
MacMahon lächelte ihn an, ein zaghaftes, freundliches Lächeln hinter dem martialischen Schnurrbart.
»Wie ich Ihnen schon geschrieben habe, als ich Ihren schönen Brief erhielt, Mr. Prentiss, es wird mir eine Ehre sein, Ihnen zu erzählen, was ich weiß. Vor vielen Jahren fand man immer wieder Artikel über Clonbrony in den Zeitungen, aber das war alles Unsinn. Ich habe sie nicht einmal aufbewahrt. Bei Ihnen ist das anders, Sie haben in Oxford Examen gemacht, haben gelehrte Essays für die großen Zeitschriften in London und Edinburgh geschrieben.«
»Zweimal«, sagte Prentiss. »Ich wollte Sie nicht täuschen.«
»Trotzdem«, meinte MacMahon. »Das ist eine Fähigkeit, die ich nie besessen habe. Ich sage Ihnen, Mr. Prentiss, bei dem Appetit, den Sie erwähnt haben, haben sich große Klumpen von Wissen in meinem Kopf festgesetzt. Wenig, was seit den Tagen der alten Fomoric in West Cork passiert ist, ist da nicht irgendwo aufgestapelt. Aber wann immer ich versuche, etwas davon aufzuschreiben, produziere ich nur ein dummes Durcheinander. Es ist sicher eine Kunst, und vielleicht können nur die, die eine Universität besucht haben, ihre Geheimnisse durchschauen.«
»Das bezweifle ich«, sagte Prentiss. »Und die Autoren drüben in Ihrem Regal würden das ebenfalls bezweifeln.«
»Ach, diese Burschen«, meinte MacMahon, als ob er von dubiosen Trinkkumpanen spräche. »Aber zurück zu Clonbrony Wood. Ich glaube nicht, daß es Ihre Anstrengungen wert ist.«
»Denken Sie oft daran?«
»Nein, wirklich nicht. Ich bin jetzt ein alter Mann, und Clonbrony Wood hat nur einige Stunden meines Lebens ausgemacht, vor langer Zeit. Mir kommen ganz andere Dinge ungebeten in den Kopf, ohne Sinn und Verstand. Ich erinnere mich aber gut genug daran, das wird Sie sicher beruhigen, und auch an die Monate vorher und die Monate, die darauf folgten. Aber es war nicht mein Leben, mein wahres Leben, daran hatte es keinen Anteil. Mein wahres Leben gehörte Mary und unseren Jungen. All die Jahre, ehe die Jungen losgezogen sind, um ihr Glück zu suchen, und ehe Mary gestorben ist. Mein Leben war das Haus in der Chapel Street, und das Schulhaus nebenan. Am besten erinnere ich mich an das Wohnzimmer in der Chapel Street und an das Klavier, das das Gehalt von sechs Monaten gekostet hatte. Am Ende des Lebens erinnert man sich an die Musik des Lebens, Mr. Prentiss, und nicht an die Gewehrschüsse eines bitteren Nachmittags.«
»Ja, natürlich«, sagte Prentiss, von dieser abrupten Intensität fasziniert und gleichzeitig beunruhigt. »Ich wollte auch nicht…«
»Wissen Sie«, fuhr MacMahon fort, und seine Rede war nun wesentlich entspannter, als wollte er um Entschuldigung bitten. »Ich habe mir das alles gut überlegt. Es ist seltsam, daß es dieses Ich gibt, für das ich mich halte, ein Schulmeister am Ende seines Lebens, mit Begeisterung für alte Dinge und für Poesie in einer Sprache, die jetzt nur noch eine Handvoll von Menschen versteht. Aber in Clonbrony Wood war ich auch, habe meine Waffe getragen und abgefeuert. Danach wurde ich in Gewahrsam genommen und vor Gericht gestellt. Ich komme jetzt nur selten nach Cork, aber als das noch öfter vorkam, stand ich bisweilen vor dem Gefängnis oder dem Gericht und versuchte, sie in meiner Vorstellung wieder mit Leuten zu besetzen, wie im Jahre 67. Die Prozesse waren eine große Sensation, das können Sie sich ja vorstellen. Es waren Kronprozesse.«
»Ich weiß«, sagte Prentiss. »Ich habe die Akten gelesen.«
Weniger überzeugend noch als MacMahons Versuche, die öffentlichen Institutionen von Cork mit Menschen zu füllen, Wörter auf langsam braunwerdenden Seiten, Paraphrasen eines Gerichtsstenographen, Reden, vielleicht leidenschaftlich, jetzt aber vergilbt, verflacht. Alle, mit Ausnahme der Rede eines Mannes, und seine Antworten waren zu kurz gewesen, um Paraphrasen zu gestatten.
»Polizisten in doppelter Reihe«, sagte MacMahon. »Mit angelegten Gewehren, und jeden Tag wurde ein Schub von uns zum Gericht gebracht, mit auf den Rücken gefesselten Händen. Nicht nur die Männer von Clonbrony, wissen Sie. Fenier aus Skibbereen und Tralee und Tipperary. Und Kavallerie und Dragoner, Fußsoldaten. Und dahinter eine große Menge von Schaulustigen.«
»Waren die Zuschauer auf Ihrer Seite?« fragte Prentiss.
MacMahon lachte, ein unerwartetes amüsiertes Kläffen. »Sie wollten Aufregung. Die Leute von Cork sind verrückt nach Aufregung. Jede alte Frau und jeder Eckensteher vom Coal Quay. Ich erinnere mich, daß eine alte Frau Paddy Ennis zurief: ›Na sag mal, konntest du denn keine feste Arbeit finden?‹ Paddy fuhr herum und wollte ihr einen Hieb verpassen, vergaß dabei seine Handschellen und seine Fußketten und fiel gegen den Mann neben ihm. Paddy Ennis aus Knockmany, sein Bruder war jahrelang Pfarrer in Listowel.«
»Es ist lange her«, sagte Prentiss sanft, »aber Sie erinnern sich noch sehr gut.«
»Ja«, bestätigte MacMahon nickend. »Ich habe nichts vergessen. Wie hätte ich es vergessen können?«
Einen Moment unsicher, versuchte Prentiss, seine Tasse auf den flachen Tisch zu stellen, aber MacMahon nahm sie ihm ab.
»Wie hätte ich es vergessen können?« wiederholte er. »Es gab nichts Vergleichbares, bis an mein Lebensende nicht mehr. So war das für die meisten von uns. Nicht für alle. Für Bob Delaney natürlich nicht.«
»Auch nicht für Edward Nolan«, sagte Prentiss.
Rasch blickte MacMahon vom Tisch auf. »Nein«, sagte er. »Nicht für Ned.«
»Aber er war doch auch Ihr Freund, nicht wahr?« fragte Prentiss. »Sie und Delaney und…«
MacMahon schüttelte den Kopf. »Vincent Tully«, sagte er. »Bob und Vincent und ich waren die dicken Freunde, Die Drei Musketiere. Und Mary. Wir drei haben den Eid gemeinsam abgelegt, in Cork, ehe Ned nach Kilpeder zurückkam, um das Kommando zu übernehmen. Ich erinnere mich noch gut an diesen Tag in Cork und daran, wie wir drei vor dem Ortskommandeur den Eid ablegten. Sie wissen doch, wie das alles organisiert war, nicht wahr, Mr. Prentiss, Kommandozentrale und Ortskommandeure und alles andere?« Wieder lachte er. »Bei Gott, wir drei dachten, wir wären in das allerheiligste Mysterium des Lebens eingeweiht worden. In die Irish Republican Brotherhood.«
»Ich weiß ein bißchen darüber Bescheid«, antwortete Prentiss. »Aber nicht soviel, wie ich wissen müßte.«
»Da müssen Sie sich anderswo erkundigen«, sagte MacMahon trocken. »Denn hier beginnt und endet mein Wissen. Ich kann Ihnen sagen, wer der Ortskommandeur für Cork war; er ist schon viele Jahre tot. Joseph Tumulty aus Cork City, ein zu Wohlstand gekommener Schiffskrämer, und er hat uns im Büro hinter seinem Laden den Eid abgenommen, vor Fenstern, die auf die Lee hinausgingen. In späteren Jahren hat er damit geprahlt. Aber da war er schon das reine Bild von Ehrbarkeit, mit einem Haus in Montenotte. Er wurde ein schrecklicher alter Langweiler, um ehrlich zu sein, aber im Jahre 65, als er uns den Eid abgenommen hat, war er ein äußerst energischer Mann.«
»Alles besteht nur aus Schatten und Fragmenten«, meinte Prentiss. »Wer zur Kommandozentrale gehörte, und wo die Macht saß, und wer die Pläne machte und die Entscheidungen fällte. Deshalb möchte ich über eine lokale Aktion schreiben, über Clonbrony. Schließlich lebt Clonbrony weiter, in den Liedern und in allem anderen.«
»Nun gut«, erwiderte MacMahon. »Und warum auch nicht? Es ist alles lange her. Es sollte mehr davon geben, wenn Ihnen an der Ansicht eines ungebildeten Mannes etwas gelegen ist. Es ist meine große Liebe, Geschichte. Aber manchmal, wissen Sie, wenn ich an einem Winterabend in diesem Sessel sitze, bei einem guten Feuer und einem Becher Punsch, und mein Macaulay aufgeschlagen auf meinem Schoß liegt, dann frage ich mich, woher um Gottes willen er weiß, was er zu wissen behauptet. Unten auf jeder Seite sind kleine Fußnoten, wie Dornen auf einem Feld, aber sie können mich nicht überzeugen.« MacMahon schlug die Arme übereinander und lächelte boshaft.
In diesem Moment erkannte Prentiss endlich eine Ähnlichkeit, die ihn die ganze Zeit gequält hatte. Und zwar mit Oliver Richards, seinem Tutor, der äußerlich überhaupt keine Ähnlichkeit mit MacMahon hatte, obwohl beide große, braune, bebrillte Augen hatten. Ein stattlicher Mann, penibel, vorzeitig gealtert, seine Hände immer unterwegs zum Tabakstopf, zur Karaffe, zu den auf dem ganzen Tisch verstreuten Papieren. Um klarzustellen, was er meinte, sprang er aus seinem niedrigen Sessel auf, hüpfte auf kleinen, adretten Füßen zu seinen Bücherregalen, redete ununterbrochen, während seine Finger Titel hervorzogen. Er hatte, so weit Prentiss hatte feststellen können, niemals etwas geschrieben. Es gab auch in ihrer Herkunft keine Ähnlichkeiten, denn Richard war der Sohn eines Pastors aus Wiltshire, war mit siebenundzwanzig Fellow geworden, und seither war die Universität sein Leben.
»Ich habe einen Freund«, sagte Prentiss, »der Ihre Zweifel teilt. Er fragt sich, ob man überhaupt Geschichte schreiben sollte.«
»Ach«, sagte MacMahon in bestürztem Tonfall. »Das habe ich aber nicht gesagt. Ohne Geschichte wären wir kaum besser als die barfüßigen Heiden in Afrika. Es ist meine große Liebe«, wiederholte er, und seine Augen wanderten zu seiner Bücherwand.
Für Prentiss war MacMahon jedoch selber Geschichte, nicht die großartige Geschichte von Gibbon und Macaulay, ordentliche Absätze und angemessene Zitate, die durch die Jahrhunderte marschierten und Menschen, Könige, Ideen, Armeen aufwirbelten, sondern ein Fragment der Vergangenheit, ein Mann, der alt geworden war und dessen langes Leben sich auf den Erinnerungen an die wenigen Wochen des Aufstandes ablagerte.
