Читать книгу: «Bangkok Rhapsody»
THOMAS
EINSINGBACH

THRILLER
mitteldeutscher verlag
Inhalt
Cover
Titel
Prolog
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Ebenfalls im Mitteldeutschen Verlag erschienen
Impressum

PROLOG
Phnom Penh, im April 1978.
„Schachmatt! Ich gratuliere. Der Vorstoß mit dem Springer war mein entscheidender Fehler.“ Der Verlierer, dessen weiße Uniform nicht den kleinsten Makel aufwies, lächelte verlegen. Dann nickte er seinem Adjutanten zu, der sich daraufhin anschickte, ihm Rotwein nachzuschenken. Der Gewinner, der splitternackt auf einem Holzhocker saß, beobachtete wortlos, wie die letzten Strahlen der Abendsonne den Raum durchfluteten und sich mit dem kalten Schein der Neonbeleuchtung zu einem unangenehmen Zwielicht vermischten. Er hatte sein gut gefülltes Weinglas noch nicht einmal angerührt.
Es roch nach verbrannter Haut und menschlichen Ausscheidungen, und die Klimaanlage kämpfte angestrengt gegen die feuchte Hitze, die von draußen in das schlecht isolierte Büro drang.
„Auf Ihr Wohl. Warum trinken Sie nicht? Es ist ein hervorragender Tropfen.“ Der Weißgekleidete hob sein Glas. „Wie wäre es mit einer Revanche?“
Die langen, dürren Beine seines siegreichen Gegners fanden unter dem halbhohen Tisch, auf dem das Schachspiel, die Weingläser und eine Flasche Bordeaux platziert waren, nur schwer Platz. Der Mann hatte in den letzten Wochen enorm an Gewicht verloren und sein entblößter Körper war übersät von notdürftig versorgten, noch nicht ausgeheilten Wunden. Seine strähnigen blonden Haare hingen ihm fettig vor den Augen. Nur unter Aufbietung seiner letzten Kräfte gelang es ihm, Haltung zu bewahren. Niemals würde er mit dem Teufel anstoßen. Im Augenwinkel sah er den jungen Kambodschaner, der in einer Ecke des Raumes kauerte und blutverschmiert wimmerte. Aus einer handtellergroßen Wunde an dessen linker Kopfseite tropfte dunkelrotes Blut in die Urinlache, die sich um ihn herum ausgebreitet hatte.
Vor gut einer Stunde hatten zwei Sergeanten den schmächtigen Asiaten gepackt und ihn an die Rückenlehne eines Schemels gefesselt, die mit scharfkantigen Metalldornen bespickt war, welche sich tief in sein Rückgrat bohrten. Das Verhör wurde in kambodschanischer Sprache geführt und blieb offenbar ohne den gewünschten Erfolg. Auf ein Zeichen des Weißuniformierten hin brannten die Peiniger ihrem Gefangenen immer wieder die Glut ihrer Zigaretten ins Gesicht. Der Gefolterte ertrug die Qualen nahezu lautlos. Erst als sie ihm routiniert die Arme brachen, stieß der zähe Asiate spitze Schmerzensschreie aus. Schließlich schnitten die Schergen ihm das Ohr ab, woraufhin ihr Opfer für einige Zeit das Bewusstsein verlor.
„Sie mögen diesen Mann. Ich sehe es Ihnen an.“ Genüsslich tapezierte der Verlierer der Schachpartie seinen Gaumen mit einem Schluck Wein.
„Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Gewinnen Sie die Revanche, lassen wir Ihren Freund frei. Verlieren Sie hingegen …“ Die tiefbraunen Augen des Herausforderers suchten die seines Kontrahenten. „Nun, mein Lieber, ich bin mir sicher, Sie werden verhindern, dass es so weit kommt.“
Der Gewinner der ersten Partie nickte kaum merklich. Sein Mund war staubtrocken, der Schweiß rann ihm von der Stirn in die Augen. Er wusste, dass er verloren war, ganz egal, wie das nächste Spiel auch enden würde. Mit leerem Blick verfolgte er die Sergeanten, die sorgsam die Lage der dünnen Elektrodrähte überprüften, mit denen sein nackter Oberkörper und seine Genitalien umwunden waren.
1
Als sie den Gebetstempel verließen, empfing die beiden Frauen die Wucht der tropischen Schwüle. Hoch über dem Kloster Wat Suwan formierten sich grafitgraue Wolkentürme. Weiter unten verharrte die Atmosphäre noch regungslos und lastete schwer auf der lebenden Kreatur. Gleich würde die Ouvertüre folgen, in der Luftvibrationen die Regungslosigkeit ablösten und sich die Spannung bis zur Unerträglichkeit steigerte. Surang hob den Kopf und schnupperte, wie ein scheues Tier, das Witterung aufgenommen hat. Sie konnte sich nicht erinnern, dass es früher zu dieser Jahreszeit noch so aufdringlich nach Unwetter gerochen hatte. Alles schien durcheinandergeraten zu sein. Ihre Begleiterin blickte ängstlich zu dem Gewittergebirge über den nördlichen Stadtbezirken Bangkoks und ergriff Surangs Hand. „Wir müssen uns beeilen. Es wird gleich schrecklich stürmen und regnen.“
Unzählige Male hatte Surang den Weg vom Kloster zum Altenheim zurückgelegt. Selten unbegleitet, denn auf sich alleine gestellt hatte sie ihre Orientierung vor einer Ewigkeit verloren. Was wusste ihre junge Führerin schon über die wirklichen Gefahren des Lebens? Wortlos folgte sie dem Mädchen durch die staubigen Gassen, dem heranbrausenden Unwetter entgegen.
Gerade noch rechtzeitig schlüpften die Frauen durch das hölzerne Tor in die schützende Empfangshalle des Altenheims, ehe sich der Himmel mit feuchtheißer Explosivität öffnete. Blitze durchschnitten gespenstisch die plötzliche Düsternis. Krachender Donner rollte über den Stadtteil Khlong San. Die Wassermassen klatschten gegen die schmalen Fenster, die zur Soi Charoen Nakorn zeigten. Aus kleinen Rinnsalen wurden auf dem löchrigen Asphalt der belebten Gasse rasende Bäche, die zuerst die Kanalisation überfluteten, um sich dann in teichgroßen Sammelbecken zu vereinen. Ladenbesitzer rafften ihre Auslagen zusammen und brachten sich und die Ware vor dem Regensturm in Sicherheit. Passanten hasteten durchnässt zum nächstgelegenen Unterstand. Andere flüchteten in die einfachen Restaurants des Viertels und gönnten sich eine scharfe Suppe oder etwas Kurzgebratenes.
Durch die zum überdachten Innenhof geöffneten Fenster und Türen drückte der feuchtwarme Dunst ins Gebäudeinnere des Altenheims.
Auf dem Bildschirm des Fernsehgerätes flackerte eine Reklame für Eistee. Surang beobachtete gebannt, wie eine giftgrüne Flüssigkeit perlend in ein Glas strömte, und versuchte dabei vergeblich, den Duft des Getränks zu erhaschen. Endlich setzte sie sich mit überkreuzten Beinen auf den Dielenboden und wandte sich dem Hausaltar zu, in dem eine goldglänzende Buddha-Figur, umgeben von Räucherstäbchen, Blumengirlanden und allerlei Opfergaben, über die Halle wachte. Surang schloss die Augen und begann, ihren Oberkörper im Einklang mit ihrem Herzschlag rhythmisch zu wiegen. Dabei presste sie bei der Vorwärtsbewegung ihre Lippen fest aufeinander, um sie auf dem Rückweg wieder einen schmalen Spalt zu öffnen, so als ob sie zum Sprechen ansetzen wollte. Man ließ die kleingewachsene Frau mit dem gescheitelten, schulterlangen Haar ihre eigenwillige Meditation unbehelligt zelebrieren. Jeder im Heim kannte dieses Ritual, dem sich Surang regelmäßig hingab.
Zwei Helferinnen ließen sich, nicht weit entfernt, ebenfalls auf dem Fußboden nieder. Sie griffen nach den noch nicht ganz fertiggestellten Schiffchen aus den Strünken der Bananenstaude, die sie mit den Heimbewohnern für das Loy-Krathong-Fest bastelten. Geschmückt mit Blumen und brennenden Kerzen wollte man die schwimmenden Gestecke in der Vollmondnacht des zwölften Monats des Lunisolarkalenders, die stets auf das Novemberende fiel, gemeinsam auf dem Chao Phraya zu Wasser lassen und das Ende der Regenzeit feiern. Die Opfergaben würden Mae Khongkhe, die göttliche Mutter des Wassers, gewiss versöhnlich stimmen und die Seelen der Spender von den Verunreinigungen des ausgehenden Jahres befreien.
Ein paar Interessierte gesellten sich zu der kleinen Runde und boten ihre Hilfe an, während die Regenflut unvermindert auf das Gebäude herabstürzte. Wieder zuckte eine elektrische Himmelsentladung grell durch die im Halbdunklen liegende Halle. Unmittelbar darauf folgte ein Donnerschlag, der die Grundmauern des Anwesens zu erschüttern schien. Flehende Blicke wandten sich gen Firmament, in der Hoffnung auf ein Erbarmen der Gewitterdämonen.
Einzig Surang schaukelte unbeirrt im gleichen Takt hin und her, unbeeindruckt vom Tosen der Naturgewalten. Keine der jungen Pflegerinnen kannte die Vergangenheit dieser verschlossenen Frau. Ihre äußere Erscheinung ließ keine verlässliche Schätzung ihres Alters zu. Surangs mädchenhafte, biegsame Figur täuschte eine Art unbekümmerte Jugend vor. Sie schien in einer eigenen Welt zu leben, unnahbar und stumm. Nur der Heimleiter Dr. Bertoli kannte Surangs Geschichte und wusste, dass sie durchaus in der Lage war zu sprechen.
2
Nur mit Mühe gelang es William LaRouche, die Augenlider zu heben. Er hatte wieder einmal miserabel geträumt, war immer wieder aufgeschreckt, hatte Polizeisirenen gehört und dabei Schweißausbrüche bekommen, obwohl sein Apartment zugig und unzureichend beheizt war. Sein müder Blick fiel auf den kahlen Kirschbaum an der Hinterhofmauer, der im nebligen Dunst des frühen Novembertages verschwamm. Ein Schwarm Wildenten strich im Formationsflug über die Dächer der Backsteingebäude Hobokens in Richtung Osten, dem Hudson River entgegen. Williams Blick kehrte in die Ödnis seiner Unterkunft zurück, wo ihn die Unbeflecktheit der weißgekalkten Zimmerdecke fesselte. Seine Hand berührte das durchgeschwitzte Laken, dessen klamme Kälte ihn erschaudern ließ. So musste sich der Tod anfühlen, nachdem sich die lebende Materie zum Abschied ein letztes Mal fiebrig aufgebäumt hatte. Warum blieb er nicht einfach liegen, in stoischer Erduldung des Schlussakkordes des irdischen Daseins und in Erwartung des Unvorstellbaren, was danach kommen würde? Hatte er irgendeinen Grund aufzustehen oder würde ihn nur ein weiterer sinnloser Tag quälen, der sich endlos in die Länge zog und seiner Seele keinerlei Impulse gab?
William drehte sich zur Seite, schob die Beine aus dem Bett und brachte seinen Körper in die Senkrechte. Wenig später saß er ungewaschen, ungekämmt und unschlüssig an seinem den Raum dominierenden Schreibtisch, rührte in einer Tasse mit aufgebrühtem Instantkaffee und erinnerte sich, wie er diese protzige Karikatur der Bürokratie aus einer Firmeninsolvenz für zwanzig Dollar ersteigert hatte. Seit einer halben Minute läutete das Telefon. Er bemühte sich, das lästige Geräusch zu ignorieren. Aber der Anrufer war ausdauernder als er. Nach einer weiteren halben Minute griff William mürrisch zum Hörer.
„LaRouche, Agentur für …“
„Billy, mein Junge! Ich dachte schon, du wärst bereits unterwegs. Du hast bestimmt immer mächtig viel zu tun! Good morning, New York City!“
Es war Doris. Die Stimme seiner Mutter kam ihm aufgekratzt und fremd vor. „Mom?“
Ganz sicher war sie wieder einmal, mit der Bibel in der Hand, in der Nacht durch ihr Puppenhäuschen in Lake View gegeistert und hatte sich den Kopf über ihr einziges Kind zerbrochen, von dessen Leben sie keinen blassen Schimmer hatte.
„Hoboken, Mom. Ich lebe in Hoboken, New Jersey. Nicht in New York“, korrigierte William, obwohl er wusste, dass es keinen Zweck hatte. Doris würde unbeirrt weiterhin in ihrer Nachbarschaft damit prahlen, dass ihr Sohn Direktor einer Agentur in New York City sei.
In den ersten Jahren nach dem Verschwinden von Williams Vater hatte sich Doris mit ihrer täglichen Flasche Wodka getröstet. Wenn sie betrunken war, schien sie weniger verzweifelt zu sein und fühlte sich irgendwie gemütlich an. Ihre Haut war weich und roch nach einer Melange aus Lavendel, Kuchenduft und Alkoholausdünstungen. Als Williams Vater auch nach drei Jahren nicht wiederaufgetaucht war, klammerte sich Doris an die Bibel, flüchtete sich in das Universum des süßen Backvergnügens und stellte beeindruckende Mengen unterschiedlichster Kuchen und Torten für die römisch-katholische Gemeinde von Lake View, einem Stadtteil von New Orleans, her.
„Billy, ist der Apfelkuchen angekommen? Ich habe ihn in eine Spezialfolie eingeschweißt. Er ist doch nicht etwa zerdrückt worden?“
„Nein, Mom, alles bestens. Kam an und hat vorzüglich geschmeckt“, log William und streifte mit seinem Blick den ungeöffneten Karton, den ein Paketbote vor ein paar Tagen gebracht hatte.
„Bei uns in New Orleans ist es noch keine halb sechs, mein Junge. Ich weiß doch, wie gerne du früh aufstehst, einen starken Kaffee trinkst und dich dann in deine Arbeit stürzt. Ich wollte ja nur hören, ob du den Apfelkuchen bekommen hast.“ Doris hatte mittlerweile ihre weinerlich-fordernde Tonart angeschlagen. „Aber du kommst doch Thanksgiving nach Hause?“
Mit Missmut erinnerte sich William an das letzte gemeinsame Thanksgiving in Lake View. Wie gewöhnlich hatte seine Mutter den Tisch festlich für drei Personen eingedeckt. Neben dem dritten, niemals benutzten Gedeck war wie jedes Jahr der Silberrahmen mit dem ewig gleichen, ikonenhaften Foto aufgebaut: Williams Vater im Alter von siebenundzwanzig Jahren auf seinem Segelboot. Der Fotograf hatte einen Moment eingefangen, in dem eine kräftige Meeresbrise die blonden Haarsträhnen mit dem Sternenbanner am Bootsheck um die Wette flattern ließ. William war damals kaum vier Jahre alt gewesen und hatte nur noch eine verschwommene Erinnerung an die kurzen Besuche seines Vaters zu Hause in Lake View.
Es war einfach verdammtes Pech, dass der Mann nicht bei einem Motorradunfall oder an Krebs gestorben war. Ein Leichnam und ein Begräbnis hätten vieles leichter gemacht. William war sich sicher, dass es die Ungewissheit war, die seine Mutter erst zur Flasche und dann, was zweifellos eine gewisse Verbesserung darstellte, zur Bibel hatte greifen lassen. Möglicherweise waren andere Frauen von verschollenen Ehemännern stärker als Doris LaRouche, aber schließlich konnte man sich weder sein Schicksal noch seine Mutter aussuchen. Im Grunde genommen, dachte William, hatte er sogar noch Glück gehabt. Das Schicksal hatte ihm Jonathan geschickt. Ohne den afroamerikanischen ehemaligen Kollegen von Williams Vater wäre manches ganz sicher viel schlechter gelaufen. Er hatte erreicht, dass sich das FBI großzügig zeigte und der vermeintlichen Witwe eine ordentliche Hinterbliebenenpension zugestand, von der sie die Zahnspange ihres Sohnes bezahlen und ihn aufs College schicken konnte. Für den heranwachsenden William war Jonathan damals ein Fels in der Brandung gewesen, wenn seine Mutter wieder einmal unberechenbar zwischen manischer Umtriebigkeit und depressiver Lethargie pendelte. Auf ihn konnte sich der kleine blonde Billy verlassen. Er erinnerte sich noch lebhaft an den traurigen Tag, als Jonathan seinem Jungen, so nannte er William beharrlich, mitteilte, dass er in die FBI-Führung nach Washington berufen worden war und deshalb New Orleans verlassen musste.
Williams Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück. Er beendete das Telefonat mit seiner Mutter, erhob sich aus seinem Bürodrehstuhl, schob den Vorhang zur Seite, der die Nische mit der Küchenzeile verdeckte, und brühte sich einen zweiten Instantkaffee auf. William betrachtete sich im Spiegel über dem Spülbecken. Seine Jugend war unwiderruflich dahin. Wie sein Dad wohl mit zweiundvierzig ausgesehen hätte? William fuhr sich über den ungepflegten Mehrtagebart. Viel war nicht geblieben von seiner ehemals athletischen Erscheinung. In den letzten Jahren hatte er fünfundzwanzig Pfund zugenommen und seine blonde Venice-Beach-Mähne hatte sich auf ein dünnes Gestrüpp reduziert, mit dem er notdürftig eine hohe Stirn verdeckte.
William nahm seinen Kaffeebecher und trat auf den Balkon hinaus, der zur Park Avenue zeigte, wo sich der morgendliche Berufsverkehr durch Hobokens Stadtzentrum schob. Er steckte sich eine Lucky Strike an und sog das Nikotin tief in die Lungen. Park Avenue in Hoboken, Downtown! Kein Vergleich mit Manhattans Park Avenue, aber weiß Gott nicht die schlechteste Adresse für einen lausigen Einmannbetrieb, der private Ermittlungen aller Art anbot und dessen teuerste Investition das glänzende Messingschild am Hauseingang gewesen war. Bildfetzen tauchten vor Williams innerem Auge auf: Sein Vater lächelte ihn an. Strahlend weiße Zahnreihen. Saphirblaue Augen. Eine schützende Hand streichelte liebevoll über sein Haupt. William versuchte diese Bilder zu verdrängen. Warum quälte ihn eine fortwährende Sehnsucht nach diesem Mann, den er nie wirklich gekannt hatte, und der vor Jahrzehnten vom Erdboden verschluckt worden war.
3
Ein kalter Nordostwind peitschte durch die Washingtoner Constitution Avenue, auf der an diesem unwirtlichen Morgen die ersten der vielen tausend Angestellten, in dicke Mäntel gehüllt und mit dampfenden Kaffeebechern in den Händen, in die Ministerien des Regierungsviertels strebten.
Die Chefetage des Justizministeriums war, wie üblich, schon seit geraumer Zeit hell erleuchtet. Melinda Rodriguez, die erste Frau in der amerikanischen Geschichte, die den Titel United States Attorney General trug, betrachtete versonnen ihren Kaffeebecher mit dem Amtssiegel und dem Aufdruck „Qui Pro Domina Justitia Sequitur“, was so viel wie „Derjenige, der die Angelegenheiten Justitias erledigt“ heißen sollte. Ein merkwürdiges Motto, dachte sie. In den letzten zwei Jahren hatte Melinda lernen müssen, wie viele Widerstände sich ihrem Kampf für Recht und Gesetz entgegenstellten. Nicht allen ihrer Gegner ging es dabei um sachliche Auseinandersetzungen, vielmehr zielten die Angriffe auf ihre Person. Nicht alle des Washingtoner Establishments konnten sich mit der Tatsache anfreunden, dass mit Melinda Fortuna Rodriguez ein neuer Stern am Firmament der amerikanischen Machtpolitik aufgegangen war.
Sie nippte an dem Getränk. Dünner Behördenkaffee. Eine schreckliche Brühe. In jeder mexikanischen Dorfkneipe gab es bessere Qualität. Melinda erhob sich aus ihrem Chefsessel und betrat ihre private Rückzugsmöglichkeit, ein Bade- und ein Schlafzimmer, die sich hinter einer holzvertäfelten Tür versteckte. Sie schaltete die Beleuchtung über dem Schminktisch ein und entdeckte in ihrer brünetten Löwenmähne ein paar graue Haarbüschel. Ein Termin beim Friseur zum Nachfärben war dringend erforderlich. Mit einem weinroten Lip Stylo frischte sie ihr Lippen-Make-up auf. Anschließend tupfte sie mit einem transparenten Gel ihre getrimmten Augenbrauen ab, die mit ihrer gradlinigen Ausrichtung gut in ihr rundliches lateinamerikanisches Gesicht passten. Melindas Vater war ein mexikanischer Farmarbeiter indianisch-spanischer Abstammung gewesen. Auch seiner Tochter sah man an, dass sie die Gene der Nahua-Indianer, Nachkommen der stolzen Azteken, in sich trug.
Die antike Standuhr in Melindas Amtszimmer zeigte sechs Uhr dreißig, als ihr Büroleiter Jonathan Robson mit einem triumphierenden Lächeln den Raum betrat. In der Hand balancierte er ein Tablett mit zwei Latte macchiato und einer Gebäckauswahl aus dem italienischen Bistro im Erdgeschoss des Justizministeriums.
„Melinda“, strahlte Jonathan, „es gibt erfreuliche Neuigkeiten. Sichere Informationen aus verlässlicher Quelle.“
„Wo ist er diesmal untergetaucht?“ Melinda griff nach einem Pappbecher und einem Brownie.
„Alles deutet darauf hin, dass er sich in Bangkok aufhält.”
„Bangkok? Eine Stecknadel im Heuhaufen dürfte leichter zu finden sein.“
„Sechzehn Millionen Einwohner, davon ein paar zehntausend weiße Ausländer mit dauerhafter Aufenthaltserlaubnis, dazu eine unbekannte Anzahl Illegaler. Nicht einfach, aber auch nicht unmöglich.“
„Seine Tarnung ist immer perfekt. Sein Netzwerk von Unterstützern reicht bis in höchste CIA-Kreise.“
„Das mag stimmen, aber ein professioneller, mit Bangkok vertrauter Exposer und ein wenig Glück …“, gab sich Jonathan zuversichtlich.
„Was schlägst du vor?“
„Wir operieren zunächst inoffiziell. Je weniger Leute von unserem Plan wissen, desto besser. Wir können keinen Agenten aus dem aktiven Dienst einsetzen. Dann werden Vorgesetzte eingebunden, thailändische Behörden erhalten Vorabinformationen …“
„ … und auf wundersame Weise ist das flüchtige Reh wieder verschwunden. Du erinnerst dich an die Beerdigung seiner Mutter in Chicago vor fünf Jahren?“, unterbrach Melinda. Natürlich erinnerte sich Jonathan. Melinda war damals noch Abteilungsleiterin und er selbst gerade aus dem FBI-Dienst ausgeschieden und als Berater ins Justizministerium gewechselt. Sie hatten den Fisch schon an der Angel gehabt. Dann führte eine Indiskretion zur Katastrophe. Die Zielperson schien sich in Luft aufgelöst zu haben und drei FBI-Agenten wurden tot in einem stillgelegten Bergwerk gefunden. Nur mit Mühe und Not konnte verhindert werden, dass diese misslungene Aktion an die Öffentlichkeit drang.
„Ich habe einen Mann im Sinn, der passen könnte. Er ist asienerfahren und der beste Ermittler, den ich kenne. Er riecht seine Klienten, Erfolgsquote nahe einhundert Prozent.“
„Wo viel Licht, da hat’s auch Schatten.“ Melinda blickte Jonathan skeptisch an.
„Ich kenne ihn seit seiner Kindheit und habe lange mit seinem Vater zusammengearbeitet. Der Junge ist besser als sein Dad und war bereits in Thailand im Einsatz. Vor ein paar Jahren hat er aus persönlichen Gründen das FBI verlassen und in New Jersey eine private Ermittlungsagentur eröffnet.“
„Ich hatte nach dem Schatten gefragt“, erinnerte ihn Melinda.
„Schatten?“
Jonathan schob seine grauschwarze Hornbrille auf seiner flachen Nasenwurzel zurecht. „Der Junge ist instinktgesteuert, hoch emotional, aber in jeder Hinsicht loyal. Das garantiere ich.“
„Jonathan, wenn wir inoffiziell und mit einem Freelancer arbeiten, lautet die entscheidende Frage: Ist dein Mann kontrollierbar?“
4
Der Nacht-Express verlies um drei Uhr fünfzehn die Union Station in Richtung New York. Jonathan Robson sah hinauf zu einem scharf konturierten Novembervollmond, dessen Leuchtkraft in der kalten, wolkenlosen Nacht das schlafende Washington mit einem goldenen Schimmer überzog. Nachdem er sich eine Weile mit dem Studium einiger Akten wachgehalten hatte, döste er nun in seinem komfortablen Business-Class-Sessel vor sich hin. Pünktlich kurz nach halb sieben rollte der Zug in New Yorks Pennsylvania Station ein.
Jonathan wusste, dass William ein early bird, ein Frühaufsteher, war. Er hatte seinen Besuch nicht angekündigt und erinnerte sich an ihr letztes Telefonat vor etlichen Wochen, in dem sich William angespannt und auf eine ungewohnte Art abweisend gezeigt hatte. Jonathan durchschritt die Schalterhalle und sprang kurz darauf in ein gelbes Taxi, wo ihn der Fahrer mit „Bruder“ ansprach. Er nannte Williams Adresse in Hoboken, was dem schwergewichtigen Afrikaner ein zufriedenes Lächeln entlockte. Ein angenehmer Auftrag um diese Zeit, wo alles nach Manhattan strebte und die Gegenfahrbahnen, hinaus aus dem Herzen des Big Apple, zu einem entspannten Ritt einluden. In zügiger Fahrt ging es zum Lincoln-Tunnel, durch den sie den Hudson River unterquerten. Ein paar Meilen weiter stoppte der Wagen an einer Ecke von Hobokens Park Avenue, wo Jonathan ausstieg und in einem vietnamesischen Deli-Shop zwei Portionen starken Kaffee zum Mitnehmen bestellte. Wenig später stand er vor dem Eingang eines vierstöckigen Backsteingebäudes. Neben einem Dutzend Klingelknöpfen prangte ein Messingschild mit der Aufschrift „William H. LaRouche – Private Investigator“. Jonathan presste seinen kalten Zeigefinger auf die Klingel. Nichts geschah. Er bemerkte, dass die Haustür nur angelehnt war, schob sie auf und trat in ein Treppenhaus, in dem es nach gebratenem Fisch und Katzenurin roch. Er kletterte die ausgetretene Holztreppe bis in die letzte Etage hinauf, ehe er eine verkratzte Wohnungstür erreichte, an der ein laminierter Computerausdruck befestigt war, dessen Text sich mit der Aufschrift des Messingschildes deckte. Da kein weiterer Klingelknopf vorhanden war, klopfte Jonathan kräftig an die Metalltür. Seine Armbanduhr zeigte mittlerweile zwanzig nach sieben.
„Mrs. Wilberforce? Stellen Sie die Milch vor die Tür. Ich komme später vorbei und bringe Ihnen das Geld.“ Es war Williams raue Stimme, worauf Jonathan ein weiteres Mal gegen den Eingang hämmerte.
„Verdammt! Wer ist denn da, so früh am Morgen?“
„William. Ich bin’s, Jon. Trinkst du einen Kaffee mit mir?“, rief Jonathan und hörte, wie sich die Querriegel der Türsicherung zur Seite bewegten.
„Jon? Was machst du hier? Haben sie dich gefeuert?“
„Billy, Agent W, lass mich erst mal in deine gute Stube. Wir haben uns eine Ewigkeit nicht mehr gesehen.“
William reichte seinem Besucher die Hand, vermied dabei aber den direkten Augenkontakt. Jonathan blickte sich unauffällig um. Der Zustand des Apartments war für ihn ein weiterer Beweis, dass William noch immer keine Ordnung in seinem Leben gefunden hatte. William eilte zu der Küchenzeile, wo er einen Lappen fand, mit dem er einen Teil seines Schreibtisches säuberte, damit Jonathan die Kaffeebecher abstellen konnte.
„Billy, mein Junge, du siehst großartig aus. Ich störe doch hoffentlich nicht? Und zu deiner Frage: Noch arbeite ich im Justizministerium. Aber du weißt ja, wie schnell man in der Politik seinen Job loswerden kann.“
William wirkte auf Jonathan wie ein verunsichertes Raubtier, das eine Gefahr ahnte, aber noch nicht wusste, von woher sie drohte. Sie waren sich seit Monaten nicht mehr persönlich begegnet. Der äußeren Erscheinung nach zu urteilen, ging es seinem Jungen alles andere als großartig.
„Ich sehe großartig aus? Deine Witze waren früher besser. Agent W hat sich abgemeldet, hat seine Mom im Stich gelassen und seinen Mentor Jonathan enttäuscht. Mir geht es verflucht noch mal verdammt großartig!“ William trank einen Schluck Kaffee und wischte sich danach mit dem Handrücken die Lippen trocken.
„Jon, nimm Platz. Sorry, ich bin zurzeit wirklich nicht gut drauf, habe nicht aufgeräumt, die Heizung im Haus funktioniert nicht und die Klimaanlage hat im vergangenen Sommer ihren Geist aufgegeben. Warum musst du ausgerechnet heute kommen?“
William nahm schlürfend einen weiteren Schluck aus dem Kaffeebecher und musterte Jonathan. Wie fremd ihm dieser Mann mittlerweile geworden war. Vor ihm saß ein geschmackvoll gekleideter Afroamerikaner von mittlerer Statur mit ergrautem, kurz geschnittenem Lockenhaar, der ihn durch eine markante Hornbrille ebenfalls beobachtete. Am linken Handgelenk trug Jonathan ein Oakley-Titanium-Pilotenchronometer. Vincent LaRouche, Williams Vater, hatte eine Uhr derselben exklusiven Sonderserie besessen, aber sie war zusammen mit ihm im kambodschanischen Dschungel verschwunden. William hatte seine eigene Oakley Titanium, das inoffizielle Erkennungszeichen aktiver und ehemaliger FBI-Agenten, zusammen mit ein paar weiteren Erinnerungen an seine Dienstzeit in eine Pappschachtel unter sein Bett verbannt. Er wollte nichts mehr mit dem FBI zu schaffen haben und sich schon gar nicht mit einer Oakley Titanium brandmarken. Die Blicke der beiden Männer trafen sich. Für einen kurzen Moment kam es William so vor, als habe er in Jons Augen etwas Geschäftsmäßiges entdeckt. Er vermisste die Wärme, die verlässlich in diesen Augen gelegen hatte, als Jon sich nach Vincent LaRouches Verschwinden um dessen Sohn gekümmert und versucht hatte, Doris vom Alkohol wegzuholen. William wandte sich ab und sah, wie im Hinterhof die ersten Strahlen der Vormittagssonne auf dem glitzernden Morgentau der kahlen Zweige des Kirschbaums tanzten. Es würde ein schöner, kalter Herbsttag werden, dachte er und wärmte seine Hände an dem Kaffeebecher.
„William, seit wann lassen Louisiana-Boys ihre Familien im Stich? Warum besuchst du deine Mom nicht? Doris braucht dich“, sagte Jonathan vorwurfsvoll und legte seine Hand auf Williams Schulter.
„Es hat keinen Sinn. Nicht jetzt. Ich stecke noch immer im Sumpf fest … Mom soll nicht mitbekommen, wie dreckig es mir geht.“
Jonathan hatte sich erhoben und stand am Fenster zur Park Avenue, auf der ein böiger Wind die braun-orangenen Blätter der Kastanienbäume aufwirbelte und vor sich hertrieb.
„Warum bist du hier? Was willst du von mir?“
„Ich möchte dich um einen Gefallen bitten.“
„Ein Auftrag?“
Jonathan wandte sich wieder William zu und faltete bedächtig die Hände.
„So könnte man es wohl nennen. Wir brauchen deine Hilfe.“
„Wir?“
„Ja. Die Justizministerin und ich.“
„Jon, ich arbeite nicht mehr für das FBI und auch nicht für das Justizministerium. Niemals und unter keinen Umständen. Tut mir leid, ich kann es nicht.“
5
„Sie haben doch nichts dagegen, wenn wir das Gespräch aufzeichnen und mein Kollege ein paar Fotos schießt?“
Rangrit, der Reporter der Bangkok Post, sah Jürg Bertoli fragend an. Eine junge Thai huschte auf die schattige Veranda und stellte ein Tablett mit Gläsern und einer Karaffe Obstsaft auf einen Tisch, um den herum bequeme Korbsessel gruppiert waren. Es war noch keine elf Uhr. Die heißesten Stunden des Tages standen noch bevor, und doch hatten die Ventilatoren schon jetzt Mühe, den Hauch einer Luftzirkulation zu entwickeln, damit es im Freien erträglich blieb.
„Wir bedienen uns dann selbst“, bedankte sich Bertoli bei seiner Mitarbeiterin und bat die Journalisten, Platz zu nehmen. „Selbstverständlich können Sie fotografieren.“
„Dr. Bertoli, unsere Leser sind an Ihrer Persönlichkeit und der sozialen Arbeit interessiert, die Sie seit geraumer Zeit in Bangkok leisten“, begann der Thailänder auf Englisch. „Sie gründeten Ihre Einrichtung Baan Jai Dii vor acht Jahren. Erklären Sie unseren Lesern, was Ihr Anliegen ist.“
„Gerne! Dafür erlaube ich mir einen Ausflug in die Vergangenheit. Wie Sie vielleicht wissen, halten wir uns hier in einem der ältesten Gebäude Bangkoks auf. Auf den Grundmauern stand einst das Anwesen des Leibarztes von König Taksin, der Ende des achtzehnten Jahrhunderts die Hauptstadt des siamesischen Reiches von Ayutthaya in das flussabwärts gelegene Fischerdorf Thonburi, einem heutigen Stadtteil Bangkoks, verlegt hatte …“ Bertoli unterbrach für einen Moment und schmunzelte. „Leider wurde König Taksin größenwahnsinnig. Auch sein Leibarzt wusste kein Rezept gegen diese Krankheit. Der Adel befreite sich von dem Despoten, Taksin wurde hingerichtet und der Thron fiel an den ersten Rama, den Begründer der Chakri-Dynastie, der auch unser jetziger König Bhumibol als mittlerweile neunter Rama angehört.“
„Was wurde aus dem Leibarzt, wurde er auch getötet?“, wollte Rangrit wissen.
„Nein. Rama der Erste verlegte den königlichen Palast als Zeichen des Neubeginns auf das gegenüberliegende Ostufer des Chao Phraya in die Nähe der Chinesensiedlung Bang Kok. Der neue Herrscher übernahm den Leibarzt seines Vorgängers, und der im ganzen Reich anerkannte Mediziner ließ seinen ehemaligen Wohnsitz zu einem öffentlichen Hospital umbauen. Er nannte es Baan Jai Dii, das Haus des Guten Herzens.“ Der Reporter der Bangkok Post machte sich konzentriert Notizen.
„Unsere Arbeit steht in der Tradition dieses historischen Baan Jai Dii. Wir bemühen uns, alleinstehenden, alten Menschen zu helfen und sie mit ganzem Herzen bis in ihre letzte Stunde zu begleiten“, erläuterte Jürg Bertoli und erhielt Rangrits Bestätigung. „Die moderne Lebensweise treibt die jungen Menschen aus den Dörfern in die Städte. Die Großfamilien lösen sich auf und die Alten können nicht mehr so versorgt werden, wie es unserer Tradition und unserem buddhistischen Glauben entspricht.“
„Die staatlichen Sozialsysteme sind in Asien, wenn überhaupt, auf einem niedrigen Niveau vorhanden. Wenn die Familienverbände nicht mehr funktionieren, stellt das ein ernstes Problem dar. Wir helfen, wo wir können. Unsere Kapazitäten sind allerdings begrenzt, so dass nicht jeder einen Platz in unserer Mitte findet. Aber ist es nicht so, dass auch der engagierteste Helfer den Erfolg seiner Arbeit gefährdet, wenn die Sentimentalität die Sachlichkeit verdrängt?“, gab Bertoli zu bedenken und goss frisch gepressten Ananassaft in die Gläser. Ein dunkelblond gelockter Junge in einem Matrosenanzug näherte sich der Runde.
„Na, du Lauser!“ Bertoli winkte den vielleicht Fünfjährigen heran, der daraufhin auf den Schoß des Heimleiters kletterte.
„Das ist Tap, mein Sohn“, stellte Bertoli den kleinen Burschen vor, „Tap, das sind zwei Reporter von einer berühmten Zeitung aus Bangkok, die über unser Haus berichten wollen.“
„Lung Moo, macht der Mann mit der Kamera auch von mir ein Foto?“
„Wenn du ihn nett bittest, ganz bestimmt.“
„Lung Moo? Sie sagten doch, er sei ihr Sohn“, wollte der Fotograf grinsend wissen.
„Es ist ein Spiel. Nur Tap nennt mich Onkel Doktor. Unsere Gäste sind deutlich älter als ich und würden mich wohl kaum als Onkel bezeichnen wollen. Wo waren wir stehengeblieben?“
„Bei den eingeschränkten Kapazitäten. Gibt es Kriterien, nach denen Sie entscheiden, wen Sie aufnehmen?“
„Ich muss zugeben, dass ich mich vor diesen Entscheidungen gerne drücke und meine Mitarbeiter per Los entscheiden lasse, wenn wieder einmal ein Platz frei geworden ist.“
„Ein reiner Zufall entscheidet?“
„Nennen Sie mir eine Alternative, die unser Gewissen weniger belastet.“
In diesem Augenblick rumpelten zwei Männer in blauen Arbeitsanzügen die Treppe ins Erdgeschoss hinunter. Von mehreren Pflegerinnen begleitet, schleppten sie eine silbergraue Blechkiste durch die Eingangshalle zum Hinterhof, in dem ein Lieferwagen wartete.
„Sehen Sie“, Bertoli deutete auf die Gruppe, „es ist wieder ein Platz frei geworden. Die alte Wannapum hat uns gestern Nacht verlassen. Sie ist mit einem Lächeln auf den Lippen gestorben und hat die Reise in ihr nächstes Leben mit Zuversicht angetreten.“
Die beiden Reporter wirkten sichtlich berührt. Der eine sortierte verlegen seine Unterlagen, der andere schraubte am Verschluss seiner Kamera herum.
„Dr. Bertoli, seit geraumer Zeit kursieren Gerüchte, dass es in Ihrer Einrichtung einen deutlichen Anstieg der Todesfälle gegeben hat.“
Bertoli lächelte. „Nun, Sie sind jung und haben hoffentlich noch ein langes, glückliches Leben vor sich. Im Baan Jai Dii ist dagegen der Tod unser ständiger Begleiter. Aber ist das bei einhundertfünfzig Gästen mit einem Durchschnittsalter von fünfundsiebzig Jahren nicht ein ganz natürlicher, biologischer Vorgang?“
„Da haben Sie vermutlich recht. Bitte verzeihen Sie auch die nächste Frage. Sie nehmen in erster Linie mittellose, alleinstehende Menschen in Ihrem Altenheim auf. Verraten Sie unseren Lesern, wie sich ein derartiges Projekt finanziert?“
Bertoli hob die Hände und seufzte: „Ja, das liebe Geld. Bei uns ist es immer knapp. Wir leben hauptsächlich von Spenden. Es gibt in Bangkok einige wohlhabende Gönner, die uns unterstützen. Dazu kommen gelegentlich Zuwendungen aus Quellen, zu denen ich noch aus meiner früheren Zeit Kontakte habe.“
„Stimmen meine Informationen, dass Sie, bevor Sie nach Thailand kamen, ein leitender Manager in einem Schweizer Pharmakonzern gewesen sind?“
„Schön wär’s.“ Bertoli schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Wie kommen Sie denn darauf? Richtig ist, dass ich vor vielen Jahren in der Schweiz, in Basel, in einer Aids-Beratungsstelle mitgearbeitet habe. Das Projekt wurde von einem dort ansässigen Pharmakonzern unterstützt.“
Rangrit schlug die nächste Seite seines Spiralblocks auf. Bertoli konnte nicht entziffern, was dort notiert war, erkannte aber ein großes Fragezeichen auf dem unteren Teil des Blattes.
„Dr. Bertoli, wenn meine Recherchen korrekt sind, wurden Sie in Italien geboren, haben in Südafrika und England studiert und in Deutschland und Südamerika gearbeitet. Sie besitzen die Schweizer Staatsangehörigkeit. Weshalb hat sich ein Weltbürger wie Sie für ein Leben in Bangkok entschieden?“
„Alles korrekt. Sie sind ein bemerkenswerter Journalist“, lobte Bertoli. „Ich bin als Tourist gekommen und war von der reinigenden Kraft tropischer Regengüsse überwältigt.“
Rangrit schaute ein wenig irritiert. „Sie sind wegen der Regenfälle geblieben?“
„Zunächst einmal ja“, bestätigte Bertoli, „aber schon bald hatte ich mich in Thailand verliebt, in seine Menschen, in deren Zuversicht und Gelassenheit. Ich war beeindruckt von ihrer kindlichen Freude an den kleinen Dingen des Lebens und ihrem Vertrauen auf eine Wiedergeburt nach dem Tod. Mit einem solchen Glauben lassen sich die Wirren des Lebens entspannter ertragen. Und ich staune immer wieder über die ungeheure Kreativität der thailändischen Küche, hinter der selbst die Kunst der Köche meiner Heimat Italien verblasst.“
„Ja, das Essen ist bei uns Thais tatsächlich eine sehr wichtige Angelegenheit.“ Rangrit blickte amüsiert zu seinem Kollegen. „Entschuldigen Sie meine direkte Frage. Sind Sie Buddhist oder Christ?“
Bertoli wiegte sein Haupt mit der ergrauten Haarpracht, die eine Spur heller erschien als sein gemütlicher Vollbart. In passender farblicher Ergänzung dazu standen die graublauen Augen, mit denen er nun den Journalisten ernst anblickte. „Sagen wir es einmal so: Ich bin ein Mensch, der liebt, der hasst, der vergisst und sich erinnert, der Gutes tut, der Unrecht begeht. Und ich hoffe, dass ich mein Leben, mit wessen Hilfe auch immer, einigermaßen im Gleichgewicht dieser Gegensätze führe.“
Rangrit nickte zustimmend.
„Ich bin überzeugt, diese Lebensphilosophie wird vielen unserer Leser gefallen. Doktor, ich denke, das genügt. Sie hatten uns noch einen Rundgang durch Ihre Einrichtung versprochen.“
„Selbstverständlich!“ Bertoli erhob sich. „Zuerst möchte ich Ihnen das historische Gebäude mit den Gemeinschaftsräumen zeigen, dann die jüngeren Anbauten mit den Gästezimmern, die sich an den Hof anschließen. Unseren chinesischen Pavillon am Kanal können wir heute leider nicht besichtigen. Wegen einer Ungezieferplage wird dort seit ein paar Tagen gründlich desinfiziert.“
Rangrit beugte sich nach vorne, um das Tonbandgerät auszuschalten, dabei rutschten ihm seine gesammelten Unterlagen von den Knien und glitten zu Boden. Eine Pressemitteilung mit einem Foto kam zum Vorschein. Die Abbildung zeigte einen Kran, der einen Sportwagen aus einem Gewässer zog. Bertoli hob den alten Zeitungsausschnitt auf.
„Gehört das auch zu Ihrer Reportage über das Baan Jai Dii?“, wollte er mit einem neugierigen Blick wissen.
„Nein, nein. Das ist eine ganz andere Geschichte.“ Der Journalist entschuldigte sich mehrmals und klaubte seine Papiere zusammen. „Sie wissen doch, eine Zeitung muss auch immer eine gewisse Portion Sex und Crime bringen. Vor ein paar Monaten wurde im Industriehafen ein schwarzer Porsche entdeckt, ohne Nummernschilder und mit entfernter Fahrgestellnummer. Im Wagen fand man Teile einer weiblichen Leiche. Allem Anschein nach eine Ausländerin, von Aalen und Muränen zerfressen. Das Mysteriöse daran ist, dass kein Mensch die Frau und den teuren Sportwagen vermisst. Auch die Polizei hat keine Anhaltspunkte. Wir nehmen uns der Sache immer mal wieder an. Vielleicht hilft uns der Zufall“, erläuterte der junge Mann.
„Dann drücke ich Ihnen die Daumen!“, gab Jürg Bertoli aufmunternd zurück und schritt durch die Empfangshalle des Altenheims. Rangrit bemerkte dabei, dass der Hausherr beim Gehen sein rechtes Bein nachzog. Aufgeregt stürmte eine junge Pflegerin auf den Direktor des Altenheims zu. „Khun Jürg! Khun Jürg! Surang ist schon wieder verschwunden. In dieser Woche ist das nun schon das dritte Mal.“
„Entschuldigen Sie, meine Herren. Es handelt sich selbstverständlich nicht um einen Gast unserer Einrichtung. Es geht um ein gelegentlich verwirrtes Mitglied unseres Küchenpersonals“, erläuterte Bertoli den Journalisten, dann wandte er sich wieder seiner Angestellten zu. „Surang wird in Wittipongs Kneipe am Kanal sein. Ihr wisst doch, dass sie bei Vollmond nur Ruhe findet, wenn sie am Wasser sitzt und Karten legt. Holt sie ab und richtet dem Gauner aus, wenn er Surang noch einmal Alkohol gibt, bringe ich ihn um.“
Bertoli zwinkerte den beiden Reportern zu. „Das sind unsere kleinen Alltagsprobleme. In der Regel nichts Dramatisches. Alles mit Geduld und Verständnis lösbar.“
6
Kurz nachdem Jonathan gegangen war, verließ auch William sein Apartment und trat auf die Park Avenue hinaus. Der Frühnebel hatte sich verzogen und die Vormittagssonne stand halbhoch am wolkenlosen Himmel über Hoboken. Ein scharfer Ostwind pfiff William entgegen. Es roch bereits nach Winter, und er zog den Kragen seines Mantels enger. Mit zügigem Schritt erreichte er die nach Frank Sinatra, dem berühmtesten Sohn Hobokens, benannte Parkanlage am Hudson River und suchte sich ein sonniges Plätzchen im Windschatten einer stattlichen Roteiche, unweit der Uferlinie. Silberne Schaumkrönchen tanzten auf den bewegten Fluten und steife Windböen trugen den salzigen Atlantikgeruch aus der Lower Bay heran.
William hatte sich während seiner Ausbildung an der FBI-Akademie leidenschaftlich für die Psychologievorlesungen interessiert. Damals war ihm bewusst geworden, dass ihm als kleiner Junge nur zwei Wege geblieben waren, um den Verlust seines Vaters wenigstens einigermaßen zu verwinden. Der erste Pfad versprach dem verunsicherten Billy seelischen Trost über eine lebenslange Wut auf den Mann, der ihn im Stich gelassen und einer unberechenbaren, alkoholsüchtigen Mutter ausgeliefert hatte. Die zweite Möglichkeit bot ihm die Aussöhnung in Form einer unwirklichen Überhöhung seines verschwundenen Vaters an: Vincent LaRouche als die ewig junge Lichtgestalt ohne Fehl und Tadel. Weil sich alle Welt offenbar auf die zweite Variante eingeschworen hatte, schloss sich auch der kleine Billy dieser Betrachtungsweise an. Sein Vater war von nun an Superagent Vincent LaRouche, der jede Frage beantworten, jedes Problem lösen konnte und der die Ideale Amerikas auch unter den widrigsten Umständen an den finstersten Ecken der Welt verteidigte. Je klarer William in späteren Jahren dieses Trugbild durchschaute, desto größer wurde die Sehnsucht nach einem authentischen Vater, einem Menschen aus Fleisch und Blut.
Williams Blick strich über die Skyline von Manhattan, die scheinbar zum Greifen nahe vor ihm lag: das Empire State Building, ohne das New York nicht New York wäre, die verdichtete Hochhausarchitektur von Midtown und Lower Manhattan und schließlich das One World Trade Center im Financial District, die neue Ikone der Mutter aller Metropolen. Das verschraubt-eigenwillige, höchste Gebäude Amerikas, errichtet auf Ground Zero, war New Yorks Antwort auf die Tragödie des 11. Septembers 2001 – die dunkelste Stunde in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Nur wenige Wochen nach diesem Ereignis hatte sich William für den FBI-Auslandsdienst verpflichtet.
William hatte Jonathan schon eine Weile entdeckt und beobachtete nun, wie der Afroamerikaner den Kragen seines hellbraunen Kaschmirmantels aufschlug und an der Uferpromenade einen Schwarm wilder Stockenten fütterte. William zündete sich eine Lucky Strike an und blies den würzigen Tabakqualm in die kalte Spätherbstluft. Als Jonathan seinen Futtervorrat verteilt hatte, blickte er auf und steuerte langsam auf William zu.
„Ein wunderschöner Tag, nicht wahr?“, begann Jonathan, als er neben William in der Mittagssonne Platz genommen hatte.
„Wie lautet der Auftrag, für den ihr meine Hilfe braucht und für den du extra von Washington gekommen bist?“ William ließ die die kaum halb aufgerauchte Zigarette auf den Kiesboden fallen und trat die Glut aus.
„Du willst nicht für das FBI arbeiten. Kein Problem, du arbeitest für mich. Keine einfache Sache, aber du bist der richtige Mann dafür.“
„Mein Gott, Jonathan, ich bin seit drei Jahren aus dem Geschäft. Ich liefere Ehemänner ans Messer. Jämmerliche Gestalten, die ihre Frauen mit anderen Frauen betrügen, die wiederum auch ihre Männer hintergehen. Ich fange entlaufene Pudel und Kanarienvögel ein. Schau mich an, ich bin alt und dick geworden.“
Jonathan spürte die Unruhe in William, der mit fahrigen Bewegungen eine weitere Zigarette aus der Packung fingerte. Doch das Nikotin, das er mit kurzen Zügen inhalierte, trug nicht zur Beruhigung bei. William wusste, wie nervös und verunsichert er auf Jonathan wirken musste.
„Du wirst Amerika allerdings für eine gewisse Zeit verlassen müssen. Das wäre die Kröte, die du schlucken müsstest“, blieb Jonathan unbeirrt.
„Vergiss es! Ich habe damals meinen Dienst beim FBI quittiert, weil ich das Krötenschlucken satthatte. Keine Kröten mehr. Niemals!“, unterbrach William und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Der Einsatz findet in Bangkok statt. Je schneller du fertig bist, desto schneller bist du wieder zu Hause.“
„Thailand! Bangkok! Ausgerechnet! Sorry, das geht gar nicht.“
„Du hast dich in den letzten Jahren sehr verändert. Ganz offensichtlich ist einiges in deinem Leben in Unordnung. Du hast mir nie erzählt, warum du das FBI verlassen hast. Schade. Ich wäre allerdings ein wenig beruhigter, wenn ich wüsste, dass du einen Menschen hast, dem du dein Herz ausschütten kannst.“
William schwieg beharrlich und verfolgte mit seinem Blick einen Jogger, der seine Runden drehte und auch an ihrer Parkbank vorbeikeuchte. Er hatte das FBI vor drei Jahren verlassen, weil er gehofft hatte, mit diesem Schritt seine Seele retten zu können. Aber was war seither mit ihm geschehen? Warum hatte er noch immer keine Ruhe gefunden? Warum konnte er noch immer nicht über die Erlebnisse während seines letzten FBI-Einsatzes in Thailand sprechen? Nicht einmal mit Jonathan. Sollte er tatsächlich nach Südostasien zurückkehren, wo er damals in die Abgründe seiner Seele geblickt hatte? William schloss die Augen in der Hoffnung, eine Antwort zu finden. Wie hätte sein Dad dieses Gefühlschaos aufgelöst? Kaum hatte sich William diese Frage gestellt, sah er vor seinem inneren Auge seinen Vater mit wehendem blonden Haarschopf. Auch Special Agent Vincent LaRouche schien ratlos zu sein. Glücklicherweise schob sich nun ein anderes virtuelles Bild über das der väterlichen Ikone. Ein dunkelhäutiger Mann wandte sich ihm zu. Es war Jonathan. Der Alte drückte ihn an seine Brust und versprach mit einer tiefen Bassstimme: „Mein Junge, du kannst dich auf mich verlassen. Ich bin immer für dich da.“ Es war die Abschiedsszene, als sich Jonathan vor vielen Jahren von seinem kleinen Billy-Boy verabschiedet hatte und am nächsten Tag Lake View und New Orleans für immer den Rücken kehrte.
Als William die Augen wieder öffnete, war Jonathan verschwunden. Im ersten Moment spürte er eine Art Erleichterung. Jon war wortlos gegangen. William schämte sich. Dieser Mann hatte ihm Halt und Orientierung gegeben und sich, solange er denken konnte, um ihn gesorgt. Nun war Jon mit einer Bitte an ihn herangetreten und hatte dafür eine kalte Absage erhalten.
Selbst wenn das kindliche Idealbild, das er von seinem Vater in sich trug, nur in Bruchteilen der Realität entsprach, Special Agent Vincent LaRouche hätte seinen Kameraden und Freund nicht im Stich gelassen. Niemals!
William rauchte eine weitere Lucky Strike. Dann zog er sein Mobiltelefon aus der Manteltasche. Seine Finger flogen über die Tastatur: „Jon, ich nehme den Auftrag an, was immer es auch sein mag. William.“
7
Nicht einmal zwei Wochen waren es noch bis zum thailändischen Loy-Krathong-Fest, der stimmungsvollen Verabschiedung der Regensaison, die sich in diesem Jahr ungewöhnlich ergiebig gezeigt hatte.
Am Nachmittag war wieder ein tropischer Wassersturm über Bangkok hinweggefegt. Wie gewöhnlich brachte dieses Naturspektakel nur eine kurze Abkühlung und Erleichterung. Mit dem einsetzenden Feierabendverkehr lag Thailands Metropole schon bald wieder unter einer dampfenden Dunstglocke aus Industrieemissionen und Verbrennungsprodukten der unzähligen mobilen Giftschleudern, die im Schneckentempo über den aufgeheizten Asphalt schlichen.
Die aufsteigende Verdunstung der Wassermassen, die das Unwetter ausgespuckt hatte, vermischte sich mit der säuerlich-scharfen Transpiration der sechszehn, vielleicht auch achtzehn Millionen, die Bangkok bevölkerten. Jedes einzelne dieser menschlichen Lebewesen mochte seine persönliche Strategie gegen dieses unerträgliche Gemisch haben, aber keines konnte verhindern, dass die Temperaturen an jedem verfluchten Tag eines Jahres zuverlässig die Dreißiggradmarke überschritten. Für einen Farang, einen weißen Ausländer, fühlte sich dieser Spätnachmittag ungefähr so an, als ob er den Deckel eines mit brodelnder Brühe gefüllten Waschzubers abhob und seinen Kopf in den heißen Wassernebel mit undefinierbaren Geruchsnoten steckte.
Jürg Bertoli verließ den Waggon des Bangkok-Transit-Systems an der Station Nana. Sofort wurde er vom Strom der dampfenden Leiber aufgesogen, die sich durch das Labyrinth aus Ladenpassagen und über die horizontalen und vertikalen Verbindungswege schoben. Aufgebockt auf turmhohe Betonstelzen, schwebte diese zähflüssige Parallelwelt hoch über dem darunterliegenden Gewirr der Boulevards und Gassen. Jeder schien in diesem Gewusel zu wissen, wohin er wollte, und auch Bertoli beschritt eine Rolltreppe, die ihn hinunter zur Einmündung der siebten Quergasse in den Sukhumvit Boulevard führte. Er bahnte sich den Weg zum Horny House am Ende der Soi Seven, vorbei an Verkaufsständen mit Plastiktand und buntem Kunstfaserfummel, Garküchen, Bierkneipen und den als Massagesalons getarnten Bordellen. Seine rechte Hüfte zwickte unerbittlich, aber die Fahrt mit einem Taxi ins vorabendliche Gewimmel der Gassen rund um Nana Plaza wäre ein zeitlich unkalkulierbares Unterfangen gewesen.
Als Bertoli das Horny House betrat, stand ihm der Schweiß auf der Stirn und unter den Hemdachseln zeichneten sich dunkelfeuchte Satteltaschen ab. Eine sparsam bekleidete Angestellte entbot mit aneinandergelegten Handflächen einen Wai, den traditionellen thailändischen Gruß. Dann reichte sie ihm ein gekühltes Handtuch und öffnete die Flügeltür zum Bühnensaal.
Es war das erste Mal, dass ihn Vitikorn in dieses Etablissement bestellt hatte, das zweifellos eine Perle im Geschäftsimperium des Polizeigenerals darstellte, dessen Amt als oberster Ordnungshüter Bangkoks nur eine Art Nebenbeschäftigung zu sein schien. Bertoli hatte Mühe, in dem mit barocken Imitaten und erotischen Anspielungen überladenen Raum die geschäftsführende Mama-san zu entdecken. Als sich seine Augen an die schummrige Beleuchtung gewöhnt hatten, sah er eine überschminkte Mittvierzigerin, deren Lesebrille an einer goldenen Kette über dem prall gefüllten Ausschnitt eines paillettenbesetzten Abendkleides baumelte. Sie sortierte mit atemberaubender Geschwindigkeit mächtige Geldbündel und addierte die Zwischensummen mit einer knatternden Rechenmaschine. Die Dame schien ganz und gar im Reich des Mammons versunken zu sein und erwies dem neuen Gast nicht die Spur einer Beachtung.
„Verzeihen Sie die Störung, mein Name ist Bertoli, ich bin mit Lieutenant General Vitikorn verabredet.“ Als die Mama-san den Namen Vitikorn vernahm, unterbrach sie den Zählvorgang und schenkte Bertoli das liebenswürdigste Lächeln, das sie mit ihrer Gesichtsmaske zustande brachte.
„Ah, Sie sind der Herr Doktor aus der Schweiz. Ich bin entzückt. Der Lieutenant General wird sicher jeden Moment erscheinen. Sie wissen ja, der Verkehr“, säuselte sie. „Bitte nehmen Sie doch Platz. Was darf ich Ihnen anbieten?“
Bertoli bestellte ein Mineralwasser und verschwand in der Herrentoilette, wo er den Kaltwasserhahn aufdrehte. Nur in aller Frühe, vor Sonnenaufgang, gab es für kurze Zeit Leitungswasser, auf das die Bezeichnung „kühl“ annähernd zutreffen mochte. So benetzte er nun mit dem lauwarmen Nass sein Gesicht und die Unterarme. Anschließend trocknete er sich mit einem der schneeweißen Handtücher sorgfältig ab. Dabei fiel sein Blick in den goldgerahmten Kristallspiegel über den Waschtischen. An seinen mediterranen Körperproportionen, bei denen ein längerer Oberkörper auf einem kürzeren Unterbau ruhte, war nun einmal nichts zu ändern. Aber die silbergraue Mähne, die sein Haupt krönte, stand ihm ausgezeichnet; dazu kamen der dunkelgraue Vollbart und die graublauen Augen – alles in allem ein gelungenes Arrangement, das seine Persönlichkeit stimmig betonte. Als er in den Gastraum zurückkehrte, nahm er einen Schluck eisgekühltes Mineralwasser und machte es sich auf einem Barhocker bequem.
Das Horny House war auf den ersten Blick ein erotischer Amüsierclub, wie es sie zu hunderten in Bangkok gab. Bertoli hatte allerdings schon von dessen Ruf als Geheimtipp für gepflegte Perversionen gehört. Nichts deutete zu dieser Tageszeit darauf hin, dass dieses Lokal Thailands Premiumadresse für anspruchsvolle Asiaten und westliche Ausländer war, die Sadomaso-Sex mit Kathoeys suchten; mit jungen Männern, die sich als Frauen in einem männlichen Körper fühlen. Nach ihren Showeinlagen auf der Drehbühne standen die willigen Ladyboys zahlungskräftigen Kunden als Lustobjekte in Separees, Suiten oder Folterkellern zur Verfügung. Die passende weiblich-erotische Kleidung, die Frisur und das Make-up waren für eine Kathoey das kleinste Problem. Die sehnsüchtig erträumten chirurgischen Eingriffe mussten dagegen mühselig verdient werden. Brustvergrößerungen, komplizierte Umbauten im Genitalbereich, Aufpolsterungen der Gesäßpartie, Hormonkuren – alle Hebel wurden in Bewegung gesetzt, damit eine Kathoey äußerlich ihrer Vorstellung einer perfekten Frau entsprechen konnte und ihre Seele ins Gleichgewicht zurückfand. Spitzenverdiener der Szene leisteten sich mitunter riskante operative Manipulationen an den Stimmbändern, damit endgültig alles Männliche an ihnen beseitigt war.
Um diese frühe Stunde herrschte im Horny House noch gähnende Leere. Das Revueprogramm begann nicht vor neun Uhr abends. Ein halbes Dutzend Nachwuchs-Kathoeys, denen man ihre noch nicht nachhaltig überwundene Männlichkeit ansah, alberten an einem Ecktisch herum. Einige stärkten sich für ihre Auftritte am späteren Abend mit allerlei Gesottenem und Gegrilltem. Andere waren dabei, sich aufzutakeln, künstliche Wimpern zu montieren und ihre Röckchen und ausgestopften Büstenhalter in Stellung zu bringen. Ein Klapperdürrer bat einen Kollegen um Hilfe bei seinen Versuchen, sein männliches Geschlechtsteil mit Klebeband zu bändigen und es zwischen seinen Beinen, in Richtung Anus eingeklemmt, verschwinden zu lassen.
Der einzige Gast des Hauses, neben dem wartenden Bertoli, war ein kolossaler Ausländer, eine gut zwanzig Jahre alte Ansammlung von Fett und Muskeln. Er trug einen Bürstenhaarschnitt, ein frisch gebügeltes Poloshirt und karierte Shorts, wie sie von Golfspielern an heißen Tagen bevorzugt werden. Sein Hintern bedeckte zwei nebeneinanderstehende Barhocker, der Oberkörper hing regungslos auf dem Tresen. Vor ihm standen, aufgereiht wie Paradesoldaten, ein halbes Dutzend Flaschen der australischen Biermarke Carlton Cold.
In diesem Augenblick öffneten sich die Flügeltüren des Foyers und Bertoli erkannte die gedrungene Silhouette von Vitikorn, dem Chef der Metropolitan Police of Bangkok. Der Lieutenant General stieg die Stufen zum Thekenbereich hinunter, nickte seiner Geschäftsführerin zu, die ihm ein Zeichen gab. Er umrundete die Theke und streckte seinem Gast die Hand entgegen. „Sorry, Dr. Bertoli, der Verkehr, Sie wissen schon …“
„Keine Ursache, Lieutenant General, ich bin auch erst vor ein paar Minuten angekommen“, gab Bertoli zurück. Natürlich war es dem Polizeidirektor von Bangkok nicht zuzumuten, sich von einem öffentlichen Verkehrsmittel wie der BTS-Schnellbahn zu einem Termin transportieren zu lassen. Sicher wartete draußen vor der Tür eine Dienstlimousine mit Fahrer, laufendem Motor und eingeschalteter Klimaanlage, damit sich der Innenraum des Fahrzeuges nicht aufheizte.
„Doktor, entschuldigen Sie mich bitte noch für einen Moment … etwas Geschäftliches … Sie verstehen …“
Vitikorn drehte seinen Zweizentnerkörper mit erstaunlicher Wendigkeit und hielt auf die Mama-san zu.
„Nit, mein Schätzchen, was gibt’s? Kann das nicht warten? Du siehst doch, ich habe Besuch“, vernahm Bertoli, der nur ein paar Meter entfernt am Tresen saß und über ein ausgezeichnetes Gehör und Kenntnisse in der thailändischen Sprache verfügte.
„Nur ein kleines Problem.“ Nit warf dem hellhäutigen Elefanten am anderen Ende der Bar einen verdrießlichen Blick zu.
„Was ist mit dem Fettwanst los? Hat er randaliert?“, wollte Vitikorn wissen.
„Der Junge hat sich verirrt. Hat wohl gedacht, hier gibt’s das Übliche zur Happy Hour. Hat sich anfangs ganz nett und spendabel mit Ai-Ai beschäftigt.“ Die Mama-san deutete auf eine schmalhüftige Kathoey in einer Schuluniform und Pigtail-Zöpfchen. „Dann wurde ein Separee bestellt. Vor Geilheit blind, hat der Kerl zunächst wohl nicht kapiert, dass zwischen den Beinen seiner Prinzessin etwas existiert, das er dort auf keinen Fall vermutet hatte.“
„Hm“, brummte der Polizeichef, „als er seinen Irrtum entdeckte, wurde er sauer, hat unsere kleine Ai-Ai beschimpft und jetzt will er die Zeche nicht bezahlen?“
„Ja, genau so ist’s gelaufen. Sie sind der Boss. Aber ich bin der Meinung, dass wir in derartigen Fällen keine Kulanz mehr zeigen sollten. Das spricht sich herum und die Konkurrenz macht sich über die zahnlosen Tiger des Horny House lustig. Der Hohlkopf soll die Getränke und die gebuchte Kathoey bezahlen und dann verschwinden. Außerdem sind schlafende Gäste nicht gut fürs Geschäft“, erklärte Nit mit einem Blick auf ihre diamantenbesetzte Armbanduhr.
„Vollkommen richtig, meine Süße“, lobte Vitikorn und verbarg seine dunklen Augen mit der teuren amerikanischen Sonnenbrille, die bisher im Ausschnitt seiner Uniformjacke gesteckt hatte. Dann trat er zu dem schnarchenden Ausländer und rüttelte an dessen Oberarm. Als daraufhin nur ein Grunzen ertönte, öffnete der Polizeigeneral den Reißverschluss der Gürteltasche, die sich vom Bauch des Mannes in den Bereich seiner Taillen-Speckringe verschoben hatte. Er entnahm einen neuseeländischen Reisepass mit einem gültigen Touristenvisum und dem Einreisestempel vom Vortag. Laut Ausweis war der Bursche dreiundzwanzig Jahre alt und hatte als Beruf Krankenpfleger angegeben. Vitikorn steckte den Pass in seine Brusttasche und verschloss den Beutel wieder. Dann zog er seinen Dienstausweis heraus. „Sir, darf ich Ihren Pass sehen“, brüllte er in das Ohr des schlafenden Riesen, der die Augen aufriss und fauchte: „Fick dich. Meinen Pass? Was geht dich mein Pass an?“
„Sir. Ich bitte vielmals um Verzeihung, dass ich Sie bei Ihrer Meditation unterbrochen habe. Ich bin Polizist. Wären Sie so freundlich und würden sich ausweisen?“
„Du Arschloch. Meditation? Verpiss dich.“
„Sir, möglicherweise haben Sie überhört, dass ich Polizeibeamter bin. Darf ich Ihren Pass sehen?“
Vitikorn hob seinen Dienstausweis in die Höhe. Mit glasigem Blick starrte der Neuseeländer auf die Schulterklappen der Polizeiuniform, wo etliche goldene Sterne in den Lichtreflexen einer kreisenden Glasmosaikkugel aufblitzten. Endlich hatte er begriffen und nestelte an seiner Gürteltasche herum.
„Mein Pass. Scheiße! War da drin. Ehrlich! Fuck, jetzt isser weg“, stammelte der Betrunkene. Vitikorn erkundigte sich bei Nit, wie viel Geld der verirrte Freier dem Horny House schuldete. Alles in allem seien es wohl um die fünftausend Baht, lautete die Schätzung der Geschäftsführerin. Wenn die Rechnung lieber in US-Dollar bezahlt werden wolle, gebe sie sich mit zweihundert Dollar zufrieden und man könne sich in Freundschaft trennen. Vitikorn nickte zustimmend, nachdem er den vorgeschlagenen Wechselkurs überschlagen hatte.
„Wo ist mein Pass?“, jammerte der Dickleibige.
„Sie können sich nicht ausweisen? Das ist eine ernste Sache. Mein Freund, kann es sein, dass Sie Ihre Rechnung nicht bezahlen wollen?“
Bertoli verfolgte aufmerksam das Geschehen und sah, wie Vitikorn beeindruckende Sorgenfalten auf seine Stirn zauberte.
„Das Bier zahl ich schon. Aber die Lady … also, wenn das ’ne verdammte Lady war … Fuck, dann bin ich ’n verdammtes Meerschweinchen.“
„Bangkok bietet seinen ausländischen Gästen unendlich viele Überraschungen. Ein Rat unter echten Männern: Bezahlen Sie Ihre Rechnung. Irrtümer sind bekanntermaßen die besten Lehrmeister des Lebens. Möglich, dass sich dann auch Ihr Pass wiederfindet, zum Beispiel auf der Toilette.“ Vitikorn deutete zu den kichernden Kathoeys an dem Ecktisch.
„Ich war nich’ auf der Toilette“, brachte der Tourist stockend vor.
„Was soll ich jetzt mit Ihnen machen?“ Vitikorn schüttelte sein Haupt. „Sie beleidigen einen Polizeibeamten. Sie wollen die gebuchte Lady nicht bezahlen. Sie sind ohne Pass unterwegs. Woher soll ich wissen, ob Sie sich überhaupt rechtmäßig im Königreich Thailand aufhalten? Womöglich sind Sie ein nordkoreanischer Spion, ein islamistischer Selbstmordattentäter oder ein kolumbianischer Drogenhändler. Alles ziemlich kompliziert, finden Sie nicht auch? Möchten Sie mit ins Polizeipräsidium kommen? Dort können wir dann alles in Ruhe klären. Ich habe heute allerdings schon Feierabend und morgen ist mein freier Tag. Sie werden dort übernachten müssen. Ich stehe Ihnen dann übermorgen ab zehn zur Klärung der Unstimmigkeiten zur Verfügung.“
Der Neuseeländer zuckte immer wieder nervös mit den Mundwinkeln. Er hatte sein komplettes jährliches Urlaubsbudget in den Fünftagetrip nach Bangkok investiert. Und nun drohte dieses Sechssternepolizeischlitzauge ihm mit einem Zwangsaufenthalt von zwei Nächten in einem thailändischen Gefängnis.
„Gibt’s da keine andere Lösung?“
„In Bangkok gibt es für alles eine Lösung.“ Vitikorns Blick streifte Nit, die sich bemühte, der auf Englisch geführten Verhandlung zu folgen.
„Die Beamten der Metropolitan Police haben großes Verständnis für die gelegentlichen Schwierigkeiten anständiger Touristen. Ich schlage vor, Sie bezahlen das Bier und die Lady, on top ein nettes Trinkgeld für die ehrliche Finderin Ihres Passes. Dann vergessen wir die ganze Sache einschließlich der Beamtenbeleidigung und Sie können Ihre Entdeckungsreise durch Bangkoks Amüsierbetriebe fortsetzen. Okay? Das wären dann zusammen genau dreihundert Dollar. Wir nehmen hier nur amerikanische Dollars“, bot Vitikorn überfreundlich an.
„Fuck, dreihundert Dollar für ein paar Bier? Das Mädchen war doch keins … ganz ehrlich … die hatte einen … ich hab’s genau gesehen … das ist Betrug“, beschwerte sich der Mann zaghaft.
„Es ist Ihre Entscheidung. Mein Wagen steht vor der Tür.“ Vitikorn rümpfte die Nase. Nicht einmal für eine Million Dollar würde ein betrunkener Farang die schneeweißen Ledersitze seiner Dienstlimousine beschmutzen.
„Go to hell! Ich zahl die verdammten dreihundert Bucks.“
Der Mann klaubte das Geld aus dem Lederbeutel um seinem Hals.
„Schön, dass Sie vernünftig sind“, lobte Vitikorn und händigte dem Neuseeländer den Reisepass aus. „Das gute Stück lag tatsächlich in der Damentoilette. Eine Kathoey hat es dort gefunden. Weiß der Himmel, wie er dort hingekommen ist.“
Der Mann packte mit einem kurzen Griff seinen Pass und schlich grußlos aus dem Horny House. Vitikorn reichte Nit zweihundert Dollar und winkte mit den restlichen fünf Zwanzigdollarscheinen hinüber zum Ecktisch.
„Und das ist für euch, meine kleinen Ladies.“
Die jungen Kathoeys sprangen ausgelassen kreischend auf und entboten Bangkoks Polizeichef anschließend unterwürfig ihren Wai.
Vitikorn kehrte zu Bertoli zurück und führte seinen Gast in ein Separee, wo Getränke und ein paar Kleinigkeiten zum Knabbern bereitstanden. Als man es sich auf den plüschigen Kanapees bequem gemacht und eine Bedienung die Gläser gefüllt hatte, öffnete Vitikorn ein paar Knöpfe seiner Uniformjacke, die über seinem Kugelbauch spannte, und schob seine Sonnenbrille auf die Stirn.
„Mit ihren Pässen verstehen die Farangs keinen Spaß“, stellte der Polizeigeneral fest.
„Eine wirklich beeindruckende Vorstellung. Der arme Kerl hatte keine Ahnung, wem er gegenüberstand.“
„Manche Farangs meinen doch tatsächlich, Bangkoks Polizei beschäftigt sich ausschließlich mit sich selbst. Das Gegenteil ist der Fall. Jedes Jahr bearbeiten wir über eintausend Morde, dazu wer weiß wie viele Suizide und Verkehrsunfälle mit Todesfolge.“ Vitikorn räkelte sich entspannt auf seinem Sofa.
„Und dann gibt’s da noch die Vermissten. Vermisste machen die meiste Arbeit. Ehrlich gesagt sind mir drei Morde lieber als eine Vermisstenanzeige“, beschloss Vitikorn den Schnelldurchlauf seiner beruflichen Bilanz.
„Wo wir gerade über Vermisste sprechen. Gibt es Neuigkeiten von Ihrer Frau Heather?“
„Hannah. Meine Frau heißt Hannah. Nein, bisher habe ich keine neuen Erkenntnisse erhalten.“
„Meine Beamten werden Ihre Frau finden. Ich gebe Ihnen mein Wort“, versprach der Lieutenant General und drückte einen Knopf, mit dem man die Bedienung rufen konnte. Bertoli schaute verstohlen auf seine Uhr.
„Sie wollen doch nicht schon gehen, ohne etwas gegessen zu haben? Bertoli, ich sage immer: Schöne Frauen und gutes Essen, allein dafür lohnt es sich, hart zu arbeiten.“
„Lieutenant General, darf ich ehrlich sein? Meine Frau ist deshalb verschwunden, weil sie mich verlassen hat. Ganz im Vertrauen, ich habe schon seit geraumer Zeit eine Geliebte. Möglicherweise hat Hannah etwas geahnt. Ich beichte Ihnen meinen Fehltritt, weil ich sicher bin, Ihre Mitarbeiter werden diese Tatsache über kurz oder lang herausfinden.“
Vitikorn verzog sein von Narben übersätes Gesicht zu einem breiten Grinsen. „Bertoli, Sie Casanova! Eine Geliebte! Gratuliere. Endlich benehmen Sie sich wie ein richtiger Mann.“
Bertoli ließ den Vergleich mit Casanova an sich abperlen und setzte eine verschämte Miene auf, was seinen Gesprächspartner erst recht in Laune versetzte.
„Eine einzige Frau im Leben? Welch ein Jammer! Ehrlich gesagt, kann ich mir genauso wenig vorstellen, dass eine Frau mit nur einem Mann …“ Vitikorn versuchte den Blick Bertolis zu erhaschen, der gerade dabei war, aus seiner Aktentasche ein Kuvert zu entnehmen.
„Entschuldigen Sie bitte die Verspätung. Sie hatten Dollar verlangt, die meine Bank erst besorgen musste.“
Bertoli schob den Umschlag über den Tisch. „Fünfundzwanzigtausend, wie gewöhnlich. Lieutenant General, es tut mir sehr leid, aber ich bin heute ein wenig in Eile. Gerne plaudern wir ein anderes Mal. Wenn Sie mich bitte entschuldigen?“
„Natürlich, mein Lieber. Wir sehen uns bald wieder“, antwortete Vitikorn, der die Geldlieferung nicht eines Blickes gewürdigt hatte. Die beiden Männer reichten sich die Hand und wenige Augenblicke später hatte Bertoli das Separee verlassen.
8
William LaRouche war Interkontinentalflüge gewohnt und litt selten unter Jetlag. Er war im Morgengrauen auf Bangkoks Suvarnabhumi International Airport gelandet und saß nun auf der Terrasse eines schlichten Apartments, das er in einer versteckten Gasse am Ufer des Chao Phraya gemietet hatte. Dem neugierigen Portier der Hotelpension, einem schnauzbärtigen Inder mit kleinen Mausaugen, hatte William erklärt, er sei Journalist, was seine künftige Tagesgestaltung rechtfertigen sollte, die sich deutlich von derjenigen herkömmlicher Touristen unterscheiden würde.
William sog die von Feuchtigkeit gesättigte Morgenluft ein, deren Temperatur sich schon wieder an die Dreißiggradmarke heranschlich und die sich so vollkommen von der herbstlich frischen Brise unterschied, die ihm noch vor wenigen Stunden in Hoboken um die Nase geweht war. Sein Blick ging hinunter zum mächtigen Chao Phraya, der sich einen Steinwurf von ihm entfernt behäbig und lauwarm durch das erwachende Bangkok schob. So geruhsam der Strom der Könige seiner Mündung zustrebte, so geschäftig ging es auf seiner Wasseroberfläche zu. Nagelnde Dieselschlepper zogen tief im Wasser liegende Lastkähne hinter sich her. Ein Fluss-Omnibus spuckte an der Oriental Pier Büroangestellte und adrett uniformierte Schüler der katholischen Assumption Convent School aus. Aquadynamisch geformte Longtailboote durchpflügten knatternd die Fluten, um Expressgüter aller Art zu den Empfängern in Bangkoks verzweigtem Kanalsystem zu liefern.
William zündete sich eine Lucky Strike an und blätterte in den Unterlagen, die ihm Jonathan am John F. Kennedy Airport in New York überreicht hatte. Seine Aufgabe war es also, einen amerikanischen Staatsbürger aufzuspüren, nach dem das Justizministerium schon seit Jahren fahndete. Die Zielperson hatte 1951 in Buenos Aires als uneheliches Kind eines mittelmäßigen und mittellosen italo-amerikanischen Revuegirls mit dem Namen Emily „Holly“ Mazzini das Licht der Welt erblickt und wurde auf den Namen Larry Mazzini getauft. Larrys Vater war dagegen eine echte Berühmtheit, wenn auch eine makabre. Selbst William hatte dessen Namen schon gehört. Als Larrys Erzeuger keine Verantwortung für Mutter und Sohn übernehmen wollte, kehrten Holly und der kleine Larry nach Amerika zurück, wo sie ein paar Jahre in Las Vegas lebten. Dann heiratete Holly einen Bauunternehmer, der mit Larry schlecht zurechtkam und ihn in ein Internat steckte. William schloss die Akte und besorgte sich aus dem Kühlschrank eine Coca-Cola. Er ließ den Metallverschluss aufschnappen und goss die Brause, deren Farbe dem schlammigen Ockerbraun des Chao Phraya zum Verwechseln ähnelte, in ein angestaubtes Long-Drink-Glas. In diesem Moment meldete sein Mobiltelefon einen Anruf.
„Billy, bist du gut angekommen?“
Es war Jonathans Stimme.
„Alles klar! Und wie geht’s dir, alter Mann?“ Seit dem Tagtraum im Sinatra-Park von Hoboken und seiner Entscheidung, Jonathans Bitte um Unterstützung Folge zu leisten, war William in aufgeräumter Stimmung. Er hatte seine Zweifel beiseitegeschoben und war auf dem besten Weg, sich tatsächlich auf seinen Einsatz zu freuen. Fast eine Dekade lang war er in Südostasien im Einsatz gewesen, die meiste Zeit davon als FBI-Agent im Legal Attaché Office der amerikanischen Botschaft in Bangkok. Drei Jahre waren seit seinem Abschied aus Thailands Hauptstadt mittlerweile vergangen, eine Ewigkeit angesichts des atemberaubenden Entwicklungstempos asiatischer Metropolen. William nahm sich vor, in den nächsten Tagen erst einmal mit wachen Sinnen durch die Stadt zu streifen. Er wusste, dass er nur erfolgreich sein konnte, wenn er das Gefühl für den Rhythmus Bangkoks zurückgewann.
„Mein Junge. Wie besprochen operierst du zunächst inoffiziell. Zur Sicherheit habe ich die Polizeidirektion von deinem Status in Kenntnis gesetzt. Die direkte Mithilfe der thailändischen Behörden benötigen wir allerdings erst nach der erfolgreichen Enttarnung der Zielperson. Hast du dich schon in der Niederlassung von Goldstein & Schulman gemeldet?“
„Mein Körper ist eben erst in Bangkok gelandet. Gib mir wenigstens noch ein paar Stunden, damit auch meine Seele ankommt.“
„In der Kanzlei wendest du dich an eine Miss Penelope Owens“, fuhr Jonathan unbeirrt fort. Er mochte William von ganzem Herzen, aber sein Junge hatte einen Auftrag angenommen und die Zeit drängte.
„Ist sie hübsch?“
Eine solche Frage wäre William vor zwei Tagen nicht im Traum eingefallen und er wunderte sich über seinen Übermut. War es das schwülheiße Klima, das ihn ans heimatliche Louisiana erinnerte? Oder wurden seine Lebensgeister durch den lange Zeit ruhenden, nun aber wieder aktivierten Jagdtrieb geweckt, der ihn in der Vergangenheit zu einem der erfolgreichsten Personenfahnder des FBI hatte werden lassen?
„Lass den Quatsch. Miss Owens ist eine versierte Juristin in Aaron Goldsteins Kanzlei und noch dazu die Tochter von Richter Andrew J. Owens, dem ehemaligen Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofs.“
„Alles klar, eine solche Kombination verbietet natürlich gutes Aussehen“, warf William ein.
„Der lange Flug. Die Klimaveränderung. Dafür habe ich Verständnis. Leg dich noch ein paar Stunden aufs Ohr. Sieh zu, dass deine Seele ankommt. Und dann konzentriere dich auf deinen Job“, ermahnte Jonathan und war dabei heilfroh, dass William offenbar im Begriff war, das Schneckenhaus der Lethargie zu verlassen. „Mein Junge, ich freue mich, dass du den Auftrag angenommen hast. Du hast die richtige Entscheidung getroffen.“
9
„Guten Morgen, Mr. LaRouche. Mein Name ist Penelope Owens. Willkommen in Bangkok.“
William war von dem verbindlich-zupackenden Händedruck überrascht, den er angesichts der feingliedrigen Konstitution seiner Gastgeberin nicht erwartet hatte. Hatte Jonathan nicht erwähnt, dass Miss Owens die Tochter des berühmten Andrew J. Owens war? Bundesrichter Owens war Afroamerikaner, seine Tochter eindeutig Asiatin.
„Sie sind also Melindas und Jonathans Mann in Bangkok?“
„Sieht so aus. Sie können mich gerne William oder Bill nennen.“
William betrachtete die Visitenkarte, die Penelope ihm zur Begrüßung überreicht hatte. Auf dem silbergrauen Karton mit Prägedruck las er: Penelope S. Owens, Associate Attorney, Goldstein & Schulman, Bangkok.
Vor ihm stand im Gegenlicht eine mittelgroße schlanke Frau in einem hellgrauen Businessanzug. Ihr seidiges schwarzes Haar lag auf schmalen Schultern und erhielt durch die Lichtstrahlen der Morgensonne zusätzliche reizvolle rötlich-orange Farbakzente, und William war froh, dass er sich wenigstens frisch rasiert hatte. Sein verknittertes, ausgebleichtes T-Shirt war ihm allerdings in diesem Moment ein wenig peinlich. Miss Owens griff nach einer Fernbedienung. Kurz darauf beendete die abgesenkte Jalousie die Lichtspiele in ihrem Büro in Bangkoks Witthayu Road, die unter westlichen Ausländern salopp Wireless Road genannt wurde.
„Okay, William, dann bin ich für Sie Penelope. Jonathan, der Büroleiter der Justizministerin, hat mich in groben Zügen über Ihren Auftrag informiert. Es geht um einen flüchtigen US-Staatsbürger mit dem Namen Mazzini. Sie sind Exposer? Ich verstehe von Ihrer Arbeit nicht viel und hoffe, dass ich Ihnen zumindest ein wenig behilflich sein kann“, eröffnete die Juristin, die William auf höchstens Ende zwanzig schätzte.
„Ein Exposer ist eine Art Spürhund. Seine Aufgabe ist es, den Fuchs aus seinem Versteck zu locken und sich dann zurückzuziehen, um Jägern die Bühne zu überlassen …“, versuchte sich William mit einem Vergleich.
„Ich nehme an, Mazzini ist der Fuchs? Dann kommt es auf Ihren Instinkt an?“ Sie hatten mittlerweile Platz genommen und Penelope musterte ihren Besucher. Sie hatte sich LaRouche deutlich jünger vorgestellt. Der Mann, der nun vor ihr saß, wirkte müde und für sein Alter von Anfang vierzig ein wenig verbraucht.
„Auf die Nase kommt es an“, bestätigte William. „Die Nase ist das wichtigste Organ eines Spürhundes. Kann es sein, dass Sie einen jüngeren Mann erwartet haben?“
William hatte eine Heftmappe mit dem Signet des Justizministeriums auf dem Schreibtisch entdeckt. Vermutlich waren darin die Informationen enthalten, die Jonathan für Penelope zusammengestellt hatte. Das Dossier enthielt vermutlich auch ein Foto des Spürhundes zur sicheren Identifikation, das in seinem Fall zweifellos aus längst vergangenen FBI-Tagen stammte. William kannte solche allgemeinen Memos, die bewusst spärlich gehalten waren, weil man nie wusste, in wessen Hände sie gerieten.
„Oh, wissen Sie William, mit Männern ist es wie mit Rotwein …“, entgegnete Penelope sichtlich verlegen. Sie fühlte sich ertappt. Sicher war es ein Zufall, dass dieser Mann ihren Gedanken aufgenommen hatte.
„ … je älter, desto besser? Das meinten Sie doch, oder?“, unterbrach William schmunzelnd und beobachtete, wie Penelope nach der Mappe des Justizministeriums griff, den Inhalt entnahm und damit ihren Schredder fütterte.
„Ehrlich gesagt habe ich ein paar ziemlich beschissene Jahre hinter mir, die mich mehr Kraft gekostet haben, als mir lieb war. Aber das hat Ihnen Jonathan womöglich schon verraten.“
„Nein, das hat man mir nicht verraten. Ich habe nur gehört, dass Sie einer der besten Personenfahnder des FBI waren. Sie kennen Bangkok und Südostasien seit über zehn Jahren, sprechen leidlich Thai und fließend Chinesisch. Sie stammen aus New Orleans, Louisiana, sind geschieden und führen eine Agentur für private Ermittlungen in New Jersey.“
„Haben Sie das alles dem Dossier entnommen?“ William deutete auf die geplünderte Mappe. „Stand dort auch, dass ich einen Vorgesetzten verprügelt, vor drei Jahren den Dienst quittiert habe und wegen eines Burn-out-Syndroms in einer Klinik behandelt wurde. Ist Ihnen darüber hinaus bekannt, dass sich meine sogenannte Agentur für private Ermittlungen vorwiegend mit der Suche nach entlaufenen Haustieren beschäftigt?“
William wollte sich mit seiner Offenheit nur selbst schützen. Diese verwirrend attraktive Frau war eindeutig zu jung für ihn und zudem spielten die Männer, für die sich Penelope womöglich interessierte, zweifellos in einer anderen Liga als er. Da erschien es ihm angebracht, ohne Umschweife klarzustellen, dass er alles andere als ein James Bond war und objektiv betrachtet nicht einmal sein eigenes Leben im Griff hatte.
„Nobody is perfect!“, kommentierte Penelope unbeeindruckt und lenkte wieder auf das eigentliche Thema ihrer Besprechung zurück. „Ich hoffe, Sie hatten wenigstens einen guten Grund, als Sie sich Ihren Vorgesetzten vorgeknöpft haben. Aber jetzt jagen Sie Larry Mazzini und das wird nicht einfach werden. Im Großraum Bangkok leben fast so viele Menschen wie in Texas.“
„Aber bestimmt nicht so viele Rindviecher“, gab William zurück und erntete für seinen mittelmäßigen Scherz einen mitleidigen Blick. „Penelope, ich vermute, Sie haben sich noch nicht mit der Psyche des Fuchses beschäftigt?“
„Mit der Psyche des Fuchses?“
„Unser Fuchs heißt Larry Mazzini“, rief William in Erinnerung. Dabei konnte er nicht verhindern, dass er ungehörig lange und direkt in Penelopes dunkelbraune Mandelaugen blickte. Er konnte sich nicht mehr erinnern, ob er seit seiner Scheidung von Ann-Louise einem weiblichen Wesen eine ähnlich intensive Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Eine Lucky Strike würde jetzt guttun. Aber auf diese Art der Beruhigung musste er wohl oder übel noch eine Weile warten. Statt zu rauchen, fuhr er fort: „Ein Mensch wie Mazzini taucht nicht einfach unter.“
Penelope warf William einen überraschten Blick zu. „Nein, ich habe mich noch nicht mit Mazzini beschäftigt. Ich erwähnte bereits, dass die Informationen, die ich von Jonathan erhalten habe, nicht gerade detailliert waren. Warum sind Sie sich sicher, dass Mazzini sein Leben nicht zurückgezogen in einem angenehmen Versteck genießt?“
„Larry Mazzini versteckt sich nicht, und wenn er untertaucht, dann nur in äußerster Bedrängnis und für begrenzte Zeit. Er braucht die gesellschaftliche Anerkennung und die wird er nicht bekommen, wenn er sich in ein dunkles Loch verkriecht.“
In diesem Moment öffnete sich die Tür und eine Mitarbeiterin brachte ein Tablett mit Kaffee, Mineralwasser und einer Auswahl an Muffins. William stieg warmer Bananenduft in die Nase.
„Ihre Vermutungen beruhen zweifellos auf einer fundierten Persönlichkeitsanalyse. Ich verstehe, wenn das Justizministerium die im Umfeld des Exposers eingebundenen Personen nur mit Informationen versorgt, die unmittelbar mit ihren Aufgaben zusammenhängen. Ihr Job ist der des Spürhundes. Meine Aufgabe ist die Unterstützung und Beratung bei möglicherweise auftretenden juristischen Fragen und Problemen. Haben Sie schon gefrühstückt?“
„Eine Lucky Strike und eine Cola.“
Penelope zog eine Augenbraue in die Höhe.
„Dann greifen Sie zu, während ich Ihnen ein paar Information über Andy gebe.“
„Andy?“ William griff nach einem Bananen-Muffin.
„Ihr Fahrer, Laufbursche, Mädchen für alles. Wie Sie wollen. Ein ehemaliger Polizist. Sein Name ist Nurathat Chatchawan, sein Kurzname lautet Nut. Weil er früher Sergeant bei der Touristenpolizei war, hat er natürlich noch einen englischen Namen und nennt sich Andy.“
William nickte mit vollem Mund. Natürlich war ihm diese Vielfalt thailändischer Namensgebung bekannt, die Ausländer mitunter mächtig verwirrte.
„Zuverlässig? Vertrauenswürdig?“
„Ich denke ja. Wir haben schon gelegentlich mit Andy gearbeitet. Er spricht ausgezeichnet englisch und ist ein echter Bangkonian. Er ist gut vernetzt, hat Verbindungen zur Polizei und zur Halbwelt. Seine Kontaktdaten habe ich Ihnen auf die Rückseite meiner Visitenkarte notiert. Andy steht Ihnen ab sofort zur Verfügung.“ Penelope strich sich ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht.
„Was ist mit den lokalen Behörden? Ich arbeite, wie Sie wissen, zunächst inoffiziell und besitze lediglich ein Touristenvisum.“
„Jonathan hat der obersten Führung der Metropolitan Police einen Wink gegeben. Für den Moment sollte Ihnen das den Rücken freihalten. Wenn es Probleme gibt, rufen Sie immer zuerst mich an. Mein Mobiltelefon ist rund um die Uhr empfangsbereit“, erklärte Penelope und musterte William zum wiederholten Mal. Auch wenn er etwas heruntergekommen wirkte, sich nicht gerade vorteilhaft kleidete und bestimmt eine Mütze Schlaf benötigte, so hatte dieser Mann doch etwas an sich, das Penelope anzog. Er war athletisch gebaut, hin und wieder ließ er ein jugendliches provozierendes Lächeln aufblitzen, das ihr gefiel. Ein großer starker Junge, den es offenbar nicht störte, wenn man ihm die Patina seines Lebens ansah. War William für ein Abenteuer zu haben? Penelope verwarf ihren Gedanken umgehend. Nein, so ein Blödsinn. Der Mann war hier, um Mazzini zu enttarnen, und außerdem fünfzehn Jahre älter als sie.
„Penelope, Sie vertrödeln Ihre Zeit mit einem alten Mann. Ich habe Sie lange genug belästigt und verschwinde jetzt besser. Sie haben sicher noch eine Menge zu tun.“ William erhob sich, warf Penelope einen Abschiedsblick zu, wie er ihm solchermaßen charmant herausfordernd das letzte Mal vermutlich in der Collegezeit gelungen war. Als er mit gerader Haltung den Korridor hinab dem Ausgang der Kanzlei entgegenstrebte, spürte er die Blicke der Juristin fast körperlich. Noch im Aufzug steckte er sich zur Beruhigung eine Lucky Strike an und nahm sich vor, umgehend eine Wäscherei in der Umgebung seiner Pension zu suchen, die seine Polohemden ordentlich bügelte.
10
Die Telefonverbindung nach Singapur war instabil. Immer wieder gab es kurze Aussetzer, so dass Jürg Bertoli Mühe hatte, den wortreichen Ausführungen seines Geschäftspartners Lamkan Seng zu folgen. Lamkan erinnerte ihn an den Termin, zu dem sie gemeinsam nach China reisen und dort auf einflussreiche Vertreter der politischen Elite treffen wollten.
„Die Chinesen müssen handeln, sonst fliegt ihre schöne Volksrepublik auseinander“, hörte Bertoli, ging aber nicht näher auf die Prophezeiung seines Partners ein, die er nur zu gut kannte.
„Wenn wir erfolgreich … Huxley-Programm … Win-win-Situation … habe ich immer schon gesagt …“, rauschten die Satzfetzen aus dem fernen Singapur an Bertolis Ohr, der sich in Gedanken mit einem ganz anderen Problem beschäftigte. Als die Verbindung wieder einigermaßen intakt war, unterbrach er den aufgedrehten Lamkan. „Wäre es möglich, dass Sie mir Verstärkung schicken? Ich habe das Gefühl, wir sollten vorsichtiger sein.“
Zugegeben, es war nur eine leise Ahnung, die Bertoli umtrieb. Es lagen objektiv keinerlei Fakten vor, die zur Besorgnis Anlass gaben. Aber in der letzten Zeit ging alles zu glatt: Die Wirkungs- und Verträglichkeitsprüfungen waren erfolgreich abgeschlossen. Für Singapur lag die Zulassung der staatlichen Gesundheitsbehörde vor. Die Chinesen hatten überraschenderweise auf den ersten Kontaktversuch positiv reagiert. Und letztendlich war auch die Sache mit Hannah endgültig geklärt. Diese Erfolgsserie würde sich zukünftig fortsetzen, davon war Bertoli überzeugt, aber er wollte für alle Fälle gewappnet sein.
„Wie viele Männer brauchen Sie zusätzlich?“, rief Lamkan ins Telefon. Es war auch in seinem Interesse, dass ihr gemeinsames Unternehmen geschützt war. Er hatte schließlich die Finanzmittel für das Projekt zur Verfügung gestellt.
„Ich denke, wir sollten die Mannschaftsstärke verdoppeln, damit ein 24-Stunden-Sicherheitsdienst gewährleistet ist“, schlug Bertoli vor.
„Geht in Ordnung. Ich schicke Ihnen weitere sechs Männer“, versprach Lamkan und kritzelte einen Vermerk auf einen Notizblock. Gleich nach dem Gespräch mit Bertoli würde er den Geheimdienstchef anweisen, die geforderte Verstärkung nach Bangkok in Marsch zu setzen.
„Gibt es im Zusammenhang mit Hannah Neuigkeiten?“
„Ich denke, die Polizei wird die Nachforschungen in Kürze einstellen“, mutmaßte Bertoli.
„Ich habe nichts anderes erwartet“, kommentierte Lamkan, woraufhin die Verbindung nach Singapur zusammenbrach.
11
Die beiden ersten Nächte in Bangkok hatte William traumlos durchgeschlafen, nachdem er jeweils hundemüde und weit vor Mitternacht ins Bett gesunken war. Eine Wohltat. Schon deshalb hatte sich die Reise bereits gelohnt. So schrieb er das frühe Erwachen in der dritten Nacht und den anschließenden Tatendrang nicht der Zeitverschiebung, sondern seiner allgemeinen Erholung zu.
Er lag noch eine Weile, nur mit Boxershorts bekleidet, auf dem Bett. Erinnerungsfetzen an seine Kindheit und Jugend schossen ihm durch den Kopf. Dabei tauchten die üblichen starren Momentaufnahmen von seinem Vater auf, die William verzerrt und unendlich fern erschienen und die von einem vertrauten Brummen begleitet wurden. Vaters dunkel vibrierende Stimme, vermischt mit den gedehnten Vokalen des Louisiana-Dialekts, verlieh William bis heute das Gefühl, geborgen zu sein.
Um fünf Uhr beschloss William, seinen Tag zu beginnen. Auf dem Weg zur Dusche fiel sein Blick auf sein Spiegelbild. Nein, so konnte das auf keinen Fall weitergehen. Mazzini finden und zehn Pfund abnehmen, so lautete ab sofort seine Mission in Bangkok. Kurz darauf hatte er sich eine kurze Sporthose und ein T-Shirt übergestreift und die Joggingschuhe aus der Versenkung seines Koffers ausgegraben. Wenig später verließ William die Pension und stolperte durch die noch menschenleere finstere Gasse hinauf zur Charoen Krung Road. Dort erwischte er ein Taxi und nannte als Ziel den Lumphini-Park. Der Fahrer kniff die Augen zusammen, musterte seinen spärlich gekleideten Fahrgast, als wäre dieser ein Außerirdischer, und nahm anschließend einen kräftigen Schluck aus einer Miniaturflasche, auf der William zwei bunte Stiere erkannte. Er erinnerte sich an seine frühmorgendlichen Streifzüge durch Bangkok, als er noch in FBI-Diensten stand. Damals war ihm kein einziger Taxifahrer begegnet, der zu dieser Stunde noch nüchtern und ohne Aufputschmittel am Steuer saß.
Als William wenig später die beliebteste grüne Lunge Bangkoks erreichte, lag noch immer die Dunkelheit der Nacht über der zweieinhalb Kilometer langen beleuchteten Laufstrecke, auf der sich schon allerhand sportliche Frühaufsteher tummelten. Neben Einzelläufern und Kleingruppen waren ganze Herden einheitlich gekleideter Jogger unterwegs, manche schmetterten sogar im Laufschritt Marschlieder. An etlichen Ecken und auf freien Plätzen übten zumeist ältere Herrschaften Qigong, Tai-Chi oder geheimnisvolle Schwerttänze, begleitet von klassischer fernöstlicher Musik aus tragbaren Musikanlagen. William reihte sich in den Strom der Läufer ein. Verdammt, er hatte vergessen, wie es sich anfühlte, wenn man in der tropischen Schwüle des Morgengrauens schneller als in Schrittgeschwindigkeit unterwegs war. Er keuchte sich über die erste Runde, das Herz schlug ihm bis zum Hals und in seinen Schuhen lief der Schweiß zusammen. Erstaunlicherweise gewöhnte sich sein Kreislauf rascher als erwartet an die Belastung. Die zweite Umrundung war zwar noch kein wirkliches Vergnügen, aber die Qual war auszuhalten. Nach einer guten halben Stunde wechselte William in ein moderates Wandertempo, sog den Duft des erwachenden Bangkoks ein und traute seinen Augen nicht, als er eine Goanna-Echse am Ufer eines Teiches entdeckte. Der ein Meter lange, schleichenartige Waran gähnte William schläfrig an. Nach dieser Begegnung, die nach einem thailändischen Sprichwort Glück und ein langes Leben versprach, beendete William seine erste Sportstunde seit Jahren und gönnte sich an den bereits geöffneten Garküchen im Lumphini-Park ein gesundes Frühstück mit frisch gepresstem Fruchtsaft, einer scharfen Nudelsuppe und ein paar chinesischen Dampfnudeln.
Frisch geduscht und energiegeladen setzte er sich nach der Rückkehr in die Pension auf seine Terrasse, inhalierte zur Belohnung eine Lucky Strike und beschäftigte sich zum wiederholten Mal mit dem Dossier seiner Zielperson. Larry Mazzini war in der Welt herumgekommen. Er besaß neben der US-Staatsbürgerschaft noch die seines Geburtslandes Argentinien, wo er in den Jahren der Militärdiktatur zunächst Medizin studierte und anschließend eine Spezialausbildung an der Marineschule ESMA erhielt, der Escuela de Mecánica de la Armada, dem berüchtigten Foltergefängnis für politische Häftlinge. Dort erarbeitete er sich dank seiner effizienten Verhörmethoden den Ehrennamen El Comandante filigrana. Einige Zeit später verließ Mazzini Südamerika und war Ende der 1970er Jahre als selbstständiger Berater den kambodschanischen Roten Khmer beim Aufbau ihrer Konzentrationslager behilflich. Sein Renommee verhalf ihm später zu einer ähnlich gelagerten Tätigkeit in Burma, nachdem auch hier das Militär die Macht an sich gerissen hatte. Dann verlor sich seine Spur für geraume Zeit und es gab Gerüchte über seinen Tod. Durch einen Zufall fiel FBI-Beamten eine Liste von Honorarexperten in die Hände, die für die CIA nach den Anschlägen vom 11. September in ausländischen Untersuchungsgefängnissen mutmaßliche Terroristen sogenannten verschärften Verhören unterzogen hatten. Viele Indizien sprachen dafür, dass sich hinter einem besonders versierten Folterspezialisten aus Südafrika in Wahrheit Larry Mazzini verbarg.
William blies die Wangen auf: Über fünftausend ermordete Gefangene an der ESMA in Buenos Aires, zwei Millionen tote Akademiker, Intellektuelle und buddhistische Mönche in Kambodscha, ähnliche Resultate in Burma. Dazu in ungezählten Fällen die Missachtung amerikanischer Verhörvorschriften in den illegalen Folterzentren der CIA, die nicht nur in Einzelfällen zum Tode der Inhaftierten geführt hatten. Mazzini schien sich an Orten wohlzufühlen, wo das Quälen und Töten von Menschen zum Tagesgeschäft gehörte.
Eine Reihe von Nationen hatte einen internationalen Haftbefehl für Mazzini erwirkt, dem sich nach dem Ende des Terrorregimes der Roten Khmer auch Kambodscha anschloss. Eine Festnahme auf der Beerdigung seiner Mutter Holly auf dem Graceland-Friedhof von Chicago vor wenigen Jahren wurde in letzter Minute vereitelt. Seither schien Larry Mazzini wie vom Erdboden verschluckt zu sein.
„Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass Sie schon pensioniert sind.“
Amüsiert musterte William seinen Gesprächspartner, der ihm in einem gut besuchten Schnellrestaurant eines Einkaufszentrums gegenübersaß. Nurathat Chatchawan, Kurzname Nut, internationaler Name Andy, ähnelte eher einem Informatikstudenten als einem Polizeibeamten im Ruhestand.
„Ich habe den Dienst quittiert“, gab Andy unbeschwert zurück, und William dachte an die gottverfluchten Nächte, in denen er sich das Hirn zermartert hatte, ob und wann er das FBI verlassen wollte.
„Khun William, wenn Sie wüssten, wie schwierig es in Bangkok ist, von dem Gehalt eines kleinen Polizisten eine Frau glücklich zu machen, geschweige denn eine Familie zu ernähren“, erläuterte Andy für einen Thai bemerkenswert offenherzig.
„Sie haben nur wegen der Bezahlung gekündigt?“
„Ich habe die Polizeiakademie mit Auszeichnung verlassen, spreche ein wenig Englisch und habe mich stets bemüht, meine Arbeit zur vollen Zufriedenheit meiner Vorgesetzten zu erledigen“, verteidigte sich der kaum Dreißigjährige mit der runden Metallbrille in fehlerfreiem Englisch und warf einen Blick auf sein teures amerikanisches Smartphone, das neben ihm lag.
„Man hat Sie nicht genügend beachtet? Sie sahen Ihre Leistungen nicht ausreichend honoriert?“ William wusste noch aus alten Tagen, wie schwierig es für ehrgeizige Talente in Thailand war, ohne Beziehungen wirklich Karriere zu machen.
„Wenn Sie das sagen, hört es sich besser an, als wenn ich es behaupte. Aber so in etwa ist’s gelaufen. Als Freelancer verdiene ich viel besser, bin mein eigener Chef und brauche kein tea money zum Überleben.“
Tea money? William erinnerte sich an einen thailändischen Polizeileutnant, der ihm vor Jahren beim gemeinsamen Trinkgelage vertraulich verraten hatte, dass er neben seinem Polizeisold mindestens das Dreifache an Schmiergeldern benötigte, um anständig leben zu können.
„Lassen Sie uns zum Geschäft kommen.“ William schob Andy einen Umschlag mit Fotos zu. „Das ist unser Mann: Larry Mazzini.“
Das Lokal erfreute sich zur Mittagsstunde großen Zulaufs. Außer William war kein weiterer Farang zu entdecken, und weder die hungrigen Gäste, noch die umherschwirrenden Bedienungen schienen sich für ihn und seinen Gesprächspartner zu interessieren. Andy betrachtete eingehend eine Aufnahme, die Mazzini als einen glattrasierten, schneidigen Marineoffizier mit einem akkurat getrimmten Oberlippenbart zeigte. Auf anderen Fotos sah man einen pausbäckigen, zufrieden wirkenden Geschäftsmann in edlem Zwirn und mit locker nach hinten frisierten pechschwarzen Haaren.
„Haben Sie den verkrüppelten Ringfinger bemerkt?“
„Angeblich ein Unfall“, gab William zurück und griff nach einer Farbfotografie. „Das ist die aktuellste Aufnahme, über die wir verfügen.“
Andy konzentrierte sich auf ein weiteres Foto: ein Mann in einem Arztkittel und mit einem hellblonden Mittelscheitel, dessen dunkelbraune Augen auf einem verängstigten Asiaten ruhten. Im Hintergrund war ein Kalender mit burmesischen Schriftzeichen zu erkennen.
„Diesen Mann will ich haben: dreiundsechzig Jahre alt, spricht sechs Sprachen und verfügt nicht nur in Südostasien über ein Netz von Sympathisanten und Informanten. Ein nicht zu unterschätzender, gefährlicher Gegner“, fasste William zusammen. Endlich näherte sich eine Kellnerin ihrem Tisch und legte ohne Begrüßung die Speisekarten auf den Stapel Fotos. Auf ihrer mintgrünen Schürze las William: „Try Flummies – Bangkok’s Best Choice.“ William reichte dem Mädchen die großformatige Menüauswahl zurück und bestellte eine Coca-Cola, Andy entschied sich für einen Café americano.
„Was meinen Sie mit gefährlich?“, wollte Andy wissen, als sich die Bedienung zurückgezogen hatte, und untersuchte dabei eine der Abbildungen mit einer Lupe.
„Mazzini ist ein Spezialist für Foltermethoden. Er entwirft die Szenarien für die Verhöre. Er choreografiert die Hinrichtungen, die Inszenierungen gleichen, um andere Gefangene gefügig zu machen. Angeblich tötet er nur in den seltensten Fällen selbst. Er liebt es zuzuschauen und genießt seine Macht über die Opfer und die Henker.“
Andy nickte und packte die Fotografien wieder in das Kuvert zurück. „Khun William, ich hoffe, ich kann Ihnen in ein paar Tagen erste Resultate liefern. Bangkok ist riesig, aber die Zahl der Farangs, die in Ihrem Fall infrage kommen, ist überschaubar. Ausländische Verbrecher, die in Bangkok untertauchen, wundern sich immer wieder, wie leicht sie zu finden sind, wenn sich die Spürhunde wirklich Mühe geben.“
12
Penelope Owens war mittlerweile allein im Bangkoker Büro von Goldstein & Schulman. Richard McGrowan, der Niederlassungsleiter, war mit einem Rudel Kollegen zu einem Geschäftsessen davongeeilt und auch Nup, die Chefsekretärin, hatte sich in den Feierabend verabschiedet. Es war halb acht abends, als sie die Internetverbindung der amerikanischen Justizministerin anwählte. Melinda Rodriguez und Jonathan Robson hatten in Erwartung ihres Anrufs bereits den großformatigen Bildschirm für Videokonferenzen eingeschaltet und begrüßten Penelope mit Frühstückskaffee und Frischkäse-Bagels.
„Hallo, Schätzchen, du siehst großartig aus. Kommst du in Bangkok zurecht?“ Melinda kannte Penelope schon seit deren Kindertagen, als sie selbst noch Studentin von Andrew J. Owens war, der vor seiner Berufung an den Supreme Court an der juristischen Fakultät in Harvard gelehrt hatte.
„Guten Morgen, Amerika. Hallo, Melinda und Jonathan.“
„Schätzchen, fassen wir uns kurz. Ich habe gleich einen Termin beim Präsidenten, und du hast bestimmt auch noch etwas Nettes vor.“
„Penelope, welchen Eindruck hast du von William La-Rouche?“, begann Jonathan.
„Schwierig zu sagen. Ich kann den Mann nach der ersten Begegnung noch nicht einschätzen“, gab Penelope zu und erinnerte sich dabei, wie herausfordernd der ehemalige FBI-Agent sie immer wieder gemustert hatte.
„William ist der richtige Mann für diese Aufgabe. Ich hätte dir sagen sollen, dass er etwas verschroben ist. Aber ich garantiere für seine Integrität. Du kannst ihm vertrauen“, versicherte Jonathan.
„Penelope, Schätzchen“, mischte sich Melinda wieder ein, „du behältst LaRouche im Auge. Bleib an ihm dran, so schwer wird dir das doch nicht fallen. Der Bursche sieht doch ganz manierlich aus.“ Die Ministerin hob ein Foto von William in die Kamera und zwinkerte Penelope auffordernd zu.
„Melinda!“ Jonathan rollte mit den Augen. „Das ist eine Aufnahme, die LaRouche als Special Agent bei seinem ersten Einsatz in Kalifornien zeigt. Der Mann ist mittlerweile fünfzehn Jahre älter und ein paar Pfund schwerer geworden.“
„Okay, okay. Du klärst das mit Penelope. Wir sehen uns dann später“, entschuldigte sich die Ministerin und verschwand aus dem Bild.
„Melinda sieht in William nur den Agenten“, erklärte Jonathan mit gesenkter Stimme, obwohl seine Chefin bereits das Konferenzzimmer verlassen hatte. „Ich war mit seinem Dad in Vietnam und Kambodscha und kenne Bill schon seit Jahrzehnten. Es ging ihm in letzter Zeit nicht besonders gut.“
„William hat ein paar Andeutungen in diese Richtung gemacht. Bist du sicher, dass er mental stabil genug ist, um sich mit einem Mann wie Mazzini anzulegen?“
Es knackte in der Leitung. Das Bild flackerte für ein paar Sekunden. Dann stand die Verbindung wieder.
„Er wird es schaffen. Bill ist der beste Exposer, den ich kenne. Dieser Auftrag ist für ihn auch eine Chance, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Und entschuldige Melindas Taktlosigkeit. Im Grunde wollte sie dich nur um Folgendes bitten: Wäre es dir möglich, Bill aufzufangen, sollte er wider Erwarten eine dunkle Stunde erwischen?“ Jonathan hielt kurz inne, um dann hinzuzufügen: „Sofern er es zulässt.“
„Ich werde mich um William kümmern, wenn es die Situation erfordert und er es zulässt“, wiederholte Penelope und verabschiedete sich nachdenklich von Jonathan und dem morgendlichen Washington. Auch Jonathan war noch ganz in Gedanken, als er zu Melinda Rodriguez zurückkehrte, die ihn in ihrem Amtszimmer mit dem Zeitplan für den Tag erwartete.
„Du behauptest also, William LaRouche ist ein Genie. Ein Genie, das ein Kindermädchen braucht. Bist du dir sicher, dass Penelope dafür die richtige Wahl ist?“, entfuhr es Melinda.
„Du warst eben unmöglich. Ein Elefant im Porzellanladen geht behutsamer vor. Und zu Penelope: Ich kenne Andrews Tochter nicht so lange, wie du sie kennst. Aber ich bin überzeugt, sie ist sensibler, als du es jemals sein wirst.“ Nur Jonathan durfte so mit der Ministerin sprechen. Er hatte die politische Karriere der ehrgeizigen Tochter eines mexikanischen Viehhirten über Jahre loyal begleitet und unterstützt. Er schätzte ihren unermüdlichen Einsatz für die amerikanischen Minderheiten, die in der Summe betrachtet inzwischen die Mehrheit der Bevölkerung stellten. Jonathan bewunderte zudem Melindas Konsequenz, wenn es um die Strafverfolgung von Verbrechern ging. Anders als die meisten ihrer Parteifreunde vertrat sie hier eine Null-Toleranz-Politik und kannte bei der Aufdeckung von Unregelmäßigkeiten keine Freunde und Genossen, was sie in den eigenen Reihen und in den liberalen Medien zu einer Reizfigur hatte werden lassen.
„Jonathan, du weißt, dass ich die Gewalt autoritärer Eliten, die ihre Völker unterjochen, mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfe. Dass Mazzini sich als amerikanischer Staatsbürger diesen Diktaturen als Folterspezialist andient, ist unerträglich. Ich will an diesem Mann ein Exempel statuieren. Die Welt soll sehen, wie die Justiz der Vereinigten Staaten Verbrecher vom Schlage eines Mazzini aus dem Verkehr zieht.“
Jonathan war grundsätzlich der gleichen Meinung, fand aber, dass Melinda mitunter undiplomatisch voranschritt. Statt einer abgestimmten multinationalen Aktion, plante sie im Mazzini-Fall einen Alleingang, um die von ihr geringgeschätzte internationale Gerichtsbarkeit zu umgehen.
„Nimm nur den Fall Mazzini“, hob die Ministerin wie auf Bestellung an. „Der internationale Haftbefehl verstaubt seit Jahren irgendwo in einer Schublade der Bürokratie. Der Strafgerichtshof in Den Haag ist ein zahnloser Papiertiger. Nichts ist passiert. Der Kerl läuft immer noch frei herum und treibt sein Unwesen. Wir sind gottlob nicht Mitglied in diesem Klub der Weicheier. Mazzini wird vor ein ordentliches amerikanisches Gericht gestellt. Ein zügiger Prozess nach amerikanischem Recht, das keinen Verteidiger-Hokuspokus zulässt und in ein paar Bundesstaaten auch noch mit der Todesstrafe enden kann.“
Melinda verfolgte unnachgiebig ihre Linie, denn sie hatte große Pläne. Die Unterstützung der Latinos, erheblicher Teile des schwarzen Amerikas, der Frauenverbände und der Intellektuellen der Ostküsten-Metropolen war ihr sicher. Um als erste Frau in der amerikanischen Geschichte als Präsidentin ins Weiße Haus einziehen zu können, benötigte sie jedoch zusätzliche Stimmen aus der konservativen weißen Mittelschicht. Ein Schauprozess gegen einen Feind Amerikas, der im südostasiatischen Dschungel brave amerikanische Farmerjungs aus dem mittleren Westen gefoltert und ermordet hatte, war insofern für sie ein probates Mittel zum Zweck.
13
Nurathat Chatchawan blinzelte benommen auf das Display seines Smartphones. Er hatte mit Freunden gepokert, dabei etliches getrunken und noch mehr verloren. Spät in der Nacht war er ins Bett getaumelt, ohne noch das ganze Ausmaß seines Verlustes wahrgenommen zu haben. Wer wollte ihn nun um halb fünf morgens sprechen? Etwas Angenehmes konnte das kaum sein. Als er die Nummer des ankommenden Anrufs erkannte, schoss er in die Höhe.
„Andy am Apparat. Sir? Was kann ich für Sie tun? Es ist sehr früh …“, stammelte dieser mit schwerer Zunge.
„Ich habe eine Aufgabe für dich. Es ist dringend.“ Die schneidende Stimme des Anrufers ließ keinen Zweifel offen, dass bei einem Misserfolg Unangenehmes zu erwarten war. Die nächsten Minuten saß Andy kerzengerade an der Bettkante und hörte so konzentriert, wie es in seinem Zustand möglich war, zu. Er bestätigte immer wieder mit „Yes, Sir!“ oder „Verstanden, wird erledigt!“, um dann ein letztes Mal seine Dienstbeflissenheit zu bekunden. „Sir, Sie können sich auf mich verlassen.“
Als der Auftraggeber seine Anweisungen beendet hatte, sank Andy ermattet zurück ins Laken. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Der Anrufer hatte schier Unmögliches von ihm verlangt. Würde es ihm dennoch gelingen, einigermaßen glimpflich aus dieser verzwickten Situation herauszufinden?
Sie fuhren schweigend mit der Rolltreppe in die zweite Etage des BACC, dem Kunst- und Kulturzentrum von Bangkok. Dort betraten sie ein Café, das belgische Waffelspezialitäten anbot. William bestellte einen Cappuccino, Andy einen Doubleshot, der einem doppelten Espresso entsprach. Andys Haare standen wirr in alle Richtungen, sein jugendliches Gesicht wirkte in dem künstlichen Licht des Lokals blutarm und gelblich-fahl.
„Ich habe erfreuliche Nachrichten“, verkündete Andy, der seine Augen hinter einer Sonnenbrille versteckte.
„Ich höre.“
William rührte in seinem Cappuccino und dachte dabei, in welch jämmerlichem Zustand Jonathan ihn vor nicht einmal zwei Wochen in seinem Büro in Hoboken angetroffen hatte. Andy hatte vermutlich nur ordentlich mit Freunden gefeiert und stand nun tapfer seinen Mann. Dieser junge Ermittler gefiel ihm. Penelope hatte bei der Selektion seines Assistenten die richtige Wahl getroffen.
„Möchten Sie etwas essen?“
William schob Andy die Speisekarte zu.
„Nein, danke“, lehnte Andy ab. „Es gibt eine erste Spur. Ich habe einen Hinweis von einem früheren Kollegen erhalten, der mittlerweile im Immigrationsbüro tätig ist.“
Ein Touristenpaar nahm an einem Ecktisch Platz. Sie bestellten Waffeln mit Zimtsahne und Nougatcreme. Dann bauten sie ihre Tablets auf und jeder für sich entfloh schweigend in seine private Virtualität. William zog den Löffel aus der Tasse und legte ihn behutsam auf die Untertasse.
„Das ist Herbert C. Persitzky. Ich habe mir erlaubt, ein paar Fotos aus der Entfernung zu schießen. Bitte entschuldigen Sie die schlechte Qualität.“ William nahm die Aufnahmen entgegen, die einen älteren Herrn mit schütterem, grauem Haar und einer altmodischen Hornbrille zeigten.
„Laut Auskunft der Ausländerbehörde wurde Persitzky am 20. April 1951 in Buenos Aires geboren, ist amerikanischer Staatsbürger und seit 2003 mit einem Dauervisum und einer Arbeitserlaubnis in Bangkok gemeldet. Ich werde in den nächsten Tagen die Echtheit der von Persitzky vorgelegten Immigrationsdokumente überprüfen“, erläuterte Andy seine Nachforschungen. William untersuchte auf den Fotografien die Gesichtspartie und, soweit erkennbar, die Hände Persitzkys.
„Gute Arbeit, Andy. Womit verdient der Mann seinen Lebensunterhalt?“
„Er arbeitet stundenweise als Verkäufer für Importweine und Spirituosen in einem Feinkostgeschäft in der Shoppingmall Siam Paragon. Außerdem schreibt er unter einem Pseudonym Kriminalromane, Thriller und Ähnliches.“
„Unter Pseudonym?“ William spürte ein leichtes Kribbeln im Bauch. Andys Entdeckung schien vielversprechend.
„Sein Autorenname ist Lawrence Fisher. Sein Thriller Lost Souls of Bangkok hat sich vor ein paar Jahren gut verkauft. Es gab sogar Pläne für eine Verfilmung, die aber im Sande verlaufen sind“, erklärte Andy.
„Lawrence Fisher? Nie gehört. Wo wohnt Persitzky?“
„Er hat sich erst kürzlich ein Apartment in Sukhumvit Soi 31 gekauft, eine ziemlich teure Gegend. Dort leben viele Expatriates, leitende Angestellte ausländischer Konzerne und reiche Ausländer.“
Andy schob seine Sonnenbrille auf die Stirn und William sah in rotgeränderte Augen.
„Das haben Sie ausgezeichnet gemacht!“, lobte William ein weiteres Mal. „Legen Sie sich jetzt ein paar Stunden aufs Ohr. Ich rufe Sie an, wenn ich Persitzky gesehen habe.“
„Okay, Boss.“
Andy tippte sich zum Abschied militärisch knapp an die Schläfe und verließ das Café in Richtung des Museumsausgangs. William legte ein paar Geldscheine auf den Tisch und betrat den Rampenaufgang, der sich spiralförmig um den Lichthof des kathedralen Gebäudeinnenraumes wand und in die Ausstellungsebenen der höher gelegenen Etagen führte. Er fühlte sich in diesem architektonisch gelungenen Kultur- und Ausstellungspalast wohl, das einen angenehmen Gegensatz zu dem allgegenwärtigen Kommerzhype Bangkoks bot und ihm schon zu FBI-Zeiten eine Oase der Besinnung gewesen war.
William schlenderte durch eine Sonderausstellung, die eine Auswahl des fotografischen Frühwerks des vom thailändischen Volk gottähnlich verehrten, seit nahezu sieben Jahrzehnten amtierenden Königs Bhumibol zeigte. William betrachtete nostalgische Aufnahmen aus der Zeit, als der heute hochbetagte Monarch in jungen Jahren einige Zeit in Europa gelebt hatte: ein erleichtertes, optimistisches Nachkriegs-Paris, die Lavendelblüte in Südfrankreich, natürlich die Schweizer Alpen mit ihren schneebedeckten Gipfeln. Schließlich ein behagliches, schwarz-weißes Lausanne, wo der junge Bhumibol studiert hatte.
William setzte sich auf eine lederbezogene Bank. Die Person auf Andys Observationsfotos hatte ohne Zweifel Mazzinis Physiognomie. Die Augenpartie hatte Andy recht ordentlich erwischt, obwohl die zweidimensionale Ansicht für William nicht aussagekräftig genug war. Schließlich gab es den verkrüppelten Finger, auf den in seinem Dossier immer wieder hingewiesen wurde. William LaRouche blickte hinüber zu einer Fotografie, die einen Sonnenaufgang über dem Genfer See zeigte. Der junge König hatte die zuversichtliche Stimmung eines jungfräulichen Tagesanbruchs gekonnt eingefangen, obwohl ihn an diesem Ort ein schwerer Schicksalsschlag getroffen hatte, als er 1948 bei einem Autounfall ein Auge verlor und sich eine unheilbare Gesichtslähmung zuzog.
14
Penelope hatte bewusst ein paar Tage nach dem denkwürdigen Telefonat mit Melinda Rodriguez und Jonathan Robson verstreichen lassen. Die Justizministerin hatte sie unmissverständlich aufgefordert, sich William LaRouches anzunehmen. Im Auftrag der vielleicht nächsten Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika griff Penelope nun zum Telefon.
„William?“
„Wie geht es Ihnen, Penelope?“
„Haben Sie heute Abend schon etwas vor? Was halten Sie von einem kleinen Spaziergang und anschließend gebratenen Heuschrecken, die wir mit ein paar Gläsern Singha-Bier hinunterspülen?“
„Ich trinke keinen Alkohol mehr. Sie müssen sich auch nicht um mich kümmern. Ich bin ein großer Junge, der alleine auf sich aufpassen kann. Ich wette, da steckt Jonathan dahinter“, bremste William die Juristin aus. Im gleichen Moment ärgerte er sich über seine schroffe Art, mit der er sich eigentlich nur selbst daran erinnern wollte, dass ihn sein Verlangen nach dieser Frau von seiner Arbeit ablenkte und zudem chancenlos war.
„William, bleiben Sie cool. Die Ministerin höchstpersönlich hat’s angeordnet. Wenn Sie sich nicht mit mir treffen, beißt Melinda mir die Ohren ab.“
„Was reden Sie für einen Unsinn! Ich hatte gerade das Telefon in der Hand und wollte Ihnen ein Treffen vorschlagen. Wir sind möglicherweise Mazzini auf der Spur. Sind Sie noch im Büro? Ich kann in zwanzig Minuten bei Ihnen sein.“
Kurz nach sechs betrat William die Goldstein-&-Schulman-Niederlassung. Nup, die hinter der Rezeption werkelte, rief ihm zu, dass Penelope in ihrem Büro am Ende des Flures zu finden sei. William lief den Gang hinunter, vorbei an einem hell erleuchteten Konferenzraum, in dem ein halbes Dutzend hemdsärmeliger Männer ohne Krawatten über Aktenordnern und vor eingeschalteten Notebooks brütete. Dazwischen farbenfrohe Akzente setzend: Softdrinkdosen, Kaffeetassen und Pappschachteln mit Pizzaresten. Es roch nach mediterranen Kräutern und dem ganz großen Geld.
„Sind Sie bereit?“
Penelope hatte ihr Businesskostüm gegen Jeans und eine pinkfarbene Bluse getauscht und wirkte auf William noch attraktiver als bei ihrer ersten Begegnung vor wenigen Tagen.
„Bereit? Wozu? Wir müssen über Mazzini reden.“
„William, entspannen Sie sich. Wir drehen eine kleine Runde. Dann lade ich Sie zum Essen ein. Dabei kann der Spürhund dann die Neuigkeiten vom Fuchs loswerden.“
William fügte sich. Warum auch nicht, Mazzini war aller Voraussicht nach bereits eingekreist und sie waren schließlich Partner in einem sehr speziellen Fall, der sich offenbar der Aufmerksamkeit höchster politischer Kreise in Amerika erfreute. Selbst die Justizministerin schien sich Sorgen um sein Wohlergehen zu machen.
Mit etwas Glück ergatterten sie ein Taxi, das sie trotz Feierabendverkehrs in vertretbarer Zeit zur Taksin-Brücke chauffierte, wo sie ein Expressboot zum Pak Khlong Talat, dem beliebten Obst-, Gemüse- und Blumenmarkt, nahmen. Die meisten Händler, die ihre Geschäfte regelmäßig in den Vormittagsstunden erledigten, hatten ihre Waren bereits zusammengeräumt und geschlossen. Wie gewöhnlich verwandelte sich diese Gegend nach Sonnenuntergang in eines der dubiosen Nachtmarkt-Biotope Bangkoks, in einen Basar für legalen Billigramsch und illegale Nachahmerprodukte aller Art. Verblendete Touristen wähnten sich im Discount-Paradies, abgebrühte Verkäufer spielten das Feilschen um Cent-Beträge mit und Straßenköter legten sich unbeirrt dort zur Ruhe, wo das Gedrängel am größten war.
„William, Sie erwähnten Neuigkeiten. Sind Sie dem Fuchs schon auf der Spur?“, begann Penelope und William störte sich ein wenig an dem unverbindlichen Plauderton der Juristin.
„Diese Spürhund-Fuchs-Sache ist gelegentlich ganz witzig. Wir veranstalten hier aber keine lustige Treibjagd, bei der die Sieger schon im Voraus feststehen. Unsere Zielperson ist ein hochintelligenter Verbrecher, der vor nichts zurückschreckt, gefährlich wie eine Python und flüchtig wie ein Reh.“ William erschrak über seinen scharfen Ton, mit dem er die verdutzte Penelope zurechtgewiesen hatte.
„Und wieder tummeln Sie sich in der Tierwelt. Warum sind Sie so gereizt? Sie waren es doch, der mit dem Vergleich begonnen hat. Erinnern Sie sich nicht mehr?“
„Okay, okay. Das kann schon sein, ich erinnere mich“, lenkte William ein. „Wie dem auch sei, mein Assistent Andy hat erste Hinweise geliefert, die ich überprüft habe. Alles deutet auf Larry Mazzini hin. Meine Zielperson verbirgt sich möglicherweise hinter einem gewissen Herbert Persitzky. Ich denke, in ein paar Tagen weiß ich mehr darüber“, deutete William an. Er wollte Penelope nicht mit Details über die nun notwendigen weiteren Maßnahmen langweilen, schließlich war sie Juristin und keine Agentin. Außerdem: Bei allem Vertrauen, William hatte schon die merkwürdigsten Dinge erlebt, und mit einer Frau hatte er während seiner gesamten FBI-Laufbahn kein einziges Mal im Zusammenhang mit einem ähnlichen Auftrag zusammengearbeitet.
„Haben Sie Jonathan schon informiert?“
„Das hat noch Zeit. Erst müssen wir ganz sicher sein. Stellen Sie sich vor, Persitzky hat einen Thriller mit dem Titel Lost Souls of Bangkok geschrieben.“
„Lost Souls of Bangkok? Davon gibt es hier zu jeder Zeit genügend Exemplare.“
Penelope warf William einen herausfordernden Blick zu. Dabei bemerkte sie, dass ihr Begleiter deutlich erholter und entspannter aussah und sein frisch gebügeltes mintgrünes Poloshirt ihm gut zu Gesicht stand.
Neben einem Verkaufsstand, in dem erotische Dessous angeboten wurden, entdeckte Penelope eine Tuk-Tuk-Garküche. Ein halbes Dutzend verbeulter Metalltische und eine Horde blauer Plastikhocker gruppierten sich um eine zur offenen Küche umgebauten Motor-Rikscha. Die Mitglieder einer Großfamilie rührten in Töpfen, zerkleinerten Zutaten für die Street-Food-Gerichte und riefen sich Kommandos zu. Für einen Ausländer mochte ein solches Restaurant ein Abenteuer sein. Für Thais war es die bequemste Möglichkeit, sich mit vernünftiger Hausmannskost zu unschlagbar günstigen Preisen zu versorgen.
„Haben Sie Appetit?“, fragte Penelope und griff dabei instinktiv nach Williams Arm.
„Hatten Sie nicht Heuschrecken vorgeschlagen?“, lachte William, und sie quetschten sich an den letzten freien Tisch in direkter Nachbarschaft zu einem Freiluft-Friseur. Der sanfte Kontakt mit Penelope hatte ihm gutgetan. Wann hatte ihn eine Frau das letzte Mal derart berührt, dass er darüber nachgedacht hatte? Er konnte sich nicht mehr erinnern.
„Schauen Sie, so werden hier lästige Haare entfernt.“ Penelope deutete auf die Mitarbeiter des Friseurs, die mit feinen Garnschlingen den Wildbewuchs in den Gesichtern und an den Ohren ihrer Kunden epilierten. Eine Bedienung mit fleckiger Schürze wühlte sich an ihren Tisch heran und nahm die Bestellung auf: gegrillten Tintenfisch mit einer höllenscharfen Chilisauce, mittelscharfen Papaya-Salat und eine Terrine Tom-Yam-Gai, eine sauer-scharfe Hühnersuppe mit Zitronengrass. William trank Coca-Cola und Penelope bestellte Bier.
„Darf ich Sie etwas fragen?“, begann Penelope, nachdem sie ohne große Worte das köstliche Essen und das bunte Treiben um sie herum genossen hatten.
„Was wollen Sie wissen? Ich bin zweiundvierzig Jahre alt und noch kein bisschen weise.“ William verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. Jetzt war er es, der die Plauderebene auf keinen Fall verlassen wollte, weil er ahnte, was die Folge wäre.
„Weshalb haben Sie den Dienst beim FBI quittiert?“
„Eine Frage, auf die es keine Antwort gibt …“ William zögerte und korrigierte sich. „Natürlich gibt es auf diese Frage eine Antwort. Aber sie wird Sie nicht interessieren.“
„Es interessiert mich wirklich“, widersprach Penelope. William traf ein warmer Blick aus dunkelbraunen Augen und er entschied, dass er wenigstens das preisgeben konnte, was Penelope vermutlich ohnehin von Jonathan erfahren hatte.
„Okay, aber wundern Sie sich nicht, wenn das eine Weile dauert“, warnte William.
„Nehmen Sie sich Zeit. Ich habe heute Abend keine weitere Verabredung“, ermunterte ihn Penelope augenzwinkernd.
„Wissen Sie“, begann William noch ein wenig zögerlich, „das FBI war einmal meine Familie. Schon mein Großvater hatte bis zu seinem Tod davon geträumt, ein schneidiger FBI-Marshall zu sein.“
„FBI-Marshall? Die gibt’s doch nur in Filmen.“
„Korrekt. Grandpa kannte das FBI auch nur aus Filmen. Er war ein einfacher Soldat und ist es auch sein Leben lang geblieben. Die Baumwollplantage, auf der er als Landarbeitersohn aufgewachsen war und die US-Navy waren die Schulen seines Lebens. Bewerber für die FBI-Akademie müssen eine abgeschlossene Berufsausbildung, besser noch einen College- oder Universitätsabschluss vorweisen. Für meinen Vater hat sich dann Grandpas Traum erfüllt. Leider ist er diesem letztendlich zum Opfer gefallen. Sie kennen die Geschichte? Jonathan muss sie Ihnen erzählt haben.“
Penelope nickte. Jonathan hatte ihr sogar mehr verraten, als William vermutlich lieb war. Natürlich hatte sie die Sorgen von Jonathan und die Anweisung Melindas verstanden: William LaRouche war zweifellos ein außergewöhnlicher Fahnder, der zudem als Einzelkämpfer schon immer die besten Resultate erzielt hatte. Aber er war derzeit mental nicht in der stabilsten Situation. Penelope hatte sich mit ihrer Rolle als sensibles, wachsames Kontrollauge abgefunden und wollte ihren Job möglichst unauffällig und respektvoll erledigen.
„Als Dad nicht mehr aus Kambodscha zurückkam …“ William stockte und trank einen Schluck Coca-Cola. „Wie gesagt, Dad war verschollen, und ich wollte irgendwie die Fahne hochhalten und bin dann auch zum FBI gegangen.“
Penelope wollte William nicht weiter bedrängen. Sie spürte, wie schwer es ihm fiel, über seine Vergangenheit zu sprechen. Doch William setzte seinen Bericht nach einer kurzen Unterbrechung überraschenderweise fort.
„Vor ziemlich genau dreieinhalb Jahren war ich mit einer FBI-Einheit im Süden Thailands unterwegs. Muslimland. Sie wissen schon. Die Gegend wird seit Jahren von islamistischen Separatisten terrorisiert. In Yala, Narathiwat und vor allem in der Provinz Pattani war seinerzeit die Hölle los. Wir waren auf der Suche nach einem Logistiker der Anschläge vom 11. September, der dort untergetaucht war. Unsere Aufgabe bestand darin, den Burschen zu identifizieren und das Feld für die CIA-Kommandos vorzubereiten, die dann den finalen Zugriff durchführen sollten.“
Die Bedienung brachte Penelope eine weitere Flasche Bier und wendete sich William zu. „One Cola one more?“
„No Cola one more“, lehnte William ab und steckte sich eine Lucky Strike an.
„Zugriffe auf fremden Staatsgebiet. Vermutlich nicht einmal von den lokalen Behörden autorisiert. Das klingt nach verdammt illegalen Einsätzen“, fasste Penelope Williams Bericht sachlich zusammen.
„Kann schon sein“, gab William nachdenklich zurück. „Amerika befindet sich seit den New Yorker Anschlägen im Krieg gegen den internationalen Terrorismus. Wer fragt da noch, ob eine Aktion illegal ist oder nicht?“
William drückte den kurzen Rest einer Zigarette in einen Blechnapf. Dann steckte er sich eine weitere Lucky Strike an und ließ das Nikotin langsam durch seine Lungen strömen. Es tat ihm gut, über diese Zeit zu sprechen, auch wenn ihm bewusst war, dass er sich bis jetzt allenfalls an der Oberfläche bewegt hatte.
„Und ein anderer Tag in diesem Krieg gegen den Terror hat dann mich verändert.“ Vor Williams Augen erschienen wieder die quälenden Bilder jener Aprilnacht: kreischende verschleierte Frauen, Kinder in Panik erstarrt, überall Blut, wimmernde Gestalten mit verzerrten Fratzen, die sich nach Bauchschüssen im Todeskampf krümmten, dumpf einschlagende Geschosse … grünstichige Erinnerungsfetzen … William und seine Männer hatten Helme mit Nachtsichtgeräten getragen.
„Ein Einsatz ging voll daneben. Zero Output. Wir haben die Zielperson nicht erwischt.“
Williams Worte kamen langsam über seine Lippen, mit einer merkwürdigen, anklagenden Betonung. Es war ihm unmöglich, sich von seinen Erinnerungen loszureißen. Als sie die Gebäude der Farm, auf der sich der Terrorist angeblich versteckt hielt, durchkämmt hatten, zählten sie vierundzwanzig Leichen: vierzehn Kinder, neun Frauen und einen alten Mann, den die Kugeln in seinem Rollstuhl durchsiebt hatten.
„William, Sie waren im Krieg, in einem asynchronen Krieg, dem schlimmsten aller Kriege. Der Feind benutzt Unschuldige als Schutzschilder und kämpft nicht mit geöffnetem Visier.“
„Was spielt das heute noch für eine Rolle?“, fragte William. Vor diesem Ereignis hatte er mit Überzeugung hinter den Operationen der amerikanischen Geheimdienste gestanden. Es waren erfolgreiche Aktionen, bei denen Organisatoren, Finanziers und intellektuelle Treiber des Terrors ausgeschaltet wurden – schnell, präzise und mit akzeptablen Begleitschäden. William hatte bei diesen Einsätzen von der Schusswaffe Gebrauch gemacht. Er hatte Befehle ausgeführt, sich verteidigt und dabei, wenn es sich nicht vermeiden ließ, getötet. Aber in jener Nacht war alles anders. Die Traumsequenzen, die ihn seit dieser Nacht verfolgten, ließen ihn bis heute vor Ekel und Scham erstarren.
Allmählich wurde es in der schmalen Gasse ruhiger, die ersten Händler packten ihre Auslagen zusammen oder setzten sich in Gruppen zu einem späten Abendessen auf Plastikmatten nieder. Vor Penelope standen drei leere Flaschen Bier, in Williams Aschenbecher lagen ein Dutzend Zigarettenkippen.
„Sie rauchen zu viel.“
Penelope berührte sanft Williams Unterarm und William leerte mit einem Zug den Rest aus seiner Cola-Dose und wunderte sich, welche Gesprächigkeit die Blicke, der Duft und die Berührungen dieser Frau bei ihm auslösten. Noch einmal musterte er Penelope. Ihre Eltern, das afroamerikanische Ehepaar Owens, mussten sie adoptiert haben. Wie lange mochte das her sein? Die Melodie ihres Ostküstenakzents und die Art, wie Penelope sich gekonnt im Grenzgebiet der ungeschriebenen Gesetze bewegte, die für die ersten privaten Begegnungen zwischen einer Frau und einem Mann in Amerika galten – alles war durch und durch amerikanisch. Und doch, wenn es stimmte, dass die Augen die Seele spiegelten, war sich William sicher, dass auch Penelope schlecht verheilte Narben in sich trug.
„Vier Wochen nach diesem Ereignis habe ich meinen Abschied von der FBI-Familie eingereicht. Jonathan arbeitete zu diesem Zeitpunkt schon im Justizministerium. Ich weiß, dass er versucht hätte, mich umzustimmen.“
„Hätte er eine Chance gehabt?“
„Nein.“
15
Der Mann schlenderte zufrieden den belebten Sukhumvit Boulevard entlang und zog dabei sein rechtes Bein ein klein wenig nach. Die Sonne brannte schon zu dieser Vormittagsstunde erbarmungslos und trieb ihm den Schweiß aus allen Poren. Als er die Haltestelle der Omnibuslinie 22 erreichte, trocknete er sich mit einem Taschentuch die Stirn und seine fettig-verschwitzte Nase, auf der eine wuchtige Hornbrille keinen rechten Halt mehr finden wollte. Der Mann hatte seinen freien Tag genutzt, um wieder einmal seinen Lieblingsbuchladen zu besuchen. Genau genommen war es eine Art Antiquariat, das der Besitzer in einem Hinterhof versteckt hatte. In dem zusammengewürfelten Durcheinander von gedrucktem Schund aus aller Herren Länder konnte man hier mit Geduld und etwas Glück durchaus Raritäten oder Kurioses entdecken. Der Mann hatte heute bemerkenswertes Glück gehabt: Unter Jahre altem Staub hatte er in einem der raumhohen Regale des verwinkelten Labyrinths eine gebundene Erstausgabe von George Orwells Tage in Burma aus dem Jahr 1934 ausgegraben und diese dann für lächerliche zehn US-Dollar erstanden. Er zog die kostbare Neuerwerbung aus der Umhängetasche. Wie war diese Perle der Weltliteratur wohl in diesen verborgenen Winkel Bangkoks gelangt? Die Antwort wäre womöglich noch interessanter als der Inhalt des Werkes, der dem Mann selbstverständlich bekannt war. Er strich nachdenklich über den ausgebleichten Leineneinband. Dabei fiel sein Blick auf seinen linken Ringfinger, an dem das letzte Glied fehlte. Er dachte wehmütig, wie unvollständig er sich seit dem Verlust dieses Teils seines Körpers fühlte, dem nüchtern betrachtet keine unverzichtbare Funktion zukam. Als nach gehöriger Wartezeit in praller Hitze in der Ferne endlich ein Omnibus auftauchte, trat der Mann dicht an die Bordsteinkante, beschattete seine Augen mit der ausgestreckten Hand und entzifferte erleichtert auf der Frontscheibe die Nummer 22.
Plötzlich, wie aus heiterem Himmel, traf ihn ein Stoß, nicht einmal besonders heftig, aber ohne jede Vorwarnung. Im Grunde war es nur eine gezielte Berührung an der richtigen Stelle, die ihm das Gleichgewicht raubte. Er hatte schließlich die sechzig bereits überschritten und in seinem Leben noch nie Sport getrieben. Seine Beine konnten keinen Gegenhalt bieten und er stolperte auf die Fahrbahn, auf der in diesem Moment der farbenprächtig lackierte Bus der Linie 22 direkt auf ihn zu rollte. Bruchteile einer Sekunde später prallte die Stoßstange gegen sein Becken, er vernahm kreischende Bremsen, wurde zu Boden geschleudert, sah den wolkenlosen Himmel über Bangkok und wusste, dass dies sein Ende war. Reflexartig riss er seinen Rumpf noch einmal in die Höhe. Sein Blick traf den des Busfahrers, der mit weit aufgerissenen Augen nicht verhindern konnte, dass die Front des Fahrzeugs ein weiteres Mal das Opfer traf. Der letzte Gedanke, der durch das Gehirn des Mannes raste, war eine Frage: Warum musste sein Leben auf diese jämmerliche Weise enden? Er hatte doch noch so viele Pläne. Und seinen Tod, der ihn natürlich unweigerlich eines Tages ereilen würde, hatte er sich eindrucksvoller und heroischer vorgestellt. Dann zersplitterte sein Schädel. Knochenfragmente rammten sich in sein Gehirn, noch ehe das erste Blut aus dem zertrümmerten Haupt herausquoll. Schließlich verdrängte eine eisige Finsternis die glutheiße Helligkeit, die ihn noch eben umhüllt hatte.
16
Penelopes Chef Richard McGrowan hatte ins exklusive Sukhothai-Hotel geladen. Goldstein & Schulman vertraten weltweit überwiegend hochprofitable Mandate, deren Vergütung bei eintausend Dollar pro Stunde begann. An diesem Vormittag stand allerdings die erste NGO Network Convention auf dem Programm, welche die New Yorker Anwaltskanzlei in Bangkok durch ihre dortige Niederlassung veranstalten ließ. Diese Wohltätigkeitsveranstaltungen waren eine Herzensangelegenheit der Kanzleigründer Aaron Goldstein und Randolph Schulman und in Manhattan längst eine feste Einrichtung. Hier wurde sozial engagierten Nichtregierungsorganisationen eine gesellschaftliche Plattform gegeben, auf der man Beziehungen pflegte, Kontakte knüpfte und um Spenden warb. Dazu erschienen regelmäßig die Vertreter der Presse und diverser Fernsehstationen.
Richard, seine Assistentin Nup und Penelope Owens standen am Eingang zur Mahamek-Lounge und verfolgten das Defilee der humanitären High Society Thailands. Der Österreicher Alfons Obermayr von Expertisis, einer Vereinigung, die pensionierte europäische Fachkräfte für freiwillige Aufbauarbeit in unterentwickelte Regionen Südostasiens vermittelte, überraschte Nup und Penelope mit einer Schachtel Mozartkugeln. Loraine Chepawaki vertrat mit beeindruckender Körperfülle die amerikanische Methodist Development Agency, die sich dem kompletten Spektrum sozialer Missstände anzunehmen versprach, sofern das übergeordnete Ziel der christlichen Missionierung dabei nicht zu kurz kam. Schließlich begrüßte Penelope Mrs. Chantrakal, die als Präsidentin der South-East-Asia Division von ECPAT vorstand. Die feine Dame der thailändischen Upperclass hatte erst kürzlich den Conrad-Hilton-Preis entgegengenommen, mit dem das Engagement ihrer Organisation gegen die Kinderprostitution gewürdigt wurde.
„Die musst du dir merken. Bestens vernetzt und mit großem Einfluss in Thailand“, flüsterte Penelope William zu. Seit dem Abendessen an der Tuk-Tuk-Garküche duzten sie sich und Penelope hatte William zu diesem Empfang eingeladen. Sie entboten Mrs. Chantrakal einen respektvollen Wai, dann raunte Penelope: „Was gibt’s Neues von Mazzini?“
„Ich habe Persitzky observiert. Es passt alles. Er hat einen verkrüppelten Finger.“
Penelope blickte William fragend an.
„Mazzini hatte in jungen Jahren einen Unfall, bei dem er einen Teil seines linken Ringfingers verloren hat. Ich habe Persitzkys Apartment durchsucht. Auf dem Nachttisch steht eine Fotografie von Mazzinis Mutter Holly, außerdem habe ich Manuskripte gefunden. Hatte ich dir erzählt, dass Persitzky schreibt?“
„Lost Souls of Bangkok. Ich erinnere mich“, bestätigte Penelope und schlug vor, dass sie sich für einen Moment zurückziehen sollten, damit sie ungestört sprechen konnten. Als sich die illustre Gästeschar dem Buffet widmete, traten Penelope und William auf den großzügigen Dachgarten hinaus, wo die Mittagshitze sie fast erschlug. William entdeckte ein halbwegs schattiges Plätzchen unter einem Bananenhain und fuhr mit seinem Bericht fort: „Persitzky skizziert seine Romankapitel mit der Hand, ehe er sich an den Computer setzt. Die Entwürfe tragen Mazzinis Handschrift.“
In diesem Augenblick bemerkten sie, wie Richard McGrowan mit einem graugelockten Farang und einem untersetzten Thai in einer Polizeiuniform auf sie zuhielt.
„Darf ich zwei gute Freunde unserer Kanzlei vorstellen?“
Penelope, die seit einem guten halben Jahr für Goldstein & Schulman in Bangkok tätig war, kannte natürlich den Polizeioffizier, dessen goldene Sterne auf den Schulterklappen in der Sonne funkelten. Dem vielleicht sechzigjährigen Ausländer mit der Albert-Einstein-Frisur war sie dagegen noch nicht begegnet.
„William LaRouche, das ist Lieutenant General Vitikorn, der Polizeidirektor von Bangkok. Penelope, ihr kennt euch ja bereits.“
Penelope verbeugte sich und deutete einen Wai an. Sie hatte William schon zu Beginn der Veranstaltung informiert, dass auch Bangkoks Polizeichef eingeladen war, dem Jonathan ein paar Basisinformationen zugesteckt hatte, damit man bei der Jagd auf Mazzini im Notfall rasch auf lokale Unterstützung zugreifen konnte. Nun griff William nach Vitikorns ausgestreckter Hand, die sich weich und biegsam anfühlte.
„Nice to meet you“, behauptete der Polizeigeneral. William nickte stumm.
„Und hier haben wir Dr. Jürg Bertoli, den Gründer des Baan Jai Dii, einer Einrichtung, die sich um alleinstehende ältere Menschen sorgt.“
Wieder gehörte Penelope die erste Aufmerksamkeit. Bertoli reichte ihr die Hand.
„Nice to meet you, Dr. Bertoli.“
„Oh, meine Liebe, nicht so förmlich. Ihr Name ist Penelope? Nennen Sie mich einfach Jürg. Ich bin schon lange in Bangkok. Auf Empfängen und Veranstaltungen trifft man immer wieder auf die gleichen Nasen. Es ist ein wenig wie in den Schweizer Bergen. Dort freuen sich die Bewohner der engen Täler, wenn gelegentlich ein neues Gesicht auftaucht. Vor allem, wenn es ein so attraktives ist wie das Ihre“, schmeichelte Bertoli und berührte väterlich Penelopes Unterarm, die eine Visitenkarte aus einem Etui entnahm und diese mit beiden Händen, wie in Asien üblich, überreichte.
„Und Sie sind William LaRouche, der Amerikaner mit dem eleganten französischen Nachnamen. Wie ich hörte, sind Sie Journalist?“ Neugierige graublaue Augen blickten William an, ein herzlicher Händedruck folgte.
„Ich arbeite als freier Mitarbeiter in der Online-Redaktion der Times-Picayune in New Orleans. Leider musste das Blatt seine Printausgabe vor ein paar Jahren einstellen“, antwortete William mit einer Mischung aus Flunkerei und Wahrheit.
„Möchten Sie nicht einmal über mein Seniorenheim Baan Jai Dii berichten?“
„Warum nicht?“, stellte William in Aussicht; dabei fiel sein Blick auf Bertolis linke Hand. Er stutzte einen Augenblick und verwarf seinen Gedanken sofort wieder. Das, was er da gesehen hatte, musste ein Zufall sein. In diesem Moment steuerte ein junger Mann, umhängt mit allerlei Gerätschaften, auf ihre Gruppe zu.
„Ah, der Fotograf der Bangkok Post. Nukatet ist Ihr Name, wenn ich mich recht entsinne“, begrüßte Richard den jungen Mann, der kurz darauf eine Kamera in Anschlag brachte.
„Khun Richard, Sie haben ein ausgezeichnetes Gedächtnis“, lobte der Thailänder auf Englisch und ließ es etliche Male klicken.
„Noch einmal lächeln! Wie schön. Eine asiatische Blume im Kreis von vier eleganten Gentlemen.“
„Khun Nukatet, wann wird der Artikel über unsere Veranstaltung in der Bangkok Post erscheinen?“, wollte Penelope auf Thai wissen.
„Oh, Sie sprechen Thai?“, gab der Fotograf überrascht zurück, blieb aber im Englischen. „Ich schieße nur die Fotos. Ich vermute, die Reportage wird am Wochenende in der Rubrik People & Life platziert.“
Als sich der Pressefotograf wieder in Richtung des Buffets zurückgezogen hatte, wandte sich Penelope an Bertoli. „Jürg, erzählen Sie mir von Ihrer Arbeit in Thailand.“
„Das mache ich gerne. Aber zuerst stärken wir uns am Buffet.“ Diesmal blickte Bertoli zu William und berührte ihn freundschaftlich am Oberarm. „Junger Mann, Sie sehen so aus, als könnten Sie ordentlich zulangen. Der Chefkoch ist ein Landsmann von mir und hat ein paar besondere Delikatessen vorbereitet. Sie müssen unbedingt die Luzerner Rösti und den echten Emmentaler Käse probieren.“
Die kleine Gruppe setzte sich, Bertolis Vorschlag folgend, in Bewegung und hatte das Buffet noch nicht ganz erreicht, da meldete Williams Mobiltelefon einen Anruf. Er zog das Gerät heraus, erkannte die Nummer und nahm das Gespräch an.
„Mr. LaRouche?“
„Andy, was gibt’s?“ William trat ein paar Schritte zur Seite und verbarg die Lippen hinter der vorgehaltenen Hand, eine Angewohnheit, die noch aus alten FBI-Zeiten in ihm steckte.
„Ich habe keine guten Nachrichten.“ Andy war undeutlich zu verstehen, er schien sich an einem belebten Ort aufzuhalten.
„Was ist passiert?“
„Herbert Persitzky ist tot. Ein Verkehrsunfall.“
17
In weniger als einer halben Stunde hatte Vitikorns Dienstlimousine das Polizeihospital erreicht. William und Penelope sprangen aus dem Wagen, der Lieutenant General folgte geruhsamen Schrittes, am Ohr sein Mobiltelefon. Der Polizeichef hatte ohne Umschweife seine Hilfe angeboten, obgleich sich ihm der Zusammenhang des Verkehrstoten mit der Mazzini-Fahndung offenkundig nicht erschloss.
William fluchte. Immer wieder war in seinen Unterlagen über das angebliche Ableben Mazzinis berichtet worden. In den 1990er Jahren war er in Südafrika an einer Lungenentzündung verstorben. Ein halbes Jahrzehnt später verunglückte er tödlich beim Absturz eines Kleinflugzeuges in Indonesien, und der bislang letzte bekannt gegebene Tod ereilte ihn erst vor wenigen Jahren, als er in Bukarest bei einer Gasexplosion verbrannte.
Als sie die weißgekachelten Räume der rechtsmedizinischen Abteilung betraten, schlug ihnen der Geruch des Todes entgegen. Penelope, für die der Besuch einer derartigen Einrichtung eine Premiere war, fröstelte.
„Es ist nur die Formalinlösung, die so unangenehm riecht“, beruhigte William die junge Wirtschaftsjuristin. Vitikorn hatte inzwischen sein Telefonat beendet und wandte sich dem diensthabenden Pathologen zu. „Meine ausländischen Freunde möchten einen kurzen Blick auf das Opfer des Verkehrsunfalls von heute Vormittag werfen.“
„Welches Opfer hätten Sie denn gerne?“, presste der in blaue Schutzkleidung gehüllte Mann durch seinen Mundschutz. „Bis zur Mittagspause wurden vier Verkehrstote eingeliefert.“
„Persitzky. Herbert C. Persitzky“, erklärte William, „amerikanischer Staatsbürger, Anfang sechzig, der Ringfinger der linken Hand verkrüppelt.“
„Ah, unser VIP. Alle anderen sind Asiaten“, brummte es unter dem Mundschutz. „Ausländer werden bei uns bevorzugt behandelt. Er liegt noch auf dem Untersuchungstisch.“
„Sehen Sie, meine liebe Penelope und verehrter Mr. La-Rouche“, mischte sich der Polizeichef ein. „Meine Mitarbeiter bemühen sich ohne Verzögerung, die bedauerlichen Unfälle von Touristen aufzuklären. Dieser unermüdliche Einsatz hätte meiner Meinung nach eine Würdigung in der internationalen Presse verdient.“
Der Polizeiarzt korrigierte seinen Chef: „Lieutenant General, der Mann hatte keinen Unfall. Er wurde aller Wahrscheinlichkeit nach vorsätzlich getötet. Es gibt Zeugen, die gesehen haben, wie ein Unbekannter ihn vor den Bus gestoßen hat. Der Täter ist leider entwischt.“
„Natürlich war es ein Unfall! Der Mann hatte vermutlich nicht mehr alle Sinne beisammen. Hat sein Gleichgewicht verloren“, fuhr Vitikorn nun auf Thai seinen Mitarbeiter an. „Sie wissen doch so gut wie ich, dass jeder zweite Ausländer in Bangkok spätestens bis mittags stockbetrunken ist. Es war ein unglückliches Missgeschick. Möglicherweise ist er auch auf einer Bananenschale ausgerutscht, meinetwegen in nüchternem Zustand und ohne Selbstverschulden. Ich will bis Dienstschluss Ihren Bericht in diesem Sinne auf meinem Schreibtisch sehen.“ Dann wandte er sich in englischer Sprache wieder an seine beiden Begleiter: „Persatzki hatte einen Unfall. Ausgerutscht auf einer Bananenschale. Ich versichere Ihnen, meine Männer werden diese Sache so rasch wie möglich bearbeiten, damit die Angehörigen nicht im Ungewissen bleiben und die Lebensversicherungen keine Ausreden haben.“
Natürlich hatte William Vitikorns Anweisung an den Polizeiarzt verstanden und sah wieder einmal seine Vorbehalte gegenüber asiatischen Polizeibehörden bestätigt. Es war alles beim Alten geblieben: die Unterschlagung von Fakten, das Ignorieren von Zeugenaussagen, der Missbrauch hierarchischer Strukturen. Es hatte keinen Zweck, sich darüber zu ärgern.
„Lieutenant General, ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie die Andeutungen Ihres Mitarbeiters prüfen würden“, schaltete sich Penelope ein, die ihre Empörung schlecht verstecken konnte.
„Lieutenant General, der Mann heißt Persitzky, nicht Persatzki“, glättete William die aufkommenden Wogen in unterwürfigem Ton. „Kein Mensch zweifelt an der rechtmäßigen Untersuchung. Die bemerkenswerte Arbeit thailändischer Polizeibeamter ist auch in Amerika hinlänglich bekannt. Lieutenant General Vitikorn, Sie sind ein Mann mit großer Erfahrung, ganz sicher war es ein Unfall. Das Opfer war einfach zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort, dazu kam dann noch die dumme Bananenschale. Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich dennoch einen kurzen Blick auf Mr. Persitzky werfe?“
Vitikorn rollte mit den Augen, gab aber dem Polizeimediziner einen Wink in Richtung des Labors, in dem der aufgebahrte Leichnam von zwei weiteren Blauverhüllten untersucht wurde. Als sie an den Inspektionstisch traten, drehte sich Penelope erschreckt ab. Persitzkys Gesicht war praktisch nicht mehr vorhanden. Die Stoßstange des Omnibusses war offenbar frontal auf die Stirnregion geprallt. Nur noch eine schleimig-rote Gewebemasse war übrig geblieben, umrandet von ein paar Fragmenten des Kiefers und des Jochbeins. Großflächige Schürfwunden verteilten sich über den entblößten Körper. Die Brustbehaarung war mit Blutkrusten und Schmutz verklebt. Penelope hielt sich eine Hand vor den Mund und eilte aus dem unterkühlten Raum.
„Sind Sie jetzt zufrieden?“, wollte Vitikorn wissen.
„Auf jeden Fall kann ich bestätigen, dass es Persitzky ist“, entgegnete William und zeigte auf das fehlende Glied des linken Ringfingers. Sein Blick traf die rechte Hüfte des Toten, an der eine zwanzig Zentimeter lange Narbe zu sehen war. Auch das passte. Mazzini hatte sich vor einigen Jahren einer aufwendigen Hüftoperation unterzogen. Einer der beiden Untersucher hob Persitzkys rechten Arm ein wenig in die Höhe. Dabei fiel Williams Blick für den Bruchteil einer Sekunde auf eine Tätowierung im Achselbereich.
„Darf ich mal?“
William schlüpfte in eine paar Untersuchungshandschuhe und tastete den rechten Arm der Leiche ab. Der Rigor mortis, die Totenstarre, hatte erst die Muskulatur im Nackenbereich erfasst, was sich mit dem angegebenen Zeitpunkt des Todes deckte. William spreizte Persitzkys Arm zur Seite ab und untersuchte das jahrzehntealte Tattoo. Es zeigte einen etwa drei Zentimeter großen Davidstern, unter dem fünf verblasste Ziffern zu erkennen waren. William schüttelte ungläubig den Kopf und las die Zahlenreihe: „Zwei – sieben – eins – vier – fünf.“
18
Nachdem sich Penelope verhalten und William ausgesprochen respektvoll von Bangkoks Polizeichef verabschiedet und das General Police Hospital verlassen hatten, stiegen sie die Stufen zum Sky Walk hinauf. Wortlos schlenderten sie auf der in luftiger Höhe schwebenden Fußgängerpassage den gläsernen Einkaufsparadiesen in der Umgebung der BTS-Station Siam Central entgegen. Nach der eisig-bedrückenden Atmosphäre in den Laborräumen der Rechtsmedizin genossen sie die wärmende Kraft der Sonne und kehrten in das erstbeste Café ein, das sie beim Betreten der Siam-Paragon-Shoppingmall entdeckten. Der Geruch des frisch zubereiteten Kaffees und die Düfte einer benachbarten Parfümerie vertrieben langsam den Formalingestank, der sich in Penelopes Nasenepithel verbissen hatte.
„Warum bist du mir in den Rücken gefallen? Der Lieutenant General vertuscht einen Mord und du sagst keinen Ton dazu“, beklagte sich Penelope enttäuscht, als die Kellnerin zwei große Tassen Milchkaffee brachte. William strich eine Papierserviette glatt und zog einen Kugelschreiber aus der Tasche seiner Cargohose. Dann zeichnete er einen Davidstern und setzte die Zahlen Zwei, Sieben, Eins, Vier und Fünf darunter.
„Hast du so etwas schon einmal gesehen?“
William schob die Skizze zu Penelope.
„Was soll das darstellen? Was hat das mit Mazzini zu tun? Beantworte lieber meine Frage: Warum bist du mir in den Rücken gefallen?“
„Das ist das Symbol der Auschwitz-Gesellschaft.“
„Na und? Ich habe heute genug erlebt. Ich will nach Hause“, antwortete Penelope trotzig. Sie war empört und erschöpft und sehnte sich nach einer Dusche.
„Penelope, wir sind im Einsatz. Unsere Suche nach Mazzini ist kein Blindekuh-Spiel wie auf einem Kindergeburtstag, bei dem man einfach nicht mehr mitmacht, wenn einen die Lust verlässt.“ Kaum ausgesprochen, bedauerte William auch schon seinen oberlehrerhaften Ton. Für einen Moment herrschte beklommene Stille, dann hob Penelope müde die Hand. „William, was ich dir jetzt sage, sage ich nur einmal: Du bist der Fahnder. Ich bin Juristin, habe einen vollen Terminplan und presse trotzdem noch etliche Zeitfenster hinein, um dich, Melinda und Jonathan unentgeltlich zu unterstützen. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, warum du mich in dieses beschissene Polizeihospital und in die noch beschissenere Leichenabteilung geschleppt hast. Das ist nicht mein Job. Es ist dein Job, Mr. LaRouche.“ William und Penelope griffen fast gleichzeitig zu ihren Kaffeetassen. Schweigend nippten sie an den Getränken.
„Sorry, ich hab’s nicht so gemeint.“ Es war William, der sich zuerst ein Herz fasste.
„Da bin ich anderer Meinung! Ich denke schon, dass du es genau so gemeint hast“, gab Penelope scharf zurück und ihr Gegenangriff war noch nicht beendet. „Vielleicht bist du tatsächlich ein Exposer-Genie, das gibt dir aber noch lange nicht das Recht, mit mir in diesem Ton zu sprechen. Kein Wunder, dass sich deine Frau von dir getrennt hat.“
Der letzte Satz Penelopes hatte William schwer getroffen. Nicht Ann-Louise hatte sich von ihm getrennt. Er war es gewesen, der die Scheidung eingereicht hatte, weil er nach seiner Rückkehr aus Thailand keinem Menschen auf der Welt seine deformierte Seele zumuten wollte. Er schüttelte resigniert den Kopf. Was wusste diese Frau schon von seinem Leben. William nahm sich vor, zukünftig größere Distanz zu Penelope zu halten, auch wenn es ihm gewiss nicht leichtfallen würde.
„William, entschuldige bitte. Ich bin zu weit gegangen. Es steht mir nicht zu, über dein Privatleben zu urteilen. Aber ich wollte damit nur sagen …“ Penelopes Stimme hatte mit einem Mal jede Schärfe verloren und eine weibliche, harmonische Intonation angenommen. „William, ich mag dich. Lass uns nicht streiten. Es tut mir wirklich leid. Ich habe natürlich Interesse an deiner Arbeit. Die Suche nach Mazzini ist unser gemeinsames Projekt.“ Nachdem Penelope vergeblich versucht hatte, Blickkontakt aufzubauen, tastete sie zögerlich nach Williams Hand.
„Ist schon okay. Du hast recht. Es ist mein Job, nicht deiner.“ Williams Stimme klang unsicher und verletzt, während sich gleichzeitig die Wärme von Penelopes Handfläche auf seinen Körper übertrug. Er wünschte sich, dass diese zarte Berührung niemals enden würde. Penelope wusste nicht, was in diesen Momenten in William vorging. Sie spürte aber, wie sehr er ihre Nähe genoss und wie auch sie selbst sich zu diesem komplizierten Mann hingezogen fühlte.
„Ein Davidstern, in Verbindung mit Zahlen? Hatten nicht die Nazis jüdische Häftlinge mit einer Nummer gekennzeichnet?“, holte Penelope sich und William wieder in die ungemütliche Realität zurück und bestellte kurz darauf einen doppelten Espresso. Auch William fand langsam wieder zu seiner professionellen Konzentration zurück. „Die Auschwitz-Gesellschaft ist eine Vereinigung der Nachkommen jüdischer Gefangener des Konzentrationslagers Auschwitz.“
„Hatte Mazzini womöglich jüdische Angehörige in Auschwitz?“ Penelope blickte irritiert auf. „Das wäre ein grandioser Treppenwitz der Geschichte: der amerikanische Staatsbürger Mazzini, einer der skrupellosesten Initiatoren von organisiertem Massenmord in der jüngeren Geschichte, ein Nachfahre jüdischer KZ-Opfer? Unfassbar für alle Juden der Welt. Eine Katastrophe für das jüdische Amerika.“
„Du hättest den Nagel auf den Kopf getroffen, wenn Persitzky tatsächlich Larry Mazzini wäre. Habe ich dir wirklich noch nicht erzählt, wer Mazzinis Vater war?“
„Nein.“
Penelope erinnerte sich nicht, dass in ihrem mageren Informationsmaterial Mazzinis Eltern erwähnt wurden.
„Also“, spann William seinen Faden weiter, „Kein Mensch trägt ohne Grund eine solche Tätowierung. Ich bin mir absolut sicher, Herbert Persitzky war jüdischer Abstammung. Damit steht gleichzeitig fest: Er kann nicht Larry Mazzini gewesen sein.“
„Warum bist du so sicher? Du hast seine Wohnung durchsucht und eine Menge Beweise gefunden, er hat den verkrüppelten Finger …“, wandte Penelope ein.
„Der echte Mazzini hat keine jüdischen Vorfahren. Seine Mutter war die italo-amerikanische Go-Go-Tänzerin Holly Mazzini. Holly stammte aus einer sizilianischen Familie, in der die Blutehre heilig war. Eine Beziehung zu einem Juden wäre unmöglich gewesen. Sie war die erste ihres Clans, die eine Verbindung mit einem Nicht-Sizilianer, immerhin einem Katholiken, gewagt hatte und von eben diesem Mann 1950 schwanger wurde. Ihr Liebhaber und Larrys Vater war die Bestie von Auschwitz: SS-Hauptsturmführer Josef Mengele, Chefarzt im KZ-Hospital, der nach dem Kriegsende in Südamerika untertauchte“, schnaubte William mit einer Mischung aus Wut und Ernüchterung und lies sich gegen die Rückenlehne seines tiefen Polstersessels fallen. „Und noch etwas ist ziemlich sicher: Mazzini hat gewusst, dass Persitzky Jude war. Er hat uns an der Nase herumgeführt und macht sich einen Spaß aus unserer Suche.“
„Was bedeuten die Zahlen unter dem Davidstern?“ Penelope deutete auf Williams Serviettenskizze.
„Zwei – sieben – eins – vier – fünf steht für den 27. Januar 1945, das war der Tag, an dem Auschwitz von der russischen Armee befreit wurde.“
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