Читать книгу: «Liebesbrief an Unbekannt»

Thomas Brezina:
Liebesbrief an Unbekannt
Alle Rechte vorbehalten
© 2019 edition a, Wien
www.edition-a.at
Cover und Satz: Isabella Starowicz
Lettering: Typejockeys
ISBN 978-3-99001-366-3
E-Book-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Für Carmen und ihre liebevolle Weisheit
Lieber Wer-immer-du-bist,
hier schreibt dir Emma, deine zukünftige Traumfrau, die allerdings derzeit eine Alptraumfrau ist.
Eigentlich sollte ein so hoffnungsloser Mensch wie ich alle Hoffnung aufgegeben haben, aber irgendwas in mir schreit: Tu es nicht, tu es nicht.
Warnung: Ich bin die totale Versagerin und habe in den vergangenen drei Jahren meines Lebens so ziemlich alles verhaut, was ich nur verhauen konnte.
Ich sehe weder großartig aus, noch kann ich irgendetwas besonders gut (außer die falschen Männer wählen). Aber meine neue Freundin Patricia hat mir geraten, meinem zukünftigen Traummann Briefe zu schreiben, auch wenn ich nicht den Schimmer einer Idee habe, wer du sein könntest.
So sitze ich, Katastrophen-Frau Emma, an meinem Schreibtisch, der nicht einmal mir gehört. Ich schreibe mit dem Füller, den ich mir heute geleistet habe (obwohl ich eigentlich kein Geld dafür habe), und bei jedem Wort denke ich mir, du musst mich für völlig verrückt halten, weil ich das tue.
Je länger ich schreibe desto mehr spüre ich aber, dass es so vieles gäbe, was ich dir erzählen möchte. Natürlich ist das einfach Wahnsinn, denn wie gesagt bin ich dir noch nie begegnet, und normale Menschen erzählen nicht einfach in die Luft hinein irgendwelche Geschichten aus ihrem Leben.
Aber als normal kann man mich ohnehin nicht bezeichnen. Das hängt aber nicht mit den unfassbaren Fehlern zusammen, die ich in der Vergangenheit gemacht habe. Mein Wahnsinn hat damit zu tun, dass ich noch immer daran glaube, dass es Männer mit Herz, Hirn und Verstand gibt, die ehrlich und aufrichtig sind. Männer, die mich nicht ausnehmen oder ausnützen, mit denen ich offen reden und herzlich lachen kann.
Männer, die zärtlich sind und mich einfach nur im Arm halten, wenn ich mich danach sehne, und die sogar bereit sind, Schwäche zuzugeben und sich an mich anlehnen.
Männer, die beste Freunde sein können.
Männer, die mich wollen, aber nicht brauchen und nicht an mir hängen wie tonnenschwere Kletten.
Ich bin so völlig geisteskrank, daran auch weiterhin zu glauben, dass es diese Kategorie von Männern gibt. Für mich selbst bräuchte ich nur ein einziges Exemplar davon, und das sollst du sein, an den ich diesen Brief schreibe.
Obwohl ich keine Ahnung habe, wo du bist und wie es dir geht. Aber natürlich müsstest du auch wollen und vor allem – das ist der größte Haken an der Sache – müssten wir uns begegnen. Damit das möglich wird, schreibe ich dir. Patricia behauptet, es wäre möglich, auf diese Weise den Herzmann zu finden, ihn »ins Leben zu ziehen«, wie sie das nennt.
Allerdings raucht Patricia auch etwas, das mehr high macht als Marihuana und verdient ihr Geld mit Wahrsagen. (Sie muss erfolgreich sein, weil sie regelmäßig für einen Fernsehsender den Ausgang von Wahlen vorhersagt und in fast allen Fällen Recht behalten hat.)
Das hier ist mein erster Brief an dich, mein erster Versuch, und ich fürchte, er scheitert so kläglich, wie die gefühlten 50 anderen Briefe, die ich schon begonnen habe…
1
Zerknüllt landete auch dieser Brief im übervollen Papierkorb und fiel zu Boden, der mit weiteren Papierbällen übersät war. Emma beschloss für diesen Abend aufzugeben. Seit fast einer Woche versuchte sie, diese völlig verrückten Briefe zu schreiben, aber sie hatte noch keinen fertig bekommen. Nie war sie ganz zufrieden.
War sie schon so verzweifelt und fertig, dass sie solche Tricks nötig hatte?
Sie streckte die Arme und den Rücken und blickte durch die große Scheibe des Erkers in die Nacht hinaus. Der leicht orangegelbe Schein der Straßenlampen fiel auf die zerkratzte Holzplatte, die direkt in den Erker eingebaut war. Emma machte die Füllfeder zu und beschloss, noch einen Spaziergang zu machen. Sie brauchte frische Luft.
In der Diele nahm sie ihre Jacke vom Haken, schlüpfte hinein und trat aus der Haustür in den langen Windfang. Er machte hier in Brighton und so nahe am Meer an manchen Tagen seinem Namen alle Ehre. Sie schritt nach vor zu den vier Stufen, die hinunter zur Straße führten.
Durch die Dunkelheit kam das Geräusch des Rollens der Wellen vom nahen Strand, und in der Luft lag der Geruch von Tang und Salz.
Sofort meldete sich die Stimme ihrer Mutter in ihrem Kopf: »Emma, Salz kann man nicht riechen.«
Egal. Die Luft hier in Brighton war so herrlich anders. Für Emma roch sie nach Freiheit und Weite, und tief in ihr war da die leise Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Blöde Idee, das mit den Briefen an den zukünftigen Traummann, dachte Emma, sauer auf sich selbst. Sie hätte die Zeit besser nützen können als mit dem Schreiben von Briefen, die sie ohnehin alle weggeworfen hatte.
Besser nützen. Aber wie eigentlich? Mit Putzen? Oder Saugen? Oder Lernen, wie man ein echtes Englisches Frühstück zubereitet, ohne Toast und Eier anbrennen zu lassen? Oder vielleicht sollte sie trainieren, die Betten der Gästezimmer schneller zu machen und die Decke wirklich glatt zu streichen. Der einzige Gast an diesem Wochenende hatte bei der Abreise spitz bemerkt, dass sein Bett am Abend ausgesehen hätte, als hätte schon jemand darin gelegen.
Allerdings war er ein Mann der Sorte, die nur glücklich sind, wenn sie an allem herumnörgeln können. Auf solche Typen konnte Emma wirklich verzichten.
Einen Mann, einen echten, liebenswerten Mann wie durch Magie ins Leben ziehen, wie sollte so etwas möglich sein? Wenn nirgendwo dort draußen einer lebte, der an ihr interessiert war? Wenn es nur Psychos gab, von denen sie wirklich die Nase voll hatte?
»Vergiss es einfach«, sagte sie sich. »Vergiss es und lebe jeden Tag wie eine Perle auf einer langen Kette.« Das war auch ein Rat von Patricia, und er klang einfach realer.
Wenig später saß sie aber wieder am Schreibtisch im Erker. Emmas Füller flog nur so über das Papier.
Lieber Wer-immer-du-bist,
ich kann es nicht lassen. Ich hatte wirklich fest beschlossen diese Briefeschreiberei bleiben zu lassen, weil sie nutzlos und sinnlos ist. Aber was ist die Alternative?
Ich kann in die Glotze schauen.
Ich kann auf Netflix Serien Binge gucken. Mein Rekord liegt bei neun Folgen an einem Tag. Fünfzig-Minuten-Folgen meine ich, nicht diese Fürzchen von Sitcoms wie »The Big Bang Theory«.
Ich könnte natürlich auch ein gutes Buch lesen, aber im Regal hier stehen nur Bücher, deren Titel ich nicht einmal verstehe. Die Bücher gehören meiner Tante Nell. Sie ist das, was man »intellektuell« nennt und statt Sex hat sie mit Männern wahrscheinlich nur spirituellen Gedankenaustausch, der zu einem geistigen Orgasmus führt. Tante Nell und vor Lust stöhnen sind zwei Dinge, die ich mir nicht zusammen vorstellen kann (und will). ;-)
Siehst du, es geht schon los. Denke ich nur: Ich will mir das nicht vorstellen, geht die Vorstellung nicht mehr aus meinem Kopf raus.
Tante Nell stöhnt sicherlich: »Oh, Henry, flüstere mir schmutzige Dinge ins Ohr. Zum Beispiel die Relativitätstheorie von Einstein.«
Oder: »Oh, Henry, lies mir Nietzsche vor, denn das macht mich so an.«
Oder: »Henry, ja, gib’s mir! PHI-LO-SO-PHIE mich! THE-O-RIE mich! THE-O-tiefer! Aaaaaa!«
Ich hoffe, du bekommst ein Bild, wieso die Bücher, die in diesem Haus stehen, mich nicht wirklich begeistern. Denk aber nicht, dass ich nie etwas lese. Ich tue es doch. Aber mehr Krimis oder Romane mit viel Herz und Schmerz, in denen sich die beiden Hauptpersonen am Ende kriegen.
Tante Nell hat mich nach meiner Lieblingslektüre gefragt, ich habe ehrlich geantwortet, und ihre naserümpfende Reaktion war: »Herz-Schmerz-Romane also. Ach ja. Wahrscheinlich als scheinbares Trostpflaster für das, was du im Leben nicht hast. Du flüchtest dich da in eine Scheinwelt, Emma, die ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit gibt. Romane dieser Art sind wie ein Esslöffel Zucker in eine Tasse Tee, weil man denkt, er wäre sonst zu bitter. Solche Romane verkleben den Geist und die Sinne.«
Ach ja, ist das so? Nell fährt voll auf Nietzsche ab. Daher hat sie auch ungefähr zwei Meter Bücher von ihm. Aber ist das nicht der Philosoph, der gesagt haben soll: Wenn du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht? Der Mann ist entweder auf Dominas gestanden oder aber er war Sadist. In Nells Augen ist er natürlich realer als jeder Liebesroman mit Happy End.
Kein Wunder, dass sie nie verheiratet war und selbst Papa einmal angemerkt hat, seine Schwester hätte bei Männern einen etwas eigenartigen Geschmack.
Ich schreibe dir, den ich nicht kenne, weil ich das Gefühl habe, es tut mir einfach gut.
Ich will dich wirklich nicht zumüllen mit meinem emotionellen Schrott und den Verbänden, die ich auf alle Wunden gelegt habe, die mir in den vergangenen Monaten geschlagen worden sind.
Das klingt sehr dramatisch. In Wahrheit ist die ganze Sache noch wesentlich schlimmer.
Da du diesen Brief nie wirklich lesen wirst, gestehe ich dir etwas, das ich sonst nie aussprechen würde: Als ich vor drei Wochen in Brighton angekommen bin, stand am nächsten Tag in der Zeitung ein Bericht vom Sohn eines Rockstars, der hier lebt. Der Bursche ist im Drogenrausch von den Klippen gesprungen und war tot.
Damals habe ich mir gedacht: Der hat es gut…
2
Emma richtete sich auf. Ihr tat der Rücken weh, weil sie so schief über das Papier gebeugt gesessen hatte. Sie erhob sich und ging ein paar Schritte im kleinen Arbeitszimmer auf und ab.
Auf dem Regalbrett, zwischen den Ordnern, stand ein gerahmtes Foto der Berge von Salzburg. Es hatte sie schon in das Wohnheim bei der Uni nahe von London begleitete, als sie Tourismus und Hotelmanagement studiert hatte. Das Bild zeigte den Blick aus ihrem Kinderzimmer, und es hatte immer eine beruhigende Wirkung auf sie.
Nun war sie also in Brighton gelandet. Emma, studierte Tourismusfachfrau, ziemlich gescheitert, beruflich wie privat, Vertretung für ihre Tante Nell, der das B&B gehörte. Als sie es vor ein paar Wochen von ihr übernommen hatte, ließ Tante Nell wenig Zweifel, dass Emma für sie eine Notlösung war, weil der Nachbar, der es eigentlich hätte leiten sollen, frisch verliebt war und lieber Freizeit wollte.
»Aber jetzt im März und April kommen ohnehin kaum Gäste«, hatte Tante Nell gesagt. »Du kannst dich also einleben.«
Wovon Emma leben sollte, hatte sie nicht gesagt. Keine Gäste hieß nämlich kein Einkommen. Emma war sehr knapp bei Kasse. Die Saison, so hoffte sie wenigstens, würde Ende Mai beginnen, also in zwei oder drei Wochen. Bisher hatte sie aber praktisch keine Reservierungen bekommen.
Genug gegrübelt, entschied sie. Frische Luft würde ihr nun wirklich gut tun. Sie trat aus dem Arbeitszimmer, das gleich neben dem Eingang lag und schlüpfte noch einmal in die blaue Regenjacke aus dem Secondhand-Laden einer Wohltätigkeitsorganisation. Emma nahm die Hausschlüssel aus der Schale auf dem Ablagebrett in der Diele und verließ das Haus.
Auf der obersten Stufe blieb sie stehen und blickte über den länglichen Platz. Sein Name war New Steine, eine seltsame Mischung aus Englisch und Deutsch, die ihr noch keiner hatte erklären können. Die Häuser waren in zwei gegenüberliegenden Zeilen angeordnet, alle mit drei oder vier Stockwerken, einer Kellerwohnung und Dachzimmern. Die meisten waren weiß, dazwischen aber gab es ein blitzblaues und ein pfefferminzgrünes Haus. Das Haus von Emmas Tante Nell war gelb mit weißen Fenstern.
In der Mitte des langen Platzes befand sich ein Streifen Rasen, natürlich eingezäunt und am Abend abgesperrt. Sie hatte als Anrainerin einen Schlüssel.
Die meisten Häuser waren winzige Hotels und wurden von den Besitzern betrieben. Zu dieser Jahreszeit kamen noch nicht so viele Touristen nach Brighton, aber mit Juni fing die Hochsaison an. Emma hoffte auf viele Gäste, da sie Geld verdienen musste.
Die Nacht war windstill. Das war eine willkommene Abwechslung nach den Stürmen der vergangenen Wochen. Für den nächsten Tag war auch schon wieder starker Wind vorhergesagt.
Mehrere Male atmete Emma tief durch und füllte ihre Lungen mit der Meeresluft. Sie stieg die Stufen hinunter und ging nach links Richtung Strand.
Selbst auf der Marine Parade, der Straße, die 25 Meter über dem Strand entlang der Küste verlief, war um diese Tageszeit nicht mehr viel los. Sie musste nur ein paar Autos und ein Motorrad abwarten, dann konnte sie die Straße überqueren. Eine lange Treppe verlief im Zickzack an der steilen Mauer nach unten zum Meer.
Mit der Hand strich sie über das Metallgeländer, das von vielen Lackschichten überzogen war. Es trotzte Salz und Seeluft, aber der Rost kämpfte sich trotzdem durch und mischte sich mit dem gebrochenen Weiß. Emma stieg die steinernen Stufen hinunter und erreichte das Ende der Treppe, das unter Arkaden führte.
Sie mochte diese Stelle nicht sehr. Erstens hing hier immer der Gestank von altem Öl der Fish&Chips-Bude in der Luft, und zweitens war es ein wenig düster. Um schnellstens auf die untere Uferstraße zu gelangen, lief sie los. Am Ende des Handlaufs gab es eine Metallkugel, und aus einer Laune heraus packte Emma sie mit einer Hand, stieß sich ab und wirbelte herum Richtung Meer, so wie sie früher als kleines Mädchen manchmal gesprungen war.
Für eine halbe Sekunde fühlte sie sich so leicht und so befreit wie schon lange nicht mehr. Sie hatte das Gefühl zu fliegen, keinen Boden mehr unter den Schuhen. Die Schwerkraft holte sie schnell wieder zurück nach unten.
Emma landete auf dem Boden, prallte aber gleichzeitig gegen ein Hindernis, das sie dort nicht vermutet hatte. Sie kippte zur Seite und fiel.
Hinter sich hörte sie ein Aufstöhnen. Sie kämpfte sich in die Höhe, aber beim Versuch, mit dem linken Fuß aufzutreten, schoss ihr ein brennender Schmerz durch den Knöchel. Sie musste ihn sich verstaucht haben. Gegen wen oder was war sie da gesprungen?
Als sie sich umdrehte sah sie am Ende der Treppe jemanden stehen. Es war ein Mann in einer Jacke mit aufgestelltem Kragen. Sie konnte nicht viel von ihm erkennen, nur dichtes Haar, das ihm in die Stirn hing, und einen Vollbart. Sein Gesicht lag im Schatten.
»Habe ich Ihnen wehgetan?«, fragte sie stotternd.
»Nicht so schlimm.«
»Das tut mir leid. Entschuldigen Sie bitte.«
»Sie sind zum Glück nicht schwer.«
Emmas Tante hatte sie vor Drogensüchtigen und Obdachlosen gewarnt, die hier in der Nacht herumlungerten.
»Sie haben so aufgestöhnt, wenn ich Sie verletzt habe, dann kann ich Sie ins Krankenhaus bringen…« Emma kam näher auf ihn zu.
Schnell drehte der Mann den Kopf weg, als wollte er nicht, dass sie sein Gesicht sah.
»Wirklich kein Problem«, hörte Emma ihn murmeln. Er wandte sich ab, und als er ein paar Schritte machte, konnte Emma sehen, dass er leicht hinkte. Trotz der Schmerzen in ihrem Knöchel humpelte sie ihm hinterher, bis sie auf gleicher Höhe mit ihm war.
»Ich habe Sie wirklich nicht verletzt, oder?«
»Lassen Sie mich in Frieden!« Schroff stieß er sie weg. Emma stolperte erneut, und ihr Knöchel erinnerte sie mit einem heftigen Schmerz, dass er Schonung wollte.
»Ich habe mir nur Sorgen um Sie gemacht«, rief sie aufgebracht. »Kein Grund, so unfreundlich zu sein.«
Der Mann blieb stehen, kehrte ihr aber den Rücken zu. Emma fielen die Ermahnungen ihrer Tante ein, und sie wich zurück. Wenn er sich auf sie stürzte, sie niederschlug oder vergewaltigte? Hörte es hier jemand, wenn sie schrie?
Es sah aus, als wollte der Mann noch etwas sagen, aber dann überlegte er es sich anders. Kopfschüttelnd stapfte er nach vorne gebeugt, die Hände in den Jackentaschen, davon.
Armer Kerl, dachte Emma.
Sie überlegte, ob sie zurückgehen sollte, oder den Madeira Drive überqueren und noch ein wenig über den Kiesstrand schlendern.
Der Mann war in der Dunkelheit verschwunden. Sie blickte die lange untere Uferstraße hinauf und hinunter. Es waren nicht einmal Hundebesitzer mit ihren Vierbeinern unterwegs. Was für eine einsame Nacht.
Eine Nacht, die ihrer Grundstimmung sehr entsprach.
Der Strand fiel in einer kleinen Stufe ab, die hoch genug war, um sich zu setzen. Die auslaufenden Wellen leckten über die Kiesel, und Emma hörte das Platzen der Schaumblasen. Sie ließ sich nieder und blickte hinaus zum Horizont, wo sich winzige Lichtpunkte bewegten. Es waren die Lastschiffe, die von Frankreich nach England unterwegs waren, wie man Emma erklärt hatte.
Zu ihrer en, nur ein paar Minuten zu Fuß entfernt, erstreckte sich der berühmte Pier hinaus in das Meer. Es war ein langer Finger, ein Steg, an dessen Ende Achterbahnen und andere Rummelplatzattraktionen aufragten. Brighton Pier bedeutete Spaß, Fish&Chips, Popcorn, Eiscreme, Spielhallen, in denen jeder mit nur ein paar Pennys dabei sein konnte. Lachende Kinder, vergnügte Familien und Liebespaare, die ständig Selfies von sich machten.
Nur einmal war Emma zum Pier gegangen. Es war vor drei Wochen gewesen, und sie war durch die lärmerfüllten Spielhallen gewandert, bis zur letzten Achterbahn. Sie hatte sich sogar einen Token gekauft und war in einen der kleinen Wagen gestiegen. Wenige Sekunden später sauste sie durch die Kurven und den Looping, immer das Meer unter sich und mit einem Gefühl, als würde sie im nächsten Augenblick ins Wasser stürzen.
Sie schrie, wie sie es auch als kleines Mädchen auf dem Rummelplatz gemacht hatte. Aber nun hielt sie die Stange vor sich mit beiden Händen fest umklammert und streckte die Arme nicht mehr übermütig in die Höhe, wie sie das früher getan hatte.
Ihr Übermut war schon lange verschwunden und einer Niedergeschlagenheit gewichen, die einfach nicht mehr weggehen wollte. Lange war sie nicht am Pier geblieben, da sie die Ausgelassenheit der anderen Leute und vor allem die verliebten Pärchen nicht ertragen hatte.
Der Pier war in dieser Nacht bereits geschlossen, die Lichter auf die Hälfte gedimmt. Der Spaß schien zu schlafen und neue Kräfte für den nächsten Tag zu sammeln.
Sie konnte die Augen nicht von dem langen Steg nehmen, und bei der Erinnerung an ihre bedrückte Stimmung, während sie mit der Achterbahn gefahren war, kam ihr ein Gedanke: Sie würde nie wieder die Arme in die Luft strecken und aus voller Kehle kreischen. Ihr fehlte dazu das Vertrauen.
Sie musste sich überall anklammern, um nicht erneut so schrecklich zu fallen. Ihr ganzes Leben war ein einziges Festhalten geworden, bis ihre Hände schmerzten und die Fingerknöchel weiß hervortraten.
Sie hatte das Vertrauen verloren, in sich und darin, dass sie auf den Beinen bleiben konnte.
Vor allem aber war in ihr ein tiefes Misstrauen in den Fluss des Lebens, in die Gerechtigkeit und die Möglichkeit, wenigstens für Tage wieder etwas wie Leichtigkeit, Glück und Liebe zu fühlen.
Emma beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf die Knie, legte das Gesicht in die Hände und schluchzte. Es war kein befreiendes Weinen, es war ein trockenes, verzweifeltes, fast würgendes Schluchzen, das schmerzte.
Zuerst dachte sie, das Meerwasser wäre hochgespritzt, als sie etwas Kühles auf ihrem Handrücken fühlte. Sie spreizte die Finger und spähte durch.
Vor ihr stand jemand, der sie angefasst hatte.
3
Überfall, war Emmas erster Gedanke. Oder ein Betrunkener, der sie vergewaltigen wollte.
Emma fuhr in die Höhe und trat der Person mit voller Wucht in den Unterleib. Sie hörte ein gequältes Aufstöhnen und sah mit Befriedigung, wie sich die Gestalt vor ihr krümmte.
Der Selbstverteidigungskurs, den sie als 16-Jährige absolviert hatte, machte sich zum ersten Mal bezahlt. Die Bewegungen, Schläge und Tritte zur Abwehr von Angreifern hatte sie damals so viele Male geübt, dass sie in Fleisch und Blut übergegangen waren. Emmas Bein bewegte sich wie durch eine Feder betätigt, ihre Hände fuhren auseinander, und die Handkanten schnellten wie zwei Beile links und rechts gegen den Hals des Mannes, der noch immer vorgebeugt dastand.
Wieder ein Stöhnen, der Angreifer geriet ins Wanken. Sie packte seinen Kopf unter dem Arm und drehte sich, als wollte sie dem Unbekannten das Genick brechen. Er schrie erschrocken auf, und um dem Schmerz zu entkommen, ließ er sich zu Boden fallen.
Genau das war Emmas Ziel gewesen. Es war ein Mann in einer dunklen Jacke und Jeans. Er lag auf dem Bauch, Emma war sofort über ihm, riss seinen linken Arm hoch und verdrehte ihn auf den Rücken. Sie kniete halb über dem Mann und hatte ihn jetzt unter Kontrolle. Wenn er sich bewegte, musste sie nur den Arm leicht nach oben drücken, schon würde er aufgeben.
Schlagartig fühlte sich Emma stark. Sie war über ihre Reaktionsgeschwindigkeit und Kraft selbst überrascht. Zugetraut hätte sie sich nichts davon.
»Polizei!«, rief Emma. Das heißt, sie wollte es rufen, aber die Aufregung schien in ihrer Kehle zu stecken. Sie brachte keinen Ton heraus.
Der Mann bewegte sich und versuchte den Kopf zu heben. Sofort verdrehte Emma seinen Arm fester, worauf er stöhnte und sich wieder sinken ließ. Sie räusperte sich kräftig und holte Luft. Ein neuer Versuch, um nach Hilfe zu rufen.
»Ich tue dir doch nichts. Ich bin Eric, vom Lucky Beach.«
Nein, das konnte jetzt nicht wahr sein. Emma fühlte sich wie in einem schlechten Film. So etwas passierte nur ihr, das war wieder typisch. Der Funke Selbstvertrauen, der aufgeglüht war, erlosch, als wäre eine Welle darüber gerollt. Um ganz sicher zu gehen, beugte sich Emma etwas vor. Der Mann hatte den Kopf zur Seite gedreht, und obwohl sein Gesicht schmerzverzerrt war und nur vom schwachen Mondlicht beleuchtet wurde, konnte sie das frech vorspringende Kinn von Eric erkennen, sowie das tiefe Grübchen, das sie irgendwie sexy fand.
Sie ließ ihn augenblicklich los und sprang von ihm.
»Entschuldigung. Tut mir wirklich leid. Ich… ich wusste nicht, dass du es bist. Ich dachte…«
Ächzend stützte sich Eric auf die Ellbogen und richtete sich langsam auf. Er hielt die Hand in seinen Schritt, als müsste er seine Geschlechtsteile vor Emma schützen.
»Was bist du im normalen Leben? Leibwächterin? Rauswerferin? Auftragskillerin?«
»Nein, nein, es tut mir wirklich leid.« Emma klopfte seine Raulederjacke ab, als könnte dort Sand kleben, den es aber am Kiesstrand von Brighton an dieser Stelle nicht gab.
Eric hustete. Noch immer konnte er nicht aufrecht stehen.
»Wenn ich mit dir keine Kinder mehr bekommen kann, ist das deine Schuld.«
»Kinder? Ich glaube, ich bin nicht talentiert für Kinder.«
»Emma, es war ein Scherz.« Eric blickte sie von unten mit einem sehr gequälten Lächeln an.
»Wieso hast du mich angefasst? Ich dachte, es ist ein Überfall. Jemand will mich vergewaltigen.«
»Hier? Wo es alle sehen können?« Eric schüttelte stumm den Kopf. »Emma, was guckst du für Serien?«
»Aber wieso hast du dich angeschlichen?«
»Habe ich doch nicht. Ich habe dich dreimal gerufen, aber du hast nicht reagiert. Hast du geweint? Es hat nämlich so ausgesehen, und ich wollte nur fragen, was los ist.«
»Ach, lange Geschichte«, sagte Emma ausweichend.
Eric musterte sie nachdenklich, stellte aber keine weitere Frage. Stattdessen sagte er: »Ich habe mein Moped bei den Arkaden geparkt und dich zum Wasser staksen gesehen. Du warst unsicher auf den Beinen.«
»Ich habe mir vorhin den Knöchel angeknackst. Darum hinke ich.«
»Zuerst wollte ich dich in Ruhe lassen, aber dann habe ich noch schnell eine geraucht, und du bist auf einmal eingesunken, als wäre dir übel geworden.«
»Nein, nein, das hat nur so ausgesehen. Unkraut verdirbt nicht«, sagte Emma mit wenig Überzeugung.
Eric konnte endlich wieder gerade stehen. Noch immer aber hatte er die Schultern leicht hochgezogen und sah verkrampft aus.
»Geht es wieder?«, erkundigte sich Emma.
»Wahrscheinlich bin ich dort unten blau.«
»Eric, es tut mir wirklich…«
»Wenn du mich schon brutal niederschlägst, dann spendierst du mir jetzt wenigstens einen Drink.«
»Gut. Einverstanden.«
»Wir nehmen mein Moped und fahren zum Fitzherbert.«
Das Fitzherbert war eine Bar in der Fußgängerzone, nicht weit vom Theater und vom Brighton Dome entfernt, wo Emma eine Ausstellung angesehen hatte. Der Eintritt war frei gewesen, und aus Langeweile war sie hineingegangen. Die Bilder waren alle wilde Farbklecksereien, nicht uninteressant, aber trotzdem hatte sie die Kunst darin nicht ganz sehen können. Das lag aber vielleicht auch an ihr.
»Hast du einen zweiten Helm für mich?«
»Du nimmst meinen. Ich riskiere mein Leben.«
»Das kann ich nicht verantworten.«
»Aber mich krankenhausreif zu prügeln schon?«
»Ich habe im Haus einen Helm. Den hat einer von Nells Gästen einmal vergessen und nie abgeholt. Ich gehe zu Fuß, und du holst mich ab. New Steine. Das Cherry Tree.«
4
Im Fitzherbert waren nur noch zwei Gäste. Burschen, die an einem der kleinen Tische saßen, schon ein paar Drinks gehabt hatten, lachten und sich gegenseitig auf den Rücken schlugen. Die Frau hinter der Theke war wenig erfreut, als Eric und Emma eintraten. Sie hätte wohl lieber schon bald geschlossen.
Die Tür war hinter ihnen noch nicht zugefallen, da kam noch ein Gast.
»Eric, Bier für dich?«, fragte Emma.
»Ein großes, ja. Ich sitze hinten in der Nische. Muss nur kurz…« Er hielt sein Handy hoch.
»Alles klar.« Emma fragte sich im Stillen, was Eric am Handy machen musste. Nachrichten beantworten? Von wem konnten sie sein?
»Das geht dich gar nichts an«, ermahnte sie sich und bestellte ein großes und ein kleines Bier.
Der Mann, der nach ihnen eingetreten war, stellte sich rechts neben sie.
»Gleich noch ein großes, bitte, wenn Sie schon dabei sind.«
Die Laune der Frau verbesserte das nicht. Sie ließ das Bier aus dem Hahn in ein hohes Glas rinnen, stellte es weg, zapfte das nächste, während der Schaum im ersten zurückging, stellte es weg und nahm ein kleineres Glas für Emma. Ihre Bewegungen waren sehr geübt und sicher.
Emma spürte einen Blick auf sich gerichtet. Sie spähte aus den Augenwinkeln zu dem Mann, der nur einen Schritt entfernt stand. Ihn umwehte der Duft eines Herrenparfüms, eine Mischung aus Leder, Holz und orientalischen Gewürzen.
Jetzt nur nicht zu ihm drehen, ermahnte sie sich. Wahrscheinlich starrte er auf den kleinen Leberfleck über ihrem rechten Mundwinkel. Er war zu klein, um als Schönheitsfleck zu gelten, und zu groß für eine dunkle Sommersprosse.
Neulich hatte Emma ein Mann in ihrem Alter angesehen. Sie hatten beide am Holzgeländer der Brüstung oben an der Marine Parade gestanden. Es war genau wie jetzt gewesen. Der Mann hatte sie prüfend betrachtet, und schließlich hatte sich Emma zu ihm gedreht.
Sein Gesicht war ernst, seine Brille hatte etwas zu dicke Rahmen, er trug ein weißes Hemd und dunkel Hosen und war damit besser gekleidet als die meisten Männer in Brighton.
Emma fand den Mann irgendwie interessant, und weil sie in letzter Zeit nicht viele Männer angesehen hatten, lächelte sie ihm zu. Er kam die zwei Schritte näher, die sie voneinander entfernt standen.
»Hallo«, sagte sie.
Er nickte kurz und räusperte sich. »Ich habe einen Tick«, waren seine ersten Worte. Emmas kurzer Moment, in dem sie sich wieder wie eine begehrenswerte Frau vorgekommen war, endete damit schlagartig. Am liebsten hätte sie sich einfach weggedreht und wäre gegangen.
Es war jedoch zu spät und kam noch schlimmer. »Ich habe einen Tick. Ich halte es nicht aus, wenn Leute Toastkrümel im Gesicht kleben haben. Sie haben hier einen.« Er deutete an die Stelle, wo sich Emmas Leberfleck befand. Sie starrte ihn ausdruckslos aus und antwortete dann: »Danke. Danke für den Hinweis.«
Auf so einen Hinweis hatte sie jetzt keine Lust. Jetzt nicht und in Zukunft nicht. Daher ignorierte sie den Blick, obwohl der Duft des Parfüms wirklich anziehend auf sie wirkte.
»Das macht fünf Pfund.« Die Kellnerin stellte das große und das etwas kleinere Bierglas vor sie auf eine blaue Frotteematte mit dem Logo des Fußballclubs Chelsea. Sie hatte die Gläser gut gefüllt und seitlich rannen Schaum und Bier herab. Emma kramte eine zerdrückte 5-Pfund-Note heraus und reichte sie der Frau. Sie nahm die Gläser und wollte sich nach rechts drehen, wo Eric an einem schmalen Tisch in einer Nische saß.
»Verzeihung«, sagte der Mann, der sie angestarrt hatte.
Nein, keine Bemerkung über Krümel von verbranntem Toast in meinem Gesicht, dachte Emma und beschleunigte die Drehung. Sie machte einen Schritt…
…das heißt, sie wollte einen Schritt machen. Aber etwas hielt ihren rechten Fuß zurück. Emma stolperte nach vorne, versuchte sich zu fangen, stolperte dabei aber weiter und ihre Hände mit den vollen Gläsern schnellten in die Höhe. Sie schaffte es die rutschigen Gläser festzuhalten, das Bier aber schwappte heraus. Der Mann war auf sie zugesprungen und hielt sie gerade noch fest, bevor sie stürzte.
Die Gläser waren halbleer, das Bier auf dem Boden.
Wie konnte man nur so ungeschickt sein?
»Brauchen Sie was zum Abwischen?«, fragte die Kellnerin. Sie klang noch mürrischer als zuvor.
»Nein, danke«, sagte Emma.
»Nicht Sie. Er!«
Erst jetzt bemerkte Emma, dass sie den Großteil des Biers über den Mann geschüttet hatte. Sein roter Strickpullover hatte auf der Brust einen großen nassen Fleck. Das Bier hatte seine Spur aber auch vorne auf der Jeans hinterlassen, was peinlich aussah.
»Es tut mir so leid. Entschuldigung.« Emma nahm die kleine Frotteematte vom Tresen und wollte den Fleck am Pulli trocknen. Der Mann ließ es sich gefallen.
»Ihr Schnürsenkel ist offen. Ich wollte Sie aufmerksam machen«, sagte er.
Emma blickte auf und in ein frisches, leicht gebräuntes Gesicht. Sie sah einen Anflug von Bartstoppeln, buschige Augenbrauen und ein Lächeln, das echt und freundlich schien. Sein Haar war kurz geschnitten und recht präzise frisiert.
Als sie da so mit dem nassen, nach Bier stinkenden Frotteetuch an seinem Pullover fummelte, kam sich Emma wieder einmal unendlich lächerlich vor.
»Lassen Sie mich.« Die Kellnerin war hinter dem Tresen vorgetreten und schob Emma zur Seite. Sie hatte ein frisches Geschirrtuch gebracht und tunkte das Bier vom Pullover mit schnellen Griffen auf. Danach zeigte sie auf die Flecken am Hosenstall und meinte: »Das tun Sie besser selbst.« Der Mann lachte kurz auf und nahm ihr das Tuch ab. Als er fertig war – mit nicht so viel Erfolg wie am Pullover – nahm sie ihm das Tuch wieder ab, warf es auf den Boden und bewegte es mit der Schuhspitze über die Bierpfütze.
»Tut mir wirklich leid.« Emma zuckte entschuldigend mit den Schultern.
»Last order«, rief die Kellnerin und läutete die Schiffsglocke an der Wand neben dem Tresen.
»Ein Glas Chardonnay«, bestellte der Mann.
Die Tür des Pubs wurde aufgestoßen, und eine dunkelhaarige Frau schlüpfte herein. Sie hatte diese Art sich zu bewegen, um die sie Emma sofort beneidete: sicher, elegant, sehr damenhaft. Die Frau winkte dem Mann, kam auf ihn zu und betrachtete ihn stirnrunzelnd. »Was ist dir denn passiert?«
»Kleiner Unfall mit zwei Biergläsern. Muss nur trocknen.«
Emma war erleichtert, dass er sie aus dem Spiel ließ. »Wieso warst du nicht in der Vorstellung?«, hörte sie die Frau vorwurfsvoll fragen. Sie deutete mit dem Daumen über die Schulter Richtung Stadttheater, das schräg gegenüber vom Fitzherbert lag.
»Weil ich viel zu spät war, verzeih mir. Ich war unten am Strand beim Pier. Jamie hat schon sehr auf seinen Abendspaziergang gewartet, denn ich war heute lange in der Kanzlei und musste noch so viel vorbereiten für die Verhandlung morgen.«
»Du kennst nur deine Arbeit.«
»Ich muss es morgen schaffen, für meinen Klienten 500.000 Pfund zu retten, weil er sonst pleite geht. Aber ich komme am Dienstag in die Vorstellung. Versprochen.«
Die Kellnerin schob das Glas mit dem Weißwein zu den beiden.
Emma fragte kläglich, ob sie bitte noch einmal ein Pint und ein halbes Pint haben könnte. Wortlos machte sich die Kellnerin ans Zapfen. Eric tauchte neben Emma auf. »Ich übernehme das.«
»Nein, ich.«
»Du bindest deinen Schnürsenkel.«
Gehorsam bückte sich Emma nach unten. Sie kam sich vor wie ein dummes, kleines Schulmädchen.
Eric bezahlte und trug die Gläser in die Nische. Er holte auch noch zwei Säckchen Chips, riss beide auf und drehte sie Emma hin.
»Danke, nein.« Sie klopfte auf ihren Bauch.
»Bist du schwanger? Von wem?«, fragte Eric grinsend.
Emma nahm das Glas und drohte scherzhaft, es ihm über den Kopf zu leeren.
Sie prosteten sich zu und nahmen beide einen Schluck. Das Bier war genau richtig gekühlt und schmeckte.
»Was ist los? Hast du geweint am Strand oder nicht?« Eric sah sie auf eine Art an, als wollte er ausdrücken, dass es für Emma kein Entkommen gab. Sie musste ihm jetzt die Wahrheit sagen.
Lieber Wer-immer-du-bist,
37 Minuten nach Mitternacht. Könntest du Eric sein? Wäre das möglich? Können diese Briefe wirklich so schnell wirken, und habe ich meinen zukünftigen Mann schon angezogen? Habe ich vorhin einen Fehler gemacht, als mich Eric vor der Haustür abgesetzt hat? Hätte ich dich hereinbitten sollen auf einen »letzten Drink«, der natürlich direkt ins Bett geführt hätte?
Eric, ich hätte dich so gerne hier behalten, ich gebe es zu, wenn du derjenige bist, an den ich diese Briefe schreibe. Ich hätte dich gerne an mich gezogen und dich geküsst. Du hast dich so angenehm angefühlt, als ich hinter dir auf deinem Moped gesessen und mich an dir festgehalten habe.
Gehst du viel ins Fitnessstudio? Trainierst du? Deine Bauchmuskeln sind stark, und Schwimmreifen scheinst du keinen zu haben. Jedenfalls konnte ich keinen durch deine Lederjacke spüren.
Ich sitze hier und schreibe dir, weil ich einfach loswerden muss, wie unendlich blöd ich mich fühle. Wenn du wirklich derjenige bist, der in mein Leben soll (ich kann mir das vorstellen), dann habe ich unser erstes Date total verhaut. Nicht wegen des Tritts in deine Mitte. Das war irrtümliche Notwehr. Nein. Aber ich habe auf jede deiner Fragen eine falsche Antwort gegeben. Mit falsch meine ich, eine erfundene Antwort, eine Lüge.
Langsam finde ich diese Briefe, die ich hier schreibe, gut, weil ich dir etwas sagen kann, was ich dir gegenüber nicht auszusprechen wagen würde.
Du hast mich gefragt, ob ich am Strand geweint habe. Meine Antwort: Ich habe eine Atemmeditation gemacht, mit stoßweisem Ausatmen. Nell tut das regelmäßig, und ich habe sie dabei beobachtet, am Tag bevor sie abgereist ist.
Die Wahrheit ist: Ich habe geweint, weil es der einzige Weg ist, diesen schrecklichen Knoten in meinem Hals und meiner Brust loszuwerden, der dort sitzt und wehtut.
Eric, wie soll ich dir jemals sagen, wer ich wirklich bin? Du würdest sicher allen Respekt vor mir verlieren. Es kann nicht anders sein, denn ich habe selbst vor mir keinen Respekt mehr.
Wenn du wüsstest, was ich alles getan habe in den vergangenen Jahren und welche Folgen es für die Menschen rund um mich hatte, und für mich natürlich auch.
Deshalb lüge ich. Deshalb rede ich von stoßweiser Atmung und Meditation. Deshalb habe ich dir auch im Lucky Beach, als du mich auf den Mojito eingeladen hast, erzählt, ich wäre Journalistin und würde eine große Geschichte über die kleinen Hotels und B&Bs in Brighton recherchieren. Deshalb hätte ich das Hotel von Nell für einige Monate übernommen.
Du hast es geglaubt und mich bewundert, weil ich für ein Magazin schreibe.
Aber es war alles nur gelogen.
Manchmal bekomme ich in letzter Zeit Angst, dass ich mir die Lügen nicht merke, die ich Leuten erzähle. Ich versuche wenigstens, ziemlich die gleichen Geschichten zu verwenden, um nicht völlig durcheinander zu geraten.
Aber bestimmt würdest du dich nicht mehr über den Tisch beugen und »Echt?« sagen, wenn ich dir reinen Wein einschenke. Dabei mag ich diese Momente mit dir so besonders. Weil ich dann deine dunklen Augen aus der Nähe sehe und die kleine Narbe über der Augenbraue, die vom Biss deiner Zwillingsschwester stammt.
Heute habe ich mich so zurückhalten müssen, dir nicht mit den Fingern durch deine Haare zu fahren. Ich hätte nie gedacht, dass ich rote Haare anziehend finde, aber deine schon.
»Ginger« nennt ihr die Farbe hier. Wieso eigentlich Ingwer? Ingwer ist doch nicht orange oder rot, sondern eher gelb.
Es tut so gut, mit dir zu reden. Danke, dass du mich vor drei Wochen auf den Mojito eingeladen hast, als ich im Lucky Beach gesessen habe. Ich hätte mir den Drink nie leisten können, dabei ist Mojito ganz oben auf meiner Hitliste.
Der Grund, wieso ich trotz des Regens in ein Strandcafé gekommen bin, war die Hoffnung auf eine frühe Happy Hour. Wenig Gäste, mehr Großzügigkeit, habe ich gedacht. Aber ich hätte nie damit gerechnet, dass du mich einlädst.
Weiß das dein Chef? Hat er eine Ahnung, dass sein Caféleiter/Kellner Frauen auf Drinks einlädt?
Er ahnt es, wie alle Lokalbesitzer ahnen, dass ihre Mitarbeiter sich bedienen. Es war bei uns auch so, daher kenne ich mich aus. Aber daher weiß ich auch von »frühen« Happy Hours, von verbilligten Drinks, damit die wenigen Gäste zu trinken anfangen, auf den Geschmack kommen und weitertrinken. An schwachen Tagen kann man so gutes Geschäft machen.
Wie du hörst, bin ich Expertin.
Oder ich war Expertin. Mich lässt niemand mehr in ein Lokal, um es zu leiten, wenn er oder sie erfährt, was geschehen ist.
Vielleicht deshalb eine Warnung: Bleib besser weg von mir. Ich bringe kein Glück.
Jetzt bin ich beruhigt, dass ich dich nicht ins Haus eingeladen habe. Es ist gut, dass nichts weiter geschehen ist. Für einen One Night Stand bist du einfach zu freundlich.
Habe gerade gelesen, was ich alles geschrieben habe. Ich muss verrückt sein. Dieses Briefeschreiben muss aufhören. Ich werde den Brief zerreißen und wegwerfen.
Wieso schreibe ich das auf? Wieso schreibe ich meine Frage auf, wieso ich das aufschreibe?
Emma, du hast sie nicht mehr alle.
Mit einem tiefen Seufzer richtete sich Emma auf. Es war genug. Wenn sie mit Eric flirten wollte, dann musste sie nur ins Lucky Beach gehen und sich an einen Tisch setzen. War wenig Betrieb, hatte er Zeit. Sie konnte weiter vorgeben, Journalistin zu sein. Vielleicht gefiel sie ihm, und er hatte Spaß an einem kleinen Flirt.
OMG, wie lange hatte sie schon nicht mehr geflirtet. Am vergangenen Abend war es das erste Mal gewesen, dass sie mit einem Mann annähernd das gehabt hatte, was man Flirt nennt. Natürlich sehnte sie sich auch nach mehr Berührung, einer langen Umarmung, zarten Küssen, die langsam heftiger wurden, und sie hätte nichts dagegen gehabt, auch wieder einmal einen Mann in ihrem Bett zu haben.
Es würden dann wieder die üblichen Zweifel und Unsicherheiten beginnen, aber das nahm sie in Kauf.
Ja, sie beschloss, Eric beim nächsten Mal einfach Andeutungen zu machen, dass sie bereit für mehr wäre. Bisher erschien er als liebenswert, wenn auch nicht als Traummann. Ihre Lügen würde er irgendwann herausfinden, aber wenn sie bis dahin schon Spaß miteinander gehabt hatten und die Gefühle abgeflaut waren, konnte es ihr egal sein.
Nachdenklich blickte sie durch das Erkerfenster auf die parkenden Autos.
Emma, Emma, was ist aus dir nur geworden, fragte sie sich im Stillen. Viel wichtiger aber war wohl die Frage, was aus ihr werden sollte?
Sie schob den Stuhl zurück und stand auf. Zeit, ins Bett zu gehen. Schlafen und vergessen. Das hatte in der Vergangenheit immer geholfen.
5
Wie viel hatte sie am Abend getrunken? Beim Aufwachen fühlte sich Emma wie nach einer Partynacht. Sie versuchte sich genau zu erinnern, und ihr fielen nur zwei kleine Bier ein. Davon konnte sie doch nicht so benebelt sein.
Sie setzte sich im Bett auf und warf einen Blick aus dem Fenster. Ihr Zimmer – eigentlich das Schlafzimmer ihrer Tante Nell – lag unter dem Dach, war niedrig und eng. Emma mochte hier so gut wie gar nichts: Die Blümchentapete war hoffnungslos altmodisch und ausgebleicht, das Bett zu hoch und für ihren Geschmack zu weich, das Braun des Schranks der Nachtkästchen hatte ihr vom ersten Moment an nicht gefallen.
Das Wetter verbesserte ihre Laune auch nicht gerade. Der Himmel hatte das gewohnte Grau und der Wind rüttelte an den Hälften der Schiebefenster. Emma rechnete mit Regen bis spätestens Mittag.
Was für ein großartiger Wochenbeginn, dachte sie und stand auf.
Die Küche befand sich, wie in vielen dieser Häuser, im Souterrain. Es war ein Keller, der halb aus dem Boden ragte und Fenster besaß, durch die Licht fallen konnte. Emma stapfte gähnend die steilen Treppen hinunter. Das Haus war schmal, besaß aber vier Stockwerke samt Dachgeschoss, und dann noch Küche und Essraum im Keller.
Sie fröstelte und zog den ziemlich ausgeleierten Bademantel fester um sich und den Stoffgürtel zu. Auch der Mantel war aus dem Besitz ihrer Tante, und Emma hoffte, sich bald einen eigenen neuen kaufen zu können.
Aus Sparsamkeit hatte sie die Heizung nicht mehr eingeschaltet, aber in Brighton brauchte man sie manchmal sogar im Juli, hatte ihr Patricia erklärt. Der Anblick, der sich Emma in der Küche bot, war auch nicht sehr erfreulich: Drei volle Müllsäcke lehnten an der Anrichte, weil sie so oft vergessen hatte, sie hinaus an den Zaun zu hängen. In Brighton war es nicht erlaubt, den Müll einfach nur hinzustellen, da die Möwen sonst die Säcke aufrissen und den Abfall nach Fressbarem durchwühlten.
Sie füllte den elektrischen Teekessel und schaltete die Espressomaschine an. Während sie wartete, bis das Wasser kochte, schlenderte sie durch den Essraum. Hier gab es vier kleine Tische, an denen die Gäste ihr Frühstück einnehmen konnten. Auch diese Möbel waren alt und strahlten etwas Liebloses aus.
Ein schmaler Spiegel an der Wand sollte den kleinen Raum größer erscheinen lassen. Emma betrachtete sich kurz und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. Waschen, machte sie eine mentale Notiz. Sie war verstrubbelt, hatte dunkle Schatten unter den Augen und mochte sich an diesem Morgen gar nicht.
Vor dem Haus hörte sie das Brummen eines großen Wagens. Sie blickte durch das Fenster und sah das untere Drittel eines Müllautos.
Jetzt aber schnell, sonst blieb sie auf ihrem Mist noch länger sitzen, und es würde hier drinnen zu stinken beginnen. Sie raffte die drei Müllsäcke zusammen und lief damit ins Erdgeschoß. Auf dem Weg zur Eingangstür fiel ihr Blick in das kleine Arbeitszimmer und auf den übervollen Papierkorb. Er musste auch endlich ausgeleert werden. Sie trat die Papierbälle mit dem bloßen Fuß hinein und schnappte den ganzen Korb. Es war keine Zeit mehr, den Abfall in einen der Plastiksäcke umzufüllen.
Auf der Straße schlug ihr gleich der Wind vom Meer entgegen. Er wehte ihren Bademantel ein wenig hoch, und Emma versuchte ihn mit den Ellbogen wieder hinunterzuschieben.
Der Müllwagen war schon weiter nach oben Richtung St. James’s Street gefahren.
»Warten Sie bitte!«, rief Emma und rannte hinterher. Die Müllsäcke schlugen gegen ihre Beine, der Papierkorb geriet gefährlich ins Rutschen.
Zwei Männer sammelten die Müllsäcke von den Zaunstangen der Häuser ein. Einer war klein mit muskulösen Armen, der andere hatte etwas Aristokratisches an sich. Die Männer drehten sich zu ihr, und der Kleine kam wortlos auf sie zu und nahm ihr die Säcke ab. Der andere deutete auf den Papierkorb. »Das nehmen wir nicht.«
»Jaja, verstehe«, Emma nickte schuldbewusst. Für Papier und Karton gab es einen Container am anderen Ende des Platzes, an der Ecke des Parks.
Als der Müllwagen mit einem Ruck weiterrollte, kam jemand um die Ecke. Zuerst sah Emma nur einen kleinen Hund, weiß mit braunen Flecken, der heftig an der Leine zog. Ihm folgte -
Sie erkannte ihn sofort. Es war der Mann aus dem Pub, dem sie das Bier über den Pulli gegossen hatte. Er trug einen dunklen Anzug, weißes Hemd mit Schlips und schwarze Lederschuhe.
»Langsam, Jamie, nicht so ziehen«, befahl er dem Hund, für den das aber nur eine Aufforderung zu sein schien, noch mehr Gas zu geben.
Emma fiel der graue Bademantel ein und das ausgeleierte T-Shirt, das sie darunter trug. Sie musste verwahrlost aussehen und es war ihr peinlich, wenn der Mann sie so sah. Sie griff an den Kragen und hielt mit einer Hand den Mantel am Hals zu. Ein neuer Windstoß schlug ihr vom Meer entgegen und wehte unter den Bademantel. Sie fühlte, wie der Saum hochgehoben wurde und drückte ihn mit der Hand energisch nach unten. Dabei kippte der Papierkorb und ein paar der Papierbälle fielen auf die Straße.
»Nein«, hörte sich Emma rufen. Der Wind trieb die Papierbälle vor sich her, und Emma nahm die Verfolgung auf. Sie schaffte es, einen einzufangen, als der kleine Hund neben ihr auftauchte. Er fand, dass die Jagd ein lustiges Spiel war und entriss ihr, was sie gerade eingesammelt hatte. »Gib das her!«, schrie sie ihn an.
»Aus, Jamie, aus!« Der Mann kam Emma zu Hilfe, hockte sich neben sie und versuchte, seinem Hund die Beute zu entwenden. Emma kroch auf allen Vieren herum und schlug nach den weißen Bällen. Sie bekam einige zu fassen und beförderte sie in den Papierkorb zurück, den sie unter den linken Arm geklemmt hielt.
»Hier!« Der Mann streckte ihr die Hand hin. Emma wollte ihm abnehmen, was er für sie eingefangen hatte. Da er sich gleichzeitig zu ihr vorbeugte, schlug sie ihm aber voll auf die Wange.
»Verzeihung, ich wollte Ihnen nur helfen!« Er stand auf und hob abwehrend die Hände.
»Entschuldigung, entschuldigen Sie vielmals!« Emma wäre am liebsten im Boden versunken. Sie spürte den musternden Blick des Mannes.
»Kann das sein, sind Sie die Dame, die mir gestern das Bier…?«
»Ja, ich bin das. Entschuldigung noch einmal.« Emma nahm ihm die Papierkugeln ab und stopfte sie in den Korb. »Schönen Tag noch.«
Was war der Superlativ von peinlich, dachte sie. Oberpeinlich. Oder unerträglich peinlich? Sie drehte sich einmal im Kreis um zu sehen, ob ihr ein Papier entgangen war, konnte aber keines mehr entdecken.
Jamie wedelte und blickte hechelnd zu ihr. Den Blick seines Herrchens konnte sie nicht deuten, wahrscheinlich hielt er sie für geistesgestört, und sie konnte es ihm nicht verdenken.
»Ja, Entschuldigung dann noch einmal«, stammelte sie, und das verlegene Grinsen in ihrem Gesicht verursachte ihr Gänsehaut. Sie stolperte am Park entlang hinunter zu dem großen grünen Container. Er besaß ein rechteckiges Einwurfloch an der Oberseite, durch das sie den Papierkorb entleerte. Sie schüttelte ihn ein paar Mal, damit auch wirklich alles aus ihm rausfiel. Danach stellte sie sich auf die Zehenspitzen und sah durch die Öffnung.
Ihre hilflosen Briefversuche hatten es sich schon in der Tiefe des Containers zwischen alten Zeitungen und Kartons mit dem Amazon Logo gemütlich gemacht.
Als sie zu ihrem Haus zurückeilte, waren der Mann und Jamie nicht mehr zu sehen. Sie konnte ihnen nicht verübeln, vielleicht auf der anderen Seite des Platzes zu gehen, um einen Bogen um diese Wahnsinnige zu machen, die aussah, wie gerade aus einer Anstalt entkommen.
Oh, Emma, dachte sie und schlug die Tür hinter sich zu.
6
Tut mir leid, aber dieses Briefeschreiben kommt mir einfach nur verrückt vor.« Emma seufzte. Es war Abend, und sie hatte eine Einladung zum Abendessen bei ihrer Freundin Patricia angenommen.
»Emma.« Patricia setzte sich ihr gegenüber an den Esstisch. Sie war noch immer von ihrer Arbeit geschminkt: dunkel umrahmte Augen, violetter Lippenstift, silberfarbener Lidschatten, der ein wenig glitzerte. Mit einem geschickten Griff öffnete sie ihre Haare, die hinten auf dem Kopf zusammengesteckt waren. Die dicken Locken der Kraushaarmähne wippten auseinander wie Sprungfedern. Patricias Gesicht erinnerte Emma immer an einen kleinen Mond, der aus der Nacht der dunklen Mähne schien.
»Ich weiß, du hast es mir erklärt, und ich…«
Patricia legte ihre Hand auf die von Emma. Die Fingernägel waren mitternachtsblau lackiert und mit kleinen Goldsternchen beklebt. »Das Business braucht diese Verkleidung. Ich könnte meine Vorhersagen auch im Bikini machen, aber das nehmen die Leute nicht so ernst«, hatte Patricia einmal ihren Aufzug erläutert.
»Emma, du hörst mir jetzt noch einmal genau zu, solange wir nüchtern sind. Danach werden wir zur Feier des Tages, weil du es endlich verstanden hast, eine Flasche Sauvignon Blanc köpfen und leeren. Und wenn uns danach ist, auch noch eine zweite. Damit überschreiten wir das erlaubte Tageslimit an Alkohol, erweisen uns als völlig unvernünftige und alkoholgefährdete Frauen, aber das ist mir egal. Ich hoffe, dir auch.«
Gehorsam nickte Emma, denn etwas anderes hätte Patricia nicht geduldet.
»Ich sage es dir noch einmal.« Patricia redete in ihrer ruhigen, etwas rauchigen Stimme, in der sie manchen Leuten Vorhersagen für ihr Leben machte, die in Wirklichkeit eine Art Hypnose waren, wie sie ebenfalls einmal verraten hatte. »Außerdem kannst du es auf meiner Homepage nachlesen.« Sie griff nach ihrem Laptop, klappte ihn auf, tippte und drehte Emma den Bildschirm hin.
Emma las mit, während Patricia ihr vorlas.
Liebesbrief an Unbekannt
Die Kraft der Anziehung nutzen, um einen Partner mit Herz und Hirn ins Leben zu ziehen. Wer Energie ausstrahlt, zieht Energie an. Es muss aber die richtige Energie sein, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen.
Stell deine Energie vom »Wunsch nach einem Partner« auf »Ich habe einen Partner und bin glücklich« um, dann wirst du ihn in dein Leben ziehen.

Briefe an einen Partner zu schreiben, der nur in der Zukunft existiert, ist ein Zeichen an den Kosmos, diesen Menschen in deine Richtung zu bewegen, damit ihr einander treffen könnt.

Da diese Technik eher von Frauen angewendet wird als von Männern, richtet sich diese Anweisung auch an Frauen. Alle Herren sind aber herzlich eingeladen, es genauso zu machen.

Grundsätzlich: Du bist eine Frau, die einen großartigen, warmherzigen, ehrlichen, gut aussehenden Mann verdient. Einen Mann, der dich liebt und den du aus ganzem Herzen liebst. Einen Mann, der dich ehrlich will und nicht braucht und umgekehrt genauso. Einen Mann, der dein bester Freund ist, und du bist seine beste Freundin. Gerne fügen wir hinzu, dass er eine Kanone im Bett und treu ist.

Wir legen uns weder auf Haarfarbe noch Beruf oder Herkunft fest, denn diese Wahl überlassen wir dem Universum, dem Kosmos, der großen Macht, die uns umgibt.

Dieser Mann ist bereits geboren. Er hat genau das richtige Alter für dich und er ist gerne bereit, in dein Leben zu kommen, weil er dich genauso gerne treffen möchte wie du ihn. Er sucht eine Frau wie dich, weiß es vielleicht aber noch gar nicht, und dich kennt er schon gar nicht.

Dieser Mann mag irgendwo auf der Welt sein, aber das spielt keine Rolle, wenn du gewillt bist, ihn in dein Leben zu ziehen.

Du wartest nicht auf deinen Märchenprinzen, denn es gibt keine Märchenprinzen. Du bist auch keine Prinzessin, sondern eine Prachtfrau mit jeder Menge Macken, die dazugehören. Bei ihm ist es nicht anders.

Schick Energie an den Unbekannten aus, damit er dich finden kann. Er wird zu dir gezogen, oder aber du entdeckst den Weg zu ihm. Dafür musst du leuchten. Deine Energie muss das Universum durchdringen und in tausenden kleinen Strahlen ausgesandt werden. Einer davon wird den Mann deines Herzens und dich zusammenführen.

Liebesbriefe an Unbekannt zu schreiben ist eine Art, die richtige Frequenz einzustellen, damit du deinen Traummann anfunkst. Du musst die Wellenlänge vorgeben, auf der du funkst. Ist sein Empfänger auf diese Wellenlänge eingestellt, so wird durch Zeit und Raum ein unsichtbarer Kontakt hergestellt. Die kosmischen Kräfte werden alles in Bewegung setzen, damit Funkturm – also du – und Empfangsgerät – also er – zueinander finden.
7
Emma ließ die Worte einsickern. »Wie lange kann das dauern?«
»Von fünf Sekunden bis zu fünf Jahren.«
»Die fünf Sekunden hören sich gut an, die fünf Jahre weniger. Bis dahin bin ich alt und grau.«
»Wie alt bist du jetzt?«
»29.«
»Aha, und mit 34 bist du alt und grau.«
»Du weißt, wie ich das meine.«
»Die fünf Sekunden sind schon allein deshalb zu kurz für dich, weil du einen Mann brauchst. Weil du ihn dir so wünschst.« Patricia schlug auf die Tischplatte. Die vielen kleinen Glücksbringer aus aller Welt hüpften in die Höhe. »Das ist die beste Art, den wirklich richtigen Mann von dir fernzuhalten. Du würdest ihn nämlich erdrücken, wie eine Boa constrictor ihre Beute.«
»Patricia, es ist überhaupt nicht so…«
Emma traf ein langer, ruhiger Blick aus den geschminkten Augen. Patricia legte den Kopf leicht zur Seite und schwieg einfach nur. Nach ein paar Atemzügen stammelte Emma herum, schluckte und wurde verlegen. Weil sie den Blick nicht aushielt, sah sie im Raum herum: Es war ein geräumiges Wohnzimmer, in dem auf allen geraden Flächen hohe Stapel von Büchern lagen.
Ganz oben auf den beiden höchsten Stapeln thronten die Katzen Isis und Osiris. Sie war eine schwarz-weiß-rote Glückskatze, er ein pechschwarzer Kater mit weißen Pfoten und einem weißen Schwanz. Mit seinen smaragdgrünen Augen sah er auf Emma herab. Als sich ihre Blicke trafen, glaubte sie eine Stimme in ihrem Kopf zu hören.
»Kannst du das alles endlich kapieren, du dumme Nuss?«
Natürlich war es nicht der Kater, der das gesagt hatte. Oder doch?
Sanft tippte Patricia mit den Fingerspitzen auf Emmas Handrücken. »Du tust einfach genau, was ich dir sage, und wenn der Zweifel sich meldet, dann sagst du ihm einfach…«, Patricia schrie die nächsten Worte so laut, dass die beide Katzen herabsprangen und sich unter dem Sofa verkrochen: »Halt die Klappe!!!«
Mittlerweile wusste Emma, dass Patricias zweiter Vorname Sturheit war. Es war sinnlos, ihr zu widersprechen. Vielleicht kam das von ihrem Beruf, in dem sie Leuten ihre Zukunft vorhersagte. Sie musste es auf eine Weise tun, die die Leute überzeugte, und deshalb hatte sie sich angewöhnt, so eindringlich zu reden.
»Ich mache es.«
»Gutes Mädchen«, lobte Patricia und lächelte.
»Aber was tue ich mit den Briefen?«
»Was immer du gerne willst. Manche lesen sie laut dem Universum vor. Andere Leute versperren sie in einer Lade. Andere schreiben sie in ihr Tagebuch. Andere tippen sie auf dem iPad. Andere verbrennen sie. Hauptsache, du hast beim Schreiben deine Frequenz gefunkt.«
Emma wusste, dass sie sich albern fühlen würde, wenn sie die Briefe später las. Vor allem, wenn kein Traummann aufgetaucht war und die ganze Aktion umsonst.
»Stopp!«, rief Patricia. Emma fuhr zusammen. »Du zweifelst schon wieder.«
»Wieso weißt du das?«
»Liebste, mein Beruf ist Hellsehen und ein wenig Gedankenlesen. Außerdem steht dir alles mehr oder minder auf die Stirn geschrieben. Mit Leuchtbuchstaben.«
Verlegen grinsend atmete Emma tief durch.
»Hast du diesen Rat schon anderen gegeben? Das mit den Liebesbriefen an Unbekannt?«
»Vielen.«
»Und?«
Patricia überlegte und zählte mit den Fingern. »Trefferquote hängt immer davon ab, wie ernsthaft Leute die Briefe schreiben und wie sehr sie daran glauben, den richtigen Partner oder die Partnerin dadurch ins Leben zu ziehen. Bisher habe ich damit mehr als dreißig Beziehungen gestiftet. Neun davon sind verheiratet, fünf sind verpartnert, und nur eine Beziehung ist wieder in die Brüche gegangen. Kein schlechter Schnitt, finde ich.«
»Bei mir ist auch ein Mann aufgetaucht. Sonntagabend.«
»Erzähl!« Patricia deutete Emma, kurz zu warten, und holte schnell den Weißwein und zwei Gläser. Sie schenkte ihnen ein und sie prosteten sich zu.
Emma berichtete vom Spaziergang zum Strand und der Begegnung mit Eric.
»Ist er der Richtige? Was meinst du? Habe ich ihn angezogen?«
Wieder sah sie Patricia nur schweigend an.
»Sag etwas, bitte. Ich halte deinen Blick nicht aus«, flehte Emma.
»Cheers.« Patricia hielt das Glas in ihre Richtung, um erneut anzustoßen. Mehr war aus ihr an diesem Abend zum Thema Eric nicht herauszubekommen. Dafür wurde Quiche mit Tomaten und Karotten, dazu Fenchelsalat mit Orangenfilets serviert.
8
Es tat einfach gut, mit Patricia Zeit zu verbringen. Emma fühlte sich leichter, fast ein wenig beschwingt, als sie durch die Nacht nach Hause marschierte.
Ein angenehmer, frühlingswarmer Wind wehte ihr ins Gesicht. Die unerwartete Wärme um diese Zeit war wie ein Geschenk. Die Arme schwingend stapfte Emma durch die dunklen Straßen Richtung Meer, und die Umhängetasche, in der sie ihre wichtigsten Habseligkeiten immer bei sich trug, schlug bei jedem Schritt an ihr Hinterteil.
Beim Verabschieden, als sie sich Küsse auf die Wangen gehaucht hatten, hatte ihr Patricia noch ins Ohr geflüstert: »Träume, schreibe und glaube daran.«
Vielleicht würde Emma wirklich noch einen weiteren Brief an ihren zukünftigen Traummann schreiben. Nach zwei ziemlich großen und ziemlich vollen Gläsern Wein erschien ihr das Briefeschreiben wieder reizvoller.
Emma ging am Aquarium von Brighton und dem großen Bogentor vorbei, hinter dem sich der Pier ins Meer hinaus erstreckte. Sie steuerte die Kaimauer an und lief die Treppe hinunter zum Strand.
Dort, an die Mauer geschmiegt, gab es einige Bars und Cafés. Lucky Beach war eines der letzten Cafés, und auf Grund des milden Abends hatte es vielleicht noch geöffnet. Die Chancen standen um diese Jahreszeit nicht sehr gut, aber Emma wollte es trotzdem versuchen.
Sie hoffte, Eric zu treffen. Insgeheim vermutete sie, dass Lust und Mut mehr mit dem vielen Wein zu tun hatten als mit neuem Selbstvertrauen. Emma musste sich zwingen, nicht an das hässliche Unglücksentlein zu denken, als das sie sich seit längerem empfand.
Die ersten beiden Bars hatten die Rollbalken heruntergelassen. Außer Emma schien niemand mehr hier unterwegs zu sein.
Die Hoffnung stirbt zuletzt, gab Emma an sich selbst als Parole aus.
Auf der Holzterrasse des Restaurants, das als nächstes kam, waren Tische und Stühle gestapelt und mit Stahlseilen verbunden, damit sie niemand stehlen konnte. Der Kiosk, wo man im Sommer Souvenirs, Strandspielzeug und Sonnencreme kaufen konnte, lag noch im Winterschlaf. Die Fenster waren sogar vernagelt.
Mit jedem Schritt sank Emmas Stimmung. Es wäre wirklich schön gewesen, Eric diesmal zu ihr nach Hause einzuladen und einen Drink mit ihm zu nehmen. Sie kannte vom Besuch im Fitzherbert die Marke seines Lieblingsbieres und hatte vorsorglich zwei Dosen davon gekauft und in den Kühlschrank gestellt.
Emma lief schneller, um Klarheit zu bekommen. Sie spürte eine Enttäuschung nahen und wollte den traurigen Moment so schnell wie möglich hinter sich bringen.
Das Lucky Beach bot denselben verlassenen Anblick wie die anderen Lokale. Kam es ihr nur so vor, oder wurde die Nacht schlagartig dunkler? Auch das Rauschen der Wellen hatte seine sanfte, beruhigende Wirkung verloren. Emma hörte nur noch die Kiesel aneinanderschlagen, die das Wasser bewegte. Es war ein Knirschen, wie von Zähnen.
Einen Versuch war es wert gewesen, versuchte Emma sich zu trösten. Als sie allein vor dem verriegelten Café stand, überkam sie wieder diese schmerzhafte Einsamkeit. Sie neigte den Kopf nach hinten und blickte zum Himmel hoch, zu den Sternen, von denen hier, mit kleinem Abstand zur Beleuchtung der Küstenstraße, mehr zu sehen waren.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen, die sie energisch mit dem Handrücken wegwischte.
»Blöde Kuh«, schimpfte sie sich selbst. Es war ein Gefühl, als würde ihr jemand den Hals abschnüren, und selbst mehrfaches Schlucken half nichts. Die Traurigkeit, die sich in ihr aufgestaut hatte, zog sie hinunter und erfüllte ihren Körper wie schwarzes Blut.
Emma musste sich setzen. Sie holte einen Stuhl unter einem Tisch hervor. Das Stahlseil zur Sicherung war lang genug, um ihm Bewegungsspielraum zu geben. Die Kälte des Metalls drang durch den Stoff ihrer Hose. Sie hätte am liebsten losgeheult, aber sie konnte einfach nicht mehr. Die Verzweiflung steckte in ihr und bereitete ihr diese unendliche Qual.
Wie sollte ihr Leben weitergehen? Wie sollte ein Mensch, der einfach nur versagt hatte, jemals wieder Freude finden?
Die Luft hatte die salzige Frische, die früher in Brighton von Kranken zur Heilung gesucht worden war.
Für jemanden wie mich gibt es keine »Heilung« mehr, hing Emma den düsteren Gedanken nach. Sie wucherten in ihrem Kopf wie ein Geschwür. Emma spürte ihre Tasche am Rücken, zog sie vor und öffnete sie. Sie kramte in der Unordnung von Schlüsseln, Pass, Geldtasche, Taschentüchern, Kaugummi und einem Lippenstift ohne Kappe. Sie holte einen alten Plastikkugelschreiber und ein paar Papierumschläge heraus, die an diesem Tag durch den Briefschlitz geworfen worden waren. Emma hatte sie vom Boden aufgehoben und beim Verlassen des Hauses eingesteckt. Sie war zu faul gewesen, zurückzugehen und die Post in der Diele abzulegen.
Das Papier der Kuverts diente ihr nun zum Schreiben.
Lieber Wer-immer-du-bist,
eigentlich kann ich dich nur warnen. Komm nicht. Bleib mir fern, denn ich bringe nur Unglück.
Mir selbst
Dir
Allem, was ich anfasse.
Weißt du, was meine Mutter gesagt hat, einen Tag nach der Katastrophe? Ich habe bei ihr gesessen und war so zerstört, dass ich nicht einmal mehr weinen konnte.
»Ich will mich umbringen«, habe ich gesagt.
Darauf meine Mutter: »Lass das bleiben, denn es geht sicher daneben.«
Sie war nur mit dem verschwundenen Geld beschäftigt. Ein Wunder, dass sie nicht so weitergeredet hat: »Wenn du dich erschießt, kann ich wahrscheinlich dein Hirn von der Wand waschen. Wahrscheinlich triffst du auch nur den Sehnerv, lebst weiter und bist blind. Wenn du dich erhängst, dann machst du sicher dabei etwas kaputt. Wahrscheinlich reißt der Haken aus der Wand und hinterlässt ein Loch. Wenn du eine Überdosis Schlaftabletten nimmst, kotzt du sicherlich alles voll, und wer muss wieder putzen? Ich!«
Als Nächstes hätte meine Mutter sicher gesagt: »Wenn du dich vor einen Zug oder die U-Bahn wirfst, verursachst du bestimmt nur einen Unfall, bei dem viele Unschuldige ins Krankenhaus müssen, aber der Zug rollt über dich hinweg und du bleibst unverletzt.«
Mich lässt das jetzt nicht los, was sie sonst noch hätte sagen können.
• Wenn ich von einer Klippe springe, ist zwei Meter tiefer ein Felsvorsprung, auf dem ich lande. Von dort muss mich dann die Feuerwehr retten.
• Wenn ich vom Dach eines Hochhauses springe, dann bestimmt auf einen Balkon.
• Wenn ich Harakiri begehen will, bricht das Messer ab, weil ich zu viel trainiert habe und meine Bauchmuskeln zu fest sind (nein, meine Mutter würde sicher sagen, das Messer bleibt in meinem Speckbauch stecken).
Ich frage mich, wann ich in den Augen meiner Eltern eine solche Versagerin geworden bin? Als ich die Schule mehr als gut abgeschlossen habe? Als ich mein Studium, das ich nur ihretwegen gewählt habe, ebenfalls mit Erfolg geschafft habe? Als ich ihnen Philip vorgestellt habe, der damals einfach alles war, was man sich von einem zukünftigen Schwiegersohn erwarten konnte: höflich, gut aussehend, charmant, offenbar professionell in seinem Beruf, wohlhabend. Die Bitterkeit und der Zynismus meiner Mutter waren wie Ohrfeigen für mich, und was sie sagte, klang so, als hätte sie es sich schon lange gedacht.
Wieso bin ich für sie die große Enttäuschung, und meine kleine Schwester Amelie, die jetzt demnächst zehn Jahre studiert und bis heute nichts von Bedeutung im Leben geschafft hat, ist in ihren Augen der Star?
Sie haben sie immer mehr gemocht als mich. Immer, immer, immer. Ich habe tun können, was ich wollte (siehe meine Leistungen weiter oben), aber es war nie genug und nie das Richtige.
Ich bin überhaupt jemand, der es einfach nicht Recht machen kann. Scheinbar niemandem. Ich bin immer zu wenig und zu wenig gut.
Philip hat einmal mit einem alten Kumpel von der Schule telefoniert und dachte, ich wäre nicht daheim. Aber ich war da und habe jedes Wort gehört. Philip: »Mir ist es wenigstens gelungen, sie von einem schlappen Hering in eine saftige Makrele zu verwandeln.«
Was er damit meinte, habe ich zuerst nicht verstanden. Natürlich war klar, dass es eine Gemeinheit war, aber damals habe ich mich noch immer an dem Gedanken festgehalten, dass alles doch wieder in Ordnung kommen kann mit ihm und das, was er da sagt, nicht böse gemeint war. Irrtum.
Philip: »Sie war von Anfang an willig, ich habe nur schnippen müssen, und sie ist ins Bett gehüpft. Oder hat sich in die nächste Toilette ziehen lassen. Wir haben es sogar einmal im Wald getrieben, wo wir Spaziergänger reden gehört haben, so nahe waren sie. Aber sie ist einfach nie richtig abgegangen. Heute ist sie wenigstens ein wenig mehr Schlampe und nicht mehr dieses saubere Mäuschen. Aber sehr viel schärfer ist sie nicht geworden. Dafür weiter willig, und das nützt auch.«
Ich habe alles gehört und Philip nie zur Rede gestellt. Ich habe mich in der Abstellkammer versteckt und dort eine Stunde gewartet, bis er fort war, damit er nicht herausfand, dass ich gelauscht hatte.
Seit damals muss ich immer an fettige Makrelen denken, wenn so etwas wie Sex in der Luft liegt. Bisher ist der Sex immer in der Luft geblieben, und er wusste wohl, warum. Um mich macht er einen Bogen.
In der langen Liste meiner Schwächen ist das Thema Sex im guten Mittelfeld.
So, jetzt habe ich es dir gesagt, denn ich habe sicher einen Komplex, wenn es doch einmal zur Sache gehen sollte.
Alles klar, Eric, wenn du dir eine Sexgöttin erwartest, dann bist du bei mir falsch. Vielleicht hast du heute auch nur das einzig Richtige getan, was ich dir schon zu Beginn dieses Briefes geraten habe: Du hast die Flucht ergriffen.
9
Kein Selbstmitleid, kein Selbstmitleid«, sagte sich Emma leise vor. Sie hob den Blick und sah Richtung Meer. Dort, wo Wellen und Horizont einander trafen, zogen zwei Lastkähne dahin. Die Lichter der Schiffe verschwammen vor Emmas Augen. Sie bemühte sich nicht einmal, die Tränen zurückzuhalten, weil es nicht mehr möglich war.
Emma spürte ihr Kinn zittern, spürte die Falten des Weinens, die sich um den Mund bildeten, hörte sich schluchzen und fühlte die Tränen über ihre Wangen rinnen. Ihre Traurigkeit und Verzweiflung, die sie in den vergangenen Tagen ganz gut unter Kontrolle gehabt hatte, brachen aus ihr heraus.
Wieso schrieb sie diese idiotischen Briefe, die doch nichts halfen und sie nur traurig machten? Sie wollte die Umschläge zerreißen, hielt dann aber inne, weil sie vielleicht zuerst nachsehen sollte, was sie enthielten.
Sehr unfein zog sie laut durch die Nase auf und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen ab. Sie schnäuzte sich, indem sie immer ein Nasenloch zuhielt und hemmungslos auf den Boden rotzte.
Es war ohnehin alles egal. Wem sollte sie gefallen? Wie hieß es so schön: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s nachher ungeniert. Sie atmete tief durch und hob die Umschläge ins Licht der Lampen auf der Kaimauer. Sie besah einen Absender nach dem anderen, aber es schien sich nur um Rechnungen zu handeln sowie zwei Sendungen des Stadtamts. Der letzte Umschlag war länglich, und auf der Rückseite stand…
Emma schloss die Augen, schüttelte kurz den Kopf und öffnete sie wieder.
Ihr erster Gedanke war: Ich drehe völlig durch.
Ihr nächster Gedanke war: ein Scherz.
Ihr dritter Gedanke: Ich bin in ein Wachkoma gefallen und halluziniere.
Sie drehte den Umschlag langsam um, weil sie sehen wollte, an wen er adressiert war.
Für Alptraumfrau Emma
Mit einer hektischen Handbewegung drehte ihn Emma wieder zurück und las noch einmal den Absender:
Absender:
Wer-immer-ich-bin
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Patricia hob nicht ab. Emma hatte mindestens zehn Mal die Kurzwahl auf ihrem Handy gedrückt, war aber immer sofort auf Patricias Mobilbox gekommen. Also war das Handy abgeschaltet. Patricia brauchte ihren Schlaf, weil sie sonst untertags nicht genug Konzentration für ihre Arbeit hatte. Kein Wunder, es war kurz nach Mitternacht.
Sie war die Einzige, mit der Emma jetzt sprechen wollte und konnte. Sie war vom Lucky Beach zurück zu New Steine gerannt und hatte den Brief die ganze Zeit mit beiden Händen gegen ihre Brust gepresst.
Unten am Strand hatte sie es nicht gewagt, den Brief zu öffnen.
Wer hatte ihn geschickt?
Eric? War es Eric gewesen? Aber wieso wusste er von ihrer Schreiberei an den Traummann der Zukunft? Sie hatte keine Silbe darüber gesprochen. Er konnte es nicht wissen.
Noch ein Versuch, Patricia ans Handy zu bekommen, und wieder hörte Emma nur die Ansage der Mobilbox, die sehr knapp gehalten war.
»Patricia hier, offen für schöne Neuigkeiten, allergisch gegen alles andere.«
Es war Patricias privates Handy. Für ihre Kunden hatte sie eine eigene Nummer. Als Emma das einfiel, lief sie an den Computer im Arbeitszimmer und googelte Patricia, die Wahrsagerin von Brighton. Sie tippte die Geschäftsnummer ein und hörte gleich darauf die Ansage: Der Teilnehmer spricht gerade. Haben sie einen Augenblick Geduld.
Also »arbeitete« Patricia noch. Sie war wach, und Emma musste mit ihr reden. Weil sie das berufliche Telefonat nicht stören wollte, legte sie auf und schickte eine SMS an diese Nummer.
Emma
Dringend! Brief
von Unbekannt
bekommen!
Emma lief im Wohnzimmer unruhig auf und ab. Der Raum war, wie alle anderen im Haus, mit alten Möbeln bestückt, die einen traurigen und lieblosen Eindruck machten. Zwei kleine Chesterfield-Sofas aus fleckigem Stoff, ein Lehnstuhl, ein Buchregal, ein offener Kamin mit Gasfeuer und Marmoreinfassung, auf der drei staubige Glasvasen mit trockenen Ästen standen.
Auf das Kaminsims hatte Emma den Umschlag gestellt. Wie ein Tiger wanderte sie davor hin und her, ohne ihn aus den Augen zu lassen.
Wieso meldete sich Patricia nicht? Kannte sie die Bedeutung von »dringend« nicht?
Emma nahm den Brief zum gefühlt hundertsten Mal mit spitzen Fingern und drehte ihn.
Für Alptraumfrau Emma
Absender:
Wer-immer-ich-bin
Je länger sie nicht zurückrief, desto mehr war Emma überzeugt, dass Patricia hinter der Sache steckte. Sie hatte den Brief geschickt, damit Emma Hoffnung schöpfte. Das war wirklich sehr besorgt und lieb von ihr, andererseits auch enttäuschend. Es bedeutete, sie glaubte selbst nicht an ihre eigenen Empfehlungen.
Beim nächsten Gedanken musste sich Emma setzen: Patricia konnte nicht die Briefschreiberin sein, da Emma ihr erst am vergangenen Abend erzählt hatte, dass sie mit dem Briefeschreiben an Unbekannt begonnen hatte. Der Brief an sie war aber am Nachmittag eingeworfen worden.
Lange hielt Emma die Spannung nicht mehr aus. Sie wollte den Brief aufreißen und lesen, was drinnen stand. Wieso brauchte sie dazu Patricias Einwilligung? Das konnte sie doch auch einfach so machen. Sie streckte die Hand aus, als ihr Handy zu vibrieren begann.
PATRICIA stand auf der Anzeige.
Emma hob ab und rief ins Handy: »Ich habe einen Brief von ihm bekommen!«
»Darling, ich habe jetzt gerade zwei Stunden einen Börsianer beruhigt, der fürchtet, dass morgen der große Crash kommt und er alles verliert. Ich will ins Bett.«
»Patricia, ich habe einen Brief in der Post gehabt. An mich, von meinem Mann der Zukunft.«
Kurze Pause am anderen Ende. »Das ist kein Scherz?«
»Nein.«
»Was steht drinnen?«
»Ich traue mich nicht, ihn aufzumachen.«
»Sitzt du davor und starrst ihn an?«
»Ja.«
»Was steht auf dem Umschlag?«
Emma las Patricia Adresse und Absender vor.
»Wieso Absender: Wer immer du bist?«
»Das habe ich in meinen Briefen so geschrieben: Lieber Wer-immer-du-bist.«
Eine Pause trat ein, diesmal länger. Emma konnte durch das Telefon fühlen, wie Patricia nachdachte.
»Wem hast du von den Briefen erzählt?«
»Niemandem. Keiner Menschenseele.«
»Sicher. Ich meine, du trinkst doch gerne mal was.«
»Nein, ich war nicht betrunken und habe nicht im Rausch alles ausgeplaudert.«
»Irgendein Liebesgeflüster oder so, bei dem du dich vielleicht verplappert hast?«
»Liebesgeflüster? Was soll das denn heißen? Ich habe dir doch heute erzählt, dass es da nur Eric gibt und mit dem ist alles weit von Liebesgeflüster entfernt. Wir hatten nur ein Bier. Nein, zwei. Oder drei.«
»Eben. Kann es dabei geschehen sein? Kann das ein getarnter Liebesbrief von ihm sein?«
»Nein, nein, nein und noch einmal nein!« Emma schrie fast ins Telefon.
»Mach ihn auf und lies mir vor, was drinnen steht.«
»Das kann ich nicht.«
»Wieso schon wieder nicht?«
»Weil ich enttäuscht sein könnte.«
»Emma, du kannst vielleicht auch zu jubeln beginnen.«
Daran glaubte Emma aber einfach nicht. Besser in Ungewissheit bleiben. »Ich lasse den Brief einfach hier am Kamin stehen.«
Patricia sagte nichts drauf.
»Ich schlafe und sehe ihn mir morgen an.«
»Wenn du das aushältst.«
Emma fand die Vorstellung aufregend. Die Spannung und Neugier waren ein wenig wie Weihnachten, wenn sie die verpackten Geschenke am Bettende fand und an der Form nicht erraten konnte, was sie enthielten. Etwas aber musste sie Patricia unbedingt fragen.
»Ist das schon einmal geschehen? Hat jemand einen Brief von Unbekannt bekommen?«
»Nein. Das habe ich noch nie gehört.«
»Hast du sonst irgendeine Erklärung?«
»Nein.«
»Sicher nicht?« Vielleicht »sah« Patricia etwas, das sie Emma nicht verraten wollte, ging Emma durch den Kopf.
»Wir treffen uns im Marmalade. Zum Frühstück«, schlug Patricia vor. Das Marmalade war ein trendiges Café am Ende von Kemptown, das die besten Sandwiches, Croissants und den größten Cappuccino servierte. Weil Emma nicht sofort reagierte, sagte Patricia schnell: »Meine Einladung natürlich. Wenn ich dir schon das Briefschreiben an Unbekannt empfehle, dann übernehme ich die volle Haftung.«
Emma war dankbar, dass Patricia in diesem Fall ihre Gedanken gelesen hatte. Sie war so knapp bei Kasse, dass selbst ein Besuch im Marmalade derzeit für sie Luxus war.
Sie verabschiedete sich von Patricia und legte auf. Noch einmal griff sie nach dem Brief. Sie roch am Papier und war ein wenig enttäuscht. Das Einzige, was sie riechen konnte, war Zigarettenrauch. Wer ihn angefasst hatte, war also Raucher.
Sie hasste Rauch und konnte sich niemals vorstellen, einen Raucher zu küssen. Die erste Enttäuschung war schon eingetreten, und bei ihrem Pech würden weitere bestimmt folgen.
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Die Cappuccino-Tasse war so groß wie eine Suppenschüssel. Das Croissant fühlte sich angenehm warm und fettig an. Es hatte am Morgen zu nieseln begonnen und an den Scheiben des Marmalade rannen die Tropfen herab.
Das Innere des Cafés hatte seinen sehr speziellen Chic mit hellen alten Tischen und Stühlen, die alle vom Flohmarkt stammten. Auch Teller und Besteck waren alt, abgeschlagen und verbogen. Plastik gab es hier nicht, die Sandwiches waren in Backpapier gewickelt und mit Bindfaden zugebunden. Im Gegensatz zur Einrichtung von Tante Nells B&B war der Shabby Chic des Marmalade gemütlich und freundlich.
Patricia hatte grünen Matcha-Tee gewählt. Er war von einem sehr ernsthaften Studenten mit dicken Brillen aufgeschlagen und gebracht worden.
»Zeig her«, verlangte Patricia. Sie nippte am heißen Tee und gönnte sich schnell einen Bissen von ihrem Vollkorncroissant.
Emma wischte sich die Hände ab. Sie hatte fettige Finger, denn ihr schmeckte nur ein Croissant, das »Speck an der Hüfte« heißen sollte, wie sie manchmal dachte. Vorsichtig holte sie den Umschlag aus der Tasche und reichte ihn Patricia. Seit der Entdeckung des Rauchgeruchs war Emmas Neugier und Begeisterung etwas abgeflaut.
Patricia war ungeschminkt, was ihr Gesicht ungewohnt erscheinen ließ. Sie betrachtete den Umschlag prüfend von beiden Seiten und zog ein Messer aus dem Ständer auf dem kleinen Tisch.
»Soll ich, oder willst du?«
»Nein, ich.« Emma nahm ihr den Brief wieder ab und Patricias drängender Blick ließ gar nichts anderes zu, als die Klinge in die kleine Öffnung an der Seite der Flappe zu stecken und das Papier zu zerschneiden. Ihre Hand zitterte, als sie einen gefalteten Briefbogen herauszog. Es war leicht gelbliches Papier, nicht dick und teuer, aber auch nicht einfach Druckerpapier. Emma atmete ein und öffnete den Brief. Ihre Augen zuckten über die wenigen Zeilen. Danach schüttelte sie den Kopf leicht und ihre Augenbrauen wanderten hoch.
»Darf ich auch?« Es war keine Frage, sondern ein Befehl von Patricia.
Emma beugte sich zu ihr und las leise vor:
Liebe Emma,
es gibt einen Satz, der nicht von mir ist, sondern von einem Yogi am Himalaya. Dank dir ist er mir wieder eingefallen. Ich will ihn unbedingt mit dir teilen. Allein der Gedanke daran hat mir geholfen, wieder freudig nach vorne zu sehen. Vielleicht geht es dir auch so.
Die Weisheit des Yogi lautet:
In Wahrheit ist es einfach Liebe.
Es klingt so einfach und ist doch so schwierig.
Ich hoffe, ich habe mich jetzt nicht aufgeführt wie ein Elefant im Porzellanladen und du findest diesen Satz aufdringlich. Vor langer Zeit einmal habe ich ihn gelesen und er hat mich beruhigt und gestärkt. Vielleicht hat er auf dich die gleiche Wirkung.
Ein Mann, der gerne ein Traummann wäre, aber mehr ein Alptraummann ist
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Romantisch.« Patricia nahm einen weiteren Schluck ihres Matcha-Tees. Ein kleiner grüner Schaumbart blieb auf ihrer Oberlippe zurück.
»Das habe ich auch so geschrieben in meinem ersten Brief. Deine zukünftige Traumfrau, die allerdings derzeit eine Alptraumfrau ist.« Emma las den Brief immer wieder, weil sie den Wortlaut der Zeilen nicht glauben konnte. Wenn sie in der Nacht auch alle Funken von Verliebtheit in einen Unbekannten in sich erstickt hatte, so glommen sie nun wieder voll auf.
In Wahrheit ist es einfach Liebe.
Einfach Liebe.
»Ist es nicht sehr früh, wenn er jetzt schon von Liebe spricht?«, fragte Emma.
»Schätzchen, er schreibt nicht, dass er dich liebt. Er schreibt von der Kraft der Liebe, der Wahrheit und der Einfachheit.«
»Aber es klingt, als hätte er meine Briefe gelesen. Meine Briefe an Unbekannt. Wie?«
»Das kannst nur du wissen.«
Aber Emma wusste es nicht.
»Wer ist er?« Emma wackelte mit dem Umschlag vor Patricias Gesicht.
»Hast du wirklich niemandem von den Briefen erzählt?«
»Wie oft noch? Nie-man-dem. Außer mir weiß niemand, dass ich mich Alptraumfrau genannt habe und zukünftige Traumfrau. Genau wie er in seinem Brief.« Emma sah Patricia flehentlich an. »Wenn du etwas weißt, dann sag es. Bitte!«
»Hier geht es nicht um Wissen.«
»Sondern?«
»Um mehr.«
»Was soll das wieder heißen?«
»Ich habe von so einem Antwortbrief noch nie gehört. Das Universum, der Himmel, die Macht, die uns umgibt, sie senden uns Botschaften. Manche versteckt, manche offen. Aber schriftlich sind sie mir noch nie untergekommen.«
Es war Patricia anzuhören, dass sie es genau so meinte, wie sie es sagte.
»Was mache ich jetzt?«
»Nichts.«
»Wie bitte?«
»Du lebst.«
»Aber ich will wissen, wer den Brief geschickt hat. Welcher Mann schreibt so etwas? – In Wahrheit ist es einfach Liebe?«
»Wenn die Zeit reif ist, wirst du ihn treffen.«
»Und bis dahin?«
»Verwendest du viel Liebe für dich selbst. Du verdienst sie nämlich. Statt zu warten, dass dich jemand liebt, tu es einmal selbst. Es wird dir guttun.«
Emma spürte, wie die Wut in ihr aufwallte. Sie wollte wissen, wer der Briefschreiber war, und Patricia mit ihren seherischen Kräften wusste vielleicht schon mehr. Sie hätte Patricias Tasse packen und ihr das grüne Zeug ins Gesicht schütten können.
»Ich weiß, was du jetzt tun willst. Aber es bringt dir auch keine Klarheit«, sagte Patricia seelenruhig.
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Emma machte im Kopf eine kleine Liste:
Ruhige Minuten an diesem Tag: null
Ruhig gesessen an diesem Tag: nullmal
Pulsschlag: gefühlte zweihundertmal in der Minute
Schweißausbrüche trotz des kühlen Windes: mindestens zehn Mal
Zum Briefschlitz nachsehen gegangen, ob ein weiterer Brief eingeworfen worden war: geflunkerte 99-mal, in Wirklichkeit wahrscheinlich dreihundertmal
Gutes Gefühl, weil das viele Laufen durch das Haus auch eine Art Fitness-Training ist: durchaus
An Eric gedacht: dauernd
Mich gefragt, ob er den Brief geschrieben hat: dauernd
Mich schrecklich gefühlt, weil ich eine Alptraumfrau bin und bleibe: ständig
Mich als blöd beschimpft, weil ich so viele Lügen erzählt habe: gefühlte unendlich viele Male
Mich in den Spiegel geschaut und hässlich gefunden: viermal, danach habe ich den Spiegel abgehängt und zur Wand gedreht.
Um sich zu beschäftigen und abzulenken, zog Emma die vertrockneten Äste aus den Glasvasen, warf sie weg und brach auf, um etwas anderes zu finden, das sie hineinstecken konnte und das lebendiger wirkte.
Als sie New Steine nach oben Richtung St. James’s Street ging, blieb sie auf einmal stehen und glaubte zu wissen, wer ihr da geschrieben hatte. Sie hatte eine Erklärung, wieso jemand den Brief gelesen hatte und sie als Traumfrau und sich als Alptraummann bezeichnete. Die Lösung war so einfach.
Nach ihrer Schwärmerei für Eric war Emma aber etwas aus dem Häuschen über den neuen Mann, der sich da für sie interessierte und ihr einen so wunderbaren Satz geschickt hatte.
Patricia hob auf keiner der beiden Nummern ab. Da Emma wusste, wo sie zu finden war, machte sie sich sofort auf den Weg.
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Das ovale Holzschild an der Tür sagte: »Bitte Geduld und Vorfreude«.
Patricias Arbeitsplatz am Pier, weit draußen auf dem Steg, war ein hölzerner Planwagen. Drei Stufen führten hinauf zur Tür. Daneben war ein Schild angebracht, das Patricias Auftritte im TV beschrieb sowie einige Wahrsagungen, die sich als richtig erwiesen hatten.
Die Wagen der Achterbahn donnerten in der Nähe über die Schienen, ein paar junge Leute kreischten, als sie in einem Kanu einen Wasserfall hinunterrasten und nass wurden. Emma lief vor dem Wagen auf und ab, verließ den Platz aber nicht, damit sich niemand vordrängte.
Sie wartete und wartete. Nach 45 Minuten warf sie die Arme in die Luft. Wer war da bei Patricia drinnen, und was sagte sie ihm? Normalerweise waren ihre Termine doch im 15- oder 30-Minuten-Takt. Allerdings war jetzt auch Vorsaison, und vielleicht nahm sie sich da mehr Zeit.
Eine Stunde war vorbei, aber aus dem Wohnwagen war noch immer kein Lebenszeichen gedrungen.
»Hey, Emma!« Patricia war hinter Emma aufgetaucht, eine große Tüte Fish&Chips in der Hand. »Willst du?«
»Nein.«
»Was tust du hier? Lust auf Achterbahn?«
»Ich suche dich. Wieso sagst du, dass du jemanden drinnen hast, wenn es nicht stimmt?«
Patricia betrachtete das Schild. »Bitte Geduld und Vorfreude. Stimmt doch. Es sagt nicht, dass ich eine Kundin oder einen Kunden habe. Auch eine Wahrsagerin braucht Pausen.«
Emma machte eine wegwerfende Handbewegung, um zu zeigen, dass das jetzt egal war. »Ich weiß, von wem der Brief ist«, platzte sie heraus.
Patricia wollte sich gerade ein Stück gebackenen Fisch in den Mund schieben, ließ ihn nun aber wieder zurück in die Tüte sinken. »Ich höre.«
»Am Montag hätte ich beinahe wieder die Müllabfuhr verpasst. Ich bin im Bademantel hinaus, habe ihnen meine Müllsäcke gegeben und den Papierkorb mit den Fehlversuchen mitgenommen.«
»Du meinst Briefe, die dir nicht gefallen haben?«
»Ja. Mindestens…«, Emma ruderte mit den Armen in der Luft, »mindestens fünfzig zerknüllte Blätter. Ein paar sind runtergefallen, und der Wind hat sie fortgeweht. Aber dann kam ein Mann, dem ich Bier über den Pullover geleert habe, und er hat mir beim Aufheben geholfen.«
»Du meinst, er hat einen Brief gelesen?«
»Möglich. Er hat einen Hund.«
»Du hast ihn also in Bier gebadet, und er hat einen Hund. Sonst noch was? Woher kennst du ihn?«
Emma erzählte von dem Unfall im Fitzherbert. Patricia schloss die Tür zu ihrem Wagen auf und musste den Kopf einziehen, als sie eintrat. Emma folgte ihr.
Der Wagen war innen mit dunkelblauem Samt ausgeschlagen, es gab an der Hinterwand einen kleinen Tisch und einen Stuhl mit schmaler hoher Lehne für Patricia, für den Kunden einen bequemen Sessel davor.
»Ist es im Sommer hier nicht sehr heiß?«, wollte Emma wissen.
»Darling, ich habe eine Klimaanlage. Ich bin Wahrsagerin, aber nicht von vorgestern. Ich habe auch eine Heizung und…« Patricia lüftete den Stoff an der Wand, und dahinter kam eines dieser Zahlgeräte zum Vorschein, in das man Kreditkarten steckte, »ich bin gut ausgestattet.«
»Aha. Wahrsagung mit Kreditkarte bezahlen.« Emma fand es reichlich unromantisch, aber praktisch.
»Zurück zu deinem Traummann. Wie gefällt er dir?«
»Er sieht gut aus. Ich meine, er ist kein Model oder so, aber das muss ein Traummann auch nicht sein. Er war freundlich, als ich seinen Pullover durchnässt habe, und er riecht so gut. Aber er raucht.«
»Hast du ihn rauchen gesehen?«
»Nein, aber der Umschlag riecht nach den Fingern eines Rauchers.«
»Das ist ein dicker Minuspunkt.«
»Ist es. Sein Parfüm mag ich dafür sehr.«
Patricia hatte auf ihrem Stuhl Platz genommen und tippte die Fingerspitzen aneinander.
»Interessanter Weg, wie der Brief zu einem Mann führt, der für dich besonders sein kann.«
»Ist er mein Traummann?«
Wieder einmal schwieg Patricia auf diese Art, die Emma einfach wahnsinnig machte.
»Passt der Brief zu deinem Bier-Pullover-Anwalt?«, fragte sie schließlich.
Ratlos zuckte Emma mit der Schulter. Sie konnte es nicht abschätzen. »Da war eine Frau im Pub. Sie hat sich beschwert, dass er nicht in die Vorstellung gekommen ist.«
»Eine Schauspielerin?« Patricia nahm ihr Smartphone und googelte. »Im Theater Brighton läuft derzeit ein Krimi.« Sie überflog den Inhalt und studierte die Fotos der Schauspieler. »War sie das hier?« Sie zeigte Emma das Bild einer Frau mit schulterlangen dunklen Haaren.
»Ja, das war sie.«
»Nur eine Freundin. Da kann ich dich beruhigen.«
»Bist du sicher?«
Patricia nickte, gab aber keine weitere Erklärung ab, wieso sie das zu wissen glaubte.
»Soll ich… soll ich ihn suchen? Er muss in der Nähe wohnen. Ich kann auch am Abend ins Pub gehen und dort warten. Vielleicht kommt er. Oder was soll ich machen?«
Diesmal überlegte Patricia länger. »Schreib ihm.«
»Wie schreiben?«
»So wie du den ersten Brief geschrieben hast.«
»Es waren verschiedene.«
»Gut, gut. Schreib ihm weiter. Beschreibe deine Träume und Wünsche und erzähle etwas Schönes von dir.«
»Patricia, ich weiß nicht, wer er genau ist, ich habe keine Adresse, ich…«
Lächelnd hörte ihr Patricia zu, ohne darauf einzugehen, was sie sagte. »Emma, vertrau mir. Bisher ist es doch schon ganz interessant gelaufen.«
»So viel ist nicht geschehen«, relativierte Emma. »Der Typ kann eine taube Nuss sein, wie Philip. Der ist am Anfang auch erschienen wie ein junger Gott.«
»Hast du andere Ideen?«
Nein, die hatte Emma nicht. Aber sie hatte eine Frage. »Was mache ich mit dem Brief oder den Briefen dann? Wieder wegwerfen und hoffen, dass er sie findet?« »Nein. Schließ sie weg.«
»Wie soll er dann etwas davon erfahren?«
»Sei ein Leuchtturm der freudigen Gedanken. Das reicht.«
»Manchmal machst du mich wahnsinnig«, sagte Emma.
Es wurde an die Tür geklopft. Patricia räusperte sich und rief mit tiefer Stimme: »Ich bin sofort für sie bereit.« Zu Emma sagte sie: »Das Business ruft. Wir hören uns. Viel Glück.«
15
Das weiße Papier vor ihr auf dem Schreibtisch schien sie herausfordernd anzugrinsen. Emma senkte immer wieder die Spitze der Füllfeder, um etwas aufzuschreiben, hob sie dann aber wieder und steckte die Kappe auf.
Kein Wort schien ihr richtig. Sie hatte bisher nur die Anrede geschafft sowie einen ersten Halbsatz.
Lieber unbekannter Traummann,
es gibt so viel, das ich…
Das war es dann auch. Weiter kam Emma einfach nicht.
»Es gibt so vieles, das ich dir erzählen möchte. So vieles, das ich von dir wissen will«, murmelte sie. Sie sah wieder hinaus in die hereinbrechende Dunkelheit, die Straßenlampen gingen gerade wie auf ein geheimes Kommando nacheinander an.
»Es gibt so vieles, das du über mich wissen solltest. Aber ich habe auch so viele Fragen an dich, und wie soll ich sie dir stellen?«, sagte Emma halblaut.
Der Türgong tönte in der Diele. Emma sah auf die Uhr. Es war kurz nach neun Uhr. Sie ging zur Tür und sah durch den Spion. Im Windfang stand ein schmächtiger Mann mit Hängebacken, der ungeduldig auf und nieder wippte. Sie öffnete.
Der Mann starrte sie überrascht an. Emma schätzte ihn auf Ende fünfzig.
»Guten Abend«, sagte sie höflich. Sein Koffer ließ vermuten, dass er ein Zimmer suchte.
»Nell erwartet mich.«
Emma lächelte entschuldigend. »Nell ist für ein Jahr verreist.«
»Wieso hat sie mir das nicht gesagt?«
»Das weiß ich nicht, aber ich vertrete sie und führe das B&B.«
»Wieso habe ich nichts erfahren, als ich mich angemeldet habe?«
»Angemeldet?«
»Ich habe geschrieben. Einen Brief. Wie immer.«
»Aha. Die Post ist manchmal etwas langsam hier.«
Der Mann hob einen kleinen Koffer hoch und drängte sich an Emma vorbei ins Haus. In der Diele blieb er kurz stehen und musterte sie von oben nach unten. »Sie vertreten Nell also?«
»Ja, ich habe von ihr alles übernommen.«
»Alles. Ja?«
»Alles hier!« Emma deutete in der Diele herum. »Wie war Ihr Name doch?«
»Henry Drummer. Drummers Ewiger Friede.«
Dieser Firmenname kam Emma bekannt vor. Ihr fiel ein, wo sie ihn schon gelesen hatte. Er war auf einem der Umschläge gestanden, die sie beschrieben hatte. Sie musste ihn noch in Nells Büro liegen haben.
»Wo ist Nell hin? Und wieso steht der Spiegel verkehrt?« Er deutete auf den Wandspiegel in der Diele, den Emma vom Haken genommen hatte, damit sie sich nicht mehr darin ansehen konnte.
»Sie trampt durch Afrika. Ohne Handy und Laptop.« Zu Emma hatte sie auch gesagt, dass sie eine »neue Ebene der Erkenntnis und Tiefe des Bewusstseins« erreichen wollte. Aber das hielt Emma nicht für erwähnenswert.
Henry Drummer musterte Emma noch immer kritisch. Deshalb fügte Emma hinzu: »Nell ist meine Tante und wie gesagt, sie hat mir alles hier übergeben.«
»So, so, alles übergeben«, hörte sie ihn leise sagen. »Dann ist es ja gut.« Seine Haare waren gefärbt und schimmerten unnatürlich schwarz im Licht der Deckenlampe. Der weiße Nachwuchs war an den Wurzeln zu sehen.
Emma fiel ein, dass keines der Zimmer hergerichtet war, in allen lagen Kissen und Decken ohne Überzüge herum. Staubsaugen und Fensterputzen hatte Emma für den Freitag eingeplant gehabt, da sie nur zwei Buchungen für das Wochenende hatte. Der unerwartete Gast kam ihr allerdings sehr gelegen, da sie das Geld brauchte.
»Ich… bereite schnell alles vor«, sagte sie und verstellte Mr. Drummer den Weg nach oben. Sie stand wie ein Wachhund am Fuße der Treppe und streckte die Arme zur Seite. »Machen Sie es sich doch im Wohnzimmer bequem.«
»Hat Nell gesagt, was mein Zimmerpreis ist und was alles inkludiert ist?«
Emma versuchte sich zu erinnern, ob ihre Tante etwas erwähnt hatte. Sie hatte Emma mit Informationen und Ermahnungen überschüttet, und ab einem gewissen Zeitpunkt hatte Emma einfach nicht mehr zugehört.
»Sie hat mir alles aufgeschrieben. Bevor ich nachsehe, eine Frage: Haben Sie ein Lieblingszimmer hier?«
»Nummer vier. Wie immer.«
Nummer vier war ein Doppelzimmer in den Hof mit einem kleinen Bad. Das Bett war riesig, mit einem mächtigen Haupt aus dunkelbraunem Holz, die Matratze durchgelegen, und Emma hatte, als sie sich einmal spaßhalber darauf geworfen hatte, das Gefühl, vom Bett verschlungen zu werden.
Sie deutete auf die offene Tür zum Wohnzimmer. »Wenn Sie es sich kurz bequem machen?«
»Bequem?« Drummer hustete verächtlich. »Ich muss arbeiten. Morgen besuche ich sechs Kundinnen.«
Zu Emmas Erleichterung ging er mit seinem Köfferchen dann doch in das Wohnzimmer, und sie schloss die Tür hinter ihm. Als Erstes lief sie in das Büro und suchte den kleinen Sekretär ab, der an der Wand stand, konnte aber dort die Post nicht finden.
Sie riss ihre Kapuzenjacke von dem Stuhl in der Ecke, und darunter lagen die Umschläge, auf die sie ihren Brief beim Lucky Beach geschrieben hatte. Emma blätterte sie durch und zog das längliche Kuvert heraus, das einen schwarzen Firmenaufdruck mit dem Wortlaut: Drummers Ewiger Friede trug.
Nell besaß einen Brieföffner mit Marmorgriff. Schnell schlitzte Emma den Brief auf und zog das gefaltete Blatt heraus. Es war mit der Hand geschrieben.
Ich werde am 11. Mai etwas später als sonst eintreffen und zwei Nächte bleiben. Alles wie üblich, wenn ich bitten darf.
Was meinte er mit »wie üblich«? Wollte er mehr Kissen in seinem Bett oder spezielles Brot für das Frühstück?
Emma lief in den ersten Stock, stürmte in Zimmer vier und schob als Erstes das Fenster nach oben. Die Luft im Raum war muffig und feucht, Lüften dringend nötig. Im Schrank fand sie Überzüge für die gigantische Decke und die dicken Kissen. Sie kämpfte mit dem Laken und stopfte Kissen und Decke einfach so gut es ging in die klammen Überzüge. Noch ein kleines und ein großes Handtuch ins Bad an den Haken, dann war das Zimmer fertig.
Als sie ins Wohnzimmer zurückkehrte, hatte Henry Drummer dort das getan, was er wohl unter »wohlfühlen« verstand. Sämtliche Sitzmöbel und der niedere Couchtisch waren mit Mappen übersät. Jede Mappe trug einen Namen, geschrieben in geschwungener Handschrift.
»Das Zimmer ist bereit. Ich helfe Ihnen rauftragen«, bot Emma an.
»Meine Unterlagen bleiben hier, wie immer.« Drummer nahm den kleinen Koffer und sah sie streng an. »Nichts anfassen, es ist alles genau geordnet.«
Er schritt an Emma vorbei zur Treppe. Auf der dritten Stufe blieb er stehen und drehte sich zu ihr. »Wie üblich, nicht wahr?«
In Emmas Kopf klingelte eine alte Registrierkassa. Zufriedener Gast, gutes Geld, vielleicht sogar ein Trinkgeld. Also lächelte sie künstlich und versicherte ihm, dass ihr Service dem von Nell natürlich um nichts nachstand. Henry Drummer nickte zufrieden und setzte den Weg nach oben fort.
Emma verschwand im Arbeitszimmer und öffnete Nells Laptop. Sie suchte in den wenigen Ordnern nach Aufzeichnungen über die Gäste, konnte aber nichts finden. Normalerweise buchten Gäste über die Homepage, aber auch dort gab es im Archiv keine Notiz über Mr. Drummer. Die letzte Hoffnung waren die E-Mails, doch keines stammte von Drummer. Er schien immer Briefe zu schicken.
Hektisch durchsuchte Emma alle Laden des Schreibtisches und den schmalen Wandschrank mit den Ordnern. Frühere Post von Henry Drummer war nicht zu finden.
Was konnte Nell diesem Gast geboten haben? Emma klappte ihren Laptop auf und googelte Drummer Ewiger Friede. Es gab keine Homepage, aber in einer lokalen Zeitung einen kleinen Bericht über ihn. Er hatte es zum Geschäftsmodell gemacht, alte, alleinstehende Damen zu betreuen und ihnen zu Lebzeiten bereits das perfekte Begräbnis zu verkaufen. Außerdem garantierte er, wenn gewünscht und nötig, ihr Erbe abzuwickeln, für ihr Haustier einen neuen Platz zu finden und trauernde Freunde zu trösten. Er tat das auf betont altmodische Art und Weise, ohne E-Mails, nur mit handschriftlichen Briefen, und wollte auf diese Weise Vertrauen erzeugen.
Was für ein ungewöhnlicher, schrulliger, aber auch stilvoller Mann, dachte Emma. Wahrscheinlich brauchte er spezielle Mahlzeiten, oder Nell hatte ihm die weißen Hemden gebügelt. Emma beschloss, an seiner Zimmertür zu klopfen und ihn vorsichtig zu fragen.
Sie hatte den Fuß auf die erste Stufe der Treppe gesetzt, als wieder der Türgong ertönte. Emma warf einen Blick durch den Spion und zuckte zusammen.
Draußen leuchteten Erics rote Haare im Schein der Lampe über dem Eingang. Er hielt etwas in der Hand, das wie eine Weinflasche aussah.
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