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RÜEGGISBERG
EINE BERNER
KRIMINAL GE SCHICHTE
ERKLÄRUNG
Die in diesem Kriminalroman beschriebenen Schauplätze sind originalgetreu wiedergegeben. Die Handlung der Geschichte hingegen ist Fiktion. Dies gilt insbesondere für die Namensnennung der Akteure, Unternehmungen und Organisationen. Um die Verbindung zwischen Fiktion und Handlungsschauplätzen sicherzustellen, sind juristische Personen namentlich genannt. Die auf diese Weise beschriebenen Personen haben real mit der fiktiven Geschichte nichts zu tun. Ihre im Roman beschriebenen Tätigkeiten sind frei erfunden, ein Zusammenhang mit der realen Welt ist nicht gegeben. Wenn sich aus dem Zusammenhang sichtbare Parallelen zu real existierenden Personen ergeben, so ist dies rein zufällig und weder beabsichtigt noch gewollt. Die real existierenden Personen sind unter «Andere Darsteller, die in Rüeggisberg vorkommen» namentlich aufgeführt.
IMPRESSUM
Alle Angaben in diesem Buch wurden vom Autor nach bestem Wissen und Gewissen erstellt und von ihm und dem Verlag mit Sorgfalt geprüft. Inhaltliche Fehler sind dennoch nicht auszuschliessen. Daher erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder Autor noch Verlag übernehmen Verantwortung für etwaige Unstimmigkeiten.
Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.
© 2019 Werd & Weber Verlag AG, CH-3645 Thun/ Gwatt
TEXT
Thomas Bornhauser, CH-3033 Wohlen, www.bosaugenblicke.ch
FOTOS
Die Fotos stammen von Thomas Bornhauser, Ausnahmen sind deklariert.
WERD & WEBER VERLAG AG
Gestaltung Titelbild Sonja Berger
Gestaltung / Satz Susanne Mani
Lektorat Carmen Frei
Korrektorat Heinz Zürcher
ISBN 978-3-03818-236-8
www.werdverlag.ch
www.weberverlag.ch

Der Verlag Werd & Weber wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.
Inhalt
Vorwort
Die Protagonisten
Prolog
Die Rückkehr des verlorenen Sohnes
Eine leere Handtasche
Fiona Decorvet
Tschernobyl
Von den Beatles und ABBA
Die Aussagen der Linnea Olsen aus Tromsö
Stephanie Imboden und ihre Fotos vom Oppenheim-Brunnen
Das Zollfreilager Genf als grösstes Kunstmuseum der Welt
Victorija Rudenko zu Besuch im Ringhof
Die Lehre von Süss- und Salzwasser
Das Haus an der Milkenstrasse in Schwarzenburg
Lupo macht noch einmal Karriere
Einmal mit, einmal ohne Bart
Von einem Psychologen und einem Diplomatensohn
Von Freikirchen und Sekten
«Guten Tag, Herr Schindler»
Von seltsamen Ritualen in Rüeggisberg
Der Folterhof der Sexsekte
Eine wenig ruhmreiche Vergangenheit des GMI
Der Chip unter den Büroklammern
Die leere Handtasche von Fiona Decorvet
Epilog
Zum Making of …
Ein spezieller Dank …
Literaturverzeichnis
Zum Autor
Vorwort

Sie wissen es bereits aus meinem Vorwort von «Wohlensee»: Ich schreibe so, wie ich es auch gerne lesen würde. Deshalb sind meine Kriminalgeschichten keine reinen Krimis, in denen es ausschliesslich um einen Fall und dessen Aufklärung geht. Nein, ich flechte auch aktuelle Themen von allgemeinem Interesse ein. Letztes Jahr ging es unter anderem um Doping und Manipulationen im Sport. Die Reaktionen waren zum Teil heftig. Dieses Mal gibt es einiges in Bezug auf den internationalen Kunsthandel zu erfahren, es geht um Atomkraft am Beispiel von Tschernobyl, wo ich auf Recherche war, ich schreibe aber auch über Freikirchen und Sekten.
Stimmt: Ein reiner Krimi-Fan kann mit dieser Art der Geschichte(n) vermutlich nicht sehr viel anfangen. Aber viele Leserinnen und Leser ermuntern mich, auch in Zukunft genau so und nicht anders zu schreiben. Diesem Wunsch komme ich natürlich gerne nach. Erstaunt Sie das?
2020, das sei bereits verraten, wird es für die Ermittler der Kantonspolizei Bern um eine riesige Ferienüberbauung oberhalb von Wengen gehen, von einem kaukasischen Investor initiiert. Lokale und regionale Politik wird ebenso ein Thema sein wie die Formel-1 und, logisch, der Schweizer Tourismus und seine schwierigen Herausforderungen.
Das wäre es für heute. Und nun wünsche ich Ihnen viel Spass mit Joseph «J.R.» Ritter und seinem Team. DANKE für Ihr Interesse!
Mit freundschaftlichen Grüssen

Wohlen, im Oktober 2019
Die Protagonisten
Joseph Ritter, Leiter des Dezernats Leib und Leben bei der Kantonspolizei Bern
1960 im Berner Länggassquartier geboren. Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten in einem Sportgeschäft in Bern, danach im Bereich Security tätig. Anstellung bei der US-Botschaft in Bern, anschliessend im Pentagon/Washington D. C., wo er seine spätere Ehefrau Cheryl Boyle kennenlernt. Zum zehnten Hochzeitstag Reise nach Hawaii. Bei der Rückreise Zwischenhalt in San Francisco, wo sie schuldlos in eine Schiesserei rivalisierender Banden geraten. Cheryl wird von einem Querschläger getroffen und stirbt. Ritter geht für drei Jahre nach Südkorea, findet eine Anstellung im Sicherheitsbereich der US Air Force. Er kehrt 2003 nach Bern zurück, wird Quereinsteiger beim Kriminaltechnischen Dienst KTD der Kantonspolizei Bern, und ist seit zehn Jahren in der heutigen Position tätig. Er wohnt seit drei Jahren mit Stephanie Imboden in Münsingen zusammen. Ritter wird, seiner Initialen wegen, nur J. R. genannt («Tschei Ahr»), wie einst J. R. Ewing in der legendären US-amerikanischen TV-Serie Dallas.
Elias Brunner
Solothurner, 38 Jahre alt. Sportler, spielt Fussball beim FC Bern. Elias Brunner war zuerst bei der uniformierten Polizei, bevor er ins Dezernat Leib und Leben wechselte. Er ist der ruhende Pol in der Abteilung, ihn kann offenbar nichts aus der Fassung bringen – ausser seine langjährige Partnerin und Ehefrau Regula Wälchli, die ab und an gerne provoziert. Was sich liebt, neckt sich. Seit kurzem erstmals Vater.
Stephan Moser
39 Jahre alt, gross gewachsen, seit Jahren Mitarbeiter von Joseph Ritter. Lebt in Hinterkappelen, einem Vorort von Bern. Vor über einem Jahr hat sich seine langjährige Freundin Dolores in aller Freundschaft von ihm getrennt, weil sie während ihrer Tätigkeit auf der Botschaft Spaniens in Bern von der spanischen Regierung ein unwiderstehliches Jobangebot in Madrid erhielt. Nach drei Monaten der Fernbeziehung folgte dann das Ende der Partnerschaft, weil Stephan Moser nicht nach Spanien ziehen wollte. Im Moment noch immer Single. Im Team gilt er als Bürokalb, immer zu einem Spässchen aufgelegt. Bekennender Fan des BSC Young Boys, wartete während Jahrzehnten auf einen Titel für YB, seit 2018 erlöst.
Claudia Lüthi
Die 40-jährige Bernerin ist erst seit knapp einem Jahr im Team Ritter. Nachdem sie vor drei Jahren aus der Privatwirtschaft als Quereinsteigerin in den administrativen Bereich der Kantonspolizei wechselte, bewarb sie sich um den frei werdenden Posten von Regula Wälchli, der Partnerin von Elias Brunner, die vor wenigen Monaten erstmals Mutter geworden ist. Alle notwendigen Ausbildungen zur Kriminalistin hat Claudia Lüthi mit Auszeichnung bestanden. Sie wohnt alleine in Köniz bei Bern.
Eugen Binggeli und Georges Kellerhals
Zwei Spezialisten des KTD, die eng mit dem Team von Joseph Ritter zusammenarbeiten. Binggeli wird mit Vornamen in der US-Version, «Iutschiin», gerufen, Kellerhals mit «Schöre», berndeutsch für Georges.
Veronika Schuler
Rechtsmedizinerin im Institut für Rechtsmedizin IRM Bern. Thurgauerin, mit unverkennbarem Dialekt. Fachfrau, gibt auch Fehler zu. Wird von Ritter & Co. enorm geschätzt.
Gabriela Künzi und Ursula Meister
Mediensprecherinnen bei der Kantonspolizei, beides Kommunikationsprofis.
Max Knüsel
Staatsanwalt Bern-Mittelland. 56 Jahre alt. Spricht die Leute nur mit Familiennamen an, macht selten bis gar nie Komplimente. Hat einen Hang zu schwarzem Humor. Zwei seiner Lieblingssprüche: «Ritter, haben Sie daran gedacht, dass …?» und «Halten Sie mich auf dem Laufenden». Seit letztem Jahr mit Ritter per Du.
Regula Wälchli
Die Gstaaderin (35) war einige Jahre Mitglied des Dezernats Leib und Leben bei Joseph Ritter, zusammen mit ihrem Partner Elias Brunner. Aufgrund ihrer seit sechs Monaten veränderten Lebensumstände – als Mutter von Noah – hat sie ihren Fulltime-Job als Kriminalistin aufgegeben und wird nach dem Mutterschaftsurlaub eine Teilzeitstelle im administrativen Bereich der Kantonspolizei annehmen. Ihren Dienstplan wird sie mit jenem von Elias Brunner abgleichen. Die Familie wohnt im Moment noch am Seidenweg 17 im Berner Länggass-Quartier, sucht aber nach einer neuen Wohnung oder einem Haus in der Agglomeration Bern. Regula hat nach ihrer Heirat ihren Mädchennamen behalten.
Personen, die ebenfalls in Rüeggisberg vorkommen
Die 59-jährige Bernerin Fiona Decorvet ist die eigentliche Hauptfigur in dieser Kriminalgeschichte. Sie wohnt in Schwarzenburg, ist zweimal geschieden und besitzt die beiden Kunstgalerien Avantgarde in der Berner Altstadt und in Zürich an der Bahnhofstrasse. Zusammen mit vier Freundinnen ist sie auf einer jedes Jahr stattfindenden Kulturreise, 2019 in der Ostsee. Am Abend des 8. August verschwindet sie auf der Alberta Imperator plötzlich während der Schiffspassage zwischen Stockholm und Hamburg.
Auf dieser Reise wird sie von der Bündnerin Luzia Cadei (56), einer früheren Direktionssekretärin, der Schauspielerin Prisca Antoniazzi (57), der Mäzenin Ruth Bär (59) und der Kunstschaffenden Ruth Gnädinger (58) aus Schaffhausen begleitet.
Victorija Rudenko stammt ursprünglich aus Tschernobyl und führt die Zürcher Galerie Avantgarde im Auftrag von Fiona Decorvet mit grossem Erfolg. Allerdings hält sich die Freude von Fiona Decorvet darüber in sehr engen Grenzen, hat die Ukrainerin ihr doch den zweiten Ehemann, Nazar Klitschko, ausgespannt. Es handelt sich bei den beiden Frauen also um eine reine, allerdings sehr erfolgreiche Zweckgemeinschaft.
Zusammen mit dem Leiter des Dezernats Leib und Leben der Kantonspolizei Bern gehen in Stockholm – nach einem dreitägigen Kongress in der schwedischen Hauptstadt – die Kriminalbeamten Luigi Bevilaqua aus Mailand, Holger «HH» Herrlich aus Hamburg, François Hommard aus Lyon und Adalbert König aus Innsbruck an Bord der Alberta Imperator. Kapitän ist Enrico Tosso, der aus einer alten Seefahrerdynastie Genuas stammt.
Zu den real existierenden Personen, die in Rüeggisberg vorkommen: Roland Jeanneret, noch heute sozusagen der Inbegriff der Glückskette, ist ebenso an Bord der Alberta Imperator wie seine Frau Suzanne. Marianne Reich Arn wiederum, eine aparte Erscheinung, ist Inhaberin nicht bloss der Galerie Kunstreich in Bern, sondern auch des gleichnamigen Rahmenateliers in Ostermundigen. Maxe Sommer aus Kaltacker ist selber Künstler, Kunstvermittler und Kunstförderer, Valentin Landmann einer der bekanntesten Anwälte der Schweiz. Sonya Mosimann ist die führende Kinderhypnosespezialistin der Schweiz, Werner Schürch führt(e) den Emmenhof in Burgdorf. Wolfgang Beltracchi ist ein bekannter Künstler und Kunstfälscher, Lothar Schäfer war lange Jahre Leiter des sozialpädagogischen Rüdli in Brodhüsi/Wimmis, Mike Shiva kennt man aus dem TV, Hans Stöckli ist Berner Ständerat.
Prolog
«Vermisst wird seit dem 8. August: Fiona Decorvet aus Schwarzenburg. Die Vermisste ist 59 Jahre alt, schlank und trägt kurze schwarze Haare. Fiona Decorvet wurde letztmals am Abend des 8. August auf dem Kreuzfahrtschiff Alberta Imperator zwischen Stockholm und Hamburg gesehen, seither fehlt von ihr jede Spur. Die Polizei schliesst nicht aus, dass sich Fiona Decorvet noch am Leben befinden und in der Schweiz aufhalten könnte. Sachdienliche Mitteilungen über den Verbleib von Fiona Decorvet sind erbeten an die Kantonspolizei Bern oder jede andere Polizeidienststelle.»
Medienmitteilung der Kantonspolizei Bern mit einer Foto der Vermissten am Dienstag, 11. August.
Die Rückkehr des verlorenen Sohnes (Mittwoch, 5. August)
«Dass ich das noch erleben darf, das ist unglaublich!»
Fiona Decorvet konnte ihre Begeisterung nicht für sich behalten, wollte – ja musste – sie mit ihren vier Freundinnen teilen. Grund ihrer Freude war das Gemälde Die Heimkehr des verlorenen Sohnes von Rembrandt Harmenszoon van Rijn, der Weltöffentlichkeit hauptsächlich durch seinen Vornamen bekannt.
Das Werk des niederländischen Malers aus dem Barock (1606–1669) zeigt dem Betrachter einen Vater, der seinem Sohn das sündhafte Leben vergibt. Es bezieht sich auf die Geschichte des verlorenen Sohns im Lukas-Evangelium, Kapitel 15, Verse 11–32, und lässt vermuten, dass der dargestellte Vater im Grunde genommen ein Selbstporträt von Rembrandt sein könnte. Die Rückkehr des verlorenen Sohnes ist eines der letzten Werke des Malers und, nebst Der Mann mit dem Goldhelm oder Die Nachtwache, eines der bekanntesten Gemälde Rembrandts, der es wie kein Zweiter verstand, in seinen Bildern mit dem Effekt von Licht und Dunkelheit Einzigartiges und Atemberaubendes zu schaffen.
Die 59-jährige Fiona Decorvet, Berner Altstadt-Galeristin mit einer zweiten Niederlassung an der Zürcher Bahnhofstrasse, stand nicht zufälligerweise vor dem Bild. Zusammen mit ihren vier Freundinnen hatte sie noch vor den letzten Weihnachtstagen beschlossen, den jährlich stattfindenden Mädels-Ausflug dieses Mal nach Sankt Petersburg zu unternehmen. Vorletztes Jahr waren die Damen in Breslau, europäische Kulturhauptstadt 2016, im vergangenen Sommer in Bordeaux, das sich in den letzten Jahren zum eigentlichen Kulturtipp entpuppt hatte. Begleitet wurde Fiona Decorvet, die nach zweifacher Scheidung alleine in Schwarzenburg lebte, von ihren vier Freundinnen: Von Luzia Cadei, einer Bündnerin, die als Direktionssekretärin arbeitete; von der Schauspielerin Prisca Antoniazzi; von Ruth Bär, Mäzenin, mit einem Multimillionär verheiratet, und von Ruth Gnädinger, Kunstschaffende aus Schaffhausen und weithinaus noch mit dem verstorbenen Schauspieler Mathias Gnädinger verwandt.
Vor allem die Galerie in Zürich hatte sich in den letzten Jahren – nachdem sich der Kunsthandel von einer weltweiten Schwindsucht erholt hatte – für Fiona Decorvet als Goldgrube erwiesen. Werke von Andy Warhol, Keith Haring und Roy Lichtenstein wechselten via Galerie Avantgarde ebenso die Besitzer wie Arbeiten von Franz Gertsch, Gerhard Richter oder Annie Leibovitz. Geführt wurde die Galerie von der 43-jährigen Victorija Rudenko, die 1986 nach dem Super-GAU in Tschernobyl aus der Nachbar- und heutigen Geisterstadt Prypjat mit ihren Eltern zuerst nach Kiew, wenig später nach Zürich zügelte, wohin ihr Vater ans Physik-Institut der Universität Zürich als Dozent berufen wurde. Aber auch die Erfolge der Berner Galerie Avantgarde – nicht mit der tatsächlich existierenden Boutique gleichen Namens an der Kramgasse zu verwechseln – konnten sich sehen lassen, obwohl die Kunstsammlerinnen und -sammler in der Bundesstadt – bekannte Politiker, ranghohe Beamte und Diplomaten – weit mehr auf Diskretion aus waren als die Käuferschaft in der Limmatstadt. Dort gehörte es zum guten Ton, den neuesten Ankauf gezielt unter die Leute zu bringen, um auf sich aufmerksam zu machen, meistens per Boulevardzeitung und Hochglanzmagazin.
«Nur einmal im Leben so ein Werk vermitteln zu können …», Fiona Decorvet stiess dabei am frühen Nachmittag einen Seufzer aus, «das wäre schon ein Riesending!», war jedoch den bekannten Auktionshäusern wie Christie’s oder Sotheby’s vorbehalten. Die Galeristin wollte ausführlich über das Bild referieren, sah sich aber mit ihren Begleiterinnen gezwungen, der russischen Reiseführerin Tatyana mit ihrer gut sichtbaren Tafel Imperator 8 zu folgen. Follow the guide.
Die Reise nach Sankt Petersburg hatte die kleine Truppe durch Vermittlung einer bekannten Schweizer Reiseagentur gebucht. Es handelte sich um eine kulturelle Kurzreise mit jeweils zwei zweitägigen Aufenthalten in Sankt Petersburg und in Stockholm, am Mittwoch/Donnerstag respektive Freitag/Samstag. Die Hinreise erfolgte mit Aeroflot ab Zürich nach Sankt Petersburg, die Rückreise vom ehemaligen Leningrad nach Hamburg via Stockholm mit dem erst vor wenigen Wochen eingeweihten Kreuzfahrtschiff Alberta Imperator, welches aus Riga und Tallinn einfuhr und Platz für knapp 800 Passagiere und etwa 500 Crewmitglieder bot. Es handelte sich dabei um ein schwimmendes Luxushotel der Extraklasse, gegen andere Kolosse der Weltmeere vergleichsweise klein. Entsprechend teuer schlugen die Passagen zu Buche, die sich die fünf Damen allerdings nicht vom Munde absparen mussten, hatten sie alle doch ein genügend grosses finanzielles Polster. Das Kommando an Bord lag bei Capitano Enrico Tosso, einem 45-jährigen Genuesen aus einer bekannten Seefahrerfamilie.

Die Heimkehr des verlorenen Sohnes von Rembrandt in der Eremitage St. Petersburg. Foto: Fiona Decorvet, die das Bild ihren vier Freundinnen zeigt. Mit freundlicher Genehmigung von The State Hermitage Museum, St. Petersburg.
Während der beiden Tage in Sankt Petersburg bekam das Quintett all das zu sehen, was man in und um die zweitgrösste Stadt Russlands mit fünf Millionen Einwohnenden in so kurzer Zeit besichtigen konnte, unter anderem den Winterpalast mit der Eremitage, den Katharinenpalast in Puschkin mit dem nachgebauten Bernstein-Zimmer, Schloss Petershof mit einem 150 Hektaren grossen Park, die Peter-Paul-Kirche oder die Bluterlöser-Kirche.
«Auch wenn wir immer in Bewegung sind hier im Winterpalast und der Eremitage», stellte Luzia Cadei fest, «zum Glück haben wir eine offizielle Gruppe gebucht. Nicht auszudenken, wenn wir als Privatpersonen vor dem Eingang warten müssten.» In der Tat: Touristengruppen wurden, offiziell angemeldet, innerhalb eines ganz bestimmten Zeitfensters eingelassen, sodass die Wartezeit jeweils kaum mehr als eine Viertelstunde betrug, trotz Tausenden von Besucherinnen und Besuchern vor den klassischen Sehenswürdigkeiten. Schlüssel zum Erfolg bei derart vielen Besuchern war, dass die Gruppen von ihren Führerinnen ständig in Bewegung gehalten wurden, sodass sich keine Staus bilden konnten. Aber eben: Sich vor einem Kunstwerk Zeit nehmen, das konnte man nicht. Im Gegensatz dazu standen sich private Gäste nicht selten bis zu vier Stunden die Füsse in den Bauch, bevor ihnen Einlass gewährt wurde. Wenn überhaupt. Und ohne Russischkenntnisse wäre es ohnehin sinnlos gewesen, aufbegehren zu wollen.
Die fünf Reisenden hatten für die erste Nacht die Qual der Wahl ihrer Übernachtung in Sankt Petersburg: entweder auf dem Schiff oder aber im Hotel. Die Alberta Imperator lag zwei Tage im Cruiseterminal in unmittelbarer Nähe des modernen, mit einer Milliarde Euro für die Weltmeisterschaften 2018 gebauten Fussballstadions vor Anker. Genauso konnten sie im Park Inn Pribaltiyskaya nächtigen, welches ebenso in der Nähe vom Schiffshafen lag und mit fast 1200 Zimmern das grösste Hotel der Stadt war. Die Schweizerinnen entschieden sich – wenn schon, dann schon – erwartungsgemäss für das Schiff, mit zwei Aussenkabinen und Balkon und einer Aussenkabine mit Balkon zur Alleinbenutzung durch Fiona Decorvet, wobei ihre Kabine nicht auf der gleichen Etage wie jene ihrer Mitreisenden lag, sondern ein Deck höher. Registriert wurden Luzia Cadei, Prisca Antoniazzi, Fiona Decorvet, Ruth Bär und Ruth Gnädinger unter den Passagiernummern 2017–2021, dies als Folge der chronologisch erfolgten Reservationen seit Buchungsbeginn. Eingecheckt hatte die Gruppe am späteren Vormittag, da das Flugzeug bereits um 10 Uhr in St. Petersburg gelandet war.
An diesem Abend unterliessen es die Damen, für ihr Nachtessen auf das Kreuzfahrtschiff zurückzukehren, und assen in der Stadt. Danach stand nämlich ein weiterer Höhepunkt an: das Ballett Cinderella in drei Akten von Sergei Prokofjew im Mariinsky-Theater mit dem Kirov-Ballett.
Am nächsten Tag, Donnerstag, 6. August, verliess die Alberta Imperator bei schönstem Wetter um 17 Uhr das Cruiseterminal in St. Petersburg, um Kurs auf das 363 Seemeilen entfernte Stockholm zu nehmen. Unübersehbar in den ersten Minuten nach dem Ablegen: der neue Hauptsitz von Gazprom am Rande der Stadt, ein Turm von über 450 Meter Höhe, den das Unternehmen nur zu gerne im Zentrum als neues Wahrzeichen Sankt Petersburgs gebaut hätte, was zum Glück jedoch verhindert werden konnte.
Die fünf Freundinnen standen auf dem obersten Deck, alle mit einem Glas Champagner in der Hand, in grosser Vorfreude auf die schwedische Hauptstadt, die am nächsten Morgen um 10 Uhr erreicht werden sollte. Vor allem die letzten beiden Stunden vor dem Anlegen in Stockholm boten Natur vom Schönsten, führten sie doch an vielen kleinen Schären und Inseln vorbei.
«Fiona, zum Mitschreiben für uns», scherzte Prisca Antoniazzi, ihren Freundinnen zuprostend, «in welcher Reihenfolge genau werden wir in Stockholm die Sehenswürdigkeiten beehren?» Ihrer Frage hängte sie – in korrektem Schwedisch und zur grossen Überraschung – gleich ein weltbekanntes Lied an, das mit Tjolahopp tjolahej tjolahoppsan-sa, här kommer Pippi Långstrump, ja, här kommer faktisk jag endete und zu einer einarmigen Ola-Welle ihrer Mitreisenden führte, was wiederum nichts anderes bewies, als dass die Frauen in aufgeräumter Stimmung waren, was definitiv nicht auf das eine Glas Champagner zurückzuführen war.
«Also, ihr Lieben – nein, ihr Liebsten! –, gut aufpassen: Zieht eure Sportschuhe an, denn morgen und übermorgen werden wir zusammen zwischen 20 und 30 Kilometer zu Fuss absolvieren», verkündete Fiona, was zu Erstaunen führte. «Die Stadt kann man vom Schiff aus gut zu Fuss erreichen, wie mir eine schwedische Künstlerin erzählt hat, das Zentrum liegt nur knapp drei Kilometer entfernt. Und einmal dort angelangt, werden wir die Altstadt besichtigen, die Gamla Stan, sicher aber auch das Vasa-Museum, das ABBA-Museum, den Königspalast.»
«Kein Museum für Pippi Langstrumpf?»
«Nein, Prisca, von einem eigentlichen Museum für Pippi oder Astrid Lindgren in Stockholm selber weiss ich nichts. Allerdings gibt es im Vergnügungspark Junibaken ein Kindermuseum, wo man auf seine Kosten kommt, auch in Bezug auf Pippi Langstrumpf», führte Fiona aus.
«Nein, muss nicht sein, ich vermute ohnehin, dass zu Vasa, ABBA und dieser Gamla noch einige Kirchen dazukommen werden», weissagte Prisca.
«Prisca, du bist eine Schlaue, wie immer», kam es lachend von Fiona zurück, worauf sich die Frauen nach einigen Minuten in Richtung ihrer Kabinen zurückzogen.
Abends wurde den Passagieren ein Gala-Diner serviert, wobei diese Feststellung nur die Kleidung der Gäste betraf, denn die Abendessen waren jeden Tag Gala-Essen an sich. Um 21 Uhr liess sich das helvetische Trüppchen von einer stündigen Show im grossen Theatersaal, von einem Bauchredner und einer Tanzgruppe begeistern, bevor man sich zum Schlummerbecher in einer der vielen Bars traf.
Es war keine eigentliche Überraschung, dass am nächsten Morgen Fiona, Luzia, Prisca und die beiden Ruth sich – ohne dies untereinander abgesprochen zu haben – bereits um 7 Uhr auf dem obersten Deck der Alberta Imperator trafen, um die grossartige Landschaft vor Stockholm nicht zu verpassen.
Eine leere Handtasche (Samstag, 8. August)
Fiona Decorvet hatte die Situation für und in Stockholm richtig eingeschätzt, die Füsse wurden während beinahe zwei Tagen arg strapaziert, das vorgesehene Programm absolviert, sogar samt dem Junibaken mit dem Kindermuseum. Und am Abend des 7. August hatte man «auswärts hervorragend gegessen», wie nicht nur Ruth Gnädinger festgestellt hatte, im Fem små hus, in der Gamla Stan, einem Restaurant mit fünf miteinander verbundenen Altstadtkellern. Nicht billig, aber top.
Das Auslaufen der Alberta Imperator wurde für den Samstag, 8. August um 14 Uhr angesetzt, mit Kurs auf Hamburg. An diesem Vormittag ebenfalls noch kurz als Touristen unterwegs waren fünf Kriminalbeamte, die einen dreitägigen internationalen Kongress in Stockholm besucht hatten, der am späten Nachmittag des 7. August zu Ende gegangen war. Joseph «J. R.» Ritter, Dezernatsleiter Leib und Leben bei der Kantonspolizei Bern, hatte bereits vor dem Kongress mit vier seiner ausländischen Kollegen abgemacht, sich das Zwischenstück der Rückreise nach Zürich ab Stockholm bis nach Hamburg mit der Alberta Imperator zu leisten, auf eigene Kosten, versteht sich. Begleitet wurde er von Commissario Luigi Bevilaqua aus Milano, von Holger «H H» Herrlich, Chef der Davidwache in Hamburg, von François Hommard, Commissaire aus Lyon, und von Adalbert König von der Landespolizeidirektion in Innsbruck. Auch diese fünf Herren trafen – wie die fünf Schweizerinnen – rechtzeitig vor dem Kreuzfahrtschiff ein, wo, wie inzwischen überall üblich, die Securityleute des Schiffes die Passagiere zuerst anhand ihrer Bordkarten, anschliessend mit Scanner die Rucksäcke und Handtaschen kontrollierten.
«Lustig, die Herren vor uns könnten Polizisten sein», schmunzelte Ruth Bär, und das nicht gerade im Flüsterton, worauf sich einer der Herren zu ihr umdrehte.
«Sehr gute Einschätzung, ich bin tatsächlich Polizist. Wollen Sie sich nicht bei uns bewerben? Übrigens, darf ich mich vorstellen? Joseph Ritter von der Kantonspolizei Bern. Vier Kollegen aus vier verschiedenen Ländern begleiten mich. Und bevor Sie sich wundern, ob unsere Kommissariate im Geld schwimmen: Wir waren an einem Kongress in Stockholm, leisten uns die Überfahrt nach Hamburg auf eigene Kosten. Wir wollen dieses Wunderschiff einmal im Leben selber besteigen.»
Ritter wurde in diesem Augenblick von einer Sicherheitsbeamtin aufgefordert, seinen Rucksack auf das Förderband zu legen, sodass er nicht mehr sehen konnte, wie Ruth Bär errötete, zur Gaudi ihrer Begleiterinnen. Die Reederei, im Wissen um das Zusteigen der fünf Herren, hatte das Gepäck der Polizisten am frühen Morgen in ihrem Stockholmer Hotel abholen und die Bordpässe mit Angabe der Kabinennummern hinterlegen lassen, damit die Beamten den Vormittag noch in der schwedischen Hauptstadt verbringen konnten. Nach den Kontrollen standen die Herren und Frauen kurz zusammen, stellten sich gegenseitig vor und lachten über das Gespür von Ruth Bär.
«Herr Ritter, wissen Sie bereits, wo Sie heute zum Abendessen sitzen werden? Erste oder zweite Sitzung?», erkundigte sich Fiona Decorvet.
«Wir haben eine Tischnummer für die erste Sitzung um 19 Uhr erhalten. Weshalb fragen Sie, Frau Decorvet?»
«Wäre das nicht eine gute Idee, wenn wir den Chef de Service fragen, ob er uns für heute Abend einen Zehnertisch zuweisen könnte?»
«Ja! Guter Einfall, ich liebe nämlich Kriminalromane! Mich würde interessieren, ob der Alltag von Ermittlern wirklich so spannend ist!», platzte Ruth Gnädinger ins Gespräch.
«Kollegen, was meint ihr dazu?», erkundigte sich Ritter in Englisch, nachdem er seinen Begleitern die «Tatumstände» erklärt hatte.
«Mais oui!» und «Assolutamente!» waren ebenso zu hören wie zweimal «Gerne, doch!», weil die Schweizerinnen sympathische Erscheinungen zu sein schienen.
«Meine Herren, ich kümmere mich darum. Geben Sie mir Ihre Kabinennummern, ich lasse Ihnen eine Message zukommen», sagte Fiona Decorvet, worauf man sich verabschiedete, die Herren in Richtung eines unteren Decks, wo es auch einige wenige Innenkabinen gab, die besser zu ihren Budgets passten. Aber für eine einzige Nacht spielte das überhaupt keine Rolle, denn man(n) gedachte ohnehin nicht, bereits um 22 Uhr ins Bett zu gehen. Ritter teilte sich die Kabine mit Holger Herrlich, die übrigen Herren arrangierten sich zu dritt in einer Kabine.
Während des Nachmittags traf man die eine oder den anderen auf dem obersten Deck, nicht zuletzt, um die grossartige Landschaft zu geniessen. Entlang dieser Gegend befand man sich in schwedischen Gewässern, am späteren Nachmittag in internationalen. Um die internationalen Seefahrtvorschriften zu erfüllen, mussten die fünf Polizisten ebenfalls die vorgeschriebene Rettungsübung bestreiten, unter allerdings eher ungewöhnlichen Bedingungen, nämlich auf der Brücke und unter Leitung von Capitano Enrico Tosso, der über die Anwesenheit der Kriminalisten informiert worden war.
«Meine Herren, es ist uns allen auf der Alberta Imperator eine Freude und Ehre, Sie an Bord zu haben, wenn auch nur für kurze Zeit. Ich hoffe, Ihre Dienste allerdings nicht in Anspruch nehmen zu müssen», lachte er.
«Wie weit ist es eigentlich bis nach Hamburg?», gab sich François Hommard interessiert.
«Von Sankt Petersburg nach Stockholm waren es 363 nautische Seemeilen, von Stockholm nach Hamburg sind es 436, das sind etwas mehr als 830 Kilometer. Wenn alles nach Plan läuft, treffen wir morgen Sonntag um 12 Uhr in der Hansestadt ein. Haben Sie dort noch Pläne?»
«Das», sagte Holger Herrlich, dessen Initialen mit dem Autokennzeichen für die Hansestadt Hamburg übereinstimmten, «kommt auf die Weiterflüge an. Ich selber werde am Nachmittag auf der Davidwache vorbeischauen, habe aber erst übermorgen, am 10. August, wieder Dienst.»
«Die Davidwache auf Sankt Pauli, die vermutlich bekannteste in ganz Europa …»
«Ja, Capitano, wir können uns über Arbeit nicht beklagen, vor allem am Wochenende nicht, da brennt der Baum.»
«Brennt der Baum?», hakte Tosso nach.
«Eine Redensart, Capitano, das heisst, dass wir dann sehr viel zu tun haben, vor allem mit Touristen, die in Bars angeblich zu viel bezahlen mussten, auf der Grossen Freiheit, oder von Bordsteinschwalben gerupft wurden.» Der Capitano unterliess daraufhin eine weitere Frage nach der Bedeutung des letzten Ausdrucks. Es folgten einige Minuten, in denen vor allem über die Seefahrt gesprochen wurde, auch darüber, dass die Reederei Alberta mit ihren neun Schiffen auf allen Weltmeeren zusammen mit der MSC praktisch die einzige bedeutende Reederei in Privatbesitz war und nicht zu Riesen wie die Carnival Corp. gehörte, unter deren Flagge nicht bloss die eigene Flotte fuhr, sondern unter anderen auch die Schiffe von Aida, Costa, Cunard, Holland-America oder Princess. Enrico Tosso ging dabei auch auf technische Fragen ein. Eine halbe Stunde später verabschiedete man sich, die Polizisten verbrachten danach eine Stunde bei der offenen Portofino-Bar auf dem Promenadendeck, die angesichts des schönen und warmen Wetters gut besucht war.
Um 19 Uhr traf man sich im Speisesaal Roma, wo der Chef de Service den gewünschten Zehnertisch reserviert hatte, unmittelbar neben einer riesigen Fensterfront. Es schien, als würden sich die Polizisten und die kulturinteressierten Damen auf das Wiedersehen freuen, entsprechend wurden die Stühle des Tisches jeweils mit dem anderen Geschlecht zur Rechten und zur Linken besetzt. Die Damen wussten vor allem über das Gesehene in Sankt Petersburg zu berichten, samt Fotos auf ihren Handys, die Herren berichteten über ihren Alltag, was die Schweizerinnen offensichtlich zu beeindrucken vermochte. Wie aus dem Nichts heraus erklärte Fiona Decorvet plötzlich, sie müsse dringend auf die Toilette, und zwar auf eine Art und Weise, die vor allem Joseph Ritter irritierte, der aber möglicherweise gar nicht vorhandene Gespenster sah.
Als Fiona Decorvet an den Tisch zurückkehrte, schien sie irgendwie zerstreut, aber nichts deutete auf Ungewöhnliches hin, «alles bestens», versicherte sie, als sich Ritter bei ihr erkundigte. «Déformation professionnelle» würde François Hommard dem vermutlich sagen, Ritter musste ob sich selber schmunzeln. Gemeinsam machte man sich gegen 20.45 Uhr in Richtung des Theatersaals auf, wo um 21 Uhr eine ABBAmania angesagt war mit der Tanztruppe der Alberta Imperator, die meisten davon absolute Spitzentänzerinnen und -tänzer aus Russland, der Ukraine und Polen.
«Entschuldigt mich bitte schnell», flüsterte Fiona Decorvet zu Ruth Gnädinger zehn Minuten nach Beginn der Vorstellung und nachdem sie eine Nachricht auf ihrem Handy gelesen hatte. Es war das letzte Mal, dass man sie an Bord sah.
«Ich schaue kurz in ihrer Kabine vorbei», erklärte Ruth Gnädinger nach der Vorstellung, «es ist ja nicht ihre Art, einfach wortlos zu verschwinden. Es wird ihr vermutlich unwohl geworden sein. Wo finde ich euch?»
«Wir gehen auf einen Schlummertrunk in die Venezia Bar», sagte Ritter, «kommt ihr auch noch?», worauf die vier Damen nickten.
Zehn Minuten später erschien auch Ruth Gnädinger. Allein.
«Sie hat die Türe nicht geöffnet, ich habe deshalb eine Angestellte gebeten, schnell einen Blick in ihre Kabine zu werfen.»
«Und?», erkundigte sich Holger Herrlich.
«Herr Herrlich, leer. Was ist da passiert?»
«Vor allem sollten Sie sich keine Sorgen machen, vielleicht hat sie ja einen Bekannten getroffen und die Zeit vergessen», versuchte Adalbert König sie zu beruhigen.
«Ich hoffe sehr, dass Ihre Einschätzung stimmt, Herr König, aber ich habe ein komisches Gefühl.»
«Warten wir eine Viertelstunde, dann werde ich die Rezeption bitten, Frau Decorvet auszurufen», empfahl Luigi Bevilaqua, worauf die vier Kollegen zustimmend in seine Richtung nickten. «Lassen wir uns überraschen, vielleicht taucht sie ja vorher mit einer ganz normalen Geschichte auf.»
Um 22.15 Uhr wies sich Luigi Bevilaqua bei einer Mitarbeitenden an der Rezeption aus, mit dem Wunsch, Fiona Decorvet von Kabine 1007 auszurufen und sie an die Kundeninformation zu bitten. Die Durchsage wurde auch in der Venezia Bar gehört.
«Und wenn wir sie nicht finden, was machen wir dann?», erging von Luzia Cadei in die Runde.
«Dann werden wir beim Capitano vorsprechen und ihn bitten, das ganze Schiff durchsuchen zu lassen. Ich bin überzeugt, dass er dem zustimmen wird.»
«Und wenn auch das zu keinem Ergebnis führt und Fiona vielleicht sogar …», Prisca Antoniazzi mochte ihre Gedanken nicht weiter auszusprechen.
«Meine Damen, eines nach dem anderen, jetzt warten wir erst einmal ab, ob sich Frau Decorvet bei der Kundeninformation meldet», wechselte Ritter zurück ins unmittelbare Jetzt.
Eine Viertelstunde später kehrte Luigi Bevilaqua die Schultern zuckend und mit Kopfschütteln zurück. Als ob er die Gedankengänge seiner Kollegen hätte erahnen können, schlug er selber vor, Enrico Tosso zu kontaktieren und ihn zu bitten, von seiner Mannschaft das Schiff durchsuchen zu lassen.
«Luigi, ich denke, das ist der einzig richtige Weg», antwortete König respektvoll, «als Landsmann des Capitanos, machst du das?»
«Certo. In internationalen Gewässern gilt übrigens die Gesetzgebung jenes Landes, in welchem das Schiff immatrikuliert ist, in unserem Fall also italienisches Recht. Aber das nur nebenbei. Bleibt ihr hier? Machen wir aus der Bar einen offiziellen Treffpunkt?», wollte er wissen, worauf alle acht übrigen Anwesenden zustimmten.
Enrico Tosso hatte zwar seinen Arbeitstag seit wenigen Minuten beendet, er hielt sich jedoch noch immer auf der Brücke auf und besprach sich mit seinem Ersten Offizier, der jetzt für das Schiff verantwortlich war, als ihn der Anruf von Luigi Bevilaqua erreichte. Er bat den Polizisten zu sich auf die Brücke.
«Commissario, was kann ich für Sie tun?»
«Capitano, zuerst einmal bedaure ich, dass ich Sie um Unterstützung bitten muss, aber eine Passagierin ist nicht auffindbar.»
«Frau Deco …»
«Decorvet, ja, Fiona Decorvet, Sie haben die Durchsage auch gehört?»
«Ja, gewiss. Seit wann vermissen Sie sie?»
«Ihre Mitreisenden haben sie kurz nach Beginn der Vorstellung im Theater aufstehen und zum Ausgang gehen sehen, also wenige Minuten nach neun Uhr.»
Enrico Tosso schaute auf seine Uhr.
«Capitano, ich will mit der Vermutung, dass sie nicht mehr auf dem Schiff sein könnte, nicht den Teufel an die Wand malen, deshalb: Können Sie von Ihren Leuten die Imperator durchsuchen lassen? Und glauben Sie mir, uns ist das unangenehm, sehr unangenehm.»
«Kein Problem, Commissario, ich werde das sofort veranlassen. Zudem werde ich die Videoaufzeichnungen der letzten beiden Stunden visionieren lassen, wobei …»
«Wobei?»
«Die Innenbereiche sind zwar zu 100 % überwacht, nicht so aber gewisse Aussenbereiche. Die Aufzeichnungen werden uns also möglicherweise keine Gewissheit geben, was eventuell passiert sein könnte.»
Bereits zehn Minuten später waren an die 200 Crewmitglieder diskret daran, auf der Suche nach dem Verbleib von Fiona Decorvet die ihnen zugeteilten Bereiche zu kontrollieren. Eine halbe Stunde später stellte sich auch diese Aktion als ergebnislos heraus. Luigi Bevilaqua hatte sich zu Beginn der Schiffsdurchsuchung wieder zu seiner Gruppe begeben, um ihnen über die Besprechung mit dem Kapitän zu berichten, auch, was die Videoaufzeichnungen betraf. Enrico Tosso seinerseits hatte dem Commissario versprochen, ihn in der Venezia Bar aufzusuchen, sobald er Neues erfahren würde. Dies war gegen 23.45 Uhr der Fall.
«Signore e Signori, purtroppo – ich habe Ihnen keine guten Neuigkeiten. Frau Decorvet haben wir nicht gefunden, aber das hier auf Deck 5, wo sich die Rettungsboote befinden.» Er zeigte der Gruppe eine kleine, längliche Damenhandtasche von Freitag, eine Ottendorfer aus der Reference Collection.
«Die gehört Fiona!», riefen die vier Damen fast gleichzeitig.
«Was hat das zu bedeuten, Capitano?», wandte sich Bevilaqua an Tosso.
«Commissario, ich kann das nicht einschätzen. Jener Teil des Decks, auf welchem wir die Tasche gefunden haben, befindet sich knapp ausserhalb des Bereichs für die Videoaufzeichnungen bei den Rettungsbooten. Es ist um 21.21 Uhr kurz ein Schatten zu sehen, der sich von einem Boot wegbewegen könnte, mehr nicht. Auffallend: In der Tasche finden sich nur Kosmetikartikel. Keine Ausweise, kein Handy, kein Geld.»
«Eine ultimative Frage, die ich eigentlich gar nicht stellen dürfte …»
«Bitte, Herr Ritter.»
«Umkehren, Frau Decorvet suchen?»
«Meine Damen und Herren, ich hätte das sofort veranlasst, würde nur der Hauch einer Chance bestehen, Frau Decorvet zu finden. Aber seit ihrem Verschwinden sind fast drei Stunden vergangen, eine Suche wäre schon allein deshalb hoffnungslos, dazu ist es Nacht.»
«Hilfe von den Küstenwachen, mit Suchhelikoptern?» Prisca Antoniazzi stellte die Frage.
«Signora, wir sind zu weit von den Küsten entfernt, zudem wüssten wir gar nicht, in welchen Abschnitten zu suchen wäre. Nein, ich kann und will Ihnen keine Hoffnung machen. Das Einzige, was wir tun können, ist zu hoffen, dass sie bei unserer Suche übersehen wurde. Wir werden uns die Passagiere beim Aussteigen in Hamburg genau anschauen und zu jener Zeit das Schiff nochmals durchsuchen.»
«Capitano, soll ich in Hamburg Spürhunde anfordern, die bei der Suche behilflich sind?», schlug Herrlich vor.
«Das wäre eine sehr gute Idee, Herr Herrlich. Grazie.»
«Würden Sie mir ein ungewaschenes Kleidungsstück aus der Kabine von Frau Decorvet zur Verfügung stellen?», bat er die vier Damen.
«Das machen wir, Herr Herrlich», sagte Luzia Cadei, «aber mit diesem Umstand haben wir uns noch gar nicht beschäftigt, mit dem Kofferpacken für Fiona», worauf sie ihre Freundinnen wortlos ansah.
«Capitano, ist es möglich, uns die Passagierliste zur Verfügung zu stellen?», ersuchte Ritter.
«Herr Ritter, in diesem speziellen Fall mit Sicherheit, allerdings nur zur Ansicht, Sie dürfen sie nicht mitnehmen oder kopieren, dazu benötige ich die Zustimmung der Reederei, was nicht umgehend der Fall sein wird. Die Leute benötigen ihrerseits Zeit für juristische Abklärungen.»
«Das ist überhaupt kein Problem, Capitano, danke.»
Joseph Ritter wandte sich an die Anwesenden, derweil Enrico Tosso sich vorübergehend verabschiedete, im Wissen, dass er die Verantwortliche für die Administration wecken musste, um an das ausgedruckte Dokument heranzukommen. In den nächsten Minuten überlegte Ritter laut, wie das weitere Vorgehen bis zum Ausschiffen in Hamburg aussehen würde, immer wieder mit der Zustimmung seiner Kollegen: Die vier Frauen hatten die Aufgabe, die Passagierliste spontan zu begutachten. Unter Umständen würden sie auf Namen stossen, die in einem möglichen Zusammenhang mit dem Verschwinden von Fiona Decorvet stehen könnten. Vor allem galt es, sich die Namen der Schweizer Passagiere zu notieren. Luigi Bevilaqua erklärte sich bereit, zusammen mit dem Capitano in Genua Druck zu machen, damit die Berner Ermittler möglichst rasch offiziell und juristisch abgesichert an die Liste herankommen konnten, um sie in den nächsten Tagen im Detail durchzupflügen. Von wem hatte Fiona Decorvet eine Nachricht erhalten, die derart wichtig schien, dass sie mitten in der Vorstellung das Theater verliess? Wohin ging sie? Traf sie jemanden? Vor allem aber: Wo befand sie sich jetzt, was hatte es mit der Handtasche auf Deck 5 auf sich? Hatte sie schon während des Nachtessens eine SMS erhalten, die sie aufstehen liess? Ratlosigkeit herrschte. Die nächsten Minuten gehörten den Kriminalisten, die Damen begnügten sich mit der Rolle der Zuhörerinnen.

In der Nähe dieses Rettungsbootes auf der Alberta Imperator auf Deck 5 wurde die Handtasche von Fiona Decorvet gefunden.
«Kollegen, wie gehen wir bei den Ermittlungen vor? Wer von uns macht was?»
«J. R., es geht hier um eine Schweizer Bürgerin, also bist du schon einmal involviert.»
«Ja, Holger, aber demnächst treffen wir in Deutschland ein, dort bist du – im wahrsten Sinne des Wortes – Hausherr, abgekürzt HH», witzelte Ritter. «Nicht vergessen, cari amici sportivi, la nostra nave ist italienisches Hoheitsgebiet», warf Bevilaqua ein.
«J. R., müssen wir Interpol zuschalten?», bedachte König.
«Nein, Adalbert, das müssen wir nicht. Denn: Es liegt kein Verbrechen vor, es wird lediglich jemand vermisst. Die Spürhunde stellen wir zur Verfügung, sofern der Capitano und Luigi damit einverstanden sind.»
«Claro. Verzwickt wird unser Fall erst, sollten wir Signora Decorvet leblos an Bord finden, was wir alle natürlich nicht hoffen.»
In diesem Moment kehrte Enrico Tosso zur Gruppe zurück, die jetzt noch allein in der Venezia Bar sass. Dies war kein Zufall, denn der Kapitän hatte auf dem Weg zur Administration den Barkeeper gebeten, die anderen wenigen Gäste zu motivieren, für einen Gratisdrink in einen anderen Salon zu wechseln. Tosso überliess vorerst Ritter die Passagierliste, mit der Bitte, diese nicht aus der Venezia Bar zu tragen und dafür später seinem Zweiten Offizier Carlo Colombi auszuhändigen, der Nachtdienst hatte. Er verabschiedete sich danach bei den Polizisten und den Kulturtouristinnen mit der Feststellung, dass er um 6 Uhr wieder auf der Brücke zur Verfügung stünde.
Mitternacht war seit 90 Minuten vorbei, als Luzia Cadei, Prisca Antoniazzi, Ruth Bär und Ruth Gnädinger die Passagierliste Joseph Ritter wieder überreichten.
«Herr Ritter», Ruth Gnädinger amtete als Gruppensprecherin, «es sind total nur 22 Schweizer an Bord, minus uns fünf Damen, also nur 17 andere. Mit Ausnahme eines Namens können wir nichts anfangen, haben sie aber notiert, mit Adressen. Sie wohnen in Münsingen?», worauf der Schweizer schmunzeln musste.
«Minus mich selber, macht noch 16. Ja, ich bin in Münsingen zu Hause. Sagen Ihnen die Namen anderer Passagiere per Zufall etwas, Frau Gnädinger?»
«Überhaupt nicht, vielleicht mit Ausnahme eines Mark Spitz.»
«X-facher Olympiasieger im Schwimmen», ergänzte Prisca Antoniazzi.
«Siebenfach, 1972 in München», stellte Ritter weiter fest, «aber ich denke kaum, dass wir ihn befragen müssen, zumal er Amerikaner ist. Dennoch eine Frage: Sie sagten mit Ausnahme eines Namens, wen haben Sie damit gemeint, etwa Roland Jeanneret?»
«Herr Ritter, können Sie Gedanken lesen oder sind Sie eventuell sogar bei der NSA?», scherzte Ruth Gnädinger.
«Nein, keine Angst, Frau Gnädinger», gab sich Ritter ernsthaft, «aber mir war, ich hätte ihn und seine Frau Suzanne vorhin von Weitem gesehen. Wir kennen uns nicht, aber das ehemalige Aushängeschild der Glückskette ist noch heute schweizweit bekannt. 16 minus 2. Es gibt demnach 14 Schweizer, auf die wir eventuell zurückkommen müssen. Jeanneret wird kaum etwas mit Frau Decorvet zu tun gehabt haben, sonst hätten sie sich zweifelsohne begrüsst. Das wäre Ihnen bestimmt aufgefallen, nicht wahr?»
«Ja, das ist so, Fiona hätte uns Herrn Jeanneret bestimmt vorgestellt.»
Entgegen der Anweisung an alle anderen in Hamburg aussteigenden Passagiere, ihre Koffer mit zur Verfügung gestellten verschiedenfarbigen Etiketten bis 1 Uhr vor ihre Kabinen für den Abtransport und reibungslosen Abschluss ihrer Reise zu stellen, konnten die neun Anwesenden damit bis 7 Uhr zuwarten. Das hatte ihnen Carlo Colombi mitgeteilt. Gegen 1.45 Uhr verabschiedete man sich, Ritter mit der Bitte an die Damen, ihn um 7 Uhr im Speisesaal Roma zu treffen, weil er doch einige Fragen zur Verschwundenen hatte.
Fiona Decorvet (Sonntag, 9. August)
Als Capitano Tosso auf der Brücke eintraf, war business as usual angesagt, ohne weitere Vorkommnisse während der Nacht war das Anlegen in Hamburg erst in sechs Stunden vorgesehen. Mit anderen Worten: Fiona Decorvet galt noch immer als vermisst, ein zusätzliches Visionieren der Videobänder durch die Security hatte keine neuen Erkenntnisse gebracht. Der Schatten auf Deck 5 konnte in keinen Zusammenhang mit ihrem Verschwinden gebracht werden, die Suche nach ihrem Handy blieb ergebnislos. Tosso unterliess es deshalb, sich bei Bevilaqua oder bei Ritter zu melden, Letzterer traf sich wie abgemacht eine Stunde später mit den Frauen.
«Danke, meine Damen, dass Sie sich eingefunden haben. Wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich unser Gespräch gerne elektronisch aufzeichnen, damit ich mit meinem Team in Bern bei den weiteren Ermittlungen nicht bei null beginnen muss.»
«Glauben Sie an ein Verbrechen, Herr Ritter?», gab sich Ruth Bär besorgt.
«Frau Bär, wir Kriminalisten stützen uns eher auf Fakten denn auf Vermutungen. Aber ich will ja nicht spitzfindig werden. Worauf ich mir keinen Reim machen kann: Was hat es mit der Handtasche auf sich?»
«Das beschäftigt auch mich, Herr Ritter, ich meine, wenn Fiona bewusst über Bord gegangen wäre, hätte sie doch die Tasche samt Inhalt mitgenommen – oder an Bord gelassen», mutmasste Prisca Antoniazzi.
«Da stimme ich Ihnen zu, Frau Antoniazzi. Was ich deshalb sofort wissen muss: Wie lautet die Handynummer von Frau Decorvet?»
«Hier haben Sie sie.» Ritter nahm den Zettel von Ruth Bär entgegen.
«Ich werde meine Mitarbeiterin jetzt sofort bitten, die Verbindungen von Frau Decorvet via Anbieter zu überprüfen, vor allem jene Kontaktnahme kurz nach neun Uhr, gestern Abend – und wo das Handy des Anrufers eingeloggt war. Sie entschuldigen mich bitte kurz.»
Joseph Ritter rief Claudia Lüthi mit entschuldigenden Worten an, im Wissen, dass Elias Brunner mit Regula Wälchli und Sohn Noah heute Sonntag abwesend waren. Stephan Moser war seinerseits ohnehin mit einer alten, aber noch nicht gänzlich aufgeklärten Geschichte beschäftigt. Claudia Lüthi notierte sich alle wichtigen Angaben zum Fall und versprach, so schnell als möglich zurückzurufen. Und der Chef solle sich keine Gedanken wegen des Anrufs am Sonntag machen, immerhin hätte sie «jetzt etwas zu tun», wie sie lachend feststellte. Ritter nahm ihr das nicht ab, sagte es ihr auch.
«Wann kommst du zurück, J. R.?», wechselte Claudia Lüthi das Thema.
«Das weiss ich noch nicht, aber vermutlich werde ich den Rückflug auf morgen Montagmorgen verschieben müssen.»
«Kein Problem, sobald ich die Liste vom Provider habe, werde ich die letzten Anrufe überprüfen, dir durchgeben und versuchen, bis zu deiner Rückkehr so viele Informationen über diese Fiona Decorvet wie möglich in Erfahrung zu bringen, auch über die beiden Galerien.»
«Genial, Claudia, gerade darum wollte ich dich nämlich bitten, du kommst mir zuvor. Danke.»
«Die Galerie Avantgarde in der Berner Altstadt ist übrigens kaum für unsere Budgets, J. R., ich gehe da öfter hin, einfach um meinen Gwunder zu stillen. Hat Stil, Niveau.»
«Wie du. Aber jetzt muss ich Schluss machen, die vier Begleiterinnen von Frau Decorvet warten auf mich. Bis bald.»
Als er an den Tisch zurückkehrte, stand HH bei den vier Frauen, die ihm Augenblicke zuvor gesagt hatten, «dass Herr Ritter sofort wieder da sein wird». Holger Herrlich bestätigte Ritter, dass sieben Spürhunde in Hamburg bereitstünden, um auf der Alberta Imperator eine mögliche Spur zu Fiona Decorvet aufzunehmen und zu verfolgen. Von Luzia Cadei hatte HH zwei Kleidungsstücke der Vermissten erhalten. Die vier Freundinnen hatten gemeinsam Fionas Koffer gepackt und vor die Türe gestellt.
Joseph Ritter ging es im Gespräch mit den vier Frauen darum, möglichst viel über Fiona Decorvet zu erfahren. Er war sich auch sicher, dass die Recherchen von Claudia Lüthi zusätzlich noch das eine oder andere Interessante ergeben würden.
Fiona Decorvet wurde 1960 mit ihrer Zwillingsschwester Caroline in Bern geboren. Eltern: Barbara, Kindergärtnerin, wie das seinerzeit hiess, und Jean-Paul Decorvet, Architekt. Sie verbrachte ihre Jugend in Köniz, besuchte nach der Sekundarschule das Gymnasium Lerbermatt Köniz und heiratete 1980 mit knapp 20 Jahren völlig überstürzt, um ihre strengen Eltern zu provozieren, den um 22 Jahre älteren Stanislas Kurmann, einen selber nur mittelmässig begabten Maler, der aber die wirklich Grossen der Szene kannte, weil er ein kurzweiliger Unterhalter war. Durch ihn lernte Fiona – die ihren Mädchennamen beibehielt – erst einmal die Schweizer Kunstwelt kennen und schätzen. Ihre Freunde wussten, dass das Ablaufdatum dieser Ehe eher kürzer denn länger war. Und tatsächlich: 1982 gingen Stanislas und Fiona eigene Wege, wobei sie sich dennoch immer wieder kreuzten, denn Fiona hatte die Absicht, sich in der Kunstwelt zu etablieren. Der Durchbruch als ernst zu nehmende Galeristin gelang ihr jedoch erst viele Jahre später, mit Hilfe ihrer Freundin Ruth Bär, die einen vermögenden Partner geheiratet und sich finanziell bei der Avantgarde Galerie in Bern engagiert hatte.
Während den ersten beiden Jahrzehnten nach ihrer Scheidung von Kurmann arbeitete Fiona Decorvet vorerst für ein bekanntes Berner Auktionshaus, wodurch sie internationale Kunstschaffende kennenlernen konnte. Mehr noch: Die clevere Angestellte zögerte keinen Augenblick, als sie davon erfuhr, dass in der Altstadt von Bern, an bester Lage in der Kramgasse, in einem Jahr im Parterre und im ersten Stock Flächen frei würden, die sich perfekt für eine Galerie eigneten. 2005 eröffnete Avantgarde Bern. Die Vernissage brachte für einige Stunden Glamour ins sonst beschauliche Bern, denn mehrere weltbekannte Künstlerinnen und Künstler waren dem Ruf von Fiona Decorvet zum Besuch der Vernissage gefolgt. Vor allem das Beziehungsnetz der Besitzerin verhalfen Avantgarde zu einem kaum für möglich gehaltenen Erfolg.
Nicht zuletzt die Hochzeit 2007 mit Nazar Klitschko, einem Diplomaten aus der Ukraine – von den einschlägigen Medien hautnah begleitet –, verhalf ihr zu weiterer Publicity. 2009 erwies sich als prägendes Jahr für die Bernerin. Zum einen, weil sie inzwischen selber über genügend flüssige Mittel verfügte, um an der Bahnhofstrasse in Zürich – an absoluter Toplage – eine zweite Galerie zu eröffnen, die Avantgarde Zürich. Die dort ausgestellten und vermittelten Kunstwerke waren mit dem Berner Angebot nicht zu vergleichen, wurden in der Limmatstadt doch Werke von Künstlerinnen und Künstlern gehandelt, die für Bern preislich unvorstellbar schienen. Geleitet wurde die Zürcher Galerie von Victorija Rudenko, ursprünglich aus Prypjat bei Tschernobyl in der Ukraine stammend. Zum anderen ging 2009 die Ehe in die Brüche, da Nazar Klitschko plötzlich Gefallen an seiner Landsfrau in Zürich fand. Trotz dieses Umstandes – und frei nach dem Song von Shawn Elliot aus dem Jahr 1965, Shame and Scandal in the Family – führte Victorija Rudenko die Galerie weiter, weil sie dies aussergewöhnlich erfolgreich tat. Zudem unterliess es Fiona Decorvet bewusst, sich mehr als einmal im Jahr in Zürich zu zeigen. Das Controlling über Avantgarde Zürich überliess sie einem weltweit bekannten Treuhandbüro mit Sitz in Zürich.
Fiona Decorvet hatte, nach Aussagen ihrer Freundinnen, «offenbar einen neuen Partner», den sie aber «noch unter Verschluss» hielt, jedenfalls hatte noch keine der vier Anwesenden Bekanntschaft mit dem Unbekannten gemacht.
«Wo genau in Schwarzenburg wohnt Frau Decorvet?», wollte Joseph Ritter wissen, der bewusst die Vergangenheitsform vermied.
«In einem wunderschön zur Villa umgebauten Bauernhaus mit Umschwung, oberhalb von Schwarzenburg, an der Milkenstrasse, mit fantastischer Aussicht», kam Luzia Cadei richtig ins Schwärmen, «das Innere ist nicht bloss vom Feinsten, sondern auch vom Teuersten. Und mit den Kunstwerken eine Galerie in sich. Da sind Millionenwerte vorhanden, alles bestens versichert, wie Fiona uns einmal verraten hat.»
Es konnte Joseph Ritter – inzwischen waren auch sämtliche seiner Kollegen am Tisch eingetroffen, ohne Neues erfahren zu haben – nicht erstaunen, dass die vier Freundinnen von Fiona Decorvet nur Gutes über die Verschwundene zu erzählen wussten. Auf Nachfragen in Richtung Feinde – «Wer erfolgreich ist, hat doch automatisch Neider …» – oder Spannungen mit Victorija Rudenko und Nazar Klitschko – «Diese Konstellation rund um die Zürcher Galerie ist doch sehr speziell …» – gab es seitens der Damen klare Antworten, nämlich gar keine. Merkwürdig, denn wo Sonne ist, da ist auch Schatten, bestimmt auch rund um die Person von Fiona Decorvet. Ritter agierte während dieser Gespräche als Dolmetscher ins Englische, damit auch Luigi Bevilaqua und François Hommard die Informationen mitbekamen.
Bis zur Ankunft in der Hansestadt blieben noch etwas mehr als vier Stunden. Ritter war sich nicht sicher, wie er diese Zeit sinnvoll nutzen konnte, weshalb er in der Runde die nächsten Schritte zur Diskussion stellte.
«Ich gehe einmal davon aus, dass Frau Decorvet bis zum Anlegen verschwunden bleibt», sagte er, «erst nach der neuerlichen Durchsuchung des Schiffes und dem Einsatz der Hunde wird sich mein Team näher mit Fiona Decorvet befassen, falls sie verschwunden bleibt.»
«Was heisst das konkret?», forderte Luzia Cadei eine Präzisierung.
«Frau Cadei, bei einer derartigen Ausgangslage werden wir auf breiter Front zu recherchieren beginnen. Für das Protokoll werden wir auch mit Ihnen, Frau Bär, Frau Gnädinger und Frau Antoniazzi, sprechen müssen, einzeln. Das wird spätestens übermorgen Dienstag der Fall sein. Ich hoffe, sie alle sind dann abkömmlich. Bitte notieren Sie mir deshalb Ihre Handynummern. Holger, wie siehst du das weitere Vorgehen? Die Frage geht in diesem Sinn auch an Luigi», der sich umgehend meldete.
«J. R., ich werde sofort mit Capitano Tosso sprechen und seine Aussagen für eure weiteren Ermittlungen protokollieren. Bis wir in Hamburg eintreffen, hast du seine Angaben auf deinem Handy, vielleicht sogar bereits ausgedruckt», versicherte Bevilaqua.
«Grazie, Luigi, geht das, wenn möglich, sogar auf Englisch? Das würde uns sehr helfen, obwohl Italienisch ja eine unserer Landessprachen ist.»
«Caro, certo! We will try it the Shakespeare way … Adesso, a più tardi», worauf sich der Italiener vom Tisch erhob und sich vorübergehend verabschiedete. Es gab Momente, da erinnerte ihn Bevilaqua mit seiner typischen Italianità an Commissario Brunetti aus Venedig.
«Holger, was gibt es nach der Durchsuchung zu beachten?»
«Nun, J. R., von deutscher Seite her werden wir ein Protokoll aufnehmen und dann mit dir in Kontakt bleiben, für den weiteren Verlauf eurer Recherchen. Zwar können wir ein Verbrechen nicht ausschliessen, haben aber keine Verdachtsmomente, sodass wir nicht aktiv werden, da Decorvet deine Landsmännin, eh … Landsfrau ist.»
«François, Adi?»
«Nun, ich denke nicht, dass sich unser Aussenministerium in Wien einschalten wird», schmunzelte König, «wir stehen aber bestimmt zur Verfügung, sollten sich die Ermittlungen ausweiten.»
«Woran denkst du, Adi?»
«An den Kunstmarkt. Wien war seit jeher eine Drehscheibe im internationalen Kunsthandel, im legalen, aber auch im illegalen. Wer weiss, ob sich da etwas ergibt.»
«Herr König! Ich muss aufs Heftigste gegen diese Andeutung protestieren! Frau Decorvet auch nur gedanklich in die Nähe einer illegalen Kunstszene zu bringen, das ist ungeheuerlich!», ärgerte sich Ruth Bär.
«Frau Bär, ich möchte nicht missverstanden werden …»
«Diese Äusserung kann man gar nicht missverstehen, Herr König.»
«Wissen Sie, vor allem in Zürich, da …»
«Nein, Herr König, das brauche ich mir nicht weiter anzuhören, ich ziehe mich zurück!», worauf Ruth Bär sich nach dem Abgang von Luigi Bevilaqua ebenfalls verabschiedete.
Die folgenden Augenblicke hätte man durchaus als gereizt bezeichnen können. Es war François Hommard, der die Spannung abzubauen begann, indem er die Worte seines österreichischen Kollegen aus Innsbruck in einen grösseren Kontext setzte und darauf hinwies, dass Österreich vor allem nach dem Krieg ein Tummelplatz für Raubkunst und Kunstschieberei war, worauf Adalbert König mit einem Kopfnicken die Äusserungen des Franzosen bestätigte und Worte fand, die wirklich zur Beruhigung beitrugen, auch bei Prisca Antoniazzi.
«Wissen Sie, Herr König», erklärte sie, «Ruth Bär hat zu Beginn der Karriere von Fiona Decorvet ganz schön viel Geld in die Hand genommen, um ihr diesen Start zu ermöglichen, deshalb ihre Überreaktion, sie wird sich schnell wieder beruhigen, sie ist eine Impulsive, wir kennen sie nicht anders, nicht wahr, meine Damen?», die mit Kopfnicken und Schmunzeln dieses Intermezzo abschlossen.
Ritter hatte seinerseits erfahren, dass Ruth Bär ihrer Freundin nur beim Aufbau ihrer Galerie in Bern geholfen hatte, die Zürcher Niederlassung vermochte Fiona Decorvet finanziell selber zu stemmen. Weil er wusste, dass Claudia Lüthi daran war, die Handydaten und weitere Angaben zur Vermissten zu ermitteln, benutzte er die Gelegenheit, den drei Damen einige Fragen zur Zürcher Galerie zu stellen. Just als er damit beginnen wollte, gesellte sich Ruth Bär mit ein paar entschuldigenden Worten wieder an den Tisch.
Avantgarde Zürich eröffnete 2009 an der Bahnhofstrasse in Zürich, unweit vom Paradeplatz. Fiona Decorvet führte die Galerie die ersten paar Monate selber, um den «Berner Geist» in die Limmatstadt zu transplantieren, wie sie sich jeweils ausdrückte. Es war dies eine Selbstsicherheit sondergleichen, denn üblicherweise stellen sich Berner von selber in den Zürcher Schatten, ohne dass sie dafür einen besonderen Grund haben. Eine Art angeborener Masochismus. Besondere Freude hatten die Mutzen, wie sie wegen des Wappentiers primär im Sport genannt wurden, wenn die Zürcher Grund zur Klage hatten, vor allem in wirtschaftlicher Sicht, aber auch der Abstieg der Zürcher Grashoppers aus der höchsten Spielklasse im helvetischen Fussball wurde mit einer Art Wohlwollen zur Kenntnis genommen. Da war die Schadenfreude bei den vielen städtischen, kantonalen und eidgenössischen Beamten im Kanton Bern jeweils grenzenlos. Das galt im Übrigen nicht bloss für die Berner, die mit Beppi bezeichneten Einwohner Basels standen mit Grinsen in Richtung Zürich ebenfalls nie zurück.
«Frau Bär, wie und wann fand die Ablösung von Frau Decorvet als Geschäftsleiterin in Zürich statt?»
«Fiona wusste, dass sie auf die Dauer die beiden Galerien nicht selber führen konnte. Sie erzählte mir in den ersten Monaten 2010 – an den genauen Zeitpunkt erinnere ich mich nicht mehr –, dass sie eine interessante junge Frau kennengelernt hatte, 34-jährig, eine Ukrainerin ursprünglich aus Prypjat, die ihren Master in Kunstgeschichte an der Universität Zürich abgelegt und seither auf dem Gebiet der zeitgenössischen Kunst gearbeitet hatte.»
«Prypjat», meldete sich HH zu Wort, «das ist doch jene Stadt in der Nähe von Tschernobyl, die nach der Explosion und dem GAU des Atomkraftwerks restlos evakuiert werden musste, ich konnte sie letztes Jahr selber besichtigen. Horror.»
«Herr Herrlich, was ist damals eigentlich passiert? 1986, wenn ich mich nicht irre?»
«Sie irren sich nicht. Und sofern es unsere Aufgabe in Bezug auf Frau Decorvet nicht tangiert, bin ich gerne bereit, Ihnen einige Informationen zu diesem beispiellosen Super-GAU zu machen, wobei diese natürlich in keinem Zusammenhang mit Frau Rudenko stehen, die damals – ich rechne schnell … – erst knapp zehn Jahre alt war, als es passierte.» Niemand hatte etwas gegen diese Ausführungen.
Tschernobyl, 26. April 1986
Bevor er auf die Ereignisse rund um den GAU in der Ukraine zu sprechen kam, räumte Herrlich gleich mit einer Verwechslung auf. Dass man von Tschernobyl spreche, hänge mit der Geschichte zusammen, korrekt wäre es nämlich, in Zusammenhang mit der atomaren Katastrophe Prypjat zu erwähnen. In der Tat: Als man in den sechziger Jahren mit dem Bau der Atomanlage ungefähr 120 Kilometer von Kiew entfernt begann, gab es in der Nähe nur das kleine Städtchen Tschernobyl, das im späten zwölften Jahrhundert gegründet worden war, deshalb der Name, gleichbedeutend mit der atomaren Katastrophe. Parallel zu den Atomkraftwerken auf der grünen Wiese begann man nämlich mit dem Bau der Retortenstadt Prypjat, nur knapp drei Kilometer von den AKW entfernt. Die Stadt sollte später Platz für über 50‘000 Menschen bieten, die Energieanlage insgesamt zwölf Reaktoren aufweisen. Damit wäre die Gesamtanlage Чернобыльская АЭС им. В.И. Ленина, die Tschernobyler Lenin-Kraftwerke, die grösste ihrer Art weltweit gewesen. Es ist denn auch Prypjat, das sich seither als Geisterstadt präsentiert, ohne Lebewesen.
«Wie müssen wir uns dieses Prypjat denn vorstellen, Herr Herrlich?», wunderte sich Prisca Antoniazzi, worauf der 56-Jährige kurz überlegen musste. Er fand aber einen für alle Frauen nachvollziehbaren Vergleich.
«Frau Antoniazzi, ich war schon in Bern, dreimal, genauer gesagt, unter anderem bei Kollega Ritter, und liebe die Toblerone. Die Fabrik hinter ihrer silbernen Hülle habe ich leider nur von aussen sehen können, aber die 400-Gramm-Version der dreieckigen Schokolade im Einkaufscenter Westside nebenan gekauft. Stellen Sie sich nun die vielen Hochhäuser im Westen von Bern vor und multiplizieren diese mit zehn. Samt Läden zum Einkaufen, Stadtverwaltung, Kinos, Fussballstadion, Vergnügungspark, Spital, Polizei- und Feuerwehrkasernen, Kongresshotel, um nur einige Beispiele zu nennen.»
«Und diese Häuser stehen jetzt alle leer?», stellte Luzia Cadei eine Anschlussfrage.
«Nicht nur die Häuser, Frau Cadei, es handelt sich um eine totale Geisterstadt, ohne jegliches Leben. Nicht einmal Hunde oder Katzen gibt es.» «Und weshalb das?»
«Die Haustiere wurden damals alle getötet, weil sie in ihrem Fell möglicherweise kontaminiert wurden. Es gibt heute einzig wilde Tiere – Füchse, Rehe, Hirsche –, die in der Umgebung zu sehen sind.»
Schweigen in der Runde. Nach einigen Sekunden meldete sich HH wieder zu Wort.
Für die Nacht des Freitags, 25. auf den 26. April 1986, war lediglich eine Sicherheitsübung geplant, in deren Verlauf ein vollständiger Stromausfall in Reaktorblock 4 simuliert werden sollte. Eigentlicher Grund dafür: ein längst vorgesehenes Herunterfahren der Anlage im Hinblick auf Routineunterhaltsarbeiten. Im Rahmen des Experiments sollte gezeigt werden, dass selbst nach einer Reaktorabschaltung aufgrund von Stromausfall die noch vorhandene Rotationsenergie der auslaufenden Turbinen ausreicht, um die Zeit bis zum vollen Anlaufen der Notstromaggregate zu überbrücken. Was aber passierte, erinnert zwingend an den bekannten Zauberlehrling mit seinen Besen.
Den entscheidenden Konstruktionsfehler der Anlage konnten die Ingenieure im Verlaufe des Abends nicht kennen: Dass die gelieferten Angaben bei geringer Leistung extrem unzuverlässig waren, sodass plötzlich von überall her Alarmsignale aufheulten, was zu einem Chaos im Kontrollraum mit einer Kettenreaktion von menschlichen Fehlmanipulationen führte. Von diesem Moment an war die bevorstehende Katastrophe nicht mehr aufzuhalten, der Reaktor RBNK-1000 nicht mehr zu beherrschen. Es floss – aufgrund der Fehlüberlegungen – viel zu wenig Wasser in das System, der Druck im Kern stieg unaufhaltsam an, was die Ingenieure veranlasste, die sofortige Notabschaltung des Reaktors einzuleiten.
Eine Notabschaltung führt in der Regel dazu, dass sämtliche Kontrollstäbe gleichzeitig in den Reaktorkern eingefahren werden. Da die Steuerstäbe im Reaktorblock 4 aus Grafit bestanden, wurde die Kettenreaktion statt gebremst sogar noch gefördert, der Leistungsanstieg betrug innert weniger Minuten mehr als das Hundertfache. Durch die enorme Hitze von über 3000 Grad und den unglaublichen Druck kam es zu zwei Explosionen, die dazu führten, dass das Dach des Reaktors weggesprengt wurde. Durch das jetzt offene Dach gelangte Luft in den Reaktor und das heisse Grafit geriet in Brand. Resultat: Ein noch nie erlebter oder simulierter GAU in einem Atomkraftwerk.

Dieser Spielpark in Prypjat hätte am 1. Mai 1986 eröffnet werden sollen. Es kam nie dazu.
«Was passierte nach dieser Explosion?», fragte Ruth Bär nach.
«Frau Bär, sowohl die AKW als auch die Stadt waren Vorzeigeobjekte der damaligen UdSSR, die Behörden der Region stolz darauf. Um den Ruf ihrer beiden Juwelen nicht zu schädigen, hielten sie sich mit Informationen 36 Stunden zurück, die Bevölkerung wurde im Ungewissen gelassen, Moskau schon gar nicht orientiert. Höhepunkt dieser Desinformationskampagne: Der damalige Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Michael Gorbatschow, erfuhr vom GAU erst drei Tage nach dem Unfall – und das erst noch von schwedischen Ingenieuren, die, in einem eigenen Atomkraftwerk arbeitend, eine ungewohnte atmosphärische Veränderung über Europa festgestellt hatten.»
Als man endlich das Ausmass der Katastrophe realisiert hatte, war es für viele Menschen zu spät, die ersten Helfer am Unfallort – mit völlig unzureichender Schutzkleidung – bereits Stunden später tot. Niemand war auf diesen GAU vorbereitet, entsprechend mangelte es an allem, nicht einmal für die Kinder waren genügend Jodtabletten vorhanden, die Feuerwehr und Polizei unterdotiert, Schwangeren befahl man umgehend eine Abtreibung. Erstaunlicherweise kam es zu keiner Massenpanik, weil die Behörden immer wieder beteuerten, die Sache vollständig unter Kontrolle zu haben. Sie sprachen denn auch nur von einem «Störfall», der sich erst noch mitten in der Nacht ereignet hatte und somit praktisch von niemandem wahrgenommen wurde.
«Was man sich unbedingt in Erinnerung rufen muss», erklärte Herrlich, «ist der Umstand, dass die Rettungskräfte seinerzeit einfach abkommandiert wurden, sie Befehle auszuführen hatten. Es gab keine Befragungen, wer sich denn freiwillig melden würde. Tausende von Arbeitern und Armeeangehörigen wurden in den Wochen und Monaten nach der Katastrophe zu Tätigkeiten am und im Reaktor gezwungen, die den sicheren Tod bedeuteten, auch Jahre später. Widerstand zwecklos.»
Am Nachmittag des 27. April, 36 Stunden nach der Explosion, musste es plötzlich schnell gehen, sehr schnell. Mit über 1000 Bussen wurden die 45 000 Bewohnerinnen und Bewohner aus Prypjat innerhalb weniger Stunden evakuiert und in die Region von Kiew gefahren. Überall, wo gerade Betten zur Verfügung standen, brachte man sie unter: in Turnhallen, Altersheimen, Spitälern. Um eine Massenpanik zu verhindern, versprach man ihnen, dass sie in drei Tagen nach Prypjat zurückkehren könnten und somit nur das Notwendigste mitzunehmen hatten. Tiere mitzunehmen war nicht erlaubt, aus den bereits erwähnten Gründen. Aber: Die Menschen aus Prypjat sollten ihre Wohnungen und Tiere nie mehr sehen. Ähnlich erging es den Bewohnenden unzähliger Dörfer in der Region, die Menschen wurden zwangsumgesiedelt, viele ihrer Wohnorte zerstört und die Häuser vergraben, weil kontaminiert.
«Holger, ich habe gelesen, dass die Häuser in Prypjat leer und zerstört sind. Wie denn das?»
«J. R., das ist korrekt. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde gestohlen, die Stadt im grossen Stil geplündert. Das alles passierte vor allem in den Jahren 1990 und 1991, als die Sowjetunion zerbrach, sich auch aus der Ukraine zurückziehen musste und die örtlichen Behörden mit der Situation völlig überfordert waren. »
«Was ist mit dem Diebesgut passiert?»
«Praktisch ausnahmslos wurde es auf dem Schwarzmarkt verkauft: Möbel, Velos, Motorräder, Autos – wobei viele Fahrzeuge gar nicht mehr funktionierten, weil von der Radioaktivität fahruntüchtig gestrahlt. Speziell Elektronik wurde gut verkauft, zum Teil aus der Kommandozentrale einer riesigen Radarstation ausgebaut und gestohlen.»
«Stimmt, ich habe einen Bericht darüber gelesen. Streng geheim, hiess DUGA Radar.»
«J. R., brillant», sagte HH zum Erstaunen aller, er, der mit Komplimenten normalerweise hinter dem Berg hielt. «Er war 800 Meter lang, bis zu 150 Meter hoch, riesig, und ist noch heute aus grosser Distanz zu sehen.»
Was weder Plünderer noch Käufer, die sich ein vermeintliches Schnäppchen gesichert hatten, wussten: Praktisch ausnahmslos wiesen die gestohlenen Güter eine starke radioaktive Strahlung auf.
«Holger, wie kann aber eine Stadt unbewohnbar bleiben, du aber konntest sie besuchen? Da geht für mich etwas nicht auf …», argumentierte Ritter.
Es war in der Tat eine gute Bemerkung, die HH jedoch leicht zu kontern wusste: Der 2017 über die Havarie gestülpte Sarkophag verhindert zwar das Austreten von Radioaktivität in die Luft. Die Böden aber bleiben auf ewig mit Plutonium 239, Cäsium 137 und Strontium 90 belastet, ganz zu schweigen von den 190 Tonnen mit schwerst radioaktivem Material im Inneren des Sarkophags, die nicht entsorgt werden können und in Zukunft weitere schwere Umweltschäden anrichten werden. Diese Schwermetalle sinken im Laufe der Zeit immer tiefer ins Erdreich. Zwar hat man mit dem Errichten des Sarkophags – der mit seiner silbernen Aussenhülle und mit viel Fantasie an die silberne Toblerone-Produktionsstätte in Bern erinnert – in seinem Innern auch eine ferngesteuerte Art von Entsorgungsanlage gebaut, welche die vorhandenen 190 Tonnen Material umlagern und neu in Särge umverteilen soll – aber wohin damit?
Besucher dürfen deshalb die vorgeschriebenen Pfade nicht verlassen, dürfen nichts vom Boden aufheben, die benutzten Schuhe wirft man nach dem Besuch am besten gleich weg. Der Besuch des Geländes ist einzig mit örtlichen «Reiseleitern» ab Kiew möglich, es gibt bis nach Prypjat drei scharfe militärische Kontrollen.
«Ich selber bin kein Gegner von Atomenergie, denke auch, dass die Kernkraftwerke in Deutschland und auch in der Schweiz auf einem technisch anderen Niveau als die alten UdSSR-Reaktoren sind, dennoch hat mich der Besuch betroffen gemacht. Erinnern wir uns: Es war menschliches Versagen, das zur Katastrophe geführt hat. Wäre das theoretisch nicht auch bei uns in Westeuropa möglich? Nicht alle AKW sind über jeden Zweifel erhaben …», sagte HH, ohne jedoch seinen französischen Kollegen anzuschauen.
«Das möchten wir uns nicht vorstellen», sagte Ruth Gnädinger, «im 30-Kilometer-Radius von Mühleberg liegen zum Beispiel Fribourg, Bern und Thun, um nur diese zu nennen.»
«Stimmt, und diese müssten von einem Tag auf den anderen aufgegeben werden. Dieses Chaos wäre beispiellos.»
«Verkehrszusammenbruch, Plünderungen, Aggressionen mit vielen Toten.»
«Frau Gnädinger, denken wir die Sache lieber nicht zu Ende. Was verblüffend ist: Überall in Prypjat hat sich die Natur zurückgemeldet, durch Beton und Asphalt hindurch. Zum Teil sieht man gewisse Gebäude gar nicht mehr, weil sie inzwischen hinter hohen Bäumen versteckt sind.»
«Also wie in Franz Hohlers Die Rückeroberung.»

Denkmal für jene Männer, die zuerst an die Arbeit mussten, die sogenannten «Liquidatoren» …
Holger Herrlich reichte während seines Vortrags zum besseren Verständnis Fotos vom Sarkophag und von Prypjat auf seinem Handy herum. Nach diesen Ausführungen nahm Joseph Ritter den Faden wieder auf, um den Kreis zu schliessen, direkt in Richtung Victorija Rudenko, wollte von den Damen nochmals – und mit Nachdruck – wissen, ob es nicht zuletzt wegen Nazar Klitschko «atmosphärische Störungen» zwischen Inhaberin und Geschäftsleiterin der Zürcher Niederlassung gebe, was wiederum verneint wurde, womit sich der Berner Kriminalist aber nicht zufrieden gab, nicht zufriedengeben konnte.
«Frau Bär, jetzt erleben Sie live, wie hartnäckig Ermittler sein können. Erinnern Sie sich noch, aus welchen Gründen und unter welchen Umständen Frau Rudenko eingestellt wurde?»
«Fiona, also Frau Decorvet, ist diese Verpflichtung nicht eingegangen, ohne vorher Erkundigungen über Frau Rudenko einzuziehen, die Auskünfte waren hervorragend, weshalb die Frau nach einer sechsmonatigen Probefrist fest angestellt wurde. Zur vollen Zufriedenheit von Fiona», worauf Ruth Gnädinger und Luzia Cadei beide mit einem «Ja, das stimmt» die Worte ihrer Freundin bestätigten.
«Moment mal, meine Damen … Da verabschiedet sich also ein Ehemann in Richtung einer Angestellten seiner Ehefrau und dennoch ist alles Friede, Freude, Eierkuchen? Ich bitte Sie …»
«Also, es ist so, Herr Ritter …», erwiderte Prisca Antoniazzi zögerlich.
«Jetzt bin ich aber gespannt, Frau Antoniazzi, wie ist es denn so?», worauf sogar die Schauspielerin leicht errötete, als stünde eine Beichte grösseren Ausmasses bevor.
«Nun, wie soll ich es sagen?»
«Am besten, wie es halt so ist», insistierte Ritter.
«Fiona hat zu Männern eine eher ungewöhnliche Beziehung. Ihre erste Ehe war ein Aufbegehren ihren Eltern gegenüber, jene mit Nazar Klitschko als gutaussehendem Diplomat auf der Botschaft der Ukraine in Bern als eine Türöffnung in Richtung Haute Volée zu sehen. Ich denke nicht, dass gross Liebe im Spiel war, deshalb schliesslich auch das Laisser-faire mit Victorija Rudenko.»
Nach dieser Bemerkung geschah Erstaunliches, denn plötzlich begannen die vier Damen über das Liebesleben von Fiona Decorvet zu reden, zögerlich zwar nur, sozusagen hinter vorgehaltener Hand, aber Ritter erfuhr dennoch das eine oder andere, das als Puzzleteil bei allfälligen Ermittlungen von Nutzen sein konnte. Dass die Vermisste momentan zumindest in einer «vorübergehenden Beziehung» stand, so Prisca Antoniazzi, schien ausser Frage zu stehen. Begründet wurde diese Aussage mit der Feststellung, dass man sich mit Fiona Decorvet in den letzten Wochen nur schwerlich verabreden konnte, «etwas, was sonst die normalste Sache der Welt ist», wie Ruth Bär ergänzte.
Weil sie das Privatleben der Galeristin nicht gross interessierte, verabschiedeten sich die übrigen drei Herren von der Tischrunde, um noch eine Weile auf Deck zu gehen. Joseph Ritter verabredete sich mit ihnen um 11.30 Uhr bei der Rezeption, in Erwartung der Ankunft der Hamburger Kollegen mit ihren Suchhunden. Diese Verabredung erging sicherheitshalber auch an Luigi Bevilaqua als SMS.
Joseph Ritter begann, gezielte Fragen zu stellen, um sich in der noch zur Verfügung stehenden Zeit ein möglichst klares Bild von Fiona Decorvet zu machen, damit er mit seinem Team – Claudia Lüthi, Elias Brunner und Stephan Moser – aufgrund konkreter Ansätze arbeiten konnte. Je nach Ausgangslage musste auch der Kriminaltechnische Dienst KTD der Kantonspolizei miteinbezogen werden, Eugen «Iutschiin» Binggeli und Georges «Schöre» Kellerhals, ebenso die Staatsanwaltschaft Bern-Mittelland in der Person von «Staatser» Max Knüsel, auch für Schwarzenburg zuständig. Wenig wahrscheinlich schien hingegen die Kontaktnahme mit Veronika Schuler, Rechtsmedizinerin beim Institut für Rechtsmedizin Bern IRM, da es aller Voraussicht nach keine Obduktion vorzunehmen galt. Ritter ertappte sich dabei, vom eigentlichen Thema abgeschweift zu sein.
«Kann mir jemand von Ihnen die Namen von Männern nennen, mit denen Frau Decorvet in den letzten Monaten oder Jahren liiert war?»
«Herr Ritter, das tönt beinahe so, als würde Fiona ihre Partner regelmässig wechseln», ereiferte sich wiederum Ruth Bär.
«Frau Bär, seien wir ehrlich, wir alle stehen doch vor einer Blackbox, für Sie als beste Freundinnen ist das Verschwinden ebenso rätselhaft wie für mich. Wenn wir ihren Weggang aus dem Theater nach dem Lesen einer SMS mit dieser Meldung in Zusammenhang bringen müssen, so ist von nun an alles wichtig, da können wir gar nichts ausklammern. Also: Können Sie mir Namen nennen, möglichst mit weiteren Informationen?»
«Haben Sie schon daran gedacht, jenen Absender ausfindig zu machen, der ihr gestern kurz nach 21 Uhr eine Message geschrieben hat? Danach ist sie ja aufgestanden und gegangen», stellte Ruth Gnädinger ihre Hilfe zur Verfügung.
«Ja, Frau Gnädinger, meine Mitarbeiterin erkundigt sich beim Provider, nur dauert das meistens mehr als bloss zwei, drei Stunden. Ich hoffe nur, es habe sich nicht um ein Prepaid-Handy gehandelt, sonst wird die Aufgabe fast unlösbar», gab Ritter zu bedenken.
«So viel ich weiss», antwortete Ruth Gnädinger, «hat Fiona nur ein Handy und das ist bei der Swisscom registriert», worauf die übrigen drei Damen nickten.
«Wie gesagt, wir sind an der Sache dran. Jetzt wäre ich um Namen froh», worauf das grosse Schweigen begann, denn keine der vier Freundinnen wollte als Petzerin gelten, als Schnuriwyb.
Prisca Antoniazzi war die Erste, die ihre Zunge lockerte, verbunden mit der Bitte, dass «dies alles unter uns bleibt», was der Leiter des Dezernats Leib und Leben der Kantonspolizei zu bestätigen vermochte. Der Name von Leevi Hämäläinen fiel als Erstes, ein erfolgreicher Architekt aus Jyväskylä in Finnland. Ritter bat Prisca Antoniazzi darum, Namen und Ortschaft zu buchstabieren, damit er korrekte Angaben auf seinem Aufnahmegerät hatte. Hämäläinen hatte erst vor drei Jahren die Innenräume der Villa von Fiona Decorvet in Schwarzenburg neu gestaltet, in modernem skandinavischem Stil mit sehr viel Holz und dazu passenden Materialien. Offenbar hatte der Finne die neuen Räumlichkeiten für eine gewisse Zeit gleich selber mit Fiona Decorvet geteilt, wie sich Prisca Antoniazzi recht vornehm ausdrückte. Haruki Kobayashi folgte als nächster Name, ein bekannter japanischer Performance-Künstler, der abwechslungsweise in Kobe und Paris lebte. Ritter liess sich auch diesen Namen buchstabieren, verbunden mit der Frage, ob es auch Schweizer mit entsprechenden Namen im Leben der Bernerin gab, à la Housi Knecht oder Franz Gertsch, was den vier Frauen für einen Augenblick ein Schmunzeln entlockte.
«Herr Ritter, Fiona ist von Berufes wegen international ausgerichtet, sehr kosmopolitisch. Sagt Ihnen der Name Kobayashi nichts?»
«Doch schon», versuchte sich Ritter entspannt zu geben, «als ehemaliger Formel-1-Fahrer für das Team Sauber, aber ich denke nicht, dass dieser Kobayashi auch euer Künstler ist. Auch nicht der Skispringer aus Japan», was für eine weitere leichte Entspannung sorgte.
Ein weiterer Name blieb trotz Nachhaken aus, entweder aus echter Unwissenheit heraus oder aber aus Furcht, dem Ermittler zu viel zu erzählen. Dieser wechselte deshalb das Thema, erkundigte sich, ob Fiona Decorvet «Feinde» oder «Ärger mit jemandem» hatte, im Bewusstsein, dass erfolgreiche Zeitgenossen immer mit Neidern konfrontiert wurden. Hier stiess er auf eine Mauer des Schweigens, was ihn nicht weiter zu erstaunen vermochte. Abgesehen davon stand er ja ganz am Anfang seiner Befragungen, weshalb er zurück auf die Herren Hämäläinen und Kobayashi zu sprechen kam. Viel erfuhr er nicht, nur, dass beide Liaisons – der Finne vor dem Japaner – jeweils ungefähr ein Jahr dauerten und nicht zuletzt deshalb scheiterten, weil weder der Skandinavier noch der Künstler aus dem Land der aufgehenden Sonne ihre Wohnorte verlassen und in die Schweiz wechseln mochten.
Um die vier Frauen nicht zu sehr zu strapazieren, bedankte sich Ritter und stellte in Aussicht, sie über den Verlauf der Ermittlungen zu informieren, erstmals am selben Abend, nach den Erkenntnissen der Durchsuchung mit den Spürhunden. Er erklärte ihnen auch, dass er sie übermorgen Dienstag gerne im Ringhof sprechen würde, einzeln, was zumindest gegen aussen zu keinerlei sichtbaren Verunsicherungen der vier Freundinnen von Fiona Decorvet führte.
Luzia Cadei hatte sich anerboten, als Transitstation zwischen Ritter und ihren Freundinnen zu amten. Ritter verabschiedete sich «vorläufig» von den Frauen. Auf seinem Handy-Display hatte er gesehen, dass Claudia Lüthi ihn zu erreichen versucht hatte. In diesem Moment kam auch Luigi Bevilaqua mit einem bereits ausgedruckten zweiseitigen Protokoll in englischer Sprache mit den Aussagen des Capitano zurück, damit «alles seine Ordnung hat». Darin stand schriftlich, was Ritter & Co. bereits selber erlebt hatten: Durchsage über die Lautsprecheranlage, die Auswertung der Videobänder, die Durchsuchung des Schiffs und weitere Einzelheiten.
Und dennoch konnte der Italiener mit einer neuen Erkenntnis aufwarten, denn auf einem bisher nicht visionierten Video war Fiona Decorvet um 21.13 Uhr während zwei Sekunden zu sehen, wie sie den Aussenbereich auf Deck 5 bei den Rettungsbooten betritt, ihre Aufmerksamkeit auf das Handy gerichtet, das sie in der Hand hält. Diese kurze Sequenz bestätigte jedoch nur, dass sie tatsächlich jene Zone betrat, in der ihre Handtasche gefunden wurde.
«J. R., wir sehen uns um 11.30 Uhr, das Schiff legt pünktlich nach Zeitplan im Cruise Center Steinwerder an. Der Capitano hat seine Security-Leute beauftragt, alle Passagiere, die von Bord gehen, also auch jene, die am Abend wieder aufs Schiff zurückkommen, genau mit den Fotos auf ihren Bordkarten zu vergleichen. Ich werde jetzt versuchen, mit einigen Offizieren zu sprechen, Man weiss ja nie …», vermeldete Bevilaqua. Ritter bedankte sich beim Mailänder für dessen Engagement.
Die fünf Kriminalisten trafen alle einige Minuten zu früh bei der Rezeption ein, der Berner informierte über den Stand der Dinge, wobei es zur eigentlichen Causa Decorvet keine Neuigkeiten gab, lediglich Informationen zu ihrem Privatleben. Zusammen mit unzähligen anderen Passagieren warteten sie anschliessend auf dem obersten Deck auf das Anlegen der Alberta Imperator. Capitano Enrico Tosso und seine Offiziere hatten keine Mühe, das Schiff zentimetergenau zu «parkieren», schliesslich hatten auch in der Schifffahrt längst Computer und Sensoren das Kommando über den Sextanten übernommen, sodass es eigentlich salopp ausgedrückt nur darum ging, die Navigationsvorgänge zu überwachen.
Holger Herrlich ging als Erster an Land, der nächste Passagier musste zwei, drei Minuten warten. Grund dafür war der Umstand, dass HH den bereitstehenden sieben Hunden der Spezialkräfte die vorhandenen Kleidungsstücke vor die Nase hielt, um eine Spur zu Fiona Decorvet aufnehmen zu können. Entsprechend schmal war denn auch der Durchgang, den die Passagiere zu beschreiten hatten. Selbstverständlich hatte Enrico Tosso zuvor über die Lautsprecheranlage bekanntgegeben, dass es «besonderen Umständen» wegen zu einer genaueren Personenkontrolle kommen werde. Die meisten Leute vermuteten beim Anblick der Deutschen Schäferhunde die Suche nach Drogen und stellten keine Fragen, liessen sich höchstens zu mehr oder weniger witzigen Bemerkungen verleiten.
Nach einer halben Stunde waren sowohl jene von Bord, die ihre Reise beendet hatten – wie Ruth Bär, mit zwei Rollkoffern, Luzia Cadei, Ruth Gnädinger und Prisca Antoniazzi –, als auch jene «Rückkehrer», welche für einige Stunden die Hansestadt besichtigen wollten, die meisten in Richtung Elbphilharmonie und dem in der Speicherstadt praktisch nebenan liegenden Miniatur Wunderland mit der grössten Miniatureisenbahnanlage der Welt.
Die Hundeführer betraten anschliessend mit ihren Tieren das Zugangsdeck, wo die «Schnüffler» nochmals die beiden Kleidungsstücke zu riechen bekamen. Ein Hund wurde ins Theater geführt, zu jenem Sessel, auf welchem Fiona Decorvet gestern Abend Platz genommen hatte. Zwei Schäferhunde führte man in den Aussenbereich von Deck 5, zu den Rettungsbooten, wo die leere Handtasche gefunden wurde. Die übrigen vier Vierbeiner teilten sich mit ihren Haltern auf: Zwei begannen auf dem untersten Deck in den Crew-Räumen wie Messe, allgemeine Anlagen und Kabinen, Letztere waren weit weniger luxuriös eingerichtet als die Passagierkabinen. Immerhin: Auf der Alberta Imperator teilten sich bloss zwei langjährige Crewmitglieder eine Kabine, zudem befanden sich diese aus Sicherheitsgründen über dem Wasserspiegel, zum Teil mit einem Bullauge ausgestattet, auch wenn es nicht geöffnet werden konnte, im Gegensatz zu ebenfalls vorhandenen Innenkabinen, die von Crewmitgliedern auf Ersteinsatz belegt waren, meistens Inder, Filipinos und Tamilen.
Es war keine Überraschung, verlief die Spurensuche auf diesem Crewdeck ergebnislos, sodass die Tiere eine Etage höher zum Einsatz gelangten, in den Personalräumen für Staff-Mitarbeitende, welche meistens in den Bereichen der Rezeption, der Fitness, der Animation und der Kinderbetreuung tätig waren, und Offiziere. Auch hier: Fehlanzeige. Als Nächstes kamen die Warenlager an die Reihe, diese Flächen waren durch die insgesamt acht Restaurants und zwölf Bars belegt.
François Hommard und Adalbert König hatten sich zuvor von ihren drei Kollegen in Richtung Flughafen Helmut Schmidt verabschiedet, nachdem ihnen das Trio Herrlich/Bevilaqua/Ritter unter Verdankung ihrer Hilfe mitgeteilt hatte, dass es für sie nichts mehr zu tun gebe.
Während die Hunde im Einsatz standen, kam Ritter endlich dazu, Claudia Lüthi anzupeilen. Diesen Anruf hatte er bewusst hinausgezögert, um genügend Zeit für seine Mitarbeiterin zu haben.
«Sorry, Claudia, ich wollte nicht unter Druck anrufen, deshalb erst jetzt. Und glaub mir, mit Desinteresse an deinen Erkundigungen hat das gar nichts zu tun …», begann er.
«J. R., das würde ich dir auch niemals unterstellen», lachte sie, «aber erzähl du mir zuerst den Stand der Dinge aus Hamburger Sicht», was Ritter stichwortartig auch ausführte.
«Jetzt aber zu dir. Stimmt es, dass Swisscom der Provider ist?»
«Ja. Aber es bedurfte schon der Hilfe der Staatsanwaltschaft, um an die Daten heranzukommen.»
«Knüsel?»
«Gut geraten, dein Max», was Ritter dran erinnerte, dass er erst seit einem Jahr mit Max Knüsel per Du war, auf dessen Vorschlag hin, anlässlich der Recherchen in Zusammenhang mit dem Doppelmord am Wohlensee, zu dem sich noch ein dritter in Genf gesellte.
Gleich zu Beginn der Erklärungen stand eine grössere Verwirrung: Der letzte Anruf von gestern Abend um 20.52 Uhr wurde von einem Prepaid-Handy aus getätigt, Fiona Decorvet hatte ihn aber weggedrückt, es gab keine Gesprächsdauer. Eingeloggt war der Anrufer in Herrliberg, an der «Goldküste», am rechten Zürichseeufer.
«Bringt uns wohl nicht gross weiter, Claudia …», bemerkte Ritter enttäuscht.
«Nur nicht so pessimistisch, J. R., Victorija Rudenko wohnt in Feldmeilen, wie ich herausgefunden habe, liegt gleich neben Herrliberg», konterte Claudia Lüthi.
«Immerhin ein Ansatz.»
«Da ist noch etwas, J. R. …»
«Nämlich? Claudia, mach es nicht so spannend!»
«Um 19.29, 21.09 und 21.13 Uhr hat man sie per SMS kontaktiert.»
«Genial, Claudia, genial! Wer denn?»
«Prepaid, leider, aber möglicherweise wurden die Kontakte, so die Swisscom, auf hoher See abgesetzt, eine genauere Ortung ist nicht möglich.»
«Das hingegen ist interessant, merkwürdig. Was sagen uns die übrigen Handydaten von Frau Decorvet?»
«Wir werten die Daten aus, mit einer Ruth Bär hat sie häufig telefoniert.»
«Ist eine Freundin von ihr, war auch auf dem Schiff, du kannst sie ruhig vernachlässigen, ebenso Prisca Antoniazzi, Luzia Cadei und Ruth Gnädinger, die zählen ebenso dazu. Ist dir sonst Verdächtiges aufgefallen?»
«Nein, nicht wirklich, aber bis du wieder in Bern bist, werden wir wohl mehr wissen. Weisst du schon, wann genau dein Flug geht?»
«Nein, noch nicht. Heute werde ich mit den italienischen und deutschen Kollegen zusammensitzen und das weitere Vorgehen absprechen. Ich melde mich, danke, Claudia.»
Inzwischen zeigten die Uhren auf der Alberta Imperator, dass die beiden ersten Stunden des Nachmittags an diesem 9. August bereits verstrichen waren. Ritter machte sich nach einem Telefongespräch mit seiner Partnerin Stephanie Imboden auf Spurensuche – zu den Spürhunden. Den ersten Vierbeiner fand er auf jenem Deck, auf welchem das Theater liegt. Der Hundeführer war im Gespräch mit Holger Herrlich, weshalb sich Ritter vorerst auf Distanz hielt, er wollte die beiden Herren in ihrer Diskussion nicht stören. Auch ohne Worte sah Ritter ihrer Gestik und Körperhaltung an, dass die Spurensuche kein Ergebnis gezeitigt hatte, eine Vermutung, die HH kurz danach bestätigte.
Der Spürhund hatte die Fährte auf der Suche nach Fiona Decorvet sofort aufgenommen, als er an den Sessel herangeführt wurde, auf dem die Vermisste Platz genommen hatte. Von dort aus begab sie sich offenbar direkt zu einem der insgesamt sechs Aufzüge, die allein im vorderen Bereich des Schiffes zur Verfügung standen. Auf Deck 5 gab es bei den Liften eine weitere Spur, die direkt zum Aussenbereich führte, dorthin, wo die Handtasche bei den Rettungsbooten lag. Ironie des Schicksals für die Ermittler: Kurz bevor man die Handtasche entdeckt hatte, wurde das Aussendeck gereinigt, die Handtasche offensichtlich übersehen, und mit diesen Arbeiten auch sämtliche mögliche Spuren beseitigt, also war man in dieser Beziehung so klug wie zuvor, weshalb sich Ritter auf tiefer gelegene Etagen begab, auf der Suche nach weiteren Vierbeinern mit ihren Haltern. Unterwegs verfolgte ihn kurz folgender Gedanke: Die Mitarbeitenden auf der Alberta Imperator wussten bestimmt, welche Zonen nicht unter Video-Überwachung standen. Was nun, wenn eine Reinigungskraft die Handtasche gefunden und Handy samt Bordkarte an sich genommen oder über Bord geworfen hätte? Aber weshalb dann nicht gleich die ganze Handtasche? Nein, diese Überlegung machte keinen Sinn, weshalb er sich wieder den Fakten widmete.
Ritter wurde im Bereich der Lagerräume fündig, wo inzwischen mehrere Hunde bellten und damit anzeigten, dass es jene Gerüche gab, die mit den Kleidungsstücken identisch waren. Weil die verschiedenen Kühlkammern und Lebensmittellager mit offener Ware für Tiere tabu waren, bemühten sich die Tierhalter darum, nach sichtbaren Spuren zu suchen, allerdings vergeblich, so sehr sie sich auch bemühten, Berge von Kisten und Kartons freizulegen. Capitano Enrico Tosso und einer der Offiziere standen ebenfalls vor Ort, nicht zuletzt, um einen Verstoss gegen die Lebensmittelvorschriften zu verhindern, denn Kisten mit offenen Früchten, in die die Hunde ihre Nasen gesteckt und an denen sie mit den Pfoten gescharrt hatten, hätten sofort entsorgt werden müssen. Das galt es zu verhindern, trotz allem Verständnis für die Sucharbeiten.
«Herr Ritter», Enrico Tosso wandte sich an den Schweizer, «die Tiere haben eine Spur gefunden, aber wir können uns keinen Reim darauf machen. Nirgends gibt es optische Hinweise darauf, dass Frau Decorvet sich tatsächlich hier aufgehalten hat. Es ergibt auch keinen Sinn. Meine Leute werden jedoch bis zur Abfahrt des Schiffs jede auch nur einigermassen zugängliche Fläche absuchen und sämtliche Kisten kontrollieren. Ich werde Ihnen in jedem Fall Bescheid geben, ungefähr um 19.00 Uhr. Wir werden auch neu einzuladende Ware für einige Stunden separat zwischenlagern, um mögliche Spuren nicht zu verwischen.»
«Danke, Capitano. Eine Frage hätte ich noch.»
«Prego.»
«Es gibt ja auch Ware, die das Schiff verlässt …»
«Ja, natürlich, Essensreste. Und Fäkalien, aber beides wird auf dem Schiff getrocknet und anschliessend verbrannt, um Energie zu gewinnen. Die Imperator ist diesbezüglich das vermutlich modernste und sauberste Schiff der Welt, mit eigener Kläranlage. Alles, was wir nicht verwerten können, wird maschinell zerkleinert und geht zum Rezyklieren von Bord. Sie denken aber hoffentlich nicht, dass …»
«Sagen wir es so: Ich hoffe es nicht.» Diese Hypothese bedeutete auch das Ende dieses Gesprächs.
Weil es an Bord keine weiteren Indizien zum Aufenthalt der Fiona Decorvet gab, einigte man sich mit Holger Herrlich, die Suche abzubrechen, was gleichzeitig auch bedeutete, dass die Herren Bevilaqua, Herrlich und Ritter sich vom Kapitän verabschiedeten, mit der Aussicht, weiter miteinander in Kontakt zu bleiben. HH schlug seinen beiden Kollegen vor, doch mit ihm zur nicht sehr weit entfernten Davidwache zu kommen, um das weitere Vorgehen zu besprechen.
Von den Beatles und ABBA (Noch immer Sonntag, 9. August)
Ruth Bär, Prisca Antoniazzi, Ruth Gnädinger und Luzia Cadei hatten darauf verzichtet, im Cruise Center Steinwerder eine Fahrt mit dem ÖV zum Flughafen Hamburg in Betracht zu ziehen, nicht zuletzt deshalb, weil ja auch der relativ grosse Koffer von Fiona Decorvet mitgenommen werden musste. Sie bestiegen deshalb ein Grossraumtaxi, das sie zum Airport Helmut Schmidt brachte. Während der Fahrt schwiegen sich die Freundinnen an, keine hatte Lust, über Fiona Decorvet zu sprechen, zumal nicht klar schien, ob der Taxifahrer das eine oder andere aufschnappen würde. Deshalb kam nur Banales zur Sprache, die genaue Abflugzeit der Swiss nach Zürich, zum Beispiel aber auch der Umstand, dass jemand unter ihnen plötzlich zwei Koffer bei sich hatte – Übergewicht also –, dafür eine Person weniger im Flugzeug sass. Sie waren sich einig, mit ihrem Problem zur Information zu gehen.
«Hier ist der Norddeutsche Rundfunk mit den Nachrichten», hörten die Frauen am Radio, «Hamburg: Wie soeben bekannt wird, ist eine Passagierin auf dem Kreuzfahrtschiff Alberta Imperator letzte Nacht zwischen Stockholm und Hamburg spurlos verschwunden. Es soll sich dabei nach noch unbestätigten Angaben um eine Schweizerin handeln, die mit vier Freundinnen an Bord weilte. Weitere Informationen dazu folgen in unserer nächsten Nachrichtensendung in einer Stunde. Berlin: Die SPD hat nach langen parteiinternen Konsultationen die …»
Nicht bloss die vier Schweizerinnen sahen sich wie versteinert an, es war unschwer zu beobachten, dass der Fahrer gezielt in den Rückspiegel schaute, möglicherweise ahnend, dass es sich um die vier vorhin erwähnten Damen handelte, wodurch sich Prisca Antoniazzi zu einer List gezwungen sah.
«Mes chères, je ne sais pas si notre camionneur», sie vermied absichtlich das Wort Chauffeur, da sie dies verraten hätte, «supçonne que nous sommes les quatre femmes qui viennent d’être mentionnées. Ne disons donc plus rien jusqu’à l’arrivée», was mit Kopfnicken bestätigt wurde.
Nach der Ankunft des Taxis half der Fahrer seinen Gästen beim Ausladen ihrer Koffer, wie er es schon eine halbe Stunde zuvor beim Einladen getan hatte. Er bedankte sich für das Trinkgeld und wünschte den vier Frauen einen guten Weiterflug, «wohin auch immer», wobei er sich sicher war, dass zuvor Schwiizerdütsch gesprochen wurde, ein Dialekt, den er schon einmal bei Sommerferien im Berner Oberland gehört hatte. Zudem hatten die vier Frauen fünf Koffer bei sich.
Im Abflugterminal herrschte Hochbetrieb. Die vielen Passagiere, die Gepäck aufzugeben hatten, standen entweder vor den Schaltern oder aber vor den automatischen Check-in-Maschinen. Diese funktionierten selten so, wie die Passagiere begehrten, weshalb meistens ein hilfreicher Flughafenangestellter anwesend war. Von Weitem schon war ein Informationsschalter zu sehen, wo erstaunlicherweise niemand nach einer Auskunft verlangte, sodass das Quartett bei einem Mitarbeiter sofort zur Sache kommen konnte.
«Wir haben ein Problem», erklärte Ruth Gnädinger, «unsere Mitreisende nach Zürich, Fiona Decorvet, hatte heute Morgen einen Unfall und musste ins Spital, sodass sie nicht mitreisen kann. Sie bat uns aber, den Koffer mitzunehmen», schwindelte sie mehr schlecht als recht.
«Und da wollte sie nichts zurückbehalten, für ihren Spitalaufenthalt?», gab sich der Mann interessiert, was Ruth Gnädinger ratlos werden liess. Ruth Bär führte deshalb den Dialog nahtlos fort.
«Selbstverständlich hat sie das Nötigste rausgenommen. Da sie sich an der Schulter verletzt hat, bestand sie darauf, dass wir ihren Koffer mitnehmen, um sie sozusagen zu entlasten.»
«Das wird kein Problem sein, aber ich selber kann Ihnen nicht direkt weiterhelfen. Der Flug geht ja in etwas weniger als zwei Stunden, der Swiss-Schalter ist offen, der erste Ansturm vorbei, sodass Sie vermutlich nicht lange werden warten müssen. Erklären Sie das am Check-in 222, so wie sie es soeben mir gegenüber beschrieben haben. Ich wünsche Ihnen einen guten Flug nach Zürich.»
Im Fall der vier Freundinnen von Fiona Decorvet erwies sich die an sich einfache Ausgangslage als unerwartet kompliziert, weil die Dame an einem der beiden offenen Check-in-Schalter nach eigenen Angaben nicht befugt war, einfach einen Koffer einer No show-Passagierin anzunehmen. Es folgte deshalb ein Rückruf an den Vorgesetzten, der drei Minuten später eintraf und die Damen zur Seite bat, damit hinter ihnen stehende Passagiere bei der Aufgabe ihres Gepäcks nicht unnötig lange anstehen mussten. Ralf Bauer – so die Anschrift auf seinem Namensschild – wunderte sich wie zuvor der Angestellte am Info-Schalter, dass die Passagierin den Koffer nicht im Spital behalten wollte, worauf Prisca Antoniazzi mit der Wahrheit rausrückte.
«Ich habe vorhin in den Nachrichten so etwas gehört, war da von Frau Dehkorvett die Rede?», fragte er, nachdem er den Namen auf der Flugbestätigung gelesen hatte.
«Ja, das ist der Koffer von Fiona Decorvet. Sie wird seit gestern Abend vermisst. Die Polizei ist informiert, unter anderem waren Suchhunde vorhin auf dem Schiff. Herr Herrlich von der Davidwache war zufälligerweise an Bord, er weiss, dass wir den Koffer mitnehmen.»
«Soso, Holger scheint auch mehr auf Reisen als auf der Wache …», versuchte Bauer die Situation zu entspannen, «ich werde mir aber den Inhalt des Koffers selber anschauen müssen, bevor er am Schalter entgegengenommen wird. Zudem müssen das Bodenpersonal und die Besatzung um die Sache wissen, sonst bleibt der Koffer in Hamburg stehen.»
«Nicht in Berlin?» versuchte sich Prisca Antoniazzi als Wortakrobatin.
«Nein, nicht in Berlin, wie Marlene Dietrich im gleichnamigen Lied», outete sich Ralf Bauer als Kinogänger und Kulturkenner, worauf er Prisca Antoniazzi bat, doch den Koffer zu öffnen, dessen Inhalt er aber nur oberflächlich durchsuchte, der allerseits beliebten guten Ordnung halber, denn er hatte nicht vor, alle Kleider und die Unterwäsche von Fiona Decorvet demonstrativ zu betrachten. Nach wenigen Minuten hatten die vier Reisenden ihre Bordingkarten in der Hand, begleitet von Ralf Bauers besten Wünschen für einen guten Flug, verbunden mit der Hoffnung, dass Frau Dehkorvett nichts Ernsthaftes zugestossen sei und sich alles möglichst schnell klären möge.
Die Sicherheitskontrollen erwiesen sich auch in Hamburg als sehr sorgfältig, nahmen jedoch nicht übermässig Zeit in Anspruch, sodass vor dem Abflug noch genügend Zeit blieb, um sich im Bistro Pier 1 noch kurz zu verpflegen, denn während des Fluges wurden bekanntlich keine wirklichen Köstlichkeiten serviert. Nach dem Bestellen – viermal Cappuccino, einige Trockengebäcke – war es Prisca Antoniazzi, die mit schwerem Geschütz aufwartete.
«Seien wir doch ehrlich miteinander», begann sie und schaute ihren drei Freundinnen dabei abwechslungsweise in die Augen, «was wissen wir wirklich über das Leben von Fiona in den letzten paar Monaten?»
«Gut, dass du das ansprichst, Prisca. Ich habe mich auch schon gewundert, weshalb man mit ihr nicht wie früher spontan abmachen kann. Immer hat sie eine Ausrede auf Lager», antwortete Luzia Cadei, «als hätte sie etwas zu verbergen.»
«Einen neuen Lover? Nach Hämäläinen und Kobayashi jetzt womöglich einen Burggrafen von und zu Nieder- und Oberösterreich?», worauf alle ab dieser Bemerkung von Prisca Antoniazzi lachen mussten.
«Im Ernst jetzt. Ist euch nichts zu Ohren gekommen?», fragte Luzia Cadei ungläubig.
«Das tönt jetzt aber recht geheimnisvoll, Luzia», wunderte sich ihre Freundin Ruth Gnädinger, «haben die Buschtrommeln etwas verkündet?»
Nun konnte sich Luzia Cadei einer ungeteilten Aufmerksamkeit sicher sein.
«Konkret nicht, nein. Aber ein Bekannter von mir hat Fiona – er glaubte zumindest, es sei sie – vor ein paar Wochen mit zwei scheinbar recht komischen Gestalten im Gespräch gesehen, sehr diskret in einer Ecke sitzend, Fiona habe sich ständig umgesehen, gerade so, als wolle sie sicher sein, nicht erkannt zu werden. Die Männer um die vierzig, gross gewachsen, sehr athletisch gebaut. Und gekleidet, als würden sie anschliessend an eine Party von Neureichen gehen, mit offenen Hemden, um die schweren goldenen Halsketten öffentlich zu zeigen. Jedenfalls geht man so nicht an ein Freilichttheater von Livia Anne Richard auf den Gurten, auch nicht an einen Match der Young Boys.»
«Wo denn das? Und abgesehen davon, dass Livia Anne Richard erst 2020 wieder auf dem Gurten inszeniert, gerade Jahre in Bern und ungerade Jahre in Zermatt», bemerkte Ruth Bär.
«Mein Bekannter hat Fiona mit den beiden Typen im Hotel Schweizerhof gesehen. Und die Lackaffen, wie mein Bekannter sie bezeichnete, hätten nicht unbedingt nach Kunstsachverständigen ausgesehen. Er tippte eher auf Erpressung, Russen-Mafia oder so …»
«Passt nun gar nicht zu Fiona», sprach Ruth Gnädinger aus, was alle dachten, «aber auf der anderen Seite hat wohl jeder Mensch Geheimnisse, die er oder, in unserem Fall, sie für sich behält, nicht mal der besten Freundin erzählt …»
«Übrigens, Kolleginnen, was ist mit Dienstag bei Ritter? Sprechen wir uns da vorher ab?», wollte Ruth Bär wissen.
«Gute Intervention, Ruth», bemerkte Prisca Antoniazzi, «wir können ja morgen miteinander telefonieren. Ruth, informierst du die beiden Galerien darüber, dass Fiona vermisst wird?», was Ruth Bär mit Kopfnicken bestätigte.
Womit diese Diskussion beendet war, da niemand mehr etwas zu Fiona Decorvet zu sagen oder zu tratschen hatte. Luzia Cadei übernahm das Bezahlen für das ganze Trüppchen, anschliessend besuchten die Freundinnen noch den einen oder anderen Laden im Transitbereich, ohne jedoch etwas zu kaufen. Der Flug nach Zürich verlief reibungslos und obwohl der Airbus restlos ausgebucht war, schien niemandem der einzige leere Platz aufzufallen. Entgegen ihren Gewohnheiten – und wohl aus Pietätsgründen – hatte Swiss den Platz nicht weiterverkauft. Aber vielleicht gab es ja auch keine Stand-by-Passagiere. In Zürich kam es nur zu einer kurzen Verabschiedung, weil alle vier ihren eigenen Wagen im Parkhaus stehen hatten. Luzia Cadei, die sich des Koffers von Fiona Decorvet annahm, weil sie die Galeristin vor einigen Tagen nach Kloten gefahren hatte, versprach ihren Freundinnen, sie sofort zu kontaktieren, sollten sich heute noch neue Erkenntnisse ergeben. Minuten zuvor hatte sie von Joseph Ritter eine SMS erhalten, allerdings nur mit der Mitteilung, dass es keine Neuigkeiten gebe. Für einmal bewahrheitete sich der Spruch No news is good news nicht.
Ungefähr zur gleichen Zeit, als das Taxi vor dem Flughafen Hamburg hielt, betraten drei Kriminalisten die Davidwache in St. Pauli: Holger Herrlich, Luigi Bevilaqua und Joseph Ritter. Es liess sich vermuten, dass die Polizistinnen und Polizisten ihren Chef und Hobby-Fussballer Holger Herrlich immer nach dem gleichen Ritual begrüssten, mehrstimmig.
«Holger vor, noch ein Tor …», in Anlehnung an HSV-Legende Uwe Seeler.
«Jaja, danke, liebe Kolleginnen und Kollegen, bitte kein Geld werfen, nicht klatschen, keine Ola-Welle, den roten Teppich nicht ausrollen … Hat der Baum auf St. Pauli gestern und vorgestern Abend wieder gebrannt? Die normalen Vorkommnisse?», was Dienstchef Dietmar Klein bestätigte: Touristen, die in den einschlägigen Lokalen über den Tisch gezogen wurden, Zoff mit Prostituierten, Schlägereien zwischen HSV-Anhängern und auswärtigen Hooligans, das volle Programm, wie an jedem Freitag- und Samstagabend. Mal intensiver, mal mit angezogener Handbremse. Heute Sonntag war es vergleichsweise ruhig, auch am Abend waren keine grösseren Zwischenfälle zu erwarten.
«Und, wie waren die hübschen Schwedinnen?», kam es neckisch aus einer Ecke. Die Stimme verstummte jedoch sofort, als auch jener Kollegin klar wurde, dass der Chef noch mit zwei unbekannten Herren die Davidwache betreten hatte, die er sofort vorstellte. Alle Diensttuenden auf der Wache hatten bereits mitbekommen, was auf der Alberta Imperator passiert war, samt dem Einsatz der Spürhunde.
«Holger, habt ihr neue Erkenntnisse, was das Verschwinden der Schweizerin betrifft?»
«Nein, Dietmar, keine neuen Erkenntnisse, ausser, dass sie sich irgendwann nach ihrem Verschwinden einmal in einem Warenlager für Lebensmittel aufgehalten haben muss, dort haben die Hunde angeschlagen. Aber auch das ergibt keinen Sinn. An Bord war sie zum Zeitpunkt unserer Ausschiffung jedenfalls nicht. Oder sagen wir es ultimativ so: nicht mehr.»
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