Читать книгу: «Mordskunst im Elbtal»

Thea Lehmann
MORDSKUNST
IM ELBTAL

Die Autorin
Thea Lehmann ist geboren und aufgewachsen am Ammersee in Oberbayern. Das Schreiben hat sie schon früh fasziniert, deshalb wurde sie nach dem Germanistikstudium Journalistin. 1998 verliebte sie sich in einen Sachsen und tauchte damit in eine völlig neue Welt ein: die sächsische Seele, die besondere Landschaft, die liebenswerte Sprache und eine Familiengeschichte, die eng mit dem Kirnitzschtal verbunden ist. Heute lebt sie mit Mann und Kind in der Nähe von München, verbringt aber so viel Zeit wie möglich in der Sächsischen Schweiz.
Impressum
| © DDV EDITIONSächsische Zeitung GmbHOstra-Allee 20, 01067 Dresdenwww.ddv-edition.de© Reihengestaltung und Umschlagillustrationwww.oe-grafik.de | ![]() |
2. Auflage, April 2020
Autorin: Thea Lehmann
Grafische Gestaltung: Thomas Walther, BBK
Satz: Ö GRAFIK agentur für marketing und design
Druck: Graspo
Alle Rechte vorbehalten | Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
ISBN 978-3-943444-66-7 (Print)
ISBN 978-3-948916-08-4 (Epub)
ISBN 978-3-948916-09-1 (Mobi)
Thea Lehmann
MORDSKUNST

Links: Ausschnitt aus der Wanderkarte
Großer Zschand 1:10000 von Dr.-Ing. Rolf Böhm, Bad Schandau
www.boehmwanderkarten.de
Freitag
Leo Reisinger blieb die Luft weg. Einen kurzen Moment war er unaufmerksam gewesen. Als Gundi ihren massigen Körper in Bewegung setzte, war es schon zu spät. In ihren schönen braunen, dicht umwimperten Augen hatte sich ein Abgrund aufgetan, in dem er nun zu versinken drohte. Wenn er nicht gleich wieder Luft bekam, würde er ohnmächtig werden. Leo stemmte sich mit aller Kraft gegen Gundi, aber die rückte keinen Millimeter zur Seite. Es war zu warm, und es stank erbärmlich. Was um Himmels Willen tat er hier eigentlich? Er könnte gemütlich zu Hause in Mammendorf bei Mutter und Oma am Frühstückstisch sitzen und sich umsorgen lassen – oder in Dresden mit seinen Kollegen in einem der kleinen Cafés in der Neustadt ein ausgedehntes Frühstück zu sich nehmen und die neuesten Fälle diskutieren. Stattdessen hatte ihn Veronika dazu verdonnert, ihr zu helfen, und diese Gundi war eben dabei, ihn umzubringen. Veronikas Schrei hörte er wie durch Watte, dann wurde ihm schwarz vor Augen.
Seine Finger umklammerten die Computermaus, als müsse sie ihn vor dem Ertrinken retten. Raffael Gottlöber hatte zwei Buben und drei Neunen; kein schlechtes Blatt, aber ob es dreitausend Euro wert war? Er zögerte, sein Gebot abzugeben. Wenn er verlor, würde es verdammt knapp werden.
Da die elektrische Klingel an Gottlöbers kleiner Kunstgalerie schon lange nicht mehr funktionierte, waren die Besucher ziemlich genervt, als sie endlich begannen, gegen die Glastür zu klopfen. Entsprechend unfreundlich fiel das Geräusch aus. Gottlöber, nichts Gutes ahnend, wollte sich nicht stören lassen. An der Tür hing schon seit längerem ein »Geschlossen«-Schild. Er spähte von seinem Hinterzimmer, das gleichzeitig seine Wohnung und sein Arbeitszimmer war, nach vorn in den Laden.
Vor seiner Tür standen zwei Männer. Einer war groß und quadratisch, mit dichtem Haar und buschigen Augenbrauen, der andere eher zierlich und dünn, mit einer ausgeprägten Stirnglatze. Die beiden hatten es schnell satt, an die Tür zu klopfen, und verschwanden. Gottlöber setzte sich erleichtert wieder vor seinen Bildschirm und wog nochmals seine Chancen ab.
Gerade als sein Zeigefinger zum entscheidenden Klick ansetzte, machte es einen mächtigen Rumms und die Eingangstür zum Treppenhaus flog auf. Der größere der beiden Männer hatte sich dagegen geworfen. Augenblicklich standen sie in seinem Zimmer. Raffael Gottlöber sprang erschrocken von seinem Stuhl auf. Schützend hielt er die Hände vor seinen Körper.
»Warum machen nicht auf, wenn klopfen?« Der kleinere der beiden Männer sprach ihn an. »Ist billiger als Türe reparieren.« Er klang wie ein Russe aus einem schlechten Film.
»Was wollen Sie?« Gottlöber versuchte nun, einen souveränen Eindruck zu machen: »Sie können hier nicht einfach eindringen. Ich hole die Polizei!«
Die beiden Männer in grünen Militärjacken waren ein eingespieltes Team. Der Wuchtige hatte, soweit es das kaputte Schloss zuließ, die Tür hinter sich zugedrückt und warf nun prüfende Blicke in das kleine Zimmer, den Laden und die Küche. Der Schmächtige baute sich vor ihm auf.
»Paul Henschel bekommt dreitausend Euro von dir, Gottlöber.« Er hielt ihm einen unterschriebenen Schuldschein vor die Nase. Gottlöber kannte das Papier. Es war fleckig und zerknittert, aber seine Unterschrift war eindeutig zu erkennen. Er hatte den Zettel vor fünf Wochen unterschrieben. Die erwartete Glückssträhne war ausgeblieben, aber er hatte einfach nicht aufhören können. Dieser Paul Henschel war neu in der Gruppe der Spieler gewesen. Gottlöber hatte insgeheim gehofft, dass er den Schuldschein einfach vergessen würde.
»Ich habe gerade kein Geld da«, stammelte er. »Sagen Sie ihm, ich überweise es morgen.« Er schluckte, obwohl sein Mund trocken war.
Der schmächtige Russe, der bis zu diesem Moment noch recht umgänglich gewirkt hatte, hielt plötzlich ein Springmesser in der Hand. Hinter Gottlöber baute sich sein grobschlächtiger Kollege auf, umklammerte ihn mit beiden Armen und hob ihn in die Luft. Wie eine Puppe, unfähig, seine Arme zu befreien, hing er in dieser Umarmung. Mit den beiden war nicht zu spaßen, spätestens jetzt war das auch Raffael Gottlöber klar. Er keuchte ein leises »Bitte«.
»Bitte was?«, nahm der Kleine das Wort auf. Dabei führte er die Messerspitze des Springmessers langsam vor Gottlöbers Gesicht hin und her. In seinem Mund blitzten zwei Goldzähne und ließen sein Lächeln noch irritierender erscheinen.
»Bitte, tun Sie mir nichts«, stieß Gottlöber hervor. »Ich gebe Ihnen, was ich habe, aber so viel Bargeld ist nicht im Haus.«
Nach einem Wink ließ der große Russe ihn los. Gottlöber strauchelte, als er wieder Boden unter den Füßen hatte.
»Los!«, befahl der Wortführer. »Wo ist das Geld?« Sein weicher Singsang von vorhin hatte sich in einen schroffen Befehlston verwandelt.
Gottlöber schlurfte resigniert zum Schreibtisch und holte seine Geldbörse aus der Schublade. Sie enthielt genau zweihundertfünfundsiebzig Euro in Scheinen. Der Russe sah ihn interessiert an.
»Wo ist der Rest?«
Gottlöber zuckte müde mit den Schultern.
»Mehr habe ich nicht.« Um das zu unterstreichen, zog er das Futter seiner Hosentaschen heraus. Außer ein wenig Dreck kam nichts zum Vorschein. Er hoffte, die beiden würden verschwinden. Sein Computer stand auf dem Tisch. Er hatte noch nicht geboten. Wenn er nicht bald weitermachte, war er raus.
»Sagen Sie Henschel, ich überweise das Geld morgen.«
Der schmächtige Russe gab seinem Kollegen ein kurzes Zeichen, dann begann dieser in Seelenruhe Gottlöbers Computer auszuschalten und auseinanderzunehmen. Erst trennte er die Tastatur, dann den Bildschirm vom Rechner.
»Halt, das geht nicht, Sie können doch nicht meinen Computer …« Der Große war sofort bei ihm und rammte ihm die Faust in den Magen. Gottlöber ging in die Knie und keuchte. Der Schmerz tobte wie ein wild gewordenes Frettchen in seinen Eingeweiden.
»Doch, wir können«, antwortete der andere. »Wir nehmen mit, was man zu Geld machen kann. Wenn du die dreitausend Euro bezahlt hast, bekommst du es wieder.« Gottlöber hatte das Gefühl, in einem Alptraum zu stecken. So etwas gab es doch nicht in Deutschland. Russische Geldeintreiber, die vor nichts zurückschreckten? In was für eine Situation war er da geraten? Nur wegen ein paar Tausend Euro Spielschulden? Der Schmerz in seinem Bauch beruhigte sich etwas.
»Aber das dürfen Sie nicht!«, stöhnte er. »Das ist Körperverletzung und Raub, das können Sie nicht machen!«
»Nicht?« Zwei Goldzähne blitzten aus einem süffisanten Grinsen.
Auf seinen Wink hin holte der große Kerl nochmals aus und verpasste Gottlöber einen Hieb an die Schläfe. Er wurde ohnmächtig.
Als Gottlöber wieder aufwachte, sahen sein Laden, sein Zimmer und die kleine Küche dahinter aus wie nach einem Erdbeben: Alles, was er besaß, war aus dem Schrank und den Schubläden gerissen. Im Laden fehlten seine zwei barocken Sessel und der Samowar. Seine Bilder lagen am Boden neben den beiden Staffeleien. Im Materialschrank hatten sie ebenfalls gewütet, allerdings waren die Spezial-Tinte und das alte Papier unversehrt. Einige zerbrochene Flaschen verbreiteten einen intensiven Geruch nach verschiedenen Lösungsmitteln. Gottlöber bückte sich, um die unversehrten Exemplare wieder zuzustöpseln und wenigstens die letzten Reste zu bewahren. Sein Kopf schmerzte höllisch. Er tappte in die Küche, wo er feststellen musste, dass die beiden auch seine Kaffeemaschine hatten mitgehen lassen. Entnervt suchte er in dem Hängeschrank über der Spüle nach Kopfschmerztabletten und fand die Packung. Mit einer Tasse Wasser spülte er die Tablette herunter. Vorsichtig betastete er seine vor Schmerz pulsierende Schläfe, während er in sein Bad schlurfte, das eigentlich nur ein langer, schmaler Schlauch war – mit einer winzigen Dusche am Ende, einer schräg eingebauten Toilette und einem kleinen Waschbecken. Aus dem fleckigen Spiegel sah ihn ein Mann mit blutverkrusteter Schläfe und einer Platzwunde an der rechten Augenbraue an. Vorsichtig wusch er sich das Gesicht und tupfte die Haut mit dem Handtuch trocken.
»Schon besser!«, sagte Gottlöber zu sich selbst und versuchte ein aufmunterndes Lächeln. »Das Schlimmste hast du hinter dir!« Dann stieg er auf den Rand der Toilette und fasste mit der Hand in den altmodischen, weit oben angebrachten Spülkasten, um sich zu vergewissern, dass sein Notgroschen noch da war.
Aber seine Hand griff ins Leere. Gottlöber keuchte entsetzt auf. Das war sein letztes Geld gewesen! Seine eiserne Ration, die letzten zweitausend Euro, die ihn in den vergangenen zwei Jahren immer vor dem endgültigen Absturz bewahrt hatten. Er fischte verzweifelt in dem Wasserkasten, riss dabei den Stöpsel heraus, so dass die Spülung zu seinen Füßen durch die Kloschüssel rauschte. Das Wasserbecken war leer, nur das Gestänge für den Spülmechanismus war zu ertasten. Gottlöber konnte nicht fassen, dass sie sein Versteck gefunden hatten. Er war am Ende.
Kraftlos stieg er von der Toilette herunter und setzte sich.
Sollte er zur Polizei gehen? Gottlöber verwarf den Gedanken. Er hatte zu viele Probleme, um sich an die Polizei wenden zu können. Den Schaden würden die ihm ohnehin nicht ersetzen und Geld würden sie ihm auch keines geben.
Wen konnte er um Geld anpumpen? In Gedanken ging er seinen Bekanntenkreis durch. Leider hatte er von den meisten schon einen Kredit bekommen und bei den wenigsten hatte er auch nur den Versuch unternommen, einen Teil der Summe zurückzuzahlen. Seine Lage war aussichtslos. Er hatte absolut nichts mehr. Spielen war nicht möglich. Ohne Bargeld kam er nicht mehr in die einschlägigen Clubs. Internet-Poker konnte er ohne einen Computer ebenfalls nicht spielen. Er würde Geld verdienen müssen. Diese Erkenntnis kam genauso schleichend wie logisch. Er musste zu Anastasia und sich Arbeit besorgen. Vielleicht würde sie sogar einen kleinen Vorschuss herausrücken, damit er wenigstens das Nötigste würde kaufen können. Bier, eine neue Kaffeemaschine, Lebensmittel.
Apropos: Es war später Nachmittag und er hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen. Mühsam erhob sich Raffael Gottlöber und schlurfte zum Kühlschrank. »Mistkerle!«, schimpfte er, als er ihn öffnete. Das Bier war ebenfalls verschwunden. Außer einem alten Käse, einer Flasche Ketchup und einer Packung Toast war nichts mehr drin. Ärgerlich warf er die Kühlschranktür wieder zu.
Er brauchte jetzt ein Bier. Nachdem sie ihm wenigstens das Münzgeld in seiner Brieftasche gelassen hatten, ging er die drei Straßen hinüber zum Konsum, um sich zwei Flaschen Bier und ein belegtes Brötchen zu kaufen.
Jetzt war er noch im Besitz von zehn Cent. Gottlöber konnte sich nicht daran erinnern, jemals so abgebrannt gewesen zu sein. Seit er denken konnte, war er knapp bei Kasse gewesen. Nur in den drei Jahren nach der Hochschule, da hatte es mal ein wenig besser ausgesehen. Obwohl er immer wieder eine Glückssträhne gehabt hatte, war er beim Poker unterm Strich doch nie als großer Sieger vom Tisch gegangen. Meistens hatte er verloren, verloren, verloren. An den wenigen guten Tagen, an denen er tatsächlich mit mehr Geld nach Hause gekommen war, hatte er den Gewinn sofort in die nächste Chance gesteckt.
Strom, Miete, die alltäglichen Dinge des Lebens, die hatte er früher vom Erlös seiner Zeichnungen oder von seiner Arbeit als Restaurator bezahlt. Doch wann er sein letztes Bild verkauft hatte, daran konnte er sich kaum noch erinnern. Aufträge für die Restaurierung von Gemälden waren auch schon lange nicht mehr gekommen. Das war nicht verwunderlich. Wer sollte seinen Laden in einem verwahrlosten Hinterhof der Dresdner Neustadt schon finden?
Seit einiger Zeit lebte er vor allem von seiner Arbeit bei Anastasia.
Zurück in seinen vier Wänden, begann er das Chaos aufzuräumen. Er schob das Eisengitter beiseite und öffnete die gläserne Ladentür, um frische Luft einzulassen. Der April fegte mit einem frischen Wind in den muffigen Raum und nahm die Gerüche der Lösungsmittel und ein wenig Staub mit. Als Gottlöber ins Freie trat, sah er nicht den kleinen, schäbigen Laden, sondern das stolze Geschäft, das er hier vor acht Jahren voller Hoffnung eröffnet hatte. Damals waren die Scheiben sauber und die Schrift am Fenster noch makellos gewesen: »Raffael Gottlöber, Zeichner und Restaurator«. Seine Grafiken waren mehrmals in Galerien ausgestellt und einmal sogar mit einem Kunstpreis ausgezeichnet worden. Aber mit fast allen Galeristen hatte er sich überworfen, weil sie keinen Vorschuss herausrücken wollten. Immer wieder war ihm seine Geldknappheit in die Quere gekommen. Er hatte vom Restaurieren aber ganz gut gelebt, bis zu dem Zeitpunkt, von dem an sich das Poker-Spiel wie wucherndes Unkraut in seinem Leben ausbreitete. Seit drei Jahren hatte er sich nicht mehr im Griff. Gottlöber wusste das. Er hatte manchmal Angst vor sich selbst, vor seiner Gier zu spielen, davor, bis zum letzten Blutstropfen alles in die Karten zu stecken. Aber er konnte einfach nicht aufhören. Zu unwiderstehlich war das Gefühl, wenn er gewann. Dann sprudelten kleine goldene Schauer durch seine Adern, er fühlte sich wie ein Gott, unbesiegbar.
Seit zwei Jahren wohnte er in den beiden kleinen Räumen hinter dem Laden. Der Platz reichte für Bett, Computer, Küchentisch und Kühlschrank. Sehr viel mehr hatte er aus seiner Wohnung nicht hierher retten können. Außer den beiden barocken Sesseln, die damals niemand hatte kaufen wollen. Doch die waren nun auch verschwunden.
Als sein kleines Reich wieder halbwegs aufgeräumt war, sprang ihn die Leere auf dem Schreibtisch schmerzlich an. Sein Computer fehlte ihm mehr als alles andere. Wo bekam er Ersatz her? Ein neues Gerät würde ihn um die tausend Euro und eine Menge Arbeit kosten. Es war kurz vor neunzehn Uhr, draußen dämmerte es bereits. Raffael Gottlöber zog sich seine Jacke über und machte sich auf den Weg zu Anastasia. Wenn er irgendwo schnelles Geld für Arbeit bekam, dann bei ihr.
Katie drückte sich die Nase am Fenster platt, als der Zug, von Berlin kommend, über die eiserne Marienbrücke hinüber ins Zentrum fuhr. Das berühmte barocke Panorama von Dresden tat sich vor ihr auf: der Turm der Hofkirche, die gefaltete Kuppel der Kunstakademie, die glocken-förmige Frauenkirche, dazu die Augustusbrücke, die die Residenz mit der Dresdner Neustadt verband. Sie hätte zu gern das Fenster geöffnet, um die Stadt zu riechen, aber in diesem modernen Zug war nicht vorgesehen, dass neugierige Reisende ihre Nase in den Wind hielten. Das japanische Pärchen neben ihr hing ebenfalls an der großen Panoramascheibe und warf sich, beständig nickend, unverständliche Worte zu. Sie erhaschte noch einen Blick auf ein malerisches Palais an der linken Uferseite; wenig später fuhr der Zug in die lichte Bahnhofshalle ein. Sie war endlich in Dresden! Das hatte sie sehen wollen, dafür war sie nach Deutschland gekommen.
»Onkel Jakob«, rief sie theatralisch und mit deutlich amerikanischem Akzent, »das ist für dich!« Sie warf ein paar Kusshändchen Richtung Himmel und packte ihren Rucksack, ihren Gitarrenkoffer und den vollgestopften Turnbeutel zusammen. Der Zug kam schon zum Halten, und Katie reihte sich mit den anderen Reisenden in die Schlange zum Ausgang.
Sie hatte ein Zimmer in einem billigen, kleinen Hotel in der Neustadt gebucht, zunächst für drei Tage, dann würde sie weitersehen. Voller Tatendrang marschierte sie vom Bahnhof die Prager Straße hinunter Richtung Elbe. Dass die Prager Straße keine Straße, sondern eine schnurgerade, breite Fußgängerzone war, überraschte sie. Eigentlich hatte sie erwartet, ganz Deutschland sehe aus wie ein bewohntes Museum. Schließlich war hier alles viel älter als zu Hause in Minnesota. Deutschland hatte eine mehrtausendjährige Geschichte, und in ihrer Fantasie war es übersät gewesen mit alten Burgen, Schlössern und uralten, wackeligen Häusern. Die Prager Straße mit der modernen Bebauung entsprach diesem Bild so gar nicht, wie auch die meisten Ecken in Berlin nicht so ausgesehen hatten, wie sie das erwartet hatte. Aber Katie war optimistisch. Sie würde das Dresden und das Deutschland ihres Großonkels schon noch finden. Trübsal zu blasen war völlig gegen ihre Natur. In den fünfundzwanzig Jahren ihres jungen Lebens hatte sie nur selten geweint. Weinen war, das hatte sie schnell gelernt, nicht geeignet, das Leben zu erleichtern. Lachen dagegen schon. Also war sie ein fröhliches Kind gewesen, das alle geliebt und gern um sich gehabt hatten.
Als sie über den Altmarkt lief, versöhnte sie sich mit Dresden. Sie hatte die Kuppel der Frauenkirche wiederentdeckt und strebte hinüber zu dem alten, ehrwürdigen Kirchenrund, das ihr von dem Bild in Onkel Jakobs Wohnzimmer so vertraut war.
»Wonderful!« Katie stand vor der Luther-Statue und drehte sich im Kreis, um die Atmosphäre des Neumarktes, des Platzes vor der Frauenkirche, aufzunehmen. Eigentlich wollte sie gleich weiterziehen, zum Zwinger, zur Hofkirche, all die schönen alten Gebäude bewundern, aber sie war bepackt wie ein Lastesel. Die Gurte des Rucksacks zogen schwer an ihren Schultern, und sie beschloss, zur Abwechslung nicht spontan zu sein, sondern erst im Hotel einzuchecken. Auf der Augustusbrücke zupfte ein leichtsinniger Wind an ihren Haaren und an ihrem sperrigen Gitarrenkoffer. Katie stemmte sich lachend dagegen und drehte sich nochmals um. Ja, genau dieses Panorama kannte sie von Onkel Jakobs Bild. Eine kribbelige Freude rieselte durch ihren Körper. Es würde eine aufregende und wunderbare Zeit hier werden. Katie überquerte die Elbe, orientierte sich am Albertplatz in ihrem Stadtplan und fand nach zehn Minuten Fußmarsch in einer kleinen Seitenstraße ihr Hotel.
Sie mochte es auf Anhieb und beglückwünschte sich zu ihrer Wahl. Das Hotel war zwar nicht besonders schick eingerichtet, aber dafür billig, und es lag mitten in einem spannenden Viertel. Katie legte ihre Gitarre aufs Bett, warf ihren Rucksack in die Ecke und schickte gleich einige Fotos an ihre Mutter Mary.
Eine Kirchenglocke schlug zu Mittag, es blieb also reichlich Zeit, die Stadt zu erkunden.
Nachdem Veronika ihn mit zwei schallenden Ohrfeigen wieder aufgeweckt hatte, rappelte Leo sich mühsam auf. »Dieses Vieh ist lebensgefährlich«, stieß er mühsam hervor. »Das hat sie mit Absicht gemacht.«
»Ach Quatsch«, lachte Veronika. Sie stand in Gummistiefeln, Jeans und einem alten roten Sweatshirt vor ihm und sah nur ein bisschen besorgt aus. »Unsere Gundi ist eine ganz Liebe. Die gibt fünfundvierzig Liter Milch pro Tag.« Sie tätschelte Gundi, diesem Miststück, freundlich den Hals und reichte Leo die Hand, um ihm aus dem schmutzigen Stroh zu helfen. »Du wirst dich schon noch mit ihr anfreunden. Sobald wir den Hofladen haben, kennst du Korbinians Kühe alle mit Vornamen.«
Leo blinzelte und ließ sich wieder ins Stroh sinken. »Sobald wir was haben?« In seinem Kopf schalteten sich gleich mehrere Blaulichter ein. Die gequetschten Rippen spürte er kaum noch.
Veronika machte eine abwiegelnde Handbewegung. »Ach, das wollte ich dir heute Abend in aller Ruhe erzählen. Ich habe da Pläne, die dich begeistern werden. Aber jetzt steh erst mal auf!« Sie streckte ihm nochmals die Hand hin, um ihm aufzuhelfen. Gundi drehte sich um einhundertachtzig Grad, hob den Schwanz und ließ einen Haufen fallen. Der Gestank im Stall wurde noch beißender. Leo ignorierte die Hand und zog sich alleine hoch. »Was für Pläne, Veronika?«
Sie wandte sich ab und schnappte sich die Mistgabel. »Das können wir doch heute Abend besprechen. Willst du dich nach dem Schreck vielleicht ein bisschen ausruhen?«
Leo hielt sie am Arm fest und zwang sie, ihn anzusehen. »Was?«
Veronika hielt kurz inne, stellte die Mistgabel an der Wand ab und schaute ihn an. »Mein Bruder Korbinian stellt den Hof ja nun auf Bio um. Wir haben uns gedacht, dass es ein gutes Geschäft wäre, einen Hofladen zu eröffnen. Wir könnten unser Biofleisch, Kartoffeln, Getreide, Eier und so weiter direkt hier an die Kunden verkaufen. Ich würde meinen Job bei der Bank aufgeben und erst mal anfangen. Wenn es gut läuft, könntest du später auch einsteigen und zum Beispiel Käse produzieren oder wozu du sonst eben Lust hast.« Ihre Augen blitzten vor Freude.
Leo starrte sie an.
»Käse?«
Veronika redete weiter, sie war jetzt voll in ihrem Element.
»Bio ist total im Kommen. Ehrlich, ich habe mir die Zahlen angesehen. Die Aussichten sind sehr gut. Den Laden richten wir in der ehemaligen Scheune ein. Die Pläne sind schon genehmigt. Später können wir noch einen Metzger einstellen und in die Wurstproduktion investieren. Die Leute wollen wissen, was sie auf dem Teller haben. Dafür bezahlen sie gut. Ich habe mir auch überlegt, ein paar Schafe und Ziegen dazu zu nehmen, um das Sortiment zu erweitern. Mama würde Marmelade kochen und ich könnte mit Biogetreide Brot und Kuchen backen. Wäre das nicht wunderbar?«
Leo schaute sie ungläubig an. Sie trug ihre kurzen dunklen Haare unter einem grünen Kopftuch, es schauten nur ein paar kleine Strähnen an den Ohren heraus. Die Jeans und die Fleece-Jacke, die sie trug, waren alt und zerschlissen. Einige Heuhalme hingen an ihren Ärmeln und bewegten sich mit ihren Gesten sanft hin und her. Deshalb also hatte sie ihn in den letzten Tagen immer wieder auf das Potenzial von Bio hingewiesen, ihn nach Fürstenfeldbruck in den neuen Bio-Markt geschleppt und die Scheune mit ihm inspiziert. Er hatte gedacht, dass Veronika sich für ihren Bruder Korbinian mit dem Thema vertraut machte. Plötzlich hatte Leo das Gefühl, seine Freundin gar nicht richtig zu kennen.
»Ich wollte ja nie von hier weg, und wenn ich die Chance habe, hier daheim zu arbeiten, werde ich sie nutzen. Dann sind wir wieder alle zusammen! Und in zwei, drei Jahren bauen wir auf dem Grundstück hinter dem Stall unser Haus und unsere Kinder können hier in der Natur in einer richtigen Großfamilie aufwachsen. Na, was sagst du?«
Veronikas Augen glänzten vor Begeisterung. Sie sah Leo erwartungsvoll an und stützte sich auf die Mistgabel.
Warum dachten eigentlich alle Frauen, die ihm nahestanden, dass sie besser als er selbst wüssten, was gut für ihn war? Früher hätte er jetzt wahrscheinlich eingelenkt.
»Guter Plan«, sagte Leo trocken. »Aber ohne mich. Ich bin kein Biobauer und will auch keiner werden. Du solltest mit mir reden, bevor du solche Zukunftspläne machst. Ich werde ganz sicher nicht hierher ziehen und mit dir einen Hofladen aufmachen.« Er klopfte sich ärgerlich das Stroh von dem alten Pullover, den ihm Veronika für die Stallarbeit gegeben hatte.
»Aber …« Veronika sah ihn erschrocken an. »Ich dachte immer, dass es dir hier gefällt, bei mir, bei uns. Du magst doch meine Eltern und meinen Bruder und seine Familie.«
»Natürlich mag ich sie. Aber ich mag auch meinen Beruf, und mir gefällt es ausnehmend gut in Dresden. Ich finde, du solltest statt dessen mal ein paar Jahre was anderes sehen und zu mir ziehen.«
Veronika sah ihn völlig entgeistert an. Resolut rammte sie die Mistgabel ins Stroh. »Ich bin hier verwurzelt wie ein Baum. Entweder du akzeptierst das oder wir gehen getrennte Wege!« Sie drehte sich um und ging mit energischen Schritten davon.
Leo Reisinger stand da wie ein zu spät gekommener Erstklässler. Was für ein Tag! Erst versuchte diese blöde Kuh Gundi ihn umzubringen, indem sie ihn an die Stallwand quetschte. Und nun stellte Veronika ihre Beziehung infrage, nachdem er sich ihr zuliebe tagelang auf dem Biohof ihres Bruders geschunden hatte. Eine tolle Urlaubswoche war das gewesen! Morgens halb sechs aufstehen, Kühe melken, Hühner füttern, Stall ausmisten und all die anderen Arbeiten, die auf einem Hof anfielen. Abends waren sie todmüde ins Bett gefallen und er hatte sich nicht nur einmal gefragt, warum er sich das antat. Allerdings: Wenn er in Veronikas glückliches Gesicht gesehen hatte, hatte er es wieder gewusst. Eine Woche war nun aber definitiv genug. Das würde er ganz sicher nicht den Rest seines Lebens machen.
Er stand immer noch konsterniert in Gundis Stall. Sie schaute ihn aus ihren dunklen Augen interessiert an. Kühe hatten es gut. Fressen, Milch produzieren, fressen, gemolken werden, schlafen. Sehr viel mehr passierte nicht in ihrem Leben. Er sehnte sich nach seinem Büro in der Dresdner Schießgasse und nach seinen Kollegen. Er wünschte sich fast, dass ein Notfall eintreten und die Kollegen ihn anrufen und aus dem Urlaub holen würden. Dieser Bauernhof war definitiv nicht sein Revier.
»Oh Mist, wo ist mein weißes Hemd?« Olli wühlte kopflos in seinem gepackten Koffer. Sandra sah ihm vom Wohnzimmer aus zu. Eigentlich wollte sie sich da nicht einmischen. Das war seine Reise, sein Koffer, das ging sie alles nichts an.
»Sandra, hilfst du mir bitte suchen? Ich brauche unbedingt dieses weiße Hemd. Wir haben gleich morgen ein großes Abendessen mit den obersten Chefs und den Marketing- und Produktmanagern. Da muss ich mit Anzug und Krawatte erscheinen, und dafür brauche ich mein gutes Hemd!«
Sandra Kruse bewegte sich keinen Zentimeter. Ihr Freund würde sie drei Wochen in Dresden alleinlassen. International Sales Meeting, Key Account Management – Olli hatte ihr in den letzten Wochen die englischen Fachbegriffe nur so um die Ohren gefetzt, und sie hatte erkennen müssen, dass er so richtig Feuer gefangen hatte. Olli konnte es gar nicht erwarten, für drei Wochen nach Abu Dhabi zu fliegen. Nach Abu Dhabi! Welcher vernünftige Mensch wollte da schon freiwillig hin?
»Sandra, jetzt hilf mir doch bitte!«, kam es vom Schlafzimmer. »Ich muss in einer halben Stunde los zum Flughafen!«
Träge stand Sandra auf und schlenderte in den Flur.
»Vielleicht hängt es noch im Keller auf der Wäscheleine. Ich sehe mal nach«, sagte sie und griff sich den Wohnungsschlüssel.
»Auf der Wäscheleine?« In Ollis Stimme schwang Panik mit. »Ich brauche es gebügelt! Ich kann doch kein zerknittertes Hemd …«
Sandra zog die Wohnungstür hinter sich zu. Was für ein Aufstand wegen eines ollen Hemdes. Noch dazu eines Anzughemdes. Olli war immer der Naturbursche gewesen, einer, mit dem sie am Wochenende zum Klettern und Wandern in die Sächsische Schweiz fuhr. Dieses Lebenskonzept hatte sie perfektioniert und den gemeinsamen Haushalt auf vegetarische Kost und ökologisches Bewusstsein umgestellt. Das Auto blieb so gut wie ungenutzt in der Garage, beide fuhren mit dem Rad zur Arbeit. Außer mit Naturfarben gefärbte Baumwolle und Leinen kam ihr nichts mehr auf die Haut. Als sie Olli kennengelernt hatte, hatte er weder Krawatten noch Hemden besessen und ein Bügeleisen damals wahrscheinlich für ein Museumsstück gehalten. Und nun machte er diese Hundertachtzig-Grad-Wende, weil der neue Job angeblich so unglaublich interessant war.
Sie schloss den Waschkeller auf und nahm das Hemd von der Leine. Es war trocken. Sie hielt es gegen das Licht der Leuchtstoffröhren. Zum Glück war der Tomatenfleck endlich nicht mehr zu sehen. Ihre Versuche mit der Waschnuss und anderen ökologisch unbedenklichen Waschmitteln waren Fehlschläge gewesen, das musste sie sich eingestehen. Erst als sie wieder dieses phosphatverseuchte Zeug benutzt hatte, war der Fleck rausgegangen.
Sandras Blick streifte die Flasche auf ihrer Waschmaschine und sie stutzte. Als geübte Kriminalkommissarin war sie es gewohnt, auf kleinste Details zu achten. Deshalb war ihr völlig klar, dass die Flasche nicht mehr dort stand, wo sie sie am Donnerstagmorgen abgestellt hatte. Was war da los? Sie nahm die Flasche und stellte sie wieder an die Stelle, an die sie gehörte – vorn rechts ins Regal neben die Waschmittel der anderen Hausbewohner.
Die Flasche war zu leicht. »Also das …!« Sandra war empört. Jemand klaute ihr Waschmittel! Sie hatte Ollis Hemd gestern früh mit dem neu gekauften Waschmittel gewaschen, also genau eine Kappe der grünen Flüssigkeit verwendet. Jetzt war die Flasche halb leer. Ihr erster Impuls war, sie mit nach oben in die Wohnung zu nehmen. Dann wäre das Problem gelöst, sie müsste nur jedes Mal ihr Waschmittel rauf- und runtertragen. Aber dann würde sie nie erfahren, wer sie da beklaute. Sandras Augen waren zu Schlitzen zusammengezogen. Sie ließ die Flasche stehen und ritzte am Etikett mit dem Fingernagel beim aktuellen Füllstand deutlich eine Linie ein. Vielleicht hielt dieses sichtbare Zeichen den Missetäter ab.
Mit Ollis Hemd über den Arm ging sie wieder nach oben. Sie würde den Dieb entlarven, das war schließlich ihr Beruf.
Samstag
Ihr Streit war heftig gewesen. Leo warf seine Reisetasche auf die Rückbank seines VW und stieg ein, ohne sich noch mal umzudrehen. Ob sein Brustkorb wegen der gequetschten Rippe oder aus Enttäuschung schmerzte, konnte er nicht sagen. Langsam rollte er vom Hof. Veronika hatte ihm vorgeworfen, keine Rücksicht auf ihre Gefühle zu nehmen. Im letzten Oktober hatte sie drei Tage lang um sein Leben gebangt. Seither wollte sie ihn davon überzeugen, dass er sich einen neuen Beruf suchte. Das war einfach lächerlich! Immerhin hatte gestern eine Kuh versucht, ihn umzubringen. Das Leben auf einem Bauernhof war mindestens genauso gefährlich wie sein Leben als Kriminalkommissar. Er arbeitete gern bei der Kripo, er hatte sich diesen Job ausgesucht, und er würde auch Onkel Josef nicht enttäuschen, seinen Onkel, der ihn durch seine eigene Karriere als Polizist auf die Idee gebracht hatte, diesen Beruf zu ergreifen. Veronika verlangte eindeutig zu viel, oder nicht? Er hatte die Nase voll davon, dass ihm immer eine Frau sagte, was gut für ihn sei. Erst seine Mutter und seine Oma, dann Veronika. Sie hatten die halbe Nacht gestritten, es hatte keine zärtliche Versöhnung gegeben. Er hatte ein paar Stunden auf dem Sofa in Veronikas Wohnzimmer nach Schlaf gesucht und war ein paarmal eingenickt, aber am Morgen um halb sechs Uhr, als Veronika aufgestanden war, um in den Stall zu gehen, hatte ihn nichts mehr gehalten. Er war noch kurz bei seiner Mutter und Oma in Mammendorf vorbeigefahren und befand sich nun, einen Tag früher als geplant, auf dem Weg nach Dresden.
Mit jedem Kilometer, den er seiner Wahlheimat näherkam, fiel der nagende Ärger von ihm ab. Sein analytischer Verstand fand immer mehr gute Argumente für seine Entscheidung, nach Veronikas Drohung erst einmal auf Distanz zu gehen.
Samstagvormittag um halb elf Uhr. Konnte er da seine Kollegen anrufen? Leo probierte es.
»Sandra Kruse«, schallte es etwas verrauscht aus den Lautsprechern, als er auf die A72 Richtung Chemnitz abbog.
»Hallo Sandra, melde mich zurück zum Dienst. Habe die Nase voll vom Landleben«, rief er gegen die Windschutzscheibe.
»Na, was soll ich denn davon halten? Der Bayer hat Sehnsucht nach uns ollen Sachsen«, feixte sie ins Telefon. »Sei mal bloß froh, dass dein zukünftiger Schwager nur eine Woche verreist ist. Das nächste Mal darfst du wahrscheinlich Kälbchen auf die Welt helfen und Schweine schlachten.«
»Du glaubst gar nicht, wie Recht du hast«, grummelte Leo und berichtete von Veronikas Plänen, einen Hofladen zu eröffnen.
»Mensch, das klingt doch toll, so viel ökologisches Bewusstsein hätte ich ihr gar nicht zugetraut.«
»Sie will, dass ich meinen Beruf an den Nagel hänge und die Käseproduktion übernehme.«
Sandra ließ eine lange Pause, bevor sie antwortete:
»Manchmal muss man vielleicht genauer hinschauen, bevor man eine Idee verwirft. Ich mache mir bei so was immer Pro- und Contra-Listen. Am Ende hast du schwarz auf weiß, was dafür und was dagegen spricht.«
Leo schüttelte unwillig den Kopf. »Sandra, ich bin Kriminalkommissar geworden, weil ich das wollte. Keiner hat mich gezwungen. Ich mache das gern, und ich sehe viel Sinn darin, die Welt durch meine Arbeit ein wenig ins Gleichgewicht zu bringen. Ich werde nie, nie, nie in meinem Leben Käse produzieren und in einem Bioladen Dinkelkleie verkaufen!«
»Bingo. Ich sag Frau Kerschensteiner Bescheid, dass du ab morgen wieder verfügbar bist.« Sandra klang erleichtert. »Übrigens treffe ich Sascha morgen um zehn Uhr im Café Sperling zum Frühstück. Das ist gleich bei dir in der Nähe. Komm doch mit!«
Leo willigte gern ein. Das Café lag am oberen Ende der Alaunstraße, höchstens zehn Minuten von seiner Wohnung entfernt. Normalerweise war er nicht sehr erpicht darauf, seine engsten Kollegen auch noch am Wochenende zu treffen, aber nachdem er nun eine Woche Urlaub gehabt hatte, sehnte er sich förmlich nach Sandras schnippischer Art und Saschas ausgleichender Gemütlichkeit. Knapp zweihundert Kilometer trennten ihn noch von Dresden.
So viele alte Häuser auf einmal hatte Katie noch nie gesehen. Fasziniert wanderte sie durch die Fußgängerzone von Pirnas Innenstadt und bewunderte die barocken Hauseingänge mit den Sitzsteinen und die reich verzierten Torbögen. Manchmal erhaschte sie einen Blick in pittoreske Innenhöfe oder in ein uraltes Gewölbe. Die Sonne schien warm von einem blauen Frühlingshimmel, die Farben leuchteten im Licht und ein leichter Wind ließ die jungen Blätter in den Bäumen zittern. Immer wieder zückte sie ihr Smartphone, um für ihre Mutter zu Hause in Minneapolis ein Foto zu machen. Schließlich landete sie am Marktplatz, der allerdings großräumig abgesperrt war.
»Was ist hier los?«, fragte sie in ihrem holprigen Deutsch einen Passanten, der sehr merkwürdig, weil sehr altmodisch angezogen war. Trug man das in Deutschland auf dem Land? Samtjacken und Spitzenkragen? Katie wunderte sich.
»Nu, heute stellen wir den Ganaleddo nach«, sagte der Mann und eilte weiter. Katie kramte in ihrem deutschen Vokabular nach Ganaleddo, konnte aber nichts Derartiges finden. Dieses Wort hatte sie noch nie zuvor gehört. Was bedeutete es? Sie folgte dem Mann bis zur Absperrung, hinter der sich zahlreiche weitere altertümlich angezogene Menschen von einem Mann mit Megafon in die richtige Position bringen ließen. Katie ahnte, dass das Schauspieler waren, und schaute gebannt zu. Immer mehr Publikum bevölkerte den Platz und verfolgte die Inszenierung. Katie bewunderte inzwischen die alten Giebel, die verzierten Fensterrahmen und Türstöcke der Häuser am Marktplatz und das alte Rathaus, das wie ein Schiff im Meer mitten auf diesem großen Platz thronte. Ihr gegenüber reckte ein Haus ein sehr hohes, spitzes Dach mit Fensteröffnungen, die wie kleine Augen von der großen Schräge herabschauten, in den wolkenlosen Himmel. In dem Gebäude war, wie Katie erkannte, die Touristeninformation untergebracht. Ob sie sich dahin durchschlagen sollte, um zu erfahren, was hier los war?
Sie beschloss, linker Hand um das Rathaus herumzugehen, und drängelte sich durch die dichter werdende Menschenmenge hindurch zum Tourismusbüro.
Dort klärte eine Dame sie darüber auf, dass heute in Pirna der Canaletto-Blick inszeniert werde. Vor einigen Jahren habe ein Verein von Pirnaer Bürgern beschlossen, einmal im Jahr das berühmte Bild des italienischen Malers Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, nachzustellen. Sie zeigte Katie das Bild, das als Kopie im Eingangsbereich des Tourismusbüros hing. Katie war beeindruckt. Sehr viel hatte sich seit dem Jahr 1753, in dem es gemalt worden war, nicht verändert. Die Kirche, das Haus, in dem sie gerade stand, die Fassaden links gegenüber dem Rathaus – alles sah heute fast noch genauso aus wie auf dem Gemälde. In ihrem Heimatland war zu jener Zeit der Siebenjährige Krieg zwischen den beiden Kolonialmächten Frankreich und England ausgebrochen, die USA gab es noch gar nicht. Und hier stand sie vor Häusern, die schon alt waren, als Canaletto sie damals gemalt hatte! Katie drückte dankbar das Fotoalbum ihres Onkels an ihre Brust. »Onkel Jakob, wie schade, dass du das nicht mehr sehen kannst«, murmelte sie. Sie machte sich wieder auf den Weg auf die gegenüberliegende Seite des Platzes und reihte sich in die Zuschauer ein. Der Mann, der die Statisten auf ihre Plätze dirigierte, war offenbar zufrieden. Er lieh sich von Zuschauern noch einen Hund aus, den er neben den Brunnen platzierte, dann war die Inszenierung fertig und Hunderte von Fotoapparaten und Handys klickten, auch Katies.
Mit allen Sinnen nahm sie die barocke Idylle des Platzes in sich auf, die Menschen, diese Mauern, die schon so viel Geschichte erlebt hatten. Schließlich löste sich die Szene auf. Die Statisten begannen, sich wieder zu bewegen. Frauen mit langen Röcken und Hauben auf dem Kopf gingen ihres Weges, die zwei Reiter lenkten ihre Pferde in gemessenem Schritt vom Platz. Katie atmete tief durch und schlug das Fotoalbum von Onkel Jakob auf. Es zeigte zwar einige Ansichten von Pirna, aber keine vom Marktplatz. Sie konnte auf einem der kleinen Schwarz-Weiß-Fotos, die wohl um 1932 entstanden waren, ein sehr altes Haus erkennen. »Das Tetzelhaus« stand in für sie fast unleserlicher Schrift darunter.
Die nächste Station im Fotoalbum war das »Haus Bergkaiser«. Ihr Onkel hatte da wohl einen guten Freund gehabt, denn er hatte nach seinen Erzählungen dort bei dem Kaufmann Heinrich Ziegenbarth viel Zeit verbracht. Das Foto zeigte eine prächtige Jugendstil-Villa mit floralen Verzierungen und verspielten Türmen, runden Fenstern und verschachtelten Balkonen auf mehreren Stockwerken. In ihrer Kindheit hatte Katie von diesem Haus immer als dem Haus der Prinzessinnen und Feen geträumt. Sie nahm den Stadtplan aus der Tasche und orientierte sich.
Gottlöber war zufrieden mit seiner Arbeit. Das Blatt sah täuschend echt aus. Sogar der Porzellan-Papst Eduard Mocke würde die Echtheitsbescheinigung wieder schlucken, wie schon einige vorher. Ein siegessicheres Lächeln spielte um seinen Mund. Wenn er sich richtig Mühe gab, konnte er Großes vollbringen, das war ihm durchaus bewusst. Die Schrift hatte er wieder exzellent hinbekommen. Die Vorlage aus dem Archiv mit den Briefen von Dr. Gillitzer benutzte er inzwischen nur noch, um sich in die richtige Stimmung zu versetzen.
Er ließ das Dokument auf sich wirken – das steife, fleckige Papier, die großmäulige Schrift des sächsischen Kunsthistorikers Gillitzer – und fühlte sich zurückversetzt ins 19. Jahrhundert. Er stellte sich vor, wie Gillitzer mit gestärktem Kragen und langem Bart an seinem Schreibtisch saß und die Echtheit der Porzellanfiguren und Vasen aus der Sammlung Seidl bestätigte. Severin Seidl war in der Gründerzeit mit seiner Maschinenfabrik zu immens viel Geld gekommen und hatte dieses großzügig in Kunst investiert. Vor allem das Meissener Porzellan hatte es ihm angetan: »Sein Haus mit echtem Gold zu schmücken, ist dekadent. Ich bevorzuge das Weiße Gold.« Dieser Ausspruch wurde ihm zugeschrieben, und den Quellen zufolge hatte er seine Villa am Weißen Hirsch, dem Elbehochufer in Dresden, mit vielen wertvollen Porzellanen und Figuren ausstaffiert. Nach seinem Tod hatte seine Tochter Ruth die Villa geerbt, aber sie und ihr jüdischer Ehemann konnten sich nicht lange an der Pracht freuen. Kurz nach der Pogromnacht im November 1938 flohen sie Hals über Kopf nach Amerika.
All das wusste Gottlöber von Anastasia, die geradezu frohlockt hatte, dass sie diese Geschichte wie ein Trojanisches Pferd für die illegalen Importe aus Russland einsetzen konnte. Die Schätze aus der Villa Seidl waren nach der Flucht der Seidl-Erbin angeblich sicher eingelagert worden, aber bislang war nur ab und zu ein Einzelstück aufgetaucht. Man nahm an, dass sich erst die Nazis und später die Russen ungeniert an den wertvollen Figuren, Tafelaufsätzen und Geschirren bedient hatten.
Gillitzer war ein ebenso glühender Sammler wie Seidl gewesen, nur deutlich weniger betucht als der schwerreiche Industrielle. Gottlöber war sich sicher, dass Gillitzer bis zum Umfallen neidisch auf Seidl und seine Sammlung gewesen war. Seidl hatte den Kunsthistoriker noch zu Lebzeiten beauftragt, Echtheitszertifikate für all seine Stücke zu erstellen. Diese Zertifikate aus Gillitzers Feder waren jedoch genauso verschwunden wie die wertvollen Porzellane. Dafür war Raffael Gottlöber dankbar. Den typischen Schwung seiner Handschrift konnte er inzwischen perfekt nachahmen und er verdiente gut daran.
Er hatte Gillitzer regelrecht inhaliert. Er konnte fühlen, wie der Neid und der Ärger über seine Arbeit an dem Mann genagt hatten, wie verächtlich er dem Besitzer all der wunderbaren Reichtümer, die er klassifizieren und bewerten sollte, begegnet war. Der Mann war gierig gewesen, genau wie er selbst. Allerdings gierte Gillitzer nach Porzellan, und damit nach etwas, auf das Raffael Gottlöber gut und gerne verzichten konnte. Seine Passion war eine ganz andere.
Ganz wie es in der damaligen Zeit üblich war, schrieb er mit einer goldenen Feder und mit selbst gerührter Eisengallus-Tinte. Nach dem Schreiben streute er ein wenig weißen, feinen Sand über das Papier. Damit war das Zertifikat fertig. Anastasia würde ihm dreihundert Euro dafür geben, ein guter Stundenlohn. Raffael Gottlöber verspürte Lust, nach der Lohnarbeit auch noch etwas für seinen Ruhm zu tun.
Sein Handgelenk war gelockert, sein Geist war frei und lebhaft, alles in ihm bettelte förmlich darum, sich kreativ auszudrücken. Er nahm das gefälschte Zertifikat und schob es unter die noch leeren Blätter seiner Spezialpapiere aus dem 19. Jahrhundert. Dann verschloss er die kostbare alte Tinte und holte sich seinen Lieblingsstift und einen neuen, blütenweißen Papierbogen auf den Tisch. Mit großen, kühnen Strichen, so wie bei Gillitzers Handschrift, warf Gottlöber sein Motiv aufs Papier: einen großen Vogel, der einem griesgrämigen Mann auf der Schulter saß und versuchte, dessen Ohrring zu klauen.
Gottlöber klopfte sich selbst auf die Schulter und kicherte, als er in den Zügen des Mannes sich selbst erkannte. Ja, die steile Falte auf der Stirn, das zu lange, über die Schultern fallende Haar, die weit auseinander stehenden Augen – das war eindeutig er selbst. Die Zeichnung war ihm gelungen, er sah es sofort. Die Proportionen stimmten, jeder Strich saß. In der Haltung des Vogels kam die Gier nach dem Ring zum Ausdruck. Er war ein großer Künstler. Hochzufrieden mit sich selbst dekorierte er die neue Zeichnung in seinem Schaufenster. Für heute hatte er eindeutig genug gearbeitet.
In seiner Hosentasche hatte er den Vorschuss von Anastasia. Es waren zwar nur einhundert Euro, aber doch genug für ein Abendessen und die Chance, in einer Poker-Runde noch ein paar Euro zu gewinnen. Gottlöber kannte jedes Etablissement in Dresden, in dem gespielt wurde. Er knipste das Licht aus, zog sich seine Jacke an und machte sich auf den Weg.
»Kann ich gehen, Elena?« Marta trat in der Gaststube ungeduldig von einem Bein aufs andere und sah ihre Kollegin erwartungsvoll an. Mit einem Blick auf die Uhr, es war zehn vor sieben, nickte Elena und beugte sich wieder über den Getränke-Kühlschrank im Gasthaus »Zeughaus«. Marta sollte ihr Gesicht nicht sehen. Elena wollte sich nicht verraten. Lügen war noch nie ihre Sache gewesen.
»Danke, Elena!« Marta warf ihr ein Kusshändchen zu und war schon zur Tür hinaus. Erleichtert richtete sich Elena auf. Sie hörte, wie Marta draußen ihr Moped, eine Schwalbe, anließ und mit leiser werdendem Motorengeräusch auf der Zeughausstraße verschwand. Marta besuchte nicht nur seit Beginn der Saison einmal in der Woche einen Deutschkurs, sie war auch frisch verliebt und verbrachte die Abende seither mit ihrem neuen Freund Franjo. Deshalb hatte sie es immer eilig, wegzukommen. Im Gegensatz zu ihr.
Elena überprüfte die Fensterriegel und schloss die Türen ab. Als sie vor die Haustür trat, umgab sie die Stille des Waldes kurz vor der Dämmerung. Die Sonne würde erst gegen zwanzig Uhr untergehen, aber hier, im Zschand, umgeben von Wald und hohen Sandsteinwänden, wurde es deutlich früher dunkel. Das Haus des Nationalparks, ein Informationszentrum für Wanderer, stand verschlossen links von ihr, das dritte Haus gegenüber war ebenfalls verlassen. Kein Laut war zu hören, nur das Rauschen des Waldes lag wie ein Teppich über der Landschaft. Völlig ohne Besucher wirkte die Waldlichtung am Ende der Schotterstraße wie aus der Zeit gefallen.
Elena suchte in ihrer Jackentasche nach dem Schlüssel. Schwer und kalt lag er in ihrer Hand. Nachdem sie sich nochmals vergewissert hatte, dass sie völlig allein war, ging sie in schnellen Schritten los, den Großhübelweg hinauf, hinein in den dunklen Wald. Nach wenigen Hundert Metern begann der Pfad anzusteigen. Der Frühlingsregen machte den Weg glitschig. Sie musste aufpassen, wohin sie trat. Und es wurde ihr schnell warm. Elena öffnete den Reißverschluss ihrer Jacke, drosselte ihr Tempo aber nicht. Abends allein durch den Wald zu laufen war unheimlich. Obwohl sie diese Route schon oft gegangen war, schauderte es ihr jedes Mal aufs Neue. Wenn sie hier ausrutschen und sich ein Bein brechen würde – vor morgen früh würde sie niemand finden. Keuchend stieg sie den steingepflasterten, steilen Weg nach oben. Oberhalb des Hügels leuchtete der Himmel hell. Hinter ihr versank der Wald im Schatten.
Schließlich war sie fast oben. Rechts und links ragten riesige Sandsteinblöcke aus dem Boden. Elena spähte angestrengt in alle Richtungen. War sie allein? Als sich ihr Atem beruhigt hatte, verließ sie den Weg und umrundete einen der Felsblöcke, bis sie an seiner Rückseite angekommen war.
Nach wenigen Augenblicken stand sie wieder auf dem Pfad. Diesmal war es ein leichtes Paket, eingeschlagen in braunes Packpapier. Zigaretten, nahm Elena an, aber eigentlich war es dafür zu unförmig, es erinnerte an ein großes Ei.
Plötzlich riss ein Eichelhäher mit seinen Warnschreien die Stille entzwei. Elena schrak kurz zusammen, aber außer ihr war niemand zu sehen. Hastig drückte sie sich das Paket vor den Bauch und machte sich auf den Weg zurück zum »Zeughaus«.
Schon kurz nachdem sie im letzten Jahr begonnen hatte, im dortigen Gasthaus als Bedienung zu arbeiten, hatte sich ihr eine zweite Einnahmequelle aufgetan. Eine Frau hatte sie diskret angesprochen und ihr angeboten, für jeweils einhundert Euro eine Besorgung zu machen: »Sie holen ein Paket ab, steigen in Bad Schandau in die S-Bahn, legen es in Dresden am Hauptbahnhof in ein Schließfach und finden da das Geld. Es ist wirklich ganz einfach. Wir bringen ein paar kleine Sachen über die Grenze. Machen Sie sich keine Sorgen: Wenn Sie es halbwegs geschickt anstellen, wird niemand etwas mitbekommen. Das ist leicht verdientes Geld.«
Das war es. Seither hatte Elena dreiundzwanzig Pakete abgeholt, also zweitausenddreihundert Euro zusätzlich verdient. Dieses Geld sparte sie eisern für Marcin, ihren fünfjährigen Sohn. Er brauchte immer etwas. Ständig wuchs er aus seinen Kleidern und Schuhen heraus, und wenn er erst in die Schule kam, würde sie nicht zulassen, dass er in alten, unmodernen Sachen herumlaufen musste. Ihre Mutter, bei der Marcin in einem kleinen Dorf in der Nähe von Prag aufwuchs, hielt es für Unsinn, ein Kind mit Markenjeans und modernen Jacken und Sweatshirts zu kleiden. Aber wenn er schon den ganzen Sommer auf sie, seine Mama, verzichten musste, dann sollte er nicht auch noch all die Sachen entbehren, die andere Kinder bekamen: Spielsachen, ordentliche Kleidung, ein Fahrrad. All das kostete Geld. Sie verdiente als Bedienung in Deutschland besser als zu Hause in Tschechien, aber es reichte trotzdem gerade so, um die wichtigsten Dinge zu bezahlen. Miete, Essen, Kleidung, das Auto, der Lebensunterhalt für Marcin und die Unterstützung für ihre Mutter. Sie hatte nicht viel Spielraum.
Elena hastete den steinigen Weg hinunter. Sie dachte immer an Marcin, wenn sie ein Paket abholte, und freute sich darüber, dass sie wieder einen Schein für die Spardose bekommen würde. Warum diese kleinen Transporte so geheimnisvoll ablaufen sollten, wenn es sich doch nur um Schnaps und Zigaretten handelte, war Elena ein Rätsel. Sie hatte nie eines der Pakete geöffnet. Mit einem Auto hätte man deutlich mehr Ware über die tschechische Grenze transportieren können, als sie das vermochte. Aber es konnte ihr egal sein. Hauptsache, sie bekam ihr Geld.
Kurz bevor sie wieder auf den Wanderweg einbog, rutschte Elena auf einem moosigen Stein aus. Weil sie das Paket mit beiden Händen hielt, konnte sie sich nicht richtig abfedern und stürzte unglücklich auf das braune Ei. Sie spürte einen heftigen Schlag unterhalb des linken Rippenbogens, und kurz blieb ihr die Luft weg.
Angesichts der Panik, die in ihr ausbrach, vergaß sie ihre Schmerzen aber sehr schnell. Irgendwas im Paket war zerbrochen. Sie konnte es hören, sie konnte es sehen, sie hatte es gespürt, als sich etwas Hartes unter ihre Rippen bohrte. Was auch immer im Paket war – wenn sie es nicht heil ablieferte, würde sie bestimmt nie wieder einen Auftrag bekommen!
Elena rappelte sich mühsam auf, hob das Paket hoch und war fünf Minuten später an ihrem kleinen Auto. Sie legte das Paket auf die Rückbank und setzte sich ans Steuer. Ihre linke Seite schmerzte immer noch, sie war nervös und fühlte sich schlecht. Im Rückspiegel schaute ihr ihr blasses Gesicht entgegen. Halblange, dunkelblonde Haare, wasserblaue Augen, hohe Wangenknochen. Sie war keine Schönheit, aber mit ihren sechsundzwanzig Jahren eine voll erblühte, attraktive Frau, die in ihrem Leben noch viel vorhatte. Jetzt allerdings war ihr Gesicht von Augenringen gezeichnet, und ein schmerzvoller Zug umgab ihren Mund.
Sie konzentrierte sich auf die Schotterstraße und machte sich auf den Weg. Zunächst musste sie einen für den Verkehr gesperrten Wanderweg entlangfahren. Trotz der Sondergenehmigung, die sie besaß, fühlte sie sich immer unbehaglich, wenn ihr spät noch Wanderer begegneten. Sie fuhr vorsichtig und langsam. Dafür ging es in ihrem Kopf drunter und drüber. Sollte sie das Paket aufmachen und nachsehen? Das war ihr eigentlich verboten. Die Order hieß: »Sie nehmen das Paket aus dem Versteck, bringen es sofort nach Dresden und legen es dort ins Schließfach. Keine Verzögerungen!« Was würde passieren, wenn sie eine kaputte Sendung ablieferte? Elena brach der Schweiß aus. Sie hatte keine Telefonnummer, keinen Ansprechpartner. Bisher war alles reibungslos abgelaufen, wie in einem Uhrwerk. Sie konnte niemandem erklären, wie es passiert war. Ihre linke Seite tat weh, aber sie ignorierte den Schmerz.
Bis vor zur Neumannmühle, wo die Zeughausstraße auf die Bundesstraße einmündet, fuhr Elena langsam. Was tun? Sie beschloss, das Paket zuhause zu öffnen und nachzusehen, ob sie etwas reparieren könne. Im Kirnitzschtal gab sie Gas.
Zwanzig Minuten später stand sie in Bad Schandau vor dem Mietshaus, in dem sie während der Saison mit Marta eine kleine Wohnung bewohnte, und hob das Paket von der Rückbank. Sie fühlte sich nicht gut, beinahe war ihr schwindelig. Das musste von dem Schreck kommen, beruhigte sie sich.
Sie schleppte sich mühsam in den zweiten Stock, legte das Paket auf den Küchentisch, löste vorsichtig die Klebestreifen und war erstaunt, auf eine dicke Schicht Schaumgummi zu stoßen. Je mehr von dem Polstermaterial sie entfernte, umso kleiner wurde der Gegenstand. Schließlich sah sie, was zerbrochen war. Kurz presste sie die Hand auf ihren schmerzenden Oberbauch, dann holte sie energisch den Alleskleber aus dem Küchenschrank.
Am späten Nachmittag war Leo wieder in seiner Dresdner Wohnung in einem Hinterhaus der Alaunstraße. Er packte seine Reisetasche aus, checkte den Inhalt seines Kühlschranks und setzte sich dann resigniert aufs Bett. Auf seinem Nachttisch stand ein Foto von Veronika und ihm. Glücklich und eng umschlungen lachten sie gemeinsam in die Kamera. War das jetzt das Ende ihrer Geschichte? Die Auseinandersetzung ließ ihn nicht los. Er hätte gern mit jemandem geredet, aber mit wem?
Michi, sein bester Freund, hielt ihn für komplett verrückt, weil er vor einem Jahr nach Dresden gegangen war. Der würde genauso wenig einen Schritt aus seiner Heimatstadt Fürstenfeldbruck heraus setzen. Dabei, so rechtfertigte sich Leo im Geiste, kam die Welt mit Stubenhockern nicht voran. Es brauchte Menschen, die ihren Radius erweiterten!
Sein Kollege Sascha, mit dem er sich für gewöhnlich sehr gut verstand, lebte gemeinsam mit seiner Mutter in der elterlichen Wohnung und würde völliges Verständnis dafür haben, dass Veronika bei ihrer Familie bleiben wollte. Niemand, so mutmaßte Leo, würde seine Position verstehen. Dabei fühlte es sich für ihn so richtig an, in Dresden zu sein.
Er nahm das Foto in die Hand, streichelte zärtlich darüber und legte es dann in die Schublade.
Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit rief er seine Mutter an, um seine Ankunft zu vermelden. Er wollte nicht, dass sich jemand um ihn Sorgen machte.
»Es geht mich ja nichts an, aber du und Veronika …« Leo unterbrach sie.
»Genau, Mama, es geht dich nichts an.« Er war sich sicher, dass sie Veronikas Position verteidigen würde und ihn zum Heimkehren überreden wollte. Erstaunlicherweise tat sie das Gegenteil.
»Ich wollte dir nur sagen, dass es eine gute Entscheidung von dir war, nach Dresden zu gehen. Onkel Josef sagt auch, dass es dir guttut, endlich ganz auf eigenen Füßen zu stehen. Am Anfang fand ich es schlimm, aber jetzt fühle ich mich auch ein bisschen befreit, in einem positiven Sinne.«
Sie erzählte ihm, dass sie sich seit ein paar Wochen mit einem Witwer aus Augsburg treffe. Leo musste sich hinsetzen. Deshalb also die neue Frisur! Und dass seine Mutter neuerdings hohe Absätze trug, hatte er zwar registriert, aber nicht hinterfragt.
»Mensch, Mama, ich wünsche dir ganz viel Glück, das hast du dir verdient. Du brauchst auf mich wirklich keine Rücksicht zu nehmen, ja?«
Er war ziemlich perplex nach diesem Gespräch. Dass nun ausgerechnet seine Mutter etwas Positives an seiner Abwesenheit fand, fühlte sich befremdlich, aber auch erleichternd an. Ihretwegen brauchte er in Zukunft jedenfalls kein schlechtes Gewissen mehr zu haben.
Dankbar zog Leo seine Laufsachen an und machte sich auf den Weg, um nach der langen Autofahrt an der Elbe entlang zu joggen.
Beglückt schob Katie das große, in zwei Plastiktüten verpackte Bild auf den Sitz neben sich. Genau von diesem Bild hatte ihr Onkel Jakob immer erzählt. Zu sehen waren ein merkwürdiges, fast rechteckiges Felsmassiv und davor ein Hirsch. Keine Spur von einer Stadt, aber das war egal. Es war ziemlich düster und irgendwie schmutzig, aber sie war begeistert. Wie nett Henriette und Lukas Ziegenbarth gewesen waren! Und wie schade, dass Onkel Jakob ihr nicht noch viel mehr von Heinrich Ziegenbarth erzählt hatte, schließlich waren sie eng befreundet gewesen. Dass dessen Verwandte noch immer in diesem Haus lebten und einige von den alten Möbeln noch vorhanden waren, das war Katie fast wie ein Wunder erschienen. In Amerika war es normal, seinen Hausstand alle fünfzehn Jahre zu verlegen oder komplett zu erneuern. Sie kannte niemanden, der in einem über einhundert Jahre alten Haus in antiken Möbeln seiner Vorfahren wohnte. Aber diese Leute hatten in der Villa kaum etwas verändert. Onkel Jakobs alte Fotos zeigten fast das identische Wohnzimmer mit dem schönen, offenen Kamin. Selbst die geschwungenen Wandlampen hingen noch an Ort und Stelle. Gut, das alte Sofa war einer modernen Couchgarnitur gewichen, die Küche war vor wenigen Jahren völlig umgebaut worden, auch die Schlafzimmer im Obergeschoss waren allesamt neu eingerichtet. Aber einige der Möbel, die Katie auf Onkel Jakobs Fotos vom »Haus Bergkaiser« erkennen konnte, standen heute noch an ihrem angestammten Platz im Flur oder im Wohnzimmer. Verträumt schaute Katie aus dem S-Bahn-Fenster hinunter auf die Elbe. Der Fluss erinnerte sie an den Mississippi zu Hause.
Als sie den älteren Herrn im Garten der Villa angesprochen hatte, hätte sie nicht erwartet, so freundlich eingeladen zu werden. Aber die Ziegenbarths hatten als Rentner viel Zeit, und das Fotoalbum, das sie ihm über den Gartenzaun reichte, hatte ihr alle Türen geöffnet.
»Schau nur, was für ein schöner Mann dein Onkel Heinrich war!« Henriette Ziegenbarth hatte sich kaum beruhigen können, als sie die Fotos sah. Sie hatte Heinrich erst zwanzig Jahre später kennengelernt, da war er ein griesgrämiger, vom Krieg gezeichneter Mann gewesen, der lediglich zwei kleine Zimmer seines ehemals so stolzen Hauses bewohnte. Die beiden Familien, die bei ihm einquartiert worden waren, hasste er. Alles, was ihm lieb und teuer war, hatte er in seinen zwei Zimmern auf dem Dachboden verstaut. Später erreichte er, dass im Erdgeschoß die Redaktion einer technischen Fachzeitschrift einzog. Aber die Familie im ersten Stock blieb, und er verschanzte sich regelrecht in seinem Refugium unter dem Dach. Nach Henriette Ziegenbarths Schilderungen war Heinrich ein verbitterter, wegen seiner Kriegsverletzung stark hinkender Mann gewesen, der in der Vergangenheit lebte und mit der Gegenwart in der DDR nicht zurechtkam.
Als Katie mit dem Ehepaar Ziegenbarth auf dessen Terrasse saß und berichtete, wie ihr Onkel ihr früher immer wieder von Dresden, von seinem lieben Freund Heinrich in Pirna und von diesem Haus erzählt hatte, wurde sie selbst ganz sentimental. Diese Kindheitserinnerungen an ihre Sommer in Onkel Jakobs Haus in Michigan hatten sie geprägt.
»Hatte ihr Onkel jemals eine Familie in Amerika?«, fragte Lukas Ziegenbarth sie vorsichtig. Katie wusste schon, worauf das hinauslief. Onkel Jakob hatte zum Ende seines Lebens kein Geheimnis mehr aus seiner Homosexualität gemacht und sie machte auch keines draus.
»Dann gehe ich davon aus«, sagte Lukas Ziegenbarth bedächtig nickend, »dass Ihr Onkel und mein Onkel ein Paar waren.« Katie nickte. Davon war auch sie überzeugt.
»Wissen Sie, dass mein Onkel für Heinrich ein Bild gemalt hat?«, fragte sie in das Schweigen hinein. Sie blätterte im Fotoalbum eine Seite weiter. Dort stand ein gutaussehender, schneidiger junger Jakob vor einem Bild an der Wand.
Die Ziegenbarths betrachteten das Foto einen Moment, dann sagten sie fast gleichzeitig: »Das Bild ist noch da.«
»Das Bild ist, ehrlich gesagt, merkwürdig. Ich habe nie verstanden, warum mein Onkel es in seinem Zimmer hängen hatte.« Lukas Ziegenbarth schüttelte bedächtig den Kopf. »Er hatte einen exquisiten Geschmack, und vor dem Krieg besaß er eine ganze Reihe ausgezeichneter Gemälde. Sogar ein Otto Dix war darunter. Die wurden ihm aber während der Nazi-Zeit und später zu DDR-Zeiten alle abgenommen, bis auf ein paar ganz nette Schäfer-Szenen aus dem 18. Jahrhundert und dieses kitschige Landschaftsbild vom Bloßstock. Er hat es wohl als Andenken an Ihren Onkel behalten. Wir haben es vor zwanzig Jahren ganz oben in den Flur gehängt, weil es uns nicht gefällt.«
Sie brachten Katie die geschwungene Treppe hinauf zum ausgebauten Dachboden, wo in einer dunklen Ecke am Ende der Treppe das Bild sein Dasein fristete. Katie war begeistert. »Das ist es! Wenn Onkel Jakob wüsste, dass ich hier vor seinem Bild stehe!« Zärtlich strich sie über die raue Oberfläche des Ölgemäldes.
»Ist Ihr Onkel denn in den USA ein bekannter Maler?«, wollte Lukas Ziegenbarth wissen.
Katie schüttelte den Kopf. »Nein, er hat anfangs wohl als Anstreicher in der Firma meiner Großeltern in Minneapolis gearbeitet, aber später wurde er bekannt durch seine Bilderrätsel. Sie kennen das sicher: Ein Haufen Zahlen auf einem Blatt Papier, die man der Reihenfolge nach verbinden muss und zum Schluss hat man ein fertiges Bild. Diese Art von Malvorlagen hat er für verschiedene Zeitschriften in den USA erdacht und damit immerhin so viel Geld verdient, dass er sich ein wunderhübsches Haus am Lake Poygan kaufen konnte. Dort hat er die letzten zwanzig Jahre seines Lebens gewohnt und ich war mit meiner Mutter jeden Sommer für mindestens drei Wochen und oft auch zwischendurch an den Feiertagen und an Weihnachten bei ihm.«
Henriette Ziegenbarth lächelte: »Wenn er ein Meister der Bilderrätsel war, dann kann man ihm verzeihen, dass er dieses scheußliche Etwas gemalt hat. Das war ganz offensichtlich nicht sein Ding, diese Landschaften in Öl.« Sie nahm das Bild von der Wand und pustete den Staub weg. »Obwohl der Hirsch ja ganz gut getroffen ist.« Sie sah ihren Mann fragend an und der nickte lächelnd.
»Hier, Miss Katie, wir schenken Ihnen das Bild zur Erinnerung an Ihren Onkel.« Sie drückte Katie das Bild in die Hand. Die wusste erst gar nicht, was sie sagen sollte, und suchte nach den richtigen Worten. »Das ist so … überwältigend. Vielen, vielen Dank!«
Katie hatte die Szene genau vor Augen und war noch einmal zutiefst gerührt, als die S-Bahn mit ihr und dem Gemälde in den Dresdner Hauptbahnhof einfuhr.
»Komm, wir schauen noch schnell nach einem Fahrplan für nächste Woche!« Tina Marwitz zog ihren Mann Richtung Bahnhofshalle, um sich noch einen Flyer mit den Abfahrtszeiten der Züge nach Tschechien zu holen. Sie wollten am nächsten Samstag einen Tag in Prag verbringen, von Bad Schandau aus ein Katzensprung. Jochen Marwitz nickte, drückte die schwere Schwingtür zur Bahnhofshalle auf und suchte nach entsprechenden Regalen oder Ständern. Seine Frau Tina folgte ihm und entdeckte sofort die junge Frau, die halb auf der Wartebank saß, halb lag. Sie schien seitlich umgekippt zu sein und sah sehr blass aus. Während Jochen Marwitz noch in den Drahtständern vor dem Schalterbüro suchte, trat Tina Marwitz näher an sie heran. »Hallo?«, versuchte sie es. Aber die Frau in ihrer dunklen Jacke reagierte nicht. Tina ging noch näher heran und versuchte herauszubekommen, was mit ihr los war. Ihr Mann Jochen hatte den Fahrplan gefunden und rief sie zurück. »Tina, lass das, die schläft bestimmt nur ihren Rausch aus!«
Aber Tina roch keinen Alkohol. Sie berührte die Frau an der Schulter, bekam aber keine Reaktion. Sie griff nach ihrer Hand und die war eiskalt. Tina hatte plötzlich ein sehr mulmiges Gefühl. »Jochen, ruf sofort den Notarzt an!«, rief sie ihrem Mann zu. »Hier stimmt was nicht. Der Frau geht es gar nicht gut, sie ist bewusstlos. Schau, wie blass sie ist, wie schnell sie atmet. Was für Augenringe!« Bei den letzten Sätzen schwang schon so viel Panik in Tina Marwitz’ Worten mit, dass ihr Mann sofort reagierte. Im Nu hatte er durchgegeben, dass eine junge Frau in der Bahnhofshalle in Bad Schandau auf einer Bank läge, nicht ansprechbar sei und dringend Hilfe brauchte.
Tina setzte sich inzwischen neben sie und stellte dafür das große, unförmige Paket, das neben ihr auf der Bank lag, hinunter auf den Boden. Sie bettete den Kopf der Ohnmächtigen auf ihren Schoß. Die einzige Reaktion, die sie bekam, war ein leichtes Stöhnen. Besorgt streichelte sie über ihr blondes Haar und versuchte, ihr gut zuzureden. Die reichlich zehn Minuten, die der Notarzt vom Pirnaer Klinikum brauchte, kamen ihr wie eine Ewigkeit vor. Jochen Marwitz stand derweil hilflos daneben. Er wäre lieber nach Hause in sein Bett gegangen, gleichzeitig wusste er, dass seine Frau ihn einen herzlosen Unmenschen schimpfen würde, wenn er sich jetzt aus dem Staub machte. Er war immer noch davon überzeugt, dass die junge Frau lediglich ein Drogen- oder Alkoholproblem hatte.
Als der Notarzt da war, ging es ganz schnell. Tina und Jochen sahen zu, wie der Arzt innerhalb weniger Sekunden einen Schock diagnostizierte, ihr eine Spritze gab und sie umgehend in den Rettungswagen verfrachtete.
»Ein Schock?«, fragte Jochen Marwitz. »Was bedeutet das?«
Der junge Notarzt hatte keine Zeit für lange Erklärungen: »Septischer Schock, Blutverlust, Allergie, wir müssen das schnell herausbekommen, ihr Zustand ist kritisch. Kennen Sie die Frau, können Sie Angaben zu ihrer Person machen?«
Beide schüttelten den Kopf.
Der schöne Abend in Dresden, der Besuch im Kabarett und die fröhliche Stimmung auf der Heimfahrt in der S-Bahn waren wie weggeblasen. Tina Marwitz schaute dem mit Blaulicht und Martinshorn davonrasenden Krankenwagen hinterher. »Das arme Mädchen, die war doch höchstens fünfundzwanzig. Was ihr wohl fehlt?«
Jochen Marwitz legte tröstend den Arm um ihre Schulter. »Wir können morgen in der Klinik in Pirna anrufen und fragen, ob es ihr besser geht. Vielleicht sagen sie uns das. Bloß gut, dass du noch den Fahrplan besorgen wolltest, sonst würde sie da noch immer liegen.«
Sie wandten sich zum Gehen Richtung Parkplatz, als Tina das Paket einfiel. »Du, Jochen, da stand doch so ein großes Ding neben ihr. Das gehört ihr wahrscheinlich. Wir können es nicht einfach am Bahnhof stehen lassen. Was tun wir damit?« Jochen überlegte kurz. »Wir nehmen es mit und ich bringe es am Montag auf dem Weg zur Arbeit im Klinikum vorbei.«
Er legte das unförmige Ding in den Kofferraum und fuhr mit Tina nach Hause.
Sonntag
»Oh lecker, Fleischsalat mit Gurke« Sascha Pröve deutete begeistert auf das Büffet im Café, das vom Bio-Müsli bis zur Soljanka jede Menge Gaumenfreuden zum Brunch bot. Leo Reisinger nahm das zur Kenntnis. Wenn er nicht völlig ausgehungert war, war Essen ihm nicht so wichtig. Er reihte sich hinter Sascha in die Schlange ein und lud Leckereien auf seinen Teller. Als sie wieder zurück an ihrem Tisch am Fenster waren, kam auch ihre Kollegin Sandra Kruse hinzu. Sie balancierte verschiedene Müslis, Kuchen, Quarkspeisen und Smoothies auf ihrem Tablett.
»Wo ist Olli?«, fragte Leo seine Kollegin.
Sie pustete demonstrativ eine blonde Strähne aus ihrem Gesicht. »Olli ist in Abu Dhabi – Geschäftsreise für drei Wochen.«
»Und Laika?«
»Bei seinen Eltern. Ich kann den Hund ja nicht drei Wochen lang mit auf Arbeit nehmen. Richter würde ausflippen.«
Leo nickte. Nicht nur der. So niedlich Laika war, so unerzogen war sie auch.
Er nahm einen tiefen Schluck Kaffee und freute sich, seine Kollegen nach einer Woche wiederzusehen. Entspannt wandte er sich seinem Teller zu, auf den er Rührei, Schinken und frisches Obst geladen hatte.
»Habt ihr die Einladung zur Fortbildung in Operativer Fallanalyse schon gesehen?«, fragte Sandra und sortierte akribisch jedes Haselnuss-Stückchen aus ihrem Müsli.
»Warum nimmst du das, wenn du gegen Haselnüsse allergisch bist?«, fragte Leo und sah ihr interessiert zu.
»Man lernt den Umgang mit den verschiedenen Analyse-Systemen zum Profiling.« Leo verdrehte die Augen. Jeder Kriminalkommissar wusste, worum es bei der OFA ging. Er mochte es nicht, wenn Sandra schulmeisterte.
Sascha widmete sich ganz seinem Fleischsalat. »Da ist noch ein Stück Haselnuss drauf!«, warnte Leo seine Kollegin, bevor die einen Löffel Müsli in den Mund schob. Sandra ignorierte die Warnung und kaute ungerührt weiter. Sie war wohl doch nicht gegen Haselnüsse allergisch, schlussfolgerte Leo. Aus Sandra wurde er nie so ganz schlau. Sie war eine fleißige, akkurate Kollegin, die gut mit dem Computer umgehen und hervorragend recherchieren konnte. Aber meistens kriegte er sich schnell mit ihr in die Wolle, deshalb vermied er es nach Möglichkeit, direkt mit ihr zusammenzuarbeiten. Sascha war da im Umgang wesentlich unkomplizierter, auch wenn er ständig angeschoben werden musste.
»Ich überlege, ob ich mich da anmelde. Für dich wäre das auch was, Leo, der Kurs dauert aber bis ins nächste Jahr.« Sandra warf sich die blonde Mähne aus dem Gesicht. Neben ihrem Teller hatte sie eine Liste, auf der sie sich zu jedem Müsli Notizen machte.
Operative Fallanalyse? Leo hatte dazu während seiner Ausbildung in der Polizeischule Fürstenfeldbruck einiges gelernt. In der Bibliothek dort gab es jede Menge Fachbücher, die nur so strotzten vor Theorie. Das war zwar mal genau sein Ding gewesen, aber inzwischen war er doch gerne praktisch unterwegs, vor Ort und nah an den Menschen. Sandra wandte sich zu Sascha: »Stellt euch vor, in meinem Wohnhaus klaut einer mein Waschmittel. Und das passiert mir, einer Kriminalbeamtin!« Sie schüttelte genervt den Kopf.
»Wie lange dauert denn diese Fortbildung?«, wollte Leo wissen.
Sascha spießte Nudelsalat auf seine Gabel und zwinkerte Sandra zu: »Am besten rufst du die Polizei.«
»Sehr witzig. Zweimal Theorie, einmal Praxis.«
»Mach halt einen Strich an die Flasche, damit man genau sieht, wie viel drin ist. Das signalisiert dem Dieb, dass du den Füllstand kontrollierst«, sagte Sascha. Er war wie seine Kollegen Anfang dreißig, allerdings machte sich bei ihm schon eine Stirnglatze breit, die ihn, ebenso wie seine etwas füllige Figur, älter erscheinen ließ. Neuerdings kleidete er sich mit Hemden und Anzughosen und sah wie ein Versicherungsvertreter aus. Auf seinem Teller lag alles durcheinander: Schinken, Fleischsalat, Nudelsalat, Kuchen und Lachs, Käse und ein Töpfchen Pflaumenmus.
Sandra nickte: »Das habe ich schon versucht, hat nichts bewirkt.«
»Am Wochenende?«, fragte Leo mit vollem Mund.
»Nein, meistens unter der Woche. Am Wochenende wasche nur ich.«
Saschas Blick wanderte irritiert von einem zum anderen.
Leo saß neben ihm und trug trotz des noch frischen Frühjahrswetters bereits ein kurzärmliges Polohemd zur Jeans. Sandra war in mehrere Lagen blassblauen Leinens gehüllt. Kritisch fixierte sie den Löffel Quarkcreme auf ihrem Löffel.
»Da geht es um Täterprofile. Darum, warum und wie ein Täter arbeitet«, sinnierte Leo weiter vor sich hin, während er an seiner Schinkensemmel kaute.
»Das reicht nicht, du musst alle verfügbaren Merkmale mit einer Datenbank abgleichen. Aber ich glaube, der ist einfach zu geizig, um sich selbst Waschmittel zu kaufen.« Sandra zeigte mit ihrem Löffel zuerst auf Leo, dann wandte sie sich mit einem Lächeln zu Sascha.
Der runzelte die Stirn. Sprachen die beiden gerade miteinander?
»Das ist alles sehr theoretisch«, sagte er zu Leo. Zu Sandra gewandt meinte er:
»Häng halt eine Überwachungskamera in euren Waschraum. Wie viele Parteien benutzen denn den Keller?«
»Acht Wohnungen im Haus, eine allerdings, Frau Rietzschel, hat eine Waschmaschine in der Wohnung, die fällt raus. Also sechs Verdächtige.«
»So eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Spezialisten könnte mir schon sehr viel Spaß machen. Da bekommt man ja auch eine Menge Einblick in andere Wissensgebiete.« Leo begann, sich mit dem Gedanken anzufreunden.
Sascha versuchte, sich in das Gespräch einzuklinken:
»Stell dem Waschmitteldieb doch eine Falle.«
Sandra nickte. »Ja, du hast Recht. Da arbeiten immer auch Externe mit im Team, Biologen, Psychologen, Mediziner und so.« Sie zerteilte den Kuchen auf ihrem Teller, als würde sie etwas Bestimmtes suchen.
»Ich glaube, das ist unheimlich anstrengend, was die da in der Gruppe machen«, warf Sascha ein. Jetzt ging es wohl wieder um den Lehrgang. Nach einer zusätzlichen Fortbildung stand ihm der Sinn so gar nicht.
»Nee, Sascha, das geht ganz einfach. Man könnte die Verpackung mit Silbernitrat markieren, dann brauchst du dir später nur die Hände der Mitbewohner anzusehen. An der Luft reagiert die Chemikalie und verfärbt die Haut für mehrere Tage. Das macht man zum Beispiel, wenn immer wieder Geld aus Kassen geklaut wird.« Leo hatte sein Rührei verdrückt und sich im zufriedenen Zurücklehnen an Sascha gewandt.
Der sah ihn verwirrt an. Wovon redete er jetzt? Sandra mischte sich wieder ins Gespräch.
»Da gibt es auch eine Methode, die Proaktive Strategie genannt wird. Das fände ich spannend. Zu überlegen, wie man den Täter aktiv beeinflussen kann.«
»Ja, stimmt, das habe ich auch noch im Kopf. Theoretisch zumindest.« Leo nickte. »Es geht da um den Einsatz der richtigen Informationen, die man durchsickern lässt. Aber zuvor muss man natürlich ein Täterprofil haben.«
»Was eine sehr genaue Analyse der Umstände und einen Datenabgleich erfordert«, bestätigte Sandra.
»Na, dann stell doch ein Schild auf«, schlug Sascha vor.
»Ein Schild?« Sandra und Leo sahen ihren Kollegen mit gerunzelter Stirn an.
»Wie kommst du jetzt auf ein Schild?«
»Na, um ihn zu provozieren.«
Leo schüttelte den Kopf.
»Nein, normalerweise macht man das über die Medien. Tageszeitung, Fernsehen, eventuell auch Internet, also soziale Medien.«
»Um einen Waschmitteldieb zu erwischen?« Sascha tippte sich an die Stirn. »Du hast ja einen Knall! Das wäre wohl völlig überreagiert.«
Sandra schluckte den letzten Bissen herunter.
»Wer redet denn von Waschmittel? Wir reden hier von Sexual- und Tötungsdelikten.«
Sascha seufzte.
Marta war zwar erstaunt, als sie am Sonntagmorgen die Tür zum »Zeughaus« im Großen Zschand selbst aufschließen musste. Aber warum sollte sich zur Abwechslung nicht auch mal Elena verspäten? Sie öffnete die Fensterläden, sperrte die Tür zur Gaststube auf und lüftete. Die Lieferung der Lebensmittel stand schon am Hintereingang. Wie jeden Morgen zog sie die rosa Schürze über und bändigte ihr halblanges, braunes Haar mit einem rosa Stirnband. Die Speisekarte für heute stand fest, sie begann, sich in der Küche einzurichten und das Gemüse vorzubereiten. Als Elena nach einer halben Stunde immer noch nicht aufgetaucht war, rief sie sie auf ihrem Mobiltelefon an.
Keine Antwort. Marta zuckte ratlos mit den Schultern. Das sah Elena eigentlich nicht ähnlich. Seit Anfang April teilte sie sich mit ihr eine Wohnung in Bad Schandau, und seit dem Beginn der Saison arbeiteten sie auch zusammen im Gasthaus »Altes Zeughaus«. Für Elena war es die dritte Saison, für Marta die erste. Ohne ihre Kollegin fühlte sich Marta verloren. Elena war zwei Jahre älter als sie, sprach besser Deutsch und war im Umgang mit den Gästen viel gewandter. Sie selbst versteckte sich lieber hinter ihren Kochtöpfen in der Küche, wo sie nicht mit Fremden sprechen musste. Deshalb klappte es auch so gut mit ihnen beiden. Elena bediente und übernahm das Sprechen, Marta kochte und blieb im Hintergrund. Nach dem Dienst teilten sie sich schwesterlich das Trinkgeld und verbrachten gemütliche Abende vor dem Fernseher oder schwatzend in ihrer WG-Küche. Allerdings wurden diese Abende seltener, seit Marta den Deutschkurs in Sebnitz belegt und dort Franjo kennengelernt hatte.
Marta wurde nervös, plötzlich konnte sie in der Küche nichts mehr mit sich anfangen. Was, wenn Elena gar nicht kam? Ungeschickt stieß sie die Essigflasche um. Die Flasche zerplatzte auf dem Küchenboden und füllte den Raum mit beißendem Geruch. Marta fluchte und machte sich daran, die Scherben zusammenzufegen, zu lüften und den Boden zu wischen. Als sie fertig war, war Elena immer noch nicht aufgetaucht. Sie rief Franjo an, aber der ging nicht ans Telefon.
Marta machte sich nützlich, deckte die Tische im Gastraum ein, wie Elena das sonst tat, warf die Kaffeemaschine an und stellte den Kuchen aus der Kühlung in die Vitrine. Als es zehn Uhr wurde, hielt sie es nicht mehr aus. Mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks hatte sie alle fünf Minuten Elenas Nummer gewählt, aber immer wieder nur die Mailbox erreicht. Unsicher rief sie ihren Chef an und berichtete in ihrem gebrochenen Deutsch, dass Elena nicht zum Dienst erschienen sei. Peter Hacker versprach ihr, so schnell es ging, eine Ersatzkraft zu schicken. Draußen schien die Sonne, und ständig marschierten Wanderfreudige am »Zeughaus« vorbei. Marta bekam feuchte Hände, wenn sie nur daran dachte, dass sie nun allein für das Bewirten der Gäste zuständig sein sollte. »Hoffentlich bald kommen Ersatz für Elena«, stammelte sie und überlegte ernsthaft, ob sie nicht lieber ein »Geschlossen«-Schild an die Eingangstür des kleinen Gasthauses hängen sollte. Die Sonne schien mild vom blauen Himmel, der Tag war wie gemacht für eine Wanderung in der Sächsischen Schweiz und den Weg in den Hinteren Zschand, zum Winterberg und zum Großen Teichstein, zur Hickelhöhle oder zu den Bärenfangwänden. Hektisch bereitete Marta die Küche für den Mittagsansturm vor, gleichzeitig wollte sie sich am liebsten aus dem Staub machen. Denn allein und mit ihrem schlechten Deutsch konnte sie das unmöglich bewältigen. Was war bloß los mit Elena?
Es musste, so dachte sie bei sich, irgendwas mit Elenas Sohn Marcin zu tun haben. Sie konnte sich nicht vorstellen, weshalb Elena sonst nicht zur Arbeit kommen und sie alleinlassen sollte. Am liebsten wäre sie nach Bad Schandau in ihre gemeinsame Wohnung gefahren. Vielleicht lag sie da ja auch und hatte sich ein Bein gebrochen oder war ohnmächtig geworden? Doch Marta war klar, dass sie jetzt nicht auch noch die Stellung verlassen konnte. Sie war genau wie Elena heilfroh über diese Arbeit. Also setzte sie die Mittagssuppe auf und bereitete die Salate vor.
Um elf Uhr kam der vom Chef versprochene Ersatz. Jennifer Korte war nicht gerade bester Laune, schließlich hätte sie heute ihren ersten freien Sonntag seit vier Wochen gehabt. Aber sie war ein Gastronomie-Profi und Peter Hackers Geheimwaffe, die er bedenkenlos in all seinen Restaurantbetrieben einsetzen konnte. Binnen Sekunden erfasste sie die Situation im »Zeughaus« und übernahm sofort das Kommando: »Tischdecken auf die Terrassen-Tische, Tafel mit dem Tagesangebot vor die Eingangstür!«, kommandierte sie. Marta war erleichtert und froh, dass ihr die Verantwortung abgenommen wurde und spurtete hinaus. Schon kurze Zeit später setzten sich die ersten Ausflügler zum Mittagessen und sie hatte alle Hände voll zu tun, die bestellten Speisen auf die Teller zu befördern. Jenni übernahm souverän Elenas Posten und niemand von den Gästen, die sich auf der Terrasse den griechischen Schafskäse mit Salat oder die Krautwickel schmecken ließen, ahnte, dass es von Elena immer noch kein Lebenszeichen gab.
Dr. Barthel war müde. Sie hatte Nachtdienst gehabt und wollte eigentlich nur noch unter die Dusche und ins Bett. Aber nun noch dieser unangenehme Anruf bei der Polizei. Sie wählte die Nummer der Dresdner Polizeidienststelle und informierte die Beamten über den Todesfall.
»Eine junge Frau, zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt. Wir haben keine Papiere, keinen Namen, keine Angehörigen. Sie wurde gestern um Mitternacht per Notarzt gebracht, aber wir konnten sie nicht retten, die innere Blutung war schon zu weit fortgeschritten.«
Was sie befürchtet hatte, trat ein: Der Polizeibeamte bat sie, auf die dafür zuständigen Beamten von der Kriminalpolizei in Dresden zu warten. Das könne ein wenig dauern.
Also keine Dusche. Aber sie würde sich trotzdem aufs Ohr legen. Dr. Viola Barthel bat die zuständige Krankenschwester, sie zu wecken, wenn die Kriminalpolizisten im Hause wären, und zog sich auf die schmale Liege im Aufenthaltsraum zurück.
Am Sonntagnachmittag streunte Katie wie eine Katze durch die Hinterhöfe der Dresdner Neustadt. Jeder Innenhof war ein neues Schatzkästchen, das es zu erkunden galt. Sie bewunderte handgefilzte Eierwärmer, Kleider mit merkwürdigen Schnitten und bunte Töpferwaren und drückte sich die Nase an den Schaufenstern der vielen Schmuckateliers und Designerstudios platt. Glücklicherweise waren die Läden alle geschlossen, das schonte ihren Geldbeutel. In einem stillen Innenhof mit reichlich Graffiti an den Wänden stand sie schließlich vor einem Geschäft, das im Schaufenster lediglich eine kleine Zeichnung ausstellte. »Raffael Gottlöber. Zeichner und Restaurator« stand in modernen Lettern an der Glastür. Als sie sich schon umwenden und den Innenhof verlassen wollte, erschien ein Mann im Laden und öffnete die Tür, um frische Luft hineinzulassen. Neugierig kehrte Katie um. »Hey, Sie können nicht aufmachen, heute ist doch Sonntag in Germany«, rief sie ihm schnippisch zu.
Der Mann schaute sie interessiert an und lächelte. »Ich hoffe doch, Sie verraten mich nicht an die CIA?«
Katie ärgere sich ein wenig, weil er sie an ihrem Akzent sofort als Amerikanerin erkannt hatte, aber es gab Schlimmeres. Es war nett, mal wieder mit jemandem zu plaudern.
»Hi, ich bin Katie. Sie verkaufen Bilder?«
Der Mann nickte. Er stellte sich als Raffael vor. Den Namen fand Katie sehr deutsch, sie konnte ihn kaum aussprechen. Er wirkte ein wenig heruntergekommen, nicht ganz so geschniegelt und gebügelt wie die meisten Deutschen, die sie herumlaufen sah. Seine Haare waren strähnig und etwas zu lang, sein Gesicht unrasiert und an der Augenbraue hatte er eine Schramme. Trotzdem fand sie ihn sympathisch. Seine Augen waren wach, wirkten jedoch ein wenig gehetzt.
»Auch. Ich zeichne, aber ich restauriere vor allem alte Gemälde. Sie haben nicht – wie alle Touristen – eines im Gepäck, das mal dringend gereinigt werden müsste?« Er hatte das als Scherz dahingesagt und Katie schüttelte lachend den Kopf.
»Ihr Deutsch ist großartig«, lobte er sie. Katie freute sich sehr darüber. Alle anderen machten den Eindruck, es sei selbstverständlich, dass sie Deutsch sprach.
Sie erzählte ihm, dass sie aus Minneapolis komme und Deutschland auf den Spuren ihres Großonkels Jakob bereise. Der Mann schickte sie sofort in den Zwinger, in die Gemäldegalerie Alte Meister. »Das müssen Sie sich ansehen, so was bekommen Sie sonst nirgendwo auf der Welt zu sehen«, versprach er ihr.
Nach dem kleinen Geplänkel machte er deutliche Anstalten, sich zu verabschieden und wieder in seinem Laden zu verschwinden, als Katie das Bild ihres Großonkels einfiel. Bisher hatte sie sich keine Gedanken darüber gemacht, was sie mit Onkel Jakobs Bild anstellen würde. Aber bei der Vorstellung, dass sie dieses Ungetüm ab sofort mitschleppen sollte, wurde ihr ganz anders. Wenn sie es bei dem Restaurator lassen könnte, wäre es für ein paar Tage sicher untergebracht und eine Reinigung hatte es absolut nötig. So würde sie ihrer Mutter zuhause als ganz besonderes Souvenir ein picobello Gemälde präsentieren können.
Als Gottlöber schon mit einer eleganten Handbewegung die Schlüssel von innen ins Schloss der Ladentür steckte, machte sie auf dem Absatz kehrt und rief: »Stopp, Raffael, du wirst es nicht glauben, aber ich habe ein Bild!«
»Was?« Gottlöber machte die Tür wieder auf und trat davor. »Was hast du?«
Katie sprudelte hervor: »Morgen gehe ich nach Meißen, Jugendherberge. Da kann ich das Bild nicht gut mitnehmen. Also, kannst du es reinigen und aufbewahren, bis ich bin wieder zurück?«
»Ja, also, klar, kann ich …« Gottlöber war zögerlich, aber Katie sah darüber hinweg.
»Warte, ich brauche zehn Minuten, dann komme ich mit Bild«, rief sie ihm zu, drehte eine Pirouette und sprintete aus dem Innenhof.
Sie rannte bis zum Albertplatz, von dort aus orientierte sie sich zum Hotel, wo sie schwer atmend ankam. Bevor es sich der Mann anders überlegte, musste sie ihm das Bild von Onkel Jakob in die Hand drücken, das war ihr klar. Die Gelegenheit war einfach zu günstig. Andernfalls müsste sie das große Ding mit nach Meißen schleppen und hätte neben ihrem Rucksack, der Gitarre und dem Beutel noch auf ein viertes unhandliches Gepäckstück zu achten. Sie packte das Bild und schaffte es tatsächlich, nach zwanzig Minuten wieder vor Raffael Gottlöbers Werkstatt zu stehen. Die Tür war verschlossen, und Katie ließ enttäuscht die Schultern sinken, aber auf ihr Klopfen hin erschien er im Laden und machte ihr auf.
Katie drängte sich an ihm vorbei und legte ihr Paket mit großer Geste auf den Tisch: »Das hat mein Großonkel Jakob gemalt, so um 1938. Ist es nicht fantastisch?« Sie öffnete das Packpapier und ließ Gottlöber schauen. Der zuckte sichtlich zurück und machte »Oh«.
Katie lächelte ihn an. »Es ist ganz besonders, nicht wahr?« Sie hatte jedenfalls noch nie zuvor so ein Bild gesehen und fand es wunderschön.
»Besonders … Das trifft es ganz gut.« Gottlöber nahm das Bild aus dem Papier und betrachtete es im Licht. »Man muss es reinigen und dann sehen, wo eventuell Schäden sind. Sagen wir: dreihundert Euro?«
Katie schluckte. Das war mehr als sie erwartet hatte. »So viel?«, fragte sie und machte dazu das Gesicht, das früher immer geholfen hatte, wenn sie etwas von Onkel Jakob oder ihrer Mutter gewollt hatte.
Auch Gottlöber konnte diesen flehentlichen Blick nicht lange aushalten. »Also gut, zweihundert Euro. Am Freitag kannst du es abholen. Einen Hunderter als Vorschuss!« Er streckte ihr fordernd die Hand hin, aber sie umarmte ihn begeistert. Sie war zufrieden mit sich.
Onkel Jakobs Kunstwerk würde jetzt von einem deutschen Restaurator zu vollem Glanz verholfen werden. Das hatte er sich wirklich verdient. Auf einem Quittungsblock mit Eselsohren füllte ihr Gottlöber ein Formular aus, in das er ihren Namen »Hoffstetter« und das Datum eintrug. Sie gab ihm einhundert Euro als Anzahlung und stopfte den Zettel in die Tasche ihrer Jeans. Erleichtert verließ sie den Laden und beschloss, seiner Empfehlung zu folgen und die Galerie Alte Meister zu besuchen.
Raffael Gottlöber war belustigt. Das Bild dieses amerikanischen Mädchens war so kitschig, dass er es kaum in Worte fassen konnte. Ein röhrender, großer Hirsch reckte seinen Kopf vor einem großen Felsmassiv der typischen Art, wie sie in der Sächsischen Schweiz zuhauf herumstanden. Daneben ein paar Fichten, oben drüber ein bewölkter Himmel. Gottlöber schüttelte sich. Dabei war die Kleine eigentlich ganz sympathisch gewesen, nicht umwerfend hübsch, aber nett und aufgeweckt. Sie hatte das typisch breite Lächeln amerikanischer Mädchen, trug zu enge Jeans für ihre eher pummelige Figur und ihr Haar in einem schmucklosen Pferdeschwanz zusammengefasst. Aber sie war lustig gewesen und sprunghaft wie Quecksilber. Wahrscheinlich hätte man sie auf jede Party mitbringen können und in Windeseile hätte sie im Mittelpunkt gestanden, amerikanische Popsongs geträllert und für Stimmung gesorgt. Vielleicht würde er sie fragen, ob sie mit ihm ausgehen wollte, sobald sie das Bild wieder abholte. Er würde nicht viel Zeit damit verschwenden. Es reichte, die Oberfläche mit etwas Alkohol zu reinigen, vielleicht müsste er auch den Firnis über der Ölfarbe entfernen und einen neuen aufziehen. Mehr als drei Stunden Arbeit würde er keinesfalls investieren. Er schlug das Bild wieder in das Packpapier ein und stellte es in seinen Materialschrank. Diesen Schinken sollte keiner sehen, der einen Blick in sein Geschäft warf.
Gottlöber drehte den Hundert-Euro-Schein in seiner Hand. Gestern Abend hatte er gewonnen. Versonnen ließ er seine Hand über den leeren Tisch in seinem Hinterzimmer streichen. Sein Computer fehlte ihm sehr und nur allzu gern hätte er einen neuen gekauft. Dafür brauchte er aber mehr Geld. Die einzige Chance, die er hatte, war zu spielen. Er nahm den Rest seines Geldes aus seinem neuen Versteck im Kühlschrank und begann, seine Hände geschmeidig zu kneten.
»Klinikum Pirna, Sie wenden sich an eine Frau Dr. Barthel. Das ist zwar eigentlich kein Fall für die Mordkommission, aber da wir momentan Luft haben, hat der Chef entschieden, dass unsere Abteilung sich drum kümmert. Sie sollen das übernehmen, Herr Reisinger.«
Leo hatte sich nach dem üppigen Frühstück gerade von seinen Kollegen getrennt, als ihn der Anruf von Frau Kerschensteiner, der Sekretärin seiner Abteilung, erreichte. Statt auf dem Elberadweg eine Tour Richtung Meißen zu unternehmen, radelte er also die wenigen Kilometer hinüber ins Polizeipräsidium in der Schießgasse. Dort ließ er sich die Unterlagen und den Autoschlüssel geben und machte sich auf den Weg nach Pirna.
In der weiten Eingangshalle des Klinikums war zum Sonntag wenig los. Vor ihm lieferte eine Mutter ihren übel mit dem Fahrrad gestürzten Sohn ein. Die Frau hinter dem Anmeldetresen nahm großen Anteil am Leid von Mutter und Kind, jedenfalls zog sie bei jedem Satz ihre mit dicken Balken nachgemalten Augenbrauen hoch. Hinter ihrer markanten schwarzen Brille wirkte das, als würde sie Morsezeichen senden. Als das Weinen des verletzten Jungen langsam im Flur zur Notaufnahme verebbte und sich die Dame hinter dem Schalter endlich ihm zuwandte, hatte sich Leo bereits an den Informationstafeln orientiert.
Dr. Viola Barthel war seit drei Jahren Internistin am Klinikum. Ihre Abteilung, das Internistische Zentrum, lag im ersten Stock des linken Flügels. Genau dahin schickte ihn auch die Dame vom Empfang. Zuvor hatten sich ihre Augenbrauen entspannt hinter das Brillengestell gesenkt. Er war kein Notfall.
Natürlich nahm Leo nicht den Lift, sondern tänzelte die Treppe hinauf. Auf der Station bat ihn eine Krankenschwester, einen Moment zu warten. Dr. Barthel stand die Müdigkeit der letzten Nacht noch ins Gesicht geschrieben, ihre Haut war blass und ihre Augen leicht gerötet. Trotzdem hatte Leo sie beängstigend hübsch gefunden, als sie nach fünf Minuten auf ihn zugekommen war und seinen Namen gesagt hatte. Dunkle lange Haare wie Schneewittchen, dazu ein Porzellan-Teint und blaue Augen. In einem Behandlungszimmer informierte sie ihn über den Todesfall der letzten Nacht.
»Die junge Frau wurde kurz nach Mitternacht eingeliefert. Die genauen Daten finden Sie in diesen Unterlagen. Der Notarzt hatte sofort einen Schock diagnostiziert und noch im Wagen mit der Behandlung begonnen. Als sie hier ankam, haben wir sehr schnell erkannt, dass sie innere Blutungen hatte, und deshalb eine Notoperation angesetzt. Zu dem Zeitpunkt war ihr Kreislauf aber schon sehr instabil. Wir haben alles in unserer Macht Stehende getan, aber sie hatte schon zu viel Blut verloren. Ein Milzriss ist eine lebensgefährliche Verletzung. Wenn das nicht sofort erkannt und behandelt wird, verblutet der Patient im Innern des Körpers. Sie ist mir praktisch unter den Händen weggestorben.« Dr. Barthel machte einen tiefen Seufzer. Leo fühlte mit ihr. Wenn man sich einen Beruf aussuchte, in dem es darum geht, Leben zu retten, musste es frustrierend sein, dieses Ziel zu verfehlen.
Dr. Barthel fing sich wieder. »Die Frau hatte keine Papiere dabei, nichts, was zu ihrer Identifizierung beitragen könnte. Da müssen Sie sich nun drum kümmern. Sie ist etwa fünfundzwanzig Jahre alt und war ansonsten kerngesund, da war nichts Auffälliges an ihr.«
Leo nickte. »Also keine Drogenkonsumentin oder möglicherweise Prostituierte?« Dr. Barthel schüttelte den Kopf. »Sie können das ja alles noch mal überprüfen, aber ich würde sagen: Nein. Sie machte einen ganz normalen Eindruck, hatte weder Drogen noch Alkohol im Blut und sieht auch nicht aus wie eine Frau, die sich prostituiert.« Sie sah ihn an. »Soweit man das von außen sehen kann, natürlich«, schränkte sie ein.
»Gut, dann werden wir sie sicherlich schnell identifizieren. Jemand wird sie vermissen und das melden. Ich kümmere mich drum. Wo hat der Notarzt sie aufgenommen?«
»Steht alles in den Unterlagen, damit habe ich mich nicht beschäftigt«, sagte Dr. Barthel matt.
Er nahm die Unterlagen der Ärztin an sich und blätterte sie durch, bis er die Angaben zum Notruf fand.
»Sie wurde am Bahnhof in Bad Schandau aufgenommen. Angerufen hat ein Reisender, der aufmerksam geworden war. Hmm. Was macht eine junge Frau mit so einer Verletzung am Bahnhof?« Er schaute auf und sah, wie Dr. Barthel versuchte, ein Gähnen zu unterdrücken.
»Gibt es einen typischen Verlauf, wie es zu so einem Milzriss kommt?«, fragte er.
Dr. Barthel nickte. »Aufgrund der Lage der Milz muss es ein harter Schlag in die linke Bauchseite sein, damit die Kapsel reißt, die sie umgibt. So was passiert zum Beispiel bei Radunfällen, wenn sich der Lenker in den Bauch bohrt, oder auch wenn jemand einen Faustschlag in den Oberbauch bekommt.«
Leo nickte. »Aber sie sah nicht so aus, als hätte sie sich vorher geprügelt, oder?«
»Nein, überhaupt nicht. Da sind keine Spuren wie Hämatome oder Ähnliches von anderen Schlägen. Sie können sie ja anschauen.«
Sie stand auf und führte ihn über ein paar Gänge und Treppen in einen Trakt, in dem sich keine Krankenzimmer befanden, dafür aber der Kühlraum für die Verstorbenen. Die junge Frau lag auf einem Tisch, abgedeckt mit einem Laken. Dr. Barthel hob es an. »Werden Sie eine Obduktion veranlassen?«, fragte sie.
»Das ist gesetzlich vorgeschrieben«, sagte Leo. »Aber ich vertraue Ihrem Urteil. Hatte sie etwas bei sich?« Leo fragte aus reiner Routine. Das sah nicht nach einem Verbrechen, eher nach einem Unfall aus. Auch er konnte keine Spuren eines Kampfes an ihrem Körper entdecken.
Die junge Frau so kalt und bloß, ohne jedes Leben, liegen zu sehen, brachte etwas in ihm in Bewegung. Sie war bei Weitem nicht die erste Leiche gewesen, die er je gesehen hatte. Zum ersten Mal war ihm der Tod begegnet, als sein Großvater bei einer nächtlichen Heimfahrt auf dem Fahrrad von einem Auto erfasst worden war. Leo hatte ihn damals gefunden. Sein Opa hatte übel zugerichtet im Straßengraben gelegen. Dagegen war diese junge Frau ein ästhetischer Anblick, wenn auch mit einem frischen Bauchschnitt. Damals war seine Welt aus den Fugen geraten, und in ihm war das Bedürfnis gewachsen, sie wieder ins Gleichgewicht zu bringen. So ging es ihm nun immer, wenn er mit Todesfällen konfrontiert wurde. Es musste einen Grund geben, warum die junge Frau ihr Leben hatte hergeben müssen, und er, Leo Reisinger, würde ihn herausfinden.
Dr. Barthel blätterte in den Unterlagen: »Wie ich sehe, hatte sie nur Kleidung bei sich, also eine Jacke, Hose, T-Shirt, Wäsche, das Übliche. Ich lasse Ihnen das gleich aushändigen.« Leo nickte und wandte sich zur Ärztin.
»Soll ich Sie nach Hause fahren? Sie sehen todmüde aus.« Dieses Schneewittchen, dachte er, muss ganz dringend schlafen.
Überrascht sah sie auf. Er hielt ihrem Blick stand. Da war nicht mehr nur Müdigkeit, da war noch etwas anderes. Schließlich wandte sie sich ab.
»Danke, aber das lohnt nicht. In drei Stunden beginnt mein nächster Dienst. Ich lege mich jetzt aufs Ohr und versuche, noch ein wenig Schlaf zu bekommen.« Sie verließen den Raum und gingen in Richtung Ausgang.
»Möglicherweise muss ich Ihnen im Zuge der Ermittlungen noch die eine oder andere Frage stellen«, sagte Leo und hielt ihr seine Karte hin. Dr. Barthel versenkte sie in der Tasche ihres weißen Kittels, ohne einen Blick drauf zu werfen – und überreichte ihm im Gegenzug eine Visitenkarte mit ihrer Dienst-Nummer in der Klinik.
»Kann ich Sie auch mobil erreichen?«
Sie musterte ihn – Leo sah, wie ihre Mundwinkel kurz nach oben zuckten – und schrieb ihre Handy-Nummer auf die Rückseite der Karte. Dann berührte sie ihn flüchtig, wie mit einem Schmetterlingsflügel, am Arm, winkte ihm zu und war schon um die nächste Ecke verschwunden.
Ihr Lächeln beim Abschied freute Leo. Er hoffte, dass er sie noch mal würde befragen müssen. Ihm würde schon ein wichtiger Grund einfallen.
Mit den Unterlagen unter dem Arm und einer Tüte mit den Kleidungsstücken der toten Unbekannten in der Hand federte Leo wieder die Treppe hinunter. Der Fall würde ihn nicht lange aufhalten. Er bat die Zentrale in Dresden, nach vermissten jungen Frauen zu recherchieren und die Daten, die er über die Tote bekommen hatte, abzugleichen. Die Mitteilung, dass eine junge Frau, deren Identität noch nicht geklärt war, in der Pirnaer Klinik an inneren Verletzungen verstorben war, ging eine Stunde später an die regionale Presse.
Um siebzehn Uhr sperrte Jenni die Tür zum »Alten Zeughaus« von innen ab und half Marta beim Aufräumen. »Puh, das war der stärkste Tag des Jahres bisher, wir haben fast hundert Essen rausgegeben und ordentlich Umsatz gemacht«, lobte sie. Marta saß auf einem Stuhl und ließ den Kopf hängen. Bei dem ganzen Stress hatte sie keine Minute Zeit gehabt, an Elena zu denken. Nach der kurzen Nacht mit ihrem Freund war sie nun todmüde und wollte nur noch ins Bett. Der Kühlschrank war leer, sie mussten noch die Bestellung für morgen aufgeben, damit frische Ware geliefert wurde. Das übernahm Jenni, während Marta die Küche putzte und die Fensterläden verriegelte. Als ihr Jenni die Hälfte des eingenommenen Trinkgeldes hinschob, kam wieder Leben in die pummelige Köchin. Von Jenni, die sie heute Morgen erst kennengelernt hatte, hatte sie das nicht erwartet. Aber nachdem diese den ganzen Tag über funktioniert hatte wie ein Roboter, klare Anweisungen gegeben und keinen Satz zu viel gesprochen hatte, lächelte sie Marta nun freundlich an. »Du hast toll gearbeitet, Marta!« Das war wie ein Lob von ihrer eigenen Mutter. Marta bedankte sich überschwänglich und sie sprachen kurz über Elena und ihr Verschwinden. Jenni tröstete sie: »Das wird sich schnell aufklären, wenn du zu Hause bist. Mach dir keine Sorgen! Für alles gibt es eine Erklärung. Ich hoffe, wir sehen uns mal wieder!« Kurz danach schwang sich Marta auf ihre Schwalbe und tuckerte die Schotterstraße vor Richtung Kirnitzschtal und dann nach Bad Schandau.
Als sie die Treppe hochstieg, traf sie auf dem letzten Treppenabsatz fast der Schlag. Die Wohnungstür war eingedrückt und stand einen Spalt offen.
Im Nu jagte Martas Puls in die Höhe. Was war hier los? Vorsichtig schob sie die Tür auf und schaute in den kleinen Flur. Alle vier Türen, die von hier aus in die Zimmer gingen, waren offen. Vorsichtig äugte sie in die Wohnung hinein. »Hallo, Elena? Bist du zu Hause?«, rief sie auf Tschechisch. Keine Antwort.
Sie machte zwei Schritte in den Flur und konnte nun in die beiden Schlafzimmer sehen. Beide Räume sahen aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Alles war aus den Schränken gerissen, die Schubladen geleert, das Bettzeug lag verstreut am Boden. Hier hatte ganz offensichtlich jemand etwas gesucht. Aber von Elena keine Spur. Hektisch kramte Marta nach ihrem Telefon und rief zum zweiten Mal an diesem Sonntag ihren Chef an. Aber sie erreichte nur die Mailbox. »Ich muss die Polizei rufen«, schoss es ihr durch den Kopf. Doch sie wusste nicht, wie. In ihrer Aufregung klopfte sie bei der Nachbarin, aber auch da gab es keine Reaktion. Im ersten Stock traf sie auf einen Mieter, der sich ihren aufgeregten, tschechisch-deutschen Bericht anhörte, mit ihr nach oben ging und danach sofort die Polizeidienststelle in Pirna alarmierte. Ihr Nachbar Lothar Eichler hielt Marta davon ab, zurück in die aufgebrochene Wohnung zu gehen und aufzuräumen. Er nötigte sie in seine Küche, stellte ihr einen Schnaps vor die Nase und redete beruhigend auf sie ein, bis endlich die Polizisten eintrafen.
Marta war zu diesem Zeitpunkt völlig aufgelöst. Deshalb dauerte es eine ganze Weile, bis klar war, dass es hier nicht nur einen Einbruch gegeben hatte, sondern dass auch die zweite Bewohnerin vermisst wurde. Marta gab zu Protokoll, dass sie am gestrigen Samstag noch mit Elena zusammen im »Zeughaus« gearbeitet hatte, dass diese heute Morgen aber nicht dort erschienen sei. Die Nacht von Samstag auf Sonntag habe sie in Sebnitz bei ihrem Freund verbracht. Martas Deutsch war holprig, weshalb die Beamten einige Zeit brauchten, um diese Informationen aus dem Kauderwelsch der geschockten jungen Frau herauszufiltern. »Wo Elena, wo?«, rief sie und »Alles kaputt!« beim verzweifelten Blick in ihr Zimmer. Da stand der aufgerissene Schrank, und all ihre Habe lag wie ausgespien auf dem Boden. Sie wollte hinein und aufräumen, schauen, was gestohlen worden war, aber die beiden Polizisten ließen sie noch nicht über die Türschwelle. Die Spurensicherung sollte sich den Tatort erst ansehen, ihn fotografieren und analysieren.
Inzwischen waren weitere Bewohner des Hauses auf den Trubel aufmerksam geworden und belagerten das Treppenhaus.
Erst nach über einer Stunde, in der Manni Tannhauser und sein Team der Spurensicherung ihre Arbeit erledigten und Abdrücke von den Türklinken, den herausgerissenen Schubladen und aufgebrochenen Gegenständen wie Martas kleinem Schatzkästchen mit ihren Ersparnissen nahmen, durfte sie ihre Sachen ordnen. Ihr Geld war weg, aber wenigstens ihre Papiere und das Kettchen mit dem goldenen Herzanhänger, ein Geschenk von Franjo, waren noch da. In Elenas Zimmer fehlte ebenfalls das gesparte Geld aus der Blechdose unter ihrem Bett. Wo Elena abgeblieben war, wusste Marta immer noch nicht. Ihre Sachen waren alle noch da, wenn auch wild verstreut in ihrem Zimmer. In der Küche herrschte das gleiche Chaos wie in den anderen Räumen, alle Schränke waren aufgerissen. Das Einzige, das Marta stutzig machte, war, dass eine Tube Alleskleber mitten auf dem Küchentisch lag. Aber das erwähnte sie den Polizisten gegenüber nicht.
Als sich die Beamten schon zum Gehen wandten, untersuchte Manni Tannhauser noch einmal das Schloss der Wohnungstür. Diese war nicht sehr massiv, sie war offenbar mit bloßer Körperkraft eingedrückt worden. Das Schloss hing noch halb in seiner Verankerung. Die Beamten hatten hier gleich zu Beginn Fingerabdrücke genommen. Manni Tannhauser, ein rundlicher Mittvierziger mit schütterem Haar, strich gedankenverloren über die billig furnierte Tür. »Wenn hier einer mit all seinem Gewicht gegen die Tür gerannt ist, müsste er eigentlich auch am Türblatt Spuren hinterlassen haben«, murmelte er mehr zu sich selbst als zu seinem Team. Er bückte sich, holte aus seinem Koffer die extra breite Klebefolie heraus und drückte sie flächendeckend gegen die Wohnungstür. Wenn beim Eindrücken Fasern an der Tür haften geblieben waren, würde er sie auf der Folie finden.
»Und ich?«, fragte Marta, die zitternd im Flur stand. »Was tun?« Polizeiwachtmeister Strohbach bat sie, zu Hause zu bleiben, jemanden anzurufen, der bei ihr bleiben könne, und ganz schnell dem Wohnungsbesitzer Bescheid zu geben, dass die Tür repariert werden müsse. »Der kleine Junge auf den vielen Fotos im Zimmer Ihrer Kollegin – ist das ihr Sohn?«
Marta nickte. »Ja, ist Marcin, Sohn von Elena. Lebt bei Großeltern in Tschechien.«
Strohbach lächelte ihr aufmunternd zu. »Bestimmt ist sie nach Hause gefahren. Für ihre Kinder tun Mütter die verrücktesten Dinge. Machen Sie sich keine Sorgen. Haben Sie die Familie von Frau Kupka schon angerufen?«
Marta schüttelte den Kopf. Sie wusste, dass Elena die Nummer in ihrem Adressbuch hatte, aber das musste sie in dem Chaos erst finden. Strohbach nickte ihr aufmunternd zu: »Rufen Sie an! Ich warte, ob Sie jemanden erreichen.« Marta nickte gehorsam. Sie stieg auf Zehenspitzen über Elenas verstreute Sachen, bis sie das Adressbuch fand. Ihr Handy war von den vielen Anrufversuchen während des Tages komplett ohne Strom. Sie zeigte es Strohbach. Der verstand und reichte ihr sein Telefon: »Versuchen Sie es damit!« Marta wählte mit zitternden Fingern, aber es ging niemand ran.
Strohbach hatte keine Zeit mehr zu warten. »Versuchen Sie es später noch mal, wenn Ihr Telefon wieder aufgeladen ist. Falls sie nicht zu Hause ist, rufen Sie uns an und geben Sie eine Vermisstenanzeige auf.«
Marta nickte, obwohl sie das Wort Vermisstenanzeige nicht verstanden hatte.
Martas Handynummer, die von ihrem Chef Hacker und die von der immer noch verschwundenen Elena Kupka nahm der Polizist mit. Sein Kollege hatte bei der Befragung der Nachbarn erfahren, dass es in der Nacht gegen zwei Uhr einen lauten Rumms gegeben habe, aber danach wieder alles ruhig gewesen sei. Der Nachbar, der unter der Wohnung der beiden Tschechinnen wohnte, hatte angenommen, dass etwas umgefallen sei. Stimmen seien nicht zu hören gewesen.
Die anderen Mieter hatten überhaupt nichts mitbekommen. Die Wohnung gegenüber gehörte einer jungen Frau, die noch bis nächste Woche im Urlaub war. Lothar Eichler hatte noch beobachtet, dass Elena am Samstagabend kurz vor sieben mit ihrem kleinen Auto weggefahren war. Er habe das gesehen, weil sein Küchenfenster direkt zum Parkplatz zeige. Und tatsächlich stand Elenas Wagen nicht da.
Eine Stunde, nachdem die Polizei gegangen war, erreichte Marta endlich Elenas Mutter. Marta wollte sie nicht beunruhigen und erzählte nichts von dem Einbruch, sondern fragte nur, ob Elena zuhause sei, weil sie heute nicht zur Arbeit erschienen sei. Elenas Mutter reagierte eher ärgerlich als besorgt: »Elena macht immer mal so Dummheiten, das sieht ihr wieder ähnlich. Wenn sie wieder auftaucht, sag ihr, dass eine Dummheit reicht und sie bald das Geld für Marcins Schulsachen schicken soll!«
»Geht es Marcin gut?«, fragte Marta ein wenig eingeschüchtert.
»Er ist ein verdammter Lausejunge! Wild und voller Dummheiten, wie Elena!« schimpfte es aus dem Telefon. »Gestern hat er sich mit Miroslav, dem Nachbarsjungen, geprügelt. Aber was rede ich? Richte Elena aus, sie soll mich anrufen, wenn sie zurück ist!« Elenas Mutter versprach, ihrerseits Bescheid zu geben, wenn Elena sich bei ihr melden sollte.
Marta schöpfte Hoffnung. Ihre Freundin würde morgen wieder da sein. Sie glaubte ganz fest daran. Aber eins musste sie noch tun: ihren Chef anrufen. Mit einem großen Seufzer kratzte sie ihren ganzen Mut zusammen und wählte seine Nummer. Stockend berichtete sie von dem Einbruch und dass Elena immer noch verschwunden sei, dass die Polizei da gewesen sei und dass sie morgen lieber Elena suchen würde als zu arbeiten. Hacker gab ihr frei und versprach, am Vormittag vorbeizuschauen.
Völlig erschöpft legte sich Marta danach auf ihr Bett und träumte düstere Träume von Elena.
Anastasia war wütend. Sie hatte einen Käufer und ein Zertifikat, aber keine Ware. Die Welt war so unzuverlässig! Man konnte wirklich niemandem mehr trauen.
Boris würde das nicht gutheißen. Bei dem Gedanken an ihn wurden ihre Gesichtszüge wieder weich. Sie kannte Boris gut. Er würde ihr keine Vorwürfe machen, nein. Er würde noch nicht mal laut werden. Das Schlimmste, das sie von Boris zu erwarten hatte, war dieses spöttelnde Mitleid in seiner Stimme und in seinen Augen. Sie hasste es. Viel lieber wäre ihr gewesen, wenn er sie angeschrien hätte. Sie wollte seine volle Aufmerksamkeit, nicht dieses lauwarme Verständnis.
In ihrem roséfarbenen Hausanzug und sehr eleganten, flachen Ballerinas umrundete sie ihren Schreibtisch. In jedem ihrer vier Zimmer hing ein Spiegel und der Blick in den neben ihrem Arbeitsplatz stimmte sie nicht fröhlicher. Nur zu Hause ließ sie sich so gehen, trug flache Schuhe, nur ganz wenig Make-up und bequeme Hosen. Falls Boris doch mal wieder bei ihr vorbeischauen würde, wollte sie gut aussehen. Heute würde er sicher nicht vorbeikommen, denn er war noch in New York bei einem reichen Sammler russischer Impressionisten. Boris würde herausbekommen, wonach diesem der Sinn stand, und sie, Anastasia, würde es besorgen.
Kritisch prüfte sie ihren Scheitel. Es wurde Zeit für den nächsten Friseurtermin. Ihre Haaransätze, die in Dunkelblond nachwuchsen, verrieten langsam, dass das kühle, helle Blond, das Boris so an ihr liebte, nicht ihre natürliche Haarfarbe war. Sie zwang sich, den Blick vom Spiegel abzuwenden und betrachtete die Fotos, die in eleganten, vergoldeten Rahmen um ihn herum hingen: Boris und sie in St. Petersburg, Boris, der sie in edler Designer-Robe zum Opernball in Wien führte, Boris und sie auf dem Empfang von Putin in Moskau, Boris und sie verliebt in dieser phänomenalen Jagdhütte in den Schweizer Alpen vor dem Kamin. Was waren sie doch für ein schönes Paar gewesen. Sie seufzte. Je älter sie wurde, desto aufwendiger wurde es, immer perfekt auszusehen. Andererseits war ihr für ein anerkennendes Nicken oder gar ein Kompliment von Boris keine Mühe zu groß.
Aber nun dieses Malheur! Sollte sie noch warten und hoffen, dass die Ware irgendwo auftauchte? Über eine gesicherte Verbindung schrieb sie ihren Kontaktmann Mikael in Moskau an und berichtete ihm, dass die Ware nicht angekommen sei. Mikael schrieb umgehend zurück: Habe eine Kopie vom Original. Willst du sie?
Anastasia lächelte. Das war typisch Mikael. Er hatte immer einen Hinterausgang. Das war die beste Lösung. Sie schrieb zurück, er solle die Kopie reservieren, sie würde jemanden schicken, sie abzuholen.
Es war nicht unbedingt nötig, Boris zu informieren. Sie würde das auch ohne ihn hinbekommen. Ein bisschen erschrak sie vor sich selbst, als sie das zu Ende dachte. Es wäre das erste Mal, dass sie ihm etwas verschwieg. Aber das war doch nur gerecht, oder etwa nicht? Wie konnte er hundertprozentige Loyalität erwarten, wenn er sie zu einer Randfigur in seinem Leben degradierte?
Grübelnd schaute sie auf die Lichter, die sich in der Elbe spiegelten. Dann zog sie die schweren Samtvorhänge zu und drehte dem Spiegel und den Fotos energisch den Rücken. Sie hatte zu tun.
Montag
»Samstagnacht wurde sie eingeliefert, sagen Sie? Name? Uhrzeit?« Die Dame an der Anmeldung der Klinik in Pirna-Sonnenstein war nervös. Ihre dick nachgezeichneten Augenbrauen flatterten hoch und runter wie Maikäferflügel. Jochen Marwitz starrte fasziniert auf ihre Stirn. Hinter ihm warteten noch acht andere Besucher.
»Keine Ahnung, wie der Name ist, aber Sie werden das schon rauskriegen. Jedenfalls gehört ihr das und ich lasse es hier bei Ihnen.«
Er stellte das große, in braunes Papier eingeschlagene Paket auf den Anmeldetresen und wandte sich zum Gehen.
»Aber ich kann das nicht annehmen, bringen Sie es doch bitte direkt der Frau, der es gehört«, protestierte sie. Ihre rechte Augenbraue erreichte den absoluten Höchststand, war das eine Stressreaktion? Jochen Marwitz riss seinen Blick los und sah ihr in die Augen.
»Nee, ich muss jetzt auf Arbeit.« Er schaute auf die Uhr und erschrak. »Bin spät dran. Tschüssi!« Mit wenigen Schritten war er durch die automatische Tür draußen. Aus den Augenwinkeln sah er, wie die Frau hinter dem Empfangstresen aufstand und das unförmige Paket hinter den Tresen packte. Er war froh, die Verantwortung dafür los zu sein.
Marta Bolkova wachte nach einer sehr unruhigen Nacht vom Klingeln ihres Telefons auf. Noch schlaftrunken, aber voller Hoffnung nahm sie das Gespräch an und fragte: »Elena?« Aber sie wurde enttäuscht. Elenas Mutter war dran. Sie mache sich nun doch langsam Sorgen, erklärte sie Marta. Sei Elena immer noch verschwunden? Marcin vermisse seit zwei Tagen die Anrufe seiner Mami.
Sofort fühlte Marta wieder die ganze Last, die auf ihren schmalen Schultern lag. Sie konnte nicht zu Hause bleiben und warten, was passierte. Sie musste aktiv werden.
»Ich suche Elena«, versprach sie. Kaum war sie angezogen, klingelte das Telefon erneut. Diesmal war es ihr Chef. Ob Elena wieder aufgetaucht sei? Als er aus dem holprigen Tschechisch-Deutsch heraushörte, dass es immer noch kein Lebenszeichen von ihr gab, bat er sie, bei Elenas Eltern anzurufen. Marta erzählte ihm, dass sie eben mit Elenas Mutter gesprochen hatte, die aber auch nicht wisse, wo ihre Tochter sei. Sie war nun wieder voller Angst, dass Elena etwas passiert sein könnte. Ihre Sorge griff langsam, aber sicher auch auf Peter Hacker über, der ankündigte vorbeizukommen und zwanzig Minuten später vor der Tür stand.
Marta hatte notdürftig aufgeräumt, was in der Zeit zu schaffen gewesen war, aber Elenas Zimmer war immer noch verwüstet. Peter Hacker inspizierte die eingedrückte Wohnungstür und rief sofort die Hausverwaltung an, um eine neue zu bestellen. Dann setzte er sich mit Marta an den Küchentisch und ließ sich genau erzählen, wann sie Elena zuletzt gesehen hatte. Das war anstrengend für Marta, die immer noch nach Worten suchen musste, aber sie konnte ihm klarmachen, dass sie Elena zuletzt am Samstagabend gesehen hatte, bevor sie von der Arbeit zu ihrem Freund nach Sebnitz gefahren war. Erst am Sonntagvormittag am »Zeughaus« hatte sie gemerkt, dass etwas nicht stimmte. Aber, so erinnerte sie sich, der Mann, der im Erdgeschoss wohnte, hatte Elena am Samstagabend noch mit dem Auto hier von ihrer Wohnung wegfahren sehen.
Hacker griff daraufhin zum Telefon und meldete Elena Kupka bei der Polizei als vermisst. Marta konnte ihm sogar das Kennzeichen von Elenas Auto nennen.
Ob Elenas Verschwinden mit dem Einbruch zu tun hatte? Marta konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wer bei ihr und Marta einbrechen würde, zumal es ja wirklich nicht viel zu stehlen gab. War Elena in Gefahr? Oder auf der Flucht? Oder entführt? Hatte sie vielleicht auf dem Weg nach Hause in Tschechien einen Autounfall gehabt? Sie versuchte, Hacker in ihre sorgenvollen Gedankenspiele einzubeziehen. Er tätschelte ihr zur Ermutigung die Hand und gab ihr auch den Dienstag frei, bevor er sich verabschiedete.
Marta hielt es nicht in der geschändeten Wohnung. Sie packte ein paar Sachen zusammen und klebte die Wohnungstür notdürftig mit Klebeband am Türrahmen fest, damit sie nicht sperrangelweit offenstand. Dann schwang sie sich auf ihr kleines Moped und fuhr nach Sebnitz zu ihrem Freund Franjo. Er hatte versprochen, ihr bei der Suche nach Elena zu helfen.
Sandra war die Erste im Besprechungsraum. Sie ließ sich kraftlos auf einen Stuhl sinken und sortierte ihr Frühstück sorgfältig in eine Reihe. Nach und nach trudelten die anderen Mitarbeiter der Abteilung ein, am sehnlichsten erwartet wurde wie immer Sascha Pröve, der für Hackepeter und Brötchen zuständig war. Mit einem zufriedenen Gesicht platzierte er die Plastikdose mitten auf dem Tisch und öffnete sie. Der Duft des frischen Hackepeters verbreitete sich sofort im Raum. Es roch verführerisch gut. Sandra schluckte. Ihre Speicheldrüsen hatten immer noch nicht kapiert, dass sie und Olli entschieden hatten, vegetarisch zu leben. Eigentlich aß sie ja gern Fleisch, aber Olli und ihrem ökologischem Gewissen zuliebe verzichtete sie.
Kai Nolde und Uwe Kröger kamen heftig diskutierend in den Raum. Ihr aktueller Fall, ein schwerer Raub in Dresden-Klotzsche, beschäftigte sie offenkundig sehr. Danach trafen Richter, der Chef, und Frau Kerschensteiner ein. Nur Leo fehlte noch.
Jeden Montagmorgen traf sich die komplette Abteilung, um sich auszutauschen. Richter hatte das vor Jahren als Besprechung eingeführt und der Termin hatte sich zu einem beliebten gemeinsamen Frühstück entwickelt. Leo hatte allerdings von Anfang an den Hackepeter verweigert. Er brachte sich stets eine Leberkäse-Semmel mit und da Sandra seit einem halben Jahr vegetarisch lebte, verzichtete auch sie. Auf ihren Teller hatte sie ein glänzendes Tofu-Würstchen drapiert.
Leo kam als Letzter angeschlendert und packte seelenruhig seine Semmel aus der Alufolie, während sich die anderen an Brötchen und Hackepeter bedienten.
Richter bat Uwe Kröger, einen Bericht über die laufenden Ermittlungen zu geben, und der legte los. Der Rest der Abteilung hörte kauend zu.
Als die Reihe an Leo war, räusperte er sich, legte die halb aufgegessene Semmel weg und berichtete kurz und knapp von der unbekannten Toten aus dem Klinikum in Pirna. Er sei zuversichtlich, dass ihre Identität in Kürze geklärt werde, meinte er trocken und biss wieder in sein Brötchen.
»Wusstest du, dass einhundert Gramm Leberkäse mindestens dreihundert Kalorien haben? Das Zeug macht dich fett!« Sandra musste ihn jetzt einfach provozieren. Leo schaute auf und betrachtete seine Leberkäse-Semmel und dann die Tofuwurst auf ihrem Brötchen.
»Tofuwurst hat fast genauso viele, weißt du das auch? Jedenfalls enthält dein Würstchen mehr Kalorien als ein Hackepeter-Brötchen!«
Sascha horchte auf. »Ach ja? Na, dann genehmige ich mir gleich noch eins.« Er angelte sich das nächste Brötchen aus dem Korb und langte nach der Hackepeter-Dose.
»Wir sollten eigentlich lieber Kühe statt Schweine essen. Allein letztes Jahr gab es achttausend Unfälle mit Rindern, und einige endeten sogar tödlich«, grummelte Leo mit Blick auf seine Leberkäse-Semmel. Diese bösartige Gundi wäre in einem Fleischklops am besten aufgehoben.
Reinhard Richter ignorierte die Konversation und kam zum nächsten Punkt.
»Wie Sie inzwischen alle wissen sollten, gibt es einen Fortbildungskurs für Operative Fallanalyse, also das, was der Laie üblicherweise Profiling nennt. Hat jemand von Ihnen Interesse? Die Anmeldefrist läuft noch bis Ende der Woche, aber ich möchte doch noch einmal darauf hinweisen, dass Sie das mit mir absprechen sollten. Der Kurs umfasst mehrere Termine, verteilt über dieses und das nächste Jahr.« Er schaute aufmerksam in die Runde.
»Das hatten wir zu DDR-Zeiten schon, das ist kalter Kaffee«, grummelte Uwe Kröger. »Das hieß damals Versionsbildung. Und nun verkaufen sie uns den alten Mist als die neue Wunderwaffe aus Amerika.«
Reinhard Richter nickte ihm zu. »Das ist schon richtig, aber die Methode wurde von deutschen Kriminalbeamten und Kriminologen fundiert weiterentwickelt.«
Sandra hob die Hand: »Ich würde mich dafür interessieren.«
Richter nickte.
»Noch jemand?«
Zu Sandras Erstaunen meldete sich auch Leo. »Ich hätte auch Interesse«, sagte er und sah gar nicht fröhlich dabei aus. Aber das war wohl nur ihr aufgefallen.
»Reisinger?« Richter sah ihn erstaunt an. »Dann werden Sie Ihren Dienst bei uns um mindestens ein Jahr verlängern müssen. Ich dachte, Sie möchten so schnell wie möglich zurück nach Bayern?«
Leo sah in die Runde: »Ich bleibe euch noch ein bisschen länger erhalten, wenn das okay ist.« Sascha holte sofort aus und klatschte ihm die Hand auf den Rücken. »Du wirst dir noch die Ehrenbürger-Medaille von Dresden verdienen!« Kai Nolde, Uwe Kröger, selbst Richter – alle nickten wohlgefällig. Doch Sandra fühlte mit Leo. Sie konnte sich nicht so recht über die Verlängerung seines Aufenthaltes freuen, hieß das doch, dass Leos Privatleben, seine Beziehung mit Veronika, wieder auf Eis gelegt war. Sie hatte nach seinem Anruf am Samstag angenommen, dass es sich nur um eine kleine Meinungsverschiedenheit handele, die schnell wieder aus der Welt zu schaffen sei. Aber sie fühlte sich nicht imstande, ihm etwas zu raten. Seit Olli ihr gestern Abend am Telefon eröffnet hatte, dass ihm in Abu Dhabi ein Jobangebot unterbreitet worden war, erschien ihr ihre eigene Zukunft ebenfalls wieder völlig offen.
Jochen Marwitz war ein eher schweigsamer Typ, aber zu dieser montäglichen Mittagspause hatte er seinen Kollegen eine ungewöhnliche Geschichte zu erzählen. Er schilderte detailgenau, wie er am Samstagabend kurz vor Mitternacht den Notruf gewählt und dann mit seiner Frau bei der Ohnmächtigen im Bahnhof von Bad Schandau ausgeharrt hatte. »Die waren so was von schnell da, da kann man echt beruhigt sein, dass das in Deutschland so gut klappt.« Sein Kollege Nehmke hatte natürlich, wie immer, auch eine Notruf-Geschichte auf Lager, aber die war schon zehn Jahre alt und insofern nur halb so interessant wie seine eigene.
Als die Pause schon fast vorbei war und die ersten ihre Brotdosen wegpackten, kam von der rechten Ecke des Tisches ein besorgtes »Oh nee!«
Sein Kollege stand auf und legte Jochen Marwitz die Zeitung vor die Nase: »Da, lies!«
»Unbekannte erliegt ihren Verletzungen«: Im Polizeibericht vom Wochenende erwähnte die Sächsische Zeitung eine junge Frau, die Samstagnacht in Bad Schandau aufgefunden und in die Pirnaer Klinik eingeliefert worden sei. Dort sei sie an ihren inneren Verletzungen verstorben, ohne noch einmal das Bewusstsein erlangt zu haben. Noch sei ihre Identität ungeklärt, die Polizei suche nach Angehörigen. Bei der Unbekannten handele es sich um eine junge Frau von etwa fünfundzwanzig Jahren.
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