Читать книгу: «Barfuß in Deutschland»
Über dieses Buch
Mutoni, eine junge, gebildete Frau aus Ruanda, beschließt nach dem Tod ihrer Mutter auszuwandern. Über eine ehemalige Mitschülerin erhält sie das Angebot, nach Hamburg zu ziehen und dort einen Mann zu heiraten. Voller Zuversicht und Hoffnung auf ein besseres Leben begibt sie sich auf den Weg nach Deutschland. Entgegen ihren Erwartungen findet sie sich jedoch schon bald in unterdrückenden, teils gewaltvollen Arbeitsverhältnissen wieder.
Die Erfahrungen, die sie als Schwarze Migrantin in Deutschland alltäglich macht, führen sie schließlich zu einer unerwarteten Entscheidung.
Über die Autorin
Divine Gashugi Umulisa, bekannt unter ihrem Pseudonym Tete Loeper, ist in Ruanda geboren. Sie überlebte den Völkermord an den Tutsi im Exil in Burundi und im Kongo.
In Ruanda arbeitete sie nach ihrem Journalismusstudium unter anderem in Forschungsprojekten mit gefährdeten Mädchen und jungen Frauen und leitete Workshops für kreatives Schreiben.
Seit 2016 lebt sie in Deutschland und ist als Autorin, Schauspielerin und Bildungsreferentin für interkulturellen Austausch und globales Lernen tätig.
Tete Loeper
Barfuß in Deutschland
Roman

Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Danksagung
Glossar
1
Meine Familie lebte in Kigali, der Hauptstadt Ruandas im Herzen Afrikas. Unser Haus befand sich hinter dem Nyamirambo-Markt, einem Viertel, das nach rohem Fisch roch, sobald die Sonne aufging.
Der Abendwind zerstreute die fettigen Gerüche von Chapati und Samosa, die auf Kohleöfen frittiert und an jeder Straßenecke verkauft wurden. Obwohl ich in diesem Teil von Nyamirambo aufgewachsen war, gab es eine Sache, die ich nie imstande war zu lernen: die Fliegen, die aus unserem Klo kamen, von denen zu unterscheiden, die auf dem Markt herumflogen (oder vielleicht gab es am Ende doch keinen Unterschied?).
Wie meine Altersgenossen träumte auch ich davon, den besten Job in Ruanda zu bekommen. Ich wollte die erste Person in meiner Familie sein, die ein Auto besitzt. Ich sprach davon, in eine Wohnung in Kiyovu zu ziehen, dem vornehmsten Viertel von Kigali, und natürlich die Liebe meines Lebens zu heiraten. Als sich mir die Realität in aller Härte offenbarte, wünschte ich mir, ich hätte gewusst, dass Träume zwar für alle umsonst sind, aber nur sehr wenige den Preis bezahlen können, den es kostet, ihre Träume in die Realität umzusetzen. Keiner meiner Kindheitsträume ging in Erfüllung, und es schien so, als müsste ich mein ganzes Leben darauf warten.
Die meisten meiner ehemaligen Mitschülerinnen haben geheiratet, feste Jobs bekommen oder sind ins Ausland gezogen. Ich saß an demselben Ort fest, nur mit meinem Bachelor-Abschluss und ohne Hoffnung für die Zukunft »Ese uzaduha inzoga ryari? Wann wirst du uns Getränke anbieten?«, haben mich alle gefragt. Das ist eine indirekte Art zu fragen: »Wann wirst du heiraten?« Eine typische Frage, die Ruander einer 23-Jährigen stellen, die keinen Verlobten vorweist oder über Heiratspläne spricht.
Gesellschaftlicher Druck etablierte die Ehe zu einer Errungenschaft für Mädchen und diente als Flucht vor finanziellen Verpflichtungen. Ich hatte vor einem Jahr meinen Universitätsabschluss gemacht und war immer noch damit beschäftigt, meinen Lebenslauf überall hinzuschicken, in der Hoffnung, dass ich eines Tages wenigstens die ersehnte Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bekommen würde. Aber nach dem Tod meiner Mutter nahm das Leben eine andere Richtung.
Was meinen Vater betraf, so hatte ich, abgesehen von dem Wissen, dass er der Mann war, der sein Vermögen nutzte, um seinen Weg zwischen die Schenkel wehrloser Mädchen zu finden, keine Erinnerung an ihn. Ich lebte so, als hätte er nie existiert. Mein Vater, John Musonera, hatte Mama getroffen, als sie erst 18 war, auf dem Weg zum APACE-Schulzentrum, wo sie das Gymnasium besuchte. Er hielt mit seinem RAV 4 zu dicht vor ihr an, als wollte er ihr über die Füße fahren.
»Willst du mitfahren?«, fragte er und musterte ihre Silhouette.
»Nein danke, meine Schule ist dort«, sie zeigte auf ein Gebäude ein paar Meter entfernt.
»Komm schon, ich kann dich trotzdem hinfahren. Es ist ja nicht so, als ob meine Autositze Dornen hätten, die deinen schönen Körper verletzen könnten«, sagte er lächelnd.
Widerstrebend nahm sie sein Angebot an. Sie kletterte hastig in sein Auto und starrte aus dem Fenster.
»Also, wie ist dein Name? Meiner ist John, aber du kannst mich Jo nennen.« Er fasste sie ans Kinn und drehte ihr Gesicht ihm zu.
»Bitte fahren Sie, sonst steige ich aus und gehe zu Fuß. Ich darf nicht zu spät kommen«, sagte sie und schob seine Hand aus ihrem Gesicht.
»Okay, aber nur, wenn du mir deinen Namen sagst.«
»Nirere Speciose. Ich mag es lieber Nirere genannt zu werden. Könnten Sie jetzt bitte fahren oder die Tür öffnen und mich zu Fuß gehen lassen?«
Er fuhr sehr langsam, während er den Jingle mitsang, der im Radio lief.
»Imodoka zubu zaranyobeye ugenda mu muhanda ikaguhitana, wayihungira kure, ikagusanga yo. Die Autos sind heute verrückt geworden, du läufst auf der Straße und sie verfolgen dich. Auch wenn du weitergehst, verfolgen sie dich.«
Er parkte hinter dem Schulgebäude und zog sein Portemonnaie aus der Tasche, bevor er die Tür öffnete, damit sie aussteigen konnte.
»Das ist für dich«, sagte er und überreichte ihr 5000 ruandische Francs. »Vielleicht kannst du damit ein Taxi oder ein Motorrad nach Hause nehmen. Ich hasse es, ein hübsches Mädchen wie dich auf diesen dreckigen staubigen Straßen laufen zu sehen. Du solltest in eine bessere Gegend wie Kacyiru oder Kiyovu ziehen.«
»Danke, Sir … John, Jo, meine ich«, stotterte sie. »Ich danke Ihnen sehr. Sie haben keine Ahnung, wie sehr ich das Geld gebrauchen kann. Möge Gott Sie segnen.«
»Hör mal, wir können später reden und sehen, wie ich mich um dich kümmern kann. Natürlich muss man sich um dich kümmern«, sagte Jo, dem ihre Euphorie nicht entging. Er streichelte ihren Oberschenkel.
»Ich wusste nicht, dass es noch gütige Menschen gibt. Vielen Dank, John«, antwortete sie.
»Bitte, nenn mich Jo.« Er zog ein Stück Papier heraus, kritzelte etwas darauf und reichte es ihr. »Das ist meine Nummer, ruf mich an, wenn du besprechen willst, wie ich dich unterstützen kann. Okay?«
»Ich werde Sie heute nach der Schule anrufen. Versprochen.«
Er öffnete ihr die Tür, damit sie aussteigen konnte, und sagte: »Ach, weißt du was, hier in der Nähe gibt es eine Kneipe, die machen sehr gutes Hähnchen und Fisch, da können wir später essen.«
Hähnchen? Fisch? Das war Essen, von dem Mama noch nicht einmal wagte zu träumen, da sie es sich nicht leisten konnte. Diese Speisen waren Kindern vorbehalten, die reiche Eltern hatten. Sie schob die 5000 Francs in ihren blauen Uniformrock und steckte ihr weißes Hemd in die Hose, so wie die Schulleitung es vorschrieb, dass die Schüler sich anziehen sollten. Dann betrat sie das Schulgebäude.
Sobald Mama an diesem Tag den Unterricht verließ, rannte sie zum öffentlichen Telefon tuvugane und gab John Bescheid, dass sie frei sei. Er war beim Zoll und klärte Probleme mit Waren, die er aus China importiert hatte. Er sagte ihr, sie solle nach Hause gehen und wies sie an, ihn am Abend in der Green Corner Bar zu treffen.
Singend verbrachte Mama den Nachmittag, während sie ihre Schuhe putzte und ihre beste Bluse mit einem Holzkohlebügeleisen glättete, das sie sich, zum ersten Mal, von Mama Amina geliehen hatte.
An diesem Abend im Green Corner erzählte Mama John, dass sie allein lebte und dank der muslimischen Gemeinde von Nyamirambo zur Schule gehen konnte und zweimal am Tag eine Mahlzeit erhielt. John hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Er nickte nur gelegentlich, während er an seinem Primus-Bier nippte, das Spuren von Schaum an seinem Schnurrbart hinterließ. Mama erzählte ihm, wie sie während des Völkermords an den Tutsi im Jahr 1994 ihre ganze Familie verloren und als einzige ihrer acht Geschwister überlebt hatte. John rieb sich die Hände, starrte zur Seite und wandte sich wieder ihr zu, um ihr direkt in die Augen zu schauen, die inzwischen mit Tränen gefüllt waren.
»Nicht weinen. Du hast mich jetzt gefunden, okay.« Er nahm sanft ihre Hände in die seinen. »Also, hier ist ein Vorschlag«, fuhr er fort, »ruf mich an, wann immer du dich einsam fühlst, und ich komme und leiste dir Gesellschaft. Wann immer du hungrig bist, wann immer du irgendein Problem hast, vor allem finanzieller Art, werde ich dir helfen.«
Mama starrte auf seinen Ehering, unsicher, ob sie fragen sollte, ob er von Freundschaft, väterlicher Fürsorge oder einfach nur von der Unterstützung eines armen Mädchens sprach. Stattdessen sagte sie: »Vielen Dank.«
»Jetzt komm näher«, sagte John und zog sie zu sich heran. Er ließ eine Hand zu ihren Brüsten gleiten, während die andere ihre Schultern fest umfasste.
»Was machen Sie da?« Sie schob ihn weg und setzte sich wieder dorthin, wo sie vorher gesessen hatte.
»Schau mal, ich kann mich um alle deine Bedürfnisse kümmern. Jedes Bedürfnis. Aber du wirst dich auch um meine kümmern müssen«, zwinkerte er.
»Aber Sie sind doch verheiratet, oder?« Sie sah ihm in die Augen.
»Na und?«, fragte er sie spöttisch und zog die Augenbrauen hoch.
»Werden Sie es Ihrer Frau erzählen?«
»Oh Schätzchen, kein Wunder, dass du trotz deiner Schönheit arm bleibst.« Er rückte näher an sie heran, so nah, dass der Geruch von Primus aus seinem Mund sie würgen ließ, und sie befürchtete, betrunken zu werden, obwohl sie nur zwei Flaschen Sprite getrunken hatte. »Lass meine Frau aus unserer Vereinbarung heraus. Das bleibt nur zwischen uns, okay? Glaubst du, dass alle deine Mitschülerinnen, die schöne Schuhe tragen, Taschen haben, um die du sie beneidest, oder auf Motorrädern zur Schule kommen, reiche Eltern haben? Nein, einige von ihnen haben das Glück, einen Mann wie mich zu finden. Hör zu, das ist ein Angebot, keine Verpflichtung. Es steht dir also frei, zwischen deinem jetzigen Leben und dem, das du gerne hättest, zu wählen.« Er lehnte sich zurück und ließ sie über sein Angebot nachdenken.
In den folgenden Monaten trafen sie sich ein paar Mal in Hotels und Pensionen. Er bezahlte ihre Miete und kaufte ihr alles, was sie in ihrem Alter brauchte und wollte. Schicke Second-Hand-Kleidung, eine Uhr und ihr erstes Nokia-Handy, das die Nachbarn »Mobayilo« nannten, wenn sie es sich borgten, um ihre Verwandten anzurufen. Wie viele andere verheirateten Männer beklagte sich auch John über die körperlichen Veränderungen seiner Frau und darüber, dass sie ihm nach der Geburt der Kinder nicht mehr genug Aufmerksamkeit schenkte. Er war auf der Suche nach Abenteuer – etwas, das er seiner Meinung nach zu Hause nicht fand. Er begann, Nirere an den Wochenenden zum Kivu-See mitzunehmen, und führte sie in Nachtclubs ein, wo sie gelegentlich Alkohol trank.
Ein paar Monate später, als beide das Leben entsprechend ihrer gegenseitigen Vereinbarung genossen, erzählte Nirere John, dass sie schwanger sei. Sie lagen nebeneinander im »Muhabura Hotel«, schweißbedeckt von der Aktivität, die sie gerade beendet hatten.
»Was? Wie konntest du nur so dumm sein? Du weißt, dass ich eine Frau und zwei Kinder habe. Ich brauche nicht noch mehr«, antwortete er, während er aus dem Bett sprang, als ob ihn ein wildes Tier angreifen wollte.
»Aber ich habe das nicht gewusst. Du hättest mich warnen müssen«, begann sie zu weinen, während John sich beeilte, seine Hose anzuziehen.
»Wer wusste es denn? Oder was ist es, was du nicht wusstest?«
»Ich wusste nicht, dass ich schwanger werden würde, wenn du dich weigerst, Kondome zu benutzen.«
»Blödsinn.« Er knöpfte den letzten Knopf seines Hemdes zu und trat näher an das Bett. »Habe ich dich jemals gezwungen?« Sie schüttelte den Kopf. »Warst du nicht glücklich, mein Geld anzunehmen und es für alles auszugeben, was dir in den Sinn kam?« Sie nickte. »Warum hast du dann nicht auch die Pille oder etwas anderes gekauft, das dich vor einer Schwangerschaft geschützt hätte?«
Sie weinte.
Er zog seine Schuhe an.
Sie putzte sich die Nase und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
»Kommst du aus dem Bett, oder willst du, dass ich dir auch noch dieses Hotelzimmer kaufe?«, spottete John.
Sie setzte sich aufrecht hin. »Und was machen wir jetzt?«
Er drehte sich zu ihr um. »Wir? Wer sind wir? Bin ich schwanger? Klär das so schnell wie möglich. Es gibt einige Ärzte in Privatkliniken, die sich darauf spezialisiert haben. Also forsche nach und lass mich wissen, wie viel du brauchst.«
»Meinst du Abtreibung?«
»Mm«, antwortete er.
»Nein, das kann ich nicht. Was ist, wenn ich dabei sterbe? Ich hatte eine Mitschülerin, die letztes Jahr gestorben ist. Glaub mir, es ist sehr riskant.«
»Dann liegt es bei dir zu entscheiden. Eine Schwangerschaft war nicht Teil unserer Abmachung. Immerhin ist es dein Körper, also mach, was du willst, aber wie gesagt, ich brauche kein Baby«, er stellte sich neben die Tür. »Ich werde im Auto auf dich warten. Beeil dich, ich bringe dich nach Hause. Ich habe immerhin ein Geschäft zu führen.«
Nirere sah John nie wieder, und wann immer sie seine Nummer anrief, nahm er nicht ab. Ihr Bauch wuchs, und sie wurde aus der Schule geworfen und musste mit allem allein fertigwerden. Die Frauen aus der muslimischen Gemeinde unterstützten sie während der Geburt und waren auch für sie da, nachdem ich geboren war. John schickte ihr einen Umschlag voller Geld mit einem handgeschriebenen Zettel, auf dem stand, dass er nichts mit dem Kind zu tun haben wolle. Danach hörte sie nie wieder etwas von ihm. Die Nachbarn rieten ihr, ihn vor Gericht zu bringen und den Zettel, den er geschrieben hatte, als Beweis zu nutzen. Aber wer war er? Sie würde ihn vor Gericht bringen, und was dann? Wie konnte sie sicher sein, dass John Musonera sein richtiger Name war, da Leute, die sie gemeinsam getroffen hatten, ihn mit einem anderen Namen angesprochen hatten? Sie nahm sein Geld, um einen kleinen Kiosk zu eröffnen, den sie später zu einem Restaurant ausbaute.
Tränen liefen aus Mamas Augen, als sie mir von meinem Vater erzählte. Es war der Tag nach meinem fünfzehnten Geburtstag. Der Regen trommelte heftig auf das Dach, während wir zusammen in der Küche saßen und Kartoffeln schälten.
»Ich werde für dich kämpfen, auch wenn es bedeutet, mein Leben zu verlieren. Du wirst zur Schule gehen und studieren und du wirst es weit bringen. Das verspreche ich dir. Dein Leben wird nie so sein wie meines«, sagte sie weinend, während sie mich fest in ihre Arme schloss.
»Danke, Mama.« Ich löste mich aus ihrer Umarmung und fuhr mit dem Kartoffelschälen fort.
»Bis zu meinem letzten Atemzug. Das verspreche ich dir«, sie glitt mit ihrem Zeigefinger um ihren Hals und schwor: »Ich werde dir die beste Ausbildung bieten. Den Schlüssel zum Erfolg.«
2
In der Gesellschaft, in der ich lebte, galt Depression als eine eingebildete westliche Krankheit, deshalb erhielt ich keine professionelle Hilfe, um den Verlust meiner Mutter zu verarbeiten.
Pole und wihangane waren die Worte, die ich von Nachbarn und Freunden hörte. Wann immer meine Schwester Tendeza das Haus verließ, wusste ich nicht, wann sie zurückkommen oder ob ich sie lebend wiedersehen würde. Nachbarn tratschten, sie hätten sie mit Männern bei Kosmos in der Nähe des Stadions gesehen, einer Gegend, die für Geschlechtskrankheiten berüchtigt war. Ja, ich wollte meiner Schwester helfen. Aber ich wusste nicht, wie. Unser Haus hatte die Bedeutung eines Zuhauses verloren und wurde einfach zu dem Gebäude, in dem wir uns zum Schlafen oder Streiten trafen. Die Armut hielt Einzug in unsere Familie und selbst zweimal am Tag zu essen, war zu einem Privileg geworden.
Im Gegensatz zu mir sah Tendeza genau wie Mama aus: große runde Augen, die immer einen sanften Ausdruck hatten, auch wenn sie voller Wut war, und eine schmale Nase, die sie vor dem Drama bewahrte, gefragt zu werden, ob sie Hutu oder Tutsi sei. Sie war groß gewachsen, weshalb die Leute annahmen, dass sie älter sei als ich. Das Einzige, was ich von meiner Mutter geerbt hatte, waren ihr Lächeln und ihre Naivität, die dazu führte, dass ich den Menschen leicht vertraute.
Abdul, Tendezas Vater, fuhr den Bus, auf dem der Hip-Hop-Künstler 50 Cent abgebildet war. Vor vielen Jahren versuchte jeder, der in Kigali cool war, mit diesem Bus zu fahren, bevor es üblich wurde, Prominente auf den Bussen im Stadtzentrum von Nyamirambo abzubilden. Abdul starb bei einem Autounfall, als Tendeza fünf Jahre alt war. Er hatte nie bei uns gewohnt, weil er damals noch nicht bereit war, eine Familie zu gründen, aber manchmal besuchte er uns.
Fünf Monate nach Mamas Tod postete ich auf meiner Facebook-Seite: »Ich will von dieser Welt verschwinden.« Dieser Post brachte mir viele mitfühlende Kommentare ein. Unter den Leuten, die meinen Beitrag kommentierten, war auch Sonia Mukamana, eine ehemalige Mitschülerin und Nachbarin, die nach Dubai gezogen war, als wir das Gymnasium beendet hatten. Ein paar Jahre waren vergangen, ohne dass ich etwas von Sonia gehört hatte, und dann tauchte sie plötzlich auf Facebook auf. Auf ihrem Facebook-Account stand, dass sie in Hamburg, Deutschland, lebte. Ich begann, mit Sonia von Zeit zu Zeit auf Facebook zu chatten, und mochte ihre Fotos, die von einem Leben zeugten, das für mich wie das bestmögliche aussah. Um ehrlich zu sein, beneidete ich sie. Sie posierte immer mit schicken Autos, in Restaurants und vor großen Gebäuden. Sonia, die früher so dunkel wie eine Asphaltstraße gewesen war, hatte sich in eine muzungu verwandelt. Sie trug Perücken mit langen, geglätteten Haaren und helles Make-up auf ihrer gebleichten Haut.
Sonia hat meinen Beitrag kommentiert mit: »Yoo pole, meine liebe Toni. Lass mich wissen, ob ich helfen kann.«
Ich hatte ihr sofort geantwortet: »Sha uzampe passe y’umuzungu.« Damit kam ich direkt zur Sache: Ich bat sie, einen weißen Mann für mich zu finden. Ich wollte einen reichen, charmanten Prinzen, der mich von meiner Verantwortung befreien würde.
Als Sonia mir erneut schrieb, fragte sie mich nach den Eigenschaften des Mannes, der mir gefallen würde. Anstatt Zeit damit zu verschwenden, einen dieser idealen Männer zu erfinden, die nur in den Köpfen junger Frauen existieren, erklärte ich ihr, dass ich jeden akzeptieren würde. Selbst wenn sie einen Mann finden würde, der so alt sei wie mein Vater, wäre das kein Problem. Alter ist schließlich nur eine Zahl. Oder?
Gerüchte hatten sich in Nyamirambo verbreitet, einige sagten, dass Sonia für ihren Lebensunterhalt Leichen wusch. Andere sagten, dass sie eine Prostituierte war. Es war unmöglich herauszufinden, was man glauben sollte; unsere Nachbarinnen waren Klatschtanten, die von Montag bis Sonntag redeten. Sonia hatte mir erzählt, dass sie in Dubai als Hotelrezeptionistin gearbeitet hatte, später aber nach Deutschland gegangen war. Wie sie dort gelandet war und was sie dort machte, blieb ein Rätsel, denn soweit mir bekannt war, wussten das nicht einmal ihre Eltern. Oder vielleicht haben sie nie gefragt.
Sonia schickte ihrer Familie Geld, unterstützte ihre Eltern beim Bau eines Hauses in Kicukiro und eröffnete für ihre Mutter ein Geschäft mit Hochzeitsdekorationen. Sonias Vater prahlte damit, dass seine Tochter in Europa reich geworden war. Aber wer will schon Einzelheiten von Leuten wissen, die in Europa leben? Die sind doch sowieso alle beschäftigt. Von ihrer Mutter wusste ich, dass sie viel arbeitete, und ich nahm an, dass sie keine Zeit haben würde, sich um meine Bitte zu kümmern.
3
Tendeza kam und setzte sich neben mich, während ich meine Schuhe mit einer alten Zahnbürste putzte. »Weißt du was, Toni«, sagte sie. Mein Name ist Mutoni, aber die Leute nannten mich Toni und ich mochte den Spitznamen.
»Was?« Ich drehte mich um und sah sie an.
»Ich gehe nach Dubai«, sagte sie mit strahlendem Lächeln.
Die meisten Mädchen unserer Generation strebten nach Dubai, während die Jungen nach Darfur oder Mosambik gingen. Ich habe Geschichten von Jungen gehört, die nach Mosambik gegangen und erfolgreiche Händler geworden waren. Einige kehrten nach Hause zurück, um zu heiraten, ihre Frauen nahmen sie dann mit. Jungen, die nach Darfur gingen, kamen mit genug Geld zurück, um Häuser zu bauen und ihre eigenen Geschäfte zu eröffnen. Niemand sprach über die, die im Ausland ihr Leben verloren. Nun wollte auch meine kleine Schwester aufbrechen, um ihr Glück zu suchen.
»Und wie kommst du nach Dubai?«, fragte ich Tendeza.
»Du solltest erst einmal so etwas wie ›herzlichen Glückwunsch‹ oder ›ich bin stolz auf dich‹ sagen.«
»Ach, na ja, ich weiß nicht, ob du einen Fehler machst.«
Tendeza wurde schnell wütend. »Wirst du jemals aufhören, mich zu kritisieren? Ich kann weder wie du sein, Mutoni, noch werde ich mich jemals so benehmen, wie du es von mir erwartest. Also hör auf, so zu tun, als wärst du meine Mutter.«
»Ist ja gut. Du brauchst nicht zu schreien. Also, wie willst du nach Dubai kommen?«
»Haruna nimmt mich mit. Er hat mir dort einen Job als Hotelrezeptionistin besorgt.«
Haruna war der einzige Mann, den ich unter den Kunden nicht mochte, die das Restaurant besuchten, wo ich an den Wochenenden und in Sonderschichten arbeitete. Das kleine Restaurant, eigentlich eher ein Kiosk, wurde in Nyamirambo als Restaurant angesehen. Wir verkauften Samosas, Chapati und Erfrischungsgetränke, wie auf dem Schild an der Tür zu lesen war: Amata na Fanta bikonje.
Haruna trug eine schwere Silberkette, die auf seinem Bauch ruhte, der so groß war wie eine überreife Schwangerschaft. Eines Abends, als er sein Essen bezahlte, lehnte er sich so dicht zu mir, dass ich das Tajiri riechen konnte, mit dem er seine Haut eingeölt hatte. »Du bist zu schön, um hier zu arbeiten«, raunte er.
»Danke, aber Schönheit hat nichts mit Essen zu tun«, antwortete ich mit einem Schulterzucken.
»Hör mal, ich kann für dich überall in diesem Land einen Job finden«, flüsterte er mir ins Ohr. Ich fühlte mich sofort unwohl.
»Wirklich?« Ich verspottete ihn, aber er verstand es als ernst gemeinte Frage.
»Ich habe Beziehungen, weißt du. Lass uns darüber sprechen, nachdem du das Restaurant zugemacht hast. Ich kann irgendwo auf dich warten«, sagte er.
»In Ordnung, geben Sie mir Ihre Nummer und ich rufe Sie an, wenn ich schließe.«
Ich dachte, er könnte mir vielleicht einen Job in der Gemeindebank besorgen. Es schien zu stimmen, dass er viele Leute kannte. Später rief ich ihn an, und wir trafen uns in der Amani Lodge. Er begann damit, mir den Rücken zu reiben und bestand darauf, dass wir unser Gespräch in seinem Zimmer weiterführen sollten, da es sehr vertraulich sei. Seine Hände wanderten nach unten und fassten an meinen Po. Ich schlug sie weg und verstand nun, was er von mir wollte. Ich nahm ein Motorradtaxi und fuhr weinend nach Hause. In dieser Nacht hasste ich mich dafür, dass ich so naiv war. Bevor ich mich mit ihm traf, hätte ich skeptisch sein sollen, welche Art von Verbindungen er hatte, denn er hatte nicht einmal selbst einen Job. Tendeza erzählte ich aber nichts davon.
Ich konnte nicht zulassen, dass meine Schwester in Harunas Falle tappte. Ich machte mir Sorgen, was bereits passiert sein könnte, als wir über Tendezas bevorstehendes Dubai-Abenteuer sprachen. Und was würde erst mit ihr geschehen, wenn er sie dorthin brachte?
»Haruna ist ein Monster. Er wird dein Leben ruinieren«, sagte ich.
»Mehr als es jetzt schon ruiniert ist?«, antwortete Tendeza spöttisch. »Sieh uns an, was haben wir denn?«
»Du bist noch jung, Tendeza. Du könntest sogar wieder studieren.«
»Studieren, studieren … und was dann? So werden wie du?«
»Es tut mir leid.« Ich zog sie in meine Arme, während mir Tränen über die Wangen liefen.
»Es ist nur so, wenn ich daran denke, wie sehr sich Mutter bemüht hat, damit wir studieren können … Es würde sie stolz machen, wenn du zurück an die Uni gehen würdest. Und vielleicht könnte ich sogar ein Stipendium für dich erlangen, damit du später im Ausland weiterstudieren kannst«, sagte ich.
»Und du meinst wirklich, dass es meine Aufgabe ist, Tote stolz zu machen? Weißt du, was das Problem hier ist?« Sie löste sich aus meinen Armen. »Alle wollen eine höhere Bildung, aber sie finden nichts, wo sie sich dann bewerben können, und während sie das versuchen, verpassen sie andere Möglichkeiten.«
»Na ja, wenigstens bin ich gebildet«, wandte ich ein.
»Ja, du hast eine akademische Ausbildung, aber dir fehlt es trotzdem an Köpfchen«, sagte sie.
»Tendeza, du suchst nur nach Ausreden für deine Ignoranz.«
»Du nennst mich also ignorant? Na dann, bitte.«
Tendeza widmete sich ihrem Telefon und begann zu scrollen.
Eine bedrückende Stille entstand zwischen uns.
Ich erhob mich, um meine Schuhe ans Fenster zu stellen, wo sie über Nacht trocknen sollten, und fragte Tendeza bemüht beiläufig: »Und wann hast du vor abzureisen?«
»Morgen Abend. Ich habe schon alles vorbereitet.«
»Was?«, rief ich fassungslos.
Bevor ich mich kontrollieren konnte, hatte ich schon ausgeholt und meiner Schwester eine Ohrfeige verpasst. »Bist du krank? Wann wolltest du mir davon erzählen?«
»Ich hasse dich! Wenn es das ist, was du eine fürsorgliche Schwester nennst, dann will ich dich nie in meinem Leben wiedersehen!«, schrie sie.
Ich stand hilflos vor ihr und weinte. »Es tut mir leid, ich will wirklich …«
»Spar dir deine Ausreden für dein armseliges Leben.« Sie wies mich ab, als ich versuchte, nach ihrer Hand zu fassen. »Lass mich in Ruhe.« Ohne ein weiteres Wort ging sie zu Bett.
In dieser Nacht schlief ich im Wohnzimmer auf dem Sofa. Am nächsten Tag wachte ich sehr früh auf und lief zu einem Laden in der Nachbarschaft, um Donuts und Eier zu kaufen. Ich kochte Haferbrei, briet Spiegeleier und deckte den Frühstückstisch. Ich wollte wenigstens eine letzte Mahlzeit mit meiner Schwester teilen, bevor sie abreiste. Ich hatte mir einen Satz zurechtgelegt, mit dem ich mich für den Vorfall von letzter Nacht entschuldigen wollte: »Meine liebste Schwester, ich verstehe, dass jede von uns ihr eigenes Leben leben muss. Ich hoffe, du findest dein Glück in dem, wofür auch immer du dich entscheidest. Zähl auf mich, wenn du jemals Hilfe brauchst.«
Ich wartete und wartete, aber Tendeza kam nicht aus dem Schlafzimmer. Ein seltsames Gefühl der Sorge ließ mich an die Tür klopfen, aber niemand antwortete. Ich machte die Tür auf und stellte fest, dass Tendeza nicht da war und der Koffer, den sie neben dem Bett gehabt hatte, weg war. Auf dem Kopfkissen lag ein Zettel: »Ich bin gegangen, damit du deine Erziehungsratschläge für dich selbst nutzen kannst. Ich schicke dir bald eine WhatsApp mit meiner Dubai-Nummer.«
Ich bemühte mich, tief ein- und auszuatmen. Ich wollte meinen Verstand überlisten, dass ich bloß träumte, aber ich konnte die Realität nicht leugnen.
Was habe ich mit meinem Leben angefangen?
Ich weinte.
Was habe ich den Menschen angetan, die ich liebe?
Warum ich?
Ich ging zu dem Mangobaum in unserem Hof, legte mich darunter und verlor mich in Gedanken. Die heiße Sonne machte mir nichts aus; ich war froh, allein zu sein.
Es gab keine Antwort auf meine Fragen, außer, dass das Leben mich lehrte, erwachsener zu werden. Ich wusste nicht, wie lange ich dort lag – vielleicht eine Stunde oder zwei. Ich schloss meine Augen und versuchte so sehr einen Grund zu finden, in Ruanda zu bleiben. Doch es gab keinen.
4
In der Schule war ich nicht die Art Mädchen gewesen, das für Aufsehen sorgte, wenn es den Raum betrat, und so würde ich auch nie werden.
Ich erinnerte mich gut, wie ich gemobbt und rutwe genannt wurde, in Anspielung auf meinen großen Kopf im Verhältnis zu meinem zierlichen Körper.
Als Sonia mir ein Foto ihres reichen deutschen Freundes schickte, der wiederum von meinen Fotos fasziniert war, beschloss ich, aus meiner Opferrolle auszubrechen. Schließlich bedeutete in Europa zu leben, reich zu werden, sehr gut zu riechen und vor allem, »Diaspora« genannt zu werden, wenn ich zu Besuch nach Hause kommen würde. Diaspora war ein Name, mit dem man sich in Ruanda Respekt verschaffte. Ein Name, der einen Verwandte näherbrachte, von denen man zuvor noch nie gehört hatte, und ein Name, der ruandische Junggesellen dazu veranlasste, deine Hand auch ohne gusabagukwa und eine aufwendige kirchliche Zeremonie zu akzeptieren.
Sonias Angebot anzunehmen und nach Deutschland zu reisen, um den Mann zu treffen, den sie für mich gefunden hatte, war das einzig Richtige, das ich machen konnte. So dachte ich, als ich diese Entscheidung traf. Was sollte auch dagegensprechen? Kabibi war im Oman, Natasha war in Mosambik und Shema bereitete sich darauf vor, in der kommenden Woche nach Frankreich zu gehen.
Was hatte ich noch zu verlieren? Wenn ich mit meinem Abschluss in Marketing nach Deutschland ginge, hatte ich mir überlegt, würde ich sogar ein besseres Leben als Sonia haben. Schließlich war ich eine gebildete Frau.
Ich schrieb Sonia, dass ich ihren Freund Sebastian gerne kennenlernen würde und dass ich bereit wäre, Ruanda so bald wie möglich zu verlassen.
Schon am nächsten Tag, nachdem ich Sonias Antwort auf meine Nachricht gelesen hatte, antwortete ich ihr, dass ich mit allem einverstanden sei. Sie rief mich über Skype an, damit ich mit Sebastian sprechen konnte. Sein ungezwungenes Lächeln und seine blauen Augen, die sogar durch die Kamera leuchteten, gaben mir das Gefühl, dass ich ihn schon einmal irgendwo getroffen hatte, vielleicht in meinen Träumen. Unser Gespräch war kurz, fast ohne Worte.
»Wie geht es dir?«, fragte er.
»Mir geht es gut, und dir?«, fragte ich lächelnd zurück.
»Alles gut. Sonia hat gesagt, dass du hierherkommen willst. Das ist schön.«
»Ja, ich möchte so bald wie möglich kommen«, sagte ich.
Er schaute auf seine Armbanduhr, fuhr sich mit der Hand durch sein goldbraunes Haar und entschuldigte sich, dass er das Gespräch beenden müsse. Er habe eine wichtige Besprechung. Sonia würde nun meine Reise organisieren und alle meine Fragen beantworten, die ich eventuell noch hätte.
An diesem Tag ging ich rüber zu Tante Rose und klopfte an ihre Tür. Sie war die Lieblingsnachbarin und Freundin unserer Mutter gewesen. Nach Mutters Tod war sie die einzige Person, die für uns da war, deshalb hatte ich das Bedürfnis, sie über die guten Nachrichten zu informieren. Aus ihrem Haus schallte wie immer laute ugandische Musik.
»Toni, ni amahoro? Ist alles in Ordnung?«, so begrüßte sie mich, als sie die Tür öffnete und mich nach innen zog. Ihr Kitenge-Tuch hing lose um ihre Brust, als könnte ein engeres Schnüren verhindern, dass der Sauerstoff in ihrem Körper zirkulierte.
»Ja, Tante, alles ist gut. Ich gehe nach Europa«, sagte ich stolz.
Sie schüttelte ungläubig den Kopf wie jemand, der aus einem Traum erwachte. Sie sah mich mit großen Augen an. »Iburayi?«
»Ja, ich habe ein Stipendium erhalten, um meinen Master an einer deutschen Universität zu machen, und ich werde dort auch arbeiten«, log ich selbstbewusst.
»Reka sha, mbwira neza. Komm näher und erkläre es mir richtig«, sagte sie strahlend und zog mich in ihre Arme.
Wir saßen auf ihrem Bett, denn ihr Haus bestand nur aus einem Zimmer. Tante Rose hörte mir aufgeregt zu. Ich erzählte, wie Sonia für mich eine Universität in Deutschland gefunden hatte, an der ich studieren und in zwei Jahren meinen Master machen konnte. Dann erfand ich einen Cousin von Sonia, der Direktor eines internationalen Handelsunternehmens sei und bereit war, mich als seine Assistentin einzustellen. Ich erklärte, dass sich die Universität um alles kümmern würde, was mit meinem Visum zu tun hatte, und sogar meine Reisekosten bezahlen würde. Tante Rose sagte: »Wow, wabona uzanarongorwa n’umuzungu. Wahrscheinlich wirst du sogar einen weißen Mann heiraten!«
Allerdings war Tante Rose bei Sonia ein wenig skeptisch.
»Ich habe Geschichten gehört, dass Sonia in Dubai eine malaya ist«, sagte sie.
»Eine Prostituierte?«, fragte ich überrascht.
»Mm, sie haben im Karibu-Frisörsalon über sie gesprochen, als ich diese Cornrows geflochten bekam.« Sie strich sich mit der Hand über die Haare.
Ich erklärte ihr, dass Dubai nicht Deutschland ist, dass es jetzt Europa war, wo Sonia lebte.
»Tante, Europa. Iburayi«, wiederholte ich und schaute ihr in die Augen, um sicherzugehen, dass sie verstand, dass es nicht um Afrika ging, über das wir sprachen.
»Ja, natürlich kenne ich Deutschland. Das Land, das die Fußballweltmeisterschaft gewonnen hat. Richtig?«
»Das ist schon ein paar Jahre her.« Wir lachten. Tante Rose hatte eine tiefe Stimme und ein kräftiges, kratziges Lachen.
Mit nachdenklichem Blick fragte ich: »Aber Tante, interessiert es dich wirklich, was Sonia in Dubai gemacht hat, wenn sie es geschafft hat, nach Europa zu ziehen? Schau, wie sie das Leben ihrer Mutter verändert, hm?«
Tante Rose zog ihr Tuch straff und schaute mich ernst an. »Nun, ich würde dir raten, vorsichtig zu sein. Die Leute hier tratschen viel, da weiß man nie, was wahr oder falsch ist. Wenn du dort bist, konzentriere dich einfach auf dein Studium. Lass dich nicht ablenken.«
Ich fügte noch hinzu, selbst wenn Sonia eine malaya in Deutschland sei, würde das nicht bedeuten, dass ich mit ihr arbeitete. Ich hatte schließlich mein Diplom und war ein gebildetes Mädchen.
»Komm her mein Mädchen!«, sagte sie, während sie mich so fest umarmte, dass ich Angst hatte, meine Rippen würden brechen. »Knie dich hin, damit wir Gott danken.«
Ich löste mich aus ihren Armen und tat schnell so, als hätte ich mich gerade an etwas erinnert: »Ach übrigens, Tante, Tendeza ist nach Dubai gegangen. Sie hat dort einen Job als Hotelrezeptionistin gefunden.«
Tante Rose hob beide Arme, als wollte sie an die Decke fassen, und beugte sich dann nach vorn, um stattdessen den Boden zu berühren. »Segen über Segen. Gott ist gut, meine Tochter. Er antwortet zur rechten Zeit.«
Wir sprachen ein kurzes Gebet, dann ging ich.
Ein paar Tage später schickte mir Sonia alle Unterlagen, die ich von Sebastian für meinen Visumsantrag benötigte. Ich stellte die angeforderten Papiere zusammen und beantragte das Schengen-Visum. In der von Sebastian Baumann verfassten Einladung stand, dass wir drei Monate gemeinsam in Hamburg verbringen und nach Paris, Amsterdam und Venedig reisen würden. Ich erhielt von ihm eine Bestätigung über die Unterbringung, eine Reiseversicherung, eine detaillierte Reiseroute und einen Nachweis über die finanzielle Absicherung.
Der Tag, an dem die Botschaft mich anrief, damit ich meinen Pass abholte, war der schönste meines Lebens. Wochen zuvor musste ich meine Beine zwingen, sich zu bewegen, als ich zum ersten Mal dort hinging, um das Visum zu beantragen. Die Frau hinter der Glasfront, die gebrochenes Kinyarwanda sprach und es mit Englisch vermischte, hatte mir tief in die Augen geschaut, nachdem sie meine Papiere in einen Ordner abgelegt hatte. Wenn ein Blick einen Menschen zerbrechen könnte, wäre ich an diesem Tag in tausend Stücke zerfallen.
»Ist das dein Freund, den du besuchen wirst?«, fragte sie.
»Ja, ich reise erst mal nur für drei Monate.«
Sie sah mich weiter unverwandt an, während sie ihre Wasserflasche in die Hand nahm, um einen Schluck daraus zu trinken. In diesem Moment wünschte ich mir, ich hätte die Kraft, sie um ein bisschen Wasser zu bitten. Das Schlucken des wenigen Speichels, der sich noch in meinem Mund befand, fühlte sich an, als würde ich ein Stück gekochte Kassava hinunterwürgen.
Sie blätterte noch einmal meine Unterlagen durch und sagte dann: »In Ordnung, einen schönen Tag noch. Wir werden Sie anrufen, sollten wir weitere Dokumente benötigen.«
Eine schwere Last wurde von meinen Schultern genommen, als ich mich umdrehen und die Botschaft verlassen konnte.
Als ich nun endlich meinen Pass mit dem Visumsaufkleber in der Hand hielt, nahm ich auf dem Heimweg einen Umweg über Kiyovu, weil ich Angst hatte, mir könnte mein neuer Pass gestohlen werden, wenn ich durch das Stadtzentrum fahren würde. Ich zögerte ein paar Mal, ein Motorradtaxi zu nehmen, denn ich fürchtete, dass der Wind mir den Ordner aus der Hand reißen und ein Fremder meinen Pass an sich nehmen könnte. Würde ein Fremder das Visum darin sehen, würde er mich sicher um Geld bitten, bevor er ihn mir zurückgäbe. Ich tastete von Zeit zu Zeit nach meinem Pass und ließ ihn von meiner Handtasche in die Tasche meiner Jeans wandern, bis ich beschloss, dass es am sichersten wäre, ihn fest in den Händen zu halten. Ich zwickte mich, um sicherzugehen, dass ich nicht träumte. An diesem Tag lächelte ich jeden und alles an, was meinen Weg kreuzte.
Da Europa bedeutete, reich, nobel und zivilisiert zu sein, musste ich mich entsprechend vorbereiten. Um nicht wie vom Dorf auszusehen, wenn ich in Deutschland ankam, begann ich langsam, mich zu »europäisieren«, wie Tante Rose es nannte. Ich übte mich in der Kunst, europäisch zu sein. Ich ging zum besten Schneider am Kimironko-Markt und bestellte ein schwarzes Kostüm und eine dazu passende weiße Bluse. Die Schneiderin nahm meine Maße. Ich sagte ihr, dass es sehr dringend sei, und so rief sie mich bereits nach wenigen Tagen an, damit ich zum Abholen kam. Natürlich musste ich ihr einen Sonderpreis zahlen. Aber wen interessierte das noch? Ich zog nach Europa, also machte ich mir keine Sorgen darum, meine Ersparnisse auszugeben. In meinem Kostüm sah ich aus wie eine Bankmanagerin oder noch besser, wie die Chefin vom FBI in Fernsehkrimis.
Ich hatte noch nie Schuhe mit hohen Absätzen getragen oder gar besessen, aber für Europa war es den Versuch wert. Sich europäisch zu kleiden, war ein Muss. Um mich im Schuhgeschäft nicht lächerlich zu machen, weil ich nicht wusste, wie man auf hohen Absätzen läuft, beschloss ich, einfach Schuhe in meiner Größe zu kaufen, ohne sie anzuprobieren. Ich wählte rote High Heels. Der Verkäufer bestand darauf, dass ich sie erst anprobierte, aber ich weigerte mich. Ich überzeugte ihn, dass ich genau das gleiche Paar bereits in Schwarz besäße, deshalb wüsste ich sehr wohl, was ich kaufte. Abends übte ich zu Hause vor dem Schlafengehen den Catwalk auf hohen Absätzen. Mit der Zeit wurde ich immer besser.
Schließlich war es so weit. An einem Sonntagabend fuhr Tante Rose mit mir im Taxi zum Flughafen, sie hatte sogar angeboten, es zu bezahlen. Als wir uns umarmten und voneinander verabschiedeten, entfernte ich die SIM-Karte aus meinem Mobiltelefon und überreichte es ihr. »Tante, dieses Telefon wird besser sein als deines, oder? Und außerdem kann ich dir sonst keine Fotos von Europa schicken!«
»Oh, vielen Dank, Toni.«
»Es hat WhatsApp – deine Tochter Joy wird dir zeigen, wie man es benutzt. Ich bin sicher, sie weiß, wie.«
Ich gab ihr gefühlt Hunderte Versprechen. Ich war entschlossen, es in Europa zu schaffen. Ich wollte arbeiten, studieren und das Leben mit Sebastian genießen, Tante Rose Geld schicken und nach Dubai reisen, um dort eine gute Zeit mit meiner kleinen Schwester zu verbringen.
Ich hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was vor mir lag.
5
Im Winter in Deutschland anzukommen, fühlte sich an wie das Betreten einer Tiefkühlkammer. Ich wünschte, jemand hätte mich gewarnt.
Als ich meine Füße auf deutschen Boden setzte, erlitt ich nicht den Kulturschock, von dem die Leute immer redeten – ich war zu sehr vom Wetter überrascht. Mein Gesicht brannte so sehr vor Kälte, als hätte mich jemand geohrfeigt. Ich wünschte mir, man hätte mir gesagt, dass selbst die wärmste Jacke aus Kigali in Hamburg nutzlos wäre.
Eine Ziege, die in Afrika auf den Bauernmarkt gebracht wurde, sah wahrscheinlich weniger ängstlich aus als ich, als ich aus dem Hamburger Flughafen trat. Ich fühlte mich verloren und stakste hilflos auf meinen hohen Absätzen herum. Nachdem ich lange vergeblich versucht hatte, den Ausgang des Flughafens zu finden, gab ich schließlich auf und beschloss, barfuß weiterzugehen. Meine Beine zitterten, meine Füße brannten und ich fühlte mich wie gelähmt. Mich kannte hier ohnehin niemand und der Wunsch, elegant zu erscheinen, hatte mich den hohen Stellenwert von Bequemlichkeit vergessen lassen.
Sonia brach in Gelächter aus, als sie mich sah. Wer würde nicht über ein Mädchen lachen, das zwar ein maßgeschneidertes Kostüm trägt, aber seine Schuhe in der Hand hält? »Barefoot? Oya mbabarira winsebya Iburayi«, rief Sonia. »Bitte nicht barfuß, mach mich in Europa nicht lächerlich«, sagte sie.
Wen interessierte das schon? Ich war entnervt, denn andere Passagiere waren bequem gekleidet, während ich mich mit meinen High Heels abquälte. Sonia umarmte mich, und mir fiel auf, dass ihre Haut ähnlich gemustert war wie eine Militäruniform. Sie hatte helle und dunkle Flecken, da die Aufhellungsprodukte, die sie offensichtlich benutzte, anscheinend nicht überall gleich wirkten. Sie trug kräftigen roten Lippenstift, eine blonde Glatthaar-Perücke und hochhackige Stiefel. Als sie mich fest umarmte, griff ein Typ, der ihr gefolgt war, nach meinem Koffer. »Nein, was machen Sie da?«, schrie ich und zog den Koffer zurück zu mir. Doch Sonia löste meine Hand vom Koffer. »Alles in Ordnung, keine Sorge. Er gehört zu uns«, sagte sie und wischte sich dabei mit einer Geste die Haare aus dem Gesicht.
Hatte sie einen Leibwächter? Ich überlegte kurz, aber sagte mir dann, dass ich noch genug Zeit haben würde, um Antworten auf meine Fragen zu bekommen.
Wir gingen schweigend zum Parkhaus. Sonias Fahrer warf mir von Zeit zu Zeit einen Blick zu und täuschte ein Lächeln vor. In der Tiefgarage drückte Sonia kurz meine Hand, während sie nervös atmete, und ließ sie dann los, als wir uns einem schwarzen Wagen mit dunklen Scheiben näherten. Sie öffnete eine hintere Tür des Wagens und stieg ein, während der Fahrer meinen Koffer in den Kofferraum stellte.
»Ist das Sebastians Auto?«, fragte ich mit großen Augen, nachdem ich mich zu ihr auf die Rückbank gesetzt hatte. Ich war seltsam überrascht und enttäuscht zugleich.
»Ja. Klasse, oder?« Sonia ließ ihre Hand über das Sitzleder gleiten, als würde sie es streicheln.
»Ich hatte erwartet, dass er ein großes Auto fährt«, antwortete ich zögerlich.
»Das ist ein großes Auto. Was meinst denn du?«, spottete Sonia, während sie dem Fahrer zuzwinkerte.
Da Sonia anscheinend nicht verstand, erklärte ich: »Ach komm schon. Ich meine solche Autos, wie sie die Pastoren in Ruanda fahren. Oder die Autos, in denen früher weiße Touristen auf Safaritouren herumfuhren.«
Sonia und der Fahrer lachten gleichzeitig, und ich fragte mich, was so lustig war.
»Muranseka iki? Warum lachst du über mich?«, fragte ich sie.
Sonia lachte immer noch und sagte: »Wir lachen, weil du lustig bist. Warum sollte man hier in der Stadt einen Safari-Jeep fahren? In Ruanda ist das was anderes. Da fährt man so hohe Autos, weil man damit auch in den Bergen unterwegs ist.«
»Wie, du willst mir also weismachen, dass dieses Auto so teuer ist wie ein Safari-Jeep? Sonia, überleg mal, ich kann mir vorstellen, dass die Leute im Safariwagen sich wie auf dem Gipfel der Welt gefühlt haben!«
Sonia lachte hysterisch: »Toni, bitte hör auf!« Sie schnappte nach Luft und presste dann immer noch atemlos hervor: »Zunächst einmal geht es nicht um groß oder klein, es geht um Klasse. Das hier ist ein Mercedes-Benz, und er gehört zu den Luxusautos, die in diesem Land hergestellt werden.«
Inzwischen hatten wir das Parkhaus verlassen, und ich war nun zu abgelenkt von all den Dingen, die ich im Vorbeifahren sah. Ich konnte mich auf das Gespräch mit Sonia nicht länger konzentrieren und wollte, dass sie aufhörte zu reden. Also hob ich die Hände und sagte: »Okay, okay. Ich sehe, du hast dich gut integriert. Ich werde auch genug Zeit haben, um etwas über Autos zu lernen.«
Während wir durch die Stadt fuhren, sah ich unentwegt aus dem Fenster, um zu überprüfen, ob Europa so war, wie ich es mir vorgestellt hatte – voller Männer in Anzügen, allen Arten von schicken Autos, eleganten Frauen, die mit kleinen, flauschigen Hunden herumliefen, und Prominenten, die mit Kaffeebechern in der Hand die Straßen überquerten. Zumindest habe ich Europa so in den Filmen gesehen, aber vielleicht war Deutschland anders. Ich überlegte mir, dass ich es nicht eilig hatte; drei Monate waren genug Zeit, um alles zu erkunden. Je näher wir unserem Ziel kamen, desto seltsamer und nervöser verhielt sich Sonia. Sie wurde so kalt wie das Wetter. Der Fahrer hingegen beobachtete uns im Rückspiegel, sobald ich mit Sonia auf Kinyarwanda sprach. Er lächelte und zeigte dabei nur seine Schneidezähne, eine Art zu lächeln, die, wie ich später feststellen sollte, in Deutschland häufiger vorkam.
Als ich davon erzählte, dass sich der Start des Flugzeugs wie ein starker Hammer angefühlt hatte, etwas, das auf meinen Kopf einhämmerte, erkannte ich mit einem raschen Seitenblick, dass Sonia gar nicht zuhörte. Ich redete trotzdem weiter und berichtete, dass ich während des Fluges einen Film nach dem anderen geschaut hatte und dass das Essen zu wenig gewesen war und wie Schlamm geschmeckt hatte. Ich beschrieb die winzige Toilette. Dass ich mich gefragt hatte, wie die männlichen Passagiere mit ihren dicken Bäuchen es schafften, sich durch so winzige Türen zu quetschen, oder ob es extra Toiletten für sie gab. Doch Sonia zeigte immer noch kein Interesse. Ich wusste nicht, ob sie wollte, dass ich ganz aufhörte zu reden oder ob ich einfach das Thema wechseln sollte.
Sie bestand darauf, dass wir Englisch sprachen, sonst würde sich der Fahrer ausgeschlossen fühlen und das empfanden Europäer als unhöflich. Das ist überall so auf der Welt, wenn man eine Sprache spricht, die die Leute nicht verstehen, dachte ich. Doch als ich dies gerade laut äußern wollte, legte Sonia den Zeigefinger auf ihre gespitzten Lippen und gab mir damit zu verstehen, dass ich schweigen sollte.
Der Wagen bog durch eine offen stehende Toreinfahrt auf ein großes Gelände mit einem Garten, in dem tote graue Bäume standen. Später erfuhr ich, dass es normal ist, dass die meisten Pflanzen hier im Winter verwelken und absterben, wenn es sehr kalt wird, und dass sie im Frühling mit neuen Blättern und Blüten wiedergeboren werden. Ich war müde und hungrig, aber auch aufgeregt, Sebastian zu treffen. Eine asiatische Frau begrüßte uns mit einem Lächeln und wechselte mit dem Fahrer ein paar Sätze auf Deutsch. Sie umarmte Sonia und wandte sich dann mir zu.
»Hallo, ich heiße Ligaya, du musst Mutoni sein«, sagte sie und schüttelte mir die Hand.
»Hallo, ja. Schön, dich kennenzulernen«, erwiderte ich. Ich drehte mich um und flüsterte Sonia zu: »Uyu ni nde? Wer ist das?«
»Das ist Ligaya«, wiederholte Sonia auf Englisch und klopfte Ligaya auf die Schulter. Dann fügte sie hinzu: »Egal, was du brauchst, Ligaya wird für dich da sein. Fühl dich wie zu Hause und mach dir keine Sorgen«, sagte Sonia, während sie verstohlen nach links und rechts schaute und meinem Blick auswich. Schließlich schaute sie zu Boden und tat so, als sei sie schüchtern.
Alles ging plötzlich sehr schnell, und ich war frustriert, dass ich keine Gelegenheit hatte, Fragen zu stellen. Wir durchquerten einen Korridor mit großen Spiegeln auf jeder Seite. Dann betraten wir einen unpersönlich wirkenden Schlafraum mit einem großen Kingsize-Bett. Ligaya meinte, ich könne mich ausruhen, wenn ich wollte, sie würde mich wecken, wenn jemand käme. Wer war jemand? Und vor allem, wo war mein zukünftiger Freund Sebastian? In welcher Beziehung standen Sebastian und Ligaya eigentlich zueinander? Warum sah das Haus wie ein Hotel aus?
Eine Frage nach der anderen schwirrte nun durch meinen Kopf. Während Ligaya sich sofort zurückzog, nachdem sie meinen Koffer neben den leeren offenen Kleiderschrank abgestellt hatte.
Als ich mit Sonia allein war, fragte ich sie, wo Sebastian sei, aber sie antwortete nicht.
»Ähm, Sebastian …?«, stotterte sie, als ob sie mich nicht richtig verstanden hätte. Sie schaute auf ihr Handy, um zu checken, ob sie Nachrichten bekommen hatte.
»Ja, wo ist Sebastian? Wann treffe ich ihn?«, wiederholte ich ungeduldig.
»Sebastian … eigentlich ist es so, dass …« Sonia hob den Blick von dem Display ihres Telefons, schaute mich kurz an und sah dann schnell aus dem Fenster. Ein lautes, aggressives Klopfen war auf einmal an der Tür zu hören, und Sonia wurde sichtbar nervös. Sie umarmte mich flüchtig, und ich meinte dabei Tränen in ihren Augen zu sehen.
»Sonia, ni iki? Was ist los?«, fragte ich sie. Eine Männerstimme rief vom Korridor aus nach ihr: »Sonia!!« Sie trat einen Schritt zurück. »Ich muss los, sonst komme ich zu spät zur Arbeit.«
Dann stürmte sie davon. Ich zog langsam die Schuhe von meinen schmerzenden Füßen, legte mich aufs Bett und starrte an die Decke.
Ich realisierte, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich war. Ich wusste auch nicht, wann Sonia von ihrer Arbeit zurückkommen würde. Und ich wusste so gut wie nichts über den Mann, den ich hier treffen sollte. Ich erinnerte mich an Tante Roses Abschiedsworte am Flughafen: »Ntuzasebere i mahanga ufite iwanyu. Lebe kein schändliches Leben im Ausland, wenn du ein Zuhause hast.«
Wie hatte sie das gemeint?
Ligaya kam, um mir zu sagen, dass sie gleich gehen würde und dass sie das Abendessen für mich in der Küche bereitgestellt habe.
Sie bot mir an, mir noch schnell das Haus zu zeigen, aber ich lehnte dankend ab, ich fühlte mich zu müde. Ich dachte, dass ich später genug Zeit haben würde, alles auf eigene Faust zu erkunden.
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