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Teal Swan
Den Schatten umarmen

Verletzungen der Seele heilen


Wichtiger Hinweis

Die im Buch veröffentlichten Empfehlungen wurden von Verfasserin und Verlag sorgfältig erarbeitet und geprüft. Eine Garantie kann dennoch nicht übernommen werden. Ebenso ist die Haftung der Verfasserin bzw. des Verlages und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ausgeschlossen.

Aus dem Englischen von Maria Müller-de Haën

Titel der Originalausgabe:

The Completion Process.

Copyright © 2016 by Teal Swan

English language publikation 2016 by Hay House Inc. USA

Deutsche Ausgabe:

© 2016 KOHA-Verlag GmbH Burgrain

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Guter Punkt, München

Lektorat: Nayoma de Haën

Gesamtherstellung: Karin Schnellbach

ebook

ISBN 978-3-86728-755-5

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Teil I

1. Auf der Suche nach der großen Versöhnung

2. Verschüttetes ausgraben

3.Verdrängtes ins Bewusstsein holen

4. Wie Körper, Emotionen und Zeit zusammenhängen

Teil II

5. Vorbereitung auf den Completion Process

6. Schritte 1–6: Sicherer Hafen und Zugang zur Erinnerung

7. Schritte 7–13: Anerkennung und Befreiung

8. Schritte 14–18: Ganzwerdung und Abschluss

Teil III

9. Wie der Completion Process Ihr Leben verändern kann

Nachwort

Anhang A

Anhang B

Danksagung


Einleitung

Es war im Jahr 2001. Ich saß in einem Erdloch, meine Hand- und Fußgelenke waren zusammengebunden. Ich hatte eigentlich keine Angst, denn die vielen Jahre des Missbrauchs hatten mich gegenüber Gefahren unempfindlich gemacht. Vielmehr hatte ich mein Leben aufgegeben. Ich sah keinen Sinn mehr darin. In der von mir akzeptierten Realität war mein Leben eine Folterkammer, aus der ich niemals lebendig entkommen würde.

Als ich in die Grundschule ging, geriet ich ins Visier eines Bekannten meiner Familie; er war ein Psychopath, was meine Eltern nicht wussten. Nach außen präsentierte er sich als geachtetes, führendes Mitglied der Gemeinde und als Gesundheitsexperte, aber er hatte eine viel dunklere Seite. Er nahm an Sektenritualen teil, was nur wenige Leute wussten. Er wurde zu meinem Mentor und hatte freien Zugang zu mir. Meine Eltern vertrauten ihm und hatten keine Ahnung, dass er mich quälte. Sie sahen zwar die roten Warnflaggen, aber sie missverstanden sie. Mein Peiniger drohte damit, meine Familie umzubringen, wenn ich es jemals wagen sollte, jemandem zu erzählen, was er mit mir machte, und ich wusste, er war zu einem Mord fähig. Dieser rituelle Missbrauch dauerte dreizehn Jahre lang an.

Ich verbrachte viel Zeit in diesem Loch im Boden sitzend, genannt »der Raum des Geistes«; es war gerade einmal groß genug für eine sitzende Person. Das Loch wurde von einem zusammengenagelten, verwitterten Holzgitter verdeckt. Im Sommer war der Boden von Brennnesseln überzogen; das war seine Vorstellung eines »geistigen Trainings« für mich. Bevor ich in dieses Loch gebracht wurde, wurde ich meistens nackt ausgezogen und mir wurden Hand- und Fußgelenke zusammengebunden. Ich hatte keine Ahnung, wie lange er mich da drinsitzen lassen wollte, und wusste auch nie, ob er womöglich beschlossen hatte, mich auf immer in diesem Loch einzusperren, mich umzubringen oder mich später am Abend zu meinen Eltern zurückzubringen.

Ich war so oft in diesem Höllenloch eingesperrt gewesen, dass es sich trotz der schmerzlichen Ungewissheit wie normal anfühlte. Ich hatte mich an das Leiden gewöhnt – bis auf eine Sache: Wenn ich in den »Raum des Geistes« gebracht wurde, war ich mit mir allein, und das konnte ich nicht ertragen. Ich spürte nichts als innere Leere, und noch schlimmer, es war ein vollkommen leerer Raum, dessen Ränder von Leid und Kummer gefärbt waren.

Jahrelang tat ich alles, um dieses Leid zu vermeiden und mich von dieser Leere fernzuhalten. Und eines Tages geschah es: Ich saß im »Raum des Geistes« und verspürte die bereits vertraute Verzweiflung. Doch dieses Mal war etwas anders. Ich erkannte: Wenn mein Gefühl der Verzweiflung in Bewegung war, dann war ich auf dem Weg zu einer neuen Emotion. Je mehr ich über die Verzweiflung nachdachte, desto klarer wurde mir, dass Bewegung auf etwas hin eine Bewegung hin zu etwas Gewünschtem und weg von etwas Nichterwünschtem ist.

Also fragte ich mich: »Was von dem, was in mir ist, will ich nicht?« Oder vielmehr: »Von was in meinem Innern bewege ich mich weg?« Und siehe da: Wie ich herausfand, hielt mich ein Gefühl der »Verzweiflung« von dem Gefühl vollkommener Hoffnungslosigkeit ab. Die Hoffnung zu verlieren ist das stärkste Gefühl der Ohnmacht in der Bandbreite menschlicher Emotionen. Ein Teil von mir war davon überzeugt, Hoffnungslosigkeit wäre gleichbedeutend mit Tod, und dieser Teil von mir hatte dieser Hoffnungslosigkeit widerstanden, um überleben zu können.

Ich könnte nun behaupten, an diesem Tag hätte ich mich dafür entschieden, mutig zu sein, doch in Wirklichkeit gab ich einfach die Hoffnung auf. Ich stand am Rand eines Abgrunds. Ich war emotional von fast dreizehn Jahren des Martyriums erschöpft. Die Hoffnungslosigkeit verfolgte mich wie ein Tornado überall hin, egal wohin ich rannte, und ich hatte es satt, davonzurennen. Ich wollte tot sein.

Und so machte ich genau das Gegenteil von dem, was ich sonst immer gemacht hatte: Ich drehte mich um und rannte geradewegs auf den Tornado zu. Ich beging emotionalen Selbstmord. Ich wusste nicht, was passieren würde, aber ich tat es trotzdem. Und mir stand eine Überraschung bevor.

Einen Augenblick lang versank ich in tiefem Elend und ärgsten Ängsten. Ich hatte das Gefühl, zermalmt, zerquetscht und zerbrochen zu werden. Ich holte tief Luft, und anstatt mich abzuwenden, ging ich tiefer, gab dem Gefühl die Erlaubnis, mich voll und ganz einzunehmen, als ob es einen guten Grund für seine Anwesenheit gäbe. Und schon bald fühlte ich eine große Leichtigkeit, eine Erleichterung, wie wenn Sonnenstrahlen in die Tiefen des Meeres dringen. Durch meine Entscheidung, in das Gefühl einzutauchen, löste sich die Angst vor dem eigentlichen Gefühl in Luft auf.

Ich sonnte mich eine Weile in diesem Gefühl der Erleichterung. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich mich nicht im Stich gelassen. An diesem Punkt hatte ich keine Ahnung, warum das, was ich da gemacht hatte, tatsächlich funktioniert hatte. Ich wusste nur, es hatte funktioniert. Und so probierte ich es immer wieder, fast immer, wenn ich mit einem unangenehmen Gefühl konfrontiert war, vor dem ich am liebsten davongelaufen wäre.

Schließlich schaffte ich es, dem Mann, der mir meine Kindheit gestohlen hatte, zu entkommen; danach versuchte ich jahrelang, mich zu heilen, versuchte zu verstehen, warum diese Technik, über die ich da gestolpert war, funktioniert hatte. Als mir klar war, wie ich mich geheilt hatte, erkannte ich: Das war ein Durchbruch, der die Welt verändern konnte.

Der Zeitpunkt hätte gar nicht besser sein können. So viele Seelen auf dieser Welt bedürfen der Heilung, und wie ich entdeckt hatte, beginnt alles damit, unsere Emotionen wirklich zu fühlen. Im Mutterleib haben wir Menschen Empfindungen aus der Welt da draußen wahrgenommen, noch bevor wir sie erblickten. Wenn wir als winzige Babys in dieses Leben treten, erfahren wir die Welt ausschließlich über unsere Wahrnehmung. Wir gehen durchs Leben und tragen den emotionalen »Ton«, die Klangfarbe unserer Kindheit mit in unser Leben als Erwachsene; das ist eine angelernte Schwingung, auf die wir aufbauen und die wir weiter ausbauen.

Wir lernen, mit anderen Menschen im Wesentlichen über diesen emotionalen Ton in Verbindung zu treten, was durchaus positiv ist, wenn der emotionale Ton unserer Kindheit ein positiver ist. Ist er jedoch negativ und schmerzvoll, dient diese negative und schmerzliche emotionale Verfassung als Filter, durch den wir die Welt als Erwachsene wahrnehmen. Sie ist das emotionale Grundtrauma, über das wir anscheinend nie hinwegkommen. Unser ganzes Leben lang versuchen wir, unsere »Störungen« zu beheben, aber leider mit nur wenig oder gar keinem Erfolg.

In meinem Fall machte ich fünf Jahre lang eine Traumatherapie mit verschiedenen Therapeuten, die auf rituelle Traumata spezialisiert waren. Ich unterzog mich den allerneuesten Therapien und den üblichen Vorgehensweisen und fand heraus, was funktionierte und was nicht.

Durch die traditionelle Traumatherapie lernte ich auch die Arbeit mit dem inneren Kind kennen, und das war für mich eine Offenbarung. Die dahinterstehende Theorie und Heilmethode beruht auf der Überzeugung, dass alle Menschen auf der Erde die Essenz des Kindes, das sie einst waren, in sich tragen. Im Laufe unseres Reifeprozesses wird ein Teil von uns erwachsen, der andere Teil dagegen bleibt ein Kind. Dieses innere Kind symbolisiert unser emotionales Selbst. Egal, ob wir in der Kindheit nun gute oder schlechte Erfahrungen gemacht haben – unser erwachsener Anteil wächst heran, obwohl er als Kind nicht alles bekommen hat, was er brauchte. Deshalb hält der erwachsene Anteil den Schlüssel zur Heilung in der Hand.

Während meiner eigenen Traumatherapie fühlte ich mich durch die Art und Weise der Arbeit mit dem inneren Kind nie ganz. Erst als ich schon als international erfolgreiche spirituelle Lehrerin tätig war, verstand ich voll und ganz, warum die Technik, die ich im »Raum des Geistes« entdeckt hatte, wirklich funktionierte und warum die Arbeit mit dem inneren Kind wirkte. Und noch wichtiger – und das ist der Knackpunkt – wie beides zusammenpasste.

Mir wurde klar: Ich hatte den heiligen Gral gefunden. Ich entwickelte einen Prozess, mit dessen Hilfe auch äußerst verletzte, zerbrochene Menschen wieder heil und ganz werden können. Zunächst probierte ich ihn an mir selbst aus, um ihn zu vervollkommnen, dann an meinen Klienten.

Ich wünsche meinen Lesern, dass sie das freudvolle Leben erfahren, welches nur denjenigen offensteht, die bereit sind, sich voller Mut auf die Reise nach innen zu begeben, ganz tief hinein, und diejenigen Aspekte ihrer selbst wieder zum Leben zu erwecken, die verloren gegangen sind. Wenn dieser Prozess jemanden heilen kann, der rituellen Missbrauch in vielerlei Form überlebt hat, kann er jeden Menschen heilen. Ich nenne diesen Ansatz den Completion Process.

Teil I

1. Auf der Suche nach der großen Versöhnung

Der Completion Process ist das Tor zur Befreiung, eine Möglichkeit, sich selbst wieder »zusammenzusetzen«, also ganz zu machen und dadurch die Blockaden der Vergangenheit und die Angst vor der Zukunft zu überwinden. Dieser Prozess ist für alle Menschen gleichermaßen geeignet, denn wir alle tragen Wunden aus der Vergangenheit mit uns herum, die geheilt werden müssen, und oft sehen wir nicht einmal, dass Symptome, die in unserem gegenwärtigen Leben auftreten, etwas mit diesen vergangenen Verletzungen zu tun haben. Aber genauso ist es. Auch wenn wir den Zusammenhang nicht erkennen.

Fast alle Menschen wünschen sich eine Welt voller Harmonie und Freude. Doch die Wirklichkeit sieht meist anders aus: Auf der Erde gibt es zwar sehr wohl Harmonie und Freude, aber auch Konflikte und Leiden. Tag für Tag kehren traumatisierte Soldaten aus dem Krieg zurück. Menschen, die in Kriegsgebieten leben, versuchen verzweifelt, die Scherben ihres Lebens aufzuklauben und weiterzumachen. Kinder werden missbraucht, Frauen vergewaltigt, Naturkatastrophen lassen Menschen ohne alles zurück. Notfallteams, beispielsweise Ärzte in der Notaufnahme, Rettungsmannschaften und Feuerwehrkräfte, leisten anderen Menschen Beistand in fürchterlichen Situationen und schaffen es oft nicht, den damit zusammenhängenden eigenen Stress zu verarbeiten. Andere verfallen einer Sucht, um den Schmerz der Leere zu betäuben. Und alle schwierigen Umstände, mit denen wir zu kämpfen haben, haben eines gemeinsam: Trauma.

Ein Trauma kann sich in vielfältigen Symptomen manifestieren, zum Beispiel Rückblenden, Albträumen, Schlaflosigkeit, lähmender Angst, Süchten, Ängsten oder Depressionen, aber auch durch unablässiges Denken an ein bestimmtes vergangenes Geschehen oder auch eine ganze Reihe von Ereignissen. Manche Leute haben mit einem mangelnden Selbstwertgefühl zu kämpfen, andere fügen sich selbst Schaden zu, leiden unter chronischen Schmerzen, einer psychischen Störung oder einfach nur unter einem insgesamt unbefriedigenden und schmerzerfüllten Leben. Oft ist den Betroffenen die Ursache ihrer Symptome nicht klar; sie haben keine Ahnung, dass sie mit einer ungelösten vergangenen Erfahrung zu tun haben. Die meisten dieser schmerzlichen Erfahrungen haben ihren Ursprung in Kindheits-Traumata, welche unter Umständen nicht einmal bewusst sind, auch wenn sie im derzeitigen Leben der jeweiligen Person ernsthaftes Leid verursachen. Moderne psychologische Ansätze erkennen diese Zusammenhänge inzwischen an, und die Behandlungsmethoden ändern sich langsam, aber sicher, weg vom »Was stimmt mit dir nicht?« hin zu »Was ist mit dir passiert?«.

Niemand ist gegen ein Trauma immun. Ich habe den Completion Process bei Menschen aus aller Welt und allen möglichen Kulturen angewandt, sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen, die sich in unterschiedlichsten Lebensphasen und beruflichen Umfeldern befanden. In meiner Praxis habe ich damit Menschen geholfen, ihren Kummer, psychische Störungen, Süchte, Gewichtsprobleme, chronische bzw. tödliche Krankheiten, aber auch sexuellen Missbrauch in der Kindheit aufzulösen und zu integrieren. Manche Klienten sind scheinbar nicht in der Lage, gut funktionierende Beziehungen zu führen, oder ihnen geht eine gewisse Zielstrebigkeit ab. Auch bei Menschen, die unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung infolge eines durch Krieg, einen Unfall, eine Katastrophe oder durch eine persönliche Tragödie ausgelösten Traumas leiden, hat sich der Completion Process als sehr effektiv erwiesen.

Dieses Buch soll den Lesern diesen Prozess nahebringen, damit sie ihn verstehen und erfahren können und ihr eigenes und, wenn sie darum gebeten werden, auch das Leben anderer transformieren können.

Wie Sie dieses Buch nutzen und einsetzen können

Teil I nennt sich Einstimmung; die vier nachfolgenden Kapitel erklären das dahinterstehende Prinzip, insbesondere wie der menschliche Geist Erinnerungen, Emotionen und Traumata verarbeitet. Diese Zusammenhänge zu verstehen ist wichtig, damit die eigentlichen Schritte des Completion Process einen Sinn ergeben. In diesem Teil I führe ich Beispiele aus meinem eigenen Leben und dem Leben von Klienten an, um Ihnen diese universellen Wahrheiten noch besser verständlich zu machen.

Der Completion Process besteht aus 18 Schritten; sie werden im Einzelnen in Teil II – Der Completion Process – Ganzwerdung –vorgestellt und näher erläutert. Bei jedem Schritt wird angegeben und erklärt, warum und wie er auszuführen ist und was Sie tun können, wenn bestimmte Emotionen oder Reaktionen hochkommen. So können Sie den Completion Process entweder alleine, mit dem Beistand eines liebevollen Freundes bzw. einer Freundin oder auch mit einem ausgebildeten Completion Process Certified Practitioner (CPCP) durchlaufen.

Der Completion Process ist fließend aufgebaut; vom Anfang bis zum Ende führt ein Schritt ganz natürlich zum nächsten, von Schritt 1 bis Schritt 18. Für ein besseres Verständnis habe ich meine Erklärungen aber in drei Kapitel unterteilt.

Kapitel 6 behandelt die Schritte 1 bis 6 und hat mit dem Teil des Prozesses zu tun, in dem wir eine Erinnerung, die in unserem derzeitigen Leben schmerzhaft ist, noch einmal erleben.

Kapitel 7 geht auf die Schritte 7 bis 13 ein; in diesem Teil geht es darum, die eigentliche Erinnerung abzuändern, um Heilung zu bewirken.

Kapitel 8 erläutert die Schritte 14 bis 18; hier gilt es, sich von der Erinnerung zu befreien und uns auf unsere Gegenwart auszurichten.

In Teil III – Versöhnung – habe ich die Ehre, eine Reihe dramatischer Erfahrungsberichte über den Completion Process vorstellen zu dürfen, mit den Worten von Menschen aus aller Welt, die diesen Prozess durchlaufen oder ihn unterstützend begleitet haben. Hinzu kommen Anmerkungen von meiner Seite über die vielen Vorteile und Wohltaten, die der Completion Process denjenigen schenkt, die ihn angewandt haben und die ihn weiterhin in ihrem Alltag einsetzen.

Was soll »ganz« werden?

Das Leben ist unvorhersehbar und unberechenbar. In manchen Phasen haben wir vielleicht das Gefühl, wir hätten endlich alles in Ordnung gebracht, und dann wird wieder alles auf den Kopf gestellt. Manchmal kommen wir uns vor wie ein entgleister Zug oder als versuchten wir, ohne Paddel flussaufwärts zu fahren. Haben Sie auch den Eindruck, auf eine Karambolage zuzusteuern oder völlig chaotisch durchs Leben zu treiben? Dann könnte Reintegration für Sie hilfreich sein. Solche Erfahrungen sind wertvoll und notwendig. Sie sind Teil unserer Entwicklung, weshalb es faszinierend, nützlich und heilsam sein kann, etwas darüber zu lernen.

Wenn Sie lernen, auf die Trigger bzw. Auslöser von Erinnerungen zu achten, und sich Zeit für die Auseinandersetzung mit dem jeweiligen zentralen Thema nehmen, können Sie endlich Heilung finden.

Der Auslöser ist ein wichtiges Konzept, deshalb möchte ich es an dieser Stelle kurz erklären. Ein Auslöser ist alles, wodurch eine traumatische Erinnerung aus der Vergangenheit ins Gedächtnis bzw. an die Oberfläche steigt. Das kann ein Wort, der Tonfall einer Stimme, ein Geruch, eine Empfindung, ein Gesicht, ein Ort oder jede andere beliebige Situation oder Sache sein, die in Ihnen ein Gefühl der Beunruhigung oder Angst hervorruft. Womöglich ist Ihnen nicht einmal bewusst, wodurch plötzlich ein Gefühl des Unwohlseins, der Verletzung, der Angst oder der Unruhe hervorgerufen wird, aber Ihr Unterbewusstsein weiß es sehr wohl.

Ein Auslöser ruft also die Erinnerung an eine frühere Verletzung hervor und signalisiert Ihnen, dieses Thema bzw. Problem anzugehen. Auslöser sind in diesem Kontext nichts Negatives oder Unerwünschtes, sondern vielmehr eine Einladung, abgespaltene Aspekte Ihres Selbst wieder zu integrieren. Der Completion Process ist im Wesentlichen eine praktische und sehr wirksame Möglichkeit, anhand von Auslösern unsere abgespaltenen Aspekte zu reintegrieren und wieder ganz zu werden.

Lesen Sie einfach weiter, dann wird dieser Ansatz immer mehr Sinn für Sie ergeben. Jetzt am Anfang können Sie sich einfach vorstellen, Sie seien ein Fluss, und die Teile Ihrer Kindheit, welche aufgrund traumatischer Ereignisse abgespalten wurden, seien wie Wasserläufe, die vom Fluss abzweigen.

In der Natur ist es ja so: Je mehr Bäche sich wieder in den Fluss integrieren, also sich wieder damit verbinden, desto mehr Wasser hat der Fluss. Unser Bewusstsein ist ein riesengroßer Fluss von Energie, und jedes Mal, wenn wir einen verlorenen Teil unserer selbst reintegrieren, steht uns mehr Energie zur Verfügung und unser Bewusstsein gelangt auf eine höhere Ebene. Wenn Sie die Tatsache annehmen können, dass Sie ein Meisterwerk sind, an dem immer weiter gearbeitet wird, lernen Sie, im Laufe dieser beständigen Weiterentwicklung Frieden und Freude zu finden. Sie können sicher sein: Je besser es wird, desto besser wird es.

Doch das ist ein kontinuierlicher Prozess, deshalb bitte »Ganzwerdung« nicht mit »Abschluss« verwechseln! Sobald Sie eine Ebene der Erleuchtung erreichen, winkt am Horizont eine weitere. Es gibt keinen erleuchteten »Ruhestand«. Wir sind nie »fertig«, und das ist die große Schönheit unseres Lebens.

Unser wahres Selbst zutage zu fördern ist ein kontinuierlicher Prozess, der nie zu Ende ist. Lassen Sie sich davon nicht entmutigen. Sobald Sie sich selbst entdecken, erkennen Sie, dass Ihnen die Freiheit, die Integrität, die Freude und die Liebe angeboren sind. Sie wurden nur darauf konditioniert, all diese Geschenke zu vergessen.

Diese Sprache sprechen lernen

Der Completion Process bringt Ihre Verletzungen aus der Vergangenheit an einen Punkt, an dem sie heilen können. Auch hier verwende ich Wörter sehr behutsam. In diesem Zusammenhang sind »Verletzungen« keine klaffenden Wunden, aus denen Blut strömt, sondern stehen für jeglichen nicht geheilten emotionalen, psychischen oder physischen Kampf, den Sie vielleicht noch austragen.

Sogar das Wort »Heilen« kann missverstanden werden. Meistens impliziert »Heilung« ja, dass etwas so, wie es ist, nicht in Ordnung ist. Doch genau dies ist sozusagen die »Urverletzung«, die wir alle mit uns herumtragen, nämlich, dass etwas aus unserer Vergangenheit nicht in Ordnung sei. Das Schöne am Completion Process ist: Das, was Heilung bringt, ist das präsente Bewusstsein in Form von Aufmerksamkeit, die Sie dieser Verletzung schenken. Sie sind bedingungslos präsent bei dieser Verletzung, wodurch Sie letztendlich Ihr Okay dazu geben und es in Ordnung finden, sich genau so zu fühlen, wie Sie sich fühlen. Im Laufe dieses Prozesses werden Sie mit diesem Konzept noch sehr vertraut werden.

Bei der Arbeit mit dem Completion Process müssen wir unsere Emotionen nicht verändern bzw. um eine Veränderung bitten. Unsere Emotionen verändern sich eben genau deshalb, weil wir das nicht einfordern oder sie dazu zwingen. Wir sind einfach bedingungslos präsent und fokussiert, und damit schenken wir uns bedingungslose Liebe. Dadurch erleben wir eine Transformation in das, was und wer wir wirklich sind. So können wir ganz werden und unsere Integrität wiederherstellen.

Wer sich auf den Completion Process einlässt, lässt sich auf einen Heilprozess ein, in dessen Verlauf die Schichten, welche unser wahres Selbst verbergen, sozusagen abgeschält werden, wodurch der Leidenskreislauf im Leben beendet wird. Das heißt keineswegs, dass wir keine negativen Emotionen mehr verspüren, doch wir leiden unter solchen negativen Emotionen nicht mehr so wie früher.

Wie sich der Completion Process anfühlen kann

Als Heilerin freue ich mich immer sehr über Rückmeldungen von früheren Klienten und Klientinnen. Ich will an dieser Stelle die Geschichte einer Klientin erzählen, damit Sie einen Eindruck davon bekommen, wie sich dieser Prozess anfühlt und was dabei herauskommen kann. Das Trauma dieser Klientin mag ein ganz anderes sein als das Ihre, aber der Prozess funktioniert immer gleich, egal welches Trauma Sie auflösen wollen.

Ich habe diese Klientin (ich will sie Joanna nennen) im Laufe des Prozesses ziemlich gut kennengelernt. Ich kenne ihre Geschichte in- und auswendig, glaube aber, es bringt mehr, sie von Joanna in ihren eigenen Worten erzählen zu lassen. Joanna ist sich völlig da-rüber im Klaren, welche Rolle der Completion Process in ihrem Leben gespielt hat:

»Mit diesem Werkzeug habe ich mein Leben gerettet. Bevor ich darauf stieß, war ich ein Zombie. Mein Leben war voller Schmerzen, ich wollte nicht mehr leben. Tagtäglich litt ich solche Schmerzen, dass ich gar nicht wusste, was Glück oder Freude oder Spaß überhaupt sind. Diese Konzepte waren von meiner Realität so weit weg, dass ich vergessen hatte, dass so etwas überhaupt möglich ist. Mein Leben erschien mir unerträglich. Egal, was ich machte, ich konnte aus meiner Hölle einfach nicht ausbrechen. Meine Vergangenheit war mir immer gegenwärtig und ich konnte dem jahrelangen sexuellen Missbrauch und den Depressionen einfach nicht entkommen.«

Als ich Joanna kennenlernte, fühlte sie sich ihrer Vergangenheit und ihrer Gegenwart machtlos ausgeliefert, was sich praktisch auf alle Aspekte ihres Lebens auswirkte:

»Wegen meiner Depressionen verbrachte ich fast alle Tage im Bett, und wenn nicht, dann wollte ich im Bett liegen. Ich wollte mit der Außenwelt nichts zu tun haben. Wie hätte ich auch mit der Außenwelt klarkommen können, wenn meine Innenwelt die Hölle auf Erden war? Jeden Tag wünschte ich mir, einfach sterben zu können. Entweder etwas musste sich drastisch verändern oder ich würde tatsächlich sterben, davon war ich überzeugt. An diesem Punkt trat der Completion Process in mein Leben.

Als ich damit anfing, wurde klar, dass ich einen langen Weg vor mir hatte. Ich war nicht wirklich in meinem Körper, hatte keine Erinnerungen und musste deshalb mit winzigen Schritten beginnen und mich in meinen Körper zurückatmen. Aber das war in Ordnung, denn es fühlte sich besser an als vorher, so viel besser, dass der Completion Process für mich zur neuen Zufluchtstechnik wurde, die ich immer dann anwendete, wenn ich das Gefühl hatte, ich würde mit dem Leben nicht fertig werden. Dieser Prozess ist nicht einfach; man muss alles erneut durchleben, was man im Laufe seines ganzen Lebens vermieden hat, aber das ist es wirklich wert. Ich habe mit diesem Prozess einige meiner schrecklichsten Erinnerungen verarbeitet.«

Inzwischen hat Joanna den Mut, anderen Menschen ihre ganze Geschichte zu erzählen, weil sie das Gefühl hat, diese Wahrheit könne anderen helfen, die mit eigenen sehr dunklen und furchtbaren Situationen zu kämpfen haben.

»Einmal musste ich nach einem Auslöser den Completion Process anwenden«, berichtet sie. »Eine Vergewaltigungsszene nach der anderen kam hoch. Ich wollte unbedingt davonlaufen, aber ich blieb dabei und durchlief den Prozess bis zum Ende. Dabei fand ich heraus: Auch wenn jede einzelne Szene sehr schmerzhaft war, ich konnte sie durchleben. Nach dieser unglaublichen und intensiven Erfahrung erkannte ich, dass ich mein Leben jetzt wirklich leben konnte und dass Erfahrungen nicht immer voller Dunkelheit sein müssen.«

Was war passiert? Sobald Joannas Vergangenheit sie nicht mehr im Griff hatte, war es nicht mehr ihr Schicksal, Tag für Tag erneut den Schmerz zu durchleben. Voller Selbstvertrauen sagt sie abschließend:

»Ich habe das Gefühl, jetzt ein Mensch zu sein und nicht nur eine menschliche Hülle. Ich habe so viele fantastische Momente erlebt, weil ich dank dieses Prozesses meine Vergangenheit dort lassen konnte, wo sie hingehört: in der Vergangenheit. Dieser Prozess war für mich das Licht am Ende des Tunnels, er hat mir Hoffnung gegeben in einer, wie ich meinte, hoffnungslosen Situation und mich dem Leben zurückgegeben.«

Passt dieser Prozess zu Ihnen?

Wie Joanna sind auch Sie in diesem Buch auf den Completion Process gestoßen. Und das heißt, Sie oder jemand, den Sie kennen und lieben, spricht auf diesen Prozess an, denn sonst hätte Ihnen das Universum dieses Buch nicht in die Hand gedrückt. Jetzt ist es für Sie an der Zeit zu lernen, ganz präsent bei sich zu sein, und herauszufinden, ob Sie bereit sind, »zurückzugehen« und sich um sich selbst zu kümmern.

Was kommt in diesem Moment in Ihnen hoch? Ihr Körper braucht Sie. Ihr Geist braucht Sie. Ihre Gefühle brauchen Sie. Ihre schmerzlichen Wahrnehmungen brauchen Sie. Das verletzte innere Kind braucht Sie. Ihr Leiden braucht Sie. Jetzt ist es so weit: Jetzt müssen Sie wirklich für all diese Teile da sein, die schon so lange nach Ihnen rufen.

Sie haben gelitten, weil Sie nicht von Mitgefühl und Verständnis berührt wurden. Sie haben gelitten, weil Sie nicht von bedingungsloser Liebe berührt wurden, und zwar, weil Sie sich selbst die Botschaft überbracht haben, dass Sie nur dann im Hier und Jetzt bei sich sein wollen, wenn Ihr Leben wirklich gut läuft und Sie positive Emotionen verspüren.

Damit sind Sie zu einem sogenannten »Schönwetterfreund« Ihrer selbst geworden. Und was noch wichtiger ist: Sie haben Bedingungen aufgestellt, um sich selbst lieben zu können, und das ist die tiefste Form des Verrats und stellt eine weitere Verletzung dar, die wir alle in uns tragen. Jetzt haben Sie die Chance, diese Wunden zu heilen und sich mit sich selbst zu versöhnen.

Der unterbewusste Geist

Jeder Mensch auf der Erde, egal wie gut seine Kindheit auch gewesen sein mag, hat Traumatisches und deshalb auch mehr oder weniger viel posttraumatischen Stress erlebt. Menschen mit einer sogenannten Posttraumatischen Belastungsstörung leiden dabei unter so viel Stress, dass sie funktional gestört sind. Doch im Prinzip trifft das auf alle Menschen zu. Um zu begreifen, wie das passiert, müssen wir den menschlichen Geist verstehen lernen.

Auf der physischen Ebene wurde der Mensch mit einem unterbewussten und einem bewussten Geist erschaffen.

Das Unterbewusstsein ist der Teil des Geistes, welcher alle autonomen Aspekte des Lebens steuert, also beispielsweise den Herzschlag. Das Unterbewusstsein kontrolliert alles, worum sich der bewusste Geist nicht kümmert. Wenn wir daran denken müssten, unsere Herzen weiterschlagen zu lassen, Nahrung zu verdauen und unsere Glaubensüberzeugungen zu hinterfragen, könnten wir uns nicht fokussieren.

Fokussieren befähigt uns zum kreativen Tun, zum Lernen und zu unserer Weiterentwicklung. Das ist die Stärke des bewussten Geistes.

Das Unterbewusstsein dagegen kümmert sich um Überzeugungen, um frühere Erfahrungen, Erinnerungen und die Fähigkeiten, die wir bereits erlernt haben. Das Unterbewusstsein übernimmt die Kontrolle über alles, was wir erlernen, damit der Mensch sich auf andere wichtige Dinge im Leben fokussieren kann. Wird ein Gedanke nur oft genug gedacht, dann wird er vom Unterbewusstsein übernommen und wird zu etwas Automatischem.

Um das zu verstehen, können wir uns einmal eine Olympia-Schwimmerin vorstellen. Als diese Schwimmerin das Schwimmen lernte, konnte sie beim Schwimmen an nichts anderes denken als an das Schwimmen, musste sich vorsätzlich und aufmerksam auf jeden Schwimmzug konzentrieren. Doch nach einer Weile konnte sie die Schwimmzüge automatisch ausführen, und jetzt nimmt sie an den Olympischen Spielen teil und ist im Rückenschwimmen so gut, dass sie gar nicht mehr darüber nachdenken muss, wie das denn nun geht. Sie schwimmt und plant gleichzeitig das Abendessen.

Doch eben dieser Vorzeigesportlerin fällt es vielleicht ziemlich schwer, einem Anfänger das Rückenschwimmen beizubringen, weil sie es vor so langer Zeit gelernt hat. Ihr Unterbewusstsein hat schon vor vielen Jahren die Ausführung übernommen, und deshalb ist sie sich nicht mehr bewusst, wie dieser Rückenschwimmzug geht. Das Unterbewusstsein ist also die lebendige, atmende Version eines Autopiloten.

Im Rahmen des Completion Process müssen wir eine sehr wichtige Wahrheit über das Unterbewusstsein verstehen: Das Unterbewusstsein kontrolliert alles, was sich störend auf den bewussten Geist auswirkt. Das Unterbewusstsein ist damit in der Lage, uns am Leben zu erhalten oder unser Leben zu zerstören. Es ist der Grund dafür, dass wir nicht erst groß darüber nachdenken müssen, einem auf uns zurasenden Zug aus dem Weg zu springen.

Aber auch bei anderen Gelegenheiten übernimmt das Unterbewusstsein die Kontrolle, um unser Überleben zu sichern. Dieser Mechanismus ist zwar kurzfristig von Vorteil, langfristig kann er uns jedoch sehr viel Schaden zufügen. Zum Beispiel in Form unseres Glaubenssystems.

Wenn Ihre Eltern sich beispielsweise scheiden ließen, als Sie noch klein waren, beschließen Sie womöglich, jemanden zu lieben sei gefährlich, weil Sie diesen Menschen sowieso wieder verlieren werden. Und wenn der damit verbundene Schmerz Ihr Leben stark beeinträchtigt hat, übernimmt unter Umständen das Unterbewusstsein diese Glaubensüberzeugung. Dann sind Sie sich Ihres ursprünglichen Gedankens bzw. Ihrer ursprünglichen Überzeugungen nicht mehr bewusst, sondern stellen einfach nur noch fest, dass Sie immer dann, wenn Sie mit einem Menschen zu große Nähe erleben, sich zurückziehen und die Beziehung beenden.

Als erwachsener Mensch sind Ihnen nur die Symptome bewusst; doch die Grundursache dieser Symptome ist tief im Unterbewusstsein vergraben. Auf diese Weise übernimmt Ihr Unterbewusstsein Ihre Gedanken und Emotionen und im Extremfall sogar ganze Erinnerungen, die für Ihren bewussten Geist eine Bedrohung darstellen.

Wie Erinnerungen unterdrückt werden

Unterdrückte bzw. verdrängte Erinnerungen werden im Bereich der Psychologie kontrovers diskutiert. Erinnerungen werden verdrängt, wenn eine Situation mit viel Trauma oder Stress assoziiert wird; die Erinnerung an die gesamte Situation wird unbewusst blockiert, sodass die Person sich überhaupt nicht mehr daran erinnert. Die Erinnerung wirkt sich zwar auf bewusster Ebene auf die betreffende Person aus, aber sie kann sich diese bestimmte Erinnerung nicht ins Gedächtnis rufen.

Manche Psychologen halten nichts vom Konzept der verdrängten Erinnerungen, andere wiederum – und ich gehöre dazu - stehen voll und ganz dahinter. Unterdrückte Erinnerungen sind etwas sehr Reales, und ich glaube, so gut wie jeder Mensch hat das schon erlebt. Die Frage ist demnach nicht, ob jemand eine Erinnerung unterdrückt oder nicht, sondern vielmehr, wie sehr sie unterdrückt wird.

Um verdrängte Erinnerungen besser verstehen zu können, müssen wir die Wirkungsweise von Traumata verstehen. Ein Trauma ist lediglich eine Verfassung, in der wir emotional und psychisch aufgrund einer bestimmten Erfahrung unter Stress stehen, und nicht unbedingt eine Tragödie. In einem modernen Krankenhaus geboren zu werden ist beispielsweise ein traumatisches Erlebnis. Für ein Baby ist es traumatisch, von der Muttermilch entwöhnt zu werden. Für ein dreijähriges Kind ist es traumatisch, im Supermarkt die Mutter nicht mehr zu finden. Angesichts dieser breit gefächerten Trauma-Definition können selbst die besten Eltern der Welt ihr Kind nicht völlig ohne Trauma aufziehen. Dabei müssen wir uns auch klarmachen: Ein scheinbar nur kleines, unbedeutendes Trauma wie eine Enttäuschung in der Kindheit fühlt sich keineswegs klein an, wenn man es erlebt.

Wenn jemand, egal wie alt er oder sie ist, ein traumatisches emotionales Erlebnis hat, dann hat diese Person keinerlei Möglichkeit, dieses Ereignis in ihr bewusstes Leben zu integrieren. Um emotional zu überleben, wird die Erinnerung dann oft komplett unterdrückt; sie wird vom Selbst dissoziiert und fragmentiert abgespeichert.

Was verstehe ich unter fragmentiert? Eine Erinnerung geht mit Sinnesempfindungen einher, beispielsweise einem Geräusch, Geschmack, Geruch, Bild oder einer Emotion. Wenn eine Situation besonders traumatisch ist, werden die damit zusammenhängenden Sinneseindrücke oft separat abgespeichert. Der Geist verdrängt zum Beispiel die damit assoziierten Bilder stärker als die Emotionen. Deshalb werden verdrängte Erinnerungen oft in Fragmenten zurück ins Gedächtnis geholt, und deshalb ist dieses Zurückholen oft eine sehr verwirrende Angelegenheit.

Ein Beispiel: Eine Person, die als Kind sexuell missbraucht wurde, kann sich womöglich nicht an das tatsächliche Geschehen erinnern. Aber weil der Geist den mit der Erinnerung verbundenen Geruch oder den emotionalen Aspekt nicht so sehr verdrängt hat wie die damit assoziierten Bilder, kann ein Geruch für die betreffende Person (die inzwischen erwachsen ist) als Auslöser dienen. Sie geht vielleicht ganz arglos im Supermarkt einen Gang entlang und ist sich keines Missbrauchs in der Vergangenheit bewusst, und auf einmal riecht sie genau das Eau de Cologne, welches der Peiniger ihrer Kindheit benutzt hat, und sie empfindet plötzlich Übelkeit oder erlebt sogar einen Angstanfall.

Der Geruch des Eau de Cologne bringt den Schrecken (den emotionalen Aspekt) der Erinnerung zurück, aber weil der Person nicht die gesamte Erinnerung bewusst ist, erkennt sie den Auslöser nicht. Die Übelkeit bzw. Panikattacke scheint aus heiterem Himmel zu kommen, und da diese Reaktion scheinbar völlig zusammenhanglos auftritt, meint sie womöglich, sie würde verrückt werden.

Der Geist profitiert von einer solchen Dissoziation, wenn er ein Trauma erlebt. Ich möchte dieses Konzept erklären, denn es ist für das Verständnis des Completion Process wichtig. Eine Dissoziation ist eine psychische Verfassung, in der sich die Person von einer Erfahrung abspaltet; sie ist sozusagen ein Abwehr- bzw. Bewältigungsmechanismus, mit dessen Hilfe wir unangenehme Erfahrungen vermeiden können. Dissoziationen können schwach oder stark ausgeprägt sein.

Dissoziation kann sich, ähnlich wie ein Trauma, auf einer Skala abspielen. Die mildeste Form, am einen Ende der Skala, könnte sich einfach in Tagträumen zeigen, anstatt sich auf das zu konzentrieren, was man gerade macht oder erlebt. Oder es kommt zu Empfindungslosigkeit. In ihrer schlimmeren Form am anderen Ende des Dissoziationsspektrums ist die betroffene Person womöglich komplett von der Realität losgelöst und verliert zeitweise ihr Identitätsgefühl oder erschafft sich neue Identitäten. Das passiert manchmal, wenn jemand rituellen Missbrauch, sexuellen Missbrauch oder Kriegsgräuel erlebt hat.

Gehen wir von einem solchen Dissoziationsspektrum aus, verstehen wir auch, dass der eine seine Wutgefühle ablehnt, jemand anderes sich dagegen völlig von seiner Identität abtrennt, um einem schlimmen Ereignis zu entrinnen. Jede Art von Dissoziation erzeugt eine Spaltung in der Person, zwischen dem bewussten Selbst und dem unterbewussten Selbst. Treten solche Dissoziationen häufig auf, gibt es in uns viele abgespaltene Teile.

Durch das dissoziative Abspalten einer Erfahrung wird sie aus der bewussten Wahrnehmung herausgehalten, damit man die schmerzlichen oder unangenehmen Gefühle, die damit verbunden sind, nicht ertragen muss. Für den Geist ist das nützlich, weil seine Priorität das Überleben ist – nicht nur das physische Überleben, sondern auch das psychisch-mentale und emotionale Überleben. Ein kleines Kind, welches von einer Person abhängig ist, durch die es missbraucht wird, hat keine andere Wahl, als seine Bindung an diese Person beizubehalten.

Die kognitive Dissonanz, die mit dem »Zusammenleben mit dem Monster« assoziiert wird, kann so stark werden, dass man in der Atmosphäre solch großen Schreckens gar nicht mehr leben könnte. Durch die Unterdrückung der Erinnerung an den Missbrauch wird die Bindung an den Erwachsenen, der den Missbrauch begeht, aufrechterhalten und damit das Überleben gesichert.

Im Laufe des Completion Process kommen Ihnen vielleicht viele vergessene Erinnerungen hoch, ebenso wie weitere Einzelheiten zu Erinnerungen, die Ihnen bereits bewusst sind. Sie erkennen, wie traumatisch bestimmte Erfahrungen aus der Vergangenheit waren und wie sehr Sie in Ihrem derzeitigen Leben davon geprägt sind.

Das zurückgewiesene Selbst geht nicht einfach weg

Wir werden in Ganzheit geboren, aber diese Ganzheit ist sehr kurzlebig, weil wir von Beziehungen abhängig sind. Werden wir in Familienbeziehungen hineingeboren, von denen wir abhängig sind und die uns in eine nicht besonders weit entwickelte Gesellschaft sozialisieren, kann das problematisch sein, weil wir dann lernen, dass manche unserer persönlichen Aspekte akzeptabel sind und andere nicht. Was akzeptabel bzw. inakzeptabel ist, hängt von der Betrachtungsweise der Familie ab, in die wir hineingeboren werden.

Die Aspekte, die als inakzeptabel betrachtet werden (sowohl positive wie negative), werden von unseren Familienangehörigen abgelehnt, die akzeptablen werden begrüßt. Weil wir in einer abhängigen Beziehung stehen, tun wir um des Überlebens willen alles, um diejenigen unserer persönlichen Aspekte, die missbilligt werden, zurückzuweisen (und damit zu unterdrücken) und diejenigen, die gebilligt werden, überzubetonen.

Der Selbsterhaltungstrieb der Dissoziation ist tatsächlich unser erster Akt der Selbstablehnung. Stellen Sie sich zum Beispiel ein Kind vor, welches in eine Familie hineingeboren wird, in der Wut als emotionaler Ausdruck nicht akzeptiert wird. Wird das Kind wütend, muss es sich schämen, und deshalb unterdrückt und leugnet es seine Wut, um in der Familie überleben zu können. Mit der Zeit wandert die Wut ins Unterbewusstsein.

Als Erwachsener bzw. Erwachsene ist sich diese Person ihrer inneren Wut höchstwahrscheinlich überhaupt nicht bewusst. Sie will und kann sich nicht klar erkennen, weil sie diesen Aspekt ihrer selbst zurückgewiesen hat. Sagen ihr dann die Leute, sie wirke wütend, kann sie damit überhaupt nichts anfangen und hält sich wahrscheinlich nur für locker und unkompliziert.

Wir wissen also: Wenn wir etwas ablehnen (und damit unterdrücken), verschwindet es keineswegs, sondern entschwindet nur unserer bewussten Wahrnehmung. Um die verdrängte Erinnerung anzuerkennen, bringen Sie genau die Angst vor Zurückweisung hoch, die Sie, als Sie noch klein waren, unterdrückt haben, und haben womöglich das Gefühl, Sie würden sterben. Kein Wunder also, dass vollständige Selbstbewusstheit und Selbsterkenntnis so schwer zu erreichen ist.

Wir sind alle sozialisiert worden und haben daher alle diesen Prozess der Abspaltung durchlaufen. Wir werden erwachsen und nehmen manche Teile an und lehnen andere Teile ab. Aus dieser Selbstablehnung wird Selbsthass geboren. Die Leere, die wir fühlen, ist auf diese abgelehnten (und damit unterdrückten) Anteile unserer selbst zurückzuführen. Unsere Seele will nur eins: Uns wieder ganz machen.

Auf unserem Weg durchs Leben werden uns alle Chancen geboten, wieder ganz zu werden. Aber um zur Ganzheit zurückzukehren, müssen wir diejenigen unserer Aspekte erkennen und akzeptieren, die auf diesem Weg abgelehnt und unterdrückt wurden. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie unglaublich schmerzlich das ist. Selbsterkenntnis fällt Menschen, die Schmerzen vermeiden, nicht von alleine in den Schoß, denn um sich diese verloren gegangenen Aspekte bewusst zu machen, müssen wir damit aufhören, der inneren Leere entkommen zu wollen.

Attraktion und Projektion

Was passiert nach jahrelanger Selbstablehnung? Vielleicht fangen wir an, einen Charakterzug, den wir abgelehnt (und damit unterdrückt) haben, überzukompensieren. Eine Person, die beispielsweise den Streber in sich unterdrückt, wird apathisch und teilnahmslos. Ein Mensch, der seinen apathischen Aspekt unterdrückt, wird zum Streber, der in allem der Beste sein muss. Das Gesetz der Anziehung bzw. Attraktion gilt für all unsere Extreme. Wir passen zu denen, die uns unsere eigenen unterdrückten Aspekte spiegeln. Diese Menschen ziehen uns an, obwohl sie scheinbar unser Gegenteil sind, weil der abgelehnte Anteil unserer selbst nach wie vor tief in uns verborgen ist.

Deshalb sind unsere Beziehungspartner (bzw. die Menschen, die uns am nächsten stehen) oft so gegensätzlich: Sie sind unsere Spiegel, die uns die Eigenschaft widerspiegeln, die wir unterdrückt haben, und wir spiegeln ihnen den Aspekt, den sie unterdrückt haben. Das heißt, die apathische Person gerät an eine ehrgeizige Person, und beide fügen sich gegenseitig Schmerzen zu, weil beide den jeweils anderen an den abgelehnten eigenen Aspekt erinnern.

Das folgende Diagramm kann Ihnen helfen, besser zu verstehen, was die Vorstellung des verlorenen Selbst mit der Anziehung zu tun hat: Die weißen Teile des Tortendiagramms stehen für das Bewusstsein, die schwarzen Teile für das Unterbewusstsein. Wären die Kreise für Person 1 und Person 2 völlig weiß, wären die beiden vollkommen bewusst. Aber das sind sie nicht; beide Personen haben eine Reihe schwarzer Tortenstücke, die für einen abgelehnten und unterdrückten unterbewussten Aspekt stehen. Jeder von uns drängt von Natur aus zur Ganzheit, und deshalb zieht es uns zu den bewussten Aspekten einer anderen Person, die unterbewusst in uns vorhanden sind.

Erkennen Sie die Polarität der beiden Kreise? Zusammen ergeben Sie ein Ganzes, einen komplett weißen Kreis – er steht für die Ganzheit des Selbst. Jede Person spiegelt der anderen Person, was in ihrem Selbst fehlt.


Entscheidend dabei ist: Wir erkennen in anderen Dinge, deren wir in uns selbst völlig unbewusst sind. Das ist das Wesentliche an Projektionen. Wenn wir unsere eigenen negativen Aspekte (die wir früher abgelehnt haben) in anderen sehen, löst das eine Reaktion aus, und zwar dieselbe Reaktion, die wir bereits vor langer Zeit darauf hatten: Wir lehnen diesen Aspekt ab, hassen ihn, wollen ihn loswerden und alles tun, um ihn zu vermeiden!

Sehen wir andererseits unsere eigenen positiven Aspekte (die wir früher abgelehnt haben) in einer anderen Person, dann verlieben wir uns, weil uns das wie unsere Chance vorkommt, wieder ganz zu werden. Wir wollen mehr davon. Wir werden danach süchtig. Wir himmeln die Person an, stellen sie aufs Podest, machen sie zum Idol. Genau das passiert, wenn Mädchen massenweise auf Popkonzerten herumkreischen. Diese Mädchen projizieren die positiven Aspekte, die sie in sich selbst abgelehnt haben – meistens ein Gefühl der Wichtigkeit – auf die Person auf der Bühne.

Unsere abgelehnten Aspekte zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie für uns völlig unsichtbar sind und für andere vollkommen sichtbar. Und wissen Sie was? Genauso soll es auch funktionieren. Projizieren ist nichts Falsches oder Schlechtes; es ist ganz normal.

Hier ist eine wichtige Lektion: Jede extreme Abneigung gegen einen Charakterzug in einer anderen Person spiegelt das Maß der Ablehnung wider, die wir gegen eben diesen Charakterzug bzw. potenziellen Charakterzug in uns selbst entwickelt haben. Je mehr wir etwas an einem anderen Menschen hassen, desto stärker haben wir genau diese Eigenschaft vor langer Zeit an uns selbst abgelehnt. Und auch je mehr wir etwas an einem anderen Menschen lieben, desto mehr haben wir es an uns selbst vor langer Zeit abgelehnt.

Projektionen – eine Klarstellung

In unserer Kultur herrscht ein allgemeines Missverständnis vor, was Projektionen angeht und das ich klarstellen möchte. Angeblich projizieren wir unser eigenes abgelehntes Selbst auf jemand anderen, der diese Eigenschaften überhaupt nicht aufweist. Aber so funktioniert es nicht; Projektionen verlaufen so gut wie immer in beide Richtungen.

Oft projizieren wir etwas auf eine andere Person, was tatsächlich in dieser Person drinsteckt. Wir weisen womöglich dieselbe Eigenschaft auf oder auch nicht; aber egal, wie es nun ist, wir erkennen diesen Charakterzug, denn bei ihrem Anblick bricht die alte Verletzung wieder auf, die wir nach wie vor in uns tragen, weil wir diesen Aspekt in uns abgelehnt haben. Auch wenn jemand etwas auf uns projiziert, müssen wir mit dieser Erfahrung mitschwingen –oder anders ausgedrückt: Auch die Erfahrung, dass auf uns etwas projiziert wird, spiegelt etwas wider, was in uns abgelehnt und zurückgewiesen wurde.

Projizieren hat sich zu einer der meistgenutzten Ablenkungstechniken aller Zeiten entwickelt. Oft dienen Projektionen auch als faule und bequeme Ausrede, um keinen objektiven Blick auf sich selbst werfen zu müssen. Sie sagen einfach: »Du projizierst ja nur«, wenn jemand in Ihnen einen negativen Aspekt ausmacht.

Doch in Wahrheit können wir einen anderen Menschen erst dann bewusst und klar wahrnehmen, wenn wir uns unserer selbst vollständig bewusst sind, sonst betrachten wir die anderen weiterhin durch den Filter unseres Unterbewusstseins. Jedes Mal, wenn wir uns weigern, uns selbst anzuschauen, und sooft wir dann sagen: »Du projizierst ja nur«, um das zu verbergen, verpassen wir die Chance, einen klaren Blick auf uns selbst zu werfen. Und wir verpassen auch die Chance, unsere Welt und uns gegenseitig klar zu sehen und zu erkennen.

Jeder projiziert. Unser Ziel sollte also nicht darin bestehen, mit dem Projizieren aufzuhören, sondern vielmehr, uns unserer selbst so weit wie möglich bewusst zu werden. Wir können unsere extremen negativen Reaktionen auf andere und auch unsere positiven Reaktionen als die perfekte Chance zur Selbsterkenntnis betrachten.

Außerdem ist es ungesund, andere Menschen bzw. bestimmte Aspekte zu be- und verurteilen; je mehr wir etwas an einem Menschen ablehnen, desto mehr verschlimmern wir unsere eigenen Verletzungen. Indem wir im anderen etwas ablehnen, lehnen wir genau das in uns selbst ab – ein weiterer guter Grund, der dafür spricht, unsere verborgenen Aspekte anzuschauen und aufzulösen, anstatt uns davon immer wieder von Neuem Schaden zufügen zu lassen.

Wenn wir Teile unserer selbst weiterhin ablehnen (und unterdrücken), werden wir unauthentisch. Wir sind nicht mehr unser wahres Selbst. Wir leben eine Fassade, die wir für unser wahres Selbst halten. Das ist ein äußerst schmerzlicher Zustand. Irgendwann kommt es dann zu dem, was ich als »Symptome des Durchbruchs« bezeichne: Die Fassade, die wir der Außenwelt präsentieren, ist wie ein Stück Zellophan. Übt ein unterdrückter Aspekt unserer selbst genug Druck aus, bildet sich eine Blase und durchbricht die Fassade; sie zerreißt wie ein Stück Zellophan. Das ist der Durchbruch.

Unsere unterdrückten Aspekte sind unseren Blicken verborgen. Sobald sie dann durch den Druck hervorbrechen, werden sie als physische Symptome sichtbar. Jemand hat beispielsweise seine Wutgefühle unterdrückt und hält sie meistens gut versteckt. Doch wenn sich genügend Druck aufbaut, kommt die Wut an die Oberfläche und zeigt sich als Hautausschlag – ein Beispiel eines Symptoms des Durchbruchs. In Wahrheit sind alle sichtbaren Symptome Anzeichen für ein tiefer liegendes Problem. Sie sind sozusagen die roten Flaggen, die uns zeigen, wo unsere bewusste Aufmerksamkeit benötigt wird.

Wenn wir an einem Punkt im Leben angelangt sind, an dem die ursprüngliche Bedrohung, die überhaupt erst zur Dissoziation und Abspaltung führte, nicht mehr vorhanden ist, beginnen uns die Symptome des Durchbruchs zu stören. Dann hören wir den Schrei unserer Seele nach Integration, weil wir uns so sehr danach sehnen, wieder ganz zu sein. Wir sind lebendige Organismen, und wie jeder lebendige Organismus auf dieser Erde streben wir nach Gesundheit. Deshalb bedarf es keines Gedankens der Heilung, um einen Schnitt am Finger heilen zu lassen. Der Körper ist von Natur aus im Zustand der Gesundheit bzw. Ganzheit, wir heilen uns von Natur aus selbst.

Ebenso versuchen wir von Natur aus, alle fehlenden Aspekte unserer selbst wieder zusammenzufügen.

Sie werden immer wieder auf Leute und Umstände treffen, die genau auf das hinweisen, was in Ihnen abgespalten ist, damit Sie zur Heilung und zur Ganzheit zurückfinden.

In einem ersten Schritt müssen wir herausfinden, wie wir das Auflösen und Zurückgewinnen unserer fehlenden Aspekte angehen können.

2. Verschüttetes ausgraben

Vielleicht kennen Sie die Ansicht: Um optimale Gesundheit zu erreichen, müssen körperliche, geistige und seelische Probleme angegangen werden. Diese drei Elemente eines Menschen werden seit Langem als die Pfeiler eines vollständigen, perfekten Lebens betrachtet. Und wenn ich jetzt hingehe und sage, das stimmt nicht so ganz?

Seele beschwört oft das Bild einer ätherischen, nicht greifbaren Energie herauf. Auch Gefühle und Emotionen sind ätherisch und nicht greifbar, und auch sie verstehen wir nicht so recht; manchmal bezeichnen wir unsere Emotionen sogar als unsere »Seele«. Genau deshalb zielen Ratgeber zur Heilung der Seele oft darauf ab, uns emotional ein besseres Gefühl zu geben.

Der emotionale Weckruf

Ich befürworte eine andere Betrachtungsweise. In Wahrheit ist unsere Seele von Natur aus gesund und kann deshalb gar nicht in einer ungesunden Verfassung sein. Wenn ich von der Seele spreche, dann meine ich damit unsere nicht-physische, ewige Essenz. Unsere Seele ist Energie; sie erzeugt Gefühle und auch unseren Geist und unseren Körper. Alle drei Elemente eines Menschen bestehen eigentlich aus der Seele. Unser Körper ist unsere Seele, auf die physische Ebene projiziert. Unser Geist ist unsere Seele, auf die mentale Ebene projiziert. Gefühle sind das Mittel der Seele zur bewussten Wahrnehmung und Kommunikation.

Die drei Säulen der Gesundheit sind also Körper, Geist und Emotion, wobei Emotionen die Sprache der Seele sind. So betrachtet ist der Schlüssel zu »seelischer« Gesundheit die »emotionale« Gesundheit.

Mit dem Wort Seele bezeichnen wir den Kernaspekt einer Person; im Englischen und auch im Deutschen werden die Begriffe Seele und Herz manchmal synonym verwendet. Deshalb sagt jemand, der aus der Tiefe seiner Seele spricht: »Ich weiß aus tiefstem Herzen, dass …« Das heißt: Tief drinnen wissen wir, dass das Herzstück bzw. der Kern unserer Erfahrungen im Leben nicht mentaler oder physischer Art ist, sondern mit Gefühlen und Emotionen zu tun hat.

Das ist auch völlig logisch; Babys und Kinder erleben die Welt fast vollständig durch gefühlte Wahrnehmung. Gefühle und Emotionen sind nicht nur das Herzstück unseres irdischen Lebens, sondern auch das Herzstück unserer Beziehungen. Und weil Gefühle und Emotionen das Herzstück von Beziehungen sind, tragen sie meist auch den größten Schaden davon.

Kinder großziehen, die gesund und ganz sind

Auch heutzutage wollen viele Eltern nach wie vor ein gehorsames, gefügiges Kind haben, anstatt ihre Kinder zu gesunden Erwachsenen zu erziehen. Das Ziel heißt: ein Kind großziehen, das »gut« ist. Unser Rechtssystem verfolgt in Bezug auf Kriminalität genau denselben Ansatz. Wir wollen das, was als falsches Verhalten wahrgenommen wird, korrigieren und gute Bürger heranziehen. Um die Gefühle, die solches Fehlverhalten motivieren, kümmern wir uns dagegen nicht.

Gute Kinderziehung hat mit Emotionen zu tun, genauso wie gute Beziehungen mit Emotionen zu tun haben. Die meisten Eltern machen in dieser Hinsicht entscheidende Fehler: Erstens missbilligen sie die Emotionen ihrer Kinder, zweitens nehmen sie sie nicht ernst, und drittens bieten sie dem Kind keine praktische Hilfestellung.

Ein Beispiel: Der kleine Joey will nicht zur Schule gehen und fängt jedes Mal an zu weinen, wenn sein Vater oder seine Mutter ihn an der Schule absetzt. Die Mutter missbilligt das und schimpft Joey aus oder bestraft ihn mit einer Tracht Prügel oder indem sie ihn nicht mehr auf den Spielplatz lässt. Vielleicht tut sie Joeys Emotionen auch ab und sagt: »Das ist doch dumm. Du hast überhaupt keinen Grund, traurig darüber zu sein, dass du zur Schule musst. Jetzt hör gefälligst auf, so finster zu gucken.« Oder sie lenkt Joey von seinen Emotionen ab, gibt ihm einen Keks oder lenkt seine Aufmerksamkeit auf dem Weg zur Schule auf ein Pferd auf der Wiese.

Manche Eltern zeigen zwar Empathie, aber sie können dem Kind nicht weiterhelfen. Die Mutter sagt Joey vielleicht, es sei in Ordnung, traurig oder ängstlich zu sein, aber gleichzeitig unterstützt sie ihn nicht dahingehend, zu entscheiden, was er denn nun mit seinen unangenehmen Gefühlen machen kann. Höchstwahrscheinlich hinterlässt sie bei Joey das Gefühl und die Überzeugung, seine Emotionen seien so allesüberwältigend, dass er ihnen ohnmächtig ausgeliefert ist.

Kinder, die in einem ungesunden emotionalen Umfeld aufwachsen, sind nicht in der Lage, sich selbst zu beruhigen. Oft können sie sich emotional nicht mit ihrer Familie verbinden. Da sie zu Hause keine Nähe aufbauen können, fühlen sie sich furchtbar isoliert und allein, was wiederum zu gesundheitlichen Problemen führen kann.

Solche Kinder sind als Erwachsene oft nicht fähig, mit ihren Emotionen gut umzugehen, und haben Schwierigkeiten, funktionierende Beziehungen zu führen. Viele von ihnen entwickeln Beziehungen voller Ohnmacht und gegenseitiger Abhängigkeit. Sie haben zwar ein tiefes Bedürfnis nach anderen Menschen, leiden aber gleichzeitig unter einer extremen Angst vor Nähe.

Die wichtigste Ursache für soziopathisches und psychopathisches Verhalten bei Erwachsenen ist meiner Meinung nach ein ungesundes emotionales Umfeld in der Kindheit. Dabei darf man nicht vergessen: Emotionale Funktionsstörungen sind schwieriger zu erkennen als offenkundiger Missbrauch. Viele Serienkiller und Amokläufer in Schulen kamen angeblich aus »gesunden Familien«, doch dieses familiäre Umfeld war keineswegs gesund. Vielleicht physisch betrachtet – sie hatten genug zu essen und Kleidung, hatten vielleicht sogar viele Vorteile –, aber hinter diesem schönen äußeren Schein war die Familie emotional extrem dysfunktional und hat diese Menschen so geschädigt, dass sie mit anderen Menschen nicht in Verbindung treten konnten.

Emotionale Ablehnung und Missbilligung sind Formen emotionalen Missbrauchs. Wenn Eltern eine Emotion des Kindes abtun oder missbilligen, übernimmt das Kind mit der Zeit diese Einschätzung der Eltern. Es lernt, sein eigenes Urteil anzuzweifeln, und verliert sein Selbstvertrauen. Wird die Beziehung von emotionaler Dysfunktion bestimmt, lernt das Kind, dass sein Gefühl falsch ist.

Die Crux dabei ist: Das Kind lernt, dieses Gefühl als falsch zu bewerten, aber es fühlt es trotzdem und ist irgendwann davon überzeugt, an ihm selbst sei etwas falsch.

Langfristiger Schaden

Es sind nicht die unangenehmen Gefühle, die uns wehtun, sondern unser Widerstand dagegen. Die Praxen der Psychiater sind voll von Leuten, die in emotional gestörten Familien aufgewachsen sind. Diese Menschen wachsen heran und glauben, mit ihnen stimme etwas nicht, weil sie etwas fühlen, was sie nicht fühlen sollten, doch in Wirklichkeit sind genau diese Gefühle sehr wohl angebracht; die Menschen haben sehr gute Gründe dafür, und die Vorstellungen, mit ihnen stimme etwas nicht, etwas an ihnen sei »verkehrt«, ist ein Trugschluss, zu dem sie kommen, weil ihre Emotionen immer wieder abgelehnt wurden.

Das ständige Ablehnen unserer Emotionen ist einer der Hauptgründe für Angst. Angststörungen sind sehr oft die Folge von extremen Selbstzweifeln und Misstrauen gegen sich selbst; Letzteres bzw. die Angst vor sich selbst ist wiederum auf die Überzeugung zurückzuführen, dass wir das, was wir fühlen, nicht fühlen sollten. Wenn man Angst vor sich selbst hat, ist man ständig in Angst; der Feind, mit dem man lebt, steckt sozusagen in der eigenen Haut.

Ich glaube, Psychiatrie und Psychologie werden sich in Zukunft weiterentwickeln und die vielen psychischen Störungen, die unserer Meinung nach Symptome verursachen, selbst als Symptome begreifen. Was heute als psychische Erkrankung betrachtet wird, wird dann als Versuch der Anpassung an Erfahrungen verstanden, die jemand meistens schon früh im Leben durchgemacht hat.

Langer Rede kurzer Sinn: Wenn unsere Eltern uns nicht beigebracht haben, wie wir mit unseren eigenen Emotionen umgehen sollten, sind wir unweigerlich zu schmerzvollen Freundschaften und unerfüllten Liebesbeziehungen verdammt, weil wir nicht wissen, wie wir emotional miteinander in Verbindung treten können. Wir schaffen es nicht, echte Nähe zu entwickeln, und neigen dazu, die Emotionen des anderen abzulehnen und nicht ernst zu nehmen, denn so wurde es uns vorgelebt. Wir lehnen die Gefühle der anderen Person ab und sagen ihr, was sie fühlen sollte und was nicht. Wir haben keine Geduld mit den emotionalen Bedürfnissen anderer Menschen, weil wir Emotionen und Gefühle als Schwächen betrachten. Leute, die ihre Emotionen zeigen, halten wir für »überempfindlich«. Und so führen wir als Erwachsene emotional ungesunde Beziehungen.

Unsere Beziehungen als Erwachsene können auf viele Weise von der emotionalen Vernachlässigung in der Kindheit geprägt werden und emotional gestört sein.

Man stelle sich beispielsweise eine Frau vor, die mit ihrer Freundin zu Mittag isst. Sie ist enttäuscht, weil sie nicht die erwartete Beförderung bekommen hat, aber ihre Freundin sagt zu ihr, sie sei einfach negativ und müsse auch einmal das Positive sehen, weil sie mit ihrer Negativität nur noch mehr Enttäuschungen schaffen würde.

Oder der Mann, der zu spät von der Arbeit nach Hause kommt und sobald er durch die Haustür tritt, seine weinende Frau sieht. Er sieht sie weinen und sagt sofort: »Immer musst du gleich überreagieren. Ich bin nur eine halbe Stunde später dran. Vielleicht leidest du einfach unter den Wechseljahren. Du musst zum Arzt oder zur Therapeutin.« Und dann verzieht er sich vor den Fernseher.

Oder ein Mann, der sich in Scheidung befindet. Er erzählt seinen Freunden, was los ist, und sie überreden ihn, mit ihnen auszugehen. Doch wenn sie sich dann treffen, erkennt keiner an, dass er gerade eine schwierige Zeit mit seiner Beziehung durchmacht. Sie sagen ihm, er solle einfach nicht mehr daran denken, noch ein Glas trinken, mit ihnen Sport gucken und doch mal einen Blick auf die hübschen Mädels an der Bar werfen.

Emotionen und Intimität

Egal, ob es um eine Freundschaft oder um eine Liebesbeziehung geht: Emotionen und Gefühle sind das Herzstück einer jeden gesunden und sinnvollen Beziehung. Ohne ein gesundes Gefühlsleben ist eine Beziehung keine Beziehung, sondern ein soziales Übereinkommen ohne Nähe bzw. Verbindung.

Bei Nähe bzw. Intimität geht es nicht um Sex. Das ist wichtig. Sex mag ein Nebenprodukt von Intimität sein, aber er hat an und für sich nichts mit Intimität zu tun. Intimität bedeutet, die Beteiligten wissen, wer sie selbst in allen Lebensbereichen wirklich sind, und auch andere Menschen kennen ihr wahres Selbst. Durch diese intime Nähe zeigen sich zwei Personen die Wahrheit über sich selbst und nehmen sich gegenseitig an. Intimität bringt Menschen im Herzzentrum zusammen, wo Empathie und Verständnis erfahren werden können.

Intimität heißt, in den anderen hineinschauen, um sich auf tiefer Ebene miteinander zu verbinden. Wenn der Kern unseres Wesens unsere Gefühle sind und die Sprache der Seele die Gefühle sind, dann ist der wichtigste Teil der Intimität die emotionale Verbindung zueinander und das gegenseitige Verständnis unserer Gefühle.

Letztendlich bedeutet das: Emotionen sind wichtig. Wir müssen die Bedeutung und den Wert unserer Gefühle erkennen, unsere Emotionen gegenseitig respektieren. Wir müssen auf die Gefühle lauschen, die hinter den Worten stecken. Wir müssen uns öffnen, um verstanden zu werden, und uns öffnen, um andere zu verstehen. Diese Ebene von Verstehen sollte jedem guten Rat vorausgehen. Indem Sie jemandem erzählen, wie er oder sie sich fühlen sollte oder nicht, bringen Sie dieser Person bei, sich selbst zu misstrauen und zu denken, dass etwas an ihr verkehrt sei.

Die Beziehung zu sich selbst verbessern

Jetzt kommen wir zu einem der wichtigsten Punkte im Hinblick auf die emotionale Gesundheit. Sie haben mit sich selbst eine Beziehung, und das heißt, Ihre eigenen Emotionen sollten Ihnen wichtig sein. Es ist sehr wichtig, sie anzuerkennen und sie nicht etwa abzulehnen oder zu missbilligen, so wie man Ihnen das vielleicht als Kind beigebracht oder gezeigt hat.

Dazu empfehle ich Ihnen, die nachfolgend ausgeführten sechs Schritte auf Ihre Beziehung zu sich selbst anzuwenden. Das wird Ihnen helfen, mit jeglichen eventuell auftretenden negativen Emotionen oder inneren Konflikten umzugehen.

1 Nehmen Sie Ihre Emotionen bewusst wahr. Achten Sie darauf, wie sie sich im Körper manifestieren und mit welchen Empfindungen sie einhergehen.

2 Kümmern Sie sich um Ihre Emotionen; erkennen Sie sie als gültig und wichtig an. Wir haben die Tendenz, unsere Emotionen wie eine abstrakte Plage zu behandeln. Um mit Emotionen arbeiten zu können, müssen wir anerkennen, dass sie einen Daseinsgrund haben, dass sie uns helfen und nicht behindern wollen.

3 Hören Sie empathisch auf Ihre Emotionen und versuchen Sie zu verstehen, warum Sie so fühlen, wie Sie fühlen. Lassen Sie ein Gefühl der Sicherheit und Verletzlichkeit zu, ohne Angst vor Selbsturteilen. Versuchen Sie, Ihre Emotionen und Gefühle wirklich zu verstehen.

4 Erkennen Sie die Zulässigkeit Ihrer eigenen Gefühle an. Wenn das hilft, versuchen Sie, jede Emotion mit einer Bezeichnung zu versehen. Es ist zulässig, sich so zu fühlen. Vermeiden Sie selbstkritische Aussagen wie »Ich fühle mich so nutzlos«. Bestätigen Sie sich selbst und sagen Sie: »Ich kann genau erkennen, wie das, was passiert ist, mir das Gefühl geben konnte, nutzlos zu sein, und es ist in Ordnung, dass ich mich so fühle.«

5 Lassen Sie die Gefühle zu, die Sie fühlen, und leben Sie Ihre Emotionen voll aus, bevor Sie sich daranmachen, sie zu verbessern. Gestehen Sie sich zu, zu sagen, wann Sie so weit sind. Setzen Sie sich dabei nicht unter Zeitdruck. Praktizieren Sie bedingungslose, fokussierte Präsenz und lieben Sie sich selbst bedingungslos, bis Sie bereit sind, in eine neue Emotion zu wechseln.

6 Nachdem (und wirklich nachdem) Sie sich Ihre Emotionen voll und ganz zugestehen, sie anerkennen und fühlen können, sollten Sie sich strategische Möglichkeiten überlegen, wie Sie mit Ihren Reaktionen am besten umgehen können, wie Sie bestimmte Situationen anders betrachten können, um sich besser damit zu fühlen. Erteilen Sie sich selbst den freundlichsten und bestmöglichen Rat, und wenn der Zeitpunkt für eine Veränderung nicht der richtige ist, üben Sie bitte keinen Druck aus. Es wird passieren, wann es eben passiert.

Umgang mit den Emotionen anderer Menschen

Wie wir mit den negativen Emotionen anderer umgehen, bestimmt, wie gesund bzw. ungesund unsere Beziehungen sind. Bevor wir in den Completion Process einsteigen, müssen wir lernen, negative Emotionen in unseren Beziehungen richtig anzugehen. Für die Entwicklung von mehr emotionaler Verbindung und Intimität zu einem anderen Menschen können Sie mit den bereits beschriebenen sechs konkreten Schritten arbeiten. Das funktioniert bei Kindern ebenso wie bei Erwachsenen. Diese Schritte sind goldrichtig, wenn Sie in einer Beziehung mit negativem Feedback oder mit einem Konflikt zu kämpfen haben. Dabei gilt es, folgende Schritte zu berücksichtigen:

1 Achten Sie auf die Emotionen der anderen Person und beobachten Sie, wie sich deren Körpersprache verändert. Wir neigen dazu, in unserer eigenen Seifenblase zu leben, und müssen uns mehr auf die Menschen um uns herum einstimmen, damit wir im Falle einer emotionalen Reaktion ihrerseits das auch wirklich empathisch fühlen können.

2 Nehmen Sie die Emotionen der anderen Person ernst, erkennen Sie sie als wichtig und gültig an, so wie Sie das mit Ihren eigenen Emotionen tun würden.

3 Hören Sie mit Empathie auf die Emotion des anderen, um zu verstehen, wie sich dieser Mensch fühlt. Wenn er sich sicher fühlt, kann er sich verletzlich zeigen, ohne Angst vor Verurteilung zu haben. Versuchen Sie zu verstehen, anstatt beizupflichten.

4 Gestehen Sie dieser Person ihre Gefühle zu, erkennen Sie sie an, eventuell auch indem Sie ihr helfen, sie in Worte zu fassen und zu benennen. Dieses Zugestehen und Anerkennen heißt nicht, dass wir die Gedanken über ihre Emotionen für richtig halten; wir müssen diesen Menschen einfach wissen lassen, dass seine Gefühle in Ordnung sind. Sagt ein Freund beispielsweise zu Ihnen: »Ich fühle mich so nutzlos«, dann heißt anerkennen nicht, zu sagen: »Du hast recht; du bist nutzlos.« Vielmehr könnten Sie stattdessen sagen: »Mir ist völlig klar, warum du dich dadurch nutzlos fühlst, und ich würde mich an deiner Stelle genauso fühlen.«

5 Lassen Sie die Person ihre Gefühle und Emotionen voll und ganz ausleben, bevor Sie sich aufmachen, daran etwas zu verbessern. Wir müssen ihr zugestehen, selbst zu bestimmen, wann es so weit ist, ohne ihr unsere eigenen Vorstellungen aufzudrängen. In diesem Schritt praktizieren wir bedingungslose, fokussierte Präsenz und bedingungslose Liebe. Wir sind für den anderen da, um ihn zu unterstützen, aber ohne zu versuchen, ihn »in Ordnung« bringen zu wollen. Falls die Person Ihre Unterstützung in dem Moment nicht annimmt, seien Sie bitte nicht beleidigt. Ihr Hilfsangebot hat eine wohltuende Kraft, und mit Ihrem Angebot bieten Sie dem anderen einfach Ihre Liebe an, ganz egal, was jemand damit macht oder nicht.

6 Nachdem – und wirklich erst nachdem – die Gefühle des anderen zugestanden, anerkannt und voll und ganz gefühlt wurden, können Sie dieser Person helfen, mit ihren Reaktionen auf ihre Gefühle umzugehen. Jetzt können Sie auch neue Möglichkeiten vorschlagen, wie man die Situation betrachten könnte, um so eventuell bessere Gefühle zu erzeugen. Jetzt können Sie auch Ratschläge anbieten.

Was soll denn das ganze Drama?

Drama bedeutet ursprünglich »Handlung« und wird hauptsächlich in der Welt der darstellenden Künste und des Theaters verwendet. In Bezug auf unser Gefühlsleben sprechen wir jedoch auch oft von Drama, wenn es um Zustände, Situationen oder Ereignisse bzw. Abfolgen von Ereignissen geht, die mit einem intensiven Konflikt verbunden sind.

Man bringe beides zusammen, und schon hat man die Definition für eine dramatische Person, die agiert, als ob sie sich in einem intensiven Konflikt befände, und die wir als »Drama-Queen«, also »Drama-Königin«, oder als »Drama-König« bezeichnen. Sie wissen schon, welche Art von Leuten ich meine: Sie agieren, als ob die Dinge viel schlimmer seien, als sie Ihrer Meinung nach sind. Deshalb geht Drama mit einem Stigma einher. Oft hören wir Leute sagen: »Ich hab genug von all dem Drama«, oder: »Der ist ja süchtig nach Dramen«, oder: »Sie ist einfach eine Drama-Königin.«

Das sehe ich überhaupt nicht so und möchte das deshalb hier einmal klarstellen: Wenn es um die emotionale Erfahrung eines Menschen geht, gibt es so etwas wie Drama nicht. Indem Sie ein Urteil abgeben und finden, jemand »zieht ein Drama ab« oder sei einfach nur dramatisch drauf, werten Sie diese Person ab und beschämen sie wegen ihrer Gefühle. Doch ich versichere Ihnen: Diese Gefühle sind sehr real.

In Wirklichkeit überreagiert niemand. Die Menschen reagieren genau so, wie sie ihre jeweilige Realität empfinden. Allerdings muss auch klar sein: Unsere Wahrnehmung der Realität ist nicht dieselbe.

Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie sind verheiratet und vergessen immer wieder mal, Ihren Ehering zu tragen; Sie haben ihn meinetwegen gedankenverloren auf dem Waschbecken liegen lassen und ihn nicht wieder angesteckt. Ihre Ehefrau regt das sehr auf; sie heult Ihnen zwanzig Minuten lang etwas vor und schreit sie an.

Sie schauen Ihre Frau an und denken vielleicht: »Mein Gott, die ist ja echt dramatisch drauf.« Immerhin lieben Sie sie ja noch, und es ist doch nur ein Ring. Sie haben nur vergessen, ihn wieder anzulegen. Ihre Sichtweise ist also: Entweder spielt Ihre Herz-allerliebste sich auf, um Ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen, oder sie überreagiert.

Aber jetzt wollen wir einmal kurz die Perspektive wechseln und schauen, wie Ihre Frau das sieht. Vielleicht sind Eheringe für sie ein sehr wichtiges und sichtbares Symbol der Liebe? Wenn Sie Ihren Ehering vergessen, ist ihre Realität: »Mein Mann hat mich vergessen oder liebt mich nicht mehr.« Und wer weiß, vielleicht wird dieser Gedanke durch negative Erinnerungen noch verschlimmert. Womöglich war sie schon einmal verheiratet; eines Tages kam sie nach Hause, ihr Mann war weg, und nur der Ehering lag noch auf dem Tisch, als Symbol dafür, dass alles vorbei war. Deshalb assoziiert Ihre Frau einen Ehering, der vergessen auf dem Tisch liegt, damit, verlassen zu werden.

Sie sehen also, dass sie Ihnen nur deshalb dramatisch vorkommt, weil Sie den Zusammenhang in diesem Moment nicht erkennen; Sie leben beide in verschiedenen Realitäten. Ihre Realität ist: Sie haben vergessen, ein Schmuckstück anzulegen, weil Sie geduscht haben. Die Realität Ihrer Frau dagegen sieht so aus: Sie lieben sie nicht mehr und werden sie verlassen.

Ist die Reaktion dann wirklich noch so überdramatisch? Wie Sie sehen, scheint sie vollkommen angebracht zu sein. Höchstwahrscheinlich würden Sie genauso reagieren, wenn Sie denken würden, Sie würden nicht geliebt und Ihre Frau würde Sie demnächst verlassen.

Wessen Sichtweise entspricht der Wahrheit?

Wenn wir jemanden für dramatisch halten, sagen wir oft zu dieser Person: »Sei doch vernünftig und schau mal, wie es in Wirklichkeit ist.« Doch damit sagen Sie auch, dieser Mensch sollte seine Perspektive an Ihre Perspektive anpassen. Diese andere Perspektive hilft manchmal durchaus, sich besser zu fühlen, aber das heißt nicht, dass Ihre Perspektive bzw. Ihr Verständnis der Realität richtig ist. Perspektive geht immer mit einer subjektiven Wahrheit einher.

Agiert jemand so, als wäre eine Situation schlimmer, als Sie meinen, bedeutet das wahrscheinlich, seine Situation ist schlimmer als die Situation, die Sie sich vorstellen. Oder anders ausgedrückt: Diese Person hat einer Situation eine Bedeutung zugemessen, die schmerzvoller ist als die Bedeutung, die Sie ihr zumessen.

Sie sehen also: Wir agieren vollkommen im Einklang mit der Realität, die wir wahrnehmen; wir agieren alle aus unserer persönlichen Wahrheit heraus. Wenn Sie das erst einmal erkennen und akzeptieren, wird Ihr Widerstand nachlassen und Sie können aufhören, die Gefühle des anderen kleinzumachen oder abzuwerten oder ihn für seine Gefühle zu beschämen. Dann sieht es nicht mehr nach Überreaktion aus, und Sie nehmen sein Verhalten nicht mehr so persönlich.

Sagt jemand: »Ich habe keine Lust mehr auf all das Drama in meinem Leben«, dann meint er damit meistens: »Ich habe genug von all den dramatischen Leuten in meinem Leben«, oder: »Ich habe genug von diesen ganzen zwischenmenschlichen Konflikten.« Doch bei Drama geht es nicht um die anderen, sondern um uns selbst. Ich weiß: Wenn ich mit jemandem in Konflikt bin, stehe ich mit mir selbst im Konflikt; dann führe ich gegen mich selbst Krieg. Das gilt für alle Menschen. Wenn wir von Drama umgeben sind, können wir dieses ganze Drama nicht einfach aus unserem Leben herausschneiden, weil wir selbst dieses Drama anziehen.

Und was passiert, wenn wir bestimmte Leute, die immer so dramatisch sind, aus unserem Leben heraushalten? Dann finden andere dramatisch veranlagte Menschen den Weg in unser Leben und füllen den frei gewordenen Platz aus. Das passiert so lange, bis wir erkennen, warum wir Konflikte in unser Leben ziehen. Wir ziehen unterdrückte Aspekte unserer selbst an und erzeugen damit einen Drama-Kreislauf.

Sollten Sie Drama hassen, gehören Sie wahrscheinlich zu den Menschen, die die Gefühle anderer Menschen häufig abwerten und ihnen sagen, sie seien ja so dramatisch, vermutlich weil Sie im Laufe des Lebens gelernt haben, Ihre eigenen Gefühle abzuwerten und diese Erwartungshaltung auch Ihren Mitmenschen auferlegen. Doch selbst wenn Sie sich wünschen, diese Gefühle nicht zu haben, ist es an der Zeit, sie sich einzugestehen und sich nicht mehr dafür zu schämen. Sobald Sie einem Drama gegenüber eine abwehrende Haltung einnehmen, denken Sie bitte immer daran: Niemand überreagiert, auch Sie nicht. Sie agieren immer vollkommen im Einklang mit der Realität, die Sie wahrnehmen. Sie nehmen eine bestimmte Realität so wahr, weil Sie zuvor bestimmte Erfahrungen gemacht haben – Erfahrungen, an die Sie womöglich nicht einmal mehr eine Erinnerung haben.

Jetzt fragen Sie sich vielleicht: Und wie soll ich mit etwas umgehen, an das ich mich nicht erinnern kann? Darum geht es im nächsten Kapitel, in dem wir genauer darauf eingehen, wie unterbewusste Erinnerungen und Auslöser unser Leben sabotieren und was wir dagegen unternehmen können. Ich werde insbesondere zwei Konzepte vorstellen, die ich persönlich für sehr effektiv halte: die Arbeit mit dem inneren Kind und mit dem menschlichen Schatten.

3. Verdrängtes ins Bewusstsein holen

Wie allgemein bekannt ist, werden Verhaltensweisen dem Unterbewusstsein in der formativen Periode zwischen Schwangerschaft bis hin zu einem Alter von acht Jahren einprogrammiert. Diese unterbewussten Programme prägen uns fürs Leben und sind auf das Beobachten von und Interagieren mit unseren primären Bezugspersonen in der Kindheit zurückzuführen, nämlich Eltern, Geschwister, Lehrer und Lehrerinnen, die Gemeinde und die Kultur. Leider kommen viele unserer Selbstwahrnehmungen in dieser formativen Periode als einschränkende Überzeugungen daher, mit denen wir uns selbst sabotieren. Noch stärker wirkt sich allerdings unser Fühlen dieser prägenden Erfahrungen auf uns aus.

Wie Emotionen aus der frühen Kindheit uns an die Vergangenheit binden

In unserer Kindheit war unser Geist und Verstand noch nicht voll entwickelt und wir haben die Welt weniger über unsere Gedanken als vielmehr über unsere Gefühle erfahren. Noch bevor wir die Welt sahen oder eine Vorstellung davon hatten, dass wir in einer Welt leben, haben wir diese Welt gefühlt.

Wir sind auf diese Erde gekommen, um uns selbst weiterzuentwickeln, in dem Wissen, dass sich dadurch auch die Menschheit kollektiv weiterentwickeln würde. Als wir in dieses Leben traten, übernahmen wir die Bewusstseinsebene unserer Eltern, um deren Bewusstsein und im weiteren Rahmen auch das Bewusstsein unserer gesamten Abstammungslinie weiterzuführen.

Das ist einer der Gründe, warum unsere eigenen kognitiven Gehirnfunktionen erst im Alter von etwa acht Jahren voll entwickelt sind. Die frühen Jahre davor verbringen wir hauptsächlich damit, Überzeugungen und Erfahrungen aus unserer Familie und unserer Kultur »herunterzuladen«. In dieser Zeit fühlen wir in erster Linie reaktiv, können also schmerzhafte Emotionen nicht wegdenken oder wegrationalisieren. Wenn unsere Traumata nicht aufgelöst werden, werden sie zu Verletzungen, die wir auch als Erwachsene noch mit uns herumtragen.

Spiegelbilder unserer selbst

Ist der kognitive Verstand erst einmal ausgebildet, können wir rational denken, was immer uns logisch und sinnvoll erscheint. Wenn Sie rational begründen könnten, warum Ihr Vater Sie im Alter von vier Jahren verlassen hat, würde Ihnen das kein so furchtbar schlechtes Gefühl machen. Wenn wir uns also aus unseren Gefühlen wegdenken könnten, hätten wir von unseren wichtigsten Bezugspersonen gar nicht erst Probleme und Themen »heruntergeladen«, die gelöst werden müssen.

Die Tatsache, dass wir im Alter von etwa acht Jahren die Fähigkeit entwickeln, rational und vernünftig zu denken, hat gravierende Auswirkungen, denn es impliziert, dass wir, wenn wir älter als acht Jahre sind, keine neuen emotionalen Traumata erleben. Das ergibt für Sie vielleicht keinen Sinn, denn als Ihre erste große Liebe Ihnen als Teenager oder in Ihren Zwanzigern das Herz brach, haben Sie darunter wahrscheinlich sehr gelitten, oder der Verlust Ihres Ehemanns mit vierzig hat Sie sehr geschmerzt.

Sage ich hier wirklich, all die Schmerzen, die Sie seit Ihrem achten Lebensjahr empfunden haben, wären nicht real oder nicht traumatisch? Nein, keineswegs. Vielmehr sage ich: Das Trauma, welches Sie durch den Verlust Ihres Ehemannes oder Ihrer Ehefrau erlebten, war ein Spiegelbild einer früheren Verletzung.

Im Beispiel einer Frau, die sehr stark unter dem Verlust ihres Mannes leidet, könnte das vielleicht darauf zurückzuführen sein, dass ihr Vater die Familie verlassen hat, als sie selbst vier Jahre alt war.

Das bringt uns zu der Erkenntnis, dass die Emotionen, die sie wegen des Verlusts ihres Ehemanns empfindet, eigentlich den Verlust des Vaters in der Kindheit widerspiegeln: Das war eine nicht verheilte Verletzung, die im Verlust des Ehemanns erneut zum Ausdruck kam; sie hofft im Grunde ihres Wesens immer noch, die alte, nicht verheilte Verletzung zu integrieren.

Dies ist ein Beispiel, welches klar aufzeigt, warum wir in den Completion Process mit folgendem Mantra einsteigen müssen: Wenn etwas wehtut, wenn wir draufdrücken, dann deshalb, weil bereits eine Verletzung existiert. Das heißt keineswegs, dass wir als Erwachsene kein Trauma mehr erleben; aber ein solches Trauma hat oft mit einer tiefer liegenden Grundursache zu tun.

Im Rahmen des Completion Process sollen Traumata aufgelöst werden, egal wie alt Sie waren, als das betreffende Trauma stattfand. Man kann damit beispielsweise eine Posttraumatische Belastungsstörung eines Kriegsheimkehrers beheben. Doch oft stellt sich heraus: Wir arbeiten zwar an einem Trauma, was unserer Meinung nach unseren aktuellen Stress verursacht, aber das eigentliche, wahre Trauma liegt tiefer, und das Trauma, das wir für unseren Stress verantwortlich machen, ist nur ein Spiegelbild eines früher erlebten Traumas. Das Gefühl der Ohnmacht, wenn ein Soldat sich im Krieg in der Schusslinie befindet, könnte beispielsweise das Gefühl der Ohnmacht widerspiegeln, welches dieser Soldat als Kind verspürt hat, während er bildlich gesprochen in der Schusslinie zwischen seinen Eltern stand, als diese sich scheiden ließen.

Fällt es Ihnen schwer, dieses Konzept anzunehmen? Dann möchte ich Sie bitten, vorerst mit Ihrem Urteil noch zu warten, diesen Prozess einfach auszuprobieren und dann aufgrund der direkten Erfahrung mit dem Completion Process ein Urteil zu fällen.

Wenn wir in diesen Prozess einsteigen, stellen Sie sich bitte vor, Ihre unangenehmen Emotionen von heute seien Seile, die Ihr heutiges Selbst an Ihre traumatischen Erinnerungen binden. Wenn Sie heute auf etwas emotional stark reagieren, heißt das, Ihr Trauma aus der Vergangenheit wurde getriggert und möchte integriert werden. Wir können dann die Emotion, die jetzt hochkommt, dazu nutzen, den Aspekt in Ihnen zu finden, der zurückgewiesen (und damit unterdrückt) wurde, ob das nun ein Persönlichkeitszug, eine Überzeugung, eine Erinnerung oder ein Gefühl ist. Sie finden und fühlen ihn, integrieren ihn dadurch wieder in ihr derzeitiges Gewahrsein und werden so wieder ganz. Auf dieser Prämisse baut der Completion Process auf.

Die Arbeit mit dem inneren Kind

Als Erwachsene meinen wir, unsere Kindheit sei zu Ende, aber das stimmt nicht. Unser kindliches Selbst bleibt in uns lebendig. Seine Wahrnehmungen und Überzeugungen wirken sich auf unser heutiges Denken, Fühlen und Handeln aus. Als Kind sind wir in den Schmerzen unserer Erfahrungen gefangen, ohne zu wissen, wie wir sie assimilieren oder heilen können. Wir konnten zu diesem Zeitpunkt nicht in unserer Ganzheit weiterleben. Und so stecken alte Gedanken, Gefühle und Erfahrungen in uns fest. Viele Menschen überleben und funktionieren von einem Tag zum nächsten, indem sie diesen Schmerz ignorieren.

In manchen Fällen werden die Gefühle so schmerzhaft, dass wir, um überhaupt funktionsfähig zu sein, den Teil, der diesen bestimmten Schmerz zuerst erlebt hat, ablehnen und zurückweisen. Im Wesentlichen haben wir als Kind unser inneres Selbst begraben –ein Bewältigungsmechanismus, der uns damals sehr dienlich war, aber letztendlich kann uns dieses Unterdrücken des Schmerzes das Leben kosten. Dieser Schmerz, an dem wir festhalten, kann nur geheilt und assimiliert werden, wenn wir bereit sind und den Mut haben, unsere Aufmerksamkeit zurück auf das Kind zu richten, welches in der Zeit erstarrt ist. Wir müssen uns anhören, was uns dieses Kind zu sagen hat, und dieses innere Kind so lieben, wie es damals hätte geliebt werden müssen.

Jeder von uns, egal wie liebevoll oder lieblos wir aufgewachsen sind, trägt in sich die Essenz des Kindes, das er oder sie einst war. Ein Teil von uns wurde erwachsen, doch der andere Teil blieb ein Kind. Dieses innere Kind steht symbolisch für unser emotionales Selbst. Ihr erwachsener Anteil wurde erwachsen, obwohl er als Kind nicht das bekam, was er brauchte. Und dieser erwachsene Anteil hält den Schlüssel zur Heilung in der Hand.

Warten wir darauf, dass jemand anderes liebevoll diesen unterentwickelten Anteil in uns »bemuttert« und erzieht, dann bleiben wir für immer emotionale Waisenkinder. Wenn wir darauf warten, dass jemand anderes den Teil in uns rettet, der gerettet werden muss, bleiben wir für immer ohne Macht und Kraft. Und solange wir darauf warten, dass jemand anderes sich um die Teile in uns kümmert, die dieser Fürsorge bedürfen, werden wir nie geheilt werden.

Am besten unterstützen Sie Ihren Heilungsprozess, indem Sie sich bewusst um Ihr inneres kindliches Selbst kümmern, welches nach wie vor da ist. Sie müssen sich heute das geben, was Sie früher von anderen nicht bekommen haben. Die Arbeit mit dem inneren Kind wird seit vielen Jahren zur Selbsthilfe und in der Psychologie als Grundlage und Technik genutzt, die unser Leben von Grund auf verändern kann. Doch leider kannten wir ein paar entscheidende Komponenten noch nicht. Der Completion Process hebt die Arbeit mit dem inneren Kind auf die nächste Ebene und zeigt, dass sie viel mehr als eine seltsame Selbsthilfetechnik ist.

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9783867287555
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