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Tanya Huff

Im Dienst der

Föderation

Die Abenteuer der Torin Kerr

Übersetzt von Oliver Hoffmann


Military Science-Fiction

Inhaltsverzeichnis

1  Im Dienst der Föderation

2 Danksagungen

3 Prolog

4 Eins

5 Zwei

6 Drei

7 Vier

8 Fünf

9 Sechs

10 Sieben

11 Acht

12 Neun

13 Zehn

14 Elf

15 Zwölf

16 Dreizehn

17 Vierzehn

18 Fünfzehn

19 Sechzehn

20 Nachwort der Autorin

21 Impressum

Orientierungsmarken

1 Inhaltsverzeichnis

Danksagungen

Für Sheila, weil sie bereit war, ein Risiko einzugehen.

Außerdem für Gord Rose, David Sutton, Leslie Dicker und all die anderen, die weltweit in militärischen Organisationen tätig sind, und für meinen Vater, der es im Koreakrieg bis zum Chief Petty Officer geschafft hat.

Zweimal.

Prolog

Ein Autor und Philosoph des späten 20. Jahrhunderts hat einmal gesagt: »Der Weltraum ist groß.« Dazu gibt es drei weithin bekannte Folgesätze. Der erste lautet, dass die Anzahl der Planeten, auf denen biologische Entwicklungen in der Reihenfolge stattfanden, die erforderlich ist, um Leben entstehen zu lassen, klein ist. Der zweite lautet, dass die Anzahl der Planeten, die trotz aller Widrigkeiten empfindungsfähiges Leben hervorgebracht haben, noch kleiner ist. Der dritte lautet, dass sich viele dieser empfindungsfähigen Lebensformen selbst auslöschen, ehe sie ihren Ursprungsplaneten je hinter sich lassen.

Wenn der Weltraum groß und weitgehend unbewohnt ist, müsste man eigentlich davon ausgehen können, dass Lebensformen, die nicht miteinander auskommen, sich gegenseitig aus dem Weg gehen können.

Leider bedeutet die Tatsache, dass besagte Lebensformen dazu imstande sind, nicht notwendigerweise, dass sie es auch tun.

Als die Anderen Systeme am Rand des Föderationsterritoriums angriffen, schickte das Parlament eine Gruppe Unterhändler, die darauf hinweisen sollte, dass eine Expansion in jede andere Richtung praktischer wäre, weil sie keine Konflikte hervorrufen würde. Die Unterhändler wurden in sehr kleine Stücke zerlegt zurückgeschickt, nachdem ihre Gesprächspartner ihr Schiff geschickt mit einer Zeitbombe versehen hatten, die genau dann explodierte, als sie den meisten Schaden anrichtete.

Die Föderation war plötzlich im Nachteil. Ihre Mitgliedsrassen hatten erst eine interstellare Präsenz erreicht, nachdem sie den Drang überwunden hatten, einander und sämtliche Fremde, denen sie begegneten, zu vernichten. Es gab jedoch Hinweise darauf, dass die Anderen den Weltraum erobert hatten, ohne zuvor diesen Reifegrad zu erreichen. Offenbar würde die Konföderation einige aggressivere neue Mitglieder rekrutieren müssen.

Die Menschen verfügten über eine primitive Raumstation und einen unsicheren Brückenkopf auf dem Mars, als die Föderationsschiffe auftauchten. Eine, nach Föderationsstandards ziemlich simple, Technologie in Verbindung mit der Information, dass die Anderen auf dem Weg zur Erde waren, überzeugte die Menschheit, ihre Militärmaschinerie ins All zu schicken, wo sie sich auf die interstellare Kriegsführung stürzten wie die H’san auf Käse.

Etwa anderthalb Jahrhunderte später, in denen mit Unterbrechungen mehr oder weniger ständig Krieg geherrscht hatte, hatten sich die Grenzen verschoben, und zuerst die di’Taykaner und dann die Krai hatten sich den Menschen angeschlossen. Doch ein Großteil der Militärterminologie, die Eingang in die Verkehrssprache der Föderation gefunden hatte, bestand aus Menschenbegriffen, und als die drei Rassen immer mehr verschmolzen, schlichen sich auch Begriffe aus den Sprachen der di’Taykaner und der Krai ein. Die Krai kannten zum Beispiel sechzehn nützliche Adjektive zur Beschreibung der Auswirkungen einer Splitterbombe auf weiche Ziele.

Auch wenn die Aufnahme jüngerer, aggressiverer Spezies zweifellos das Problem gelöst hatte, dass die Anderen dargestellt hatten, hatte sie auch das Antlitz der Föderation für immer verändert. Viele der ursprünglichen Mitgliedsrassen waren davon ein wenig überfordert und verbrachten ihre Zeit fortan damit, zu seufzen und sich der guten alten Tage zu erinnern.

Eins

Das Hornsignal Reveille war nicht unbedingt das, was man nach einer Nacht mit diversen Ausprägungen von zu viel und zu wenig durch seinen Schädel hallen hören möchte. Torin machte sich eine geistige Notiz, einen weniger aufdringlichen Weckton einzustellen, berührte mit der Zunge ihr Implantat und verbrachte die fünf gesegneten Sekunden bis zum Eintreffen der ersten Nachricht mit dem Versuch, sich zu erinnern, wie man die Augen öffnete.

*Beim Ton ist es 0530.*

Das Klingeln löste interessante Reaktionen auf den Innenseiten ihrer Lider aus. Was hatte sie nur getrunken?

*Um 0600 beginnt Ihr Dienst.*

Das würde möglicherweise ein Problem werden, wenn man bedachte, was für enorme Schwierigkeiten sie mit ihren grundlegenden Körperfunktionen hatte. Sie tastete nach dem Bedienfeld neben dem Bett, übte Druck aus, von dem sie hoffte, er werde ausreichen, um für gedämpftes Licht zu sorgen, und öffnete vorsichtig ein Auge einen Spalt breit. Dem Wenigen nach zu urteilen, was sie erkennen konnte, war dies nicht ihr Quartier. Die alles andere als topmoderne Ausstattung ließ auf ein Gästequartier auf der Station schließen – für einen nicht besonders wichtigen Gast.

Schließlich gelang es ihr, ihre aktuellen Empfindungen von ihren Erinnerungen zu separieren, und sie wandte den Kopf dem warmen Körper zu, der an sie geschmiegt lag. Ihr Atem bewegte sacht das kurze, violette Haar des di’Taykaners, und zwischen den sich bewegenden Strähnen wurde für einen kurzen Augenblick eines seiner spitzen Ohren sichtbar.

Ein di’Taykaner.

Das erklärte Verschiedenes. Es war kein Kater, sie hatte einen Pheromonschädel.

Torin glitt unter der Decke hervor, richtete sich auf, streckte sich ausgiebig und füllte ihre Lungen mit Luft, die nicht von der Körperwärme des di’Taykaners aufgeheizt war. Als ihre Erinnerung zurückkehrte, lächelte sie. Menschen fanden die Taykan nicht nur unglaublich attraktiv, ein Taykan in der di’-Phase gehörte auch zu den lebenslustigsten Lebensformen der Galaxis und stellte eine ideale, unkomplizierte Methode dar, die Erinnerungen an ihre letzte, furchtbare Außenmission ins Zentrum der Galaxis zu verbannen.

*Captain Rose möchte Sie um 0800 in seinem Büro sehen.*

Auf dem einzigen Stuhl im Zimmer lagen zwei Stapel Klamotten, beide fein säuberlich gefaltet. Ein strenger Sheshan musste ihn aufgezogen haben, dachte Torin, schnappte sich ihre Uniform und verschwand im Bad. Sie war jetzt neun Jahre beim Corps und hatte gerade erst gelernt, trotz Ablenkungen, ihre Kleidung so ordentlich zu falten.

Als sie wenige Augenblicke später voll bekleidet wieder aus dem Bad kam, konnte sie von ihrem Sexpartner der vergangenen Nacht nur einen grazilen Umriss unter der Decke und einen sich bewegenden Haarschopf auf dem Kissen erkennen. Erleichtert huschte sie zur Tür und blieb nur kurz stehen, um das Licht auszuschalten. Ein di’Taykaner hielt »Noch eine Nummer vor dem Frühstück?« für einen adäquaten Ersatz für »Guten Morgen.« Doch sie hatte keine Zeit und war ganz froh, dass ihre Willenskraft nicht auf die Probe gestellt wurde.

Draußen auf dem Gang vertrieb der vertraute »Irgendwo-ist-hier-ein-Leck«-Geruch der wiederaufbereiteten Luft der Station den restlichen Pheromonnebel aus ihrem Schädel.

*0547*, verkündete ihr Implantat auf Nachfrage. Dreizehn Minuten, bis ihre Freiheit endete und ihr Bildschirm wieder zu blinken begann. Dreizehn Minuten, um einen Teil der Station zu erreichen, bei dem die Diensthabenden nicht auf dumme Gedanken kommen würden.

»Ich hätte den Wecker auf fünf stellen sollen. Was habe ich mir dabei nur gedacht?«, murmelte sie, sprang in den Vertikalschacht – der zum Glück um diese Zeit leer war – und bewegte sich im freien Fall zwei Ebenen nach unten. Dort schnappte sie sich einen Handgriff und schwang sich in die Schleusenebene. Eigentlich war die Antwort kinderleicht. Sie hatte gedacht, sie müsse erst das Blutbad und die Erinnerung aus dem Kopf bekommen an die, die sie bei dem langsamen Rückzug zur Station auf einem Schiff verloren hatten, das eine Schlacht gewonnen, aber beinahe sein eigenes kleines Stück des Krieges verloren hatte. Genau wie die Nachrichten, die sie an Familienangehörige und Freunde versandt hatte, und die neuen Gesichter, die ewig neuen Gesichter, die bald eintreffen würden, um die zu ersetzen, die sie verloren hatten.

Sie hatte Vergessen gesucht und gefunden. Für eine Weile.

Er würde sich nicht benutzt fühlen. Sie vermutete, dass di’Taykaners dazu gar nicht in der Lage waren.

In Anbetracht der fortgeschrittenen Zeit war es gut, dass sich die Gästequartiere der Station auf derselben Seite des Kerns befanden wie die Kaserne. Ein weiterer Vertikalschacht, eine weitere Schleuse, und sie war im Uffz-Bereich1.

*0600.*

Staff Sergeant Torin Kerr machte sich auf den Weg zu ihrem eigenen Quartier und ließ dabei ihr Implantat die Berichte der zurückliegenden Nacht auf die Namen überprüfen, die sie auf ihre Überwachungsliste gesetzt hatte. Offenbar war niemand davon gestorben oder verhaftet worden.

In ihrer Abwesenheit war nicht alles in seine Bestandteile zerfallen.

Es war nichts Schlimmes passiert, und sie würde diesen di’Taykaner ja nie wieder sehen …

Um 0758 hatte Torin geduscht, sich umgezogen und näherte sich mit ihrem Tablet der Tür des Captains, wobei sie darüber nachgrübelte, warum er wohl ihre morgendliche Besprechung eine Stunde vorverlegt hatte. Als dienstälteste überlebende Uffz war sie sein amtierender First Sergeant gewesen, seit die schwer mitgenommenen Überreste der Sh’quo-Kompanie wieder auf der Station eingetroffen waren. Dabei würde es zweifellos nicht bleiben, aber das Bataillons-HQ würde wohl kaum vor den Rekruten, die erforderlich waren, um die Kompanie wieder auf Sollstärke zu bringen, einen neuen First Sergeant schicken – aber möglich war alles, wie sie nach kurzem Nachdenken einräumte. Das Bataillons-HQ hatte in der Vergangenheit schon mehrfach einen Führungsstil bewiesen, den man mit Fug und Recht als einzigartig bezeichnen konnte.

Es war auch möglich, dass man sie beförderte und der Captain es ihr rechtzeitig sagen musste, damit sie das 1000-Shuttle noch erwischte. Im Krieg wurde man schnell zum Sergeant, doch danach kam man langsamer voran, und es hieß, bis ein Landser seinen dritten Winkelstreifen bekam, hatte er gelernt, sich zu ducken. Doch da die Kompanie ihren First Sergeant verloren hatte, würde ein First nachrücken, und damit würde Platz für sie werden.

Sie hätte lieber First Sergeant Chigma zurückgehabt. Die wenigen Krai, die zu den Marines gingen, entschieden sich in der Regel für Panzerzüge oder die Luftunterstützung – ihre Füße waren für die Infanterie einfach nicht geeignet –, weswegen die wenigen, die sich nicht nur entschieden, Landser zu werden, sondern auch Karriere machten, nicht nur im Wortsinne große Fußstapfen hinterließen. Doch leider hatte Chigma bei ihrer letzten Außenmission mit dem falschen Ende einer feindlichen Schusswaffe Bekanntschaft gemacht …

*0759.*

Vielleicht hatte der Captain um neun einen Termin auf der Krankenstation.

Positiv denken, ermahnte sie sich und legte die Handfläche auf das Sensorfeld in der Mitte der Tür. Die können uns gar nicht schon wieder losschicken – dazu sind wir gar nicht in der Verfassung.

Die Anwesenheit eines Zweisternegenerals im Büro des Captains war eine unangenehme Überraschung. Torins Erfahrung nach war es nie gut, wenn Generäle die Befehlskette ignorierten und direkt mit den Sergeants sprachen. Am schlimmsten waren lächelnde Generäle.

»Sie müssen Staff Sergeant Kerr sein.«

Sie nickte, als er vortrat. »Sir.«

»Staff Sergeant, das ist General Morris.« Der Regenerationstank um seinen linken Unterschenkel verhinderte, dass der Captain aufstand, aber seine für einen so kleinen Mann überraschend tiefe Stimme reichte, um den General daran zu hindern, sich ihr weiter zu nähern. »Er hat neue Befehle für Sie.«

»Sagen wir lieber: eine Chance. Aber ich möchte nicht stören.« Er deutete auf das Tablet, das Torin unter dem Arm hatte. »Ich hörte, Sie sind amtierender First. Wir unterhalten uns nach Ihrem Morgenreport.«

»Sir.« Ihr Gesicht blieb trotz der lächelnden Musterung des Generals ausdruckslos, als sie an den Schreibtisch trat und die relevanten Dateien übertrug. Im Augenblick, wo sie außer Wir-sitzen-doch-alle-im-selben-Boot-Tonfall keinerlei Informationen hatte, wäre sie jede Wette eingegangen, dass General Morris zum einen noch nie in einem Gefecht gewesen war und dass zum anderen Captain Rose ihn noch weniger mochte als sie es tat. Dass der Captain zu wissen schien, was hier lief, ver­stärkte noch ihr Gefühl einer bevorstehenden Katastrophe.

»Ist Doctorow außer Lebensgefahr?«

»Er ist um 0300 wieder zu sich gekommen. Ist aufgewacht und wollte wissen, welcher …« In Anbetracht der Anwesenheit des Generals entschärfte sie das Zitat. »… Idiot sein Implantat vom Netz genommen hat.«

»Gute Neuigkeiten.« Nachdem er den Rest des Berichts rasch überflogen hatte, sah der Captain mit hochgezogenen Augenbrauen auf. »Keine Festnahmen?«

»Offenbar haben sich einige Vakuumjockeys von der Redoute im Haligan’s mit einigen unserer Leute von der Luftunterstützung gestritten, und Wetten auf den Ausgang des Streits abzuschließen erwies sich als angenehme Ablenkung.«

»Moment mal«, unterbrach der General und hob eine Hand, als wolle er jede weitere Diskussion physisch unterbinden. »Verstehe ich das richtig, Sie haben erwartet, dass Ihre Leute festgenommen werden?«

Torin und der Captain drehten sich synchron zu ihm um, wobei Torin ihre Haltung leicht veränderte, da sie zwar nicht an die Seite des Captains treten konnte, aber doch deutlich signalisieren wollte, wo sie stand, wenn er antwortete. »Ich bin sicher, wir müssen dem General nicht erzählen, was für eine Außenmission wir hinter uns haben. Nach so etwas gehe ich davon aus, dass meine Leute ein wenig Dampf ablassen müssen.«

Die dicken Wangen des Generals liefen fast kastanienfarben an. »Sie sind seit sechs Tagen auf dieser Station.«

»Die Hälfte von uns. Sir.« Wie viele kampferprobte Offiziere hatte Captain Rose sich hochgedient, sich aber die Fähigkeit eines Uffz bewahrt, dieses letzte Sir ganz speziell zu betonen.

Die beiden Männer sahen einander in die Augen.

General Morris schaute zuerst weg. »Man sagt, keine andere Kompanie hätte so viele Leute retten können«, gab er zu.

»Ich habe gute Leute, Sir. Ich habe auch gute Leute verloren.« Diese unaufdringliche Erinnerung ließ Torin dem Captain ins Gesicht sehen. Sie runzelte leicht die Stirn. Er sah müde aus. Seine helle Haut wirkte gräulich und er hatte Ringe unter den Augen. Wären sie allein gewesen, hätte sie gefragt, wie die Regeneration lief. So aber machte sie sich nur eine mentale Notiz, sich so bald wie möglich beim medizinischen Dienst über seinen Gesundheitszustand zu erkundigen. Als amtierender First ging er sie ebenso an wie der Rest der Kompanie.

»Ja. Gute Leute.« General Morris richtete sich auf und räusperte sich. »Was uns direkt zum Grund meines Hierseins führt.«

O Scheiße. Jetzt kommt’s. Torin machte sich auf etwas gefasst, als er ein Ich-suche-jemanden-der-für-mich-die-Kastanien-aus-dem-Feuer-holt-Lächeln direkt auf sie richtete.

»Ich brauche einen Trupp, der so schnell wie möglich zu einem Sondereinsatz aufbrechen kann«

»Tut mir leid, ich habe keinen Trupp, Sir.«

Er wirkte kurz irritiert, dann aber kehrte sein Lächeln zurück. »Natürlich, das weiß ich. Ich hätte sagen sollen: Ich möchte, dass Sie aus den zur Verfügung stehenden Marines einen Trupp zusammenstellen.«

»Aus den traurigen Überresten der Sh’quo-Kompanie, Sir?«

»Ja.«

»Aus den Überlebenden, Sir?«

»Ja.« Das Lächeln des Generals wirkte jetzt ein wenig angespannt.

Torin befürchtete, dass diese Form der Nachfrage ausgereizt war, so erheiternd sie sie auch fand. »Viele von ihnen haben Urlaub genommen, Sir, aber es sollten bald neue Rekruten eintreffen.«

»Nein. Selbst wenn ich Zeit hätte, auf die neuen Rekruten zu warten, könnte ich sie nicht einsetzen.« Der General faltete die Hände hinter dem Rücken, eine Haltung, die Torin als Rührt-euch-Stellung zu erkennen glaubte, auch wenn sie schon lange keinen Appellplatz mehr gesehen hatte, und sah sie durchdringend an. »Mir ist Ihre Situation und die der Sh’quo-Kompanie durchaus bewusst, Staff Sergeant Kerr, und ich würde niemals Urlaub streichen, wenn es nicht absolut notwendig wäre. Doch das Problem, Sergeant, ist: Ich bereite eine sehr wichtige diplomatische Mission vor, die eine neue Rasse, die Silsviss, überzeugen soll, sich der Föderation anzuschließen, und dafür brauche ich eine Ehrengarde. Eine militärische Eskorte ist absolut unverzichtbar, weil die politische Führung der Silsviss von einer mächtigen Kriegerkaste dominiert wird, die wir auf keinen Fall beleidigen möchten. Nach sorgfältiger Überlegung habe ich beschlossen, dass die Sh’quo-Kompanie die beste zur Verfügung stehende Einheit ist.«

»Als Ehrengarde?« Torins Blick wanderte vom General zu ihrem Captain – der so neutral dreinblickte, dass ihre Hoffnung, es könnte sich hierbei um einen Witz handeln, im Keim erstickt wurde – und dann wieder zum General. »Wir sind Bodenkämpfer, Sir, keine Repräsentationseinheit.«

»Sie schaffen das schon, Sergeant. Ihre Leute müssen sich nur ein bisschen herausputzen und dann herumstehen und grimmig schauen. Sie werden neue Welten kennenlernen, neuen Lebensformen begegnen und ausnahmsweise mal nicht auf sie schießen.« Er machte eine Pause für Lacher, die allerdings ausblieben, und fuhr dann barsch fort: »Diese Mission ist für beide Seiten ein Gewinn. Ich muss keine Kompanie außerplanmäßig auf eine Außenmission schicken – was bedeutet, die Sh’quo-Kompanie kommt auch nicht außerplanmäßig zum Einsatz. Da keine schwere Artillerie erforderlich sein wird, kann die Ausrüstung der Kompanie trotzdem der fälligen Wartung unterzogen werden.«

»Ein voller Zug bildet eine beeindruckende Ehrengarde, Sir.«

»Es ist entscheidend, dass wir stark wirken, Sergeant.« Ganz kurz flackerte in den Augen des Generals ein echtes Gefühl auf, aber ehe Torin es deuten konnte, setzte er hinzu: »Außerdem gibt Ihnen diese Mission eine Gelegenheit, Ihren neuen Leutnant einzuarbeiten.«

»Meinen neuen …« Ihr fiel keine Antwort ein, die sie nicht vor ein Kriegsgericht bringen würde, also wandte sie sich an Captain Rose. »Sir?«

»Er ist gestern Nachmittag eingetroffen. Ich habe ihn gebeten, uns um 0900 hier zu treffen. Der General wollte, dass Sie zuerst Ihre Befehle erhalten und dann den Second Lieutenant ins Bild setzen.«

Offiziere befassten sich mit dem großen Ganzen, Unteroffiziere mit den Details. Zu den Aufgaben eines Staff Sergeants gehörte es, sich um frischgebackene Offiziere zu kümmern, die zum ersten Mal einen Zug kommandierten. Es war Torins dritter, denn Staff Sergeants hatten eine leicht höhere Lebenserwartung als Second Lieutenants.

Just als ihr Implantat verkündete, es sei jetzt 0900, meldete die Tür des Captains einen weiteren Besucher.

»Öffnen.«

Die Tür glitt in die Wand, und ein di’Taykaner in der Uniform eines Second Lieutenants des Marine Corps der Föderation, der deutlich sichtbar einen Pheromondämpfer an der Kehle trug, betrat das Büro. Für sie sah ein di’Taykaner aus wie der andere. Damit war Torin nicht besser als die meisten anderen Menschen darin, sie auseinanderzuhalten. Ungeachtet ihres Geschlechts waren sie groß, schlank, knochig und bewegten sich selbst schwer gerüstet, als tanzten sie. Ihre Haare, die in Wirklichkeit gar keine Haare, sondern ein aus Proteinen bestehendes Sinnesorgan war, war stets acht Zentimeter lang, weswegen sie aussahen, als hätten sie alle denselben Frisör, und da sie das Corps ihres etwas eklektischen Kleidungsstils beraubte …

Hätte das jeder beliebige di’Taykaner sein können. War es aber nicht.

Er riss die violetten Augen, die genau einen Farbton dunkler waren als sein Haar, leicht auf, als er sie sah, und dann noch etwas mehr, als er den General erblickte. »Second Lieutenant di’Ka Jarret meldet sich zum Dienst, Captain.«

»Willkommen bei der Sh’quo-Kompanie, Lieutenant. General Morris wird Sie gleich mit Ihrer Mission vertraut machen, doch zunächst möchte ich Ihnen Staff Sergeant Kerr vorstellen. Sie wird Ihre leitende Unteroffizierin sein.«

Seine Mundwinkel hoben sich leicht. »Staff.«

»Sir.« Torin hätte in diesem Augenblick sicher alles Mögliche durch den Kopf gehen können, doch ihr einziger Gedanke war: Das erklärt, warum er seine Klamotten so exakt gefaltet hat – eine vollkommen irrelevante Erkenntnis. Sie hoffte nur, es würde ihr gelingen, ihren Gesichtsausdruck unter Kontrolle zu bringen, ehe Captain Rose ihr seinen allzu scharfen Blick zuwandte.

»Sergeant, wenn Sie den Zug zusammenstellen … reißen Sie dabei nach Möglichkeit keine Feuerteams auseinander. Wir drei …«

Sie konnte nicht umhin, ihn dafür zu bewundern, wie selbstverständlich er durch sein Wir den General mit ins Boot holte.

»… werden uns heute Nachmittag ansehen, was Sie haben.«

»Jawohl, Sir.« Sie wandte sich an General Morris, ohne Habachtstellung anzunehmen. »Mit Verlaub, General, wenn ich Freigang streichen soll, muss ich genau wissen, was Sie mit ›So bald wie möglich‹ meinen.«

»48 Stunden.«

Sie hätte es wissen müssen – die Schreibtischtäterversion von ›So bald wie möglich‹, die in ihrer Sprache ›Es eilt nicht‹ bedeutete. »Danke, Sir.« Sie nahm ihr Tablet vom Schreibtisch des Captains, nickte allen drei Offizieren zu, machte auf dem Absatz kehrt und verließ den Raum.

Die dröhnende Stimme des Generals verfolgte sie auf den Gang.

»Lieutenant, ich habe einen Vorschlag, von dem ich denke, Sie werden …«

Dann verließ sie den Bereich der Annäherungssensoren und die Tür schloss sich.

»Typisch«, seufzte Torin. »Offizieren macht man einen Vorschlag, wir anderen werden einfach direkt gefickt.«

Technisch gesehen hätte sie am Schreibtisch des First Sergeants in dem kleinen Büro direkt neben dem des Captains arbeiten können. Man hatte alle persönlichen Daten Chigmas gelöscht und seine persönlichen Gegenstände entfernt – es war jetzt nur noch ein Schreibtisch. Hübscher als alle anderen, zu denen sie Zugang hatte, aber trotzdem nur ein Schreibtisch. Deshalb wollte sie ihn nicht verwenden. Manchmal war es einfach zu deprimierend, vor Augen geführt zu bekommen, wie schnell das Corps über Verluste hinweg ging.

Die Vertikalschächte waren zu dieser Morgenstunde voll, deshalb schnappte sie sich die nächste freie Schlaufe hinunter zu Deck C, wobei sie einen angewiderten Blick mit einem Navy Warrant in der nächsten Schlaufe austauschte. Beide waren sich einig darüber, dass diese langsame Fortbewegungsart nichts als Zeitverschwendung war. Als sie sich schließlich auf das Deck schwang, war Torin bereit, den Idioten von der Stationsprogrammierung zu töten, der beschlossen hatte, Personal, das nicht entkommen konnte, mit geschmackloser Musik zu beschallen.

»Morgen, Staff.«

Die fröhliche Begrüßung riss sie aus ihren Gedanken und sie wandte sich dem Marine zu, der mit einem Putzgerät am Rand der Schleuse kniete, dessen Vibrationen sein türkisfarbenes Haar dicht am Kopf anliegen ließen. Er hätte die Zargen auch automatisch schrubben lassen können, aber auf einer Station, auf der Tausende von Marines untergebracht waren, war Handarbeit eine nützliche Disziplinierungsmaßnahme. »Schon wieder Putzdienst, Haysole?«

Der di’Taykaner grinste. »Ich habe nur die Abkürzung über den Kern genommen. Dachte, ich könnte zurück sein, bevor jemand merkt, dass ich meinen Dämpfer nicht trage.«

»Sie haben an einem Fünftagabend ungedämpft den Kern durchquert – und haben dafür nur Putzdienst kommen?«

»Ich war in ständiger Bewegung, so schlimm war es nicht.« Türkisfarbene Augen blitzten. »Leider hat auch Sergeant Glicksohn gerade den Kern durchquert. Äh, Staff …« Er hielt inne, weil zwei menschliche Ingenieure durch die Schleuse kamen und wartete, bis sie außer Hörweite waren. »… ich habe gehört, Sie hätten im Büro des Captains viele Sterne gesehen.«

Torin presste ihr Tablet an sich. Viele di’Taykaner waren beim Nachrichtendienst – die meisten Arten mussten sich größte Mühe geben, sich ihnen nicht unwillkürlich anzuvertrauen. Sie hatte keine Ahnung, wie vertraulich General Morris seinen Besuch behandelt wissen wollte, aber das war jetzt auch irrelevant. »Was haben Sie denn sonst noch gehört, Haysole?«

Er grinste und nahm die Tatsache, dass sie es nicht bestritt, als Bestätigung. »Ich hörte, der General suche nach einer Gelegenheit, ach, sagen wir, mehr zu werden, als er ist.«

»Eine Beförderung?«

»Niemand hat dieses Wort benutzt, aber …« Er ließ den Satz bedeutungsschwer unvollendet.

Torin ignorierte die unausgesprochene Aufforderung zum Kommentar. »Ist das alles?«

»Zum General ja. Aber ich habe außerdem gehört, der neue Trilinshy sei ein di’Ka.«

Sie runzelte die Stirn, und sein Grinsen verschwand, als ihm klar wurde, dass sie Trilinshy in etwas übersetzt hatte, dass der eindeutig negativen Wortbedeutung nahekam.

»Das heißt«, korrigierte er sich eilig, »der neue Second Lieutenant ist ein di’Ka, Staff Sergeant. Bedeutende Familie. Es wird nicht leicht sein, mit ihm zusammenzuarbeiten.«

»Für mich oder für Sie?« Private First Class Haysole war ein di’Stenjic. Fünf Buchstaben mehr im Familiennamen eines Taykan bedeuteten einen beträchtlichen Klassenunterschied.

»Sie kennen mich doch, Staff …« Die Geste, mit der er seine Worte begleitete, bedeutete, sie könne ihn jederzeit gerne noch näher kennen lernen. »… ich versuche, mit jedem auszukommen.«

»Staff Sergeant Kerr?«

Torin schreckte hoch, und ihr wurde plötzlich klar, dass sie etwas zu lange ins Leere gestarrt hatte, weil ihr plötzlich klar geworden war, was es bedeutete, bei einer Außenmission, bei der keine Schüsse fallen sollten, für einen adligen Second Lieutenant und einen Zug Soldaten verantwortlich zu sein. Und falls das noch nicht spaßig genug klang, war da noch die Tatsache, dass sie mit besagtem Lieutenant geschlafen hatte. Der einzige Lichtblick ihres Morgens war, dass dieser Fakt noch nicht Gegenstand des allgemeinen Klatsches war. »Sie haben da was übersehen«, sagte sie, deutete auf eine Stelle an einer der Zargen und ging.

***

Da der Wunsch nach Genussmitteln eine direkte Folge der Empfindungsfähigkeit war, war Kaffee praktisch seit dem ersten Kontakt eines der wichtigsten Agrarexportgüter der Erde an die Föderation gewesen. An den meisten Tagen gefiel Torin der Gedanke, genau das gleiche Getränk zu sich nehmen zu können wie ihre Mehrfach-Ur-Großmutter in grauer Vorzeit, doch an diesem Tag hätte sie ihren rechten Arm für eine Tasse Krai sah und dessen höchst illegale Auswirkungen auf das menschliche Nervensystem gegeben.

»Staff? Ich habe den Download über die Silsviss, den Sie wollten.«

Sie widerstand dem Drang zu gähnen und beugte sich zu der Bildübertragung vor. »Danke, Corporal. Schicken Sie es auf meinen Schreibtisch.«

»Bin dabei«, bestätigte das kleine Abbild des Verwaltungscorporals und verschwand.

Viel war es nicht.

Um einen Teilabschnitt der Front zu sichern, wollte die Föderation die Verteidigungssatelliten neu anordnen, sodass ein Satellit direkt über dem Zentrum von 7RG6, inzwischen besser bekannt als das Silsviss-System, hing. Leider hatten die Silsviss, eine warmblütige Reptilienrasse, auf ihr eigenes System begrenzte Raumfahrt entwickelt. Sie hatten sowohl ihren Mond als auch den nächstgelegenen Nachbarplaneten erreicht und waren dabei, eine Station im Orbit zu bauen – wobei Torin sich fragte, wo diese angesichts der zahlreichen bereits im Orbit befindlichen Waffenplattformen noch Platz finden sollte. Ihre Technologie war zwar für die Begriffe der Föderation primitiv, aber mehr als ausreichend, um alles zu zerstören, was ohne ihre Zustimmung installiert wurde – was ihre Zustimmung zu manchen Dingen unverzichtbar machte.

»Deshalb die Speichellecker-Mission«, murmelte Torin und füllte ihre Tasse aus dem Warmhaltebehälter auf dem Schreibtisch auf. Sie wusste nicht, was General Morris getrunken hatte, aber präsentabel zu sein und saubere Paradeuniformen zu tragen genossen bei einer kämpfenden Einheit nicht gerade höchste Priorität. Wenn Haysoles Quellen zuverlässig waren – und das waren sie im Allgemeinen – und der General mithilfe dieser Mission eine Beförderung anstrebte, war er ein noch größerer Idiot, als sie zunächst gedacht hatte.

Leider war er ein Zweisterneidiot.

Abgesehen von Lieutenant Jarret und ihr selbst brauchte sie noch neununddreißig Marines – neun vierköpfige Feuerteams und drei Sergeants – die das medizinische Personal nicht nur für weitere Außenmissionen diensttauglich geschrieben hatte, sondern die auch eine diplomatische Mission nicht versehentlich in ein Blutbad verwandeln würden. Selbst wenn die drei Infanteriezüge der Sh’quo-Kompanie auf voller Mann­stärke gewesen wären, wäre es schwierig gewesen, neun der siebenundzwanzig Feuerteams auszusuchen. Eine Auswahl unter den siebzehn Teams, die das medizinische Personal diensttauglich geschrieben hatte, war fast unmöglich.

Bei dieser Auswahl spielten Parameter eine Rolle, mit denen ein Computer nichts anfangen konnte.

First Sergeant Chigma hätte seine drei Staff Sergeants zusammengerufen. Um sich von unserem Hirn eine Scheibe abzuschneiden, dachte Torin finster. Diesen Satz durfte sie nicht laut sagen, denn leider standen die Krai ungemein auf den Geschmack menschlichen Gewebes. Leider blieben aufgrund ihrer Rolle als stellvertretender First Sergeant nur zwei Unteroffiziere im Zug übrig, und Greg Reghubir hatte das medizinische Personal für die nahe Zukunft kaltgestellt. Blieb also einer. Nach kurzem Nachdenken gab sie Sergeant Sagarhas Implantatcode in den Schreibtisch ein. Er hatte die Überreste von Reghubirs Zug übernommen. Er kannte zwar wahrscheinlich nur die Feuerteams seiner eigenen Gruppe, doch er war dennoch die beste Informationsquelle, die sie hatte. Dann lehnte sie sich um die Trennwand herum in den Arbeitsbereich des nächsten Staff Sergeants.

»Wenn Sie mal einen Augenblick Zeit haben, Amanda, bräuchte ich Sie an meinem Schreibtisch.«

***

»Sie haben ganz schön viele Menschen dabei. Es muss doch irgendwo noch ein oder zwei di’Taykaners geben« Amanda klopfte mit der Fingerspitze gegen ihren Bildschirm, bis dieser protestierte. »Was ist mit Haysole?«

»Ich mache mir um den Klassenunterschied zu unserem neuen Lieutenant einige Sorgen.«

Der andere, ebenfalls weibliche überlebende Staff Sergeant der Sh’quo-Kompanie hob eine kastanienbraune Braue. »Wäre es Ihnen lieber, wenn sie es auskämpfen würden?«

»Es wäre mir jedenfalls lieber, wenn sie es nicht vor einem Dutzend Diplomaten und einer Spezies, die wir zu beeindrucken versuchen, austragen würden.« Torin lehnte sich im Stuhl zurück und wandte sich an die andere Person an ihrem Schreibtisch. »Was meinen Sie, Sagarha?«

Sergeant di’Garn Sagarha runzelte nachdenklich die Stirn. »Wäre möglicherweise problematisch, wenn di’Ka kein Offizier wäre. So aber sollte das kein Problem darstellen. Aber ich will Ihnen sagen was mir Sorgen macht: Haysole könnte uns Schwierigkeiten bereiten. Er ist ein guter Kämpfer, aber sobald niemand auf ihn schießt, fängt er an, sich zu langweilen, und dann hat er plötzlich drei Tage Latrinendienst.«

»Ich habe kein Problem mit sauberen Toiletten«, sagte Amanda.

»Haben wir niemand anderen?«

Die drei gingen die Listen noch einmal durch.

»Nein, nicht in einem kompletten Feuerteam.«

»Dann schätze ich, Haysole ist dabei.« Torin verschob das Feuerteam des di’Taykaners in die Zug-Datei. »Wenn ihm zu langweilig wird, nehme ich ihn persönlich unter Beschuss.«

»Ihnen fehlen noch ein paar Krai.«

»Von den sechs sind nur vier einsatzfähig, und einen davon nehme ich mit«, stellte sie klar.

»Warum nehmen Sie nicht Ressk?«

»Würde ich gerne. Es wäre schön, noch ein paar mehr leistungsfähige Gehirne dabei zu haben.« Ressk, ein Mitglied von Sergeant Sagarhas Gruppe, war dafür bekannt, dass kein noch so sicheres militärisches Programm ihm etwas entgegenzusetzen hatte. Der Nachrichtendienst wollte ihn, aber zum Glück für die Kompanie hatte er keine Lust auf Nachrichtendienst.

»Wenn Sie Ressk nehmen, kriegen Sie auch Binti Mashona. Ich habe sie schon zweimal für die Scharfschützenausbildung empfohlen, aber wir schicken sie jedes Mal wieder raus, ehe die Verwaltung das freigegeben hat.«

»Wie gesagt, würde ich gerne, aber ist ihr Teamleiter nicht noch einsatzunfähig?«

Sagarha schaute auf seine Liste. »Der medizinische Statusbericht, den ich heruntergeladen habe, sagt, Corporal Hollice sei in sechsunddreißig Stunden wieder einsatzfähig.«

»Ich frage mich, warum das in meinem nicht steht«, murmelte Torin und fuhr mit dem Finger die Icons entlang. »Wahrscheinlich hat irgendein Idiot es an den Schreibtisch des First Sergeants übertragen.«

»Wahrscheinlich hat irgendein Idiot geglaubt, da würden Sie sich aufhalten«, vermutete Amanda und setzte hinzu: »Ich dachte, Hollice hätte einen Daumen verloren?«

»Hat er, aber Ressk hat ihn gekühlt, und die Leute vom Corps haben ihn wieder angenäht, ehe wir wieder auf der Station waren.«

»Ich wette, Ressk war sauer, weil er ihn nicht als Snack gekriegt hat«, kicherte sie.

»Marines essen keine anderen Marines«, murmelte Torin geistesabwesend. Die acht Teams, die ihnen eingefallen waren, enthielten alle Marines, die ihre erste Wahl gewesen waren, und auch bereits einige aus der zweiten Reihe. Langsam wurde es eng. Schließlich seufzte sie. »Ich sehe keine andere Möglichkeit. Wir werden Corporal Conns Team einsetzen müssen.«

»Nein.« Amanda schüttelte den Kopf. »Ich habe ihm ver­sprochen, dass er seine Tochter besuchen darf. Er hat bald Urlaub.«

»Zum einen hat General Morris jeglichen Urlaub gestrichen. Zum anderen haben wir keine Alternative. Algress kommt nicht infrage, nicht, wenn es auf dem Planeten eine reptilische Lebensform gibt – nicht nach Rarna IV.«

»Ich dachte, er hätte eine Therapie gemacht.«

Nach einer bedeutungsschwangeren Pause schnaubten die drei Unteroffiziere im Chor.

»Conn wird ranmüssen«, wiederholte Torin.

»Aber seine Tochter …«

Angesichts einer Lebenserwartung von etwa hundertzwanzig alten Erdjahren warteten die meisten menschlichen Marines mit dem Kinderkriegen, bis sie entweder aus dem Corps ausschieden oder sich für eine Laufbahn als Karrieresoldat entschieden hatten. Corporal Grad Conn hatte sich verliebt, ein Ehepaarquartier auf der Station beantragt und eine Familie gegründet. Seine Tochter Myrna Troi war zum inoffiziellen Maskottchen der Sh’quo-Kompanie geworden, und alle verwöhnten sie abwechselnd. Selbst Torin, die mit Kindern normalerweise ebenso wenig anfangen konnte wie mit H’san, fand sie ziemlich süß. Es war auch wirklich schwer, eine Vierjährige nicht zu bewundern, die eine Hygieneeinheit in so viele Einzelteile zerlegen konnte, dass drei Ingenieure den Großteil einer Schicht brauchten, um sie wieder zusammenzusetzen.

»Verlängern Sie seinen Freigang, bis wir an Bord gehen.«

»Auf wessen Verantwortung?«

»Auf meine.«

Amanda beugte sich zu dem di’Taykaner hinüber und sagte mit verschwörerisch gesenkter Stimme: »Langsam klingt sie regelrecht wie ein First Sergeant.«

»Sehr dominant«, bestätigte Sagarha breit grinsend.

»Vor allem Ihnen sehr vorgesetzt«, erinnerte Torin sie.

»Scheiße.« Amanda richtete sich auf und runzelte aufgrund einer plötzlichen Erkenntnis die Stirn. »Das bedeutet, ich vertrete Sie in Ihrer Abwesenheit als First Sergeant. Wenn ich herausfinde, dass Sie sich für diese Mission freiwillig gemeldet haben, um sich nicht mit den neuen Rekruten abgeben zu müssen …«

»Soll ich dem Captain sagen, dass Sie sich freiwillig melden, um an meiner Stelle zu gehen?«

»Vergessen Sie es.«

»Was ist mit Sergeants?«, fragte Sagarha.

»Melden Sie sich freiwillig?«

Er grinste. »Wohl kaum.«

»Ich hätte gern Doctorow dabei. Er nervt wie die Sau, aber er hat Umgangsformen, und das könnte uns zupasskommen. Leider wird ihn der medizinische Dienst erst diensttauglich schreiben, wenn die Psychologen ihn ordentlich in die Mangel genommen haben.«

»Sie sollten denen sagen, dass er immer so ist.«

»Habe ich. Sie haben nicht zugehört. Abgesehen davon will ich Glicksohn, Chou und Trey.«

»Zwei Menschen und einen di’Taykaner?«

»Der Lieutenant ist ein di’Taykaner. Das geht schon.«

Die drei starrten auf die endgültige Liste, die neununddreißig Namen umfasste. »Glauben Sie, der Captain wird da einen Haken dran machen?«, fragte Amanda.

»Das hoffe ich doch schwer.«

»Ich habe mich immer schon gefragt, woher eigentlich dieser Spruch mit dem Haken kommt.«

Torin zuckte die Achseln und lud die Liste auf ihr Tablet hoch. »Ich habe nicht den blassesten Schimmer.«

***

Aus dem kurzen Abstecher in die Waffenkammer wurde über eine Stunde, in der sie sich Klagen anhören musste. Ich hätte verschwinden sollen, als ich die Worte »He, Kerr, sind Sie nicht der amtierende First Sergeant?« gehört habe. Keine Ahnung, wie Chig das ausgehalten hat.

Torin war spät dran und aß deshalb rasch in einer speziesneutralen Kantine im Kern zu Mittag. Bisher schrie ihr Tag nach einem großen Teller Poutine und einem Bier. Leider war der Ruf der Pflicht noch lauter, und sie begnügte sich mit einer Schale Nudeln, die nicht besonders üppig mit einer undefinierbaren Mischung aus Grünzeug und Fleisch garniert waren. Manchmal, grübelte sie, nachdem sie beschlossen hatte, lieber gar nicht wissen zu wollen, um was für Fleisch es sich handelte, denke ich, ich wäre vielleicht doch besser auf dem Hof geblieben.

»Darf ich mich setzen?«

Manchmal war sie sich sogar ganz sicher, völlig ohne vielleicht. »Dies ist eine öffentliche Kantine, Sir.«

Lieutenant Jarret setzte sich auf einen Hocker, stützte die Ellbogen auf den Tisch und lächelte. »Was, wenn es keine wäre?«

»Es gibt gute Gründe, warum persönliche Beziehungen im Dienst nicht gerne gesehen sind, Lieutenant – außer natürlich zwischen di’Taykanern. Sie unterminieren die Befehlskette und können zu Fehlentscheidungen in Situationen führen, in denen es um Leben und Tod geht.«

»Wollen Sie damit sagen, dass letzte Nacht – Sie und ich – nie passiert ist?«

»Nein, Sir, ich sage lediglich, es wird nicht wieder vorkommen.« Sie starrte in ihre Nudeln. »Obgleich es zweifellos enorm hilfreich für mich wäre, wenn wir einfach so tun können, als wäre es nie passiert.«

»Warum?«

»Weil ich jedes Mal, wenn ich Sie sehe, an …« Violette Augen glitzerten, und sie musste unwillkürlich lächeln. »Ja, zugegeben, es ist eine schöne Erinnerung, aber …«

»… es darf nicht sein, dass jeder Mensch im Zug jedes Mal daran denkt, wenn Sie einen meiner Befehle weitergeben.« Er erwiderte das Lächeln. »Mir sind die Speziesparameter klar, Staff Sergeant Kerr, so sehr ich sie auch bedaure, und um das zu sagen wollte ich mich eigentlich zu Ihnen setzen.«

»Oh.« Ein plötzliches Kichern vom anderen Ende der Kantine verschaffte Torin einen Vorwand, ihre Aufmerksamkeit einem kleinen Tisch zuzuwenden, an dem drei menschliche Teenagerinnen saßen.

»Was ist?«

»Sie werden beobachtet, Sir.«

Er warf ihnen einen Blick über die Schulter zu, und nach einem Augenblick entnommenen Schweigens hauchte eines der Mädchen: »Elfen«, während die beiden anderen einfach nur seufzten.

Die inoffizielle Reaktion des aus First Sergeants bestehenden menschlichen Kontaktteams bei der ersten Begegnung mit den di’Taykanern hatte gelautet: »Heilige Scheiße, das sind Elfen!« Zum Entsetzen aller politisch korrekten Xenoanthropologen war es bei diesem Spitznamen geblieben. Als man die di’Taykaner über die Mythologie informiert hatte, in der er seine Wurzeln hatte, schien er ihnen nichts auszumachen, und einige di’Taykaners hatten sich sogar angewöhnt, entsprechend zu leben. In der Grundausbildung hatte Torin tatsächlich einen di’Taykaner getroffen, der nach einem Charakter in einem alten terranischen Buch Celeborn geheißen hatte.

Das Seufzen verwandelte sich in Gekicher.

»Ich glaube, Sie müssen Ihren Dämpfer nachjustieren, Sir.«

»Und ich glaube, Sie haben vergessen, wie Sie in deren Alter waren.«

»Korrekt, und zwar mit Freude.« Sie schob ihre leere Schale in den Recyclingschacht und erhob sich. »Es ist 1340, Sir. Um 1400 will der Captain uns sehen.«

Lieutenant Jarret erhob sich ebenfalls und nickte in Richtung ihres Tablets, während sie im Gleichschritt durch die Kantine gingen. »Sollte ich irgendetwas über die Leute wissen, die Sie ausgewählt haben?«

»Es wäre ihnen allen lieber gewesen, wenn ich jemand anderen ausgesucht hätte, aber ansonsten nicht.« Torin empfand es als gutes Zeichen, dass der Lieutenant sie um Informationen bat. Zu viele Offiziere dachten nach der Ausbildung, sie könnten den Krieg im Alleingang gewinnen. Zum Glück überstanden solche Offiziere ihren Erstkontakt mit Kampfeinheiten üblicherweise nicht besonders lange – manchmal bekam sogar der Feind die Chance, sie zu eliminieren. Sie runzelte nachdenklich die Stirn, während sie zu Fuß ein Deck höher gingen. »Es sind alles Leute, die man im Kampf gerne an seiner Seite hat, Sir, aber ich bin nicht sicher, wie sie mit protokollarischen Aufgaben klarkommen werden.«

»General Morris schien der Ansicht zu sein, die Silsviss wären mit Kampferfolgen leichter zu beeindrucken als mit der Fähigkeit, in Reih und Glied zu marschieren.«

»Da haben wir aber Glück gehabt.«

»Doch er hat vorgeschlagen, dass wir auf dem Weg ein bisschen Drill anberaumen.«

Torin schnaubte.

»Sie halten das nicht für notwendig, Sergeant.«

»Notwendig? Doch, Sir. Überlebbar?« Sie zuckte die Achseln.

»Der General scheint der Auffassung zu sein, der Zug könne das als eine Art Arbeitsurlaub betrachten.«

»Tut er das, Sir?«

»Sind Sie anderer Meinung?«

»Entweder wir arbeiten, oder wir haben Urlaub. Beides gleichzeitig geht nicht.«

»Guter Einwand, aber der General glaubt …«

Torin blieb vor der Tür des Captains stehen, seufzte und wandte sich dem Lieutenant zu. Angesichts ihrer Reife in anderen Dingen vergaß man leicht, dass di’Taykaners, wenn sie Second Lieutenants waren, genauso jung und unerfahren waren wie Menschen. »Verzeihung, Sir, aber Sie werden diesen Zug befehligen, nicht der General. Vielleicht machen Sie sich am besten Ihre eigenen Gedanken.«

Seine spitzen Ohren knickten leicht ein, aber seiner Stimme war die Verlegenheit, die er zweifellos empfand, nicht anzuhören. »Ich werde darüber nachdenken, Sergeant.«

»Danke, Sir.« Sie meinte es ernst und brachte das auch so gut wie möglich zum Ausdruck. Niemand ließ sich gern von oben herab behandeln, am wenigsten Second Lieutenants, die sich noch nicht darüber im Klaren waren, wie weit ihre Macht eigentlich reichte.

Lieutenant Jarret musterte sie, dann lächelte er plötzlich. »Wissen Sie, der General hat auch gesagt, ein guter Staff Sergeant sei sein Gewicht in Sprenggranaten wert.«

»Ich vermute, dies ist General Morris’ erster Kampfeinsatz, Sir.«

»Warum?«

»Weil er gefickt ist, wenn das alles ist, was er für einen guten Staff Sergeant kriegt …« Sie erwiderte sein Lächeln und trat beiseite, als sich die Tür des Captains öffnete. »… Sir.«

Zwei

»Sind das alle?«

»Bis auf einen, Sir.«

Lieutenant Jarret, der die Marines beobachtet hatte, die unter ihm in der Ladebucht herumwuselten, wandte sich seinem Staff Sergeant zu. »Einen?«, fragte er.

Die Betonung seiner Frage machte deutlich, was er eigentlich wissen wollte. Torin, die versucht hatte, den Namen nicht zu erwähnen, hatte jetzt keine andere Wahl mehr. »Corporal Conn, Sir.«

»Der Mann, dessen Freigang Sie verlängert haben?«

»Ja, Sir.«

»Weiß er, dass wir heute Morgen aufbrechen?«

Torin zuckte bei dem täuschend milden Tonfall zusammen. Der Sarkasmus des di’Taykaners war so schneidend, dass ihm kein Schott standgehalten hätte. Ehe sie antworten konnte, erhob sich eine herrische Stimme mit der Aufforderung, sofort abgesetzt zu werden, über den allgemeinen Lärm, und sie lächelte. »Da ist er ja, Sir.«

Jarret sah zu, wie ein großer Mann ein Kind mit flammendrotem Haar von seinen Schultern hob und vorsichtig an Deck absetzte. »Er hat seine Tochter mitgebracht?«

»Ja, Sir, Myrna Troi. Sie verabschiedet die Kompanie immer.«

»Ich fasse es nicht, was Menschen ihren Kindern antun«, sinnierte Jarret, während das kleine Mädchen herumrannte und die Grüße des gesamten Zugs entgegennahm, als stünden sie ihr zu. »Bis Taykan ihre di’-Phase erreichen, wachsen sie sehr behütet auf.«

»Wir sind eine ziemlich flexible Spezies, Sir.«

»Ach, wir etwa nicht?« Violettes Haar hob sich und unterstrich den Doppelsinn der Konversation.

»Lieutenant …«

»Tut mir leid.« Er grinste, was zeigte, dass es ihm eigentlich überhaupt nicht leidtat, und ging Richtung Treppe. »Da sich Corporal Conn entschlossen hat, sich uns anzuschließen, können wir anfangen.«

***

»Ich werde wahrscheinlich gewachsen sein, bis du zurückkommst. Wahrscheinlich bin ich dann so groß.« Auf Zehenspitzen stehend reckte Myrna Troi die Hand in die Luft, so hoch sie nur konnte, also knapp oberhalb des Kopfes ihres Vaters, der vor ihr in die Hocke gegangen war. »Wahrscheinlich bin ich dann ein Sartschent«, teilte sie ihm streng mit, die rostroten Brauen über den smaragdgrünen Augen hochgezogen. »Dann musst du tun, was ich dir sage und darfst nicht mehr fortgehen.«

»Tut mir leid, Süße. Daddy will nicht weg, aber er muss.«

Sie starrte ihn lange an, dann schmiegte sie sich an seine Schulter und seufzte tief. »Ich weiß.«

»Pass auf Mama auf, während ich fort bin.«

»Mama wird wahrscheinlich weinen. Mama sagt, du solltest kein Marine mehr sein. Mama sagt, du solltest auf der Station arbeiten. Mama sagt, Trisha hat sich wahrscheinlich die Titten machen lassen.«

Etwas verwirrt wegen der letzten vertraulichen Informationen küsste Corporal Conn seine Tochter auf den Scheitel.

»Und weißt du, was noch? Wenn du weg bist, fällt mir wahrscheinlich der Zahn aus.« Torin ging an den beiden vorbei zu der großen Doppelschleuse. Wenigstens können wir diesmal sicher sein, dass er zu ihr zurückkommt, dachte sie, als der Zug sich ihr anschloss. Dann setzte sie vorsichtshalber ein wahrscheinlich hinzu, um ihr Glück nicht überzustrapazieren.

***

Drei Tage nach dem Abflug von der Station dockte das Marine-Konglomerat aus Wohnquartieren, Messe, Fitnesscenter, Waffenkammer und Luftunterstützung am Föderationsschiff Berganitan an, das die Diplomatengruppe aus dem inneren Sektor an Bord hatte.

Augenblicke nach der Freigabe glitt das gesamte Schiff in den Susumiraum, und bis auf die Plasmaingenieure stellten sich alle auf Wartezeit ein. Die Zeit war im Susumiraum eigentlich nur für die relevant, die die Berechnungen anstellen musste, anhand derer das Schiff praktisch im Moment seines Eintritts in den Realraum zurückwechselte, wobei es mehrere Lichtjahre zurücklegte.

»Gute Nachrichten. Second Lieutenant Jarret hat einen mittelmäßigen Abschluss.«

Mehrere Angehörige der Ersten Schwadron blickten auf, und jemand fragte: »Warum sind das gute Nachrichten, Res?«

Ressk, der die nackten Füße auf einem der Tische in dem freien Bereich zwischen den beiden Kojen-Doppelreihen liegen hatte, streckte die Zehen und grinste breit Juan Checya an, den schweren Kanonier seines Feuerteams. »Wenn er Klassenbester gewesen wäre, wäre er ein unerträglicher Streber gewesen, als Schlusslicht ein Chrick.«

»Essbar?«

»Essbar.«

Checya schnaubte und ließ sich auf seine Koje fallen. »Was zur Hölle ist für dich eigentlich nicht essbar?«

»Nicht viel«, gab Ressk, dessen Finger über sein Tablet flogen, zu. »O, das ist ja interessant. Eine der Elterneinheiten des Lieutenants war Admiralin di’Ka Tereal, heute Ex-Admiralin qui’Ka Tereal, die versucht hat, seine Bewerbung auf die Station Ventris zu hintertreiben.«

»Wollte sie ihn für die Scheiß-Navy?«

»Sie wollte, dass er überhaupt nicht zur kämpfenden Truppe geht.«

Corporal di’Merk Mysho warf ihre Bürste in ihren Spind und beugte sich über Ressks Schulter. »Das ist so ein qui’Taykan-Ding«, erklärte sie. »Es gibt nichts Konservativeres als eine Erzeugerin. Sind diese Akten nicht Verschlusssache?«

»Kommt darauf an, was du damit meinst.«

»Etwas, wozu nicht Gott und die Welt Zugang haben soll.«

»Bin ich Gott oder die Welt?«

Sie verpasste ihm einen leichten Schlag auf den Hinterkopf. »Hat der Staff Sergeant Kerr nicht klar und deutlich gesagt, du sollst dich von Dingen, die geheim sind, fernhalten, solange wir an Bord der Berganitan sind?«

»Eigentlich hat sie mir verboten, in geheime Bereiche der Berganitan einzudringen. Ich bin in den Aufzeichnungen der Division. Hier geht es ausschließlich um Marines, nicht um Navy-Angehörige, ist also kein Problem.«

»Bis man dich erwischt.«

Er führte mit einem Fuß einen Becher Sah an den Mund und nahm einen tiefen Schluck. »Werde ich das je?«

»Was denn? Bedauern, dass du Hollices Daumen nicht gegessen hast, als du Gelegenheit dazu hattest?« Binti Mashona, das vierte Mitglied ihres Feuerteams, nahm ihm den Becher aus den Zehen und stellte ihn wieder auf den Tisch. »Du weißt, ich hasse es, wenn du das mit Lebensmitteln machst.«

»Du bist nur neidisch, weil meine Spezies körperlich leistungsfähiger ist als deine.«

»Ich denke lediglich daran, dass dieser Fuß den Großteil des Tages beim Exerzieren in Stiefeln verbracht hat.«

»Apropos körperlich leistungsfähig«, unterbrach Juan sie und beugte sich aus seiner Koje herüber. »Hattest du auf der Station Glück mit dieser Servicetechnikerin?«

»Nein.« Binti entnahm ihrem Spind eine Spielekarte und schob sie in ihr Tablet. »Sie wollte sich nicht mit jemandem von einer Kampfeinheit einlassen.«

»Einlassen? Scheiße, ich dachte, du wolltest nur Sex.«

»Warum hast du nicht einen di’Taykaner gefragt, wenn du nur Sex wolltest?«, staunte Mysho.

»Weil ich keine Wahl mehr habe, sobald ihr eure Dämpfer abnehmt. Ich könnte es mir dann nicht mehr anders überlegen.«

»Aber wenn du doch Sex wolltest …«

Ressk schnaubte. »Das ist so ein Menschending, Mysho, das verstehst du nicht.«

»Apropos Menschendinge, habt ihr gehört, was der Staff heute Abend vorhat?«, grinste Binti, und ihre Zähne blitzten weiß und hoben sich prächtig vom dunklen Mahagoniton ihrer Haut ab. »Großer, schicker Empfang für diese Diplomaten, denen wir als Ehrengarde dienen sollen. Essen in übersichtlich kleinen Mengen auf Tabletts, schwarze Paradeuniformen und höfliche Konversation.«

Für einen Augenblick herrschte verblüffte Stille, dann schüttelte Juan langsam den Kopf. »Das wird der Staff furchtbar auf den Sack gehen.«

»Möchte jemand sehen, wie sehr?« Ressk tippte vielsagend auf sein Tablet. »Ich kann mich in die Sicherheitskameras des Schiffs hacken …« Er verstummte, als die um den Tisch versammelten Marines einander fragende Blicke zu warfen und sich dann gleichzeitig in Richtung Mysho wandten.

»Was?«

»Du bist die ranghöchste, Mysh.«

»O nein, Conn hat lange vor mir seinen zweiten Streifen gekriegt.«

»Conn ist aber gerade unterwegs, um irgendwelchen Nippes für Myrna aufzutreiben. Deine Entscheidung.« Sie murmelte etwas in ihrer Sprache und hob dann resigniert die Hände. »Warum nicht? Du tust es ja eh, Ressk, dann können wir genauso gut alle einen Blick darauf werfen.«

***

»Kann mir mal jemand helfen? Die Jacke will einfach nicht richtig sitzen.«

Neben der Luke, die die Quartiere der Staff Sergeants vom Aufenthaltsraum der Unteroffiziere trennte, stand Sergeant Mike Glicksohn und winkte Torin heran. »Du bist wirklich der Inbegriff kriegerischer Eleganz.«

»Ja, nicht wahr«, stimmte sie zu und reichte ihm ihren Gürtel. »Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich das letzte Mal so aufgebrezelt habe.«

»Bei der Beförderung zur Staff?«

»Nein, das war eine Beförderung im Feld – ich war von oben bis unten mit den Eingeweiden Staff Sergeant Guntahs bedeckt, und das einzig Schwarze an mir waren die Stellen an meinen Fingernägeln, wo die Erfrierungen begonnen hatten.«

»Ich erinnere mich.« Anne Chou sah von ihrem Tablet auf. »Der Planet war nahezu unbewohnbar – wir hätten ihn ignoriert, wenn die Anderen nicht versucht hätten, dort eine Bergbaustation zu errichten.«

»Jetzt haben wir dort eine Bergbaustation, und eines Tages werden wir zu diesem Eisloch am Arsch des Weltraums zurückkehren müssen, um sie zu beschützen.«

»Krieg ist Fortschritt«, murmelte Glicksohn und trat zurück. »Fertig.«

»Danke.« Torin trat an die Wand und polarisierte den Bildschirm. »Glaubst du, es hat einen Grund, warum diese Kragen so eng sind?«, fragte sie und betrachtete ihr Spiegelbild. »Ist euch auch so heiß?« Sie bewegte die Schultern unter dem schwarzen Stoff und fragte sich, warum sie sich plötzlich so … »Trey!«

Die drei Menschen wandten sich dem anderen Ende des Raumes zu, wo die di’Taykaner-Sergeantin gerade aus der Dusche kam.

»Reg dich ab«, seufzte sie und schritt nackt zu ihrem Raum. »Wo soll ich ihn denn anbringen? Außerdem bist du ein Mensch, Triebhemmung ist gut für dich. Du«, fuhr sie fort und blieb stehen, um Torin anzugrinsen, »solltest mir dankbar sein, denn bevor das Corps di’Taykaner aufnahm, hättest du dazu eine Mütze tragen müssen.«

»Danke«, sagte Torin in Richtung der geschlossenen Tür. »Ah, dir danke ich auch«, setzte sie hinzu, als Chou die Luftaufbereiter hochfuhr. »Apropos Dämpfer, weiß jemand, wo Haysole ist? Ich habe ihn seit dem Andocken kaum gesehen.«

»In der Schwerelosigkeitsblase. Er sagte, er wolle versuchen, sich durch die Mannschaft der Berganitan zu arbeiten.«

»Auch die Vakuumjockeys?«

»Nicht alle.« Glicksohn lehnte sich in seinem Stuhl zurück und griff sich den Bierschlauch, den er zuvor aus der Hand gelegt hatte. »Ich habe für 2130 ein Spiel angesetzt, und ein paar haben Interesse gezeigt.«

»Spielt ihr auf neutralem Boden?«

»Soweit das in diesem fliegenden Aquarium möglich ist.«

»Wer kommt mit, falls die VJ sich danebenbenehmen?«

Glicksohn schnaubte. »Tun sie das jemals nicht?«

»Mike …«

»Sam Austin kommt mit, und Esket von der Luftfahrzeugsbesatzung. Zufrieden?« Als sie nickte, grinste er. »Du machst dir zu viele Sorgen.«

»Das ist meine Aufgabe. Apropos, hat einer von euch …«, bei ihren Worten trat Trey aus dem Quartier, »nachgeprüft, zu welchen Spezies die Diplomaten gehören?«

»Dornagain und Mictok«, antwortete Trey und ließ sich auf einen Stuhl fallen.

Glicksohn warf ihr ein Bier zu. »Ich dachte, die Silsviss wären Reptilien. Warum schicken wir da keine Raszar oder Niln? Damit sie wissen, dass sie nicht die einzigen Echsen im Club wären, bevor sie sich uns anschließen.«

»Oder H’san?«, fragte Chou. »Jeder mag die H’san.«

»Ich schätze, man schickt keine Reptilien, um keinen Konkurrenzdruck aufzubauen.« Torin wischte ein Stäubchen von ihren Einsatzabzeichen. »Im Erstkontakt-Team war übrigens ein H’san. Die Silsviss erwähnten dauernd, wie sehr er nach Essen rieche.«

»Wie gesagt, jeder mag die H’san.«

»Ich weiß, die Mictok sind angeblich großartige Diplomaten«, murmelte Glicksohn, »aber jedes Mal, wenn ich eine sehe, schreit eine leise Stimme in meinem Kopf unablässig: Nehmt sie von mir weg! Nehmt sie von mir weg!«

Ehe sie antworten konnte, zirpte Torins Implantat.

*Lieutenant Jarret wartet auf dem Gang auf Sie.*

***

Vor den di’Taykaner hatten sowohl das Marine Corps als auch die Navy blaue Paradeuniformen getragen, aber die Aufnahme einer Rasse mit pastellfarbenem Haar und ebensolchen Augen hatte in diesem Punkt eine Veränderung erforderlich gemacht. Die Navy hatte sich für Grau entschieden – Taubengrau für die Piloten, etwas dunkleres Grau für die Ingenieure, dank derer sie den Susumiraum überhaupt erreicht hatten, und Anthrazit für alle anderen. Das Corps trug Schwarz. Ungeachtet seines Aufgabenbereichs, seines Ranges oder seines Namens war ein Marine immer in erster Linie ein Marine.

Zum Glück gingen die, die ein Problem mit der Kombination aus Pastellfarben und Tarnfleck hatten, zumeist nicht in Kampfeinheiten.

Lieutenant Jarret wartete an der Leiter, die den Zug mit der Luftunterstützung ein Deck höher verband, auf sie. Das Corps war stolz auf seine logistische und personelle Flexibilität und konnte im Handumdrehen Transporteinheiten für jede nur denkbare Truppenzusammenstellung konfigurieren. Als Torin zu ihm trat, kamen gerade die Pilotin und der Copilot die Leiter heruntergerutscht.

»Captain Fiona Daniels, Second Lieutenant Ghard, das ist Staff Sergeant Torin Kerr. Sie begleitet uns heute Abend auf Bitten Captain Carvegs von der Berganitan.«

»Freut mich, Staff. Gegenüber den VJs werden wir zahlenmäßig deutlich in der Unterzahl sein.«

Torin erwiderte das freundliche Lächeln des Captains. »Ich stärke Ihnen gerne den Rücken, Captain.« Fiona Daniels war gutaussehend und kess wie die Models auf den Rekrutierungsplakaten der Menschen. Dunkles Haar, grüne Augen, tiefe Grübchen, schöne, weiße Zähne – nur jemand, der aus erster Hand Erfahrungen mit plastischer Chirurgie gemacht hatte, konnte an einem leichten Farbunterschied erkennen, dass man die Haut ihrer gesamten linken Gesichtshälfte jüngst ersetzt hatte. Sie war eine der Pilotinnen gewesen, die die Sh’quo-Kompanie nach der letzten, desaströsen Außenmission vom Boden gerettet hatte, und wenn zum Rücken stärken gehörte, für sie ein paar Vakuumjockeys den Hintern zu versohlen, war Torin dazu nur zu gerne bereit.

Auf der anderen Seite der Schleuse hatten die Wände die Farben der Navy, und ihre Implantate fragten alle gleichzeitig nach ihrem Ziel.

Lieutenant Jarret legte kurz irritiert seine Haare am Kopf an, antwortete aber höflich: »Offiziersmesse.«

*Nehmen Sie am Ende dieses Ganges den Vertikalschacht zu Deck sieben. Die Offiziersmesse befindet sich drei Türen vom Vertikalschacht entfernt links. Bitte gehen Sie weiter.*

»Machen Sie sich nichts daraus, Jarret«, riet Captain Daniels, als sie aufbrachen. »Das ist so ein Navy-Ding. Die VJs finden ohne Leitstrahl ihren eigenen Arsch nicht.«

***

»Was geht denn hier?«

»Ressk observiert heimlich diese schicke Party, auf die die Staff muss.« Juan duckte sich, als Binti nach ihm schlug. »Hätte ich etwa lügen sollen?«

Corporal Hollice schob sich neben Mysho und beugte sich über den Kopf des Krai. »Das sind … okay, waren … Sicherheitscodes der Navy.«

»Ist er drin?«, fragte jemand von weiter hinten.

»Ich bin drin.« Ressk schob sein Tablet sehr vorsichtig in die Dockingstation der Videowand. Der Bildschirm wurde schwarz, dann grau, dann entstand langsam ein Bild.

Hollice seufzte. »Ich möchte festhalten, dass ich während dieses gewaltsamen Eindringens nicht zugegen war.«

»Wir haben dich verführt, dir das mit uns zusammen anzuschauen«, bestätigte Ressk und stellte den Kontrast ein.

»He, schaut mal, Mictok.«

Die versammelten Menschen unterdrücken das für ihre Rasse typische Erschauern, als drei Mictok von einem Mitglied der Intendantur Getränke entgegennahmen.

Der Kamerawinkel veränderte sich.

»Ich sehe überall Navytypen«, klagte Juan. »Wo ist unser Team?«

»Da, an der Luke.«

***

Während die beiden Piloten als erste den Raum betraten, warf Torin Jarret einen Blick zu. Der ständigen Bewegung seines Haars und der Art, wie er auf den Ballen ging, nach zu urteilen war er nervös. Sie konnte ihm daraus keinen Vorwurf machen. Die meisten Second Lieutenants lernten befehligen, während ihr Zug Teil einer Landemission in Bataillonsstärke war – nicht für alle sichtbar auf einer protokollarischen Mission. Da war es auch nicht besonders hilfreich, dass an jeder Brust im Raum außer an seiner und der der Diplomaten ein Regenbogen von Einsatzabzeichen prangte.

»Denk daran, dass die Navy auf unserer Seite ist, selbst wenn es manchmal nicht so klingt«, murmelte sie, während sie auf Captain Carveg zugingen. »Wir sind sowas wie Geschwister. Wenn es hart auf hart kommt, halten wir zusammen. Was die Zivilisten angeht, so halten uns die älteren Rassen für Wilde, weil wir bereit sind, für den Erhalt der Föderation zu kämpfen, weswegen bereits grundlegende Umgangsformen sie beeindrucken. Gute Manieren werden sie kollektiv von den Füßen hauen.« Er wandte sich halb um, und sein Haar hob sich leicht.

Sie zuckte die Achseln. »Oder von den Spinnwarzen. Was auch immer.«

Als die Offiziere vorgestellt und begrüßt waren, wandte sich Captain Carveg mit breitem Lächeln an Torin. »Die Staff Sergeant und ich sind einander schon begegnet, doch damals war sie noch Sergeant und ich nur Commander.«

Zwar hätte Torin das halbe Dutzend Krai der Sh’quo-Kompanie unter Tausenden erkannt, doch eigentlich sahen sie für sie alle gleich aus. Sie wusste, es war rassistisch, aber die Gesichtskämme, an denen die Krai einander so eindeutig erkannten, verrieten ihr lediglich das Geschlecht. Ihre Hautfarbe rangierte stets im Mittelbereich der menschlichen Norm, sie waren weder so dunkel wie Binti Mashona noch so hell wie Captain Rose. Die wenigen Haarbüschel an der breiten Schädelbasis waren auch keine Hilfe. Die di’Taykaner, die andere ebenso am Geruch erkannten wie am äußeren Erscheinungsbild, hatten da einen klaren Vorteil.

Mindestens vier Jahre war es her, dass sie einen Commander namens Carveg getroffen hatte …

»Die CS Charest, die von Sai Genist aufbrach?«

Carveg nickte. »Ich bin überrascht, dass Sie sich erinnern.«

Torin grinste, achtete aber darauf, nicht zu viele Zähne zu zeigen. »Sie sind mit einem Schlachtkreuzer in die Atmosphäre gesprungen, haben einen Angriffskeil aus Schiffen der Anderen geröstet und damit mindestens ein Dutzend unserer Piloten gerettet. Aus meinem Blickwinkel war das eine beeindruckende Lightshow.«

»Mein Captain war bei dem Angriff gefallen, und es war die erste Schlacht, in der die Anderen die neue Clustertechnologie einsetzten«, erklärte Carveg den gespannt lauschenden Offizieren. »Ich bin ein Risiko eingegangen, das sich ausgezahlt hat, doch wenn ich bedenke, wie unser Rumpf hinterher aussah, muss ich davon ausgehen, dass mir unsere Ingenieure nie verziehen haben. Derweil zogen unten auf dem Planeten Sergeant Kerr und ihre Schwadron drei meiner abgestürzten Piloten aus den Wracks ihrer Rettungskapseln und hielten sie unter Risiken für die Schwadron am Leben, bis wir das System soweit gesäubert hatten, dass eine medizinische Evakuierung möglich war.«

»Was ist so gefährlich daran, Tragen zu schleppen?«, fragte eine di’Taykaner-Navyoffizierin.

Lieutenant Jarret antwortete, ehe Torin es vermochte. »Wenn man Tragen schleppt«, sagte er so freundlich, dass die Augen des anderen di’Taykaners aufleuchteten, »kann man keine Waffen einsetzen. Drei Tragen bedeuteten mindestens sechs wehrlose Marines, wodurch sich die Stärke der Schwadron fast halbierte. Aber wir lassen niemanden zum Sterben zurück.« Dass er das betonte, war ein sanfter, aristokratischer Tadel.

Ich wette, das ist eine di’Taykaner mit mehr als zwei Buchstaben im Namen, dachte Torin und unterdrückte ein Lächeln. Der jüngste Offizier im Raum war Spross einer Familie, die seit dem Anbeginn der Zivilisation seiner Spezies Macht besessen hatte. Im Umgang mit uns anderen steht er vielleicht noch ganz am Anfang, aber seine eigene Spezies hat er schon ganz gut im Griff.

»Glauben Sie bloß nicht, wir wüssten das nicht zu schätzen«, ermahnte ihn Captain Carveg, die sich nicht die Mühe machte, ihre Zustimmung zu verbergen. »Kommen Sie, ich möchte Sie den Leuten vorstellen, die Sie begleiten werden.«

***

»Was passiert jetzt?«

»Weitere Vorstellungen.«

Auf dem Bildschirm richtete sich einer der Dornagain zu voller Größe auf und verneigte sich förmlich.

»Scheiße, sind die riesig.«

»Deshalb hat man sie wahrscheinlich geschickt – für den Fall, dass es Ärger gibt.«

»Nein, deshalb schickt man uns. Die Dornagain kämpfen nicht.«

»Selbst wenn, hast du je einen gesehen, der sich schnell genug bewegen konnte, um sich am Arsch zu kratzen, bevor das Jucken weiterwandert?«

»Wenn sie nicht kämpfen, wofür haben sie dann diese beschissenen Klauen?«

»Meeresfrüchte.« Die Schwadron drehte sich zu Hollice um, der die Achseln zuckte. »Erinnert ihr euch nicht an eure Schulvideos zum Thema ›Gründer der Föderation‹?«

»Ich erinnere mich nur, dass die H’san jeden Sonnenaufgang mit Gesang begrüßen. Egal, um welche Sonne es geht.«

»Echt? Ich weiß nur noch, dass die H’san Käse mögen.«

»Das weiß doch jeder.«

***

»Lieutenant Jarret, Sergeant Kerr, das ist Botschafter Krik’vir.« Captain Carveg ersetzte das Mandibelklacken in der Mitte des Namens mit einem Aufeinanderknallen ihrer Zähne, auf das Torin unwillkürlich neidisch war. Der Zahnschmelz der Krai war so hart, dass Bioingenieure ständig versuchten, ihn zu replizieren, um ihn als Atmosphärenschild bei den Vakuum-zu-Atmosphäre-Schiffen der Föderation einzusetzen.

Die Botschafterin der Mictok senkte grüßend die Fühler. »Wir sind sehr erfreut, Sie beide kennenzulernen. Wir wissen es zu schätzen, dass so viele von Ihnen uns so spontan beherbergen können.«

Lieutenant Jarret neigte den Kopf. »Befehle von General Morris, Ma’am.«

»Ja, natürlich.« Amüsiert klackerten ihre äußeren Mandibeln leise gegen die inneren. »Wir vergessen, dass Sie nicht auf Konsens angewiesen sind. Manchmal wünschen wir, wir hätten dieselbe Freiheit. Gestatten Sie uns, unseren Stab vorzustellen. Er steht auch unter Ihrem Schutz.«

Nimm es weg! Nimm es weg! Torin gelang es nicht, Glicksohns Worte aus dem Kopf zu verbannen, als sie die nächste Stufe der Vorstellungszeremonie erreichten. Obgleich die Schönheit der Mictok Kunst fast jede bekannte Spezies berührte und ihre diplomatischen Fähigkeiten entscheidend zum Entstehen der Föderation beigetragen hatten, sahen Menschen in ihnen Riesenspinnen. Es war sehr förderlich für die Beziehungen zwischen Menschen und Mictok, dass es beinahe unmöglich war, Letztere vor den Kopf zu stoßen.

Botschafterin Krik’virs Stab bestand aus nur drei anderen Mictok, eine überraschend kleine Zahl für eine Gemeinschaftsspezies, allerdings ein Individuum mehr als die Mindestzahl. Unter den richtigen Bedingungen konnten drei Mictok ein neues Nest gründen, in dem dann eine zur Königin wurde, eine zum befruchteten Männchen und die dritte für das glückliche Paar sorgte, bis die ersten Jungen schlüpften. Wenn nötig würde der Mann auch zum Inkubator. Torin hatte sich schon oft gefragt, wie sie entschieden, wer welche Rolle übernahm, aber nie zu fragen gewagt.

Es folgte die Vorstellung des Botschafters der Dornagain und seines Stabes, eine Zeremonie mit vielen gegenseitigen Verbeugungen und dem Austausch belangloser Freundlichkeiten. Dornagainnamen klangen für menschliche Ohren seltsam, da sie sich auf Persönlichkeitsmerkmale oder körperliche Eigenschaften bezogen und sich im Laufe eines langen Lebens mehrfach veränderten. Der Botschafter trug derzeit den passenden, aber sperrigen Namen Der-gut-zuhört-und-alles-bedenkt.

Da ihr Rang oder vielmehr das Fehlen desselben sie aus weiten Teilen dieser sozialen Rituale ausschloss, konnte Torin im Hintergrund stehen und bewundern, wie sich Lieutenant Jarret schlug. Sein Haar hatte sich beruhigt, sobald sich seine Aufregung gelegt hatte, und er schien Spaß zu haben. Als Mitglied eines uralten Hauses war er vom Hintergrund her perfekt geeignet, um zivilen Schutzbefohlenen Honig um den Bart zu schmieren, und sie musste zugeben, dass er zwar noch grün hinter den Ohren sein mochte was Kampferfahrung anging, dass er aber der perfekte Mann war, um diese Mission zu befehligen.

Wenn erst einmal jemand anfängt, auf uns zu schießen, wird er bald nicht mehr so grün hinter den Ohren sein. In Torins Augen war ein Offizier, der Kommandoerfahrung hatte, ehe er in den Kampf zog, für alle Beteiligten ein Vorteil, und der Gedanke half ihr, etwas weniger sauer auf General Morris zu sein – trotz der drangvollen Enge ihrer Paradeuniform.

Aus Paritätsgründen mussten bei vier Mictok ebenso viele Dornagain anwesend sein. Ihnen war vollkommen klar, dass ihre Größe sie für kleinere Spezies furchterregend machte – also für so ziemlich alle anderen Mitglieder der Föderation –, weswegen sie sich langsam trennten, als die Vorstellungsrunde beendet war.

Mit den vier Marines im Schlepptau unterbrach Captain Carveg eine Diskussion über Zellplastizität, um ihnen Dr. Planton Leor vorzustellen …

»… den Umweltmediziner, der dafür sorgen wird, dass Sie während Ihres Aufenthalts auf Silsvah alle gesund bleiben. Er ist in erster Linie in der medizinischen Forschung tätig«, setzte sie in gedämpftem Tonfall hinzu, als sie sich entfernten. »Ich schicke vorsichtshalber auch ein paar Sanitäter runter.«

Die restlichen Zivilisten waren die diplomatische Geschäftsträgerin und ihre beiden Assistenten, alle drei Rakva wie der Doktor.

***

»Als ich damals beim 9. war, hatte ein Rakva eine Kantine auf der Station«, sinnierte Ressk. »Toller Koch.«

»Warum hat dich das interessiert?«, fragte Binti und blickte von ihrem Tablet auf. »Du isst doch alles, was nicht schnell genug wegläuft, bevor du es dir in den Rachen schieben kannst.«

»Es gibt einen Unterschied zwischen Essen und Genießen«, erinnerte der Krai sie. »Der Typ konnte ein Juklae so leicht zubereiten, dass man das Gefühl hätte, man esse in der Schwerelosigkeit.«

»Echt? Zu schade, dass nicht er statt dieses Umweltarztes hier ist.« Sie schnaubte. »Als wären wir noch nie zuvor auf einem seltsamen Planeten gelandet.« Sie hob drohend den Finger und imitierte die pfeifende Stimme eines Rakva. »Nicht anfassen, wir wissen nicht, wo das vorher war.«

»Ich für meinen Teil schaue einem geschenkten Arzt nicht ins Maul.«

Grinsend sah Binti zum dunklen Rechteck der Koje von Corporal Hollice hinüber. »Ich glaube, einem Rakva kann man gar nicht ins Maul schauen, Hol. Dafür sind diese Schnabel Dinger nicht geeignet.«

Eine Hand wurde lange genug sichtbar, um eine sehr menschliche Geste auszuführen. »Kurzsichtig. Deshalb bist du immer noch Gefreiter.«

»Nein, du stirbst einfach nicht. Deshalb bin ich immer noch Gefreite.«

»Du bist demnach der Grund, warum ich noch lebe.«

»Ich fühle mich geehrt.«

»Das solltest du auch. Klappe jetzt, ich versuche zu schlafen.« Noch immer grinsend widmete Binti ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Tablet.

Der Rest der Schwadron fand es inzwischen langweilig, die diplomatischen Bemühungen zu beobachten – auch wenn sie sich die Möglichkeit dazu auf illegalem Wege verschafft hatten. Die meisten begaben sich in die Messe, aber Ressk klebte nach wie vor am Bildschirm. Als die Vorstellungsrunde vorbei war und Captain Carveg die Marines am Buffet allein ließ, programmierte er rasch die Parameter der Sicherheitskamera um, damit sie die Captain der Berganitan im Auge behielt.

»Das nenne ich mal zwei Amalorks«, murmelte er und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

Staff Sergeant Kerr konnte er jederzeit anschauen. Weibliche Krai hingegen gab es bei der Infanterie selten.

***

Torin knabbert an etwas, das vage an Algen erinnerte, beobachtete, wie Lieutenant Jarret mit der Menge interagierte und fragte sich, warum er sich für den Kampf entschieden hatte, wenn er doch ein so guter … nun, die höflichste Bezeichnung lautete wohl Diplomat, war, obwohl sie immer wieder an den Begriff »Arschkriecher« denken musste. Warum starb er eigentlich nicht halb in seiner Paradeuniform? Sie schob einen Finger unter ihren Kragen und nahm sich dann noch so ein Algending.

»Wir freuen uns, eine weitere reptilische Spezies in der Föderation willkommen heißen zu können.«

Torin hatte nicht gehört, dass sich die Mictok ihr von hinten genähert hatte, aber der Akzent war unverkennbar – Mandibeln waren für weichere Konsonanten einfach nicht geschaffen. Sie zwang sich, sich langsam umzudrehen und stand der Botschafterin mehr oder weniger von Angesicht zu Angesicht gegenüber.

»Das Erstkontakt-Team hat angedeutet, dass die Silsviss über eine sehr lebendige, reichhaltige Kultur verfügen. Wir freuen uns darauf, uns näher damit zu beschäftigen.«

Dazu fiel Torin nicht viel ein, also nickte sie nur lächelnd. Es war ein wenig verstörend, das eigene Spiegelbild im näheren Augenstiel der Botschafterin zu sehen, weswegen sie den Blick senkte und die bunten Muster betrachtete, die auf deren Exoskelett gemalt waren.

Der Augenstiel folgte ihrem Blick. »Gefällt es Ihnen, Staff Sergeant?«

»Es ist wunderschön, Ma’am.«

»Das finden wir auch, aber wir waren nicht sicher, wie es auf eine Spezies mit zwei Augen wirkt.« Das Vorderbein mit der kleinsten Anzahl Finger erhob sich und tippte gegen Torins Abzeichenleiste. »Das ist nicht nur Schmuck, richtig?«

»Ja, Ma’am. Die Abzeichen stehen für die Orte, an denen ich gewesen bin und meine dortigen Taten.« In einem Kurs über speziesübergreifende Beziehungen, an den sie sich kaum noch erinnern konnte, hatte man ihr nahegelegt, kulturelle Erklärungen so einfach wie möglich zu halten. Einfacher ging es eigentlich gar nicht mehr.

»Im Hinblick auf Ihre Kampfeinsätze?«

»Ja, Ma’am.«

Die Mictok seufzte – zumindest deutete Torin das Geräusch, das sie von sich gab, so. »Wir begreifen nicht, warum die Anderen darauf bestehen, in den Föderationsraum einzudringen. Wir mögen den Gedanken nicht, dass eine empfindungsbegabte Spezies sterben muss, auch wenn in diesem Fall wenige sterben, um die Vielen zu beschützen.«

»Uns gefällt der Gedanke auch nicht gerade, Ma’am.«

Wieder gab sie dieses Geräusch von sich. »Davon sind wir ausgegangen. Wir haben uns oft gefragt, warum man nicht eine präzisionsgelenkte Waffe bauen kann …«

»Verzeihung, Ma’am«, unterbrach Torin steif, »aber Sie haben im Augenblick zweiundvierzig präzisionsgelenkte Waffen an Bord. Fünfundvierzig, wenn man unsere Luftunterstützung mitrechnet«, setzte sie hinzu, als sie vom anderen Ende des Raums Captain Daniels Stimme hörte. »Aber kein Computer könnte alle denkbaren Variablen eines Kampfes berechnen.«

»Was wäre, wenn wir endlich echte künstliche Intelligenz hätten?«

»Dann würden wir einfach nur eine andere empfindungsfähige Spezies in den Tod schicken.«

Botschafterin Krik’vir tippte wieder gegen Torins Abzeichenleiste. »Wenn keine davon für Ihre Diskussionsfähigkeiten steht, Staff Sergeant Kerr, finden wir, Sie sollten eine solche bekommen. Lieutenant Jarret trägt keine Farben«, fuhr sie fort, ohne auf eine Antwort zu warten. »Er ist noch ganz neu.«

Das war keine Frage gewesen, deshalb wartete Torin, bis die Botschafterin zur Sache kam.

»Er weiß, wie wichtig die Silsviss für unsere Verteidigungsmaßnahmen in diesem Sektor sind?«

»Ja, Ma’am, das ist ihm bewusst.«

»Wir haben gehört, die Silsviss ließen sich von Kriegern beeindrucken. General Morris hat eine interessante Wahl getroffen.«

»General Morris weiß, was er tut, Ma’am.« Ungeachtet ihrer persönlichen Meinung über den General würde Torin nicht zulassen, dass ihn ein Nichtmarine kritisierte. Abgesehen davon hatte der Abend sie ziemlich überzeugt, dass Jarret hier war, um sich um die Diplomaten zu kümmern und es dem Rest von ihnen überlassen bleiben würde, die Silsviss zu beeindrucken. Als die Botschafterin ihren Gedanken laut wiederholte, war sie so verblüfft, dass sie der Mictok in die Augen sah. Acht Spiegelbilder ihrer selbst starrten sie überrascht an. Sie konnte nicht umhin festzustellen, dass sie wie eine Idiotin aussah, schloss den Mund, und ihre acht Spiegelbilder taten es ihr nach.

Botschafterin Krik’virs äußere Mandibeln klackten gegen die inneren. »Wir können keine Gedanken lesen, Staff Sergeant, aber es war nicht schwer, die Ihren zu erraten.« Mit einem Vorderbein deutete sie auf den restlichen Raum. »Hier sind heute Abend vier Marines, vier Mictok, vier Dornagain und aus Paritätsgründen vier Rakva. Das ist, wie Sie Menschen zu sagen pflegen, geradezu widerwärtig politisch korrekt. Wir glauben, Sie werden weniger Probleme bei der Erfüllung Ihrer Aufgabe haben als Ihr Lieutenant bei der seinen. Schließlich müssen Sie nur eine Spezies beeindrucken.«

Das war möglicherweise eine Warnung gewesen. »Das werden wir auch, Ma’am.«

»Gut. Wir entschuldigen uns, Sie bei der Nahrungsaufnahme gestört zu haben, freuen uns aber, diese Gelegenheit zu einem Gespräch gehabt zu haben.«

Während die Botschafterin sich wieder unter die Menge mischte, schnappte sich Torin ein Glas von einem Tablett, das ein Kellner vorbeitrug, und nahm einen großen Schluck. Nimm es weg, seufzte sie in Gedanken.

***

»Ich bin etwas überrascht, dass Sie mit uns zurückkommen.« Captain Daniels legte die Hand aufs Identifikationsfeld und ließ den anderen drei den Vortritt, dann folgte sie ihnen und schloss die Schleuse. »Ich hätte gedacht, Sie würden mit einem anderen di’Taykaner anbändeln und die Nacht woanders verbringen.«

»Tatsächlich habe ich mich gefragt, was geschehen würde, wenn ich in unmittelbarer Nähe eines Dornagain den Dämpfer ablegen würde.«

»Eines Dornagain?«

»Die meisten empfindungsfähigen auf Kohlenstoff basierten Säugetiere reagieren.«

»Sind Sie wahnsinnig? Weibliche Dornagain wiegen bestimmt knapp zweihundert Kilo, und die männlichen sind nicht viel kleiner. Wenn Sie nicht zerquetscht würden, würden Sie …« Dann sah sie Jarrets Gesichtsausdruck. »Ich kann nicht glauben, dass ich darauf hereingefallen bin.«

Das Grinsen wurde breiter. »Worauf?«

Das Problem ist, dachte Torin, die den drei Offizieren folgte, dass man bei einem di’Taykaner nie genau weiß, wann er scherzt. Manche von ihnen würden bei passender Gelegenheit ihre Dämpfer vor einem Dornagain abnehmen, nur um herauszufinden, was dann geschah. Lieutenant Jarret schien nicht so zu sein, aber ihr erster Kontakt bewies zweifellos, dass er in der Lage war, ihn sehr schnell abzunehmen, wenn sich eine passende Partnerin fand. Daran wirst du nie wieder denken, ermahnte sie sich und berührte mit der Zunge ihr Implantat, um den Dienstbericht abzurufen.

»Was denken Sie, Staff?«

Abrupt wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder ihren Begleitern zu, schaltete mit der Zunge ihr Implantat ab und zuckte entschuldigend die Achseln. »Tut mir leid, Sir. Ich habe nicht zugehört.«

»Haben Sie nach den Kindern gesehen?«, fragte Jarret.

»Ja, Sir.«

Er nickte zufrieden. Torin war beeindruckt. Sehr viele jüngere Offiziere brauchten Monate, um zu begreifen, wie gut es war, wenn es nichts Neues gab. Manche begriffen das nie.

»Ich habe mich gefragt«, setzte Captain Daniels sie ins Bild und sah ihr in die Augen, »ob Sie eine Meinung zum Verlauf des Abends haben.«

Torin hatte mehr Gespräche belauscht als geführt. Die meisten davon waren unglaublich belanglos gewesen. »Eine militärische Meinung?«

»Bitte. Ich glaube, wir haben alle mehr uninformierte Meinungen über die Qualität des Büfetts, die anderen anwesenden Spezies und die aktuelle Staffel von Alle meine Sprösslinge ge­hört, als gut für uns ist.«

»Es gibt nichts Schöneres, als wenn ein Mictok deine Lieblingsserie totanalysiert«, seufzte Lieutenant Ghard.

Jedenfalls wäre Torin nichts eingefallen. »Die Zivilisten scheinen nicht sicher zu sein, ob sich die Silsviss auf unsere Seite schlagen werden«, begann sie und sammelte sich, während sie sprach, »und dem Doktor gefällt die Vorstellung nicht, eine vierte aggressive Spezies in die Föderation aufzunehmen.«

Vertreter der drei anderen aggressiven Spezies schnaubten.

»Die Navy scheint zu befürchten, die Anderen könnten herausfinden, was wir planen und diese neuen Verteidigungsmaßnahmen torpedieren, ehe wir sie zum Laufen kriegen. Einer der VJs, der das Erstkontakt-Team abgesetzt hat, meinte, wir sollten die Silsviss besser rekrutieren, ehe die Anderen es tun, denn sie wolle, ich zitiere, diesen Hurensöhnen nicht in der Schlacht begegnen.«

Jarret nickte. »Das habe ich auch gehört. Gut, dass wir ihnen als Freunde begegnen.«

***

»Also, Leute, die Uhr läuft wieder. Noch neunundvierzig Stunden bis zur Landung. Ihr habt alle die Videos über die Silsviss gesehen, habt gehört, wie wichtig es ist, sie so zu beeindrucken, dass sie sich der Föderation anschließen, ehe die Anderen an sie herantreten. In Anbetracht dessen werden wir in den nächsten neunundvierzig Stunden morgens, nachmittags und abends protokollarischen Drill durchführen. Zumindest, soweit das an Bord eines Schiffes geht.«

»Ach, Staff, wir haben doch schon exerziert …«

»Ich weiß.« Torin fixierte Haysole mit einem Basiliskenblick. »Ich habe es gesehen.« Sie hob den Blick und musterte den gesamten Zug. »Ich habe euch alle gesehen. Deshalb wird jetzt weiter exerziert.«

»Ich dachte, wir wollten die Silsviss durch unsere militärische Stärke beeindrucken«, murmelte eine menschliche Stimme.

»Ich habe eine bessere Idee, Drake …«

Der schwere Kanonier zuckte zusammen, während die Umstehenden über sein Unbehagen kicherten.

»… fangen wir doch damit an, wie gut wir unseren linken Fuß vom rechten unterscheiden können. Alle Mann. Flugdeck, bewaffnet, 0830. Wegtreten.«

Sie trat einen Schritt zurück neben den Lieutenant, während der Zug grummelnd die Messe verließ.

»Müssen sie wirklich noch exerzieren?«, fragte er leise.

»Eigentlich nicht. Dafür, dass seit der Grundausbildung keiner von ihnen mehr protokollarischen Dienst versehen hat, sind sie überraschend gut.«

»Warum dann der Drill?«

»Sie sollen vor einer Außenmission nicht zu viel nachdenken.«

»Aber das ist keine Außenmission wie jede andere.«

»Keine Außenmission ist je wie eine andere, Sir. Keine.«

Drei

Ganz hübsch hier.« Aus dem Orbit sah man die beiden großen Landmassen Silsvahs sowie ein halbes Dutzend kleinere. Obgleich der Planet etwas kleiner war als Terra und über etwas weniger Meere verfügte, fand Torin ihn angenehm vertraut – allerdings war sie auf Paradise geboren, der ersten Kolonialwelt, und hatte die Heimat der Menschheit nie persönlich aus dem Weltraum gesehen.

»Im Übrigen«, murmelte sie nachdenklich vor sich hin, »trägt die Tatsache, dass uns niemand bei der Landung abzuschießen versuchen wird, enorm zur Attraktivität dieser Welt bei.«

Als die Berganitan über einen Sturm hinwegglitt, der über der halben südlichen Hemisphäre zu hängen schien, machte sich ihr Implantat bemerkbar.

*Würdenträger im Anmarsch.*

Sie verzog das Gesicht, schaltete es mit der Zunge leiser und eilte quer über das Flugdeck Lieutenant Jarret entgegen. Sergeants und noch höhere Ränge hatten das Silsviss-Übersetzungsprogramm erhalten, und der Upload hatte ihre Grundeinstellung durcheinandergebracht, sodass sie jetzt fast jede Funktion neu justieren musste. Ihre nächste Beförderung würde ihr ein neues Implantat bringen, und sie musste zugeben, dass es zwar unschön war, wenn die Techniker ihr die Kiefer brachen, sie sich aber dennoch auf die neue Hardware freute. Unter anderem würde es ihr direkten Zugang zum Navy-Netz und genügend Reichweite bescheren, um jedes Schiff zu erreichen, das sich nicht im Susumiraum befand, falls die Kompanie eine Evakuierung brauchte. Ihre nächste Beförderung würde ihr auch ein paar Jahre ohne Kampfeinsätze bringen, und sie musste zugeben, dass sie sich auch darauf freute.

»Haben Sie gehört, Sir?«

Jarret grinste, sein lila Haar zuckte wild umher. »Ja. Machen Sie sie bereit, Staff Sergeant.«

»Jawohl, Sir.« Während sich die Schleuse öffnete, ließ sie den Zug strammstehen. Sie hatte alle in die Shuttles schaffen wollen, ehe die Zivilisten an Bord kamen, aber der Lieutenant hatte gewollt, dass alle einander schon mal gesehen hatten, ehe sie das Schiff verließen. Das war eine gute Idee – je weniger Überraschungen es auf dem Planeten gab, desto besser –, aber sie war ein wenig überrascht gewesen, dass sie von ihrem brandneuen Second Lieutenant gekommen war.

Der Zug sah gut aus. Nicht ganz so gefährlich wie voll bewaffnet, aber dennoch gut. Falls einige der Leute ein paar unerlaubte Waffen an unerlaubten Stellen versteckt hatten, nun, die Marines waren es gewohnt, mit allen Tricks zu überleben, und das würde sie ihnen ganz gewiss nicht untersagen.

Die Mictok und die Rakva erschienen am oberen Ende der Gangway, noch ehe die vier Dornagain das Flugdeck halb überquert hatten. Mit ausdrucksloser Miene vergnügte sich Torin damit zu beobachten, wie jede bewusste Bewegung neue Glanzlichter auf ihr dichtes Fell zauberte. Dann vergnügte sie sich damit, sich vorzustellen, wie sie gegnerischem Beschuss auszuweichen versuchten. Dann war sie nicht mehr vergnügt.

Captain Carveg hätte sie vor einer Stunde runterschicken sollen – dann hätten wir vielleicht rechtzeitig aufbrechen können.

Der Dornagain-Botschafter erreichte das Ende der Gangway.

Vielleicht auch schon vor zwei Stunden.

Die Rampe diente dem Be- und Entladen gepanzerter Personentransporter. Nach einigen Diskussionen über Gewichtsverteilung und Belastung erklommen die Dornagain sie paarweise.

Irgendwie bezweifle ich, dass der ehrenwerte Der-gut-zuhört-und-alles-bedenkt einen Gedanken daran verschwendet hat, wie nervig diese Langsamkeit für uns anderen alle sein wird.

Als das letzte Glanzlicht im Fell der Bugkabine verschwunden war, scheuchte Torin ihren Trupp zügig in den Bauch der Bestie, vorbei an den beiden GPTs2. und der Waffenkammer in den Truppenbereich.

»Sergeants, Meldung, wenn die Schwadronen gesichert sind.«

»Schwadron eins gesichert.«

»Schwadron zwei gesichert.«

»Haysole, sichern Sie Ihre Füße, sonst schneide ich sie Ihnen ab«, knurrte Glicksohn, als der di’Taykaner einen seiner Füße aus den Gurten befreite.

Haysole kniff die türkisfarbenen Augen zusammen und legte das Haar an, schnappte sich aber den Gurt. »Ich mag es nicht, wenn ich meine Füße nicht bewegen kann, Sarge.«

»Was Sie mögen, interessiert mich einen Dreck. Gurt anlegen.« Glicksohn zurrte sein eigenes Geschirr fest, warf Torin einen »Warum ich?«-Blick zu und vermeldete zackig: »Schwadron drei gesichert.«

»Trupp für die Landung gesichert, Sir.«

Lieutenant Jarret hatte die Information kaum an den Piloten weitergegeben, da hob die Berganitan die VTA3. auch schon ab. »Wollen die den Zeitverlust durch die Dornagain wieder reinholen?«, fragte er sich laut, während der ganze Zug in seine Sicherungsleinen gepresst wurde. »Oder nur schneller sein als dieser Sturm, der über der südlichen Hemisphäre tobt?«

»Vermutlich eher Gewohnheit«, erklärte Torin. »General Morris hat in seiner unendlichen Weisheit einen Kampfpiloten auf diese Mission geschickt – vermutlich immer noch im Versuch, die Silsviss mit unserer militärischen Macht zu beeindrucken. Kampfpiloten, die VTA-Truppentransporter fliegen, landen so schnell wie möglich, damit sie und ihre Fracht auf dem Weg nach unten nicht abgeschossen werden können.«

»Überlebt die Fracht das Ihrer Erfahrung nach?«

»Ja, Sir.« Sie grinste mit zusammengebissenen Zähnen, um sich nicht bei einer besonders heftigen Turbulenz in der Atmosphäre die Zunge abzubeißen. »Meistens.« Ein rascher Blick zu ihrem Zug zeigte ihr, dass alle den Flug mehr oder weniger genossen. »Was auch immer Sie da essen, Ressk, schlucken Sie es, bevor wir landen.«

»Kein Problem, Staff.«

»Die Frage lautet doch eher, wen immer er da isst«, murmelte Binti neben ihm.

»Du solltest deine Finger nachzählen«, schlug er vor. »Du bist so blöd, dass du gar nicht merken würdest, wenn dir einer fehlt.«

»Vielleicht solltest du gren sa talamec to.«

»Das reicht, Leute.«

Als die Föderation die di’Taykaner und die Krai in ein überwiegend menschlich geprägtes Militär aufgenommen hatte, hatten die Xenopsychologen der älteren Rassen mit allen möglichen Problemen gerechnet. Die meisten davon waren nicht eingetreten. Nach der Begegnung mit den Mictok und den H’san hatte keine der drei jüngeren Rassen – die alle aus zweibeinigen Säugern bestanden – größere Schwierigkeiten mit dem Aussehen der jeweils anderen gehabt. Kulturelle Unterschiede wurden in die bestehende militärische Kultur integriert, und die verbleibenden Probleme hatte man mit der äonenalten militärischen Tradition bewältigt, »Leck mich am Arsch« in der Sprache anderer Rassen sagen zu lernen. Die »Wir-gegen-sie«-Mentalität des Krieges brachte seltsame Bettgesellen hervor.

Torin war sich der Tatsache sehr bewusst, dass Lieutenant Jarret dicht neben ihr angeschnallt war und zuckte bei diesem letzten Gedanken innerlich zusammen. Sex mit einem di’Taykaner war zwar völlig normal …

Sie fragte sich, ob diese Hintergedanken sie während ihrer gesamten Mission begleiten würden. Denn wenn ja, erscheint mir eine therapeutische Lobotomie langsam wie eine verdammt gute Idee.

»Wir sind über Shurlantec und haben Gesellschaft bekommen – sieht von hier nach Kurzstreckenjägern aus. Landung in siebzehn Minuten.«

Captain Daniels’ Ansage holte sie in die Gegenwart zurück. »Alle mal herhören, Leute, wir gehen ein letztes Mal den Positionierungsplan durch. Schwadron eins links unten an der Rampe, zwei rechts, drei links und rechts parallel davon. Wenn unsere Zivilisten aussteigen, folgt ihnen Schwadron drei, und eins und zwei flankieren die Gruppe zu beiden Seiten. Denkt daran, wir sind eine Ehrengarde, ich will also keine gezogenen Waffen sehen. Mir ist egal, ob die Silsviss euch in den Arsch beißen – es gibt keinerlei Reaktionen unsererseits. Wir sind hier, um Freunde zu gewinnen, und Freunde sprengen wir nicht in die Luft, jagen sie nicht hoch und machen keine Löcher in sie. Ist das klar? Ja, Checya?«

Der schwere Schütze sah sie mit jämmerlicher Miene an. »Ich fühle mich ohne mein Exoskelett nackt. Scheiße, ich bin noch nie ohne gelandet.« Die anderen acht schweren Schützen des Trupps nickten zustimmend. »Außerdem ist es kein schöner Gedanke, sich Checya nackt vorzustellen«, murmelte jemand.

»Ich verstehe das, aber unser Befehl lautet: nur Handfeuerwaffen.« Sie warf einen Seitenblick auf ihr eigenes KC-7 und unterdrückte ein Lächeln. Klein war relativ – das KC war eben abgesehen von Messern, Fäusten, Stiefeln, Zähnen und Hirn ihre kleinste Waffe. Von einem Marine erwartete man, dass er es überlebte, nackt im Feindesland abgesetzt zu werden, und diese Erwartung hatte schon den einen oder anderen am Leben gehalten. Wahrscheinlich hatte sie auch schon den ein oder anderen umgebracht, erkannte Torin, aber da die Anderen keine Gefangenen machten, kam es wirklich darauf an, sich nicht erwischen zu lassen.

Da denke ich doch lieber an Sex mit dem Lieutenant.

Ihr Implantat meldete sich, und sie drückte den zentralen Entriegelungsknopf für die Sicherheitsgurte. »Wir sind gelandet. Auf gehts.«

Im Schutz des anschließenden Lärms beugte sich Lieutenant Jarret zu ihr herüber und murmelte: »Ich stelle Ihre Entscheidung nicht infrage, Staff, aber warum diese komplizierte Choreografie? Warum lassen wir sie nicht einfach aussteigen und in Reih und Glied antreten?«

»Aus zwei Gründen, Sir. Zum einen beeindruckt militärische Schlagkraft die Silsviss, also zeigen wir Ihnen, dass wir wild entschlossen sind, unsere Zivilisten zu verteidigen, auch wenn das nicht nötig sein wird. Zum anderen wird es hässlich werden, wenn wir diesen Haufen zu lange untätig herumstehen lassen. Ich sagte, du sollst vor der Landung schlucken, Ressk!« Sie seufzte. »Ich hatte General Morris darauf hingewiesen, dass wir eine Kampfeinheit sind.«

»Sie machen sich zu viele Sorgen, Staff. Das ist doch mal etwas anderes für sie.«

Die Frage war allerdings, ob der Trupp darauf scharf war, etwas anderes zu erleben. Knochen brechen, Flaschen zerschlagen, Verhandlungen stören? Ja. Es genießen, in einer Paradeuniform herumzustehen, während Diplomaten Entscheidungen trafen, für deren Umsetzungen sie letztlich alle ihre Marsch würden riskieren müssen? Nein. Aber sie sagte nur: »Jawohl, Sir.«

Am Fuße der Rampe erstreckte sich die örtliche Version von Beton bis zum Horizont, wo sich eine Mauer aus augenscheinlich demselben Material erhob. Abgesehen davon, dass es keine Brandflecken und keine Einschusslöcher gab – hier hatten offenbar anlässlich ihres Eintreffens größere Instandsetzungsarbeiten stattgefunden –, hätte es sich um jedes beliebige Landefeld einer befreundeten Macht in der Föderation handeln können.

Abgesehen von den Riesenechsen, die sich von ein Uhr nähern, setzte Torin gedanklich hinzu. Sie waren noch zu weit weg, um Einzelheiten erkennen zu können, und sie wusste, warum es den schweren Schützen so Probleme bereitet hatte, ihre Exo­skelette nicht zu tragen, denn sie vermisste ihren Helm wirklich. Mit seinem Scanner hätte sie die Streifen auf den einzelnen Schuppen zählen können. Ohne war sie nicht einmal sicher, ob die Neuankömmlinge Schuppen hatten, empfand allerdings die Krallen, die aus deren Füßen ragten, als unangenehm groß.

Sie schienen nicht viel an zu haben, doch angesichts der feuchten Hitze war das nicht besonders überraschend. Die Wärme würde die Krai glücklich machen und war für Menschen erträglich, aber sie würde dafür sorgen müssen, dass die di’Taykaner nicht dehydrierten.

Ein rascher Blick zu Lieutenant Jarret zeigte, dass er das Haar angelegt hatte und dass seine Nasenflügel bebten. »Wenn man einen Planeten trotz der Landeabgase riechen kann«, sagte er und stellte die Temperaturkontrollen an seinem Armreif so niedrig wie möglich, »weiß man, dass es übel werden wird.«

»Der Geruchssinn von Menschen ist wirklich bedauerlich wenig ausgeprägt, Sir.« Die di’Taykaner machten kein Geheimnis daraus, für wie nutzlos sie menschliche Nasen hielten.

Dann sah er sie an. »Niemand mag Klugscheißer, Staff.«

»Sehr wahr, Sir.«

Die Mictok betraten das Feld zuerst, dann die Rakva und dann, was niemanden überraschte, die Dornagain. Bis die Dornagain sich von der Rampe gewuchtet und die dritte Schwadron die Nachhut gebildet hatte, hatte das Empfangskomitee der Silsviss zwischen zwei bunten Bannern und einer Formation eigener Soldaten Aufstellung genommen. Es waren genauso viele wie die Marines, und sie standen exakt gleich verteilt.

Die wussten, wie viele wir sind … Einen schmerzhaften Stich im Herzen später fiel ihr wieder ein, dass das dieses Mal kein Problem darstellte.

Ganz am Rand neben den Soldaten zeichnete eine kleine Gruppe, bei der es sich wohl um Reporter handeln musste, den Augenblick für die Nachwelt auf. Ihre technischen Geräte mochten unvertraut wirken, aber was sie taten, war nicht zu verkennen.

Obgleich Torin sich vergewissert hatte, dass ihr Übersetzungsprogramm richtig funktionierte, achtete sie nicht besonders auf die Begrüßung. Auf dem Landefeld wird man sowieso nichts von Belang erörtern, also nutzte sie die Zeit, um ihre potenziellen Verbündeten einzuschätzen, nachdem sie Ressks Blick aufgefangen und ihn angefunkelt hatte, bis er seine Zähne wieder mit der Oberlippe bedeckte.

Die Dornagain waren nach wie vor deutlich die größte anwesende Spezies. Die soeben eingetroffenen Silsviss waren alle etwa so groß wie ein hochgewachsener Mensch oder ein durchschnittlicher di’Taykaner, doch Torin hatte keine Ahnung, ob diese Gruppe für die gesamte Rasse repräsentativ war. Vielleicht gingen kleine Silsviss nicht zur Armee oder in den öffentlichen Dienst. Es sah jedoch so aus, als gingen größere Silsviss zur Armee, denn nur ein oder zwei der Zivilisten waren so groß wie die Soldaten. Sie hatten durch die Bank kurze Schnauzen, etwas länger als die der Krai, und dicke Hälse mit nicht besonders ausgeprägten Rückenkämmen. Wie bei den beiden anderen Reptilienspezies in der Föderation zuckten ihre Zungen beim Sprechen heftig zwischen beeindruckenden Zahnreihen hin und her.

Die Anwesenden waren graugrün gefleckt – wobei ihre Körpervorderseite etwas monochromer zu sein schien –, aber Torin ging davon aus, dass geographische Variationen in der Farbgebung existierten. Vor dem »all Silsvah« Treffen würden sie noch vier weitere Zwischenstopps an anderen Orten machen, und wenn die Silsviss nicht wirklich einzigartig in der Galaxis waren, würden sie einige dieser Variationen zu sehen bekommen.

Ihre Schwänze hatten etwa denselben Durchmesser wie ihre Unterarme, waren am Ansatz nicht viel dicker als an der Spitze und bewegten sich ständig. Einige der Zivilisten trugen glänzende Metallbänder daran, und es war zwar auf die Entfernung schwer zu erkennen, doch es sah aus, als trügen die Soldaten mattere Bänder, die weniger dem Schmuck als vielmehr der besseren Verwendbarkeit ihrer Schwänze als Waffen dienten.

Sie kämpfen also mit zwei Händen und dem Schwanz. Gut, dass sie auf unserer Seite stehen werden. Eine der Dienerrassen der Anderen war geschwänzt gewesen, und es war ein komplettes Umdenken erforderlich gewesen, als ein Versuch, so viele wie möglich von der Forschungsstation zu retten, in Nahkämpfen geendet hatte. Nachdem ein halbes Dutzend Marines aufgrund von Schwanzschlägen, die wie Kopftreffer mit einem Gummiknüppel gewesen waren, zu Boden gegangen waren, hatten sie gelernt, sich nicht zu entspannen, wenn der Gegner beide Hände hob, um sich zu ergeben.

Die Silsviss hatten ähnliche Schwänze. Ähnlich verstärkte Schwänze.

Sie hatten runde, weit auseinanderliegende Augen, die ebenso tiefschwarz zu sein schienen wie die der Mictok, wobei die Silsviss nur über die üblichen zwei verfügten. Noch hatte die Evolutionsbiologie keinen guten Grund dafür formuliert, doch die Entwicklung empfindungsfähiger Lebensformen schien häufig mit Doppelstrukturen einherzugehen. Ihre Hände waren langfingrig, und sie hatten zwar offenbar so etwas wie Daumen, doch Torin war zu weit weg, um Einzelheiten zu erkennen.

Sie konnte keine Geschlechtsmerkmale erkennen und wusste daher nicht, ob die wenige Kleidung nur zu Schmuckzwecken diente oder geschlechtsspezifisch war. Nicht einmal die Soldaten trugen viel, obgleich ihre Harnische und die beeindruckende Anzahl an Waffen natürlich so etwas wie eine Uniform bildeten. In Anbetracht der Hitze und der Luftfeuchtigkeit, die dazu führte, dass man fast das Gefühl hatte, Suppe zu atmen, schien wenig Kleidung eine gute Entscheidung zu sein. Die nackte Haut ihres Gesichts und ihrer Hände war bereits schweißbedeckt.

Sie hatte zu ihrer internen Merkliste gerade hinzugesetzt »Die Sergeants die Menschen in ihren Schwadron daran erinnern lassen, ihre Waffen fest in der Hand zu halten«, als ihr General Morris’ Worte wieder einfielen: »Sie werden neue Welten kennenlernen, neuen Lebensformen begegnen und ausnahmsweise mal nicht auf sie schießen.«

Ihr wurde klar, dass sich das vollkommen falsch anfühlte. Ich muss wirklich mal für eine Weile einen weiten Bogen um jegliche Form von Kampf machen.

»… marschieren, damit ihre Leute einige der vielen Lebensssformen bewundern können, die die Galaxisss zu bieten hat.«

Marschieren? Ihr Blick fiel wieder auf den Dornagain, und sie fragte sich, ob es wohl eine diplomatische Formulierung für »Sie sind ja wohl nicht ganz bei Trost« gab.

Offenbar ja, und man schaffte Transportmittel heran.

Torins Übersetzer bestand darauf, die drei Fahrzeuge als Pritschenwagen zu bezeichnen, auch wenn sie solche Pritschenwagen noch nie gesehen hatte. Sie sahen ein bisschen aus wie eine Kreuzung aus den Schlitten, die sie zum Transport schwerer Geschütze nutzten, und den landwirtschaftlichen Maschinen, die sie auf ihrer Heimatswelt zurückgelassen hatte: funktional, aber alles andere als bequem. Offenbar erwartete man, dass beide militärische Eskorten zu Fuß gingen.

»Ich finde, die di’Taykaner sollten als Ehrengarde für unsere Diplomaten fahren, Sir. Die – und damit auch Sie – kommen mit dieser Hitze nicht gut klar«, setzte sie hinzu, als sich das Haar des Lieutenants fragend aufrichtete. »Wir müssen es ja nicht unbequemer als nötig haben.«

»Glauben Sie nicht, dass die Silsviss etwas dagegen haben werden?«

»Ich glaube, die Silsviss werden davon ausgehen, dass wir an einem unbekannten Ort Vorsicht walten lassen und die gleiche Zahl ihrer Leute an Bord der Fahrzeuge positionieren.«

Da die Dornagain überraschend schnell einstiegen, blieb ihnen keine Zeit für Diskussionen.

»Gut und schön, aber ich werde mit dem Rest des Zuges zu Fuß gehen.«

Sie wollte zunächst widersprechen, doch dann nickte sie. Ein höherer Rang brachte Verantwortung und Privilegien gleichermaßen mit sich. Außerdem würden die Silsviss nicht den Schluss ziehen, dass die anderen di’Taykaner fuhren, weil sie nicht laufen konnten, solange er zu Fuß ging. Davon wäre sie bei einer Begegnung unter umgekehrten Vorzeichen ausgegangen, aber wenn Lieutenant Jarret zu Fuß ging, würde man das Ganze als seltsames Ritual von Fremdweltlern abtun. Wenn sie vorhaben, sich der Föderation anzuschließen, sollten sich die Silsviss daran am besten schnell gewöhnen … Sie unterdrückte bei der Erinnerung an ihre erste Anwesenheit bei einem Festmahl der Krai ein Schaudern. Damals hatte sie den Drang verspürt, die Vorspeisen zu befreien, ehe sie den Tisch erreichten.

Während des komplexen diplomatischen Manövers des Besteigen der Fahrzeuge – während also sowohl die Offiziellen der Silsviss als auch die Delegierten der Föderation sich mit der Frage beschäftigten, mit welchen Aliens sie wohl am besten zusammen fuhren, um ihre politischen Interessen voranzubringen – sorgte sie dafür, dass alle di’Taykaner ihre Temperaturkontrollen auf Minimum geschaltet hatten. Die Silsviss schickten tatsächlich genauso viele Wachen in die Fahrzeuge wie die Föderation, und Torin tauschte mit dem Soldaten, der dafür verantwortlich war, einen anerkennenden Blick aus. Höhere Uffzs empfanden eine Verbindung zueinander, die über Rassenzugehörigkeiten erhaben war und erkannten in jeder Form von Gesicht die Miene, die besagte: »Wessen großartige Idee war das denn jetzt wieder?«.

Lieutenant Jarret und der Silsviss-Offizier standen leicht abseits nebeneinander und tauschten höchstwahrscheinlich Höflichkeiten aus, zwei Offiziere, die sich gegenseitig versicherten, dass all dieses Getue weit unter ihrer Würde war. Die beiden waren gleich groß, und die Körpersprache des di’Taykaners schien auszudrücken, dass ihre Rangordnung noch ungeklärt war. Dasselbe schien für die Körpersprache des Silsviss zu gelten, aber Torin hatte schon lange gelernt, keine Schlüsse von einer Rasse auf eine andere zu ziehen.

Als sie sich ihnen näherte, wobei ihre mit Stahl verstärkten Stiefelabsätze energisch auf dem Landefeld knallten, sah sie ihr reptilisches Pendant einen parallelen Kurs einschlagen. Beiden war völlig klar, was der jeweils andere vorhatte, und sie waren nicht gezwungen, aufgrund einer Rangordnung freundlich zueinander zu sein, also ignorierten sie einander.

Torin blieb eine Körperlänge hinter den Offizieren stehen und hörte den Silsviss gerade noch sagen: »… keine Angssst vor der Menge. Die Bürger in und um Shurlantec sssind sssehr für unssseren Beitritt zur Föderation.«

Torin fragte sich, ob das bedeutete, dass die Bewohner anderer Gebiete das anders sahen. Als sich der Lieutenant ihr zuwandte, nahm sie Haltung an.

»Der Zug ist in Position, Sir.«

»Danke, Staff Sergeant.«

»Ret Assslar.« Der Silsviss-Uffz knallte das Metallband an seiner Schwanzspitze hart aufs Pflaster. »Unsssere Truppen sssind ebenfallsss in Position.«

Das Übersetzungsprogrammen ließ Namen und Titel stehen, übertrug aber alles andere in die Terminologie der Föderation. Torin wusste nicht, warum es beschlossen hatte, die langgezogenen Zischlaute zu übernehmen, doch sie vermutete, dass ihr das ganze Gezische ziemlich bald auf die Nerven gehen würde.

Ret Aslar nahm die Information zur Kenntnis und wandte sich dann wieder an Lieutenant Jarret. »Wir werden zweifellosss in der Botschaft Gelegenheit haben, weiter miteinander zu sprechen, Lieutenant.« Sein Schwanz traf das Pflaster genauso hart wie zuvor der seines Uffzs. »Bisss dann.«

***

»Er war definitiv schon früher diplomatisch tätig«, murmelte Jarret, als sie auf ihre Position zugingen.

»Er, Sir?«

»Ret Aslar. So gut in Smalltalk wird man nur in einem Raum voller Fremder, die angewiesen sind, höflich zu sein.«

»Woher wissen Sie, dass er männlich war, Sir?«

»Geruchssinn. Die großen sind männlich. Genau wie alle Soldaten.«

Nur ein di’Taykaner konnte das Geschlecht einer Spezies riechen, die nicht einmal demselben Phylum angehörte. Torin machte sich eine geistige Notiz, Haysole im Auge zu behalten, der entschlossen schien, der typischste di’Taykaner der Mission zu sein.

»Eindrücke meines First Sergeants, Staff?«

Sie brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, dass er sich auf die Silsviss bezog. »Sie sehen aus, als hätten sie sich ihren Platz an der Spitze der Nahrungskette erkämpft und hätten nicht vor, ihn in absehbarer Zeit wieder zu verlieren.«

Lieutenant Jarret warf ihr einen verwirrten Blick zu. »Ihren was?«

»Ihren Platz an der Spitze der Nahrungskette.«

»Das würde die Föderation niemals verlangen.«

»Wann waren Sie das letzte Mal ohne Dämpfer unterwegs?« Als er den Mund öffnete, um zu antworten, setzte sie hinzu: »In einem Bereich, der nicht unter Kontrolle der di’Taykaner stand. Letztlich, Sir, ist die Föderation ein einziger großer Kompromiss, und ich habe nicht den Eindruck, als seien die Silsviss begnadete Teamplayer.«

»All diese Eindrücke haben Sie gewonnen …« Irgendwie gelang es ihm, mit einem Nicken sowohl die Beamten als auch die Soldaten einzuschließen. »… indem Sie diesem Haufen eine Stunde lang beim Herumstehen zugeschaut haben?«

»Jawohl, Sir.«

Seine Augen blitzten auf, als er auf sie herabsah. »Staff Sergeants haben also wirklich Superkräfte?«

Torin hatte gerade erklären wollen, dass Überlebende aus Erfahrung wussten, wie eine Spezies aussah, die vermutlich zuerst schoss und dann nicht fragte, sondern noch ein zweites und ein drittes Mal schoss, beschloss aber, lieber seine Frage zu beantworten und reagierte auf sein mokantes Lächeln mit einem möglichst neutralen Gesichtsausdruck.

»Jawohl, Sir.«

***

Außerhalb der hohen Mauern des Landefeldes machten hohe, farnartige Bäume es nicht nur unmöglich, weiter als ein paar Meter jenseits der Straße zu schauen, sondern erklärten auch, warum die Stadt aus dem Weltraum so schwer zu erkennen gewesen war. Torin hoffte nur, dass die Verteidigungssatelliten so gut waren, wie die Techniker annahmen, denn wenn die Anderen einen Durchbruch schaffen und versuchen sollten, die Silsviss zu versklaven, würde der Versuch, diesen überwucherten Planeten zurückzuerobern, ganz schön hässlich werden.

Nicht, dass es besonders leicht wäre, die Silsviss zu versklaven, gestand sie sich ein, während sie dem leisen, rhythmischen Klacken ihrer Krallen auf dem Pflaster lauschte.

Nach wenigen Schritten verflog allmählich der Geruch des von der Landung verbrannten Betons, und Torin roch Silsvah zum ersten Mal wirklich. Der Geruch erinnerte sie an heiße Sommernachmittage, an denen sie den Komposthaufen umgegraben hatte, an anaerobe Bakterien und ans Schrubben algenüberwucherter Wassertröge. Einer der vielen Gründe, warum sie den Hof ihrer Familie verlassen hatte.

Die Menge, die die Straßen säumte, zischte und deutete auf sie, und gelegentlich brachen kleine Grüppchen in schrilles, heulendes Geschrei aus. Es klang nicht freundlich, aber Torin war bereit einzugestehen, dass Ret Aslar seine Artgenossen besser kannte als sie – H’san, die die Heimmannschaft bei einem Spiel anfeuerten, klangen, als würden sie bei lebendigem Leibe gehäutet. Obgleich ein Teil des Trupps ein wenig nervös wirkte, als sie endlich am Rand eines großen Platzes Halt machten, nahmen ihre Leute ohne Zwischenfälle Formation ein.

Torin positionierte sich noch hinter den drei Sergeants, registrierte angespannte Schultern und angelegtes Haar und hoffte, dass was auch immer jetzt passieren würde, nicht lange dauern würde.

Sie standen vor einem riesigen Säulengebäude, zu dem vom Platz aus eine Treppe hochführte, die breit genug für eine Graduierungszeremonie gewesen wäre. Die beiden Diplomatengruppen befanden sich zwischen ihren militärischen Eskorten und den Treppen. Medienvertreter füllten den äußeren Rand der ersten beiden Abschnitte, und ganz oben standen die Silsviss, die zu ranghoch waren, als dass sie sich die Mühe gemacht hätten, sich zum Landefeld zu begeben. Der Größe nach zu urteilen ein männlicher und drei weibliche oder ein großer und drei kleinere männliche Silsviss – oder ein großer und zwei kleinere männliche sowie eine weibliche Silsviss oder ein großer männlicher, zwei weibliche und ein kleinerer männlicher oder … Diese Spezies könnte tatsächlich ein bisschen Rosa und Blau vertragen. Ihr Geschlecht war Torin eigentlich egal, sie hätte es nur gerne gewusst. Sie trugen Roben – die ersten, die sie auf dem Planeten sah – aus einem blassen, durchscheinenden Stoff, der im Sonnenlicht glitzerte, und alle vier strahlten eine fast greifbare Arroganz aus.

Mindestens die Hälfte der Medienvertreter schienen ihre Aufzeichnungsgeräte nach oben zu halten, und alle warteten offenbar darauf, dass etwas geschah.

Der große Mann am oberen Ende der Treppe trat vor, blähte einen grell gelben Kehlsack auf – und brüllte.

Scheiße! Torin hörte nichts mehr, so sehr klopfte ihr Herz, doch sie sah, wie mindestens drei Waffen in Anschlag gebracht wurden, und ihre eigenen Muskeln wollten instinktiv auf dieselbe Weise reagieren. Lieutenant Jarret trat vor und bewahrte sie damit davor. Stattdessen nahm sie den Platz ein, an dem er gerade noch gestanden hatte, dankbar für die Gelegenheit, sich zu bewegen. Das zumindest war in der Einsatzbesprechung geplant worden.

»Während der Zeremonie wird man uns irgendwann nach unseren Erfolgen in der Schlacht fragen.« Lieutenant Jarret hatte seine Sergeants ernst angeschaut, während er die wenigen bekannten Details des Tagesablaufs verkündete. »Staff Sergeant Kerr wird dann den Zug übernehmen, während ich antworte.«

Falls sich herausstellen würde, dass der Lieutenant gewusst hatte, wie diese Frage aussehen würde und es ihr vorenthalten hatte, würde ihm Torin so heftig in seinen aristokratischen Hintern treten, dass er zurück zur Ventris-Station flog, wo er den Kurs noch mal belegen konnte, wie man seine Uffzs auf dem Laufenden hielt.

Er betrat die erste Stufe, hob den Kopf und begann. »Wir gehören zur Sh’quo-Kompanie …«

Ihm war eindeutig klar, dass er lautstärkemäßig nicht mithalten konnte, also modulierte er seine Stimme sorgfältig und begegnete der hitzigen Herausforderung des Silsviss mit eisiger Kälte. Während er die Geschichte der Kompanie beschrieb, lautete der Subtext eindeutig: Wir müssen dir gar nichts beweisen. Torin war beeindruckt. Sie spürte, wie die Stimmung des Zugs hinter ihr kippte, bis die Silsviss am Ende seiner Ausführungen so wenig in Gefahr waren wie noch nie seit der Landung der Marines.

Dann machte er auf dem Absatz kehrt und schritt zu seinem Zug zurück.

In diesem Augenblick war es seiner.

Schade, dass das nicht so bleiben wird, dachte Torin und nahm ihre ursprüngliche Position wieder ein.

Der Rest der Zeremonie verlief konventioneller. Zwei der drei hochrangigen Frauen – oder kleineren Männer – hielten Begrüßungsansprachen, die beiden Botschafter erwiderten sie, und schließlich verkündete der dritte kleinere Silsviss oben an der Treppe, man überließe den Besuchern für die Dauer ihres Aufenthalts in Shurlantec einen ganzen Flügel des Cirsarvas.

Dann drängten die Medienvertreter heran, um ein letztes Bild von ihren politischen Führern zu machen, die neben Außerirdischen standen.

***

»Das war doch gar nicht so schlimm«, grunzte Ressk, streifte die Stiefel ab und bewegte seine Zehen.

»Das sagst du.« Mysho zog ihre Uniformjacke aus und warf sie über einen Hocker. »Ich komme mir vor wie abgekocht.«

»Ich muss auch nur noch abgeschmeckt und serviert werden«, ächzte ein anderer di’Taykaner.

Nur noch mit seinem Dämpfer bekleidet, der an einer Schlaufe um seinen Hals hing, ließ sich Haysole auf ein Bett fallen. »Seht es doch mal positiv, diese Matratzen sind breit genug für zwei.«

»Spezies mit Schwänzen brauchen mehr Platz«, sagte Corporal Hollice, der aus dem Gang eintrat. »Ihr solltet mal die Latrine sehen. Da geht es nicht nur um den Schwanz«, fuhr er fort und ging aus dem Weg, damit die Neugierigen einen Blick darauf werfen konnten, »sie stellen sich auf die Zehenspitzen und strecken die Beine durch wie die Dornagain.«

»Du und Kleers, ihr werdet einen verdammten Schemel brauchen«, kicherte Juan Ressk an, als er zurückkam. »Gut, dass es hier so viele davon gibt.«

»Schwänze«, wiederholte Hollice und massierte dabei geistesabwesend Myshos Schulter. »Mit einem Schwanz kann man nicht auf einem Stuhl mit Rückenlehne sitzen.«

»Na schön, Corporal Alleswisser, wie erklärst du dir dann, dass die Duschen ganz genauso aussehen wie die blöden Dinger an Bord?«

»Sie sind unbenutzt. Ich würde sagen, jemand hat die Maße runter geschickt, und die Silsviss haben sie extra für uns gebaut.«

»Die müssen gerochen haben, dass du kommst, Juan.« Grinsend wich Mysho dem Schlag des schweren Schützen aus und flüchtete sich in Bintis Arme.

Die andere Frau holte tief Luft und legte dann langsam einen stützenden Arm um die Taille der di’Taykanerin. »Ich glaube, du musst deinen Dämpfer hochdrehen«, murmelte sie und vergrub ihr Gesicht in den wogenden bleichen Haarsträhnen.

»Ich fürchte, ich brauche leider eine kalte Dusche.« Seufzend löste sich Mysho von ihr. »Das liegt an der Hitze, ich muss meine Körpertemperatur senken, sonst gebe ich ununterbrochen zu viele Pheromone ab.«

Binti schnaubte und schlug Haysole auf den nackten Oberschenkel. »Wie kommt es dann, dass dieser Pheromonbursche hier nicht verführerischer ist als sonst?«, fragte sie, seinen Protest ignorierend.

»Keine Ahnung – vielleicht komme ich weiter aus dem Norden, vielleicht hat der Rekrutierungssergeant sich sein Psychoprofil angesehen und ihm einen extrastarken Dämpfer verpasst oder vielleicht …« Ihr Tonfall wurde deutlich trockener. »… liegt es daran, dass nicht alle Angehörigen derselben Spezies gleich auf Hitze reagieren.«

»Oder vielleicht«, fuhr Juan fort, ehe jemand anders antworten konnte, »sind deine Klimakontrollen am Arsch.« Er streckte die Hand aus. »Lass mich mal deine Uniformjacke anschauen, während du duschst.«

»Wir sind im Dienst.«

»Dann hol dir die Erlaubnis vom Sergeant – aber in Hemdsärmeln, damit ich mir deine Uniformjacke anschauen kann. Sie hilft dir sowieso nicht, und die Vorschriften sagen, wenn wir nicht auf einer Militärparade sind oder Wachdienst haben, müssen wir die Uniformjacke nicht tragen. Was denn?«, setzte er hinzu, als alle, die in Hörweite waren, sich zu ihm umdrehten und ihn anstarrten. »Lest ihr nie auf dem Klo?«

***

»Na toll, wenn die Klimakontrollen ausfallen …«

»Wird es ihr mies gehen, aber sie wird es überleben.« Die Hände in die Hüften gestützt drehte sich Trey mitten in dem den Uffzs zugewiesenen kleinen Raum langsam im Kreis. »Ich werde einfach nicht fertig damit, wie leise es hier drin ist.«

»Altes Gebäude, dicke Wände«, erklärte ihr Torin kurz angebunden. »Alle Stromverbindungen sind auf Putz verlegt, das Ding ist also wahrscheinlich mindestens hundert Jahre alt. Ich hatte mir weniger Sorgen wegen Mysho als wegen der Auswirkungen auf den Rest des Zugs gemacht.«

»Dem wird es im Dienst mies gehen, und nach dem Dienst im Bett auch, aber auch sie werden es überleben. Haysole wird daraus wahrscheinlich die Erlaubnis ableiten, bei jeder sich bietenden Gelegenheit seinen Dämpfer auszuschalten, aber ansonsten sehe ich keine größeren Probleme.« Sie kniff die fuchsiafarbenen Augen zusammen. »Sonst machst du dir doch auch nicht so viele Sorgen über die di’Taykaner. Hat das etwas mit dem Lieutenant zu tun?«

»Inwiefern?«, erkundigte sich Torin und fragte sich, ob die heiße Nacht mit ihm sich jetzt rächen würde.

»Naja, vielleicht möchtest du ja der befehlshabenden Spezies ein bisschen in den Arsch kriechen …«

Torin hoffte, dass man ihr die Erleichterung nicht ansah, als sie die Brauen hob. »Befehlshabend?«, wiederholte sie betont.

Trey grinste. »Guter Punkt. Jedenfalls würde ich mir wegen eines überhitzten Dämpfers keine allzu großen Sorgen machen. Verglichen mit dem, womit wir es normalerweise acht Stunden nach der Landung zu tun haben, ist das ein Fliegenschiss.«

Torin grunzte zustimmend und ließ sich auf einen Hocker fallen, wobei sie sich gerade noch rechtzeitig an der Tischkante festhielt, um nicht rückwärts umzufallen. Stühle ohne Lehnen, Schreibtische ohne Hirn und ein klebriges Klima – lauter Unannehmlichkeiten, die man unter Beschuss leicht ignorieren konnte, aber unter den gegebenen Umständen … »Ist es also ein Zeichen lauter Absichten, dass diese ›Botschaft‹ praktisch nicht zu verteidigen ist, oder hat man uns bewusst die schwächere Position zugewiesen?«

»Oder bist du vielleicht nur völlig paranoid?«

»Ich mache nur meinen Job.«

»He, Torin.« Eine Hand an die über und über mit überbordenden Schnitzereien verzierte Tür gelegt, beugte sich Mike Glicksohn ins Zimmer. »Der Schlitten ist endlich eingetroffen.«

»Wurde auch Zeit. Halt die Stellung«, warf sie Trey über die Schulter zu und betrat den Gang. »Ich gehe mir mein Tablet holen. Du«, wies sie Glicksohn im Vorübergehen an, »stellst ein Team zusammen und lädst alles ab, ehe uns die Silsviss ihre Hilfe anbieten.«

Die beiden Sergeants warfen einander einen vielsagenden Blick zu, während Torins Schritte draußen im Hof verhallten.

»Ist sie völlig paranoid?«, fragte Glicksohn nach einer Weile.

Trey zuckte die Achseln. »Offenbar ist das ihr Job.«

***

»He, ist jemandem von euch aufgefallen, wie einige der Silsviss-Soldaten diese Kehlsackdinger aufgebläht haben, als dieser große Typ auf der Treppe gebrüllt hat?«

»Mir nicht.« Ressk legte die Füße um die Querstange am unteren Ende seines Bettes und knackte mit den Zehengelenken. »Ich war zu sehr mit dem Versuch beschäftigt, die Feuchtigkeitssensoren in meiner Uniform nicht zu überfordern.«

Stirnrunzelnd hob Juan den Blick von dem Sensorarray in der Ellbogenbeuge von Myshos Uniformjacke. »Was zur Hölle soll das denn heißen?«

»Es bedeutet, er hat versucht, nicht vor Angst in die Hose zu pinkeln«, erklärte Binti von ihrem Bett aus. »Ich war bloß froh, dass mein Hirn wieder angefangen hat zu arbeiten, bevor ich abdrücken konnte.« Sie hob die Hand und streichelte den Kolben ihres KC. »Und da fragen sich Zivilisten, warum wir keine Smartwaffen verwenden. Aber Mama hat ihre Kleine sehr gern so dicht bei sich.«

Jedes Bett war mit einem Waffenständer versehen. Oder mit etwas, das aussah wie einer. Der Zug hatte individuell und kollektiv beschlossen, sich keinen Deut darum zu scheren, wofür die Silsviss das Gestell verwendeten.

Plötzliche Jubelrufe aus Richtung des Würfelspiels, das in der hinteren Ecke stattfand, erregte jedermanns Aufmerksamkeit.

Corporal Hollice zog den Kopf ein, um zwischen den Betten hindurch in Richtung der Spieler schauen zu können. »He, Drake, hast du die Fünfzig schon zurückgewonnen, die du mir schuldest?«

»Träum weiter!«

»Dann seid mal ein bisschen leiser, bevor noch einer der Sergeants auftaucht.«

Ein Mensch, der neben dem Spieltisch kauerte und dessen Haut nur etwas heller war als die Bintis, erhob sich und zeigte dem Corporal grinsend den Stinkefinger. »Schulde ich dir den nicht auch noch?« Dann erstarrte er. »Vielleicht auch nicht.«

Die Marines, die näher an der Tür standen, drehten sich um, um zu sehen, was seine Aufmerksamkeit erregt hatte.

Sergeant Glicksohn lächelte. »Sie machen doch da hinten keine Glücksspiele, oder, Drake?«

»Äh, nein, Sarge.«

»Das höre ich gern. Raus jetzt. Der Schlitten ist gelandet und muss entladen werden.« Sein Lächeln wurde breiter. »Bringen Sie Ihre Freunde mit – und wenn Sie …« Er deutete mit dem Finger auf Haysole. »… nicht in drei Minuten Ihre Uniform wieder anhaben und auf dem Weg zum Schlitten sind, komme ich rüber und trete Ihnen in den nackten Arsch. Sie sind nicht außer Dienst, wir haben lediglich keine Gefechtsbereitschaft.«

»Aber es ist heiß, Sarge.«

»Ja und?«

»Die Silsviss tragen auch keine Kleidung.«

»Lassen Sie sich einen Schwanz wachsen, dann können wir darüber reden.« Als die Würfelspieler an ihm vorbeimarschierten, runzelte er nachdenklich die Stirn. »Es erscheint mir zweckdienlich, wenn Sie drei …« Sein Stirnrunzeln galt Hollice, Juan und Ressk. »… sich dem Team ebenfalls anschließen.«

»Ach, Sarge, ich bin noch mit Myshos Scheißuniformjacke beschäftigt.«

»Was stimmt denn nicht damit?«

»Das Kühlsystem ist im Arsch. Ihre Körpertemperatur steigt in Regionen, die ihr Dämpfer nicht in den Griff kriegt.«

»Das fehlt uns gerade noch. Na schön, Mashona, Sie gehen an seiner Stelle.«

Binti sprang aus dem Bett und murmelte so leise etwas vor sich hin, dass der Sergeant es gerade ignorieren konnte.

»Was laden wir denn ab, Sarge?«, fragte Ressk, während er seine Stiefel wieder anzog.

»Persönliche Gegenstände und Proviant«, antwortete ihm Glicksohn. »Nicht, dass das wichtig wäre, Sie würden es auf jeden Fall abladen.«

»Haben Sie schon herausgefunden, was die Silsviss trinken, wenn Sie Spaß haben wollen, Sarge?«, erkundigte sich Ressk, als sie Seite an Seite die Treppe zum Hof hinaufgingen.

»Bier. Die hiesige Brauerei beliefert die Armee mit ihren Erzeugnissen. Es gibt ein hellgrünes und ein dunkelgrünes.«

»Grün?«

Glicksohn grinste. »Vielleicht sind es Iren.«

»Iren?«

»Vergessen Sie es. Der Alkoholgehalt ist für unsere Begriffe niedrig, und da es keine für uns schädlichen Inhaltsstoffe hat, werden wir die Silsviss unter den Tisch trinken können, sobald wir uns an den Geschmack gewöhnt haben. Die Offiziere und die hochrangigen Zivilisten werden einen Fruchtbrand trinken, der stärker ist, aber riecht wie Socken nach einem Monat in Kampfstiefeln und sowohl bei Menschen als auch bei di’Taykanern Giftstoffe freisetzt. Ihnen als Krai wird er wie üblich nichts ausmachen.«

Hollice und Binti, die dicht hinter den beiden waren, warfen einander einen fragenden Blick zu.

»Wir sind erst ein paar Stunden hier und haben fast die ganze Zeit Zinnsoldaten gespielt. Wie konnte der Sergeant das alles so schnell herausfinden?«

Hollice zuckte die Achseln. »Es ist eine Gabe. Hoffen wir nur, dass er sie nie für das Böse einsetzt.«

»Ich habe die Hälfte der Zeit keine Ahnung, von was du eigentlich redest«, murmelte Binti kopfschüttelnd.

***

Die Tür war offen, doch der Lieutenant war nicht allein. Torin überquerte leise den breiten Gang – was die stahlverstärkten Absätze ihrer Paradestiefel nicht gerade erleichterten – und blieb im Türrahmen stehen. Aufgrund seines Ranges hatte man Lieutenant Jarret zwei nebeneinanderliegende Zimmer im oberen Stockwerk zugewiesen. Von den sechs verfügbaren hatte er sich zwei ausgesucht, die direkt am zentralen Treppenhaus lagen, und Torin musste zugeben, dass ihr die Symbolik gefiel. Feinde der Föderation würden erst einmal an ihm vorbeimüssen, um an die Zivilisten heranzukommen.

Etwas weniger gefiel ihr die Symbolik der Tatsachen, dass sich der Arzt und die Sanitäter direkt gegenüber eingerichtet hatten.

Das Zimmer, das der Lieutenant als Hauptquartier zu nutzen beschlossen hatte, war groß, in mattem Dunkelgrün gestrichen und weitgehend leer. Er enthielt das, was auf Silsvah als Schreibtisch durchging, einen langen, niedrigen Tisch an einer Wand, eine Reihe von unterschiedlich hohen Hockern, den Lieutenant und einen männlichen Silsviss. Zumindest vermutete Torin, dass es sich um ein männliches Exemplar handelte. Es war schwer, die Geschlechter ohne Größenvergleich und geblähte Kehlsäcke auseinanderzuhalten.

Er stand mit dem Rücken zu ihr vor dem Schreibtisch des Lieutenants. Zwei parallele Narben verliefen über seine dunkelgraue rechte Hüfte, eine weitere verunzierte seine rechte Schulter.

Linkshänder, dachte Torin. Schwächere rechte Hand.

An seiner Schwanzspitze trug er drei schmale Metallringe in gleichen Abständen, dazu einen militärischen Harnisch, an dem etwa halb so viele Waffen hingen wie an denen der Soldaten, die sie auf dem Landefeld empfangen hatten.

»Natürlich haben wir nicht die Absssicht, diesss zu Ihrer ständigen Vertretung zu machen, sollten wir beschließen, unsss Ihrer Föderation anzuschließen.« Auch seine Stimme zischte zwar unangenehm, doch sie war tief, und zumindest in der Übersetzung sprach er mit einem Selbstvertrauen, das Torin ziemlich beeindruckte.

Sie räusperte sich.

Der Silsviss reagierte einen Sekundenbruchteil vor dem Lieutenant, wartete aber, bis sein Gastgeber den Blick gehoben hatte, ehe er sich umwandte.

Pensionierter Offizier, vermutete sie. Einer von den Guten. Sie begegnete dem Blick des Lieutenants und sagte: »Verzeihung, Sir, aber Sie wollten den Dienstplan mit mir durchgehen.«

Lieutenant Jarret hatte eindeutig vergessen, dass er ihr diesen Befehl gegeben hatte, fing sich aber schnell und winkte sie herein. »Ja, natürlich. Staff, ich möchte Ihnen Cri Sawyes vorstellen, unseren Silsviss-Verbindungsoffizier. Cri Sawyes, Staff Sergeant Kerr.«

»Ah, ja, Ihr Rissstak.« Der ausdruckslose Blick seiner schwarzen Augen schätzte sie ab, ordnete sie ein. Dann stieß Cri Sawyes einen leisen Pfiff aus – eine weniger schallende Version des Geräuschs, das die Menge von sich gab, woraus Torin schloss, dass sie Gnade vor seinen Augen gefunden hatte – und wandte sich wieder an den Lieutenant. »Wir haben ein Sprichwort, das besssagt, ein guter Rissstak sssei ebenssso viel wert wie ein Geländevorteil und zahlenmäßige Überlegenheit.«

»Wir haben ein ganz ähnliches Sprichwort.«

»Sssoldaten sssind nun mal Sssoldaten, ungeachtet der Ssspe­ziesss.« Cri Sawyes klopfte leicht mit dem Schwanz auf den Boden und ging zur Tür. »Ich werde Ssie beide jetzt Ihren Pflichten überlasssen. Wenn Ssie mich brauchen …«, er deutete auf die kleine, hellgrüne Box auf dem Tisch, »… müsssen Ssie nur anrufen. Esss war mir eine Freude, Ssstaff Sssergeant.«

»Sir.« Torin wartete, bis das Klacken seiner Klauen verklungen war, dann beugte sie sich über den Schreibtisch. »Was ist das?«

»Ein Kommunikationsgerät.« Lieutenant Jarret musterte nachdenklich die Schlitze in der Box. »Es ist auf Klauen ausgelegt, aber ich schätze, ich kann es mit einem Eingabestift bedienen.« Er streckte die Hand nach ihrem Tablet aus. Seine warmen Finger streiften ihre – ein rascher Blick auf seine Manschette verriet ihr, dass seine Klimakontrollen noch immer auf Minimum standen. Das musste ihm unangenehm sein, aber er ließ es sich nicht anmerken. »Haben Sie für die Nacht, wenn es kühler ist, den Feuerteams di’Taykaner zugeteilt?«

»Jawohl, Sir.«

»Hervorragend.« Er überspielte den Dienstplan auf sein eigenes Tablet und gab ihr ihres zurück. »Sieht alles gut aus. Lassen Sie es mich wissen, wenn Sie Veränderungen vornehmen.«

»Jawohl, Sir.«

»Die Schreibtische sind nicht ganz das, woran wir gewöhnt sind, wie?«

»Jawohl, Sir.«

Er trommelte mit den Fingerspitzen auf das Holz und seufzte. »Tatsächlich bin ich geneigt, ganz offiziell zu sagen, dass sie nerven wie die Sau.«

Torin lächelte – vor allem über seine Empörung, aber das musste er ja nicht wissen. »Jawohl, Sir, sie nerven zweifellos wie die Sau.«

»Der Arzt sagt, heute Abend gibt es für uns alle nur Feldverpflegung, weil seine Tests der hiesigen Lebensmittel noch nicht abgeschlossen sind, aber mir steht eine Begnadigung bevor.«

»Eine Begnadigung?«

»Die hiesige Version eines Staatsbanketts.« Jarret ließ sich auf einen Hocker fallen. »Ich würde mich lieber erschießen lassen.«

»Nur, weil noch nie jemand auf Sie geschossen hat, Sir.«

Sein Haar hob sich. »An wie vielen Staatsbanketts haben Sie bisher teilgenommen, Staff?«

»An keinem, Sir.«

»Dann würde ich sagen, uns fehlt beiden die Basis für einen Vergleich.« Er lächelte zu ihr empor, lehnte sich zurück und fing sich gerade noch rechtzeitig ab, ehe er rückwärts vom Hocker fiel.

Vier

Die Woche in Shurlantec verging erstaunlich schnell. Zu Torins Überraschung blieb das Verhalten des gesamten Zuges außer Dienst im akzeptablen Rahmen – keine Festnahmen, niemand wurde gefressen oder erschossen. Sie wollte gar nicht so genau wissen, woher die Kratzer an Haysoles Schultern stammten, und da Sergeant Glicksohn ihr versicherte, weder der di’Taykaner noch die diplomatischen Beziehungen hätten nennenswerten Schaden genommen, musste sie auch nicht nachfragen.

Lieutenant Jarret neigte zwar zu enthusiastischen und unangemessenen Vorschlägen, ließ sie aber ihren Job machen, ohne sich unnötig einzumischen. Als sie das modifizierte VTA wieder bestiegen, musste Torin zugeben, dass sie bisher nicht klagen konnte. Der Lieutenant würde eine hervorragende Ergänzung für jede Spionage- oder Verwaltungseinheit abgeben. Ob er eine Kampfeinheit befehligen konnte, würde sich noch zeigen müssen.

Von kleineren geografischen Unterschieden abgesehen, waren ihre Erlebnisse in den nächsten beiden Städten der vom Silsvah-Marinecorps organisierten Rundreise sehr ähnlich.

Daarges, die größte Stadt der südlichen Hemisphäre, war nicht nur heiß und feucht, sondern sogar heiß und regnerisch. Cri Sawyes, der jetzt mit ihnen reiste, erklärte, der Süden befände sich gerade mitten in der Regenzeit. Während eines Gesprächs bei einem Krug grünen Biers warf einer der ortsansässigen Uffzs einen angewiderten Blick zum Himmel und verriet Torin, dass es dort auch ansonsten nicht viel trockener war.

»Hier unten Ackerbau, oben im Norden Technik.« Er wühlte in einer Schale mit kleinen Amphibien herum und schob sich ein blassgelbes in den Mund. »Nicht ganz fair, aber dasss Sssysss­tem funktioniert.«

Die Bürger Daarges’ waren eher grün als grau und hatten Schwimmhäute zwischen den Fingern und den Zehen. Torin hatte noch nie eine Spezies erlebt, die so gut darin war wie die Silsviss, wasserabweisende Materialien zu produzieren. Der Feuchtigkeit ausgesetzte Metalle wurden mit einem organischen Lack versiegelt, und sogar Handfeuerwaffen waren unter Wasser einsetzbar. Nachdem sie einen Blick auf einige Dinge geworfen hatte, die in diesem Wasser lebten, verstand sie warum.

»Früher gingen in dieser Gegend die jungen Männer nur mit einem Messser bewaffnet insss Wassser, um sich im Kampf gegen die Karn zu beweisssen und sssich das Recht zur Fortpflanzung zu erstreiten. Dasss issst allerdingsss ssseit einiger Zeit verboten.«

Torins Blick folgte Cri Sawyes’ Finger und sie wäre beinahe von der anderen Seite des schmalen Gehsteigs in den Sumpf gerutscht.

»Das ist die größte Schlange, die ich je gesehen habe.« Lieutenant Jarrets Tonfall verriet höfliches Interesse – sein glatt am Kopf anliegendes Haar aber verriet, dass er eigentlich weniger begeistert war.

»Dasss issst der beweglichere Teil desss Karn. Der Hauptteil ssseinesss Körpersss issst im Schlamm eingegraben.«

Der Gedanke, sich nur mit einem Messer bewaffnet einem solchen Monster zu stellen, ließ Torin beide Augenbrauen bis zum Haaransatz hochziehen. Mit einem tragbaren Granatwerfer mit Munition, die beim Aufprall auf weiche Ziele explodierte? Ja. Mit einem Messer? Nein. Der Gesichtsausdruck des Lieutenants verriet, dass er ähnlich dachte.

»Ich verstehe, warum man dem ein Ende gesetzt hat«, murmelte er.

Cri Sawyes gab ein Geräusch von sich, dass halb Seufzen, halb Zischen war, und schlug die Klauen in das feuchte Holz. »Die Karn stehen inzwischen unter Artenschutz. Unsssere Jungen verlieren reihenweissse die Herausssforderungen, die ihnen helfen, erwachsssen zu werden.«

Torin war beeindruckt, dass die Karn Schutz gebraucht hatten und empfand nicht zum ersten Mal Dankbarkeit, dass die Silsviss sich für die richtige Seite entschieden hatten. Das Letzte, was sie wollte, war, sich jemandem stellen zu müssen, der nur mit einem Messer bewaffnet gegen etwas von der Größe eines Karn kämpfte. Solche Verrückten waren vernünftigen Argumenten nicht zugänglich und deshalb praktisch unaufhaltsam.

Die dritte Stadt, Ra Navahsis, war eine angenehme Überraschung. Die Temperaturen schwankten noch immer zwischen unangenehm warm und langsamem Garen, aber die Luft war trocken, und selbst die di’Taykaner empfanden sie als erträglich. Die Stadt lag im Landesinneren, und alles dort, auch die Silsviss, war eher golden als grün.

Ihre Bewohner neigten zu grellen Farben und bunten Vorführungen, und die Gäste wurden so schnell von einer Zeremonie zur nächsten durchgereicht, dass Torin kaum einen Augenblick für sich Zeit hatte – aber dem Lieutenant erging es noch schlimmer. Nach seinem ersten Bankett in Ra Navahsis kam er in ihre behelfsmäßige Kaserne getaumelt, warf einen glasigen Blick auf seine versammelten Uffzs und kotzte dann plötzlich lautstark im Strahl. Durch und durch mitleidlos schlug ihm Dr. Leor vor, vielleicht das nächste Mal nur halb so viel zu essen.

»Ich hatte keine Chance, etwas abzulehnen«, erklärte Jarrett Torin, als diese ihm zurück in sein Quartier half, nachdem der Arzt getan hatte, was er konnte. »Die haben gewusst, welche der einheimischen Lebensmittel wir jeweils vertragen und waren entschlossen, sie uns auch zu servieren. Den Dornagain schien das Spaß zu machen – ich glaube, eine der Assistentinnen des Botschafters hat ihren Namen in Nun-wenn-Sie-darauf-bestehen-aber-nur-noch-einen geändert –, die Rakva vertragen zu wenig von den hiesigen Lebensmitteln, um ein Problem zu haben, Botschafter Krik’vir und ihre Leute sind auf externe Verdauung umgestiegen, wodurch sie aus der Nummer rauskamen, und so oblag es mir, die Ehre der Marines zu verteidigen.«

»Die Marines wissen das zu schätzen, Sir.«

»Sparen Sie sich den ironischen Tonfall, Staff, sonst kotze ich Ihnen auf die Stiefel.«

»Sorry, Sir.«

»Vielleicht sollte ich einen der Krai abstellen, damit er an meiner Stelle isst.«

Torin half ihm, sich hinzulegen. »Ich bin nicht sicher, ob einer unserer Krai solchen Feierlichkeiten gewachsen wäre.«

»Von wegen Feierlichkeiten. Wettfressen trifft es eher.«

»Dem wären sie gewachsen.«

Er rülpste, und sein Atem stank nach Silsvah-Gewürzen. Dann sackte er gegen die Erhebung im Kopfbereich der Matratze, die als Kissen diente. »Glauben Sie bloß nicht, das wäre kein Test meiner Fähigkeiten gewesen – die haben mir Essen serviert, bis sie genau wussten, wo ich stehe.« Mit einer Hand umklammerte er seinen Dämpfer und schloss die Augen. »Versuchen Sie, sie dazu zu bringen, mich stattdessen zu erschießen. Ich bin sicher, dann ginge es mir viel besser.«

»Ich bleibe bei meiner Theorie, dass Sie diese Ansicht nur haben, weil Sie noch nie eine Schusswunde hatten, Sir.«

»Gut. Dann schießen Sie auf mich.«

Torin hatte keine Ahnung, wie der Lieutenant es schaffte, die unablässige Abfolge von Banketten zu überleben, zu deren Besuch ihn sein Rang verpflichtete. Geschossen wurde allerdings nur bei einer aufwändigen Demonstration militärischer Zielgenauigkeit, bei der die Besucher die Heimmannschaft mit ihren eigenen Waffen mit mehr als doppelt so vielen Treffern schlugen und sich dann mit den Handfeuerwaffen der Silsviss total dumm anstellten.

Die Silsviss hingegen warfen sich auf das KC wie ein H’san auf Käse.

***

»Sorry, Staff.« Ressk entfernte sein Tablet von Torins Kiefer und schüttelte bedauernd den Kopf. »Ich kann mich nicht richtig mit Ihrem Implantat verbinden. Die Daten, die ich empfange, sind so durcheinander, dass ich nicht feststellen kann, was überhaupt repariert werden muss.«

»Es bleibt also bei den Zischlauten?«

»Ich fürchte ja. Letztlich brauchen Sie ein Upgrade.«

Sie hob die Hand schützend an die linke Wange. Das Technikteam beharrte darauf, die Installation sei im Grunde schmerzlos, aber Torin empfand das als überaus dehnbaren Begriff. »Bei meiner nächsten Beförderung bekomme ich automatisch ein Upgrade. Kann das nicht so lange warten?«

Er zuckte die Achseln, die Krai-Version einer menschlichen Geste. »Kommt darauf an.«

»Worauf?«

»Auf den Zeitrahmen. Ihr Betriebssystem zerfällt. Irgendwann wird es sich komplett auflösen, und nicht mal die Primärprogramme werden mehr laufen. Ich an Ihrer Stelle würde nicht auf dieses Stück Dreck warten, dass die Techniker Ihnen einbauen werden. Besorgen Sie sich lieber ein Bg347 mit direkter Gehirnverbindung.«

Torin schnaubte. »Wenn ich mir das leisten könnte, wäre ich sicher nicht hier und würde mit Ihresgleichen meine Zeit vergeuden.« Ohne seine Antwort abzuwarten ging sie zur Tür. »Danke für die Diagnose, Ressk.«

»Kriege ich dafür einen kleinen Soldzuschlag?«

»Nein.« Sie blieb unmittelbar innerhalb der Sensorenreichweite der Tür stehen und grinste ihn über die Schulter an, während sie aufschwang. »Aber ich werde Ihren kleinen Ausflug hoch zur Berganitan ignorieren.«

»Woher wissen Sie …?«

»Ich bin Staff Sergeant. Als solcher weiß ich alles.« Sie stieg über den unteren Rand der Luke und fügte, als sich die Tür hinter ihr schloss, hinzu: »Tun Sie das nie wieder.«

»Ich habe dir doch gesagt, sie würde es herausfinden«, murmelte Binti und verpasste ihm im Vorbeigehen einen leichten Schlag auf den Hinterkopf.

»Nein, hast du nicht.«

»Doch.«

»Nein.«

»Doch.«

»Könnt ihr beide mal eure verdammte Klappe halten?« Mit durchgestreckten Armen sah Checya, der gerade Liegestütze machte, sie an und deutete mit dem Kinn auf Conn. »Glaubt ihr, der arme Kerl vermisst seine Vierjährige noch nicht? Müsst ihr beiden ihn an sie erinnern?«

Der Corporal wirkte etwas überrascht, weil er plötzlich im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit stand. »Habt ihr mit mir gesprochen?« Er hob sein Tablet hoch. »Ich habe gerade Myrna geschrieben. Captain Daniels hat mir versprochen, einen Brief mit hoch auf die Berganitan zu nehmen, wenn wir landen.«

»Schönen Gruß von mir.« Binti stieg über den schweren Schützen hinweg und hängte ihre Uniformjacke über die Rückenlehne des ihr zugewiesenen Sitzes und ging dann weiter zu der Luke im rückwärtigen Bereich des Truppenquartiers, die zu den GPTs führte.

»Wo willst du hin?«

»Ich dachte, ich gehe ein bisschen mit den di’Taykaner spielen.«

Corporal Hollice öffnete ein Auge und schaute auf. »Du hast noch eine halbe Standardstunde, ehe wir uns wieder anschnallen müssen.«

»Wenn wir das Geplauder überspringen, reicht das locker.«

Hollice öffnete nun auch das andere Auge, sah sich in der Truppenunterkunft um und zählte die Marines. »Sie sind zu viert.«

»Ja und?«

»He, wenn du danach noch marschieren kannst, nur zu, aber du kennst die Regeln, was den Kontakt anderer Rassen mit den di’Taykaner angeht. Da gibt es keine Zugeständnisse. Wer spielt, bezahlt. Dein Intimbereich ist einfach nicht …«

»Schon gut, du Spaßbremse, ich hab’s kapiert.« Binti runzelte die Stirn, drehte sich um und ließ sich wieder auf ihren Sitz fallen. »Vielleicht lasse ich dich stattdessen einfach ein Level Goopa Elite spielen.«

Hollice lächelte und schloss die Augen wieder. »Das wäre vermutlich klug.«

»Ich finde es wird Zeit, dass jemand seine Prüfung zum Sergeant ablegt«, murmelte sie und schob einen Spielchip in ihr Tablet.

Die Silsviss hatten sie gebeten, auf dem Weg zwischen den Städten in der Atmosphäre zu bleiben, damit so viele Leute wie möglich das Raumschiff sehen konnten. Da sie bereit waren, den dafür erforderlichen zusätzlichen Kraftstoff zu stellen, flog Captain Daniels auf dem schmalen Grat zwischen zu dicht am Boden und dem Beleidigen ihrer Gastgeber.

Entfernungen, die man mit einem Sprung aus der Atmosphäre im Handumdrehen hätte zurücklegen können, erforderten auf diese Weise Stunden.

Torin hatte die Uffzs aus der Truppenunterkunft herausgeholt, sobald das VTA seine normale Flughöhe erreicht hatte. Wenn er zu viel Freizeit mit dem Fußvolk verbrachte, verwandelte sich selbst der nüchternste Sergeant in eine Pausenaufsicht – und damit war niemand richtig glücklich.

Sie hätte das Spiel in der Waffenkammer ignoriert, doch als sie sah, dass hinter der Mun-Kiste, die als Tisch diente, ein Rakva hockte, ging sie sich das näher ansehen.

»Da wir einen Anfänger dabeihaben, halten wir es mal einfach.« Mike gab allen sechs Spielern eine offene und vier verdeckte Karten. »Wir spielen Five Card Draw. Bube gibt.«

Der junge Rakva tippte mit einem schlanken Finger auf ein Plastikviereck. »Das ist ein Bube?«

»Das ist ein Bube.«

»Ah.« Er nahm seine anderen vier Karten und richtete bei ihrer Betrachtung seinen Kamm auf. »Dieser denkt, dass dieser versteht, wüsste aber eine Kleinigkeit gerne noch einmal.«

Mike kratzte sich im Gesicht, wo die Wirkung des Bartwuchshemmers langsam nachließ, und zuckte die Achseln. »Frag.«

»Was schlägt ein Achterpärchen?«

Torin grinste, als der Sergeant angewidert sein Blatt wegwarf. Die Spiegelung der Karten in der metallenen Mun-Kiste war für menschliche Augen viel zu kurz gewesen, aber nicht für die eines Rakva. »Sie machen hier kein Glücksspiel, oder, Sergeant Glicksohn?«

»Das käme mir nie in den Sinn, Staff. Wir treten mit unserem gefiederten Freund hier nur in interkulturellen Austausch.«

Der Kamm des Rakva schwoll ab. «Dieser dachte, ihr bringt ihm Poker bei?«

Torin überließ Mike die Erklärung.

Als ihre Runden sie wieder zu den Sitzplätzen der Zivilisten hinter der Brücke führten, strich sie ihre Uniformjacke glatt und setzte ihr bestes umgängliches Gesicht auf, ehe sie in das Sensorfeld trat. Obgleich der Bereich etwa halb so groß war wie das Truppenquartier und sich dort deutlich weniger Personen aufhielten, wirkte er durch die vier Dornagain beengt und zu voll. Ihre Nase zuckte. Obwohl das Belüftungssystem auf Hochtouren lief, stank es hier auch ein wenig.

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Дата выхода на Литрес:
12 марта 2025
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391 стр. 3 иллюстрации
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9783948700096
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