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TAMARA HINZ

Der Klang

Deiner Stimme

Gott und sich selbst neu begegnen –

Impulse für ein Jahr


Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 9783865064189

© 2011 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Die zitierten Bibeltexte wurden der Einheitsübersetzung entnommen.

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Titelgrafik: shutterstock

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013

www.brendow-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Copyright

Zu diesem Buch

1 Wenn Neues wächst

2 Füreinander einstehen

3 Gebet

4 Jesus in seiner Passion nahe sein

5 Den Auferstehungssieg feiern

6 Reifer und befreiter Glaube

7 Den Himmel im Herzen

8 Gott mit allen Sinnen lieben

9 Grenzen setzen

10 Gottes Willen für mein Leben erkennen

11 Mit Alter und Behinderung umgehen

12 Vollkommen sein

13 Jesus begegnet Menschen

14 Mutig über den Glauben sprechen

15 So spreche ich über den Glauben

16 Ein fröhliches Herz

17 Meine Lebensziele

18 Daseinslust

19 Abschied nehmen und trauern

20 Loslassen

21 Sorgen abgeben

22 Meine Meinung ist gefragt

23 Von Gott berufen

24 Berufung und Alltag

25 Berufung und Gaben

26 Berufung und Gottes Zeitpunkt

27 Meine Berufung schützen

28 Im Vergleich mit anderen

29 Rache

30 Vergebung wagen

31 Vergeben und dennoch Grenzen setzen

32 Mir selbst vergeben

33 Für Fehler Verantwortung übernehmen

34 Im Licht Gottes stehen

35 Von falschen Schuldgefühlen frei werden

36 Mein Frömmigkeitsstil

37 Ehrfurcht vor Gott

38 Stark durch die Kraft des Herrn

39 Mit Gefühlen umgehen

40 Das Wort Gottes anwenden

41 Heilung der Vergangenheit

42 Ja sagen zur eigenen Geschichte

43 Abschied von der Vergangenheit

44 Geduld

45 Mit mir selbst Geduld haben

46 Mit der richtigen Spannung leben

47 Machs dir leichter

48 Von Gott gelobt

49 Mein Alltag

50 Die große Freiheit

51Von Gott versorgt

52 Mein Credo

Stichwortverzeichnis

Zu diesem Buch

In diesem Buch geht es um verschiedene Themen, mit denen wir im Laufe unseres Lebens, auch unseres geistlichen Lebens, konfrontiert werden. Themen, die unseren inneren Menschen, unseren Charakter, unsere Persönlichkeit, unsere Denk- und Verhaltensmuster, die Beziehung zu unseren Mitmenschen, unsere Spiritualität und unsere Beziehung zu Gott betreffen. Bei den wenigsten geschieht die Auseinandersetzung mit einem solchen Thema auf einer rein theoretischen Ebene. Fast immer passiert etwas in unserem Leben, finden Begegnungen statt oder entstehen Situationen, die uns förmlich zwingen, uns mit einer bestimmten Frage zu beschäftigen. Hier ist die Chance, zu wachsen und geistlich zu reifen. Hier ist die Chance, konkrete Schritte zu gehen, die zu einer tief greifenden Veränderung in vertrauten Denk- und Verhaltensmustern führen.

Dieses Buch will Ihnen durch einen Bibelvers und kurze, inspirierende Gedanken helfen, sich mit »Ihrem Thema« zu beschäftigen. Dabei soll es Ihnen gerade nur so viele Impulse geben, dass in Ihnen eigene Gedanken und Ideen wachsen und Sie ermutigt sind, Ihren eigenen Weg zu finden und auch zu gehen.

Sie finden in diesem Buch 52 Themen. Sie können sich also, wenn Sie mögen, ein Jahr lang jede Woche ein anderes Thema heraussuchen und es bewegen. Die Anregungen (In dieser Woche will ich …) sollen Ihnen helfen, kreative Denk- und Handlungsansätze für sich ganz persönlich zu finden.

Bei den weiterführenden Bibelstellen zum Thema – für jeden Tag der folgenden Woche ein Text – handelt es sich manchmal um einen größeren Textabschnitt, manchmal aber auch nur um einen Vers. Wenn es sich um eine längere Passage handelt, beispielsweise um eine Begegnung mit Jesus, lade ich Sie ein, diesen Text nicht analytisch zu lesen, sondern ihn zu erleben, sich in ihn hineinzufühlen und in die Gedanken und Gefühle der beschriebenen Personen hineinzuschlüpfen. Frauen haben an dieser Stelle ja eine große Gabe – die sollten sie auch für ihr geistliches Leben nutzen! Wenn es nur ein Vers ist, der für den Tag angegeben ist, lohnt es sich, ihn abzuschreiben und irgendwo sichtbar hinzuhängen, um ihn den ganzen Tag immer wieder vor Augen zu haben. Auf diesem Weg prägt er sich ein und begleitet Sie in die verschiedenen Situationen hinein.

Warum überhaupt Texte aus der Bibel? Ich persönlich finde die Worte der Bibel unendlich kostbar, weil sie mehr als alle anderen Worte dieser Welt das Reden Gottes enthalten. Hier stellt sich Gott vor, hier kommen mir Ideen, wie Gott über mich und über mein Leben denkt, und hier werde ich inspiriert, selbst kreativ und gewinnbringend über mein Leben nachzudenken. Hier spricht mich Gott direkt an – das allein ist schon dermaßen spannend, dass es Lust macht auf mehr. Und genau das möchte dieses Buch: Lust wecken. Lust an der Begegnung mit sich selbst, mit Gott und dem Leben, so wie es uns geschenkt und gegeben ist.

Gott begegnen, das mag in manchen Ohren nach Pflichterfüllung und angestaubten, der eigenen Realität nicht wirklich nahe kommenden Predigten und Bibeltexten klingen. Nach frommen Idealen, die uns präsentiert werden und denen wir mit schöner Regelmäßigkeit hinterherhinken. Nach aufkeimenden, manchmal zweifelnden, rebellischen Gedanken, die aber schnell wieder abgewürgt werden, weil man oder frau als Christ so nicht denken oder fühlen sollte. Mit Lust am Leben, Lust an Gott und Lust, sich auf sich selbst und die eigenen Gedanken und Gefühle einzulassen, hat das nicht wirklich etwas zu tun. Dieses Gefühl entsteht erst da, wo ich mich selbst in meinem ganzen Sosein von Gott angenommen fühle, wo ich sein darf und Raum habe und wo kreative Freiheit zum Denken und Handeln gelebt, gefördert und eingeübt wird. Dazu möchte ich Sie ermutigen: ganz Sie selbst zu sein!

Und: Gönnen Sie sich etwas Humor. Das Leben, auch das geistliche Leben mit einem fröhlichen Augenzwinkern anzugehen hilft manchmal mehr, mit Unwirtlichkeiten fertig zu werden, als der fromm-verbissene Blick. Humor schafft Abstand und lacht dem Teufel ins Gesicht, wenn er versucht, uns in die Tiefe zu zerren.

In meinem Herzen habe ich das Bild von einem lachenden Jesus. Natürlich ist er auch ernst und wirft mir manch besorgten Blick zu, wenn ich meine Kapriolen schlage. Sein Gesicht ist manchmal schmerzverzerrt und sein Blick sehr verletzt. Aber oft lacht er auch. Steht neben mir: Fröhlich, entspannt, mit den Händen in den Hosentaschen und einem Grashalm zwischen den Zähnen grinst er mich vergnügt an. Weil wir miteinander etwas Tolles erlebt haben, weil wir Christen so schräge Vögel sind und für manchen Lacher sorgen und weil er … Lust am Leben hat. Möge seine Lebenslust Sie anstecken!

Tamara Hinz

1
Wenn Neues wächst

Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten. Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es denn nicht?

JESAJA 43,18 - 19

Bibbernd stehe ich in der Frühlingskälte. Dicke Jacke, eiskalte Finger und eiskalte Füße. Aber ich habe beschlossen, dass heute der erste Tag im Jahr für Gartenarbeit ist. Tapfer bewaffne ich mich mit allerlei Gerätschaften, die mir nötig erscheinen, um Totes, dem Frost Anheimgefallenes abzuschneiden und das Unkraut auszurupfen, das sofort mit den ersten, wärmenden Sonnenstrahlen aufgebrochen ist. Ich jäte und hacke mir die Seele aus dem Leib, da sehe ich ein kleines, noch ganz dunkles, fast erdfarbenes Blatt aus dem Boden hervorsprossen. Winzig, kaum wahrnehmbar. Es gehört zu einer Pflanze, die ich im Herbst neu gesetzt hatte und die durch die Wintermonate hindurch gänzlich verschwunden gewesen war. Ich hatte sie schon vergessen oder war davon ausgegangen, dass der lange Frost in diesem Winter sie dahingerafft hatte. Gerade noch rechtzeitig sehe ich das Pflänzlein, bevor meine Hacke niedersaust und ihm gänzlich den Garaus macht. Just in diesem Moment fällt mir obiger Bibelvers ein. Und wie so oft wird mir eine Alltagssituation zum Lehrmeister, durch den Gott spricht.

Manchmal ist das Neue, das Gott schafft, ein Bravourstück, das plötzlich unübersehbar da ist und alles andere in den Schatten stellt. Aber oft genug ist es ein kleines, zartes Pflänzchen, das sich vorsichtig ans Licht schiebt und meines Schutzes bedarf. Wie oft reiße ich es in meinem Arbeitseifer einfach aus oder trampele es unachtsam nieder! Oder es passt mir nicht in den Kram: Meine schöne, vertraute Gartenordnung wird durcheinandergebracht. Was da wächst, ist mir zu groß, zu klein, zu unscheinbar oder zu raumgreifend.

Manchmal ist es aber auch anders. Da sehne ich mich nach dem Neuen, nach Veränderung, und finde sie nicht. Dann tippt Jesus mir auf die Schulter und flüstert mir zu: »Guck mal, da ist doch schon etwas, schau mal genau hin, erkennst du es denn nicht?« Wie immer macht er mir Mut, auch die kleinen, zögerlichen Anfänge zu achten …

In dieser Woche will ich gut aufmerken, ob etwas Neues in mir wächst. Das mögen ein ganz neuer, fremder Gedanke, ein mir bis dahin unbekanntes Gefühl oder noch nie da gewesene Wünsche oder Sehnsüchte sein. Wenn ich mir noch nicht sicher bin, ob dieses Neue von Gott in mein Leben hineingelegt wurde oder sich vielleicht doch als Unkraut entpuppt, will ich es dennoch achtsam behandeln und nicht mit Füßen treten. Auch nicht mit frommen Füßen. Erst einmal darf es sein. Erst einmal darf ich es angstfrei wahrnehmen. Darf es beobachten, darf es wachsen lassen. Ohne es direkt als »gut« oder »schlecht« zu bewerten. Irgendwann wird der Tag kommen, an dem ich klarer sehe – möglicherweise werde ich dann auch manches behutsam entfernen müssen.

In dieser Woche will ich das Neue, das von Gott kommt, nähren und schützen. Womit könnte ich es nähren? Welche Menschen, welche Bücher, welche Bilder, welche Musik könnten ihm Nahrung geben? Vor wem muss ich es schützen? Wer würde dieses Neue vielleicht mit Stumpf und Stiel ausrotten, weil es ihm zu bedrohlich erscheint? Was tut diesem neuen Pflänzchen gut, was schadet ihm? Ich will es mit liebevoller Aufmerksamkeit beobachten.

Zum Thema Wenn Neues wächst finde ich in der Bibel folgende Texte: Jesaja 42,5 - 9; Jeremia 4,3; Matthäus 9,16 - 17; Matthäus 13,24 - 30; Markus 4,1 - 20;Apostelgeschichte 10,9 - 23; Epheser 4,22 - 24.

2
Füreinander einstehen

Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

GALATER 6,2

Heute feiern wir in der Gemeinde Abendmahl. Wir stellen uns in kleinen Gruppen zusammen und teilen unter uns das Brot und den Wein. Leise Musik läuft im Hintergrund und untermalt das feine Gemurmel – Worte der Ermutigung und Verheißungen, die wir uns gegenseitig zusprechen. Selten empfinde ich die Gemeinschaft und unsere Zusammengehörigkeit so stark wie beim Abendmahl. Bei aller Unterschiedlichkeit stehen wir füreinander ein, gehören zusammen, sind ein Leib. Als ich mich umsehe, bleibt mein Blick an einer Frau hängen, die sich nicht zu einem dieser Kreise gestellt hat, sondern an ihrem Platz sitzen geblieben ist. Ich weiß auch, warum. Sie lebt, wie man in frommen Kreisen zu sagen pflegt, in Sünde. Leidet selbst daran, kämpft, kann nicht loslassen. Hinkt auf beiden Seiten und geht daran kaputt. Will vertrauen und schafft es nicht. Weiß, dass die Wege, die sie geht, nicht gut sind, aber verlässt sie trotzdem nicht. Deshalb ist sie sitzen geblieben und nicht zum Abendmahl gekommen. Mit versteinertem Gesicht und Tränen in den Augen sitzt sie da. Ausgeschlossen, allein, ohne Worte der Ermutigung und der Verheißung. Mir zerreißt es schier das Herz. Wenn jemand hier in diesem Raum ein Stück von Jesus braucht, dann sie. Ohne weiter zu überlegen, nehme ich das größte Stück Brot, das ich finden kann, vom Teller und reiße es entzwei. Während alle anderen in tiefer Andacht versunken sind oder fröhlich ihr Brot vor sich hinmümmeln, husche ich schnell zu ihr hinüber, reiche ihr das Stück Brot und flüstere ihr zu: »Hier, ich geb dir was von meinem Brot ab – das reicht für uns beide.« Kurz nehme ich sie in den Arm, genauso kurz wiege ich sie einen Moment hin und her, bevor ich wieder auf meinen Platz zurückkehre.

Wenn sie schon der Vergebung nicht glauben kann, dann soll sie meinen Glauben an die Vergebung haben. Wenn sie schon die Freiheit im Moment nicht ergreifen kann, dann soll sie meine Freiheit haben. Wenn sie schon nicht vertrauen kann, dann gebe ich ihr von meinem Vertrauen ab. Wenn sie im Moment nicht die Kraft zu Gehorsam und Konsequenz findet, dann soll Jesus eben meinen Gehorsam nehmen.

Ich gebe ihr, was sie nicht hat, und hoffe, dass es für uns beide reicht. Für einen Moment bleibe ich andächtig und mit gesenkten Augen stehen. Dann wage ich aber doch einen vorsichtigen Blick in Richtung Jesus. Er sieht etwas verwirrt aus (kein Wunder, das Ganze ging ja auch so was von schnell), dann guckt er etwas ungläubig, und um seine Mundwinkel beginnt es verräterisch zu zucken. Ich glaube, wenn wir jetzt nicht im Gottesdienst wären, würden wir beide in schallendes Gelächter ausbrechen …

In dieser Woche will ich darauf achten, ob es Menschen in meinem Umfeld und in meiner Gemeinschaft gibt, die ich mit meinem Glauben und mit meinem Gebet unterstützen kann. Ich will ihnen abgeben von dem, was ich empfangen habe, und ihnen zur Verfügung stellen, was sie im Moment nicht zur Verfügung haben. Vielleicht hilft ihnen das über eine Durststrecke hinweg.

Vielleicht bin ich aber im Moment auch selbst der Bedürftige, der von jemand anders in der Gemeinschaft mitversorgt werden muss. Dann will ich Scheu und Scham ablegen, mich mitteilen und dankbar annehmen, dass jemand anders seinen Glauben und seine Beziehung zu Jesus mit mir teilt und sich schützend vor mich stellt. So lange, bis ich wieder auf eigenen Füßen stehen kann.

Zum Thema Füreinander einstehen finde ich in der Bibel folgende Texte: 2. Mose 17,8 - 13; Psalm 133; Sprüche 17,17; Römer 15,1 - 3; 2. Korinther 8,13 - 14; Galater 6,2; Hebräer 13,16.

3
Gebet

Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen. Macht es nicht wie sie, denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr bittet.

MATTHÄUS 6,7 - 8

Du vollkommene, schützende Macht im Himmel, bergend, sorgend, Dich kümmernd, stark. Du bist für mich besonders, kostbar und einzigartig. Ich wünsche mir, dass all das Gute, Vollkommene und Heilbringende von Dir sich umsetzt und verwirklicht in meinem Leben und in meinem Umfeld. Bei Dir und in Deinem Reich ist es schon da. Hier bei mir möchte ich noch manches wachsen sehen.

Ich bin bedürftig und abhängig von Dir. Ich lebe hier in dieser Welt und brauche manches zum Überleben, zum Wachsen und um guter Dinge zu sein. Bitte versorge mich mit dem Nötigen und darüber hinaus mit allem, was ich ganz persönlich zum Leben brauche.

Zu diesem Leben gehört es, dass ich schuldig werde. An mir selbst, an anderen, an Dir. Ich bin nicht perfekt, sondern habe und mache Fehler. Bitte entschuldige mich. So tue ich es bei meinen Kindern, wenn sie Fehler machen und versagen. Immer wieder aufs Neue verzeihe ich ihnen – weil ich sie liebe. Diese Liebe ist ein kleines, zartes Abbild Deiner Liebe zu mir. Wie viel größer und umfassender ist Deine Liebe und Bereitschaft, mir zu vergeben!

Undenkbar für mich, dass Du mich in Situationen bringst, die mir zum Fallstrick werden könnten. Undenkbar, dass Du mich in eine Lage bringst, in der ich Gefahr laufe, Deine Hand loszulassen. Stattdessen möchte ich von Dir erwarten, dass Du alle unerlösten Anteile in mir, alles, was noch unfrei, gebunden und verkrustet ist, mit Deiner heilenden und Leben spendenden Hand berührst und freisetzt.

Das alles ist Dir möglich, weil alles Dir gehört, alle Überwinderfähigkeit von Dir kommt und Du ein einzigartiger, vollkommener Herrscher bist.

In dieser Woche will ich die Worte des »Vaterunser« meditieren. Ich will die einzelnen Aspekte dieses Gebetes in mir hin und her wenden, sie mit eigenen Worten, Gedanken und Gefühlen füllen und diese in mein Leben mit hineinnehmen.

Diese Woche will ich meine Gebetszeit sehr schlicht halten. Ja, vielleicht ist für mich sogar ein »Wörterfasten« dran, weil ich mir angewöhnt habe, meine Gedanken endlos lange vor Jesus auszubreiten. In meiner Stillen Zeit bin ich abgedriftet in ein ständiges Kreisen um die Probleme meines Lebens in Form von Beten, Beten und nochmals Beten. So ist die Gebetszeit keine Quelle mehr, die mich nährt und aus der ich Kraft gewinne, sondern zum Aderlass geworden, der mir noch meine letzten Reserven nimmt.

Vielleicht schreibe ich am Anfang der Woche meine Kümmernisse auf, lege sie in einen Umschlag und schiebe sie Jesus kurz rüber, wenn ich mit ihm zusammen bin. Und dann bekenne ich nur noch: »Dein ist das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit.« Dann könnte ich noch ein schönes Musikstück hören oder ein schönes Bild betrachten, um der Größe Gottes in meinem Herzen ein Bild und einen Klang zu geben. Mit dem Bild im Herzen und dem Klang der Ewigkeit im Ohr mache ich mich dann an mein Tagwerk.

Zum Thema Gebet finde ich in der Bibel folgende Texte: 2. Mose 14,13 - 14; Psalm 131; Prediger 5,1; Matthäus 7,7 - 11; Römer 8,26; Philipper 4,6; Jakobus 5,16 - 18.

4
Jesus in seiner Passion nahe sein

Die Wächter trieben ihren Spott mit Jesus. Sie schlugen ihn, verhüllten ihm das Gesicht und fragten ihn: Wer hat dich so geschlagen?

LUKAS 22,63 - 64

Heute beginnt die Karwoche. Ich mag es immer gern, wenn einzelne Gegenstände ein Geschehen oder ein Thema, um das es gerade geht, greifbar machen. Deshalb bin ich heute weit vor dem Gottesdienstbeginn da und suche für den Altarraum einen purpurroten Samtstoff hervor, eine Dornenkrone und Palmenzweige. Bewaffnet mit diesen Utensilien, betrete ich den Gottesdienstraum. Unterwegs umarme ich zur Begrüßung herzlich eine Frau aus der Gemeinde, die ebenfalls schon sehr zeitig gekommen ist. Leider habe ich bei dieser innigen Umarmung vergessen, dass ich eine Dornenkrone in der Hand halte, und ramme sie ihr mit voller Wucht in den Rücken. Peinlich, peinlich …

Nun stehe ich vorne, drapiere den Samtstoff und die Palmenzweige und möchte die Dornenkrone am Kreuz anbringen. Bei uns haben wir schon alle möglichen Dinge am Kreuz angebracht. Das ist ohne Weiteres möglich, denn unser Kreuz ist ziemlich hässlich und vom Material her wertlos. Zusammengehauen aus zwei klobigen, rissigen Holzbalken, die an manchen Stellen rostige Male von alten Nägeln tragen, ist es nicht gerade ein Schmuckstück. Aber wir wollen es so. Denn was damals passierte an diesem Kreuz, war ja auch nicht gerade ein Glanzstück menschlichen Erfindungsreichtums. So hässlich wie unser Kreuz, so hässlich war das Ereignis, zu dessen Symbol das Kreuz später wurde.

Ich halte Hammer und Nagel in der Hand und will diesen Nagel in das Kreuz schlagen, um die Dornenkrone zu befestigen. Aber ich kann nicht. Keine zehn Pferde werden mich dazu kriegen, diesen Nagel jetzt in das Kreuz zu schlagen. Ich will an dieser miesen Aktion nicht beteiligt sein. Niemals, niemals würde ich einem Menschen so etwas antun. Ich kann Menschen nicht verstehen, die andere quälen und zu Tode foltern. Ich kann das nicht verstehen und will das nicht verstehen. Ich lasse Hammer und Nagel sinken und schau mich um. Neben mir sehe ich Maria, die Mutter von Jesus, und noch einige andere Frauen, die ihn immer begleitet haben. Auch sie stehen fassungslos vor diesem Geschehen. Können die Brutalität und Gemeinheit dieses Ereignisses nicht begreifen. Sie haben Jesus genährt, haben ihn umsorgt, ihm Geborgenheit und – soweit es bei seiner Lebensweise möglich war – ein Zuhause geboten. Sie haben mit ihm gelacht, ihn bewundert, mit ihm geweint und waren für ihn da, wenn er sich nach stundenlangen Fußmärschen und noch längeren Predigten ermattet auf den Boden plumpsen ließ. Und jetzt sind sie auch bei ihm. Können nicht helfen, aber wenigstens da sein. Halten diese letzten Stunden mit ihm aus, sind ihm nah. Laufen nicht weg, wenden sich nicht ab. Welch eine Freude für Jesus!

In dieser Woche will ich einfach nur bei Jesus bleiben. Ich werde dabei sein, wenn er in Jerusalem einzieht, werde sein Königsein proklamieren und ihm mein schönstes Gewand zu Füßen legen. Ich will mit ihm ein letztes Mal essen und mir von ihm die Füße waschen lassen. Vielleicht gelingt es mir, im Garten Gethsemane nicht einzuschlafen, sondern bei Jesus auszuharren. Beobachtend, wartend. Dann werde ich mit ihm den Weg nach Golgatha gehen. Ich werde nicht weglaufen, sondern bleiben – so wie die anderen Frauen. In dieser Woche will ich einfach nur bei ihm sein.

Zum Thema Jesus in seiner Passion nahe sein finde ich in der Bibel folgende Texte: Psalm 63,1 - 9; Hohelied 1,4; Hohelied 8,6 - 7; Jesaja 53; Lukas 10,38 - 42; Johannes 12,1 - 8; Johannes 18 - 19.

5
Den Auferstehungssieg feiern

Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, doch nun lebe ich in alle Ewigkeit!

OFFENBARUNG 1,17B-18A

In einer Zeitschrift fand ich das Bild eines Malers, das ein Porträt des nachösterlichen Christus darstellt, mit dem Titel: Der lachende Jesus. Ich liebe dieses Bild, weil es die überschäumende Lebens- und Daseinslust des Auferstandenen widerspiegelt und eine einzige Demonstration des Sieges vom Leben über den Tod ist. Ostern lachen wir dem Teufel ins Gesicht. Ostern feiern und bekennen wir den Sieg des Lebens über alle Dunkelheit, alles Zerstörerische, Zwielichtige und Niedermachende in uns und um uns herum. Ostern ist ein aufständisches Fußaufstampfen, ein wildes Trotzdem, ein staunendes Wer-hätte-das-gedacht und ein jubilierendes Ichhab’s-doch–schon-immer-gewusst. Ostern ist der Beweis dafür, dass alles möglich ist und dass es das Happy End wirklich gibt. In der Kälte und Dunkelheit der Osternacht erhebt der Zerschlagene und der Verzagte, der Entmutigte und Kraftlose zögernd den Kopf und sucht den Horizont nach den ersten Zeichen eines neuen Tages ab. Irgendwann wird das Schwarz der Nacht zum Grau der Dämmerung, und die Vögel stimmen noch in der Dunkelheit ihr erstes, zaghaftes Lied an. Dann verfärbt sich der Horizont, und das erste Licht des neuen Tages bricht sich Bahn. Die vermeintlich Besiegten, die Verlierer, die Gedemütigten, die, die keine Hoffnung mehr hatten, springen auf und stimmen ein wildes Siegesgeheul an. Mit Tränen in den Augen liegen sie sich in den Armen, boxen in die Luft, starten groteske Tänzchen, stoßen sich gegenseitig kumpelhaft in die Seite, können ihr Glück noch gar nicht fassen. Dann fassen sie sich an den Händen, bilden eine lange Kette, eine starke Front, und rufen der schwindenden Nacht hinterher: »Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden.« Das Gelächter, welches dann folgt, empfängt den neuen Tag, ist ein Bekenntnis zum Leben, zum Sieg und zu Ihm, der es (wer-hätte-das-gedacht-aber-ich-hab’s-eigentlich-schon-immer-gewusst) tatsächlich geschafft hat!

In dieser Woche will ich in besonderer Weise den Auferstehungssieg Jesu feiern. Über allem Dunklen und Ungelösten, was es auch in meinem Leben gibt, will ich bekennen: »Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!« Ob ich es spüre oder nicht, ob ich im Moment etwas von diesem Sieg in meinem Leben sehe und erlebe oder nicht – ich werde mir diesen Satz nicht entreißen lassen und ihn immer wieder laut und vernehmlich vor der sichtbaren und der unsichtbaren Welt ausrufen. In dieser Woche werde ich der Gelassenheit Raum geben, die aus dem Wissen um den Sieg Jesu erwächst. Das, was da noch in mir und in meinem Leben an Zerstörerischem tobt, kämpft und sich breitmachen will, betreibt nur noch Schattenboxen, einen verlorenen Kampf, und ist längst besiegt. In dieser Woche werde ich meinen eigenen, oft so zermürbenden und überdies nutzlosen Kampf niederlegen, mich in die Frühlingssonne setzen und mich von den ersten Strahlen wärmen lassen, einen riesigen Strauß Osterglocken in mein Zimmer holen und dem Feind eine fröhliche Grimasse schneiden.

Zum Thema Den Auferstehungssieg feiern finde ich in der Bibel folgende Texte: Psalm 24,7 - 10; Psalm 118,15 - 17; Johannes 11,25 - 27; Johannes 20, 1 - 18; 1. Korinther 15,54 - 58; 2. Korinther 2,14; Offenbarung 1,12 - 18.

6
Reifer und befreiter Glaube

Du aber bleibe bei dem, was du gelernt und wovon du dich überzeugt hast.

2. TIMOTHEUS 3,14

Dieser Bibelvers macht mich richtig ärgerlich! Ich kann auch genau sagen, warum. Ich bin froh und dankbar, dass ich so manches Gelernte hinter mir lassen und abstreifen konnte. In meiner geistlichen Biografie gibt es einiges, was mir mehr Schaden zugefügt hat, als dass es mir geholfen hätte. Mir mehr Enge als Weite, mehr Angst als Freiheit, mehr Düsternis als Lebensfreude beschert hat. Aus diesen unguten Prägungen habe ich mich unter viel Tränen und Kämpfen, mit viel Hinfallen und wieder Aufstehen, mit ganz viel Zweifeln, Fragen und Schuldgefühlen hervorgekämpft – was da entstanden ist, ist überaus kostbar, fühlt sich jesusnah und grundrichtig an. Wenn mir Menschen begegnen, die mich mit frommen Sprüchen und biblischen Richtigkeiten wieder in das »Alte« zurückzwingen wollen, stellen sich mir die Nackenhaare auf. Ich will nicht bei dem bleiben, was ich gelernt habe, will Entwicklung, Veränderung und neue, Leben spendende Impulse. Ich mache Paulus eine lange Nase und klappe meine Bibel erst einmal zu.

Nur um sie gleich wieder aufzuklappen, denn mir fällt ein, dass der Vers ja noch nicht zu Ende ist: » … und wovon du dich überzeugt hast«, steht da noch. Heißt doch: Ich kann, darf und muss mich von der Richtigkeit des Gelernten selbst überzeugen. Das Gelernte und die eigene Überzeugung müssen zusammenkommen und passen. Da darf nichts auseinanderklaffen. Wenn ich das Gelernte ohne diese Selbstüberzeugungsarbeit übernehme, es aber nie zu meinem Eigenen geworden ist, dann wird mein Glaube entweder eine leblose Hülle, eine Farce, oder es kommt zu einer Abspaltung in meiner Person. Ich lebe und vertrete dann etwas, was mir ganz tief drinnen im wahrsten Sinne des Wortes nicht passt, gegen das ich mich innerlich sogar sträube. Diese Abspaltung macht auf Dauer krank. Seelisch und geistlich. Lasse ich andererseits das Gelernte völlig außer Acht, stehe ich vielleicht in der Gefahr, das Kind mit dem Bade auszuschütten oder mir selbst großen Schmerz zuzufügen, weil ich mich gegen einen Teil von mir wende. Denn das Gelernte ist ja von mir verinnerlicht – reiße ich es plötzlich mit Gewalt heraus, tue ich mir selbst sehr weh und kann die Leere, die mich dann erfasst, wahrscheinlich gar nicht aushalten.

Nachdem meine erste Rebellion, mein erster Ärger verraucht ist, muss ich eingestehen: Auch in meiner geistlichen Biografie gibt es Dinge, die mein Leben positiv geprägt haben. Es gibt »Lehrsätze«, die man mir beigebracht hat und die ich dann nach mehrmaligem Drehen und Wenden zu meinen eigenen gemacht habe. Da, wo dieser Prozess durchlaufen ist, kann ich durchaus für vieles danken. Anderes hat mich dagegen nicht überzeugt, vielleicht wird es irgendwann einmal geschehen – im Moment lege ich es erst einmal als zu mir nicht passend beiseite. Das tue ich mutig und behutsam zugleich.

In dieser Woche will ich mir die Zeit nehmen, meinen »geistlichen Kleiderschrank« zu entrümpeln. Da liegt so manches Schätzchen in der hintersten Ecke – das wird von mir sowieso nicht mehr getragen und könnte eigentlich aussortiert werden. Es ist zu groß, zu klein oder einfach vom Stil her völlig unpassend geworden. Von diesen Teilen will ich mich mutig trennen, um Platz zu schaffen für Neues. Anderes hängt da, von dem ich mir einfach noch nicht sicher bin, ob ich es vielleicht doch noch tragen will – wenn ich diese Stücke einfach wegschmeiße, könnte ich es später bereuen. Solange ich nicht wirklich überzeugt bin, dass ich mich trennen will, sollen und dürfen sie bleiben. Und dann sind da noch die Lieblingsstücke von guter Qualität, immer wieder gern getragen und absolut passend zu mir. Ich weiß: Sie kleiden mich hervorragend, bringen meine Vorzüge zur vollen Geltung und sind das ultimative Aushängeschild für den Designer. An ihnen will ich mich besonders freuen und ihnen einen bevorzugten Platz einräumen. Es gibt allerdings auch Dinge, die finde ich nicht besonders schön, zu ihnen fühle ich mich auch nicht sonderlich hingezogen. Aber sie müssen einfach in meinem Schrank bleiben, weil sie nützlich, praktisch und, wenn es hart auf hart kommt, unverzichtbar sind. Es wäre dumm, den ganzen Kleiderschrank ausschließlich unter dem Wohlfühlaspekt zu bestücken.

Zum Thema Reifer und befreiter Glaube finde ich in der Bibel folgende Texte: Jesaja 48,17; 1. Korinther 13,9 - 12; 2. Korinther 3,17 - 18; Galater 5,1.13; Epheser 4,14 - 15; Philipper 1,6.9 - 11; Philipper 3,12 - 16.

7
Den Himmel im Herzen

Dann freut sich das Mädchen beim Reigentanz, Jung und Alt sind fröhlich. Ich verwandle ihre Trauer in Jubel, tröste und erfreue sie nach ihrem Kummer.

JEREMIA 31,13

Ich war heute in Rock the ballet, einer grandiosen Tanzvorstellung. Nicht gerade ein Reigentanz, aber kraftstrotzender, vitaler, pulsierender Tanz. Lebendig, sprühend und rundherum lebensbejahend. Immer, wenn ich so etwas absolut Perfektes sehe, muss ich an den Himmel denken. Wenn es hier schon solche Fähigkeiten, solche Leidenschaft, solche Schönheit und Ästhetik gibt, wie wird es dann erst im Himmel sein?

In der Offenbarung entfacht Johannes ein wahres Feuerwerk an glanzvollen Beschreibungen, um dieses Kaleidoskop göttlicher Prachtentfaltung im Himmel darzustellen. Licht, wohin das Auge reicht. Edelsteine, Glas, Gold – alles nur vom Feinsten. Ausblick auf das Unsichtbare. Helligkeit, Weite, Raum zum Atmen, Klarheit, Daseinslust, Zeit ohne Ende, Leben satt.

Inmitten all dieser Pracht der König. Stark, väterlich tröstend, zugewandt, aufmerksam, liebevoll, lachend. Ihm werden wir in absoluter Verbundenheit und ergebener Treue frei von Ressentiments dienen.

Früher habe ich mir dieses Dienen als eine recht langweilige Geschichte mit endlosem Gesang und dauerndem, nervtötendem Harfenspiel vorgestellt. Mich auf ewig in den Engelchor einzureihen schien mir mehr Strafe als Verlockung zu sein. Aber ich glaube, dass viele Christen in ihrer Vorstellung vom Himmel an dieser Stelle auch nicht viel mehr zu bieten haben. Es erscheint aber nicht besonders verlockend, »eine Ewigkeit in der Ewigkeit rumzuhängen«, geschweige denn, dass diese Aussicht uns als Vision zum Ansporn für unseren Alltag dienen könnte.

Heute glaube ich, dass unsere Gaben, mit denen wir Gott in diesem vollendeten Reich dienen, potenziert zur Entfaltung kommen und wir in der Blüte unserer Schaffenskraft sein werden. Wir werden mit unseren Fähigkeiten, die jetzt schon in uns angelegt sind, in Vollendung für Gott da sein, ohne dabei von Minderwertigkeitsgefühlen, Neid, Missgunst oder dem Wunsch, andere übertrumpfen zu wollen, beeinträchtigt zu sein. Unsere Persönlichkeit wird sich zu ihrer ganzen Schönheit und Reife entwickeln, und unser ganzes Sein wird Gott, uns selbst und anderen Freude machen.

Leben in der Ewigkeit? Ein Leben voller Daseinslust, rundherum perfekt. Ein Zusammenspiel multitalentierter Leute, die sich von Herzen lieben, miteinander leben und endlich mit dem vereint sind, von dem sie ja schon immer wussten, dass er da ist.

Diese Woche soll meine Ewigkeitswoche werden. Ich will Momenten mit Ewigkeitscharakter besondere Aufmerksamkeit schenken. Eine klare Sternennacht, ein Sonnenuntergang, eine wunderschöne Blume, eine intime Zärtlichkeit, ein vertrauensvolles Gespräch bei einem Glas Wein, eine besondere Fähigkeit, die mein Staunen hervorruft – alles Vorboten, die Jesus mir schickt, damit ich den Himmel nicht vergesse. Ich will all meine Fantasie nutzen, um mir Ewigkeitsmomente vorzustellen. Geborgenheit, Trost, Liebe, Glück – diesen Worten will ich Bilder geben und sie dann meiner Seele schenken, damit sie sie mir zurückgibt, wenn ich einsam oder verzweifelt bin. Vor dem Hintergrund der Ewigkeit will ich durch diese Woche gehen mit der Frage: »Wie wichtig ist das Ganze?« Dinge, die mir Ärger und Verdruss bereiten, die mir meine Gelassenheit rauben und mir schlaflose Nächte bereiten – wie bewerte ich sie mit diesem Bild des Himmels in meinem Herzen, welches dort abgelichtet ist?

Zum Thema Den Himmel im Herzen finde ich in der Bibel folgende Texte: Hiob 19,25 - 27; Jesaja 25,6 - 8; Jesaja 33,17 - 24; Jesaja 35,1 - 10; Matthäus 6,19 - 21.33 - 34; 2. Korinther 4,16 - 18; Offenbarung 21 bis 22,5.

8
Gott mit allen Sinnen lieben

Und David tanzte mit ganzer Hingabe vor dem Herrn her.

2. SAMUEL 6,14A

In unserer Gegend ist die Nacht zum 1. Mai die Nacht der Verliebten und die Nacht des Werbens. Ist man in dieser Nacht zufällig unterwegs, trifft man Scharen von Jugendlichen, die in mehr oder weniger großen Grüppchen auf Fahrrädern von Dorf zu Dorf ziehen, bewaffnet mit Maibäumen und riesigen, mit Papierrosen verzierten Herzen, um selbige an Haus oder Dach der/​des Angebeteten anzubringen. Strikt nach Männlein und Weiblein getrennt, fahren Freunde zusammen die Häuser sämtlicher begehrter Weiblichkeit im Umfeld von 20 Kilometern ab und Freundinnen die der Männlichkeit. Um sich warm zu halten und die Strapazen solch einer Tour zu überstehen, wird dabei nicht gerade wenig Alkohol getrunken. Ein Umstand, der dafür sorgt, dass so manch einer beim Eintreffen am ersehnten Ziel nicht mehr ganz sicher auf den Beinen ist. Das wäre aber durchaus von Vorteil, denn nun gilt es, Baum oder Herz am Haus und möglichst nah am Fenster der/​des Liebsten anzubringen. Die meisten Mädchen machen es sich leicht und hängen ihr Herz einfach an die Tür. Den Jungs ist das natürlich viel zu einfach und einfallslos. Wie liebeskranke Kater streichen sie ums Haus und suchen nach dem besten Weg, das Haus zu erklimmen. Ihr männlicher Ehrgeiz treibt sie zu abenteuerlichen Klettertouren hinauf an Regenrinnen und auf Dächer, was bei besagtem Alkoholkonsum für Zuschauer zur Zitterpartie mutiert. Letztere gibt es aber kaum, da alle Normalsterblichen und Nicht-mehr-oder-noch-nicht-Verliebten längst schlafen und von dem regen Treiben über ihren Köpfen nichts mitbekommen. Registriert man als beunruhigtes Elternteil doch einmal etwas von den nächtlichen Aktivitäten, vernimmt man kratzende Geräusche und Tritte auf dem Dach, hört man Tuscheln, Raunen und höchst männliches Gekicher, sollte man sich dennoch ruhig verhalten. Ein plötzliches Aufreißen des Fensters, ein Einschalten des Flutlichtes könnte zu einem jähen Absturz von Maibaum und Jüngling führen. Das wäre gar nicht gut.

Bricht die Morgendämmerung an, sind Herzen und Maibäume an ihrem Platz und alle Flaschen geleert, sinkt die Jugend ermattet in den Tiefschlaf.

Ich jedoch finde am frühen Morgen unser Haus lieblich verziert wie ein Märchenschloss vor (was beileibe nicht an mir, sondern an meinen reizenden Heranwachsenden liegt) und freue mich an dieser außerplanmäßigen Dekoration sehr. Zeigt es mir doch, dass hier Menschen ihrer Liebe kreativ Ausdruck verliehen haben und dabei weder an Einsatz, Mühen noch Ideen gespart haben. Ihre Liebe hat sie beflügelt, etwas Originelles hervorzubringen und schöpferisch tätig zu werden. Und: Sie hatten jede Menge Spaß dabei!

In dieser Woche will ich all meine kreativen Energien nutzen, um Gott meine Liebe zu zeigen. Ich könnte ihm ein großartiges Bild malen, einen Brief schreiben oder ein Musikstück einüben, das ich ihm in meinem schönsten Abendkleid vortrage. Ich könnte ihm in meinem Garten eine besondere Ecke widmen und in dieses Beet eine ganz besondere Pflanze setzen. Ich könnte ihm eine riesige Torte backen oder ein hervorragendes Menü kochen, welches ich mit meinen besten Freunden verspeise. Einen Platz würde ich dann frei lassen, besonders schön decken und dekorieren – für meinen Ehrengast. Ich könnte einen Rekord laufen oder für ihn einen Berg erklimmen. Könnte einen neuen Tanz einüben, den Gottesdienstraum in ein Blumenmeer verwandeln, könnte Lachsalven abschießen oder ergriffene Tränen weinen. Oder … ich könnte einen Maibaum setzen!

Zum Thema Gott mit allen Sinnen lieben finde ich in der Bibel folgende Texte: Hohelied 8,6 - 7; Matthäus 22,34 - 40; Lukas 7,36 - 50; Lukas 10,38 - 42; 1. Korinther 13,1 - 8.13; 1. Johannes 5,3; 1. Johannes 4,16 - 19.

9
Grenzen setzen

Denn er hat die Riegel deiner Tore festgemacht … er verschafft deinen Grenzen Frieden.

PSALM 147,13.14A

Ich habe lange Zeit große Schwierigkeiten damit gehabt, Grenzen zu setzen und einen Riegel vor die Ansprüche anderer an mich zu schieben. Christsein bedeutete für mich in erster Linie Nachgiebigkeit, sich ducken und alles hinnehmen. Irgendwann bin ich aber an diesem schrägen Lebenskonzept krank geworden – meine Seele hat einfach gestreikt. Die »nette Frau« wollte und konnte einfach nicht mehr funktionieren. Damit begann ein langer, mühevoller, aber absolut lohnender Veränderungsprozess.

Der christliche Glaube schien aber mein schräges Denken geradezu zu fördern und zu unterstützen. Heißt es nicht in der Bibel, wir sollen den anderen höher achten als uns selbst? Steht da nicht, dass wir selbstlos sein, einander dienen und für andere da sein sollen? Daran habe ich lange Zeit zu knacken gehabt. Ich wusste: Ich will mich verändern und will die ungesunden, krank machenden Tendenzen aus meinem Leben rausschmeißen. Aber ich war nicht bereit und willens, meinen Glauben und meine Beziehung zu Gott über Bord zu werfen – dafür waren sie mir zu wichtig. Dafür war zwischen Gott und mir zu viel passiert, zu viel gewachsen. Ich wusste, Gott ist real und Jesus, der Sohn Gottes, lebt. Diesen Glauben konnte und wollte ich nicht aus meinem Leben ausquartieren. Aber es passte einfach nicht, dass dieser Jesus, der die Liebe Gottes in Person war, der Menschen heil gemacht und vorgelebt hat, wie ein gutes, gesundes Menschsein aussehen kann, dass dieser Jesus irgendetwas bei mir hervorruft, was verbogen oder krank macht. Und so habe ich mir sein Reden und Handeln noch einmal genau angesehen. Und zwar unter der Fragestellung: Wie brav, wie angepasst, wie lieb, wie grenzenlos nett waren dieser Jesus und seine Leute eigentlich? Dabei fiel mir auf: Ich hatte ein komplett falsches Bild im Kopf! Ich bin selten einem Menschen begegnet, der so geradlinig, so klar, so aufrecht, so völlig unabhängig von Menschen und ihren Meinungen war wie dieser Jesus. Er hatte eine innere Souveränität, über die ich nur staunen konnte. Und da, wo er Opfer wurde, nämlich am Kreuz, geschah das nicht, weil er sich dazu gezwungen fühlte und weil ihm nichts anderes übrig blieb, sondern weil er bewusst diese Entscheidung getroffen hatte. Ganz klar. Ganz geradlinig. Ganz aufrecht. Diese innere Souveränität, diese große innere Freiheit, das zu tun, was er für richtig hielt, entwickelte sich bei ihm aus einer ganz engen Verbindung zum Vater, aus einer ganz großen Abhängigkeit von ihm. Das ist ein Paradox, welches auch für unser Leben gilt: Je enger wir an Gott dran sind, je abhängiger wir von ihm sind – desto freier sind wir, die Menschen zu sein, die wir sein können und sein sollten. Frei, aufrecht, geradlinig. Ich habe lange gebraucht, bis ich dieses Paradox kapiert habe. Aber bei diesem Jesus habe ich gelernt, wie es denn gehen kann, ganz für andere da zu sein und trotzdem bei sich selbst zu bleiben. Sich ganz zu verschenken und sich trotzdem nicht zu verlieren. Liebe zu geben und trotzdem Grenzen zu ziehen. Den anderen wahrzunehmen und auf seine Bedürfnisse einzugehen und trotzdem gut für sich selbst zu sorgen und sich nicht zu vernachlässigen. Ich habe gelernt: Geistlichsein ist nicht identisch mit Angepasstsein. Im Gegenteil: Hinter dem Angepasstsein verstecken sich oft Angst vor Menschen, fehlender Mut und ein Mangel an Vertrauen – und das ist alles andere als geistlich.

In dieser Woche will ich in besonderer Weise auf die Stellen in meinem Leben achten, die nicht gesichert sind, wo der Feind immer wieder einbricht und Mauern nicht hinreichend befestigt sind, sodass andere sie immer wieder niederrennen. Dabei werde ich im Besonderen auf wütende oder depressive Gefühle achten, denn sie sind mir ein guter Indikator dafür, dass ich mich in der Begegnung mit bestimmten Menschen oder Situationen nicht ausreichend abgegrenzt und zur Wehr gesetzt habe, sodass ich einfach »über den Tisch gezogen« werden konnte. Ich will mir die Mühe machen zu überprüfen, ob dieses angepasste Verhalten wirklich geistlicher Natur ist oder ob es nicht eher meiner Prägung und Angst entspringt, andere könnten »böse« mit mir sein oder mich nicht mehr lieb haben, wenn ich ihnen Grenzen setze. Wenn ich diese Ängste und ungesunden Prägungen in mir entdecke, will ich mich mutig auf einen Veränderungsprozess einlassen. Denn ich will freier und stärker werden und mich in meiner Persönlichkeit immer mehr zu dem Menschen hin entwickeln, den Jesus in mir sieht, und nicht nur ein Zerrbild fremder Erwartungen sein. Ich werde diesen Weg auch gegen den Widerstand der Leute gehen, die mich in meiner alten Rolle festhalten wollen, weil es für sie so angenehmer und bequemer ist. Ich will mir viel Zeit nehmen, mir das Reden und Verhalten von Jesus anzusehen – denn wer könnte ein besseres Vorbild für meinen Veränderungsprozess sein als er?

Zum Thema Grenzen setzen finde ich in der Bibel folgende Texte: Jesaja 26,1 - 4; Matthäus 7,6; Matthäus 10,5 - 15; Matthäus 21,12 - 27; Markus 10,17 - 24; Lukas 9,57 - 62; Epheser 6,10.

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Дата выхода на Литрес:
23 декабря 2023
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142 стр. 4 иллюстрации
ISBN:
9783865064189
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