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Tamara Glück:

Goldmond

Alle Rechte vorbehalten

© 2021 edition a, Wien

www.edition-a.at

ISBN gedruckte Ausgabe 978-3-99001-470-7

ISBN E-Book 978-3-99001-471-4

E-Book-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Für meine Familie und meine Freunde, die mir alle so unendlich viel bedeuten.

Für meine Eltern, die mit Abstand die besten sind.

Für all diejenigen, die in diesen kurzen Zeilen keinen Platz finden konnten.

Für die Welt, die mich mit offenen und liebevollen Armen willkommen geheißen hat.

PROLOG

Grundgesetz, erster Abschnitt:

Die Natur und der Umweltschutz stehen über den Eigeninteressen einzelner Menschen. Jede und jeder ist verpflichtet, zum Schutz des Planeten beizutragen und ihm keinen unnötigen Schaden zuzufügen. Der Ausstoß von Treibhausgasen, der Abbau fossiler Brennstoff und das fahrlässige Aufheizen der Atmosphäre ist verbotenbeziehungsweise nur mit Genehmigung der Regierungdes Weltstaates erlaubt.

Grundgesetz, zweiter Abschnitt:

Die Welt soll in zwei Gruppen geteilt sein: Die einen sollen unser Wissen bewahren, auf dass es niemals verloren gehen mag. Doch unsere Welt ist zu klein, um für alle Menschen dauerhaft Platz zu bieten. So sollen die anderen zum Wohle der Welt den einen Platz lassen. So sollen die einen – wir sollen sie adelig nennen – die Welt in eine gute Zukunft führen und dafür Sorge tragen, dass die Gesetze befolgt werden und kein Bürger wahllos dem Tod überlassen wird. Um diesen Aufgaben gerecht zu werden, sollen die Adeligen mit der Technologie ausgestattet werden, die wir allen wünschen würden, die jedoch jenen mit der höchsten Bildung vorbehalten sein soll: Die Lebensverlängerung soll nur den Adeligen zugänglich sein.

Grundgesetz, dritter Abschnitt:

Um diese Welt nicht zu überfordern, sollen alle Menschen, wenn möglich, nur ein Kind zur Welt bringen. Werden Mehrlinge geboren, so trifft die Eltern keine Schuld. Doch jene, die willentlich die Bevölkerung der Erde vermehren, sollen dafür zur Verantwortung gezogen werden. Bei allen Verbrechen trifft die Kinder keine Schuld. Um ihr Wissen weitergeben zu können und die Zahl der Adeligen aufrechtzuerhalten, ist es den Adeligen erlaubt, sofern beide Eltern adelig geboren wurden, zwei Kinder zu bekommen.

Grundgesetz, vierter Abschnitt:

Alle Adeligen, die ihr Wissen geteilt haben soweit sie können und in dieser Welt keine Aufgabe mehr erfüllen, sollen sich, um die Bevölkerung der Erde nicht zusätzlich zu erhöhen, mit ihren Partnern auf dem Mond niederlassen.

ELENA

Mein Tag begann ganz normal. Ich war noch mitten im Tiefschlaf, als die Stimme meiner Mutter mich weckte: »Steh auf, El!«

El stand für Elena. Meine Mutter hatte angefangen, mich El zu nennen, sobald sie sicher sein konnte, dass ich ganz genau wusste, dass ich Elena hieß und nicht El.

Müde rieb ich mir die Augen und schlug die Decke zurück. Es war Winter. Die Kälte ließ mich schaudern. Schnell sprang ich auf und schlüpfte in meine alten Jeans und mein löchriges T-Shirt.

»El?«, rief meine Mutter aus der Küche.

»Komme schon«, dachte ich, bemühte mich aber nicht, das laut zu sagen, denn ich bog bereits um die Ecke. »Mmh, mmh«, brummte ich verschlafen.

»El, hol Wasser.«

»Mmh, mmh«, sagte ich und machte mich auf den Weg.

Um diese Zeit waren die Straßen voller müder Kinder und Erwachsener. Sie alle trugen Wasserbehälter auf dem Kopf, den Schultern oder in der Hand. Vor dem Haus schnappte ich mir einen leeren Kübel und machte mich auf den Weg zum Brunnen. Dort stand bereits eine kleine Menschenmenge. Ich schob mich nach vorne und stellte mich an.

Zum Glück gab es noch genug Wasser. In einem kalten Winter wie diesem froren die Leitungen oft ein. Der automatische Schöpfmechanismus, der das Wasser aus dem Brunnen heraufholte, lieferte dann kein Wasser mehr. Das passierte nicht nur bei kaltem Wetter, sondern auch, wenn es besonders trocken oder heiß war, manchmal auch einfach so. Manchmal fragte ich mich, ob die Maschine absichtlich das Wasser abstellte, damit wir alle verdursteten. Aber das war natürlich Blödsinn.

Auf dem Heimweg beobachtete ich einen der silbrig glitzernden Sternenvögel, wie er mit einem Paket in den Klauen über die Siedlung flog. Mein Vater sagte, dass diese Vögel die Haustiere der Adeligen waren, doch ich war mir nicht sicher, ob er das ernst meinte. Die Vögel flogen stets in geraden Bahnen und so schnell und hoch, dass man sie nur als weißen Stern am Himmel sah.

Ich trug den schweren, schlackernden Kübel mühevoll nach Hause. Mir taten die Arme weh, als ich ihn endlich abstellte.

Doch schon schickte meine Mutter mich, um ein wenig Holz von hinter dem Haus zu holen. Der Stapel war erschreckend klein, doch ich versuchte, nicht darüber nachzudenken. Man durfte kein Holz aus den Wäldern schlägern. Sie waren irgendwie heilig oder so.

Danach kochte ich unseren Reis, was ewig dauerte, da es eine Temperaturbeschränkung gab, die den Ofen kühl hielt. Die Scheibe am Dach, die aus dem Sonnenlicht Strom machte, war zu klein, um mehr Energie zu liefern. Das bisschen Holz, das ich unerlaubterweise in unsere Feuerschale warf, brachte auch nicht viel. Eigentlich durfte man das Holz nur zum Bauen verwenden, aber wir verbrannten das meiste in einem kleinen Kessel, um das Haus zu heizen.

Ich putzte den Boden, bis es Zeit war, meinen Vater zu wecken. Ich ging hinüber in den kleineren der zwei Räume unseres Hauses und sagte leise zu meinem Vater: »Aufstehen, Dad!«

Er begann sich zu wälzen und ich beschloss, das als Wachsein zu werten. Außerdem fror ich bereits und wollte mich neben den Ofen stellen, auf dem meine Mutter das Frühstück zubereitete. Er hatte sich durch das Holz, das wir illegal verbrannten, etwas erwärmt.

»Er ist wach«, sagte ich zu meiner Mutter, als ich mich an den Ofen lehnte.

»Und das gibt dir das Recht, dumm rumzustehen, oder was?«, fauchte sie mich an. Ich seufzte. Eigentlich war es nicht die Schuld meiner Mutter, dass es so viel zu tun gab, aber es war schwer, nicht wütend zu werden, auch wenn ich es mir immer wieder vornahm. Sie konnte schließlich nichts dafür, dass sie hier geboren worden war. Obwohl es ja eigentlich nicht darauf ankam, wo du geboren wurdest, sondern wer deine Eltern waren. Wären meine Eltern Adelige gewesen, dann wäre ich nicht in einem Barackenviertel aufgewachsen, hätte länger als nur zwei Jahre die Schule besuchen können, müsste nicht jeden Tag Wasser holen und mich von Maschinen drangsalieren lassen. Und vor allem müsste ich nicht jeden Tag in der Fabrik arbeiten.

Nein, wenn ich die Eine aus einer Million Menschen gewesen wäre, die adelig war, dann würde ich in einer Villa leben, jeden zweiten Tag in die Schule gehen und könnte mir von Robotern alles bringen lassen, was ich gerade wollte. Aber wie gesagt, wir alle gehörten zu den 999.999, die nicht-adelige Menschen waren. Zu denjenigen, die von allen Redbloods genannt wurden – Rotblute. So, als hätten die Adeligen wirklich blaues Blut. Es war eine Erinnerung an unseren Stand als minderwertige Menschen.

»He! Seit wann so ungehorsam? Ich dachte, du wärst diejenige, die jeden Tag was zu essen haben will! Also Marsch, geh zum Händler und kauf Reis!«, riss meine Mutter mich aus meinen Gedanken.

»Entschuldigung …«, murmelte ich, griff nach dem wenigen Geld, das wir hatten, und ging zur Tür hinaus. Doch kaum hatte ich das Haus verlassen, rief mir meine Mutter nach: »Was? Was hast du gesagt? Red‘ gefälligst lauter mit mir!«

Genervt drehte ich mich um und steckte meinen Kopf durch die Eingangstür: »Nichts, Mutter, ich habe lediglich ‚Entschuldigung‘ gesagt.« Ich wartete ihre Antwort gar nicht erst ab, sondern machte mich gereizt auf den Weg.

Ich duckte mich instinktiv, um den Blicken der anderen Menschen auszuweichen. Ich sah einen Mann mit fettigen Haaren und einem fanatischen Glitzern in den Augen, der mit sich selbst redete. Erst, als er seine Finger nach dem langen Zopf eines Nachbarsmädchens ausstreckte, wurde mir klar, was er vorhatte.

Ich atmete tief ein und rang mit mir selbst. Ich wusste den Namen des Mädchens nicht mehr, aber ich hatte sie hier schon öfter gesehen. Ich konnte doch nicht einfach so zuschauen …

Der Mann packte den Zopf und zog kurz an. Mit der anderen Hand riss er ihr ein Päckchen Mehl aus den Armen. Ich sah mich um, verzweifelt auf der Suche nach jemandem, der ihr helfen konnte. Ich spürte, wie sich Erleichterung in mir ausbreitete, als ich einen unserer Nachbarn vor einer Hütte entdeckte. Er war in ein Gespräch vertieft, eine Axt gedankenverloren in der Hand.

»Carter!«, rief ich und winkte ihm zu, damit er mich sah. Er drehte sich um, erblickte mich, als ich meine Hand ausstreckte, um sie auf das zitternde Nachbarsmädchen zu richten. Carters Augen verengten sich und er fing an zu laufen. Ganz kurz dachte ich, er hätte mich falsch verstanden, doch dann sah ich den Dieb mit den fettigen Haaren die Gasse hinuntereilen, seine Schultern gebeugt und seine Arme fest um das Mehl geschlossen. Carter war ihm bereits dicht auf den Fersen. Ich beschleunigte meine Schritte und schloss beide Hände fest um mein Geld.

Beim Händler stand bereits eine Menschentraube, doch das war nichts Ungewöhnliches. Ich schob mich vorsichtig durch die Menge, während ich die Gesichter der Leute genau im Blick behielt. Jeder wusste, dass man hier auf seine Sachen gut aufpassen musste, aber es war etwas anderes, die Tat des Stehlens mitanzusehen. Mir lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter.

Eine laute Stimme riss mich aus meinen Gedanken: »He, da! Du! Was willst du?« Ich schaute zu dem Händler hinauf. »Drei Packungen Reis!«, schrie ich zurück. Es waren so viele Menschen hier, die sich laut unterhielten, schrien, oder versuchten, etwas zu essen zu kaufen, dass man meine Stimme kaum hörte. »Da!«, sagte er barsch. Ich drückte ihm das Geld in die Hand und schlang dann die Arme um das Bündel mit dem Reis. Ich wollte kein Risiko eingehen.

Kaum war ich zuhause angekommen, gab es Frühstück. Es war immer sehr still am Frühstückstisch. Ich nahm mir meine Portion Reis und aß schweigend vor mich hin.

Nach dem Frühstück verließen mein Vater und ich die Hütte, um zur Arbeit zu gehen. In der Fabrik arbeiteten fast alle aus unserem Viertel. Eigentlich war es ja gar nicht nötig, dass wir hier schufteten. Eigentlich könnten Roboter unsere Arbeit erledigen, doch die Adeligen wollten, dass wir beschäftigt waren und nicht auf dumme Gedanken kamen. Und da wir alle nichts zum Leben hatten, kam jeder, der alt genug war, um nicht mehr zur Schule zu gehen, hierhin. In meiner Familie arbeiteten mein Vater und ich. Früher hatte meine Mutter auch gearbeitet, aber eines Tages wurde uns alles gestohlen, was wir hatten, weil wir das Haus alleine ließen. Daher blieb sie jetzt zuhause. Zumindest hatte mein Vater mir das so erzählt. Manchmal fragte ich mich, ob es noch einen anderen Grund gab.

***

Es war harte Arbeit. Kaum hatte ich die Fabrik verlassen, ließ ich mich zu Boden sinken und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Bei der Arbeit schwitzten wir auch bei -10°C.

»Hey, komm!«, sagte mein Vater und zog mich hoch. Er schleifte mich ein paar Meter die Gasse hinunter, dann stellte er mich auf die Füße. Ich machte ein paar wackelige Schritte auf meinen müden Beinen, dann machten wir uns gemeinsam auf den Weg nach Hause.

Wie jeden Tag. Wie jede Woche. Wie jeden Monat. Wie jedes Jahr. Wie immer. Für immer. Bis der Tod kam.

LEANDER

Als ich an diesem Morgen aufwachte, fühlte ich mich unruhig. Heute war eine große Prüfung fällig, auf die ich mich wochenlang vorbereitet hatte. Nervös schlug ich die Augen auf. Die Sonne schien durch die Fenster. Ich hatte Merlin, meinen Roboter, gestern gebeten, sie nicht zu verdunkeln, damit ich heute früher aufwachen würde. Ich blieb noch etwas liegen und versuchte, mich auf den Tag vorzubereiten, dann stieg ich langsam aus dem Bett und machte mich auf den Weg zu meinem begehbaren Kleiderschrank.

Ich öffnete die Tür, indem ich sanft die Schnalle berührte, und ging hinein. Auf dem Tisch in der Mitte lag bereits, perfekt gebügelt und gefaltet, der Anzug. Ich schlüpfte flink hinein und kehrte dann in mein Zimmer zurück. Ich sah mich im Spiegel an und fuhr mit meiner Bürste durch meine verwuschelten Haare. Es half wenig und ich drehte mich frustriert um und sah nach draußen. Es war ein wunderschöner Morgen. Da mein Zimmer eine große Glasfront hatte, konnte ich den Schnee unter mir und die Sonne hinter den Baumwipfeln aufgehen sehen. Ich beobachtete, wie eine Drohne unser Haus ansteuerte, vermutlich, um Essen zu liefern. Sie flog an meinem Fenster vorbei und verschwand hinter dem Dach der Bibliothek.

Eine Weile sah ich zu, wie die Sonne immer höher stieg, dann blickte ich auf die Uhr. Sie zeigte bereits neun Uhr an und so verließ ich mein Zimmer, wobei sich die Türe selbstständig hinter mir schloss.

Im Wohnzimmer warteten bereits Merlin und mein Vater.

»Guten Morgen!«, sagten sie gleichzeitig. Mein Vater lächelte, auch Merlin wirkte amüsiert. Ich lächelte nervös zurück.

»Komm her, mein Sohn! Hast du gut geschlafen?«, fragte mein Vater und nahm mich in die Arme. Ich versuchte nicht, mich zu wehren, erstens, weil mein Vater stärker war als ich, und zweitens, weil er mich nur selten umarmte.

»Guten Morgen, Dad. Ja, ich habe gut geschlafen, danke. Und du?«

»Danke, vorzüglich«, antwortete er und ließ mich los.

»Heute ist also der große Tag, nicht wahr? Deine vorletzte Abschlussprüfung! Mein Sohn wird ja richtig erwachsen. Ich kann es nicht glauben. In ein paar Monaten kannst du schon studieren!«, sagte mein Vater und lächelte traurig.

»Ich werde euch nie ganz verlassen. Ich komme euch bestimmt besuchen!«, versprach ich.

»Was darf ich zum Frühstück servieren?«, fragte Merlin. Ich drehte mich zu ihm um. Seine unnatürlich hellblauen Augen schimmerten und auf seinem Gesicht lag sein übliches Lächeln. Sonst verriet nichts, dass er kein echter Mensch war.

»Ich denke, Eier wären gut«, sagte ich.

»Wie Sie wünschen, Leander«, antwortete er höflich und ging in die Küche. Ich hatte nie ganz verstanden, warum Roboter ihre Herren siezten und doch den Vornamen benutzten, doch mein Vater meinte, erst wenn der Besitzer erwachsen war, wurde er mit seinem Nachnamen angesprochen.

Ich setzte mich an den Küchentisch und sah zu, wie die Schatten auf dem Boden kürzer wurden, als die Sonne höher stieg. Auch hier hatten wir eine Seite des Raumes komplett verglast. Bereits nach wenigen Minuten unterbrach Merlin meine Gedanken: »Ich habe Ihnen das übliche Omelett gemacht, Leander. Möchten Sie noch etwas anderes? Was kann ich Ihnen denn zu trinken bringen?«

»Eine Tasse Tee und eine Scheibe Brot, bitte.«

»Und für Sie, Mr. Merrywith?«, richtete Merlin sich an meinen Vater, der sich neben mich an den Tisch gesetzt hatte.

»Ich würde auch eine Tasse Schwarztee mit Milch nehmen.«

»Entschuldigen Sie vielmals, Leander, ich habe nicht mitgedacht, ich hatte einfach angenommen, dass Sie mit Tee Schwarztee meinen. Verzeihen Sie?«

»Natürlich verzeihe ich, es stimmt ja auch. Ich hätte gerne Schwarztee mit Milch, bitte«, sagte ich leicht amüsiert. Merlin war wie alle Roboter darauf trainiert worden, seinen Herrn zu respektieren, doch offenbar hatte der Programmierer übertrieben. Wir hätten seine Programmierung natürlich auch ändern können, aber ich mochte es so. Merlin konnte mich immer ablenken. Ich musste oft lachen, wenn er zu höflich war.

»Natürlich.« Merlin nickte dankbar. »Darf ich Ihnen während des Essens die neuesten Nachrichten vorlesen?«

Mein Vater sah interessiert auf, was Merlins scharfen Augen nicht entging. »Ich habe hier die neuesten Aktienkurse für Sie, das aktuelle Fernsehprogramm für alle 1.200 verfügbaren Kanäle oder vielleicht die neuesten politischen Meldungen von einem Parlamentarier, der angeblich eine Affäre mit einer Redblood hatte.« Während er sprach, erschienen in der Luft Hologramme, die um den Esstisch herumschwebten und passende Bilder präsentierten.

Mein Vater lachte und sah sich eines der Hologramme an, das das Gesicht eines gutaussehenden Mannes zeigte.

»Ich glaube ja nicht, dass diese Gerüchte wahr sind. Kein hochrangiger Politiker würde jemals … Wie dem auch sei, selbst wenn, könnte man ihm ja rein theoretisch kein Verbrechen anlasten. Trotzdem, Leander …« Er wandte seinen Blick von dem Hologramm ab und drehte sich zu mir. »Tu mir das bitte nicht an und halte dich von den Redbloods fern.« Er zwinkerte und ich lachte.

Als ich gerade mit dem Frühstück fertig wurde, kam meine Mutter herein. Sie schlief gerne lange und war vermutlich nur aufgestanden, um mir viel Glück zu wünschen. Sie war ganz anders als mein Vater: Ihre braunen Augen waren stets warm und freundlich. Außerdem schien sie fast so oft zu lächeln wie Merlin, obwohl es bei ihr viel natürlicher wirkte. Ihre braunen, hüftlangen Haare glänzten und wehten hinter ihr her, als sie auf uns zukam, da sie noch keine Zeit gehabt hatte, sie kunstvoll flechten zu lassen.

Sie ließ die Tür offen. Hinter ihr kam Sally, ihre treue Roboterfrau, leise ins Zimmer und schloss sie sanft.

»Mary, du bist ja schon wach!«, bemerkte mein Vater.

»Ja, Cassander, ich wollte doch Leander vor der Prüfung viel Glück wünschen!«, sagte meine Mutter und lief leichtfüßig auf mich zu. Im Gegensatz zu meinem Vater umarmte sie mich oft, denn sie war generell jemand, der die Leute schnell ins Herz schloss. Ich hatte manchmal das Gefühl, dass das ihre Rollen waren: Mein Vater war immer wie ein Vorbild für mich gewesen, ihn fragte ich um Rat, aber meine Mutter war immer meine erste Anlaufstelle, wenn es mir nicht gut ging, besonders, wenn ich als Kind geweint hatte. Sie war ruhig und wie eine persönliche Sonne für mich. Ich liebte sie, tief und innig, egal wie kindisch das klingen mochte. Ich war schließlich schon fast 17 Jahre alt. Aber bei meiner Mutter hatte ich nie das Gefühl, dass ich aufpassen musste, wie ich mich benahm. Sie liebte mich und sie zeigte das so offen, dass ich mich in dieser Gewissheit geborgen fühlte.

Sanft zog sie mich aus ihrer Umarmung. »Ich bin so stolz auf dich«, sagte sie und lächelte traurig. Ich konnte in ihren Augenwinkeln Tränen entdecken. Sie nahm mein Gesicht in ihre Hände.

»Ich werde dich immer lieben, egal, was du tust. Aber ich bin ganz sicher, dass du das heute wunderbar machen wirst. Du bist so schlau, du schaffst das bestimmt. Und vergiss nie: Wenn du nicht perfekt wärst, so wie du bist, dann hätte Gott dich nicht so geschaffen!« Sie schlug die Augen nieder und Tränen rannen unter ihren perfekten Wimpern hervor. Sie gab mir, ohne die Augen zu öffnen, einen Kuss auf jede Wange. Dann ließ sie mich los. Sie öffnete langsam die Augen und flüsterte: »Viel Glück!«

»Mary!«, sagte mein Vater bestimmt. »Er geht ja heute noch nicht weg, oder? Erst einmal müssen wir noch ein College für ihn finden!« Er sah meine Mutter streng an.

Das war ebenfalls typisch: Mein Vater war immer ruhig und gelassen und zeigte selten Gefühle. Meine Mutter zeigte sie stets, aber auch, wenn mein Vater das behauptete, glaubte ich nicht, dass es sie schwach machte. Sie war so offen, dass man einfach nicht anders konnte, als ihr zu vertrauen.

Mary warf ihrem Mann einen Blick zu, in dem wie immer Liebe lag, aber auch etwas Drängendes.

»Er wird bald 17. Lange wird er nicht mehr bleiben. Und irgendwann wird er die Frau seines Lebens finden. Und dann …«, sie lächelte, »wird er nicht mehr kommen müssen.« Es lag etwas Neckendes in ihrem Ton, aber ihr Gesicht war immer noch nass von den Tränen.

LEANDER

Als ich an diesem Morgen zur Schule kam, sah ich schon von weitem meinen besten Freund, Norman. Wir kannten uns seit der ersten Klasse. Ich winkte ihm und er winkte zurück. Auch er wirkte aufgeregt.

»Fahr nach Hause. Ich sage dir Bescheid, wenn du mich abholen sollst, Merlin.« Merlin hatte mich wie jeden Morgen mit dem fliegenden Auto, dem EFV, wie es richtig hieß, dem »Electronic Flying Vehicle«, zur Schule gebracht und sollte jetzt zuhause aufräumen und auf mich warten. Ich würde ihn anfunken, wenn er mich abholen konnte.

Bevor Merlin irgendetwas sagen konnte, ging ich zu Norman hinüber. »Guten Morgen!«

»Guten Morgen«, murmelte er nervös.

»Hey, verunsichere dich nicht. Es ist alles okay. Du wirst die Prüfung bestimmt fehlerlos bestehen!«

Norman schüttelte unsicher den Kopf und ging ins Schulgebäude. Ich seufzte. Wie sollte ich ihn beruhigen, wenn ich doch selbst so nervös war? Ich seufzte ein weiteres Mal und folgte ihm nach drinnen.

Alle waren aufgeregt. Ich setzte mich an meinen Platz neben Norman und fuhr meinen Computer hoch. Norman war gerade dabei, das Französisch-Testprogramm zu starten. Er drehte sich zu mir um und trommelte mit den Fingern auf den Tisch.

»Bist du auch so nervös?«

»Ja, sehr. Mehr als du vielleicht.«

Wieder schüttelte er den Kopf. »Es beruhigt mich, wenn du auch nervös bist.«

Ich legte meine Hand sanft auf seine klopfenden Finger. Es war unüblich für Adelige, so etwas zu tun. Normalerweise waren wir stets gelassen und machten alles langsam und mit Bedacht. Schließlich wurden wir, wenn wir einmal erwachsen waren, nicht mehr älter. Es eilte also nicht.

Norman sah zerknirscht aus und zog seine Hand weg. Ich seufzte noch einmal und beschäftigte mich mit meinem Computer.

Kurz darauf kam der Prüfer herein. Er trug einen Anzug und bewegte sich ein bisschen wie in Zeitlupe. Er musste sehr alt sein, auch wenn er aussah wie zwanzig. Er drehte den Lehrercomputer auf und begann die Namen der Klassenmitglieder vorzulesen, um die Anwesenheit zu überprüfen. Norman kam vor mir dran, doch da wir nur 15 Schüler und Schülerinnen waren, dauerte es nicht lange.

»Edwards, Norman Harry?«

Norman räusperte sich. »Anwesend«, sagte er, seine Stimme klang kräftiger.

Schließlich war auch ich dran:

»Merrywith, Leander Soleil?«

Ich holte tief Luft: »Anwesend.«

Schließlich startete die Prüfung. Ich fand die Aufgaben gar nicht so schlimm und ich spürte, wie meine Nervosität sank, doch als nach drei Stunden bald die Zeit ablief, wurde ich wieder nervös. Schnell las ich mir meine Arbeit ein letztes Mal durch. Ich fand noch ein paar Fehler und war gerade beim vorletzten Abschnitt angekommen, als der Prüfer laut »Schluss!« rief und sich das Programm selbstständig herunterfuhr. Ich starrte auf meinen Bildschirm. Mein Bildschirmschoner zeigte wie immer eine Diashow. Gerade sah ich ein Schloss, das eine Universität beherbergte. Es war zwar eine längere Zugfahrt entfernt, genoss allerdings einen sehr guten Ruf und ich würde deshalb aller Wahrscheinlichkeit nach dort studieren.

Neben mir seufzte Norman. Er hatte normalerweise mehr Selbstvertrauen, doch Sprachen lagen ihm nicht so. Nach seiner anfänglichen Nervosität schien er sich jetzt etwas beruhigt zu haben. Seine Hände waren zwar immer noch zu Fäusten geballt, aber ansonsten sah er komplett entspannt aus. Sein Gesicht war ein Pokerface.

»Oh Gott! Leander, was heißt ‚kosten‘ auf Französisch?«

Ich versuchte nicht, ihn davon abzuhalten, mir Fragen zu stellen, in der Hoffnung, dass es mich ablenken würde. Außerdem machte es Norman glücklich.

Überall im Raum waren bereits leise Gespräche im Gange und so seufzte ich und antwortete dann: »Meinst du, im Sinne von Preis? ‚Coûter‘.«

»Gut, dann habe ich das richtig. Und …« Er brach ab. Er wusste, dass ich es nicht mochte, wenn wir Arbeiten im Nachhinein durchgingen. Vor allem, da die Computer in zehn Minuten die Prüfungsergebnisse ausgewertet haben würden und es daher keinen Sinn hatte, zu diskutieren.

»Danke«, sagte ich leise und setzte dann hinzu: »Was machst du heute noch?«

»Meine Eltern werden vermutlich mit mir essen gehen und ich werde noch für die Mathematikprüfung in drei Wochen lernen. Außerdem arbeitet mein Vater an einem neuen Gesetzesvorschlag und hat mich gebeten, mit ihm zu einem Geschäftsessen zu gehen. Und was ist mit dir? Hast du dir für die Prüfung schon etwas angeschaut?«, fragte er.

»Na ja, meine Eltern haben geplant, dass wir am Abend bei Freunden sind, aber da ich noch nicht für die Mathematikprüfung gelernt habe, bin ich mir nicht sicher, ob es klug ist, mitzugehen.«

Jetzt sah er mich komisch an. Das war nicht gerade, was zum Beispiel mein Vater sagen würde, aber ich musste wirklich noch lernen. Egal, sagte ich mir, das geht sich aus. Und wenn du dir das gut einteilst, bleibt auch noch Zeit für etwas anderes.

»Du bist so gut in der Schule, du musst bestimmt nicht heute schon den ganzen Abend lernen«, fand auch Norman. Ich lächelte. Gut in der Schule. Ach ja. Schließlich war es so, dass alle ein »Fehlerlos« anstrebten. Und die meisten bekamen es auch.

»Du hast recht«, lenkte ich ein. »Ich werde natürlich mit meinen Eltern unsere Freunde besuchen gehen. Mein Vater würde mich ohnehin nicht zuhause bleiben lassen.«

Norman nickte. Wenn man gute Beziehungen hatte, dann vereinsamte man nicht so leicht und blieb gesund und lebensfroh, wie mein Vater immer sagte.

»Ich denke, ich werde meinem Vater auch zusagen. Es wird bestimmt interessant, einen Einblick in die Politik zu bekommen und etwas über unser Rechtswesen zu lernen. Er hat gesagt, sein neues Gesetz wird dafür sorgen, dass gefährliche Adelige besser überwacht werden und das Justizsystem gerechter wird. Außerdem versucht er, neue Regelungen für Redbloods durchzusetzen.«

Bevor ich mir überlegen konnte, was das zu bedeuten hatte, wurde ich durch plötzliche Stille aus meinen Gedanken gerissen. Alle Gespräche waren verstummt. Der Prüfer stellte sich vor die Klasse und sagte mit gewichtiger Stimme: »Die Ergebnisse sind gekommen.«

ELENA

Heute war ein Tag wie jeder andere. Es gab nicht viel Neues. Meine Schwester würde bald zu Besuch kommen, doch sonst blieb alles wie immer. Glücklicherweise verlief der Winter mild. Das freute meine Eltern, denn das sparte Feuerholz und sorgte gleichzeitig dafür, dass wir weniger froren, was wiederum die Stimmung hob.

Ich stand auf und holte Wasser, frühstückte und machte mich auf den Weg in die Arbeit.

Ich arbeitete am Fließband. Meine Aufgabe war es, Waren zu sortieren. Normalerweise bekam jeder, wenn er mit der Arbeit anfing, einen Job zugeteilt und verrichtete ihn, bis er nicht mehr konnte, weil er zu alt wurde oder starb.

Ich musste blitzschnell sein. Eine Ware nehmen, auf das richtige Fließband schieben, die nächste nehmen …

Doch wenn etwas bereits verpackt war, dann musste ich es flink und feinsäuberlich in eine Schachtel räumen und, wenn diese voll war, schnell eine neue auseinanderfalten. Es war ein anstrengender Job und doch gut zum Nachdenken. Normalerweise überlegte ich mir, was ich machen würde, wenn ich Geld oder einen Mann hätte. Heute jedoch dachte ich an ein Nachbarsehepaar, bei dem eingebrochen worden war. Ich hatte mich immer gefragt, warum diese Leute anderen etwas wegnahmen, wenn sie doch selbst wussten, wie es war, so wenig zu haben. Wir waren alle arm, aber in gewisser Weise schweißte uns die Armut zusammen. Außerdem konnten wir von der Fabriksarbeit ganz gut leben. Es zahlte sich nicht aus, beim Stehlen eine Verhaftung zu riskieren. Leider wurden aber nicht alle Diebe erwischt und stahlen weiter.

Als ein paar wunderschön bestickte T-Shirts in Bio-Plastik am Fließband an mir vorbeifuhren, wurden meine Gedanken unterbrochen und ich vergaß den Vorfall.

Als mein Vater und ich nach Hause kamen, hatte meine Mutter bereits Essen gekocht. Ich fragte mich, ob ich ihr erzählen sollte, dass bei den Nachbarn eingebrochen worden war. Ich wusste es auch erst seit gestern, als ich ein Gespräch am Brunnen belauscht hatte. Ich wollte nicht, dass sie ausflippte. Aber sie sollte es wissen, damit sie unser Haus nicht unbeaufsichtigt ließ. Doch sobald ich den Reis roch, war ich so hungrig, dass ich nicht mehr aufhören konnte zu essen.

Als ich endlich fertig war, hatten meine Eltern auch schon aufgegessen. »Warte«, sagte ich, als meine Mutter gerade aufstehen wollte. »Ich muss euch noch etwas erzählen.«

»Was ist denn so Spannendes passiert? Laufen die Fließbänder seit heute von rechts nach links statt von links nach rechts, oder was?«, meckerte sie, doch sie hielt in der Bewegung inne.

»Also … ähm … Als ich gestern beim Brunnen war …«

»Als du gestern beim Brunnen warst, hab‘ ich hart gearbeitet!«, murmelte sie mürrisch vor sich hin. Auf einmal wurde mir bewusst, dass sie auch nicht mehr die Jüngste war. Musste ich ihr wirklich davon erzählen? Machte es einen Unterschied? Vermutlich nicht. Sie passte ja ohnehin auf. Und ich wollte nicht mit ihr streiten. Je älter sie wurde, umso gereizter wurde sie. Vielleicht lag es am Alter, oder aber daran, dass ich jeden Moment ausziehen könnte.

»Ach nichts«, murmelte ich. »Wenn’s dich nicht interessiert, dann mach weiter.«

»Was ist?«, rief sie. Sie wurde bereits schwerhörig … Ich zuckte zusammen, als mir klar wurde, wie alt sie sein musste, und auch wenn meine Mutter oft keifte, so hatte ich sie doch lieb. Sie zu verlieren …

»Was ist?«, brüllte sie mir ins Ohr.

»Nichts, Mutter. Mach den Abwasch«, antwortete ich und hielt mir mein Ohr. Ich hoffte, dass ich nicht taub werden würde.

»Ach, und dafür schreckst du mich auf! Du … du …« Sie fuchtelte mit ihrer Faust in der Luft herum. »Wirklich!« Sie wurde wieder leiser, doch ich hörte sie noch lange brummeln. Ich sah zu meinem Vater. Auch er war nicht mehr der Jüngste. Ich zuckte zusammen. Nicht darüber nachdenken, mahnte ich mich. Es half nichts.

LEANDER

Und, was gedenkst du jetzt zu tun, junger Leander?«, fragte mich der Freund meines Vaters. »Jetzt, da du ja bereits fast alle Prüfungen erfolgreich absolviert hast?«

Ich hatte meine Prüfung tatsächlich mit einem glatten »Fehlerlos« bestanden. Norman hatte nur einen kleinen Fehler gemacht. Das war kein Problem, obwohl ich ihm angesehen hatte, dass er sich ärgerte.

»Nun ja, ich denke darüber nach, auf die Universität Felix Austria zu gehen. Sie hat einen sehr guten Ruf und das Schloss hat ein ausgezeichnetes Ambiente.«

Der Freund meines Vaters nickte. Seine Frau lächelte. Wie alles, was sie taten, sah es aus wie in Zeitlupe. Obwohl man sie auf zwanzig geschätzt hätte, waren die beiden nämlich schon sehr alt. Mein Vater hatte gesagt, dass sie eventuell bald auf den Mond fliegen würden.

»Nun.« Er senkte langsam den Kopf. »Das ist für jemanden wie dich natürlich ideal. Dein Vater hat mir schon etliche Male von deinen, nun ja, perfekten Noten berichtet. Da ist die Felix Austria eine vorzügliche Wahl.«

Mein Vater setzte hinzu: »Außerdem glaube ich, dass es für Leander dort genau die richtige Ausbildung gibt. Er ist schließlich in allen Fächern begabt. Ich nehme daher an, dass er sich dort viele Interessensgebiete ansehen kann, damit er etwas findet, das ihm gefällt.«

»Und es ist nicht allzu weit weg«, sagte meine Mutter lächelnd. Tirol war mit dem Zug rund drei Stunden entfernt.

»Das ist natürlich vorteilhaft«, stimmte die andere Frau zu und sah dann lächelnd ihren Mann an. »Schließlich möchte man ja sehen, wie es dem Nachwuchs so geht. Wann ist es denn soweit?«, fragte sie meine Mutter.

»Nun, Sheila«, antwortete meine Mutter, »wir wollen ihm nach dem Schulabschluss noch etwas Zeit lassen, also vielleicht in eineinhalb Monaten.«

Ach ja, der große Tag. Angeblich veränderte es nicht viel, doch ich war trotzdem irgendwie nervös, wenn es um das Unsterblichkeitsserum ging. Wenn man den Erwachsenen Glauben schenken konnte, dann spürte man es kaum. Ich nahm mir vor, meine Mutter danach zu fragen. Sie würde mich nicht auslachen.

Die Konversation ging weiter. Ich versuchte zuzuhören und bekam dabei mit, wie mein Vater seinen Freund fragte: »Isaac, ich hoffe ja, dass er sich gut macht … Jemand mit so viel Erfahrung wie du … Was denkst du?«

Isaac schien nachzudenken: »Man kann es natürlich nie wissen, es ist ja nicht berechenbar, aber meiner Erfahrung nach …«, er pausierte kurz. »Meiner Erfahrung nach entwickeln sich alle in der Regel großartig. Und so begabt, talentiert und offenherzig wie dein Sohn ist, wird das bestimmt kein Problem sein.«

Als ich an diesem Abend im Bett lag, dachte ich noch lange über das nach, was Isaac und mein Vater gesagt hatten. Also veränderte es einen doch. Unsterblichkeit. Wie es sich wohl anfühlte … Irgendwann schlief ich schließlich ein, mit dem festen Vorhaben, meine Mutter am Morgen auszufragen.

***

Als ich aufwachte, sah ich auf die Uhr. Es war halb elf. Da würde meine Mutter mit etwas Glück schon wach sein. Ich überlegte mir, wie ich verhindern konnte, dass mein Vater mitbekam, was los war. Er wäre enttäuscht. Ein Mann zeigte keine Schwäche. Nicht, wenn es nichts Lebensbedrohliches war, um das es ging.

Ich blieb noch etwas liegen, dann öffnete ich per Sprachbefehl die Jalousien und zog mich an. Ich ging hinaus, um zu frühstücken, ohne einen wirklichen Plan zu haben, wie ich es schaffen sollte, mit meiner Mutter allein zu reden. Meine Eltern saßen bereits mit ihren Robotern, Sally und Henry, am Tisch. Merlin stand an der Glasfront und gab vor, hinauszuschauen. Ich fragte mich, ob er in Wirklichkeit mit seiner Wärmebildkamera die Nachbarn in der nächsten Villa ausspionierte. Es beruhigte mich, dass er es mir nicht sagen würde, selbst wenn er es täte. Ich wollte es nämlich eigentlich gar nicht wissen.

»Guten Morgen, mein Sohn. Ich hoffe, du hast gut geschlafen«, riss mein Vater mich aus meinen Gedanken.

»Ähm ja, danke.«

»Guten Morgen, Leander!«, flötete meine Mutter. Anders konnte man es einfach nicht nennen. Sie verbreitete Lebensfreude und Wärme, wo immer sie war.

Ich nickte kurz. »Guten Morgen. Ich hoffe, ihr habt gut geschlafen.«

Beide nickten. »Danke, setz dich doch. Merlin, würdest du Leander bitte ein Frühstück machen?«, fragte mein Vater unnötigerweise, denn Merlin stand bereits neben mir.

Meine Mutter lächelte und sagte, noch bevor Merlin sich entschuldigen konnte: »Hervorragend, und bitte, Cassander, stresse unseren lieben Merlin nicht so.« Sie verkniff sich ein Grinsen.

»Entschuldigen Sie vielmals, junger Herr Leander. Ich wünsche Ihnen einen vorzüglichen Morgen. Was hätten Sie denn gerne zum Frühstück?«

»Heute bitte einen Toast mit Butter, mein Omelett und ein Glas Milch. Ach ja, und etwas Obst. Was haben wir denn?«, fragte ich.

»Was Sie wünschen. Ich kann Ihnen alles besorgen, was Sie möchten, Leander, aber im Kühlschrank sind Feigen, Papayas, Äpfel, Birnen, Orangen …«

»Schon gut«, unterbrach ich ihn. »Ich nehme drei Feigen, danke.«

»Entschuldigen Sie, Leander, ich wollte Ihre Nerven nicht überstrapazieren.«

»Ist schon gut, Merlin.«

Merlin nickte dankbar und ging dann in die Küche.

»Habt ihr schon gegessen?«, fragte ich meine Eltern.

»Ja, wir sind gerade fertig geworden.«

»Ihr könnt schon gehen, wenn ihr wollt, ihr müsst nicht warten, bis ich fertig bin«, sagte ich, in der Hoffnung, dass man mir nicht anhörte, wie gut ich das fände. Wenn beide in ihren Büros wären, dann wäre es viel leichter, meine Mutter allein zu erwischen.

»Das wäre sehr unhöflich!«, widersprach mein Vater.

»Es ist schon gut, Cassander. Ich kann ja hierbleiben. Geh nur und arbeite weiter. Soweit ich weiß, musst du ein Skript bis Mittwoch fertig machen, oder nicht?«, fragte meine Mutter lächelnd. Sie warf mir einen vielsagenden Blick zu und ich fragte mich, ob sie Gedanken lesen konnte.

»Wenn du es sagst. Ich muss tatsächlich noch arbeiten.« Mein Vater war Manager in einem hochrangigen Unternehmen und obwohl er relativ wenig zu tun hatte, verbrachte er oft Stunden damit, Vorschläge auszuformulieren. Da das Unternehmen, abgesehen von den von der Regierung vorgeschriebenen Redblood-Zweigstellen, nur Roboter einstellte, hatte mein Vater kaum aktiven Dienst. Er war dafür zuständig, den Betriebsrat, der aus acht Leuten bestand, auf mögliche Gesetzesänderungen hinzuweisen und Ideen für die zukünftige Gestaltung des Unternehmens zu liefern. Die meiste Zeit schrieb er diese Abhandlungen von zuhause aus.

Meine Mutter lächelte und mein Vater ging mit Henry gemeinsam hinaus. Kurz darauf brachte Merlin mein Frühstück und ich begann zu essen. Meine Mutter wirkte völlig entspannt, aber das konnte auch ein Trick sein, denn egal, wie emotional sie war, sie konnte ihre Gefühle genauso gut verstecken wie mein Vater.

Als ich aufgegessen hatte, schickte meine Mutter Sally zum Wäschewaschen und Merlin, um eine Drohne mit neuen Büchern in Empfang zu nehmen. Dann nahm sie mich bei der Hand und führte mich in ihr Büro. Sie zog sanft die Tür hinter uns zu und verriegelte sie mit dem elektronischen Sicherheitssystem. Ich hatte recht gehabt. Mit ihrem sechsten Sinn für andere Menschen hatte sie längst bemerkt, dass mich etwas beschäftigte.

Sie setzte sich auf ihr Sofa. Ich wusste, dass meine Mutter gerne las, und hatte sie schon öfter auf dem Sofa liegen gesehen. Ich entschied, dass ich später auch einmal so eine Couch haben wollte. Sie war viel bequemer als ein Sessel.

Jedenfalls setzte ich mich neben sie. Kaum sah ich sie an, verschwand die entspannte Maske von ihrem Gesicht und über ihre Stirn zogen sich tiefe Sorgenfalten. »Also, Leander, was hast du auf dem Herzen?«, fragte sie mich.

Ich atmete tief durch. »Also, das wird jetzt lächerlich klingen, aber ich habe über das nachgedacht, was Dad und Isaac gestern gesagt haben. Über … du weißt schon … den großen Tag …«

Meine Mutter schürzte ihre Lippen und schwieg kurz. Dann sah sie mich an und fragte sanft: »Was weißt du denn über die Initiation?«

Ich dachte kurz nach. »Nicht viel. Nur … das Unsterblichkeitsserum und … sonst nichts.«

Sie senkte kurz den Blick, und als sie ihn wieder hob, meinte ich, schon wieder Tränen in ihren Augenwinkeln zu sehen, doch als sie sprach, war ihre Stimme klar: »Sie erklären dir das dann alles noch einmal, aber damit du keine Angst hast, kann ich dir das Wichtigste zusammenfassen: Zuerst einmal hat es eigentlich keinen Einfluss auf deine Gedanken. Es ändert vielleicht, wie du etwas wahrnimmst, aber deine Gedanken bleiben so wie sie sind.« Sie machte eine kurze Pause, bevor sie fortfuhr.

»Es ändert deinen Körper. Nicht stark, aber du wirst nicht mehr krank und bist dann stärker.« Sie nahm ein Blatt Papier von ihrem Schreibtisch und presste es so fest zusammen, dass es ungefähr die Größe meines Daumennagels hatte. »Es ist nicht so, als würdest du jetzt plötzlich zum Superhelden werden, das wäre zu gefährlich …« Ihre Stimme wurde leiser und sie sah kurz zu Boden. Ich wunderte mich, doch bevor ich darüber nachdenken konnte, fuhr sie mit höherer Geschwindigkeit fort, sodass ich mich konzentrieren musste, um nichts zu verpassen.

»Jedenfalls bist du stärker. Auch deine Haut wird widerstandsfähiger. Ich könnte mich nie mit einem Papier schneiden und kaum mit einem Messer. Aber es bewahrt dich natürlich nicht vor allem, also werde nicht übermütig. Außerdem nimmst du die Welt anders wahr. Du hast ein besseres Gedächtnis und alles kommt dir langsamer vor. So, als wärst du in einem Zeitlupenfilm gelandet. Es ist nicht viel, aber man passt sich an. Während du dir jetzt aus der Schule alles gemerkt hast, was wichtig für dich war, wirst du dich nicht nur an alles, was du an der Universität je lernen wirst, erinnern, sondern an viel mehr. Da du einen zusätzlichen Sinn für Zeit entwickelst, fallen dir andere Dinge auf. Ich weiß zum Beispiel instinktiv, dass ich früher durchschnittlich vierzig Sekunden gebraucht habe, um eine Buchseite zu lesen – jetzt sind es zwanzig. Vor der Initiation weiß ich gar nicht mehr, wie lange ich gebraucht habe.« Sie dachte kurz nach. »Vielleicht zwei Minuten?« Sie lachte. »Egal. So etwas würde dir jetzt nie auffallen. Und ich weiß auch, dass ich schneller geworden bin. Mit jeder Buchseite, die ich lese, werde ich schneller. Verstehst du?«

dist also nicht … unangenehm?«, traute ich mich schließlich zu fragen.

»Es ist nicht wirklich schmerzhaft, nein. Aber es ist natürlich für jeden anders.« Als sie den letzten Satz sagte, sah sie zu Boden.

ELENA

Grace kommt doch erst in eineinhalb Monaten. Sie hat abgesagt. Luke hat sich das Bein gebrochen. Nichts Schlimmes, aber bis sie das Geld wieder reinholen …«, sagte meine Mutter niedergeschlagen. Wir hatten uns alle schon auf den Besuch meiner Schwester gefreut. Seit ihrer Heirat mit Luke hatte Grace mehr Geld. Nicht genug, um uns oft besuchen zu kommen, aber mehr als wir. Denn sie arbeiteten beide. Ich fragte mich, wie sie es machten, dass dann niemand ihr Haus ausräumte, aber ich hatte mich nie getraut, jemanden danach zu fragen. Obwohl ich langsam den Verdacht hatte, dass meine Mutter aus einem anderen Grund zuhause blieb. Vielleicht war sie einfach schon zu alt, um zu arbeiten – oder zu krank – aber daran wollte ich gar nicht erst denken.

Jedenfalls würde sie ein Besuch natürlich viel Geld kosten, aber wir hatten uns alle schon nach etwas Abwechslung gesehnt. Grace war in die alte Hütte von Lukes Eltern eingezogen und die war mehrere Siedlungen entfernt, im Grauwald. Sie kamen nur einmal im Jahr vorbei.

Ich hatte meinen Eltern immer noch weder von dem Einbruch noch von dem Diebstahl erzählt, und da seitdem auch nichts mehr passiert war, hatte ich beide Vorfälle schon fast vergessen.

Doch am Heimweg sagte mein Vater mir, ich solle vorsichtig sein und niemanden auf der Straße ansprechen. »Es sind komische Leute unterwegs«, sagte er und sah mich eindringlich an. Dann wurde seine Miene freundlicher und er sagte: »Komm, deine Mutter bringt uns um, wenn wir zu spät nach Hause kommen.«

Meine Mutter hasste es, wenn wir zu spät nach Hause kamen. Als Grace Luke kennengelernt hatte, war sie stets zu spät nach Hause gekommen, um sich noch mit ihm zu treffen. Jeden Tag nach dem Wasserholen, nach dem Einkaufen, nach der Arbeit … Irgendwann hatte meine Mutter sie erwischt und Grace hatte ihr von Luke erzählt. Nur ein halbes Jahr später waren die beiden ausgezogen.

Das hatte meine Mutter schlecht verkraftet und seitdem war Heirat in ihren Augen so ziemlich das schlimmste Verbrechen, das man begehen konnte, abgesehen von Beziehungen mit Adeligen, natürlich.

Trotzdem, auch, wenn ich fand, dass Grace ein Recht dazu hatte, ihr Leben so zu verbringen, wie sie wollte, musste ich einsehen, dass meine Mutter es auch nicht leicht hatte. Ich war die Einzige im Dorf, die eine Schwester hatte. Ich hatte mich nie getraut, sie zu fragen, warum, aber es war sicher nicht einfach gewesen, uns beide großzuziehen. Mal ganz abgesehen davon, dass wir kaum genug Geld zum Essen hatten und meine Mutter, warum auch immer, nicht arbeitete. Mich ließ der Gedanke nicht los, dass es einen Grund geben musste, doch mir fiel nichts ein. Ich wollte nicht glauben, dass meine Mutter mir absichtlich etwas verheimlichte.

Sie würde sich natürlich freuen, wenn auch ich jemanden kennenlernte, aber dann wären sie und mein Vater allein und ich wusste, dass das Geld dann nicht mal mehr fürs Essen reichen würde.

***

Als ich abends im Bett lag, schon halb eingeschlafen, kreisten meine Gedanken immer noch um die seltsame Bitte meines Vaters. Er hatte das Thema so abrupt gewechselt, dass ich nicht einmal hatte nachfragen können … Plötzlich hörte ich meine Mutter in der Küche aufschreien.

»Was?!«, fragte sie entsetzt. Zuerst war ich verwirrt und dachte, sie brauchte vielleicht Hilfe, dann ging mir auf, dass ich einfach nur einen Teil der Konversation verpasst hatte.

»Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, ich glaube nicht, dass er das ernst gemeint hat«, sagte mein Vater in einem Tonfall, der beruhigend wirken sollte. Ich hörte jedoch, wie angespannt er war. »Pablo hatte schon immer einen merkwürdigen Sinn für Humor. Außerdem hat er etwas von Revolutionen und so geplappert. ‚Rotes Blut zählt!‘ So ein Unsinn!«

Meine Mutter schwieg kurz und sagte dann mit leiser Stimme: »Sie woll‘n eine Revolution anzetteln? Die Adeligen stürzen?« Es klang, als wäre sie der Idee nicht abgeneigt.

Mein Vater schnaubte. »Ich weiß es nicht. Pablo hat einen Namen genannt, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig gehört habe. Er hat behauptet, der Anführer dieser Organisation ist ein Adeliger namens ,Der Fuchs‘. Völliger Blödsinn, wenn du mich fragst. Wer immer es war, muss verrückt sein. Zu der Zeit, als Informationen noch mit den Redbloods geteilt wurden und zumindest ein paar von uns in den Städten gearbeitet haben, da sind bereits die wildesten Gerüchte umgegangen von den Superwaffen, die sie angeblich haben.«

Mein Vater machte eine kurze Pause und murmelte dann: »Fliegende Autos, trainierte Vögel, Häuser, höher als die Wolken …«

Ich versuchte, mir das vorzustellen, doch ich konnte es nicht. Ich spitzte die Ohren, um nichts zu verpassen, doch eine Minute lang war es still.

»Einmal haben sie gesagt, sie wollen auf den Mond fliegen, kannst du dich noch erinnern? Mit fliegenden Autos auf den Mond fliegen …«

»Unsinn,« sagte meine Mutter, ihr scharfer Ton wirkte merkwürdig laut in der Stille. »Aber Zeit wird’s, dass da mal was passiert. Bleibt nur zu hoffen, dass dieser Fuchs ein Schlauer ist.«

Ich hörte, wie die Stühle knarzten, als meine Eltern sie über den Boden zogen. Beide murmelten gute Nacht und wenig später hörte ich ihre Schritte näherkommen. Ich tat so, als würde ich schlafen, doch in Wirklichkeit dachte ich an ihr Gespräch.

Ich schlief spät ein und träumte, dass ich zu spät nach Hause kam. Meine Mutter schrie mich an und drohte, sie werde mich den Füchsen zum Fraß vorwerfen.

EINEN MONAT SPÄTER

LEANDER

Ich saß gerade am Frühstückstisch, mein Lesestein lag, gemeinsam mit meiner leider noch nötigen Stirnelektrodenspange, neben meinem Teller. Ein Omelett, ein Toast und eine Tasse Schwarztee mit Milch standen vor mir.

Ich legte meine Hand auf den Lesestein, um ein Buch auszuwählen, und fing an zu lesen. Ich liebte es, wie die Welt vor meinen Augen verschwand und durch Buchseiten ersetzt wurde. Ich streckte meine Finger aus und plötzlich wurde meine Teetasse mitten in der Seite sichtbar, kaum, dass ich daran gedacht hatte, etwas zu trinken. Ich nahm einen Schluck und stellte die Tasse wieder ab. Als meine Finger den Henkel losgelassen hatten, überdeckten die Buchseiten wieder die Tasse. Mein Vater saß mir gegenüber und räusperte sich. Sein Gesicht ersetzte die Buchseiten und ich setzte widerwillig die Elektrodenspange ab. Er hatte soeben sein Besteck ordentlich auf den Teller gelegt. Nun musterte er mich mit seinen grauen Augen.

»Leander, ich würde gerne nach dem Frühstück mit dir sprechen, wenn es nicht gerade sehr ungelegen kommt.«

Ich sah sehnsüchtig auf meinen Lesestein. Ich las gerade alte Klassiker – aus dem 20. und 21. Jahrhundert. Na ja, mein Vater nannte sie Klassiker, aber eigentlich waren es Fantasy-Bücher. Und ich war gerade mitten im dritten Harry-Potter-Band.

»Klar, Dad. Das sollte kein Problem sein«, sagte ich und lächelte. Er nickte zufrieden, dann lehnte er sich zurück und wartete darauf, dass Henry seinen Teller abdeckte.

Ich aß unter den strengen Augen meines Vaters auf und schickte Merlin, um die Küche aufzuräumen. Dann schnappte ich mir meinen Lesestein und folgte meinem Vater in sein Arbeitszimmer.

Sein Büro war ganz anders eingerichtet als das meiner Mutter. Sie hatte es hauptsächlich in Gelb gehalten, damit es heller wirkte. Ihr Sofa war orange und ihr Schreibtisch rotbraun. Es sah sehr sonnig, warm und freundlich aus. Es spiegelte ihren Charakter wider. Das war auch bei dem Büro meines Vaters so, doch es war weiß und wirkte stets klinisch sauber. Der große Lehnstuhl war mit grauem Kunstfaserstoff bezogen und sein geräumiger Schreibtisch war ebenfalls weiß und makellos. Meine Mutter hatte eine kleine Taschentuchbox für mich, ein paar Stifte, die sorgfältig in einem Becher steckten, und eine rote Lampe. Bei meinem Vater war alles farblos und fast schon pedantisch geordnet.

»Setz dich«, sagte mein Vater und ging hinüber zu seinem grauen Schreibtischstuhl. Ich setzte mich in seinen Lehnstuhl und wartete. Er würde schon mit dem herausrücken, was er von mir wollte. Was immer es war.

»Leander, ich wollte noch mit dir über die Planung der nächsten paar Wochen reden. Nächste Woche ist der große Tag, wie du weißt, aber ich wollte dich fragen, wann du den Zug ins Felix Austria nimmst. Es fährt einer drei Tage danach, eine Woche danach oder zehn Tage danach.« Er pausierte kurz und legte dann die Spitzen seiner blassen, eleganten Hände aneinander, wie es die Detektive in den alten Romanen immer taten. »Selbstverständlich kannst du auch erst später fahren, wenn du möchtest. Es eilt schließlich nicht.«

»Ich denke, dass Norman den zweiten Zug nimmt, also werde ich den auch nehmen, er geht schließlich auch ins Felix Austria.«

»Natürlich. Dann ist das also geklärt, aber ich wollte dich noch fragen, ob du schon fertig gepackt hast …« Er wurde immer leiser und sah zur Tür. Ich drehte meinen Kopf und sah, dass meine Mutter ihren Kopf hereingesteckt hatte. Auf ihrer Stirn waren tiefe Sorgenfalten zu sehen.

»Was ist, Mary?«, fragte mein Vater und stand in einer flüssigen Bewegung auf, um ihr die Hand auf die Schulter zu legen.

»Es geht um Merlin. Er ist abgestürzt. Ich habe Sally schon gebeten, ihn zu reparieren, aber er schaltet sich immer wieder ab.« Sie seufzte. Die Falten auf ihrer Stirn wurden ausgeprägter.

»Ich werde es mir ansehen. Leander, hast du nun schon gepackt, oder noch nicht?«

»Merlin hat bereits alles, was ich nicht mehr benötige, eingepackt. Den Rest werde ich wohl ohne Merlin einpacken müssen … Aber ich denke, dass ich das schaffen werde.«

Mein Vater nickte und ging ins Wohnzimmer, um sich Merlin anzusehen. Ich folgte ihm, doch meine Mutter packte mich nach ein paar Schritten am Arm. »Sag ihm, dass er Henry um Hilfe bitten soll. Er kennt sich da gut aus.«

Ich nickte und eilte dann hinaus. Henry war der begabteste Roboter in unserer Familie, was Reparaturen anbelangte. Obwohl er ziemlich alt war, da mein Vater alte Sachen liebte, war er von guter Qualität. Mein Vater hatte sich geweigert, unser Haus komplett gedankensteuerbar zu machen und fand, dass ein Roboter ein Freund fürs Leben und nicht ein gedankengesteuerter Körper sein sollte. Freund fürs Leben. Ich seufzte.

Ich fand meinen Vater im Wohnzimmer. Er und Henry standen über Merlins starren Körper gebeugt und wirkten hochkonzentriert. Also hatte mein Vater die gleiche Idee gehabt wie meine Mutter. Seelenverwandte, dachte ich. Lächelnd schüttelte ich den Kopf und ging dann in mein Zimmer, um meine restlichen Sachen einzupacken.

Ich machte mir zwar ein bisschen Sorgen, dass Merlin bis zur Abreise nicht repariert sein würde, aber ich konnte ihn immer noch bitten, nachzukommen, oder im schlimmsten Fall selbst später fahren. Es würde niemanden stören. Ob in den Kursen 20 oder 21 Leute saßen, machte kaum einen Unterschied. Zum Glück gab es keinen einheitlichen Zeitpunkt, zu dem das Schuljahr anfing oder aufhörte. So konnte jeder – und jetzt auch ich – kommen, wann er wollte.

Ich seufzte und begann, meine Kleider in einen Koffer zu packen. Hoffentlich konnte Andy, Normans Roboter, mir helfen, den Koffer in den Zug zu heben. Er war ganz schön schwer.

***

Einige Zeit später kam Henry herein und bat mich, mit nach draußen zu kommen. Er und mein Vater hatten einen Virus entdeckt. Ich folgte Henry bis zu dem Wrack, zu dem Merlin geworden war und das hoffentlich bald wieder mein bester Freund sein würde.

»Du kennst ihn am besten, Leander. Ich wollte, dass du mir hilfst, ihn neu zu starten«, sagte mein Vater, ohne sich umzudrehen. Ich fragte mich, woher er wusste, dass ich schon da war. Supergehör vermutlich. »Wenn wir Glück haben, dann startet er einfach neu, ohne uns Fragen zu stellen, aber ich weiß nicht, wie viel der Virus beschädigt hat. Ich habe ihn deinstalliert, aber Merlin hat sich zum Schutz abgeschaltet …« Mein Vater redete weiter, doch ich war mir nicht mehr sicher, ob er nicht mit sich selbst redete.

Schließlich drückte mein Vater den Einschaltknopf am Rücken des Roboters und Merlin erwachte zum Leben. Seine blauen Augen öffneten sich und er blickte uns einem nach dem anderen ins Gesicht. »Systemneustart. Bitte geben Sie Ihr Passwort ein.« Mein Vater seufzte. »Leander?«

Ich kniete mich hin und gab auf der holografischen Tastatur mein Passwort ein. »Sie sind eingeloggt als Leander Soleil Merrywith. Ihre Daten werden geladen.« Merlin machte eine kurze Pause und mein Vater bemerkte: »Wirkt ganz gut. Immerhin ist das Personalgedächtnis noch intakt. Gut, dass er sich von selbst abgeschaltet hat, sonst hätten wir jetzt ein ernsthaftes Problem. Bleib aber bitte trotzdem noch da, Leander. Er wird dich identifizieren wollen. Du weißt schon, Iris-Scan und so weiter.« Ich nickte.

Die nächsten paar Stunden brachte ich damit zu, Merlin mein Gesicht scannen zu lassen, Merlins Fragen zu beantworten und Virenscans durchzuführen. Merlin schien einwandfrei zu funktionieren. Ich konnte nur hoffen, dass das auch so bleiben würde.

ELENA

Grace kommt in zwei Wochen!«, jubelte meine Mutter und wedelte mit dem Brief vor meiner Nase herum. Mein Vater hinter mir fing an zu lachen und schloss meine Mutter in die Arme. Ich lächelte und griff nach dem Brief.

Liebe Mama, lieber Papa, liebe Elena!

Luke und ich haben beschlossen, in zwei Wochen zu kommen. Luke geht es schon besser und voraussichtlich wird sich das gut ausgehen. Allerdings solltet ihr nicht vor Freitag mit uns rechnen, denn wir müssen noch eine Woche hierbleiben, bevor wir uns auf den Weg machen dürfen, sagt der Arzt, am besten eineinhalb.

Wir hoffen, dass es euch gut geht, und wünschen euch schöne eineinhalb Wochen!

Liebe Grüße,

Grace und Luke

Ich las den Brief zweimal, um ganz sicher zu gehen, dass ich mich nicht verlesen hatte, dann gab ich ihn meiner Mutter zurück und machte mich lachend auf den Weg, um Wasser zu holen.

Als ich durch die Straßen ging, dachte ich über meine Schwester nach. Ich hatte sie immer als Vorbild betrachtet. Sie war ausgeglichen, fröhlich, meistens höflich und erledigte ihre Arbeiten, ohne zu klagen. Wie machte sie das nur?

Ich lächelte. Vermutlich war sie einfach ein besserer Mensch als ich. Egal, was es war, ich musste sie einfach liebhaben. Sie brachte immer etwas Sonne ins Haus. Und das hatten wir alle dringend nötig.

Ich fing an zu hopsen, als der Brunnen in Sicht kam. Ich hängte meinen Kübel auf und wartete, bis die Maschine ihn vollgefüllt und wieder hinaufgezogen hatte. Dann machte ich mich auf den Rückweg durch die Straßen.

In Gedanken immer noch bei meiner Schwester, hörte ich plötzlich eine tiefe Stimme hinter mir grölen. »Denen werden wir es zeigen, verdammte Tyrannen. Wir sind auch Menschen. Rotes Blut zählt!«

Ich fror mitten in der Bewegung ein und blieb stehen. Ich hörte Gelächter und zustimmendes Gemurmel und mir fiel auf, dass es eine größere Gruppe sein musste. Bevor ich meine Beine wieder bewegen konnte, rempelte mich einer der Männer von hinten an. Das Wasser im Kübel schlackerte und spritzte auf meine löchrigen Sandalen. Die Männer lachten einstimmig und gingen rechts und links an mir vorbei.

»Ich will blaues Blut sehen«, zischte der eine und ich sah, wie ihm einer der anderen auf die Schulter klopfte.

»Wohin sollen wir nochmal?«, fragte ein anderer.

»Der Fuchs hat gesagt, dort lang.« Ein schwarzhaariger Mann zeigte in die Ferne. Ich sah dort nur Hütten, aber alle nickten, so als wäre das jetzt geklärt.

Erst als die Gruppe um eine Ecke verschwunden war, setzte ich meine zitternden Beine in Bewegung. Ich hatte das Gefühl, meine Gedanken und mein Magen drehten sich um die Wette. Ich konnte nicht sagen, was es war, das mich so krank machte. Vielleicht die raue, unverschleierte Brutalität, die fühlbare Mordlust in ihren Augen. Oder vielleicht die Tatsache, dass sie diese Augen auf mich gerichtet hatten. Ich fragte mich benommen, ob sie mich wohl als mögliches Mitglied ihrer Gruppe sahen. Schließlich waren wir alle Redbloods. Trotzdem fühlte ich mich ihnen nicht näher als den Adeligen.

Mir wurde klar, dass die Revolution, die sie laut meinem Vater anzetteln wollten, sie wohl alle das Leben kosten würde. Und nicht nur sie. Es würden auch Unschuldige für ihr Verhalten bezahlen müssen.

Als ich vor unserer Hütte angekommen war, fühlte sich mein Kopf an, als wäre ich vier und würde das Drehspiel mit meinem Vater spielen. Das, wo er mich an den Händen nahm und sich dann so schnell drehte, dass ich mich fühlte, als könnte ich fliegen.

Meine Mutter stand am Ofen und drehte sich nicht einmal um, als ich hereinkam.

»Stell das Wasser hierhin, ich brauch’s. Und wenn du schon dabei bist, geh doch Holzhacken in den Garten.« Ich zögerte, und als ich nicht antwortete, wurde meine Mutter ungeduldig. Sie schmiss ihren Fetzen auf den Tisch.

»Wie. Oft. Muss. Ich. Dir. Noch. Sagen. Dass. Ich. Das. Nicht. Zum. Spaß. Mache. Ich. Muss. Diese. Familie. Ernähren.« Sie drehte sich zu mir um, um mit ihrer Strafpredigt fortzufahren. »Und. Ich. Erwarte. Von. Dir …« Sie stockte, als sie meinen Gesichtsausdruck sah. »Was ist los?«

»Hat Dad dir von dieser Gruppe erzählt, die die Adeligen stürzen will?«, fragte ich tonlos und stellte den halbvollen Kübel ab.

»Ich habe euch gehört, letztens.« Meine Mutter starrte mich mit blitzenden Augen an. Ihr Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes.

»Ich habe gerade welche von denen getroffen«, fuhr ich rasch fort, in der Hoffnung, sie abzulenken. »Und …« Mir blieben die Worte im Hals stecken. Meine Gedanken drehten sich im Kreis, so als könnten sie fliegen …

Meine Mutter schlug die Hände zusammen. Zuerst dachte ich schon, sie würde mich schlagen. »Das ist doch gut. Wird Zeit, dass sich mal jemand für uns einsetzt. Die haben nämlich ganz recht, rotes Blut zählt.«

Ich hörte, wie sie weitersprach, doch die Worte erreichten mich nicht mehr. »Wie … Wie kannst du sie verteidigen?«, fragte ich schließlich entsetzt. »Sie wollen sie alle ermorden! Sie … Sie werden mit den Adeligen einen Krieg anzetteln! Einen Krieg, den wir verlieren werden! Überleg doch mal!«, schrie ich mit schriller Stimme. »Denen ist es egal, was mit uns passiert! Die würden sich über jede Ausrede freuen, um uns abzuschlachten!«

Meine Mutter zuckte mit den Schultern. »Was wir hier haben, ist kein Leben, Elena. Wir werden kämpfen, und wenn wir verlieren, dann verlieren wir eben. Mach dir nichts vor, die Adeligen sind keine Götter, die Blitze auf die Sterblichen schleudern.« Sie schnaubte verächtlich.

»Und jetzt geh raus. Die Frau Schwarzmann von gegenüber hat uns wieder ihre Ration Holz geschenkt. Ich habe ihr schon einen Teller Reis rübergebracht.« Und damit schnappte sie sich meinen Wasserkübel und sagte in einem harten Ton: »Und wenn ich höre, dass du noch einmal private Gespräche zwischen deinem Vater und mir belauschst, dann knallt’s. Aber richtig.« Und damit stellte sie sich wieder an den Ofen.

Ich ging stumm hinaus. Ich wollte weit weg sein, wenn sie sah, dass ich die Hälfte des Wassers verschüttet hatte. Ich würde später nochmal gehen müssen.

Ich holte mir das Holz der gebrechlichen alten Nachbarin, das vor ihrer Tür lag. Sie war zu schwach, um mit ihrem noch etwas anzufangen und heizte nur mit dem elektrischen Ofen. Ich trug die ihr zugeteilten Scheite hinter unser Haus. Frau Schwarzmann tauschte ihr Holz schon seit Jahren gegen Reis oder Brot oder etwas anderes zu essen.

Ich genoss das Holzhacken. Es tat gut, meinen Ärger an den dicken Scheiten auszulassen. Ich konnte immer noch nicht glauben, dass meine Mutter die Revolution verteidigt hatte. Ich konnte mich noch erinnern, dass mein Vater einmal gesagt hatte, kein Zweck würde die Mittel heiligen.

Ich hatte plötzlich das Bedürfnis, das Ganze mit meinem Vater zu besprechen. Oder mit Grace oder mit irgendjemand anderem. Mehr als je zuvor sehnte ich mich nach einem Gesprächspartner. Ich wollte in den Arm genommen und gestreichelt werden. Ich wollte, dass man mir sagte, dass alles gut werden würde. Ich wollte ein echtes Kind sein, nicht eine Redblood.

Doch so eine Kindheit hatte ich nie gehabt. Keiner hier hatte je Zeit gehabt, um mich in die Arme zu nehmen. »Wir sind doch hier nicht bei den Adeligen«, würde man sagen und mir ungestüm die Tränen von den Wangen wischen. Und am besten noch fest in den Rücken stoßen: »Geh spielen.« Nicht wie bei den Adeligen, dachte ich bitter und spaltete noch ein Stück Holz.

LEANDER

Merlin, meine Eltern und ich saßen im Auto. Henry flog, damit Merlin sich noch etwas ausruhen konnte. Ich konnte Henrys Hand sehen, sie schwebte seit zehn Minuten unbeweglich über dem Notfall-Knopf. Es war nicht so, dass Merlin das nicht auch gekonnt hätte, aber wir konnten nicht sicher sein, ob der Virus gänzlich gelöscht war. Mein Vater hatte versprochen, mit ihm zu einem Spezialisten zu fahren.

Unter uns zog die verschneite Schweizer Landschaft vorbei. Wälder, Wiesen, Häuser, Dörfer, Baracken. Ich sah nichts davon, obwohl ich hinaussah. Meine Hände waren zu Fäusten geballt. Ich dachte daran, was jetzt gleich passieren würde. Unsterblichkeit. Das hier waren meine letzten sterblichen Minuten. Es war still im Auto. Man hörte absolut nichts.

Nach einer halben Stunde griff meine Mutter, die vor mir saß, nach meiner Hand. Sie schloss ihre kleinen Finger um meine Faust.

»Es ist so weit«, flüsterte sie.

Ich sagte nichts. Das Auto landete lautlos auf einem Parkplatz vor einem langgestreckten, neumodischen Holzhaus. Im ersten Stock waren nur kleine Fenster, doch es gab eine Glasfront im zweiten Stock. Da wir von Wald umgeben waren, hatte man von dort aus bestimmt einen guten Ausblick. Doch hineinsehen konnte ich nicht, denn feinste Vorhänge verdeckten die Fenster. Das Gebäude hatte ein zum Teil begrüntes Flachdach. Die andere Hälfte war mit Solarzellen ausgestattet.

Meine Mutter nahm mich an der Hand. Sie sah unglaublich schön aus in ihrem hellblauen Kleid. Doch sie schien nicht zu frieren. Verlieh Unsterblichkeit auch Immunität gegen Kälte? Ich hatte merkwürdigerweise noch nie darüber nachgedacht. Mein Vater trug einen schlichten Anzug, der etwas wärmer war.

Vor der Tür blieben wir stehen. Meine Mutter sah mich an.

»Ich hab dich lieb«, flüsterte sie und schloss mich in ihre Arme.

Mein Vater räusperte sich und sie ließ los, nahm jedoch meine schweißnasse Hand in ihre.

»Mom, ich hab dich auch lieb!«, flüsterte ich zurück.

Mein Vater räusperte sich noch einmal und erst, als meine Mutter sich die Tränen von der Wange wischte, wurde mir klar, warum. Er mochte es nicht, wenn sie Gefühle zeigte.

Doch dann ließ meine Mutter meine Hand los, trat einen Schritt zurück und mein Vater nahm mich unvermittelt in seine kräftigen Arme.

»Ich hoffe, wir konnten dir viel beibringen, Leander. Ich bin stolz auf dich und jetzt geh. Geh!«, sagte er eindringlich. Seine Stimme klang laut nach der langen Stille.

Er ließ mich los und nervös trat ich einen Schritt auf das Gebäude zu. Ich sah zurück. Meine Eltern standen Händchen haltend nebeneinander und lächelten mich liebevoll an. Die Wangen meiner Mutter waren nass. Merlin stand etwas abseits. Er würde auf mich warten. Wie lange, wusste ich nicht. Wie lange dauerte es, unsterblich zu werden?

Ich richtete meinen Blick wieder nach vorne. Ich öffnete das schwere Holztor und atmete einmal tief durch, dann flüsterte ich: »Ich hab euch lieb«, ohne mich umzudrehen. Meine Eltern würden es trotzdem hören. Dann machte ich einen Schritt in den dunklen Flur.

In dem Moment, in dem das Holztor mit einem lauten Knall zufiel und der Raum in Finsternis zu versinken drohte, gingen Lichter an. Eine nach der anderen erleuchteten die grellen Neonröhren den Gang vor mir. Es war völlig still. Im Gang gab es mehrere Türen, von denen aber nur eine offen stand.

Meine Schritte hallten auf dem polierten Marmorboden. Als ich schließlich bei der Tür ankam und sie aufdrückte, war es wieder völlig still. Und doch war ich nicht allein.

In dem Zimmer saß, gekleidet in Schwesterntracht, eine hübsche junge Frau, wobei ihr junges Aussehen natürlich nichts über ihr wahres Alter verriet. Sie lächelte, als sie mich sah, sagte aber nichts, sondern gab mir Zeit, mich umzuschauen.

Das Zimmer sah aus wie eine Mischung aus Zahnarztpraxis und Kaffeehaus. In der rechten hinteren Ecke war ein Sofa in L-Form zu einem weißen, polierten Tisch geschoben worden. Die Ärztin saß auf einem Rollhocker, der vermutlich normalerweise dem Sofa gegenüberstand. In der linken hinteren Ecke wand sich eine Wendeltreppe ins Obergeschoss. Auch sie war in Weiß gehalten. An der linken Wand stand ein langer, etwa ein Meter hoher Kasten. An der hinteren Wand war ein kleines, abgedunkeltes Fenster zu sehen.

Den Raum dominierte ein verstellbarer Stuhl, der mich so sehr an eine Zahnarztpraxis erinnert hatte. Es gab jedoch keine Bohrer und auch keine OP-Lampe. Das Zimmer wurde durch eine wunderschöne Deckenlampe erhellt, die die gesamte Decke ausfüllte.

Die Ärztin lächelte.

»Hallo, ich bin Maria.« Sie sprach ihren Namen, wie so viele Leute heutzutage, englisch aus. Englisch war schließlich die Weltsprache. Englisch war die Sprache der Klima-Verhandlungen gewesen, es war die Sprache der neuen, weltweit geltenden Verfassung und es war auf der ganzen Welt Amtssprache. »Lass dir nur Zeit. Wenn du das Zimmer eingehend untersucht hast, kannst du dich zu mir setzen. Ach ja, du kannst du zu mir sagen, wenn du willst.«

Dann rollte sie ihren Stuhl zu dem Tisch an genau die Stelle, die ich mir vorgestellt hatte. Ich lächelte, ließ meinen Blick noch einmal schweifen und setzte mich dann auf das Sofa.

»Ich hatte einmal einen Patienten, der hat das wörtlich genommen. Er ist eine halbe Stunde hier auf und ab gegangen und hat in jeden Winkel geschaut.« Sie lachte bei dem Gedanken daran. »Entschuldige. Das ist vermutlich unhöflich. Er hat es schließlich mit viel Bedacht getan. Allerdings war es sehr amüsant, ihm dabei zuzusehen.«

»Ist schon okay. Es ist nur … viel zu verarbeiten.«

Sie nickte. »Kann ich verstehen. Ich kann mich noch daran erinnern, wie es bei mir war. Die gleißend weißen, fluoreszierenden Lichter im Gang waren schrecklich.« Sie lächelte.

Irgendwie entspannte mich diese Schwester. Sie schien so offen und freundlich, dass ich zugab: »Sie sind wirklich hell.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe ihnen schon gesagt, dass sie die dimmen sollten, aber«, sie zuckte mit den Schultern, »das haben sie immer noch nicht gemacht. Obwohl sie, glaube ich, während meiner Studienzeit einmal gedimmt wurden.«

Da ich nicht sagen konnte, wie alt sie war, wusste ich auch nicht, wann das gewesen war. Vor fünf oder vor fünfzig Jahren? Na ja, ich schätzte zwar, dass es irgendwo dazwischen war, aber wer wusste das schon so genau?

Sie seufzte. »Ich habe ihnen auch schon gesagt, dass sie die Fenster größer machen sollen, und du siehst ja, wie viel Effekt das hatte.« Sie deutete sarkastisch auf das kleine Fenster. Dann lächelte sie. »Aber ich schätze, wer sich so sehr vor den Lampen im Gang und dem Fenster hier ängstigt, würde ohnehin nicht hierherkommen, ohne dass man ihn ziehen müsste.«

»Man kann dazu gezwungen werden?«, fragte ich verwundert und leicht entsetzt.

Sie riss die Augen auf und lachte. »Mein Gott, nein! Ich meinte doch nur. Theoretisch bist du verpflichtet, mit 18 Jahren in eine Klinik zu gehen, aber wenn du nicht willst, kannst du immer noch einen Teil deines Geldes nehmen und als Sterblicher leben. Allerdings verfällt dein Anrecht auf eine Initiation mit dreißig Jahren.«

Ich hörte aufmerksam zu.

»Wenn du Fragen hast, dann stell sie ruhig. Du kannst mich alles fragen. Mich hat zwar daraufhin einmal jemand gefragt, ob ich ihn heiraten würde, aber … du kannst mich trotzdem alles fragen.«

»Hast du Ja gesagt?«

Sie lachte. »Nein. Ich habe Nein gesagt.«

»Gibt es auch eine Initiation für Redbloods?«

Sie schürzte die Lippen. »Theoretisch ja. Wenn sich ein Adeliger oder eine Adelige in ein Redblood beziehungsweise eine Redblood verliebt, dann dürften beide an der Initiation teilnehmen. Das würden Adelige aber niemals tun, wie du weißt.«

»Und haben sie dann auch bessere Fähigkeiten?«

»Ja, natürlich.«

Ich nickte, so als würde mich das interessieren, und sah dann zu Boden. Schließlich beschloss ich, es zu versuchen. Sie wirkte so nett …

»Tut es weh?«

Sie wurde sofort ernst. »Manche sagen, dass sie ein bisschen was gespürt haben. Einen kurzen Stich. Ein Brennen. Aber die meisten spüren nichts. Es ist aber bei allen anders. Was weißt du denn schon über die Initiation?«

Ich musste das erst einmal verarbeiten. Aber hatte meine Mutter nicht so etwas Ähnliches schon angedeutet? Außerdem konnte ich es ohnehin nicht ändern …

»Also, nur die Grundlagen. Meine Mutter hat mir schon ein wenig darüber erzählt.«

Sie lächelte verständnisvoll. »Erst einmal bewirkt das Unsterblichkeitsserum, dass sich dein Körper verändert, das dauert ein paar Stunden. Wie lange genau, hängt von der Dosis ab. Die Dosis wiederum hängt davon ab, wie viel dein Körper verträgt und wie viel dein Körper braucht. Irgendwo zwischen diesen Werten liegt die Dosis. Ich werde dich dann noch untersuchen, um diese Werte zu bestimmen. Es gilt: Je mehr Serum, desto mehr Veränderung. Bis zu einem gewissen Maß ist das gut. Du wirst stärker …«

Wie auch meine Mutter konnte sie es nicht lassen, mir das vorzuführen. Doch sie nahm sich einen härteren Gegner vor: Es war ein Küchenmesser. Ich hielt die Luft an, als sie damit auf ihrem Handrücken ansetzte und lachte.

»Hat dir deine Mutter das auch gezeigt?«

»Sie hat Papier zerknüllt.« Der Vorwurf war in meiner Stimme deutlich zu hören. Sie lachte noch einmal.

»Es hat tatsächlich einmal jemand versucht, mir das Messer wegzunehmen, um mich daran zu hindern, Selbstmord zu begehen.« Sie lachte wieder.

Ich lachte nicht. Ich war zwar beherrscht genug, um ihr das Messer nicht zu entreißen, aber ich war dennoch besorgt. Was hatte meine Mutter gesagt? Sie könnte sich kaum mit einem Küchenmesser schneiden. Kaum? Dieses Messer war wesentlich schärfer als ein normales Küchenmesser.

Doch sie zog das Messer kräftig über ihren Handrücken. Ich rechnete damit, Blut zu sehen, aber da war nur eine weiße Linie. Sie fuhr noch kräftiger darüber. Die weiße Linie wurde ausgeprägter und das Messer ächzte.

»Wie …?« Ich konnte die Frage nicht fertig stellen.

»Jeder und jede Unsterbliche ist einzigartig. Ich habe sehr feste Haut und eine sehr große physische Toleranz. Es kann also durchaus sein, dass ich die Haut deiner Mutter damit locker durchschnitten hätte.«

»Und meine Mutter hat behauptet, man wäre nicht Superman.«

Sie lachte. »Na ja, das stimmt auch so. Denn man kann mich zwar mit diesem Messer nicht verletzen, aber ich könnte mir beispielsweise immer noch das Genick brechen. Außerdem ist das für uns normal. Superman ist ja deswegen etwas Besonderes, weil er einzigartig ist.«

Wieder etwas zum Nachdenken. »Und was ist mit psychischen Dingen? Meine Mutter hat gesagt, dass man sozusagen schneller und effektiver denken kann, aber dass sich die Gedanken selbst nicht ändern.«

Maria nickte. »Da hat sie völlig recht. Jeder und jede Unsterbliche hat zwei Talente. Mein erstes hast du ja schon gesehen … Ich habe außerdem das Talent, psychischen Belastungen standzuhalten. Das heißt, du könntest mir eine Pistole an den Kopf halten und ich würde trotzdem – verhältnismäßig – klar denken können. Aber ja, man denkt schneller, bemerkt Dinge, die für ein normales Gehirn zu schnell sind. Außerdem ist dein Gedächtnis besser. Du kannst dir viel mehr merken.«

»Und wie stark ausgeprägt sind diese Begabungen?«

»Das ist unterschiedlich. Normalerweise halten sie sich in Grenzen. Viele wissen gar nicht, wo ihre Begabungen liegen, weil es etwas so Alltägliches für sie ist. Ich würde mir darüber keine Sorgen machen. Es gibt viele Studien und Fragebögen dazu, wenn du wirklich wissen willst, was für eine Begabung du hast. In der Regel entspricht sie immer deinem Charakter. Die meisten sind nicht so ausgeprägt wie meine, aber zur Sicherheit gibt es eine Liste mit den Namen aller Adeligen, die besonders mächtige oder gefährliche Talente haben. Sie werden dann speziell überwacht und dürfen je nach ihrer Gefährlichkeitsstufe bestimmte Tätigkeiten nicht ausführen und müssen sich an strikte Regelungen halten.«

Ich schwieg eine Weile.

»Noch Fragen? Sonst fange ich an, dich zu untersuchen.«

ELENA

Als ich am Mittwoch von der Arbeit nach Hause kam, war meine Stimmung schlecht. Mein Vater war schon vorgegangen und hatte mich noch gebeten, Reis einzukaufen, da wir mit Grace und Luke fünf Leute sein würden und nicht nur drei.

Mein Vater war genauso schlecht gelaunt wie ich, doch weder er noch ich trauten uns, über die Revolution zu diskutieren. Ich wartete jeden Tag darauf, von irgendjemandem zu hören, dass etwas passiert war. Jemand war spurlos verschwunden, jemand war verhaftet worden, jemand hatte sich verletzt … Doch nichts passierte.

Ich begann mich zu fragen, ob meine Mutter recht hatte. Vielleicht war meine Angst ja umsonst und diese neue Gruppierung würde uns am Ende befreien. Vielleicht würde ich eines Tages zur Tür hinausgehen und alle würden auf der Straße tanzen und die Freiheit feiern. Ich versuchte die Bilder, die stattdessen in meinem Kopf herumgeisterten, zu vertreiben und mich auf diese Hoffnung zu konzentrieren, die meine Mutter offenbar hatte.

Als ich gedankenverloren durch unsere schäbige Haustür trat, war ich nicht darauf vorbereitet, ein freudiges »Hallo, Elena!« zu hören.

Eine Sekunde später fiel mir Grace um den Hals und ich hatte Schwierigkeiten, mein Gleichgewicht wiederzufinden. »Grace!«, krächzte ich. »Ich krieg keine Luft.«

»Oh!« Lachend ließ sie mich los. »Wie geht’s dir? Ich und Luke sind gerade erst angekommen.« Sie nahm mir den Reis ab und platzierte ihn auf dem Ofen, während ich Luke begrüßte.

»Mehr oder weniger gut. Danke der Nachfrage. Aber erzähl! Wieso seid ihr jetzt schon da? Ich dachte, ihr kommt nicht vor Freitag?«

»Das dachten wir auch«, meinte Luke.

»Bis wir erfahren haben, dass der Arzt endlich ein billigeres Röntgengerät besorgt hat. Es hat zwar schlechte Qualität …«

»Echt schlecht. Da sieht man gar nichts, wenn man keine drei Doktortitel hat«, warf Luke ein.

Grace warf ihm neckisch einen wütenden Blick zu und fuhr dann fort: »Also, schlechte Qualität. Jedenfalls hat er ein Röntgen gemacht und er hat gesagt, dass keine Gefahr besteht, wenn er sich nicht überanstrengt.«

»Das ist ja super, Schatz!«, meinte meine Mutter.

Sie klang so fröhlich wie seit Monaten nicht mehr und auch meine schlechte Laune war verflogen. Ich liebte Grace und Luke dafür, dass sie früher gekommen waren. Ich war mir nicht sicher, wie lange ich hier noch durchgehalten hätte, ohne durchzudrehen.

»Gibt’s bei euch irgendetwas Neues?«, fragte Grace.

»Nicht wirklich. Ich habe immer noch keinen Freund, obwohl ich ja jetzt in dem Alter bin«, antwortete ich sarkastisch. Grace und Luke lachten. Die Augen meiner Mutter blitzten.

»Nein, eigentlich nicht. Ihr seid die größte Neuigkeit. Die Fließbänder in der Fabrik laufen noch in die gleiche Richtung. Der Brunnen hat noch Wasser. Der Reishändler Reis.« Mein Vater zuckte mit den Schultern.

Grace und Luke grinsten.

»Gibt es bei euch sonst noch was Neues?«, fragte meine Mutter wieder.

»Nichts Weltbewegendes«, antwortete Luke.

»Wir haben einen neuen Arbeitgeber.« Grace zuckte mit den Schultern. »Er hat unsere Fabrik übernommen, scheint aber nichts ändern zu wollen. Es läuft also alles gleich. Man darf nur nicht vergessen, ihn mit dem richtigen Nachnamen anzusprechen.«

Luke lachte. »Das ist mir wirklich letztens passiert. Das ‚Herr Zync‘ war schon fast draußen, als ich mich gefangen hab und doch noch umgeschwungen bin auf … Warte, wie heißt er jetzt nochmal?«

Wir lachten. Grace verdrehte die Augen. »Herr Walters.«

Luke nickte gewichtig. Grace verdrehte noch einmal die Augen. Dann nahm sie seine Hand.

»Sollen wir irgendwo helfen?«, fragte sie und lächelte. Sie war immer so verdammt hilfsbereit.

»Genau, ich kann Holz hacken oder so«, fügte Luke hinzu. Sie ergänzten sich natürlich wie immer perfekt.

»Das wäre toll. Und Grace, du kannst mir im Haushalt helfen. Dann kann El ja mal waschen.«

Brrr. Das Wasser würde eiskalt sein. Und wenn man nur ein T-Shirt und nur eine Hose hat, dann muss man sie logischerweise ausziehen, um sie zu waschen. Und nachher nass wieder anziehen. Ich seufzte. Außerdem durften wir nur eine bestimmte Menge an Wasser benutzen, daher wuschen wir alle Kleider in demselben Bottich.

»Ist okay.« Ich wollte mir Grace zum Vorbild nehmen. Vielleicht würde das ja etwas nützen. Mein Vater und meine Mutter gaben mir ihre Sachen und wickelten sich in Decken. Ich setzte mich mit einem Wasserkübel hinters Haus.

Ich hatte zwar wieder einmal viel Zeit zum Nachdenken, aber da ich nicht an irgendetwas Negatives denken wollte, war mir diese Pause weit weniger recht als das Holzhacken. Außerdem fror ich. War es kälter geworden? Vermutlich nicht, aber es kam mir so vor.

LEANDER

Ich erwachte mit dem Gefühl, dass irgendetwas ganz fürchterlich schief gegangen war. Ich fühlte mich so … anders. Sollte das so sein?

Dann erinnerte ich mich wieder. Unsterblichkeit. Ich versuchte, mich an die letzten paar Stunden zu erinnern, aber das Letzte, das ich noch wusste, war, wie Maria sich über mich gebeugt und gesagt hatte: »Mach einfach die Augen zu. Vertrau mir.« Ich hatte zwar die große Spritze in ihrer Hand kritisch beäugt, aber dann hatte ich an meinen disziplinierten Vater gedacht und die Zähne zusammengebissen. Meine Lider schlossen sich und dann … nichts. Ich wusste es nicht mehr. Hoffentlich war alles gut gegangen.

Ich atmete tief durch, wobei ich bemerkte, wie anders das klang. Ich konnte hören und spüren, wie die Luft meinen Hals hinauf und hinunter strömte. Dann öffnete ich meine Augen.

Ich lag in einem anderen Zimmer. Vermutlich hatte Maria mich die Wendeltreppe hinaufgetragen, denn links von mir erstreckte sich eine Glasfront. Ich lag in einem bequemen Bett und Maria saß am anderen Ende des Raumes. Wieder sagte sie nichts. Sie sah mir einfach nur zu. Ich blinzelte noch einmal. Alles war so … detailreich. Es war kein großer Unterschied, aber ich konnte sehen, wie sich die Lichtstrahlen an den Glasscheiben brachen. Wie sich Marias Brust beim Atmen hob und senkte. Ich konnte im Holzboden ganz neue Muster entdecken.

Die Lampe, die genauso aussah wie die im Zimmer darunter, schien einzelne Lichtstrahlen zu werfen und nicht nur einen Lichtkegel. Maria blinzelte. Ich konnte aus fünf Metern Entfernung hören, wie sie Luft holte.

»Guten Nachmittag«, sagte sie leise. Ich konnte sie ganz klar hören. Intuitiv merkte ich mir, an welchen Stellen ihre Stimme nach oben ging und an welchen nach unten. Maria lächelte und legte den Kopf schräg.

Ohne darüber nachzudenken, analysierte ich den Winkel zwischen ihrem Kopf, ihren Schultern und ihren Mundwinkeln.

Dann stand sie auf und zog die hauchdünnen Vorhänge auf. Meine Augen beobachteten jeden ihrer Schritte. Ich analysierte, wie sie ihre Füße abrollte. Wie sie ihr Gewicht verteilte. Doch dann sah ich hinaus und alles war vergessen.

Ich konnte jedes Blatt auf dem Baum vor dem Fenster sehen. Ich konnte auf die nächsten 500 Meter jede Baumart bestimmen. Ich konnte abschätzen, auf wie viel Meter Seehöhe die Hügel lagen. Ich konnte trotz der unterschiedlichen Entfernungen ganz klar sagen, welcher Baum der höchste im ganzen Wald war. Es war eine Kiefer, vielleicht siebzig Jahre alt. Ich wusste, welcher Berg der höchste war. Ich konnte sehen, wie die Sonnenstrahlen, die von der Hauswand reflektiert wurden, in den Wald zurückfielen. Es war nur eine Andeutung. Eine hellere Stelle, aber das genügte meinen scharfen Augen.

Ich sah zu Maria. Sie hatte sich wieder in den Couchsessel gesetzt. Ich hatte das nicht aktiv bemerkt, aber es überraschte mich auch nicht. Vermutlich hatte mein Unterbewusstsein registriert, dass sie sich hingesetzt hatte.

»Es ist viel zu verarbeiten. Ich weiß. Lass dir ruhig Zeit.«

Ich nickte und passte mich dabei automatisch ihrem für mich jetzt zu langsamen Tempo an. »Ist … Ist alles gut gegangen?«

Sie sah kurz zu Boden. Ich hörte, wie mir die Luft im Hals steckenblieb.

»Es gab eine kleine Komplikation. Aber es scheint alles zu stimmen. Deine Vitalwerte sind normal. Aber ich werde dich nachher noch einmal untersuchen müssen.« Sie rang sich ein Lächeln ab. Ich sah, wie künstlich es wirkte. »Du wirst wohl noch etwas hierbleiben müssen.« Diesmal wirkte ihr Lächeln echter. Ich war trotzdem nicht beruhigt. Ich sah aus dem Fenster.

»Es tut mir leid«, murmelte sie. Ich drehte mich zu ihr um. Wieder hatte sie den Kopf gesenkt. Ich hörte, wie sie ganz bewusst tief Luft holte.

»Was ist passiert?«, fragte ich.

Sie schluckte und sah auf. Sie machte eine müde Geste mit der Hand. »Die Technik hatte einen Ausfall. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Ich hatte Glück, dass ich es rechtzeitig bemerkt habe. Wenn nicht …« Sie sprach nicht weiter, doch schließlich murmelte sie so leise, dass ich es vor ein paar Stunden sicher nicht einmal bemerkt hätte: »Das wäre unschön gewesen.«

Sie sah wieder zu Boden. Ich schwieg. Diesmal war die Stille schwer wie Blei. Ich schluckte noch einmal. Wenn etwas nicht in Ordnung wäre … Ich wollte gar nicht daran denken. Ich dachte daran, dass sich vorher alles so schrecklich falsch angefühlt hatte.

Ich hörte etwas, das wie ein Schluchzen klang. Ich sah Maria an. Sie hatte ihr Gesicht in die Hände gelegt. Ich wartete ein paar Minuten, doch langsam bekam sie sich wieder in den Griff.

»Hey, es ist ja nicht deine Schuld. Ich hatte Glück, dass du da warst.«

Sie sagte nichts, doch ihr Atem normalisierte sich.

»Wenn du so weit bist, dann würde ich gerne ein paar Tests durchführen.«

Ich nickte und schlug die Decke zurück. Ich ging die Wendeltreppe hinunter und Maria folgte mir. Ich erkannte am Klang, dass es Holzstufen waren. Komisch, früher hätte ich meine jetzt so leisen Schritte auf keinen Fall gehört. Ich schüttelte den Kopf.

Konzentration, mahnte ich mich. Dann setzte ich mich auf den Sessel. Um mich herum erschienen holografische Bildschirme und zeigten meinen Herzschlag, meinen Atemrhythmus und alle möglichen anderen Vitalzeichen.

Maria warf einen schnellen Blick auf die Bildschirme, ihre Augen scannten jeden einzelnen und blieben schließlich an mir hängen. Sie lächelte unsicher.

»Sieht alles ganz gut aus.«

»Siehst du?«, sagte ich, obwohl auch mir eine Last von den Schultern fiel.

»Ich hatte es mir ohnehin gedacht, aber …« Sie beendete ihren Satz nicht. »Na ja … So, fangen wir an. Wir wollen alle Möglichkeiten ausschließen.«

Mein Herzschlag beschleunigte sich. Ich konnte es auf dem Bildschirm sehen. Ich atmete tief durch. Er normalisierte sich wieder. Trotzdem fühlte ich mich nervöser als zuvor.

»Also …«, fing Maria an, »halte bitte den Atem an.«

Neben ihrer Hand schwebte ein holografisches Tablet, das eine Stoppuhr zeigte.

Mein Atem setzte aus.

ELENA

Meine Mutter, mein Vater, Grace, Luke und ich saßen beim Abendessen. Ich hatte fast den ganzen Morgen mit dem Waschen der Wäsche verbracht und war dann um acht in die Fabrik gegangen. Wenigstens war ich jetzt erst mal für eine Zeit vom Wäschewaschen befreit. Für mindestens drei Tage. Ich seufzte.

Das Abendessen war alles andere als normal. Wenn wir nur zu dritt waren, dann sprachen wir normalerweise nicht. Doch Grace und Luke lachten und scherzten und mein Vater stieg schnell ein. Auch ich und meine Mutter mussten lachen, als Luke das Gesicht verzog und mit verstellter Stimme einen Witz erzählte. Ich grinste. Luke hätte jeden Witz erzählen können. Seine Stimme war großartig und sein Gesicht war so unglaublich lustig.

Meine Mutter klopfte ihm scherzhaft auf den Kopf. Sie war immer angespannt, wenn Grace und Luke zu Besuch waren, aber heute wirkte sie fröhlicher als sonst. Vielleicht war sie ja endlich über die Heirat ihrer Tochter hinweggekommen.

»Also wirklich, Luke!«

Wir lachten, als Luke ein übertrieben enttäuschtes und verletztes Gesicht aufsetzte und mit weinerlicher Stimme »Aber, Mama!« rief.

Ich konnte mich kaum noch halten vor Lachen. Wenn Luke ein Adeliger gewesen wäre, dann hätte er damit bestimmt Geld verdienen können.

Schließlich verzog sich sogar Lukes Gesicht zu einem Lächeln und am Ende lachte er genauso los wie wir anderen auch.

Ich sah, wie meine Mutter sich unauffällig wegdrehte. In der Hütte war es dunkel, doch ich glaubte, etwas auf ihrer Wange glitzern zu sehen. Offenbar war sie doch noch nicht so weit. Ich fragte mich, ob ich sie auch eines Tages zum Weinen bringen würde, wenn ich auszog. Ich hatte ja noch Zeit, dachte ich, bezweifelte aber gleichzeitig, dass meine Mutter in den nächsten Jahren plötzlich ihre Meinung ändern würde. Heirat bedeutete schließlich Ausziehen und Ausziehen bedeutete weniger Geld und Essen für alle.

Da fing Grace plötzlich an zu summen und Luke spielte uns einen Sketch zu Graces Musik vor. Ich vergaß meine Sorgen, als ich das Lächeln meiner Mutter sah, und entspannte mich. Ich hatte seit Ewigkeiten nicht mehr so gelacht.

Als die Dunkelheit hereinbrach, zog Grace eine Kerze aus ihrem Sack. In ihrem Schein saßen wir noch lange zusammen. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals so lange aufgeblieben zu sein. Als die Kerze schließlich heruntergebrannt war, sah man bereits den ersten hellen Schimmer am Horizont.

Wir legten uns schlafen, obwohl ich mir sicher war, dass ich viel zu wenig Schlaf bekommen würde.

Am nächsten Morgen jedoch hörte ich meine Mutter früh in der Küche rumoren, aber ich schlief aufgrund meiner Müdigkeit wieder ein.

Kurz darauf erwachte ich panisch. Ich musste doch Wasser holen, Reis kaufen und in die Fabrik! Ich riss meine Decke so schnell zurück, dass sie meinen Vater im Gesicht traf. Er drehte sich im Schlaf um. Wieso schlief er noch? Wieso hatte meine Mutter uns nicht schon lange geweckt?

Hellwach warf ich mich in mein Gewand und eilte hinaus an den Ofen. Meine Mutter stand seelenruhig davor und murmelte vor sich hin. Sie kochte Reis. Ein Kübel mit Wasser stand bereits in der Ecke und der Tisch war gedeckt. Von draußen kamen Sonnenstrahlen herein. Es musste schon total spät sein!

Da bemerkte meine Mutter mich. »Oh, Morgen, El! Ich wollte dich noch etwas schlafen lassen.« Ihr Tonfall war entspannt, ihre Miene heller, als ich es gewohnt war.

»Wo kommt das Wasser her?«, fragte ich verwirrt. Träumte ich? Ich zwickte mich in den Arm. Es tat weh. Ich rieb mir die wunde Stelle und ärgerte mich über mich selbst.

»Oh, Morgen, Schwester!« Ich blickte auf. Grace streckte den Kopf zur Tür herein. »Luke und ich waren nicht ganz untätig, wo wir euch doch gestern den Schlaf geraubt haben.« Sie lächelte.

»Wie spät ist es?«, fragte ich verblüfft.

Grace zeigte auf die große, schmutzige und vor allem sehr laute Uhr, die in der Ecke auf einem alten Schemel stand. Sie zeigte fünf vor sieben. Ich musste normalerweise um acht in der Fabrik sein und verließ daher zehn Minuten vor acht das Haus.

»Wann bist du aufgestanden?«, fragte ich Grace ungläubig.

Sie lachte über meinen Gesichtsausdruck. »Halb fünf.«

»Aber wir sind doch erst um vier schlafen gegangen!«, rief ich entsetzt. »Warum habt ihr mich nicht geweckt?!«

»Immer mit der Ruhe, Schwesterherz!« Grace zwinkerte mir zu und ich hörte, wie Luke von draußen rief: »Schatz, wo bleibst du?«

Meine Schwester verdrehte die Augen und entschuldigte sich. »Luke kann auch wirklich nichts allein. Sogar zum Dachdecken braucht er Hilfe.« Gespielt verzweifelt warf sie die Hände in die Luft und verschwand dann aus der Türöffnung. Ich hörte noch, wie sie Luke zurief: »Was hast du denn schon wieder angestellt, nicht eine Minute kann man dich alleine lassen! Also wirklich! Sooooo geht das!« Sie lachten beide.

Ich drehte mich zu meiner Mutter um. »Was machen sie?« Sie lächelte. »Die beiden sind so lieb und decken die Hütte mit neuen Planen ab.«

»Und was soll ich tun?«

»In etwa zehn Minuten gibt es Essen. Du kannst den Fußboden aufwaschen.«

Ich holte einen alten Fetzen aus der Ecke und machte mich an die Arbeit. Die ganze Zeit über hörte ich Luke und Grace draußen scherzhaft streiten. Manchmal lachte ich sogar mit. Ich konnte nicht anders.

Ich merkte jedoch, dass meine Mutter nicht mitlachte. Als ich mich umdrehte, sah ich, dass ihre Finger weiß waren, weil sie den Kochlöffel so fest gepackt hatte. Ihre Stirn war in Falten gelegt und sie biss sich auf die Lippe. Das Lachen blieb mir im Hals stecken.

LEANDER

So, das war es dann erst einmal«, bemerkte Maria. »Und?«, fragte ich und versuchte, nicht ungehalten zu klingen. Sie hatte den ganzen Tag Tests an mir durchgeführt und mir immer noch kein Ergebnis mitgeteilt.

Sie schien zwar entspannt zu sein, aber die Entspannung konnte sie mir auch nur vorspielen. Bei Unsterblichen wusste man nie. Und jetzt war ich einer von ihnen. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Das hing vermutlich vom Ergebnis der Tests ab.

»Die Dosis, die ich dir – unabsichtlich – verabreicht habe, war ein bisschen höher als normal. Allerdings noch innerhalb des akzeptablen Bereichs. Du wirst vielleicht ein paar Schwierigkeiten haben, dich an das neue Leben zu gewöhnen. Es ist möglich, dass deine Begabungen entweder stärker ausgeprägt sein werden oder früher auftreten. Vielleicht auch beides.«

Ich musste das erst einmal verdauen. Ich fragte mich, was als »stärker ausgeprägte Begabung« galt. Ich dachte kurz an Laserstrahlen und schüttelte dann unmerklich den Kopf über mich selbst.

»Das ist doch gut, oder?«, fragte ich Maria.

Diesmal wirkte ihr Lächeln echt, und als sie antwortete, schien jede Anspannung verschwunden zu sein: »Wir hatten großes Glück. Aber du hast recht, laut diesen Messwerten bist du völlig gesund.«

Ich setzte mich langsam auf, wobei es mir schwerfiel, mich an Marias Geschwindigkeit anzupassen. Ich hatte noch nie erlebt, dass sich ein Unsterblicher oder eine Unsterbliche schneller als normal bewegt hätte. Nur langsamer. Komisch. Ich fühlte mich, als könnte ich dieselbe Bewegung auch doppelt so schnell machen.

Als ich schließlich auf den Füßen stand, ging ich zu Maria hinüber und schlang ihr meine Arme um den Hals. Ich hatte kurz Angst, dass sie diese untypische Geste missverstehen würde, da mir ihr kurzes Zögern nicht entging, doch dann lachte sie und erwiderte die Umarmung.

Als wir uns schließlich losließen, bedankte ich mich sofort bei ihr.

Sie winkte ab: »Ich weiß nicht, warum die Technik ausgefallen ist. Das System gilt als unfehlbar … Allerdings war die Titanic ja auch nicht so unsinkbar wie behauptet.« Sie lachte. Ich stimmte ein.

»Trotzdem. Du hast vermutlich mein Leben gerettet.«

»So extrem würde ich es nicht formulieren, aber wie auch immer, das ist ja mein Beruf.«

Nach einer kurzen Pause ging sie schließlich zu den holografischen Bildschirmen hinüber und verschob sie. Ich sah, wie sie die Einstellungen öffnete.

Ich trat neben sie und nahm meinerseits einen Bildschirm in Augenschein. Er schwebte auf konstanter Höhe in der Luft und schien normal zu funktionieren. Ich tippte ihn an.

Auf einmal wurde alles schwarz. Die Deckenlampe flackerte ein paar Mal und ging dann wieder an. Ich sah mich um. Maria stand wie versteinert da und starrte die Bildschirme an. Sie waren allesamt schwarz, meiner ebenfalls. Innerhalb des Hologramms zuckten Blitze. Auch Maria hatte sie gesehen. Sie warf mir einen vielsagenden Blick zu.

Ich starrte geschockt auf meine Fingerspitzen. War ich das gewesen? War es meine Begabung, Stromausfälle herbeizuführen oder war das ein Zufall gewesen?

Maria machte ihren Mund auf, schloss ihn wieder, räusperte sich und sagte dann mit wiedergewonnener Stimme: »Ich glaube, ich weiß jetzt, was zu dem Technikausfall geführt hat. Ich habe eine deiner Begabungen entdeckt.«

Als wollten sie das unterstreichen, gingen die Bildschirme wieder an. Meiner blieb schwarz, mit zuckenden Blitzen darin. Ich streckte meine Hand danach aus und sah dann Maria fragend an.

Sie nickte. Ich berührte sanft den Bildschirm. So vorsichtig ich konnte, strich ich darüber. Nichts. Die Blitze schienen mir nichts auszumachen. Die anderen Bildschirme blieben – ebenso wie das Licht – aufgedreht, doch dieser blieb schwarz.

Vorsichtig zog ich meine Hand wieder zurück. Maria schwieg. Schließlich sagte sie: »Ich weiß nicht, ob der noch zu retten ist, aber wenn du noch einmal etwas in die Luft jagst, wäre es mir lieber, wenn du das draußen tätest.« Ihr Gesicht war eine Maske.

»Kommt so etwas öfter vor?«, flüsterte ich.

Sie antwortete auch etwas leiser, flüsterte aber nicht. »Technische Begabungen sind durchaus nicht selten. Ich habe aber noch kein so starkes, destruktives Talent erlebt.« Schließlich setzte sie hinzu: »Komm, ich möchte etwas versuchen.« Sie verschwand zur Tür hinaus, und als ich meinen Körper wieder unter Kontrolle hatte, folgte ich ihr mit zitternden Knien. Sie kam gerade aus einem anderen Zimmer. In der Hand hielt sie alt aussehendes technisches Equipment. Eine Kamera mit Stativ, einen Computer, etliche Kabel und diverse, für mich unidentifizierbare Elektrogeräte.

Ich zog eine Augenbraue hoch.

»Ich will wissen, was passiert, wenn du wirklich versuchst, absichtlich etwas zu zerstören.«

Ich blieb wie angewurzelt stehen. War ihr die Vorführung im Zimmer nicht genug gewesen?

»Was, wenn ich jemanden verletze?« Meine Stimme war blank.

»Ich werde beiseite gehen«, sagte sie unbeeindruckt. Ich erinnerte mich daran, dass sie mir erzählt hatte, dass sie in schwierigen Situationen nur selten den Kopf verlor.

Sie hielt mir wortlos die Tür nach draußen auf. Ich setzte meine Beine in Bewegung und ging vor ihr nach draußen.

Vor der Tür waren meine Sorgen für eine Sekunde völlig vergessen. Alles war so … scharf. Ich spürte jeden Windhauch, während die Kälte überhaupt nicht so schlimm schien. Ich konnte die Temperatur problemlos bestimmen, ich fühlte sie auf der Haut, doch sie war nicht richtig unangenehm. Sie stellte für meinen Körper keine Gefahr mehr dar.

Zum Glück war Merlin nicht zu sehen, ich wollte ihn nicht auch noch kaputt machen. Ich fragte mich abwesend, was er wohl machte.

Hinter mir fiel die Tür ins Schloss. Maria ging an mir vorbei hinaus auf den leeren Parkplatz. Dort baute sie das technische Equipment auf.

Ich stand daneben und fühlte mich unnütz. Ich hätte ihr ja geholfen, wenn ich nicht Angst gehabt hätte, alles in die Luft zu jagen, während Maria danebenstand.

Als sie fertig war, trat sie zurück und deutete mir mit einer Handbewegung, dass ich anfangen sollte.

In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Ich wollte Maria nicht verletzen. Kühler Kopf hin oder her – sollte sie nicht noch einen Schritt zurücktreten?

»Mach schon«, flüsterte sie.

Unsicher hielt ich meine Hand an die Geräte. Nichts.

»Du sollst nicht versuchen, nichts kaputt zu machen, sondern alles. Lass deinen Gefühlen freien Lauf. Lass deine Energie durch das System jagen.«

Ich sah sie an und machte deutlich, dass ich ihren Geisteszustand für fragwürdig hielt, doch dann berührte ich wieder den Bildschirm eines alten Computers.

Diesmal schickte ich in Gedanken meine Energie aus und bekam sofort eine Rückmeldung. Ich konnte jedes Kabel, jeden Draht, jede Platine und jeden Speicher spüren. Ich versuchte, wütend zu werden. Es fiel mir nicht schwer. Musste ausgerechnet ich ein Talent haben, das mein Leben gefährdete? Und Marias? Ich bündelte meine Wut und schrie auf.

In diesem Moment jagte ein Stromstoß durch die Kabel. Funken stoben auf, ein Kabel fing Feuer und ein Miniblitz schlug durch das Kamerastativ in den Boden ein, wo er einen schwarzen, rauchenden Fleck hinterließ.

Maria war stocksteif wie eine Statue, aber unverletzt. Ich jedoch war außer mir vor Wut.

Die Anspannung der letzten paar Stunden machte sich nun bemerkbar. Ich hatte fast mein Leben verloren, die Geräte im Haus ausgeschaltet, den Parkplatz angezündet und einen Blitz hervorgerufen. Und Maria stand einfach daneben! Als wäre das hier ein gelungenes Experiment!

Ich hatte kein einziges Gerät berührt, aber ein Blitz schoss aus meiner Hand und setzte die noch nicht brennenden Geräte in Brand. Ich hörte es knallen und knacken, als mehrere Maschinen explodierten. Wieder schlug ein Blitz aus dem Stativ in den Boden ein. Diesmal schmolz die Glas-Holz-Mischung am Boden zu einer Lache.

Sekunden später stand ich inmitten einer brennenden Elektroschrotthalde.

Diesmal sah auch Maria verschreckt aus und trat einen Schritt zurück. Meine Wut verrauchte und ich fragte mich leicht nervös, wie ich aus den Flammen wieder herauskommen sollte. Unverletzt, wenn möglich.

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