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T.D. Amrein

Codename Travertin

Krügers Kampf mit (k)alten Kriegern

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

8. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

Impressum neobooks

Prolog

Die wichtigsten Protagonisten in der Reihe Krügers Fälle

(Haupt) Kommissar Max Krüger 50, Dienststelle Freiburg im Breisgau

Seine Lebensgefährtin Elisabeth Graßel 50

Kommissar Eric Guerin 37, Kripo (Police judiciaire) Colmar, Elsass, Frankreich

Kommissar Kaspar Gruber 47, Kripo Basel, Schweiz

Seine Lebensgefährtin Sonja Sperling

Krügers Team in Freiburg:

Michélle Steinmann 31, Krügers Liebling und vorgesehene Nachfolgerin

Kriminalrat Peter Vogel 60, Chef der Dienststelle Freiburg

Dr. Franz Holoch, Pathologe, unberechenbarer aber sympathischer Egozentriker

Erwin Rohr, Chef Spuren und sein besonders begabter Mitarbeiter Helmut Paschke

Krügers Assistenten Otto Grünwald 35, Thomas Sieber 34

Sekretärin Susanne Trautmann 45 guter Geist des Reviers

Grubers Team in Basel:

Sein Assistent Bruno Finger, Adrian Betschart, leitender Staatsanwalt und Grubers Chef

Pathologe in Basel Dr. Norbert Diener.

Spuren Markus Känzig.

Sekretariat Kirsten Hohenauer.

***

Freiburg im Breisgau, Mai 1985

Das Hotel sah innen genauso aus, wie es von außen wirkte. Schäbig und heruntergekommen. Und selbstverständlich kein Mensch an der Rezeption.

Der Mann im grauen Anzug schlich sich auf die Treppe zu Zimmer 121. Im ersten Stock führte ihn ein ehemals roter Läufer zum Flur mit den Gasträumen. Behände schraubte der Besucher einen Schalldämpfer auf den Lauf der schweren Pistole. Magnum, Kaliber 357. Das Opfer würde kaum etwas mitbekommen. Etwaige Nachbarn ebenso wenig.

Der Mann klopfte sanft mit dem Knauf der Waffe an die Zimmertür, der er den Rücken zuwandte.

Einige Sekunden verstrichen. Dann wurde die Tür ein Stück weit nach innen geöffnet.

Keine weitere Reaktion. Und auch sonst war nichts zu hören. Der Besucher wartete gespannt ab. Konnte es ein Trick sein?

„Komm endlich rein!“, erklang es schließlich ungeduldig. „Worauf wartest du?“

Der Bewohner erwartete also Besuch. Wohl kaum den, der vor der Tür stand.

Ein kleiner Schubs am Türblatt ließ einen Einblick über die Schulter zu. Der Hotelgast wühlte in einer Tasche, die direkt hinter der Tür auf dem Garderobenmöbel im Eingangsbereich stand. Seinen Besucher würdigte er keines Blickes.

Der Mann im grauen Anzug schob sich in den Raum und schloss leise die Tür hinter sich.

Ein unauffälliger, dumpfer Knall, der an das Öffnen eines Bügelverschlusses erinnerte. Auf dem Hinterkopf des Gastes erschien ein sauberes, kreisrundes Loch. Die wühlenden Hände erstarrten. An der Wand vor dem Mann erschien schlagartig ein blutiger Niederschlag, durchsetzt mit roten Fetzen. Fast geräuschlos sackte das Opfer zusammen.

Der Schütze behielt die Waffe im Anschlag. Falls sich weitere Personen im Raum befanden, würden sie das gleiche Schicksal erleiden.

Nichts rührte sich.

Mit vorgestreckter Pistole schob er sich um die Ecke des Eingangsbereichs.

Leer.

Jedoch die Tür zum Bad schien verschlossen. Durch das Schlüsselloch ließ sich kein Licht erkennen, wie er neben der Tür kniend, feststellte. Aus sicherer Deckung drückte er mit dem Lauf auf die Klinke. Die Tür gab nach, öffnete sich nach innen und schlug gegen die Wand. Ein kurzer Blick in den Raum brachte Gewissheit. Genauso leer wie das restliche Zimmer.

Erledigt. Ohne Aufsehen, wie versprochen. Der Auftraggeber würde begeistert sein.

Der Schütze spulte seine Routine ab. Das Ziel hatte er klar erkannt, auch wenn er ihn nur im Profil gesehen hatte. Die Haarfarbe und der markante Schnäuzer passten. Zudem stimmten Zeit und Ort. Insgesamt absolut akzeptabel.

Jetzt, nach dem Schuss, ließ sich das Opfer nicht mehr erkennen. Die 357er Munition richtete beim Austritt in einem Gesicht, großflächigen Schaden an.

Etwas zu hinterlassen oder mitzunehmen war nicht bestellt worden.

Ein Auftrag, den ein Profi wie er mit leichter Hand erledigte. Dabei half ihm die zunehmende Erfahrung. Wenn er daran dachte, wie nervös er bei seinen ersten Einsätzen gearbeitet hatte …

Inzwischen dürfte er zu einem der Besten in Europa geworden sein. Sobald sich das noch etwas weiter herumsprach, konnte der große, finale Auftrag kommen. Derjenige, der ihm einen ruhigen Lebensabend ermöglichen würde.

Danach brauchte er sich nur noch mit Dingen zu beschäftigen, die ihn wirklich interessierten. Die absolute Sorgfalt der letzten Jahre würde sich dann bezahlt machen. Das Leben gestaltete sich so einfach, wenn man zur Elite zählte.

Leise zog er die Tür, die er natürlich zuvor mit dem „Bitte nicht stören“ Schild versehen hatte, von außen zu. Aus reinem Eigennutz. Der Tote brauchte keine Ruhe mehr. Jedoch er, einen kleinen Vorsprung.

Er würde diese Gegend in der näheren Zukunft meiden. Wie immer.

***

Armin Schuppers lief leise fluchend durch den Nieselregen. Irre Hektik heute: Das Wetter, die im Geldautomaten vergessene Karte und der alte Jugendfreund, der ihn einfach überfallen hatte, ohne vorher zu fragen.

Die Karte war weg. Eigentlich völlig klar. Trotzdem hatte Armin sich vergewissern wollen, ob sie nicht doch von einem Gutmenschen irgendwo deutlich sichtbar hingelegt worden war.

Eine neue Karte zu bekommen stellte an sich kein Problem dar. Es sei denn, man lebte so wie Armin unter falscher Identität. Seinen richtigen Namen, Heinrich Lehmann, hatte er schon seit längerer Zeit nicht mehr gehört. Bis heute Nachmittag am Bahnhof.

Ein Finger hatte sich schmerzhaft in seine Brust gebohrt. „Ach du Scheiße, du bist doch der Hein, oder nicht?“

Abstreiten, völlig zwecklos. Sie hatten in der Schule jahrelang nebeneinandergesessen.

Zum Glück lag der Bahnhof nicht in der Stadt, in der Armin lebte. Ein Seminar, das in Freiburg stattfand, hatte ihn hierher verschlagen.

Ein gemeinsamer Saufabend. Dann würden sich ihre Wege wieder trennen. Deshalb der Gang zum Geldautomaten, der für Armin auch etwas Zeit brachte, um sich eine Strategie auszudenken. Das hatte Malte noch verstanden. Aber als Armin zum zweiten Mal aufbrach, reagierte Malte misstrauisch. „Du spielst mir doch was vor“, argwöhnte er.

Armin bestritt das natürlich. Wenig überzeugend vermutlich. Und deshalb war Malte ziemlich angepisst im Hotel zurückgeblieben.

Das Schild an seiner Zimmertür ließ Armin stutzen. Dann erinnerte er sich. Malte liebte solche Späße.

Armin schaffte es nicht mehr bis ins Bad, um sich auszukotzen. Er hatte gedacht, schon einiges gesehen zu haben. Aber das hier, überstieg seine Vorstellungskraft bei weitem.

***

Stunden hatte er gebraucht, um sich zu entscheiden. Abhauen, die Polizei rufen oder die Gelegenheit nutzen?

Sein Kontaktmann hatte vor kurzem versucht, ihn zu warnen. „Ich soll mich vorsehen, ob ich nach der Übergabe verfolgt werde. Das machen die nur, wenn sie denken, dass du auch an die Gegenseite lieferst“, hatte er ihm zugeflüstert.

Armin hielt das für berufsbedingten Verfolgungswahn. Er ein Doppelagent? So ein Quatsch!

Maltes Ausweise ließ er verschwinden. Ab jetzt hieß der Tote Armin Schuppers. Zum Glück besaß Armin noch die Notfallidentität, die sie ihm schon zu Anfang gegeben hatten. Sein neuer Name lautete Frank Berger. Von Beruf natürlich auch Ingenieur.

Waldtraut würde er ohnehin nicht weiter helfen können. Möglicherweise hatten die Schweine sie auch schon erledigt. Er versuchte, den Gedanken zu verdrängen.

Ein ganz neues Leben beginnen. Alles, wirklich alles hinter sich lassen. Dass die beim Decknamen F. Berger sorgfältig „legendisiert“ hatten, konnte er voraussetzen. Dass ihre Fantasie nicht soweit reichen würde, dass er den Namen trotz allem, was passiert war, noch benutzen würde, ebenso.

1. Kapitel

Berlin, Mai 1998

Karlheinz Huber, Beamter der BStU, also des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, betrachtete nachdenklich das unvollständig zusammengeklebte Blatt Papier, das vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Es stammte mit Sicherheit aus der Akte eines sogenannten „IM-Vorgangs“. In diesen Vorgängen wurde die Anwerbung und Führung sogenannter IMs, im Volksmund ganz einfach Spitzel genannt, schriftlich festgehalten.

Das Blatt hatte man aus „beschädigtem Schriftgut“ zusammengestellt. Also aus in aller Eile zerrissenen Papieren, die im MfS, dem Ministerium für Staatssicherheit, anlässlich der Wende sichergestellt worden waren.

Eines von vielen Schriftstücken dieser Art. Jedoch der darauf vermerkte Deckname „Travertin“, war früher bereits auf einem Mikrofilm aufgetaucht. Und dieser Film zeigte möglicherweise eine Liste der zu DDR Zeiten im Ausland tätigen Agenten.

Huber hatte sich inzwischen an die seltsam anmutenden Abkürzungen wie RV für Reiseverkehr oder EH für Erich Honecker gewöhnt. Ebenso wie an Umschreibungen wie „Zielstellung“ oder „legendisieren“. Aber die Bezeichnung „Imperialistische Spionage“ fand sich nur selten in solchen Akten und fiel deshalb besonders auf.

Das hatte im DDR-Jargon normalerweise bedeutet, dass jemand als Agent für einen westlichen und damit feindlichen Staat arbeitete.

Eine nicht näher definierte Aktion hatte im „Operationsgebiet“ (abgekürzt „OG“, die im MfS gebräuchliche Bezeichnung für Westdeutschland) stattgefunden. Genauer gesagt in Freiburg im Breisgau. Am 10. Mai 1985. Der Name des Spitzels hatte Armin Schuppers gelautet. Auch seine Fingerabdrücke waren vorhanden. Jedoch weitere Angaben, wie ein Bild oder eine Personenbeschreibung, fehlten.

Hubers Nachforschungen in alten Zeitungen hatten ergeben, dass am 11. Mai 1985 in Freiburg ein offenbar am Vortag erschossener Hotelgast tot aufgefunden worden war.

Grund genug, nach Freiburg zu reisen, um vor Ort Aufklärungsarbeit zu leisten.

***

Kommissar Max Krüger hatte es sich nicht nehmen lassen, den Beamten aus Berlin persönlich in Freiburg zu empfangen und zu betreuen. Sie hatten einige Telefonate geführt, bevor das Treffen stattfand.

Ein Foto des Opfers existierte nicht. Zumindest keines, auf dem sein Gesicht erkennbar gewesen wäre. Den gemeinsamen Anhaltspunkt bildeten die Fingerabdrücke. Huber hatte sie in seinem Aktenfragment gefunden und Krüger in den Unterlagen des ungeklärten Falles.

Während sich Erwin Rohr, der Leiter der Spurensicherung in Freiburg, mit den vom BstU gelieferten Prints ins Labor verzog, blätterte Huber die Akte aus dem Archiv der Freiburger Polizei durch.

Diese Berichte kannte Krüger auch bloß rudimentär. Der Vorfall hatte sich lange vor seiner Zeit in Freiburg ereignet. Darüber, dass eine Untersuchung des Fundortes nach dreizehn Jahren kaum noch neue Erkenntnisse bringen konnte, waren er und Huber sich im Klaren.

Trotzdem wollte Huber versuchen, Personal des Hotels aus dieser Zeit zu finden und zu befragen. Mit etwas Glück arbeitete vielleicht sogar heute noch jemand im Hotel, der die Sache miterlebt hatte. Und der sich an Fakten erinnerte, die damals niemand aufgeschrieben hatte. Zum Beispiel, aus welchem Grund das Opfer Freiburg besucht hatte?

Das Hotelpersonal war natürlich befragt worden. Jedoch der Schwerpunkt der Fragen, hatte eher auf dem Vorgang selbst, gelegen. Woher das Opfer stammte, konnte seinerzeit offenbar überhaupt nicht geklärt werden.

Allerdings, als Erstes sollte Rohr die Übereinstimmung der Fingerabdrücke klarstellen.

Huber hoffte, durch diese Nachforschungen neue Erkenntnisse über die Machenschaften des Ministeriums für Staatssicherheit im Westen zu erhalten. Und die Polizei in Freiburg sollte mit neuem Elan versuchen, den Mörder zu finden.

Rohrs leicht verwirrt wirkender Gesichtsausdruck, als er Krügers Büro betrat, ließ bereits auf Ungewöhnliches schließen. „Tut mir leid, meine Herren! Die Fingerabdrücke sind völlig verschieden“, ließ er die Bombe platzen. Es handelt sich mit Gewissheit um zwei Personen.

Rohr schüttelte auf die in den Raum geworfene Frage Hubers, ob ein Irrtum möglich sei, kaum merklich den Kopf.

Stille.

Rohr räusperte sich. „Womöglich könnten die einen die Prints des Mörders sein“, mutmaßte er. „Wir lassen sie gerade noch einmal durch das AFIS (Automatisches-Fingerabdruck-Identifikations-System) laufen. Obwohl der erste Durchgang nichts gebracht hat“, schwächte er ab.

„Nun ja, ausschließen lässt es zwar kaum“, antwortete Huber nachdenklich. „Aber die Fingerabdrücke eines Liquidators offen in einer solchen Akte. Das kann ich mir nicht vorstellen.“

Krüger horchte auf: „Liquidator? Hat es sowas gegeben?“

„Beweise gibt es dafür keine.“ Huber zuckte mit den Schultern. „Aber solche Tötungen im Ausland haben stattgefunden. Irgendjemand musste die ausführen. Dass das Regime die Killer sozusagen auf dem freien Markt rekrutiert hat, halten wir für unwahrscheinlich. Es ist aber natürlich trotzdem möglich.“

„Also ist der Stand der Erkenntnisse nicht besonders hoch“, brummte Krüger, um es möglichst höflich auszudrücken.

Huber nickte. „Wir sind auch keine Behörde, die aktiv ermittelt. Wir sichten Akten und werten sie aus. Kleine Ausnahmen, so wie heute, bestätigen bloß die Regel!“

Krüger nickte verständnisvoll. „Ich sehe mir das Hotel auf jeden Fall an. Wollen Sie vielleicht mitkommen, damit Ihre Reise nicht ganz umsonst bleibt?“

Huber nickte. „Ja, gerne!“

„Es ist nicht weit. Wir können zu Fuß gehen“, schlug Krüger vor.

Straße und Hausnummer fanden sie ohne Mühe. Allerdings standen sie vor einem Schuhgeschäft. Von einem Hotel keine Spur. Das Gebäude wirkte nicht wie frisch renoviert. Der Umbau musste also schon kurz nach dem Vorfall stattgefunden haben.

„Reinfall auf der ganzen Linie“, konstatierte Huber. „Wenn schon, denn schon. Einfach nur Pech mit diesem Fall. Wenn erstmal der Wurm drin ist …“

„Sieht ganz so aus“, gab ihm Krüger Recht. „Hier ist auf jeden Fall nichts mehr zu holen.“

Huber sah auf seine Uhr. „Ich wollte ja eigentlich bis morgen bleiben. Aber ich sehe gerade, dass ich den Nachmittagszug noch schaffen könnte!“

„Soll ich Sie begleiten?“, fragte Krüger.

„Nein danke! Mein Hotel ist direkt um die Ecke, und den Weg zum Bahnhof habe ich mir gemerkt.“

Huber streckte die Hand aus. „Auf Wiedersehen, Herr Kommissar. Wenn Sie mich auf dem Laufenden halten könnten, wäre ich Ihnen dankbar!“

Krüger versprach es und ließ ihn ziehen. Nachdenklich betrachtete er das Gebäude. Nur Pech? Oder es hatte jemand sehr gründlich die Spuren verwischt, ging ihm durch den Kopf.

Wie auch immer. Außer den Fingerabdrücken aus Berlin hatte er nichts Neues. Die konnten von irgendjemandem stammen. Möglicherweise sogar eine bewusst gelegte, falsche Fährte. Und falls die Person, zu der die Prints gehörten, doch noch auftauchen sollte? Was würde das beweisen? Eigentlich nichts.

Nur ein konkreter Treffer im AFIS, mit entsprechendem Hintergrund, könnte vielleicht eine neue Spur ergeben.

Krüger setzte sich in ein Café, um darüber nachzudenken, wo er sonst ansetzen könnte. Auf jeden Fall rausfinden, wem das Gebäude gehörte. Wann genau wurde es renoviert? Ob sich auch nur der Hauch einer Verbindung zur DDR finden ließ? Immerhin denkbar. Außerdem sollte er die gesamte Akte unter diesem Aspekt gründlich durcharbeiten lassen. Am besten von jemandem, der sie noch nicht kannte. Also beispielsweise von ihm selbst, spann er den Gedanken weiter.

Er konnte den Hefter am Abend nach Hause mitnehmen und ihn seiner Lebenspartnerin Elisabeth zeigen. Sie hatte die ausgezeichnete Gabe, seltsame Vorgänge und Ungereimtheiten leicht zu erkennen. Klar war es verboten, Ermittlungsakten mit Außenstehenden zu besprechen. Aber Krüger hatte sich längst damit abgefunden, dass nicht immer alles perfekt sein konnte.

Und Elisabeth schwieg eisern, das wusste er inzwischen. Zumindest über den Inhalt der Akten nach außen. Ihn selbst in schwierige Diskussionen aufgrund seiner Schlüsse zu verwickeln blieb hingegen etwas, das sie liebte. Dieses Vorgehen hatte ihm schon mehrmals neue Ansätze beschert, auf die er allein kaum gekommen sein dürfte.

Die Besitzverhältnisse der Gebäude, die das ehemalige Hotel umfasst hatte, konnte Grünwald abklären. Der mochte solche Aufgaben.

Ob der damals schon bei der Truppe in Freiburg gearbeitet hatte? Vermutlich kaum. Und Sieber erst recht nicht. Der war noch ein Jahr jünger. Außerdem müsste ihm ein von den beiden verfasster Bericht in der Akte sofort aufgefallen sein. Und Michélle? Die zählte keine dreißig Jahre. Also ganz klar nicht. Blieb noch Polizeirat Vogel, der Chef der Freiburger Kripo. Den würde er fragen müssen.

Wie es bei Erwin Rohr aussah, konnte Krüger sich denken. Der hätte ihn bestimmt darauf hingewiesen, wenn er den Tatort damals selbst untersucht hätte.

Und Doktor Holoch, der Pathologe? Über ihn wusste Krüger kaum etwas. Aber in der Akte wurde natürlich auch vermerkt, wer damals den Bericht der Rechtsmedizin verfasst hatte. Das konnte Krüger einfach nachsehen. Allerdings musste er unbedingt vermeiden, dass sein Chef davon erfuhr, dass Krüger ab und zu, Akten nach Hause mitschleppte.

Wenngleich er sich kaum vorstellen konnte, dass Vogel, der bei den Besprechungen stets die Verschwiegenheit aller Beteiligten als wichtiges Kriterium betonte, noch niemals mit seiner Frau über einen Fall gesprochen hatte.

2. Kapitel

Frank schrak hoch. Hatte er geschlafen, während die Blondine, die er gestern Abend auf seine Bude mitgeschleppt hatte, verschwand? Der Zettel auf dem Nachttisch mit einem Namen und einer Telefonnummer ließ ihn beruhigt zurücksinken. An seine Wertsachen kam ohnehin niemand so leicht heran. Das Bett stand auf dem Brett, unter dem das Geheimfach lag.

Trotzdem, unvorsichtig blieb es in seiner Situation. Alles, was er besaß, trug er mit sich oder es lag in diversen, mehr oder weniger, sicheren Verstecken.

Das möblierte Zimmer, das er seit immerhin drei Monaten, für seine Verhältnisse eine lange Zeit, bewohnte, vermietete ein zwielichtiger Typ. Der weder Wert auf Zahlungsbelege noch auf Anmeldung bei den Behörden legte. Bar und im Voraus blieb das Einzige, das zählte.

Eine Doku über Schatzgräber hatte ihn in die Gegend gelockt. Frank besaß zwar keinen Fernseher, jedoch stand in den meisten dieser Buden einer herum. Schatzsuche war illegal, klar, aber das war Frank schließlich selbst auch. Schon nur deshalb passte es zu ihm.

Nicht, dass er freiwillig so lebte. Er hatte studiert und danach als begabter Ingenieur in der Industrie gearbeitet. Knapp fünfundzwanzig, ungebunden, neugierig und vielseitig interessiert. Damals hatte ihm die ganze Welt offen gestanden. Bis es passierte: Sie hatte ihn von der ersten Sekunde an fasziniert. Hätte sie von ihm verlangt, von einem Dach zu springen, vermutlich hätte er es getan. Aber das war es nicht, was sie sich von ihm gewünscht hatte. Sie befand sich auf Auslandsreise. Im Westen.

Solche Reisen hatte man damals nur selten und nur vertrauenswürdigen Parteimitgliedern gewährt. Um sie wiederzusehen, hatte er ihr also einen guten Grund liefern müssen, damit man sie erneut ausreisen ließ. Zum Beispiel die Beschaffung von Informationen über Verfahren oder Anlagen, die sie nur durch direkten Kontakt erhalten konnte. Dass sie bei ihrer ersten West-Reise ausgerechnet auf einen jungen Ingenieur gestoßen war. Welch ein grandioser Glücksfall …

Frank, der damals allerdings noch Heinrich Lehmann geheißen hatte, interessierte das alles nicht wirklich. Wenn sie bloß wieder in seinen Armen liegen würde. Die paar Pläne, die er ihr bis dahin besorgt hatte, waren ohnehin längst zu Allgemeinwissen geworden. Wie hätten die irgendeinen Schaden anrichten können?

Das Wiedersehen hatte stattgefunden. Es ließ Frank in einen Liebestaumel versinken, wie er ihm niemals wieder erleben sollte.

Die Zeichnung, die er als Gegenleistung für diesen Traum beschafft hatte, sah doch bereits etwas moderner aus. Immer noch keine Sensation, aber immerhin. Seinen Job hätte es ihn bestimmt gekostet, wenn das bekannt geworden wäre. Und ob er jemals wieder eine Arbeit in einer Firma, die sich mit Forschung und Entwicklung beschäftigte, bekommen könnte? Vermutlich nicht.

Nach ein paar Tagen hatte er Besuch von einigen Herren in seltsam unmodischen Anzügen erhalten, die ihn anwerben wollten. Er hatte sie ausgelacht und als Witzfiguren bezeichnet. Die sich dazu noch einbildeten, irgendeine Rolle in der Welt zu spielen.

Ein Fehler, den er bitter büßen musste. Wieder einige Tage später hatte ihm jemand eine Pistole in den Rücken gedrückt, als er am Abend seine Bude aufschließen wollte. Von den zurückgekehrten Witzfiguren wurde er unsanft in die Wohnung geschoben.

Nachdem sie ihm die Bilder der brutal zusammengeschlagenen Waldtraut gezeigt hatten, war er auf alles eingegangen, was sie verlangten. Er hatte auch nicht mehr an ihrer Drohung gezweifelt, dass sie ihm sogar einen Finger von ihr schicken würden, wenn er nicht spurte.

Ab und zu hatte er einen Brief von ihr erhalten. Sie hatte von Verbesserungen ihrer Situation berichtet oder ihn gebeten, sich mehr anzustrengen, weil sie jeden Unmut des MfS auszubaden hatte.

Deshalb hatte er brav abgeliefert, was er kriegen konnte. Bis die Sache mit Malte passierte. Dass der Killer eigentlich ihn erledigen wollte, lag außerhalb jedes Zweifels. Sein Kontaktmann hatte ihn zu warnen versucht. Frank hatte es jedoch nicht ernstgenommen. Bloß weil Malte an diesem Tag unerwartet aufgetaucht war, ließ sich die Sache so hinbiegen, als ob sie tatsächlich ihn erwischt hätten.

Frank hatte niemals auch nur daran gedacht, irgendwelche Dinge über die DDR zu erfahren und sie im Westen einem Geheimdienst anzubieten. Wie auch? Er reiste nie in den Osten und hatte keinerlei direkten Kontakt zu Waldtraut oder zu anderen Ostbürgern. Bloß mit dem Kontaktmann hatte er sich im Lauf der Zeit einigermaßen angefreundet. Trotzdem verdankte Frank es nur reinem Zufall, dass er überlebt hatte. Und, dass das offenbar keiner der Witzfiguren aufgefallen war.

***

Für diesen Abend hatte Frank ein weiteres Treffen mit dem örtlichen Denkmalpfleger und einem interessierten Käufer. In der Nähe einer Fundstelle.

Der Denkmalheini hatte seine Laufbahn ausschließlich deshalb eingeschlagen, weil er im Laufe der Zeit von den Schätze die im Boden lagerten und niemandem gehörten, einen Teil für sich abzweigen wollte.

Der Denkmalpfleger glaubte, Frank in der Hand zu haben, weil er ihn beim Ausgraben von einigen Münzen erwischt hatte. Aber Frank hatte schnell gespürt, dass da noch etwas Anderes dahintersteckte. Die Gier, mit der der Mann die Münzen betrachtet hatte, ließ sich zu deutlich erkennen.

Nach kurzem Geplänkel hatten sie sich darauf geeinigt, das Frank weitersuchen durfte, wenn er bereit sei, den Erlös der Funde zu teilen.

Frank, als Fremder, konnte bei Tag suchen und sich notfalls als genauso harm- wie erfolgloser Hobby-Schatzsucher-Tourist ausgeben. Da der große Schatz bisher ausgeblieb, hielt sich Frank an diese Abmachung. Schließlich verwandelte der Denkmalpfleger inzwischen Franks Funde direkt in Bargeld.

Heute sollte eine, wie Frank vermutete, Gürtelschnalle an den Mann gebracht werden. Der Denkmalpfleger hatte etwas von einer Fibel geschwafelt, aber Frank wusste, dass er sich gerne mit Fachausdrücken wichtigmachte. Trotzdem schien dieses Stück etwas Besonderes darzustellen. Die Ehrfurcht des Beamten ließ sich förmlich spüren. Auf jeden Fall würde Frank genau darauf achten, ob ihn der Kerl über den Tisch ziehen wollte oder nicht.

Auch der Kunde betrachtete das Stück mit großer Begeisterung. „Kaum zu glauben! Eine keltische Gewandfibel!“, rief er aus.

Der Denkmalpfleger zuckte zusammen. „Nicht so laut“, versuchte er zu dämpfen.

Der Kunde sah sich um. „Ist doch keiner in der Nähe“, stellte er trocken fest.

Es war noch hell. Und der kleine Rastplatz an der Landstraße, der als Treffpunkt diente, wirkte tatsächlich menschenleer. Dass sich jemand im Gebüsch versteckte, blieb kaum zu erwarten.

Jedoch für Frank und den Denkmalheini, beide gewohnt, vorsichtig zu sein, trotzdem kein Grund, es auszuschließen. Wer sich länger in der Illegalität bewegte, entwickelte mit der Zeit entweder einen Instinkt für Gefahren oder er hielt sich nicht sehr lange.

Der Kunde schien von solchen Dingen weit entfernt. „Was soll sie denn kosten, Herr Meyer?“, wollte er wissen.

„Machen Sie einen Vorschlag“, brummte der als Meyer angesprochene Denkmalpfleger. „Diese Fibel ist eigentlich unbezahlbar und gehört ins Museum, das wissen Sie selbst!“

Der Kunde nickte. „Zehntausend?“, ließ er hören.

Frank, angenehm überrascht, entfuhr ein deutliches „Oh!“, was ihm erstaunte Seitenblicke, der anderen beiden eintrug.

„Ein Museum zahlt deutlich mehr“, brummte Meyer. „Und außerdem ist es dann legal.“

Der Kunde lachte glucksend. „Jedoch nur, wenn bisher kein Museum über den Fund Bescheid weiß, können Sie das Stück einfach so verkaufen. Das ist mir auch klar. Oder wofür halten Sie mich?“

Meyer zuckte mit den Schultern. „Wir könnten es zurücklegen und dann ganz offiziell ausgraben.“

„Okay, ich will mich ja nicht mit Ihnen streiten“, gab der Kunde nach. „Außerdem bin ich stets an weiteren Funden interessiert. Also, fünfzehn! Das ist die Grenze. Mehr geht nicht!“

Meyer nickte. „Einverstanden!“

Der Kunde zählte das Geld ab und Meyer nahm die Scheine ohne sichtbare Regung in Empfang.

„Sie wissen ja, wie Sie mich erreichen können“, fügte der Kunde, bereits am Einsteigen, an.

Meyer hob die Hand und nickte zustimmend. „Klar! Ich melde mich.“

„Du siehst“, wandte sich der Denkmalheini an Frank. „Ich bin ehrlich zu dir, sonst wärst du nicht hier. Wir teilen brüderlich. Halbe-halbe, keine Alleingänge. Ich zeige dir, wo es sich zu suchen lohnt, du gräbst und lieferst!“

Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, hielt er ihm die Hälfte des Geldes unter die Nase.

Frank zupfte ihm die Scheine mit einer ausholenden Bewegung aus der Hand. „Stets Ihr braver Diener, Herr Meyer“, fügte er lächelnd an.

„So solltest du mich in Zukunft auch nennen!“, brummte dieser. „Und halt bitte die Klappe, wenn wir verkaufen. Ich sage dann …“ Er überlegte kurz. „Heiner zu dir. Unsere richtigen Namen braucht keiner zu wissen.“

Frank zuckte leicht zusammen. Er hielt den Denkmalpfleger für einen Trottel. Aber irrte er sich? Wollte der ihm zeigen, dass er mehr wusste? Oder nur ein blöder Zufall, dass er ihn ausgerechnet Heinrich nennen wollte? Seinen Taufnamen, den er seit Jahren geheim hielt?

***

Der nächste Tag, mild und sonnig, wie es sich für Anfang Juni gehörte, begann für Frank mit der Suche in einem idyllischen Tälchen, das ein munterer Waldbach in den Berg gegraben hatte. Das Tal stieg nur ganz sanft an und verlief mit kleinen Abweichungen immer nach Westen. Selbstverständlich stammte der Hinweis auf die Örtlichkeit vom Denkmalpfleger. Der vermutete, dass dieser Geländeeinschnitt in alten Zeiten als Weg gedient haben könnte. Das würde bedeuten, dass er zum Beispiel auch von Römern, die hier rund 500 Jahre lang geherrscht hatten, regelmäßig begangen wurde. Im Verlauf eines halben Jahrtausends geht so einiges verloren auf langen Märschen. Und nicht zu vergessen, dass bei vermuteter Gefahr, Reisende oft ihre Wertsachen kurzerhand an Ort und Stelle vergraben hatten, um sie vor Dieben zu schützen. Dass sie diese nicht immer zurückholen konnten, blieb immerhin zu vermuten.

Da der Bach bei jedem Unwetter für Veränderung sorgte, hatten die Ufer wenig Bestand. Wohl deshalb standen direkt am Wasser keine großen, alten Bäume.

Frank rief sich in Erinnerung, was ihm der Denkmalpfleger dazu erklärt hatte. „Auch wenn es heute kaum noch vorstellbar ist: Früher“, so hatte er doziert, „früher galt der Wald als der natürliche Feind des Bauern. Der sich das ihm mühsam abgetrotzte Ackerland immer wieder zurückzuholen versuchte. Jedoch nicht nur für die Bauern stellte der allgegenwärtige Urwald ein gewaltiges Hindernis dar. Sondern auch für Reisende, Truppen oder Händler.

Versuche, die Landschaft zu lesen! Stell dir vor, wie es damals ausgesehen haben könnte. Wo würde man sich ansiedeln? Zum Beispiel an Stellen, die über Wasser und Sonne verfügen. Aber nicht direkt an viel begangenen Wegen, wo man jederzeit damit rechnen musste, überfallen zu werden, in diesen unsicheren Zeiten.

Außer, man konnte sich durch Mauern und Befestigungen schützen. Für deren Bau und Verteidigung man allerdings eine gewisse Mindestanzahl an Menschen benötigte. Die dann auch entsprechend ein Stück Land in der Nähe zur Selbstversorgung finden mussten. Von Dienstleistungen konnte damals nur ein sehr geringer Teil der Leute leben. Solche Stellen findet man häufiger bei Übergängen an Flüssen oder an ähnlichen, durch natürliche Hindernisse begrenzten Arealen.

Selten, aber äußerst gefragt dürften freiliegende, senkrechte Felsen gewesen sein. In die man sich in Spalten oder Grotten zurückziehen und gut verteidigen konnte.

Doch diese Plätze sind alle längst abgegrast. Deshalb ist Fantasie gefragt! Zum Beispiel: Kleine, regelmäßig geformte Hügel bleiben stets interessant. Gräberfelder liegen nicht direkt am Wasser. Wo könnte in der Umgebung ein Heer das Lager aufgeschlagen haben? Man hat den Blick oder man hat ihn nicht. Das wirst du bald merken!“

Die „Ausbildung“ hatte in der privaten Garage des Denkmalpflegers stattgefunden. Er bewahrte offenbar einige Fundstücke, die er verkaufen wollte, in seinem Wagen auf. Weshalb behielt er für sich.

Frank vermutete, als Vorsichtsmaßnahme. Um für den Fall, dass man ihn mit einem Artefakt erwischte, eine plausible Ausrede parat zu haben. Ein ausgegrabenes Stück im Auto dürfte grundsätzlich weniger verdächtig sein, als eines, das zum Beispiel in seiner Wohnung gesehen wurde.

Der Denkmalpfleger zeigte ihm an verschiedenen Teilen, worauf er besonders achten sollte. Eine grüne Verfärbung wies auf Kupfer hin. Das zeichnete sich meistens bereits im Boden ab, bevor man auf die Artefakte stieß. Knotenmuster verwiesen auf Kelten. Römische Funde erkannte man an den Waffen und natürlich an der typischen Ausrüstung der Legionäre. Logischerweise konnte sich Frank nur einen Bruchteil der Tipps merken.

Was ihm jedoch trotzdem auffiel. Der Umstand, dass der Denkmalpfleger den Wagenschlüssel in einem Blechkasten verwahrte, der in der Garage an der Wand hing. Darin lag auch verschiedenes Werkzeug und offenbar einige Ersatzteile, die zu dem alten Benz gehörten. Er bemerkte Franks erstaunten Blick auf die Werkzeuge. „Ich repariere an ihm alles selbst“, ließ er stolz hören. „Ein absolut unverwüstlicher Diesel. Davon laufen in Afrika noch Tausende.“

Frank zeigte beeindruckt. „So einfach ist das nun auch wieder nicht“, versuchte er zu loben, ohne zu schmeicheln.

„Na, ja. Etwas Erfahrung ist natürlich schon nötig. Aber machbar ist es.“

***

Mit dem Detektor im Arm schlenderte Frank hin und her durch die Wiese am Bach. Kein Spaziergang. In der ersten Stunde grub er mehrere Kronenkorken und Abziehringe von Getränkedosen, einen Bügelverschluss und etliche rostige Konservendosen aus. Das interessanteste Teil bestand aus einem Stück Stoff, an dem ein Metallteil hing. Ein Druckknopf, wie sich bei genauerer Betrachtung herausstellte.

Niemals hätte Frank geglaubt, dass so viel Müll einfach in die Natur geworfen wurde. Das Tal glich trotz seiner Idylle eher eine Müllhalde als einem Paradies.

Frank erkannte allmählich, was der Denkmalpfleger gemeint hatte: Die Landschaft ermöglichte oder verhinderte eine direkte Verbindung zwischen zwei Orten. Ortskundige kannten die besten Möglichkeiten. Mit der Zeit bildete sich mindestens ein Trampelpfad, dem andere Reisende auch ohne Führer folgen konnten. Gewisse Stellen auf diesen Wegen boten einfach Ort und Reiz für eine Rast. Deshalb sammelten sich die Abfälle vorwiegend an solchen Plätzen. In alter Zeit stellten Metalle einen hohen Wert dar und wurden nicht einfach weggeworfen. Sondern beispielsweise verloren, versteckt oder manchmal zusammen mit dem Besitzer begraben. Die modernen Abfälle, die sehr oft Metalle enthielten, überlagerten deshalb meistens die interessanten Fundstellen.

Frank schaltete den Detektor ab, zerlegte ihn und verstaute ihn im Rucksack. Zuerst erkunden, dann graben, sagte er sich. Müll sammeln war gewiss, zumindest im übertragenen Sinn, eine verdienstvolle Tätigkeit. Aber kaufen konnte man davon nichts.

Auf dem Kamm, der das Tal nach Süden begrenzte, hielt er Ausschau. Woher wären mögliche Feinde gekommen? Spielte das für seine Suche überhaupt eine Rolle?

Am ergiebigsten dürfte ein Gräberfeld aus friedlichen Zeiten sein. Geschmückte Skelette in Reih und Glied. Auf denen man seit Jahrhunderten achtlos herumspazierte.

Frank versuchte, sich vorzustellen wenn man einfach so, einen Meter tief in die Erde hineinschauen und sich der Schätze bemächtigen könnte. Es müsste doch einen Weg geben?

Auf der linken Talseite fiel ihm eine sanfte Erhebung auf. Die konnte durchaus von Menschenhand stammen. Je länger er sie betrachtete, desto klarer schien es. Wie sollte auf einer Anhöhe, die an dieser Stelle in eine klar begrenzte Ebene überging, auf natürliche Weise ein Hügel entstanden sein?

Der Weg schien zwar nicht besonders weit, führte jedoch von oben nach unten und wieder hinauf. Völlig nassgeschwitzt erreichte er den östlichen Kamm. Keine Spur mehr von einem Hügel. War er einer optischen Täuschung erlegen? Blödsinn, der Hügel existierte. Er ließ sich bloß nicht mehr erkennen, wenn man direkt darauf stand.

Entschlossen packte Frank die Sonde aus. Schon nach wenigen Schritten ertönte das erste Signal. „Na also“, brummte er vor sich hin, „geht doch!“

***

In Berlin blätterte zur gleichen Zeit der Rentner Michael Gerteis den Bericht durch, den er gerade im Briefkasten gefunden hatte. Verfasst von einem Karl Heinz Huber. Der Name sagte ihm nichts. Genauso wie er keine Ahnung hatte, wer ihm das Papier zugespielt hatte und wozu.

An Heinrich Lehmann, den sie als Agent Armin Schuppers im Westen „beschäftigt hatten“, erinnerte er sich.

Eine alte Geschichte, die mit einem Liquidierungsauftrag einen klaren Abschluss gefunden hatte. Weshalb ihn wohl jemand mit dieser ollen Kamelle beschäftigen wollte? Gerteis zuckte mit den Schultern. Begannen die Genossen mit beginnender Altersdemenz damit, ihre „Heldentaten“ zu verherrlichen?

Trotzdem las er die Seiten aufmerksam durch. Eine absolut glatt gelaufene Sache, was nicht immer der Fall gewesen war. Dieser Mann war praktisch ohne Aufsehen erledigt worden. In einem Hotel, das kurz nach der Aktion abgerissen wurde. Zufall? Das wusste Gerteis auch nicht genau. Es war üblich gewesen, Informationen nur an diejenigen weiterzugeben, die sie tatsächlich benötigten. Das hatte sich bewährt.

Gerteis stutzte. Fingerabdrücke? Von der Leiche des Agenten? Die angeblich nicht mit denen übereinstimmten, die in der Akte hinterlegt waren? Er selbst hatte diese Abdrücke besorgt, von einem Glas, das Lehmann bei einem Treffen benutzt hatte. Irrtum ausgeschlossen! Konnte sich nur um eine Schlamperei handeln.

Nicht auszudenken, wenn der noch am Leben wäre. Gerda hatte sich inzwischen zur erfolgreichen Landespolitikerin entwickelt. Lehmann hatte sie damals als Waldtraut Scholz gekannt.

Michael Gerteis erinnerte sich ganz besonders an die Aufmachung, die Mia, die extrem begabte Maskenbildnerin des MfS, Gerda alias Waldtraut verpasst hatte, um Lehmann zu täuschen. Erschreckend echt. Als wäre sie tatsächlich gnadenlos zusammengeschlagen worden. Wenn er es nicht besser gewusst hätte …

Na ja immerhin. Mia hatte keinerlei Fantasie benötigt, um sich vorzustellen, wie eine von Profis verprügelte Frau aussah. Sie hatte damals mehr als genug Anschauungsmaterial zur Verfügung.

Gerda war aktuell für die nächsten Wahlen auf Bundesebene nominiert. Der Weg zur Bundesministerin dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein. Dadurch erschien sie fast täglich in den Medien. Natürlich würde Lehmann sie erkennen, falls er noch am Leben sein sollte.

Ein absoluter Supergau. Für die Partei genauso wie für Gerda. In ihrer Position konnte bereits ein Verdacht, der sich nicht sofort und komplett ausräumen ließ, den erzwungenen Rücktritt bedeuten.

Und was konnte mit den vielen sorgfältig getarnten Genossen passieren, wenn sich diese Schleusen einmal geöffnet hatten?

Selbst wenn es sich nur um ein verschwindend kleines Restrisiko handelte: Konnte er es ignorieren? Dass auch er selbst in den Strudel geraten würde, wäre kaum zu vermeiden. Und als pensionierter Beamter im höheren Dienst bot das Leben mit gerade mal achtundsechzig Jahren Annehmlichkeiten, auf die er nur sehr ungern verzichten würde. Oder sie sogar gegen eine Zelle eintauschen.

Es gab nur eine Lösung. Er musste sich darum kümmern. Auch wenn er damit schlafende Hunde wecken sollte.

Ist sicher nur falscher Alarm, versuchte er, sich selbst zu beruhigen. Aber das schale Gefühl wollte nicht verschwinden. Irgendwie schien das Atmen schwieriger als sonst. Jedoch das lag wohl eher daran, dass er zu viel rauchte, schalt er sich selbst. Damit hatte Lehman ganz bestimmt nichts zu tun.

3. Kapitel

Die Besprechung fand am üblichen Treffpunkt statt. Ein Café, das sie früher schon genutzt hatten, als es noch zum MfS gehörte. Das hatte allerdings damals kaum jemand gewusst. Das Café hatte als stiller Ort gegolten, den man aufsuchte, wenn man sich ungestört unterhalten wollte. Dabei war jeder Tisch verwanzt gewesen und Kameras hatten alles festgehalten. Allerdings war das Material praktisch nie verwendet worden. Zumindest nicht direkt. Höchstens als Anstoß zu weiteren Nachforschungen. Der Mythos der Ungestörtheit in diesem Lokal war damals wichtiger gewesen, als die mögliche Brisanz der Informationen. Alles lange her. Die neuen Besitzer hatten keine Ahnung von früher, und die technische Einrichtung war gleich nach der Wende abgebaut worden.

Gerteis hatte bereits zwanzig Minuten hinter einer Zeitung gesessen, als Fleischer auftauchte. „Welch ein netter Zufall“, begrüßte er lautstark seinen alten Kollegen. „Dass ich dich hier antreffe!“

Gerteis schien wenig begeistert, zeigte jedoch auch keine Ablehnung. „Morgen, Herbert. Ich bin ab und zu hier, das weißt du doch“, stellte er nüchtern und ebenso laut, fest.

Dass es sich hier nicht um eine Verabredung handelte, sollte spätestens jetzt jedem zufälligen Zuhörer aufgefallen sein.

Gerteis ließ brav die Zeitung sinken. „Setz dich! Wie geht’s?“

„Du hast doch den Bericht schon gelesen“, flüsterte Fleischer. „Was hältst du von der Sache?“

„Könnte brisant werden!“

„Das denke ich auch. Deshalb möchte ich, dass du dich um die Fakten kümmerst!“

Gerteis konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. „Ganz wie früher. Du schnippst mit dem Finger und ich renne. Hast du vergessen, dass ich nicht mehr dein Untergebener bin? Ich bin im Ruhestand.“

„Es betrifft uns beide, das ist dir wohl klar“, gab Fleischer ungerührt zurück. „Du brauchst mir nichts vorzuspielen. Du solltest eher froh sein, dass du gewarnt und einbezogen wirst.“

Gerteis winkte ab. „Erspar mir das. Was weißt du sonst noch? Wie groß scheint dir die Möglichkeit, dass Schuppers, beziehungsweise Lehmann, noch lebt?“

„Lehmann? Das heißt, du erinnerst dich tatsächlich an den Mann?“

„Ja. Sein Deckname, Travertin, kommt an meinem Geburtsort vor. Ein Süßwasserkalk aus Thermalquellen, der als heller Baustoff Verwendung findet. Deshalb ist er mir im Gedächtnis geblieben. Aber Travertin wurde endgültig versiegelt. Auch daran erinnere ich mich. Einstimmig beschlossener Vorgang. Seine Loyalität wurde mehrfach in Frage gestellt. Weshalb sollte die Aktion nicht durchgeführt worden sein. Und ohne mich zu informieren. Kann ich mir wirklich nicht vorstellen.“

„Ich halte es ebenso für ausgeschlossen. Er hatte das Zimmer bezogen. Unser Mann hat ihn dort besucht und seine Aufgabe erfüllt. Genauso wie bei seinen Einsätzen davor und danach. Wenn was schiefgegangen wäre, hätte er es selbst wieder ausgebügelt. Für uns zählte ja bloß das Ergebnis. Wie er es erreichte, überließen wir ihm!“

„Also bleiben die Abdrücke übrig“, stellte Gerteis fest, „die angeblich nicht stimmen?“

Fleischer nickte.

„Wie komme ich an Infos? Über dich?“

Fleischer nickte aufs Neue. „Ich kümmere mich um die Daten, die im System zu finden sind. Du trägst die übrigen Fakten zusammen, triffst dich mit alten Kameraden, die möglicherweise helfen können, und so weiter. Ein Bild von Lehmann wäre schon ein guter Anfang, um nach ihm zu suchen!“

Gerteis konnte zum zweiten Mal ein Grinsen nicht unterdrücken. „Wir waren wohl zu gründlich beim Aufräumen.“

„Ich dachte weniger an unsere Akten. Aber jemand hat diesen Lehmann gekannt und besitzt ein Foto von ihm. Wie bei jedem Menschen. Gut möglich, dass er auch Kontakt zu alten Freunden gesucht hat, als er untertauchen wollte.“

„Dafür, dass du nicht an seine Existenz glaubst, wirkst du ziemlich überzeugend“, stellte Gerteis fest.

„Es darf einfach nicht sein, dass er plötzlich auftaucht“, gab Fleischer zurück. „Deshalb gehen wir die Sache so an, als ob er überlebt hätte!“

***

Frank Berger verfluchte den unpraktischen Klappspaten nicht zum ersten Mal. Höchstens geeignet als Geschenk für einen Kollegen, den man nicht mochte. Ein richtiges Werkzeug kam trotzdem nicht in Frage, weil man damit gleich von Anfang an auffiel. Ein großer Stein, der sich nicht bewegen ließ, verhinderte bislang seinen Erfolg. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als neben seiner ersten Grabung ein neues Loch auszuheben. Immerhin war diese Seite des Tals ruhig. Bisher wurde er nicht durch Wanderer gestört. Bei der Größe der Sondierung, die er inzwischen erreicht hatte, würden die normalen Ausreden nicht mehr helfen. Normalerweise stellte man einfach den Rucksack auf die Stelle und wartete, bis sich die Neugierigen verzogen hatten. So deutlich, wie das Signal ausgefallen war, musste es sich um ein größeres Objekt handeln. Um den Signalton für ein edles Metall herauszuhören, fehlte Frank noch die Erfahrung. Aber es schien ihm durchaus möglich.

Eifrig stocherte er mit dem Spaten im Loch. Seine Hände brannten, die ersten Blasen machten sich bemerkbar. Im Moment störte ihn das nicht. Frank befand jetzt im Rausch des Schatzjägers. Endlich! Der Stein begann zu wackeln. Mit einer gewaltigen Anstrengung hebelte Frank ihn aus der Erde.

Schon einige Zentimeter tiefer begann sich das Erdreich braun zu verfärben. Da, etwas Helles! Ein Knochen?

Der Knochen entpuppte sich als länglicher Stein. Frank schüttelte den Kopf. Eigentlich wusste er doch inzwischen, dass sich Knochen in der Erde dunkel verfärbten. Immerhin ließ sich der Spaten jetzt leichter in den Untergrund schieben. Offenbar war er auf Sand gestoßen. Ein gutes Zeichen. Mit Sand wurden Gräber meistens zugeschüttet, ging ihm durch den Kopf, während er weiter schaufelte. Das Loch wuchs auf einen Meter Tiefe. Jedoch ohne, dass ein Fund auftauchte.

Irritiert gönnte sich Frank eine Pause. Das Signal war so klar gewesen, dass er jeden Irrtum ausgeschlossen hatte. Hier musste einfach etwas liegen. Schließlich packte er die Sonde doch wieder aus. Vermutlich hatte ihm die Tiefenanzeige einen Streich gespielt. Elegant schwenkte er das Gerät im Loch, dann erstarrte er. Kein Mucks. Die Anzeige leuchtete, er hatte also nicht vergessen, das Gerät einzuschalten. Was zum Teufel …

Als ob vor nicht mal einer halben Stunde einfach nichts gewesen wäre. Das Gerät blieb ruhig. „Schon kaputt, du Scheißding“, murmelte Frank vor sich hin, bevor er den Ring der Sonde zur Sicherheit einmal dicht über den Spaten gleiten ließ. Das Signal heulte so laut auf, dass Frank das Ding vor Schreck beinahe fallen gelassen hätte.

Kopfschüttelnd überprüfte er den Aushub. Nichts. Erst als er sich dem ausgebuddelten Stein näherte, heulte das Gerät erneut auf. Der Brocken enthielt offenbar Metall. Und nicht zu knapp. So ein Mist! Nicht mal auf die Steine ist noch Verlass, dachte Frank verärgert.

Ein Blick auf seine Hände erregte Übelkeit. Dürfte wohl ein paar Tage dauern, bis er wieder ohne Schmerzen etwas richtig anfassen konnte. Aber selbst wenn er nichts gefunden hatte: Den Rausch, den er eben erlebt hatte, den würde er nicht so schnell vergessen. So musste sich das viel zitierte Goldfieber anfühlen. Kein Wunder, das unzählige Menschen ihm erlegen waren.

Notdürftig schob er das Loch wieder zu. Der Stein landete selbstverständlich ganz unten. Und wenn dies auch nur dem Zweck diente, dass ein möglicher, nächster Schatzjäger die gleiche Plackerei vor sich hatte, wie er selbst.

***

Michael Gerteis dachte stundenlang darüber nach, was er noch an Infos über den Agenten Lehmann zusammenkratzen konnte. Sämtliche Aufzeichnungen waren vernichtet oder verschwunden. Nur das, was in irgendwelchen Köpfen überlebt hatte, blieb greifbar.

Gerteis hatte in seiner Laufbahn Hunderte von Mitarbeitern betreut. Lehmann war ihm im Gedächtnis geblieben als einer der wenigen Ausländer, die sie damals verpflichten konnten. Aber Einzelheiten über ihn, wie weitere Decknamen, Freunde oder Personendaten? Unmöglich, alles im Kopf zu behalten.

Die einzige Person, die ihm zu Lehmann einfiel, blieb Gerda. Aber die durfte er damit nicht behelligen. Außerdem wusste sie kaum viel mehr als er selbst.

Direkte Nachforschungen: absolut unmöglich. Der Gedanke entlockte ihm ein Lächeln: „Gerteis! Ministerium für Staatssicherheit, eine Frage …“

Früher waren die Leute regelrecht geschrumpft vor der Macht, die er mit dieser Einleitung ausstrahlte. Und heute? Heute musste er sich vor dem Pöbel verstecken.

Irgendjemand weiß immer noch was, versuchte er, sich selbst zur Ordnung zu rufen. Eine Sekretärin oder ein Archivar. Ein Fahrer vielleicht? Aber ohne Bild und Namen? Früher, da hatten sie diese Geruchsproben gehabt. Stofffetzen in Einmachgläsern. Einfach, aber effektiv. Ein Spürhund konnte nicht nur identifizieren, sondern auch gleich die Spur des Subjekts verfolgen. Das war der Hochtechnologie der Westler doch tausendfach überlegen gewesen. Mindestens.

Gerteis zwang sich zu einem neuen Versuch, bei der Sache zu bleiben. Bloß die Fingerabdrücke besaßen sie konkret als greifbares Indiz. Jemanden damit zu finden war jedoch nur möglich, wenn man über Zugang zu Polizeiinformationen verfügte. Damit eindeutig Fleischers Sache. Der konnte jedoch nicht einfach so, wie früher, nach einer Person fahnden, die er zufällig im Visier hatte. Aber wenn man einen konkreten Verdacht dazu konstruieren konnte, spann er den Gedanken weiter. Vielleicht …

Die Prints auf einer Sache, die allgemein interessierte. Kein Mord. Das würde zu schnell auffliegen. Aber Kunstwerke oder illegal gehandelte Altertümer zum Beispiel, die schafften es auch in die Nachrichten. Und das waren Dinge, die nicht jeder einfach so anfassen durfte, wie ein Taxi oder eine Banknote.

Er würde mit Fleischer darüber sprechen. Vermutlich blieb dies das Einzige, was er selbst beitragen konnte. Wenn ihm nicht ein plötzlicher Geistesblitz weiterhalf.

Gerteis ärgerte sich nicht nur über seine eigene Ohnmacht. Schmerzlich wurde ihm auch bewusst, wie sehr er schon zum alten Eisen gehörte. Ein nutzloser Esser, so hatte ihn sein Vater als Junge oft bezeichnet. Sollte der Alte so spät noch Recht bekommen? Möglicherweise hatte der damals die gleiche Erfahrung gemacht, die er selbst gerade erlebte. Und hatte mit diesem Spruch einfach von sich ablenken wollen?

Aber als zweifacher Kriegsheld hatte sein Vater das eigentlich nicht nötig gehabt. Der hatte gewusst, wozu er gelebt hatte. Völlig unvorstellbar, dass sich der Alte mit Dingen wie Sinn oder Unsinn des Krieges beschäftigt hatte. Pflicht und Gehorsam! Das zählte. Die guten alten Werte.

An denen er selbst jedoch gescheitert war. Hatte er denn eine Wahl gehabt?

„Verdammt!“, schalt er sich selbst. Das alles lag längst hinter ihm. Er hatte sich längst damit abgefunden, dass von ihm keine Spur mehr bleiben würde, sobald sich der Deckel seines letzten Möbels über ihm geschlossen hatte.

***

Franks Hände hatten sich soweit erholt, dass er seit ein paar Tagen wieder mit dem Suchgerät durch die Gegend streifen konnte. In einer anderen Ecke, die ihm der Denkmalpfleger, der offenbar gierig auf neues Material wartete, empfohlen hatte. Die Schwierigkeit bestand hier weniger darin, die Sachen zu finden, sondern darin, sie unbeobachtet aus der Erde zu bekommen. Frank nutzte deshalb die Morgendämmerung, um zu graben. Und den Tag, um zu suchen. Mit unauffälligen Zeichen wie einem geknickten kleinen Ast oder ähnlichen Dingen markierte er Plätze, die durch ein deutliches Signal der Sonde als mögliche Fundstellen in Frage kamen.

In dem lichten Wäldchen, das ihm der Denkmalheini empfohlen hatte, vermutete dieser einige unberührte Keltengräber. Allerdings sollte Frank, falls er darauf stieß, keinesfalls allein versuchen, die Gegenstände zu bergen. Stattdessen sollte er sich die Stelle merken, damit sie zusammen mit einigen zuverlässigen Jungs den kompletten Schatz in einer Nacht rausholen konnten.

Franks Aufmerksamkeit und die Interpretation der Sonden-Signale hatten sich durch die Übung weiter geschärft. Die Signale ergaben ein ähnliches Muster, wie es bei Skeletten mit Beigaben zu erwarten war. Oben zum Beispiel ein Halsreif, links und rechts die Waffen oder Armschmuck, im Fußbereich Behälter aus Metall oder weitere Preziosen. Abstände und Liegerichtung zeigten sich auffallend regelmäßig. Selbst ohne große Kenntnisse der Materie wäre jedem Schatzsucher klar, dass es sich hier zu graben lohnte.

Mindestens seit zwei Stunden hatte Frank niemanden in der Nähe gesehen, also überlegte er, ob er sich über die Anweisung hinwegsetzen konnte oder nicht. Die unglaubliche Neugier zu zügeln, die ihn erfasst hatte, schien fast unmöglich. Wenigstens eine kleine Sondierung! Nur, um sicher zu gehen, natürlich. Das schien ihm vertretbar. An der Stelle, an der er einen Halsreif vermutete, stach er eine Scholle aus der Erde und legte sie vorsichtig ab, um sie genau gleich wieder einsetzen zu können. Die wenigen Bäumchen und Sträucher hinterließen nicht genug Laub, um den Boden vollständig zu bedecken. Einige Kräuter, die Frank nicht kannte, wuchsen verstreut zwischen Pilzen und winzigen Nadelbäumchen. Trotzdem zeigte sich der Boden von Wurzeln durchsetzt, was leichtes Graben unmöglich machte.

Frank kratzte mit der Klinge seines Jagdmessers, das er sich kürzlich zu diesem Zweck zugelegt hatte, die Erde zwischen den Wurzeln hervor, um wenigstens noch eine Handbreit tiefer zu kommen. Der Denkmalpfleger hatte ihm erzählt, dass die Skelette oftmals fast direkt unter der Oberfläche lagen, in Tiefen von zehn bis zwanzig Zentimetern. Natürlich fand sich genau an dieser Stelle ein Stein zwischen den Wurzeln. Bei seinem Glück wohl unvermeidlich. Frank fluchte leise. Den Stein würde er auf jeden Fall noch schaffen, selbst wenn er damit die Klinge völlig ruinierte.

Überraschenderweise konnte Frank den ganzen Tag weitergraben, ohne gestört zu werden. Mehrere Objekte lagerten inzwischen in seinem Rucksack. Ein schöner Halsreif, zwei Dolche oder auf jeden Fall Klingen, die sich nicht so besonders gehalten hatten, sowie einige Klumpen, die anhand der Grünverfärbung auf Kupfer schließen ließen.

Völlig erschöpft, jedoch hochzufrieden, ließ Frank endlich ab. Die Fundstelle hatte er soweit präpariert, dass es kaum auffallen würde, dass hier jemand gegraben hatte.

Der Denkmalpfleger würde Augen machen, wenn er ihm die Fundstücke vorlegte. Eigentlich hatten sie ausgemacht, dass er ihm einzelne Funde ganz einfach per Post zuschicken konnte. Ohne Absender natürlich und an seine Privatadresse. Das vermied auf jeden Fall, mit Artefakten unterwegs oder bei einer Übergabe erwischt zu werden. Die Idee dazu stammte aus der Erfahrung des Denkmalpflegers. Es kam ab und zu vor, dass er auf diesem Weg Funde erhielt, die wahrscheinlich von Schatzsuchern stammten, die ein schlechtes Gewissen plagte.

Jedoch bei der Größe und Menge von Franks Funden bliebe auch diese Methode nicht mehr unauffällig. Dafür wandelte sich Franks Position damit vom ahnungslosen Helfer zum erfolgreichen Finder.

Und ganz nebenbei machte diese Arbeit auch noch richtig Spaß. Eigentlich konnte Frank sich gut vorstellen, in Zukunft nur noch Schätze auszugraben. Besser, als auf einer Baustelle zu malochen, wäre es allemal.

***

Frank rief den Denkmalpfleger zu Hause an. Der bestellte Frank auf den „Platz“, um das Vorgehen zu besprechen, wie er es ausdrückte. Weder Lob noch Tadel. Frank führte es auf die alte Regel zurück, am Telefon nichts Verdächtiges zu sagen.

So war er bester Laune, als er sich auf das „geliehene“ Fahrrad schwang. Der Treffpunkt, wieder der Rastplatz an der Landstraße, lag nur wenige Kilometer entfernt.

Die neue Entwicklung musste auch für den Beamten ideal sein. Je mehr Frank allein erledigte, desto weniger riskierte der Denkmalheini selbst, ohne dabei entbehrlich zu werden.

Also kein Grund für Misstrauen oder die Befürchtung, dass Frank ihm das Geschäft aus der Hand nehmen wollte.

Der Platz, eher an einer Stelle gelegen, an der kaum jemand rasten mochte, lag abgesehen von einigen hektischen Vögeln in gewohnter Ruhe da. Frank hielt sie für Spatzen oder Meisen, die sich um die Früchte eines Busches stritten. Er schob das Rad ins Gebüsch und verschwand selbst hinter einer dicken Zitterpappel. Heute kam er eindeutig zu früh. Die Reserve, die er eingerechnet hatte, erwies sich als zu lang für seine inzwischen beachtliche Kondition auf dem Rad. Sitzend lehnte er sich an den Stamm. Mit geschlossenen Augen genoss er den leichten Windhauch, der ihn umschmeichelte. Trotz der lauten Vogelbande, die sich nur kurz hatte aufscheuchen lassen, schlief er einfach ein.

***

Das hässliche Geräusch durchdrehender Reifen riss ihn aus dem Schlummer. Mühsam rappelte er sich auf und kroch aus der Deckung. Einen dunklen Wagen, der sich schnell entfernte, konnte er gerade noch erkennen.

Egal. Auf jeden Fall hatte der ihn noch rechtzeitig geweckt, bevor der Denkmalheini auftauchte. Ein Blick auf die Uhr ließ Frank stutzen. Er hatte mehr als eine halbe Stunde geschlafen. Der Typ sollte doch längst hier sein?

Oder hatten die noch rasch ein Geschäft abgewickelt, während der Geschäftspartner hinter einem Baum gepennt hatte?

Die dunklen Flecken auf der Parkbank fielen Frank zuerst auf. Die mussten ganz frisch sein. Auch wenn er noch ein ganzes Stück entfernt stand, nahm er deutlich die Insekten wahr, die sich offenbar brennend für diese Flecken interessierten. Sein Weg ins Gebüsch hatte direkt an der Bank vorbeigeführt. Da waren zuvor weder Viecher noch Flecken gewesen. Die hätte er bestimmt nicht übersehen. Vermutlich stammte die ganze Schweinerei von dem Idioten, der ihn mit seinem Kavalierstart geweckt hatte, dachte Frank. Das passte ja auch irgendwie zu dem.

Erst als er einen Finger in einen der Flecken tunkte, traf ihn die Erkenntnis wie ein Blitz. Blut! Angeekelt betrachtete er seinen Zeigefinger. Von irgendwo aus seinem Hirn schlich sich eine leise Warnung ein: Was machst du da?

Reflexartig roch er an der Substanz, bevor er unwillkürlich zurückwich. Vielleicht handelte es sich doch nur um Saft von zerquetschten Brombeeren?

Die Farbe passte zwar einigermaßen. Aber sein Finger roch überhaupt nicht nach Beeren.

Große Teile der Bank waren verschmiert mit frischem Blut. Möglicherweise hatte der Idiot eine Katze überfahren, die sich sterbend auf die Bank geschleppt hatte, weil sie es nicht mehr auf einen Baum schaffte, fiel Frank ein. Ohne Zweifel nur ein weiterer schwacher Versuch, sich selbst zu beruhigen.

Die Schleifspur ließ sich kaum erkennen. Aber sie war vorhanden. Ihr zu folgen würde Gewissheit bringen. Und vermutlich auch eine Menge Scherereien.

Andererseits: Es konnte sich immer noch um einen Tierkörper handeln, der hier geblutet hatte. Ein Reh, zum Beispiel. Aber natürlich. Frank atmete auf. Absolut normal an einer Landstraße. Die ästen schließlich inzwischen am helllichten Tag ganz offen. Kaum noch Respekt vor den Menschen, seit sie nicht mehr intensiv gejagt wurden …

Die Hoffnung erstarb mit dem Anblick der Schuhsohlen, die unter einem Busch hervorlugten. Große Treter. Das Profil fürs Gelände geeignet, keine Bürolatschen.

Den endgültigen Tiefschlag holte sich Frank, als er sich neben den leblosen Körper ins Gebüsch zwängte. Der Denkmalheini, der ihn aus weit aufgerissenen Augen anzustarren schien.

Selbst wenn man den braunen Holzgriff mit den sauber eingesetzten messingfarbigen Nieten ignorierte, der senkrecht aus seiner Brust ragte: Hier kam jede Hilfe zu spät.

Trotzdem versuchte Frank, am Hals einen Puls zu ertasten. Er zuckte erschrocken zurück, als er den Toten berührte. Er fühlte sich viel zu warm an.

Einen Puls fand Frank nicht. Aber was hatte das schon zu bedeuten, fragte er sich selbst. Er erinnerte sich, wie er schon des Öfteren zum Spaß versucht hatte, bei eindeutig noch lebendigen Partnerinnen die Halsschlagader zu ertasten. Was er jedoch noch nie richtig geschafft hatte.

Tot oder nicht? Was zum Teufel sollte er jetzt machen?

4. Kapitel

Michélle riss Kommissar Krüger aus seinen Gedanken. „Leiche, Chef“, rief sie ihm fast eine Spur zu fröhlich, zu.

„Unnatürlich?“, gab er knapp zurück.

„Erstochen, ja!“

„Gut, Frau Guerin.“ Krüger stockte immer noch leicht bei diesem Namen. Stets musste er aufpassen, sie nicht mehr Frau Steinmann zu nennen. „Beim Auto, wie immer!“

Während der Fahrt versorgte sie Krüger, der nur dann selbst fuhr, wenn es nicht anders ging, mit ersten Informationen.

„Männliche Leiche, offenbar Stichverletzung. Liegezeit mindestens zwanzig Stunden, noch kein Name, keine Verdächtigen. Fundort: Rastplatz an der Bundesstraße!“

„Und dort liegt er schon so lange unentdeckt?“, fragte Krüger nach.

Michélle nickte nur.

„In einem Fahrzeug?“, mutmaßte Krüger.

Sie zuckte mit den Schultern. „Die Kollegen sprachen von Gebüsch.“

„Möglicherweise nur abgeladen.“

„Wir sind gleich da“, gab Michélle ausweichend zurück.

***

Doktor Holoch, der Pathologe, nickte den beiden zu, als sie am Fundort eintrafen. Auf Krüger wirkte er oft distanziert, außer bei Michélle.

„Madame Guerin! Wie schön, Sie zu sehen!“, schleimte der Doktor, während er ihr die Wagentür aufhielt.

Krüger, noch auf dem Beifahrersitz, wusste nicht, ob Holochs Gehabe bloß dazu dienen sollte, ihn zu ärgern oder ob der es ehrlich meinte. Auf jeden Fall musste er zugeben, dass „Madame Guerin“ viel eleganter klang als sein vergleichsweise holperiges „Frau Guerin“.

„Herr Doktor“, brummte Krüger. Demonstrativ kurz.

Er erntete ein knappes, „Herr Kommissar“, von Holoch, der offenbar lieber weiter mit Madame schäkerte, als Krüger Respekt zu zollen. Immerhin bemühte sich eine junge, uniformierte Beamtin, auch seine Wagentür zu öffnen, was Krüger mit einem möglichst spöttischen Lächeln in Richtung des Rechtsmediziners zu unterstreichen versuchte.

Vergeblich. Der Pathologe konzentrierte sich vollständig auf Michélle. Krügers kleiner Triumph versickerte in der Bedeutungslosigkeit.

Schulterzuckend wandte er sich ab und prägte sich den Fundort ein. Ein typischer Rastplatz an der Landstraße. Mehrere Bäume, Birken oder Espen, wie Krüger vermutete. Darunter standen einige grob gezimmerte Tische und Bänke. Eine asphaltierte Fahrspur, flankiert von gekiesten Stellplätzen, durchschnitt den Platz. Keine Gebäude, keine Toilette, keine Wasserstelle, registrierte er. Links, in Fahrtrichtung, begrenzte ein mit Büschen bewachsener Abhang die Landstraße, die sich, nur durch wenige Meter vom Parkplatz getrennt, in der Ferne verlor.

Außerhalb der Bäume, auf der rechten Seite, breitete sich ein großer Acker aus, den man nicht hätte durchqueren können, ohne deutliche Fußabdrücke zu hinterlassen. „Immerhin“, brummte Krüger vor sich hin.

Ein weißes Stoffzelt bezeichnete die Stelle mit dem Toten. Krüger näherte sich vorsichtig, die Augen fest auf den Boden gerichtet. Jedes Mal stellte er sich vor, einen Gegenstand zu finden, den die Techniker übersehen hatten. Bisher ohne Erfolg, aber das nahm er hin.

Der Tote wirkte seltsam friedlich. Das war wohl seinen geschlossen Augen und dem üppigen Grün zuzuschreiben, das ihn umgab. Das Zelt erweckte den Eindruck eines geschützten, geschlossenen Raumes. Natürlich störte der hölzerne Messergriff, der aus der Brust ragte, die Idylle ein wenig. Aber auf den ersten Blick hätte man das auch für einen abgestorbenen Ast aus dem Gebüsch halten können.

Krüger rief sich selbst zur Ordnung. Geschlossene Augen bei einem Mordopfer?

***

Doktor Holoch wiederholte auf der ersten Besprechung, die noch am Fundort stattfand, im Wesentlichen die Dinge, die Krüger bereits von Michélle erfahren hatte. Die Todesursache schien so offensichtlich, dass kaum darauf zu hoffen war, dass die Obduktion nennenswerte, andere Erkenntnisse zutage bringen würde. Der Mann dürfte auf der Parkbank erstochen und danach hier im Gebüsch notdürftig versteckt worden sein. Soweit die Fakten.

Die geschlossenen Augen wiesen möglicherweise auf eine Bekanntschaft zwischen Opfer und Täter hin, vermutete Holoch.

Für Krüger keine wirklich neue Erkenntnis. Das ergab sich für ihn allein aus der von Holoch zuvor erwähnten Tatsache, dass das Opfer beim Angriff gesessen haben musste und keinerlei Abwehrverletzungen aufwies. Er äußerte jedoch nichts Negatives über Holochs Vermutung. Schon öfters hatte ihm der Doktor mit seiner eigenen Sicht auf die Indizien nützliche Impulse geliefert.

Eher beunruhigend fand Krüger den Umstand, dass dieser Fall das Potential hatte, einer jener aussichtslosen Fälle zu werden, die sich jahrelang hinziehen und die er nur zu gut kannte. Dann nämlich, wenn es sich beim Täter um einen Fremden oder sogar um einen Ausländer handelte, der bestimmt nie wieder hier auftauchte. Wie sollte man so jemanden finden?

„Danke Herr Doktor“, brummte der Kommissar Holoch zu, um sich gleich darauf an Erwin Rohr, den Chef der Spurensicherung, zu wenden. „Bei dir, Erwin?“

Rohr wirkte bekümmert. „Bei Kiesplätzen ist die Spurensicherung oft sehr schwierig. Einige Blutstropfen, die kaum weiterhelfen werden, konnten wir sichern. Auch die schwache Schleifspur, die zur Leiche führt, haben wir untersucht. Das Ergebnis dieser Untersuchung, nämlich den Ablageort, hätte sich auch ohne den ganzen Aufwand leicht erkennen lassen.“

Krüger nickte tröstend. „Fußspuren? Im Acker?“ Er deutete auf das weite Feld.

„Keine frischen. Aber wir arbeiten daran“, gab Rohr zurück.

Ohnehin unwahrscheinlich, dass sich der Täter zu Fuß entfernt hatte. Der Tatort lag schließlich an einer Landstraße im Grünen, die dem Durchgangsverkehr diente. Mitten in der Pampa, dachte Krüger. Aber in seinem Bericht tauchten solche Begriffe natürlich nie auf.

Als Großstadtmensch aus Frankfurt sollte man die Befindlichkeiten der Provinz zu berücksichtigen wissen, hatte ihm einer seiner früheren Vorgesetzten einmal beigebracht. Lange her. Wie hatte der doch gleich geheißen?

Ich schweife dauernd ab, wies Krüger sich selbst zurecht. Weshalb konnte er sich bloß nicht richtig auf den Fall konzentrieren?

War Holoch schuld, der ihm Michélle zu entziehen versuchte?

Blödsinn! Er liebte doch Elisabeth, seine neue Lebenspartnerin, wirklich. Michélle war bloß eine begabte Assistentin, der er Fachwissen vermittelte und sie auch auf Führungsaufgaben vorbereitete. Seine potentielle Nachfolgerin. Und dazu frisch verheiratet.

Außerdem war das Ganze ja nichts Neues. Holoch, der sonst kaum auf Frauen reagierte, hatte Michélle schon immer sehr bevorzugt behandelt. Sah er in ihr vielleicht ebenfalls ein Stück weit die Tochter, die er gerne gehabt hätte?

Krüger selbst würde dies auf keinen Fall jemals zugeben. Aber das der Doktor solche Gedanken hegte? Kaum vorstellbar. Wahrscheinlich ging es doch nur darum, zu provozieren. Das passte zu Holoch. Ein ausgezeichneter Fachmann, daran gab es für Krüger keinen Zweifel. Jedoch Einer, der es liebte, allen in seiner Umgebung laufend kleine Brocken Nonsens vor die Füße zu werfen. Sicher nur eine Art Schutzfunktion. Schutz vor dem Grauen seines Berufes. Oder konnte tatsächlich jemand in Holochs Position eine solch unvorstellbare Gelassenheit an den Tag legen ohne irgendwelche Ersatzhandlungen?

Krüger schüttelte den Kopf. Holoch mochte exzentrisch sein. Aber zu einem Übermenschen reichte es dann doch nicht.

Michélles helles Lachen riss ihn aus seinen Gedanken. Natürlich stand sie dicht neben Holoch. Wo sonst, ärgerte er sich. Immerhin schrieb sie alle Fakten auf, so dass es kaum eine Rolle spielte, womit sich Krüger vor Ort beschäftigte.

Die junge Beamtin, die ihm die Türe aufgehalten hatte, sprach ihn schüchtern an. „Entschuldigen Sie, Herr Kommissar! Ich glaube, den Toten zu kennen. Nicht mit Namen, aber er arbeitet als Landesarchäologe, da bin ich mir ziemlich sicher!“

Holochs Präsenz verblasste augenblicklich. „Wie sicher?“, fragte Krüger zurück.

„Vor einigen Monaten hatten wir einen Skelettfund. Die Kochen waren aber schon ziemlich alt. Da habe ich den Herrn gesehen, als er die Fundstelle übernommen hat.“

„Dann könnte er ja ein Beamter sein“, nahm Krüger den Faden auf.

„Darüber weiß ich nichts, Herr Kommissar. Aber wenn Sie meinen.“

***

Am nächsten Tag konnte Krüger bereits mit ersten Ergebnissen aufwarten, die er Polizeirat Vogel berichtete. „Das Opfer, ein Beamter der Denkmalpflege, Jürgen Leimer, konnte zweifelsfrei identifiziert werden. Auch die Todesursache hat sich inzwischen definitiv bestätigt. Ein einziger Stich ins Herz.“

Vogel nickte. „Daran hatte Doktor Holoch von Anfang an festgehalten. Wie steht es mit der Fahrradspur, hat sich da was ergeben?“

Krüger nickte. „Ja. Jemand hat den Rastplatz mit einem Fahrrad durch den Acker verlassen, so viel steht fest!“

„Verlassen?“, wiederholte Vogel. „Könnte er nicht auch damit gekommen sein?“

Krüger räusperte sich vorsichtig. „Wir haben das Fahrrad am Ende der Spur gefunden, und es gibt nur die eine Spur, Herr Polizeirat.“

Vogel winkte ab. „Ja, klar!“

„Eigentlich ganz raffiniert“, erklärte Krüger. „Die Spur des Rades ist nicht zu übersehen, hilft jedoch am Ende wenig. Einen Fußabdruck, den wir auswerten und weiterverfolgen könnten, haben wir nicht. Deshalb setzen wir große Hoffnung auf den Fingerabdruck, der am Fahrrad sichergestellt werden konnte.“ Vogel sah ihn fragend an, deshalb ergänzte Krüger gleich: „Das Rad wurde flüchtig gereinigt. Deshalb gibt es nur einen brauchbaren Abdruck. Dieser ist allerdings von guter Qualität.“

Vogel wirkte zufrieden. „Einen Fehler machen alle, das ist unsere Chance“, stellte er fest.

Krüger wollte voreilige und dadurch möglicherweise falsche Schlüsse unbedingt vermeiden. „Es steht allerdings noch nicht fest, dass der Radler überhaupt etwas mit dem Delikt zu tun hat“, schwächte er ab.

Vogel stutzte kurz. „Das ist klar. Aber ich denke schon, dass man nicht grundlos durch einen Acker radelt und danach das Rad einfach liegenlässt. Noch dazu gereinigt.“

Da musste Krüger ihm Recht geben. „Ja, Herr Polizeirat!“

***

Frank Berger hatte den Rest des Tages und die folgende Nacht in seinem Zimmer verbracht. Schlaflos, ungeduldig wartend auf die stündlichen Nachrichten im Radio. An diesem Morgen beruhigte er sich nach und nach. Wenn die eine Spur von ihm hätten, wären sie längst da. Oder es hätte zumindest ein Zeugenaufruf im Radio laufen müssen.

Durch plötzliches Verschwinden würde er auch auffallen? Wahrscheinlich war es klüger, so zu tun, als ob nichts geschehen wäre? Kaum jemand wusste von seiner Beziehung zu diesem Denkmalpfleger. Und diejenigen, die es wussten, ihre gemeinsamen Kunden, würden die Klappe halten. Oder?

Der Gedanke, dass der Täter einer der Kunden sein könnte, ließe den Schluss zu, dass er, Frank, an dessen Stelle als Mörder angeschwärzt werden sollte.

Andererseits: Ihn kannte kaum jemand. Selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass man heimlich ein Foto von ihm geschossen hatte: Es blieb nicht mehr als ein Gesicht übrig. Dieser Frank Berger existierte ja nicht und war deshalb auch nicht auffindbar.

Noch einmal ließ er den Film in seinem Kopf ablaufen. Sah sich fröhlich pfeifend auf den Rastplatz rollen. Viel zu früh. Noch mehr als sonst. Nichts Auffälliges bemerkt.

Danach das Nickerchen, bis ihn der Idiot mit seinem Start geweckt hatte. Der Mörder? Oder auch nur ein zufälliger Zeuge, so wie er selbst? Der sich lieber aus dem Staub machte, anstatt die Bullen zu rufen? Das bedeutete, dass er nicht einmal sicher sein konnte, den Wagen des Täters gesehen zu haben.

Was war passiert, während er gepennt hatte? Geschrei oder ein Kampf konnten nicht stattgefunden haben. Davon wäre er aufgewacht. Bedeutete das, dass das Opfer nicht einmal mehr hatte schreien können?

Und das Motiv?

Ein Fundstück? Sie waren wertvoll, keine Frage. Jedoch dafür einen Mord riskieren? Und gleichzeitig den Lieferanten für immer verlieren?

Unwahrscheinlich. Je länger Frank über den Mord nachdachte, desto unwirklicher erschien ihm der Gedanke, dass das Leben des Denkmalpflegers von einem seiner Kunden ausgelöscht wurde. Zu Ende gedacht bedeutete das, dass Frank eigentlich überhaupt nichts wusste.

Wie konnte er seinen eigenen Abgang einstufen? Auf der Straße zu fliehen wäre vermutlich weniger auffällig gewesen. Aber dafür die Wahrscheinlichkeit, dabei gesehen zu werden, um ein Vielfaches höher.

Das Rad, das er zurückgelassen hatte, gehörte ihm nicht. Er hatte es „ausgeliehen“. Schon vor einiger Zeit. Immerhin möglich, dass die Polizei den richtigen Besitzer ermittelte und einige Zeit mit ihm beschäftigt sein würde. Und das die Presse über die Sache berichtete.

Einfach die Nerven behalten und nur reagieren, wenn es notwendig wurde. Das hatte man ihm in der Ausbildung beigebracht. Sorgfältiges Analysieren. Stillhalten, bis das Interesse abflaute.

5. Kapitel

Erwin Rohr grinste verstohlen, als er in Krügers Büro auftauchte. Dieser ließ die Akte sinken, in der er gerade las, und musterte ihn. „Du bist ein offenes Buch, Erwin. Was hast du entdeckt?“

„Du wirst es kaum glauben“, gab Rohr zurück. „Der Fingerabdruck auf dem Fahrrad …“

Krüger wartete gespannt. „Ja, was ist damit?“

„Wir haben einen Treffer!“

„Wirklich? Wer ist es denn?“

„Unbekannt“, gab Rohr verlegen zu.

„Also wirklich, Erwin, was hast du davon?“

„Na, ja, unbekannt stimmt. Aber trotzdem interessant. Es ist der Gleiche, den dieser Beamte aus Berlin mitgebracht hatte!“

Krüger begriff noch nicht vollständig. „Von dieser Leiche aus dem Hotel?“, fragte er nach.

„Nein“, wehrte Rohr ab, „nicht von der Leiche. Derjenige aus der Akte, der dann nicht gestimmt hat.“

„Lass mich mal rekapitulieren“, begann Krüger. „Du hast eine Übereinstimmung mit dem Fingerprint eines mutmaßlichen Spions aus dem Kalten Krieg am Tatort? Das willst du damit sagen!“

Rohr nickte.

„Die haben doch was verwechselt“, brummte Krüger.

„Wer?“, wollte Rohr wissen.

„Ja, die in Berlin. Bei dieser Behörde. Da liegen doch Unmengen von Akten herum, von denen keiner weiß, was zusammengehört und was nicht!“

„Das steht auf einem Blatt“, wehrte Rohr ab. „Das kann man nicht verwechseln. Höchstens mit Absicht manipulieren.“

Krüger zuckte mit den Schultern. „Und wozu?“

„Keine Ahnung“, antwortete Rohr. „Ich habe natürlich auch zuerst nach einer Erklärung gesucht, bevor ich zu dir gekommen bin. Aber ich finde keine, bei der ein Zufall oder ein Versehen möglich scheint. Die beiden Abdrücke sind identisch, daran besteht kein Zweifel. Das habe ich schon nachgeprüft. Und ich selbst habe diesen Abdruck gestern gesichert, auf diesem Fahrrad. Also an dieser Stelle ist alles klar!

Woher oder wie die in die Akte gekommen sind“, fuhr Rohr fort, „das ist das Eine. Und an dieser Stelle wäre eine Manipulation vorstellbar. Das Andere“, jetzt zuckte er mit den Schultern, „das Andere ist einfach das, wonach es im Moment aussieht. Ein ehemaliger Spion ist in einen aktuellen Mord verwickelt. An einem Zeugen vielleicht. Jemand hatte den Spion erkannt und erpresste ihn, zum Beispiel. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, findest du nicht auch?“

Krüger seufzte. „Ich habe von Anfang an gedacht, dass das ein seltsamer Fall ist. War erst nur so ein Gefühl.“

Rohr legte den Bericht, den er die ganze Zeit hinter dem Rücken gehalten hatte, auf Krügers Pult. „Ich liefere die Fakten und ihr die Erklärungen dazu“, sagte er lächelnd.

„Das bleibt im Moment noch unter uns, Erwin“, bestimmte Krüger. „Darüber muss ich zuerst nachdenken!“

„Tut mir leid. Im AFIS-System ist das jetzt schon drin“, erwiderte Rohr. „Da kann ich nichts mehr machen!“

„Schon klar“, antworte Krüger. „Das ist kein Problem. Nur wer Zugriff und das Wissen über die Zusammenhänge hat, kann damit was anfangen. Ich denke da eher an die Presse. Stell dir vor, wenn was durchsickert!“

Rohr zog sich zurück. Eine Bemerkung über Krügers Angewohnheit, die Fälle mit seiner Lebenspartnerin zu besprechen, verkniff er sich. Offiziell wusste er nichts davon, aber Krüger ließ es ab und zu durchblicken. Aber sie gab nichts weiter, davon war auch Rohr überzeugt.

***

Herbert Fleischer wirkte nervös, als er in dem tiefen Sessel des Restaurants, das als Treffpunkt diente, auf Michael Gerteis wartete. Das Unvorstellbare war eingetroffen. Lehmanns Fingerabdrücke waren bei einer Routineanfrage im System aufgetaucht. Dass es sich um die Prints eines EX-Spions handelte, war im AFIS nicht hinterlegt. Deshalb hatte die Anfrage auch keinen Alarm ausgelöst.

Herbert konnte nur hoffen, dass es sonst keiner bemerken würde. Er hatte seinen Computer so eingestellt, dass er eine Meldung erhielt, wenn dieser Datensatz angewählt oder verändert werden sollte. Zu den Gründen einer AFIS-Abfrage erhielt Herbert keine automatische Auskunft. Lediglich die Information, von welcher Stelle die Anfrage stammte, konnte er einsehen. Normalerweise würde man sich bei Bedarf an die entsprechenden Kollegen wenden.

Dienststelle Freiburg. Ein Abgleich, der einen Treffer ergeben hatte. Unbekannt, Gott sei Dank. Aber ein Treffer blieb ein Treffer. Das konnte alles Mögliche auslösen.

Endlich tauchte Michael Gerteis auf und ließ sich neben ihn in den Sessel sinken. „Du hast Neuigkeiten?“, fragte er gespannt.

Herbert nickte und schob ihm einen Hefter zu. „Da drin findest du alles nochmal zum Nachlesen“, gab er zurück.

„Mach es nicht so spannend“, forderte Gerteis.

Er hörte aufmerksam zu, bis zu der Stelle, an der Fleischer erwähnte, dass in Freiburg bereits eine Wohnung geräumt werde.

„Moment mal. Du erwartest, dass ich nach Freiburg ziehe?“, unterbrach er aufgebracht.

„Du bist der Einzige“, gab Fleischer ungerührt zurück, „der ihn kennt!“

„Nein, nein, das könnt ihr vergessen! Ich bin in Rente und raus aus der Sache“, wehrte Gerteis ab.

„In Rente ja, aber raus, das bist du nicht. Und das weißt du auch.“

„Trotzdem. Es muss bessere, jüngere Leute geben“, wandte Gerteis ein. „Einen Rentner als Fahnder, das muss schiefgehen!“

„Wir lassen dich nicht ganz allein“, beruhigte Fleischer. „Trotzdem, du musst ihn finden. Den Rest kannst du dann uns überlassen. Aber es eilt, verstehst du? Jeden Tag kann die Bombe platzen!“

„Ihn finden, in einer Stadt? Wie stellt ihr euch das vor?“

„Freiburg ist eine mittelgroße Stadt mit klar begrenztem Zentrum“, versuchte Fleischer, zu beruhigen. „Das er dir da über den Weg läuft, ist gar nicht so unwahrscheinlich. Falls er tatsächlich noch am Leben sein sollte. Was eigentlich gar nicht sein kann.“

„Ich bin doch kein Praktikant, Herbert! Ich kenne das Geschäft“, tadelte Gerteis.

„Was Besseres habe ich einfach im Moment nicht für dich“, presste Fleischer hervor. „Ich arbeite daran, eine ganze Gruppe auf alle gemeldeten Lehmanns in Freiburg anzusetzen. Sie werden uns Fotos liefern, die du prüfen kannst.“

***

Immerhin lag die Wohnung direkt im Zentrum. Ein großzügig renovierter Altbau, den sich Gerteis niemals hätte leisten können. Regelmäßig erhielt er Besuch von Fleischer, der ihm wie angekündigt Fotos aller in Freiburg und Umgebung gemeldeten Lehmanns zwischen dreißig und fünfzig vorzeigte. Bisher ohne Erfolg.

Ebenso erfolglos blieben die vielen Spaziergänge, die Gerteis jeden Tag an belebte Orte der Stadt führten: Bahnhof, Münster, die Gassen der malerischen Altstadt.

Dass es mit dieser Methode praktisch unmöglich sein dürfte, einen ehemaligen Agenten aufzuspüren, blieb bei den Gesprächen mit Fleischer tunlichst unerwähnt.

Fleischer ließ schließlich mit einigem Aufwand am Bahnhof eine gut getarnte Kamera anbringen, die den Menschenstrom direkt in die Wohnung übertrug. „Jeder geht mal zum Bahnhof“, so die Begründung, die kaum von der Hand zu weisen war. Vorausgesetzt natürlich, der Gesuchte lebte überhaupt in der Stadt.

Gerteis verbrachte unzählige Stunden vor dem Monitor. Es kam ihm vor wie damals, als es zwar nicht an Mitarbeitern gemangelt hatte, dafür aber umso mehr an Ausrüstung.

Damals hatte das dazu geführt, dass sie preiswerte Methoden entwickelt hatten. Den Mangel genutzt hatten, anstatt ihn zu beklagen.

Die Aufnahme blieb für einige Stunden aufgezeichnet. Gerteis konnte in einem Schnelldurchlauf vorsortieren. Falls es einen Treffer geben sollte, konnte er direkt aus dem Film ein Standbild erstellen, um Lehmann damit zu identifizieren.

Sobald ein brauchbares Foto vorlag, wurde der Rest vergleichsweise zum Kinderspiel. Lehmann würde unauffällig von der Bildfläche verschwinden. Die Leiche in einer entlegenen Gegend begraben, vorzugsweise in unzugänglichem Gehölz, das der nahe gelegene Schwarzwald zuhauf anbot. Was bedeutete ein weiterer Verschwundener, angesichts der Zahl, die das System schon gefordert hatte. Im Stillen würden diejenigen, die dadurch unentdeckt blieben, ihm möglicherweise für sein Opfer dankbar sein. Immerhin besser, als völlig umsonst gestorben zu sein. Darin waren sich Fleischer und Gerteis einig.

***

Nach zwei Wochen war der Fall des Denkmalpflegers Jürgen Leimer bereits aus der täglichen Berichterstattung verschwunden. Spekulationen über eine heimliche Geliebte hatten sich nicht bewahrheitet. Selbst nach intensiven Recherchen durch die Presse hatte sich kein nennenswerter Skandal gefunden.

Franks Befürchtung, gesehen oder verpfiffen worden zu sein, verflüchtigte sich mit jedem Tag, der verging, etwas mehr. Wozu also die Gegend verlassen, an die er sich inzwischen so gewöhnt hatte. Für ihn als Heimatlosen war sie zu einem wichtigen Teil seiner Existenz geworden. Die Wurzeln, die er hier geschlagen hatte, waren die ersten seit Langem.

Die Polizei schien sich auf einen normalen Raubüberfall festgelegt, zu haben. Ein Unbekannter auf Durchreise, der auf ein Zufallsopfer gestoßen war.

Nur einige Plakate, die mögliche Zeugen aufriefen, sich bei der zuständigen Behörde zu melden, hingen noch da und dort und erinnerten an den Mord. Von intensiven Ermittlungen jedoch keine Spur.

Einer weniger, war offenbar die Arbeitshypothese, dachte Berger. Was soll`s? Der Mann hinterließ keine Familie, die Druck ausübte, spann er den Gedanken weiter. Von dem würde bloß eine dünne Akte übrig bleiben, die im Archiv verstaubte. Und vielleicht stiftete ihm der Staat dazu noch einen halbwegs ansehnlichen Grabstein.

Den auch schon bald keiner mehr beachten würde.

Wenn es ihn selbst erwischt hätte, überlegte Frank, würde es einfach bei der Akte bleiben. Da war der doch noch deutlich besser gestellt als er. Oder etwa nicht?

Frank konnte ein Grinsen beim nächsten Gedanken nicht unterdrücken. Wenn der Denkmalpfleger einmal in ferner Zukunft von Schatzsuchern ausgraben werden sollte, dann würden die bestimmt darauf schließen, dass er ein absolut unwichtiger Vorfahr gewesen sein musste. Jedenfalls keinerlei Beigaben wert.

***

So untätig wie es schien, blieb die Polizei natürlich nicht. Allerdings verlief die Auswertung der Spuren rasch im Sand. Die Techniker hatten viel Müll aufgesammelt und dutzende von Reifenspuren gesichert. Etliche Münzen, zwei einfache Schmuckstücke und ein offenbar vor längerer Zeit verlorener Schlüssel stellten die markantesten Funde dar. Ein direkter Zusammenhang mit dem Mord fand sich an keinem der Stücke. Mit Reifenspuren, die von einem solchen Rastplatz stammten, konnte man zwar einen klaren Verdacht erhärten oder entkräften. Aber für eine Suche ohne weiteren Anhaltspunkt blieben sie unbrauchbar.

Alle Hoffnung ruhte jetzt auf der Tatwaffe. Der dunkle Holzgriff des Messers mit den großen, gelb glänzenden Messingnieten und der fünfzehn Zentimeter langen Klinge musste irgendwo irgendwem aufgefallen sein. Die Nieten waren auffallend sorgfältig eingearbeitet. Die matt schimmernde Klinge verwies auf Stahl bester Güte. Kein billiges Küchenutensil. Eher das Werkzeug eines Meisters. Eines Kochs oder eines Schlachters?

Oder stammte es lediglich aus dem Besitz eines Ignoranten, der es sich einfach leisten konnte?

Genauso sehr, wie das Teil auffiel, sollte doch auch sein Fehlen bemerkt werden. Das wäre zumindest zu erwarten.

Solche Ermittlungen benötigten jedoch meistens sehr viel Zeit. Und ob die Herkunft des Messers wirklich weiterhelfen konnte, stand in den Sternen. Hätte es dem Täter schon längere Zeit gehört, hätte er es wohl kaum zurückgelassen.

Die Information über den am Fahrrad gefundenen Fingerabdruck hielt Krüger immer noch zurück. Offiziell, um den Täter in Sicherheit zu wiegen. In Wirklichkeit traute er dem Ergebnis nicht ganz. Ohne klaren Grund. Für Krüger war dieser Print einfach zu sehr im „richtigen Moment“ aufgetaucht. Das fand er einfach „zu glatt“.

6. Kapitel

Freddy Endtinger biss sich genervt auf die Lippen. Jetzt ließ es sich nicht mehr ignorieren. Sein Fundstück von unschätzbarem Wert erwies sich als schwer verkäuflich. Nicht nur, weil sich eine solche Sensation längerfristig ohnehin nicht geheim halten ließ. Sondern auch, weil es inzwischen der dritte interessierte Käufer gewesen war, der es als plumpe Fälschung bezeichnet hatte. Das glaubte Freddy immer noch nicht. Aber seine bisher unerschütterliche Überzeugung, sein Wissen sei umfassend und das Fundstück echt, hatte doch erste Risse bekommen.

Nicht nur schlecht für sein Ego. Freddy hatte in Anbetracht des zu erwartenden Reichtums den einzigen Mitwisser gezielt zum Schweigen gebracht. Teilen gehörte nicht zu Freddys bevorzugten Eigenschaften. Deshalb konnte und durfte es einfach nicht anders sein. Die Platte mit dem eingekratzten Muster zeigte ein Sonnensystem mit Planeten und ihren Monden, wie es heute jedermann kennt. Die Knotenornamente am Rand dagegen, deuteten ganz klar auf den keltischen Ursprung hin. Also wussten die Kelten bereits über die Himmelsmechanik Bescheid. Schon vor mehr als tausend Jahren.

Das hatte Freddy zunächst natürlich auch nicht geglaubt. Aber der Anbieter hatte einige fundierte Argumente vorgebracht, die Freddy alle nach und nach sorgfältig überprüft hatte. Für einen Laien war es kaum nachvollziehbar. Aber der Fachmann konnte nicht bestreiten, dass diese Darstellung den Sinn einiger bisher entdeckter keltischer Kultplätze, ein Stück weit erklären konnte.

Außerdem hatte Freddy von diesem Händler schon länger regelmäßig kleinere Fundstücke gekauft. Die waren immer echt gewesen und gut gelaufen. Das bewies, dass er über eine kompetente und seriöse Quelle verfügte. Getroffen hatten sie sich stets auf dem gleichen Rastplatz an einer wenig befahrenen Landstraße. Ganz in der Nähe lag eine Bushaltestelle, von der ein Trampelpfad über eine kleine Anhöhe zu dieser Straße führte. Der ein unauffälliges Kommen und Gehen ermöglichte. Genau so professionell ausgesucht wie der übrige Ablauf der Geschäfte.

Immer wieder zeigte ihm der Verkäufer, der sich „Meyer“ nannte, eine Fotografie seines Prunkstückes. Dieser Platte. Nach und nach senkte er auch den Preis. Freddy war klar geworden, dass bald jemand zuschlagen würde, wenn er es nicht selbst tat.

Als er dann endlich das Stück zu ersten Mal in der Hand halten durfte, sah er sofort, dass es echt sein musste. Diese Patina auf Bronze entstand nur in Jahrhunderten im Boden. Das ließ sich nicht so überzeugend fälschen. Dass er selbst vom Fach war, hatte Freddy dem Verkäufer von Anfang an verschwiegen. Der scheute offenbar die viele Arbeit oder ihm fehlten einfach die notwendigen Kenntnisse, die ihn selbst reich machen würden. Lieber schnelles, unkompliziertes Geld erhalten. Ein unverkennbares Merkmal der meisten Dummköpfe.

Sie hatten ausgemacht, dass Freddy für hunderttausend Mark zum neuen Besitzer werden sollte. In einer Woche, am gleichen Platz.

Er besaß zwar einen Führerschein, jedoch kein Auto. Wie sollte er die Platte unauffällig abtransportieren? Auch dafür bot ihm der Verkäufer eine einfache Lösung an. Freddy konnte das Fundstück zusammen mit einem alten Kleinwagen übernehmen. Einzige Bedingung: Den Wagen musste er noch am gleichen Tag zurückbringen. Freddy hatte sich mit einer kleinen Einschränkung daran gehalten und die alte Büchse an einem ruhigen Waldweg abgestellt.

Natürlich konnte Freddy die Summe nicht einmal ansatzweise aufbringen. Aber er besaß ein Messer, mit dem er gut umgehen konnte. Eigentlich passte es bestens. Das Messer war selbst auch ein Fundstück. Nicht aus der Erde, es hatte ganz einfach auf einer Parkbank gelegen. Also ideal, um gleich eine Spur zu legen, die in eine ganz andere Richtung führte.

Für Freddy schien es die Gelegenheit, auf die er schon seit Jahren gewartet hatte. Sein inzwischen zehnjähriges Studium der Archäologie sollte direkt zu Geld führen. Ohne schmutzige Hände. Blutige nahm er dazu eher in Kauf, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Außerdem war der Verkäufer selbst schuld, wenn er nicht wusste, dass der Besitz solcher Dinge auch gefährlich sein konnte. Wenn er zum Beispiel an die Mafia geraten wäre …

Die hätten ihn genauso umgelegt. Manchmal waren harte Maßnahmen einfach unumgänglich. Kein Platz für Dumpfbacken in großen Geschäften. Das wurde jedem klar, wenn er darüber nachdachte. Aber Nachdenken setzte eine gewisse Intelligenz voraus. Womit sich der Kreis schloss.

Freddy selbst wusste genau, wo seine eigenen Schwächen lagen. Die Geduld fehlte ihm einfach. Sein Fundstück würde ihm reich machen. Sehr reich sogar. Aber nur wenn er es schaffte, abzuwarten.

Sonst beginge er ja den gleichen Fehler wie Meyer. Selbstverständlich ließen sich ihre Gründe nicht vergleichen. Das bedeutete jedoch keineswegs, dass es nicht trotzdem zum gleichen Ergebnis führen konnte.

Für Freddy eine glasklare Sache. Und genau dieses Wissen sorgte für den Unterschied. Ihm wäre nicht so leicht, beizukommen, wie diesem unsäglichen Trottel.

***

Kommissar Krüger runzelte ungläubig die Stirn: „Und das haben die erst nach drei Wochen gemerkt?“

Otto Grünwald, zusammen mit Thomas Sieber sein Dienstältester Assistent, hob hilflos die Hände. „Ja, Chef! Ist eine alte Karre. So ein Kleinwagen oder ein Frauenauto.“

„Vorsicht, Otto!“, mahnte Krüger.

„Sie wissen, was ich meine, Chef.“

„Und dieses Fahrzeug ist seit drei Wochen einfach nicht mehr da? Und keiner merkt´s?

„Das Museum hat rund dreißig eigene Fahrzeuge in der Garage. Die kann jeder Mitarbeiter mit Fahrberechtigung einfach nehmen. Außer den Chefs hat niemand ein fest zugeteiltes Auto. Jürgen Leimer war offenbar der Einzige, der sich noch mit der Antiquität zufriedengab. Passt ja auch zu ihm, irgendwie.“

Krüger grinste nur kurz. „Das wäre vermutlich die entscheidende Spur gewesen, wenn wir davon gewusst hätten“, stellte er genervt fest. „Was haben Sie schon unternommen, Otto?“

„Fahndung ist raus. Sieber ist unterwegs zum Museum, um den Verantwortlichen für den Fuhrpark zu befragen. Das ist alles, im Moment.“

Krüger sah ihn nachdenklich an. „Woher stammte eigentlich die Annahme, dass Leimer nicht selbst auf diesen Rastplatz gefahren ist?“

„Erstens hatte er eine Busfahrkarte in der Tasche und zweitens von seiner Sekretärin: Er habe die Umgebung zu Fuß erkundet, um das Gelände besser lesen zu können. Hingefahren sei er immer mit dem Bus. Das hat sie ausgesagt.“

„Dann könnte es sein, dass Leimer sie mit Absicht falsch informiert hat, um ungestört zu sein“, überlegte Krüger laut. „Aber was könnte er bei sich gehabt haben, dass einen Raubmord provoziert hat?“

„Den Wagen wohl kaum?“, gab Grünwald zurück.

„Natürlich nicht, Otto“, tadelte Krüger.

„Könnte er vielleicht Antiquitäten verscherbelt haben?“, mutmaßte Grünwald weiter.

„Kein Wort davon in einem Bericht, bis wirklich ein konkreter Anhaltspunkt auftauchen sollte“, mahnte Krüger. „Einen so schwerwiegenden Vorwurf gegenüber einem ermordeten Beamten zu erheben, ist äußerst heikel. Ich gebe zu, dass ich auch schon daran gedacht habe. Der Ort und die Tageszeit sprechen dafür. Es sieht wirklich danach aus, dass Leimer ein Treffen gehabt hat, von dem sonst niemand wissen sollte. Mit der angeblichen Erkundung als Tarnung.“

***

Frank konnte es noch einige Monate ohne Verdienst aushalten, wenn er wollte. Aber die Schatzsuche hatte ihm gefallen. Weshalb es nicht einmal an einem anderen Ort versuchen. An einem dieser Punkte, die er in einer TV Doku gesehen hatte. Nicht direkt an einem solchen Platz, so blöd war Frank natürlich nicht. Aber in der Nähe oder auf einem der Zugangswege. Wenn er nach den gelernten Kriterien einen bekannten Fundort untersuchte, würde er bestimmt einen interessanten Platz finden. Eine Stelle, die nicht schon durch ganze Horden von Sondlern abgegrast wurde.

Nachdenklich breitete er eine Karte der Bundesrepublik auf seinem Bett aus. Karlsruhe schien vielversprechend und noch in Reichweite. Ein größeres Waldstück neben der Stadt, unterhalb von Durlach und Pfinztal gelegen, entsprach den Kriterien. Dort musste es alte Steige und vielleicht auch Naturdenkmale geben, die die Menschen schon sehr lange kannten. Gewissheit konnte jedoch nur eine Suche vor Ort bringen. Fast wie Urlaub, dachte Frank. Morgen würde er sich auf den Weg machen, ohne die Zelte hier ganz abzubrechen. Ein paar Stunden mit der Bahn, so weit weg lag das nicht. Und wenn ihm die Gegend gefallen sollte, konnte er immer noch umziehen. Bei „Umzug“ musste er unwillkürlich grinsen. Ein Wort, welches eigentlich nur existierende, sesshafte Menschen kannten. Wie sollte er es für sich nennen? Treibgut fiel ihm ein. Das passte schlecht. Obschon es irgendwie an vertrieben erinnerte. Aber er war kein Vertriebener. Eher ein Überflüssiger.

Mit einem kühlen Bier versuchte er die aufkommenden schlechten Gedanken, zu verscheuchen. Irgendwann würde er auffliegen. Er konnte auf der Straße zusammenbrechen und in eine Klinik gebracht werden. „Wer sind Sie? Ihr Wohnort und welche Krankenversicherung?“

„Niemand und nirgends“, würde er antworten müssen.

Vermutlich würde jemand die Polizei rufen. Oder ihn gleich in die Klapse einliefern. Am Ende vielleicht die bessere Lösung?

***

Schläfrig saß Michael Gerteis vor dem Monitor, der ihm Bilder des Gedränges auf der Treppe im Bahnhof direkt in die Wohnung brachte. Es kam ihm wie ein Blitz vor. Ein Gesicht, welches ganz kurz aufleuchtete. Das war Lehmann gewesen. Heinrich Lehmann. Einer seiner früheren Spione.

Gerteis rieb sich die Augen. War es eine Einbildung gewesen oder hatte er gerade einen unglaublichen Treffer gehabt. Die Zweifel wuchsen schnell. Lehmann war nicht nur kaum auf diese Weise zu finden, sondern auch noch tot. Er musste sich geirrt haben. War ja auch kein Wunder, wenn man sich stundenlang nur vorbeiziehende Gesichter ansieht, dachte er. Einmal musste das Gehirn die Notbremse ziehen.

Das Standbild ruckelte Stück für Stück zurück. Keine Spur von Lehmann. Gerteis winkte geistig schon ab. Nur Einbildung. Nur noch ein kleines Stück zurückfahren, um sicher zu sein. Wenn Fleischer wüsste, wie viel Film im Halbschlaf an ihm vorbeizog. Aber er schaffte einfach nicht mehr. Diese Masse von Gesichtern ohne jede Handlung schläferte jeden … Da! Da war es wieder gewesen. Lehmann. Gerteis war inzwischen so nervös, dass er es kaum noch schaffte, den Film an der richtigen Stelle anzuhalten. Er kannte viele Menschen, die sich im Laufe der Jahre deutlich verändert hatten. Aber Lehmann sah immer noch genauso aus, wie er ihn in Erinnerung hatte. Es konnte sich höchstens um einen Zwilling handeln. Aber der existierte nicht. Gerteis wusste fast alles über Lehmann. Zumindest über den Lehmann von früher.

Tausend Dinge fielen ihm ein. Er musste sofort Fleischer informieren. Waldtraut musste so schnell wie möglich aus der Öffentlichkeit verschwinden. Bevor Lehmann sie erkannte.

Waldtraut verschwinden zu lassen war nicht möglich. Sie stand in der entscheidenden Phase des Wahlkampfes, fiel ihm ein. Es blieb nur die Alternative. Lehmann musste verschwinden. Und er gefährdete nicht nur Waldtraut. Sondern auch Gerteis selbst. Und mit ihm einige hundert pensionierte Genossen, die einen sorglosen Ruhestand genossen. Darüber hatten sie oft gelacht. Dass ausgerechnet der Klassenfeind sie zu dem werden ließ, wofür sie sich früher gehalten hatten.

Gerteis versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Er konnte immer noch so tun, als sei nichts gewesen. Wenn er alles abhob, was auf seinen Konten lag, würde es für ein paar Jahre in Kanada oder irgendwo in Südamerika reichen.

Weshalb musste ausgerechnet er sich darum kümmern? Hatte er nicht schon genug geleistet? Unwillkürlich ging ihm durch den Kopf, wie sehr er sich heimlich geschämt hatte, als er von der neuen Behörde mit seinen angeblichen Verdiensten in den Ruhestand verabschiedet wurde. Jetzt wäre der Moment, wo er sich das damalige Lob verdienen könnte.

Aber wozu? Besser an sich denken und verschwinden. Jedoch sie würden ihn überall finden. Nicht die, die ihn für einen Ehrenmann hielten. Diejenigen, die er verraten würde, wenn er sich aus dem Staub machte.

Der Tod eines Einzelnen konnte sich lange hinziehen, das wusste Gerteis nur zu gut. Und die würden genauso davon überzeugt sein, das Richtige zu tun, wie er es früher selbst gewesen war.

Trotz beginnender heftiger Kopfschmerzen griff er zum Telefon. Fleischers aktuelle Nummer wusste er auswendig. Vor wenigen Tagen gelernt und sofort abrufbar. Genau wie Früher. Er konnte nur hoffen, dass er etliche dieser Eigenschaften noch besaß. Fleischer erwartete das. Also ging es um Pflicht. Und damit brauchte er keinen Gedanken mehr daran zu verschwenden was richtig oder falsch war.

Er würde funktionieren. Und nicht nur er. Ein letztes Mal konnte der Apparat anlaufen. Lehmann hatte keine Chance.

***

Eine neue Spur brachte meistens in schleppende Ermittlungen neuen Schwung. Jedoch nicht im Fall Jürgen Leimer. Die Suche nach dem Wagen blieb zunächst erfolglos und die Befragung des Museumspersonals führte in eine Sackgasse. Jemand hatte offenbar die Vermutung gestreut, dass die alte Kiste endlich auf dem Schrottplatz gelandet sei, womit sich jede weitere Diskussion erübrigte. Der zuständige Verwalter des Fahrzeugparks hatte zudem erklärt, dass wirklich nur noch Leimer den Wagen benutzt hatte.

Den Ablauf des Mordes konnte von Doktor Holoch anhand der Verletzungen ziemlich genau dokumentiert werden. Leimer hatte zuerst einen kräftigen Schlag auf den Hinterkopf erhalten, bevor ihm das Messer ins Herz gerammt wurde. Vor dem Schlag hatte er offenbar eine gebückte Haltung eingenommen. Wie wenn er in ein Behältnis geschaut hätte oder sich auch nur einen Schuh binden wollte. Den Schlag hatte er bestimmt nicht kommen gesehen. Keine sehr schwere Verletzung. Ob er davon nur benommen oder ohne Bewusstsein geblieben war, ließ sich nicht mit Sicherheit feststellen.

Kommissar Krüger spielte mehrere Varianten eines möglichen Treffens auf diesem Rastplatz durch. Ausgehend von Personen die sich verabredet und auch von solchen, die sich zufällig getroffen hatten. Das dichte Gebüsch konnte leicht als Versteck gedient haben, wenn es jemand darauf abgesehen hatte, einfach wahllos Reisende zu überfallen, die nur eine Rast einlegen wollten.

Die Blutspuren an der Parkbank sprachen dafür, dass Leimer dort Platz genommen hatte. Ein im Sitzen erstochenes oder erschlagenes Opfer kannte normalerweise seinen Mörder. Wenn er sich nicht von hinten angeschlichen hatte.

Wirklich neue Erkenntnisse ergaben sich kaum. Keine Variante erwies sich als sehr viel wahrscheinlicher als die andere.

Deshalb entschloss sich Kommissar Krüger dazu, genauere Nachforschungen über Jürgen Leimer selbst anzustellen. Hatte er irgendwelche Geschäfte am Laufen gehabt, die ihn in Gefahr gebracht haben konnten?

Polizeirat Vogel hatte zögernd zugestimmt, jedoch absolute Diskretion verlangt. Noch galt Jürgen Leimer als vorbildlicher Beamter und das musste so bleiben, bis absolut stichhaltige Beweise vorlagen.

Wie auch immer. Desto mehr Zeit verstrich, desto unwahrscheinlicher wurde eine Aufklärung der Tat. Höchstens ein Zufall oder ein Hinweis aus unerwarteter Richtung konnte jetzt eine entscheidende Wendung bringen.

7. Kapitel

Schon seit mehreren Tagen saß Gerteis nicht mehr allein vor seinem Monitor. Fleischer hatte jeden verfügbaren Mann zur Suche nach Lehmann abgestellt. Der hatte die Stadt offenbar mit der Bahn verlassen und jetzt warteten alle darauf, dass er zurückkehrte. Die Warterei zehrte an den Nerven. Sich tagelang, ohne Pause zu konzentrieren war einfach nicht möglich. Aber Lehmann durfte nicht entwischen. Sobald er sich zeigte, würde die Jagd richtig beginnen. Ein Team mit Lieferwagen sollte ihn entführen und in den Schwarzwald bringen. Das Grab war bereits ausgehoben und wartete gut getarnt unter Tannenzweigen auf seinen vorgesehenen Inhalt.

Mit jeder Stunde wuchs die Nervosität. Hatte Lehmann den Bahnhof durch einen anderen Ausgang verlassen? War er nur auf der Durchreise gewesen und würde gar nicht mehr in Freiburg auftauchen? Das allerschlimmste Szenario: Lehmann war bereits auf dem Weg nach Berlin um Waldtraut zur Rede zu stellen. Deshalb wurde sie rund um die Uhr bewacht wie noch nie. Um schnell eingreifen zu können. So unauffällig wie in Freiburg würde das allerdings in Berlin kaum noch möglich sein. Fleischer rechnete damit, Lehmann schlimmstenfalls auf offener Straße erschießen zu müssen.

Mit allen Konsequenzen, die ein solches Vorgehen mit sich bringen würde. Es war nicht mehr zu vermeiden gewesen, Waldtraut einzuweihen. Sie hatte die Nachricht scheinbar gelassen aufgenommen. Erst als Fleischer sie über die vorgesehenen Maßnahmen informierte, verlor sie die Contenance.

„Seid ihr völlig vom wilden Affen gebissen!“, herrschte sie ihn an. „Es wird doch noch möglich sein, einen Mann von mir fernzuhalten, ohne gleich einen ganzen Krieg anzuzetteln. Glaubt ihr vielleicht, dass ich mir das leisten kann? Ich will nichts merken! Gar nichts! Ist das klar?“

Fleischer blieb keine andere Wahl, als kleinlaut zuzustimmen. Es gab ohnehin nicht nur eine Möglichkeit, bei der sie nicht mehr eingreifen konnten. Wenn Lehmann zum Beispiel plötzlich in einer Talkshow auftauchte. Dann war es vorbei. Oder wenn er sich direkt an die Presse wandte.

Und Waldtraut würde bestimmt nicht zögern, sie alle mit in den Abgrund zu reißen.

***

Frank genoss inzwischen die ruhige Gegend bei Karlsruhe. Schnell hatte er sich mit einer privaten Vermieterin auf ein Arrangement ohne behördlichen Segen geeinigt. Zehn Tage zum Preis einer Woche. Einige Funde konnte er bereits verbuchen. Allerdings nur Teile, die aus dem Zweiten Weltkrieg stammten und ihn nicht wirklich interessierten. Frank suchte ohnehin nur auf Sparflamme. Sein letzter Urlaub lag Jahre zurück. Er genoss es, am Tag ziellos durch den Wald zu streifen. Am Abend ließ er sich meistens in einem Gasthaus verwöhnen. Die Sonde setzte er nur ein, wenn ihm eine Stelle besonders vielversprechend erschien. Er grub auch längst nicht mehr alles aus. Das Signal verriet ihm als zunehmend geübten Benutzer, ob es sich um ein massives Teil handelte oder doch nur um einen lausigen Kronenkorken.

***

Nach einer Woche ebenso intensiver wie erfolgloser Überwachung verschwanden die ersten Helfer, die Fleischer organisiert hatte. Mit jedem Tag wuchs die Gefahr, dass sie ganz einfach, zu sehr auffielen. Der dauernde Wechsel grimmig aussehender Herren im Umfeld der feinen Wohngegend war bestimmt bemerkt worden. Davon war Gerteis überzeugt. Er einigte sich mit Fleischer darauf, nur noch zwei Helfer zu behalten, die die ganze Zeit in der Wohnung blieben. Er selbst begab sich wieder regelmäßig ins Freie, um eine gewisse Normalität vorzutäuschen.

Der Lieferwagen, der für den Abtransport Lehmanns vorgesehen gewesen war, wurde durch ein kleineres Modell ersetzt, das sich auf dem Parkplatz einer Stadtwohnung abstellen ließ.

Die beiden Jungs hatte Gerteis soweit instruiert, dass sie ihm helfen würden, Lehmann zu schnappen und danach ihm zu überlassen. Wozu und weshalb wussten sie nicht. Ihre Belohnung bei Erfolg war so hoch angestzt, dass sie keine Fragen stellen würden. Gerteis hatte auch angedeutet, dass er auf keinen Fall über Gründe sprechen würde und Neugierige überhaupt nicht ausstehen könne. „Ich kenne noch ne ganze Menge Jungs, die so leicht Geld verdienen wollen und trotzdem die Klappe halten können“, war der einzige Satz zu diesem Thema gewesen. Und die beiden hatten es offenbar verstanden.

Das schloss jedoch aus, dass einer von ihnen Lehmann liquidieren würde. Darüber grübelte Gerteis die ganze Zeit nach. Fleischer erwartete offenbar, dass er das erledigte. Aber Gerteis hatte schon vieles in seinem Leben gemacht. Leute waren in seinem Auftrag ums Leben gekommen oder jahrelang eingesperrt gewesen. Unbelehrbare Genossen hatte man auch schon mal zum Krüppel geschlagen. Gerteis griff schnell hart durch als hoher Beamter des Ministeriums für Staatssicherheit. Nur selbst jemanden umgebracht, das hatte er noch nie.

Er überlegte, Lehmann solange festzuhalten, bis er einen bezahlten Killer organisiert hatte. Allerdings konnte er das notwendige Geld dafür, nicht einfach so ausgeben. Er würde es von Fleischer verlangen müssen. Eine Variante, Leute mit den Abgasen eines Lieferwagens zu vergiften, hatten sie früher auch manchmal angewendet. Trotzdem war Gerteis sich nicht sicher, ob er das durchstehen könnte.

Allerdings rechnete er auch nicht mehr damit, dass Lehmann nochmal in Freiburg auftauchte. Damit wuchs die Chance, dass sich andere um die Sache kümmern mussten. Die ohnehin jünger und besser geeignet waren.

Am Abend des zehnten Tages schlug der Jüngere der Helfer, der sich nur Nils nannte, Alarm. Lehmann sei gerade dabei, den Bahnhof zu verlassen. Der Ältere, Hermann, hatte auf dem Sofa gedöst. Unglaublich schnell war er auf den Beinen. Es dauerte weniger als eine Minute, bis die beiden den Lieferwagen erreicht hatten und mit quietschenden Reifen losfuhren.

Gerteis spulte mit zitternden Händen das Band zurück. Tatsächlich. Lehmann schlenderte offenbar gutgelaunt an der Kamera vorbei. Jetzt konnte Gerteis nur noch abwarten und hoffen, dass die zwei Erfolg hatten. Immerhin bestand die kleine Chance, dass sich Lehmann heftig wehrte und dabei schwer verletzt wurde. Am liebsten so schwer, dass er nicht mehr aufwachte. Natürlich hatte er das nicht durchblicken lassen können. Allerdings war auch nie die Rede davon gewesen, dass Lehmann unversehrt abgeliefert werden müsse.

***

Frank gönnte sich noch ein Bier im Garten eines Restaurants direkt am Bahnhof. Deshalb fiel es Nils und Hermann nicht schwer, ihn rechtzeitig aufzuspüren. Frank blieb fast eine Stunde sitzen. Dann „lieh“ er sich das Fahrrad, das gerade jemand unverschlossen abgestellt hatte, der danach in großer Eile im Bahnhof verschwunden war. Frank machte sich mit dem alten Bike auf den Weg nach „Hause“.

Nils und Hermann folgten ihm vorsichtig. Es begann bereits zu dämmern. Frank hatte inzwischen die Landstraße erreicht, die auch an diesem Rastplatz vorbeiführte, auf dem der Denkmalpfleger erstochen worden war.

Nils, der am Steuer des Lieferwagens saß, kannte die Strecke. Deshalb überholte er Frank und die beiden legten sich am Rastplatz auf die Lauer. Sie stellten sich nebeneinander hinter die Hecke, die den Rastplatz von der Straße trennte. Jeder hielt ein Ende eines dünnen Kletterseils in den Händen. Die Hecke, zwischen Ein- und Ausfahrt rund fünfzig Meter lang, oben sauber auf Brusthöhe geschnitten, bot Deckung und Halt für ihr Vorhaben.

Frank radelte gemütlich weiter. Er blieb völlig arglos und bemerkte nichts, bis ihn plötzlich etwas seitlich abgedrängte und er in hohem Bogen im Gebüsch landete.

Die beiden hatten die Leine im richtigen Moment so über ihn geworfen, dass er sich darin verfangen musste. Ein kräftiger Ruck warf ihn schließlich vom Rad und über die Hecke.

Das Gebüsch hatte den Sturz gebremst. Trotzdem blieb Frank benommen liegen. Rasende Kopfschmerzen und eine stechende Übelkeit beherrschten ihn völlig. Außerdem rechnete er natürlich nicht damit, überfallen zu werden. Er erwartete von dem Mann, der auf ihn zustürzte, Hilfe. „Lassen Sie nur“, stöhnte er. „Nur einen Moment. Es geht gleich wieder!“

Frank atmete schwer. Der Aufschlag hatte ihm die Luft genommen.

Ein zweiter Helfer erschien, wie Frank feststellte. Aber anstatt erster Hilfe geleistet, wurden ihm die Arme auf den Rücken gezerrt. Bevor er reagieren konnte, klebte man ihm zudem ein breites Klebeband über den Mund. Wenigstens ließ man ihn noch einige Minuten in Ruhe liegen. Allerdings nur, weil Nils zuerst Franks Rad einsammeln und verstecken musste. Danach holte er den Lieferwagen und parkte ihn neben ihrem Fang.

Die zwei fackelten nicht lange. Unsanft wurde Frank liegend über die hintere Stoßstange in den Laderaum gezerrt. Sein Rücken brannte höllisch durch die entstehende Reibung auf dem Kunststoff. Einer blieb hinter ihm, rollte ihn auf die Seite und hielt ihn so fest, während der andere die Hintertüren zuknallte. Kurz darauf wurde der Wagen gestartet und fuhr los.

Frank wurde danach nicht weiter behelligt. Deshalb zog er es vor, sich nicht mehr zu rühren und abzuwarten, dass die Schmerzen nachließen. Erst nach einer Weile traute er sich, die Augen einen kleinen Spalt weit zu öffnen. Bisher hatte er seine Entführer noch nicht gesehen. Das sollte auch so bleiben. Vielleicht konnte genau dies, später sein Leben retten. Er lag praktisch im Dunkeln. Bloß der schwache Widerschein einer kleinen Lampe deutete sich an der gegenüberliegenden Wand an. Sein Bewacher hatte bisher noch kein Wort gesprochen. Als dessen einzige Aktion während der Fahrt hatte Frank gespürt, wie seine Handfessel offenbar irgendwo am Wagenboden festgezurrt wurde.

Tausend Dinge gingen ihm durch den Kopf. Das mussten die Leute sein, die den Denkmalheini umgebracht hatten, war sein erster Gedanke gewesen. Aber woher sollten die wissen, dass er hier vorbei radeln würde? Das konnte nicht sein. Außerdem war es für die doch gefährlich, sich hier zu zeigen. Am Tatort.

Er dürfte wohl eher ein zufälliges Opfer geworden sein. Erwarteten die möglicherweise ein Lösegeld für ihn?

Wer sollte zahlen? Frank schauderte. Niemals würden die ihm glauben, dass er gar nicht existierte.

Die Kopfschmerzen nahmen wieder überhand. Frank gab sich stöhnend hin. Offenbar fuhren sie jetzt auf einem Feldweg und er war den Schlägen direkt und ungeschützt ausgeliefert. Er riskierte einen Blick zu den Fenstern des Wagens. Keine Gläser. Frank kannte das System. Anstelle von Gläsern, eingesetzte Blechteile. Deshalb die Dunkelheit im Wagen. Draußen musste es inzwischen aber auch dunkel geworden sein. Der Wagen bremste ab und blieb stehen. Ein Quietschen war zu hören. Ein Tor oder eine Schranke vielleicht. Ein kurzes Wackeln, dann erstarb der Motor. Frank hob den Kopf an. Sein Bewacher wandte sich ihm zu und drückte ihm einen stark riechenden Wattebausch auf die Nase. Frank hielt die Luft an. Der Kerl schien es zu bemerken und kniff ihn in den Bauch. Frank erschrak und atmete natürlich tief ein. Schwindel erfasste ihn. Eine schwarze Welle, die plötzlich auf ihn zuraste, löschte alles aus.

***

Nils kehrte gegen zehn Uhr am Abend allein in die Wohnung zurück, um Gerteis zu informieren. Hermann war als Wache bei Lehmann zurückgeblieben. „Er schläft jetzt im Lieferwagen und Hermann passt auf“, erklärte Nils. „Sie können damit rechnen, dass er bis am Morgen wieder munter ist. Wollen Sie ihn gleich übernehmen oder bis morgen früh warten?“

„Der Wagen steht in der Scheune?“, fragte Gerteis nach.

Nils nickte nur.

Dann kann ich Euch beide eigentlich auszahlen. Sie bringen mich hin und ich übernehme den Vogel.“

„Ok“, antwortete Nils zustimmend.

„Nur einen Moment“, sagte Gerteis. „Ich informiere nur noch einige Leute, dann können wir los.“

„Ich warte draußen.“

Gerteis rief Fleischer an. Wie ausgemacht erklärte er ihm, dass der Kanarienvogel wohlbehalten angekommen sei. Fleischer konnte seine Begeisterung kaum unterdrücken, hielt sich jedoch an die Abmachung. „Ausgezeichnet! Ich wusste doch, dass du der Richtige bist, um unseren Hansi wieder einzufangen. Jetzt können wir uns alle in Ruhe erholen. Endlich wieder einmal eine Nacht durchschlafen. Danke Michael!“

Gerteis legte auf. Durchschlafen? Fleischer vielleicht. Aber er nicht. Das Schlimmste stand ihm noch bevor.

Er klaubte die Kuverts mit dem abgezählten Geld aus dem Wertschrank, den Fleischer in der Wohnung deponiert hatte und begab sich zu Nils, der an seinem alten Golf lehnte. Die ganze Fahrt sprachen sie kein Wort. Gerteis grübelte weiter, wie er Lehman loswerden wollte und Nils konzentrierte sich auf das Fahren. Gerteis wusste nicht genau, wo die Scheune stand. Nur, dass es sich um ein abgelegenes und verlassenes Gehöft im Schwarzwald handelte, das Fleischer irgendwoher kannte, ohne näheren Bezug zu ihm. Auch er, Gerteis, würde sich nur solange dort aufhalten, bis Lehman in seiner Grube lag und das Loch verschlossen war. Man hatte ihm versichert, dass der Aushub am Abhang so aufgeschichtet sei, dass er ihn nur noch herunterzukratzen brauche. Außerdem solle die Grube in einer Kuhle so angelegt sein, dass die überschüssige Erde überhaupt nicht auffallen würde. Gerteis zweifelte nicht daran. Für solche Aufgaben hatte er früher Dutzende von begabten Helfern gehabt. Der eine oder der andere war sicher noch greifbar gewesen und hatte ganze Arbeit geleistet.

In dieser Beziehung war Fleischer kaum zu übertreffen. In kürzester Zeit wusste er, wozu jemand taugte oder auch wozu nicht. Nur bei ihm selbst schien Fleischer falsch zu liegen. Er war doch kein Mörder. Gerteis hegte den leisen Verdacht, dass Fleischer sich darüber im Klaren war. Aber Fleischer konnte ihn natürlich viel besser im Griff behalten, wenn er direkt beteiligt war. Als Mörder von Lehmann hatte Gerteis selbst jedes Interesse daran, dass die Sache nicht publik wurde. Das war kein direktes Misstrauen. So hatten sie im Ministerium meistens gearbeitet. Auch um die Agenten vor den Verlockungen des Westens zu schützen.

Nils löschte das Licht am Golf und rollte in einen Feldweg, der von der asphaltierten Straße abging. Trotz der Dunkelheit zeichneten sich die zwei Fahrspuren des Weges im Gras deutlich ab. Sobald sie den Wald erreicht hatten, schaltete Nils die Standlichter ein. Zu sehen war der Weg hier kaum noch. Aber die tief eingefahrenen Spuren leiteten sie wie auf Schienen zum Gehöft, das direkt am Ende des Waldes lag. Hermann zeigte sich kurz. Er war natürlich in Deckung gegangen, bis er den Wagen und Nils sicher erkannt hatte. Auch er ein Profi. Schließlich hatte Fleischer ihn ausgesucht.

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9783742726070
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Шестая книга в серии "Krügers Fälle"
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