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Abenteuer mit Kindern
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2020 Sven Wehde
Lektorat und Korrektorat: Christina van Zwol
Herstellung und Verlag: Idependently published
ISBN: 978165372681
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung.
www.kidsabenteuer.de
sven@kidsabenteuer.de
Disclaimer
In diesem Buch werden Geschichten von Abenteuern mit Kindern erzählt. Das Nachmachen geschieht ausdrücklich auf eigene Verantwortung. Der Autor hat nach besten Wissen und Gewissen recherchiert und Experten hinzugezogen. Der Autor übernimmt jedoch keine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben und keine juristische Haftung.
Unternehmen Sie keine Abenteuer mit Ihren Kindern, die Sie nicht absolut sicher beherrschen.
Inhaltsverzeichnis
Drei Fragen zu Beginn 9
Warum dieses Buch? 9
Und warum Abenteuer? 11
Was ist ein echtes Abenteuer? 17
Das Expeditionsteam – unsere Familie 19
Vor der Haustür 21
„Ein riesiges Gefühl von Freiheit“:
Mikroabenteurer Christo Foerster im Gespräch 22
Einfach los – Zwei Tage auf Tour mit dem Wanderwagen 31
Ein Trampolin-Bett im Garten: Schlafen unter den Sternen 45
Im Wald 51
„Kinder müssen die Natur fühlen”: Urwaldförster Knut Sturm im Gespräch 55
Querfeldein im Urwald 64
„Abseilen spielen“ im Wald 74
Wir bauen eine Brücke 78
Wo der „Keuler“ wohnt – eine Nachtwanderung im Wald 84
Kleine Futterstellen für Rehe und Wildschweine im Winter 98
Was wir Eltern über Zecken wissen müssen 95
In den Bergen 98
„Für Kinder ist das Lagern spannend“: Bergsteiger Reinhold Messner im Gespräch 105
Gipfeltour mit Kind: Als Papa lernt, was wirklich wichtig ist 110
Durch die rauschende Klamm 122
Klettern mit Kindern 129
Am Wasser 131
„Ich bin ein Freund der Ostsee“:
Meeresbiologe Nikolaus Gelpke im Gespräch 133
Wie Robinson Crusoe: Übernachten am Ostseestrand 142
Canadier, Kajak oder Schlauchboot: eine Paddeltour
auf dem Wasser 155
Sicherheitshinweise für Kanutouren 169
Zu Fuß im Wasser unterwegs – die Bachwanderung 170
Auf Reisen 176
„Keine Angst vor Abenteuerreisen mit Kindern“: Reiseautorin Gabriela Urban im Gespräch 177
Im Auto schlafen 185
Von Roadtripping und Autozügen 193
Noch mehr Ideen für Abenteuer 206
Der Hexenschatz im Wald 206
Strand- oder Waldolympiade 207
Fahrt ohne Ziel 207
Morgendämmerung in der Natur 208
Eine Höhle erkunden 209
In der Wildnis schlafen 209
In der Natur kochen 210
Eine Insel erobern 211
Das Zehn-Minuten-November-Abenteuer 212
Eine Kompasswanderung 213
Geocachen 213
Im Regenwald unterwegs 214
Ein Mittel gegen die Pubertät – Rollerskater-Tour: 215
Wanderung mit Tieren 216
Indianerschleichen 217
Winterwanderung mit Schlitten 217
Waldunterschlupf bauen 218
Barfußgehen 219
Boßelausflug 221
Regenzelten 223
Die Kraft der Fantasie 224
Ausrüstung 228
Links für Familien 235
Weitere Abenteuergeschichten für dich 240
Danksagung 241
Drei Fragen zu Beginn
Warum dieses Buch?
Am Anfang habe ich unsere Familien-Abenteuer als Erinnerungen für meine Kinder aufgeschrieben. Doch die Glücksgefühle, die unsere kleinen Ausbrüche aus dem Alltag auslösten, waren so groß, dass ich unsere Erfahrungen teilen wollte. Ich habe gemerkt, dass wir nicht alleine sind. Immer mehr Menschen zieht es mit ihren Kindern in die Natur. In unseren vom Smartphone beherrschten Zeiten - und das meine ich gar nicht kritisch, auch ich mag mein iphone sehr - ist es wichtig, weiter den Kontakt zur realen Welt draußen zu pflegen. Für all diejenigen, die das ähnlich empfinden, ist dieses Buch.
Alle Geschichten haben wir genau so erlebt. Die Abenteuer kosteten in vielen Fällen kein Geld und oft reichte ein freier Nachmittag oder ein normales Wochenende. Es sind keine Indiana-Jones-Abenteuer, es gibt weder Löwen noch Piraten. Aber es gibt Bäume, Erde, Wasser, Sand, Tiere, Matsch, Sterne, Sturm, Sonne und wundervollen Regen.
Ich habe für dieses Buch versucht, unsere Abenteuer etwas zu strukturieren. Nach den großen Naturbereichen Wasser, Wald und Berge. Nach Abenteuern, die wir direkt vor der Haustür oder aber auf Reisen erlebt haben. Aber natürlich lässt sich das Leben und die Natur nicht in Schubladen stecken, daher gibt es auch viele Überschneidungen zwischen den Kapiteln. Denn eine Nachtwanderung kann vor der Haustür starten und dann durch den dunklen Wald führen, eine Bergwanderung kann uns zum Schwimmen ans Meer führen.
Dieses Buch ist zwar aus meiner Sicht als Papa geschrieben, aber es ist ein Buch für alle. Für Mamas und Papas, für Opas und Omas oder große Geschwister, die mit den Kleinen etwas erleben wollen. Es ist wohl weniger ein Buch für bereits erfahrene Outdoorexperten, sondern eher eines für ganz normale Freizeitabenteurer. Es soll unterhalten, inspirieren und Tipps geben. Es soll unsere Erlebnisse teilen und noch mehr dazu anregen, die Erfahrungen selbst zu machen. Es soll ein Buch sein, das lange währt, das auf dem Wohnzimmertisch, im Regal oder meinetwegen auch auf dem WC liegt. Immer mal wieder nimmt man es zur Hand, liest die eine oder andere Geschichte. Dann wird der Rucksack gepackt und los geht es: nach draußen. In die Natur.
Und warum Abenteuer?
Es hilft alles nichts. Bevor wir in diesem Buch in den Wald gehen oder auf Berge klettern, gibt es ein wenig Theorie. Es sei denn, du blätterst jetzt einfach vor.
Du bist noch da? Sehr schön.
Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, warum ich überhaupt damit angefangen habe, mit meinen Kindern regelmäßig rauszugehen. Möglicherweise sind dies genau die gleichen Gründe, aus denen du vor ungefähr einer Minute angefangen hast, in diesem Buch zu lesen.
Bis in die 1990er-Jahre gab es in den Familien nur wenige Ausbruchsversuche aus der klassischen Rollenverteilung. Der Vater ging arbeiten, die Mutter blieb daheim. Wenn der Mann dann am späten Nachmittag nach Hause kam, hängte er das Jackett über den Stuhl oder den Blaumann in den Kellerschrank und wollte seine Ruhe nach einem harten Tag. Die Mutter kochte Gulasch oder Erbsensuppe, hing die Wäsche auf und spielte mit den Kindern „Mensch ärgere dich nicht”. Oder die Kinder spielten gleich alleine irgendwo draußen. So oder so ähnlich sah es noch vor 30 Jahren aus, nicht überall, aber doch in vielen Familien.
Viele der älteren Väter blickten dann nach der Jahrhundertwende zunächst verwundert auf die Familien ihrer Kinder. Plötzlich wechselte der Papa die Windeln und nahm Erziehungsurlaub oder die Frau arbeitete und verdiente mit. „Ist das nicht die Aufgabe des Mannes, die Familie durchzubringen“, fragten sich die Alten. Doch aus Verwunderung wurde mit den Jahren oftmals Bewunderung. „Was die Väter heute alles mit ihren Kindern machen, ist toll. Ich habe das nie gemacht. Es ist schade, aber es war einfach eine andere Zeit”, erzählte mir mal ein älterer Herr, den ich bei einer Recherche für einen Zeitungsartikel kennenlernte. Der Mann hatte Recht, die Rollenbilder waren früher andere - und sie waren starrer. Doch heute haben sich nicht nur die gesellschaftlichen Werte längst gewandelt. Den Veränderungen in den Köpfen folgte die Anpassung der sozialpolitischen und arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen. Während meist davon gesprochen wird, dass die zunehmende Gleichberechtigung von Mann und Frau ein Erfolg für das weibliche Geschlecht ist, bin ich davon überzeugt, dass sie ebenso ein Glück und eine Befreiung für alle klar denkenden Männer ist. Denn heute gibt es viel mehr Möglichkeiten, sich nicht nur als arbeitende Mutter, sondern auch als arbeitender Vater mehr Zeit für seine Kinder zu nehmen. Es gibt Elternzeiten, Teilzeitmodelle, Homeoffice oder Sabbaticals. Männer sind nicht mehr unwiederbringlich in der Karrierefalle gefangen. Sie sollten sich darüber freuen. Doch so positiv diese Veränderungen sind, es ändert nichts daran, dass Essen und Kleidung gekauft und das Haus oder Auto abbezahlt werden müssen - und daher in der Realität meist doch ein Elternteil voll arbeitet. Und in 87 Prozent der Familien ist dies eben nach der letzten Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach immer noch der Vater. Wir stehen auch hier vor Veränderungen, selbst in den konservativsten Unternehmen taucht auf den Betriebsversammlungen mittlerweile der Begriff „Work-Life-Balance“ auf. Arbeitnehmer, auch viele Männer, wollen nicht mehr, dass die Arbeit ihr Leben komplett dominiert. Sie wollen Beruf und Privates in Einklang bringen. Wahrscheinlich werden sich in zehn Jahren viele Eltern Beruf und Erziehung teilen, in dem beide Teilzeit arbeiten. Noch hinkt die reale Arbeitswelt aber diesen Wünschen hinterher. Und noch fehlt einigen Männern auch der Mut, sich von ihrer Rolle als „alleiniger Ernährer der Familie“ zu verabschieden. Dies führt zu einem Dilemma: Viele Väter haben einen Vollzeitjob, wollen aber trotzdem an der Kindheit ihrer Mädchen und Jungen intensiv teilhaben. Auch mir geht es so. Ich habe zwei Mädchen und einen Jungen. Sie sind die wichtigsten Menschen in meinem Leben und ich möchte Verantwortung bei ihrer Erziehung übernehmen - und vor allem möchte ich ihnen eine unbeschwerte, liebevolle Kindheit mit auf ihren weiteren Lebensweg geben. Egal, was sie als Erwachsene erwartet, ihre Kindheit soll ihr Schutzraum sein. Eine Zeit der glücklichen Erinnerungen, die ihnen niemand auf der Welt mehr wegnehmen kann. Es gibt da diese wunderbare Szene in dem Film „Die Seeräuber” von 1966 aus der Reihe „Ferien auf Saltkrokan“, für die Astrid Lindgren das Drehbuch schrieb. Der alleinerziehende Vater Melker Melkersson und der Krämer Nisse Grankvist schenken ihren Kindern einen Abenteuertag, Schäkertag genannt. Einen ganzen Tag lang spielen sie mit ihren Kindern auf einem alten Kahn Piraten. Am Abend begegnen sie dem griesgrämigen Fischer Westermann, der Melkersson fragt, was denn der Blödsinn soll, den er da veranstaltet. Da antwortet Melkersson: „Kannst du verstehen Westermann, dass diese Kinder da, wenn sie groß sind und alles andere vergessen haben, sich noch an diesen heutigen Spieltag erinnern?” Ein besseres Plädoyer für Abenteuertage gibt es nicht.
Eine Reduzierung der Arbeitszeit kam bei meiner damaligen Tätigkeit als Redaktionsleiter nicht in Frage, also gab es nur eine Alternative. Wenn ich nicht mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen kann, muss ich die Zeit, die ich habe, intensiver nutzen.
So wurde ich Abenteuer-Papa.
Die Zeit mit seinen Kindern intensiver zu nutzen und gemeinsame Erlebnisse zu schaffen, an die wir uns noch lange erinnern, heißt übrigens nicht, jeden freien Tag etwas Besonderes zu unternehmen. Denn dann wird das Besondere zum Alltäglichen und verliert seinen Wert. Zudem bin ich davon überzeugt, dass Kinder Ruhezeiten und Ruheräume brauchen. Sie brauchen Zeit, um sich allein mit ihrem Spielzeug in fantastische Welten zu verlieren, die sie nur in ihrem Kopf erschaffen. Sie brauchen Zeit, um mit Freunden zu spielen, zu streiten und die Welt auch mal ohne die Eltern zu erkunden. Deshalb bin ich ein Gegner von zu vollen Terminkalendern bei Kindern. Es ist großartig, wenn ein Kind neugierig ist und Lust hat, viele Dinge auszuprobieren. Meine Kinder dürfen verschiedene Hobbys testen. Die Mädchen haben Ballett gemacht, jetzt sind sie beim Turnen. Josefina, meine Große, hat zudem mal Klavierunterricht gehabt, doch dann wieder aufgegeben, weil ihr das Lernen neben der Schule zu viel wurde. Die Kinder können gern alles kennenlernen, bis sie das Hobby gefunden haben, das das richtige für sie ist. Nur sie dürfen eben nicht alles gleichzeitig machen. Da sollten wir unsere Kinder vor sich selbst schützen. In unserer Familie sind daher zwei Nachmittagstermine in der Woche für ein Kind das Maximum. Und unsere Abenteuertage haben wir ungefähr einmal im Monat, im Sommer etwas mehr, im deutschen Matsche-Winter etwas weniger. Es müssen auch nicht immer alle Kinder dabei sein, es gibt keinen Gruppenzwang. Im Gegenteil: Gerade in Familien mit vielen Kindern ist es für den einzelnen auch mal schön, wenn er oder sie Mama oder Papa für ein paar Stunden ganz für sich alleine hat. Ich veranstalte daher in unregelmäßigen Abständen reihum Papa-Wochenenden, an denen ich nur mit einem meiner Kinder wegfahre oder etwas unternehme.
Abenteuer müssen nicht groß und gefahrvoll sein. Für ein tolles gemeinsames Erlebnis muss ich mit meinen Kindern keine Alpenüberquerung machen und mich auch nicht eine Woche auf einer einsamen Insel aussetzen lassen.
Ein Abenteuer muss auch nicht teuer sein. Der britische Abenteurer Alastair Humphreys erfand 2014 den Begriff Mikroabenteuer und setzte damit einen Trend, der auch in Deutschland erste Wurzeln schlägt. Es geht dabei um kleine Alltagsverlagerungen, meist in die Natur. Sie dauern nicht lange, kosten nicht viel und lassen sich auch in den normalen Tages- und Wochenablauf eines Berufstätigen integrieren. Eine Nacht im Wald zu schlafen oder einen Fluss entlang zu schwimmen gibt Menschen eine Herausforderung und die Möglichkeit, einige Stunden der Hektik des Alltags zu entfliehen und sich selbst wieder besser zu spüren.
Die Rückbesinnung auf die Natur ist ein wichtiges Kennzeichen unserer Gegenwart. Es ist die Gegenbewegung zur digitalen Welt, in der die meisten Menschen immer mehr unter Stress geraten. Sie sind ständig erreichbar, meist unter Zeitdruck und leben als Multitaskingwesen zugleich in der realen und der Social-Media-Welt. Vor einigen Wochen habe ich Jugendliche gesehen, die zusammen vor ihrer Schule saßen und sich unterhielten ohne sich anzuschauen, weil sie zeitgleich auf ihren Smartphones Spiele zockten oder ihren Instagram-Account checkten. Als Teenager ist das vielleicht noch zu bewältigen, aber vielen Erwachsenen ist die Welt irgendwann zu viel und zu kompliziert geworden. Diese Menschen machen sich die Welt selbst wieder einfacher. Das ist, so glaube ich, der Grund, warum das Wandern seit einigen Jahren plötzlich wieder in Mode ist und warum Outdoor-Magazine so viele Leser haben. Der moderne Mensch flieht zurück in die Natur.
Ich habe dies auch bei mir selbst beobachtet. Es war vor zwei oder drei Jahren. Ich fühlte mich extrem gestresst. Das Telefon klingelte ununterbrochen, ich hatte massenhaft Termine und zu Hause jede Menge familiäre Verpflichtungen. Eines Tages bin ich in den Wald gefahren. Ich ging einige Meter den Weg entlang, bog dann ohne lange zu überlegen plötzlich ab und verschwand im Unterholz. Ich wanderte vielleicht eine Stunde fernab der Wege und der Zivilisation durch den Wald, schob mich zwischen Tannen und Buchen hindurch, balancierte über einen umgestürzten Baum und dachte an - nichts. Diese Stunde gab mir mehr Kraft als jedes Wellness-Wochenende. Eine Studie der US-amerikanischen Universität Michigan hat mittlerweile sogar bewiesen, dass Menschen, die mindestens drei Mal die Woche für 20 bis 30 Minuten in die Natur gehen, ihr Level an Stresshormonen deutlich senken können. Natürlich muss dabei das Smartphone ausgeschaltet bleiben…
Meine Kinder spüren diesen Druck des Erwachsenseins noch nicht. Trotzdem gibt es auch in ihrer Welt Schulstress, Termine und … ja, Smartphones und Tablets. Es ist unsinnig, die Technik zu verteufeln und unseren Kindern vorzuenthalten. Die Früher-war-alles-besser-Argumente waren schon in der Generation unserer Eltern reine Nostalgie. Die Welt war früher nicht besser und ist heute nicht schlechter. Sie ist nur anders. Na klar ist es romantisch, wenn Oma vom Milchladen und dem Fleischer um die Ecke schwärmt. Viele Städte versuchen auch durch politische Maßnahmen das Sterben des Einzelhandels in ihren Innenstädten aufzuhalten und das Wachstum der großen Einkaufszentren auf der Grünen Wiese zu stoppen. Doch sie werden scheitern. In einer Zeit mit wenig Zeit wollen die Menschen schnell einkaufen und möglichst alles in einem großen Geschäft finden. Doch anstatt sich neue Konzepte für die Innenstädte zu überlegen, versuchen Politiker zu stoppen, was nicht zu stoppen ist. Genau so ist es mit unseren Kindern. Smartphones, Tablets und die sozialen Medien gehören heute zum Leben dazu. Was wir als Eltern aber tun können, ist einen schlauen Zeitpunkt festzulegen, ab welchem Alter wie viel Technik und Social Media sinnvoll ist und sie bei der Nutzung zu begleiten. Und genauso wichtig ist es, unseren Kindern zu zeigen, dass es draußen im Wald, am Strand und in den Bergen eine natürliche Welt gibt, die so viel schöner und aufregender ist, als alle virtuellen Welten zusammen. Das mag jetzt pathetisch klingen, aber so legen wir den Grundstein für die Zukunft unserer Kinder und unserer Welt. Denn nur wenn unsere Kinder die Kraft der Natur kennen, können sie sie selbst nutzen, wenn sie als Erwachsene unter dem Druck der modernen Zivilisation leiden. Und nur wenn unsere Kinder die Schönheit der Natur gesehen und gespürt haben, wenn sie Rehe und Hasen beobachtet, den Sand und das Gras an den Füßen gefühlt und den Sternenhimmel beobachtet haben, werden sie unsere Natur schützen. Wir schützen das, was wir kennen und lieben.
Daher führten unsere Abenteuer die Kinder und mich hinaus. Wir öffneten die Haustür und gingen nach draußen. In den Garten, in den Wald, auf den See, ans Meer, in die Berge...
Was ist ein echtes Abenteuer?
Die morgendliche Sonne scheint über die Gipfel der Südtiroler Alpen hinweg und wirft ihre Strahlen wie einen Scheinwerferkegel auf die Terrasse des Schlosses Sigmundskron bei Bozen. Im Licht dieses Scheinwerfers sitzt Reinhold Messner, einer der letzten großen Abenteurer der Gegenwart. Er hat alle vierzehn Achttausender bestiegen, die Antarktis und die Wüste Gobi zu Fuß durchquert. Er ist an diesem Tag 74 Jahre alt und auch wenn sein wallendes Haar grau geworden ist und er etwas müde wirkt, bilden diese Abenteuer immer noch eine respekteinflößende Aura, die ihn umgibt. Dieser Mann weiß, was ein Abenteuer ist und in unserem Gespräch macht er schnell klar, dass ein echtes Abenteuer für ihn auch echte Gefahr bedeutet. „Ein Abenteuer ist schwierig, es ist gefährlich und es ist exponiert, also weit weg von jeder Sicherheit”, sagt Messner.
Später, auf der Rückfahrt zum Hotel, denke ich lange über diesen Satz nach und überlege, ob ich den Begriff des Abenteuers missbrauche oder entwerte, wenn ich ihn für die Touren benutze, die ich mit meinen Kindern unternehme. Für Reinhold Messner ist eine Querfeldeinwanderung im Wald oder eine Strandübernachtung sicher kein Abenteuer. Allerdings hat Reinhold Messner bei seiner Definition von Abenteuer auch von erwachsenen Abenteuerprofis gesprochen und nicht von Kindern.
Ich bin mir sicher, dass der Begriff richtig ist. Denn ein Abenteuer definiert sich immer aus der Sicht des Betrachters. Deshalb ist eine Nachtwanderung im Wald wohl für die meisten Erwachsenen nur ein Spaziergang, für meinen fünfjährigen Sohn Mats aber ein großes Abenteuer voller Gefahren. Allerdings nur ein gefühltes, denn die reale Bedrohung ist nur gering, und genau das ist mir wichtig: Ein Erwachsener kann, wenn er für sich alleine unterwegs ist, selbst entscheiden, welche Gefahren er eingeht. Unsere Kinder können das nicht, sie leben in dem vollen Vertrauen, dass wir als ihre Eltern die ganze Welt und das Schicksal kontrollieren können. Es ist eine Art Urvertrauen, das wir niemals missbrauchen sollten. Natürlich können wir nicht das Schicksal kontrollieren und niemals alle Risiken von unseren Kindern fernhalten, aber wenn wir mit unseren Kindern ein Abenteuer erleben, sollte eine Grundregel immer gelten, egal, was wir tun: Für die Kinder soll die Tour ein Abenteuer sein, für uns als Mutter oder Vater muss es etwas sein, von dem wir wissen, dass wir es jederzeit hundertprozentig beherrschen, denn wir tragen in diesen Momenten eben nicht nur eine Verantwortung für unser Leben, sondern auch für die unserer Kinder. Eine größere Verantwortung gibt es nicht.
Das Expeditionsteam – unsere
Familie
Im Frühtau zu Berge: (hinten v.l.) Josefina, Mama Yvonne und Papa Sven mit Mats und Carline
Sven Wehde, Jahrgang 1975, Vater und Expeditionsleiter, hat nach einer langen Phase des Stadt- und Bürolebens vor einigen Jahren seine Liebe zur Natur wiederentdeckt und möchte sie nun an seine Kinder weitergeben. Selbstbild: verwegener Abenteurer und topfit. Liebevolle Kritiker würden sagen: großes Kind mit Übergewicht.
Yvonne Czerny-Wehde, Jahrgang 1974, Mutter und Leiterin des Basislagers. Ist bei einigen der Touren dabei, aber nur die, die über „richtige Wege“ führen und bei denen sie am Ende in einem „vernünftigen Bett“ schlafen darf. Ansonsten konzentriert sie sich lieber darauf, den spannenden Erzählungen der Abenteurer zu lauschen.
Josefina „Josi“ Wehde, Jahrgang 2005, älteste Tochter und Anführerin der Kinderschar. Begleitet mit Begeisterung die ersten Abenteuer und sieht sich irgendwann mit einer Krise konfrontiert. Hin- und hergerissen zwischen Kindheit und Pubertät muss sie eine Entscheidung treffen: mit Papa in die Wildnis oder lieber auf dem Zimmer Handy spielen und Youtube gucken?
Carline Wehde, Jahrgang 2011, ist zu Höchstleistungen fähig, wenn sie Spaß daran hat. Liebt Tiere sehr, sieht sie im Wald aber nur selten, denn sie redet gern viel und laut... Ein gepflegtes Picknick ist für sie Grundvoraussetzung für eine gelungene Tour.
Mats Wehde, Jahrgang 2014, bezeichnet sich selbst als unerschrockenen, gefährlichen „Bergtiger”. Marschiert bei Wanderungen gern vorne weg. Wenn es besonders spannend wird, ist der kleine Tiger jedoch gefangen im Körper eines scheuen Kätzchens, das zwar laut fauchen kann, aber doch lieber den anderen den Vortritt lässt.
Vor der Haustür
Um Abenteuer zu erleben, müssen wir nicht weit reisen. Es genügt, einen Schritt aus der Tür zu tun, und die Welt steht uns offen. Natürlich hängt es auch davon ab, wo und wie wir wohnen. Aber im Prinzip lässt sich überall etwas erleben. Meine Kinder haben besonderes Glück. Unser Reihenhaus hat einen Garten, der direkt an eine Wiese grenzt, und alle ihre Freunde erreichen sie über den Fußweg unserer Reihenhaussiedlung ohne eine Straße queren zu müssen. Ich bin selbst in einer ruhigen Wohnstraße aufgewachsen, die nur Hundert Meter von der damaligen deutsch-deutschen Grenze entfernt war. Meine Welt hatte einen Radius von zwei Kilometern um unser Haus – und war damit unendlich groß und reich an Möglichkeiten.
Genauso ist es, wenn meine Kinder und ich Abenteuer erleben möchte. In vielen Fällen ist es gar nicht nötig, sich ins Auto zu setzen und irgendwo hinzufahren. Nicht das Wo ist bei diesen Abenteuern entscheidend, sondern das Was und Wie. Wenn wir Tiere beobachten wollen, brauchen wir nicht in den Zoo fahren, sondern wir springen über den Gartenzaun und gehen hinaus in die Natur. Viele Male bin ich mit meinem kleinen Mats durch den Wald vor unserem Haus gelaufen, bis er als Vierjähriger gelernt hat, wie ein Indianer zu schleichen. So war er so leise, dass wir zwei Rehböcken begegnet sind, die uns erst bemerkt haben, als wir nur noch 20 Meter von ihnen entfernt waren. Noch heute erinnert er sich an diese Beobachtung besser als an jeden Löwen, den er jemals im Zoo gesehen hat.
Selbst der Garten kann für Kinder zum schönsten Ferienlager werden, wenn sie mit ihren Freunden dort ihre Zelte aufschlagen. Und wer zum Wandern mal nicht irgendwo hinfährt, sondern einfach zu Hause startet, der wird das Dorf, durch das er Hunderte Male mit dem Auto gefahren ist, auf seinem Fußmarsch nicht wiedererkennen. Es ist, als wäre man zum ersten Mal an diesem Ort.
„Ein riesiges Gefühl von Freiheit“:
Mikroabenteurer Christo Foerster im Gespräch
Schläft sehr gern im Wald: Christo Foerster. Foto: Torsten Kollmer
Christo Foerster, geboren 1977, schläft gerne draußen in der Natur, baut sich auch mal ein Floß aus Totholz oder radelt über Nacht quer durch Deutschland. Bei seinen Touren hat der Motivationstrainer, Vortragsredner und Buchautor viele Erfahrungen gesammelt und daraus eines der ersten deutschen Bücher über den Trend Mikroabenteuer geschrieben. Also über kurze Abenteuer, die man am Wochenende oder sogar einfach zwischen Feierabend und dem nächsten Morgen erleben kann, und zwar direkt vor der Haustür. Christo Foerster ist verheiratet und hat eine Tochter und einen Sohn. Die Kinder nimmt er natürlich immer mal wieder mit auf seine Abenteuer. Daher hat er einige gute Tipps für Eltern mit Abenteuerambitionen. Ich treffe ihn in einem Cafe in seiner Heimatstadt Hamburg.
Wie kamen die Mikroabenteuer in dein Leben?
Christo Foerster: Ich war in einer neuen Lebensphase, meine Frau und ich hatten unsere Tochter und unseren Sohn bekommen, ich hatte mich selbstständig gemacht und gemerkt, dass ich durch die neuen Lebensumstände gar nicht mehr so weit und so lange fort sein kann, um große Abenteuer zu erleben. Und dass ich auch gar nicht mehr ständig so weit weg will. Aber die Sehnsucht nach dem Abenteuer war trotzdem noch da. So kam ich zu meinem ersten Mikroabenteuer im engeren Sinn.
Was hast du da gemacht?
Das war eine Fahrradfahrt von Hamburg nach Berlin über Nacht. Ich hatte mit einem Freund in Berlin telefoniert und wie man das so macht, haben wir uns beide gesagt, dass wir uns mal wieder sehen müssen. Dann habe ich aus dem Bauch heraus gesagt: ,Pass auf, wir treffen uns morgen zum Frühstück in Berlin und ich komme mit dem Fahrrad.' Das habe ich dann aus dem Schuppen geholt und bin am Nachmittag losgefahren, die ganze Nacht durch. Vorher war ich zehn Jahre lang nicht mehr als 20 Kilometer am Tag gefahren. Als ich nach 324 Kilometern ankam, war ich körperlich völlig fertig, aber auch sehr glücklich. Das war ein großartiges Abenteuer. In Berlin bin ich dann mit meinem Rad in den Zug gestiegen und war so nach nicht mal 24 Stunden wieder zu Hause. Bei diesem Abenteuer habe ich gemerkt, dass ich auf nichts warten muss, ich muss einfach nur mein Fahrrad nehmen und losfahren oder die Wanderschuhe anziehen und losgehen. Einfach von der Haustür aus.
Was geben dir die Abenteurer in der Natur?
Sehr viel. Zum einen braucht der Mensch das Erlebnis draußen zu sein. So lange wir noch keinen Chip unter der Haut haben, sind wir ja selbst Natur. Wir Menschen sind ein Teil der Natur, wir leben nur heute oft nicht mehr so. Aber wir fühlen uns in der Natur sehr wohl, weil es unser ursprünglicher Lebensraum ist. Dort können wir auch unseren Ur-Instinkten, zu denen das Entdecken gehört, folgen. Wir fahren ja nicht umsonst im Urlaub ans Meer oder in die Berge. Das ist ein Urtrieb. Zum anderen gibt es bei den Mikroabenteuern einen großen Unterschied zu den großen Abenteuern. Die großen Touren sind oft eine Flucht aus dem Alltag. Man sagt ja dann auch oft: ,Ich hau ab oder ich steige aus.' Dann bist du eine Zeit lang weg und hast vielleicht ein gutes Erlebnis, aber dann kommst du wieder und es ist alles wie vorher. Du hast deinen Alltag nicht verändert, sondern warst nur eine bestimmte Zeit raus. Mit den Mikroabenteuern hast du hingegen die Möglichkeit, deinen Alltag umzugestalten und mehr Abenteuer in dein normales Leben zu holen. Nimm dein Zeug gleich mit zur Arbeit und fahr nach Feierabend raus, übernachte in der Natur und dann am nächsten Morgen kannst du direkt wieder zur Arbeit fahren.
Es gibt in Deutschland zurzeit einen großen Outdoor-Trend, sogar Wandern ist wieder richtig in. Woher kommt das?
Früher war das Erleben der Natur mehr in den Alltag der Menschen integriert, das ganze Leben in vielen Details abenteuerlicher, weniger kontrolliert. In meiner Kindheit auf dem Dorf waren wir den ganzen Tag nur draußen. Heute ist einfach eine andere Zeit. Vielleicht hätte so eine Idee wie die der Mikroabenteuer vor 30 Jahren gar nicht funktioniert, weil die Menschen sich gefragt hätten, wozu das gut sein soll. Sie waren doch auch so genug draußen. Aber wir leben heute in einer Zeit, in der wir immer weniger dieser ehrlichen Naturerlebnisse in unserem Alltag haben und in der auch viel mehr Menschen in den Städten leben. Deshalb suchen wir bewusst in unserer Freizeit wieder mehr den Kontakt zur Natur.
In deinem ersten Mikroabenteuer-Buch schreibst du, dass Mikroabenteuer perfekt für Kinder sind. Dass aber nicht die Eltern die Kinder mitnehmen, sondern die Kinder die Eltern. Was steckt hinter diesem Gedanken?
Es geht um Motivation. Wir Erwachsenen machen es oft, dass wir die Kinder mitschleppen und ihnen etwas aufdrücken, das wir uns ausgedacht haben. Die Kinder haben aber viel mehr Spaß, wenn sie machen, worauf sie Bock haben. Wenn da immer einer ist, der dich antreibt, dann motiviert das nicht. Deshalb sollten wir zum Beispiel bei einer Wanderung die Kinder mal für eine Stunde anführen lassen. Die Kinder möchten eine Rolle haben und mitgestalten. Am besten beziehe ich die Kinder und ihre Bedürfnisse sogar in die Planung mit ein. Wenn dein Kind in die Pubertät kommt und gern mit dem Handy rumdaddelt, gehe ich vielleicht in der Natur mit ihm geocachen und binde das Medium so mit ein.
Welche Rolle hat das Spielen bei einem Abenteuer?
Eine sehr große Rolle. Wenn wir Eltern mit unseren Kindern unterwegs sind, müssen wir uns von unserem durchstrukturierten Denken frei machen und spielerisch da ran gehen. Das ist sehr wertvoll und genau das, was ein Abenteuer ausmacht. Etwas nicht durchplanen und sich überraschen lassen. Im Moment sein, und nicht daran denken, wo ich noch hin muss oder welchen Kilometerdurchschnitt ich gerade gehe. Und wenn die Kinder mehr Spaß haben, haben wir ja auch mehr Spaß.
Was macht denn deinem Sohn und deiner Tochter Spaß, wenn ihr draußen seid?
Kinder sind unterschiedlich, und das merke ich auch bei meinen. Mein Sohn hat große Freude an körperlicher Aktivität, mit dem war ich, als er sechs Jahre alt war, auf der Zugspitze. Der ist da hochgelaufen wie eine Maschine, weil er Spaß an der Herausforderung hatte und unbedingt da oben stehen wollte. Seine Schwester hatten wir nicht dabei, denn die ist zwar zwei Jahre älter, aber hat ganz andere Interessen. Mit meiner Tochter laufe ich dafür über den Strand und suche Steine.
In welchem Alter bist du mit deinen Kindern zum ersten Mal zu einem Abenteuer aufgebrochen?
Meine Frau und ich waren mit den Kindern in Neuseeland, da war mein Sohn drei und meine Tochter fünf Jahre alt. Wir sind mit ihnen den Routeburn-Track gegangen. Fünf Tage waren wir unterwegs, es ging über 45 Kilometer mit ordentlichen Anstiegen. Zwei Mal haben wir auf einem Zeltplatz, zwei Mal auf einer Hütte übernachtet. Wir mussten alles mitnehmen, auch das Essen für fünf Tage. Das war fast eine Expedition, wir mussten alles genau abzählen. Unsere wichtigste Regel war: Keiner wird auch nur einen Meter getragen. Dieses Abenteuer war die großartigste Erfahrung, die wir bisher als Familie gemeinsam gemacht haben. Auf einmal haben die Kinder abends sogar Thunfisch gegessen, obwohl sie ihn eigentlich nicht mochten. Aber sie waren so fertig und es war toll, etwas zu essen zu haben. Da wir sogar die Gummibärchen abzählen mussten, gab es abends immer nur eines. Wie unglaublich glücklich so ein einziges Gummibärchen machen kann…
Du hast auf dieser Tour auch das Erzählen von Geschichten als Motivation entdeckt...
Ja, wir haben sehr viel und lange Geschichten erzählt. Mir ist aufgefallen, wenn man lange mit Kindern unterwegs ist, fängt man auf einmal an, viel intensiver zu reden und sich zu unterhalten, als es oft im Alltag möglich ist. Geschichten erzählen ist da nur ein Teil davon. Wir haben für die lange Tour aber ein paar Charaktere gehabt wie die Möwe „Jonathan“. Sie lebt in Neuseeland am Strand und erlebt viele Abenteuer. Und meine Frau hat immer von einem Flugelefanten erzählt.
Trotz Geschichten, Spiel und Motivation hatten die Kinder bestimmt gerade auf Wanderungen immer mal wieder Krisen. Wie gehst du damit um?
Pädagogisch wertvolle Tricks habe ich nicht (lacht). Im Notfall greifen wir doch alle mal zur Erpressung. Wenn du das oder dies nicht machst, gibt es drei Tage kein Fernsehen oder Ähnliches. Bei uns funktioniert aber vor allem ein Lockmittel gut: Spaghetti-Eis. Im Ernst, ich denke, am Wichtigsten ist Ablenkung. Kinder sind in einer Krise oft wie in so einem Kein-Bock-mehr-Film, da muss man sie dann irgendwie raus bringen.
Du hast mal gesagt, dass Freunde die beste Motivation sind...
Ja, die Kinder haben dann einen Weggefährten der auf Augenhöhe ist und mit dem sie das Erlebnis teilen können. Das kann total motivieren, weil der Fokus nicht mehr auf den Erwachsenen liegt, sondern die Kinder das Abenteuer mehr unter sich erleben. Es darf natürlich nur niemand sein, der alle runterzieht oder ausbremst. Man muss also gucken, wer geeignet ist.
Welches war der schönste Abenteuermoment mit deinen Kindern?
Die Erfahrung, mit meinem Sohn auf der Zugspitze zu stehen, war sehr intensiv. Aber der ergreifendste Moment war zwei Wochen danach, als ich in ein Freundebuch geguckt habe, das mein Sohn von einem Klassenkameraden bekommen und ausgefüllt hat. Darin stand unter der Rubrik „Mein schönstes Erlebnis”: mit Papa auf der Zugspitze. Das hat ihn so stolz gemacht. Es ist überhaupt schön, wenn etwas in Erinnerung bleibt. Die Kinder erzählen auch jetzt immer noch von Neuseeland. Und zwar nicht, weil das weit weg war, sondern weil es eine intensive gemeinsame Zeit war.
Ist das deine Motivation, wenn du die Kinder mitnimmst, ihnen ein Erlebnis zu schaffen, das in Erinnerung bleibt? Oder geht es auch darum, etwas zu lernen?
Es sind vor allem die Erlebnisse. Ich möchte, dass sie die Kraft dieser Erlebnisse spüren und so lernen, nicht nur Dinge haben zu wollen, sondern erleben zu wollen. Erlebnisse machen das Leben reich, nicht die Dinge, die wir haben. Ich würde mir aber natürlich wünschen, dass die Erlebnisse sie auch darüber hinaus nachhaltig prägen. Die Kinder sollen verinnerlichen, was die Natur für eine Kraft hat und wie wichtig sie auch für einen selbst ist. Sie sollen die Natur wertschätzen, auf sie Acht geben und sich ihr respektvoll gegenüber verhalten.
Wie oft unternimmst du mit deinen Kindern gemeinsam Mikroabenteuer?
Es gibt keine Regelmäßigkeit, aber vielleicht im Schnitt so sechs Mal im Jahr. Im Frühjahr und Sommer sind es natürlich mehr als im Winter. Ich habe von meiner Frau die Vorgabe, dass ich bei weniger als null Grad Nachttemperatur nicht mit den Kindern draußen schlafen darf (lacht).
Was ist ein guter Einstieg für ein Mikroabenteuer mit Kindern?
Einfach mal einen ganzen Tag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang draußen unterwegs zu sein ohne einzukehren. Gegessen wird also auch draußen. Eine Radtour eignet sich dabei besonders, weil es nicht so anstrengend ist, wie den ganzen Tag zu laufen. Aber natürlich geht auch eine Wanderung, aber dann sollte man sich frei machen von Strecken, die man schaffen will. Gern gehen wir auch querfeldein, aber natürlich mit Rücksicht auf die Naturschutzverordnung.
Wie ist es mit dem Übernachten unter freiem Himmel, das spielt bei deinen Mikroabenteuern ja immer eine ganz besondere Rolle?
Ja, mit den Kindern eine Nacht draußen zu verbringen, ist toll. Die Erwachsenen haben da oft mehr Probleme mit. Wenn die Kinder schlafen, dann schlafen die. Wichtig ist ein vernünftiger Schlafsack, der warm hält. Außerdem sollte man für die Nacht eine Kopfbedeckung dabei haben. Für kleinere Kinder ist ein Doppelschlafsack schön, dann kann man kuscheln und zusammen schlafen.
Welches ist dein Lieblingsübernachtungsplatz und wie findest du ihn?
Man sollte sich natürlich nicht in eine Senke legen, da kann es nass werden. Ich gucke auch, dass ich nicht direkt am Weg schlafe, sondern an einem Platz, der nicht so einsehbar ist. Ich persönlich schlafe gern mit der Hängematte mitten im Wald. Aber insgesamt machen sich die meisten viel zu viele Gedanken um den Schlafplatz. Es muss kein Traumspot sein, denn es ist eh dunkel. Und wenn man spät aufbaut, wird man auch nicht gesehen. Und morgens ist man mit dem Sonnenaufgang ohnehin der erste, der aufsteht.
Sind dir nachts schon Tiere begegnet?
Nicht wirklich. Einmal, als ich in Franken auf einem Berg im Wald geschlafen habe, hat es ständig im Laub geraschelt. Ich habe mich gefragt, was das bloß für ein Tier ist. Ich habe ständig mit der Taschenlampe geleuchtet, bis ich dann nach einer halben Stunde eine kleine Maus entdeckt habe. Danach konnte ich entspannt schlafen. Und in der Eifel habe ich mal nachts einen Luchs gehört, der kreischt richtig, und er kam immer näher. Da hilft es aber einfach mal kurz etwas lauter zu sein, dann haut der Luchs ziemlich schnell ab.
Was fasziniert dich am draußen schlafen, die meisten Menschen finden es zu Hause gemütlicher.
Für mich ist das ein riesiges Gefühl von Freiheit. Und du bekommst durch die frische Luft unglaublich viel Sauerstoff, selbst wenn du nicht so gut schläfst, hast du am nächsten Morgen das Gefühl, dass du total frisch bist. Außerdem ist es ein intensiveres Wahrnehmen. Nachts ist es draußen ganz speziell. Nüchtern betrachtet ist ja nur das Licht aus, aber es sind eben auch ganz andere Lebewesen unterwegs als tagsüber.
Welches Abenteuer möchtest du mit deinen Kindern unbedingt noch erleben?
Mit meinem Sohn habe ich so Spinnereien. Ich habe mal gesagt, irgendwann joggen wir durch Deutschland. Am nächsten Tag hat er das in der Kita erzählt und sie haben alle gelacht. Lass sie lachen, habe ich ihm gesagt, sie können sich das eben nicht vorstellen, dass du das schaffen kannst. Aber du kannst das schaffen, wir können das schaffen! Es wird nur noch etwas dauern, weil du noch größer werden musst. Meine Kinder sollen nicht in Grenzen denken. Mit meiner Tochter möchte ich nochmal etwas mit Pferden machen, wir würden außerdem gern mal mit Eseln wandern. Was das Reisen angeht, möchte ich gerne mal mit meinen Kindern auf einer Südseeinsel an einem Vulkankrater stehen und in die Lava gucken.
Treiben dich solche Ziele an?
Solche Ziele sind wichtig, damit man aufbricht. Aber am Ende ist das Ergebnis nicht relevant, sondern das, was du auf dem Weg dahin erlebst. Ärgere dich also nicht, wenn du ein Ziel nicht erreichst. Das Entscheidende ist: Du bist losgegangen und hast dich dabei weiterentwickelt, Neues erlebt und gelernt. Der Weg ist entscheidend, das Machen - und nicht das Träumen von Zielen.
Einfach los – Zwei Tage auf Tour mit dem Wanderwagen
Bevor ich mit den Kindern zu den ersten Mikroabenteuern aufgebrochen bin, habe ich monatelang von einem richtig großen Ausstieg aus dem Alltag geträumt. Ich hatte sogar einen Plan, wenn auch kein besonders guten. Es war ein kalter Märzabend, Regen platterte auf das Vordach unserer Terrasse. Die Kinder waren im Bett und schliefen - oder besser gesagt: Die Kinder waren seit einer Stunde im Bett, schliefen aber erst seit vier Minuten - und sie waren mit Ausnahme von Josefina auch nicht in ihrem Bett, sondern im Ehebett. Meine Decke und mein Kissen waren dafür bereits ins Kinderzimmer umgezogen. Ich würde also einmal mehr „auswärts“ schlafen.
Jetzt saßen meine Frau Yvonne und ich auf der Couch bei Rotwein mit Käse, Baguette und einen mächtigen Topf Aioli. Ich wartete ein, zwei Gläser ab, dann war der Moment gekommen. Ich verkündete feierlich: „Lass uns ein Jahr aussteigen. Wir reisen mit den Kindern einfach drauf los und entdecken die Welt. Wir zeigen ihnen das wahre Leben. Du als Lehrerin kannst die Kinder unterwegs unterrichten.“ Ich war berauscht von meiner Begeisterung und setzte nach, bevor Yvonne reagieren konnte: „Wir nehmen uns ein Wohnmobil, so wie wir es damals machen wollten, als wir jünger waren“, sagte ich.
Meine Frau stand auf. Sie nahm die geleerte Käseplatte und machte sich auf den Weg in die Küche. Dabei fielen wie nebenbei zwei Worte aus ihrem Mund: „Lass mal.“ Sie sah den Schatten der Enttäuschung auf meinem Gesicht und erklärte liebevoll, aber klar: „Ich bin mit unserem Leben glücklich. Ich will nicht aussteigen.“
Das Thema war erledigt.
Ich machte mich auf die Suche nach einem neuen Abenteuer. Eines, das eine Nummer kleiner war. Und so kamen wir zu unserem ersten kleinen Wander-Abenteuer.
Drei Wochen nach dem Scheitern meines Plans fanden wir uns auf einem Parkplatz am Rande unserer Stadt wieder. Das hier war zugegeben kleiner als eine Reise mit dem Camper um die Welt. Sehr viel kleiner, um ehrlich zu sein. Statt eines Wohnmobils stand ein Fahrradanhänger für Kinder vor mir, den ich zu einem Jogger umgebaut hatte, in dem ich vorne ein extra dafür vorgesehenes Rad dranmontiert hatte, so dass der Wagen geschoben werden konnte. Und unser Abenteuer sollte auch nicht ein Jahr dauern, sondern zwei Tage. Statt einmal um die Welt ging es zu Fuß von unserer Heimatstadt Lübeck nach Ratzeburg, einer kleinen schönen Domstadt, die von Seen umgeben ist. Und nach einer Übernachtung in der dortigen Jugendherberge sollte es weiter in das Dorf Groß Zecher am Schaalsee gehen. Das entspricht einer Wegstrecke von etwa 22 Kilometern am ersten und 18 Kilometern am zweiten Tag.
Gut, das war wahrlich nicht der geplante Ausstieg, aber immerhin. Wir waren jedenfalls aufgeregt und voller Vorfreude. Ohnehin neige ich glücklicherweise dazu, Vorhaben, die nicht geklappt haben, nicht lange nachzutrauern, sondern mir schnell neue Ziele zu setzen. Warum muss man auch immer weit weg reisen?, dachte ich mir also. Wer die eigene Heimat zu Fuß erkundet, entdeckt dabei oft ganz neue Ecken, an denen er vorher immer ahnungslos mit dem Auto vorbeigefahren ist.
Ich bin im Lübecker Stadtbezirk Eichholz aufgewachsen, er liegt direkt an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze und genau hier hatte ich den Opel von Lübeck hinüber in das keine 200 Meter entfernte mecklenburgische Herrnburg gesteuert. Wir waren in die kleine Sackgasse mit dem sympathischen Namen „Fetteck" eingebogen, um zu einem Parkplatz zu gelangen, von dem wir starten wollten. Plötzlich gab es den ersten Aufschrei im Auto. „Ein Reh! Dort. Ein Reh!", rief meine Frau. Und tatsächlich: Wir waren noch gar nicht in der Natur angekommen, das Wild aber schon in der Zivilisation. Es stand in einem kleinen Vorgarten und kaute genüsslich den ersten Frühling vom Beet. Eben noch blühte es kunterbunt, dann waren da nur noch kahle Stängel. Einen Moment schaute uns das Reh gelangweilt an, dann machte es kehrt und verschwand hinter einem kleinen roten Backsteinhaus. „Was für ein Start!“, frohlockte ich und freute mich auf die Natur und noch mehr Tiere. Ohne zu wissen, dass das nächste Tier eine tote, zehn Zentimeter lange Miniblindschleiche sein würde, die unser Abenteuer das erste Mal gefährden würde.
Wir parkten den Wagen und nachdem ich meinen selbstgebauten Gepäckträger aus Holz auf den Wanderwagen gestellt hatte, schnürte ich unsere Taschen mit Spannriemen darauf fest. Dann taten wir die ersten Schritte auf die heute grüne Grenze, genau zwischen Lübeck und Mecklenburg-Vorpommern. Eine weite Landschaft tat sich vor uns auf. Das Grüne Band, ein Naturschutzgebiet entlang des ehemaligen Grenzstreifens, überrascht hier oben im Norden Wanderer mit einer einzigartigen Landschaft. Weite Heideflächen, Binnendünen aus feinem Sand, knorrige Kiefernwälder und ein feuchter Auwald zum Fluss Wakenitz hin. Wir waren hier allein so früh am Morgen. Es war wunderschön an diesem Apriltag, aber leider auch noch bitterkalt. Deshalb beschlossen die beiden Kleinen, sie waren damals vier und sechs Jahre alt, auch nicht darauf zu warten, dass sie müde vom Laufen werden, sondern sich sofort mit einer Decke in den Wagen zu setzen. Rund fünf bis sechs Stunden hatte ich für die 22 Kilometer inklusive der Pausen gerechnet. Doch nach 300 Metern hatte ich die Gurte schon zwei Mal neu gespannt, da die Taschen jedes Mal vom Wagen rutschten. Die erste halbe Stunde war um, als ich schließlich die richtige Position gefunden hatte. Nach 700 Metern standen wir in einem kleinen Tannenwald vor fünf Bäumen, die ein Sturm einmal quer über den Weg gelegt hatte. Ein schier unüberwindbares Hindernis für unseren Wanderwagen. Aber auch ein Hindernis, das uns gerade recht kam. Der erste Hauch von Abenteuer. Sofort sprangen Carline und Mats begeistert aus dem Wagen und begannen mit Josefina über die Stämme und durch die Äste zu klettern, während ich unseren Wagen mit purer Gewalt mitten durch das Unterholz des Tannenwaldes zog, um das Hindernis zu umgehen. Nadeln rieselten in meinen Nacken, Zweige schlugen in mein Gesicht. Carline, die eigentlich ohnehin am liebsten die ganze Zeit rennt und redet, und das am besten gleichzeitig, war in der Zwischenzeit bereits zwei Mal hin und her geklettert und flitzte jetzt zwischen den Bäumen umher, um mir eine Lücke zurück auf den Weg zu suchen. Nachdem wir den Wagen über einen letzten großen Stamm getragen hatten, hatten wir es geschafft. Die Kletterpartie hatte auch die Kinder endgültig davon überzeugt, dass so eine Wanderung ganz lustig sein kann. Allerdings, stellte meine Frau nach einem Blick auf ihr Handy fest, ließ unser Tempo etwas zu wünschen übrig. Sollten wir so weitermachen, würden wir die Jugendherberge erst im Dunkeln erreichen.
100 Meter sind geschafft: Die Stimmung ist super.
Während wir durch einen Wald liefen, wurde das Rauschen plötzlich stärker. Wir näherten uns der Autobahn und überquerten die A20 über eine kleine Fußgängerbrücke. Wir waren noch gar nicht weit von zu Hause entfernt und doch in einer ganz anderen Welt unterwegs. Hundertmal waren wir hier mit dem Auto vorbeigefahren, und dachten, alles zu kennen. Aber wir kannten gar nichts. Meist sind wir alle doch nur auf den Straßen unterwegs, reisen über den Asphalt von A nach B. Ich kenne in meinem Stadtteil in Lübeck jede Laterne und jeden Hinterhof und auch in Ratzeburg waren wir schon oft, aber die Welt dazwischen, die abseits der Straßen liegt, über die wusste ich nichts. Und dass obwohl ich 36 meiner zu diesem Zeitpunkt 42 Lebensjahre hier verbracht hatte.
Als sich gerade diese hochphilosophische Erkenntnis in meinen Kopf entfaltete, riss ein spitzer Schrei mich aus den Gedanken. „Iiiih!“ Meine Frau ging hinter mir und als ich mich erschrocken umdrehte, sprang sie gerade känguruartig nach vorn und hüpfte anschließend von einem auf das andere Bein, als würde sie mit den Füßen in einem heißen Holzkohlegrill stehen.
„Was ist?", rief meine große Tochter Josefina. „Nichts, nichts, nur ein Stock“, keuchte Yvonne, die zwischenzeitlich wieder zum Stillstand gekommen war. Doch ihre Stimme war dabei so nervös und klang, als käme sie durch einen Verzerrer. Es war klar: Sie hatte eine Schlange gesehen. Denn das war ihr wunder Punkt, sowohl erblich bedingt (ihre Mutter leidet auch unter Schlangenpanik), als auch sozialisationsbedingt (als sie Kind war, durfte sie sich einen Kinderfilm in der Videothek aussuchen. Leider war aus Versehen „Die schwarze Mamba“ mit Klaus Kinski anstatt Walt Disney in der Hülle gelandet. Und Schwiegervater hat das erst etwas später bemerkt ... )
Da Josefina die Ophidiophobie in dritter Generation übernommen hatte, erzählte meine Frau ihr lieber nicht, was sie gesehen hatte. Aber wer sie gut kannte, wusste es auch so. Und Josefina hatte mindestens einen Verdacht. Die nächste Stunde verursachte jeder merkwürdig aussehende Stock kurze Panikattacken und „Schlange“ wurde zum meist gesagten Wort. Zumindest kam es mir so vor. Ich versuchte mit genervten, aber zugegeben auch ziemlich einfallslosen Einwänden - „Jetzt guckt doch mal wie schön die Natur hier ist“ - die Stimmung wieder in normale Bahnen zu lenken. Aber es half nichts. Wir waren jetzt alle genervt: Yvonne und Josi von den schlangenähnlichen Stöcken, die die Bäume hier frech auf den Weg gelegt hatten - und ich von Yvonne und Josi.
Über eine kleine Fußgängerbrücke querten wir schließlich die Wakenitz und damit die Grenze von Mecklenburg-Vorpommern zurück nach Schleswig-Holstein. Die Sonne hatte die Kühle des Morgens verdrängt und langsam stieg die Stimmung wieder, denn das Schlangenthema hatte sich vorerst erledigt, und zwar genau in dem Moment, in dem wir die Grenze überquert hatten. Auf der westlichen Seite des Flusses standen zwar ebenso hübsche weiße Infotafeln, die darauf hinwiesen, dass die Kreuzotter sich in den moorigen Wakenitzniederungen äußerst wohl fühlt, aber psychologisch war das hier sicheres Gebiet. Meine Frau hatte nämlich irgendwo gelesen, dass vor allem der ehemalige Todesstreifen im Grenzgebiet für Schlangen mindestens so hip ist wie Berlin für viele Menschen. Jahrzehnte konnten sie sich hier ungestört vermehren und in Ruhe durch die Gegend schlängeln. Im Umkehrschluss bedeutete das Verlassen der einstigen Sperrzone also für sie weniger Schlangen und damit mehr Sicherheit.
Der gemütliche, etwa eineinhalb Meter breite Weg wand sich nun über weichen Waldboden auf der westlichen Seite immer nahe der Wakenitz entlang. Der Fluß wird auch Amazonas des Nordens genannt, da weite Strecken seiner rund 15 Kilometer Länge früher die Grenze zwischen DDR und BRD bildeten und sich seine Ufer so über Jahre unberührt zu einem Urwald entwickeln konnten. Er fließt vom Ratzeburger See fast bis in die Lübecker Altstadt. Für Kanufahrer ist das hier eines der schönsten Reviere, die es in Deutschland gibt. Wir wanderten entspannt flussaufwärts bis zur Mündung am Ratzeburger See. Dort ist eine kleine Insel auf der das Fährhaus Rothenhusen steht. Das historische Häuschen ist von 1583 und beherbergte einst eine Zollstation. Doch so weit ich zurückdenken kann, ist dort eine Gaststätte untergebracht. Ich erinnere mich, wie ich dort mit meinen Eltern vor Jahrzehnten mit Blick auf den leichte Wellen werfenden See auf der Terrasse saß und ein immer etwas mißmutiger Kellner mit schwarzer Weste und gut gebügeltem weißem Hemd den älteren Herrschaften Erdbeerkuchen und ein Kännchen Kaffee servierte. Das historische Haus war in die Jahre gekommen, innen und außen abgewetzt und ramponiert wie ein alter Sontagsanzug, in dessen Taschen noch Taschentücher und Bonbonpapier aus den 50er Jahren vor sich hin welken. Jetzt ist es ein Kunstwerk. Ein Millionär hat es vor wenigen Jahren gekauft und vor dem Verfall gerettet. Das neue Restaurant und Café ist nun in einem reetgedeckten Ensemble untergebracht, das den sanierten Altbau mit einem modernen Neubau verwoben hat. Neben der Terrasse liegt ein kleiner, idyllischer Spielplatz. Ein historischer und nun auch wieder wunderschöner Ort. Hier legten wir unsere erste Pause ein. Nachdem wir Pommes und Kuchen im Fährhaus-Restaurant gegessen hatten, ging es weiter.
Der Wanderweg führte immer am Ufer des Sees entlang. Unsere Laune war jetzt großartig, dank des guten Essens und der jetzt strahlenden Sonne. Links von uns glitzerte das Wasser. Oft führten kleine Stege hinauf, auf die die Anwohner der Seegrundstücke sich eine Bank gestellt hatten, um abends den Sonnenuntergang zu genießen. Während die Kinder sich Stöcker suchten, mit denen sie unterwegs mit viel Freude grünschleimige Algen aus einem kleinen Graben fischten, der uns auf der anderen Seite des Weges begleitete, bewunderten Yvonne und ich die Häuser - und versuchten dem Kontakt mit dem schleimigen Grün zu entgehen, der uns unter Juchzem hinterhergetragen wurde. Von der Landstraße aus waren die Häuser nicht zu sehen, aber jetzt folgte eine Prachtvilla auf die andere, die meisten mit Gärten so groß wie Fußballfelder und kleinem eigenem Zusatzgrundstück direkt am Wasser. An der Badeanstalt in Pogeez wurden gerade die Kanus einer Vermietstation für die Saison geputzt. So waren die Tore geöffnet und wir durften auf der Liegewiese eine verdiente Picknickpause einlegen.
Vorbei an niedlichen hölzernen Fischerkaten mit reetgedeckten Dächern führte der Weg schließlich durch Auenwald und an Feldern und Gärten vorbei. Ich hatte mein iPhone auf den Wanderwagen gelegt und die Sammlung der größten Hits des australischen Folksängers John Williamson angestellt. Es war rundherum still, nur die Vögel zwitscherten und John sang leise „Flower on the water“. Es gibt keine bessere Musik für eine Wanderung in der Natur. Schweigend gingen wir am See entlang. Es gab nichts zu tun. Wäsche, Staubsauger, Rasenmäher und Laptop waren weit weg. Schnell war klar, das war der entspannteste Moment, den wir in den vergangenen Monaten erlebt hatten.
Doch Wandern ist ein wellenförmiges Erlebnis und so hielt die Stimmung ungefähr bis Kilometer 18. Auf Höhe des kleinen Dorfes Einhaus war dann mal wieder ein tiefes Tal erreicht. Es war wie beim Herrn der Ringe, die Gemeinschaft brach auseinander. Yvonne wollte endlich ankommen und setzte sich mit der Großen nach vorne ab. Mats und Carline trödelten nur langsam voran, meine Einladung, in den Joggerwagen zu steigen, damit ich sie schieben und wir so etwas Tempo machen konnten, wurde jedoch schroff zurückgewiesen.
„Nö, ich will nicht in den Wagen, ich will nur meinen Stock“, rief Mats und schwang den morschen Ast wild über dem Kopf, so dass er beinahe seine Schwester skalpiert hätte. Dafür hatte ich eine halbe Stunde später, ausgerechnet als es zum ersten Mal hügelig wurde und ein langer Anstieg bevorstand, die Zwölfjährige im Wagen sitzen. Nachdem sie gefühlte 30 Mal ihr „Ich kann nicht mehr“-Klagelied, begleitet von einem herzzerreißenden Stöhnen, gesungen hatte, erlaubte ich ihr zu testen, ob der Wagen auch ihr Gewicht aushielt. Was soll ich sagen: Er hielt es aus und ich schob schnaufend und schwitzend ein 43 Kilo schweres, vorpubertäres Kind den Anstieg hinauf.
Eine halbe Stunde später traten wir schließlich aus dem Wald. Jubel brandete unter den Kindern auf und griff auf uns Erwachsene über. Den Ort hier kannten wir, links der See, davor eine Wiese und die Straße, die uns direkt nach Ratzeburg hinein führte und auf der die Motorräder knatterten. Ratzeburgs Stadtkern liegt auf einer Insel umgeben vom See und ist berühmt für seine Eisdielen. Und eben diese Eisdielen sind ein beliebter Treffpunkt für Motorradfahrer. Es war klar: Wir waren am Ziel.
Die Jugendherberge war noch neu und direkt am Wasser gebaut. Es war das erste Mal, dass wir unsere Jugendherbergsausweise nutzten. Wir bekamen ein schönes Sechs-Bett-Zimmer mit eigenem Bad für uns. Nachdem wir uns eingerichtet hatten, gingen wir in ein Restaurant am Markt und bestellten Berge von Essen. Normalerweise bekomme ich immer noch die Reste von den Kindern, aber die waren nach der Wanderung so hungrig, dass sie diesmal keinen Krümel auf dem Teller ließen. Zurück in der Herberge gingen wir auch gleich ins Bett. Zunächst wechselten Mats und Carline noch ein paar Mal das Nachtlager, da sie sich nicht entscheiden konnten, ob sie im eigenen Bett oder lieber bei Mama oder bei Papa schlafen wollten. Dann fielen wir alle erschöpft in einen tiefen Schlaf.
Am nächsten Morgen stürmten die Kinder in den Frühstückssaal. In der Jugendherberge läuft das etwas anders als im Hotel. Es gibt auch hier ein Frühstücksbüfett, aber anschließend räumt jeder sein Geschirr in die Küche, sortiert es dort in die Spülmaschinenkisten und wischt anschließend seinen Tisch für den nächsten Gast. Während die Kinder zu Hause keine großen Fans derartiger Tätigkeiten sind, waren sie hier begeistert von der Arbeit. Anschließend verstauten wir unsere Lunchpakete im Rucksack und marschierten in Richtung Seepromenade.
Genug Platz für alle: Das Sechs-Bett-Zimmer in der Jugendherberge war sehr modern und es gab sogar ein eigenes Bad.
Es war noch ruhig in den Straßen, nur ein ziemlich eisiger Wind pfiff über den See. Wir gingen immer am Ufer entlang und über einen kleinen Damm gelangten wir an den Rand des Ortes. Ich breitete die detaillierte Wanderkarte auf dem Gepäckträger des Joggers aus, um die richtigen Abzweigungen zu finden. Trotzdem schaute Yvonne andauernd auf ihr Handydisplay und tippte unser Tagesziel in den Routenplaner.
„Also ich würde nach links über die Brücke gehen“, schlug sie einen alternativen Weg vor.
„Lass das doch endlich mal, ich habe den besten Weg geplant und eine sehr gute Karte, da musst du nicht ständig auf das Handy schauen“, meckerte ich und ging voran.
Die Strafe für meine Besserwisserei folgte einen Kilometer weiter. Rechts tauchte plötzlich wieder der See zwischen den Bäumen auf. Der sollte da eigentlich nicht sein. Mir blieb nichts anderes übrig: Ich musste erstens jetzt selbst auf das Smartphone gucken, zweitens feststellen, dass ich uns in die komplett falsche Richtung geführt hatte, und drittens einräumen, dass der Weg links über die Brücke genau der richtige gewesen wäre. Unter lautem Aufstöhnen der Kinder und begleitet von einem triumphierenden Grinsen meiner Frau traten wir den Rückweg an. Da halfen keine Ausreden, wenn ich mir den Rest des Weges keine Sprüche anhören wollte, gab es nur einen Weg. „Ja, du hast recht gehabt“, räumte ich meine eindeutige Niederlage ein. Wir einigten uns darauf, dass Karte und Handy beide nützlich sind. Die Karte, um den besten und schönsten Weg zu finden, und das Handy, um zu kontrollieren, ob wir auch auf diesem unterwegs waren.
Auf einer kleinen Nebenstraße liefen wir entlang von Feldern und Wäldern nur noch geradeaus. Wir waren so richtig im Tritt, und jeder hing seinen Gedanken nach. Nur einmal schreckten wir hoch, als in kurzer Abfolge immer wieder Schüsse fielen. Für eine Jagd waren das eigentlich zu viele in kurzer Folge. Wir beruhigten uns schließlich damit, dass wohl ein Schießplatz in der Nähe sein würde.
Wir hatten am Morgen beschlossen, dass wir unsere heutige Strecke verkürzen wollten. Noch einmal so lange zu wandern, hätte den Kindern keinen Spaß mehr gemacht. Wenn man mit Kindern unterwegs ist, sollte man immer bereit sein, seine Ziele anzupassen, denn es soll ja Freude machen und nicht durch falschen Ehrgeiz zur Qual werden. So entschieden wir uns, den kleinen Ort Salem zu unserem Ziel zu machen. Am frühen Nachmittag waren wir da, es ging an einem romantischen See vorbei und die Kinder freuten sich, denn mein Schwiegervater wollte uns auf einem Bauernhof treffen und dann mit dem Auto nach Hause bringen. Der Hof hatte ein Café, einen kleinen Laden und vor allem Ponys auf einer Wiese und einen großen Spielplatz mit einem ausrangierten Trecker. Als wir den Hof erreichten, waren meine Drei gleich wieder voller Elan. Mats kletterte auf den Trecker und spielte Bauer, während die Mädels zu den Ponys stürmten und diskutierten, wem welches Pferd im Spiel gehört und wo wir Eltern zu Hause am besten einen Stall bauen könnten. Yvonne und ich streiften hingegen lieber die Wanderschuhe von den Füßen und studierten die Speisekarte mit den leckeren Kuchen, während wir auf das Opa-Taxi warteten...
Tipps, Tricks und Tatsachen für eine mehrtägige
Wanderung vor der Haustür
Jugendherbergsausweise lohnen sich gleich aus mehreren Gründen. Die Mitgliedschaft für eine Familie ist nicht besonders teuer, sie liegt zurzeit bei 22,50 Euro im Jahr. Zugleich ist die Übernachtung in der Jugendherberge meistens günstiger als in einem Hotel. Das Netz der 500 Jugendherbergen allein in Deutschland ist zudem weit verzweigt, so dass sich dort oft eine Übernachtungsmöglichkeit entlang der Strecke finden lässt. Das Schlafen dort macht vor allem Kindern viel Spaß. Meist gibt es noch jede Menge Spielmöglichkeiten, und Eltern müssen heutzutage auch nicht mehr auf die wichtigsten Annehmlichkeiten verzichten. Die meisten Jugendherbergen bieten mittlerweile Familienzimmer mit eigenen Toiletten an. Die Zimmer sollten aber vorher reserviert werden, der Urlaub in der Jugendherberge ist beliebt, und viele Häuser sind schnell ausgebucht. Die einzige für Kinder genau so spannende Alternative ist vielleicht das Zelten auf einem Campingplatz, aber dann müssten auch noch Zelt, Isomatten und Schlafsäcke auf der Wanderung mitgeschleppt werden. Das wird schnell zu viel.
Ein Wanderwagen ist der ideale Begleiter, da es bei einer Mehrtagestour mit der Familie einiges an Klamotten und Proviant zu transportieren gibt und die Kinder nur leichte Rucksäcke tragen sollten. Ein zum Jogger umgebauter Fahrradanhänger ist perfekt, denn er lässt sich auch über unebenen Waldboden leicht schieben. Und das Wichtigste: Bei den größeren Modellen können sich bis zu zwei kleinere oder ein größeres Kind zwischendurch hineinsetzen und problemlos geschoben werden. So gibt es kein immer wiederkehrendes Ich-kann-nicht-mehr-Nörgeln. Wer eine Pause vom Wandern braucht, macht es sich einfach im Wagen gemütlich und hält ein kleines Nickerchen oder plündert das Naschi aus dem Rucksack, während Papa oder Mama fleißig schieben. Deshalb können mit so einem Wagen auch mit kleineren Kindern problemlos größere Strecken bewältigt werden. Wer lieber zieht anstatt zu schieben, kann auch einen Bollerwagen nehmen, in den im Zweifel kleine Kinder und zusätzliches Gepäck passen. Auch das haben wir schon auf einer Tagestour auf dem Heidschnucken-Wanderweg durch die Nordheide getestet. Gute Erfahrungen haben wir dabei mit dem Beachtrekker gemacht, der nahezu auf jedem Untergrund gut zu ziehen und sehr robust ist. Kinder sollten hinten sitzen, da vorne ein Doppelrad verwendet wird, so dass der Wagen bei zu viel Gewicht im vorderen Bereich in einer scharfen Kurve ins Kippen kommen kann. Aber dafür bekommt man schnell ein Gefühl.
Eine Planung der Strecke ist empfehlenswert. Damit die Kinder auch Spaß an der Wanderung haben, sollte ein guter Kompromiss gefunden werden. Zu lange Strecken auf Nebenstraßen oder breiten Wanderautobahnen langweilen die Kleinen schnell. Ein Wechsel aus Feldern, Wald und Dörfern sorgt für Abwechslung. Und Wasser als Begleiter, egal ob Bach, Fluss oder Meer, ist immer ein Höhepunkt. Na klar, mit einem Wanderwagen lässt sich nun mal nicht jedem spannenden Minipfad folgen, da ist man mit Rucksack flexibler. Aber trau deinem Wagen ruhig etwas zu: Wir sind auch auf engen Wegen oft besser vorangekommen als vorher gedacht, und wenn es doch mal richtig schwierig wurde, dann hat das den Spaß am Abenteuer eher gesteigert als gemindert.
20 Kilometer sollte die maximale Etappenlänge im flachen Gelände nicht überschreiten, in hügeligem oder bergigen Gelände sollte es je nach Steigungen deutlich weniger sein. Alles, was darüber hinausgeht, ist für die meisten Kinder zu anstrengend. Und selbst wenn sich die Kinder zwischendurch schieben lassen, braucht man mit Pausen und Zeit zum Spielen mindestens sechs bis sieben Stunden für die 20 Kilometer.
Ein Trampolin-Bett im Garten:
Schlafen unter den Sternen
„Wann wird es endlich dunkel?“ Carline (l.) und Josefina freuen sich auf die Nacht.
Einschlafen mit einem Blick ins Universum ist etwas ganz Besonderes. Sterne schmücken die schwarze Nacht, über einem schwebt die Unendlichkeit. Da dürfen Eltern sich darauf einstellen, dass die großen Fragen von ganz alleine kommen. „Gibt es da oben Außerirdische?“ „Leben wir im Himmel, wenn wir tot sind?“ Als ich mit Josefina und Carline an einem heißen Julitag im Garten auf dem Trampolin übernachtet habe, kamen diese Fragen auch. Allerdings brachte uns nicht der romantische Sternenhimmel darauf. Meine Kinder haben eine so selten skurrile Überleitung gefunden, dass sie darauf ein Patent anmelden könnten. So ist bestimmt noch niemand auf das Thema Sterben gekommen. Die Unterhaltung begann so:
„Papa, gib mir deinen Arm, er ist mein Kuscheltier“, forderte Carline. Dann zog sie meinen Arm zu sich herüber, schlang ihre beiden drumherum und legte ihren Kopf darauf. Josefina hatte Carline zuvor bereits sämtliche Bilderbücher vorgelesen und zusammen hatten sie eine Bibi-Blocksberg-Geschichte gehört, denn sie wollten zum ersten Mal in ihrem Leben in den Ferien freiwillig früh ins Bett. Früh war in diesem Fall 21 Uhr und es war noch taghell draußen. Ich hatte zunächst in Ruhe etwas Fernsehen geschaut und dann unsere Wolldecken-Sammlung nach draußen geschleppt. Denn die einzigen beiden Schlafsäcke hatten sich die Kinder geschnappt und sich damit direkt auf das Trampolin gelegt. Ich hatte mir noch die kleine, dünne Kindermatratze auf das Sprungnetz geschoben, schließlich wärmte die Wolldecke nur von oben. Nun war es 22 Uhr, die Sonne war hinter dem alten Bauernhaus gegenüber verschwunden, leuchtete jedoch von der anderen Hälfte der Erdkugel zu uns herüber. Carline umklammerte meinen Arm noch fester.
„Ich brauche den, sonst kann ich nicht schlafen“, sagte sie.
Nach wenigen Sekunden setzte meine Sechsjährige im Ton des kindlichen Oberbefehlshabers nach: „Wenn ich morgen früh aufwache, ist der Arm noch da, sonst bin ich sauer und du musst nochmal mit mir auf dem Trampolin schlafen.“ Ich lächelte und gemütlich wärmten wir uns aneinander, doch dann sagte Carline plötzlich: „Wenn du mal tot bist Papa und dein Arm abbricht, möchte ich den behalten.“
So kamen wir also zum Thema Sterben.
Ich nahm Carlines Wunsch als liebevolles Kompliment. Von meiner linken Seite, auf der Josi in ihrem Schlafsack lag, kam die Stimme der Aufklärung für die kleine Schwester. „Iih, der verwest dann doch“, erklärte die Zwölfjährige. Nach kurzer Diskussion über meinen Kopf hinweg einigten sich beide darauf, dass der Arm dann ja auch als Knochen behalten werden könnte. Wenn die Verwertung meiner sterblichen Überreste so weiter ging, musste ich mir um eine Beerdigung bald keine Gedanken mehr machen. Da würde nichts mehr von mir übrig bleiben. Ich legte die (noch lebendigen) Arme um meine Kinder und wir schauten in den Himmel zu den Sternen.
„Ich glaube, wenn wir sterben, kommen wir zuerst in eine Art Kino. Dort schauen wir uns unser ganzes Leben noch einmal an“, sagte Josefina, „danach kommen wir in den Himmel. Dort sieht die Welt genauso aus wie hier, nur dass dort alle leben, die gestorben sind. Unser Alter, in dem wir dort weiterleben wollen, können wir uns dann aussuchen.“
„Also ich denke, dass wir da oben im Himmel alle Engel sind und dem Weihnachtsmann helfen. Der hat ja so viel zu tun und hier auf der Erde gibt es ja keine Engel, also müssen sie ja da oben sein“, erklärte Carline. Dann überlegte sie kurz und sagte: „Aber wenn das mit dem Kino stimmt, dann muss ich die ganze Zeit heulen.“
„Warum?“, fragte ich.
„Na, weil mein Leben so schön war!“, sagte Carline und lächelte breit. Jetzt hätte ich fast heulen müssen und ein bisschen feuchte Augen hatte ich wohl auch. Jedenfalls wusste ich, dass das mit dem Übernachten auf dem Trampolin eine gute Idee gewesen war.
Das Einschlafen war allerdings nicht so einfach. Es gab so viel zu sehen am Himmel. Ein schnell fliegender und dann erlöschender heller Punkt - eine Sternschnuppe? Ein langsam fliegender heller Punkt, der manchmal rot blinkt - ein Flugzeug? Wohin das wohl unterwegs ist, und was die Menschen darin wohl gerade machen? Nach kurzer Abschätzung der Himmelsrichtung und der Lage der Ostsee in unserem Rücken beschlossen wir, dass das Flugzeug gerade nach Stockholm fliegt und die Passagiere Cola bestellen. Cola war nämlich gerade sehr beliebt bei meinen Kindern, da sie sie nur ab und zu und ausnahmsweise trinken durften.
„Der Stern, der da so doll leuchtet, das ist der Nordstern, das habe ich gelernt“, erklärte uns Carline.
„Und ich weiß, dass schon mal ein Mensch auf dem Mond war“, sagte Josefina. Sie überlegte kurz.
„Ich möchte mal auf den Mars. Wie hoch geht es da eigentlich?“, fragte Josi schließlich und zeigte in den Himmel.
Ich versuchte den Kindern zu erklären, wie groß das uns bekannte Universum ist.
„Wenn ihr mit dem schnellsten Flugzeug der Welt immer senkrecht nach oben fliegen würdet, könntet ihr euer ganzes Leben fliegen und würdet trotzdem nie am Rand ankommen, denn die Erde ist im Universum nicht größer als ein kleines Sandkorn am Strand.“ Das saß, mehr als ein staunendes „Boah“ brachten die beiden nicht mehr heraus.
Es war kurz still und wir lauschten der Dunkelheit. Das Zirpen der Grillen ist das Grundrauschen der Sommernächte, beständig und immer da. Nur manchmal wurde es übertönt vom Dröhnen beschleunigender Motoren, die die Autos einiger Nachtschwärmer aus unserer ruhigen Seitenstraße in Richtung Hauptstraße trieben. Gegen Mitternacht trug die Stille das aufgeregte Bellen einiger Hunde aus dem nur wenige Kilometer entfernten Tierheim zu uns herüber und bald gab es ein bellendes Konzert aus allen Himmelsrichtungen. Zum Glück wurden auch die aufgeregten Vierbeiner irgendwann müde und die Grillen übernahmen wieder die Vorherrschaft. Carline beschwerte sich, dass es unmöglich sei zu schlafen, weil sie „das Licht so anglühe“. Josefina bekam einen Lachanfall. Meine Kleine meinte die einzige Straßenlaterne, die etwa 30 Meter entfernt stand und unseren Garten in ein dunkles Orange tauchte.
Um zur Ruhe zu kommen hörten wir uns schließlich auf meinem Handy „Somewhere over the Rainbow“ aus dem Klassiker „Wizard of Oz“ als Gute-Nacht-Lied an. Ich schaute nach oben und stellte mir vor, wie Dorothy und ihr Hund „Toto“ über unsere Köpfe hinweg samt Haus vom Sturm in das Zauberland hinter dem Regenbogen getragen werden. Kurz darauf gesellte sich das leise Schnarchen Carlines zu den Grillen. Wir schliefen unter dem Sternenhimmel. Tatsächlich.
Ich hatte mich vorher gefragt, ob es vielleicht schwerer sei draußen zu schlafen, weil wir Menschen es nicht mehr gewohnt sind und uns ohne Dach und Wände schutzlos und ausgeliefert fühlen. Aber es war kein Problem. Vielleicht auch, weil uns das Trampolin zumindest vor allem schützte, was so über den Boden kriecht und krabbelt - und auch Wildschweine, die es bei uns reichlich gibt, hatte ja noch nie jemand auf einem Trampolin hüpfen sehen. Deshalb schreckte auch ich nicht bei jedem Geräusch hoch, sondern schlief tief und fest, allerdings nur für zwei Stunden. Gegen 1.30 Uhr war ich wieder wach, dafür war mein Arm in einen narkotischen Tiefschlaf gefallen, da Carline mit ihrer Umklammerung die Blutzufuhr unterbrochen hatte, vielleicht wollte sie meinen Arm ja doch schon jetzt ganz für sich ...
Zudem hatte die Nacht einen unangenehmen feuchten Film über mein Kopfkissen und die Decken gezogen. Um auf die Toilette zu gehen, schlich ich kurz ins Haus. Als ich ins Wohnzimmer trat, war mir sofort klar, warum die Menschen irgendwann angefangen hatten, sich Häuser zu bauen. War das gemütlich hier drinnen! Ich beschloss beim Rausgehen in den Garten so einen Lärm zu machen, dass mindestens eines der Mädchen aufwachte, damit am Ende die Kinder glaubten, selbst die Aktion abgebrochen zu haben. Der Plan ging auf. Josefina wachte auf.
„Ist dir kalt, Schatz?“, fragte ich betont besorgt, „möchtest du lieber rein?“ Sie wollte. Carline wollte nicht, war aber überstimmt. Wir blieben zusammen und bauten uns ein großes Matratzenlager im Kinderzimmer auf, es war wohlig trocken und warm.
Die halbe Nacht auf dem Trampolin hatte aber gereicht, um ein unvergesslicher Moment unserer Erinnerung zu werden.
„Ich habe unter den Sternen so schön geträumt. Ich weiß heute noch genau was“, erzählte mir Carline, nachdem bereits ein halbes Jahr vergangen war.
„Was hast du denn geträumt?“
Sie lächelte.
„Dass wir auf den Mond fliegen und da zelten.“
Бесплатный фрагмент закончился.
