Читать книгу: «Zauberhafte Isabelle»

Шрифт:

Susanne Scheibler

Zauberhafte Isabelle

Roman

Saga

Zauberhafte Isabelle

Zauberhafte Isabelle

Copyright © 2021 by Michael Klumb

vertreten durch die AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Die Originalausgabe ist 1989 im Goldmann Verlag erschienen

Coverbild/Illustration: Shutterstock, common media

Copyright © 1989, 2021 Susanne Scheibler und SAGA Egmont

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9788726961263

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.

www.sagaegmont.com

Saga ist Teil der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt.

1

Die Kutsche rumpelte über den ausgefahrenen Weg. Es war rasch dunkel geworden. Ein leichter Wind trieb ein paar Wolken über den Himmel. Im Wageninneren war es heiß und stickig. Gilberte hätte gern ein wenig frische Luft hereingelassen. Aber dann würde die Herzogin erwachen, und im Augenblick war Gilberte froh, daß ihre Herrin schlief und sich nicht mit ihr unterhalten wollte.

Gilberte fand es schöner, still dazusitzen und an Paris zurückzudenken. An das Leben am Hofe König Karls IV., die Feste und Turniere und die prächtigen Säle des königlichen Palastes. Ein Jammer, daß diese Zeit vorüber war und man nun nach Schloß Beaumont zurückkehrte, wo die Tage so träge und monoton dahinflossen. Wenigstens empfand es Gilbertes neunzehnjährige Jugend so.

Der Kutscher ließ ein paarmal seine Peitsche über die vier Pferderücken sausen. Außer ihm saßen noch zwei Männer auf dem Bock, kräftige Gestalten in weiten Mänteln, die Gesichter braungebrannt. Sie gehörten zu den insgesamt zehn Bogenschützen, die die Herzogin nach Paris begleitet hatten. Die anderen waren heute morgen mit dem übrigen Gefolge nach Beaumont vorausgeritten, um die Ankunft Johanna von Valances zu melden.

Die Kutsche schwankte nun einen Hohlweg hinunter. Jeannot stieß plötzlich einen zornigen Fluch aus. Die Pferde wieherten und versuchten, zur Seite auszubrechen.

Die Herzogin schreckte aus dem Schlaf hoch. »Was ist los?«

Im gleichen Augenblick ging ein harter Ruck durch das Gefährt, und es legte sich schräg auf die Seite. Knirschend brach ein Rad. Jemand schrie: »Herunter vom Kutschbock, aber schnell, wenn euch euer Leben lieb ist!«

»O Madame«, flüsterte Gilberte zitternd. »Ein Überfall! Das sind Banditen!«

Johanna von Valance blickte aus dem Fenster. Sie gewahrte sechs, nein, acht schattenhafte Gestalten, die aus dem dichten Strauchwerk zu beiden Seiten auf die Straße sprangen. Quer über dem Weg lag ein Baumstamm. Der Kutscher Jeannot kletterte als erster vom Bock. Einer der Banditen versetzte ihm einen Faustschlag. Jeannot taumelte zur Seite. Er hatte noch seine Peitsche in der Hand und hob sie, um seinem Angreifer einen Schlag zu versetzen. Ein anderer fiel Jeannot in den Arm. Eine stählerne Klinge blitzte auf, dann stieß Jeannot einen gurgelnden Schrei aus und stürzte.

Das Folgende ging sehr rasch. Die acht Banditen fielen über die beiden Bogenschützen her. Es gab ein wildes Handgemenge. Die Leute der Herzogin wehrten sich wakker, aber die Übermacht war zu groß. Robert fiel als erster, ein Messer zwischen den Rippen. Dann warf Bastien plötzlich die Arme hoch. Er versuchte vergeblich, auf den Füßen zu bleiben, und brach zusammen.

Gilberte schrie gellend auf, als nun die Tür der Kutsche aufgerissen wurde und rohe Männerfäuste sie ins Freie zerrten. Die Wolken hatten den Mond freigegeben. Sein Licht beschien die drei Toten, die auf dem Boden lagen. Zwei der Banditen waren gleichfalls verletzt worden. Einer blutete aus einer Wunde am Arm, der andere lehnte abseits an einem Baumstamm und hielt sich stöhnend die Seite.

Alle acht waren verwegen aussehende Gestalten in abgerissener Kleidung. Ihre Gesichter waren maskiert.

Die Herzogin war ebenfalls aus der Kutsche geholt worden. Jemand hatte ihr die Haube heruntergerissen. Zwei andere nahmen ihr johlend den Schmuck ab: die Ringe, den goldenen Gürtel, der mit Edelsteinen besetzt war, die Ohrgehänge und Ketten. Sogar die perlenverzierten Diamantagraffen an den Schuhen wanderten in die Taschen der Straßenräuber. Ein Bandit mit braunem Lederkoller und einem großen schwarzen Schlapphut spannte die Pferde aus. Aus der Kutsche wurde die Truhe mit den Kleidern geholt und die Schatulle, in der die Herzogin Geld und noch mehr Schmuck aufbewahrte.

»Los, zieh das aus«, befahl einer der Banditen und griff nach Gilbertes blauem Kleid. Sie wehrte sich, und der dünne Stoff zerriß unter den rohen Fäusten.

Die Männer lachten. »Seht euch mal die Kleine an. Ein niedlicher Happen!«

Gilberte wollte davonlaufen, aber ein großer Mann mit halblangen schwarzen Haaren hielt sie fest. Seine Augen funkelten unter den schmalen Schlitzen der Larve. »Hier geblieben, mein Täubchen! So was wie dich hat mir gerade noch gefehlt!«

Angstvoll versuchte sie, seinen frechen Händen auszuweichen. Da tauchte der Bandit mit dem Lederkoller auf, der zuvor die Pferde ausgespannt hatte. Er riß Gilbertes Angreifer zurück. »Dafür haben wir keine Zeit. Los jetzt!« Seine Stimme klang befehlsgewohnt. Offenbar war er der Anführer der Bande.

Der Schwarzhaarige murrte: »Wir können sie doch mitnehmen. Und die Alte auch. Vielleicht gibt’s noch ein zusätzliches Lösegeld. Sie soll doch eine Herzogin sein. Ich habe gehört, wie du gestern mit Grand Jacques darüber . . .«

Weiter kam er nicht. Der Mann mit dem Lederkoller versetzte ihm eine gewaltige Ohrfeige. »Lösegeld? Genauso gut können uns auch die Soldaten des Königs wie die Hasen jagen und am nächsten Baum aufknüpfen. Wir verschwinden, habe ich gesagt!«

Und sie verschwanden tatsächlich. Sie nahmen die Pferde mit, den Schmuck, das Geld – alles, was nur irgendwie von Wert erschien, selbst die Überkleider der Herzogin. Johanna von Valance hatte zwar heftig protestiert, als sie sich ihres mit Perlen und Goldfäden bestickten Gewandes aus schilfgrüner Lyoneser Seide entledigen mußte – aber genützt hatte es nichts.

»O Madame«, sagte Gilberte schluchzend, nachdem die Schritte der Banditen und das Trappeln der Pferdehufe in der Nacht verklungen waren, »was haben wir für Glück gehabt. Ich dachte, ich sterbe vor Angst, noch bevor diese Lumpen Hand an mich legen konnten.«

Die Herzogin näherte sich den drei am Boden liegenden Gestalten, beugte sich zu ihnen hinunter und untersuchte sie flüchtig. »Tot«, murmelte sie. »Alle drei . . .«

Gilberte weinte heftiger. »Der arme Jeannot. Er war immer so fröhlich. Und Bastien . . .«

»Schweig!« sagte die Herzogin. »Zum Jammern ist es zu spät. Laß uns lieber überlegen, wie wir hier fortkommen. Am besten warten wir den Sonnenaufgang ab.«

»O nein«, flüsterte Gilberte zitternd. Sie warf einen scheuen Blick zu den Toten hinüber. »Ich fürchte mich, Madame . . .«

»Unsinn. Die Lebenden, die uns etwas hätten tun können, sind fort. Und die Toten können uns nichts anhaben.«

Dessen war Gilberte freilich nicht so sicher. Sie hatte zu viele schreckliche Geschichten gehört von den Geistern der Verstorbenen, die des Nachts umherirrten, weil sie keine Ruhe fanden. Wahrscheinlich würden das auch Jeannot und die beiden Bogenschützen tun, nachdem sie auf so schreckliche Weise umgekommen waren! Es sei denn, sie hatten selbst im Tode noch zu viel Respekt vor ihrer Herrin, so daß sie es nicht wagten, ihr als Geister unter die Augen zu treten.

Dieser Gedanke beruhigte Gilberte ein wenig.

2

Immer, wenn Isabelle am Morgen vor die Tür trat, freute sie sich über den Blick, der sich ihr bot: die Wälder am Horizont, die noch im Morgennebel verschwimmende Linie der Hügel, die Felder und Wiesen. Das Dorf lag in einer Senke. Isabelle konnte von ihrem höhergelegenen Platz nur die Dächer und die Kirchturmspitze sehen.

Manchmal hatte Isabelle dann das Gefühl, den hölzernen Wasserzuber einfach fallen lassen zu müssen, die Arme auszubreiten und barfuß, mit wehendem Rock und aufgelöstem Haar in diesen Morgen hineinzulaufen, so weit ihre Füße sie trugen, um dann irgendwo hinter einer Weißdornhecke zu liegen und in den Himmel zu träumen, der an diesem Tag wieder genau so tiefblau war wie Isabelles Augen.

Isabelle seufzte. Sie hatte wenig Zeit zum Träumen. Der Gasthof »Zum schwarzen Schwan« lag an der Straße nach Avignon. Es kamen viele Reisende durch, Händler, Soldaten, vornehme Herrschaften mit Gefolge – und manchmal auch fahrendes Volk, das Madame Margot je nach Laune mit groben Scheltworten fortschickte oder gnädigerweise in der leerstehenden Scheune kampieren ließ.

Ja, Madame Margot und ihre Launen! Es war nicht einfach, sie zu ertragen. Es gab Tage, an denen Isabelle am liebsten auf und davon gegangen wäre. Aber wohin? Zurück ins Kloster von St. Claude, wo die Nonnen sie vor siebzehn Jahren in einer regnerischen Aprilnacht als hilfloses, schreiendes Bündel auf der Türschwelle gefunden hatten?

Es war Isabelle nicht schlecht gegangen im Kloster. Aber das Leben dort war ihr zu ernst, zu eingeengt. Und die Schwestern in der strengen Ordenstracht der Karmeliterinnen waren ihr immer ein wenig wie steinerne Standbilder erschienen, ähnlich den Heiligenfiguren, die unten im Dorf die Brücke über die Isère flankierten.

Entschlossen nahm Isabelle den hölzernen Zuber wieder auf. Nein, ins Kloster zurück wollte sie nicht. Und wenn sie woanders hinging . . . Nun, es war fraglich, ob sie es dort besser anträfe als im »Schwarzen Schwan«. Irgendein Haar in der Suppe fand sich immer.

Als Isabelle vom Brunnen ins Haus zurückkehrte, kam Madame Margot gerade die Stiege aus ihrer Schlafkammer herunter. Vielleicht war sie früher einmal hübsch gewesen. Aber das mußte lange her sein, eine ganze Ewigkeit. Jetzt war Margot Bertrand nur noch fett. Auf dem Kopf trug sie eine weiße Haube, unter der das grau-schwarze Haar unordentlich hervorquoll. Ihr mächtiger Körper steckte in einer Jacke aus grobem Tuch und einem Rock, dessen Saum sie hochgebunden hatte.

Auf Isabelles Morgengruß hatte Margot nur ein mürrisches Knurren. Sie schlurfte in die Küche und stocherte in dem mächtigen Herd herum, dessen Feuer sommers wie winters nie ausging. »Ist die Suppe fertig?«

»Gewiß.« Isabelle stellte den Wasserzuber ab und nahm eine der irdenen Schalen vom Bord. Da hinein schöpfte sie aus einem rußgeschwärzten Eisenkessel die Morgensuppe, die jeden Tag den Auftakt zu Madame Margots Frühstück bildete. Es folgten Hasenpastete und ein Stück Kapaun in Weinsoße. Madame Margot aß schmatzend und mit größtem Wohlbehagen. Zwischendurch wischte sie sich die fettigen Finger an ihrem Rock ab.

Isabelle beschäftigte sich unterdessen mit dem Aufräumen und Säubern der Schankstube, in der – sehr zu des Mädchens Unbehagen – bereits Messire Paul, Margots Ehemann, vor einem Humpen Wein saß.

Früher hatte Isabelle den schmächtigen Mann mit dem Gesicht eines traurigen Eichhörnchens recht gern gehabt. Er war der einzige, der hin und wieder einen kleinen Schwatz mit ihr hielt oder sie lobte, wenn sie etwas besonders gut gemacht hatte. Aber allmählich war aus dem mageren, kindhaften, scheuen Ding, das Madame Margot vor drei Jahren aus dem Karmelitenkloster geholt hatte, ein bildschönes Mädchen geworden. Ein Mädchen mit einem straffen jungen Körper, geschmeidigen Bewegungen und dem zarten, makellosen Teint der Rothaarigen.

Ein großes Wundern überkam Paul Bertrand, als er Isabelle betrachtete, wie sie da, von der Morgensonne beschienen, auf dem Boden kniete. Wie war es nur möglich, daß ein solches Geschöpf in seinem Hause lebte? Wo mochte es herkommen? Wer mochten seine Eltern gewesen sein?

Isabelle hatte inzwischen ihre Arbeit beendet, ging zur Hintertür und leerte den Wassereimer mit kräftigem Schwung. Dann kam sie zurück und schlenkerte ihre nassen Hände. »Ihr eßt ja gar nichts, Messire Paul. Habt Ihr keinen Appetit?«

Bertrand starrte sie noch immer an. Was für schöne Zähne sie hatte! Und dieser rote Mund . . . Die Kehle wurde ihm trocken. Er streckte die Hand aus. »Setz dich zu mir, dann schmeckt es mir besser.«

Sie wollte zurückweichen, aber er hielt sie fest und zog sie zu sich heran. In seinem schmächtigen Körper steckte erstaunlich viel Kraft, und ehe es sich Isabelle versah, saß sie neben ihm auf der Bank. »Ich bitte Euch, Messire, laßt mich los! Was soll Madame Margot denken?«

»Madame Margot ist nicht hier!« Bertrand grinste und versuchte, Isabelle zu küssen.

Sie wehrte sich nach Leibeskräften. »Nicht! Seid doch vernünftig! Wie oft soll ich Euch noch sagen . . .« Sie stieß gegen den Tisch. Der Humpen mit Wein kippte um und kollerte auf den Boden. Diesen Moment benutzte das Mädchen, um aufzuspringen. »Seht Ihr, das kommt davon. Der gute Wein! Und ich habe gerade saubergemacht. O Messire, warum könnt Ihr mich auch nicht in Ruhe lassen! Eines Tages wird Madame Margot dahinterkommen, und natürlich wird sie mir die Schuld geben und mich hinauswerfen.«

»Pah, in dem Fall bin ich auch noch da«, sagte Paul Bertrand großspurig.

Trotz allem mußte Isabelle lachen. »Als ob Ihr gegen Eure Frau aufzumucken wagtet!« Sie hob den Humpen auf, holte einen Lappen vom Schanktisch und begann, den verschütteten Wein aufzuwischen.

Bertrand beugte sich nach vorn. »Im Ernst, Isabelle, warum läufst du mir immer davon? Ich könnte dir . . .«

Er verstummte, weil in diesem Augenblick Madame Margot eintrat. Sie blieb auf der Schwelle stehen und stemmte die fetten Arme in die Hüften. »Was könntest du, Paul Bertrand?«

»Ich . . . oh . . . ich sprach nur gerade mit Isabelle darüber, daß ich nächste Woche zum Markt nach St. Claude fahre. Ich könnte ihr etwas mitbringen, wenn sie etwas braucht.«

»Sie braucht nichts«, sagte Madame Margot streng und streckte ihr Doppelkinn vor. »Außerdem hältst du das Mädchen mit deinem Geschwätz von der Arbeit ab. Es könnte schon längst fertig sein.«

»Ich bin fertig, Madame!« Isabelle richtete sich auf. »Soll ich jetzt die Quitten pflücken?«

»Meinetwegen. Aber schlaf nicht ein dabei. Und steck dir deine Zöpfe auf. Wie du wieder aussiehst mit deinen halb aufgelösten Haaren! Wie ein liederliches Frauenzimmer!« Madame Margot sah Isabelle nach, wie sie mit ihrem wiegenden Schritt zum Schanktisch ging und den Lappen zurückbrachte. Bei allen Heiligen, dieses Ding wurde alle Tage reizvoller. Man mußte ein Auge auf sie haben, und auf Messire Paul!

In diesem Augenblick pochte es an die Vordertür.

»Wer kann das sein?« fragte Paul und stand auf.

Die Ankömmlinge waren Gilberte und die Herzogin. Sie wankten mit zerrissenen Schuhen und wirren Haaren in die Schankstube. Die Herzogin war in eine Decke gewickelt, unter der ihre staubigen Unterkleider hervorsahen. Sie sank sofort erschöpft auf eine Bank.

»Wer seid Ihr? Was wollt Ihr?« fragte Madame Margot barsch, während ihr Mann von einer zur anderen blickte.

Gilberte nannte ihre Namen und erzählte, was ihr und ihrer Herrin in der vergangenen Nacht passiert war. »Jetzt sind wir schon seit dem Hellwerden unterwegs«, schloß sie, »und sind keiner Menschenseele begegnet. Gott, waren wir froh, als wir endlich Euer Haus sahen.«

»Ja, wir sind weit und breit die einzige Herberge auf dem Weg nach Avignon«, nickte Paul und machte einen Kratzfuß nach dem anderen in Richtung der Herzogin. »Schrecklich, diese Banditen, man sollte sie alle aufhängen! Aber nun erholt Euch von dem Ausgestandenen. Ich werde Euch sofort ein Bad bereiten lassen und ein kräftiges Essen. Und mein bestes Zimmer sollt Ihr auch . . .« Er brach ab, weil er einen vernichtenden Blick von Madame Margot auffing.

»Du bist doch ein Dummkopf, Paul Bertrand! Woher willst du wissen, ob uns die beiden nicht ein Lügenmärchen auftischen? Oder habt Ihr Geld, um die Zeche zu bezahlen?«

Die Herzogin hob den Kopf. »Natürlich nicht. Meine Kammerfrau sagte Euch doch, daß wir ausgeraubt worden sind. Ich wollte Euch bitten, einen Boten nach Schloß Beaumont zu senden, damit man uns hier abholen kommt. Dann werdet Ihr Euer Geld erhalten.«

»Oder Ihr seid inzwischen bei Nacht und Nebel verschwunden«, sagte Madame Margot störrisch. Ihre fetten Hängebacken bebten. »Ich kenne die Herzogin nicht. Aber seit wann reist eine Dame von Stand ohne Gefolge, nur mit einem Kutscher und zwei Knechten durch das Land? Ihr müßt zugeben, daß das reichlich sonderbar klingt.«

»Aber es ist die Herzogin«, rief Isabelle in diesem Augenblick. Sie hatte sich bis jetzt in dem dämmrigen Hintergrund des Hauses gehalten, wo weder die Herzogin noch Gilberte sie bemerkt hatten. Nun kam Isabelle nach vorn. Die Sonne, die durch eines der spitzbogigen Fenster fiel, ließ ihr Haar kupfern schimmern. »Bitte, bleibt«, sagte sie zu Johanna von Valance und wandte sich dann wieder an Madame Margot. »Ich kenne sie, weil sie einmal in St. Claude die Ostermesse besuchte. Dort habe ich sie gesehen.«

Paul Bertrand war es gewöhnt, daß Isabelle von seinen Gästen angestarrt wurde. Die auffallende Schönheit des Mädchens erregte bei jedem, der es zum erstenmal sah, Staunen. Aber so wie die Herzogin und ihre Kammerfrau hatte noch niemand auf Isabelles Anblick reagiert. Gilberte war zurückgewichen und bekreuzigte sich. »Jesus Maria . . . nein! So etwas gibt es nicht!«

Die Herzogin war leichenblaß geworden. Sie hielt sich am Tisch fest. »Beatrice«, murmelte sie und schloß die Augen, so, als müsse sich Isabelle, wenn sie sie wieder öffnete, gleich einer Geistererscheinung in Luft auflösen.

Isabelle stützte sie. »Was ist Euch, Madame? So setzt Euch doch. Messire Paul, schnell, einen Schluck Wasser.«

Die Herzogin winkte ab. »Nein, nein, es ist schon vorüber.« Sie hatte die Augen wieder geöffnet und starrte Isabelle an. »Wer . . . wer bist du, mein Kind?«

Das Mädchen machte einen Knicks. »Ich heiße Isabelle St. George und bin hier Magd. Meinen Nachnamen habe ich von den frommen Schwestern des Karmel, weil sie mich am Tage des heiligen Georg vor der Tür ihres Klosters gefunden haben.«

»Ein Findelkind also?«

»Ja, Euer Gnaden. Geht es Euer Gnaden wirklich besser? Oder soll ich Euch eine Kompresse machen? Im Kloster hab’ ich etwas Krankenpflege gelernt.«

»Bemüh dich nicht, mein Kind. Ich fühle mich ganz wohl. Es waren wohl nur die Strapazen der vergangenen Stunden. – Herr Wirt?«

»Ja, Madame?« Paul Bertrand kam eilfertig herangewieselt.

»Bekommen wir jetzt ein Zimmer und etwas zu essen? Oder habt Ihr immer noch Bedenken?«

»Gewiß nicht, Euer Gnaden. Ihr müßt meiner Frau verzeihen, sie ist immer ein wenig mißtrauisch. Kein Wunder, wenn so viele schlechte Menschen in der Welt herumlaufen. Mörder und Diebe, die sich nicht scheuen, friedliche Reisende zu überfallen und auszuplündern.«

»Wenn ich Euer Gnaden nun das Zimmer zeigen darf? Es ist unser bestes!« Madame Margot schwenkte jetzt um wie eine Wetterfahne. Ihr rotes Gesicht war eitel Wohlwollen. »Euer Gnaden werden doch über Nacht bleiben?«

»Vermutlich«, erwiderte die Herzogin. »Es sei denn, man holt uns noch heute nachmittag hier ab. Aber das wird kaum möglich sein. Ein guter Reiter braucht bestimmt vier bis fünf Stunden nach Beaumont.«

»Ich werde sofort einen Knecht losschicken«, versprach Madame Margot. »Und du, Isabelle, kümmere dich um heißes Wasser für ein Bad und ein kräftiges Essen.«

3

»Beim Himmel, Madame, mir schwirrt der Kopf! Wie ist das nur möglich, eine solche Ähnlichkeit! Im ersten Augenblick glaubte ich, die Toten stünden aus ihren Gräbern auf.« Gilberte lehnte sich mit dem Rücken gegen die eisenbeschlagene Tür, die Madame Margot soeben von draußen hinter sich geschlossen hatte. »Aber Ihr wart auch ganz fassungslos.«

»Wahrhaftig, das war ich«, sagte die Herzogin. »Ich habe noch nie solch ein Spiel der Natur erlebt. Dieses Mädchen gleicht Beatrice de Marville wie ein Ei dem anderen. Nur die Stimme klingt ein wenig tiefer.«

»Wenn Seine Gnaden der Herzog sie gesehen hätte . . . Ich glaube, ihr Anblick hätte ihn mit einem Schlage von seiner Trauer geheilt. Wißt Ihr was, Madame Johanna? Wir sollten das Mädchen mitnehmen und ihm präsentieren.«

»Meinst du, Gilberte? Wäre ein solcher Anblick nicht vielmehr schmerzlich für ihn?«

»Aber nein, Madame, warum? Wie lange ist Gräfin Beatrice jetzt tot? Drei Jahre und noch etwas darüber. Und in all den Jahren hat Euer Sohn keine Frau mehr angeschaut. Es wird Zeit, daß sich das ändert. Er ist Euer einziger Sohn, und wenn er nicht bald daran denkt, sich zu vermählen, werdet Ihr niemals Enkelkinder haben und keinen Erben für die Herzogskrone.«

»Mein Sohn ist dreißig Jahre alt. Er kann auch noch in zwei oder drei Jahren heiraten.«

»Wer sagt Euch, daß er bis dahin anderen Sinnes ist als heute? Er scheint entschlossen, seiner toten Braut die Treue zu halten! Und je mehr er sich in diesen Gedanken verrennt, desto schwerer wird es für ihn, sich eines Tages davon zu lösen.«

Johanna von Valance seufzte. Gilberte sprach nur das aus, was sie selbst in vielen bangen Tagen und Nächten gedacht hatte. Seit Beatrice de Marville drei Wochen vor der Hochzeit einem Lungenfieber erlegen war, lebte Roger nur noch in der Erinnerung. Anfangs hatte die Herzogin seine Trauer um das schöne und liebenswürdige Mädchen voll verstanden, ja, sogar geteilt. Aber nachdem nun so viel Zeit dahingegangen war, fand sie sie unnatürlich und beängstigend. In Paris gab es ein Mädchen, das die Herzogin sehr gern als Gattin ihres Sohnes gesehen hätte. Gwendoline hieß es, die einzige Tochter des Grafen von Morgan. Sie war Hofdame bei der Königin und schien Johanna von Valance durchaus geeignet, die Erinnerung an eine Tote aus Rogers Herzen zu verdrängen. Wie kam Gilberte nur auf den Gedanken, dies könne eine Küchenmagd viel besser und viel gründlicher erreichen?

»Du übertreibst«, sagte Madame Johanna unwirsch. »Gesetzt den Fall, der Herzog bekommt dieses Mädchen zu Gesicht. Gesetzt, die Ähnlichkeit mit Beatrice fällt ihm auf – wie, denkst du, soll es weitergehen? Soll sich mein Sohn in sie verlieben? Soll eine Küchenmagd am Ende die Herzogskrone von Valance erhalten? Oder sollen Rogers Söhne den Querbalken des Bastards in ihrem Wappen führen?«

»Weder – noch, Madame! Verzeiht, doch denkt Ihr nicht ein wenig weit voraus? Ich meinte nur . . .« Gilberte brach ab und lächelte halb schlau, halb zaghaft. »Es dauert mich, wie Euer Sohn in dieser ungesunden Trauer sich vergräbt, und mehr noch, wie Ihr Euch darüber sorgt. Ist es nicht so, daß Euer Sohn die Tote höher stellt als alle Lebenden? Für ihn ist sie die Schönste, Edelste, ein überirdisches Geschöpf, das keinen Fehler hatte. Er vergißt dabei, daß Beatrice, als sie noch lebte, ein Mensch war wie wir anderen auch. Ein Mensch mit Schwächen, Launen! Liebenswert durchaus, doch keineswegs das makellose Denkmal, das er von ihr in seinem Herzen errichtet hat. Wir müssen dieses Denkmal stürzen, Euer Gnaden! Und dafür scheint mir jenes Mädchen gut.«

»Ich glaube, ich verstehe, was du meinst. Du hoffst, der Herzog würde sich in sie verlieben als in das Abbild seiner Beatrice – und dann erkennen, daß sie nur ein Mädchen ist wie tausend andere auch.«

»Genau so ist es, Euer Gnaden! Das Gegengift für Beatrice ist sie selbst. In unserem Falle also Isabelle. Kein totes Denkmal, sondern ein Geschöpf aus Fleisch und Blut, doch schön genug, um jedem Manne Appetit zu machen. Ist aber dieser Appetit erst einmal da, will man nicht jeden Tag dasselbe essen. In dem Punkt sind alle Männer gleich! Hat Isabelle erst Eurem Sohn gefallen, wird er entdecken, daß es auch noch andere hübsche Mädchen gibt, und sich gewiß nicht länger sträuben, eines von ihnen zu seiner Herzogin zu machen und zur Mutter seiner Kinder.«

Die Herzogin runzelte grübelnd die Stirn. »Dein Plan hat vieles für sich. Du vergißt nur eins: Isabelle! Ob sie so einfach mit uns kommen wird?«

»Fragt sie doch, Madame! Ich bin sicher, wenn sie nur einen Funken Verstand hat, schnürt sie noch heute ihr Bündel. Erzählt ihr nur die traurige Geschichte von der toten Beatrice. Sie wird gerührt sein und sich ungemein geschmeichelt fühlen, daß Ihr sie ausersehen habt, Euren Sohn zu trösten.« Gilberte lachte. In ihren schweren Kirschenaugen tanzten kleine vergnügte Lichter.

Doch die Herzogin war immer noch nicht ganz bekehrt. »Ich weiß nicht, Kind. Die Rolle, die du ihr da zuteilst . . . Diese Isabelle macht einen guten Eindruck. Gewiß ist sie ein braves Mädchen, erzogen von den frommen Karmeliterinnen . . .«

»Wer hindert sie daran, so brav zu bleiben? Ihr sagt es selbst, Madame: Sie spielt nur eine Rolle. Wie weit sie dabei geht, das liegt allein bei ihr. Denn Herzog Roger würde nie . . .« Gilberte verstummte, weil es klopfte.

»Das Bad ist fertig, Euer Gnaden«, rief Isabelle auf dem Flur. Gilberte und die Herzogin wechselten einen raschen Blick.

Dann ging Johanna von Valance die Tür öffnen. »Komm einen Augenblick herein, mein Kind.«

Zögernd folgte Isabelle der Aufforderung.

Die Herzogin blieb an der Tür stehen, ohne den Blick von ihr zu wenden. Sie versuchte, sich Isabelle in anderen Kleidern vorzustellen, die Haare schön frisiert – wahrhaftig, dann mußte die Ähnlichkeit mit Beatrice vollkommen sein. Gilberte hatte recht. Die Sache war zumindest des Versuches wert.

Johanna von Valance deutete auf einen Stuhl. »Setz dich, mein Kind. Ich möchte etwas mit dir besprechen.«

4

Im Verlauf des Tages hatte Isabelle alle Hände voll zu tun. Es war, als ob sich sämtliche Durchreisende verabredet hätten, im »Schwarzen Schwan« abzusteigen oder Rast zu machen.

Isabelle lief treppauf, treppab, richtete Schlafkammern her, holte Wein und Bier aus dem Keller und schleppte Teller und Schüsseln mit dampfenden Braten, Pasteten und Ragouts, auf deren Zubereitung sich Madame Margot wie keine zweite verstand. Zwischendurch mußte Isabelle sogar die Pferde der Reisenden versorgen, weil Antoine, der Knecht, ja nach Beaumont geritten war und Messire Paul von seiner Frau in die Küche befohlen wurde, um ihr beim Rupfen der Hühner und Fasane zu helfen.

Im allgemeinen liebte Isabelle den Trubel, den die vielen Gäste mit sich brachten. Man hörte viel Neues, und die Stunden flogen nur so dahin. Heute allerdings wäre Isabelle lieber mit sich allein gewesen. Was sie auch tat, sie war nicht bei der Sache. Immer wieder spukte ihr die Unterredung mit der Herzogin im Kopf herum, aber so viel Isabelle auch grübelte, sie kam zu keinem Ergebnis, was sie tun sollte.

Auf ihr Schloß wollte die Herzogin sie mitnehmen? In ihre Dienste sollte Isabelle treten – aber nicht etwa als Magd, o nein! Sie sollte Unterricht im Lesen und Schreiben erhalten, feine Handarbeiten machen, ein wenig musizieren und der Herzogin Gesellschaft leisten. Und dies alles nur, weil sie, Isabelle, einer Toten ähnlich sah, die der Herzogin und ihrem Sohn sehr nahe gestanden hatte!

Das alles hörte sich großartig und phantastisch an. Ein anderes Mädchen als Isabelle wäre vielleicht mit Freuden und ohne das geringste Zögern darauf eingegangen. Aber nicht sie.

Bisher hatte noch niemand Isabelle mit Samthandschuhen angefaßt. Und das Leben im »Schwarzen Schwan« hatte sie gelehrt, mißtrauisch zu sein. Sie stand allein auf der Welt und wußte, daß es im Ernstfall keinen Menschen gab, auf dessen Hilfe sie sich verlassen konnte. Sie wußte auch, daß man zu viel Freundlichkeit ebenso wenig trauen durfte wie offener Feindseligkeit. Und die Freundlichkeit der Herzogin war Isabelle irgendwie unheimlich.

Gegen Mitternacht – im »Schwarzen Schwan« war allmählich Ruhe eingekehrt – kam Antoine zurück. In seiner Begleitung befanden sich ein Dutzend Reiter, die eine Sänfte mit sich führten. Ihr Anführer brachte Kleider für die Herzogin und Gilberte sowie eine Geldbörse, um die Zeche zu bezahlen.

Die Herzogin und ihre Kammerfrau hatten den ganzen Tag in ihrem Zimmer verbracht. Isabelle hatte sie nicht mehr zu Gesicht bekommen. Sie hörte nur noch von Madame Margot, daß Johanna von Valance morgen früh bei Sonnenaufgang aufbrechen wollte. Bis dahin mußte sich Isabelle also entschieden haben.

Sie war todmüde, als sie endlich ihre einfache Kammer über dem Hühnerstall aufsuchte. Aber dann konnte sie trotzdem nicht einschlafen. Sie lag im Bett, die Arme hinter dem Nacken verschränkt, und starrte auf den mondhellen Himmel, der durch die offene Fensterluke hereinschaute. Draußen rauschten die Bäume. Ab und zu schnaubte ein Pferd im Stall.

Wie vertraut das alles war, die Stimmen der Nacht, der Blick aus dem Fenster, die ärmliche Einrichtung der Kammer! Es war ein Stückchen Zuhause. Nicht wie im Kloster, wo man Isabelle aus Barmherzigkeit aufgezogen und sie gelehrt hatte, immer dankbar dafür zu sein. Sondern ein Zuhause, für das sie arbeitete und auf das sie deshalb ein Anrecht hatte. Irgendwie schien Isabelle dieser Unterschied sehr wichtig.

Was soll ich nur tun? dachte sie. Gehen oder bleiben?

Ein Geräusch schreckte sie auf. Sie richtete sich im Bett auf. Da kam doch jemand die Treppe herauf? Ganz deutlich hörte sie das Knarren der hölzernen Stufen und einen schnaufenden Atem. Paul Bertrand?

Den ganzen Abend hatte er mit ein paar reisenden Händlern in einer Ecke der Schankstube gesessen. Isabelle hatte immer wieder die Krüge mit Wein und dem starken, mit Wacholder, Nelken und spanischem Pfeffer gewürzten Bier nachfüllen müssen. Dabei hatte Messire Paul jedesmal nach ihr greifen und sie auf seinen Schoß ziehen wollen. Sie hatte Mühe gehabt, seinen zudringlichen Händen zu entkommen.

Und jetzt stand er vor ihrer Kammertür. »Isabelle, mein Engel, mach auf. Ich bin es, Paul . . . der gute Messire Paul. Laß mich rein, Isabelle.«

Zuerst wollte sie keine Antwort geben. Aber als Messire Pauls Stimme immer lauter wurde, sprang sie aus dem Bett und lief auf bloßen Füßen zur Tür. »Seid Ihr denn von allen guten Geistern verlassen, Messire Paul? Geht sofort schlafen. Ihr weckt ja das ganze Haus.«

»Mach die Tür auf«, lallte Paul Bertrand. »Dann bin ich auch ganz still.«

»Ich denke nicht daran. Laßt mich in Ruhe!«

»Aber Isabelle . . .. ich will doch nur ’n bißchen lieb zu dir sein. Es macht mich ganz krank, daß du so abweisend zu mir bist. Laß mich rein, Isabelle, mein Täubchen!«

Im Grunde war es fast komisch, Messire Pauls weinseliges Säuseln. Wenn es nur nicht so laut gewesen wäre! Isabelle versuchte vergeblich, ihn durch Zureden und Schimpfen in sein Bett zurückzuschicken. Er fuhr fort, an die Tür zu hämmern und Einlaß zu begehren.

Da hörte man plötzlich unten im Flur Madame Margots Stimme: »Hab’ ich dich endlich erwischt, du liederlicher Kerl! Na warte, das sollst du mir büßen.« Die dicke Wirtin stampfte im wallenden Nachtgewand die Treppe herauf.

Isabelle schob den Riegel zurück und öffnete die Tür. Sie ahnte, welches Gewitter sich gleich auf den benebelten Kopf des armen Messire Paul entladen würde, und hatte trotz allem Mitleid mit ihm. Vielleicht gelang es ihr, seine erzürnte Ehehälfte etwas zu beruhigen.

Aber Madame Margot dachte gar nicht daran, sich beruhigen zu lassen. Sie schnaubte vor Wut, und ihr Zorn richtete sich genauso gegen Isabelle wie gegen ihren auf Abwege geratenen Ehemann. Messire Paul, den der Schreck über das Auftauchen seiner Frau sichtbar ernüchtert hatte, duckte sich wie ein geprügelter Hund, als sie auf ihn losfuhr.

»Du dachtest wohl, ich schliefe, was? Du dachtest, ich bin blind und hätte nicht gemerkt, wie du schon seit Tagen um das Frauenzimmer da herumschleichst wie ein liebeskranker Kater. O du erbärmlicher Hundesohn! Du doppelzüngiger, schiefmäuliger Teufel! Verschwinde! Mach, daß du hier wegkommst, ehe ich dich die Treppe hinunterwerfe!«

Und Messire Paul verschwand. Verschwand mit schlotternden Knien und ohne noch einen Blick auf Isabelle zu werfen.

Madame Margot aber wandte sich nun an das Mädchen: »Das hast du dir fein ausgedacht! Hinter meinem Rücken meinem Mann schöne Augen zu drehen! Hast dich wohl schon als Wirtin im ›Schwarzen Schwan‹ gesehen, du unverschämtes Ding!«

»Aber Madame, ich kann doch nichts dafür. Messire Paul war betrunken. Und ich habe nie . . .«

»Schweig! Natürlich hast du ihm Augen gedreht. Und wie du immer um ihn herumscharwenzelt bist. Messire Paul hier – und Messire Paul da! Ein bißchen die Hüften schwenken, ein dreister Blick, ein verstohlenes Lächeln! Oh, ich weiß Bescheid. Aber jetzt ist es genug. Du packst noch heute deine Sachen und verschwindest.«

»Madame, ich bitte Euch . . .«

»Kein Wort mehr!« Die dicke Wirtin versetzte Isabelle einen groben Stoß, daß sie über die Türschwelle in ihre Kammer zurückstolperte. »Mach, daß du mir aus den Augen kommst.«

Wahrscheinlich hätte Madame Margot noch eine ganze Flut von Beschimpfungen losgelassen, aber die Luft wurde ihr knapp. Sie preßte die Hand auf ihren wogenden Busen und stampfte stöhnend die Treppe hinunter. Isabelle schloß die Tür hinter sich und lehnte sich von innen dagegen.

Jetzt war die Entscheidung also gefallen, ganz ohne ihr eigenes Zutun. Madame Margot warf sie hinaus, also würde sie mit der Herzogin gehen.

Isabelle brauchte nicht lange, um ihr Bündel zu schnüren. Sie besaß nur zwei Kleider und einen schwarzen wollenen Umhang. Schuhe, Strümpfe, ein wenig Wäsche und das Gebetbuch, das ihr die Schwestern vom Heiligen Karmel zum Abschied geschenkt hatten. Fertig!

Doch nein, da war noch etwas: ein flaches, von einer Schnur umwundenes Paket, das Isabelle unter der Matratze ihres Lagers aufbewahrte. Es enthielt winzige, spitzenbesetzte Kindswäsche, ein dreieckiges Umschlagtuch aus naturfarbener Wolle, einen Lederbeutel und ein zusammengerolltes Stück Pergament.

Die Kleidungsstücke hatte Isabelle getragen, als man sie vor siebzehn Jahren vor dem Karmeliterinnenkloster fand. Das schreiende Kind war in das Tuch gewickelt gewesen. In dem Lederbeutel hatten die erstaunten Nonnen einen überaus kostbaren Halsschmuck entdeckt.

»Verkauft den Schmuck«, hatte auf dem Pergament gestanden. »Der Erlös, ist für das Kloster bestimmt, wenn ihr mein Kind behaltet und aufzieht. Es ist auf den Namen Isabelle getauft. Um Christi Barmherzigkeit willen, seid gut zu ihm.«

Isabelle konnte nicht lesen. Aber sie hatte sich von Mater Angélique die Worte so oft vorsagen lassen, bis sie sie auswendig kannte. Die einzigen Worte, die Isabelle St. George von jener unbekannten Frau wußte, die sie geboren hatte . . .

Als Isabelle das flache Bündel unter der Matratze vorholte, war ihr nach Weinen zumute. Das hatte nichts mit ihrer Mutter zu tun. Isabelle dachte nicht oft an sie, höchstens mit einem leisen Verwundern. Was mochte sie für eine Frau gewesen sein, daß sie ihr Kind in der Nacht vor den Stufen eines Klosters ausgesetzt hatte? Isabelle haßte sie nicht deswegen. Aber sie sehnte sich auch nicht nach ihr, wenn sie sich in manchen Stunden ihrer Verlassenheit bewußt wurde so wie jetzt. Es war nicht schön, heimatlos zu sein und nirgendwo hinzugehören.

Die Tränen tropften auf das Päckchen, und Isabelle biß sich auf die Lippen. Sie hätte gerne gebetet, aber irgendwie erschienen ihr die lateinischen Gebete, die sie die Karmeliterschwestern gelehrt hatten, nicht passend für das, was sie Gott zu sagen gehabt hätte.

Etwa dies nämlich: Wenn wir auch alle deine Kinder sind, so will ich dir doch nicht zumuten, ständig auf mich aufzupassen. Das tue ich schon selbst, soweit ich’s kann. Ich bin nicht gerade dumm, und dafür bin ich dir sehr dankbar. Trotzdem ist es möglich, daß ich manchmal etwas falsch mache. Davor bewahre mich doch bitte. Du hast gewollt, daß ich allein bin und niemanden um Rat fragen kann. Vergiß das bitte nicht. Dann wirst du mir auch helfen, wenn es nötig ist.

Nein, das war sicherlich nicht das richtige Gebet. Ob Gott denn nur Lateinisch verstand?

Isabelle wischte sich die Tränen ab. Sie legte das Päckchen zu den übrigen Sachen, knüpfte alles zu einem Bündel zusammen und verließ die Kammer. Sie würde unten an der Wegbiegung auf die Sänfte der Herzogin warten.

5

Roger Herzog von Valance, Pair des Königs von Frankreich und unumschränkter Herr seines Herzogtums sowie der Grafschaften Beaumont und Romans, saß in einem hohen Eichenstuhl, in dessen Rückenlehne das geschnitzte Wappen seines Hauses eingelassen war. Durch die grünlichen bleigefaßten Fensterscheiben sickerte spärliches Sonnenlicht. Die Wände des einfenstrigen Kabinetts waren mit burgunderrotem flandrischen Tuch bespannt, in das wiederum das Wappen der Herzöge von Valance mit goldenen Fäden eingestickt war. Ein Sonnenstrahl ließ es aufleuchten.

Der Herzog nahm von seinem mit Gänsekielen, aufgerollten Pergamenten, Schreibtäfelchen und Griffeln bedeckten Tisch ein Schriftstück und beugte den dunklen Kopf darüber. Entgegen der herrschenden Mode trug er das wellige Haar kurzgeschnitten und keinen Bart. »Hier führt eine Madame de Grunelle Klage, der Profos von Arigny habe ihr dreitausend Livres Erbschaftssteuer ab verlangt. Madame de Grunelle schreibt, daß sich aber die Steuer auf fünf Sou pro Livre in ihrem Bezirk beläuft. Demnach hätte sie wesentlich weniger an die Staatskasse abzuführen.«

»Mag sein, Euer Gnaden. Aber ich kenne die Grunelles. Sie haben Schulden wie andere Leute Haare auf dem Kopf. Madame de Grunelle wird auch eine geringere Erbschaftssteuer schuldig bleiben, wenn man sie nicht gewaltsam eintreibt.« Der Mann, der das sagte, hieß Philippe de Crêve und war der Kanzler Herzog Rogers. Er stand auf der anderen Seite des breiten Schreibtisches in einem schwarzgelben Wams und ebensolchen Beinkleidern und hielt das Barett mit den Reiherfedern ehrerbietig vor der Brust.

Der Herzog runzelte nachdenklich die Stirn. Als er aufstand, sah man erst, wie groß er war, breitschultrig, mit schmalen Hüften. Seine Kleidung war schlicht, aber ausgesucht kostbar. »Sagtet Ihr nicht, daß Ihr im kommenden Monat nach Brecour reisen wolltet, um dem dortigen Gerichtstag beizuwohnen? Nun, Brecour ist nur ein paar Stunden von Arigny entfernt. Wenn Ihr Eure Angelegenheiten in Brecour erledigt habt, macht einen Umweg und laßt Euch die Sache von Madame de Grunelle vortragen. Und denkt daran, daß ich keine unnötigen Härten wünsche – und keine Unkorrektheiten meiner Beamten.«

»Gewiß, Monseigneur«, erwiderte Herr de Crêve mit einer Verneigung.

Auf dem Schloßhof wurde es laut, Schritte klangen auf, dann Pferdegetrappel. Eine Stimme brüllte ein paar Kommandos.

Der Herzog trat an das Fenster und schaute hinunter. Eine Reiterschar verließ den Hof. Ihre Lanzen und Helme blinkten in der Sonne. Die Männer trugen Kettenhemden, aber ihr Anführer hatte einen goldfarbenen Brustpanzer umgeschnallt. Der große rot-weiße Federbusch seines Helms wehte im Wind. Die Satteldecke seines Rappen trug die gleichen Zeichen.

Ein Lächeln zuckte um des Herzogs schmalen Mund auf. »Unser guter Ritter de Chalors hat sich wieder einmal herausgeputzt, als gälte es ein Turnier.«

Philippe de Crêve nickte belustigt. »Seine Putzsucht kennt keine Grenzen – wie bei einem Frauenzimmer. Es erstaunt mich immer wieder, daß er dennoch ein so guter Soldat ist. Wenn es jemandem gelingt, diese Schurken, die Ihre Gnaden, die Herzogin, überfallen haben, aufzustöbern und ihrer gerechten Strafe zuzuführen, dann ihm.«

Der Herzog blickte zum Himmel auf. »Die Sonne steht schon hoch. Wenn meine Mutter am Morgen aufgebrochen ist, wird sie bald hier sein. Laßt mich jetzt allein, Messire Philippe. Ich habe noch zu arbeiten.«

Der Kanzler entfernte sich. Lautlos schloß sich die Tür des Kabinetts hinter ihm. Herzog Roger kehrte an den Schreibtisch zurück. Er las und schrieb noch eine Weile. Dann verließ auch er den kleinen stillen Raum, in den er sich am liebsten zurückzog, wenn er zu arbeiten oder über etwas nachzudenken hatte.

Vor der Tür warteten zwei Pagen im blau-goldenen Wams, den Farben des Hauses Valance. Der Herzog gab ihnen einen Wink zurückzubleiben und durchquerte allein eine lange, von zwölf Fenstern erhellte Galerie. Über eine schmale Treppe gelangte er in einen anderen Teil des Schlosses, das wehrhaft und gewaltig von einer runden Hügelkuppe in das liebliche Tal zwischen Rhone und Isère hinabschaute. In diesem Trakt lagen die Gemächer, die Roger von Valance einst für seine geliebte Braut Beatrice hatte einrichten lassen.

Es war seit ihrem Tode nichts daran verändert worden. Die Mägde mußten die Räume sauberhalten, täglich frische Luft hereinlassen, ja sogar Blumen und wohlriechende Essenzen in die bereitstehenden Schalen aus italienischem Marmor, Lapislazuli und kostbaren Mosaiken verteilen. Und so sahen die Gemächer aus, als sei ihre Bewohnerin nur für eine kleine Weile fortgegangen und könne jeden Augenblick wiederkehren.

Der Herzog durchschritt den Vorsaal, dessen Wände mit flämischen Gobelins bedeckt waren, und eine Reihe von Zimmern. Dann gelangte er durch eine niedrige Tür in ein Turmgemach. Seit drei Jahren verging kein Tag, an dem er nicht zu einer Stunde trauervollen Gedenkens in dieses Zimmer kam, von dem Beatrice einmal gesagt hatte, daß sie es zu ihrem Lieblingsaufenthalt machen werde. Beatrice . . .

Ihr Bild hing zwischen zwei Fenstern. Ein florentinischer Meister hatte es angefertigt. In sanften, warmen Farben zeigte es die Anmut der schönen jungen Gräfin, Beatrice de Marville trug ein Kleid aus apfelgrüner Seide, reich besetzt mit Spitzen aus Brabant. Ein hermelinverbrämter Mantel bedeckte die kindhaft schmalen Schultern. Über der Haube funkelte ein Diadem. Die schweren Flechten waren wie zwei Vasenhenkel zu beiden Seiten des Gesichtes aufgesteckt.

Der Herzog blieb vor dem Bild stehen, seine männlichschönen Züge trugen den Ausdruck düsterer Trauer. Bei Gott, sie war die bezauberndste Frau gewesen, die es gab. Nie würde sich eine andere an Schönheit, Geist und Anmut mit ihr messen können, nie eine andere sein Herz besitzen.

Roger von Valance war immer ein schwerblütiger Mensch gewesen. Natürlich hatte er als Jüngling seine Abenteuer gehabt, allein schon deshalb, weil er nicht als Außenseiter und Sonderling vor seinen gleichaltrigen Gefährten dastehen wollte, die sich mit ihren amourösen Erlebnissen spreizten wie die jungen Hähne, wenn der Frühling kommt.

Aber derlei Dinge hatten Roger niemals sonderliche Befriedigung gewährt, eher einen müden Überdruß. Doch dann war er Beatrice begegnet, und von diesem Tag an hatte sich die Welt für ihn verändert.

Es war eine Liebe gewesen mit aller Verzauberung und Glückseligkeit, die ein Menschenherz fühlen mag. Oder schien ihm das nur in der Erinnerung so?

Nein, dachte Roger. Man sagt zwar, daß die Erinnerung vergoldet. Doch nur am Anfang, wenn sie frisch und lebhaft ist. Später erlischt der Glanz, die trügerischen Farben werden blasser, und alles stirbt im Dunkel des Vergessens.

So war es mit dem ersten wilden Schmerz nach Beatrices Tod geschehen. Er war eingemündet in das sanfte Grau der Traurigkeit. Doch jene Liebe, die der Herzog einst empfunden hatte, starb nicht, und mit ihr blieb die glückliche Vision vergangener Seligkeit.

Herzog Roger wußte, daß seine Mutter nicht die Hoffnung aufgab, ihn eines Tages dennoch vermählt zu sehen. Er wußte auch, daß Pflicht und Herkunft ihm das abverlangten – und trotzdem schien es ihm unmöglich. Er hatte ein volles Maß an Glück besitzen wollen, hatte es fast schon in den Händen gehalten, als man es ihm wieder nahm. Sollte er sich nun mit den Brosamen begnügen?

Herzog Roger wandte sich ab. Als er auf die große Galerie zurückkehrte, meldete ihm ein Hauptmann der Wache, daß die Herzogin vor einer halben Stunde eingetroffen sei und ihn erwarte.

6

»Übrigens«, sagte Johanna von Valance, »habe ich ein junges Mädchen von meiner Reise mitgebracht.«

Der Herzog blickte sie mit mäßigem Interesse an. »Ach ja? Aus Paris?«

»Nein, aus jenem Gasthof, wo ich zuletzt nächtigte. Doch das ist eine lange Geschichte, sie würde Euch nur ermüden. Fest steht, daß dieses Mädchen ein durchaus liebenswertes Geschöpf ist. Ich möchte es gern bei mir behalten . . . wenigstens vorerst.«

Jetzt runzelte der Herzog doch die Stirn. »Ihr wißt, daß ich mich nie in Eure Angelegenheiten mische. Aber wie kommt Ihr auf solch eine Idee? Ein Mädchen aufzunehmen, das Ihr erst gestern kennengelernt habt! Ist das nicht etwas voreilig? Wer ist sie denn, wo kommt sie her?«

»Sie heißt Isabelle«, erwiderte die Herzogin vage. »Was soll ich Euch viel von ihr erzählen? Ihr werdet sie morgen kennenlernen und dann vielleicht begreifen, warum ich mich spontan entschloß, sie mitzunehmen.«

Johanna von Valance hatte eine ganz bestimmte Vorstellung, wie und wann Roger Isabelle zum erstenmal sehen sollte, nämlich bei der Abendtafel, wenn der große Rittersaal im flackernden Licht der Kerzen lag. Dann mußte die Ähnlichkeit mit Beatrice doppelt zutage treten. Auch mußte das Mädchen anständige Kleider bekommen. Die Herzogin hatte bereits Anweisung gegeben, daß man etwas für Isabelle heraussuchte. Vor allem aber war es unerläßlich, ihr bessere Manieren beizubringen. Herzog Roger legte Wert auf Etikette. Er würde sich nie für ein Geschöpf mit dem ungehobelten Benehmen einer Küchenmagd begeistern. Wenn ihm Isabelle gefallen sollte, mußte sie wie ein Fräulein aus gutem Hause auftreten können.

Johanna von Valance beschloß, morgen vormittag ihren Haushofmeister François de Balard zu Isabelle zu schikken, der mit der notwendigen Unterweisung beginnen konnte.

Бесплатный фрагмент закончился.

358,37 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
150 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9788726961263
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги