Читать книгу: «Ich hab mit Ingwertee gegoogelt»

Шрифт:

Susanne M. Riedel

ICH HAB MIT
INGWERTEE GEGOOGELT


Susanne M. Riedel

wurde 1971 in Berlin-Lichterfelde geboren und lebt mit ihrer Familie noch heute im geranienträchtigen Süden der Stadt.

Ihre Begeisterung für Menschen hat sie im ersten Leben in die soziale Arbeit geführt, ihrer Leidenschaft für das Schreiben ging sie zunächst im stillen Kämmerlein nach. 2015 machte sie die Tür auf, seither ist sie erfolgreich als Vorleserin unterwegs. Seit 2018 gehört sie der traditionsreichen Lesebühne Der Frühschoppen an, seit 2020 auch der legendären Reformbühne Heim & Welt.

Zu Beginn der Corona-Pandemie entstand unter krisenkalender.de ein herzerwärmender öffentlicher Briefwechsel mit Horst Evers. Im Juli 2020 feierte sie ihren ersten Fernsehauftritt bei der Ladies Night in der ARD. Der Rest ist Zukunft.

»Wie im richtigen Leben: Die kleinen Geschichten sind die wichtigsten! Die, an die wir uns noch lange erinnern – mit einem unvermeidlichen Grinsen.«

Gerburg Jahnke

»Susanne Riedel erzählt alles so, dass man die Menschen, von denen sie berichtet, immer richtig lieb hat, während man gerade über sie lacht. Das gilt vor allem auch, wenn sie von sich selbst erzählt.«

Kirsten Fuchs

E-Book-Ausgabe März 2021

© Satyr Verlag Volker Surmann, Berlin 2021

www.satyr-verlag.de

Cover: Jussi Jääskeläinen, Berlin (www.kobaia-design.com)

Korrektorat: Jan Freunscht

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über: http://dnb.d-nb.de

Die Marke »Satyr Verlag« ist eingetragen auf den Verlagsgründer Peter Maassen.

E-Book-ISBN: 978-3-947106-73-8

Inhalt

Misunderstood

Das Perlhuhn

Shake Shake

Ein Sommerabend oder: Die Krux mit dem Kontext

Bericht von der Baustelle

Fransen und Flausen

Sehnsucht nach Rauchzeichen

So siehst du aus

Föhn

Marek

Concealer

Vergissmeinnicht

Süßer, die Glocken!

Von Heilmann und Hängemispeln

Sport und ich

Siri und Hilde

Check-out

Grüße aus dem Pumpensumpf

Auf der Piste

Abschweifen und Tee trinken

Taschentherapie

Altes Haus, krankes Haus

Logorrhoe

Partytime

Gassi mit dem Schweinehund

Kürbissuppenballade

Im Land des Lächelns

Touché

Mottowochen

Mirko

Taupe

März (oder: Alle Jahre Widder)

Wiedersehen

Musikalische Begleitung

Say my name, say my name

Last Christmas?

Zwischen den Jahren

Stimmen hören für Fortgeschrittene

Deine Mudda

Amigo

Bestanden!

Harmlos

Michael

Als gäb’s kein Morgen mehr

Alles zurück

Misunderstood

Cause I’m just a soul whose intensions are good O Lord, please don’t let me be misunderstood.

(The Animals, 1965)

Manchmal denke ich: Mein Leben ist eine lange Geschichte von Missverständnissen.

Folgt man meinem Bruder, ging es im Grunde mit meiner Geburt schon los. Er hatte eigentlich einen Schäferhund bestellt. Zum Trost und in einer Geste elterlicher Seltsamkeit haben meine Mutter und mein Vater mir dann übrigens den Namen des Mädchens aus seiner Klasse gegeben, in das mein Bruder zu der Zeit sehr verliebt war. Wenigstens heißt sie schön, mögen sie gedacht haben … und trugen das plärrende Bündel etwas schuldbewusst nach Hause.

Als ich mit drei Jahren in den Kindergarten kam, hatte mir niemand erklärt, dass ich am Nachmittag auch wieder abgeholt würde. Ich dachte, ich wäre ausgesetzt worden und müsste jetzt hier leben, in diesem diakonischen Muff von Bohnerwachs, Klebstoff und Eiernudeln mit Wurstsoße. Das waren bange Stunden in diesem jungen Leben. Die Kastanienmännchen, die ich an diesem Tag bastelte, hätte man keiner Psychologin zeigen dürfen.

Als ich dann in die Schule kam, hatte mir wiederum niemand erklärt, dass ich da in den Tagen nach der Einschulung noch mal hinmusste. Öfter sogar. Das war ein herber Schlag – früh aufstehen war noch nie so mein Ding –, ich tröstete mich mit der Aussicht auf tägliche Schultüten, doch auch die blieben aus.

Und so ist die Reihe im Grunde bis heute fortzusetzen.

Ich habe das alles mal meinen Kindern erzählt, sie konnten sich das überhaupt nicht vorstellen. Nachdem sie mich eine Weile aufgezogen hatten mit der Schulnummer, fielen ihnen dann aber auch Dinge ein, wo sie mal auf der Leitung gestanden hatten.

»Als ich bei WhatsApp neu war, dacht’ ich voll lange, ADHS wäre ’ne Abkürzung für ›Ach du heilige Scheiße‹«, erzählte der eine, und der andere: »Ey, und ich dachte jahrelang, Hartz IV ist eine Droge. Weil es immer so hieß: ›Der ist auf Hartz IV‹ …«

Heute Morgen, als ich mich etwas gestresst für einen wichtigen Termin im Büro aufgebrezelt habe in dem Versuch, möglichst businessmäßig auszusehen, klopfte mir der Kleine anerkennend auf die Schulter und sagte: »Mach dir keine Sorgen, Mum, du siehst total aus wie ’ne Professionelle.«

Und so gibt es sie auch im Kleinerlei des Alltags, diese Missverständnisse, die mich begleiten.

Mein Smartphone ist natürlich ganz vorn mit dabei, von dem fühle ich mich auch oft nicht ernst genommen, von verstanden mal ganz zu schweigen. Ich habe ihm noch keinen Namen gegeben, aber langsam wäre es an der Zeit. Will ich »Spandau« eingeben, schreibt es »Spanien«. Bei »Kreuzberg« »Kreuzigung«. Und schreib ich »Frohnau«, korrigiert es auf – kein Scherz – »Frohnatur«. Was beweist: Mein Smartphone hat von Berlin echt keine Ahnung. Oder ist CDU-Wähler.

Ich krieg natürlich auch andersrum manchmal kryptische Nachrichten. Meine Freundin Moni schrieb vor ein paar Tagen: »Verdammt, ich habe Grips.« Gemeint war vermutlich »Grippe«. Denke ich jedenfalls. Solche Nachrichten ersetzen ja manchmal den Denksport, und ich finde das eher unterhaltsam. Aber – ganz ehrlich – wenn du eine Nachricht zum Geburtstag kriegst, die mit der Anrede »Letzte Sabine« statt »Liebe Susanne« beginnt – da kann man dir noch so viele Nachrichten hinterherschicken, da bleibt was hängen.

Meine liebste Geschichte zu diesem Thema ist Gott sei Dank nicht mir selbst passiert. Das war noch vor der Zeit der Smartphone-Daddelei, als man noch den Anzeigenteil von Zitty las, wenn man weggehen wollte. Und Anzeigen aufgab, wenn man was suchte. Oder jemanden.

Doro war damals nach vielen schrecklich kurzen und meist auch sehr schrecklichen Beziehungen lange in Therapie gewesen, hatte neue Kraft geschöpft und war nun bereit, ihrem Leben eine Wendung zu geben. Tschakka, mag sie gedacht haben und beschloss, dass es nun Zeit sei für einen Neuanfang, einen neuen Mann, eine neue Beziehung. Lange feilte sie an ihrer Kontaktanzeige und entschied sich am Ende nur für einen Satz:

»Ich wäre dann so weit«, dazu ihre Telefonnummer.

Ich fand das ziemlich cool.

Das Problem war dann letzten Endes auch nicht die Anzeige selbst. Sondern dass die Zitty sie unter der falschen Rubrik abdruckte: Statt unter »W sucht M« erschien sie in der Rubrik »Sadomaso«, was dem Text »Ich wäre dann so weit« eine ganz andere Note verlieh – und im Übrigen eine ganze Reihe verstörender, aber durchaus horizonterweiternder Telefonate nach sich zog.

Mein Smartphone piepst, Moni schreibt: »Mir geht es schon viel besser, hab mit Ingwertee gegoogelt.«

Schreibe zurück, dass ich das auch mal probieren werde. »Grips braucht schließlich keiner«, schreibe ich. »Aber jetzt muss ich schlafen, morgen ruft Spanien wieder.«

Na dann. Gute Nacht, Marie.

Das Perlhuhn

Es gibt ja so Sätze, bei denen man einen Moment braucht, bis man weiß, was man darauf erwidern soll. Manchmal fällt es einem auch erst ein, wenn der Betreffende längst schon wieder weg ist, so geht es mir jedenfalls oft.

Letzte Woche beispielsweise habe ich von einem Kollegen eine Blume geschenkt bekommen. Also – fast. Er sagte wörtlich: »Susanne, … ich wollte dir eine Blume zum Abschied schenken. Es wäre eine Calla gewesen, meine Lieblingsblume, … aber dann war es schon so spät.«

Was sagt man da? Danke?! Ich glaube, ich habe »Danke« gesagt.

Ein anderer Kollege erzählte mir ganz unvermittelt von den Vorbereitungen auf seine anstehende Darmspiegelung. Es war noch nicht mal 8 Uhr, ich hatte mir eigentlich nur einen Kaffee holen wollen, seine Tür stand auf, und nun stand ich da in diesem Türrahmen, erwiderte was in der Art von »Ja blöd, dieses ganze Zeug vorher trinken, das macht wirklich keinen Spaß« und wandte mich zum Weitergehen. Doch da hielt er mich zurück. Leise schloss er die Tür hinter uns, sah mir tief in die Augen und sagte nach einer bedeutungsvollen Pause: »Ich habe dann immer solche Schwierigkeiten mit dem Stuhlgang.«

Ich bin Sozialarbeiterin, ich kenne seltsame Gespräche, schon von Berufs wegen – aber Sätze wie dieser überfordern mich. Mein Fluchtinstinkt meldet sich dann, und mir fallen höchstens blödsinnige Antworten ein. In diesem Fall war es: »Na, dann … guten Rutsch!« Was soll man auch sagen?

Erfrischend ist es dann, wenn man statt verstörender Botschaften einfach mal unerwartete Antworten bekommt. Wenn man zum Beispiel eine Kollegin fragt, wie es ihr geht, und sie antwortet mit dem Satz:

»Ich habe ein Perlhuhn getöpfert!«

Meine Kollegin Christa ist aus der Reha zurück und heute den ersten Tag wieder da. Ich freue mich wie Bolle, denn wenn Christa nicht da ist, fehlt mir ihr Lachen, meine Mundwinkel hängen ganz von allein zwei Grad tiefer, auf den Fluren ist es gefühlt zwei Grad kälter und vor allem um einiges langweiliger. Mit niemand anderem berede ich Episoden und Eskapaden, Lokalpolitik und Lotterleben so gerne wie mit Christa. Mit ihr kann man Sorgen teilen, tief schürfen, über Flachwitze lachen und in Sitzungen Grissini rauchen, wenn die nächste Zigarettenpause noch zu lange hin ist.

Christa ist empathisch, bis der Arzt kommt, und die Güte in Person. Wäre die Firma Raumschiff Enterprise, Christa wäre Counselor Troi.

Empathinnen haben es gemeinhin nicht leicht im Leben, deshalb habe ich mich sehr gefreut, als Christa sich die Zeit für eine Reha genommen und sich zur Abwechslung mal ein bisschen um sich selbst gekümmert hat. Nun ist sie zurück, und ich frage:

»Hey Christa, wie geht es dir, hattest du eine gute Zeit?«

Und sie antwortet mit zusammengekniffenen Augen und fester Stimme: »Ich habe ein Perlhuhn getöpfert!«

»Du hast was?«

»Ich habe ein Perlhuhn getöpfert!«

»Du hast ein Perlhuhn getöpfert.«

»Ja. Aus Rache.«

An dieser Stelle ist meine Neugier endgültig geweckt.

Es war rund um den Muttertag, erzählt sie dann, dass sie im Freizeitprogramm der Reha-Klinik das Töpfern für sich entdeckt hat und die folgenden drei Wochen Tag um Tag und voller Freude töpferte, was das Zeug hielt.

»Meine Kinder sind endlich groß, Susanne, verstehst du?«, sagt sie eindringlich und legt eine Hand auf meinen Unterarm: »Es ist an der Zeit!«

Als ich immer noch verwirrt schaue, sagt sie:

»All die Jahre, die ich mich freuen musste über selbst gemalte Bilder und all das getöpferte Zeug, von dem man nicht mal wusste, was es darstellen soll! Und immer musstest du alles geben und dich freuen und sagen: ›O wie toll, das hast du aber ganz schön gemacht, Liebling!‹, und dachtest eigentlich nur: ›Wohin jetzt wieder mit dem Scheiß?‹«

Ich denke nach. Und ja, ich teile diese Erfahrung. In meinem Nachttisch habe ich eine extra Schublade für so was, ganz unten. Hier finden sich laminierte Tuschebilder aus der Kita, mit Autos bestickte Lesezeichen, mit Reis gefüllte Polyestertiere und Schlüsselanhänger aus neonfarbenen Bügelperlen … – die Muttertagsschublade.

»Ich habe für alle Kinder was getöpfert«, sagt Christa, »und sie dann dabei beobachtet, wie sie sich freuen mussten!« Ein Sohn habe einen Stiftebehälter bekommen mit einem modellierten Seestern darauf, der andere eine Art Schale, und Sohn Nr. 3 – da wisse sie auch nicht so genau, was es sein sollte. Während sie erzählt, blitzt es in ihren Augen. »Susanne«, sagt sie und nimmt meine Hand: »Ab heute wird zurückgetöpfert!«

Mich ergreift tiefe Ehrfurcht.

Nur das Perlhuhn – das hat sie behalten. Es steht auf dem Regal in ihrem Büro und soll ihr fortan eine Erinnerungsstütze sein. Und mir eine Mahnung, mich lieber nie, niemals mit Christa anzulegen.

Shake Shake

Oh Gott, das kann der Wecker doch nicht ernst meinen. Schwer liegt die Dunkelheit über der Stadt, schwer liegt mein Körper auf der Matratze, schwer liegt mein Kopf auf seinem Kissen und ist in keiner Weise bereit, sich von ihm zu trennen.

Das war aber auch eine blöde Idee reinzufeiern. Mitten in der Woche.

Nur noch mal kurz die Augen zumachen …

»Mum, aufstehen! Wir haben verschlafen!«, ist das nächste, was ich höre. Mist. Ich springe aus dem Bett, ziehe mir schnell irgendwas an, verabschiede Sohn 1 und Sohn 2 und wache eigentlich erst auf, als ich vor dem Kühlschrank stehe und die Zahnpasta suche. Kaffee. Gebt mir Kaffee.

Aber dafür ist jetzt keine Zeit mehr. Hastig greife ich meinen Rucksack und stürze zur Tür hinaus.

Frische Luft ist ein Anfang. An der Bushaltestelle nutze ich die Wartezeit zum Schminken. Bei den Augenringen heute dauert das eine Weile, aber auf den 186er ist Verlass, der kommt nie, wann er soll, da hat man immer genug Zeit zum Schminken. Immer wenn ich den Slogan der BVG lese: »Weil wir Dich lieben«, denke ich: Ach ja, vielleicht kann sie es einfach nicht so zeigen? Und dann versuche ich, meine Antennen auf empfänglich zu polen, damit ich diese scheue Liebe nicht verpasse.

Gestern vor der Feier bin ich extra noch in der Drogerie gewesen, neue Wimperntusche besorgen. Das Betrachten der Regale dort ist für mich inzwischen wie das Stöbern in einem Satiremagazin. Die neuesten Trends: Unisex-Nude-Make-up. Also Schminke, die einen aussehen lässt, als wäre man einfach blass und ungeschminkt. Toll.

Und dann noch unisex, kann also auch bedenkenlos von Männern genutzt werden. Huh. Wenn da mal nicht ein Hauch von Revolution in der Luft liegt! Wenn das nicht explizit draufstünde, würde vermutlich nie ein Mann wagen, den Puder mal auszuprobieren, weil er Angst hätte, sich sofort in eine Frau zu verwandeln. Das ist wie mit diesen Einmalrasierern. Frauen kaufen lieber die doppelt so teuren mit dem rosa Griff, weil die extra für Frauen sind. Und weil das Unterbewusstsein irgendwie die Vorstellung hat, dass in dem Moment, wo man die blauen benutzt, sofort Bartwuchs einsetzt. Versteh, wer will.

In der Ecke mit der Wimperntusche stand gestern zudem ein riesiges Schild mit dem Schriftzug: »Jetzt neu: mit Shake-Shake-Technologie!« Ich war neugierig. Und im Ernst, es handelt sich um Wimperntusche, bei der man die Flasche schütteln kann, wenn die Farbe ein wenig eingetrocknet ist. Sensationell! Am Ende erfinden sie noch eine Zahnpasta mit Quetsch-Quetsch-Technologie. Aber dafür ist die Zeit vielleicht noch nicht reif.

Als der Bus endlich kommt und sich wenig später mit Schmackes in die Kurve von der Birkbuschstraße zum Wolfensteindamm legt, meldet sich mein Magen. Es war doch ein bisschen viel Sekt gestern. Man könnte sagen, mir steckt noch der Mumm in den Knochen.

Als ich vor einigen Jahren im Krankenhaussozialdienst gearbeitet habe, gehörte auch die Beratung alkoholkranker Patienten zu meinen täglichen Aufgaben. Ich bin froh, dass das heute nicht mehr so ist – mit dem Gesicht, das ich gerade habe, würde mich jeder Klient auslachen. Wir würden uns in stummer Eintracht auf die Schultern klopfen und zusammen ein Konterbier zischen.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich voller Freude an die Szene, als die Tochter einer alkoholkranken Patientin mich anrief, damals in meinem Büro im Klinikum Martin Luther. Sie meldete sich am Telefon mit dem großartigen Satz: »Guten Tag, mein Name ist Schmitz, und meine Mutter liegt seit gestern bei Ihnen im Luther und Wegner.«

Manchmal braucht es gar nicht viele Worte.

Etwas später am selben Morgen stehe ich mit einem sehr bitteren Kaffee auf dem S-Bahnhof Zoo. Kurz denke ich darüber nach, den Becher zurückzutragen und dem freundlichen Herrn am Tresen zu erklären, dass »Coffee to go« übersetzt nicht »Kaffee zum Weglaufen« bedeutet. Aber dann kommt die S3, und jeder, der öfter S-Bahn fährt, weiß, da sollte man nicht zögern, die kommt vielleicht so schnell nicht wieder, man kann es nie wissen. Irgendeine Weiche ist ja immer gestört. Oder ein Signal. Oder es ist wieder Wetter. Das Wort »Zugempfindlichkeit« jedenfalls kriegt da noch mal eine ganz andere Dimension.

Und wofür das alles?

Als ich eine Stunde später an meinem Spandauer Schreibtisch sitze, stelle ich fest, dass ich heute leider nicht besonders leistungsfähig bin. Mein Kater schnurrt, mein Kopf möchte auf irgendwas Weiches, meine Augen möchten das Schild »Geschlossen« an ihre Ringe hängen. Ständig verlese und verspreche ich mich. In einer Sitzung warne ich in meinem Beitrag vor einer zickenden Zeitbombe, das ist mir schon ein bisschen peinlich. Andererseits – wenn ich mal ein Buch über meine Schwiegermutter schreibe: Der Titel würde mir schon gefallen.

In einer Mail möchte ich nun eine Wegbeschreibung an eine Frau versenden, die morgen zum Bewerbungsgespräch kommt. Glücklicherweise lese ich noch mal Korrektur. Manchmal spielt es schon eine Rolle für die Bedeutung eines Satzes, an welcher Stelle man das Leerzeichen setzt. Ich wollte schreiben: »Wenn Sie durch den Haupteingang kommen und geradeaus laufen …« Was ich stattdessen geschrieben habe, war: »Wenn Sie durch den Haupteingang kommen und gerade auslaufen …« Ich glaube, ich sollte heute ein bisschen früher Schluss machen.

Auf dem Heimweg hole ich im Supermarkt noch etwas Zwieback. Ich passiere das Regal mit Wein und Sekt sehr schnell und fast ohne hinzugucken. Im Vorbeigehen lese ich auf einem Etikett »Borderline«, bei nochmaligem Hinsehen ist es dann aber doch »Bardolino«. Ich muss ins Bett.

Zu Hause angekommen, fix und fertig mit Tee und Wärmflasche endlich wieder unter der weichen Decke, denke ich, ich könnte doch zum Einschlafen noch was lesen. Eine Freundin hat mir ein Buch geschenkt mit dem Titel »Weil Du es wert bin«. Seitlich aufgedruckt entdecke ich erst jetzt den Stempel »Preisreduziertes Mängelexemplar«. Das nenn ich mal stimmig.

Ich glaube, ich mache jetzt einfach mal die Augen zu.

Ein Sommerabend oder: Die Krux mit dem Kontext

Schon als ich zur Tür reinkomme, spüre ich seinen Blick auf mir. Kein Zweifel, der junge Mann sieht wirklich attraktiv aus.

Ein warmer Sommerabend, ein Hauch von Gewitter liegt über der Stadt, ein Luftzug trägt den Duft von Lindenblüten und heißem Asphalt in den Raum. Ich suche mir einen Platz und lächele in mich hinein, denn mein Gefühl hat mich nicht getrogen: Kaum dass ich sitze, kommt er rüber, schenkt mir einen freundlichen Blick aus seinen großen dunklen Augen und fragt mich nach meiner Telefonnummer. Ich zögere nur kurz, dann greife ich zum Stift.

Das ist mir wirklich lange nicht passiert, denke ich und genieße den Augenblick.

Für einen kleinen Moment blende ich aus, dass dies eine Pizzeria ist und er der Kellner, der aufgrund der geltenden Hygieneschutzregeln meine Daten erfassen muss, und stelle mir vor, es wäre der Beginn einer interessanteren Geschichte.

O tempora, o mores. Die Dinge sind im Wandel, die Pandemie bringt manche Seltsamkeit mit sich, und das Leben im Spannungsfeld zwischen flügge werdenden Kindern und abbauenden Eltern birgt so einige Herausforderungen.

Gestern habe ich meinen Vater im Pflegeheim besucht, wir saßen im Garten, eine Bewohnerin von seiner Etage kam mit ihrem Rollator vorbeigeschoben und sagte kokett: »Na, Herr Riedel, da haben Sie ja heute richtig adretten Damenbesuch!«

»Ist nur meine Tochter«, erwiderte er und winkte ab. Ich bemühte mich, das »nur« zu überhören und mich stattdessen mit dem Wort »adrett« als eine Art Kompliment anzufreunden, da fügte die Frau staunend hinzu: »Ach, Ihre Tochter? Na, das hätte ich Ihnen ja gar nicht zugetraut! Dass Sie eine sooo alte Tochter haben!«

Wie reagiert man angemessen auf so einen Satz?

Ich versuchte schlicht, die Fassung zu bewahren, mein Vater freute sich und fühlte sich geschmeichelt.

Weniger subtil ist da meine Schwiegermutter. »Lass dich mal ansehen!«, sagte sie beim letzten Besuch. »Hast du Zahnschmerzen? Oder hast du einfach nur so’n dickes Gesicht bekommen?«

Wenn ich auf meinem Handy ein Wort tippe, das mit »sch« beginnt, schlägt es mir ganz von alleine die Wörter »schwierig« und »Schwiegermutter« vor.

Mein Handy kennt mein Leben.

Manchmal sind es ja nur Kleinigkeiten.

Keiner duzt einen mehr zum Beispiel. Wenn mich mal jemand auf der Straße nach Feuer fragt, dann nur noch mit einem höflichen »Sie« davor.

Klar, dass mich die jungen Hüpfer siezen, gibt ja bestimmt auch Leute, die da Wert drauf legen. Vielleicht bin ich da etwas sonderbar. Als ich das neulich einer Freundin zu erklären versuchte, hörte sie mir sehr aufmerksam zu, schaute nachdenklich – und schlug mir dann fröhlich vor, ich könne ja einfach mal wieder zu IKEA gehen, wenn mir das Duzen fehle.

Manchmal ist geteiltes Leid nicht halbes Leid.

Manchmal macht geteiltes Leid auch sehr einsam.

Aber okay, vielleicht bin ich ja auch das Problem und einfach nicht aufgeschlossen genug für neue Lösungsansätze?

Geh ich halt zum Duzen zu IKEA.

Imaginiere ich halt den Flirt mit dem Kellner.

Und wenn ich will, dass mal wieder jemand »Ausziehen!« ruft, gehe ich an der Ostsee an den FKK-Strand. Mit Textil. Habt ihr das mal probiert? Das ist nichts für zarte Gemüter, da kann man sich ganz schön was anhören. Die nackte Wut, sozusagen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Da fällt mir ein Dialog ein, den ich neulich beim Stöbern in einer kleinen Boutique mit anhörte. Die Umkleidekabine war besetzt, der Vorhang zugezogen, plötzlich hörte ich eine Männerstimme flüstern: »O Gott, zieh das sofort aus …«

Waren da wirklich zwei Leute in der Kabine? Jetzt war ich ja doch neugierig. Ein Buch fiel mir ein, das ich irgendwann mal in der Hand hatte, also für einen Freund, es hieß »How to Have Sex in Public Without Being Noticed«. Doch meine Fantasien wurden jäh ausgebremst, als die Männerstimme nun etwas lauter und flehender sagte: »O Gott, bitte, zieh das bitte aus! Da drin siehst du aus wie deine Mutter.«

Dieser verflixte Kontext kann einem manchmal ganz schön den Spaß versauen.

Bericht von der Baustelle

Als ich in der 7. Klasse war, hieß mein Klassenlehrer Herr Schall. Neben Mathe und Physik unterrichtete er zuweilen auch Lebensweisheiten, außerdem sammelte er in einem kleinen Extraheft die schönsten Ausreden der Schüler fürs Zuspätkommen. Ich erinnere mich an Jens mit: »Ich bin mit der Kutsche gekommen, und unterwegs ist das Pferd gestorben.« Die habe ich später mal im Büro versucht, da haben mich alle nur komisch angeguckt.

Humor ist eine zarte Blume.

Ich erinnere mich auch, dass Herr Schall irgendwann mal erzählte: »Ich mache das mit dem Dreck immer so: Ich kehre alles unter den Schrank, und wenn der Schrank sich hebt, ziehe ich um.«

Hätte ich nur auf ihn gehört, denke ich derzeit immer wieder. Denn: Ich ziehe nicht um, ich renoviere.

Anders ausgedrückt: Seit rund zwei Wochen liegt unsere einstmals ganz nette Wohnung in Schutt und Asche, weil ich fand, »ein bisschen renovieren« wäre schön. Ich dachte anfangs einfach an etwas frische Farbe an den Wänden, zack, hellere Räume, ein wenig ausmisten vielleicht … Und dann brach die Baustelle herein.

Alles muss ja erst mal aus- und um- und aufgeräumt werden, wenn man Möbel abrücken will, und Papierstapel, die man zu sortieren beginnt, explodieren förmlich, statt kleiner zu werden, sobald man wagt, ihre über Jahre gewachsene Statik anzurühren. Und es hat sich so einiges angesammelt. Ich fand Gebrauchsanweisungen von Geräten, die wir schon seit Jahren nicht mehr haben. An manche kann ich mich gar nicht erinnern, um ehrlich zu sein. An einer war noch die Rechnung dran. In DM, das hat mir zu denken gegeben. Mein Lieblingsfundstück, ganz unten im Stapel, war das Protokoll eines Elternabends aus der 3. Klasse meines Sohnes. Und der hat dieses Jahr Abitur gemacht. Der Passus mit der Überschrift »Abstimmungsprotokoll Weihnachtsbasar: Waffelstand versus Fröbelsterne« nimmt darin eine ganze DIN-A4-Seite ein. Es gibt Dinge, die ich nicht vermisse.

Aufräumen ist nicht so meins. Und wenn ich doch mal anfange, dauert es auch immer recht lange, weil ich dazu neige, jede Notiz, jede Postkarte, jede Widmung im aussortierten Buch noch mal durchzulesen. Ich bin auch so jemand, die beim Abreißen der alten Tapete erst mal die Zeitungen liest, die darunter zum Vorschein kommen. Ich liebe das.

Renovieren dauert daher bei mir etwas länger …

Da ich mir dessen bewusst bin, habe ich auch das Angebot meines Nachbarn nicht ausgeschlagen, mir ein bisschen unter die Arme zu greifen. Goran wohnt noch nicht so lange im Haus und ist dankbar für ein bisschen Kontakt und Geplauder und die eine oder andere selbst gekochte Mahlzeit. Mein Mann ist wieder mal längere Zeit beruflich in der Weltgeschichte unterwegs und die Kids in der Schule oder beim Sport. Wohlan, dachte ich. »Wenn wir das zu zweit wuppen, können wir gleich noch die Lampen neu machen und die Türen lackieren«, sagte ich zu Goran, und Goran sagte im Brustton der Überzeugung das, was er immer sagt: »Kein Problem!«

Wenn man sonst im Alltag ständig umgeben ist von deutschen Bedenkenträgern, ist man sehr versucht, dieses »kein Problem« zu glauben und zu lieben. Und wenn in der Küche die Bank eh zum Streichen abgeschraubt werden muss, könnte doch bei der Gelegenheit auch der Fußboden … und so weiter. So nahmen die Dinge ihren Lauf.

Nun sitze ich hier auf dieser Baustelle, die mal meine Wohnung war. Der gesamte Hausrat ist in Kisten verpackt wie bei einem Umzug, nur mit dem Unterschied, dass ich keine neue Wohnung habe, in die ich die Dinge tragen kann. Alles ist klebrig, verhangen, verstaubt und bekleckert.

Ausnahmslos alles, zu dem Goran »kein Problem« sagte, hat sich als Problem entpuppt. Bosnische Flüche sind sozusagen die Schwester von »kein Problem«.

Ich habe auf die Weise nebenbei ein bisschen Bosnisch gelernt. Das Wort, das mir am meisten in Erinnerung bleiben wird, ist »zašto«.

»Zašto« heißt »warum«.

Immer wenn wir anfangen und so richtig was schaffen wollen, muss Goran noch mal kurz in den Baumarkt. Zu Globus. Weil er den gut kennt. Auch wenn die nächste Filiale 14 Kilometer entfernt ist. Zu Obi sind’s nur zwei Kilometer, aber Goran sagt, er kann kein Obi.

»Kein Problem«, sage ich also. Und beiße die Zähne zusammen, dass der Zementstaub nur so knirscht. Das ist der Haken an ehrenamtlichen Helfern: Du hast kein Recht zu meckern. Wenn er endlich wiederkommt, ist immer schon Abend, und wir schaffen nix mehr.

Seit ein paar Tagen hat Goran nun seinen Schwager zu Besuch und den auch gleich zum Helfen mitgebracht. Fand ich eine gute Idee.

Seitdem fahren sie immer zu zweit zu Globus und sind für Stunden verschwunden. Sein Schwager heißt auch Goran. Goran und Goran. Könnte ich Comics zeichnen, ich würde ständig malen: Lolek und Bolek war gestern, ich habe Goran und Goran.

Ihr Deutsch ist nicht so gut, heute Morgen sagte der eine mit großer Geste: »Arzt hat gesagt, ich habe Saumagen«, und ging erst mal wieder ins Bett. Gemeint war wohl Sodbrennen. Der andere Goran blieb. Der fing dann an, mit mir über Geld zu verhandeln, weil das in der abgerissenen Küche mit den Mahlzeiten ja nun doch nicht so regelmäßig sei wie gedacht und überhaupt: »Weißtu, brauch ich Geld«, sagte er treu. »Mach ich mir neues Schlafzimmer. Mit Springbockbett, weißtu …«

Wusstich nicht.

Nun sitze ich allein inmitten einer kleinen Ruine, die mal mein Heim gewesen ist. Wenn die Abdeckplane knistert, während das Licht der Abenddämmerung auf die nimmermüden Staubpartikel und die abgeschliffenen Türrahmen fällt, ist es fast ein bisschen romantisch. Ich denke dann, bei Unsere kleine Farm hat’s auch nicht viel anders ausgesehen, und alle waren glücklich, und am Abend spielte Charles Ingalls auf seiner Fidel … Vielleicht sind es aber auch nur die Dämpfe von den offenen Farbeimern, die überall rumstehen, die da irgendwas mit meinem Gehirn machen.

Gestern Abend war ich nach langer Zeit mal wieder unter Menschen, bei der Geburtstagsfeier eines Freundes. Ich verabschiedete mich gegen Mitternacht aus einem eigentlich sehr interessanten Gespräch und hörte mich den Satz sagen: »Ich muss jetzt echt nach Hause, die zweite Lackschicht beim Klavier auftragen.« Später dachte ich, der Mann, mit dem ich mich so nett unterhalten habe, muss das für eine der dämlichsten Ausreden ever gehalten haben. Herr Schall hätte sofort sein Heft gezückt. Christian, wenn du das hier liest: Ich hatte wirklich ein Klavier zu lackieren! Und habe in der Nacht gleich noch das Wohnzimmer fertig gestrichen. Im Schein der alten Glühlampen zog ich Bahn um Bahn in einem leuchtenden pastelligen Blaugrün und ging erschöpft, aber zufrieden schlafen.

Der Farbton heißt Sanfter Morgentau, ich hatte mich am Ende gegen Stilles Wasser und Dächer von Paris entschieden. Die Farben im Baumarkt reden ja inzwischen mit einem. Ich weiß nicht, ob das noch Produktgestalter oder schon Psychologen sind, die die Farbbeschreibungen kreieren. Ich warte ein bisschen darauf, dass sie vor den Regalen direkt einen Stuhlkreis aufbauen und regelmäßige Meetings abhalten: »Hallo, ich bin Susanne, und ich habe mein Schlafzimmer in Caramel gestrichen.« – »Hallo, Susanne.«

Vor mir in der Farbabteilung schob ein unmotivierter Mitarbeiter einem etwas verloren wirkenden, blassen Herren seine frisch angemischte Farbe über den Tresen: »So bitte, einmal Flammendes Herz.«

Der Kunde nahm seinen Eimer und schlurfte mit hängenden Schultern davon. Ich sah ihm lange nach und wünschte ihm von Herzen alles Gute.

Als ich jedenfalls bei Sonnenaufgang die Augen aufschlug und beim gespannten Blick ins frisch gestrichene Zimmer nebenan ein Farbenmeer von lichtdurchflutetem Morgentau erwartete, wurde mir schlagartig klar, dass man bei Glühlampenlicht nichts streichen sollte, was auch tagsüber da ist. Niemals.

Sanfter Morgentau sah nicht wirklich aus wie sanfter Morgentau. Es war mehr so eine Brise Nikotin mit einer verspielten Nuance von Aufwachraum. Eine Farbe, die eine klare Sprache spricht. Eine Farbe, die sagt:

»Könnte echt mal wieder gestrichen werden.«

Verzweifelt rief ich meine Freundin Ela an, um ihre Meinung einzuholen.

Als sie wenig später eintrat und begeistert ausrief: »Oh cool! Echtes Schleswig-Holsteiner Bahnhofsgrau!«, da wusste ich wieder, wozu man Freundinnen hat.

Allmählich legt sich der Staub. Tag für Tag wird es nun etwas gemütlicher auf meinem Bahnhof, ich habe im DB-Shop eine passende Uhr gekauft, dann kann man einfach sagen: »Das ist Stil, alles Absicht, original Schleswig-Holsteiner Bahnhofs-Chic.« Wenn ich das selbstbewusst genug vortrage, setze ich vielleicht einen neuen Trend.

Die Konten sind leer, aber bald ist die Renovierung geschafft.

Mit ein bisschen Glück sieht’s am Ende vielleicht fast so schön aus wie vorher.

Fransen und Flausen

»Well, he was Thailand based

She was an Airforce wife

He used to fly weekends

It was the easy life …«

1981. Meine Welt war so quadratisch wie die Cover der LPs, die ich im Laden gegenüber für lang gespartes Taschengeld erstand. Nach der Single von »Cambodia« kaufte ich die LP »Select«, auf deren Cover die sagenhaft schöne wilde Kim zu sehen war, fortan das Idol meiner frühen Jugend: Kim Wilde. So wollte ich aussehen, so cool, so schön, so zerzaust-feminin.

Es brauchte noch ein wenig Anlauf, um mich dann zusammen mit meinen Freundinnen Tessa und Kirsten auf den Weg zum Friseursalon zu begeben. Salon Vera am Hindenburgdamm, zwischen Butter Lindner und Kartoffel Krohn. Ich hätte nachdenklich werden sollen. Aber es war halt der einzige Friseur, den wir kannten, weil er auf unserm täglichen Weg zur Grundschule lag.

Wild entschlossen, die LP unter dem Arm, betrat ich den Laden und hielt einer mittelblonden, mittelalten und nunmehr mittelmäßig verwirrten Dame mit Schere und Kamm das Cover unter die Nase: »Das will ich. Können Sie das?«

Sie sagte nicht Ja, sie murmelte irgendwas, aber sie sagte auch nicht Nein. So setzte ich mich.

Ich mache es kurz: Sie machte es kurz.

Ich wollte Kim Wilde und ging als Lady Di nach Hause. Ab waren die langen Haare, mich zierte eine 1A-Seitenscheitel-Föhnfrisur.

Ich weiß nicht, was am schlimmsten war: die händeklatschende Begeisterung meiner Mutter über das blonde Prinzesschen, das da mit gesenktem Haupt im Treppenhaus erschien (ich weiß noch, dass sie kurz hinter mich schaute, vielleicht, ob Kirsten dabei war, vielleicht suchte sie aber auch die Schleppe) … oder der Satz meines Vaters: »Na, das ham se ja ganz ordentlich geschnitten, Mädchen!« … oder die tröstenden Worte meiner sehr mitleidig dreinblickenden Freundinnen, die vergeblich versuchten, mit Haargel etwas Unordnung auf meinem Kopf anzurichten.

Die Unordnung auf dem Kopf, das Stachelig-Fransige, es hätte so gut zu den Gedanken darunter gepasst. Diese blieben einstweilen unter einem akkurat geföhnten Pony verborgen.

Cat Stevens kommt mir in den Sinn: »First cut is the deepest.«

Vielleicht war der auch mal beim falschen Friseur.

Sehnsucht nach Rauchzeichen

Ich stehe in der Küche. Mein Induktionsherd hat sich ausgeschaltet, weil er mich vor irgendeiner Gefahr beschützen will, die ich nicht sehe. Die Nudeln sind noch jenseits von al dente, ich habe Hunger, ein Warnsignal blinkt, und ich finde die Bedienungsanleitung nicht.

Im Radio reden sie darüber, wie man Organe mit 3D-Druckern herstellen kann.

Und ich habe es heute Morgen nicht mal geschafft, die Verteilerliste für die Lesebühne in Outlook zu importieren. – Wann ist mein Leben so kompliziert geworden?

Mittlerweile kann ich die Aussteiger verstehen, die ihre Handys verschenken, in abgelegene Hütten ziehen und ihr Gemüse selbst anbauen.

Es ist so weit, dass ich mich nach offenem Feuer sehne, ehrlichem Holz.

All die Herausforderungen des Alltags – sie sind mir zu komplex. Ich bin studierte Sozialarbeiterin, aber wenn ich über der Vielzahl von Möglichkeiten der Energieversorgung, der Versicherung, Altersvorsorge und Telefontarife sitze und mir obendrein all diese PINs und PUKs und IBANs und BICs merken soll, ganz ehrlich: Ich möchte mir manchmal selbst einen Betreuer bestellen.

Ständig ist man mit Informationsverarbeitung und Entscheidungen beschäftigt. Schon vor dem Deoregal im Supermarkt geht es los, überall geht es hier um Confidence und Protection, um Zuverlässigkeit und Diskretion. Meine Güte! Ich will die Dinger benutzen und nicht einstellen.

Und wenn ich mit dem Einkauf durch bin, bin ich so durch, dass ich an der Kasse stehe und mit meinem BVG-Ticket bezahlen will oder statt der PIN die Summe eingebe, die ich bezahlen soll.

Neben all dem Was und Wieviel schwebt ja auch immer die große Frage des Warum über meinem Kopf.

Warum gibt es Zahnbürsten mit Bluetooth?

Warum heißt ausgerechnet das alkoholfreie Bier Beck’s Blue?

Überhaupt: Namensgebung für Produkte …

Ein älterer Mann saß neulich in einem E-Rollstuhl neben mir. Der E-Rolli kam aus der Serie »Quickie«, das stand in fetten Lettern auf der Rückenlehne. Ich meine: »In Würde altern« wird dir da nicht leicht gemacht, oder? Mit der Logik kannst du auch gleich noch ’ne Datingplattform für Senioren erfinden und sie Alttours nennen. Oder Retropopp. Doch ich schweife ab.

Ständig musst du dich also orientieren und entscheiden. Warst du früher krank, bist du zum Arzt gegangen. Heute gibt es derart viele Fachrichtungen, dass du über der Entscheidung, ob du jetzt zum Orthopäden, Chiropraktiker, Psychotherapeuten oder Heilpraktiker gehst, so alt geworden bist, dass eh nur noch der Geriater infrage kommt.

Beim Abendbrot sind meine Söhne und ich neulich beim Thema Akupunktur gelandet. Eine Freundin hatte mir von ihren Erfolgen im Kampf gegen den ewigen Heißhunger auf Süßes berichtet. Da ich ein Kind habe, das meine Liebe zum Essen teilt und morgens schon mal Sätze sagt wie »Ich spüre die Macht in mir. Es könnte auch Hunger sein …«, flocht ich das Thema unauffällig ein. Ich erzählte den Kids von den Grundannahmen der Akupunktur, wir diskutierten das Für und Wider alternativer Behandlungsmethoden und hatten ein richtig interessantes Gespräch. Dachte ich. Bis mein Jüngster fragte: »Mum … wann gehen wir mich denn nun gegen Döner impfen?«

Nichts begriffen, denkt man.

Und andererseits: Wenn das seine Möglichkeit ist, die Komplexität der Welt auf das eigene Leben herunterzubrechen – sei’s drum! Vielleicht ist das das Geheimnis der Informationsverarbeitung in Zeiten der Reizüberflutung: das Übersetzen in die eigene Sprache und die eigene Lebenswelt. Nur speichern, was man begreift. Den Dingen eigene Namen geben, die man versteht. Wohlan denn.

Die Sprache und das Sprachverständnis sind in ständigem Wandel. Ich verstehe sie nicht immer, die Generation nach uns, aber umgekehrt ist es ja nicht anders. Als mein älterer Sohn, der Basketballer ist, sich mal einen Morgen nicht richtig fit fühlte, fragte er ganz ernsthaft aus der Dusche heraus, ob wir noch »das Shampoo für die Sprungkraft« hätten, die bräuchte er heute ganz dringend.

Mein Modekatalog warb mal für Prämien mit der Überschrift: »Jetzt Freundin gewinnen!« Ein begeisterter 13-Jähriger fragte: »Okay! Was muss ich da machen, um eine Freundin zu gewinnen?«

Es kann vorkommen, dass sie »Karfreitag« mit »C« schreiben und, wenn ich ein Gedicht rezitiere, Dinge sagen wie: »Das ist doch ein schöner Spruch fürs Amnesiealbum.«

Zitiere ich aus einem Louis-de-Funès-Film und amüsiere mich köstlich, flüstert der eine tröstend zum andern: »Den Humor musst du nicht verstehen. Das war früher, als die Filme noch in Wände geritzt wurden.«

Genau. Damals, als die Menschen in Höhlen lebten und ihre Döner selbst erlegten.

Die Nudeln derweil sind immer noch jenseits von al dente.

Ich geh mal Holz holen.

So siehst du aus

Frühling, ein Café in der Gutsmuthstraße. Kurz überlege ich, ob ich mir das Frühstück »Crystal Mett« gönne, das aus einem Kristallweizen und einem Mettbrötchen besteht, bestelle mir dann aber doch nur einen Kaffee. Die nette junge Frau hinterm Tresen sagt: »Du hast die Nummer zwölf, alle weiteren Bestellungen dann bitte auf die Zwölf.«

»Voll auf die Zwölf«, erwidere ich. Sie guckt ratlos. Ich fand’s komisch.

Aber ich sehe halt auch nicht komisch aus.

Das hat mir schon mal jemand gesagt: eine junge Hip-Hopperin, die mal mit mir zusammen auf einer kleinen Lesebühne in Schöneberg eingeladen war. Ich kam von der Bühne zurück, und sie sagte mit erschüttertem Gesicht: »Das war komisch. Du siehst gar nicht aus, als ob du komisch bist.«

Grundsätzlich mag ich es sehr gerne, nicht genau in irgendwelche Schubladen zu passen, und kann über solche Sätze dann sehr schmunzeln.

Aber in letzter Zeit wird mir irgendwie ständig gesagt, wie und wonach ich aussehe – oder eben nicht.

Vor ein paar Tagen zum Beispiel habe ich bei Karstadt einen Besteckkasten gekauft. Das Ding war in einem großen Karton verpackt, und nein, ich wollte natürlich keine Tüte. Der Azubi an der Kasse – um die zwanzig, Vollbart, Gangsterrapperblick und tiefe Stimme – sagte: »Na, dann auf Wiedersehen. Und, äh, viel Freude damit.«

Das hatte man ihm wohl so beigebracht, es kam allerdings noch nicht so richtig authentisch rüber. Ich fragte mich auch, was sich ein zwanzigjähriger Mann wohl darunter vorstellt, wenn ich viel Freude habe. Mit einem Besteckkasten.

Ich fragte ihn, ob ich nicht so einen »Bezahlt«-Aufkleber bräuchte, wenn ich jetzt mit dem Ding aus dem Laden spaziere, darauf er: »Ach Quaaatsch. Sie sehen doch nu echt nich’ aus, als ob sie klauen, Mann. Bei mir wär’ das schon anders, aber so …«, dabei machte er eine unbestimmte Handbewegung von oben nach unten, die vermutlich auf mich als Gesamterscheinung hinweisen sollte.

Ich bin mir ganz sicher, er hat das nett gemeint. Dennoch war ich total knurrig, als ich den Laden dann tatsächlich unbehelligt verlassen hatte.

Es ist eine alte Wunde. Seit meiner Grundschulzeit geht mir das so, dass mich alle für harmlos halten. Eine Reißzwecke auf dem Lehrerstuhl, Fenster mit Tusche bemalt oder Stinkmorchel hinter der Tafel versteckt: Selbst wenn ich ein Vergehen beichtete und die Schuld unumwunden auf mich nahm, lächelten die Lehrerinnen und sagten: »Das ist ja lieb, Susanne, dass du den Schuldigen schützen willst, aber so einfach dürfen wir ihn nicht davonkommen lassen.«

Wie gerne würde ich einmal so aussehen, als ob ich klaue.

Aber jetzt spielt allmählich auch noch das Alter gegen mich, scheint mir.

Bei einem Hautarzt letzte Woche gab es auch so einen Moment. Ich zeigte ihm einen kleinen Hautausschlag an den Unterarmen, der mich seit ein paar Tagen plagte, und lauschte doch sehr gebannt, als er spontan von Syphilis und anderen Geschlechtskrankheiten redete, ob ich denn häufig wechselnde Sexualpartner … In diesem Moment sah er zu mir auf, unterbrach sich und sagte milde, während er andeutungsweise meine Hand tätschelte: »Entschuldigung. Geschlechtskrankheiten können wir wohl sicher ausschließen.« – Hallo?!

Nein, ich bin wirklich nicht scharf auf derlei Diagnosen – aber ist es zu viel verlangt, dass ich wenigstens infrage kommen will?!

Ich beginne zu ahnen: Die Diskriminierung des Alters hat viele Gesichter.

Es war nicht mein Tag.

Am Ende musste ich mir dann auch noch Blut abnehmen lassen. Um die Arzthelferin darauf vorzubereiten, dass ich Schwierigkeiten mit Spritzen habe, sagte ich vorneweg: »Ich gehöre zu den Ängstlichen, nicht dass Sie sich wundern.«

Ernst sah sie mich an, betrachtete mich von oben bis unten, zwinkerte mir dann verwegen zu und sagte: »Echt? Sie sehen gar nicht so aus.«

Und dafür hätte ich sie in dem Moment wirklich küssen können.

Föhn

Wenn jemand einen Föhn kriegt, dann ist das eine umgangssprachliche Formulierung für »verrückt werden, zu viel kriegen«. Hintergrund ist wohl, dass der Föhnwind aus dem Alpenvorland im Ruf steht, wettersensiblen Menschen physisch wie psychisch sehr zuzusetzen.

Ich denke darüber nach, weil ich gerade eben bei Saturn war und einen Mitarbeiter am Eingang fragte: »Entschuldigung, kriege ich bei Ihnen einen Föhn?«

Er hat mit »Ja« geantwortet, und egal wie er die Frage interpretiert hat, in jedem Fall recht behalten, denn in Elektrofachgeschäften kriege ich eigentlich immer einen Föhn. Das ist wie mit Flughäfen, es gibt Orte, die machen mich unter Garantie wahnsinnig.

Ich habe vor vielen Jahren, als ich eine Zeit lang auf Amrum wohnte, mal in einem Supermarkt gestanden und einen jungen Mann, der gerade Regale einräumte, um Auskunft gebeten. Ich erinnere mich noch sehr genau an meinen Satz: »Entschuldigen Sie, wo sind bei Ihnen die Eier?« Und daran, dass ich sofort rot wurde und verzweifelt versuchte, den peinlichen Moment zu überspielen. Auch der Verkäufer wurde rot, aber letztlich schafften wir es beide, so zu tun, als hätte ich eine ganz normale Frage gestellt. Also: »Entschuldigen Sie, wo sind bei Ihnen die Eier?«

Erst als er antwortete: »Hinten …«, war nichts mehr zu retten, und ich musste mich sehr schnell abwenden, um das aufsteigende Glucksen niederzuringen.

Leider ohne Erfolg.

Ich bin dann lange woanders einkaufen gegangen.

Eine echte Herausforderung stellen mitunter auch Bäckereibesuche dar. In Suderburg auf dem Weg zum Bahnhof hörte ich mich neulich sagen: »Ich hätte gerne einen Goldjungen, bitte!« Ich dachte im selben Moment: Wollen wir das nicht alle? Aber so hießen die Schrippen da halt, und »Schrippe« hätte wieder keiner verstanden. Im Kopf wiederholte ich den Satz, er wurde davon nicht weniger grotesk. Damit könntest du auch zu einer Kinderwunschpraxis gehen, dachte ich. Oder ein Inserat aufgeben: »Ich hätte gerne einen Goldjungen, bitte.« Würde mich schon interessieren, wer sich da so meldet.

Noch schwerer fiel es mir jüngst in Warnemünde, bei der Bäckerei meine Brötchenbestellung aufzugeben und um »drei scharfe Segler« zu bitten. Irgendwie erschien mir das so … maßlos.

Und mal ehrlich, warum sind die knackigen Sachen eigentlich immer Kerle? Schusterjungen, Goldjungen, scharfe Segler, Weltmeister … und daneben? Die süße Schnecke und die Sahneschnitte. Wenn wir also schon dabei sind, Gedichte von den Häuserwänden zu kratzen, könnten wir eigentlich auch gleich mal in den Backstuben vorbeischauen.

Aber in letzter Zeit gibt es ja eh den Trend, das Brot selber zu backen, statt es schnöde im Laden zu erstehen. Ich jedenfalls habe solche Freundinnen, solche, die kurz vor der Party, wenn ich mit nassen Haaren und halb geschminkt zwischen Geschirrspüler und Wäsche aufhängen hektisch die Schleife ums Geschenk zurre und nicht weiß, was ich anziehen soll, anrufen und Sätze sagen wie: »Ach, ich bin dann fertig. Und ich hab noch eben ein Brot gebacken, hatte ich irgendwie Lust zu, bring ich fürs Büfett mit.«

Sätze wie dieser machen mich ehrfürchtig. Noch eben ein Brot gebacken. Lust! Ich bin mehr so die, die noch eben im Späti eine Tüte Chips kauft, weil sie mal wieder vergessen hat, dass man was fürs Büfett mitbringen soll.

Ich bin im Moment sowieso derart vergesslich, dass ich schon überlegt habe, mal zu so einer Gedächtnissprechstunde zu gehen und einen Test zu machen. Der kürzeste Dialog zu diesem Thema fand neulich zwischen meiner Freundin Tine und mir statt:

Sie: »Und, hast du inzwischen den Termin in der Gedächtnissprechstunde gemacht?«

Ich: »Nein, habe ich vergessen.«

Aber das ist eine andere Geschichte.

Da man sich den eigenen Dämonen ja hin und wieder stellen muss, bin ich das Brotbackthema mal aktiv angegangen. So schwer kann das nicht sein, dachte ich mir in einer optimistischen Stunde. Also: Feinstes Biovollkorndinkelmehl, Buchweizenmehl, Sonnenblumenkerne, Hefe, ayurvedisches Himalayasalz – alles besorgt. Und gebacken, was das Zeug hielt. Und wofür? Dafür, dass mein Sohn nach dem ersten Bissen beim Frühstück erst lange schwieg und dann fragte: »Sag mal, wie hieß noch mal dieser Terry-Pratchett-Roman mit dem kriegerischen Zwergenvolk?«

»Keine Ahnung«, sagte ich. »Wieso kommst du jetzt darauf?«

»Na ja, die backen doch immer Kampfbrote. Die sind auch nicht zum Essen, die benutzen sie als Wurfgeschosse, wenn sie angreifen.«

Ich habe es danach noch ein paar Mal versucht mit Hefeteig … und dann aufgegeben.

Beim letzten Versuch hatte ich laut meiner Familie einen irren Glanz in den Augen und sang resigniert Dinge wie »Tausendmal gerührt, tausendmal ist nix passiert« in die Teigschüssel. Vielleicht hätte ich es mal mit Howard Carpendale probieren sollen: »Geh doch, ich sage dir, geh doch.«

Kurzum, das Einzige, was dann noch ging an diesem Morgen, war ich, und zwar zum Bäcker. Auf dem Weg dachte ich über meine Familie nach. Ich bestellte vier Brötchen. Kriegerisches Zwergenvolk, dachte ich. Krass. Wir waren schon vier sehr unterschiedliche Menschen. Die Verkäuferin fragte: »Vier normale?«

Über die Antwort musste ich dann doch einen Moment nachdenken.

Бесплатный фрагмент закончился.

1 075,03 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
27 ноября 2025
Объем:
141 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783947106738
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги