Читать книгу: «Beruf Bäuerin»

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Inhalt
Vorwort von Nationalrätin Maya Graf
Einleitung
Berta Murten FR
Ruth Haug-Eggenberger Weiningen ZH
Marie-Theres Waser-Küttel Stans NW
Rosmarie Mazenauer-Wicki Altnau TG
Rita Schuler-Schöpfer Hünenberg ZG
Paula Zurfluh-Bieri Isenthal UR
Rita Burkard-Laubacher Hohenrain LU
Franziska Inderbitzin-Schuler Lakeland, Australien
Heidi Roos-Flury Schwesteregg, Romoos LU
Sandra Schmid Koch Uezwil AG
Vreni Föhn-Zurfluh Muotathal SZ/Alp Dräckloch GL
Nicole Scheuber-Bieber Disentis GR
Luzia Egli-Wicki Schangnau BE
Erfahrung, Wissen und Können von Peter Moser
Bäuerinnenschule Kloster Fahr 1944–2013
Dank
Die Autorin
Vorwort
Als die Anfrage kam, für dieses spezielle Bäuerinnenbuch ein Vorwort zu schreiben, habe ich zuerst gezögert. Bin ich die richtige Person dazu? Ich kenne die Bäuerinnenschule des Klosters Fahr nur von Erzählungen. Zwar arbeite ich heute, wenn ich nicht als Nationalrätin in Bern bin, als Biobäuerin. Doch ich habe keine Ausbildung in diesem Bereich abgeschlossen. Ich habe nach dem Handelsdiplom die Ausbildung zur Sozialarbeiterin absolviert und in diesem Beruf auch Teilzeit gearbeitet. Erst als ich 30 war, übernahmen wir mit unserer Hofgemeinschaft den elterlichen Bauernhof zur Bewirtschaftung.
Die Hofarbeit auf dem Milchwirtschafts- und Obstbetrieb habe ich von klein auf gelernt, die Liebe zu Tier und Natur hat mich schliesslich zur Politik der Grünen geführt. Aber sattelfest in Kochen und Hauswirtschaft bin ich nicht. Im Gegenteil. Ich führte als junge Frau eher einen Kampf dagegen, gerade weil es von mir erwartet wurde. Ich wollte ja nie Bäuerin werden. Als ich mit 19 Jahren schliesslich auf einem Bauernhof im Waadtland das Haushalten lernen sollte, brach ich mir nach zwei Wochen den Fuss so radikal, dass ich ein halbes Jahr ausfiel und der Versuch beendet wurde.
Heute arbeite ich fürs Leben gerne auf dem Bauernhof, weil ich das Glück und die Freiheit habe, zusammen mit meinem Mann, meinen Kindern und der Familie meines Bruders wie auch mit meinen Eltern die Arbeit auf dem Hof so zu organisieren, dass ich mein Nationalratsmandat ausüben und daneben dort mitarbeiten kann, wo meine Stärken liegen. Es ist diese Freiheit zur Selbstbestimmung, die Bäuerinnen heute haben und die mir wichtig scheint. Unsere Mütter und Grossmütter hatten diese Freiheit nicht. Es ist diese Freiheit, die das Leben auf den Bauernhöfen der Schweiz heute so komplett anders macht, vielfältig, offen, nicht einfacher, aber hoffentlich bereichernd.
Mit Spannung las ich also die Porträts heutiger Bäuerinnen, die alle etwas gemeinsam haben: Sie besuchten in jungen Jahren die Bäuerinnenschule des Klosters Fahr. Ich bin beim Lesen immer tiefer in den Alltag der Bauernhöfe eingetaucht, in Gedanken durch die Deutschschweizer Landschaft von Hof zu Hof geflogen und war überwältigt von all diesen Lebensgeschichten. Ich bin beeindruckt von der Offenheit, mit der diese Landfrauen über ihren Werdegang, ihren Beruf, ihre Zusammenarbeit auf dem Hof, ihre Glücksmomente und ihre Schwierigkeiten erzählen. Und es ist schön zu lesen, wie gut sie sich selbst einschätzen können, wie selbstbewusst sie ihren Beruf vertreten und lieben. Beschäftigt hat mich aber, wie unglaublich viel und hart diese 13 porträtierten Bäuerinnen arbeiten, wie lange die Tage sind, wie viel sie für andere geben und wie wenig sie für sich selbst verlangen.
Der Beruf der Bäuerin ist nicht nur ein vielseitiger Beruf, bei dem man extrem stark und flexibel sein muss, er ist auch eine Berufung. Es wird spannend sein, zu sehen, wie die nächste Generation von Bäuerinnen all diese Herausforderungen in einer sich schnell wandelnden Zeit meistern wird. Diese Herausforderungen werden sie ohne die «Oase» Bäuerinnenschule Fahr antreten müssen. Denn diese musste sich dem Zeitgeist bereits anpassen und ihre Schultüren schliessen.
Die jungen Bäuerinnen werden andere «Lernoasen» finden, sie werden vermehrt einen zweiten Beruf haben, mehr auswärts arbeiten und bestimmt weitere innovative Projekte auf den Höfen entwickeln. Sie werden auch bei den Sozialversicherungen und beim Lohn gleichwertige Partnerinnen ihrer Lebenspartner sein. Ich wünsche deshalb von Herzen, hoffentlich ganz im Sinne dieser 13 starken Bäuerinnen, dass dieser wunderschöne Beruf weiterhin eine grosse Anerkennung in der Gesellschaft findet. Und ich möchte allen herzlich danken, die zu diesem eindrücklichen Bäuerinnenbuch beigetragen haben.
Maya Graf
Nationalrätin Grüne, Sozialarbeiterin und Biobäuerin Sissach BL
Einleitung
Wie Bäuerinnen auf einem Hof mit ihren Familien, mit den Tieren und der Natur leben, davon haben viele Menschen – und bei weitem nicht nur in städtischen Gebieten – kaum eine Vorstellung, höchstens vielleicht Vorurteile.
Schweizer Bäuerinnen eine Stimme und eine Bühne in der Öffentlichkeit zu geben: Das ist das Ziel dieser Lebensgeschichten. 13 Frauen erzählen von ihren Freuden und Sorgen, ihren Träumen und ihrer oft harten Lebensrealität in der Landwirtschaft des 20. und 21. Jahrhunderts. Obwohl die porträtierten Frauen in verschiedenen Kantonen der Schweiz leben, ja eine sogar nach Queensland in Australien ausgewandert ist, und alle aus unterschiedlichen Generationen stammen, so gibt es doch einen roten Faden im Buch. Es sind die Erinnerungen an einen Ort, der sie verbindet: Sie sind ehemalige Absolventinnen der Bäuerinnenschule im Benediktinerinnenkloster Fahr – am Rand der Stadt Zürich. Sie haben dort, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, Ende des letzten Jahrhunderts oder erst vor ganz wenigen Jahren, ihre bäuerliche Grundausbildung absolviert.
Selbst «Ehemalige» der Bäuerinnenschule, die im Sommer 1983 im Kloster Fahr fürs Leben lernen durfte, aber keine aktive Bäuerin wurde, nahm es mich sehr wunder, wie Frauen in der Landwirtschaft heute denken und ihr Leben gestalten.
Mit Unterstützung der Fahrer Schwestern, besonders der Gartenfachfrau Schwester Beatrice Beerli, ging ich auf die Suche nach geeigneten Interviewpartnerinnen: Es sollten Frauen mit verschiedenen Tätigkeitsgebieten sein, ältere, jüngere, solche aus dem Berggebiet, Bio-Bäuerinnen, mit kleinen oder erwachsenen Kindern, die eigene Produkte im Hofladen verkaufen und Direktvermarktung betreiben, Agro-Tourismus anbieten oder ausgefallene Tiere züchten, Frauen, die geschieden sind – oder heute im Ausland leben.
Wir standen vor der Qual der Wahl, denn über 4000 Frauen haben im Verlaufe von 69 Jahren im Kloster Fahr den zwanzigwöchigen Kurs besucht.
Der Schweizerische Bauernverband definierte vor Jahresfrist in seinem Leitbild die Bäuerinnen als «naturnah, unternehmerisch und regional verwurzelt» – diese drei Begriffe treffen fast lückenlos auch auf die dreizehn Porträtierten zu.
Mein Oral-History-Projekt führte mich zu spannenden Frauen. Die Gespräche mit ihnen waren offen und sehr herzlich. Sie schenkten mir ihr Vertrauen. So entstanden berührende und bewegende Lebensgeschichten von engagierten Bäuerinnen, die ich bewundere; einerseits für ihre grosse Arbeitsleistung und ihr oft selbstloses Engagement für Familie und Betrieb, andererseits für ihre positive und lebensbejahende Einstellung – trotz allem. Es sind starke, eigenständige Frauen, die sich für die Landwirtschaft einsetzen und Zuversicht ausstrahlen … in einer heilen harten Welt.
Zwei Bäuerinnen, mit denen ich Gespräche geführt habe, sind im Buch nicht vertreten. Sie zogen ihre Texte vor Drucklegung leider zurück. Während sich bei der einen ihr Umfeld am Schluss stark in die Texte einmischte, kamen bei der anderen, die vor zwei Jahren ihren Mann auf tragische Weise verloren hat, alle Gefühle wieder hoch. Es war ihr einfach zu viel, als sie schwarz auf weiss ihre eigene Geschichte las; sie wollte sie nicht mehr veröffentlicht sehen. Dies gilt es zu akzeptieren.
Nach all den Begegnungen mit den Frauen darf ich sagen: Schweizer Bäuerinnen haben etwas zu sagen. Und sie verdienen es, dass sie gehört werden und dass sie für ihr Engagement und ihre Arbeit Verständnis, ja Anerkennung bekommen.
Susann Bosshard-Kälin
Egg bei Einsiedeln, Anfang 2014
Berta
Berta ist 1928 geboren und lebt in Murten FR.
«Daheim helfen und zu meinen zehn Geschwistern schauen, das war für mich absolut selbstverständlich. Das habe ich nie hinterfragt. Weshalb auch? Wir Mädchen hatten keine anderen Chancen.»
Berta möchte zum Erzählen am liebsten heim auf ihren Bauernhof. Nach Franex – «ans Ende der Welt», wie ihre Geschwister sagen. Ins Französisch-Freiburgische, wo sie 56 Jahre lang mit der Familie lebte und wirkte. Bis sie vor zwei Jahren mit ihrem Mann Niklaus in die Résidence Beaulieu ins Städtchen Murten umzog. In die Seniorenresidenz, in Betreutes Wohnen, nicht ins Altersheim, wohlverstanden! 30 Kilometer Autofahrt sind es bis Murist. Ab der Dorfmitte führt eine kaum befahrene Nebenstrasse in eine einsame Hügellandschaft – vorbei an Wald, Wiesen und einer Holunderplantage. 56 Einwohner zählte der Weiler Franex im Broyetal im Jahr 1950 – fast 20 Prozent davon machte die Familie von Berta aus. Heute leben noch etwa 40 Einwohner hier. Welch ein Glück für das Paar, dass ihr Sohn Othmar das Erbe übernommen hat und mit seiner Familie da draussen auf dem Hof arbeitet und lebt!
Mein Geburtshaus ist abgebrannt, als ich vier war. Mitten in der Nacht. Mehr als Menschenleben war nicht zu retten. Unser Knecht hatte den Hof angezündet, kam uns aber rufen, sonst wären wir alle verbrannt. Das kam erst sieben Jahre später aus.
Ich bin am 27. August 1928 auf dem «Hiltihof» in Hohenrain im Luzerner Seetal auf einem einfachen Bauernhof geboren. Wir waren elf Kinder daheim – sechs Buben und fünf Mädchen –, ich bin das älteste der Mädchen. Denke ich an meine Kindheit zurück, erinnere ich mich an eiskalte Winter. Geheizt waren nur die Küche und die Stube. Ich habe unendlich viel gefroren. Wir trugen im Winter ungefütterte, genagelte Holzschuhe, die wir mit Zeitungspapier ausstopften. Hosen waren für Mädchen strikte verboten. Als die Tochter des Lehrers eines Sonntags mit Hosen in die Messe kam, schickte der Pfarrer sie schnurstracks wieder heim. Handgestrickte Strümpfe mit Gschtältli und Gummiträgern und wadenlange, handgestrickte Unterziehhosen unter dem langen Rock – das war unsere Wintergarnitur. Elektrizität hatten wir im Haus, aber natürlich noch keine Waschmaschine. Das wäre mit einer so riesigen Familie heute undenkbar. Vier-, fünfmal im Jahr kam für die grosse Wäsche, vor allem die Bettwäsche, eine Waschfrau vorbei. Die Dutzenden von Windeln kochte Mutter jahrelang jeden Tag auf dem einfachen Holzherd in einem Häfeli aus.
Kindergarten gab es keinen im Dorf – den hatte ich mit so vielen Geschwistern daheim! Mutter war eine Gschaffige, aber wegen der vielen Schwangerschaften ab und zu krank. Es kam oft vor, dass ich nicht zur Schule konnte, weil ich daheim helfen musste. So verwundert es nicht, dass ich ein Primarschuljahr wiederholen musste.
Die Schule war sowieso ein mühsames Kapitel für mich. Der Lehrer bevorzugte eindeutig die Kinder wohlhabender Eltern, und Tatzen mit Lineal und Rute gehörten zum Schulalltag.
Dann doch viel lieber daheim schaffen als die Schulbank drücken: Kühe einschirren beherrschte ich bald aus dem Effeff. Wir haben daheim mit den Kühen geackert, mit solchen, die die Kommandos gut kannten und friedlich waren. Vater liess mich bald auch sägäzän, also mit der Sense Gras schneiden. Auch vor der Stallarbeit drückte ich mich nie. Wir hatten es trotz viel Arbeit gemütlich in unserer Familie. An die Weihnachtszeit daheim habe ich besonders gute Erinnerungen. Wir Kinder verkleideten uns und führten zusammen Krippenspiele auf. Das war immer ein grosser Spass. Wie oft war ich die Maria, der Josef oder später dann ein Engel! So lehrten wir die kleinen Geschwister die Weihnachtsgeschichte. Meine drei jüngsten Geschwister sind alles Buben. Und dabei hätte ich mir doch unbedingt noch eine kleine Schwester gewünscht. So musste der Tonäli mit seinen blonden Locken als Mädchen herhalten. Wir zogen ihm Röckli an, und er liess es ohne Geschrei mit sich machen. Grossvater wohnte mit uns zusammen; er spielte Handorgel und lehrte uns tanzen.
Darüber, dass Mutter immer wieder einen dicken Bauch hatte und daraufhin wieder ein Kind bekam, redete man natürlich nicht. Sie muss auch etliche Fehlgeburten gehabt haben – ich erinnere mich, dass in der Küche einmal alles voll Blut war. Gwundrig war ich natürlich schon. Eines Tages, ich war etwa elf Jahre alt, erhaschte ich Brocken eines Gesprächs meiner Mutter mit unserem Küchenmädchen. Sie waren in der Stube, und Mutter erklärte, wie ich auf die Welt gekommen war. Ich sass atemlos und mucksmäuschenstill auf dem Kachelofen und vernahm, dass ich kopfvoran gekommen sei. Was für ein Schreck! Mir hatte Mutter doch immer erzählt, ein Engel würde Kinder durchs Fenster hereinbringen. Und nun war ich tatsächlich kopfvoran in die Stube geflogen! Ich muss völlig verdattert dagesessen haben, denn Mutter erwischte mich und ergänzte nur noch: «Ja, du bist in meinem Bauch gewachsen.» Wie ich da hineingekommen war, habe ich dann irgendwo anders erfahren!
Nach den sieben obligatorischen Primarschuljahren liebäugelte ich damit, Schneiderin zu werden. Aber ich wurde nicht gefragt, was ich möchte, es hiess nur: «Du brauchst keinen Beruf zu lernen. Du musst einfach haushalten können.» Daheim helfen und zu den zehn Geschwistern schauen, das war für mich absolut selbstverständlich. Das habe ich nie hinterfragt. Weshalb auch? Wir Mädchen hatten keine Chancen.
Mit 15 Jahren kam ich ins «Kreuz» nach Hohenrain. Der neue Wirt hatte in den Grossfamilien der Gegend nach einer billigen Arbeitskraft für seine Küche gefragt. 50 Franken bekam ich im Monat, und Kost und Logis. Vater war grosszügig: «Wenn du gut zum Geld schaust, kannst du es behalten.» Das war aussergewöhnlich. Um halb sechs Uhr stand ich jeweils auf, um die Wirtschaft zu putzen, und bis abends kam ich kaum zur Ruhe. Aber ich lernte kochen, schöne Platten und «Restbrot» machen – Teller mit Schinken, Gurken und Eiern. Die Wirtsleute übergaben mir Verantwortung, bald war ich auch für den ganzen Garten zuständig. Die drei Jahre wurden zu einer wichtigen Erfahrung für mich.
Mit 18 lernte ich im «Kreuz» meinen Mann kennen. Er war im Hof nebenan für die Pferde angestellt und musste jeden Tag mit dem Gespann am Wirtshaus vorbeifahren. Der Niklaus kam immer öfter ins «Kreuz». Der Wirt sah unsere aufkeimende Liebe mit Argwohn. Als wir einmal ein Tänzli machen wollten, verbot er meinem Freund, das Radio und den Plattenspieler anzustellen. Kurz darauf hing mitten im Dorf ein Plakat mit der Aufschrift: Radio mit Plattenspieler zu verkaufen! Gezeichnet: der Kreuz-Wirt. Niklaus musste wegen dieses Scherzes nach Hochdorf auf den Polizeiposten. Ist das nicht lächerlich!
Niklaus kommt aus Hildisrieden und ist vier Jahre und vier Tage älter als ich. Am Anfang unserer Bekanntschaft war ich noch nicht mündig. Als wir beide und meine Schwester mit ihrem Freund an einem Wochenende auf den Pilatus steigen und in einer Alphütte übernachten wollten, mahnte uns der Vater: «Ihr wisst, dass Mädchen ein Jungfernhäutchen haben. Das soll dann noch ganz sein, wenn ihr morgen heimkommt!» Auf dem Land und in den katholischen Familien wurde man streng erzogen. Niklaus und ich trafen uns nie allein. Oft sind wir nächtelang in unserer Stube auf dem Kanapee rumgehockt. Mein gwundriger kleiner Bruder versteckte sich eines Abends unter dem Sofa, um zu sehen, was seine grosse Schwester mit dem Jungen da so lange machte. Erst als ein kleines Rinnsal unter dem Sofa herauslief, entdeckten wir den Spion. Unverheiratet miteinander zu schlafen, das kam damals überhaupt nicht in Frage. Wir wussten: Das war eine Sünde. Aber wir liebten uns und wollten heiraten. Einen Heiratsantrag hat mir Niklaus nicht gemacht, und eine Aussteuer hatte ich nicht. Von meiner künftigen Schwiegermutter bekam ich die Bettwäsche, die ich lieber nicht gehabt hätte. Das Leinenzeug war steif und hart, und beim Waschen konnte ich die Tücher kaum auswringen.
Als ich zum ersten Mal zu meinen künftigen Schwiegereltern kam, hat mein Herz schon geklopft. Ich sehe es noch vor mir, wie sie und die zwölf Schwager und Schwägerinnen «in spe» mich von Kopf bis Fuss musterten. Zum Glück wusste ich nicht, dass mein Schwiegervater gesagt hatte: «Es soll mir ja keine Schwiegertochter mit Dauerwelle kommen!» Aber ich habe ihm trotzdem gefallen. «Du sollst Vater und Mutter ehren» war für Niklaus’ Familie sehr wichtig, er und alle seine Geschwister sagten den Eltern noch «Ihr». Für sie alle war klar: Wenn das nicht befolgt wird, bringts Unglück.
Bevor wir 1950 heirateten, wollte mein Mann, dass ich die Bäuerinnenschule im Kloster Fahr absolvierte. Es war nicht gerade Bedingung, aber er war der Ansicht, als verheiratete Frau müsse man eine Haushaltungsschule besucht haben. Niklaus’ Schwester Emmi war für den Sommerkurs 1949 im Kloster Fahr angemeldet, und bald hiess es, «geh doch auch gleich mit!» Das Schulgeld hätte ich mir indessen nie und nimmer leisten können. Die Priorin, Schwester Elisabeth Galliker, schenkte mir die gesamte Ausbildung. Von Juli bis Weihnachten lebte ich im Kloster Fahr, im zehnten Kurs der Bäuerinnenschule. Ich war das erste Mal richtig von zu Hause weg, hatte aber überhaupt kein Heimweh. Bei den Schwestern und den vielen neuen Kolleginnen fühlte ich mich wohl. Heim konnte ich nie, aber Niklaus kam mich ab und zu an einem Sonntagnachmittag mit dem Velo besuchen. Weil ich in der Schule 20 und damit volljährig wurde und weil seine Schwester Emmi auch immer mit dabei war, durften wir zu dritt spazieren gehen. Emmi verliebte sich während der Schule in den Knecht auf dem Klosterhof. Dass meine künftige Schwägerin nun auch einen Freund hatte, wusste lange niemand. Ich bin ab und zu beim Klostertor Wache gestanden, wenn sie sich mit ihrem Liebsten heimlich treffen wollte.
Ich hatte das Glück, im Kloster nicht im 14er-Schlafsaal, sondern in einem Viererzimmer wohnen zu dürfen. Unser Schulzimmer war im Riegelbau eingerichtet, und im kleinen Häuschen neben der St.-Anna-Kapelle assen wir. Wir kochten in der Klosterküche fürs ganze Kloster, für die Propstei, für die Schwestern, für die Angestellten und für uns – jeden Tag drei, vier verschiedene Menüs. Die Propstei bekam jeweils das beste Essen, die Schwestern das einfachste.
Wir lernten in der Schule auch Schweine füttern und die Hühnerhaltung. Jeweils eine Woche lang hatte jede von uns Dienst im Hühnerstall – inklusive Misten und Füttern der Tiere. Ich muss heute noch lachen, wenn ich daran denke, dass während dieser Arbeit die «Hühnerschwester» Ursula mit uns Schülerinnen den Rosenkranz betete. Das Metzgen der Hühner hingegen war ein grausiges Thema. Wir hassten es. Eine aus der Klasse weinte jedes Mal und musste zur Strafe etwas ins Opferkässeli geben. Wir hatten die Methode, den Hühnern den Schnabel zu öffnen und mit einer kleinen Schere die Halsader durchzuschneiden. Das sei die humanste Art, Hühner zu töten, hiess es! Auf Weihnachten hin ging es jeweils 30 Truthähnen so an den Kragen. Das Metzgen war auch für mich hart.
Die Ausbildung war damals, kurz nach dem Krieg, schon sehr gut. Ich profitierte für den Haushalt, aber auch menschlich, im Zusammenleben mit den anderen Frauen im Internat, sehr viel. Und immer wieder lernten wir, aus Wenigem etwas zu machen. Viele meiner Kolleginnen nähten sich im Fahr eine Tracht, manche die Fahrertracht mit weisser Bluse und blauem Rock. Solche Extravaganzen konnte ich mir nicht leisten. Ich stickte auf einem Leintuch eine Hohlsaumbordüre. Nach mir ging dann meine Schwester Bernadette in die Fahrer Bäuerinnenschule – und blieb im Kloster. Als Ordensschwester lebt sie dort seit 1958. So habe ich natürlich noch heute einen sehr engen Kontakt zum Fahr. Auch drei unserer Töchter haben später die dortige Bäuerinnenschule besucht.
Nach dieser gründlichen Ausbildung war ich reif für die Ehe! 14 Tage vor unserer Heirat bezogen Niklaus und ich am Hang gegen den Pilatus unser kleines Pacht-Heimetli Griäsigä in Horw. Es gab Arbeit in Hülle und Fülle. Für Flitterwochen wäre es dort oben mit Blick auf den Vierwaldstättersee, Bürgenstock und Rigi sicher schön gewesen. Aber für uns bedeutete der kleine Hof viel, viel Arbeit. Der Schüttstein in der Küche etwa war nur ein Loch, das direkt ins Güllenloch runter ging. Wirklich gefallen hat mir nur das eingebaute Bauernbuffet in der Stube. Aber wir waren jung und verliebt. Da geht fast alles. Bis zur Hochzeit am 15. Juni 1950 im Hergiswald schliefen wir selbstverständlich noch in getrennten Zimmern. Ich denke heute manchmal, wie verklemmt doch früher alles war. Aber ich bin heute noch stolz auf den schweren Verzicht.
Schon bald nach der Hochzeit war ich schwanger. Unsere ersten beiden Kinder, 1951 Niklaus, den Stammhalter, und 1952 Marianne, bekam ich dort oben am Berg. Später hatten wir in Boswil im Aargau eine Pacht auf dem Hof einer Witwe. Nach zwei Jahren und mittlerweile vier Kindern mussten wir dort auch wieder fort. In den ersten sieben Ehejahren kam jedes Jahr ein Kind. Das war unglaublich streng. Ich möchte nie mehr von vorne anfangen.
Niklaus hatte genug vom Wechsel von einer Pacht zur anderen und wollte etwas Eigenes. Wir suchten und suchten. Was uns angeboten wurde, war viel zu teuer. An Neujahr 1955 hatten wir noch kein Daheim für unsere 7-köpfige Familie, und wir wussten, dass wir im März auf der Strasse stehen würden. Mein Mann spielte mit dem Gedanken, nach Kanada auszuwandern und dort ein neues Leben zu beginnen. Aber ich sträubte mich mit Händen und Füssen. Auswandern kam für mich nicht in Frage. Meine Familie, meine Geschwister hätten mir so gefehlt. In der Bauernzeitung fanden wir schliesslich ein Heimet im Welschland zum Verkauf ausgeschrieben: im freiburgischen Franex. Zu einem Preis, der bedeutend günstiger war als in der Deutschschweiz und den wir uns leisten konnten. Niklaus schlug zu.
Ich sprach kein Wort Französisch als wir ankamen. Noch heute, nach bald 60 Jahren im Welschland, spreche ich nicht gut Französisch. Es bleibt mir einfach nicht. Für Heimweh hatte ich keine Zeit, aber im Hinterkopf hatte ich die Hoffnung: Da bleiben wir nicht ewig. Später meinte Niklaus: «Wir machen weiter, bis die Kinder raus sind.» Und schliesslich übergaben wir den Hof unserem Sohn Othmar und bauten uns ein Stöckli … in Franex!
Ja, unser Hof ist schon am Ende der Welt, wie meine Geschwister sagen. Eigentlich war es dann doch wie Auswandern für mich. Der Hof total abgelegen, ohne asphaltierte Zufahrtsstrassen, mit uralten Gebäuden, einer winzigen Küche mit gestampftem Sandboden. Im März 1955 kamen wir mit Hab und Gut an, und im Mai gebar ich unser nächstes Kind. Daheim. Ins Spital nach Estavayer-le-Lac wollte ich nicht. Ich konnte mich ja nicht verständigen. So kam die Hebamme aus dem Dorf, aber sie sprach kein Deutsch! Glücklicherweise reisten zwei meiner Schwestern an und halfen, wo sie konnten. Die Geburt ging problemlos. Ich hatte ja mittlerweile Erfahrung: Sie sollten während der Wehen ein Leintuch unter meinen Rücken rollen und einen Zuber mit warmem Wasser bereithalten, um das Neugeborene zu baden, hiess ich die Helferinnen. Dass unsere kleine Pia von der Hebamme mit jener Seife gewaschen wurde, die wir brauchten, wenn wir aus dem Stall kamen, scheint unserer Tochter nicht geschadet zu haben. Noch heute witzeln wir: Nur dank der Stallseife hast du so eine feine Haut!
Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit! Nicht nur im Haushalt, sondern auch auf dem Betrieb und auf den Feldern. Ich half bei den Zuckerrüben, die wir von Hand ausdünnen mussten, bei den Kartoffeln und schliesslich beim Mais, als wir mit der Rindermast anfingen. 1963 bauten wir einen neuen Stall und endlich ein neues, geräumiges Haus für unsere Familie, die immer noch grösser und grösser wurde.
In der Westschweiz gibt es wenige Familien mit so vielen Kindern. Wir waren Exoten. Empfängnisverhütung war damals noch nicht so einfach wie heute. Wir probierten es mit verzichten, Temperatur messen und den Zyklus beobachten – es brachte alles nichts. Je geschwächter ich war, umso schneller wurde ich wieder schwanger. Was war ich naiv, damals! Wenn ich merkte, dass ich wieder schwanger war, weinte ich. Als ich einem Pater mein Leid klagte, war seine Antwort: «Jedes Kind bringt Segen ins Haus.» Das sollte mein Trost sein. Vermehret euch! Die Pfarrer haben gut reden … «Lieber ein Kind auf dem Kissen als auf dem Gewissen.»
Ich war oft gestresst und überfordert. Geholfen hat mir niemand. Meine Familie war ja weit weg. Ich musste lernen, mir selber zu helfen. Ich weinte oft in meinem Leben, aber nie vor den Kindern. Mein Glück ist, dass ich eine gesunde Frau bin. Aber müde war ich trotzdem immer. Vier- oder fünfmal bekam ich von der Pro Juventute für wenige Wochen eine Familienhilfe. Einmal schenkte mir der Schweizerische Frauenbund drei Wochen Gratisferien in Gersau. Etwas erholen konnte ich mich beim Stillen. Dabei konnte ich mich hinlegen oder hinsetzen.
Elf Kinder habe ich geboren, neun leben noch. Unser sechstes Kind, der Seppli, starb mit drei Jahren an echtem Krupp. Erst mussten sie ihm einen Luftröhrenschnitt machen, und dann hatte er noch eine doppelte Lungenentzündung. Aus meinem Hochzeitskleid nähte ich für ihn das Sterbekleid. Ich hatte keine Zeit zum Trauern, hab seinen frühen Tod irgendwie überlebt. Mit der grossen Familie musste es weitergehen. Unser neuntes Kind, Alwyn, kam 1962 mit einem schweren Herzfehler auf die Welt und lebte nur dreieinhalb Monate. Er war nach seiner Geburt schon gelähmt. Diese unsicheren Monate mit dem behinderten Baby waren die schwierigsten in meinem Leben. Ich wusste nie, ob er am nächsten Morgen noch leben würde. Die beiden Buben sind auf dem Friedhof von Franex beerdigt.
Jeden Tag hatte ich elf Leute am Tisch. Nach der obligatorischen Schulzeit musste jedes der Kinder für ein Jahr zu Hause mithelfen – quasi den Knecht machen. Erst dann durften sie eine Lehre anfangen. Sie mussten auf vieles verzichten und teilen lernen. Aber das hat ihnen sicher nicht geschadet. Glücklicherweise sind alle unsere Kinder gut geraten. Und sie haben davon profitiert, dass sie zweisprachig aufgewachsen sind. Alle haben einen guten Beruf, gute Arbeit und zahlen jetzt unsere AHV. Mit den Grosskindern umfasst unsere Familie über 30 Personen.
Angefangen haben mein Mann und ich in Franex mit 16 Kühen und zehn Hektaren Land. Nach und nach gingen zwei Liegenschaften in der Umgebung ein, und Niklaus kaufte wieder Land dazu – am Schluss hatten wir 50 Hektaren mit dem Pachtland zum Bewirtschaften. Als die Kinder grösser wurden, mussten sie alle kochen lernen, denn ich war oft kurz vor zwölf noch draussen am Arbeiten mit meinem Mann. Wenigstens hatte ich keine Schwiegereltern auf dem Hof, die mich drangsalierten.
Aber es war hart, vor allem in den ersten Jahren. Die Berge habe ich grüslig vermisst. Erst nach meinem 50. Geburtstag trat ich in den Damenturnverein im nächsten Dorf ein, war während zehn Jahren und trotz Sprachschwierigkeiten sogar im Vorstand. Vorher hatte ich nie die Möglichkeit, etwas für mich zu machen. Hier draussen, weit ab vom Schuss, waren wir Selbstversorger. Wenn ich ab und zu einmal einen Grosseinkauf machen musste, fuhr ich mit dem Traktor die acht Kilometer nach Estavayer zum nächsten grossen Laden. Zu jener Zeit hatten ja wenige hier in der Gegend ein Auto, und ich fiel kaum auf. Mit 30 Jahren machte ich das Permis, den Führerschein, und so wurde vieles einfacher.
Ich war immer vollwertige Partnerin meines Mannes, aber einen Lohn bekam ich nicht. Ich hatte nie eigenes Geld. Wenn ich wieder 100 Franken zum Einkaufen brauchte, sagte mein Mann: «Schon wieder? Ich hab dir doch erst welches gegeben!»
Ich wollte einfach keine Diskussionen mehr und suchte nach einem Nebenerwerb. In einer Zeitung fand ich den Hinweis, dass Ricola Holunderblüten und verschiedene Heilpflanzen wie Schafgarben für die Zeltli-Produktion suche. So fing ich an, für Ricola kiloweise Holunderblüten von den Sträuchern in der Gegend zu sammeln, und brachte sie, grün oder getrocknet, nach Laufen ins Baselbiet. Später pflanzten wir sogar eine eigene Plantage, weitab von den Abgasen der Autobahn. Mit dem Blütengeld kaufte ich mir einen Feldstecher und einen Fotoapparat, und ich lud Niklaus sogar zu zwei Reisen nach Brasilien ein, zu unserem Sohn, der dorthin ausgewandert war. In den 30 Holunderjahren habe ich sicher für viele tausend Franken Blüten verkauft.
Ich hatte ein strenges Leben, aber ich lache gern. Ich bin eine fröhliche Natur, eine humorvolle Person und habe gelernt loszulassen. Wenn etwas zu Ende ist – tant pis! Das hat mir so vieles erleichtert. Schliesslich auch den Auszug vor zwei Jahren, weg von unserem Hof in die Seniorenresidenz nach Murten. Meinem Mann hat es fast das Herz gebrochen. Niklaus ist 89 und nicht mehr so gut zwäg. Die Folgen der Hirnhautentzündung, die er nach einem Zeckenbiss mit 80 Jahren erlitten hat, machen ihm sehr zu schaffen. Seither ist er nicht mehr der Gleiche.
Nach fast sechs Jahrzehnten nun in einer Wohnung zu leben, war schon eine Umstellung. Aber für mich ist es einfacher. Ich bin froh, einen praktischen Haushalt zu haben und wieder deutsch reden zu können. Es hat zwei, drei Frauen in der Siedlung, die kommen, umarmen mich und sagen: «Wenn wir dich nicht hätten!» Das tut mir so gut. Ich habe jetzt endlich etwas Gesellschaft und kann aus mir heraus.
Ich finde es schon etwas zu luxuriös, wie wir jetzt leben. Aber unsere Kinder sagen: «Ihr verdient es. Ihr habt genug gearbeitet. Jetzt lasst es euch gutgehen.» Den Garten vermisse ich zwar ab und zu. Aber wir sind doch immer mal wieder zu Gast auf unserem Hof in Franex, und ich habe ein paar Blumentöpfe mitgenommen und Schnittsalat darin gesät.
Und wenn ich mir jetzt noch etwas wünschen dürfte, wären es Ferien. Vielleicht auf der Rigi oder sonst auf einem Berg.
Ganz für mich allein.
Ruth
Ruth Haug-Eggenberger ist 1952 geboren und lebt in Weiningen ZH.
«Bäuerin wollte ich nicht unbedingt werden; das hat sich ergeben mit dem Mann, den ich geheiratet habe.»
So will es die Generationen-Tradition in der Familie: Vor wenigen Tagen haben sie ihren gesamten Hausrat gezügelt, von der Fünfeinhalb- in die Dreizimmerwohnung. Ruth Haug und ihr Mann Hanspeter machen ihrem Sohn Peter und seiner Familie in der geräumigeren Wohnung Platz. Die Grosseltern sind nach 30 Jahren in die Räume zurückgekehrt, in denen für Ruth Haug nach der Hochzeit das bäuerliche Leben begonnen hatte. «Kommen Sie doch bitte herauf. Sie sind unser erster Gast im neuen Zuhause.» Im Eingang des währschaften Bauernhauses riecht es nach vergorenen Trauben. Der Weinkeller ist im Untergeschoss auf der ganzen Länge des Gebäudes eingerichtet. Bei der Treppe zum Wohnbereich befindet sich die Triage von Werk- und Hauskleidung, Stiefeln und Finken. Noch wirkt das Stöckli im ersten Stock etwas improvisiert. Die Vorhänge an den Fenstern würden fehlen, meint die Hausherrin entschuldigend, und der Küchentisch sei jetzt eben auch wieder kleiner bemessen als früher, als die fünfköpfige Familie mitsamt dem Lehrling beim Essen sass. Ruth Haug schenkt kalten Tee ein und nimmt zwischendurch noch schnell eine Weinbestellung übers Telefon auf. Das fällt ihr bedeutend leichter, als über Persönliches und sich selber zu erzählen.
«Boni» gibt es für die Bauern, wenn sie gutes Wetter haben! Wenn es hagelt, wie Mitte Juli 2011, sind wir Rebbauern und Winzer ohnmächtig, müssen tatenlos zusehen, wie unserer Hände Arbeit in null Komma plötzlich futsch ist. Dabei wäre es ein ausgezeichnetes Weinjahr geworden, das Jahr 2011. Die Reben standen in vollem Laub, mit vielen Trauben an den Stöcken. Ich war immer der Ansicht, hageln würde es nach einem Hitzetag. Weit gefehlt! Es war ein Uhr in der Früh, als eine Front in wenigen Minuten 90 Prozent unseres Ertrags zunichtemachte. Mein Mann und ich sahen uns wortlos an. Was hätte es genützt, wenn wir geheult hätten und verzweifelt gewesen wären? Die Natur hat ihre eigenen Gesetze – und wir sind Teil davon. Das wurde uns in jener Nacht wieder einmal deutlich bewusst.
Ich bin ein eher nüchterner Mensch, eine Realistin, couragiert und nicht ängstlich. Emotionen bringen meist wenig. Es galt, das Beste aus der Situation zu machen und vorwärts zu schauen. Als es um halb sechs Uhr hell wurde, mussten zuerst die Kühe im Stall gemolken werden. Die kennen kein Pardon – und wir nur die Siebentagewoche.
Aber es sah grauenhaft aus im Rebberg, in den völlig zerfetzten Kulturen. Die Weininger hatte es in jener Nacht im Kanton Zürich am stärksten getroffen. Die Rebstöcke mussten in der Folge sorgfältig gespritzt werden, damit die nachwachsenden Blätter gegen Pilzbefall geschützt waren. Von einem ordentlichen Wümmet konnte im Herbst nicht die Rede sein – wir hatten enorm viel zusätzliche Arbeit im Rebberg und rund fünfmal mehr Aufwand mit den wenigen Beeren, die man trotzdem ablesen musste. Glück im Unglück, dass die Hagelversicherung uns ermöglichte, im Herbst am Zürichsee und im Weinland Trauben dazuzukaufen, damit mein Mann doch noch etwas zum Keltern hatte. Und wir hatten wunderbare Helferinnen und Helfer, die uns beim Ernten im Rebberg tatkräftig unterstützten. In solchen Momenten hält man zusammen: die Familie, die Verwandten und Bekannten. Das ist tröstlich. Zum Dank für ihre grossartige Unterstützung organisierten wir für alle im Oktober einen Carausflug auf den Hohen Kasten im Appenzellischen.
Hanspeter und ich, wir sind ein eingespieltes Team. Seit 37 Jahren schon. Unser IP-Betrieb mit Viehwirtschaft und Ackerbau sowie den 2,5 Hektaren Reben würde unmöglich rund laufen, wenn unsere Partnerschaft nicht funktionierte. Aber wer weiss das am Anfang einer Ehe schon? Wir haben Glück, dass unser Sohn Peter mit Leib und Seele Landwirt ist. Ohne ihn ginge es heute nicht mehr. Landwirtschaft ist Familienbusiness! Mein Mann ist ausserdem politisch sehr aktiv, in der zweiten Amtsperiode Gemeindepräsident von Weiningen und überdies SVP-Vertreter im Zürcher Kantonsrat.
Lämpen, unausgesprochene Konflikte, die liegen nicht drin. Wir müssen Probleme an der Wurzel packen, Unklarheiten ausdiskutieren und möglichst schnell Lösungen finden. Wichtig war von Anfang an immer, dass mein Mann zu mir stand. Natürlich ging es mit meinen Schwiegereltern auf dem Hof nicht immer reibungslos, wir wohnten und arbeiteten nah beieinander. Aber ich habe an meiner Schwiegermutter sehr geschätzt, dass sie es mit unseren drei Kindern, Simone, Peter und Andi, gut konnte. Im Garten allerdings war ich anfangs die Zudienende. Sie hatte die Erfahrung und klar über Jahre das Zepter in der Hand. Aber ich durfte von ihr auch sehr viel lernen und respektierte sie.
Mein Mann und ich wohnten die ersten Jahre in der kleinen Wohnung, wo wir jetzt wieder sind, die Schwiegereltern mit den zwei ledigen Brüdern meines Mannes nebenan in der grossen. Heute bin ich selbst Schwiegermutter und Grossmutter. Ich versuche, mich bei den Jungen, vor allem bei meiner Schwiegertochter, nicht einzumischen. Ehrlich, ich kann es mir nicht mehr vorstellen, wie ich es damals mit den drei kleinen Kindern gemacht habe!
Als Bäuerin unterstütze ich meinen Mann. Mein Beruf ist eng verbunden mit dem Haushalt, und der richtet sich nach dem Hof. Ich arbeite in den Reben und wenn Not ist im Stall. Nur melken tu ich nicht, will ich nicht. Ich bin mir für keine Stallarbeit zu schade: Milchgeschirr waschen, putzen und wischen, Futter geben, Heu abladen, ganz klar. Aber es ist ein geflügeltes Wort in unseren Kreisen: Wenn die Bäuerin melken kann, heisst es noch schnell mal, «Kannst du im Stall schon mal anfangen». Wo immer der Bauer ist! Die Ausdrücke «Mir stinkts!», «Ich mag nicht!» kenne ich in meinem Vokabular nicht. Alle Arbeit muss einfach gemacht sein. Wir müssen uns aufeinander verlassen können, sind aufeinander angewiesen. Jeder und jede muss dazu beitragen, dass der Karren läuft.
Ich bin gleichwertige Partnerin meines Mannes, beziehe aber keinen Lohn und habe auch kein eigenes Bankkonto. Nein, nein, das stand nie zur Diskussion. Ich habe kein Haushaltungsgeld, ich nehme einfach aus der Kasse, was ich brauche. Wir verwalten alles gemeinsam, und ich mache die Buchhaltung. Das habe ich in meiner Berufslehre im Hotel Carlton Elite gelernt. Ich weiss über die Finanzen gut Bescheid. Wir sind eine Generationengemeinschaft – das ist eine neue Unternehmensform, speziell in der Landwirtschaft. Wir haben den Betrieb noch nicht übergeben, aber die Betriebsführung liegt bei unserem Sohn und meinem Mann gemeinsam. Und was hereinkommt respektive was übrig bleibt am Jahresende, gehört zu gleichen Teilen der jungen Familie und uns.
Dabei wollte ich eigentlich gar nicht Bäuerin werden. Ich komme nicht aus einem Bauernbetrieb, obwohl mein Grossvater mütterlicherseits Bauernsohn war. Auch auf Vaters Seite gab es Bauern. Ich bin am 20. Juni 1952 in Zürich geboren. Als ich in die erste Klasse kam, zügelten wir aus der Stadt Zürich obenabä nach Weiningen. Meine Eltern, Vater Bankangestellter und Mutter Krankenschwester, bauten hier ein Haus. Von der Stadt ins Dorf – das fand ich wunderbar. Vater gefiel vor allem «das schönste Gemeindehaus im ganzen Limmattal», wie er sagte. Er sass drei Jahre später selbst im Gemeinderat des Dorfs. Zu jener Zeit übrigens war der Grossvater meines jetzigen Mannes Gemeindepräsident in Weiningen.
Die Tochter eines Dorfbauern wurde bald zu meiner besten Freundin. In der bäuerlichen Atmosphäre gefiel es mir ausnehmend gut. Es verging wohl kaum ein Tag, an dem ich nicht auf dem Hof zu Gast war. Aber nicht nur das – ich half im Wümmet, durfte zuschauen, wie sie den Wein abzogen oder wenn Metzgete angesagt war. Meine Freundin und ihr Alltag haben mich für mein Leben geprägt. Obwohl ich damals nicht im Traum dran dachte, einmal im Dorf zu bleiben und einen Weininger Bauern zu heiraten.
Unser Leben war übersichtlich und ruhig. Der kommende Bauboom im Limmattal zeichnete sich in den 1960er-Jahren jedoch bereits ab, Einfamilienhäuser entstanden. Es gab damals noch zwei Läden im Dorf und etliche kleine Bauernbetriebe – jeder mit acht bis zehn Stück Vieh im Stall und daneben etwas Reben am Hang. Die Kühe standen, das war gang und gäbe, tagein, tagaus im Stall. Von Auslauf auf den Weiden sprach man noch wenig.
Nach der Schule wurde ich für ein Jahr nach La Neuveville geschickt, um mein Französisch aufzupolieren. Was ich danach werden wollte, wusste ich noch überhaupt nicht. Meine Eltern fanden, ich solle eine solide Grundausbildung machen. Auf ein Zeitungsinserat hin bewarb ich mich für eine kaufmännische Lehrstelle im «Carlton Elite» in Zürich, dem feinen Hotel an der Nüschelerstrasse, das dem Mövenpick-Gründer Ueli Prager gehörte. In den drei Jahren zwischen Reception, Buchhaltung, Einkauf, Lingerie und Zimmerdienst lernte ich viel. Damals hatte ich auch meinen ersten Freund.
Mein Mann wurde erst später aktuell. Ich kannte ihn aus dem Dorf, und er war mit meiner Schwester zur Schule gegangen. Gefunkt hat es dann an einem Turnfest, bei dem es drei Tage ununterbrochen regnete. Erst beim Aufräumen schien die Sonne. Als Aktivmitglieder des Turnvereins waren wir in der Fest-Organisation tätig und kamen uns näher.
Wohin die Liebe fällt! Es hat sich einfach so ergeben. An Pfingsten 1975, kurz vor meinem 23. Geburtstag, verlobten wir uns. Bis zur Heirat lebte ich noch bei meinen Eltern. Schon vorher auf den Hof des Freundes und Zukünftigen zu ziehen, das wäre überhaupt nicht in Frage gekommen. Es war aber klar: Wenn ich einen Bauern heirate, werde ich im Betrieb mithelfen wollen. Ausgebildet war ich dafür aber mehr schlecht als recht. Der Besuch einer Bäuerinnenschule vor der Hochzeit würde mir sicher viel bringen, fand ich. Ich wusste, dass die Benediktinerinnen vom Kloster Fahr, nur einen Kilometer von Weiningen entfernt, eine bäuerlich-hauswirtschaftliche Schule betrieben – eine katholische. Erstaunlich, dass sie mich als Reformierte ohne Umschweife in den Kurs aufnahmen.
Wir waren im Sommerkurs 1976 zwei Externe, die nicht im Internat der Klosterschule lebten. Mit dem Töffli fuhr ich jeden Morgen von daheim übers Feld hinüber ins Fahr. Von Haushalt und Kochen wusste ich recht wenig – das hatte ich immer Mutter überlassen. So profitierte ich sehr viel von den 20 Wochen Unterricht – vor allem im Garten und in der Küche. Schwester Petra, die Kochlehrerin, ist mir noch in lebhafter Erinnerung. Ihre Tipps und Tricks für die schnelle und praktische Küche habe ich nicht vergessen. Ich bin beim Kochen keine Pröblerin, meist muss es speditiv gehen. Heute etwa gab es Speck und Sauerkraut, etwas Währschaftes. Ich brauche tagtäglich, was ich dort im Fahr lernte. Bei den Freizeitarbeiten an der Schule, beim Stricken und Nähen, musste ich allerdings passen. Diese Fächer waren abends angesagt, und da war ich dann entweder zu Hause oder im Turnverein aktiv. Auch für meine Aussteuer habe ich im Fahr nichts gemacht, habe keine Leintücher gewoben! Die meisten meiner Schulkameradinnen kamen aus der Innerschweiz und waren katholisch. Dass ich reformiert war und Zürcherin, gab nie Anlass zu Diskussionen. Ganz selbstverständlich nahm ich an den Gebetsstunden und Gottesdiensten im Kloster teil, wie die anderen Schülerinnen auch. Ich finde, die Christen sollten zusammenhalten, Reformierte und Katholiken sich nicht gegenseitig ausgrenzen.
Leider sind meine Freundschaften von damals etwas im Sand verlaufen. Weshalb, weiss ich eigentlich nicht. Mit den Frauen, die acht Jahre später mit mir zusammen das Eidgenössische Bäuerinnendiplom absolvierten, bin ich stärker verbunden; der Austausch mit den Kursteilnehmerinnen von unterschiedlichen Betrieben hat mir viel gebracht. Mit dem Zertifikat hätte ich Lehrtöchter im Haushalt haben können. Aber wir bildeten Landwirtschaftslehrlinge auf dem Betrieb aus, und damit war das Gastzimmer belegt.
Rückblickend finde ich: Die Umstellung vom Bürofräulein zur Bäuerin ist mir recht gut gelungen. Dank der Ausbildung im Fahr und vor allem dank meiner Schulfreundin. Bei ihr hatte ich während vieler Jahre erfahren, wie es auf einem Bauernhof zu und her geht und wie Alt und Jung einträchtig miteinander leben und auskommen können. Sicher war es gut, dass wir zwei Generationen im «Wiesentäli» von Anfang an in getrennten Wohnungen lebten. Wir arbeiteten Seite an Seite, assen aber selten gemeinsam. Das schenkte tagsüber immer wieder etwas Abstand und gab Luft.
Auf dem ehemaligen Hof der Haugs im Dorf hätte es kaum Platz gehabt für zwei Generationen. So haben meine Schwiegereltern in kluger Voraussicht im Jahr vor unserer Hochzeit ausgesiedelt. Durch einen Landabtausch konnten sie im Grünen einen neuen Hof bauen. Das Limmattal entwickelte sich immer mehr zur boomenden Gegend am Stadtrand von Zürich. Ein Bauernbetrieb nach dem anderen verschwand. Heute kann man die Bauernhöfe in den umliegenden Gemeinden bald an einer Hand abzählen. Der Trend ist unaufhaltsam. Das Kulturland wird durch die vielen Wohn- und Industriebauten immer knapper. Einschneidend im wahrsten Sinn des Wortes war der Bau der Nationalstrasse: 40 Hektaren wertvolles Kulturland ging dadurch verloren. Wenigstens heisst der grosse Verkehrsknotenpunkt Limmattaler und nicht Weininger Kreuz. Sonst wären wir jeden Morgen schon in aller Frühe negativ in den Nachrichten!
Bei uns am Tisch wird rege politisiert. Mir gefällt das. Zurzeit ist der Ausbau einer dritten Röhre am Gubrist, dem verkehrstechnischen Nadelöhr Nummer eins in der Schweiz, das grosse Thema. Mein Mann kämpft politisch an vorderster Front gegen das Bundesamt für Strassen, damit unser Dorf statt mit den vorgesehenen 100 Metern mit 270 Metern Lärmschutzmassnahmen geschützt wird. Aber lassen wir die Politik …
Viele Leute erstaunt es, aber wir trinken nicht jeden Tag Wein. Zum Mittagessen schon gar nicht. Wir arbeiten ja mit Maschinen auf dem Hof, da kann man sich nichts erlauben. Oft werde ich gefragt, welches mein Lieblingswein sei. «Jeder», sage ich dann diplomatisch. Immer wieder bauen wir neue Sorten an. Die Planung und alle Details dazu besprechen mein Mann und ich zusammen. Wenn ich mit der Züglete hier in der Wohnung fertig bin, helfe ich ihm nächste Woche auch beim Schneiden der Rebstöcke.
Wir sind hier im Wiesentäli auch Gastgeber. Unsere Gäste kommen gerne zu uns aufs Land raus und schätzen es, den Wein zu trinken, der hier wächst und vor Ort verarbeitet wird. Jeweils am Muttertag sind bis zu 700 Personen bei «Jazz, Brot und Wein» am Hoffest. Im Sommer sind wir am Rebblütenfest im Dorf mit engagiert, und in unserer Remise bewirten wir die Gäste auf Bestellung in der «Wirtschaft zur Goldigä Trubä». Eine Besenbeiz haben wir jedoch nicht. Die müsste regelmässig zu bestimmten Zeiten offen sein, und das könnte ich nicht gewährleisten. Wenn eine Menge Anlässe gleichzeitig stattfinden, komme ich schon ab und zu an meine Grenzen. Letztes Jahr habe ich ein neues Kniegelenk bekommen und war eine Zeitlang ausser Gefecht gesetzt. In solchen Situationen lernt man automatisch, etwas loszulassen und auch einmal Hilfe anzunehmen!
Ich bin mit Herzblut Bäuerin. Aber schon als unsere Kinder klein waren, war es für mich wichtig, eine Aufgabe ausser Haus zu haben, etwa in der Oberstufenschulpflege, als Kassierin der Damenriege oder als Kommissionspräsidentin fürs Jugendturnen. Während Jahren war ich zudem als Vertreterin der Landfrauen im Konsumentinnen-Forum – eine interessante Tätigkeit, die neue Kontakte brachte. Die Ortsvertretung der Zürcher Landfrauen in Weiningen ist meine jetzige Aufgabe. Wir haben noch 50 Mitglieder, darunter viele, die nicht Bäuerinnen sind, sich aber für die Kurse und Angebote der Landfrauen interessieren. Ja, die Zukunft von uns Bäuerinnen ist schwierig vorauszusehen. Eines der Probleme ist, dass Frauen mit guter Ausbildung, die später einen Bauern heiraten, oft in ihrem angestammten Beruf weiterarbeiten möchten. Dadurch haben sie aber weniger Zeit, auf dem Hof mitzuarbeiten. Oft fällt der ausserhäuslichen Tätigkeit der Garten für die Selbstversorgung zum Opfer.
Im letzten Jahr bin ich 60 geworden. Ich hoffe, über das AHV-Alter hinaus auf dem Betrieb weiter tätig sein zu dürfen. Ich bin zufrieden und fühle mich gesund. Vielleicht gibt es für Hanspeter und mich in absehbarer Zeit wieder einmal ein Reisli – es muss ja nicht gleich Amerika oder Australien sein.
Marie-Theres
Marie-Theres Waser-Küttel ist 1956 geboren und lebt in Stans NW.
«Mich bringt fast nichts aus der Ruhe. Das Wetter schon gar nicht – höchstens wenn ich frühmorgens die Schneeketten montieren muss, wirds heikel.»
Ob sie die Umgebung für ihr Porträt selbst bestimmen könne? Am liebsten wäre ihr das St.-Rochus- Chappäli in Oberdorf. In diese historische Kapelle sei sie oft z’Chilä. Auch mit ihren Kindern. Der Ort sei ihr viele Jahre lang eine wichtige Kraftquelle gewesen. Kaum 100 Meter vom Kirchlein weg steht der Bauernhof ihres Ex-Mannes. Der müsse nicht aufs Bild, lieber noch etwas Natur. Nach dem Fotoshooting fährt Marie-Theres Waser-Küttel uns mit dem kleinen, blauen Wagen in ihr neues Zuhause – zufälligerweise wieder bei einer Kapelle, diesmal St. Josef gewidmet. Hier wohnt sie erst seit wenigen Monaten. Ihre geräumige Wohnung hat in alle vier Himmelsrichtungen Fenster. Und die begeisterte Berggängerin sieht den Pilatus, das Stanser- und Buochserhorn, den Bürgenstock, ja sogar Vitznau – ihre alte Heimat.
Letzten September wusste ich: Jetzt brauche ich etwas Eigenes. Zuerst fühlte ich mich etwas zwischen Stuhl und Bank. Die Wohnung in Dallenwil, in der ich mit meinen Söhnen gelebt hatte, kündigte ich. Ohne etwas Neues auf sicher zu haben. Aber ich sprach mir Mut zu: «Du bekommst, was du brauchst!» Im «Nidwaldner-Blitz» stiess ich auf die Annonce für diese Wohnung und erhielt mit Glück den Zuschlag. Jetzt kann ich in meinen ersten eigenen vier Wänden zur Ruhe kommen. Die letzten Jahre waren ein dauerndes Loslassen. Aber ich weiss, wenn ich loslasse, kommt Neues.
Meine fünf Kinder gaben mir immer Halt und die Kraft, nicht aufzugeben, weiterzukämpfen. Jetzt muss ich sie aber loslassen und nicht als mein Eigentum betrachten. Ich sagte ihnen: «Denkt nicht, ich käme nicht z’Schlag. Ich komme z’Schlag!»
Ich glaube, ich habe die Kurve gekriegt. Vor vier Jahren fand ich sogar meinen Traumjob bei der Spitex. Ich fahre als Pflegehelferin zu den Leuten in alle Chrachen hinauf. Auf den abgelegenen Höfen sind sie auf uns Spitexleute angewiesen. Ich bin zu 80 Prozent fix angestellt. Das ist wunderbar. Ich glaube, meine grosse Lebenserfahrung wird nun geschätzt. Ich bin geduldig und nehme die Leute, wie sie sind. Mich bringt fast nichts aus der Ruhe. Das Wetter schon gar nicht – höchstens wenn ich frühmorgens die Schneeketten montieren muss, wirds heikel.
Wenn ich so auf mein Leben zurückschaue, habe ich dieses Bild vor Augen: Ich lebte in einer Gemeinschaft mit sieben Menschen und sass mit meinen fünf Kindern im Zug. Mein Mann jedoch stieg nie zu uns in den Familienzug. Er stand all die Jahre draussen, abseits. Aber der Zug konnte nicht stillstehen, musste weiterfahren …
Ich bin eine einfache Bäuerin, aber eine Geschiedene. Religiös und geschieden, das passt nicht. Bis dass der Tod euch scheidet, gelobte ich doch damals, als wir heirateten. Dass der Papst jetzt gegangen ist, beflügelt mich. Wenn die Gesundheit sagt, ich kann nicht mehr, dann muss man gehen. Bis dass der Tod euch scheidet! Nein, ich mochte nicht mehr. Ich konnte nicht mehr.
Als ich in der Klinik war, wusste ich, du kannst nie mehr heim. Und sogar der Pfarrer dort riet mir: «Loset Si, es ist nicht Gottes Wille, dass ein Partner krank wird in einer Ehe.» Aber die katholische Kirche goutiert Ehescheidungen nicht. Ich bin eine Verstossene. Das kann doch nicht Gottes Wille sein, oder?
Von meinem Mann höre ich nichts mehr. Nach der Scheidung sagte er: «Du bist für mich gestorben!» Bis dass der Tod euch scheidet …
Wäre ich nicht Bäuerin gewesen und hätte mit meinen Kindern privat in einer Wohnung gelebt, hätte ich meinen Mann nach der Scheidung weggeschickt. Aber «nur» als Frau des Bauern und als Schwiegertochter hatte ich kein Recht, auf dem Hof zu bleiben. Nach 24 Jahren musste ich gehen. Ich hielt es nicht mehr aus. Wurde sehr krank. Bis dass der Tod euch scheidet! Während vieler Jahre sagte ich mir: «Wart noch ein wenig. Wirf nicht gleich die Flinte ins Korn!» Ich weiss, es braucht ja in einer Partnerschaft für alles zwei. Aber wenn einer sich nie in Frage stellt, wird es mit der Zeit enorm schwierig.
Es brauchte grösste Verzweiflung zu gehen. Definitiv zu gehen. Ich bin nicht kopflos gegangen, habe jahrelang das Dafür und das Dagegen sorgfältig abgewogen. Schade ich den Kindern, wenn ich bleibe, oder schade ich ihnen, wenn ich gehe? Als der Jüngste in der Lehre war, spürte ich: «Nun hab ich meinen Dienst getan. Mehr muss ich nicht tun.» Den entscheidenden Schritt wagte ich aber immer noch nicht.
Die Kinder sind glücklicherweise alle gut geraten. Und sie sagen mir: «Muäti, mach, was dir guttut.» Keines würde mir je einen Vorwurf machen, dass ich von meinem Mann weggegangen bin. Und ich sage meinen Kindern: «Ihr habt es nicht einfach gehabt. Wenn ihr merkt, dass euch etwas schadet, müsst ihr es sofort ändern. Mit 80 noch zu sagen, ihr hättet eine schlechte Jugend gehabt, bringt nichts. Holt euch Hilfe!»
Jahrelang schaffte ich irgendwie den Spagat zwischen meinem Mann und den Kindern. Gegen aussen spielten wir heile Welt. Ich sagte mir, wir sind eine Familie, wir müssen einander helfen. Ich machte den Vater nie schlecht vor den Kindern. Das Traurige ist, ich sah den guten Kern in ihm nie. Er schaute weder nach rechts noch nach links, nahm mich und die Kinder kaum wahr. Er erzählte wenig von seinem eigenen Leben. Er ist in sich selbst gefangen. Ich will ihn auch heute nicht schlecht machen, innerlich habe ich mich mit ihm versöhnt. Es ist doch so: Er hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Jemandem vergeben zu können, ist das A und O im Leben. Nur so habe ich eine Chance, gesund zu bleiben.
Wenn ich ehrlich bin: Bereits am Hochzeitstag fühlte ich, dass es schwierig werden würde mit uns beiden.
Dabei erlebte ich eine wunderbare Kindheit in einer liebevollen und harmonischen Familie. Ich bin während der Seegfrörni am 29. Januar 1956 im Kantonsspital Luzern geboren. Mueti erzählte später, sie habe aufpassen müssen, dass ihr erstes Töchterchen nicht erfriere. Wir lebten damals mit meinen zwei älteren Brüdern in der Wohnung ihres Schwagers im Dorf Vitznau – und die Heizung war nicht eben erstklassig. Vater war Bahnwärter bei der Rigi-Bahn, aber im Herzen ein Bergler, der Bergbauernsohn vom Eselberg. Mit seinen sieben älteren Brüdern war er auf 1200 Meter über Meer mit Sicht auf den Vierwaldstättersee aufgewachsen. Seine Mutter starb, als er fünf Jahre alt war. Das hat ihn geprägt. Später war er lange Zeit Knecht auf einem Hof in Inwil. Dort lernte er unsere Mutter kennen, die damals Magd war. Mutter hätte den Hofbauern heiraten können, aber sie entschied sich für das Chnächtli, meinen Vater. Als junges Paar kamen die beiden nach Vitznau und Vater zur Rigi-Bahn. Aber das Bäuerische blieb ihm lieb, genauso wie meiner Mutter, die eine Bauerntochter war.
Mit meinen fünf Geschwistern hatte ich es gut. Zwei meiner Brüder sind ganz Wilde – einer wurde Unspunnen-Steinstösser und der andere «Chranz-Schwinger». Meine Kindheit in Vitznau, mit einer Menge Kindern in der Umgebung, war einfach und unbeschwert. Wir hatten eine tolle Gemeinschaft, und mit der Cousine im gleichen Haus verband mich viele Jahre lang eine grosse Freundschaft. Vater hatte neben seiner Tätigkeit bei der Bahn über Jahre einen kleinen Betrieb mit Mastschweinen, die er in einem Vitznauer Stall einquartierte. Das Gwäsch holte er von den Hotels ab und kochte das Ganze vor dem Verfüttern auf. Beim Campingplatz hatten wir zudem Land zum Emden gepachtet. Wir Kinder bekamen dort die ersten Bikinis zu Gesicht. Vater hat dieses lockere Leben auf dem Campingplatz immer verpönt. Er fand, Baden und Schwimmen, das mache man nicht. Das Leben dieser Touristen war gar nicht das unsere. Und ich fand es komisch, dass es meinen Eltern nicht passte.
Das Heimet auf dem Eselberg liess Vater nicht los. Das Land war weit oben am Berg und nur mit einer einfachen Seilbahn erreichbar. Als sein Bruder dort eine Wirtschaft baute, das Restaurant Hinterbergen, zog es Vater ebenfalls dahin zurück, wo er aufgewachsen war. Ich war 16 Jahre alt und ging noch in die Sekundarschule, als meine Eltern mit dem Hofbau begannen. Die Bäume wurden am Berg oben gefällt und das Holz in der Sägerei meines Onkels gesägt. Das andere Baumaterial, auch der Zement, wurde mit der Seilbahn raufgebracht. Unvorstellbar! Meiner Mutter fiel es schwer, mit ihren mittlerweile sechs Kindern so weit weg vom Dorf zu ziehen. Aber sie hat sich nie beklagt.
Meine Mutter ist meine grösste Lehrmeisterin. Sie konnte alles. Kochen, flicken, stricken, gärtnern – und sie schaffte und krampfte zeitlebens. Mutter war für meinen Vater seine Frau und sein Mueti. Ich sage heute: Mueti hat dem Dädi trabantälät – sie hat ihm einfach jeden Wunsch von den Augen abgelesen und alles für ihn gemacht. Ich weiss, sie liebten sich und hatten eine harmonische Ehe. Obwohl Mutter eigentlich die Magd blieb, wie zu Gotthelfs Zeiten. Noch mit 90 Jahren sagte sie: «Ich wollte es nie anders, ich bin glücklich.» Während der Bauerei auf dem Eselberg kochte Mutter im Dorf unten und liess das Ganze mit dem Bähnli hinaufziehen – für die Arbeiter und meinen Vater. Sie hatte aber auf dem Berg viel zu tun. Meine drei kleineren Geschwister gingen noch in Vitznau in die Schule. Als Ältestes der Mädchen machte ich mit ihnen Schulaufgaben, wusch die Wäsche, bügelte und half, wo nötig. Ich stand schon früh in den Schuhstapfen meiner Mutter. Aber wir waren bald alle sehr glücklich auf dem Oberberg – und ich bin heute noch stolz, eine von dort oben zu sein!
Nach den neun obligatorischen Schuljahren war es selbstverständlich, dass ich ins Haushaltlehrjahr ging. Was für eine andere Welt, wenn auch nur wenige Kilometer von daheim weg, in Küssnacht! Die Frau des Hauses war im Schwyzer Kantonsrat engagiert, Präsidentin des Müttervereins, Bäuerin und Mutter von sieben Kindern. Eine emanzipierte Frau. Für sie war es ideal, eine Lehrtochter zu bekommen, die selbständig arbeiten konnte. Mir gefiel der grosse Bauernhaushalt, und ich blühte richtig auf. Beim Abschied sagte die Lehrmeisterin: «Du warst das zehnte Lehrmädchen – und das beste von allen.» Eine ihrer Töchter arbeitete im Spital Cham als Hilfsschwester. Ein Traum für mich! Aber eine Lehre traute ich mir damals noch nicht zu. Ich erhielt jedoch auf der Männerabteilung bei Schwester Alfonsa für ein Jahr Arbeit als Hilfsschwester. Herrliche Monate, in denen ich viel lernte, glücklich war, viel Verantwortung übertragen bekam und meine beste Freundin fand, Rita Buholzer. Das Bauernmädchen aus Hohenrain wollte im Jahr darauf an die Bäuerinnenschule ins Kloster Fahr. «Kommst du mit?», fragte sie mich.
Vater fand, im Spital würde ich zu wenig lernen, und so übernahm ich bald in einem noblen Haushalt in Sempach die Stelle als Haushälterin. Der Hausherr, ein Bildhauer, hatte zehn Kinder von drei Frauen – zwei waren ihm gestorben, und mit der dritten hatte er schliesslich noch sieben Kinder. Das Jüngste kam auf die Welt, als ich dort im Dienst war. Ich hatte immer acht bis neun Leute zum Essen am Tisch. Ich lernte eine neue Küche kennen: Nicht nur Bauernsachen mit Kartoffeln – es gab oft Fisch, auch Reis, und ich lernte, aus dem Kochbuch zu kochen.
Aber ich wollte weiter. Ich war an der Bäuerinnenschule angemeldet und kündigte die Stelle. Kaum daheim, rief der Hausherr aus Sempach an, ob ich nicht doch wieder zu ihnen zurückkehren könnte. Ich weiss, wenn ich nicht schon daheim gewesen wäre, hätte ich mich nicht getraut, Nein zu sagen. Unter ihren Augen wäre ich weich geworden. Damals habe ich mich das erste Mal in meinem Leben für mich entschieden. Und danach lange Zeit nicht mehr!
Das Kloster Fahr hat mich sehr beeindruckt, ich fühlte mich von der ersten Stunde an wohl. Die Atmosphäre, die Schwestern, einfach alles erlebte ich als Geborgenheit, als Zu-Hause-Sein. Heim ging ich höchstens drei, vier Mal während der ganzen 20 Wochen. Gestresst haben mich nur die Handarbeitsnoten. Ich wollte gut sein, ja bei den Besten. Vater hatte uns Mädchen immer eingebläut, dass Handarbeit wichtig sei. Ich nähte im Fahr Hosen und eine Bluse und rote Sennenchutäli für meine Brüder.
Mein Lieblingsplatz aber war in der Küche. Beim Kochen war ich in meiner Welt und durfte noch Unerwartetes dazulernen. Die Buffets waren grossartig. Und so liess ich es mir an Weihnachten nicht nehmen, die Familie daheim mit einem grossen Fahrer Buffet zu überraschen: Es gab einen bunt gespickten Kohlkopf voller Würstchen und Käsestückchen, dazu Suppe, Salate und selbstgemachte Brote. Unvergesslich sind auch die Dampfnudeln – die Fahrer Dampfnudeln ziehen sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Meine Kinder lieben sie heute noch. Und das Hühnerrupfen gehörte ganz selbstverständlich zum Alltag in der Bäuerinnenschule. Beim Kopfabschlagen mussten wir nicht zuschauen, wenn wir nicht wollten. Aber ums Rupfen der toten Tiere kam keine herum.
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