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Stig Ericson
Dan Henry
Blas zum Angriff

Saga

Erster Teil

1

Eisiger Wind pfiff über die Hügel westlich des Forts, und ich fror in meiner abgetragenen Uniform.

„Komm, wir gehen hinein“, schlug ich Conrad vor.

Ich wollte nicht dabei sein, wollte nicht zuschauen, diese nackte Gewalt war mir zuwider.

„Nein, halt ...“

Er sah abwartend zu den beiden hinüber, die aufeinander losgingen.

Leicht vorgeneigt standen sie sich jetzt gegenüber, mit herabhängenden Armen und gekrümmten Fingern. Der eine, blonde, war gut gebaut. Der andere war kleiner und hatte eine breite, höckerige Stirn.

Hinter dem Lagerhaus war es sehr still. Die Zuschauer musterten die beiden Kämpfer mit großem Ernst, warteten geduldig, wogen die Chancen der beiden gegeneinander ab.

Der Kleinere schlug als erster zu und schrie dabei, wie um seinem Schlag damit größere Wucht zu verleihen. Dann hieben sie sich gegenseitig wild ins Gesicht und in die Magengrube, steigerten sich in ihre Raserei hinein. Die Fausthiebe, die im Gesicht landeten, hallten durch die Kälte.

Hartgefrorener Schnee knirschte unter den Stiefeln, während sie versuchten, sich gegenseitig zu zerstören; in ihren Gesichtern zeichnete sich Angst und Schmerz ab, und bald begann der Kleinere zu schwanken.

Der Blonde mißhandelte ihn immer weiter, bis ihm das Blut aus der Nase und von den aufgeplatzten Lippen troff und er sachte zusammensackte und wie betend auf den Knien liegenblieb.

Der Blonde trat ihm verächtlich mit dem Fuß in die Seite und sah uns, die Zuschauer, dann mit einem verwirrten Ausdruck in seinem zerschlagenen Gesicht an.

„Na, fühlst du dich jetzt besser?“ fragte einer.

Der Blonde atmete schwer und bewegte das Kinn hin und her.

„Warum hat er das gesagt?“ stieß er mit belegter Stimme hervor. „Warum hat er das gesagt? Über Custer ...“

Der Besiegte hatte sich auf die Seite gelegt. Er jammerte vor sich hin. Sein Mund war eine dampfende Wunde. Ein paar von seinen Kameraden beugten sich über ihn.

Der Blonde schwankte plötzlich, stützte sich mit den Händen gegen die Wand und spuckte in den Schnee. „Es ist kalt“, bemerkte Conrad Beck.

Wir gingen rasch auf die Infanteristenkaserne zu, um Schutz vor dem Wind zu suchen. Unterhalb der Böschung hinter den Stallungen dehnte sich die fleckige Eisdecke des Missouri. Es war ein Sonntagnachmittag im Dezember 1876, und die Sonne am grauweißen Himmel erinnerte mich an einen runden Fettfleck.

„Ich verabscheue Kälte“, sagte Conrad. „Und das Frieren! Ich hasse es! Ooooh ...“

Der Schnee wirbelte über das Exerziergelände, und wir begannen zu rennen, an den Wachstuben, am Krankenhaus und an der Bäckerei vorbei, auf die Musikkaserne zu, die ziemlich weit von den anderen entfernt lag. Als wir endlich eintraten, schmerzte mein Gesicht vor Kälte.

„Es ist zum Kotzen“, sagte Conrad.

„Mach’s lieber draußen“, brummte der lange Flötist, der auf einem Bett neben der Tür lag und las. Die Zeitung war mindestens einen Monat alt.

„In diesem Gestank würde es sowieso keiner merken“, sagte Conrad.

„Nein, aber hören“, entgegnete der Flötist.

Das Holz schwelte säuerlich in dem großen Backsteinofen an der Schmalseite des Raumes, frisches Pappelholz, das mehr Feuchtigkeit als Wärme verbreitete. Die schwere, abgestandene Luft kam mir noch widerwärtiger als sonst vor. Unsere Mannschaftsstube war lang und schmal. Conrad und ich gingen an den eisernen Betten entlang bis zur hintersten, vom Ofen am weitesten entfernten Ecke des Zimmers. Hier hatten wir Jüngeren unsere Plätze.

Conrad legte sich auf den Rücken, mit den Stiefeln auf dem Fußende des Bettes. Er war lang und schlank und hatte braune, in der Mitte gescheitelte Haare mit hellen Strähnen. Er und ich waren die einzigen im Musikkorps des 7. Kavallerieregiments, die weder Bart noch Schnurrbart aufweisen konnten. Wir waren die Jüngsten.

Das war mit ein Grund, warum wir zusammenhielten.

„Wie war er?“ fragte ich.

„Wer?“

„Custer.“

Conrad hatte vor gut einem halben Jahr den Beginn des Feldzuges gegen die Prärieindianer mitgemacht. Das Musikkorps hatte die Kavallerie bis zum Yellowstonefluß begleitet, dort standen sie dann auf einem Hügel oberhalb des Flusses und spielten Garry Owen und The Girl I Left Behind Me, während das Regiment zu den Bighornbergen im Nordwesten weiterzog. Custer und zweihundertundzweiundsechzig seiner Männer kamen nie zurück. Das Indianerlager, das sie angegriffen hatten, war zu groß gewesen.

„Ein Mann mit einer großen Nase auf einem Pferd“, sagte Conrad. „Ich habe nicht besonders viel für Generäle übrig.“ Er sah mich augenzwinkernd an. „Wollen wir uns seinetwegen schlagen?“

Das hatten die beiden anderen getan, und es war nicht das erste Mal, daß Custer den Anlaß zu einer Schlägerei geliefert hatte. Held oder Mörder? Tapferer Offizier oder rücksichtsloser Ehrgeizling? Custers kopfloser Angriff auf das Indianerlager am Little Bighornfluß hatte das Regiment gespalten. Es gab Offiziere, die nicht mehr miteinander sprachen, seit sie sich wegen ihres früheren Kommandanten zerstritten hatten.

„Ich hab’ schon lange keinen General mehr gesehen“, sagte ich. „Und ich prügle mich nicht gern.“

Conrads Augen blitzten unter seiner erstaunt gerunzelten Stirn auf.

„Nicht? Und wozu, glaubst du, soll die Armee gut sein?“

„So habe ich es nicht gemeint“, murmelte ich.

„Du bist ein Idiot“, sagte Conrad. Er war 21, drei Jahre älter als ich, und er besaß die Fähigkeit, im Scherz Fragen zu stellen, die man nur sehr schwer beantworten konnte. Er lag da, seine verschossene blaue Schildmütze über dem Gesicht, und wartete auf eine Antwort, für die ich keine Worte fand.

Wozu sollte die Armee gut sein? Allmählich wurde es mir natürlich immer deutlicher bewußt: Der funkelnde Pomp, die Marschmusik, die Paraden und die Uniformen waren nur die äußeren Zeichen einer anderen Wirklichkeit, einer Wirklichkeit, die mich erschreckte. Aber die Gemeinschaft? Was war mit der Gemeinschaft?

„Du prügelst dich nicht gern, Soldat?“ wiederholte Conrad Beck. „Was tust du dann eigentlich gern? Du bist doch freiwillig hierhergekommen, hast den feierlichen Eid geschworen!“

Ich dachte an die Gemeinschaft, die ich gesucht hatte, an das Gefühl der Fremdheit auf der Farm in Minnesota, an meine einsame, hoffnungslose Wanderung nach Nordwesten, an den frostigen Morgen, als ich vor einem Hühnerhaus stand, das milde Gackern der Hennen hörte und mir wünschte, drinnen in der Wärme auf einer Stange zu sitzen.

Ich konnte nicht erklären, warum ich mich danach sehnte, einer von vielen Gleichen zu sein. Ich konnte die passenden Worte nicht finden. Englisch war nicht meine Muttersprache. Ich kam leidlich damit zurecht, mehr aber nicht.

Vielleicht befürchtete ich auch, daß Conrad meinen Traum von der Gemeinschaft zerstören würde. Plötzlich ärgerte ich mich über ihn, über seine geschmeidige Stimme, und ich stotterte etwas vom Spielen – und von Mädchen. Conrad Beck lachte auf seine leise Art.

„Dann bist du hier ja am richtigen Platz gelandet“, sagte er. „Du brauchst dich nur bei der neuen Wäscherin anzustellen. Du weißt, die nach Mary gekommen ist. Es dürften kaum mehr als ein paar hundert Mann vor dir an der Reihe sein, irgendwann im nächsten Jahr also ...“

„Du bist ein Idiot“, fauchte ich.

„Da bin ich wenigstens nicht allein“, versetzte Conrad.

Ich fragte, wer Mary sei.

„Eine Wäscherin, sagte ich doch“, entgegnete Conrad. „Und sie ist daran gestorben.“

Gedanken. Zeit zum Nachdenken. Kraft zum Denken. Während des ersten Monats in Fort Lincoln hatte ich das nicht gehabt. Ich fand mich nicht zurecht, kannte den Rhythmus noch nicht – ebensowenig die unentbehrlichen Schlupfwinkel. Die Trompetensignale jagten mich durch die Tage, und nachts schlief ich schwer und traumlos auf der Strohmatratze.

Die Trompeten beherrschten unseren Lebensrhythmus. Ich erinnere mich an graukalte Morgenappelle zum vereinten Klang von 12 Trompeten, während das Sternenbanner gehißt wurde. Ich erinnere mich an das eilige Getrampel vieler Stiefel nach den Essensignalen und an die Flüche, die auf die Signale für Drill und Arbeitsdienst folgten.

Nach ungefähr einem Monat hatte ich die 16 Trompetensignale, die Tag und Nacht bestimmten, gelernt. Die Welt von Fort Abraham Lincoln, vorher so groß und geheimnisvoll, begann um mich herum zu schrumpfen, und an jenem Sonntag im Dezember, von dem ich eben berichtete, war sie ziemlich klein.

In jenem Herbst waren viele neue Rekruten nach Fort Lincoln gekommen. Man benötigte viele Leute, um die fünf Kompanien zu ersetzen, die bei der Schlacht am Little Bighorn vernichtet worden waren. Schon gingen Gerüchte um, daß ein neuer Feldzug in das gefährliche Gebiet am oberen Yellowstone gestartet werden sollte. Das war die Gegend, in der Sitting Bull hauste, der Führer der Prärieindiander, von dem man allgemein nur mit Schrecken, zugleich aber auch voll trotziger Rachegelüste sprach.

„Soll ja ein schlauer Satan sein, der Kerl! Aber wir werden ihm schon die Flöhe aus dem Fell peitschen, daß er nie mehr sitzen kann!“

„Und das sagst ausgerechnet du! Dein Arsch sieht doch aus wie eine überreife Tomate!“

„Was weißt denn du!“

„Jedesmal, wenn du dich auf deine Schindmähre setzt, machst du doch ein Gesicht, als würde dir jemand ein Messer reinjagen!“

„Quatsch! Bald hat man sowieso überall Schwielen ...“

Stallgeplänkel zwischen den Neulingen der Kompanie F. Ich nahm an ihren Reitübungen teil, um die anderen im Musikkorps einzuholen. Ich kann mich besonders an einen kleinen, dunklen Kerl erinnern, der nie still war. Er hatte verschwommene Augen und lachte heiser über seine eigenen Witze, während er zu den anderen hinüberschielte.

„Na, hast du heute was Schönes gespielt?“ pflegte er zu sagen, wenn ich in den Stall kam.

„Auf jeden Fall spielt er verdammt viel besser als du!“ kam es von dem Mann in der Nachbarbox.

Und ein anderer:

„Aber jetzt wird hier nach Noten geritten! Daß es nur so zwitschert, was?“

„Geritten? Das ‚Halfter‘ hat ja keine Ahnung vom Reiten. Er hat nur sein verfluchtes Lehrbuch auswendig gelernt!“

Jedesmal dieselben Worte, dasselbe Lachen, dieselben Bewegungen, dieselben Laute und Töne. Auf Fort Lincoln war alles Schablone.

Das „Halfter“ war der Sergeant, der die Übungen zu Pferd abhielt.

„Die Halfterkette zwei Faustbreit hinterm Maul festhalten!“ hatte er geschrien, als wir die Pferde zum ersten Mal hinausführten. „Und die Nägel nach unten! Die Nägel nach unten ...“

Sein beflissenes Soldatengesicht schien mit der Mütze zusammengewachsen zu sein, und fast alle Linien in seinem Gesicht waren gerade – die Nase, der Schnurrbart, der kleine Mund.

„Fertig zum Aufsitzen! Aufsitzen! Packt sie an der Mähne, das halten sie aus! So ...“

Wir saßen in den Sätteln, während sich der Nebel über dem Missouri lichtete und das „Halfter“ mit herausgedrückter Brust schnarrte:

„Die Daumen entlang der Zügel ... die Hände so hoch wie die Ellenbogen, mit einer Faust Abstand ... gerade Rücken, weiter vor im Sattel ... und die Nägel nach unten, die Nägel nach unten! Sitzt gefälligst wie Soldaten im Sattel und nicht wie Pißnelken! Und ihr wollt Sitting Bull den Schwanz hochknüpfen?!“

Da war er wieder! Der Schreckliche. Der Feind hinter den Hügeln im Nordwesten.

Conrad Beck schien von Sitting Bull nicht sonderlich beeindruckt zu sein. Wenn die Rede auf die Indianer kam, zeigte er nur freundliche Gleichgültigkeit.

Manchmal, wenn ich aus dem Stall zurückkam, saß er auf dem Bett und würfelte mit sich selbst. Er schüttelte die knöchernen Würfel mit den fast abgewetzten Augen zwischen gewölbten Händen und warf sie dann auf der Decke aus. Immer wieder ...

„Woran denkst du?“ fragte ich eines Nachmittags, und ich weiß noch, wie er mit dem Zeigefinger eine Acht um die beiden Würfel herum zeichnete.

„Das möchte ich auch gerne wissen“, sagte er. „Vielleicht an Wärme. Und du selbst ... Er blickte hoch. „Kannst du sagen, woran du denkst?“

Er machte mich verwirrt. Meine Gedanken schossen mir schneller durch den Kopf als die dazugehörenden Worte.

„Tja, gegen Wärme hätte ich auch nichts einzuwenden“, versetzte ich schließlich.

„Nein, nein ...“

Conrad Beck spielte weiter mit seinen Würfeln. Ich erreichte ihn nicht; ich hatte das Gefühl, ihn enttäuscht zu haben.

„Bald gibt’s Essen“, sagte ich. „Ich habe Hunger!“ Conrad sagte nichts, und ich faßte sein Schweigen als Kritik an meinen Worten auf. Ein dummer Ausländer. A crazy Swede. Ich legte mich aufs Bett, schloß die Augen und versuchte, auf Englisch zu denken. Jetzt polterten auch die anderen in die Mannschaftsstube herein. Einer von ihnen war Otto Arndt, das hörte ich an seinem Pfeifen und an dem trampelnden Tanz, den er zwischen den Betten aufführte. Er pfiff laut und musikalisch und markierte den Takt durch Fingerschnippen. Ich mußte mich anstrengten, um ihm nicht zuzuschauen; in seiner Art zu pfeifen, in seinem Blick lag etwas Herausforderndes. Begegnete man erst einmal seinem Blick, war es schwierig, wieder loszukommen. Ein Trompetensignal vom Wachgebäude drang durch das Stimmengewirr und das Getrampel.

„Suppe, Suppe, Suppe“, sang einer. „Nie ein Stückchen Fleisch ...“

Zu allen Signalen gab es die entsprechenden Worte und Liedchen, die sich im langjährigen Soldatendasein zusammengefunden hatten.

Otto pfiff immer noch. Ich wandte mich ab. Er machte mich verlegen: er zwang mich, immer an meinen Mund, an mein Aussehen zu denken. „Du hast hübsche Lippen, Danny“, hatte er in der ersten Woche gesagt, in der ich beim Regiment war. „Nur schade, daß sie in deinem Gesicht sitzen. Jemand in Röcken wäre mir lieber!“

Schließlich wurde es still. Die Stille brachte mir erneut die Feuchtigkeit und die Kälte im Raum zu Bewußtsein. Ich sehnte mich fort.

„Kommst du jetzt?“ Conrad stand am Fußende und schüttelte die Würfel in seiner Faust.

„Sicher“, sagte ich und dachte, daß er an diesem Wort bestimmt nichts aussetzen konnte. So sagen ja alle hier. Sicher. Sure. Alles war sicher in Amerika. „Wird gut tun, sich ein bißchen abzukühlen“, sagte Conrad. Wir gingen in das Schneetreiben hinaus.

Ich weiß nicht, warum Conrad in die Armee eingetreten war. Er schien alles zu mißbilligen, was mit der Armee zu tun hatte. Sein schlanker, drahtiger Körper paßte nicht in die Uniform. Immer saß etwas schief an ihm, ohne daß er es selbst merkte.

Vielleicht hatte ihn die Musik verlockt. Er liebte seine Trompete. Wenn er Trompete blies, wurde sein feingeschnittenes Gesicht eins mit dem Instrument, und seine schmalen Augen funkelten vor katzenhaftem Wohlbefinden.

„Mmm, lecker! Ausnahmsweise Bohnen heute!“ sagte er, als wir um das Essen anstanden. „Das haben wir ja seit mindestens fünf, sechs Stunden nicht mehr bekommen!“

2

Morgens war die Kälte am schlimmsten. Oft wachte ich vom Frieren auf, und wenn ich hinterher mit einem Schluck Kaffee und ein paar Bissen Brot im Magen vor der Kaserne zum Appell antrat, schüttelte es mich vor Kälte. Am liebsten hätte ich mich zusammengekrümmt wie ein Wurm und wäre einfach vom Erdboden verschwunden.

Alle mußten antreten, Kranke und Gesunde, doch der schneidende Wind von den Hügeln machte da keinen Unterschied: der Winter auf Fort Lincoln war die Zeit der Schwindsucht und der wunden Nasen – aber auch die Zeit der Trunkenheit, der Gewaltverbrechen und der Selbstmorde.

Man betete die Sonne an. Im Februar, wenn die Sonnenstrahlen den Appellplatz erreichten und wenn es vom vorragenden Kasernendach tropfte, redete man in Gedanken die Sonne voll Verzücken an: „Du wunderbare Sonne, du Lebensspenderin“; man saugte die Wärme in sich hinein, entspannte sich, fing an, von der Welt zu träumen.

Ich erinnere mich an einen sonnenwarmen Februarmorgen, als Louis Schick die Tagesordnung durchging. Es war Samstag, und die Kompanie würde in Bismarck, der kleinen Stadt am Ende der Bahnlinie jenseits des Flusses, einen Ball geben.

„Heute abend müssen wir unser Bestes geben, Jungs“, sagte er. „Und das will nicht wenig heißen! Sonst werden die Kerls aus K uns was erzählen!“

Louis Schick war chief musician, der Leiter des Musikkorps. Er war lang und hatte blanke Stiefel, und während er sprach, ging er würdevoll auf und ab, gleichsam seine Schritte abwägend, wobei er gleichzeitig seine Schnurrbartspitzen betastete.

„Volle Parade natürlich. Konzert und Tanz. Um fünf Uhr fahren wir ab. Um eins wollen wir noch ein paar neue deutsche Walzer üben, die Leutnant Wallace gerne hören will. Es ist auf jeden Fall besser, sie ordentlich einzustudieren, um seine Gefühle nicht zu verletzen ...“

Vereinzeltes Gelächter. Leutnant Wallace war der Fortsadjutant und der Offizier, der für das Musikkorps verantwortlich war.

„... und bis zum Repetieren muß das große Blech geputzt sein. Beck und Henry sind dafür verantwortlich. Ihr könnt unmittelbar nach dem Stalldienst damit anfangen. Die übrigen, die nicht abkommandiert sind, üben auf ihren Instrumenten. Hat irgend jemand noch Fragen?“

Keiner hatte Fragen, und Louis Schick, der vor ein paar Monaten noch ein einfacher Korporal gewesen war, kommandierte rechts- und linksum marsch.

Das Putzen der Blechinstrumente ... Der stechende Geruch von Essig, Salz und Grünspan. Conrad auf einem Schemel mit einer Tuba auf dem Schoß. Er hält den Kopf schief, und die helleren Haarsträhnen glänzen im Licht eines schmalen Fensters. Er sagt nichts, starrt nur den Fleck an, den er mit dem Essiglappen reibt. Seine Mütze liegt auf dem Boden – eine schmutzige dunkelblaue Schildmütze mit einer Sieben und zwei gekreuzten Säbeln auf dem Kopf.

Er spiegelt sich in dem glänzenden Messing, lächelt seinem verzerrten Spiegelbild übertrieben zu. Das Lächeln verleiht ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Katze.

Dieses Bild steht noch sehr deutlich in meiner Erinnerung. Und ich kann ihn noch immer Garry Owen, Custers Lieblingslied, in Moll spielen hören.

Plötzlich warf er den Lappen weg, legte die glänzende Tuba behutsam auf den Boden, nahm seine Trompete und begann zu blasen.

Breit und kraftvoll und etwas heiser strömten die Töne aus dem Instrument. Er spielte den flotten, mitreißenden Kavalleriemarsch langsam und würdevoll wie einen Begräbnismarsch. Seine Augen funkelten. Der Trompetenklang erfüllte das Zimmer, und zwei Korporäle, die im Nebenzimmer gesessen und Karten gespielt hatten, kamen herein und lauschten. Sie standen in der Türöffnung, die Uniformjakken aufgeknöpft und die Mützen im Nacken, während Conrad die letzte Wiederholung des Marsches blies. Als noch zwei Takte übrig waren, legte er eine unerwaretete Pause ein – dann ging er die Tonleiter hinauf, statt, wie erwartet, hinab. Einer der Korporäle zupfte seine Mütze zurecht und fing an zu dirigieren.

Die immer heller in die Höhe steigenden Trompetentöne riefen in mir eine seltsame Erregung hervor, ein Gefühl, daß dieser Augenblick von unerhörter Bedeutung sei – und als der letzte Ton verklungen war, hinterließ er eine schmerzende Leere.

Conrad fingerte an den Trompetenklappen und sah zu Boden. Auf seinen Lippen hatte das Mundstück der Trompete einen hellen Ring hinterlassen.

„Ich dachte schon, du seist übergeschnappt, als du so loslegtest“, bemerkte der Korporal, der dirigiert hatte.

„Vorläufig besteht kein Grund zur Besorgnis“, sagte Conrad ohne aufzuschauen.

„Spiel, wie du willst, auf jeden Fall muß das Blech bis um zwölf fertig sein“, sagte der andere Korporal. „Warum hast du das gemacht?“ fragte ich, als wir wieder alleine waren. „Ich meine ... warum ...“

Wieder konnte ich die Worte nicht finden. Schon wieder war ich ein crazy Swede. Was spielte die Ursache schon für eine Rolle? Alle diese dummen warum ...

Conrad hatte angefangen, ein anderes Instrument zu putzen.

„Sagen wir mal, es war für John Mulligan?“, sagte er.

„Wer ist John Mulligan?“ fragte ich.

„Ein Kerl aus Fort Rice, der sich vor ungefähr einer Woche das Leben nahm. Nach fünf Jahren in der Armee nahm er sich das Leben ...“

Repetieren deutscher Märsche, Bohnen und Speck im Speisesaal hinter der Kaserne, rein in die Paradeuniform – und dann los.

Wir fuhren in einem Ambulanzwagen über den gefrorenen Fluß. Auf der anderen Seite gelangten wir zuerst nach Whisky Point, das war eine Ortschaft, bestehend aus ein paar Bruchbuden, die sich Saloons und Dance-Halls nannten. Hier kam plötzlich Leben in die Soldatenreihen, die auf den Wandbänken des Karrens saßen.

„Ist Danny bei unserer Fuhre dabei?“

Das war Otto Arndts Stimme. Er befand sich irgendwo weiter vorne im Karren.

„Wo sollte ich denn sonst sein?“ fragte ich zurück.

Es wurde allmählich dunkel. Um die billigen Lampen vor den Saloons wirbelten Eiskristalle.

„Vor diesem Ort mußt du dich in acht nehmen, Kleiner!“ rief Otto Arndt.

„Weiß ich“, versetzte ich.

„Hier gibt’s Weiber und Flaschen“, schrie einer vorne im Wagen. „Und noch einiges mehr!“

„Eigentlich sollten wir ihn ja an einem Abend mitnehmen“, sagte Otto Arndt. „Damit er das Leben kennenlernt!“

„Ruhe jetzt!“ rief Louis Schick durch das Gelächter. „Ihr gefährdet die Moral des jungen Mannes!“

Wir rollten die gefrorenen Sandbänke hinter dem Ufergebüsch hinauf, über die Hügel der Prärie auf Bismarck zu, den Endpunkt der Northern-Pacific-Bahnlinie – und der Zivilisation des weißen Mannes. Eisenbahnschienen, ein langer Zaun aus Pfählen auf der einen Straßenseite, Holzhäuser auf der anderen Seite – dann bogen wir in die Hauptstraße ein, Main Avenue, wo der Lehm im gelben Schein der Fenster und Halbtüren glänzte.

„Ist das eine große Stadt, aus der du kommst?“ fragte Conrad, der neben mir saß.

„Stockholm, oh ja“, antwortete ich. „Das ist eine große Stadt.“

„Stockholm“, murmelte er halblaut. „Stockholm ...“

Es war ein eigenartiges Gefühl, so im Ambulanzkarren durch die Dakotafinsternis zu rumpeln und den Namen der Stadt zu hören, in der man aufgewachsen war. Plötzlich überkam mich unwiderstehliche Lust, meine eigene Sprache zu sprechen.

„Das ist was ganz anderes – was ganz anderes als diese Budenstadt“, sagte ich laut auf schwedisch. „Das Bauernnest hier! Das ist doch keine Stadt!“

Ich sagte, was ich von Bismarck und der 7. Kavallerie und vom Dasein im allgemeinen hielt, und benützte dazu lange, verschachtelte Sätze und alle Flüche, die ich kannte, die Worte strömten nur so aus mir heraus ... Ein paar lachten, andere baten mich, den Mund zu halten, einer der Korporäle stand mit erhobenen Händen auf. „Du brauchst dir gar nicht einzubilden, daß du der einzige bist!“ rief er. „Mit einer fremden Muttersprache, meine ich!“

Er fuhr auf Deutsch fort, und plötzlich schwirrten die vielfältigsten Sprachfetzen zwischen den Segeltuchwänden des Karrens hin und her, tschechisch, italienisch, spanisch ...

„Beruhigt euch wieder, Jungs!“ brüllte der Korporal, der deutsch gesprochen hatte. „Beruhigt euch! Ist jemand hier im Wagen, der von sich zu behaupten wagt, er sei ein echter Amerikaner?“

„Was meinst du damit?“ wollte einer wissen.

„Ich meine, daß beide Eltern hier geboren sein sollen“, erklärte der Korporal.

„Niemand ...“

„Ich kann den Namen eines echten Amerikaners nennen“, sagte Conrad. „Aber der ist jetzt nicht hier.“ Wer denn? wollte man wissen. Jemand schlug Custer vor.

„Custers Eltern kamen aus Deutschland“, sagte der Korporal.

„Auf jeden Fall der Vater. Das habe ich irgendwo gehört.“

„Sitting Bull“, sagte Conrad.

Einen Augenblick wurde es noch stiller im Wagen, dann fingen sie an zu lachen und zu reden, und ich fing die Worte „Spaßvogel“, „Rothaut“ und „tapfer“ auf.

Der Karren bog in die Forth Street ein und blieb vor einem ziemlich großen Holzhaus mit erleuchteten Fenstern stehen, Trinity House. Hier sollte der Ball der Kompanie K stattfinden. Wir begannen die Instrumente abzuladen, während Louis Schick an der Eingangstür stand und sich mit einem Sergeanten der Kompanie K unterhielt.

„Sorge dafür, daß die Notenständer hinaufkommen“, hörte ich ihn zu einem der Korporäle sagen, dann ging er mit dem Sergeanten zur Main Avenue hinunter.

3

Das Lokal war festlich geschmückt. Rote und grüne Girlanden hingen an den Wänden, und an der einen Längswand war ein Plakat angebracht:

Wherever we go, they’ll dread the name of Garry Owen in glory

Vor einem schlecht gemalten Wandbild, welches das zukünftige Bismarck darstellte, spielten wir Walzer und Konzertstücke, und der Chef der Kompanie K, Hauptmann Owen Hale, hielt eine Rede, abgehackte und militärisch verkrampfte Sätze unter dem Walroßschnurrbart, und er schloß mit einem Trinkspruch auf den abwesenden Regimentschef und mit einem dreifachen Hoch auf die glorreiche Kavallerie der Vereinigten Staaten.

Frischgeputzte Knöpfe und Schulterstücke, durchgedrückte Rücken, Honneurs und Verbeugungen – man strengte sich gewaltig an, um den grauen Alltag zu vergessen.

Die übertriebene Höflichkeit forderte zu Späßen heraus.

„Hätte Musiker Carter wohl die außergewöhnliche Höflichkeit, die Noten für Donauwellen zu verteilen ...“

Und der rotgesichtige Andrew Carter, der sicher ebensoviel Zeit im Arrest wie außerhalb verbracht hatte, reichte uns lächelnd und unter Bücklingen die abgegriffenen Notenblätter.

Die wenigen anwesenden Damen waren von Offizieren und Unteroffizieren umschwärmt. Die gewöhnlichen Soldaten tanzten miteinander – oder gar nicht. Besonders eine dunkle, hochbusige Frau in Blaugrün ist mir in Erinnerung geblieben. Sie lächelte oft, und ihr ganzes Auftreten, ihre Art den Kopf zu halten, verrieten große Sicherheit; sie schien davon überzeugt, daß an diesem Abend alle diese Männer in den prächtigen Uniformen nur für sie da seien.

Für mich war sie ebenso unerreichbar wie der Mond – und ebenso schön; bei ihrem Anblick begann ich zu träumen, und beim Anblick des Schimmers, der sie umfing, kam mir die wartende Welt des Forts wie ein farbloses, kaltes Schattendasein vor.

„Jetzt möchte ich gerne etwas sagen ...“

Ein betrunkener Soldat trat auf den Tanzboden hinaus. In der einen Hand hielt er ein Glas, die andere streckte er hoch. Jemand versuchte ihn zu hindern, wurde aber von den anderen zurückgehalten. Der Betrunkene blieb mitten auf dem Boden stehen. Der Inhalt seines Glases schwappte ihm über die Hand. Auf einmal war es sehr still im Lokal. Augen blitzten auf, fragende Gesichter drehten sich Hauptmann Hale zu, der bedächtig den Kopf schüttelte. Der Betrunkene hob sein Glas.

„Ehre“, rief er. „Hier war von der Ehre die Rede. Aber das eine muß ich doch sagen, diese Ehre hat ... diese Ehre hat nämlich nichts mit dem Oberst oder dem Präsidenten zu tun. Die gebührt ... den Toten. Nur durch den Tod werden wir alle hier ...“

Der Betrunkene verstummte. Er schien plötzlich zu sich zu kommen und blickte unsicher um sich. Die Stille war sehr peinlich. Hauptmann Hale erhob sich mit dem Glas in der Hand von seinem Platz.

„Darf ich vorschlagen, daß wir das Glas auf unsere gefallenen Kameraden erheben!“

Alle tranken. Der Betrunkene wurde hinausgeführt. Ein junger Offizier kam zu uns hergeeilt.

„Spielt etwas! Verdammt nochmal, spielt etwas, egal was!“

Wir spielten The Girl I Left Behind Me, und aus irgendeinem Anlaß standen alle auf. Der scheppernde Klang der Blechinstrumente erfüllte das Lokal, und viele begannen zu singen:

The hour was sad I left the maid

a ling’ring farewell taking ...

Der Gesang schwoll an, und die Gesichter veränderten sich. Die Töne und die Worte und die damit verbundenen Erinnerungen schufen eine Art sonntäglicher Gemeinschaft, wie ein Psalm in der Kirche.

Hinterher erklang vereinzelter Applaus, und der junge Offizier trat wieder zum Orchester.

„Ein Walzer“, forderte er Louis Schick auf. „Wir wollen uns doch amüsieren, zum Teufel! Das hier soll doch ein Fest sein!“

Bevor er zu seiner Dame zurückkehrte, machte er ein paar ungeduldige, flatternde Bewegungen mit der Hand, und Louis Schick sah uns mit leicht erhobenen Augenbrauen an.

„Amüsieren, ja!“ sagte er. „Wir nehmen einen von den neuen deutschen. Den in B-Dur.“

„Lange leben die Toten“, murmelte Conrad Beck, als der Ambulanzkarren viele Stunden später zum Missouri hinunterrumpelte.

„Du wirst doch hoffentlich nicht verbittert werden, mein Junge“, sagte Andrew Carter mit dem roten Gesicht, der trotz der beträchtlichen Mengen, die er hinter die Binde gekippt hatte, immer noch frischer zu sein schien als die meisten anderen im Wagen. „Du mußt eben zugreifen, auch wenn das Angebot kümmerlich ist – solange es währt! Hast du das noch nicht begriffen?“

Wir näherten uns Whisky Point; Andrew Carter schob sich vorsichtig zwischen den Bänken nach hinten.

„Wenn der Präsident ... oder irgendeiner der Herren Generäle meine Dienste benötigen sollten“, flüsterte er uns zu, „dann richtet ihnen aus, daß ich mich melde, sobald ich wieder zurück bin.“

Er sprang ab und verschwand in der Dämmerung.

„Der hat sie wohl nicht alle“, gähnte einer.

„Kommt ganz darauf an, wie man es auffaßt, meinte Conrad.

„Der wird noch in Fort Leavenworth landen“, sagte der andere.

„Schon möglich“, versetzte Conrad.

Der Karren rumpelte über das Eis. Ich dachte an die Frau in Grün und daran, was Andrew Carter bald machen würde. Die Welt, in die ich jetzt zurückkehrte, erschien mir unsagbar grau und karg. Ich spähte durch die Segeltuchbahnen hinten im Wagen hinaus.

Winternacht im Dakota-Territorium ... Hinter den Hügeln rechts von Bismarck wurde der Himmel allmählich heller. Die eisenbeschlagenen Räder des Karrens hinterließen weiße Spuren auf dem Eis, die an Felsenritzungen erinnerten. Eines der Maultiere hatte dunkle, dampfende Klumpen auf das Eis fallen lassen. Kleine Dreckhaufen. Lebenszeichen in einer erstarrten Welt.

Vielleicht dachte ich an den Pastor, einen Typographen, der mich auf meiner Wanderung durch Schweden begleitet hatte. Damals war es warm, und wir gingen in Richtung Süden. Pfeifend und singend marschierten wir rechts und links des Weges, zwischen uns das endlose Kiesband der Landstraße. Die Disteln waren hoch und staubig, und es roch nach Sommer. Wir aßen uns an wilden Himbeeren satt und stopften Gras in die Stiefel – wegen der Blasen. Der Pastor sagte oft zu mir, ich solle nie vergessen, daß ich nur ein kleines Würstchen sei, ein kleines Häufchen Dreck ...

„Bist du dahinten festgewachsen, he?“

„Stör ihn nicht. Er genießt die Aussicht.“

„Halt’s Maul, da kann ja kein Mensch schlafen!“

Sie unterhielten sich gedämpft im Wagen, versuchten zu scherzen. Ich starrte auf den kleinen dunklen Haufen auf dem Eis, bis er von der Dämmerung verschluckt wurde.

4

„Du bist ein guter Klarinettist, Dan Henry“, sagte Louis Schick nach einer Vormittagsprobe. „Und du würdest vermutlich auch einen guten Trompeter abgeben. Du hast den Mund dazu ...“

Das war ungefähr eine Woche nach dem Ball in Bismarck. Die Sonne schien durch ein staubiges Fenster, und die Bodenplanken knarrten unter seinen schweren Stiefelschritten. Er musterte mich von vorne und von der Seite.

„Genau die richtigen Lippen ...“

Dann nahm er die Signaltrompete von einem Haken an der Wand. Sie war ziemlich klein, und als er sie gegen seine offene Hand schlug, hörte man, wie dünn das Metall war.

„Das hier ist das Herz der Kavallerie“, erklärte er. „Die Trompeter sind diejenigen, welche das Ganze in Schwung bringen. Die Trompeter sind es, die etwas Leben in die ganze verdammte Schau da draußen hineinpusten!“

Ich stand mit meiner Klarinette in der Hand da und begriff gar nichts, bis er mir die Trompete reichte und mich aufforderte, sie auszuprobieren.

Blas nur drauflos! Sie wird schon nicht kaputtgehen!“

Es gelang mir, ein paar Töne herauszupressen. Meine Lippen kitzelten.

„So ja. Fürs erste Mal könnte es schlechter klingen. Und jetzt wieder ran ...“

Ich spannte die Lippen und preßte neue Töne hervor. Der ganze Kopf vibrierte, und für meine Ohren klang es, als ob man einem Hund auf den Schwanz treten würde, aber Louis Schick war zufrieden und sagte, daß Trompeter gebraucht würden und daß er mit dem Regimentstrompeter Hardy sprechen werde.

„Für den Anfang mußt du mindestens eine Stunde täglich blasen!“

Ich ging in einem Korridor auf und ab und blies lange Töne, bis meine Lippen gefühllos wurden und die Luft neben dem Mundstück herauszischte.

„Laß sie einfach anschwellen. Und dann halt den Ton hoch. Spann die Mundwinkel an!“

Ich blies Dreiklänge, übte einfache und schwierige Mundstellungen. Der Regimentstrompeter Bill Hardy war an den Tagen, an denen er nüchtern war, ein guter Lehrer. Sonst redete er meistens nur von Frauen, und wenn ich spielte, sagte er nur „gut so, gut so“.

Obwohl meine Lippen schmerzten, machte es mir Spaß, Trompete zu blasen. Ich hatte etwas Neues bekommen, für das ich mich begeistern konnte, ein Ziel, das ich anstreben konnte. Ich machte gute Fortschritte, und bald konnte ich alle Signale; die standen ganz hinten in einem dicken, abgegriffenen kleinen Buch, das Cavalry Drills And Tactics hieß.

Damals ahnte ich noch nicht, daß ich wegen der Trompete gezwungen sein würde, an einer Tragödie teilzunehmen, die mich beinahe mein Leben kosten und deren Ungeheuerlichkeit meine Einstellung zu den meisten Dingen ändern sollte.

Auf das Trompetespielen ging auch mein erster und einziger Besuch in Whisky Point zurück, ein Erlebnis, das mich gleichfalls stark beeindrucken sollte.

Es begann mit einem Scherz.

Eines Abends, als wir Unterricht hatten und Bill Hardy dasaß und von Frauen und von seiner Kindheit in Boston sprach, kam Otto Arndt herein, trommelte gegen die Wand und sagte, daß die süßen Püppchen in Whisky Point jetzt wohl ein sehr anstrengendes Leben führen müßten. Er sah Bill und mich auf seine herausfordernde Art an, und keiner von uns verstand so recht, was er meinte.

„Du störst den Unterricht“, sagte Bill Hardy.

„Quatsch ...“

Otto Arndt strich langsam an der Wand entlang und schlug bei jedem Schritt die Absätze in einer Art Dreivierteltakt zusammen, während er mit den Handflächen gegen die Schenkel trommelte.

Bill Hardy stöhnte.

„Merkst du denn nicht, wenn du überflüssig bist?“

„Wann haben wir zuletzt Geld bekommen?“

Otto Arndt stand jetzt ganz still und starrte Bill Hardy mit gespieltem Ernst an. Plötzlich blitzten Bill Hardys Augen ebenfalls auf.

„Meinst du ...?“

„Genau das meine ich. Wir werden die einzigen dort sein! Die rollen glatt den roten Empfangsteppich für uns aus. Die streuen uns Blumen vor die Füße. Verflixt noch mal – die machen’s doch für den halben Preis, nur um überhaupt ein bißchen angewärmt zu werden!“

„Übermorgen – ist da nicht Zahltag?“ fragte ich.

„Und keine Patrouille zu befürchten“, sagte Otto Arndt zu Bill Hardy.

„Nein, kaum. Aber – Geld?“

„Wir leihen uns welches von Frank. Ich höre nämlich immer brav und geduldig zu, wenn er von diesem Fleckchen Erde in Wisconsin spricht, das noch kein Mensch außer ihm bis jetzt entdeckt hat.“

„Du bist doch nicht ganz so dumm“, sagte Bill Hardy zu Otto Arndt.

„Wie was?“

„Wie du aussiehst. Dafür kannst du selbstredend deinem Schöpfer auf Knien danken ...“

Bill und Otto waren ungefähr gleichaltrig, vielleicht zehn Jahre älter als ich, und hatten schon einige Dienstjahre hinter sich. Ich fühlte mich jung und ausgeschlossen, und als Bill Hardy mich streng anstarrte und kommandierte: „Nimm die Trompete auf, Musiker Henry!“ wurde mir ganz heiß vor Verdruß.

Ich nahm die Trompete.

„Blas einen Dreiklang vom tiefen F zum hohen C. Aber Legato, wenn ich bitten darf. Ich will keine Stöße hören!“

Ich füllte die Lungen und arbeitete mich wütend die Oktaven hoch, bis ich ein klares, klingendes C erreichte.

„Du hast die Probe bestanden“, erklärte Bill Hardy.

„Jetzt kommt es nur darauf an, daß man anständig aussieht.“

Er rieb seine Mütze am Ärmel ab, rückte den Leibriemen zurecht und streckte sich. Die Uniform stand ihm gut. Er war lang und schlank und hatte eine gute, aufrechte Haltung, und sein etwas narbiges, regelmäßiges Gesicht paßte gut zur Schildmütze. Er war das, was man einen stattlichen Soldaten nennen könnte.

„Welche Probe?“ fragte ich.

„Glaubst du etwa, daß wir jeden x-beliebigen zu the Point mitnehmen würden, was?“ Er boxte mich leicht an die Brust. „Dieses hohe C war einen Whisky wert, Danny. Aber für das Mädchen mußt du selbst aufkommen.“

„Ich leihe dir auch ein paar Dollar“, sagte Otto Arndt. Bill Hardy schlug die Absätze zusammen und nahm stramme Haltung an. „In zehn Minuten bei der Bäckerei! Ausrüstung: Mäntel und geliehenes Geld!“

Als ich meinen Mantel aus der Mannschaftsstube holte, wollte Conrad Beck wissen, was ich vorhätte, und ich berichtete es ihm mit einer gewissen Genugtuung.

Er sah mich etwas fragend an.

„Bill Hardy und Otto Arndt wollen mich mitnehmen“, sagte ich.

„Sind sie nüchtern?“

„Es wirkt so. Einigermaßen, wenigsten.“

„So, so ...“

Sein Verhalten beunruhigte mich. Irgendwie hatte ich wieder das Gefühl, ihn zu enttäuschen, daher fragte ich, ob er nicht mitkommen wolle.

„Zu the Point? Nein ...“

Er schüttelte den Kopf, lächelte sein nach innen gekehrtes Lächeln und spielte weiter mit seinen Würfeln. Fort Lincoln war ganz offen, so daß es einfach war, unbemerkt zum Fluß hinunterzukommen.

„Heute abend, Danny, mein Lieber!“ sagte Otto Arndt. „Du bist doch noch nie dagewesen, oder?“

„Nein.“

Mir war nicht ganz klar, was er meinte, aber ich hatte so meine Vermutungen, und als wir über die verschneite Eisdecke des Missouri gingen und die gelblichen Lichter von Whisky Point in der Dämmerung immer größer wurden, überfiel mich eine eigenartige Erregung.

5

Ich weiß nicht mehr, wie das Haus aussah, aber an den Indianer, der an die Wand gelehnt stand, kann ich mich gut erinnern. Ein Zipfel seines Hemdes hing unter der Decke hervor, in die er gehüllt war. Sein Gesicht war flach und blank und ausdruckslos. Wie ein dunkles, krankes Gewissen stand er dort, wie ein Zeichen dafür, daß etwas nicht in Ordnung war ...“

Bretterwände, mit ein paar aufgehängten Waffen, ein Bild von einem Pferd, ein rostiger Eisenofen, Sägemehl auf dem Boden, eine lange Bartheke, an der ein Mann in einem karierten Hemd vor seiner Freundin schwadronierte und sich dabei mit den Händen durchs Haar fuhr ...“

„Halloo! Hier kommen ja unsere Krieger!“

Aus irgendeinem Grund weiß ich noch, daß der Mann hinter der Theke einen glatten Ring an der rechten Hand trug: vielleicht, weil ich vor verheirateten Männern einen gewissen Respekt empfand, vor Männern, die mit einer Frau zusammenlebten, die wußten ...“

„Das sind doch die Musikanten, was?“ Er hatte unsere dunkelblauen Jackenaufschläge bemerkt.

„Ja, Musik muß sein. Die erste Runde geht auf Rechnung des Hauses!“

Wir tranken Whisky aus eckigen Gläsern, redeten und lachten albern; plötzlich scharten sich eine Menge Leute um uns, und irgend jemand spielte auf einem ungestimmten Klavier.

Otto trommelte auf der Theke.

„Siehst du den Fleck?“ Er deutete zur Tür hinüber. Durch das Sägemehl schimmerte ein dunkler, unregelmäßiger Fleck.

„Das ist die Stelle, wo sie letzte Woche auf den Jungen geschossen haben! Den in F. Du weißt doch!“

Ich wußte. Er hatte Widerstand geleistet, als die Wachpatrouille kam und der Sergeant hatte ihm in den Schenkel geschossen.

„Sind alles Schweine, die ganze Bande“, sagte Otto Arndt.

„Kaum haben sie ein paar Winkel am Ärmel, dann fühlen sie sich schon allmächtig. Hier bestimme ich, und wehe euch, wenn ihr nicht gehorcht! Wie dieser Junge zum Beispiel. Da sitzt er ganz friedlich vor seinem Glas, genau wie du und ich, und da kommt die Scheißpatrouille reingestürmt und brüllt, daß er kommen soll, und da läßt er sich vielleicht einfach ein bißchen Zeit – und liegt dann mit aufgerissener Schlagader da und verblutet!“

„Woher weißt du das alles?“ fragte ich.

„Man hat doch Ohren! Du – weißt du eigentlich, wie lange ich schon in den Klamotten hier rumlaufe?“

„Und was tun wir, wenn sie heute abend kommen?“

Der Fleck war groß. Ich fühlte mich gar nicht wohl in meiner Haut.

„Heute abend! Zwei Tage vor Zahltag! Keine Chance, Danny, keine Chance! Ich will dir was sagen, und zwar, daß ...“

Otto Arndt wurde langsam betrunken. Er schob sein Gesicht dicht an mich heran und erzählte von der Plackerei im Regiment; ich konnte die feinen blauen Adern auf seinen Nasenflügeln sehen und seinen sauren Atem riechen; als er sich kurz wegdrehte, nahm ich rasch mein Glas und setzte mich an einen der leeren Tische an der Längswand. Meine Phantasie beschäftigte sich mit dem Fleck. Er wuchs, wurde glänzend, rot und warm; ich hörte den Schuß und das Aufbrüllen des Getroffenen, sah, wie er versuchte, den Blutstrom zu stoppen. Blut und Sägespäne, Gelächter und Jammer. Der Whisky brannte mir im Magen.

Inzwischen waren die Mädchen gekommen. Sie standen an der Bartheke. Ihre Nacken zeichneten sich weiß gegen die farbenfrohen Kleider ab. Die Nähe der Mädchen hatte das Lokal verändert, den Geruch, die Geräusche. Die plötzliche übertriebene Heiterkeit an der Theke kam mir unwirklich vor, wie schlechtes Theater–, sie stimmte mich eher düster.

Eine der Frauen trug ein hellgrünes Kleid. Sie war fett und hatte dunkle Haare, die ausgebreitet über ihre Schultern fielen. Bill Hardy hatte den Arm um ihre Taille gelegt, und sie lachte mit zurückgebeugtem Kopf, kehlig und heiser.

Das erste Liebespaar.

„Na, kommst du drauf?“

Die etwas belegte Stimme weckte mich aus meinen Grübeleien. Sie stand schräg hinter mir. Ich sah sie rasch an und nahm nur wahr, daß sie blond war und ein rotes, glänzendes Kleid anhatte.

„Worauf?“ brachte ich heraus.

„Das, worüber du nachdenkst!“

Sie setzte sich zu mir. Ich weiß nicht, ob ich etwas sagte. Auf jeden Fall war mir sehr heiß. Ich führte das Glas zum Mund und entdeckte, daß es leer war.

„Willst du etwas zu trinken haben?“

„Nein ...“

Sie roch nach Parfüm und nach etwas Anderem, Warmem, und sie war sehr wirklich. Es war gar nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. In der Phantasie kann man wählerisch sein, sich das aussuchen, was man haben will; hier dagegen saß ich der Wirklichkeit gegenüber.

Während der Pianist spielte und die anderen hinten an der Bartheke grölten, fragte sie mich, wie ich hieße und woher ich käme.

„Schweden?“ sagte sie. „Ich glaube, daß eines der Mädchen in Bismarck von dort kommt. Oder vielleicht war es auch ihre Mutter.“

„Was macht sie in Bismarck?“ fragte ich.

Ich spürte, daß sie mich ansah.

„Sie ist Lehrerin. In der Sonntagsschule!“

Ich hatte etwas Dummes gesagt. The crazy Swede war wieder da.

„Wie alt bist du?“ wollte sie wissen.

„Achtzehn ...“

Meine Wangen und Lippen glühten. Sie strich mir über den Kopf. Ich bewegte meinen Kopf in ihrer Hand, und sie atmete auf eine bestimmte Art – schwer, fast einschläfernd ...“

Otto Arndt winkte mir mit einem albernen Grinsen auf seinem alkoholseligen Gesicht von der Bar aus zu.

„Na, machst du Fortschritte?“

„Scher dich um deine eigenen Angelegenheiten, du alter Bock!“ schrie die blonde Frau neben mir mit harter Stimme.

„Paß gut auf ihn auf!“ schrie Otto zurück. „Er ist sehr empfindlich.“

„Scher dich um dich selbst, hab ich gesagt!“

Ihre plötzlich so scharfe Stimme brachte mich dazu, den Arm um sie zu legen und sie an mich zu ziehen. Ich packte ihren Körper, hart, krampfhaft, drückte mein Gesicht an ihren Hals ... Der Duft von ihren Haaren und dieser andere, unbekannte Duft waren sehr stark.

„Beruhige dich ...“

Sie versuchte sich zu wehren.

„So nicht. Beruhige dich! So geht das nicht ...“

„Aber ich will!“

Sie legte mir den Arm um die Schultern, zum ersten Mal sah ich ihr Gesicht: ein ovales, ernstes Frauengesicht mit einem weichen Zug um den Mund. Ich nahm es undeutlich wahr, wie durch einen warmen Schimmer.

„Willst du wirklich?“

„Ja, ja ...“

„Aber ich muß dem Kerl da das Zimmer bezahlen.“

„Ich habe Geld ...“

Sie stand auf. Ich hielt sie am Handgelenk fest.

„Aber vielleicht bereust du es?“

„Ich bereue es nicht!“

„Na, dann komm ...“

Sie nahm meinen Arm und ging langsam mit mir die Treppe hinauf.

Das Folgende ist mir nicht mehr so deutlich in Erinnerung, aber gewisse Bilder sind noch da: das große Bett, die Vorhänge mit dem Blumenmuster, die Petroleumlampe, deren Docht sie hinunterschraubte.

Ich erinnere mich auch noch an den Glanz ihres Halses und an den Schatten, der sich an der Wand bewegte.

Dann weiß ich nur noch, wie ich halb angezogen auf dem Bett saß und in die Kerzenflamme sah, während sie sich hinter mir bewegte, mir zerstreut über den Rücken fuhr – ein fremder Mensch, dessen Namen ich nicht wußte.

Ich wollte fort. Ich wollte ihr Gesicht nicht sehen. Ich wollte dem Geruch und der Einsamkeit in dem Zimmer entrinnen. Ich wollte reden und Bier trinken.

Sie setzte sich hin und sprach über meine Hände.

„Deine Hände sind so leicht und warm, weißt du das? Du mußt auf sie aufpassen.“

Der Pianist spielte immer noch. An der Theke hingen ein paar Männer herum, aber keiner von ihnen trug eine Uniform. Ich hatte noch ein paar Cents übrig und überlegte, wann die anderen wohl herunterkommen würden und wieviel ein Bier wohl kosten konnte.

Ich war sehr durstig.

Der Mann hinter der Theke zwinkerte mir zu und lächelte ein routiniertes Lächeln. Ich stand im Sägemehl unterhalb der Treppe und wußte nicht, was ich anfangen sollte, als plötzlich ein Sergeant durch die Seitentür eintrat. Es ging blitzschnell: Er stand einfach plötzlich da vor dem Fleck, lang und dunkel und außer Atem.

„Allright“, sagte er zu einem Soldaten, der gerade zur Vordertür hereinkam. „Hier haben wir noch einen.“ Ich wurde zu einem wartenden Ambulanzkarren hinausgeführt.

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