Читать книгу: «Die Essenz der Quantenpsychologie»
Stephen H. Wolinsky
Die Essenz
der Quantenpsychologie
Durchschauen, wer wir nicht sind

Titel der amerikanischen Originalausgabe:
The beginner’s guide to quantum psychology
© Stephen H. Wolinsky, 2000
Erschienen bei: Quantum Institute, Capitola/Kalifornien
ISBN 0-9670362-3-2
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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Eschbachstraße 5
79199 Kirchzarten
Deutschland
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Stand: 2013
© VAK Verlags GmbH, Kirchzarten bei Freiburg 2001
Übersetzung: Elisabeth Liebl
Lektorat: Norbert Gehlen
Umschlag: Hugo Waschkowski
Satz: Norbert Alvermann, VAK
Druck und Bindung: Fuldaer Verlagsanstalt, Fulda
Printed in Germany
ISBN 978-3-932098-86-2 (Paperback)
ISBN 978-3-95484-128-8 (ePub)
ISBN 978-3-95484-129-5 (Kindle)
ISBN 978-3-95484-130-1 (PDF)
Inhalt
Einführung
Teil I: Die Quantenpsychologie und ihr geistiger Kontext
1. Advaita-Vedanta und die Quantenpsychologie
2. Quantenpsychologie und Quantenwelt
3. Quantenpsychologie und Buddhismus
4. Quantenpsychologie und Biologie
5. Multidimensionales Bewusstsein entwickeln
6. Falscher Kern – Falsches Selbst
7. Das Zusammenspiel von Falschem Kern und Falschem Selbst
Teil II: Die Dimensionen der Manifestation
8. Die Dimension der Außenwelt
9. Die Dimension des Denkens
10. Die Dimension des Fühlens
11. Die biologische oder animalische Dimension
12. Die essenzielle Natur
13. Das Ich bin – die Essenz der Essenz
14. Archetypen und das kollektive Unbewusste
15. Das Nicht-Ich-Ich
16. Die Leerheit des ungeteilten Bewusstseins
17. Das namenlose Absolute
18. Nachwort
19. Jenseits
Literaturverzeichnis
Über den Autor
Dieses Buch ist dem Gedenken an meinen Lehrer gewidmet, der sozusagen der »Großvater« der Quantenpsychologie ist:
Sri Nisargadatta Maharaj.
Mein Dank gilt:
Oscar Ichazo, dem Vater des modernen Enneagramms, das er das Enneagon nennt.
Alfred Korzybski, dem Begründer der allgemeinen Semantik.
Allen Horne für seine ausgezeichneten Dienste bei der Herausgabe dieses Buches.
Meiner göttlichen Leni.
Der Mensch ist dreierlei:
Er ist das,
was er selbst von sich denkt,
was andere von ihm denken und
was er wirklich ist.
(Verfasser unbekannt)
Einführung
Seit einigen Jahren werde ich immer wieder gefragt, ob ich nicht ein Buch schreiben könne, das die Quantenpsychologie für Menschen, die noch nicht mit ihr vertraut sind, leichter zugänglich macht als meine bisherigen Bücher.
Mir schwebte da eine Art Lesebuch für Einsteiger vor, etwa unter einem Motto wie »Erleuchtung für Faulpelze«. Das schien gut zu mir zu passen, da man mir schon seit Jahrzehnten sagt, dass ich im Grunde genommen ein fauler Mensch sei. Ich habe immer zur Antwort gegeben, dass ich nicht faul, sondern einfach nur reif sei. Und sehr vereinfacht gesagt geht es in der Quantenpsychologie um innere Reife. Um die Reife, die uns befähigt, uns selbst anzusehen und für unsere Entscheidungen die Verantwortung zu übernehmen, indem wir die Konsequenzen tragen. Auf diese Weise gelangen wir über unsere bewusste Vorstellung von uns selbst hinaus. Wir lassen das, was wir zu sein glauben, hinter uns.
Die Fragen nach diesem Buch gaben mir Gelegenheit, mich mit allem, was ich bereits veröffentlicht hatte (etwa 3000 Buchseiten) auseinander zu setzen. Ich musste auswählen, was unabdingbar ist, und entscheiden, was weniger wichtig ist. Ich musste die Quantenpsychologie kurz und knapp fassen, unter Verzicht auf Details und Fallbeispiele. Ich habe dabei diejenigen Prinzipien entdeckt, die ich hier salopp die »größten Hits der Quantenpsychologie« nennen möchte.
Die Arbeit fiel mir nicht schwer. Ich musste sozusagen nur das A und O der Quantenpsychologie festlegen. Mein Ziel war dabei, sie weitgehend zu vereinfachen. In der Quantenpsychologie geht es vor allem darum, dass Sie erkennen, wer Sie wirklich sind, indem Sie Stück um Stück feststellen, dass Sie all das nicht sind, was Sie zu sein glauben oder sich vorstellen. Und am Ende bemerken Sie, dass es hinter all diesen Glaubenssätzen über uns selbst kein Ich und keine transzendentale Wesenheit gibt.
Also, hier geht’s zum Nichts. Viel Spaß auf der Reise!
In Liebe
Ihr Stephen
September 1999
Teil I
Die Quantenpsychologie und ihr geistiger Kontext
Herauszufinden, wer Sie sind, hat nichts zu schaffen mit Vorstellungen wie: mehr sein, mehr tun, mehr haben, mehr darstellen, mehr schaffen, der Beste sein, die eigene »Berufung« finden oder finanziellen Erfolg sicherstellen.
Herauszufinden, wer Sie sind, bedeutet nur, dass Sie erkennen, dass alles und jedes auf dieser Welt aus derselben Substanz besteht. Dass also auch Sie Teil der einen Substanz sind.
1
Advaita-Vedanta und die Quantenpsychologie
In Indien gibt es im Wesentlichen zwei Wege der Selbstfindung: Advaita und Vedanta. Advaita oder nichtduales Gewahrsein heißt, dass man sich der Tatsache gewahr wird, dass es nur eine Substanz, eine Wirklichkeit und nicht etwa zwei oder mehrere gibt. Dies ist mit »Nichtdualität« gemeint. Die sinnvollste Definition von Vedanta besagt, dass man erkennt, wer man ist, indem man sich von allen Vorstellungen trennt, die man in Bezug auf sein eigenes Selbst hegt. In Sanskrit nennt man dies neti-neti, also »weder dies noch jenes« oder »nicht so und nicht so«. Die Veden gelten als die heiligsten Texte Indiens. Vedanta bedeutet: das Ende der Veden.
Das Ziel der Quantenpsychologie
Die Quantenpsychologie unterscheidet sich von anderen Richtungen der Psychologie ganz wesentlich, weil ihre Zielvorstellung eine andere ist. Hier geht es darum herauszufinden, wer Sie wirklich sind. Der Weg dorthin führt über den Abbau (neti-neti) eines innerseelischen Systems, das wir »Falscher Kern« und »Falsches Selbst« nennen, hin zum Aufbau »multidimensionalen Bewusstseins«. Was diese Begriffe bedeuten, werden Sie nach und nach erfahren.
Die Quantenpsychologie will Sie also nicht besser oder tugendhafter machen. Sie lehrt Sie auch nicht, wie Sie befriedigende Beziehungen eingehen, mehr Geld machen oder mit Ihrem Leben besser zurechtkommen können. Es geht vielmehr um die Entwicklung von Bewusstheit, sodass Sie entdecken, wer Sie sind, und zwar jenseits der Bewusstheit selbst.
Multidimensionales Bewusstsein bedeutet, dass wir uns der acht Dimensionen gewahr werden, in denen sich das Bewusstsein manifestiert. Die Quantenpsychologie geht davon aus, dass die Entwicklung multidimensionalen Bewusstseins bei der Suche nach unserem Selbst sehr hilfreich sein kann. Ich beschränke mich hier auf ein »kann«, denn eine Garantie gibt es trotz allem nicht.
Ich habe sechs Jahre lang in Indien gelebt und bin dort bei mehreren Gurus und Meditationsmeistern sozusagen in die Lehre gegangen. 1979 lernte ich Sri Nisargadatta Maharaj kennen, der zu meinem wichtigsten Lehrer und spirituellen Mentor wurde. Er lehrte mich Folgendes: »Der einzige Weg herauszufinden, wer du bist, ist zu entdecken, wer du nicht bist.« Also wieder das Prinzip des neti-neti. Nisargadatta Maharajs wichtigster Grundsatz spiegelt sich in der Quantenpsychologie wider: »Alles, was du zu sein glaubst, bist du nicht.« Zu seinen Lebzeiten wurde leider nur eines seiner Bücher veröffentlicht: Ich bin. Dies ist unzweifelhaft einer der bedeutendsten spirituellen Texte unserer Zeit. Er war sowohl Meister des Advaita-Vedanta als auch des Jnana-Yoga. Jnana-Yoga ist Sanskrit und bedeutet: Pfad des Wissens. Tatsächlich könnte man eher von einem »Pfad des Verlernens« sprechen. Wie sagte schon in Krieg der Sterne Meister Yoda zu seinem Schüler Luke Skywalker: »Du musst vergessen, was du gelernt hast.« Advaita bedeutet, dass alles nur aus einer Substanz besteht und dass es nur diese eine Substanz gibt. Spiritualität im Zeichen des Advaita bedeutet daher, dass wir genau dies erkennen. Nisargadatta Maharaj drückte dies so aus:
Am Anfang war das absolute Nichts. Dann verdichtete sich innerhalb dieses Nichtseins das Ich bin. Und eines Tages wird das Ich bin verschwinden, sich einfach auflösen in dieses Nichts hinein. Dann wird wieder das absolute Nichts herrschen.
Nisargadatta Maharaj und die Quantenpsychologie
Persönlichkeit ist nichts weiter als eine falsch verstandene Identität.
Nisargadatta Maharaj
Die Quantenpsychologie nähert sich dem eigenen Selbst mit einem Prozess der Selbstbefragung an, in dessen Verlauf wir feststellen, dass wir all das nicht sind, was wir zu sein glauben. Dieses Modell geht auf den Einfluss Nisargadatta Maharajs zurück. Das ständige Infragestellen zieht unsere Aufmerksamkeit von dem ab, was wir als unsere Persönlichkeit wahrnehmen. Auf diese Weise wird sie frei für die Entdeckung, dass Befrager und Befragter, Gewahrsein und Gewahrseiender letztlich eins sind. Sie verschmelzen in der allem zu Grunde liegenden Schicht der einen Substanz, die jenseits aller Bewusstseinsdimensionen liegt.
Daher ist die Quantenpsychologie sozusagen ein Nebenprodukt von Nisargadatta Maharajs Lehren, die auf dem Advaita-Vedanta beruhen. Die grundlegenden quantenpsychologischen Prinzipien lassen sich so zusammenfassen:
• Advaita (Nichtdualität) ist die Grundlage von allem.
• Es gibt nur eine Substanz, eine Wirklichkeit, nicht zwei oder mehrere.
• Vedanta ist der Prozess.
• Neti-neti charakterisiert die Methode: »Weder dies, noch jenes.«
Das Herz der Quantenpsychologie
Dies sind die neun quantenpsychologischen Prinzipien von Nisargadatta Maharaj:
1. Es gibt nur eine Substanz, eine Wirklichkeit.
2. Alles, was du über dich zu wissen glaubst, stammt nicht aus dir selbst. Lass es also los.
3. Stelle alles in Frage. Glaube nichts.
4. Wenn du herausfinden willst, wer du bist, musst du erforschen, wer du nicht bist.
5. Wenn du etwas loslassen willst, musst du zuerst wissen, was es ist.
6. Der Erfahrende steckt in der Erfahrung selbst.
7. Alles, was du zu sein glaubst, bist du nicht.
8. Halte dich an dein Ich bin. Lass alles andere los.
9. Alles, was du über dich weißt, kannst du nicht sein.
Diese neun Prinzipien bilden den Kern der Quantenpsychologie.
Das Ich bin
Bevor wir nun fortfahren, möchte ich noch genauer erläutern, was Nisargadatta Maharaj meinte, als er sagte, wir sollten uns an unser Ich bin halten und alles andere loslassen.
Vor dem Auftauchen jeglicher Gedanken waren »Sie« da, im zustandslosen Zustand des Ich bin, in dem das Sein keine Attribute hat. Wenn dann Gedanken, Gefühle oder was auch immer sozusagen wie Wolken am leeren Himmel des Geistes aufsteigen, dann ist dieser zustandslose Zustand immer noch da. Und wenn Gedanken und Assoziationsketten wieder verschwinden, ist er immer noch da. Daher sollen wir uns an unser tiefstes Sein halten und alles andere gehen lassen.
Wenn Sie es wirklich erfahren wollen, schließen Sie die Augen und achten Sie darauf, was geschieht, wenn Sie Ihren Gedanken, Erinnerungen, Emotionen, Wahrnehmungen, Absichten, Assoziationen und so weiter keine Aufmerksamkeit schenken. Dieser leere Raum liegt vor allem Denken. Wenn Nisargadatta Maharaj sagt, dass wir alles, was wir zu sein glauben, nicht sind, dann meint er damit, dass wir schon vor unseren Gedanken, Erinnerungen etc. existieren, im zustandslosen Zustand (oder »Nicht-Zustand«) des nonverbalen Ich bin.
Um mit dieser Schicht Ihres Seins in Kontakt zu kommen, müssen Sie die Aufmerksamkeit von allem abziehen, was Sie gewöhnlich zur Informationsbeschaffung und -verarbeitung nutzen. Sie gehen auf Ihre Gedanken, Erinnerungen, Gefühle, Assoziationen, Wahrnehmungen, Absichten etc. einfach nicht mehr ein. Wenn Sie das tun, werden Sie Bekanntschaft mit einer natürlichen Leere schließen, die allem vorausgeht. Anfangs erleben Sie diese Erfahrung vielleicht nur für den Bruchteil einer Sekunde, nachdem Sie alles, was Sie gewöhnlich beschäftigt, beiseite geschoben haben. Doch je häufiger Sie in diesem zustandslosen Zustand verweilen, desto mehr werden sich diese Augenblicke ausdehnen und vertiefen. Und Sie erfahren das Ich bin. Für den Anfang aber genügt es, wenn Sie überhaupt bemerken, dass vor Ihrem Denken, Empfinden, Wahrnehmen etc. tatsächlich etwas existiert.
Übung zum Entdecken des Ich bin: Der erste Schritt
(Bitten Sie einen Freund, eine Freundin oder eine andere Person, Sie durch diese Übung zu geleiten. Ein Freund wird Sie natürlich mit »du« ansprechen.)
Schließen Sie für eine Weile die Augen.
• Lassen Sie Ihre Gedanken, Erinnerungen, Emotionen, Assoziationen, Wahrnehmungen, Zielvorstellungen, Absichten beiseite und beantworten Sie sich folgende Frage: Sind Sie ein Mann? Oder eine Frau? Oder keines von beiden?
• Achten Sie nicht auf Ihre Gedanken, Erinnerungen, Emotionen, Assoziationen, Wahrnehmungen, Zielvorstellungen, Absichten und beantworten Sie sich folgende Frage: Sind Sie begrenzt? Sind Sie unbegrenzt? Oder keines von beiden?
• Ohne auf Ihre Gedanken, Erinnerungen, Emotionen, Assoziationen, Wahrnehmungen, Zielvorstellungen, Absichten zurückzugreifen beantworten Sie sich folgende Frage: Sind Sie klar definiert? Sind Sie nicht klar definiert? Oder keines von beiden?
• Ohne Gedanken, Erinnerungen, Emotionen, Assoziationen, Wahrnehmungen, Zielvorstellungen, Absichten: Was ist Heilung?
• Ohne Gedanken, Erinnerungen, Emotionen, Assoziationen, Wahrnehmungen, Zielvorstellungen, Absichten: Was ist es, das geheilt werden muss?
• Ohne Gedanken, Erinnerungen, Emotionen, Assoziationen, Wahrnehmungen, Zielvorstellungen, Absichten: Was bedeutet Existenz oder Nichtexistenz? Haben diese beiden Begriffe überhaupt irgendeine Bedeutung?
• Ohne Gedanken, Erinnerungen, Emotionen, Assoziationen, Wahrnehmungen, Zielvorstellungen, Absichten: Lauschen Sie dem Klatschen der einen Hand (wie es in einem berühmten Zen-Koan heißt)!
• Nun sind wir am Ende und gleich werde ich (der die Anleitung gibt), Sie/dich bitten die Augen zu öffnen und in diesen Raum zurückzukehren, während Sie mit einem Teil Ihrer Aufmerksamkeit im Nicht-Zustand des Ich bin bleiben, in dem es weder Gedanken noch Erinnerungen, weder Gefühle noch Assoziationen, weder Wahrnehmungen noch Absichten gibt. Wenn Sie die Augen öffnen, kann ein Teil Ihres Bewusstseins weiterhin das reine Sein wahrnehmen, während der andere Teil in diesen Raum zurückkehrt. Sobald Sie nun dafür bereit sind, schlagen Sie die Augen auf …
Willkommen
im zustandslosen Zustand des
Ich bin!
2
Quantenpsychologie und Quantenwelt
Der Beobachter ist mit der beobachteten Realität untrennbar verbunden.
Werner Heisenberg
Alles ist leer. Form ist verdichtete Leere.
Albert Einstein
Das Nichts ist der Baustein des Universums
John Wheeler
Das Universum ist ein Ganzes, dessen Teile unauflösbar miteinander verbunden sind.
David Bohm
Es gibt keine lokalen Ursachen.
John Stuart Bell
2500 Jahre bevor Einstein schrieb, dass alles leer sei und dass Form verdichtete Leere sei, hielt das buddhistische Herzsutra fest: »Form ist nicht verschieden von Leerheit. Leerheit ist nicht verschieden von Form.« Aber was soll das bedeuten? Und können wir diese Aussage überhaupt überprüfen? Stellen Sie sich vor, Sie könnten einen Blick in die Welt der Quanten, also der unendlich kleinen Teilchen werfen. Dann würden Sie entdecken, dass das, was Sie für einen Stuhl oder eine ähnlich klar definierte Einheit halten, nichts weiter ist als leerer Raum mit ein paar winzigen Teilchen, die sich darin bewegen. Das folgende Beispiel soll Ihnen verdeutlichen, wie viel Leerheit in unserer Umgebung zu finden ist. Stellen Sie sich ein Elektron vor, das um einen Atomkern kreist. Dieses Elektron soll hier die Erde darstellen, der Atomkern die Sonne. Doch um die Abstände (den leeren Raum) in einem Atom auch nur annähernd stimmig wiederzugeben, müsste die Erde noch sehr viel weiter von der Sonne entfernt sein, als sie es ohnehin schon ist. So viel Leerheit umgibt uns. Dies bedeutet, dass auch die Dinge, die unserem Alltagsblick (also unserem Nervensystem als Zentrum der Wahrnehmung) fest erscheinen, in Wahrheit sehr, sehr leer sind.
Die eine Substanz ist also letztlich diese eine Leerheit. Und wenn wir uns von unseren alltäglichen »Brillen« und Wahrnehmungsmustern trennen, können wir sie erkennen. Dasselbe gilt für den Prozess der Selbsterforschung. Wir entdecken dann die eine Substanz, das heißt: Wir realisieren, wer wir wirklich sind.
3
Quantenpsychologie und Buddhismus
Was hat denn nun buddhistisches Gedankengut mit der Quantenpsychologie zu tun? Oder sollten wir dieses Kapitel lieber überschreiben mit: Was Sie schon immer über Buddhismus wissen wollten, aber nie zu fragen wagten? Wie Sie in der Folge sehen werden, gibt es zwischen Buddhismus und Quantenpsychologie eine Menge Übereinstimmungen. Einige zentrale buddhistische Lehrsätze sind:
1. Form ist nicht verschieden von Leerheit. Leerheit ist nicht verschieden von Form.
2. Wer nach dem Nirwana sucht, ist unwissend. Wer nach Samsara strebt, ist ebenso unwissend. Warum? Es gibt nur eine Wirklichkeit, eine Substanz. Nirwana ist Samsara und umgekehrt.
3. Es gibt keine individuelle Seele, die von Existenz zu Existenz wandert. Weshalb? Nun, es gibt nur eine Substanz, daher kann es weder ein Selbst noch eine individuelle Seele geben – nur eine Seele bzw. eine Substanz.
4
Quantenpsychologie und Biologie
Warum wir die allem zu Grunde liegende Einheit der Leerheit nicht einfach »bekommen« können
Der Grund, warum wir glauben, von einer soliden, festen Welt umgeben zu sein, ist der, dass unser Nervensystem diese Welt so erscheinen lässt. Moshe Feldenkrais sagte einmal, dass die Aufgabe des Nervensystems sei, das Chaos zu organisieren. Das Nervensystem nimmt sich des scheinbaren Durcheinanders der Leerheit an und macht daraus das, was wir als unser Selbst und unsere Umwelt wahrnehmen. Aber vor diesem Organisationsprozess ist alles Leerheit. Denn Form ist nichts anderes als verdichtete Leerheit, und es gibt schließlich nur eine Substanz.
Die Quantenpsychologie ist weder ein Allheilmittel noch eine Art Blitzkur.
Und sie eignet sich nicht für jeden. Es gibt Menschen, bei denen sie wirklich gute Ergebnisse erzielt. Aber es gibt auch solche, bei denen dies nicht der Fall ist.
Als Quantenpsychologe hoffe ich, dass die Entwicklung eines multidimensionalen Bewusstseins Ihnen hilft zu entdecken, wer Sie wirklich sind. Doch es kann auch anders kommen. Und daher möchte ich hier noch einmal betonen, dass es keinerlei Garantien gibt und dass kein Mensch diese je geben kann.
Letztendlich verschwindet – zusammen mit dem Bewusstsein selbst – auch das Individuum, das den Prozess durchläuft, das herausfinden will, wer es ist, indem es entdeckt, wer es nicht ist. Auf diese Weise löst sich sogar der Suchende in Luft auf.
5
Multidimensionales Bewusstsein entwickeln
Vereinfachte Darstellung der Dimensionen von Manifestation und Bewusstsein
Dimension der äußeren Welt
Dimension des Denkens
Dimension des Fühlens
Biologisch-animalische Dimension
Essenzielle Natur
Ich bin
Kollektiv-archetypischer Bereich
Nicht-Ich-Ich
Leerheit
Namenloses Absolutes
Jenseits
Die acht Dimensionen des Bewusstseins
Der erste Schritt auf dem Weg zur Selbsterkenntnis ist die Befreiung unserer Aufmerksamkeit durch die Entwicklung multidimensionalen Bewusstseins.
Ein berühmter Sufimeister namens Idries Shah sagte einmal, dass wir nicht frei sind, solange wir keine Kontrolle darüber haben, wohin unsere Aufmerksamkeit wandert. Wenn Ihre Aufmerksamkeit unbewusst darauf fixiert ist, mit den Strategien des Falschen Selbst die Grundproblematik des Falschen Kerns zu überspielen (siehe nächstes Kapitel), dann mag es schwierig werden wirklich frei zu handeln, vor allem wenn dabei auch noch eine so genannte Spiritualisierung ins Spiel kommt. (Anmerkung des Verlags: Falsches Selbst und Falscher Kern sind für den Autor zentrale Begriffe, die er auf seine eigene Weise definiert. Deshalb werden sie hier durchgängig groß geschrieben.) Bei der »Spiritualisierung« deklariert man Situationen als »spirituell«, um sich auf diese Weise vor unwillkommenen Gefühlen oder Gedanken in Bezug auf die erlebte Wirklichkeit zu schützen. Die Befreiung unserer Aufmerksamkeit führt letztlich zu einer subjektiven Erfahrung von Freiheit. Dies funktioniert aber nur, wenn wir der acht Dimensionen des Bewusstseins gewahr werden und erkennen, wie sie funktionieren bzw. welche Aufgabe sie haben.
In den folgenden Kapiteln werden die einzelnen Dimensionen ausführlich beschrieben. Dazu gibt es Übungen und Fallbeispiele. Da das Verständnis der acht Bewusstseinsdimensionen in der Quantenpsychologie so grundlegend ist, werden wir ihnen in diesem Buch immer wieder begegnen.
Es gibt acht Dimensionen des Bewusstseins sowie drei Dimensionen, die über das individuelle Bewusstsein hinausgehen:
1. die Dimension der äußeren Welt
2. die Dimension des Denkens
3. die Dimension des Fühlens
4. die biologisch-animalische Dimension
5. die essenzielle Natur
6. das Ich bin
7. das kollektive Unbewusste
8. das Nicht-Ich-Ich
Die drei Dimensionen jenseits der Bewusstseinsgrenze sind:
• die Leerheit
• das namenlose Absolute
• der Bereich jenseits von allem
G. I. Gurdjieff, der den »vierten Weg« lehrte, sagte zu seinem bekannten Schüler P. D. Ouspensky (1949), einmal sinngemäß: Wenn meine Aufmerksamkeit auf die äußere Welt gerichtet ist, dann bin ich wie ein nach außen gerichteter Pfeil. Wenn ich die Augen schließe und in mich hineinsinke, wird meine Aufmerksamkeit zu einem nach innen gerichteten Pfeil. Jetzt versuche ich, beides gleichzeitig zu tun – den Pfeil nach innen und außen zu richten – und stelle sofort fest, dass das unglaublich schwierig ist. Nach ein, zwei Sekunden vergesse ich entweder die äußere Welt und verliere mich in einem Tagtraum oder ich vergesse mich und gehe in dem auf, was ich betrachte.
Gurdjieff nannte diesen Vorgang »Selbsterinnerung«. Die Quantenpsychologie fordert aber, dass Sie sich auf drei oder mehr Dimensionen konzentrieren. Daher müssen Sie die Qualitäten jeder einzelnen Dimension und deren Funktion in Ihrem Leben kennen lernen.
Vom Verwechseln der Ebenen
Ein Sufimeister besuchte einmal ein bestimmtes Dorf und einer seiner Schüler machte sich auf, ihn zu sehen. Er ritt Meile um Meile durch die Wüste, bis er endlich in dem Dorf anlangte. Dummerweise fand er nichts, wo er sein Kamel hätte anbinden können. Doch da er ein eifriger Schüler war, ließ er das Kamel einfach, wo es war, und rannte dorthin, wo der Guru sich aufhielt. Sie sprachen stundenlang miteinander, bis es für den Schüler Zeit war weiterzuziehen. Da blickte der Lehrer um sich und entdeckte, dass vom Kamel seines Schülers weit und breit nichts zu sehen war. Also fragte der Sufimeister: »Wo ist dein Kamel?« Der Schüler gab zur Antwort: »Nun, ich konnte keinen Platz finden, wo ich es anbinden konnte, also überließ ich es Gott dafür zu sorgen.« »Ausgezeichnet«, antwortete der Sufimeister, »wirklich ausgezeichnet. Du sollst tatsächlich alles Gott überlassen. Aber beim nächsten Mal überlässt du alles ihm und bindest das Kamel selbst an.« Dies ist ein klassisches Beispiel dafür, was geschieht, wenn man die Dimensionen des Bewusstseins und der Manifestation durcheinander bringt. Hier wurde die Dimension der Leerheit mit jener der äußeren Welt verschmolzen. Also: Legen Sie Ihr Leben ruhig in Gottes Hände. Aber vergessen Sie nicht, das Kamel festzubinden!
Jede der acht Dimensionen hat eine unterschiedliche Funktion. Die Aufgabe meiner rechten Hand ist es zu schreiben, mein Mund hingegen ist zum Essen da. Ich kann meine Nahrung nicht verdauen, wenn ich sie nur in der Hand halte. Und ich kann nicht schreiben, wenn ich den Füller in den Mund stecke. Beides ist nicht funktional. Daher müssen Sie die Funktion jeder dieser Ebenen kennen. Je mehr Dimensionen Ihre Aufmerksamkeit umfasst, desto umfassender wird das Gefühl der persönlichen Freiheit sein, das Sie erfahren. Je geringer die Anzahl der Dimensionen, deren Sie sich bewusst sind, umso blasser wird Ihre persönliche Freiheit geraten. Diese Verwechslung der Ebenen ist ein klassisches Problem in New-Age-Gruppierungen. So gibt es zum Beispiel Menschen, die glauben, wenn sie nur lange und intensiv genug an Geldströme dächten, dann würden diese sich wie von selbst in ihrem Leben manifestieren. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie jemanden getroffen, bei dem dies wirklich funktioniert hätte. Als ich damals aus Indien zurückkam, teilte ich das Büro mit einem Mann, der Workshops hielt, in denen Geld visualisiert wurde. Schwierig war nur, dass er seine Miete nie pünktlich bezahlen konnte. Er verschmolz die Dimension des Denkens (die Welt der mentalen Bilder) mit der äußeren Welt. Wenn ich mir vorstelle, dass ich Astronaut bin, dann bedeutet dies noch lange nicht, dass ich tatsächlich einer bin. Es handelt sich dabei nur um schlichte Fantasie, und obwohl sie auf der Ebene des Denkens ihre Wahrheit besitzen mag, so bezieht diese Wahrheit sich doch nicht auf die äußere Welt.
Quantenpsychologisches Prinzip:
Was sich in der einen Dimension als richtig erweist, muss für die andere keineswegs stimmen. Und werden die Ebenen verwechselt oder verschmolzen, so kann das zu Problemen führen.
6
Falscher Kern – Falsches Selbst
Wir haben nicht Angst vor der Erfahrung selbst, wir fürchten nur das, was wir ihr an Bedeutung zuordnen.
Stephen H. Wolinsky
An dieser Stelle sollten wir, denke ich, klären, wohin die Reise geht. Mit anderen Worten: Ich möchte Ihnen hier erläutern, was die Begriffe »Falscher Kern« und »Falsches Selbst« bedeuten und welche Funktion sie in unserem Leben haben.
Quantenpsychologisches Prinzip:
Alles, was Sie zu sein glauben, sind Sie nicht. Ihr Selbst geht über das, was Sie über sich denken, weit hinaus. Dass Sie etwas benennen können bedeutet nicht, dass Sie es wirklich kennen. Sie kennen nur den Namen, den Sie diesem Faktum gegeben haben. Die Ideen, die Sie hinsichtlich eines bestimmten Gegenstandes oder Sachverhaltes hegen, sind nicht dieser Gegenstand oder Sachverhalt.
Wenn wir unsere Bewusstheit der verschiedenen Ebenen stabilisieren wollen, müssen wir das System von Falschem Kern und Falschem Selbst, mit dem wir leben, verstehen, aufarbeiten, hinter uns lassen und befreien. Der Falsche Kern ist die eine Grundannahme, die Sie in Bezug auf Ihre Person hegen. Um diese herum organisiert sich Ihre gesamte Persönlichkeit. Der Falsche Kern ist das, was Sie mit dem Wörtchen »ich« meinen, wenn Sie von sich selbst sprechen. Er repräsentiert, wie Sie die Welt sehen und wie Sie glauben gesehen zu werden. Und er steht für das Bild, das Sie von sich selbst haben. Der Falsche Kern ist der Leim, der Ihr Ich zusammenhält. Das Falsche Selbst hingegen ist bereits eine Reaktion auf diese Kernanschauung, der Versuch den Falschen Kern zu verstecken, in Ordnung zu bringen, mit einem Wort zu kompensieren. Jeder Versuch der Kompensation aber verstärkt letztlich nur dieses System, das Sie sich nicht zweiteilig vorstellen dürfen: Falscher Kern und Falsches Selbst sind eine Einheit, sie funktionieren nur miteinander.
Eine erste Charakterisierung des Falschen Kerns
Der Falsche Kern ist die eine Schlussfolgerung, die Sie einmal über sich selbst gezogen haben und die nun Ihre ganze Persönlichkeit organisiert und prägt – jeden Gedanken, jedes Gefühl, jede Handlung, Fantasie, Reaktion etc. Diese Kernanschauung drückt auch aus, wie Sie glauben von Ihrer Umwelt wahrgenommen zu werden. In Die alltägliche Trance (1993) habe ich ihn das Organisationsprinzip genannt. Da der Falsche Kern unsere Sicht der Welt, unser selbst, unsere Vorstellung davon, wie wir gesehen werden, und damit unsere gesamte Gefühlswelt entscheidend beeinflusst, möchte ich seine Bedeutung noch etwas ausführlicher erläutern.
Es ist entscheidend wichtig, die durch den Falschen Kern repräsentierte Schlussfolgerung genau zu untersuchen, denn falls Sie an eine falsche Grundannahme glauben, müssen alle Schlüsse, die Sie daraus ziehen, ebenfalls falsch sind. Es ist, als hätten Sie ein Haus auf Sand gebaut und würden versuchen, das »Grund«-Problem zu lösen, indem Sie einige neue Backsteine einsetzen. Die Backsteine stünden dann für psychologisch oder spirituell orientierte Versuche, Ihrer Persönlichkeit mehr Stabilität zu verleihen. Doch weil das Haus auf einem so schlechten Fundament steht, wird es den Stürmen des Lebens (Einflüssen von außen) nicht standhalten.
Bereits Freud meinte, dass alle Traumata aus Ketten früherer, ähnlicher Ereignisse bestehen. Dies bedeutet, dass unsere Persönlichkeitsstruktur unsere tägliche Erfahrung nach früheren Erfahrungen organisiert. Sie nimmt, was ähnlich scheint, und macht daraus ein Muster. Mit anderen Worten: Das Nervensystem hat die Tendenz zu assoziieren und zu verallgemeinern. Beispiele hierfür sind: »Alle Männer sind …« Oder: »Alle Frauen sind …« Und: »Alle Beziehungen sind …« Oder: »Alle Türken (Chinesen, Inder) sind …« (Die Lücke können Sie jeweils nach Belieben füllen!)
Das Nervensystem schafft die Illusion, dass Dinge, Ereignisse oder Menschen einander ähneln. Dann verallgemeinert es, indem es sie so erscheinen lässt, als wären sie wirklich gleich, auch wenn sie es gar nicht sind. Dieser Mechanismus, der uns beim Überleben hilft, ist fest im Nervensystem verankert. Denken Sie an das berühmte Zen-Sprichwort, das besagt:
»Man steigt nie zwei Mal in denselben Fluss …«
Quantenpsychologisches Prinzip:
Die unrichtige Schlussfolgerung, die sich im Falschen Kern niederschlägt, kann nur zu immer weiteren falschen Schlüssen und scheinbaren Lösungen führen, da die Schlüsse und Lösungen ja nicht in der gegenwärtigen Realität verwurzelt sind. Die Lösungsversuche gründen in einer falschen Schlussfolgerung.
Den Falschen Kern abbauen
Wenn Sie entdecken wollen, wer Sie wirklich sind, kann es hilfreich sein, die psychische Struktur von Falschem Kern und Falschem Selbst aufzulösen.
Die Quantenpsychologie beschäftigt sich mit dem Falschen Kern, weil er die gesamte Persönlichkeit organisiert. Entdecken wir den Falschen Kern, so wissen wir zumindest, wer wir zu sein glauben, aber nicht sind. Doch wie Sie sicher noch wissen, ist Ziel und Zweck der Quantenpsychologie herauszufinden, wer wir wirklich sind. Wenn Sie die innerseelische Struktur von Falschem Kern und Falschem Selbst entdeckt haben, wissen Sie, wer Sie zu sein glauben. Diese Erkenntnis können Sie dann loslassen. (Prozess des neti-neti) Also finden wir heraus, wer wir sind, indem wir zuerst entdecken, wer wir nicht sind. Zu diesem Zweck entwickeln wir die acht Dimensionen des Gewahrseins, dann das Gewahrsein der Leere und des namenlosen Absoluten. An diesem Punkt lassen wir die Dimensionen des Bewusstseins und auch die Quantenpsychologie hinter uns.
Der Falsche Kern entzieht sich Ihrem Blick, weil Sie glauben, dieser Kern zu sein. Er kann die unterschiedlichsten Formen annehmen. Mögliche Grundannahmen über sich selbst sind beispielsweise: »Ich fühle mich unzulänglich.« – »Ich fühle mich wertlos« Und: »Ich fühle mich allein.« Diese Kernanschauungen werden nie in Frage gestellt, da sie so sehr in unsere Psyche eingewoben sind, dass wir sie gar nicht mehr erkennen. Sie sind transparent und lenken unseren Blick durch eine Glaswand, die wir gar nicht bemerken. Ihr Blick wird also immer durch diese Wand getrübt (Trübsal!), dieses Muster, von dem Sie glauben, es sei Sie. Dass Sie eine Brille tragen, bemerken Sie gar nicht.
Der Falsche Kern ist die eine Idee (Vorstellung), die Sie sich von sich selbst entworfen haben. Daraus entsteht dann eine bestimmte Struktur, ein System von Glaubenssätzen, das letztlich Ihren gesamten psychischen Rahmen prägt.
Es gibt nur einen Falschen Kern, doch dieser führt zu einer Menge von Versuchen, sich gegen die zu Grunde liegende schmerzhafte Erkenntnis zu schützen. Schützen heißt kompensieren oder Widerstand leisten.
Freuds so einfacher und doch tiefgründiger Gedanke von den Ketten, die von früheren, ähnlichen Ereignissen ausgehen, ist in der modernen Psychologie zum Basiskonzept geworden. Auch die Quantenpsychologie stützt sich darauf. Denn die Tendenz des Nervensystems, Ereignisse in bestimmte Kategorien einzuteilen und sie so zu verallgemeinern, ist grundlegend für die Struktur des Falschen Kerns. Was daraus folgt, nennt die Quantenpsychologie eine Assoziationstrance.
Ursprung und Bedeutung des Falschen Kerns
Der Anfang
Wie entsteht der Falsche Kern? Zum besseren Verständnis können wir uns hier einer besonderen Brille bedienen, nämlich der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie. Doch auch dabei sollten wir nicht aus den Augen lassen, dass es sich um eine Brille handelt, eine Landkarte, mit deren Hilfe wir ein Land durchmessen können, ein Modell also und nicht die Wirklichkeit selbst. Die Psychoanalyse geht davon aus, dass das Kind sich nach seiner Geburt weiterhin eins mit der Mutter fühle und dass dieser Zustand noch mindestens fünf bis zwölf Monate andauere. Erst in diesem Alter realisiere das Kind, dass es von der Mutter getrennt ist.
Die Quantenpsychologie geht davon aus, dass der Falsche Kern die Schlussfolgerung ist, mit der das Kind sich zu erklären versucht, weshalb diese Trennung geschehen ist. Von dem Moment an, in dem es diese falsche Erklärung glaubt, ist der Geist damit beschäftigt, sich Dinge auszudenken, die den Falschen Kern wieder außer Kraft setzen sollen. Daraus entsteht die Komplementärstruktur zum Falschen Kern, nämlich das Falsche Selbst. Dieses Trennungstrauma nennt die Psychologie »narzisstische Kränkung«. Nach der Erkenntnis des Getrenntseins bildet sich das Ich bin im Bewusstsein aus. Damit entsteht auch die falsche Begründung für das Getrenntsein, der Falsche Kern. Für die Quantenpsychologie drückt sich der ursprüngliche Narzissmus in Vorstellungen aus wie: »Ich bin Grund und Mittelpunkt des Universums.« Oder: »Meine Mutter und ich sind eins.« Und: »Ich bin der Schöpfer von allem.« Später entwickeln sich solche Strukturen zu anderen Formen des Narzissmus: »Ich muss aus Mutter eine Widerspiegelung meiner selbst machen.« Oder: »Ich muss ihr zurückspiegeln, was ich denke, dass sie gerne hätte. Auf diese Weise reflektiert sie mich und ist eine Spiegelung meiner selbst.« Und so weiter, und so weiter … Die falsche Begründung wird zum Falschen Kern. Die Lösungsversuche für dieses Problem beruhen auf einer falschen Annahme, sind also selbst zum Scheitern verurteilt. Der Falsche Kern führt also zu falschen Lösungsversuchen des Problems, die sich im Falschen Selbst niederschlagen. Die Art und Weise, wie wir versuchen, unseren Falschen Kern zu verbergen, zu verarbeiten, zu verändern, zu maskieren bzw. zu rechtfertigen, wird dann zu unserem Falschen Selbst, einer Kompensationsstruktur für den Falschen Kern. Sobald sich diese Struktur fest eingespielt hat, bestimmt sie unseren emotionalen Zustand ebenso wie unsere Spiritualität.
Falscher Kern und Falsches Selbst – eine Zusammenfassung
Wenn Sie realisieren, dass Sie von Ihrer Mutter getrennt sind, kommt es zu einem traumatischen Schock. Das Ich bin wird mit einer Struktur aus Falschem Kern und Falschem Selbst belastet, die sich verfestigt. Dann verbringen Sie den Rest Ihres Lebens damit, mit diesem Trauma umzugehen. Sie versuchen es zu verbergen, zu verarbeiten, zu heilen, zu lösen, zu verwandeln oder zu spiritualisieren. Die falsche Schlussfolgerung, die Sie aus der narzisstischen Kränkung ziehen, ist das, was die Quantenpsychologie den Falschen Kern nennt. Und diesen Falschen Kern versuchen Sie ununterbrochen zu verarbeiten. Doch erinnern Sie sich: Der Falsche Kern ist nichts weiter als eine Idee, ein Konzept, eine unrichtige Schlussfolgerung, die Sie für real halten. Daher sind auch sämtliche Lösungsansätze falsch, weil sie auf einer falschen Grundannahme beruhen. Da das Falsche Selbst also ein Konzept ist, das nach dem Falschen Kern auftaucht und auf dieser fehlerhaften Grundannahme beruht, ist es noch verkehrter als die ursprüngliche Schlussfolgerung.
Die Psychologie geht davon aus, dass ein Patient, der mit dem Problem »Ich bin wertlos« in eine Praxis kommt, dieses Problem tatsächlich hat. Dass das Problem also wirklich existiert. Und daher unternimmt sie Schritte, um mit diesem Problem irgendwie fertig zu werden. Die Quantenpsychologie hingegen geht davon aus, dass diese grundlegende Annahme falsch ist, eine erdachte Begründung für ein Geschehnis. Diese Grundannahme kann nicht geheilt werden, weil sie gegenstandlos ist, eine falsche Begründung. Wichtig ist, die fehlerhafte Schlussfolgerung als das zu sehen, was sie wirklich ist – und sie dann fallen zu lassen.
Quantenpsychologisches Prinzip:
Jede Behandlung, die darauf abzielt, den Falschen Kern umzuorganisieren oder zu verändern, geht vom Falschen Selbst aus und beruht also selbst auf dieser unrichtigen Grundannahme. Daher kann die eingesetzte Therapie oder spirituelle Praxis nur geringe Resultate bringen, wenn überhaupt.
Die narzisstische Kränkung
Wenn Kinder sich selbst als getrennt von der Mutter erfahren, bewirkt der Schock im Nervensystem die narzisstische Kränkung. In diesem Moment beginnt der Falsche Kern sich zu bilden und zu verfestigen. Darin schlägt sich nieder, was ein Kind aus der gegebenen Trennungssituation über sich selbst und die Situation als solche folgert. Dieser natürliche Trennungsprozess wird mit einer falschen Begründung erklärt. Zum Beispiel: »Ich bin von ihr getrennt, weil ich wertlos bin.« Oder: »Ich bin von ihr getrennt, weil ich unzulänglich bin.« Oder: »Das Getrenntsein heißt, dass es mich gar nicht gibt.« Und: »Ich bin von ihr getrennt, weil ich machtlos bin.« Den Rest des Lebens bringt dieser Mensch damit zu, mit dieser falschen Grundüberzeugung fertig zu werden. Er versucht entweder zu beweisen, dass er zurecht daran glaubt. Oder er versucht das Ganze zu kompensieren und zu beweisen, dass es nicht wahr ist.
Wie aber versucht das Falsche Selbst mit dem Falschen Kern fertig zu werden? Es versucht die Grundannahme zu verbergen, zu spiritualisieren, zu verändern, zu maskieren bzw. zu rechtfertigen. All diese Strategien spielt das Falsche Selbst als Kompensator aus.
Der Falsche Kern bildet sich also infolge des Schocks der Erkenntnis heraus, von der Mutter getrennt zu sein. Und doch gab es ihn bereits in latenter Form. Dieser Fehlschluss ist genetisch-energetisch in uns angelegt. Und wie Krebs, Diabetes oder Herzkrankheiten gehört er zum genetischen Erbgut unserer Familie. Es gibt dabei keine »Wahlmöglichkeit«, denn dies würde bedeuten, dass Sie aus dem Ensemble Ihrer genetischen Neigungen diese oder jene auswählen können. Wer glaubt hier eine Wahl zu haben, der sitzt einem narzisstischen Hirngespinst auf, einer infantilen Selbstüberschätzung, die glaubt alles selbst zu erschaffen, für alles verantwortlich zu sein oder sich seine Eltern selbst ausgesucht zu haben.
Diese energetisch-genetische Komponente könnte man vielleicht mit dem vergleichen, was die Homöopathie ein Miasma nennt. Hatte Ihr Großvater beispielsweise Tuberkulose, dann haben Sie eine gewisse Neigung zu dieser Krankheit. Dabei ist auf der symptomatischen Ebene vielleicht nur eine Neigung zu Erkältungen zu erkennen, wenn es draußen regnet. Ein Homöopath wäre in der Lage, diese Verbindung zu erkennen, wenn er Ihre genetische Erbschaft analysierte. Genauso gibt es eine genetische Disposition für ein bestimmtes System aus Falschem Kern und Falschem Selbst.
Diese psychische Struktur nennen wir auch »Falscher-Kern-Treiber« und »Falsches-Selbst-Kompensator«. Dadurch werden die Rollen unterstrichen, die jeder Teil dieser Struktur spielt: Der Falsche Kern treibt Ihre Persönlichkeitsstruktur an, das Falsche Selbst kompensiert das, was Sie für Ihren Mangel halten.
Die Dynamik von Falschem Kern und Falschem Selbst
Vereinfacht gesagt könnte man davon ausgehen, dass Gehirn und Nervensystem auf neurologischer Ebene unsere Erfahrung so organisieren:
1. Es gibt eine körperliche Empfindung.
2. Ein anderer Teil des Gehirns registriert diese Empfindung.
3. Dann erhält sie ihr Etikett: Angst, Glück, Ärger, Traurigkeit etc.
4. Eine neue Ebene des Gehirns greift ein und beurteilt diese Erfahrung: »Traurigkeit ist schlecht.« Oder: »Glück ist gut.«
5. Daraufhin zieht wieder ein anderer Teil des Gehirns den Schluss: »Ich sollte Traurigkeit in Glück umwandeln. Ich muss doch etwas tun.«
Mit jeder Ebene, die Sie erklimmen, bewegen Sie sich einen Schritt weiter weg von dem, was ist. Sie entfernen sich von der ursprünglichen Empfindung, die Ihnen sagt, was ist, hin zur Verarbeitung dieser Erfahrung im Kortex, die definiert, was ist. Schon wenn Sie sich von der einfachen Empfindung (Ebene 1) zur Traurigkeit (Ebene 3) bewegen, werden dabei vom Gehirn und vom Nervensystem eine Menge Reize unterdrückt und einige wenige ausgewählt, die diesen Schluss zulassen. So entfernen Sie sich immer stärker von dem, was ist. Das Nervensystem wählt eine Information aus, die es weiterverarbeitet, und zieht Schlüsse daraus. Es schließt aber nicht nur, was ist, sondern auch, warum es so ist. Außerdem erfolgt die Etikettierung und Einordnung der Situation erst nach dem Ereignis. Das Nervensystem schließt eine Menge Informationen einfach aus. Es schießt sich auf bestimmte Empfindungen oder Handlungen ein und sucht dann Gründe dafür, die auf Grund der minimalen Information gar nicht stimmen können. Daher ist auch die Schlussfolgerung des Falschen Kerns unrichtig, da sie weit mehr weglässt, als sie berücksichtigt, und daher nicht einmal in die Nähe der Wahrheit kommt. Auch hier handelt es sich um eine Landkarte, eine Vorstellung von dem, was ist. Es ist nicht die Wirklichkeit.
Alfred Korzybski, der Begründer der allgemeinen Semantik, sagte einmal, die Landkarte sei nicht das Land selbst und die Idee sei nicht das, worauf sie sich beziehe.
Typische Beispiele für Falschen Kern und Falsches Selbst
Hier möchte ich Ihnen nur kurz an einigen Beispielen demonstrieren, wie diese beiden Persönlichkeitskomponenten zusammenarbeiten. Vielleicht entdecken Sie sich in einigen Sätzen sofort wieder oder glauben, ein bestimmter Satz könne sich niemals auf Sie beziehen. Doch die wahre Grundkonstellation zu finden braucht wirklich Zeit. Denn meist treibt uns das an, was wir für völlig unmöglich halten, und was wir zu wissen glauben, ist in Wirklichkeit bedeutungslos.
| Falscher Kern | Falsches Selbst |
| Ich bin unvollkommen. Mit mir stimmt etwas nicht. | Ich versuche zu beweisen, dass »mit mir alles in Ordnung« ist, und handle, als ob ich vollkommen wäre. |
| Ich bin wertlos. | Ich versuche zu beweisen, dass ich nicht wertlos bin, und handle, als ob ich wertvoll wäre. |
| Ich bin unfähig, etwas zu tun. | Ich handle, als ob ich in der Lage wäre, hohe Leistungen zu erfüllen, um das Gegenteil zu beweisen. |
| Ich bin unzulänglich, ein Versager. | Ich versuche, meine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, und handle, als ob ich allem gewachsen wäre. |
| Ich bin nicht da. Ich existiere nicht. | Ich handle, als ob ich da und von Bedeutung wäre. |
| Ich bin allein. | Ich handle, als ob ich Bindungen hätte. |
| Ich bin unvollständig. | Ich versuche zu beweisen, dass ich nicht unvollständig bin, und handle, als ob ich mich ganz fühlen würde. |
| Ich bin machtlos. | Ich versuche zu beweisen, dass ich nicht machtlos bin, und handle, als ob ich Macht hätte. |
| Ich bin ohne Liebe. | Ich versuche zu beweisen, dass ich nicht ohne Liebe bin, und handle, als ob ich mich liebenswert fühlen würde. |
Die Quantenpsychologie spricht hier von einem Handeln »als ob«, denn es entspringt dem Falschen Selbst, ist etwas Vorgetäuschtes und daher nicht real.
Wie die Struktur aus Falschem Kern und Falschem Selbst funktioniert
Unsere innere Struktur aus Falschem Kern und Falschem Selbst wirkt wie eine Brille, durch die wir unser »Leben« so oder so sehen und durch die wir auch glauben gesehen zu werden. Der Falsche Kern, der uns glauben lässt, dass wir wertlos seien oder dass mit uns etwas nicht stimme, lässt uns also jede Situation, die wir erleben, mit dieser Tönung versehen.
Jedes System von falscher Grundannahme und ebenso falschen Lösungsstrategien schafft sich dabei seine eigene Brille. Wenn drei Menschen einen Autounfall haben, so sagt sich der Erste vielleicht: »Ich bin wertlos. Nur darum konnte dies geschehen.« Der Zweite nimmt diesen Unfall als Hinweis darauf, dass er machtlos ist; der Dritte aber meint: »Mit mir stimmt etwas nicht. Vielleicht hätte ich doch mehr Fahrstunden nehmen sollen.« Jedes System erlebt dieses Trauma durch eine andere Brille und interpretiert es daher anders. Daraus entstehen drei verschiedene Deutungsmuster, Geschichten und Rechtfertigungsstrategien. Wenn wir aber die Brille abnehmen (das heißt das System aus Falschem Kern und entsprechender Kompensation abbauen), dann erleben wir auf natürliche Weise den wahren Fluss des Lebens, unsere essenzielle Natur und unser Ich bin, das heißt das Sein ohne Attribute.
Häufig fragt man mich, weshalb unsere essenzielle Natur und unser Ich bin nicht einfach so zugänglich sind. Nun, sie sind für unsere Aufmerksamkeit nicht oder nicht ständig verfügbar, weil wir den Hauptteil unserer Konzentration bewusst oder unbewusst ständig auf den Falschen Kern richten, den wir mit Hilfe der Kompensationsstrukturen ausgleichen wollen. Immer wenn wir versuchen den Falschen Kern zu verändern, zu transformieren, umzustrukturieren oder ihn neu zu programmieren, indem wir das Gute (Gesunde) daraus nehmen und das Schlechte (Ungesunde) weglassen, immer wenn wir versuchen, unsere Laster in Tugenden zu verwandeln, dann sind unsere Kernkompensationen am Werk, die versuchen mit unserer falschen Grundannahme fertig zu werden. Dieses Falsche Selbst ist heimtückisch. Wir müssen uns darüber klar sein, dass beides zusammenhängt. Eines ist nicht ohne das andere möglich.
Am Ende aber gewinnt der Falsche Kern doch. Er setzt sich letztlich immer durch. So viel Sie anderen auch schenken mögen um Ihren eigenen Wert zu beweisen – tief im Inneren werden Sie sich doch wertlos fühlen. Und wenn Ihr Falscher Kern Sie der Unfähigkeit zeiht, dann können Sie noch so sehr zu beweisen versuchen, dass dies nicht der Fall ist. Am Ende werden Sie sich doch wieder ganz genauso fühlen: unfähig, zu nichts nütze. Das Problem dabei ist, dass die essenzielle Natur und das Ich bin in den Schock verwickelt sind und mit dem Falschen Kern vermischt werden. Nach dem Schock der Trennung kommen wir ganz automatisch zu dem Schluss, dass er von der essenziellen Natur bzw. dem Ich bin verursacht wurde. Dann wird die leere Natur dieser Bewusstseinsschicht falsch etikettiert und die ihr innewohnende Qualität der Leerheit wird als Mangel und Leere missverstanden.
Und so leugnen und meiden wir unsere essenzielle Natur, das zustandslose Sein, weil wir sie mit dem Schock der Trennung in Verbindung bringen. Wir lasten diese Trennung der essenziellen Natur an. Deshalb versuchen wir sie loszuwerden. Doch wenn wir unser Gewahrsein der Essenz steigern wollen, müssen wir unsere Aufmerksamkeit von der Fixierung auf die innere Struktur aus Falschem Kern und Falschem Selbst befreien. Sobald wir erkannt haben, dass wir diese innere Struktur nur geschaffen haben, um dem Chaos der narzisstischen Kränkung zu entgehen, und bereit sind sie loszulassen, wird unsere innere Wunde heilen. Dann ändert sich alles. Unsere Fixierung auf den Falschen Kern und seine Kompensationsstrukturen lässt nach und damit gerät unsere essenzielle Natur (das Ich bin) immer stärker in unser Bewusstsein. Dies ist wie ein großes Erwachen.
Die Ergebnisse von Therapien sind oft deshalb unzulänglich, weil man dort versucht, eine Geschichte zu heilen, die auf einem Fehlschluss beruht; eine Ausgeburt der Fantasie, die unser Nervensystem ersann, um nach dem Trennungsschock eine Erklärung und eine neue Struktur zu finden. Außerdem versuchen klassische Therapien, das Falsche Selbst in seinem Kampf gegen den Falschen Kern zu unterstützen. »Therapie« bedeutet dann nichts weiter als die Erfindung neuer Kompensationsstrukturen. So wird die kindliche Fehldeutung der Trennung weiter maskiert, bearbeitet, transformiert etc. In diesen Prozess findet unsere essenzielle Natur keinen Eingang. Sie wird geleugnet, während gleichzeitig das Falsche Selbst neue Strategien erfindet, um mit dem Falschen Kern fertig zu werden. Dadurch wird die Fixierung auf diese innere Struktur noch verstärkt. Dabei sollten wir doch erkennen, dass die Schlussfolgerung des Falschen Kerns ebenso wenig stimmt wie die Strategien des Falschen Selbst. Nur so können wir unsere essenzielle Natur realisieren.
Wenn Sie sich der Trance des Falschen Selbst nicht bewusst werden, werden Sie diese unbewusst immer »ausleben«. Dies war das fehlende Teilstück des Puzzles, das ich schließlich doch noch entdeckte, als ich in Indien lebte. Stellen wir uns einmal vor, mein Vater wäre Alkoholiker gewesen und ich hätte mit Hilfe von Mantras, Yantras und tantrischen Übungen versucht, über diese Tatsache hinwegzukommen. Ich kann eine wundervolle Meditation erleben, in der ich die Erfahrung der Leerheit mache. Doch sobald ich die Augen öffne und in die Welt zurückkehre, muss ich mich wieder mit den »unbehandelten«, unbearbeiteten, noch nicht ausgesonderten »Samenkörnern« (siehe unten) in meiner Persönlichkeit beschäftigen. Und so streite ich wieder mit meiner Frau, mit meinem Vater etc.
»Ungekochte Saat«
In Indien ist die Metapher von den Samenkörnern recht geläufig. Nehme ich nämlich solche Samenkörner, lege sie in die Erde und begieße sie entsprechend, dann wächst daraus eine Frucht. Wenn ich aber dieselben Körner nehme und sie in einer Pfanne erhitze und röste, dann kann ich sie einpflanzen und begießen, so viel ich will – nichts wird daraus entstehen. Die Samen werden so zur Metapher für noch nicht aufgearbeitetes psychisches Material, also alles, was zum Falschen Kern und zum Falschen Selbst gehört. Um im Bild zu bleiben: Die Quantenpsychologie röstet und sterilisiert die unbehandelten (unfruchtbaren, giftigen) Samen Ihrer Persönlichkeit (Glaubenssätze, Konzepte, Meinungen, Interpretationsmuster etc.) in der Pfanne der Achtsamkeit, sodass sie nicht mehr sprießen und giftige Früchte tragen können. So wird uns die Erfahrung der essenziellen Natur viel eher zugänglich, weil unsere Aufmerksamkeit nicht ständig unbewusst an der inneren Struktur von Falschem Kern und Falschem Selbst klebt.
Viele Menschen versuchen ihre Persönlichkeitsstruktur zu transzendieren. Doch die meisten leben nur einfach eine Form der spirituellen Verleugnung. Sie setzen Meditation als Arzneimittel ein, um ihren Gefühlen aus dem Weg zu gehen. So wird aus der Transzendenz eine passive Trance, eine Verweigerungshaltung, die ihre Rechtfertigung aus spirituellen Philosophien zieht. Einfach gesagt:
• Sie können Ihr System aus Falschem Kern und Falschem Selbst nicht einfach »wegmeditieren«.
• Sie können es auch nicht mit Mantras vertreiben.
• Sie müssen es anschauen und alles, was da ist, akzeptieren lernen. Oder wie Nisargadatta Maharaj sagte: »Du kannst nicht loslassen, bevor du nicht weißt, was du loslassen sollst.«
Ohne dieses System aus Falschem Kern und Falschem Selbst abzubauen werden Sie niemals dauerhaft die Ebenen der essenziellen Natur und des Ich bin erfahren.
Beispiele für verschiedene Formen des Falschen Kerns
Versuchen wir doch einmal, uns die verschiedenen Brillen aufzusetzen, mit denen uns die einzelnen Ausformungen des Falschen Kerns versorgen.
Stellen wir uns vor, dass ein Kind von fünf Jahren missbraucht wird.
Eine mögliche Erklärung des Falschen Kerns sieht so aus: »Mit mir stimmt etwas nicht. Deshalb ist mir das geschehen.«
Eine andere: »Ich bin wertlos. Auch Onkel Henry behandelt mich, als ob ich nichts wert wäre.«
Ein anderes Reaktionsmuster wäre es, innerlich einzufrieren und sich völlig »unfähig« zu fühlen etwas gegen das Geschehen zu unternehmen. Später könnte so ein Mensch enorm übersteigerte Leistungsmaßstäbe entwickeln, um sich zu beweisen, dass er durchaus fähig ist gegen diese Form innerer Lähmung anzugehen.
Möglich ist auch folgende Interpretation: »Ich wurde missbraucht – das bedeutet, dass ich absolut unzulänglich bin. Es ist mein Fehler. Ich habe alles falsch gemacht.«
Es gibt Menschen, die das Erlebte von ihrer Persönlichkeit abspalten, das heißt dissoziieren: »Ich bin ja ohnehin nichts. Ich habe auch nichts. Ich existiere ja gar nicht. Daher ist vielleicht auch gar nichts geschehen.« Sie lösen sich quasi aus der emotionalen Dimension ihres Erlebens und aus den Gefühlen, die mit diesem Ereignis verbunden waren. Später spiritualisieren sie dieses Erlebnis vielleicht. Erst kürzlich erschien ein bekannt gewordenes Buch, das sexuellen Missbrauch zu einer Gabe Gottes umdeutete (spiritualisierte), einer Gelegenheit zum Wachstum. Diese spirituelle Umdeutung aber leugnet den Schmerz, der im sexuellen Missbrauch steckt.
Eine weitere Möglichkeit ist: »Dies bedeutet, dass ich allein bin.«
Andere Menschen reagieren vielleicht mit dem Gefühl der Unvollkommenheit: »Ich bin nicht gut genug. Wenn ich gut genug wäre oder genügend Erfahrung hätte, dann wäre mir das nicht passiert.«
Auch Machtlosigkeit ist ein häufig vorkommendes Interpretationsmuster. Interessanterweise versuchen diese Menschen sich ihre Macht zu beweisen, indem sie sich sagen: »Ich wurde gar nicht missbraucht. Tatsächlich habe ich Onkel Henry verführt.« Oder die Betroffene bildet eine falsche Anschauung aus, die besagt: »Ich wusste ja, dass es keine Liebe auf der Welt gibt.«
Versuche, das System aus Falschem Kern und Falschem Selbst zu bearbeiten: Wer ist die treibende Kraft?
Bei dem Bemühen über die psychische Struktur von Falschem Kern und Falschem Selbst hinauszugelangen versucht das Falsche Selbst den Grund für den Schock aus der Welt zu schaffen – was den Schock selbst nicht vermindert. Denn sogar der Versuch den Falschen Kern zu behandeln oder zu heilen ist nichts weiter als das heimtückische Unterfangen unseres Falschen Selbst die fehlerhafte Grundannahme irgendwie zu kompensieren. Das Falsche Selbst ist eng mit dem Falschen Kern verbunden. Es entsteht später als der Falsche Kern und da es direkt auf ihm beruht, ist es noch viel falscher als dieser Kern selbst. Warum aber sind unsere Kompensationsstrategien nicht in der Lage den Falschen Kern zu heilen? Ganz einfach: Weil Falscher Kern und Falsches Selbst eins sind. Sie sind ein Ganzes wie das Aus- und Einatmen beim Vorgang des Luftholens. Eines kann nicht ohne das andere existieren. Daher lege ich bei der Beschreibung des Falschen Selbst immer mehr Wert auf die Darstellung des zu Grunde liegenden Falschen Kerns, da dieser näher an der Erfahrung liegt. Denn schließlich ist es der Falsche Kern, der unsere Persönlichkeit antreibt.
Einige psychologisch-spirituelle Schulen halten das Falsche Selbst für »gesünder« als den Falschen Kern. Die Quantenpsychologie geht vom Gegenteil aus: Die Schicht der Kompensation macht vielleicht einen gesünderen, sozial akzeptableren »Eindruck«. In Wirklichkeit aber stellt sie eine voll in die Persönlichkeit integrierte Altersregression dar, die sich mit Hilfe des Falschen Selbst gegen das (An)Erkennen der Trennung und das Akzeptieren des Falschen Kerns wehrt. Solange wir das Falsche Selbst mit seinen so verführerischen, wie heimtückischen Strukturen nicht als Illusion, als integrierte Altersregression verstehen, solange wir den Schmerz, der dahinter steht, nicht gefühlt und losgelassen haben, werden wir kaum ein dauerhaftes Gewahrsein der essenziellen Natur des Ich bin und des Nicht-Ich-Ich erlangen.
Viele Menschen reagieren auf ihren Falschen Kern mit der Vorstellung: »Wenn ich nur nicht so … wäre, dann wäre ja alles in Ordnung!« (Die Lücke können Sie nach Belieben füllen!) Daher versuchen sie immer und immer wieder diese innere Struktur durch Überkompensation loszuwerden. Ein paar Beispiele: »Um mit diesem …-problem fertig zu werden, nehme ich mir einen neuen Liebhaber.« (Lücke nach Belieben füllen!) Oder: »Ich werde mehr Geld verdienen und dann fühle ich mich nicht mehr …« Oder: »Wenn ich erst mehr Erfahrung habe, werde ich smart genug sein, um … « Doch diese Versuche das Grundproblem zu heilen, zu transformieren oder loszuwerden gehen vom Falschen Selbst aus und verstärken daher den Falschen Kern bloß. Anders ist es, wenn Sie Ihren Falschen Kern schlicht zur Kenntnis nehmen: »Hey, das ist mein Falscher Kern, der sich immer sagt: … (Lücke nach Belieben füllen!) Ist das nicht interessant? Mein ganzes Leben habe ich um diese Illusion herum aufgebaut. Wie eigenartig!« Von diesem Moment an erkennen Sie, dass der Falsche Kern nur eine gedankliche Vorstellung ist – und noch dazu eine falsche.
Das Paradoxe daran ist, dass wir mit unserem Falschen Kern arbeiten müssen, ohne ihn loswerden zu wollen. Sie arbeiten damit einfach um zu sehen, was geschieht. Hier fragen mich viele Menschen, ob man nicht eine Absicht formulieren müsse um etwas tun zu können. Nein. Wenn ein Vorgang aus dem zustandslosen Zustand des Ich bin heraus geschieht, dann gibt es keine Absicht.
Studieren Sie Ihren Kern und dekonstruieren Sie ihn, bevor er Ihnen wieder aus dem Blickfeld schwindet. Sie können ihn wahrnehmen, beobachten, jeden Gedanken, jedes Gefühl, jede Fantasie bis zu ihren Ursprüngen zurückverfolgen. Dann erkennen Sie, wie Ihr ganzes Leben sich um diese eine Grundannahme herum aufbaut. Von diesem Moment an sind Sie in der Lage, sie abzubauen. Diese genaue Selbstbefragung wird so lange weitergehen, bis Sie feststellen, dass Sie weder der Fragende sind noch der, der die Antworten gibt. Aber dieses Verständnis kommt sehr viel später, wenn Sie bereits erfahren haben, dass Ihre ganze Persönlichkeit um eine einzige innere Struktur herum aufgebaut ist. Erst dann können Sie die Zwangsfixierung auf die gedankliche Struktur des Falschen Kerns aufgeben und gleichzeitig Ihre Aufmerksamkeit befreien.
Viele spirituelle Systeme beschränken sich darauf, den Falschen Kern heilen, verändern oder überwinden zu wollen. Dabei setzen sie vollends auf die Mechanismen des Falschen Selbst. Sie schaffen falsche, spiritualisierte Archetypen wie den Sündenfall, um einen natürlichen, biologischen Trennungsprozess zu erklären und zu rechtfertigen, nämlich die Erkenntnis des Getrenntseins von der Mutter. Diese Systeme sind für sich gesehen vielleicht nicht einmal so schlecht. Ihre Negativwirkung besteht eben darin, dass sie die Dualität von Falschem Kern und Falschem Selbst bloß verstärken.
Als ich in Indien war, suchte ich einen damals sehr bekannten Guru auf, der mehr als zehntausend Schüler hatte. Dort bemerkte ich, dass er allen dasselbe Mantra gab, also eine Art Universalspiritualität ähnlich dem heute verbreiteten Motto für Konfektionskleider: »Eine Größe für alle!« Ich hatte damals wie heute das Gefühl, dass keine zwei Menschen einander wirklich ähnlich sind und dass jeder Mensch etwas braucht, das nur auf ihn zugeschnitten ist. Paul Simon drückte dies in einem Song einmal so aus: One man’s ceiling is another man’s floor. (Was für den einen die Decke, ist für den anderen der Fußboden.)
Viele Menschen fragen sich: »Welche Kraft steckt wirklich hinter meiner Persönlichkeit? Um welche Struktur herum baut sich mein gesamtes Leben auf?« In der Quantenpsychologie lernen Sie Ihren Falschen Kern klar zu erkennen und Sie entdecken, wie Ihr Verhalten letztlich von eben dieser Grundannahme geprägt wird. Dies ist ein gewaltiger innerer Prozess. Sie verfolgen Ihre Handlungen, Gefühle, Gedanken zurück bis zu Ihrer grundlegenden Überzeugung von sich selbst. Sobald Sie dort angekommen sind, müssen Sie sich darin versenken. Es führt kein Weg daran vorbei. Sie werden diese Struktur nicht ändern. Sobald Sie versuchen sie zu verändern, ihr Widerstand zu leisten oder sie loszuwerden, verstärken Sie sie nur. Dies sind die fünf großen W, mit denen das Falsche Selbst auf den Falschen Kern reagiert: Widerstand, Wieder-Durchleben, Wieder-Erschaffen, Wieder-Verstärken und Wieder-zu-lösen-Versuchen.
Sich in Ihren Falschen Kern zu versenken und sich dem Schock der Trennung stellen bedeutet, dass Sie diesen Kern ausleben oder loslassen können. Das heißt nicht, dass Sie die Grundannahme glauben sollen. Sie beobachten einfach nur ohne sie loswerden zu wollen. Wollen Sie darüber hinaus gelangen, dann verharren Sie einfach auf der Ebene des nonverbalen Ich bin.
Die Quantenpsychologie geht davon aus, dass jede Bewegung im Geist durch das Zusammenspiel von Falschem Kern und Falschem Selbst entsteht. Nisargadatta Maharaj meinte, man solle die Widersprüche im Geist (im Falschen Kern und im Falschen Selbst) zur Kenntnis nehmen und sich gleichzeitig klar machen, dass dies nicht das eigene Selbst ist. Bei den Bewegungen des Geistes geht es fast immer darum, den Schmerz des Falschen Kerns zu vermeiden, der nichts weiter ist als eine falsche Begründung für eben diesen Schmerz. So hat das Falsche Selbst etwas, mit dem es fertig werden muss, und fängt an zu fantasieren. Es glaubt, dass es die Gefühlswelt kontrollieren könne oder die Art und Weise, in der es von anderen wahrgenommen wird. Da aber die Begründung für den Trennungsschock bereits falsch ist, sind es die danach entwickelten Lösungsstrategien ebenfalls. Die Struktur von Falschem Kern und Falschem Selbst beraubt Sie der Möglichkeit zu erkennen, wer Sie sind. Die zwanghafte Natur dieses Systems bindet all Ihre Aufmerksamkeit, sodass Sie der grundlegenden Leerheit der essenziellen Natur nicht mehr gewahr werden, weil Sie sie ja für den Trennungsschock verantwortlich machen.
Sobald Sie Ihren Falschen Kern aber »erfasst« haben, können Sie alles (vor allem die Strategien des Falschen Selbst) bis zu ihm zurückverfolgen und an diesem Punkt verharren, bis es sich auflöst.
Die Technik der Selbstbefragung
Der Prozess des Zurückverfolgens führt Sie direkt zu Ihrem Falschen Kern und Falschen Selbst. Dies möchte ich Ihnen an einem Beispiel näher erläutern: Stellen wir uns vor, ich wäre in meinem Arbeitszimmer in Oakland und fantasierte, dass ich ungeheuer reich wäre und auf Hawaii lebte. Dann frage ich mich: Wenn dieser Traum nicht wahr wird, was wäre das Schlimmste daran? Oder: Was ist überhaupt Schlimmes daran? Nun, das Schlimmste an der Tatsache, dass ich nicht reich bin und nicht auf Maui lebe, ist, dass ich mich dann wertlos fühle. Damit setze ich dann die Befragung fort: »Was ist schlimm daran, sich wertlos zu fühlen?« Darauf lautet die Antwort vielleicht: »Nun, dann will niemand etwas mit mir zu tun haben und ich bin ganz allein.« Und damit geht es weiter: »Was ist schlimm daran, allein zu sein?« Antwort: »Dann liebt mich niemand.« Frage: »Und was ist schlimm daran, nicht geliebt zu werden?« Antwort: »Aber das ist doch das Schlimmste überhaupt!« Ich stelle meine Fragen so lange, bis dieser Punkt erreicht ist: »Das ist das Schlimmste überhaupt!«Sobald Sie Ihren Falschen Kern kennen, können Sie all Ihre Fantasien darauf zurückführen, ganz egal, ob diese nun angenehm bzw. unangenehm sind oder Sie gleichgültig lassen. Alles, was Sie denken oder tun, geht auf diesen einen Punkt zurück. Zwischen dem Falschen Kern und dem Falschen Selbst aber liegt ein Bereich des Vergessens, denn das Falsche Selbst will vom Falschen Kern schließlich nichts wissen. Zu unserem Glück ist aber keine Trance und kein seelisches Versteckspiel hundertprozentig wasserdicht, sodass irgendwo die versteckte Tatsache, das heißt der Falsche Kern, wieder hervorlugt. Daher wird das Falsche Selbst mit dem Falschen Kern nie fertig, welche Techniken es auch immer anwenden mag. Die Probleme aber entstehen dadurch, dass wir der Instanz des Falschen Selbst immer in die Hände spielen, wenn wir beispielsweise die Ebene des Bewusstseins wechseln bzw. Ärger für Liebe ausgeben. Das Falsche Selbst ist geschickt, so geschickt, dass wir manchmal gar nicht merken, was vorgeht. Sie sind davon überzeugt, dass diesmal alles anders wird (und Sie endlich die Wunde Ihres Falschen Kerns heilen können), doch stattdessen geschieht immer und immer wieder dasselbe.
Wie Sie die Struktur aus Falschem Kern und Falschem Selbst aus den Angeln heben können
1. Erkennen Sie die Existenz des Falschen Kerns an.
2. Lokalisieren Sie ihn im Körper. Sitzt er in der Brust? Im Herzen?
3. Beobachten Sie ihn, besitzen Sie ihn, treten Sie in ihn ein, seien Sie ganz er. Und dann treten Sie heraus und beobachten ihn. Entscheidend ist, dass Sie nicht versuchen ihn loszuwerden. Wenn Sie diesem Wunsch verfallen, dann sind Sie in die Falle des Falschen Selbst getappt. Sie sollen einfach nur lernen in Ihrem Falschen Kern ein- und auszugehen. Beobachten Sie ihn, aber versuchen Sie nicht sich von ihm zu befreien. So entwickeln Sie die essenzielle Qualität des Annehmens.
4. Dies tun Sie mehrmals.
5. Verharren Sie in der essenziellen Natur des Ich bin. (Das heißt: ohne auf Gedanken, Erinnerungen, Emotionen, Assoziationen, Wahrnehmungen, Absichten zurückzugreifen.)
6. Und nun lassen Sie ihn los, damit er sich von selbst auflösen kann.
Über den Falschen Kern hinausgelangen
Quantenpsychologisches Prinzip:
Während des Schocks, der auf die Erkenntnis des Getrenntseins von der Mutter folgt, bildet sich unser Falscher Kern heraus und nimmt feste Formen an. Gleichzeitig geht unser Gewahrsein des Ich bin sowie der essenziellen Natur verloren.
Also noch einmal von vorn: Sie können nicht über Ihren Falschen Kern hinausgelangen, wenn Sie ihn nicht anerkennen, in ihm aufgehen, sich vollständig in ihn hineinbegeben. Sobald Sie dazu in der Lage sind, werden Sie ihn auch hinter sich lassen und ein beständiges Gewahrsein des Ich bin und Ihrer essenziellen Natur entwickeln. Aber dazu müssen Sie wissen, was bei Ihnen die Assoziationsketten auslöst. Ich kenne Menschen, die versuchen das Gespann von Falschem Kern und Falschem Selbst durch Meditation zu überwinden. Sie sind dann zwar fähig, in der Meditation eine Erfahrung der essenziellen Natur, des Ich bin oder des Nicht-Ich-Ich zu machen. Doch die Rückkehr in die Alltagswelt ist für sie wie ein Schlag ins Gesicht. Aus diesem Grund müssen wir uns der Erfahrung des Falschen Kerns, dem Schock der Trennung öffnen und erfahren, was dort ist.
Wenn Sie versuchen dem zu entkommen, bauen Sie Widerstand auf und das hält nur den ganzen Prozess am Laufen. In diese Falle gehen leider viele spirituelle und psychologische Schulen. Sie versuchen Sie vom Falschen Kern wegzubringen. Manche Lehrer bitten Sie sogar das Negative zu vergessen und sich nur mit dem Positiven zu beschäftigen. Das Falsche Selbst kann sehr verführerisch sein bei dem Versuch den Falschen Kern zu kompensieren. Doch damit vergrößern Sie nur den passiven Widerstand, wodurch der Falsche Kern verstärkt und die ganze Schleife von Reaktionsmustern wieder ins Leben gerufen wird.
Sind Sie jedoch dazu in der Lage, die Allianz von Falschem Kern und Falschem Selbst einfach nur zu beobachten, ohne eingreifen zu wollen, dann setzen Sie sich erst richtig damit auseinander. Fragen Sie sich also: »Sehe ich zu, um den Falschen Kern loszuwerden, ihn zu heilen oder zu transformieren? Oder bin ich im Falschen Kern, um ihn zu beobachten und zuzusehen, was geschieht?«
Wenn der Falsche Kern sich auflöst
Es ist ungeheuer wichtig, dass Sie sich Folgendes klar vor Augen halten: Wenn der Falsche Kern sich auflöst, dann werden Ihre Persönlichkeit, Ihre Gedanken und Gefühle weiterhin bestehen bleiben. Nur die unbehandelten Samen in Ihrem Falschen Kern und Falschen Selbst haben die Macht über Sie verloren. Auch wenn dann immer noch eine Menge Energie in die Dimension des Denkens, Fühlens und körperlichen Empfindens fließt, so werden Sie, sobald Ihr Falscher Kern sich aufgelöst hat (und sei es unter Wut, Angst und Schmerz) davon doch unberührt bleiben.
Sie tragen Ihren Falschen Kern immer bei sich
Wenn Sie das äußere Verhalten eines Menschen beobachten, glauben Sie vielleicht, dass Sie seinen Falschen Kern und seine entsprechenden Kompensationen recht leicht erkennen können. Aber so einfach ist es nicht. Sie müssen erst erkennen, wodurch dieses Verhalten bedingt ist, und sich dann die Frage stellen, was die treibende Kraft hinter der Fassade der Persönlichkeit ist. Stellen wir uns vor, jemand studierte Biologie. Tut er das nun, weil er sich unfähig und wertlos fühlt? Oder weil er nicht allein sein möchte? Versucht er Macht zu erlangen? Oder glaubt er, dass mit ihm etwas nicht stimmt? Diese Fragen sind schwer zu beantworten, daher ist es gar nicht so leicht den Falschen Kern eines anderen Menschen zu erkennen. Vergessen Sie nicht, dass Sie nicht Ihr Falscher Kern sind. Sie sind weit mehr als nur diese Vorstellung, die Sie sich von der Welt und von sich selbst machen, mehr als das, was Sie in den Augen der anderen über sich zu lesen glauben. Wenn Sie Ihren Falschen Kern beobachten ohne sich in irgendwelche Heilungs-, Ablehnungs- oder Transformationsvorhaben verwickeln zu lassen, dann ist das, als würden Sie das geistige Etikett von ihm entfernen und sich diese Energie wieder verfügbar machen. (Näheres dazu weiter unten.) Das eigentliche Dilemma besteht nämlich darin, dass Ihr Nervensystem den Falschen Kern ständig neu erschafft um damit dem Schmerz der narzisstischen Kränkung aus dem Weg zu gehen; gleichzeitig aber versucht es den Falschen Kern durch die Kompensationsstrategien des Falschen Selbst zu entschärfen. Dies ist seine Überlebensstrategie.
Wie Sie den Falschen Kern unschädlich machen
| Schritt 1: | Erkennen Sie, dass Sie einen Falschen Kern und mit ihm die Kompensationsstrategien des Falschen Selbst ausgebildet haben. |
| Schritt 2: | Vertiefen Sie sich ganz in diese innere Struktur. |
| Schritt 3: | Lassen Sie sie los. Begreifen Sie, dass Sie nicht diese Struktur sind. |
| Schritt 4: | Lassen Sie zu, dass sie sich auflöst. |
Falscher Kern, Falsches Selbst und die essenzielle Natur
Wie ich bereits erwähnt habe, wird der grenzenlose Raum des essenziellen Ich bin missverstanden als Leere (als Mangel). Dieser Leere schieben wir die Schuld an der Trennung zu. Anders gesagt: Der Grund, weshalb ich getrennt bin, liegt darin, dass meine essenzielle Natur so … ist. (Hier setzen Sie nun das Fehlurteil des Falschen Kerns ein.) So wird die essenzielle Qualität der Leerheit als Mangel fehlinterpretiert. Auf psychologischer Ebene setzen wir ihr also Widerstand entgegen. Da die essenzielle Natur des Ich bin vor der Trennung unser einziger Bezugspunkt ist, nehmen wir fälschlicherweise an, sie habe die Trennung verursacht. Mit dieser Vorstellung im Kopf gehen wir der essenziellen Natur aus dem Weg und halten sie für schlecht. Sie wird zum Schatten, den wir nicht unser Eigen nennen wollen. Und die essenzielle Qualität der Leerheit wird nun als Leere (als Mangel) etikettiert, die ausgefüllt werden muss.
Nachdem die essenzielle Natur, das Ich bin, auf diese Art falsch etikettiert ist, wird ein »falscher Grund« gesucht, der für die Trennung von der Mutter verantwortlich ist. Dann entsteht so etwas wie: »Irgendetwas stimmt mit mir nicht.« Die Essenz wird also als Mangel gesehen, der jedoch verborgen wird. Der Falsche Kern ist das Etikett, das Sie fälschlicherweise auf die Leerheit der essenziellen Natur des Ich bin kleben. Sobald die Essenz vom Etikett befreit wird, kommt die essenzielle Qualität der Leerheit zum Vorschein.
Kann der Falsche Kern zurückkommen, nachdem er einmal losgelassen wurde?
Die Antwort ist eindeutig ja. Unter Stress wird der Falsche Kern sich erneut bemerkbar machen. Aber je mehr Sie mit dieser Struktur vertraut sind, desto eher spüren Sie, dass sie wieder am Werk ist. Dann können Sie sie auch leichter wieder loslassen statt sie auszuagieren. Einer seiner Schüler fragte Nisargadatta Maharaj eines Tages: »Machen sich solche Dinge eigentlich auch bei Ihnen bemerkbar?« Und dieser antwortete: »Natürlich, aber ich merke sofort, dass das nichts mit mir zu tun hat, und nehme dann Abstand davon.« Eben daher sollten wir in der Lage sein die Winkelzüge des Falschen Selbst zu erkennen und jeden Gedanken, jedes Gefühl und jede Fantasie auf ihre Quelle, den Falschen Kern, zurückzuführen.
Im Ich bin ruhen
Der nächste Schritt führt uns in die nonverbale Schicht des Ich bin, die vor der Ausbildung des Falschen Kerns existiert. Von dort aus sehen wir den Falschen Kern als etwas, das nicht zu uns gehört. Je weniger Einfluss der Falsche Kern auf uns ausübt, desto unabhängiger sind wir von unseren Persönlichkeitsstrukturen. Von außen ist dies nicht unbedingt wahrnehmbar. Man wird sehen, dass Sie sich in einer bestimmten Art und Weise verhalten und vielleicht denken, dass Sie damit Ihren Falschen Kern ausagieren. Doch in Wirklichkeit bleiben Sie innerlich davon unberührt. Es gibt ein altes indisches Sprichwort aus dem Raja-Yoga, das besagt, dass ein Taschendieb einen Heiligen treffen kann, letztlich aber doch nur den Inhalt seiner Taschen sieht. Wenn also jemand selbst aus der Verschachtelung von Falschem Kern und Falschem Selbst heraus lebt, dann sieht er auch bei anderen nur die Ausstrahlung dieses Knotens und nicht mehr.
Wie man mit Falschem Kern und Falschem Selbst umgehen kann
Wie ich bereits angeführt habe, entsteht das Falsche Selbst als Ausgleich zum Falschen Kern. Das ist das Schlechte daran. Das Gute ist, dass Sie weder das eine noch das andere sind. Sie sind weder Ihr Falscher Kern noch Ihr Falsches Selbst. Beides ist nur ein gedankliches Konstrukt, ein vorgefertigtes Konzept. Unglücklicherweise glauben viele Menschen an die Realität dieser Gebilde. Sie glauben, ihre Existenz erschöpfe sich darin. Dabei sollten sie das Ganze eher so sehen: Bevor Sie Ihren Falschen Kern ausbildeten, waren Sie einfach da, in einem zustandslosen Zustand ohne Gedanken, Erinnerungen, Gefühle, Assoziationen oder Wahrnehmungen. Wenn Sie nun Ihren Falschen Kern gehen lassen, dann sind Sie immer noch da. Daher können Sie weder Ihr Falsches Selbst noch Ihr Falscher Kern sein. Denn wenn beides weg ist, dann ist das Ich bin immer noch da.
Registrieren Sie einfach jeden Gedanken, den Sie haben, jede Erfahrung, die Sie machen. Nun gibt es da einen Raum vor dem Einsteigen auf diesen Gedanken. Versuchen Sie, in diesem Raum zu bleiben. Der Falsche Kern ist ja nur deshalb so mächtig, weil Ihre ganze Aufmerksamkeit, Ihr gesamtes Bewusstsein unbewusst so sehr auf ihn fixiert ist. Sie versuchen ja ständig diese Erfahrung in irgendeiner Form zu »behandeln«. Wenn Sie also meditieren, dann kehren Sie zurück in die essenzielle Natur des Ich bin. Wenn Sie Ihre Augen öffnen und in die Alltagswelt zurückkehren, dann kommt damit auch die Struktur von Falschem Kern und Falschem Selbst zurück.
Als ich in Indien lebte, lernte ich dort fast 60 verschiedenen Gurus, Lehrer und Meditationsmeister kennen und verbrachte Zeit bei ihnen. Aber jedes Mal, wenn ich das Stadium der essenziellen Natur des Ich bin erreichte oder gar darüber hinaus gelangte, geschah dies nur für kurze Zeit. Bald darauf waren meine ungelösten Probleme wieder da. Nach all den Jahren, die ich in Indien verbracht hatte, fragte ich mich: »Warum geht es mir immer wieder so?« Die Gurus und Lehrer gaben mir immer wieder zu verstehen, dass ihr System all meine Probleme lösen werde, doch tatsächlich war das nicht der Fall.
Ich erkannte, dass verschiedene Therapie- oder Meditationsformen zwar für eine Bewusstseinsdimension gut waren, auf andere jedoch keinerlei Einfluss hatten. Und offenkundig hatte dies etwas mit dem System von Falschem Kern und Falschem Selbst zu tun, das sehr viel tiefer verwurzelt zu sein schien, als ich zunächst angenommen hatte. Da ich vor meiner Zeit in Indien bereits in Psychotherapie gewesen war, wusste ich, dass ich diese Struktur an ihren Ursprung zurückverfolgen und herausfinden musste, wie man mit ihr sinnvoll umgeht. Solange nämliche diese Struktur ungehindert am Werk war, konnte sich kein dauerhaftes Gewahrsein der essenziellen Natur einstellen.
Ein Beispiel: In den frühen siebziger Jahren führten die meisten Gurus in Indien ein ziemlich klösterliches Leben. Sie hausten in kleinen Höhlen oder obskuren Ashrams am Ende der Welt und ihre Bedürfnisse waren wirklich minimal. Dann kamen sie nach Amerika oder Europa und das heißt: Ihr Umfeld, die Außendimension, veränderte sich und ihre »Samenkörner« begannen auszutreiben. Mit einem Mal wollten sie Geld, Meditationszentren, Ruhm und eine Menge junger Schülerinnen. Bald schon begannen sie ihre »unbearbeiteten Samenkörner« zu spiritualisieren. Sie behaupteten, selbst gar keine Meditationszentren oder Geld zu wollen, sondern dass Gott ihnen dies alles aufgetragen habe. Sie wollten gar keinen Sex, sondern praktizierten Tantra. Und plötzlich wurde Spiritualität dazu benutzt, ihre wahren Bedürfnisse zu rechtfertigen (zu »spiritualisieren«). Daher machten ihre Schüler wenig Fortschritte, denn in Wahrheit war Spiritualität nur ein Schleier der Lüge, der sich über das legen sollte, was wirklich geschah. Und die Schüler mussten sich selbst belügen und noch weiter in die Altersregression einsteigen, da sie sonst mit dem, was der Guru (Mutter- oder Vaterfigur) tat, nicht fertig geworden wären.
Quantenpsychologisches Prinzip:
Jedes Mal, wenn der äußere Kontext sich ändert, kommen andere Aspekte des Falschen Kerns zum Vorschein.
Wie Sie dem Falschen Kern auf die Spur kommen
Wenn Sie den Falschen Kern, also die Triebkraft hinter Ihrer Persönlichkeit, erfahren wollen, dann müssen Sie einfach nur darauf achten, was in Ihnen vorgeht. Was Sie dabei entdecken verfolgen Sie zurück bis an die Wurzel, indem Sie sich kontinuierlich fragen: »Was ist das Schlimmste daran?« Oder: »Was ist so schlimm daran?« Irgendwann gelangen Sie mit diesen Fragen auf den Grund der Dinge.
Quantenpsychologisches Prinzip:
Sie sind mehr als nur die Art, wie Sie Ihre Aufmerksamkeit binden. Diese Art der Bindung, das heißt, alles, was Sie glauben zu sein, ist Teil der Verbindung zwischen der Antriebsstruktur des Falschen Kerns und der kompensatorischen Struktur des Falschen Selbst. Diese Verbindung stellt Ihre Form der Selbstverteidigung dar.
Traumata
Der Falsche Kern hat eine assoziative Komponente, die wie ein Filter agiert. Durch diese Linse werden sämtliche traumatischen Situationen wahrgenommen, geordnet und erfahren. Dann wird das Trauma verallgemeinert und auf andere Situationen des äußeren Kontextes ausgedehnt. Auf diese Weise dient es der Aufrechterhaltung von Falschem Kern und Falschem Selbst. Falscher Kern und Falsches Selbst bilden also eine Interpretationsbrille, mit der Sie jedes Trauma deuten. Später werden durch diese Brille auch alle anderen Erfahrungen Ihres Lebens wahrgenommen.
Gerade bei Traumata kommt es immer wieder zum Verschmelzen und Verwechseln der Ebenen des Bewusstseins. Vor dem traumatischen Geschehen ist alles in Bewegung: Gedanken, Erinnerungen, Eindrücke, Gefühle und körperliche Wahrnehmungen. Tatsächlich muss sich in den Neuronen des Nervensystems etwas bewegen, damit der Eindruck eines Geschehens entsteht. Wenn es zum Trauma kommt, geschehen drei Dinge:
1. Die Bewegung hört auf.
2. Die Erinnerung friert ein.
3. Die Bewusstseinsebenen verschmelzen. An diesem Punkt antwortet das Nervensystem mit der verallgemeinernden Feststellung: »Ich werde dies nie wieder geschehen lassen.« Dann bildet sich ein interaktiver Suchapparat heraus, der die Umgebung nach realen oder imaginären Gefahren absucht. So versucht das Nervensystem zu verhindern, dass das traumatische Geschehen noch einmal eintritt. Wenn eine (auch nur scheinbar) ähnlich gelagerte Situation auftaucht, dann kommt es zu einem Kampf-oder-Flucht-Impuls oder einer Art »innerem Gefrieren«. Wie Sie wissen, geht diese Reaktion auf ein vergangenes Geschehen zurück. Daher ist sie der aktuellen Situation nicht angemessen.
Was beim zwanghaften Wieder-Durchleben der traumatischen Situation im Hinblick auf die Bewusstseinsebenen geschieht, lässt sich kurz wie folgt darstellen:
1. Die Bewusstseinsebenen werden an diesem bestimmten Punkt eingefroren. Ein bestimmtes Erinnerungsbild formt sich.
2. Dieses Erinnerungsbild schafft die zwanghafte Tendenz den erfahrenen Schmerz wieder zu durchleben im Versuch, das Falsche dieser ursprünglichen Situation, die auf das gegenwärtige Ereignis projiziert wird, richtig zu stellen. (Freud war es, der diese Wiederholung als zwanghaft bezeichnete.)
3. Wenn das Erinnerungsbild unangenehm ist, verstärkt es den Fehlschluss des Falschen Kerns.
Das Falsche Selbst
Das Falsche Selbst soll den Falschen Kern kompensieren. Es dient als Puffer in unserer Selbstpräsentation der Welt gegenüber. Es handelt sich also um unsere sozial akzeptierten Masken.
Das Falsche Selbst ist eine angenommene Identität, die zum Automatismus wird. Aus ihr heraus handeln wir um unser Überleben sicherzustellen. Unglücklicherweise vergessen wir mit der Zeit, dass diese Identität falsch ist, etwas, das wir selbst geschaffen haben. Mit den Jahren fragen wir uns dann, weshalb wir uns so häufig missverstanden fühlen und uns selbst fremd sind. Wir bemerken nicht mehr, dass wir aus der inneren Struktur von Falschem Kern und Falschem Selbst heraus handeln. Nehmen wir als Beispiel eine intime Beziehung, in der wir nicht sagen können, was wir gerne hätten, weil dies vielleicht als vulgär oder nicht gerade »cool« gilt. Stattdessen spielen wir dem Partner etwas vor. Wir schaffen uns eine Fantasie und verbergen unsere wahren Bedürfnisse in der vergeblichen Hoffnung, dass wir irgendwie und irgendwann schon das bekommen werden, was wir wirklich wollen. Genau das ist die Natur des Falschen Selbst – wir bauen einen Wall gegen unsere eigenen Impulse, Gefühle und Triebe auf, um uns selbst vor der Erfahrung des Falschen Kerns zu schützen und sie vor der Umwelt zu verbergen. Auf diese Weise spalten wir uns von unserem animalischen, ursprünglichen Sein ab. Wir schaffen ein Bild, hinter dem wir unsere wahren Bedürfnisse verstecken.
Denken Sie an einen Moment zurück, in dem Sie so richtig wütend waren, letztlich aber doch gute Miene zum bösen Spiel machten, um diese Tatsache zu verbergen. Oder an einen Augenblick, in dem Sie sich sexuell angesprochen fühlten und so taten, als wäre dies nicht der Fall. Bei diesen Gelegenheiten ist das Falsche Selbst in voller Aktion.
Das Falsche Selbst versetzt uns in die Lage, Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche zu verleugnen oder sie erst gar nicht wahrzunehmen. Es ist ein Bild, in das wir uns verliebt haben und das wir anderen vor die Nase halten, damit ihnen dasselbe passiert. Aber letztlich stellt uns dies nicht zufrieden, weil wir ja wissen, dass diese Identität eine falsche ist. Jedes Quäntchen Liebe, das wir so erhalten, können wir letztlich nicht annehmen, weil sie auf falschen Tatsachen beruht. Und daher versuchen wir immer und immer wieder Liebe zu gewinnen, durch übermäßiges Geben Wertschätzung zu erlangen etc. Das Falsche Selbst bildet also nicht nur unseren Schutzwall gegen den Falschen Kern, sondern leugnet auch noch unsere körperlichen Eindrücke und unsere animalische Natur.
Es kann deshalb gar nicht oft genug betont werden: Sie sind weder Ihr Falscher Kern noch Ihr Falsches Selbst. Und das Handeln aus einer angenommenen Identität heraus hinterlässt ganz selbstverständlich ein Gefühl von Entfremdung, Isolation, Missverstehen und Negativität. Der einzige Weg, sich wirklich mit anderen Menschen verbunden zu fühlen, ist das gemeinsame Eintauchen in die Essenz, sodass wir von einem Ich bin zum anderen handeln können. Damit wir dies schaffen, müssen wir unser Falsches Selbst, unsere kompensatorische Identität, ebenso abbauen wie den Falschen Kern.
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