Читать книгу: «Der Defizit-Mythos»
MEINUNGEN ZUM BUCH
„Der Defizit-Mythos ist schlichtweg das wichtigste Buch, das ich je gelesen habe. Mit ihrer sorgfältig formulierten Aussage widerlegt Stephanie Kelton die ökonomische Lehrmeinung zu Staatsfinanzen, wonach Steuern vor Ausgaben stehen und Defizite etwas Schlechtes sind. Keltons Werk kann sich mit der Genialität von Da Vinci und Kopernikus messen, zwei Häretikern, die bewiesen, dass sich die Erde um die Sonne dreht.“
David Cay Johnston, ausgezeichnet mit dem Pulitzer-Preis, einer Medaille der Investigative Reporters and Editors Inc. und dem George-Polk-Preis
„Sowohl vom Inhalt als auch vom Timing her ein bemerkenswertes Buch. Eine Pflichtlektüre, die die politischen Entscheidungen der Zukunft zweifellos in vieler Hinsicht beeinflussen wird.“
Mohamed El-Erian, oberster Wirtschaftsberater, Allianz
„In einer Welt epischer, sich überschneidender Krisen ist Stephanie Kelton eine unentbehrliche Quelle moralischer Klarheit. Eingeschworenen MMT-Fans ebenso wie MMT-Neulingen liefern die hier vermittelten Wahrheiten zu Geld, Schulden und Defiziten das bitter benötigte Handwerkzeug zum Aufbau einer sicheren Zukunft für alle. Lesen Sie es – und setzen Sie es dann um.“
Naomi Klein, Autorin von Warum nur ein Green New Deal unseren Planeten retten kann
„Keltons wegweisendes Buch über die Mythen um Staatsdefizite vereint theoretische Gründlichkeit mit empirischer Unterhaltung. Es erinnert uns daran, dass dem Geld keine Grenzen gesetzt sind, wohl aber unserem Einfallsreichtum bei dessen Verwendung. Nach der Lektüre werden Sie die öffentliche Hand nie wieder als Hauswirtschaft verstehen. Lesen Sie es!“
Mariana Mazzucato, Autorin von Wie kommt der Wert in die Welt? Von Schöpfern und Abschöpfern
„Der Defizit-Mythos ist ein Triumph. Ein Buch, das fesselt, mitreißt, und vor allen Dingen befähigt. Ausgehend von einem gut recherchierten Rahmenwerk, bei dem es darum geht, wie Wirtschaften in der realen Welt wirklich funktionieren, zeichnet sie einen realistischen Weg zu echtem wirtschaftlichem Wohlstand vor. Dieser Ansatz legt den Fokus auf das wahre Leben statt auf die Finanzmärkte und wird es uns ermöglichen, nicht nur die angeschlagene Mittelklasse wiederzubeleben, sondern auch kritische soziale Probleme wie chronische Arbeitslosigkeit, Armut, Gesundheitsversorgung und den Klimawandel in den Griff zu bekommen. Zweifellos sind unserer Handlungsfähigkeit durch viele bindende Beschränkungen Grenzen gesetzt, jedoch sollte, wie Kelton argumentiert, die gewollte Unterbeschäftigung unserer eigenen Ressourcen aufgrund der beharrlichen Manipulation durch die Defizit-Mythen keine solche Grenze sein. Dieses Buch war lange überfällig. Jeder sollte es lesen, und es dann noch einmal lesen, bevor es für einen Kurswechsel zu spät ist.“
John T. Harvey, Professor für Wirtschaft, Texas Christian University
„Keltons Mission in diesem eindringlichen Buch ist es, uns von einer überholten orthodoxen Denkweise zu Haushaltsdefiziten aus der längst vergangenen Zeit des Goldstandards zu befreien. Ihr theoretischer Hintergrund ist die Modern Monetary Theory. Herzstück der MMT ist ein simpler Vorschlag: In einer Welt von Fiat-Währungen sind die Finanzen des Volkes nicht gleich der Summe unserer individuellen Haushaltsbeschränkungen, denn wir als Volk können nicht pleite gehen, sondern lediglich unser kollektives Selbst durch Defizitausgaben in inflationäre Exzesse treiben. In der vorherrschenden Ära der Niedriginflation sollte uns die makropolitische Folge klar sein: Wir, das Volk, haben weitaus größeren steuerlichen Spielraum, als uns die defizitfeindliche, Zahlungen fordernde Masse predigt. Kelton ist eine begnadete Autorin und Lehrerin, und ich kann überzeugt voraussagen, dass ihr brillant geschriebenes und argumentiertes Buch, Der Defizit-Mythos, wegweisend dafür wird, was die MMT ausmacht – und was nicht.“
Paul Allen, Geschäftsführer und Chefökonom im Ruhestand, PIMCO, und Senior Fellow, Cornell Universtity Law School
„Einleuchtend! Fesselnd! Erkenntnisreich und überzeugend geschrieben nimmt uns Der Defizit-Mythos mit auf ein Abenteuer in die Welt der Haushalte, der Jobs, des Handels, des Bankwesens und – vor allem – des Geldes. Mit der Durchschlagskraft des gesunden Menschenverstandes durchbrechen Stephanie Kelton und das MMT-Team die geschlossenen Kreise der sogenannten gesunden Finanzen, eine altbackene Orthodoxie, die uns alle schwächer und ärmer gemacht hat. Dieses Buch erklärt, wie sie dies fertiggebracht haben, und zeigt uns taghell den Weg nach vorne in eine bessere Welt, die auf besseren Ideen aufgebaut ist.“
James K. Galbraith, The University of Texas at Austin
„Ein solider, wohldurchdachter und höchst lesenswerter Spaziergang durch viele weit verbreitete Missverständnisse. Pflichtlektüre für alle, die verstehen wollen, wie Staatsfinanzierung und deren Wechselwirkung mit der Wirtschaftspolitik wirklich funktioniert.“
Frank Newman, ehemaliger stellvertretender US-Finanzminister
Stephanie Kelton
DER DEFIZIT-MYTHOS
Die Modern Monetary Theory und die Gestaltung einer besseren Wirtschaft
Aus dem Englischen von Elborg Nopp

Copyright © Lola Books 2021
www.lolabooks.eu
Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt und darf in keinerlei Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Titel der englischen Originalausgabe:
The Deficit Myth: Modern Monetary Theory and How to Build a Better Economy
Copyright © 2020 by Stephanie Kelton
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagbild: Shutterstock, ID 1859940439
Druck: Cimapress, Madrid
Printed in Spain
ISBN 978-3-944203-60-7
eISBN 978-3-944203-61-4
Erste Auflage 2021
FÜR BRADLEY UND KATHERINE
INHALT
Einleitung: Uncle Sam auf der Stoßstange
1 Denken Sie nicht an einen Haushalt
2 Denken Sie an die Inflation
3 Die Staatsverschuldung (die keine ist)
4 Ihre rote Tinte ist unsere schwarze Tinte
5 Beim Handel „gewinnen“
6 Sie haben Ansprüche!
7 Die Defizite, auf die es ankommt
8 Eine bessere Wirtschaft gestalten
Danksagungen
Anmerkungen
EINLEITUNG
UNCLE SAM AUF DER STOSSSTANGE
Nicht das, was du weißt, bringt dich in Schwierigkeiten, sondern das, was du sicher zu wissen glaubst, obwohl es gar nicht wahr ist.
MARK TWAIN
Ich weiß noch, wie ich 2008 auf der einstündigen Fahrt von Lawrence in Kansas zu meiner Lehrtätigkeit als Ökonomin an der University of Missouri in Kansas City einen Aufkleber auf dem Heck eines Mercedes SUV sah. Darauf zu sehen war ein Mann, der mit hängenden Schultern und umgestülpten Hosentaschen dastand. Sein Gesichtsausdruck war hart und ernst. Er trug eine rot-weiß gestreifte Hose, eine dunkelblaue Jacke und einen sternenverzierten Zylinder. Es war Uncle Sam. Wie der Fahrer mit diesem Autoaufkleber sind viele Menschen zu dem Schluss gekommen, dass unsere Regierung vor leeren Kassen steht und ihr Budget zur Bewältigung der dringlichsten Probleme unserer Zeit nicht ausreicht.
Ganz gleich, ob in der Politik die Gesundheitsvorsorge, Infrastruktur, Bildung oder der Klimawandel zur Debatte stehen, stets stellt sich dieselbe Frage: Wie wollt ihr das denn bezahlen? Dieser Autoaufkleber war Ausdruck einer ganz realen Frustration und Angst um die finanziellen Angelegenheiten unserer Nation, insbesondere um das Ausmaß unseres Staatsdefizits. Angesichts der Schimpfreden von Politikern aller Parteien gegen das Defizit ist die allgemeine Entrüstung beim Gedanken an ein unüberlegtes Handeln unserer Regierung gut nachvollziehbar. Schließlich wären wir als Einzelpersonen schnell pleite, wenn wir uns so verhalten würden wie die Regierung, ganz wie der verarmte Uncle Sam auf dem Aufkleber.
Was aber, wenn sich der Bundeshaushalt grundlegend von unserer Haushaltsführung unterscheidet? Was wäre, wenn ich Ihnen zeigen würde, dass es das Schreckgespenst des Defizits gar nicht gibt? Was wäre, wenn ich Sie davon überzeugen könnte, dass wir eine Wirtschaft haben können, in der die Menschen und der Planet an erster Stelle stehen? Dass die Beschaffung des dazu benötigten Geldes gar nicht das Problem ist?
Kopernikus und die Gelehrten, die ihm folgten, veränderten unsere Sicht des Kosmos und bewiesen, dass sich die Erde um die Sonne dreht, und nicht andersherum. Einen ähnlichen Durchbruch benötigen wir auch bei unserer Auffassung des Defizits und dessen Verhältnis zur Wirtschaft. Zur Verbesserung des öffentlichen Wohlergehens sind uns weit mehr Möglichkeiten gegeben als uns bewusst ist, doch müssen wir unbedingt die Mythen durchschauen, die uns bislang davon abgehalten haben.
Das vorliegende Buch nutzt zur Erläuterung dieser kopernikanischen Wende die Brille der Modern Monetary Theory (MMT), zu deren führenden Vertreterinnen ich zähle. Meine Hauptargumente gelten für jedes monetär souveräne Land – wie die USA, das Vereinigte Königreich, Japan, Australien, Kanada und andere –, in dem die Regierung das Monopol zur Emission einer Fiat-Währung innehat.1 Die MMT verändert unseren Blick auf Politik und Wirtschaft, indem sie aufzeigt, dass Staatsdefizite der Wirtschaft in fast allen Fällen guttun. Sie sind notwendig. Und die Art, wie wir über Defizite denken und mit ihnen umgehen, ist oft lückenhaft oder falsch. Anstatt dem irrigen Ziel eines ausgeglichenen Haushalts nachzujagen, sollten wir bestrebt sein, die von der MMT als unser öffentliches Geld oder souveräne Währung bezeichneten Mittel zu nutzen, um die Wirtschaft ins Gleichgewicht zu bringen, so dass der Wohlstand der Allgemeinheit zugutekommt, anstatt sich in immer weniger Händen anzusammeln.
Aufgrund des Glaubens, der Staat habe kein eigenes Geld, steht der Steuerzahler traditionell gesehen im Zentrum des monetären Universums. Das einzige verfügbare Geld zur Finanzierung des Staates muss also letztlich von Leuten wie uns kommen. Die MMT wirft unsere Auffassungen über den Haufen, weil sie erkennt, dass der Emittent der Währung – also die Bundesregierung – alle Staatsausgaben finanziert, und nicht etwa der Steuerzahler. Steuern sind aus anderen Gründen wichtig, die ich in diesem Buch erklären werde. Doch der Gedanke, dass Steuern die Ausgaben der Regierung finanzieren, ist reine Fantasie.
Ich war skeptisch, als ich diesen Ideen zum ersten Mal begegnete. Ich wehrte mich sogar dagegen. In den frühen Jahren meines Ökonomie-Studiums versuchte ich, die Behauptungen der MMT durch intensive Forschung zur steuerlichen und monetären Tätigkeit unseres Staates zu widerlegen. Als ich dann dazu meine erste wissenschaftliche, peer-reviewte Arbeit veröffentlichte, wurde mir klar, dass meine Auffassungen bislang falsch gewesen waren. Der Kerngedanke hinter der MMT mochte zunächst abwegig erscheinen, erwies sich jedoch schließlich als einleuchtend und präzise. Die MMT ist gewissermaßen eine unparteiische Brille, die das wahre Prinzip unseres Währungssystems veranschaulicht. Ihre Überzeugungskraft ist nicht an eine Ideologie oder Partei gebunden. Stattdessen zeigt die MMT die wirtschaftlichen Möglichkeiten auf und verlagert so das Terrain politischer Debatten, die sich an Fragen der finanziellen Machbarkeit totlaufen. Die MMT konzentriert sich auf die breiteren ökonomischen und sozialen Auswirkungen eines vorgeschlagenen politischen Wandels, anstatt auf seine begrenzten finanziellen Konsequenzen. John Maynard Keynes’ Zeitgenosse, Abba P. Lerner, war ein Verfechter dieses Ansatzes, den er functional finance nannte. Es ging darum, Politik nach ihrer Funktion oder Wirkung zu bewerten. Hat sie die Inflation im Griff, erhält sie die Vollbeschäftigung und führt sie zu einer gerechteren Verteilung von Einnahmen und Reichtum? Welche Zahl der Etat jeweils jährlich hergibt, war (und ist) dabei völlig nebensächlich.
Bin ich der Ansicht, dass wir zur Lösung all unserer Probleme einfach mehr Geld ausgeben müssen? Nein, natürlich nicht. Nur, weil der Staatshaushalt keinen finanziellen Beschränkungen unterliegt, bedeutet das nicht, dass es keine realen Grenzen für das gibt, was die Regierung tun kann (und sollte). Jede Wirtschaft hat ihr eigenes inneres Tempolimit, das durch die Verfügbarkeit unserer realen produktiven Ressourcen reguliert wird – den Stand der Technologie und die Fläche und Qualität ihres Bodens, ihre Arbeiter, Fabriken, Maschinen und andere Materialien. Versucht die Regierung, zu viel Geld in eine Wirtschaft zu pumpen, die bereits auf Hochtouren läuft, dann beschleunigt sich die Inflation. Es gibt Grenzen. Allerdings liegen diese Grenzen nicht bei der Fähigkeit unserer Regierung, Ausgaben zu tätigen, oder beim Defizit, sondern beim Inflationsdruck und den Ressourcen innerhalb der realen Wirtschaft. Die MMT unterscheidet die realen Grenzen von wahnhaften und unnötigen, selbst auferlegten Beschränkungen.
Möglicherweise haben Sie die zentralen Erkenntnisse der MMT bereits in Aktion erlebt. Ich erlebte sie aus nächster Nähe, als ich im Senat der USA arbeitete. Immer, wenn das Thema Sozialversicherung zur Sprache kommt, oder wenn jemand im Kongress mehr Geld in Bildung oder das Gesundheitswesen investieren möchte, wird viel darüber geredet, dass alles „bezahlt werden“ muss, um das Staatsdefizit nicht zu erhöhen. Doch ist Ihnen aufgefallen, dass dies nie ein Problem zu sein scheint, wenn es darum geht, den Verteidigungshaushalt aufzustocken, Banken zu retten oder den reichsten Amerikanern enorme Steuervergünstigungen zu verschaffen, selbst wenn diese Maßnahmen das Defizit erheblich steigern? Solange die Mehrheit dafür ist, kann die Bundesregierung ihre Prioritäten stets finanzieren. So funktioniert das. Defizite hielten Franklin Delano Roosevelt in den 1930er Jahren nicht von der Einführung des New Deal ab. Sie hinderten John F. Kennedy nicht daran, einen Mann auf den Mond zu schicken. Und nicht ein einziges Mal haben sie den Kongress davon abgehalten, einen Krieg zu führen.
Das liegt daran, dass der Kongress die Macht der öffentlichen Hand innehat. Wenn er etwas unbedingt erreichen möchte, ist dafür immer Geld vorhanden. Wenn die Gesetzgeber wollten, könnten sie – gleich heute noch – Rechtsvorschriften zur Anhebung des Lebensstandards vorantreiben und die öffentlichen Investitionen in Bildung, Technologie und eine robuste Infrastruktur leisten, die für unseren Wohlstand auf lange Sicht unerlässlich sind. Geld auszugeben oder nicht ist eine politische Entscheidung. Selbstverständlich müssen die wirtschaftlichen Auswirkungen jedes Gesetzes gründlich durchdacht werden. Doch sollten Ausgaben nie durch willkürliche Budgetziele oder blindes Festhalten an sogenannten gesunden Finanzen beschränkt werden.

DASS ICH DAMALS im November 2008 den Uncle-Sam-Aufkleber sah, halte ich für keinen Zufall. Die veralteten Vorstellungen, dass der Regierung das Geld ausgehen könnte, gewannen während der Finanzkrise im selben Jahr an Zugkraft. Unsere Nation erlebte gerade den schlimmsten Wirtschaftsabschwung seit der Großen Depression. Es fühlte sich tatsächlich so an, als ginge unser Land gerade gemeinsam mit einem großen Teil der restlichen Welt pleite. Was als Störung auf dem Subprime-Hypothekenmarkt begonnen hatte, hatte auf die globalen Finanzmärkte übergegriffen und sich zu einem kompletten wirtschaftlichen Zusammenbruch entwickelt, der Millionen US-Amerikaner um ihre Jobs, ihr Zuhause und ihre Unternehmen brachte.2 Allein in jenem November verloren achthunderttausend Amerikaner ihre Arbeit. Millionen beantragten Arbeitslosengeld, Lebensmittelunterstützung, Medicaid und andere staatliche Beihilfen. Während die Wirtschaft tief in eine Rezession abrutschte, stürzten die Steuereinnahmen in die Tiefe, und die Ausgaben für Arbeitslosenunterstützung stiegen sprunghaft an und trieben das Defizit auf die Rekordzahl von 779 Milliarden US-Dollar. Panik breitete sich aus.
Vertreter der MMT, darunter auch ich, sahen dies als Gelegenheit, der neuen Regierung unter Obama mutige politische Vorschläge zu unterbreiten. Wir baten den Kongress eindringlich, ein robustes Konjunkturpaket aus Lohnsteuerbefreiung, zusätzlichen Beihilfen für Staats- und Landesregierungen und einer staatlichen Jobgarantie zu verabschieden.
Am 16. Januar 2009 hatten Amerikas vier größte Finanzinstitute bereits die Hälfte ihres Wertes verloren, und der Arbeitsmarkt büßte monatlich hunderttausende Stellen ein. Genau wie bei FDR fand Präsident Obamas Vereidigung am 20. Januar zu einem historisch kritischen Zeitpunkt statt. Innerhalb von dreißig Tagen hatte er ein Konjunkturpaket über 787 Milliarden US-Dollar unterzeichnet. Einige seiner engsten Berater hatten auf eine viel höhere Summe gedrungen und behauptet, zur Verhinderung einer langwierigen Rezession seien mindestens 1,3 Billionen US-Dollar nötig. Andere sträubten sich gegen alles, was auf „Billionen“ endete. Schließlich verlor Obama die Nerven.
Warum? Weil er im Grunde finanzpolitisch konservativ eingestellt war. Er war umgeben von Leuten, die ihm unterschiedliche Zahlen nannten, und entschied sich dafür, kein Risiko einzugehen und am unteren Ende der ihm vorgelegten Zahlen zu bleiben. Christina Romer, die Vorsitzende des Wirtschaftsrats, erkannte, dass sich eine Krise von derartigem Ausmaß nicht mit der eher bescheidenen Maßnahme von 787 Milliarden US-Dollar bewältigen ließ. Sie plädierte für ein ehrgeiziges Paket von über einer Milliarde und sagte, „Mr. President, jetzt wird es ernst. Es ist schlimmer, als wir dachten.“3 Sie hatte alles durchgerechnet und war zu dem Schluss gekommen, dass die Bekämpfung der sich verschärfenden Rezession voraussichtlich ein Paket in Höhe von 1,8 Billionen US-Dollar erforderte. Doch diese Option wurde von Lawrence Summers, Harvard-Ökonom, ehemaliger Finanzminister und Obamas oberster Wirtschaftsberater, zunichte gemacht. Summers wäre ein umfangreicheres Paket vielleicht lieber gewesen, doch fürchtete er, sich mit einem Antrag von einer Billion US-Dollar oder mehr beim Kongress lächerlich zu machen, und sagte, „die Öffentlichkeit würde nichts davon hören wollen, und beim Kongress würde es nie durchgehen.“4 David Axelrod, der später zum leitenden Berater des Präsidenten ernannt wurde, stimmte zu, da er befürchtete, dass jeder Betrag über einer Billion beim Kongress und dem amerikanischen Volk einen „Preisschock“ verursachen würde.
Die letztlich vom Kongress bewilligten 787 Milliarden US-Dollar beinhalteten Geldmittel für Staats- und Landesregierungen zur Bekämpfung des Abschwungs, Finanzmittel für Infrastrukturen und umweltfreundliche Investitionsprojekte sowie beträchtliche Steuervergünstigungen, um den Konsum und die Reinvestition im privaten Sektor anzukurbeln. All das half, doch reichte es bei weitem nicht aus. Die Wirtschaft schrumpfte, und während das Defizit auf über 1,4 Billionen US-Dollar kletterte, musste sich Präsident Obama Fragen zur steigenden Flut roter Zahlen stellen. Am 23. Mai 2009 wurde er auf C-SPAN interviewt. Der Moderator, Steve Scully, fragte, „Wann wird uns das Geld ausgehen?“5 Der Präsident erwiderte, „Nun ja, uns ist das Geld bereits ausgegangen.“ Da war es also. Der Präsident hatte gerade bestätigt, was der Fahrer mit dem Uncle-Sam-Sticker die ganze Zeit vermutet hatte. Die Vereinigten Staaten waren pleite.
Die Große Rezession, die von Dezember 2007 bis Juni 2009 dauerte, hinterließ überall in den Vereinigten Staaten und darüber hinaus bleibende Narben in Gemeinschaften und Familien. Es dauerte über sechs Jahre, bis der US-amerikanische Arbeitsmarkt alle 8,7 Millionen Jobs, die von Dezember 2007 bis Anfang 2010 verlorengingen, zurückgewann.6 Millionen Menschen hatten ein Jahr oder länger zu kämpfen, bis sie Arbeit fanden. Vielen gelang es überhaupt nicht. Und einige, die das Glück hatten, eine Stelle zu finden, mussten sich oft mit Teilzeitjobs begnügen oder wesentlich schlechter bezahlte Arbeit annehmen. In der Zwischenzeit verschlang die Zwangsvollstreckungskrise 8 Billionen an Immobilienvermögen, und geschätzte 6,3 Millionen Menschen – darunter 2,1 Millionen Kinder – wurden zwischen 2007 und 2009 in die Armut gedrängt.7
Der Kongress hätte mehr tun können und müssen, doch der Defizit-Mythos hatte sich durchgesetzt. Im Januar 2010, als die Arbeitslosigkeit schwindelerregende 9,8 Prozent erreicht hatte, strebte Präsident Obama bereits in die entgegengesetzte Richtung. In jenem Monat verpflichtete er sich bei seiner Ansprache zur Lage der Nation zu einer Umkehrung des Konjunkturprogramms und ließ das Land wissen, „Familien im ganzen Land schnallen den Gürtel enger und treffen schwere Entscheidungen. Die Bundesregierung sollte es genauso machen.“ Was folgte, war langanhaltender selbst zugefügter Schaden.
Schätzungen der Federal Reserve Bank of San Francisco (FRBSF) zufolge haben die Finanzkrise und das kraftlose Wachstum die US-Wirtschaft zwischen 2008 und 2018 um bis zu 7 Prozent ihres Output-Potenzials gebracht. Stellen sie sich darunter eine Aufstellung aller Güter und Dienstleistungen (und Einnahmen) vor, die wir in diesen zehn Jahren produziert haben könnten, dies jedoch nicht taten, da wir unsere Wirtschaft nicht ausreichend unterstützten, indem wir Stellen sicherten und den Menschen das Dach über dem Kopf erhielten. Durch falsche politische Reaktionen haben wir die Weichen für eine langsame und schwache Erholung gestellt, die unsere Gemeinschaften geschädigt und unserer Wirtschaft Vermögensverluste in Billionenhöhe zugefügt hat. Der FRBSF zufolge haben die zehn Jahre unterdurchschnittlichen Wirtschaftswachstums jeden Mann, jede Frau und jedes Kind in Amerika umgerechnet 70.000 US-Dollar gekostet.
Warum haben wir keine bessere Politik betrieben? Vielleicht denken Sie, es läge daran, dass unser Zweiparteiensystem so gespalten ist, dass der Kongress schlicht handlungsunfähig war, selbst angesichts einer nationalen Katastrophe, die Durchschnittsbürger und große Unternehmen gleichermaßen in ihrer Sicherheit bedrohte. Und daran ist sicher einiges wahr. 2010 brüstete sich der Mehrheitsführer im Senat, Mitch McConnell, öffentlich, „unser oberstes Ziel ist, dass Präsident Obama nicht wiedergewählt wird.“ Doch Parteipolitik war nicht das einzige Hindernis. Die Politik der Defizit-Hysterie, an der beide Seiten seit Jahrzehnten festhalten, stellte ein noch größeres Hemmnis dar.
Höhere Defizite hätten eine schnellere und kräftigere Erholung ermöglicht, Millionen Familien geschützt und wirtschaftliche Schäden in Billionenhöhe verhindert. Doch keiner der Entscheidungsträger setzte sich für höhere Defizite ein. Weder Präsident Obama noch die meisten seiner leitenden Berater, nicht einmal die progressivsten Mitglieder des Abgeordnetenhauses und des Senats. Warum? Glaubten wirklich alle, dass dem Staat das Geld ausgegangen war? Oder hatten sie nur Angst, die Wähler gegen sich aufzubringen, wie den mit dem Autoaufkleber auf dem Mercedes?
Wir können Defizite nicht zur Lösung von Problemen benutzen, wenn wir das Defizit selbst weiterhin als Problem betrachten. Aktuell ist etwa die Hälfte der Amerikaner (48 Prozent) der Meinung, dass der Abbau der staatlichen Budgetdefizite für den Präsidenten und den Kongress oberste Priorität haben sollte. Dieses Buch möchte mehr Menschen davon überzeugen, dass das Defizitproblem eher bei null liegt. Das wird nicht einfach werden. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir mit den Mythen und Missverständnissen, die unseren öffentlichen Diskurs prägen, gründlich aufräumen.

DIE ERSTEN SECHS Kapitel des Buches entkräften die Defizit-Mythen, die uns als Land lähmen. Als erstes widerlege ich die Vorstellung, dass die Bundesregierung wie ein Haushalt budgetieren sollte. Wahrscheinlich ist kein anderer Mythos so schädlich wie dieser. In Wahrheit ähnelt die Bundesregierung in keiner Weise einem Haushalt oder einem privaten Unternehmen. Das liegt daran, dass Uncle Sam etwas hat, das wir anderen nicht haben – die Befugnis zur Emission des US-Dollars. Uncle Sam muss nicht erst Dollars herbeischaffen, bevor er sie ausgeben kann. Wir anderen hingegen schon. Uncle Sam kann nicht vor einem wachsenden Schuldenberg stehen, den er nicht bezahlen kann. Wir anderen vielleicht schon. Uncle Sam wird nie pleite gehen. Wir anderen unter Umständen schon. Wenn Regierungen versuchen, ihre Budgets wie Haushalte zu verwalten, entgeht ihnen die Gelegenheit, die Macht ihrer souveränen Währungen zu nutzen, um das Leben ihrer Bevölkerung erheblich zu verbessern. Wir werden zeigen, wie die MMT beweist, dass die Bundesregierung zur Finanzierung ihrer Ausgaben nicht auf Steuereinnahmen oder Darlehen angewiesen ist, und dass Inflation der Hauptgrund für die Beschränkung von Staatsausgaben ist.
Der zweite Mythos ist, Defizite seien ein Beweis für Budgetüberschreitungen. Das ist ein naheliegender Schluss, denn wir alle haben gehört, wie sich Politiker über Defizite beklagen, die beweisen, dass die Regierung „über ihre Verhältnisse“ lebt. Das ist ein Irrtum. Es stimmt, dass in den Büchern der Regierung jedes Mal ein Defizit aufscheint, wenn sie mehr ausgibt als sie an Steuern einnimmt. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Die MMT vervollständigt das Bild durch einfache buchhalterische Logik. Angenommen, die Regierung gibt 100 US-Dollar für die Wirtschaft aus, nimmt jedoch nur 90 US-Dollar an Steuern ein. Die Differenz wird als Staatsdefizit bezeichnet. Doch man kann diese Differenz auch anders betrachten. Uncle Sams Defizit verschafft jemand anderem einen Überschuss. Das liegt daran, dass das Minus der Regierung von 10 Dollar stets irgendwo anders in der Wirtschaft durch ein Plus von 10 Dollar ausgeglichen wird. Das Problem ist, dass die Politiker das Bild nur von einer Seite betrachten. Sie sehen das Haushaltsdefizit, doch entgeht ihnen der entsprechende Überschuss auf der anderen Seite. Und da er vielen Amerikanern ebenfalls entgeht, begrüßen sie die Bemühungen um einen ausgeglichenen Haushalt, selbst wenn ihnen dadurch Geld aus den Taschen gezogen wird. Die Regierung kann zu viel ausgeben. Defizite können zu hoch sein. Doch der Beweis für Budgetüberschreitungen ist Inflation, und Defizite sind meist zu niedrig, nicht zu hoch.
Der dritte Mythos ist, dass Defizite der nächsten Generation zur Last werden. Nur allzu gern kramen Politiker diesen Mythos hervor und verkünden, dass wir durch Defizite das Leben unserer Kinder und Kindeskinder ruinieren und ihnen erdrückende Schulden aufbürden, die sie eines Tages abbezahlen müssen. Einer der einflussreichsten Verbreiter dieses Mythos was Ronald Reagan. Doch sogar Senator Bernie Sanders machte sich zu Reagans Sprachrohr, als er sagte, „Ich mache mir Sorgen wegen der Schulden. Das ist nichts, was wir unseren Kindern und Enkeln hinterlassen sollten.“8
Das ist zwar rhetorisch überzeugend, entbehrt jedoch jeder ökonomischen Logik. Den Beweis dazu liefert die Geschichte. Als Teil des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erreichte die Staatsverschuldung ihren Höchststand – 120 Prozent – unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Und doch entstand auch genau zur selben Zeit die Mittelschicht, das durchschnittliche Familieneinkommen stieg sprunghaft an, und die darauffolgende Generation genoss einen höheren Lebensstandard ohne die zusätzliche Last höherer Steuersätze. Die Realität ist, dass Staatsdefizite der Bevölkerung der Zukunft keine finanziellen Bürden auferlegen. Die Erhöhung von Defiziten macht zukünftige Generationen nicht ärmer, und der Abbau von Defiziten wird sie nicht reicher machen.
Der vierte Mythos, mit dem wir uns befassen werden, ist die Vorstellung, dass Defizite schädlich sind, weil sie private Investitionen verdrängen und langfristiges Wachstum untergraben. Dieser Mythos wird meistens von Mainstream-Ökonomen und politischen Eiferern verbreitet, die es eigentlich besser wissen sollten. Er beruht auf der fälschlichen Annahme, die Regierung müsse zur Finanzierung ihrer Defizite mit anderen Kreditnehmern um den Zugang zu einem begrenzten Vorrat von Ersparnissen konkurrieren. Die Idee hierbei ist, dass Staatsdefizite einen Teil der Dollars verbrauchen, die der private Sektor sonst in die Förderung langfristigen Wohlstands investiert hätte. Wir werden sehen, warum das Gegenteil der Fall ist – tatsächlich steigern Haushaltsdefizite private Ersparnisse – und private Investitionen leicht mit einbezogen werden können.
Der fünfte Mythos ist, dass Defizite die Vereinigten Staaten von Fremden abhängig machen. Dieser Mythos will uns weismachen, dass Länder wie China und Japan enorme Kontrolle über uns haben, weil sie im Besitz großer Mengen der US-Verschuldung sind. Wir werden sehen, dass dies eine Fiktion ist, die bewusst oder unbewusst von Politikern verbreitet wird, oft als Vorwand, um Sozialprogramme zu ignorieren, die dringend finanziert werden müssten. Manchmal bemüht dieser Mythos die Metapher vom verantwortungslosen Umgang mit einer ausländischen Kreditkarte. Dabei wird nicht beachtet, dass die Dollars nicht aus China stammen. Sie kommen aus den Vereinigten Staaten. Wir nehmen keinen Kredit in China auf, sondern versorgen China mit Dollars und gestatten ihnen, diese Dollars gegen sichere, verzinsliche US-Staatsanleihen einzutauschen. Nichts daran ist in irgendeiner Weise riskant oder schädlich. Wenn wir wollten, könnten wir die Verschuldung mit einem simplen Tastendruck augenblicklich tilgen. Die Verpfändung unserer Zukunft ist ein weiteres Beispiel dafür, wie das wahre Prinzip souveräner Währungen missverstanden – oder für politische Zwecke absichtlich fehlgedeutet – wird.
Der sechste Mythos, mit dem wir uns beschäftigen werden, ist, dass uns Leistungsansprüche in eine langfristige Finanzkrise treiben. Die Schuldigen sind angeblich Sozialversicherung, Medicare und Medicaid. Ich werde Ihnen zeigen, warum diese Denkweise falsch ist. Es gibt einfach keinen guten Grund, beispielsweise bei der Sozialversicherung Kürzungen vorzunehmen. Unsere Regierung wird zukünftige Ansprüche stets erfüllen können, da ihr nie das Geld ausgehen kann. Anstatt über die monetären Kosten zu streiten, sollten die Gesetzgeber darüber diskutieren, wessen Politik den Bedürfnissen unserer gesamten Bevölkerung am besten nachkommt. Das Geld dafür ist immer da. Die Frage ist, was man für dieses Geld bekommt. Demographien im Wandel und die Auswirkungen des Klimawandels sind echte Herausforderungen, die verfügbare Ressourcen belasten könnten. Wir müssen sicherstellen, dass wir alles Menschmögliche für die Verwaltung unserer realen Mittel und die Entwicklung nachhaltigerer Produktionsverfahren tun, während die Generation der Baby-Boomer aus der arbeitenden Bevölkerung ausscheidet. Doch wenn es um das Auszahlen von Leistungen geht, können wir es uns stets leisten, unseren Versprechen den jetzigen Rentnern und den späteren Generationen gegenüber nachzukommen.
Nach vollständiger Untersuchung der Denkfehler, die diesen sechs Mythen zugrunde liegen, und deren Widerlegung durch solide Fakten, werden wir uns mit den wirklich wichtigen Defiziten befassen. Die realen Krisen, denen wir gegenüberstehen, haben nichts mit Staatsdefizit oder Leistungsansprüchen zu tun. Die Tatsache, dass 21 Prozent aller Kinder der Vereinigten Staaten in Armut leben – das ist eine Krise. Die Tatsache, dass unsere Infrastruktur mit der Note D+ bewertet wird, ist eine Krise. Die Tatsache, dass die Ungleichheit wieder denselben Stand wie Ende des 19. Jahrhunderts erreicht hat, ist eine Krise. Die Tatsache, dass der durchschnittliche amerikanische Arbeitnehmer seit den 1970er Jahren praktisch kein reales Lohnwachstum mehr erlebt hat, ist eine Krise. Die Tatsache, dass vierundvierzig Millionen Amerikaner mit 1,7 Billionen US-Dollar an Studienkrediten verschuldet sind, ist eine Krise. Und die Tatsache, dass wir uns letztlich überhaupt nichts „leisten“ können werden, wenn wir den Klimawandel weiter beschleunigen und das Leben auf diesem Planeten zerstören, ist wahrscheinlich die schlimmste aller Krisen.
Das sind echte Krisen. Das Staatsdefizit ist keine Krise.

DAS VERBRECHEN DES von Präsident Trump 2017 unterzeichneten Steuergesetzes besteht nicht darin, dass es das Defizit vergrößerte, sondern dass es das Defizit nutzte, um denen zu helfen, die es am wenigsten brauchten. Es hat die Ungleichheit verschärft und einigen Wenigen größere politische und wirtschaftliche Macht verschafft. Die MMT geht davon aus, dass der Aufbau einer besseren Wirtschaft nicht an das Erzielen ausreichender Erträge gekoppelt ist, damit wir das bezahlen können, was wir haben möchten. Wir können und müssen von den Reichen Steuern erheben. Doch nicht, weil wir ohne sie nicht zurechtkommen. Wir sollten Milliardäre besteuern, um die Verteilung von Reichtum und Einkommen wieder ins Gleichgewicht zu bringen und die Gesundheit unserer Demokratie zu schützen. Doch müssen wir nicht ihre Sparschweine knacken, um die Armut abzuschaffen oder die bundesweite Jobgarantie zu bekommen, für die Coretta Scott King gekämpft hat. Das nötige Werkzeug haben wir bereits. Die angebliche Abhängigkeit von den Superreichen sendet die falschen Signale und stellt sie als viel wichtiger dar, als sie es für unsere Sache tatsächlich sind. Das soll nicht heißen, dass Defizite keine Rolle spielen und wir nun alle Bedenken in den Wind schlagen und das Geld mit vollen Händen ausgeben können. Der wirtschaftliche Rahmen, für den ich plädiere, fordert von der Bundesregierung keine geringere, sondern größere finanzpolitische Verantwortung. Wir müssen einfach neu definieren, was es bedeutet, verantwortlich mit unseren Ressourcen hauszuhalten. Durch unsere falschen Vorstellungen zum Defizit bleibt in unserer Wirtschaft aktuell so viel Potenzial ungenutzt oder verfällt gänzlich.
Die MMT befähigt uns dazu, Politik und Wirtschaft neu zu gestalten. Mittels vernünftiger Ökonomie hinterfragt sie den Status Quo im gesamten politischen Spektrum, und aus diesem Grund erweckt sie auch weltweit so großes Interesse bei Politikern, Akademikern, Zentralbankern, Finanzministern, Aktivisten und ganz gewöhnlichen Menschen. Beim Blick durch die Brille der MMT erkennen wir, dass eine andere Gesellschaft möglich ist, in der wir es uns leisten können, in Gesundheitsversorgung, Bildung und eine robuste Infrastruktur zu investieren. Statt um Knappheit geht es bei der MMT um Chancen. Wenn wir der Mythen Herr geworden sind und akzeptieren, dass Staatsdefizite unserer Wirtschaft tatsächlich guttun, können wir eine Steuerpolitik betreiben, bei der menschliche Bedürfnisse und das öffentliche Interesse an erster Stelle stehen. Wir haben nichts zu verlieren als unsere selbst auferlegten Grenzen.
Die Vereinigten Staaten sind das reichste Land in der Geschichte der Menschheit. Doch selbst in Zeiten größter Armut während der Großen Depression schafften wir es, eine Sozialversicherung und den Mindestlohn einzuführen, ländliche Gemeinden zu elektrifizieren, staatliche Wohnungsbaudarlehen bereitzustellen und ein umfangreiches Jobprogramm zu finanzieren. Wie Dorothy und ihre Gefährten im Zauberer von Oz müssen wir die Mythen durchschauen und uns erneut gewahr werden, dass wir die ganze Zeit an der Macht waren.
Während dieses Buch in Druck ging, schlug das Covid-19-Virus mit voller Härte zu und führte uns die Macht der MMT-Denkart lebhaft vor Augen. Ganze Industrien werden stillgelegt. Die Stellenverluste nehmen zu, und bei einem potenziellen wirtschaftlichen Zusammenbruch könnte die Arbeitslosigkeit wieder so hoch werden wie zuletzt während der Großen Depression. Der Kongress hat bereits über 1 Billion US-Dollar zur Bekämpfung der Pandemie und der sich anbahnenden Wirtschaftskrise bereitgestellt. Wir werden noch viel mehr brauchen.
Das Staatsdefizit, das vor der Bedrohung durch das Virus auf gut 1 Billion US-Dollar geschätzt wurde, wird in den kommenden Monaten voraussichtlich auf über 3 Billionen US-Dollar ansteigen. Wenn uns die Geschichte etwas gelehrt hat, dann entsteht aus der Angst vor steigenden Haushaltsdefiziten der Zwang zur Senkung der steuerlichen Anreize, um die Defizite niederzuringen. Das wäre eine einzige Katastrophe. Aktuell und in den kommenden Monaten sind höhere Defizitausgaben steuerpolitisch der beste Weg, die Krise zu bewältigen.
Das nächste Jahr wird für uns alle unglaublich schwer werden. Wir werden in verstärkter Angst leben, bis das Virus gebannt und eine Impfung allgemein verfügbar ist. Viele von uns werden sozial und wirtschaftlich Not leiden. Wir haben bereits genügend Sorgen, um uns noch zusätzlich Befürchtungen zur Haushaltslage der Nation aufzubürden. Jetzt ist der richtige Zeitpunk, einige wichtige Lektionen zu lernen: Wo kommt das Geld her und warum kann die Bundesregierung – und nur die Bundesregierung – einschreiten und die Wirtschaft retten.
1
DENKEN SIE NICHT AN EINEN HAUSHALT
Familien im ganzen Land schnallen die Gürtel enger und treffen schwere Entscheidungen. Die Bundesregierung sollte es genauso machen.
PRÄSIDENT OBAMA, REDE ZUR LAGE DER NATION, 2010
MYTHOS NR. 1: Die Bundesregierung muss wie ein Haushalt budgetieren.
REALITÄT: Im Gegensatz zu einem Haushalt emittiert die Bundesregierung das Geld, das sie ausgibt.
Wie viele von Ihnen bin ich mit der Fernsehsendung Die Sesamstraße aufgewachsen. Sie brachte kleinen Kindern unter anderem bei, Objekte nach Ähnlichkeiten und Unterschieden zu sortieren. „Eins von diesen Dingen ist anders als die anderen“, erklang das Lied, bevor es losging. Auf dem Bildschirm erschienen matrixförmig angeordnet vier Bilder: eine Banane, eine Orange, eine Ananas und ein Sandwich. „Das Sandwich! Das Sandwich!“, brüllten meine Schwester und ich dann den Fernseher an. Ich bin zwar kein Kind mehr, aber noch immer brülle ich jedes Mal den Fernseher an, wenn jemand vom Budget der Bundesregierung spricht, als würde es sich in nichts von dem eines Haushalts unterscheiden.
Wenn Sie jemals die Forderung gehört haben, dass Washington seinen Haushalt in Ordnung bringen muss, dann haben Sie eine Version des Haushalts-Mythos gehört. Er beruht auf dem fehlerhaften Gedanken, dass wir Uncle Sams Budget durch dieselbe Brille sehen müssen, durch die wir unser eigenes Familienbudget betrachten. Von allen Mythen, die wir auf den folgenden Seiten behandeln werden, ist dieser hier zweifellos der schädlichste.
Unter Politikern, die sich beim Kontakt zu ihren Wählern für gewöhnlich der simpelsten Rhetorik bedienen, ist er ein Favorit. Und was könnte einfacher sein, als die Finanzen der Regierung so darzustellen, wie sie uns anderen bereits vertraut sind – wie unsere eigenen. Wir alle wissen, wie wichtig es ist, unsere persönlichen Ausgaben nach unserem Gesamteinkommen zu richten. Wenn also jemand daherkommt und auf eine uns vertraute Art über Staatsfinanzen spricht, dann spricht uns das aus der Seele. Es fühlt sich heimelig an, so, als säße man gemeinsam um den Küchentisch.
Wir haben es alle miterlebt. Auf Wahlplakaten und Versammlungen in ganz Amerika stellen uns Politiker den Kleinunternehmer oder die schwer arbeitende Kellnerin als leuchtende Vorbilder für verantwortungsvolle Haushaltsführung hin. Mitfühlend sprechen sie von den Bemühungen der Durchschnittsamerikaner und davon, dass wir alle wissen, wie es ist, um den Küchentisch zu sitzen und die Haushaltsabrechnung zu machen. Um im Publikum Empörung auszulösen, lenken sie dann das Gespräch auf die Bundesregierung und erzählen uns, dass Uncle Sams Bücher fast nie stimmen, weil verantwortungslose Ausgaben in Washington, D.C. zur Lebensart geworden sind.
Solche Geschichten sprechen uns an, weil uns die Sprache so vertraut ist. Wir wissen, dass wir nach unseren Verhältnissen leben und unsere Finanzen so verwalten müssen, dass wir nicht mehr ausgeben, als wir einnehmen. Wir wissen, dass wir für die Zukunft etwas auf die hohe Kante legen und beim Aufnehmen von Darlehen besonders umsichtig sein müssen. Zu hohe Schulden können Bankrott, Zwangsvollstreckung und sogar Gefängnis zur Folge haben.
Wir wissen, dass man pleite gehen kann, und haben miterlebt, wie so renommierte Firmen wie RadioShack und Toys „R“ Us in den Bankrott getrieben wurden, als sie ihre Rechnungen nicht länger bezahlen konnten. Selbst Städte (Detroit) und Staaten (Kansas) können in große Schwierigkeiten geraten, wenn sie nicht genug einnehmen, um ihre Ausgaben zu finanzieren. Das versteht jede Familie, die gemeinsam am Küchentisch sitzt. Was sie nicht versteht, ist, warum dies bei der Bundesregierung (Uncle Sam) anders ist.
Um das zu verstehen, begeben wir uns direkt ins Herz der MMT.
WÄHRUNGSEMITTENTEN UND WÄHRUNGSNUTZER
Ausgangspunkt der MMT ist eine simple und unbestreitbare Tatsache: unsere nationale Währung, der US-Dollar, kommt von der US-Regierung und kann von nirgendwo sonst herkommen – zumindest nicht auf legalem Weg. Zur Emission des US-Dollar sind sowohl das Finanzamt der Vereinigten Staaten als auch dessen Fiskalagent, die Federal Reserve, ermächtigt. Dazu gehört das Prägen der Münzen in Ihrer Tasche, das Drucken der Geldscheine in Ihrer Brieftasche oder die Schaffung digitaler Dollars, die Reserven genannt werden und nur als elektronische Beträge auf Bankbilanzen existieren. Das Finanzamt produziert die Münzen, und die Federal Reserve stellt den Rest her. Hat man die Bedeutung dieser Tatsache erst einmal begriffen, dann durchschaut man viele der Defizit-Mythen ganz von selbst.
Obwohl Sie bisher vielleicht nicht viel darüber nachgedacht haben, sind Sie sich dieser grundlegenden Wahrheit im Grunde bereits bewusst. Denken Sie einmal darüber nach. Können Sie US-Dollars herstellen? Sicher, Sie können sie verdienen, aber herstellen? Vielleicht mit einer Hightech-Gravieranlage, die Sie bei sich im Keller aufstellen und damit etwas fabrizieren, das dem US-Dollar stark ähnlich sieht. Oder Sie könnten sich in den Rechner der Federal Reserve hacken und dort digitale Dollars eintippen. Aber Sie wissen genauso gut wie ich, dass Sie in einem orangefarbenen Overall enden, wenn Sie beim Geldfälschen erwischt werden. Das liegt daran, dass die Verfassung der Vereinigten Staaten der Bundesregierung das ausschließliche Recht zur Emission der Währung verleiht.1 Um es mit den Worten der Federal Reserve Bank von St. Louis zu sagen, die US-Regierung ist „Alleinhersteller für Dollars“.2
Der Begriff des Monopols bezieht sich natürlich auf einen Markt, auf dem es für ein Produkt nur einen Anbieter gibt. Da nun die Bundesregierung der einzige Hersteller von US-Dollars ist, können wir sagen, dass sie auf den Dollar ein Monopol hat. Das ist ungefähr so, als hätte sie auf die Fähigkeit zur Herstellung zusätzlicher Kopien des Dollar ein Super-Copyright (das nie erlischt). Es handelt sich hierbei um eine ausschließliche Befugnis, die von unseren Gründervätern festgelegt wurde. Haushalten, Unternehmen, lokalen oder bundesstaatlichen Regierungen steht sie nicht zu. Nur die Bundesregierung kann unsere Währung emittieren. Alle anderen sind lediglich Nutzer der Währung. Das ist eine besondere Fähigkeit, die mit großer Umsicht genutzt werden muss.
Wie bei der Sesamstraße ist hier leicht zu erkennen, welches Ding in Figur 1 anders als die anderen ist.
Figur 1. Nutzer und Emittenten der Währung
Die Unterscheidung zwischen den Nutzern und dem Emittenten der Währung bildet das Herzstück der MMT. Und wie wir auf den folgenden Seiten sehen werden, hat dies tiefgreifende Auswirkungen auf einige der wichtigsten politischen Debatten der Gegenwart, wie Gesundheitsversorgung, Klimawandel, Sozialversicherung, internationale Handelsbeziehungen und Ungleichheit.
Um die besonderen Befugnisse, mit denen der Währungsemittent ausgestattet ist, gänzlich wahrzunehmen, müssen Länder mehr tun, als sich lediglich das ausschließliche Recht zur Währungsemission zu verleihen. Sie dürfen auch kein Versprechen ablegen, ihre Währung in etwas umzutauschen, dessen Vorrat zu Ende gehen könnte (z.B. Gold oder die Währung eines anderen Landes). Und sie müssen davon absehen, Darlehen in einer anderen Währung als ihrer eigenen aufzunehmen (d.h. sich zu verschulden).3 Wenn ein Land seine eigene nicht konvertible (Fiat-)Währung emittiert und nur Darlehen in seiner eigenen Währung aufnimmt, dann hat dieses Land monetäre Souveränität erlangt.4 Monetär souveräne Länder brauchen ihre Budgets also nicht so zu führen, wie dies ein Haushalt tut. Sie können ihre Befähigung zur Währungsemission für politische Maßnahmen nutzen, die die Vollbeschäftigung in der Wirtschaft bewahren.
Gelegentlich werde ich gefragt, ob die MMT auch außerhalb der Vereinigten Staaten anwendbar ist. Ja! Obwohl der US-Dollar als globale Reservewährung einen besonderen Status genießt, sind viele weitere Länder befähigt, ihre Währungssysteme in den Dienst ihrer Bevölkerung zu stellen. Wenn Sie dieses Buch außerhalb der USA lesen, glauben Sie also bitte nicht, dass Sie hier keine wichtigen Erkenntnisse für Sie und Ihr Land finden werden. Ganz im Gegenteil, mit der MMT lassen sich die politischen Möglichkeiten jeden Landes mit einem hohen Maß an monetärer Souveränität – die Vereinigten Staaten, Japan, das Vereinigte Königreich, Australien, Kanada und viele andere – darstellen und verbessern. Und wie wir in Kapitel 5 sehen werden, liefert die MMT auch Erkenntnisse für Länder mit begrenzter oder keiner monetären Souveränität – Nationen wie Panama, Tunesien, Griechenland, Venezuela und viele andere.
Die MMT hilft, zu verstehen, warum Länder, die ihren Wechselkurs festlegen, wie dies beispielsweise Argentinien bis 2001 tat, oder Darlehen in ausländischer Währung aufnehmen, wie zum Beispiel Venezuela, ihre monetäre Souveränität untergraben und sich selbst Beschränkungen auferlegen, die für andere Währungsnutzer gelten, wie zum Beispiel Italien, Griechenland und andere Länder der Eurozone. Wenn Länder mit begrenzter oder keiner monetären Souveränität die Budgetdisziplin außer Acht lassen, können ihnen untragbare Schulden entstehen, genau wie einem Haushalt. Im Gegensatz dazu müssen sich die Vereinigten Staaten nie Sorgen machen, dass ihnen das Geld ausgehen könnte. Sie können ihre Rechnungen jederzeit bezahlen, selbst die ganz hohen. Die Vereinigten Staaten können niemals so enden wie Griechenland, das seine monetäre Souveränität aufgab, als es aufhörte, die Drachme zu emittieren, um den Euro einzuführen. Amerikas Finanzierung ist nicht von China (oder sonst jemandem) abhängig. Vor allem bedeutet monetäre Souveränität, dass sich ein Land der Sicherheit und dem Wohlergehen seiner Bevölkerung widmen kann, ohne sich Gedanken um die Finanzierung machen zu müssen.
THATCHERS RÜCKSTÄNDIGES DIKTUM: (TAB)S
In einer berühmt gewordenen Ansprache von 1983 erklärte die britische Premierministerin, Margaret Thatcher, „Der Staat besitzt keine Geldquelle außer dem Geld, das die Menschen selbst verdienen. Wenn der Staat mehr Geld ausgeben möchte, kann er das nur, indem er sich Ihre Ersparnisse leiht oder höhere Steuern von Ihnen verlangt.“5 Das war Thatchers Art, zu sagen, dass die Finanzen der Regierung, ganz wie unsere persönlichen Finanzen, begrenzt waren. Wenn sie mehr Geld ausgeben wollte, musste sich die Regierung das Geld dafür beschaffen. „Wir wissen, dass es kein staatliches Geld gibt,“ fügte sie hinzu. „Es gibt nur das Geld der Steuerzahler.“ Wenn die Briten Geld von ihrer Regierung wollten, würden sie für die Kosten selbst aufkommen müssen.
War es ein harmloser Fehler oder ein sorgfältig ausgearbeitetes Statement, um das britische Volk davon abzuhalten, mehr Geld von seiner Regierung zu verlangen? Ich bin mir nicht sicher. Aus welchem Beweggrund auch immer verheimlichte Thatchers Aussage die Befähigung des Staates zur Währungsemission. Mehr als drei Jahrzehnte danach äußern sich politische Führer währungsemittierender Länder wie des Vereinigten Königreichs und der Vereinigten Staaten noch immer so, als seien wir, die Steuerzahler, letztlich die Geldquelle der Regierung. Wie es die ehemalige britische Premierministerin, Theresa May, in jüngerer Zeit formulierte, hat die Regierung keinen „magischen Geldbaum“.6 Nur, wenn sie mehr von unserem Geld nimmt, heißt es, kann es sich die Regierung leisten, die Finanzierung bereits bestehender Programme aufzustocken oder gar ehrgeizige neue Projekte zu finanzieren.
Den meisten von uns leuchtet es wahrscheinlich ein, dass die Regierung mehr Steuern erheben muss, um mehr auszugeben. Und das wissen unsere Politiker. Sie wissen auch, dass die meisten von uns nicht wollen, dass die Steuern erhöht werden, also verstricken sie sich bei der Jagd nach Wählerstimmen immer mehr in Widersprüche, indem sie geloben, Großes zu vollbringen, ohne dass die Mehrheit von uns mehr bezahlen muss. Beispielsweise versprach Donald Trump dem amerikanischen Volk, dass Mexiko die Grenzmauer bezahlen werde, wohingegen die Demokraten behaupten, dass viele ihrer ehrgeizigen Projekte von Milliardären und der Wall Street finanziert werden können. Von irgendwoher muss das Geld schließlich kommen, nicht wahr? In Wirklichkeit ist es genau andersherum. Doch bevor wir uns damit befassen, sehen wir uns zuerst die herkömmlichen Vorstellungen an, um diese rückständige Denkweise dann leichter mit dem wahren Sachverhalt vergleichen zu können.
Sie wissen doch noch, dass wir unsere eigenen Finanzen am besten verstehen, und dass wir wissen, dass wir erst zu Geld kommen müssen, bevor wir es ausgeben können. Also scheint der Gedanke, dass sich die Bundesregierung für ihre Ausgaben Geldmittel beschaffen muss, intuitiv richtig. Ausgehend von unseren eigenen Erfahrungen wissen wir, dass wir nicht einfach mit neuen Schuhen aus einem Geschäft spazieren oder mit einem neuen Sportwagen vom Autohändler wegfahren können, bevor wir dafür bezahlt haben. Nach konventioneller Denkart ist die Regierung von zwei Geldquellen abhängig: Sie kann unsere Steuern erhöhen, oder sie kann sich unsere Ersparnisse leihen. Mittels Steuern kann die Regierung Geld von denen eintreiben, die es besitzen, weshalb Steuern als ein Weg angesehen werden, um der Bundesregierung Geld zu übertragen. Wenn die Bundesregierung mehr ausgeben möchte, als sie an Steuern einnimmt, kann sie sich zusätzliche Geldmittel beschaffen, indem sie bei Sparern Darlehen aufnimmt. In beiden Fällen gilt die Vorstellung, dass die Regierung das Geld aufbringen muss, bevor sie es ausgibt. So hat man den meisten von uns die finanzpolitischen Aktivitäten der Regierung erklärt. An erster Stelle stehen Steuern und Darlehen. An letzter Stelle stehen die Ausgaben. Eine nützliche Gedächtnisstütze für die konventionelle Denkart ist (TAB)S: Steuern und Darlehen (taxing and borrowing) vor Ausgaben (spending).
Weil wir darauf trainiert worden sind, zu glauben, dass die Regierung genau wie wir erst „das Geld aufbringen muss“, bevor sie es ausgeben kann, sind alle von der Frage besessen: Wie sollen wir das bezahlen? Man hat uns beigebracht, von unseren gewählten Politikern zu erwarten, dass sie uns einen Plan vorlegen, der genau zeigt, woher sie jeden neuen Dollar nehmen werden, den sie ausgeben wollen. Selbst die progressivsten Kandidaten fürchten, dass man ihnen den Kopf abreißt, wenn ihre Vorschläge das Defizit erhöhen, weshalb Darlehen fast nie in Frage kommen. Um zu beweisen, dass ihre Maßnahmen das Defizit nicht erhöhen werden, überlegen sie, wie sie mehr Steuererträge aus der Wirtschaft herauspressen können und zielen dabei normalerweise auf diejenigen ab, die es sich am ehesten leisten können, mehr zu zahlen. Beispielsweise behauptet Senator Bernie Sanders, dass eine Transaktionssteuer staatliche Schulen und Universitäten von Studiengebühren befreien wird, und Senatorin Elizabeth Warren versichert, dass eine 2-prozentige Steuer auf Vermögen über 50 Millionen US-Dollar ausreichen würde, um 95 Prozent der Studenten die Schuldenlast ihrer Studiengebühren abzunehmen und zusätzlich Kinderbetreuung und kostenlose Universitäten zu finanzieren. In beiden Fällen soll bewiesen werden, dass sich durch die Besteuerung der Reichsten Amerikas alles bezahlen lässt. Wie wir auf den nächsten Seiten sehen werden, können neue Programme oft finanziert werden, ohne die Steuern erhöhen zu müssen. Die Erhöhung des Defizits sollte kein Tabu sein. Steuern sind von entscheidender Bedeutung, doch besteht kein Grund zur Annahme, die Regierung müsse vor jeder Investition in unsere Wirtschaft zuerst die Steuern anheben.
In der Praxis nimmt die Bundesregierung fast nie ausreichend Steuern ein, um all ihre Ausgaben auszugleichen. Defizitausgaben sind die Norm, und alle in Washington, D.C. wissen das. Und auch die Wähler wissen es. Deshalb schimpfen so viele Politiker, dass der Kongress seinen Haushalt in Ordnung bringen solle, bevor es zu spät sei. Um ihr Engagement für die gute alte Haushaltsführung zu beweisen, führten die Demokraten unter Leitung der Sprecherin Nancy Pelosi (D-CA) 2018 die Umlagenfinanzierung (PAYGO) wieder ein. Unter PAYGO sind Darlehen zur Finanzierung neuer Ausgaben eigentlich verboten. So wird (TAB)S auf Besteuerung und Ausgaben (T)S reduziert, weshalb die Gesetzgeber unter enormem Druck stehen, neue Ausgaben durch Einnahmen aus neuen Steuern abzudecken.7
Ist das eine gute politische Strategie? Ist es gute Ökonomie? Auf jeden Fall klingt es nach einer vernünftigen Haushaltsmethode. Sie wurzelt jedoch in falschen Vorstellungen dazu, wie die Regierung tatsächlich Geld ausgibt. In Wirklichkeit ist es nämlich genau umgekehrt.
WIE DER WÄHRUNGSEMITTENT GELD AUSGIBT: S(TAB)
Weil es die vorherrschende Denkart ist, stellen sich die meisten von uns vermutlich eine Version des (TAB)S-Modells vor. Selbst dann, wenn wir uns nie mit den inneren Abläufen des Staatshaushalts auseinandergesetzt haben, glauben wir wahrscheinlich, dass der Staat auf unser Geld angewiesen ist, um seine Rechnungen bezahlen zu können. Vielleicht empfinden wir sogar einen gewissen Patriotismus, wenn wir jedes Jahr im April einen Scheck an die US-Finanzbehörde schicken, und sind stolz darauf, dass wir ein wenig dazu beigetragen haben, dass Sozialwohnungen gebaut, unsere Männer und Frauen in Uniform bezahlt und unsere Landwirte großzügig subventioniert werden. Leider habe ich jedoch schlechte Nachrichten für Sie, denn tatsächlich verhält es sich völlig anders. Falls Sie nicht bereits sitzen, sollten Sie das jetzt tun. Sind Sie bereit? Mit Ihren Steuern wird überhaupt nichts bezahlt, zumindest nicht auf Bundesebene. Die Regierung braucht unser Geld nicht. Wir brauchen ihr Geld. Wir sehen das Ganze völlig verkehrt!
Als ich dieser Darstellung der Funktionsweise von Steuern und Ausgaben zum ersten Mal begegnete, schreckte ich zurück. Es war 1997, und ich steckte mitten in einem PhD-Programm für Wirtschaft, als mir jemand ein kleines Buch mit dem Titel Soft Currency Economics zukommen ließ.8 Der Autor des Buches, Warren Mosler, war ein erfolgreicher Wall-Street-Investor, kein Ökonom, und in seinem Buch ging es darum, wie die Wirtschaftswissenschaft beinahe alles falsch verstand. Ich las es und war nicht überzeugt.
Mosler zufolge tätigt die Regierung zuerst Ausgaben und erhebt dann Steuern oder nimmt Darlehen auf. Diese Reihenfolge kehrt Thatchers Diktum komplett um und bringt die Gedächtnisstütze in eine neue Reihenfolge: S(TAB) – Ausgaben vor Steuern und Darlehen. Moslers Argumentation zufolge kommt es der Regierung gar nicht darauf an, dass Andere die TAB übernehmen, sie bringt ihre Währung einfach durch Ausgaben in Umlauf. Warren erkannte Dinge, die den meisten Ökonomen entgingen. Viele von uns hielten seine Ideen anfangs für völlig neuartig, doch die meisten davon waren es gar nicht. Sie waren nur uns neu. Tatsächlich finden sie sich in kanonischen Texten wie Adam Smiths Wohlstand der Nationen oder in John Maynard Keynes’ zweibändigem Klassiker, Vom Gelde (wo wir sie dann auch jeweils fanden). Schon vor langer Zeit waren Anthropologen, Soziologen, Philosophen und Andere zu ähnlichen Schlussfolgerungen zur Natur des Geldes und der Rolle von Steuern gekommen, doch die Ökonomie hinkte großteils hinterher.
Mosler gilt als Vater der MMT, weil er diese Ideen in den 1990er Jahren einigen von uns nahebrachte. Er sagt, er wisse nicht, wie er zu dieser Auffassung von Steuern und Staatsausgaben gelangt war, dass er jedoch nach jahrelanger Arbeitserfahrung auf den Finanzmärkten einfach darauf kam. Er war daran gewöhnt, in Soll und Haben zu denken, weil er mit Finanzinstrumenten gehandelt und zugesehen hatte, wie Geld zwischen Bankkonten hin und her überwiesen wurde. Eines Tages begann er, zu überlegen, wo all diese Dollars wohl ursprünglich herkamen. Er kam auf den Gedanken, dass die Regierung zuerst Dollars hinzufügen (gutschreiben) musste, bevor sie sie von uns abziehen (abbuchen) konnte. Also folgerte er, dass die Ausgaben zuerst dagewesen sein mussten, denn woher hätten wir sonst die für Steuerzahlungen benötigten Dollars bekommen? Auch wenn die Logik unfehlbar wirkte, war ich überzeugt, dass an der Geschichte etwas falsch sein musste. Wie auch nicht? Sie stellte mein gesamtes Wissen zu Geld, Steuern und Staatsausgaben auf den Kopf. Ich hatte bei weltbekannten Ökonomen an der Universität Cambridge Wirtschaftswissenschaften studiert und von keinem meiner Professoren jemals so etwas gehört. Tatsächlich deckten sich alle Modelle, die sie mich gelehrt hatten, mit Thatchers Diktum, dass Regierungen zuerst Steuern erheben oder Darlehen aufnehmen müssen, bevor sie Ausgaben tätigen können.9 Konnte es wirklich sein, dass fast alle unrecht hatten? Ich musste es herausfinden.
1998 besuchte ich Mosler in seinem Haus in West Palm Beach in Florida, wo ich stundenlang seinen Ausführungen zuhörte. Als erstes bezeichnete er den US-Dollar als „ein simples öffentliches Monopol“. Da die US-Regierung die einzige Quelle für Dollars ist, war es Unfug, zu glauben, dass Uncle Sam von uns anderen Dollars bekommen musste. Selbstverständlich konnte der Emittent des Dollar so viele Dollars haben, wie er nur wollte. „Die Regierung will keine Dollars“, erklärte Mosler. „Sie will etwas Anderes.“
„Was will sie denn?“, fragte ich.
„Sie will sich versorgen”, antwortete er. „Die Steuern sind nicht dazu da, um Geld zu beschaffen. Sie sind dazu da, damit die Menschen arbeiten und Dinge für die Regierung herstellen.“
„Was für Dinge?“, fragte ich.
„Ein Militär, ein Gerichtssystem, öffentliche Parks, Krankenhäuser, Straßen, Brücken. Solche Dinge eben.“
Damit die Bevölkerung all diese Arbeit leistet, erlegt ihr die Regierung Steuern, Gebühren, Strafzahlungen oder andere Verbindlichkeiten auf. Die Steuern sind dazu da, um eine Nachfrage nach der Währung der Regierung zu schaffen. Bevor Steuern bezahlt werden können, muss Arbeit verrichtet werden, um die Währung zu verdienen.
Mein Kopf drehte sich. Dann erzählte er mir eine Geschichte.
Mosler besaß ein wunderschönes Haus am Strand mit Swimmingpool und allem erdenklichen Luxus. Er hatte auch eine Familie, zu der zwei Kinder gehörten. Zur Veranschaulichung seines Arguments erzählte er mir, dass er sich einmal mit seinen zwei Kindern hingesetzt und ihnen erklärt habe, dass sie ihren Teil dazu beitragen mussten, um das Haus sauber und wohnlich zu halten. Er wollte, dass der Rasen gemäht, die Betten gemacht, das Geschirr gewaschen und die Autos geputzt wurden, und so weiter. Um sie für ihre Zeit zu entlohnen, bot er ihnen an, sie für ihre Arbeit zu bezahlen. Drei seiner Visitenkarten, wenn sie ihre Betten machten. Fünf fürs Geschirrwaschen. Zehn für ein geputztes Auto und fünfundzwanzig für Gartenarbeit. Aus Tagen wurden Wochen, und das Haus wurde zusehends unbewohnbar. Das Gras wuchs kniehoch. In der Spüle stapelten sich die Teller, und die Autos waren von der Meeresbrise mit Sand und Salz bedeckt. „Warum arbeitet ihr nicht?“, fragte Mosler die Kinder. „Ich habe euch doch gesagt, dass ich euch mit meinen Visitenkarten bezahle, wenn ihr im Haushalt helft.“ „Pa-paaa“, kam von den Kindern zurück. „Warum sollen wir denn für deine Visitenkarten arbeiten? Die sind doch nichts wert!“
Da hatte Mosler seine Erleuchtung. Die Kinder hatten keine Hausarbeit getan, weil sie seine Karten nicht brauchten. Also sagte er den Kindern, sie bräuchten überhaupt nichts zu tun. Er wollte lediglich, dass sie ihm jeden Monat dreißig seiner Visitenkarten zahlten. Wenn sie nicht zahlten, hätte das den Verlust von Privilegien zur Folge. Kein Fernsehen mehr, kein Bad im Swimmingpool oder Fahrten zum Einkaufszentrum. Es war ein Geniestreich. Mosler hatte eine „Steuer“ eingeführt, die nur mit seinem monogrammierten Papier bezahlt werden konnte. Jetzt waren die Karten etwas wert.
Innerhalb von Stunden wuselten die Kinder umher und brachten ihre Zimmer, die Küche und den Garten in Ordnung. Was zuvor eine wertlose rechteckige Visitenkarte gewesen war, wurde nun zum wertvollen Zahlungsmittel. Doch warum? Wie brachte Mosler die Kinder dazu, all diese Arbeiten zu verrichten, ohne sie dazu zu zwingen? Ganz einfach. Er brachte sie in eine Lage, in der sie seine „Währung“ verdienen mussten, um keinen Ärger zu bekommen. Jedes Mal, wenn die Kinder eine Aufgabe erledigten, erhielten sie dafür eine Quittung (eine Anzahl Visitenkarten) von ihrem Vater. Am Ende des Monats gaben die Kinder die Visitenkarten an ihren Vater zurück. Wie Mosler erklärte, brauchte er seine eigenen Visitenkarten eigentlich nicht wieder von seinen Kindern einzusammeln. „Was sollte ich denn mit meinen eigenen Karten?“, fragte er. Er hatte bereits bekommen, was er wollte – ein aufgeräumtes Haus! Warum machte er sich also die Mühe, die Karten von den Kindern zurückzunehmen? Warum überließ er sie ihnen nicht als Andenken? Der Grund dafür war einfach: Mosler sammelte die Karten ein, damit die Kinder sie im nächsten Monat wieder verdienen mussten. Er hatte ein wirksames Versorgungssystem geschaffen! Wobei wirksam in diesem Fall bedeutet, dass es sich stets aufs Neue wiederholt.
Mithilfe dieser Geschichte erläuterte Mosler einige Grundprinzipien der Art und Weise, wie sich Währungsemittenten tatsächlich selbst finanzieren. Steuern sind dazu da, eine Nachfrage nach der Währung der Regierung zu schaffen. Die Regierung kann die Währung als ihre ganz eigene Rechnungseinheit definieren – ein Dollar, ein Yen, ein Pfund, ein Peso – und dann ihrem ansonsten wertlosen Papier Wert verleihen, indem sie es zur Zahlung von Steuern und anderen Verbindlichkeiten verpflichtend macht. Wie Mosler scherzhaft anmerkt, „Steuern machen Müll zu Währung.“ Letzten Endes will eine währungsemittierende Regierung etwas Reales, nicht etwas Monetäres haben. Die Regierung will nicht unsere Steuergelder. Sie will unsere Zeit. Damit wir für den Staat etwas produzieren, lässt sich die Regierung Steuern oder andere Arten von Pflichtzahlungen einfallen. Das ist nicht die Erklärung, die man in den meisten Lehrbüchern zur Ökonomie findet, in denen lieber eine oberflächliche Geschichte erzählt wird, wonach Geld als Lösung für die Unannehmlichkeiten des Tauschhandels – den geldlosen Austausch von Waren – erfunden wurde. In dieser Geschichte ist Geld einfach ein zweckmäßiges Mittel, das auf natürliche Weise entstand, um den Handel effizienter zu gestalten. Zwar wird Studenten vermittelt, dass Tauschhandel früher sozusagen als natürlicher Zustand allgegenwärtig war, doch für die Gelehrten der Antike gab es wahrscheinlich kaum Belege dafür, dass sich Gesellschaften jemals um den Tauschhandel herum organisiert hätten.10
Die MMT lehnt die ahistorische Geschichte vom Tauschhandel ab und setzt stattdessen am Charta-lismus an, einem umfangreichen wissenschaftlichen Ansatz, der beweist, dass Steuern den Herrschern der Antike und frühen Nationalstaaten dazu dienten, um ihre eigenen Währungen einzuführen, welche dann erst später als Tauschmittel unter Privatpersonen in Umlauf kamen. Von Anfang an schafft die Steuerverbindlichkeit Menschen, die nach bezahlter Arbeit in der Währung der Regierung suchen (also Arbeitslosigkeit). Die Regierung (oder eine andere Autorität) bringt die Währung dann durch Ausgaben in Umlauf und ermöglicht den Menschen den Zugriff auf das Zahlungsmittel, das sie zur Bezahlung ihrer Verbindlichkeiten beim Staat benötigen. Natürlich können die Steuern erst bezahlt werden, wenn die Regierung ihr Zahlungsmittel bereitstellt. Als einfaches logisches Argument erklärte Mosler, dass die meisten von uns die Reihenfolge falsch verstanden. Nicht die Steuerzahler finanzieren die Regierung, sondern die Regierung finanziert die Steuerzahler.11
Allmählich verstand ich es, zumindest theoretisch. Ich begann, die Regierung als Währungsmonopolisten zu betrachten. Moslers Argument brachte Kindheitserinnerungen zurück, als ich mit meiner Familie Monopoly spielte. Beim Nachdenken über die Spielregeln wurden mir die Parallelen noch klarer. Zunächst einmal kann erst gespielt werden, wenn es einen Bankhalter gibt. Die Spieler entrichten keinen Einsatz, um das Spiel zu beginnen. Das können sie nicht, weil sie es noch nicht haben. Die Währung muss zuerst emittiert werden, bevor sie erhältlich wird. Nach Auszahlung des Startgelds bewegen sich die Spieler um das Spielbrett und kaufen Immobilien, zahlen Miete, landen im Gefängnis oder ziehen eine Karte, die sie anweist, 50 Dollar an das Finanzamt zu zahlen. Jedes Mal, wenn ein Spieler erneut über „Los“ geht, bekommt er von der Person, die die Währung verwaltet, 200 Dollar ausgezahlt. Da die Spieler lediglich Nutzer der Währung sind, können sie pleite gehen, was sie auch tun. Dem Emittenten jedoch kann das Geld nie ausgehen. Tatsächlich besagen die offiziellen Spielregeln12 wortwörtlich, „Die Bank geht niemals ‚bankrott‘. Der Bankhalter kann zusätzliches Geld herstellen, indem er die Werte auf kleine Zettel schreibt“ (meine Hervorhebung).
Ich dachte über diese Idee nach, auf Papier zu schreiben, um Geld herzustellen, als ich mit meinen eigenen Kindern das US Bureau of Engraving and Printing in Washington, D.C. besuchte. Wenn Sie noch nicht dort waren, kann ich es Ihnen nur wärmstens empfehlen. Es ist äußerst aufschlussreich. Für einen Besuch kann man sich auf der Website der Regierung anmelden: www.moneyfactory.gov. Dort geht es viel technischer zu als beim Monopoly, bei dem man Geld herstellt, indem man „auf kleine Zettel schreibt“, doch ist es im Grunde dasselbe. Es ist einer der Orte, an denen unser Währungsemittent die Währung herstellt.13 Eines der ersten Dinge, die mir auffielen, war ein riesiges Neon-schild hoch über den Gravieranlagen. Darauf stand: „Wir machen Geld nach alter Manier. Wir drucken es.“ Alle wollten ein Bild davon machen, doch fotografieren ist während des Besuchs nicht gestattet. Staunend sah die Menge zu, wie die Maschinen ungeschnittene Bogen von 10-Dollar-, 20-Dollar- und 50-Dollar-Scheinen ausspuckten. Dann sprach jemand aus, was wir alle dachten. „Ich wünschte, das könnte ich auch!“ Leider müssen wir die Herstellung jedoch dem US Bureau of Engraving and Printing überlassen, wenn wir nicht in einem orangen Overall enden wollen.
Diese Scheine machen einen Teil des Währungsvorrats der Vereinigten Staaten aus. Wie die alten, mit Pennys, 5- und 10-Cent-Stücken gefüllten Einmachgläser auf dem Regal Ihrer Großmutter bescheinigen, emittiert die Regierung auch US-Währung in Form von Münzen. Genauso, wie sich die Federal Reserve als die „ausstellende Behörde für alle Geldscheine der Federal Reserve“ bezeichnet, so bezeichnet sich die Prägeanstalt als den „einzigen Hersteller von Münzen als gesetzliches Zahlungsmittel der Vereinigten Staaten“. Schließlich emittiert die Federal Reserve auch digitale Dollars, als Bankreserven bekannt.14 Diese kommen ausschließlich durch Tastenanschläge auf einem Computer zustande, der vom Fiskalagenten der Regierung, der Federal Reserve, gesteuert wird. Als die Banken der Wall Street Billionen von Dollars brauchten, um die Finanzkrise von 2008 zu überstehen, zauberte die Fed sie mühelos aus dem Nichts herbei, indem sie einfach eine Tastatur bei der Federal Reserve Bank in New York bediente.
Dem Normalbürger mag es so vorkommen, als benutze die Regierung tatsächlich die Geldscheine, die aus der Druckmaschine schießen, oder die Münzen, die aus der Prägemaschine purzeln, um ihre Rechnungen zu begleichen. Nachrichtenkanäle zeigen jedenfalls liebend gern, wie Geld in Massen produziert wird. Oft begleiten sie eine Reportage zu Staatsausgaben mit einem Video, in dem frisch gedruckte Geldscheine von der Druckerpresse ausgespuckt werden. Doch die Geldscheine und Münzen der Federal Reserve dienen hauptsächlich unserer Bequemlichkeit. Müsste die Bundesregierung die Firma Boeing für eine Flotte neuer Kampfjets mit einer riesigen Menge an materiellem Geld bezahlen, dann wäre das viel zu umständlich. So funktioniert es einfach nicht.
Anstatt wie beim Monopoly das Geld mit vollen Händen auszuzahlen, leistet die Bundesregierung die meisten ihrer Zahlungen so, wie ein Punkteverwalter beim Bridge Punkte vergibt. Mit der Ausnahme, dass keine Punkte auf einer Punktekarte vermerkt werden, sondern die Zahlungen einfach von jemandem bei der Federal Reserve in eine Tastatur eingetippt werden. Lassen Sie mich das erklären.
Nehmen wir zum Beispiel Militärausgaben. 2019 verabschiedeten das Repräsentantenhaus und der Senat ein Gesetz zur Aufstockung des Militärhaushalts und genehmigten 716 Mrd. US-Dollar, beinahe 80 Mrd. mehr, als der Kongress im Steuerjahr 2018 bewilligt hatte.15 Wie die Ausgaben finanziert werden sollten, stand überhaupt nicht zur Debatte. Niemand fragte, Woher sollen wir die zusätzlichen 80 Mrd. Dollar nehmen? Weder erhöhten die Gesetzgeber die Steuern, noch nahmen sie bei Sparern Darlehen über weitere 80 Mrd. Dollar auf, damit die Regierung die zusätzlichen Zahlungen leisten konnte. Stattdessen verpflichtete sich der Kongress dazu, Geld auszugeben, das er nicht besaß. Dank seiner besonderen Macht über den US-Dollar kann er das. Wenn der Kongress die Ausgaben bewilligt, erhalten mittelbewirtschaftende Stellen wie das Verteidigungsministerium die Genehmigung, Verträge mit Unternehmen wie Boeing, Lockheed Martin und anderen abzuschließen. Um sich mit F-35-Kampfjets zu versorgen, weist das US-Finanzamt seine Bank, die Federal Reserve, an, die Zahlung für sie zu leisten. Die Fed tut dies, indem sie die Zahlen auf Lockheeds Bankkonto erhöht. Der Kongress muss kein „Geld auftreiben“, um es ausgeben zu können. Er muss Stimmen auftreiben! Sobald er die nötigen Stimmen hat, kann er die Ausgaben bewilligen. Der Rest ist lediglich Buchhaltung. Wenn die Schecks abgeschickt werden, verrechnet die Federal Reserve die Zahlungen, indem sie dem Bankkonto des Verkäufers den entsprechenden Betrag an digitalen Dollars, Bankreserven genannt, gutschreibt.16 Das ist der Grund, warum die MMT die Fed manchmal als den Punkteverwalter des Dollar bezeichnet. Dem Punkteverwalter können nie die Punkte ausgehen.
Überlegen Sie einmal, woher die Punkte kommen, wenn Sie Karten spielen oder zu einem Basketball-Spiel gehen. Sie kommen nirgendwo her! Sie werden einfach von der Person ins Leben gerufen, die sie aufschreibt. Wenn einem Basketballspieler ein Wurf von der Drei-Punkte-Linie aus glückt, werden der Mannschaft drei Punkte gutgeschrieben. Greift der Anschreiber in einen Eimer und holt die drei Punkte dort heraus? Natürlich nicht! Tatsächlich hat der Anschreiber gar keine Punkte. Um den Dreipunkte-Wurf zu verzeichnen, erhöht der Anschreiber lediglich die Zahl, die dann auf der Anzeigetafel aufleuchtet. Nehmen wir jetzt einmal an, dass das Spiel überprüft wird und der Schiedsrichter entscheidet, dass die Wurfuhr abgelaufen war. Die Punkte werden abgezogen. Beachten Sie jedoch, dass das Stadion gar nichts zurücknimmt. Es werden einfach Punkte addiert und subtrahiert, so wie die Bundesregierung der Wirtschaft Dollars hinzufügt oder entzieht, wenn sie Ausgaben tätigt und Steuern einnimmt. Uncle Sam verliert keine Dollars, wenn er welche ausgibt, und er bekommt keine Dollars, wenn er Steuern erhebt. Deshalb widersprach der ehemalige Vorsitzende der Fed, Ben Bernanke, der Behauptung, dass die Dollars der Steuerzahler für die Rettung der Banken nach der Finanzkrise verwendet würden. „Die Banken haben Konten bei der Fed,“ erklärte er. „Wir benutzen nur den Computer, um die Kontostände zu erhöhen.“ Nicht die Steuerzahler retteten die Wall Street. Es war der Anschreiber.
Bernankes Bemerkung erinnert vielleicht einige von Ihnen an die beliebte Fernsehsendung Whose Line Is It Anyway? Der Moderator, Drew Carey, eröffnete jede Folge mit dem Spruch, „Eine Sendung, in der alles frei erfunden ist und die Punkte keine Rolle spielen.“ Es war Improvisationscomedy, so dass wirklich alles frei erfunden war. Im Verlauf der Show verlieh Carey imaginäre Punkte, je nachdem, wie lustig er und das Publikum die anderen Komiker fanden. Mit den Punkten konnte niemand etwas anfangen, so dass sie wirklich keine Rolle spielten. Die Punkte der Regierung jedoch spielen durchaus eine Rolle.
Zunächst einmal brauchen Sie und ich Dollars, um unsere Steuern zu bezahlen. Und weil Steuern (und der Tod) zum Leben einfach dazugehören, nimmt die Währung der Regierung eine zentrale Stellung in unserem Wirtschaftsleben ein. Nach Einführung einer durch Steuereinnahmen gedeckten Währung, wie es der US-Dollar ist, wird diese üblicherweise als Standardeinheit benutzt, um alles andere zu bewerten. Betreten Sie ein beliebiges Restaurant oder Einkaufszentrum in den Vereinigten Staaten, und Sie werden mit Sicherheit einen Verkäufer finden, der Dollars verdienen möchte. Betreten Sie ein Gerichtsgebäude, und Sie werden einen Richter vorfinden, der Schadensersatz in US-Dollar gewährt. Loggen Sie sich in Ihren Computer ein, um eine Pizza zu bestellen, und Sie müssen mit Dollars zahlen. Wir brauchen Dollars, und wir können sie nur an einem einzigen Ort bekommen, und zwar vom Währungsemittenten. Die Pizzeria und das Kaufhaus brauchen auch Dollars, denn schließlich müssen sie ebenfalls Steuern zahlen. Selbst Bundesstaaten und Lokalverwaltungen sind auf Dollars angewiesen, weil sie die Lehrer, Richterinnen, Feuerwehrleute und Polizeibeamtinnen bezahlen müssen, die alle in Dollars entlohnt werden wollen. Nur der Anschreiber ist anders. Uncle Sam braucht keine Dollars. Wenn er Steuern von uns erhebt, nimmt er uns lediglich ein paar Dollars weg. In Wirklichkeit bekommt er gar keine Dollars.
Es ist irritierend, ich weiß. Das ist unser erster Kopernikus-Moment. Es ist der Grund, warum ein Journalist der Financial Times die MMT als Autostereogramm bezeichnet hat.17 Sie wissen schon, eines dieser zweidimensionalen Bilder, die ziemlich unscheinbar aussehen, bis man den Blick auf eine bestimmte Art einstellt, sodass auf einmal das Bild hinter dem Bild sichtbar wird und eine kunstvolle Wüstenlandschaft oder ein Weißer Hai in 3-D erscheinen. Erkennt man erst einmal, dass im Mittelpunkt der Fähigkeit der Regierung, Ausgaben zu tätigen, nicht der Dollar des Steuerzahlers steht, dann verlagert sich das gesamte Steuer-Paradigma. Oder, wie es der Journalist ausdrückte, „Hat man es erst einmal kapiert, dann sieht man die Dinge nie mehr ganz so wie früher.“
WOZU DIE MÜHE MIT STEUERN UND DARLEHEN?
Wenn die Bundesregierung wirklich einfach so viele Dollars herstellen kann, wie sie nur möchte, warum macht sie sich dann überhaupt die Mühe mit Besteuerung und Darlehen? Warum schafft sie Steuern nicht gänzlich ab? Das Volk würde jubeln! Und wozu sich einen Dollar leihen, wenn man es gar nicht nötig hat? Wir könnten die Staatsschuld tilgen, wenn wir keine Darlehen mehr aufnähmen. Warum ersparen wir uns also nicht das ganze (TAB) und geben das Geld nur dazu aus, um unsere Probleme zu lösen? Das sind wichtige Fragen, die oft gestellt werden, wenn jemand erkennt, dass währungsemittierende Regierungen für ihre Ausgaben nicht auf Steuern oder Darlehen angewiesen sind.
2018 rief ein dreizehnjähriges Mädchen namens Amy aus Bristol in England bei den Moderatoren eines beliebten Podcast namens Planet Money mit folgendem Vorschlag an:
AMY: Ich hatte da eine Idee: Die drucken doch Geld, und statt es der Bank zu geben und die Inflation in die Höhe zu treiben, könnten sie es doch einfach für die öffentlichen Dienstleistungen benutzen. Und so wäre es viel einfacher. Und es wäre insgesamt echt gut, weil es doch so schwierig ist mit, also, weil doch die Steuern nicht für alle Schulen und Krankenhäuser reichen. Drum hab’ ich gedacht, vielleicht könnte das helfen. Also, danke fürs Zuhören. Okay, danke. Tschüss.
Kindermund tut Wahrheit kund, heißt es. Amy erkennt Probleme, die gelöst werden müssen. Unterfinanzierte Schulen und ein staatlicher Gesundheitsdienst, der dringend mehr Investitionen braucht. Sie hat auch miterlebt, wie die Bank of England ihre digitale Druckerpresse angekurbelt hat, um aus dem Nichts 435 Mrd. Pfund zu produzieren, als Teil ihres quantitativen Lockerungsprogramms nach der Finanzkrise. Für Amy liegt die Lösung auf der Hand – vergesst die Steuern und lasst die Druckerpresse nur für das Volk laufen!
Das Interesse der Podcast-Moderatoren war geweckt, und sie kontaktierten mich mit der folgenden Frage: Die Regierung kann Geld schaffen. Wozu sind dann Steuern gut? Warum muss mir die Regierung das Geld mit Steuern wegnehmen?18
Ich erklärte den Leuten von Planet Money, dass es für die MMT mindestens vier wichtige Gründe für Besteuerung gibt.19 Den ersten haben wir bereits besprochen. Durch Steuern kann sich die Regierung versorgen, ohne explizit Gewalt anwenden zu müssen. Wenn die britische Regierung von ihrer Bevölkerung nicht mehr verlangen würde, ihre steuerlichen Verpflichtungen mit britischen Pfund zu begleichen, dann könnte sie sich ziemlich bald nicht mehr versorgen. Weniger Menschen müssten Pfund verdienen, und für die Regierung würde es immer schwieriger, Lehrer, Krankenschwestern und so weiter zu finden, die bereit wären, im Austausch gegen die Währung zu arbeiten und Dinge zu produzieren.
Amy spricht den zweiten wichtigen Grund für Steuern an – die Inflation. Wenn die Regierung so handeln würde, wie Amy vorschlägt, und einfach jede Menge neues Geld ausgeben würde, ohne es der Bevölkerung durch Steuern zu nehmen, dann würde sie ein Inflationsproblem verursachen. Wie wir im nächsten Kapitel sehen werden, kommt es nicht auf das eigentliche Drucken von Geld an, sondern auf das Ausgeben von Geld. Wenn die Regierung die Ausgaben für Gesundheit und Bildung erhöhen möchte, muss sie uns anderen möglicherweise etwas Kaufkraft entziehen, damit ihre eigenen großzügigeren Aufwendungen die Preise nicht in die Höhe treiben. Eine Methode hierfür ist, höhere Staatsausgaben mit höheren Steuern zu kombinieren, so dass wir anderen ein wenig zurückstecken müssen und so mehr Raum für zusätzliche Staatsausgaben entsteht.20 Dies kann beim Regulieren von Inflationsdruck helfen, indem man die Belastung der realen Produktionskapazität unserer Wirtschaft ausgleicht. Mehr als jede andere ökonomische Denkschule legt die MMT Wert auf die Entscheidung, wann Steuererhöhungen mit neuen Ausgaben einhergehen sollten, und welche Steuern dem Inflationsdruck am effektivsten entgegenwirken. Steuern unnötig anzuheben kann Steueranreize untergraben, und die Anhebung der falschen Steuern kann eine Nation anfällig für sich beschleunigende Inflation machen. Den Grund dafür erfahren wir im nächsten Kapitel.
Drittens können Regierungen mittels Steuern wirksam Einfluss auf die Verteilung von Vermögen und Einkommen nehmen. Steuersenkungen, wie sie die Republikaner 2017 verabschiedeten, können durch ihre Struktur die Kluft zwischen Reich und Arm vergrößern, indem sie großen Unternehmen und den Reichsten der Gesellschaft zu unerwarteten Gewinnen verhelfen. Heutzutage herrscht bei der Vermögens- und Einkommensverteilung mehr Ungleichheit als je zuvor in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Etwa die Hälfte des gesamten neuen Einkommens geht an das oberste 1 Prozent, und lediglich drei Familien besitzen gemeinsam mehr Vermögen als die untere Hälfte Amerikas. Eine so extreme Ballung von Vermögen und Einkommen schafft sowohl soziale als auch ökonomische Probleme. Zunächst einmal fällt es schwer, die Wirtschaft stark zu halten, wenn das meiste Einkommen an die dünnste, oberste Schicht der Bevölkerung geht, die einen Großteil ihres Einkommens spart (anstatt es auszugeben). Der Kapitalismus ist auf Verkäufe angewiesen. Man braucht eine sinnvolle Verteilung des Einkommens, damit Firmen genügend Kunden bekommen und gewinnbringend genug sind, um ausreichend Arbeitsplätze zu bieten, damit die Wirtschaft gut läuft. Extreme Ansammlungen von Vermögen haben zudem eine Korrosionswirkung auf unseren politischen Prozess und unsere Demokratie. Genauso, wie durch Steuersenkungen Ungleichheiten verstärkt werden können, so können Regierungen ihre Befugnis zur Besteuerung einsetzen, um diese gefährlichen Tendenzen umzukehren. Verstärkte Durchsetzung, das Schließen von Gesetzeslücken, höhere Steuersätze und die Einführung neuer Besteuerungsarten sind alles wichtige Hebel, mit denen die Regierung eine nachhaltigere Einkommens- und Vermögensverteilung erreichen kann. Daher sieht die MMT in Steuern ein wichtiges Mittel zur Behebung jahrzehntelanger Stagnation und zunehmender Ungleichheit.
Schließlich können Regierungen Steuern nutzen, um ein bestimmtes Verhalten zu fördern oder zu unterbinden. Um die öffentliche Gesundheit zu verbessern, den Klimawandel zu bekämpfen oder riskante Spekulationen auf den Finanzmärkten zu verhindern, können Regierungen eine Zigarettensteuer, eine Kohlesteuer oder eine Transaktionssteuer erheben. Ökonomen bezeichnen sie oft als Sündensteuern, weil sie die Menschen von schädlichen Aktivitäten abhalten sollen. Die MMT erkennt, dass jede Sündensteuer dazu dient, unerwünschtes Verhalten – das Rauchen, Luftverschmutzung oder übermäßige Spekulationen – zu unterbinden, und nicht etwa, um dem souveränen Währungsemittenten Geld zu beschaffen. Je effektiver die Steuer dem Verhalten entgegenwirkt, desto weniger nimmt die Regierung tatsächlich ein, da die Steuer nur solange gezahlt wird, wie das Verhalten andauert. Wenn eine Kohlesteuer erfolgreich alle CO2-Emissionen ausgemerzt hat, wird sie keinen Ertrag liefern, doch sie wird ihren wahren Zweck erfüllt haben. Umgekehrt können Steuern dazu dienen, Verhaltensweisen zu fördern. Beispielsweise kann die Regierung Steuernachlässe bieten, um die Menschen zum Kauf energieeffizienter Haushaltsgeräte oder elektrischer Fahrzeuge anzuregen.
Aus all diesen Gründen sind Steuern ein unverzichtbares politisches Werkzeug, das man nicht einfach weglassen kann, nur weil die Regierung ihre Währung selbst herstellen kann. Amy war jedoch eindeutig auf einer heißen Spur. Die meisten Regierungen, darunter auch ihre, geben routinemäßig mehr aus, als sie an Steuern einnehmen. Und das tun sie Jahr um Jahr, ohne dass ein Inflationsproblem entsteht. Tatsächlich versuchen viele der größten Wirtschaften der Welt aktiv, ihre Inflationsraten in die Höhe zu treiben. Warum geben sie dann nicht einfach mehr Geld aus, ohne sich die Mühe zu machen, die Steuern zu erhöhen? Und welchen Sinn hat es, Darlehen in der eigenen Währung aufzunehmen, wenn man die doch selbst herstellen kann? Diesen Fragen widmen wir uns weiter unten.
DIE ROLLE VON DARLEHEN IN DER MMT
Bevor ich mein eigenes Denken vom Haushaltsmodell (TAB)S auf das Währungsemittenten-Modell S(TAB) umgestellt hatte, konnte ich nicht klar erkennen, worum es bei Steuern und Darlehen wirklich ging. Diesen gedanklichen Schalter umzulegen war nicht einfach, und zunächst wehrte ich mich noch gegen Moslers Reihenfolge. Es fühlte sich nicht richtig an. Doch etwas daran ließ mir keine Ruhe. Ich bereitete mich auf den Beruf der Ökonomin vor, und es war mir wichtig, es richtig zu machen und nicht an der konventionellen Denkart festzuhalten, bloß weil die Lehrbücher entschieden hatten, dass der Steuerzahler im Zentrum des monetären Universums stand. Also machte ich mich auf die Suche nach Antworten.
Monatelang untersuchte ich die Staatsfinanzen bis ins letzte Detail. Ich brütete über offiziellen Dokumenten der Federal Reserve und des US-Finanzamts, las unzählige Bücher und Artikel zu geldpolitischen Transaktionen und sprach mit zahlreichen Regierungsexperten. Dann begann ich, zu schreiben. Ich gliederte meine Gedanken um eine einzige Frage herum: Finanzieren Steuern und Staatsanleihen die Staatsausgaben? Alles, was ich bisher gelernt hatte, legte nahe, dass dies ein sinnloses Unterfangen war. Alle „wussten“, dass Steuern und Darlehen zur Finanzierung von Staatsausgaben dienten. Ich dachte an das Zitat von Mark Twain – „Nicht das, was du weißt, bringt dich in Schwierigkeiten, sondern das, was du sicher zu wissen glaubst, obwohl es gar nicht wahr ist“ – und beschloss, unvoreingenommen zu bleiben. Als ich mit dem Schreiben begann, wusste ich ehrlich gesagt nicht, worauf es hinauslaufen würde. Ich war entschlossen, mich von der Forschung leiten zu lassen. 1998 veröffentlichte ich einen frühen Entwurf der Arbeit, und zwei Jahre später wurde eine erweiterte Version zu meiner ersten akademischen Veröffentlichung mit Peer-Review.21 Die Antwort auf die von mit gestellte Frage war nein.
Das Zusammenspiel ist nicht einfach zu durchschauen. Tatsächlich lassen sich die geldpolitischen Operationen der Regierung unmöglich in diskreter Zeit entschlüsseln. An einem beliebigen Tag sind buchstäblich Millionen von Teilen in Bewegung. Im Lauf des Jahres wickelt die Federal Reserve Zahlungen an das US-Finanzamt in Billionenhöhe ab. Jeden Monat schreiben Millionen Haushalte und Unternehmen Uncle Sam Schecks aus, und diese Zahlungen werden zwischen den Geschäftsbanken und der Federal Reserve verrechnet.22 Das Finanzamt, die Federal Reserve und die Primärhändler sprechen ab, wann Staatsanleihen versteigert, welcher Mix an Laufzeiten angeboten und wie viele Wertpapiere insgesamt bei jeder Auktion angeboten werden sollen. Das Ganze läuft wie ein perfekt choreographiertes Wasserballett ab. Ein Perpetuum mobile, das Steuerzahlungen, Staatsausgaben und Darlehen in perfektem Gleichklang verrechnet.
Mit bloßem Auge betrachtet kann es so wirken, als würde sich die Regierung von Steuerzahlern und Staatsanleihen-Käufern Dollars holen, weil sie diese Dollars braucht, um ihre Rechnungen zu begleichen. So gesehen besteht der Zweck von Steuern und Staatsanleihen in der Finanzierung von Staatsausgaben. So wollte es uns Thatcher mit dem Blick durch die Haushalts-Brille weismachen. Die MMT betrachtet die Vorgänge durch die Brille des Währungsemittenten. Die Regierung braucht unser Geld nicht. Ebenso wenig wie Steuern dazu da sind, um die Regierung mit ihrer eigenen Währung zu versorgen, dient die Versteigerung von US-Staatsanleihen – also die Aufnahme von Darlehen – nicht dazu, Dollars für Uncle Sam zu beschaffen.
Warum muss die Regierung dann Darlehen aufnehmen? Die Antwort ist, das muss sie gar nicht. Sie möchte den Menschen eine andere Art von Geld bieten, eine, die ein wenig Zinsen einbringt. Um es anders zu sagen, US-Staatsanleihen sind ganz einfach verzinsliche Dollars. Um solche verzinslichen Dollars von der Regierung zu kaufen, braucht man zuerst die Währung der Regierung. Die ersteren sollen ab jetzt „gelbe Dollars“ und die letzteren „grüne Dollars“ heißen. Wenn die Regierung mehr ausgibt, als sie von uns an Steuern einnimmt, dann sagen wir, dass die Regierung ein Steuerdefizit hat. Dieses Defizit erhöht das Angebot an „grünen Dollars“. Mehr als hundert Jahre lang hat die Regierung US-Staatsanleihen entsprechend der Höhe ihrer Staatsausgaben verkauft. Wenn die Regierung also 5 Billionen US-Dollar ausgibt, aber nur 4 Billionen Dollar an Steuern einnimmt, verkauft sie Staatsanleihen im Wert von 1 Billion Dollar. Was wir staatliche Kreditaufnahme nennen, ist nur Uncle Sam, der es den Menschen gestattet, grüne Dollars in verzinsliche gelbe Dollars zu verwandeln.
Die MMT zeigt, warum es falsch ist, die staatliche Kreditaufnahme durch die Haushalts-Brille zu betrachten. Wenn Sie und ich ein Darlehen aufnehmen, um ein Heim oder ein Auto zu kaufen, gehen wir nicht in eine Bank, überreichen der Sachbearbeiterin einen Stapel Geld und bitten dann darum, uns dieses Geld für den Kauf eines Hauses oder eines Autos leihen zu dürfen. Der Grund, warum wir uns das Geld leihen, ist, dass wir es nicht haben. Anders als ein Haushalt tätigt die Regierung zuerst Ausgaben und stellt so die Dollars zur Verfügung, die dann für den Kauf von Staatsanleihen verwendet werden können. Wie wir in Kapitel 3 sehen werden, tut sie das, um die Zinsraten zu stützen, und nicht, um Ausgaben zu finanzieren.
INNERHALB DER GRENZEN BLEIBEN
Wenn Sie den Unterschied zwischen dem Währungsemittenten und einem Währungsnutzer erst einmal verinnerlicht haben, werden Sie durch eine neue Brille hindurch allmählich erkennen, warum unser politischer Diskurs weitgehend kaputt ist. Von den Zwängen der Goldstandard-Welt befreit, sind die Vereinigten Staaten nun so flexibel, dass sie ihr Budget nicht wie einen Haushalt gestalten müssen, sondern es ganz in den Dienst ihrer Bevölkerung stellen können.
Um das zu erreichen, müssen wir uns von Thatchers Diktum befreien. Es bedeutet, dass wir uns des Mythos entledigen müssen, demzufolge die Regierung kein eigenes Geld besitzt, dass sie das benötigte Geld letztlich von uns, dem Steuerzahler, bekommen muss. Die MMT zeigt, dass es sich genau andersherum verhält. Rein finanziell gesehen kann es sich unsere Regierung leisten, alles zu kaufen, was in ihrer eigenen Währung erhältlich ist. Ihr kann niemals „das Geld ausgehen“, wie Präsident Obama einst behauptete.
Heißt das, dass es keine Grenzen gibt? Können wir uns den Wohlstand einfach herbeidrucken? Auf keinen Fall! Die MMT ist kein Gratisbuffet. Es gibt sehr reale Grenzen, und das Nichterkennen – und die Nichtbeachtung – dieser Grenzen kann großen Schaden verursachen. Bei der MMT geht es darum, die realen Grenzen von den selbst auferlegten Zwängen, gegen die wir durchaus etwas tun können, zu unterscheiden.
Es mag so aussehen, als würde der Kongress bereits uneingeschränkt Geld ausgeben. Die Vereinigten Staaten werden voraussichtlich Defizite in Billionenhöhe haben, und die öffentlichen Schulden haben beste Aussichten, von 16 Billionen US-Dollar im Jahr 2019 auf 28 Billionen US-Dollar im Jahr 2029 zu steigen. In vieler Hinsicht scheint es, als könne den Kongress nichts aufhalten. Technisch jedoch schon.
Der Kongress hat eine Reihe technischer Verfahren und Haushaltsvereinbarungen verabschiedet, die neue Bundesausgaben verlangsamen oder verhindern sollen. Sehen wir uns ein paar davon an. Als erstes gibt es, wie zuvor angemerkt, PAYGO, eine Vorschrift, die aktuell im Abgeordnetenhaus zum Einsatz kommt. PAYGO ist eine selbst auferlegte Bestimmung, die den Gesetzgebern die Bewilligung neuer Ausgaben erschwert. Angenommen, es sollen mehr Dollars in die Bildung fließen, dann werden für die Finanzierung dieses Ziels nicht nur mehr Stimmen gebraucht, sondern es muss auch der mit dem Gesetz verbundenen Steuererhöhung oder Ausgabenkürzung zugestimmt werden, die „dafür bezahlen“ soll. Unter PAYGO ist die Erhöhung des Defizits keine Option. Die Vorschrift soll den Kongress dazu zwingen, wie ein Haushalt zu budgetieren. Eine weitere selbst auferlegte Beschränkung, die Byrd-Regel, gilt im Senat. Unter der Byrd-Regel können Defizite steigen, dürfen jedoch das zehnjährige Haushaltsfenster nicht übersteigen. Drittens müssen sowohl das Abgeordnetenhaus als auch der Senat bei Behörden wie dem Congressional Budget Office oder dem Joint Committee on Taxation eine Budgetbewertung beantragen, bevor die Gesetzgeber überhaupt zu wichtigeren Gesetzen abstimmen können. Eine schlechte Bewertung durch eine dieser Behörden kann einen Gesetzesentwurf buchstäblich zum Stillstand bringen. Als letztes ist dem Kongress eine Schuldenobergrenze auferlegt, die dem zulässigen Gesamtbetrag der Staatsschulden ein gesetzliches Limit setzt.
Da all diese Beschränkungen vom Kongress auferlegt wurden, kann er sie auch alle wieder zurücknehmen oder aufheben.23 Anders gesagt, sie sind nur verpflichtend, wenn der Kongress dies möchte. Der Kongress kann die Regeln ändern und tut dies auch oft. Beispielsweise hoben die Republikaner im Abgeordnetenhaus die PAYGO-Regel 2017 flugs auf, um ihre Steuerreform zu verabschieden. Um ihre Version des Gesetzes zu verabschieden, mussten die Republikaner im Senat um die Byrd-Regel herumkommen. Dafür gingen sie von einem äußerst optimistischen Wirtschaftswachstum aus24 und legten das Ende der Einkommenssteuersenkungen für 2025 fest. All diese Manöver zusammengenommen ermöglichten es den Republikanern, sich um die Byrd-Regel herumzumogeln, indem sie „Beweise“ lieferten, dass die Steuersenkungen das Defizit außerhalb des zehnjährigen Haushaltsfensters nicht erhöhen würden. Und natürlich wurden wir alle Zeugen der wiederholten Dramen um die Verschuldungsgrenze. Theoretisch ist diese Grenze, die 1917 zum ersten Mal verfügt wurde, genau dazu da – um die Höhe der Staatsverschuldung zu begrenzen. In der Praxis haben die Gesetzgeber jede bevorstehende Verschuldungsgrenze zunehmend als politische Chance gesehen, um sich wichtig zu machen oder gesetzgeberische Zugeständnisse herauszuholen. Doch letzten Endes bringt der Kongress stets den Willen auf, eine Nichterfüllung durch Anheben der Grenze zu vermeiden. Seit der Einführung der Grenze hat er das etwa einhundert Mal getan.
Wenn sich der Kongress so oft selbst befreit, was sollen all diese nicht verpflichtenden Beschränkungen dann bezwecken? Warum schaffen wir PAYGO, die Byrd-Regel, die Verschuldungsgrenze und andere selbst auferlegte Kontrollmechanismen für Staatsausgaben nicht ab? Warum hören wir nicht auf, so zu tun, als müsste der Kongress wie ein Haushalt budgetieren? Die Wahrheit ist, dass die selbst auferlegten Beschränkungen für viele Gesetzgeber einen politischen Nutzen haben.
Zunächst einmal stehen Kongressmitglieder gewöhnlich unter Druck seitens der Wähler, die eine großzügigere Finanzierung von Gesundheitsversorgung, Bildung und so weiter verlangen. Die Haushaltsregeln bieten ihnen politischen Schutz. Anstatt erklären zu müssen, dass ihnen die Erhöhung von Pell-Grant-Stipendien, die finanzschwachen Studenten ein Studium ermöglichen, widerstrebt, können die Politiker ihren Wählern Empathie vorheucheln und gleichzeitig betonen, dass ihnen ja aufgrund des Defizits die Hände gebunden sind. Welche Ausrede hätten sie denn sonst für die Verweigerung von Unterstützung, wenn sie sich nicht hinter dem Defizit-Mythos verstecken könnten? Da ist es praktisch, wenn man einen Bösewicht hat.
Andere Kongressmitglieder suchen in den selbst auferlegten Beschränkungen politische Chancen. Aus den sprichwörtlichen Zitronen wollen sie Limonade machen. Anstatt sich für die Aufhebung der Beschränkungen einzusetzen, finden sie Wege, um ihre Ausgabenziele mit anderen politischen Zielen zu vereinen. Beispielsweise könnte ein progressiver Demokrat die PAYGO unterstützen, indem er eine Reihe neuer Steuern fordert, durch die die Reichen neue Hilfsprogramme für Familien mit niedrigem und mittlerem Einkommen „bezahlen“ sollen. Robin Hood war schließlich beim ganzen Volk beliebt.
UNSERE REALEN GRENZEN
Der Blick durch die MMT-Brille zeigt, dass die US-Regierung nichts mit einem Haushalt oder einem privaten Unternehmen gemeinsam hat. Der Hauptunterschied ist klar und unvermeidlich. Die Regierung emittiert die Währung (den US-Dollar), und alle anderen – Haushalte, private Unternehmen, Bundesstaaten, Kommunen und Ausländer – nutzen sie lediglich. Dadurch ist Uncle Sam uns allen mächtig überlegen. Uncle Sam muss sich nicht erst Dollars beschaffen, bevor er sie ausgeben kann. Wir anderen schon. Uncle Sam kann nicht vor einem wachsenden Schuldenberg stehen, den er nicht bezahlen kann. Wir anderen schon. Uncle Sam wird nie pleite gehen. Wir anderen unter Umständen schon.
Warum sagen wir also dem Kongress nicht, er soll einfach weiter Geld ausgeben, bis all unsere Probleme gelöst sind? Ja, wenn das nur so leicht wäre. Die Inflation, um die es in unserem nächsten Kapitel geht, ist eine echte Bedrohung. Um es klarzustellen, bei der MMT geht es nicht um die Beseitigung aller Limits. Sie ist kein Gratisbuffet. Es geht darum, unser gegenwärtiges System, das von Haushaltsergebnissen besessen ist, durch eines zu ersetzen, das menschliche Resultate in den Vordergrund stellt und gleichzeitig die Beschränkungen der realen Ressourcen unserer Wirtschaft anerkennt und respektiert. Anders gesagt, die MMT definiert die Bedeutung fiskalisch verantwortungsvoller Haushaltsführung neu. Frei nach dem politischen Strategen der Demokraten, James Carville (der während Bill Clintons Präsidentschaftskampagne 1992 den berühmten Ausspruch, „Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf“, geprägt hatte), erklärt die MMT, „Es geht um die realen Ressourcen der Wirtschaft, Dummkopf!“ Wir sind eine Nation, die reich an realen Ressourcen ist – an Hochtechnologie, gut ausgebildeten Arbeitern, Fabriken, Maschinen, fruchtbarem Boden und einer Fülle an Rohstoffen. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir von allen entscheidenden Dingen genug haben. Wir können eine Wirtschaft aufbauen, die allen ein gutes Leben ermöglicht. Wir müssen nur mit unseren realen Ressourcen haushalten.
2
DENKEN SIE AN DIE INFLATION
MYTHOS NR. 2: Defizite sind ein Beweis für Mehrausgaben.
REALITÄT: Beweise für Mehrausgaben finden sich, wenn man sich die Inflation ansieht.
2015 ließ ich mich von meiner Lehrtätigkeit an der Universität Missouri-Kansas City freistellen und zog nach Washington, D.C., um dort im Haushaltsausschuss des US-Senats als Chefökonomin für die Demokraten meinen Dienst anzutreten. Ich stellte es mir interessant vor, einmal aus der akademischen Welt herauszutreten, in der theoretisch alles möglich ist, und die Wurstfabrik zu betreten, in der Budgets erstellt werden und Ausgabenbeschlüsse das Leben realer Menschen beeinflussen. Ich bin nicht sicher, was ich genau erwartet hatte, doch was ich vorfand, war äußerst entmutigend. Keinem der Senatoren, die im einflussreichen Haushaltsausschuss sitzen, schien klar zu sein, dass der Bundeshaushalt nicht wie das Budget einer Hauswirtschaft funktioniert.
Der führende Republikaner im Ausschuss war dessen Vorsitzender, Senator Mike Enzi aus Wyoming. Enzi besaß einen buchhalterischen Hintergrund und hatte einen Schuhhandel betrieben, bevor er in die Politik ging. Er verbrachte zehn Jahre als Staatsgesetzgeber und diente sowohl im Abgeordnetenhaus als auch im Senat des Bundesstaates Wyoming. In all diesen Positionen arbeitete er mit einem knappen Budget. Als Unternehmer musste er Kosten kontrollieren, Gehälter abrechnen und einen Gewinn machen, um existenzfähig zu bleiben. Als Mitglied der Legislative von Wyoming war er in einem Umfeld tätig, das den Gouverneur verfassungsrechtlich dazu verpflichtet, jedes Jahr einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen. Bevor er nach Washington kam, hatte er die Welt nur durch die Brille eines Währungsnutzers gesehen.
Der Ausschuss hielt regelmäßige Anhörungen zu Haushaltsfragen ab, und ich saß normalerweise dicht hinter Senator Enzi und seinem demokratischen Amtskollegen im Ausschuss, Senator Bernie Sanders, der mich in das Amt berufen hatte. Zu Beginn jeder Anhörung las der Vorsitzende mehrere Minuten lang vorbereitete Kommentare vor. Senator Enzis Kommentare blieben fast immer gleich. Er betrachtete den Bundeshaushalt wie eine Gewinn- und Verlustrechnung seines Schuhhandels. Für ihn war das Problem klar. Uncle Sam erwirtschaftete Verluste. Defizite und Schulden waren zur Gewohnheit geworden, und das Ganze war schlicht verantwortungslos. Man musste nicht Rechnungswesen studiert haben (wie Senator Enzi), um das Problem zu erkennen. Immer wieder vereinfachte er die Situation, indem er erklärte, „Defizite sind ein Beweis für Mehrausgaben!“
Die Ökonomin in mir wollte aus dem Stuhl springen. Die Chefökonomin in mir war gezwungen, sitzen zu bleiben und zu hoffen, dass einer der anderen einundzwanzig Senatoren des Ausschusses einen wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund hatte. Wie wir unseren Studierenden im ersten Jahr beibringen, treten übermäßige Ausgaben als Inflation zutage. Ein Defizit ist nur dann ein Anzeichen für Mehrausgaben, wenn es eine Inflation auslöst. Da die Preise nicht stiegen, konnte das Defizit unmöglich zu hoch sein.
Zu meiner großen Enttäuschung stellte keiner der anderen Senatoren Enzis Behauptung in Frage. Alle trugen dieselbe defekte Brille und sprachen von der Notwendigkeit, Ausgaben durch Einnahmen auszugleichen. Für die Republikaner stand auf der Ausgabenseite des Kassenbuches zu viel – ein Ausgabenproblem. Für die Demokraten stand auf der Einnahmenseite des Kassenbuches zu wenig – ein Ertragsproblem. Alle waren überzeugt, dass das Defizit zu hoch war. Es wurde darüber debattiert, ob man die Ausgaben kürzen sollte, um die Erträge auszugleichen, oder die Erträge steigern sollte, um die Ausgaben auszugleichen. Küchentisch-Haushaltsführung.
Was entging ihnen?
Drei wichtige Dinge.
Erstens untersteht der Währungsmonopolist, wie wir im vorhergehenden Kapitel gelernt haben, nicht denselben Beschränkungen wie die Währungsnutzer (Haushalte, Unternehmen oder Bundesstaaten und Kommunalregierungen). Der 15. August 1971 war ein wichtiger Wendepunkt in der Währungsgeschichte. Präsident Nixons Entscheidung, die Konvertierbarkeit des Dollar aufzuheben, verstärkte die monetäre Souveränität der Vereinigten Staaten und veränderte für immer das Wesen der entsprechenden Beschränkung für Bundesausgaben. Unter dem Bretton-Woods-System musste der Bundeshaushalt zum Schutz der nationalen Goldreserven relativ streng geregelt sein. Heutzutage haben wir eine reine Fiatwährung. Das heißt, dass die Regierung nicht länger verspricht, Dollars in Gold umzutauschen, was bedeutet, dass sie mehr Dollars emittieren kann, ohne befürchten zu müssen, dass ihr das Gold ausgehen könnte, das den Dollar früher sicherte. Mit einer Fiatwährung kann Uncle Sam unmöglich das Geld ausgehen. Und trotzdem argumentierten diese Senatoren so, als könnten Mehrausgaben zu Bankrott führen. Sie mussten ihre monetäre Brille modernisieren.
Zweitens muss der Staatshaushalt nicht ausgeglichen sein. Unsere Wirtschaft schon. Der Haushalt ist lediglich ein Hilfsmittel, mit dem uns anderen Dollars hinzugefügt oder abgezogen werden können. Bei einem Steuerdefizit werden mehr Dollars hinzugefügt als abgezogen, während bei einem Steuerüberschuss mehr Dollars abgezogen als hinzugefügt werden. Die MMT liefert den Beweis, dass keines der Ergebnisse grundsätzlich gut oder schlecht ist. Es ist ein Balance-akt, und das Ziel dabei ist, dem Staatshaushalt die nötige Bewegungsfreiheit zu geben, um eine umfassend ausgeglichene Wirtschaft für die Menschen, denen sie dienen soll, zu schaffen.
Abschließend hat die Bundesregierung traditionell ihr Defizit fast immer zu niedrig gehalten. Ja, zu niedrig! Der Beweis für ein zu niedriges Defizit ist Arbeitslosigkeit. Natürlich erkennt die MMT an, dass Defizite auch zu hoch sein können. Doch Senator Enzi verstand es völlig falsch. Ein Steuerdefizit ist kein Beweis für Mehrausgaben. Um einen Beweis für Mehrausgaben zu bekommen, müssen wir die Inflation betrachten.
INFLATION: HERKÖMMLICHE DENKWEISEN
Niemand möchte in einem Land leben, in dem die Inflation außer Kontrolle gerät. Inflation bedeutet einen kontinuierlichen Anstieg des Preisniveaus. Ein wenig Inflation gilt als harmlos und gehört für Ökonomen zu einer gesunden, wachsenden Wirtschaft sogar dazu. Doch wenn die Preise anfangen, stärker zu steigen als die meisten Einkommen, bedeutet das einen starken Verlust an Kaufkraft. Böte man dem keinen Einhalt, wäre eine Verschlechterung des realen Lebensstandards in der Gesellschaft die Folge. In extremen Fällen können die Preise sogar außer Kontrolle geraten und ein Land in einer Hyperinflation gefangenhalten.
Es gibt nicht nur eine Denkweise zur Inflation. Es gibt nicht einmal nur eine Art, sie zu messen. In den Vereinigten Staaten produziert das Bureau of Labor Statistics unter anderem Verbraucherpreisindizes (CPI-U und CPI-W), einen Erzeugerpreisindex (PPI) und verkettete Verbraucherpreisindizes (C-CPI-U). Das Bureau of Economic Analysis generiert einen BIP-Deflator, einen Index, der als Eigenbedarfsaufwendung (PCE) bezeichnet wird, und viele mehr. Die Federal Reserve bevorzugt eine Messung, die als Core-PCE bekannt ist, also, Sie verstehen schon. Viele Statistiker sind damit beschäftigt, Politikern, Investoren, Unternehmen, Gewerkschaften und anderen eine Vielzahl von Schätzungen vorzulegen, damit sie eine Vorstellung davon bekommen, was mit den Preisen in unserer Wirtschaft geschieht.
Wir können uns nur ungefähr vorstellen, was mit den Preisen geschieht, weil es buchstäblich unmöglich ist, den Preis eines jeden Produktes nachzuverfolgen, das in unserer Wirtschaft verkauft wird. Vielleicht zahlen Sie für Ihren Morgenkaffee, für einen Liter Benzin oder für Ihr Kabel-Abonnement etwas mehr, was aber nicht bedeutet, dass das Preisniveau insgesamt steigt. Um das Geschehen auf Makroniveau zu verstehen, sind wir auf Preisindizes wie die oben genannten angewiesen. Ein Index wie der Verbraucherpreisindex sagt uns, ob der Preis eines Standardwarenkorbs mit der Zeit teurer wird. Der Warenkorb enthält alles, von Wohnen und Gesundheitsversorgung bis hin zu Essen, Transport, Unterhaltung, Kleidung und anderes. Natürlich konsumieren nicht alle Haushalte identische Warenkörbe, weshalb Indizes wie der CPI das Ausgabeverhalten eines typischen Haushalts wiedergeben. Ausgaben, die einen größeren Anteil des typischen Haushaltsbudget – beispielsweise Wohnen – aufbrauchen, zählen mehr (d.h. fallen stärker ins Gewicht) als Posten, die für eine Durchschnittsfamilie weniger wichtig sind. Weil Wohnen stärker ins Gewicht fällt als beispielsweise Unterhaltung, wird sich ein Anstieg der Wohnkosten um 5 Prozent stärker auf den Verbraucherpreisindex auswirken als ein entsprechender 5-prozentiger Anstieg der Kosten für Unterhaltung. In der realen Welt haben sich einige Arten von Gütern und Dienstleistungen verteuert (Wohnen, Bildung und Gesundheitsversorgung), während andere mit der Zeit billiger geworden sind. Was zählt, ist, wie sich der Gesamtpreis des Korbes von Monat zu Monat und von Jahr zu Jahr verändert, und ob das Durchschnittseinkommen schnell genug zunimmt, um mit den steigenden Preisen mitzuhalten.
Die Menschen machen sich wegen der Inflation Sorgen, weil diese ihren realen Lebensstandard gefährden kann. Vielleicht können Sie sich den typischen Warenkorb heute problemlos leisten, doch wenn der Preis dieses festgelegten Korbes in die Höhe geht, merken Sie unter Umständen, dass Sie sich ihn nicht mehr leisten können. Das kommt darauf an, was mit Ihrem Einkommen geschieht. Wenn sich der Preis des Korbes jedes Jahr um 5 Prozent erhöht, Ihr Jahreseinkommen aber nur um 2 Prozent steigt, dann sind Sie effektiv (inflationsbereinigt) jedes Jahr um 3 Prozent ärmer. Das bedeutet einen realen Verlust in Bezug auf die tatsächliche Menge an Dingen – realen Gütern und Dienstleistungen –, die Sie sich leisten können.
Warum also steigen Preise, und was können wir tun, damit die Inflation mit der Zeit nicht unseren Lebensstandard schmälert?
Bevor wir uns diesen Fragen zuwenden, sollte angemerkt werden, dass viele der wichtigsten Länder der Erde schon seit einem Jahrzehnt oder länger verzweifelt versuchen, das gegenteilige Problem – Niedriginflation – zu lösen. Zu niedrige, nicht zu hohe Inflation plagt die Vereinigten Staaten, Japan und Europa. In all diesen Regionen gelten 2 Prozent offiziell als die „richtige“ Inflationshöhe, weshalb dies die von der Federal Reserve, der Bank of Japan und der Europäischen Zentralbank angestrebte Rate ist. Keine von ihnen hat es jedoch geschafft, die Inflation auf stabile 2 Prozent zu erhöhen. Japan hatte es besonders schwer und musste nicht nur die Niedriginflation, sondern auch periodische Schübe von regelrechter Deflation– einen Einbruch des allgemeinen Preisniveaus – bekämpfen, ein seltenes Phänomen, das die Vereinigten Staaten während der Großen Depression der 1930er Jahre plagte. Möglicherweise wundern Sie sich, warum man sich um zu niedrige Inflation Sorgen machen sollte. Klingt doch gut! Dennoch bereitet sie Ökonomen Sorgen, denn geringe oder keine Inflation gilt normalerweise als Zeichen für eine Schwäche in der breiteren Wirtschaft.
Der lange Kampf gegen Niedriginflation stellt die meisten Ökonomen vor ein Rätsel. Einige argumentieren, an der weltweit verbreiteten niedrigen Inflation sei vermutlich eine Kombination aus mehreren Faktoren schuld. Andere glauben, das Phänomen ließe sich wohl durch den rapiden technischen Fortschritt, den demographischen Wandel und die Globalisierung erklären. Wieder andere meinen, dass die Zentralbanken ihre Instrumentarien einfach nicht aggressiv genug einsetzen. Ihrer Ansicht nach bleibt die Inflation deshalb so beharrlich niedrig, weil die Europäische Zentralbank, die Bank of Japan und die Federal Reserve nicht genug unternommen hätten, um die Menschen zum Umdenken zu bewegen, so dass sie weiterhin eine niedrige Inflation voraussetzen. Diese Gruppe ist der Meinung, man müsse für eine Anhebung der tatsächlichen Inflation einfach die Menschen dazu bringen, ihre Inflationserwartungen zu erhöhen. Wenn die Zentralbanken die Menschen davon überzeugen können, dass die Inflation steigen wird, dann werden sie gleich heute anfangen, mehr Geld auszugeben (warum noch mit dem Kaufen warten, wenn doch die Preise steigen?), und durch die gestiegene Nachfrage werden sich dann die Preise erhöhen. Andere wiederum sehen Ungleichheit und Lohnstagnation als wichtigste Ursachen für langsames Wachstum und den De-minimis-Druck auf Löhne und Preise. Einige sagen, Lohnwachstum und eine gerechtere Verteilung von Erträgen könnten die Nachfrage von Haushalten mit niedrigem und mittlerem Einkommen stärken und so zu inflationärem Druck beitragen.
Niemand weiß, wie lange der aktuelle Zustand der Niedriginflation anhalten wird, oder was letztlich zu höheren Preisen führen wird.1 Ökonomen unterscheiden üblicherweise zwischen Kostendruck- und Nachfrageinflation als Verursacher von Inflationsdruck. Dem Ökonomen John T. Harvey von der Texas Christian University zufolge kann eine Kostendruckinflation durch „höhere Gewalt“ entstehen.2 So könnte beispielsweise eine schlimme Dürre zu starken Ernteausfällen und Nahrungsmittelknappheit führen, sodass die Preise durch den Angebotsschock in die Höhe schnellen. Oder heftige Gewitter könnten Ölraffinerien lahmlegen, sodass der Energiepreis nach oben schießt. Ein anhaltender Anstieg der Kosten für Lebensmittel und Energie, die direkt in den Verbraucherpreisindex einfließen, kann daher einen Inflationsprozess in Gang setzen. Die Preise könnten auch steigen, wenn Arbeiter genügend Verhandlungsmacht bekommen, um ihre Löhne in die Höhe zu treiben. Um durch die höheren Löhne keine Einbußen bei den Gewinnspannen hinnehmen zu müssen, können die Unternehmen diese Kosten in Form höherer Preise auf die Konsumenten abwälzen. Das Kampfgetümmel um Einkommensanteile kann eine Lohn-Preis-Spirale auslösen, die zu beschleunigter Inflation führt. Unternehmen mit genügend Marktmacht können auf der Suche nach immer höheren Profiten die Preise auch einseitig erhöhen. Beispielsweise können Pharmaunternehmen mit Patentschutz den Preis für verschreibungspflichtige Medikamente erhöhen und so die Gesamtkosten der Gesundheitsversorgung steigern, die dann in die Inflation einfließen.3
Eine Nachfrageinflation findet statt, wenn Unternehmen ihre Preise aufgrund eines veränderten Kaufverhaltens anheben. Meistens geschieht das, wenn die Menschen schneller Geld ausgeben, als die Wirtschaft neue Güter und Dienstleistungen hervorbringen kann. Stellen Sie sich das folgendermaßen vor. Jede Wirtschaft hat ihr eigenes internes Tempolimit. Zu einem beliebigen Zeitpunkt kann jeweils nur so viel produziert werden, wie reale Ressourcen – Menschen, Fabriken, Maschinen, Rohmaterialien – in diesem Moment vorhanden sind. Während einer Rezession verlieren Menschen ihre Arbeit, und Betriebe schalten ihre Maschinen aus und lassen sie ungenutzt. Unter diesen Bedingungen können die Ausgaben ruhig steigen, denn Arbeiter können wieder eingestellt und Maschinen wieder eingeschaltet werden, um mehr Output zu produzieren. Aus diesem Grund verursachte das 2009 verabschiedete Steuerpaket von 787 Milliarden US-Dollar kein Inflationsproblem. Während der Großen Rezession gab es Millionen Arbeitslose und Unternehmen, die weit unterhalb ihrer Produktionskapazitäten arbeiteten. Bei so viel Slack in der Wirtschaft können Unternehmen auf höhere Ausgaben leicht mit einem größeren Angebot reagieren. Doch wenn sich eine Wirtschaft ihrer Vollbeschäftigungsgrenze nähert, werden die realen Ressourcen zunehmend knapper. Steigende Nachfrage kann die Preise allmählich unter Druck setzen, und es können Engpässe in den Industrien entstehen, deren Kapazitäten am stärksten beansprucht werden. Inflation kann sich aufheizen. Sobald die Wirtschaft an diese Vollbeschäftigungsmauer stößt, sind alle zusätzlichen Ausgaben (nicht nur Staatsausgaben) inflationär. Das sind Mehrausgaben, die sogar auftreten können, wenn der Staatshaushalt ausgeglichen ist oder einen Überschuss aufweist.
Eine weitere übliche Sichtweise der Inflation ist eng mit der Wirtschaftsdoktrin des Monetarismus verbunden.4 Der Vater dieser Denkschule ist der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften Milton Friedman. Der Monetarismus beherrschte das wirtschaftliche Denken der 1970er, und auch heute noch sind die Debatten von Varianten des monetaristischen Kanons durchzogen. Laut Friedman ist „Inflation immer und überall eine monetäre Erscheinung“. Was er meinte, war, dass an jeder inflationären Episode zu viel Geld schuld ist. Wenn die Preise nicht stabil waren, lag das daran, dass die Zentralbank die Wirtschaft zwingen wollte, zu viele Jobs zu schaffen, indem sie die Geldmenge zu schnell zunehmen ließ.
Vor Friedman wurde die Makroökonomie von der keynesianischen Denkart beherrscht.5 Für keynesianische Ökonomen war das Aufstocken der Geldmenge ein völlig legitimes Instrument, das die Zentralbanken zur Erreichung von niedriger Arbeitslosigkeit einsetzen konnten. Mehr Geld würde zu mehr Ausgaben führen, so dass Unternehmen mehr Arbeiter einstellen müssten und mehr produzieren würden, um die gestiegene Nachfrage zu befriedigen. Die Arbeitslosigkeit würde zurückgehen, und die Wahrscheinlichkeit einer Inflation würde zunehmen, da mehr Beschäftigung zu höheren Löhnen und Preisen führen würde. Man bekam mehr von etwas Gutem – Jobs – zum Preis von etwas Schlechtem – Inflation.6 Es stand der Zentralbank frei, wie sie diesen Kompromiss zeitlich nutzen wollte.
Friedman hinterfragte das keynesianische Paradigma. Seiner Ansicht nach lässt sich ein gewisses Maß an Arbeitslosigkeit praktisch nicht beseitigen. Er nannte dies die „natürliche Arbeitslosenrate“. Die Zentralbank konnte gegen die natürliche Rate angehen, was jedoch ein aussichtloser und zunehmend kostspieliger Kampf werden würde. Friedmans Argument gegen die Keynesianer war, dass die Arbeiter in einer permanenten Falle stecken würden, da die Inflation durch den übermäßigen Anstieg der Geldmenge schneller zunehmen würde als die Gehälter. Die Arbeiter würden mehr arbeiten (d.h. die Arbeitslosenrate würde zurückgehen), dies jedoch für einen niedrigeren Reallohn tun. Früher oder später würden sie dies begreifen und bessere Bezahlung fordern. Das Ganze würde jedoch ein bitteres Ende nehmen, weil sich die Inflation in die Höhe schrauben würde, während die Arbeitslosigkeit zu ihrer „natürlichen Rate“ zurückkehren würde, weil die Unternehmen lieber Arbeiter entlassen würden, statt die Gehälter zu erhöhen. Das Fazit war simpel. Die Keynesianer boten einen Teufelspakt an. Der Versuch, die Arbeitslosenraten niedrig zu halten, würde uns schlicht zu einer Welt sich beschleunigender Inflation verdammen.
Die einzige Lösung war, den makroökonomischen Entscheidungsträgern die Hände zu binden.7 Anstatt der Federal Reserve die Befugnis zu erteilen, niedrigere Arbeitslosigkeit gegen höhere Inflation zu tauschen, sollte die Zentralbank gezwungen werden, zu akzeptieren, dass ein gewisses Maß an Arbeitslosigkeit nötig ist, um die Inflation stabil zu halten. Wie wir sehen werden, hinterfragt die MMT dieses Rahmenwerk.
WIE INFLATION HEUTZUTAGE BEKÄMPFT WIRD
Seit 1977 operiert die Federal Reserve mit einem sogenannten Doppelmandat des Kongresses. Das Doppelmandat beauftragt die Fed, für maximale Beschäftigung und stabile Preisen zu sorgen. Im Wesentlichen hat der Kongress der Fed die Verantwortung für Arbeit und Inflation übertragen. Der Kongress gibt der Fed nicht vor, wie viele Arbeitsplätze sie sichern soll, oder wie viel Inflation zu viel ist. Die Zentralbank gilt insofern als unabhängig, als sie ihr Inflationsziel selbst bestimmen kann und entscheidet, was maximale Beschäftigung bedeutet.8 Wie die meisten Zentralbanken hat die Federal Reserve ein Inflationsziel von 2 Prozent gewählt.9 Um über dieses Ziel nicht hinauszuschießen, ist die Fed bestrebt, genau das „richtige“ Maß an Arbeitslosigkeit im System zu bewahren, ganz wie Friedman es vor einem halben Jahrhundert vorschrieb.
Die Federal Reserve kann kein Geld direkt in die Wirtschaft fließen lassen, und sie kann der Wirtschaft auch kein Geld durch Steuern entziehen. Diese Befugnisse sind der Steuerbehörde vorbehalten – dem Kongress. Wie soll die Fed dann ihr Doppelmandat erfüllen?
Es gab eine Zeit Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre, als viele Zentralbanken, darunter auch die Federal Reserve, behaupteten, dass sie die Inflation durch direkte Regulierung der Geldmenge unter Kontrolle halten konnten.10 Heutzutage benutzen praktisch alle Zentralbanken eine andere Methode und streben einen Leitzins an, um den Inflationsdruck auf indirekte Weise zu regeln.11 Die Grundidee ist, dass die Zentralbank durch Einflussnahme auf die Kreditkosten – das heißt, den Preis für die Aufnahme eines Darlehens – regeln kann, wie hoch die Kreditaufnahme von Verbrauchern und Unternehmen ist, und wie viel Geld sie in die Wirtschaft investieren.
Wenn sie ihren Leitzins senkt, heißt es, dass die Zentralbank die Kreditbedingungen erleichtert. Das tut sie, wenn sie der Meinung ist, dass die Erwerbslosenquote über der sogenannten natürlichen Arbeitslosenquote liegt. Das Ziel ist, die Arbeitslosenquote zu senken. Wenn alles nach Plan funktioniert, nehmen viele Menschen Kredite auf, um beispielsweise Wohnungen und Autos zu kaufen, und Unternehmen nehmen Darlehen auf, um in neue Maschinen zu investieren und neue Fabriken zu bauen. Das Geld aus diesen Darlehen führt durch Ausgaben zu einem Wirtschaftsaufschwung, und mehr Menschen finden Arbeit. Wenn es weniger Arbeitslose gibt, führt dies zu einem angespannten Arbeitsmarkt, so dass die Löhne steigen, und mit ihnen das Risiko einer Lohn-Preis-Spirale.
Und da liegt der Hund begraben. Nach Meinung der Fed wird der Arbeitsmarkt zu heiß, wenn sie die Ausgaben zu stark ankurbelt, und die Arbeitslosigkeit wird unter ihre „natürliche“ Quote rutschen, wodurch sich die Inflation beschleunigt. Genau das hatte der konservative Ökonom Marvin Goodfriend im Sinn, als er 2012 die Fed davor warnte, die Arbeitslosenquote unter 7 Prozent fallen zu lassen, weil sie dadurch „in den kommenden Jahren eine steigende Inflationsrate auslösen [würde], die für die Wirtschaft schlicht katastrophal wäre“. Doch Goodfriend irrte sich. Drei Jahre nach seiner Warnung war die Arbeitslosigkeit auf 5 Prozent gefallen, und trotzdem war die Inflation niedriger als zum Zeitpunkt seiner Warnung.
Warum hatte er (und andere) so unrecht? Ein Problem ist, dass die natürliche Arbeitslosenquote – sofern es sie überhaupt gibt – nicht von der Fed (oder sonst jemandem) berücksichtigt oder gar berechnet werden kann. Vielmehr ist sie eine Beschreibung einer Wirtschaft im Idealzustand. Die natürliche Quote kann sich mit der Zeit ändern, doch gibt es für jeden bestimmten Zeitpunkt nur eine einzige spezifische Quote. Und niemand kann sagen, wie hoch sie ist. Man findet sie durch Ausprobieren heraus. Man hat sie gefunden, wenn jeder weitere Rückgang der Arbeitslosigkeit die Inflation beschleunigt.
Mit anderen Worten, ob eine Wirtschaft ihre natürliche Arbeitslosenquote erreicht hat oder nicht, ist eine nachträgliche Schlussfolgerung. Diesbezüglich ist das Erreichen der natürlichen Quote für Ökonomen ungefähr so, wie wenn wir anderen uns verlieben: man sieht es selten kommen, doch wenn es passiert, dann weiß man es.12 Ökonomen haben dafür ein Wort. Sie nennen es die NAIRU, die inflationsstabile Arbeitslosenquote. Klingt doch sexy, oder? Zum besseren Verständnis erinnern wir uns an das klassische Märchen „Goldlöckchen und die drei Bären“. Ersetzen Sie einfach den Brei durch Arbeitslosigkeit, und schon haben Sie es. Immer, wenn die Arbeitslosenquote zu kalt ist, senkt die Fed den Zinssatz in der Hoffnung, dass sich die Lage durch das Ankurbeln von Kreditaufnahme und Ausgaben wieder erwärmt. Wenn sie zu heiß wird, hebt die Fed den Zinssatz an und hofft, dass sich die Lage abkühlt, indem sie weiteren Darlehen und Ausgaben entgegenwirkt. Die Lösung ist also, die Geldpolitik stets neu anzugleichen, um die Arbeitslosenquote auf dem genau richtigen Niveau zu halten.
Doch die Sache hat einen Haken. Die Fed wartet ungern, bis die Inflation zum Problem wird, bevor sie Maßnahmen ergreift. Stattdessen bekämpft sie das Inflationsmonster lieber vorbeugend, ehe es sein scheußliches Haupt erhebt. Wie der Vorsitzende der New York Federal Reserve Bank, William C. Dudley, erklärt, „Wir wissen nicht genau, wie weit die Arbeitslosenquote fallen kann, ohne einen bedeutenden Anstieg der Inflation auszulösen. Wir richten uns nicht direkt nach der inflationsstabilen Arbeitslosenquote oder NAIRU. Wir leiten sie lediglich von der Reaktion des Lohnausgleichs und der Preisinflation ab, wenn sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt anspannt.“13
Anders ausgedrückt, die Fed sucht den Arbeitsmarkt nach Beweisen für einen möglichen Lohnanstieg ab und interpretiert höhere Bezahlung als Auftakt für eine ansteigende Inflation. Es geht darum, nicht so lange zu warten, bis man dem Inflationsmonster Auge in Auge gegenübersteht. Erst schießen und dann fragen. Aufgrund dieser Vorsorglichkeit trifft die Fed oft zu scharfe Maßnahmen, so dass sie den Leitzins auch dann anhebt, wenn es noch zu früh sein könnte oder ein falscher Alarm war. Die reale Konsequenz solcher Fehler sind Millionen unnötigerweise vom Arbeitsmarkt ausgeschlossene Menschen.
Das Rahmenwerk des Doppelmandats gründet sich auf den Glauben, dass zwischen zu viel und zu wenig Beschäftigung ein empfindliches Gleichgewicht herrscht. Es geht auch davon aus, dass die Federal Reserve fähig ist, die Wirtschaft an ihren optimalen Punkt zu bringen, an dem genau die „richtige“ Anzahl Menschen an den Rand gedrängt wird, die zwar arbeiten möchten, jedoch zur Arbeitslosigkeit gezwungen werden, um die Preise unter Kontrolle zu halten. Überspitzt formuliert könnte man sagen, dass die Fed arbeitslose Menschen als primäre Waffe gegen Inflation benutzt.
Theoretisch geht das alles ganz einfach. Praktisch sieht es jedoch anders aus.
Theoretisch kann die Fed ein mathematisches Modell anwenden, um genau zu bestimmen, wo sie den Leitzins ansetzt, um die Inflationsrate stabil zu halten. Nach der Finanzkrise 2008 senkte die Fed den Leitzins ganz auf null und beließ ihn dort. Die Arbeitslosenquote fiel von einem Spitzenwert von 10 Prozent im Oktober 2009 auf 5 Prozent Ende 2015. Mehr Menschen fanden Arbeit, darunter auch viele Geringqualifizierte und Arbeitnehmer aus Minderheiten, denen die Arbeitssuche oft am schwersten fällt. Im Dezember 2015 erhöhte die Fed ihren Leitzins von 0 Prozent auf 0,25 Prozent, auch wenn die Inflationsrate unter den angestrebten 2 Prozent blieb. In den folgenden drei Jahren erhöhte die Fed ihren Leitzins weitere acht Mal, obwohl sie ihr Inflationsziel beharrlich unterschritt. Einige kritisierten sie für die Anhebung der Zinsen, da sich die Inflation doch offensichtlich nicht beschleunigen würde. Die Fed war jedoch der Meinung, dass die Zinsanhebungen gerechtfertigt waren, um die Arbeitslosenquote wieder auf ihre geschätzte NAIRU zu bringen und die Inflation vorsorglich einzudämmen. Obwohl die Fed versuchte, die Lage abzukühlen, fiel die Arbeitslosigkeit weiter unter ihre Schätzungen, und die Inflation beschleunigte sich nicht. Dem NAIRU-Rahmenwerk zufolge war das so nicht vorgesehen.
Trotz des offensichtlichen Zusammenbruchs jeglichen Zusammenhangs zwischen niedriger Arbeitslosigkeit und Inflation beharrt die Fed auf dem NAIRU-Konzept. Tatsächlich sagte der Vorsitzende der Federal Reserve, Jerome Powell, im Juli 2019 bei einer Anhörung vor dem Ausschuss für Finanzdienstleistungen des Abgeordnetenhauses aus, „Wir brauchen das Konzept einer natürlichen Arbeitslosenquote“. Er fuhr fort, „Wir brauchen ein Gefühl dafür, ob die Arbeitslosigkeit hoch, niedrig oder genau richtig ist.“
Unabhängig davon, ob der Vorsitzende Powell recht oder unrecht hat, ist es unbestreitbar, dass die Fed mit ihren letzten Schätzungen der NAIRU – das Arbeitslosigkeitsniveau, das erreicht werden kann, ohne die Inflation zu beschleunigen – durchgehend falsch lag. Dieses Versagen wurde bei derselben Anhörung im Juli 2019 schonungslos offengelegt, als die frischgewählte Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez dem Vorsitzenden Powell folgende Frage stellte:
AOC: Die Arbeitslosenquote ist seit 2014 um ganze drei Punkte zurückgegangen, doch liegt die Inflation heute nicht höher als vor fünf Jahren. Stimmen Sie mir angesichts dieser Tatsachen zu, dass die Fed die niedrigste nachhaltige Arbeitslosenquote zu hoch eingeschätzt hat?
POWELL: Absolut.
Dass ein Vorsitzender der Fed einen Fehler so offen zugibt, ist ungewöhnlich. Beachten Sie jedoch, dass Powell nicht die Legitimität der NAIRU als unverzichtbare politische Richtlinie in Frage gestellt hatte. Stattdessen gab er sich selbst die Schuld für seine Fehleinschätzung der NAIRU. Aufgrund dieses Glaubens an die Idee, dass das wirtschaftliche Potenzial einer unvermeidlichen Beschränkung unterliegt, hat die Fed systematisch unterschätzt, wie weit die Arbeitslosenquote bedenkenlos fallen darf. Diese Fehlinterpretation brachte die Fed dazu, die Zinsen zu erhöhen, da sie hoffte, einen weiteren Rückgang der Arbeitslosigkeit im Keim zu ersticken. So wollte sie letztlich aufgrund der Überzeugung, das NAIRU-Limit sei bereits erreicht, Millionen unbeschäftigten und unterbeschäftigten Menschen den Zugang zu Arbeit verwehren. Als arbeitslos gilt man, wenn man aktiv auf Arbeitssuche ist, gegenwärtig jedoch unbeschäftigt ist. Einige Menschen sind unterbeschäftigt. Sie arbeiten aktuell in Teilzeit, hätten jedoch eigentlich gerne eine Vollzeitstelle. Weil sie Arbeit haben, werden sie in der offiziellen, U-3 genannten Arbeitslosenstatistik nicht mitgezählt. Stattdessen werden sie in einer breiteren Messung der Arbeitslosigkeit, U-6 genannt, erfasst, zu der auch Menschen gehören, die arbeiten möchten, im Grunde jedoch die Hoffnung auf eine Arbeitsstelle aufgegeben haben. Und das waren noch nicht alle Probleme. Wie der frühere Gouverneur der Fed, Daniel Tarullo, zugab, verfügt die Fed über keine zuverlässige Inflationstheorie, an der sie sich bei ihren täglichen Entscheidungen orientiert. Sie richtet sich nach diversen Vermutungen, Annahmen und Modellen, von denen jedoch viele unbewiesen oder tatsächlich unbeweisbar sind.14 Das Ganze ist so etwas wie ein Ratespiel, bei dem das Leben der Menschen auf dem Spiel steht.
Das Leitprinzip der Fed ist alles andere als eine exakte Wissenschaft, sondern vielmehr ein Glaube. Der Glaube daran, dass ihr Verständnis von Inflation doch eher zutreffend ist. Der Glaube daran, dass ihre Instrumente wirksam genug gegen Inflation sind. Und der Glaube daran, dass ein Übermaß an Inflation trotz aller anderer Unsicherheiten stets und überall eine größere Bedrohung für unser kollektives Wohlbefinden darstellt als ein Übermaß an Arbeitslosigkeit.15
DIE ANFECHTUNG DES GLAUBENS
Obwohl Wissenschaftler und Ingenieure fortwährend Innovationen schaffen und neue Medikamente, Technologien und Techniken zur Ausrottung von Krankheiten und zur Lösung menschlicher Probleme entwickeln, hält die Mehrheit der Ökonomen an einer fünfzig Jahre alten Doktrin fest, die menschliches Leid zur Bekämpfung von Inflation nutzt. In den letzten Jahren haben einige leitende Insider Bedenken am Rahmenwerk der Fed geäußert und sich bereit gezeigt, ihren Ansatz neu zu überdenken. Doch die meisten Mainstream-Ökonomen halten an der Idee einer Untergrenze fest, unter die die Arbeitslosigkeit nicht bedenkenlos fallen darf. Es müssen gewisse ungenutze Kapazitäten in Form eines Menschenopfers – erzwungene Untätigkeit – erhalten bleiben, damit wir nicht der verheerenden Wirkung einer beschleunigten Inflation zum Opfer fallen. Weil sie das Konzept eines inhärenten Kompromisses zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit akzeptiert, muss die Fed gezwungenermaßen abwägen, wie viel Arbeitslosigkeit sie als eine Art Versicherungspolice gegen Inflation im System beibehält. Sie sieht einfach keinen anderen Weg zur Erreichung von niedriger und stabiler Inflation.
Warum streben wir nicht einfach nach einem besseren Mix aus Steuer- und Finanzpolitik, um das volle Potenzial der Wirtschaft auszuschöpfen? Könnten wir nicht wahre Vollbeschäftigung erreichen, wenn wir die Fed bitten, ihre Geldpolitik zu verbessern? Oder könnte vielleicht der Kongress Feineinstellungen an der Wirtschaft vornehmen, indem er die Staatsausgaben und Steuern zeitlich besser anpasst?
Denken Sie daran, dass die Fed die Definition von Vollbeschäftigung selbst bestimmt. Für sie definiert sich Höchstbeschäftigung als das angenommene Niveau der Arbeitslosigkeit, das zur Erreichung ihres Inflationsziels nötig ist. Anders gesagt, obwohl sie gesetzlich für Vollbeschäftigung und Preisstabilität verantwortlich ist, hat das eine Ziel offensichtlich Vorrang vor dem anderen. Wenn acht oder zehn Millionen Menschen arbeitslos werden müssen, um die Preise zu stabilisieren, dann ist das die Definition der Fed von Vollbeschäftigung. Die Definition von Vollbeschäftigung als ein bestimmtes Maß an Arbeitslosigkeit widerspricht dem gesunden Menschenverstand. Doch politisch gesehen nutzt dies der Fed, weil sie einen Erfolg verbuchen kann, indem sie genau das Problem wegdefiniert, das sie lösen soll. Egal, wie viele Menschen arbeitslos sind, die Fed kann behaupten, sie habe ihr Bestes gegeben, und es gäbe einfach keine andere Möglichkeit, die Arbeitslosigkeit weiter zu senken, ohne eine Inflation auszulösen. Die, die immer noch keine Arbeit haben, haben eben Pech. Danke für Ihren Dienst im Inflationskrieg. Mehr kann die Fed nicht für Sie tun.
Es wird manchmal behauptet, es seien eigentlich viele Jobs für Arbeitslose vorhanden, doch gäbe es bei der Zuordnung der Arbeitswilligen zu den vorhandenen Jobs strukturelle Probleme. Unter Umständen sind die Arbeiter einfach zu wählerisch und möchten keine Einsteigerjobs annehmen, weil sie zu qualifiziert für niedrig bezahlte Arbeit sind. Oder aber das Gegenteil ist der Fall: die Arbeitslosen können nicht die nötige Ausbildung und Qualifikationen aufweisen, um die High-Tech-Jobs der Zukunft zu besetzen. Wie auch immer, das Problem ist, die Menschen den Stühlen zuzuordnen, und nicht ein Mangel an Stühlen. Hätten sie nur die richtige Ausbildung, oder die richtigen Qualifikationen, oder die richtige Motivation und Selbstdisziplin, dann könnten sie Arbeit finden.
Dieses Argument kommt denen gelegen, die sich damit zufriedengeben, dass Millionen auf der Strecke bleiben, doch entspricht es nicht der Wirklichkeit. In Wirklichkeit kann die Bevölkerung noch so intelligent und fleißig sein, doch die Fed sieht ein zu hohes Risiko darin, allen Arbeitswilligen auch eine Arbeit zu bewilligen. Einige Menschen sehen darin ein manipuliertes Spiel, das auf chronische Weise zu viele Menschen arbeitslos macht. Wenn die Fed glaubt, dass die NAIRU bei 5 Prozent liegt, dann ist es nur recht und billig, bei der Reise nach Jerusalem pro hundert Spieler nur fünfundneunzig Stühle bereitzustellen.
Andere sehen es genau andersherum und verweisen auf neuere Belege, dass niedrigere Arbeitslosigkeit nicht zu höherer Inflation geführt hat. Das wird als Beweis genommen, dass die Fed mehr tun könnte, um mehr Stühle zur Verfügung zu stellen. Kritiker sowohl von links, Organisationen wie die Aktivistengruppe FedUp, als auch von rechts, wie der konservative Wirtschaftsautor Stephen Moore, haben beklagt, dass die Fed unnötigerweise auf das Bremspedal getreten ist. Ihrer Meinung nach sind nicht die Instrumente der Fed das Problem, sondern die Art, wie sie sie einsetzt. Insbesondere sind sie der Ansicht, dass die Fed die Zinsen vorschnell anhebt und dadurch Jobs vereitelt hat, die sich verwirklicht hätten, wenn die Fed den Dingen freien Lauf gelassen hätte. In anderen Worten, sie glauben, die Fed könnte den Arbeitslosen helfen, indem sie die Quoten senkt oder zumindest geduldiger wartet, bis weitere Stühle auftauchen.
Doch selbst eine geduldigere Fed kann niemals garantieren, dass alle, die arbeiten möchten, einen Job finden. Abgesehen vom Zweiten Weltkrieg herrschte in den Vereinigten Staaten niemals auch nur annähernd echte Vollbeschäftigung. Der Grund dafür wurde 1936 von John Maynard Keynes in seinem berühmtesten Werk, Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes dargelegt. Kapitalistische Wirtschaften operieren chronisch mit unzureichender Gesamtnachfrage. Das bedeutet, dass es nie genügend gemeinsame (öffentliche und private) Ausgaben gibt, um Unternehmen dazu zu bringen, allen arbeitswilligen Menschen Arbeit zu bieten. Man kann sich dem annähern, und in Kriegszeiten lässt es sich für kurze Zeit sogar erreichen, doch Friedenswirtschaften operieren nicht mit voller Leistung. Es sind stets freie Kapazitäten in Form ungenutzter Ressourcen vorhanden, wozu auch Arbeitskräfte gehören.16
Die meisten Ökonomen überlassen es gerne dem Markt, zu bestimmen, wie viele Jobs zur Verfügung gestellt werden sollen. Der Kongress, sofern er überhaupt eine Rolle spielt, kann Arbeitslosen Geld bereitstellen, um ihre Qualifikationen zu vervollständigen und sie so für potenzielle Arbeitgeber attraktiver zu machen. Mehr Ausbildung, bessere Fortbildung am Arbeitsplatz, subventionierte Beschäftigung im privaten Sektor und ähnliches gelten als Auswege aus der Armut für Arbeitslose. Die MMT betrachtet diese Vorschläge als halbherzige Maßnahmen, die wenig dazu beitragen, das Problem chronischer Unterbeschäftigung und Arbeitslosigkeit zu lösen. Bei chronischem Stellenmangel können diese Lösungen die Arbeitslosigkeit höchstens umsortieren oder wiederholte Phasen von Arbeitslosigkeit durchlaufen. Der Träger des Nobelpreises für Wirtschaft, William Vickrey, sagte, dass bei einer unzureichenden Anzahl von Arbeitsplätzen „alle Versuche, [die Arbeitslosen] in Stellen zu drängen, einfach eine Reise nach Jerusalem [sind], bei der die lokalen Behörden ihren Klienten beibringen, sie man sich am schnellsten hinsetzt.“17
Tatsache ist, dass wir den Notenbanken viel zu viel Verantwortung übertragen haben, nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auf der ganzen Welt. Sie können die Steuern nicht ändern oder Geld direkt in die Wirtschaft investieren, also können sie die Beschäftigung höchstens fördern, indem sie versuchen, finanzielle Bedingungen zu schaffen, die zu mehr Darlehen und Ausgaben führen. Niedrigere Zinsen könnten zu ausreichenden neuen Darlehen führen, um die Arbeitslosigkeit erheblich zu senken. Aber vielleicht auch nicht. Wie Keynes bekanntlich sagte, „An einer Schnur kann man nicht schieben“. Was er damit meinte, war, dass die Fed Darlehen zwar billiger machen kann, aber niemanden zur Aufnahme eines Darlehens zwingen kann. Darlehen bringen Unternehmen und Einzelpersonen in Schwierigkeiten, weil sie Schulden aufgenommen haben. Darlehen müssen mit zukünftigem Einkommen zurückgezahlt werden, und es gibt gute Gründe dafür, warum sich der private Sektor in diversen Phasen des Konjunkturzyklus ungern noch mehr verschuldet. Sie erinnern sich, Haushalte und Unternehmer sind Währungsnutzer, keine Währungsemittenten, also müssen sie sich darüber Gedanken machen, wie sie ihren Zahlungen nachkommen werden.
Nach der Großen Rezession, die selbst durch eine enorme Anhäufung privater (subprime-Hypotheken) Schulden ausgelöst wurde, wurde klar, dass die Fed Schwierigkeiten hatte, die Wirtschaft ohne fremde Hilfe wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Sie hatte die Zinsen bereits auf null gesenkt und eine neue Strategie eingeführt, die quantitative Lockerung.18 Sie tat alles, was in ihrer Macht stand, um das Ganze zusammenzuhalten. Daher war es ein frustrierender Moment für den Vorsitzenden der Fed, Ben Bernanke, als er vor den Kongress trat und dort scharf dafür gerügt wurde, dass die extremen Maßnahmen der Fed anscheinend nicht viel zur Erholung der Wirtschaft beitrugen. Auf Druck von Kongressmitglied Jeb Hensarling aus Texas antwortete Bernanke, „Ich will Ihnen nur soweit beipflichten: Geldpolitik ist kein Allheilmittel. Sie ist nicht das ideale Instrument.“19
Nicht das ideale Instrument? Geldpolitik ist das Instrument. Satzungsgemäß hat der Kongress die Fed mit der Verwaltung der Wirtschaft beauftragt – in guten wie in schlechten Zeiten. Die Fed soll sich um alles kümmern. Und das ist das Problem. Geldpolitik ist begrenzt wirksam. Sie funktioniert hauptsächlich, indem sie Verbraucher und Unternehmen in Schulden stürzt. Und Schulden im privaten Sektor sind nicht dasselbe wie Schulden im öffentlichen Sektor. Als dem Wohnungsmarkt der Boden wegbrach, wollten die meisten Amerikaner weniger Schulden aufnehmen, anstatt sich noch mehr zu verschulden. Millionen von Wohnungseigentümern mit ihren Hypotheken stand das Wasser bis zum Hals; ihre Schulden überstiegen den Wert ihrer Heime. Nachdem er sich lange Zeit zur Finanzierung seiner Ausgaben über seine Einnahmen hinaus verschuldet hatte, wollte der private Sektor von seinen Schulden entlastet werden, anstatt noch mehr Schulden aufzunehmen. Bernanke machte seine Aussage, ohne tatsächlich das S-Wort (Steuer) in den Mund zu nehmen. Der politische Hebel der Fed allein war nicht stark genug. Es war an der Zeit, das andere politische Instrument – die Steuerpolitik – wieder ins Spiel zu bringen.
Das Problem ist, dass die Rezession das Budget tief in ein Defizit gestürzt hatte und der Kongress bereits ein Steuerpaket von 787 Milliarden Dollar verabschiedet hatte, um die Auswirkungen der Großen Rezession zu bekämpfen. Als Bernanke 2011 nicht ganz so subtil um zusätzliche Hilfe bat, traf er auf taube Ohren. Der Kongress war mit seinen eigenen Bilanzen beschäftigt. Als die Fed erkannte, dass sie praktisch auf sich selbst gestellt war, setzte Bernanke alles aufs Spiel und eröffnete eine unbefristete Runde quantitativer Lockerung, die einigen Experten zufolge zu noch mehr Ungleichheit und riskanten Spekulationen auf den Finanzmärkten beitrug. Mit der Zeit ging die Arbeitslosenquote von 9 Prozent auf unter 4 Prozent zurück.
Es dauerte sieben Jahre, doch nach und nach holte sich der Arbeitsmarkt alle Stellen wieder zurück, die er nach der Finanzkrise verloren hatte. Für einige ist dies ein Beweis für die Fähigkeit der Geldpolitik, die Wirtschaft nach einer Rezession wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Für MMT-Ökonomen offenbart es die Schwächen der vorherrschenden Methode der makroökonomischen Stabilisierung. Eine Rezession, die mit den richtigen steuerlichen Anwendungen schnell rückgängig gemacht worden wäre, wurde stattdessen zum langwierigsten und hartnäckigsten Abschwung nach dem Zweiten Weltkrieg. Damit dies nie wieder passiert, empfiehlt die MMT eine Abkehr vom gegenwärtigen Prinzip, bei dem wir zur Erfüllung des doppelten Ziels von Vollbeschäftigung und Preisstabilität auf die Notenbanken angewiesen sind.
Бесплатный фрагмент закончился.
