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Stephanie Hauschild
Skriptorium
Die mittelalterliche
Buchwerkstatt
Impressum
Abbildungsnachweis
akg-images: S. 55, 90; Bibliothèque nationale de France: S. 89; Bpk Berlin: S. 54; Te Board of the Trinity College Dublin: S. 113; The Bridgeman Art Library: S. 93; British Library, London: S. 110; Foto Marburg: S. 23, 50, 85; Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg (Fotoarchiv): S. 94; Hessisches Landesmuseum, Darmstadt (Foto: Wolfgang Fuhrmannek): S. 84; Hessische Landes- und Hochschulbibliothek, Darmstadt: S. 91, 106; Historisches Archiv der Stadt Köln: S. 68; Karlsruhe, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Kupferstichkabinett: S. 134f.; National Museum of Ireland, Dublin: Abb. S. 109, 125; picture alliance: S. 56 oben, S. 95 unten; Rheinisches Bildarchiv, Museum Schnütgen, Köln: S. 96; Royal Irish Academy, Dublin: S. 120; Staatsbibliothek Bamberg (Foto: Gerald Raab): S. 92; Staats- und Universitätsbibliothek Bremen: S. 53; ullstein bild: S. 95 oben; Universitätsbibliothek Heidelberg: S. 19; WBG-Archiv: S. 8, 21, 25, 33, 38, 49, 51, 52, 56 unten, 64, 65, 77
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
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© 2013 by WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt
Redaktion: Kristine Althöhn, Mainz
Layout, Satz und Prepress: schreiberVIS, Bickenbach
Umschlaggestaltung: Peter Lohse, Heppenheim
Umschlagbild: Vincent Beauvais, Miroir historial, traduit par Jean de Vignay, Paris, BnF, MS 5080, fol. 1. Foto: Bibliothèque nationale de France. Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der WBG ermöglicht.
Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de ISBN 978-3-534-25525-2
Die Buchhandelsausgabe erscheint im Verlag Philipp von Zabern, Darmstadt/Mainz
Umschlaggestaltung: Katja Holst, Frankfurt am Main
Umschlagbild: Skriptorium, Schule von Segovia (Öl auf Leinwand), Spanische Schule,
16. Jh./Museo Lazaro Galdiano, Madrid, Spain/The Bridgeman Art Library
ISBN 978-3-8053-4606-1
eBook (PDF): 978-3-534-73281-4 (für Mitglieder der WBG)
eBook (epub): 978-3-534-73282-1 (für Mitglieder der WBG)
eBook (PDF): 978-3-8053-4696-3
eBook (epub): 978-3-8053-4697-9
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Innentitel
Inhaltsverzeichnis
Informationen zum Buch
Informationen zur Autorin
Impressum
Inhalt
Eine griechische Handschrift
Viele Fragen
Welches Mittelalter?
Eine sehr kurze Vorgeschichte des Buches
Gebetbuch und Palimpsest
Schriftrollen
Von der Buchrolle zum Kodex
Bilder
In der Werkstatt. Das Skriptorium und seine Mitarbeiter
Skriptorien in der Spätantike
Im Kloster
In der Stadt
Eine Autorin und ein Maler
Die Ausstattung des Skriptoriums
Zubehör für Schreiber und Maler
Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen
Tafelmaler
Der lange Weg zum Buch
Pergament
Palimpsest
Planung und Layout
Vom Abschreiben und Neuschreiben
Tinte und Schrift
Vorzeichnen
Gold und Silber
Farben
Kopien und Vorbilder
Bindung und Buchdeckel
Büchertaschen und Beutelbücher
Verwendung, Auftraggeber und Verkauf
Heilige und magische Bücher
pocket gospels
cumdach
Evangeliar, Psalter und Gesangbuch in der Kirche
Gebetbücher
Bestseller auf Papier
Apokalypse
Literatur
Ausstellungskataloge
Websites
Personenregister
Eine griechische Handschrift
Am 13. April 1229 schrieb der Mönch Johannes Myronas in einem Kloster in Jerusalem seinen Namen auf die letzte Seite eines Manuskripts und betrachtete sein Werk. Er hatte Gebete für ein euchologion, ein Gebetbuch in griechischer Sprache und Schrift in dunkelbrauner Tinte auf 174 Pergamentblätter geschrieben. Um die einzelnen Gebete leichter aufzufinden, hatte man die Textanfänge mit großen, farbigen Anfangsbuchstaben, den Initialen geschmückt. Die Pergamentseiten waren nicht besonders groß. Das fertig gebundene Buch würde sich bequem in einer Hand halten lassen. Der Mönch hatte für sein Vorhaben kein neues Pergament gewählt, sondern einen Stapel alter, bereits benutzter Blätter. Aus Tierhaut hergestelltes Pergament war teuer und wurde deswegen häufig wieder verwendet. Sehr wahrscheinlich war das euchologion für den Gebrauch der Mönche im Kloster gedacht, für die gemeinschaftlichen Andachten in der Kirche oder für das Gebet in der Zelle. Für eine Auftragsarbeit oder für ein Geschenk an eine Person außerhalb des Klosters hätten die Mönche gewiss besseres Pergament verwendet und vielleicht auch mehr Arbeit in den Schmuck des Buches investiert.
Viele Fragen
So, oder doch zumindest ganz ähnlich kann man sich vielleicht Herstellung und Verwendung eines Buches im Mittelalter vorstellen. Produziert wurden die Manuskripte im sogenannten Skriptorium. Betrachtet man Bilder und historische Fakten aber etwas genauer, so wird deutlich, dass der Begriff Skriptorium viel mehr umfasst als die bloße Bezeichnung für die Schreibstube eines Klosters. So kann der Begriff verschiedene Orte meinen, wie den Kreuzgang oder ein zum Schreiben und Malen ausgestattetes Zimmer im Konvent, aber auch die nach kommerziellen Gesichtspunkten betriebene Werkstatt in einer Stadt oder das Privathaus einer Autorin, denn an all diesen Orten wurden Bücher geschrieben. Ebenso lassen sich unter Skriptorium alle Arbeitsvorgänge der Buchproduktion zusammenfassen. Zum Begriff Skriptorium gehören zudem die am Arbeitsprozess beteiligten Personen, die nicht notwendigerweise am selben Ort arbeiteten oder gar ein festes Team bilden mussten. So spricht man etwa vom Skriptorium von Echternach oder vom Skriptorium des Klosters Seeon, wenn es darum geht, Handschriften nach ihrer Herkunft und stilistischen Kriterien zu ordnen.
Mittelalterliches Gebetbuch und mathematische Abhandlung. Aufgeschlagene Doppelseite des von Johannes Myronas geschriebenen Euchologion, Archimedes Palimpsest, 10. und 13. Jahrhundert, Privatbesitz
Doch wie sah solch ein Skriptorium eigentlich aus? Wo befanden sich die Werkstatträume? Welche Arbeiten wurden überhaupt im Skriptorium verrichtet? Welche Materialien und Werkzeuge brauchte man, um ein Buch im Mittelalter herzustellen? Haben Schreiber wie Myronas alles selbst gemacht, oder waren noch andere Personen beteiligt? Wer malte die Initialen aus? Wer entwarf das Layout? Farben, Pergament, Einbände – wo kamen die Rohmaterialien her und wer verarbeitete sie? Schrieben und malten auch Nonnen Bücher? Wo wurden mittelalterliche Bücher außerhalb des Klosters hergestellt? Dies sind einige der Fragen, die in diesem Buch beantwortet werden sollen. Im Mittelpunkt steht die Herstellung bemalter oder „illuminierter“ Handschriften im mittelalterlichen Europa.
Weil Handschriften zumeist nicht ständig dem Publikum ausgesetzt waren, haben sie die Jahrhunderte im Unterschied zu vielen Altarbildern oder Textilien aus derselben Epoche häufig besser überstanden. Licht, neugierige Hände, Staub und Schmutz setzten ihnen weniger zu. Um diesen Zustand zu erhalten, holt man Handschriften heute meist nur für kurze Zeit für Sonderausstellungen aus der Bibliothek oder aus dem Tresor. In der Ausstellung sind sie dann für einige Wochen bei gedimmtem Licht und hinter Glas zu bestaunen. Hat man Glück, wird im Verlauf der Ausstellung umgeblättert, sodass man mehr als nur zwei aufgeschlagene Seiten betrachten kann. Aber nur in seltenen Fällen hat man die Möglichkeit, das gesamte Buch mit seinem Einband zu studieren. Ist der ursprüngliche Buchdeckel noch erhalten und dazu noch mit Gold, Edelsteinen und Elfenbein verziert, werden Deckel und Handschrift im Museum häufig in verschiedenen Abteilungen gehütet und gezeigt, wenn sie nicht sogar in verschiedenen Museen aufbewahrt werden. Dann findet man das Manuskript im Graphischen Kabinett oder in der Bibliothek und den geschmückten Buchdeckel in der Sammlung mit der mittelalterlichen Schatzkunst. So ist es nicht ganz einfach, sich das ganze Buch mit all seinen Eigenheiten zu vergegenwärtigen. Im Museum werden die Handschriften selbstverständlich auf besonders schönen Seiten aufgeschlagen. Die Bücher werden dort wie Bilder präsentiert, weil man die Seiten so am besten betrachten kann und die Bücher auf diese Weise am wenigsten beschädigt werden. Dass die Handschriften auch ganz praktische Funktionen erfüllten und viel genutzte Gegenstände gewesen sind, kann bei dieser Präsentation, die ganz auf die Schauwerte der Objekte ausgerichtet ist, meist nicht herausgestellt werden.
Tatsächlich aber haben die allermeisten mittelalterlichen Handschriften nur eine oder zwei Zierseiten oder besonders schöne Initialen. Manchmal wechselt die Handschrift des Textes, was darauf hinweisen kann, dass mehrere Schreiber an einem Buch gearbeitet haben oder später noch Kapitel hinzugefügt wurden. Gelegentlich wurden sogar mehrere verschiedene Manuskripte zu einem Buch zusammengebunden. Nicht alle Miniaturen (Buchmalereien) wurden auch fertiggestellt, einige Seiten sind vielleicht sogar ganz leer geblieben. Häufig nimmt gegen Ende die künstlerische und handwerkliche Sorgfalt ab. Ganz am Schluss sind manchmal noch Kritzeleien und handschriftliche Vermerke zu entdecken. Solche Details verraten den Forschern viel über die Hersteller der Bücher, über ihre Verwendung und ihre Leser und sie erzählen einiges über das Alltags- und Handwerkerleben im Mittelalter. Doch für eine Ausstellung sind solche Details meist nicht attraktiv genug. Diese Seiten werden daher in der Regel nicht präsentiert.
In den letzten Jahren wurden in Ausstellungen neben den berühmten Handschriften auch weniger bekannte Stücke einem großen Publikum zugänglich gemacht. Von vielen bekannten Büchern gibt es inzwischen hervorragende Reproduktionen, sogenannte Faksimiles. Auch die fortschreitende Digitalisierung und die Bereitstellung der Abbildungen und Forschungsergebnisse im Internet tragen dazu bei, die verborgenen Schätze der mittelalterlichen Buchkunst vielen Menschen näherzubringen. Die Schönheit der Bücher und die selbst für Betrachter ohne spezielles Fachwissen deutlich zutage tretende Kunstfertigkeit der Maler, Schreiber und Buchbinder ermöglicht einen faszinierenden Einblick in die fremde Kultur des Mittelalters. So ist der Zugang zur mittelalterlichen Buchkunst über Abbildungen und Reproduktionen praktisch und angenehm, um die Handschriften in Ruhe anzuschauen und zu vergleichen, die ja sonst weit verstreut an entlegenen Orten aufbewahrt werden und – im Unterschied zu vielen berühmten Gemälden – nur selten ständig für die breite öffentlichkeit zugänglich sind. Um besonders kostbare Originale in den Bibliotheken zu schonen, werden inzwischen selbst Wissenschaftler zunächst auf die Reproduktionen verwiesen.
Doch eine Reproduktion kann die Betrachtung der Originale nicht ersetzen, sondern nur unterstützen. Wohl lässt sich im Ausstellungsraum immer nur ein kleiner Teil des Buches betrachten. Das Licht ist gedämpft, eine Glasscheibe hält den Betrachter auf Distanz und behindert ein intensives Studium der Details, vor allem wenn es sich um kleine Bücher handelt. Andere Besucher möchten die ausgestellten Handschriften natürlich ebenfalls anschauen, sodass nicht immer ein ausgiebiges und ungestörtes Schwelgen möglich ist. Doch ganz unabhängig davon, wie gut Reproduktionen der Handschriften auch gemacht sind, so können sie doch immer nur einen unvollständigen Eindruck des Originals geben. Das hat weniger mit der vermeintlichen Aura des Kunstwerks zu tun als vielmehr mit der Tatsache, dass sich einige Fragen nur am Kunstwerk selbst beantworten lassen. Die Frage „Wie wurden die Bücher gemacht?“ gehört auf jeden Fall dazu. Da man die Hersteller ja nicht mehr fragen kann, muss das Objekt „sprechen“: Größe, Farben, Form, Gestaltung der Oberfläche, das Zusammenspiel der verwendeten Materialien, Spuren von Herstellern und Benutzern geben Hinweise auf Herstellung und Gebrauch. Die Möglichkeit, die Handschrift von allen Seiten anzuschauen und die Details zu erforschen, bietet nur das Original. Keine Abbildung, keine Beschreibung, kein noch so gut gemachtes Vollfaksimile kann dies alles leisten oder gar das Original ersetzen. Ähnlich einem Kriminalisten, der die Begleitumstände einer rätselhaften Tat erforscht und darauf angewiesen ist, den Tatort und die dort gefundenen Objekte selbst in Augenschein zu nehmen, zu untersuchen und miteinander zu vergleichen, ist auch für Betrachter der mittelalterlichen Handschriften der Kontakt mit den Originalen wichtig. Möglich ist die Begegnung nur im Museum, in der Bibliothek oder im Ausstellungsraum.
Das vorliegende Buch soll den an mittelalterlichen Handschriften interessierten Lesern eine kleine Hilfestellung an die Hand geben, solche Bücher in der Ausstellung besser zu verstehen und zu einem eigenen Urteil zu finden. Denn es trägt sehr zum Verständnis jeder Art von Kunst und damit auch von mittelalterlichen Handschriften bei, wenn man sich einmal klar macht, auf welche Weise und aus welchen Materialien die Kunstwerke hergestellt wurden. Denn sie gleichen ja nur auf den ersten Blick unseren heutigen zu Hunderttausenden reproduzierten gleichförmigen Büchern aus Pappe, Papier, Druckerfarbe, Textilien und Kunststoff. Bücher im Mittelalter bestanden aus völlig anderen Ausgangsstoffen, fühlen sich anders an und riechen sogar anders. Zumindest in der ersten Hälfte des Mittelalters wurden sie auch anders aufbewahrt, benutzt und behandelt, als wir das mit unseren heutigen Büchern tun.
Am Beispiel von einigen berühmten und einigen weniger bekannten Handschriften werden im Folgenden mittelalterliche Bücher im Hinblick auf ihre Herstellung und Benutzung untersucht und besprochen. Ausgangspunkt ist die Frage: Was kann man überhaupt sehen, wenn man eine mittelalterliche Handschrift vor sich hat, und was ist wichtig, um eine Handschrift genauer zu verstehen? Denn häufig bleibt der Blick bei der Betrachtung eines Kunstwerks an der Oberfläche, weil man nicht recht weiß, wohin man schauen soll und wie das Gesehene einzuordnen ist. Der Ansatz, der in diesem Buch vermittelt werden soll, beschäftigt sich daher mit denjenigen Merkmalen, die beim Betrachten einer Handschrift sofort ins Auges springen, etwa Format und Größe, das Pergament, Gold und das wunderschöne Blau, das so viele Miniaturen auszeichnet, oder die beinahe unsichtbaren Linien für die Schriftzeilen. Dieses Buch soll dazu beitragen, die viele Hundert Jahre alten Kunstwerke in Ausstellungen und Museen mit neugierigen Augen zu betrachten und den Blick zu schärfen für die Besonderheiten eines typisch mittelalterlichen Gebrauchsgegenstandes, der manchmal auch ein Kunstwerk sein kann.
Doch was verstehen Historiker eigentlich unter dem Begriff Mittelalter?
Welches Mittelalter?
Das Mittelalter ist für Historiker die Zeitspanne, die vom Ende der Antike im 6. Jahrhundert ungefähr bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts andauerte, als Johannes Gutenberg in Mainz den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfand. Zumeist wird „das Mittelalter“ im allgemeinen Sprachgebrauch und in der Forschung auf die christlich geprägte Kultur und Geschichte Europas bezogen, und so wird der Begriff Mittelalter auch in diesem Buch aufgefasst. Besprochen werden europäische Handschriften, die im weitesten Sinne dem christlichen Kontext zuzuordnen sind. Selbstverständlich entstanden auch im jüdischen und islamischen Kulturkreis in dieser Zeit wunderbare Bücher. Die Beschäftigung mit ihren Besonderheiten würde aber über den Rahmen dieses auf einen Überblick angelegten Buches weit hinausgehen.
Der Zeitraum, der in diesem Buch besprochen werden soll, umfasst über 1000 Jahre. Wir beginnen mit dem Wechsel vom Gebrauch der Buchrolle zu dem bis heute benutzten Blätterbuch, dem sogenannten Kodex gegen Ende der Antike. In den folgenden Jahrhunderten wurden Bücher in Konstantinopel, auf den fernen schottischen und irischen Inseln, in Sizilien, in Paris, Rom, Jerusalem, Köln oder in den klösterlichen Einöden von Spanien, Südfrankreich bis Osteuropa produziert und verwendet. Gelesen, gesammelt und bestellt wurden sie von Mönchen und Nonnen, von Studenten der Universität, belesenen Damen, Gelehrten, Kaisern und Königinnen, von Adeligen oder Kaufleuten, Priestern und Bischöfen, Äbtissinen und dem Papst. All diese Benutzer und Benutzerinnen mit ihren unterschiedlichen Ansprüchen an Aussehen und Inhalt der Bücher prägten die Gestalt und Form der mittelalterlichen Handschriften entscheidend mit. In diesem Buch werden daher nicht allein Herkunft, Vorbereitung und Verwendung der Materialien, Werkzeuge und Hilfsmittel, das Schreiben und Malen bis hin zur Bindung des fertigen Buches untersucht. Denn dieser Teil der Buchherstellung ist im gesamten Mittelalter erstaunlicherweise weitgehend gleich geblieben. Stetigem Wandel unterworfen waren hingegen Arbeitsbedingungen, Berufsbild und Rollenverständnis der Buchhersteller und deren Arbeitsorte. Ebenso wandelten sich die Funktion der Bücher, ihr Gebrauch und die Bedürfnisse der Leser im Verlauf der Jahrhunderte. Das hatte wiederum Auswirkung auf die Arbeit im Skriptorium und das Aussehen der Manuskripte. Diese Veränderungen sollen ebenso zur Sprache kommen.
Nach einem Überblick über die Vorgeschichte des Buches von der Buchrolle zum Kodex wird zunächst die Frage beantwortet, wo man Skriptorien eingerichtet hat, wie sie ausgestattet waren und wer neben den Schreibern dort noch gearbeitet hat. Danach geht es um die einzelnen Arbeitsschritte auf dem langen Weg zum fertigen Buch. Besprochen werden die nötigen Ausgangsmaterialien wie Pergament, Farben, Tinten, die Arbeitsaufteilung, die Planung und das Programm der Bücher. Es geht um Schreiben, Schrift, Schreibgeräte und Tinten, Farben, Pinsel, die Kunst der Miniaturenmalerei, die Bindung und die manchmal sehr kostbaren Buchdeckel. Das letzte Kapitel schließlich ist den Lesern, Auftraggebern und dem Verkauf der Bücher gewidmet, die nicht allein Angelegenheit der Klöster gewesen ist. Aber wer konnte im Mittelalter eigentlich lesen? Wer konnte sich die teuren Bücher leisten? Wie kamen die Klosterwerkstätten mit der weltlichen Konkurrenz zurecht? Und schließlich: Was ändert sich für Buchhersteller und Leser mit der Erfindung des Buchdrucks?
Doch bevor wir nach Antworten auf all die angesprochenen Fragen suchen, kehren wir noch einmal zurück zu dem Mönch Johannes Myronas, der im 13. Jahrhundert in Jerusalem ein kleines Gebetbuch geschrieben hat.
Eine sehr kurze
Vorgeschichte des Buches
Gebetbuch und Palimpsest
Von der Arbeit des Mönches Johannes Myronas wissen wir heute nur deswegen, weil sein Werk durch besondere Umstände erhalten geblieben ist. Das ist nicht selbstverständlich. Denn Myronas’ euchologion ist keine Prachthandschrift wie etwa das Book of Kells, das seit jeher als besondere Kostbarkeit verehrt und gehütet wird (siehe Farbabb. S. 49). Im Gegenteil: Myronas Gebetbuch ist unscheinbar, klein und wurde auf gebrauchtem, löchrigem Pergament geschrieben. Es ist nur sparsam ausgeschmückt und dazu noch schlecht erhalten. Es handelt sich um eine jener Gebrauchshandschriften, die ihres Alters und ihrer Herkunft wegen kostbar sind und die zu Forschungszwecken gesammelt und geschätzt werden. In der Schausammlung eines Museums oder einer Bibliothek werden solche Handschriften aber nur selten ausgestellt, weil sie nicht besonders ansehnlich sind. Nur wenige Spezialisten dürften beim Anblick eines derartigen Buches wirklich Begeisterung empfinden. Das muss auch den ehemaligen Besitzern des euchologions bewusst gewesen sein, die das Buch mit gefälschten Miniaturen ausstatten ließen, um es für den Verkauf attraktiver zu machen. Auf einer Auktion in New York Ende der 90er-Jahre wurde die Handschrift für 2 Millionen Dollar verkauft. Der unbekannte Käufer behielt das Buch nicht für sich, sondern deponierte es in dem für seine mittelalterliche Handschriftensammlung berühmten Walters Museum of Art in Baltimore. Aber nicht Myronas’ Gebete mit den bescheidenen Verzierungen oder die plumpen Fälschungen waren es, die den Besitzer und die Fachleute des Museums zum Staunen brachten, sondern der abgeschabte, in Griechisch geschriebene Text des alten Pergaments, der zwischen den von Myronas beschriebenen Zeilen durchschimmerte und auf einigen Seiten sogar Diagramme erahnen ließ. Solche abgeschabten Pergamente, auf denen der alte Text noch bruchstückhaft lesbar ist, nennen Fachleute Palimpsest. Der Begriff kommt aus dem Griechischen und lässt sich am besten mit „wieder abgeschabt“ übersetzen. Neugierig geworden und von bestimmten Vermutungen geleitet, begann man im Museum mit Untersuchungen, um die nahezu unsichtbare Schrift wieder lesbar zu machen. Es stellte sich heraus, dass das Gebetbuch bisher völlig unbekannte Abhandlungen des Mathematikers Archimedes und des Redners Hyperides enthielt und dazu noch weitere Texte aus der Zeit der griechischen Antike. Die Entdeckung solcher vollkommen neuer, unbekannter Texte war eine wissenschaftliche Sensation und eine außerordentlich glückliche Gelegenheit für die Wissenschaft. Tatsächlich schöpfen wir unser heutiges Wissen über die Literatur der Griechen und Römer zu einem nicht geringen Teil aus solchen Palimpsest-Funden. Denn in vielen mittelalterlichen Skriptorien wurden die Pergamentblätter von älteren, nicht mehr gebrauchten Handschriften wieder verwendet.
Doch wie kamen die mathematischen Abhandlungen und Reden aus dem vorchristlichen Griechenland überhaupt in Myronas’ Gebetbuch? Die Schriftenanalyse der abgeschabten Texte zeigte, dass die Palimpseste in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts in der Hauptstadt des byzantinischen Reiches, in Konstantinopel (dem heutigen Istanbul) kopiert worden waren. Im Unterschied zu Rom und den anderen Städten des Altertums hatte Konstantinopel ohne Kriege und Zerstörungen das Mittelalter erreicht. Noch im 9. und 10. Jahrhundert wurden dort die kulturellen Errungenschaften der vorchristlichen Vergangenheit gepflegt und die alten Texte weiterhin abgeschrieben und gesammelt. Dem besonderen geistigen Klima um den Kaiserpalast als kulturellem Zentrum ist es zu verdanken, dass auch Archimedes’ und Hyperides’ Schriften weiterhin geschätzt wurden.
Die Zeit kultureller Entfaltung in Konstantinopel endete im Jahr 1204, als Kreuzfahrer die reichste Stadt Europas plünderten und zerstörten und damit auch viele Bibliotheken mit dem darin angesammelten Wissen. In den auf den Überfall folgenden unruhigen Jahrzehnten wurden die meisten Bibliotheken nicht wieder aufgebaut. Stattdessen verwertete man die übrig gebliebenen Bücher mit antiken Texten, indem man die herausgetrennten Pergamentseiten zu neuen Büchern recycelte. Doch nicht allein in Konstantinopel ging man aus heutiger Sicht so unglaublich respektlos mit den alten Schriften um. Im westlichen Europa ist die Abtei von Bobbio in Oberitalien für ihre Palimpsest-Handschriften berühmt geworden. Auch dort schrieb man neue Bücher auf alte Pergamente. Wie im Falle von Myronas’ Gebetbuch sind auch in der Bibliothek von Bobbio die manchmal nur noch in Spuren feststellbaren Texte für uns heute wichtiger und interessanter als die darübergelegte jüngere Schrift.
Myronas schrieb sein Gebetbuch jedoch nicht in Konstantinopel, sondern in Jerusalem. Das wissen wir, weil seine Gebetstexte der Liturgie der Kirche von Jerusalem folgen. Vom Zeitpunkt seiner Fertigstellung im April 1229 haben die Schriften von Hyperides und Archimedes eingeschlossen in ein klösterliches Gebetbuch die Zeiten überdauert. In den folgenden Jahrhunderten wurde die Handschrift in einem orthodoxen Kloster in Palästina gehütet. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gehörte sie zum Bibliotheksbestand des griechischen Patriarchen. Irgendwann kam das Buch zurück nach Konstantinopel und wurde dort in einer dem Patriarchat zugehörigen Klosterbibliothek aufbewahrt. Von der Klosterbibliothek wanderte es schließlich auf ungeklärten Wegen in eine französische Privatsammlung und später in die Auktion zu seinem heutigen Besitzer und dem Baltimore Museum of Art. Dort wurde die Handschrift 2011 erstmals in einer Ausstellung einem großen Publikum vorgestellt.
Schriftrollen
Der Weg der Handschrift aus dem 10. Jahrhundert von der Türkei über Israel und Frankreich bis in die USA lässt sich mithilfe von Dokumenten und Augenzeugenberichten nachvollziehen. Schwieriger wird es jedoch, wenn man wissen will, auf welchen Wegen die uralten griechischen Schriften überhaupt in die Schreibwerkstätten von Konstantinopel gekommen sind. Diese Tatsache ist nicht weniger erstaunlich als der Weg des Buches von Jerusalem nach Baltimore. Hyperides lebte im 4. vorchristlichen Jahrhundert in Athen. Archimedes forschte 100 Jahre nach Hyperides in Syrakus auf der Insel Sizilien. Weder Archimedes noch Hyperides schrieben ihre Texte auf jenes Pergament, das wir heute im Museum betrachten können. Pergament war in der griechischen und römischen Antike zwar nicht unbekannt, wurde aber nur sehr selten verwendet.
Überwiegend schrieben Griechen und Römer auf einer ägyptischen Erfindung. Ihre Bücher bestanden aus aneinandergeklebten Blättern aus Papyrus, die um einen hölzernen Stab, den umbilicus gewickelt wurden. Archimedes und Hyperides schrieben also auf Schriftrollen oder rotuli. Auf einem rotulus zeichnete man den Text in Spalten quer zur Rolle auf. Die Rollen maßen zwischen 13 und 30 cm in der Höhe. Die einzelnen Spalten oder Kolumnen waren somit ungefähr so lang und auch so breit wie Texte unserer heutigen Bücher auch. Eine Papyrusrolle konnte jedoch in der Länge 9 Meter oder mehr messen. Beschrieben wurde sie nur auf einer Seite. So konnte man den rotulus aufrollen und gleichzeitig den auf der Innenseite befindlichen Text schützen. Zum Schreiben verwendete man die festen Halme der Wasserbinse oder ein angespitztes Schilfrohr, den calamus, die man wie moderne Federn in Tinte tauchte.
Der große Erfolg der Papyrusrollen in der Kultur der antiken Mittelmeervölker lag in der einfachen Beschaffung des Ausgangsmaterials und in den geringen Herstellungskosten begründet. Über die Produktionsabläufe sind wir informiert, weil Plinius der Ältere im 13. Buch seiner Historia naturalis den Vorgang der Buchrollenherstellung detailliert beschrieben hat. Die Papyrusstaude (Cyperus papyrus) ist eine rasch wachsende Sumpfpflanze, die in den Tropen Afrikas, in Syrien und Palästina wild wächst und bis zu fünf Meter hoch werden kann. In Ägypten selbst ist sie heute nicht mehr zu finden. In der Antike jedoch wurden die Stauden dort im großen Stil angebaut und in den gesamten Mittelmeerraum verschifft. Berühmt waren etwa die Papyri der phönizischen Stadt Biblos, nach der die Griechen den Begriff biblion prägten, mit dem sie die papyri, also Bücher aus Papyrus bezeichneten. Um aus den einzelnen Pflanzen das unserem heutigen Papier ganz ähnliche Schreibmaterial herzustellen, wurden die Fasern aus den Stängeln neben- und übereinander gepresst. Der in der Pflanze enthaltende Klebstoff verband die Fasern fest miteinander und bot eine hellfarbige raue Schreibfläche. Das auf dieses Weise hergestellte Blatt hieß kollema. Mehrere kollemata gleicher Größe klebte man zu den Rollen zusammen, die in unterschiedlichen Qualitäten angeboten wurden.
Schriftrollen aus Papyrus sind recht spröde und brechen leicht auseinander. In der trockenen und warmen Luft Südeuropas und Nordafrikas waren sie kurzfristig ganz gut haltbar, doch für die Reise durch die Jahrhunderte waren sie nicht geschaffen. So sind die Buchrollen aus den großen Bibliotheken Roms und Griechenlands verloren. Kriege, Feuer und der Gang der Zeit haben unzählige antike Schriftrollen zerstört, nur Reste haben sich bis heute erhalten. Zumeist handelt es sich um Überbleibsel ägyptischer Papyri, die im trockenen Wüstenklima überdauerten. Besonders glücklichen Umständen ist es jedoch zu verdanken, dass in der vom Vesuv verschütteten Stadt Herculaneum eine römische Privatbibliothek gefunden wurde, die einen Einblick in die Ordnung und Aufbewahrung einer antiken Büchersammlung gewährt. In der bis heute nur teilweise freigelegten Villa dei Papiri entdeckten Forscher im 18. Jahrhundert einen Raum, in dem griechische Buchrollen aufbewahrt wurden. Johann Joachim Winckelmann hatte das Glück, als einer der Ersten die Räume betreten zu dürfen. In seinen „Sendschreiben aus Herculaneum“ berichtet er von dem kleinen Zimmer mit rundherum an der Mauer und in der Mitte des Raums angebrachten Schränken. Das Holz der Schränke war zu Kohle verbrannt und fiel bei Berührung der Forscher zusammen. Die Buchrollen aber hatten die Katastrophe überstanden. Insgesamt zählte Winckelmann über 1000 Buchrollen. Einige rotuli fand man sogar noch zusammengebunden, vermutlich als Teile mehrbändiger Werke. Verstaut hatte ihr ehemaliger Besitzer die Rollen in den Regalfächern der Schränke liegend, etwa so, wie man heute Flaschen in einem Weinregal unterbringt. Andernorts steckte man Rollen in eimerartige Behältnisse mit oder ohne Deckel, in denen sie auch transportiert wurden. Die Buchrollen in der Bibliothek der Villa dei Papiri waren stark verkohlt und verklebt, konnten aber zu einem großen Teil geborgen werden. Sie werden heute im Archäologischen Nationalmuseum von Neapel gehütet. Es handelt sich überwiegend um Fragmente von Schriften griechischer Philosophen aus dem Umkreis Epikurs.
Wie die Buchrollen ausgesehen haben und wie sie benutzt wurden, verrät uns ein Bücherstillleben auf einem Wandbild aus Herculaneum. Dargestellt ist ein an beiden Enden eingerollter rotulus mit pseudogriechischer Phantasieschrift in der Mitte. Daneben ist ein calamus aus Schilfrohr zu erkennen, ein doppeltes Fass mit Deckel für die Tinte, ein mehrteiliges Wachstäfelchen für Notizen und ganz am linken Bildrand ein dreieckiges Blatt, der sillabus. Der sillabus wurde an den aufgerollten rotulus geheftet, um die Buchrolle im Regal oder Behälter wiederzufinden. Auf ihm waren der Name des Autors und Hinweise auf den Inhalt der Schrift verzeichnet. Um die Rolle zu lesen, nahm man den Anfang der Rolle in die linke Hand und den noch unausgerollten Teil in die andere. Während des Lesens wurde der bereits gelesene Teil um einen Stab zusammengerollt, sodass idealerweise immer nur die Kolumne mit dem zu lesenden Text sichtbar war. Doch Wandmalereien zeigen auch undisziplinierte Leser, die es versäumt haben, rechtzeitig den gelesenen Teil wieder zusammenzurollen, sodass sie mit einem langen Papyrusband dastehen. Das Lesen solcher Rollen erforderte offenbar ein gewisses Maß an Ordnungswillen und auf jeden Fall zwei Hände. Auch das Auffinden bestimmter Textstellen in einem langen Epos, in einer wissenschaftlichen Abhandlung oder in einem Katalog ist in einer Buchrolle nicht ganz einfach. Immerhin hatten die meisten Texte Überschriften zur Orientierung und häufig auch Zeilennummerierungen. Aber im schlimmsten Fall musste der rotulus dennoch bis ganz zum Ende aufgerollt werden, um die entsprechende Textstelle zu finden. Die Länge der Rollen war zudem begrenzt. Längere zusammenhängende Texte, wie etwa Vergils zwölf Bücher der Aeneis bestanden aus zwölf Einzelrollen, was das Auffinden der gesuchten Passagen gewiss nicht einfacher machte.
Rotulus, Kalamus, Tintenfass, Wachstäfelchen und Sillabus auf einer Wandmalerei aus Herculaneum, abgebildet in: Le antichità di Ercolano eposte, Bd 2, Neapel 1760, S. 55, Heidelberg Universitätsbibliothek
Von der Buchrolle zum Kodex
Neben dem kostengünstigen und leicht zu beschaffenden Papyrus wurde in der Antike zu besonderen Anlässen auch Pergament zum Schreiben verwendet. In der Rollenform jedoch hätte das sperrige und steife Pergament allein den Papyrus wohl nicht verdrängen können. Erst mit der Einführung des Blätterbuchs oder Kodexes gewann das Pergament als Grundmaterial für Bücher an Bedeutung. Nachrichten über erste Kodizes haben wir bereits aus dem 1. nachchristlichen Jahrhundert. Im 2. Jahrhundert verwendeten die frühen Christen Kodizes für ihre Andachten und gingen so von der Buchrolle zum „modernen“ Buch über. Die meisten dieser Bücher wurden damals noch aus dem preiswerteren Papyrus hergestellt, wie etwa die Bücher aus dem berühmten Fund von Nag Hamadi in Ägypten. 1945 hatte dort ein einheimischer Bauer in einer Höhle 52 Papyrusbücher in einem Tonkrug gefunden. Die Bücher stammten aus dem 3. Jahrhundert und enthielten religiöse Schriften in koptischer Sprache. Die Bücher wurden offenbar von Angehörigen einer christlichen Gemeinde genutzt und wohl auch dort versteckt.
Die großen Werke der klassischen Literatur und der Wissenschaft wurden zu dieser Zeit hingegen noch in Rollen aufgeschrieben. Kodex und rotulus existierten also für einige Zeit gleichberechtigt nebeneinander als „Verpackungen“ für verschiedene Textsorten. Auch Archimedes’ und Hyperides’ Werke dürften zu dieser Zeit noch in Rollenform vorgelegen haben. Der Kodex ist daher nicht der direkte Nachfolger der Buchrolle, sondern hat eine eigene, vom rotulus nur teilweise abhängige Entstehungsgeschichte. Gegenüber der Schriftrolle hat der Kodex jedoch eindeutige Vorteile: Erst dessen Form ermöglicht es, den Text auf der gewünschten Seite aufzuschlagen. Gesuchte Passagen lassen sich leichter wiederfinden, und vor allem kann ein Buch in Kodexform wesentlich mehr Informationen aufnehmen als eine Buchrolle. Ein Kodex mit 200 Blättern, die jeweils 15 cm breit sind, hat dieselbe Speicherkapazität wie eine Rolle gleicher Breite von 60 Metern Länge. Wenn wir von einer durchschnittlichen Länge der einzelnen Rolle von ungefähr 9 Metern ausgehen, müsste der gleiche Text auf sechs oder sieben Rollen geschrieben werden.
Die Annehmlichkeiten der neuen Buchform erkannten neben den christlichen Gemeinden zuerst die Juristen. Die damals entstandene Bezeichnung codex, die sich von dem lateinischen Wort caudex für Holzblock ableitet, bezog sich sowohl auf das in hölzerne Deckel eingebundene Buch als auch auf die darin enthaltene Gesetzessammlung. Bis heute sprechen wir von einem Gesetzeskodex, wenn wir die Gesetzessammlungen meinen. Entstanden ist die Form des Kodexes wohl aus den zu Bündeln zusammengeschnürten Holztafeln, deren Innenseiten mit Wachs bestrichen waren und in die man mit einem Griffel, dem stylus, Notizen schrieb und durch Glattstreichen wieder löschte. Auf dem herkulanischen Wandbild ist ein solches Täfelchen in Form eines Triptychons abgebildet. Bemerkenswert sind die kleinen Abstandshalter auf den Innenflächen, die verhindern sollen, dass sich die Wachsflächen berühren und so das Geschriebene zerstören. Solche Diptychen (zweiflügelige Tafeln), Triptychen (dreiflügelige Tafeln) oder Polyptichen (mehrflügelige Tafeln) waren in leicht abgewandelten Formen auch im Mittelalter im Gebrauch.

Fragment eines frühchristlichen Kodex, gefunden in Nag Hammadi
Der Kodex war von Anfang an eng mit der christlichen Kirche, der Verbreitung der Liturgie und deren Glaubensgrundsätzen verbunden. Die Erhebung des Christentums zur Staatsreligion unter Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert leitete schließlich das Jahrhundert ein, in dem die Kodexform zur Norm für jede Art von Literatur wurde. Der Medienwechsel von der Rolle zum gebundenen Buch hatte weitreichende Folgen auch für die Schriften von Archimedes und Hyperides, die bis zu diesem Zeitpunkt immer noch als Buchrollen existiert haben müssen. Was an sich schon eine erstaunliche Tatsache ist. Denn die Lebensdauer einer Papyrusrolle war auf jeden Fall sehr kurz. Wenn sie 200 Jahre überstand, war das schon viel. Das bedeutet, beide Autoren hatten auch viele Hundert Jahre nach ihrem Tod noch immer eine interessierte Leserschaft, die sich darum bemühte, das Werk der beiden über Abschriften zu erhalten und zu verbreiten. Pergamenthandschriften konnten hingegen, durch robuste Deckel geschützt, allein aufgrund ihrer Machart aus Tierhaut und Holz Jahrhunderte bequem überdauern. Auf jeden Fall müssen die Texte der beiden Griechen in dieser Zeit irgendwann das erste Mal von der Papyrusrolle auf Pergament übertragen worden sein. Selbstverständlich war das nicht. Viele zu ihrer Zeit gern gelesene Autoren schafften den Wechsel in das neue Medium nicht. Nachdem die letzten rotuli unbrauchbar oder zerstört worden waren, verschwand mit ihnen auch das Wissen um den Inhalt und damit um die Existenz dieser Bücher.
In Konstantinopel wurden nun im 5. und 6. Jahrhundert viele alte Texte vom rotulus in die neue Buchform übertragen. Eine auf eine Vorlage des 6. Jahrhunderts zurückgehende byzantinische Darstellung des Evangelisten Lukas in einem Evangeliar aus dem 10. Jahrhundert zeigt beide Bucharten nebeneinander: Lukas sitzt auf einem Schemel, ein aufgeschlagenes Buch liegt auf seinen Knien. Eine in ihrer ganzen Länge ausgebreitete Rolle hat der Evangelist auf einem Buchpult abgelegt. Offenbar ist Lukas im Begriff den Text der Rolle zu kopieren. Auf dem vor ihm stehenden Tischchen ist ein sillabus zu erkennen, den er vor dem Öffnen der Buchrolle entfernt hat.
In die neuen Kodizes schrieben die Kopisten in sogenannten Majuskeln, also in Großbuchstaben. Diese Majuskeln erinnern noch sehr deutlich an die antiken Vorbilder, die wir von Inschriften an Gebäuden und Skulpturensockeln her kennen. Die verhältnismäßig großen und breiten Buchstaben setzte man unverbunden nebeneinander. Das Palimpsest in Myronas’ Gebetbuch zeigt jedoch eine ganz andere Schrift: Bei den dort verwendeten Buchstaben handelt es sich um Minuskeln, also um Kleinbuchstaben. Die griechische Minuskelschrift verdankt ihren Ursprung vermutlich den Dokumenten des byzantinischen Beamtentums. Minuskel-Buchstaben sind leichter und schneller zu schreiben, man kann mehr Text auf einer Seite aus teurem Pergament unterbringen als mit den raumgreifenden Großbuchstaben. Seit der Mitte des 9. Jahrhunderts wurde die Minuskelschrift in den Skriptorien Konstantinopels nicht nur für amtliche Zwecke, sondern auch für religiöse und wissenschaftliche Texte verwendet. Alle Kodizes, die zuvor mit Majuskeln geschrieben worden waren, wurden in dieser Zeit systematisch neu abgeschrieben und in Kleinbuchstaben übertragen. Nur wenige der alten Majuskelkodizes haben den Wechsel in die neue Schrift überdauert. Nachdem die Kopien in der neuen Schrift vollendet waren, wurden die als veraltet geltenden Majuskelhandschriften nicht mehr gebraucht. Damals hing das Überleben nahezu aller alten griechischen Autoren in den Bibliotheken Konstantinopels von den Minuskelhandschriften ab, die im 9. und 10. Jahrhundert abgeschrieben worden waren. Auch die Texte von Archimedes und Hyperides wurden in Konstantinopel noch einmal in Minuskelschrift kopiert.
Der Evangelist Lukas mit Rotulus und Kodex, Evangeliar, 10. Jahrhundert, Athos, Stauronikita, Ms 43, fol. 12v
Bilder
Die Kopisten der Archimedes-Handschrift haben neben den Texten auch die Diagramme des Mathematikers erstaunlich werkgetreu übertragen. Neben den Texten wurden auf diese Weise über Kopien auch viele Bilder aus der antiken Welt vor dem endgültigen Verschwinden bewahrt. Wissenschaftlich ausgerichtete rotuli waren häufig illustriert, auch wenn die Bilder meist nur als Anschauungshilfen für Fachleute gedacht waren. Archimedes’ Diagramme etwa richteten sich an Mathematiker, für Nichtspezialisten haben sie nur einen begrenzten Schauwert. Aber manchmal gab es auch in den wissenschaftlichen Büchern Abbildungen, die bis heute faszinieren. Das berühmteste Beispiel dieser Art sind vielleicht die Bilder im sogenannten Wiener Dioskurides. Mit der nach ihrem Aufbewahrungsort in der Wiener Nationalbibliothek benannten Handschrift besitzen wir das einzige, beinahe vollständig erhaltene, illustrierte naturwissenschaftliche Buch der Antike (siehe Farbabb. S. 50). Es wurde im Jahr 512 in Konstantinopel in griechischer Majuskel geschrieben und mit zahlreichen ungewöhnlich naturnahen Pflanzen- und Tierdarstellungen ausgemalt. Ein Porträt des Autors schmückt eine der ersten Seiten der Handschrift. Im Profil dargestellt, sitzt Dioskurides am rechten Bildrand auf einem Schemel und schreibt in einen Kodex. Dioskurides war Militärarzt in Kleinasien im 1. Jahrhundert nach Christus. Er arbeitete in griechischer Sprache über Arzneipflanzen, deren Bestandteile, Öle und Duftstoffe, über heilkräftige Tiere und Edelsteine und verzeichnete und klassifizierte über 600 Kräuter und Substanzen. In den ersten (heute verlorenen) Abschriften auf Papyrus war sein meist unter dem lateinischen Titel de materia medica bekanntes Buch wahrscheinlich noch nicht illustriert. Bilder wurden vermutlich erst in den späteren Versionen hinzugefügt. Denn wir wissen, dass derartige Herbarien, also Bücher über Heilpflanzen, tatsächlich illustriert waren.

Malerei auf Papyrus. Beinwell (Symphytum officinalis) aus dem Johnson-Papyrus, um 400 n. Chr., London, Wellcome Institute Library, MS 5753
Eines der wenigen erhaltenen rotulus-Fragmente eines Herbariums, allerdings nicht von Dioskurides, ist der sogenannte Johnson-Papyrus aus dem 4. nachchristlichen Jahrhundert. Er bildet oberhalb des Textspiegels ein farbig ausgemaltes Gewächs samt Wurzeln ab, das als Beinwell (Symphytum officinalis) identifiziert wurde, auch wenn die Ähnlichkeit mit der weitverbreiteten Heilpflanze nicht besonders groß ist. Die Malerei wirkt schlicht, nicht besonders naturgetreu und erscheint weitgehend ohne Bezug zum Text. Dennoch war es ein vielleicht ganz ähnlich gestalteter rotulus, der als Vorbild für die prächtig bemalte Wiener Handschrift diente. Jedoch sind die Illustrationen des Wiener Dioskurides keineswegs schlichte Kopien verlorener rotulus-Miniaturen. In den rotuli waren die Bilder meist über oder unter dem Schriftspiegel angebracht oder wurden in den Text eingefügt. Entsprechend der geringen Breite der Buchrolle waren sie wohl meist auch recht klein.
Maler und Schreiber des Wiener Dioskurides haben hingegen Bild und Text in eine völlig neue Ordnung gebracht und neue Bilderfindungen eingefügt. So befindet sich zu Beginn des Buches ein seitenfüllendes Porträt der Empfängerin der Handschrift, der byzantinischen Prinzessin Anicia Juliana. Die Prinzessin hatte eine Kirche in der Vorstadt Honorata bei Konstantinopel gestiftet. Als Dank dafür schenkten die Bürger der Stadt ihr den prächtigen Kodex. In den älteren Dioskurides-Abschriften kann das Bild der Empfängerin daher noch nicht enthalten gewesen sein. Ihr Porträt ist keine Übernahme aus einem älteren Kodex oder rotulus, sondern eine eigenständige Erfindung der Buchmaler. Blättert man durch den Wiener Dioskurides, wird deutlich, dass auch die allermeisten Pflanzendarstellungen jeweils eine ganze Seite für sich haben, wie etwa die Miniatur einer Judenkirsche (Physalis), während der dazugehörige Text auf der gegenüberliegenden Seite geschrieben steht. Die Darstellung wirkt sehr naturnah, scheint nach einem lebendigen Vorbild gemalt worden zu sein und wurde mit vielen genau beobachteten Details wiedergegeben. Die Blätter sind von verschiedenen Seiten dargestellt, auch die typischen Früchte hat der Maler nicht vergessen oder die Unterschiede zwischen grünen und verholzten Pflanzenteilen. (siehe Farbabb. S. 51).
Die Bilder im Wiener Dioskurides unterscheiden sich in der Gestaltung, Anordnung und Naturtreue deutlich von dem schematischen Beinwell auf dem Johnson-Papyrus. Die Bilder zeigen zudem, dass Buchmaler und Schreiber vor ganz neuen Herausforderungen gestanden haben müssen, als sie den Text und die kleinen Vorbilder aus dem rotulus in die großzügiger bemessene Fläche des Kodex übertrugen und dafür neue Darstellungsformen entwickelten. Das Pergament bot zudem vielfältigere künstlerische Möglichkeiten für die Maler. Denn das glatte, gleichmäßig hellfarbige Pergament ist eine wesentlich bessere Maloberfläche als das raue, spröde, aus vielen Stücken zusammengeklebte Papyrusblatt. Auf dem rotulus hielt sich in mehreren Schichten aufgetragene Farbe nicht besonders gut, weil sie durch das ständige Auf- und Abrollen strapaziert wurde. Malerei auf Papyrus ist daher zumeist nur sehr dünn und flächig aufgetragen. Auch darin unterscheiden sich der Beinwell aus dem Johnson-Papyrus und die in Farbschichten angelegte Rose aus dem Wiener Dioskurides, die über die Jahrhunderte nur wenig gelitten hat.
Die Möglichkeit durch ein Buch zu blättern, führte zu neuen Strategien für die Gestaltung der Seiten. Erst im Kodex konnte es gelingen, reine Bildseiten ohne Text zu entwerfen. Und erst damit wurde es möglich, den Bildern einen herausragenden Platz im Zusammenspiel mit dem Text zu geben. Doch gelten diese Beobachtungen nur für wissenschaftliche Bücher. Denn von den erzählenden Texten der Antike, den Epen, Theaterstücken oder Romanen kennen wir nur ganz wenige illustrierte Buchrollen. Für religiöse Handschriften lassen sich überhaupt keine bebilderten rotuli nachweisen. Die Bilder in den Bibeln, Evangeliaren, Psaltern und anderen religiösen und kirchlichen Büchern, die uns heute so begeistern, sind echte Erfindungen der Kodex-Maler, genauso wie auch die kunstvoll gestalteten Initialen, die in antiken und spätantiken Buchrollen und in den frühen Kodizes noch unbekannt waren.
Seitdem das Pergament den Papyrus gegen Ende der Antike nach und nach verdrängte, dominiert bis heute die Form des Blätterbuchs oder Kodexes die Welt der Bücher. Für lange Zeit wurden Bücher fast ausschließlich auf Pergament geschrieben und verziert. Das für uns heute so selbstverständliche Papier kam erst im späteren Mittelalter auf. Doch was änderte sich, abgesehen vom Beschreibstoff, in der Herstellungsweise der Bücher sonst noch im Verlauf des Mittelalters? Und wo wurden spätantike Handschriften wie der Wiener Dioskurides oder die Texte von Archimedes und Hyperides eigentlich abgeschrieben, und wer war daran beteiligt? Davon handelt das nächste Kapitel.
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