Читать книгу: «Der Weg zur Promotion»

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Stephan Schmauke

DER WEG ZUR

PROMOTION

STRUKTURIERT UND GELASSEN ZUM

DOKTORTITEL


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

ISBN 978-3-8012-7025-4 (E-Book)

ISBN 978-3-8012-0585-0 (Printausgabe)

Copyright © 2021

by Verlag J. H. W. Dietz Nachf. GmbH

Dreizehnmorgenweg 24, 53175 Bonn

Umschlag: Birgit Sell, Köln

Typographie & Satz: Ralf Schnarrenberger, Hamburg

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, 2021

Alle Rechte vorbehalten

Besuchen Sie uns im Internet: www.dietz-verlag.de

Einleitung

Die Organisation der Promotion

Eine Entscheidung treffen!

Gründe für und gegen eine Promotion

Themen- und Betreuerinnenwahl

Kontaktaufnahme

Strukturierte Promotion oder Individualpromotion?

Ein Exposé schreiben

Die Geschichte von der verschwundenen Promotionsordnung

Finanzplanung

Beschäftigungsverhältnisse an der Universität oder an einem Forschungsinstitut

Stipendien

Die Rezeptionsphase der Promotion

Literaturbeschaffung

Das Schneeballprinzip

Online-Recherche

Lektüretechniken

Literatur »verwalten«

Vorschlag 1: Das »handwerkliche« Literaturverzeichnis

Vorschlag 2: Das »maschinelle« Literaturverzeichnis

Die Produktionsphase der Promotion

Welcher Wissenschaftstyp bin ich?

Der Anspruch

Die Methode

Der normative Background

Dem Schreiben ein Gerüst geben: Die Gliederung

Die Medien des Schreibens

Stilkritik

Technisches Equipment

Schreibhemmungen und Creative Writing

Auf dem Weg zur Endfassung: Die Struktur eines wissenschaftlichen Textes

Die »große Korrektur«

Der Endspurt

Die Probleme der Promotion

Professorinnentypen – und wie man ihnen begegnet

Die Vielbeschäftigte

Die Gelehrte

Die Koryphäe

Die Wortmetze

Die Pflaume

Die Försterin

Zeitvernichtung – oder: Wie strukturiere ich mein Leben?

Dem Zeitplan hinterherhinken

Motivationsprobleme

Prokrastination und (Selbst-)Zweifel

Promotionsabbruch

Überarbeitung – Burnout

Mehr Selbstbewusstsein!

Probleme akademischer Randgruppen

Frauen

Arbeiterkinder

Ausländerinnen

Die Geschichte der Promotion

Die Organisation der Gelehrsamkeit

Die Grade der Gelehrsamkeit

Heroes and Villains – Aufstieg und Fall des Doktortitels

Vom Gründungsboom zum Universitätssterben und preußischen Reformen

Die Entstehung der Habilitation, der Verfall der Examenskultur und die mühsame Öffnung der Universitäten

Von Bologna zum Bologna-Prozess

Schluss

Anhang

Stichworte

Namen

Bildnachweis

Über den Autor

EINLEITUNG

Die Idee zu diesem Buch stammt aus meiner Arbeit mit Promotionsstipendiatinnen eines der 13 Begabtenförderungswerke der Bundesrepublik Deutschland. In Seminaren mit durchschnittlich 20 bis 30 Teilnehmerinnen stellen die Promovierenden ihre Promotionsprojekte einer kleineren Gruppe von maximal acht Teilnehmerinnen vor, worauf diese Projekte, begleitet von einem Tutor oder einer Tutorin, diskutiert werden. Die in diesen Gruppen vertretenen Fächer sind heterogen. Zwar berücksichtigen wir bei der Kleingruppenzusammenstellung fachliche Affinitäten, soweit das geht, doch lässt es sich aus logistischen Gründen nicht immer vermeiden, dass die Fächerverteilung manchmal seltsame Konstellationen mit sich bringt. So kann es durchaus passieren, dass eine Juristin ihr Projekt einem Auditorium vorstellt, das aus Kunsthistorikerinnen, Mathematikerinnen, Historikerinnen und Geologinnen zusammengesetzt ist. Was von uns anfangs als notwendiges Übel angesehen wurde, hat sich aber im Verlauf von ein paar Veranstaltungen als segensreich herausgestellt: Zum einen haben Promovierende sonst nur sehr selten die Gelegenheit, ihre Dissertationsprojekte einem fachfremden Publikum vorstellen zu können. In den üblichen Promotionskolloquien bleibt man so gut wie immer unter seinesgleichen; für Fachkongresse gilt dasselbe. Das ist bedauerlich, weil es für die wissenschaftliche Arbeit ungemein produktiv sein kann, wenn man genötigt wird, sie für das Verständnis von Akademikerinnen anderer Disziplinen herunter zu brechen. Zum anderen machen viele Teilnehmerinnen auf unseren Seminaren die Erfahrung, dass bestimmte Schwierigkeiten, mit denen ihr persönliches Dissertationsprojekt konfrontiert ist, Allgemeingut aller Promovierenden sind. Bestimmte Probleme betreffen nämlich nicht nur Juristinnen oder Mathematikerinnen (auf je eigene Weise), sondern alle, die versuchen, an einer deutschen Hochschule den Doktortitel zu erwerben.

Zum Sprachgebrauch eine Anmerkung: Historisch korrekt müsste man sagen: promoviert werden (siehe auch das Kapitel »Die Geschichte der Promotion« in diesem Band). In Anlehnung an den alltäglichen Sprachgebrauch benutze ich hier jedoch die aktive Form (promovieren) gleichberechtigt neben der passiven (promoviert werden).

Einige Fragenkomplexe verdichteten sich in unserer Wahrnehmung zu Dauerbrennern, weshalb wir ein weiteres Seminarformat für die Promotionsstipendiatinnen konzipierten: Die »Strukturwerkstatt«, die ich zusammen mit meinem Kollegen Rainer Fattmann leite. Sie richtet sich an fortgeschrittene Promovierende und thematisiert explizit die Probleme, Krisen und Katastrophen, die in drei und mehr Jahren des Arbeitens an einer Dissertation zusammenkommen können – natürlich nebst den Strategien, diese Probleme zu umschiffen, Krisen auszukurieren und sich auch von Katastrophen nicht anfechten zu lassen. Zu diesen Dauerbrennerfragen gehören: Wie organisiere ich mein Zeitbudget? Wie bringe ich Struktur in meine Dissertation? Wie reagiere ich angemessen auf Schwierigkeiten in der Betreuungssituation?

Den Ausschlag, ein Buch über dieses Thema zu verfassen, gab dann eine Sichtung der vorhandenen Ratgeberliteratur. Promotionsratgeber sind ja nicht gerade rar gesät; von der reich mit Stockfotos bebilderten Broschüre (bebrillte Studentin hält sich an Kaffeebecher fest, Text: »Wie fühlt es sich an, sich für drei Jahre festzulegen?«) bis zur 400-seitigen Bleiwüste gibt es alles, was das Promovierendenherz zu begehren scheint. Was fehlt, ist ein Promotionsratgeber, der sein Problembewusstsein aus eigener Erfahrung, aus der Arbeit mit aktuell Promovierenden bezieht und in seinem Orientierungsanspruch über die bloße Informationsvermittlung hinausgeht (wenden Sie sich bei psychischen Problemen an Ihren Psychiater. Hier eine Adressenliste …).

Klar war aber auch, dass das Buch nicht nur bereits promovierende Leserinnen ansprechen sollte, sondern auch Fragen erörtern muss, die sich schon vor dem Entschluss zu promovieren stellen. Fragen wie: Warum sollte ich mich für (oder gegen) eine Promotion entscheiden? Welche Schritte sind zu tun, wenn die Entscheidung für eine Promotion gefallen ist? Was ist zu beachten, wenn es um die Finanzierung der Promotion geht? Aus diesem Grunde beginnt der Text mit dem Kapitel zum Thema »Organisation«.

Dem ersten Kapitel, das organisatorischen Fragen gewidmet ist, folgen dann jene Abschnitte, in die am meisten von meiner Arbeit mit den Promotionsstipendiatinnen eingeflossen ist. Kapitel 2 bis 4 befassen sich mit den Themen »Literaturrecherche«, »wissenschaftliches Schreiben« und »Problembewältigungsstrategien«. Die Hauptintention meines Schreibens ist dabei immer, ein Gefühl dafür zu wecken, dass es neben dem berechtigten Bedürfnis, effizient und erfolgreich zu promovieren, noch etwas anderes gibt: nämlich mit der Promotion etwas Sinnvolles zu leisten, das sich kaum in ökonomischen Kategorien messen lässt. (Ob man diesen nicht geldwerten »Gewinn« nun mit Aristoteles »nous«, mit Hegel »Geist«, mit Humboldt »Bildung« oder mit Bourdieu »kulturelles Kapital« nennen will, braucht hier ja gar nicht entschieden zu werden.)

Aus meiner Sicht gehört zur Promotion ein reflektiertes Verhältnis zur Tätigkeit des Promovierens. Deswegen finden Sie in diesem Buch auch einen historischen Abschnitt zur Geschichte der Universitäten und der Universitätsabschlüsse. (Aus welcher wissenschaftlichen Tradition stammt die Promotion? Wann wurde der erste Mensch promoviert? Wie veränderte sich im Lauf der Universitätsgeschichte der Stellenwert der Promotion?) Wer sich damit intensiver befassen möchte, dem empfehle ich Hartmut Boockmann: Wissen und Widerstand. Geschichte der deutschen Universität, Berlin 1999, ein Buch, aus dem ich vor allem über die mittelalterliche Universitätsgeschichte viel gelernt habe. Des Weiteren finden Sie (im Kapitel zum Schreiben der Dissertation) einen Abschnitt, der ein paar Stichworte geben möchte, um Ihnen den Versuch zu erleichtern, Ihr eigenes wissenschaftliches Weltbild ein wenig klarer zu umreißen. (Was meine ich eigentlich damit, wenn ich einen »wissenschaftlichen Nachweis« für etwas erbringe?) Meiner bescheidenen Meinung nach sollten Sie sich nicht nur das Knowhow des Promovierens »draufschaffen«, sondern Sie sollten am Ende auch wissen, was Sie da eigentlich tun, wenn Sie promovieren.

Die Grundlage meines Schreibens ist, wie gesagt, die eigene Erfahrung – sowohl die Erfahrung, die darauf beruht, selbst einmal eine Dissertation geschrieben zu haben (mit allen emotionalen Höhen und Tiefen, die das mit sich brachte), als auch die Erfahrung mit der heutigen Generation Promovierender (die im Großen und Ganzen genau dieselben Probleme hat, wie ich sie vor 20 Jahren hatte. Bologna hat da keine neuen Probleme geschaffen, allenfalls ein gesteigertes Problembewusstsein). Erfahrung heißt das Zauberwort – und deswegen ist der hier gewählte Stil essayistisch, manchmal vielleicht salopp, aber er vermeidet den weihevollen Jargon von Ratgebern sowie einer wie auch immer gearteten Fachwissenschaft.

Und noch ein Wort zur Schreibweise: Da ich einerseits im Deutschen die sprachliche Unterrepräsentiertheit von Frauen als Problem ansehe (man redet von Professoren, meint aber damit Professoren und Professorinnen), andererseits aber alle üblichen Formen gendergerechter Schreibweise hässlich finde (Professor_in, ProfessorIn, Professor*in, Professor:in), habe ich mich für die generelle Verwendung des Femininums entschieden. Diese Formulierungen umfassen gleichermaßen weibliche, männliche und Transpersonen sowie alle, die binäre Zuschreibungen für sich ablehnen; alle sind damit selbstverständlich gleichberechtigt angesprochen. Die einzige Ausnahme ist das historische Kapitel, in dem es um die Geschichte der Universitäten geht, bei der es sich bis ins 20. Jahrhundert hinein um ausschließlich von Männern gebildete Organisationen handelt. Gerade dieser Umstand würde durch die generelle Verwendung des Femininums verwischt werden.

Ich danke allen, die mich bei der Planung, Ideenfindung und Abfassung dieses Buches unterstützt haben. Bei der Friedrich-Ebert-Stiftung: Roland Feicht, Jacob Hirsch, Kathrein Hölscher, Simone Stöhr und Markus Trömmer, ohne die dieses Buch weder entstanden noch gediehen wäre. Ganz besonders danke ich Ursula Bitzegeio, die mit ihrer Begeisterungsfähigkeit und ihrem geradezu übernatürlichen Sinn, die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt zusammenzubringen, die Initialzündung gegeben hat. Schlaubischlumpf! Natürlich habe ich mich auch bei den vielen Promotionsstipendiatinnen der FES zu bedanken, bei denen ich über etliche Jahre hinweg viel gelernt habe – nicht nur über die Leiden der jungen Promovierenden, sondern auch über wissenschaftliche Moden, Konjunkturen und generell über Fachdisziplinen, die mir als Philosophen früher nichts gesagt haben. Stellvertretend darf ich hier Felix Kollritsch, Aymar Koukoubou, Carla Lohmann und Mariam Muwanga nennen, die Liste würde sonst einfach viel zu lang werden. Besonders danke ich auch Rainer Fattmann, meinem Mitstreiter bei der Strukturwerkstatt und dem Menschen mit dem trockensten Humor, den man sich vorstellen kann, ich danke Diana Gohle, die die Figur der »Försterin« erfunden hat, und Peter Gohle, mit dem ich mich immer gerne über Materialismus beziehungsweise Postmaterialismus und über Musik streite, und natürlich danke ich Alexander Behrens vom Dietz-Verlag für sein feinfühliges Lektorat. Vor allem aber danke ich meiner Familie: Flora – Emma – Beda.

Danke!

DIE ORGANISATION DER PROMOTION

In diesem Kapitel werden grundsätzliche Gesichtspunkte erwähnt, die die Entscheidung für (oder gegen) eine Promotion beeinflussen können. Ist die Entscheidung zu promovieren erst einmal gefallen – und davon gehe ich im weiteren Verlauf dieses Buches natürlich aus –, müssen etliche organisatorische Schritte unternommen werden. Darunter fällt zunächst einmal die Wahl des Promotionsortes beziehungsweise die Wahl der geeigneten Betreuerin. Sie finden dazu einige Kriterien, die Ihnen diese Suche erleichtern können. Dann wird die entscheidende Rolle des Exposés angesprochen, zusammen mit ersten Hinweisen für die Abfassung. Es folgt eine Anekdote über die nicht zu unterschätzende Bedeutung der Promotionsordnung, bevor es schließlich um die verschiedenen Finanzierungsmöglichkeiten geht, wobei die Hinweise zu möglichen Stipendiengeberinnen dabei den weitaus größten Raum einnehmen.

EINE ENTSCHEIDUNG TREFFEN!

Vermutlich haben Sie die Entscheidung, das Abenteuer einer Promotion auf sich zu nehmen, längst getroffen, wenn Sie dieses Buch in die Hand nehmen. Rekapitulieren Sie aber trotzdem noch einmal, welche Gründe es waren, die Sie dazu bewogen haben! Es klingt zwar auf den ersten Blick banal, dass alles mit der Entscheidung zu promovieren anfängt. Aber ganz so banal ist es nicht. Denn von der Tatsache, ob Sie sich entscheiden, und von den Gründen, die für Ihre Entscheidung ausschlaggebend sind, hängt bereits vieles ab. Vor allem beeinflusst die Art und Weise Ihrer Entscheidung bereits unmittelbar gewisse organisatorische Aspekte, die sie beachten sollten. Denn in diesem Kapitel geht es darum, was es am Anfang eines Promotionsprojekts zu beachten und zu organisieren gibt.

Was also steht am Anfang Ihrer Überlegungen? Ist es der Wunsch, eine akademische Karriere anzustreben? Wollen Sie Professorin werden? Oder wollen Sie ganz allgemein Ihre persönliche Qualifikation für den Arbeitsmarkt erhöhen, weil sie denken, ein höherer Universitätsabschluss erleichtere die Chancen auf einen gut dotierten Job? Oder hat Sie so etwas wie ein akademischer Furor gepackt, ein wissenschaftliches Problem, das Sie schon während Ihres Studiums so fasziniert hat, dass sie daran unbedingt weiter arbeiten möchten?

Oder ist es ganz anders: Wollen Sie sich selbst beweisen, dass sie eine Promotion schaffen können, dass Sie drei und mehr Jahre an einem hochkomplexen Thema arbeiten können? Oder wollen Sie das vielleicht gar nicht so sehr sich selbst beweisen, sondern Ihren Eltern? Ist Ihr Entschluss, zu promovieren, Ausdruck der Konformität Ihrem Elternhaus gegenüber? Stammen Sie aus einem bildungsbürgerlichen Haushalt, in dem Sie nicht die erste Angehörige mit Universitätsabschluss wären, wo der Entschluss, den Doktortitel zu erlangen, also gleichsam die Familientradition fortführt? Oder ist es umgekehrt: Sie nehmen das Wagnis einer Promotion als Erste in Ihrer Familie auf sich, wie Sie bereits die Erste waren, die überhaupt angefangen hat zu studieren?

Diese Fragen können Sie natürlich nur selbst beantworten, da es sich um subjektive und letztlich persönliche Gründe für oder gegen eine Promotion handelt. Um die Entscheidung ein wenig zu objektivieren, komme ich zu ein paar Aspekten, die Ihnen bei der konkreten Entscheidungsfindung helfen könnten, und die Ihnen vor allem auch dabei helfen können, Ihre Entscheidung gegenüber anderen als wohlerwogene Entscheidung zu verantworten; denn wie für fast alles gibt es auch für eine Promotion Gründe, die dafür und dagegen sprechen.

GRÜNDE FÜR UND GEGEN EINE PROMOTION

Pro Promotion:

•Sie ist notwendig für eine wissenschaftliche Karriere. Ohne Promotion ist eine unbefristete Festanstellung an einer Hochschule oder an einem Forschungsinstitut unmöglich.

•Sie ist in manchen Berufsfeldern, die eine akademische Ausbildung voraussetzen, oftmals die Grundbedingung dafür, später überhaupt in einem Arbeitsbereich beschäftigt zu werden, der annähernd Ihrem akademischen Bildungsstand entspricht. Vor allem für Geistes- und Kulturwissenschaftlerinnen ist der Doktortitel häufig die Voraussetzung, um eine adäquate Beschäftigung im Kultursektor zu bekommen.

•Sie gilt potenziellen Arbeitgebern als Ausweis für die Eignung als Führungspersönlichkeit, da Sie mit Ihrer Promotion zeigen, dass sie selbstständig arbeiten können, durchsetzungsfähig und belastbar sind, ausgeprägte analytische Fähigkeiten besitzen sowie Organisationstalent und Projekterfahrung. Auch in technischen Berufen geraten übrigens die Diplomingenieure zunehmend durch den »Dr. ing.« unter Druck.

•Sie erleichtert den Zugang zu höheren Gehaltsklassen beziehungsweise Besoldungsstufen im öffentlichen Dienst.

•Sie schadet nicht, wenn sie beim Gesellschaftsspiel der Elitenreproduktion mitspielen möchten (besonders der »Dr. jur.« und der »Dr. med.« sind für viele immer noch die Eintrittskarten in exklusive gesellschaftliche Kreise.

•Sie macht (möglicherweise) Ihre Eltern glücklich.

•Sie ermöglicht es Ihnen (unter der Voraussetzung, dass sie Ihre Finanzierung für drei und mehr Jahre gesichert haben), eine relativ sorgenfreie Lebensphase, die sie ganz einer (hoffentlich interessanten) wissenschaftlichen Forschung widmen können.

Contra Promotion:

•Sie ist zwar notwendig, aber nicht hinreichend für eine wissenschaftliche Karriere. Ich muss es leider so deutlich sagen: Selbst wenn Sie während der Arbeit an Ihrer Dissertation noch so fleißig an Kongressen und Fachtagungen teilnehmen, Aufsätze in Fachzeitschriften veröffentlichen, als wissenschaftliche Hilfskraft an Ihrem Institut arbeiten, ist die Aussicht, eine langfristige Festanstellung an einer Universität zu bekommen, verschwindend gering. Wenn Sie nicht das Glück haben sollten, eine (zeitlich befristete) Juniorprofessur zu erlangen, steht Ihnen nach der Promotion nur der Weg der Habilitation offen – also weitere Jahre des unterbezahlten oder gar nicht bezahlten wissenschaftlichen Arbeitens. Und selbst wenn Sie sich nach der Promotion erfolgreich habilitieren sollten, ist das immer noch keine Garantie auf eine Professorinnenstelle, sondern häufig nur der Einstieg in ein ökonomisch prekäres Privatdozententum.

•Sie führt – vor allem für Geistes- und Sozialwissenschaftlerinnen – relativ häufig zu unsicheren Berufsperspektiven.

•Sie kann zu sozialer Ausgrenzung und Vereinsamung führen. Zum einen gibt es immer noch Menschen, die Vorurteile gegen Angehörige des akademischen Milieus haben. Zum anderen besteht die Gefahr, dass Sie durch die jahrelange Beschäftigung mit einem hochspezialisierten Thema zu einem Nerd werden, der nur noch wenige echte Sozialkontakte hat.

•Sie garantiert keinen gesellschaftlichen Aufstieg, da bei der Elitenreproduktion immer noch der Besitz ökonomischen Kapitals höher rangiert als der Besitz kulturellen Kapitals; sollten Sie aus »einfachen Verhältnissen« kommen, wird man Sie das unter Umständen auch trotz ihres Doktortitels spüren lassen.

•Sie bedeutet für mindestens drei Jahre Entbehrung, Verzicht auf viele Annehmlichkeiten und eine nicht zu unterschätzende geistige Anstrengung auf einem Gebiet, das nur ganz wenige Menschen interessiert.

•Sie birgt Gefahren für Partnerschaft und Familie. Eine Promotion bedeutet, in Vollzeit berufstätig zu sein. Frauen sind nach wie vor besonders benachteiligt, wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht. Trotz aller inzwischen etablierten Hilfeprogrammen ist das Promovieren mit Kind immer noch eine besondere Belastung. (Auch als promovierender Vater haben Sie eine andere Belastung als kinderlose Kommilitonen.)

•Sie ist teuer. Wenn Sie die Wahl zwischen einer bezahlten Festanstellung und einer Promotion haben: Überlegen Sie gut! Da die Promotion auf jeden Fall eine ökonomische Belastung darstellen wird, ist es nicht verkehrt, sich sehr früh Gedanken über die Finanzierung zu machen, am besten noch bevor Sie die nächsten konkreten Schritte einleiten (vgl. dazu unten den Abschnitt »Finanzplanung«, S. 32).

Sie sehen: Die Entscheidung sollten Sie nicht dem Zufall überlassen, selbst wenn sie von einer Professorin darauf bereits angesprochen worden sind – gerade in einem solchen Fall nicht! Denn die schlechteste Ausgangsposition wäre die, dass sie von Dritten gleichsam zur Promotion gedrängt würden, und sie selbst sich nur wegen eines Mangels an Alternativen darauf einließen. Promovieren sollten Sie, wenn sie selbst es wollen, und nicht, weil Ihnen nichts Besseres einfällt.

THEMEN- UND BETREUERINNENWAHL

Ist die Entscheidung gefallen, sollten Sie als erstes eine doppelte Überlegung anstellen: Über welches Thema wollen Sie arbeiten? Und: An welcher Universität beziehungsweise bei wem würden Sie am liebsten promovieren? Wenn Ihr Entschluss zu promovieren primär aus dem Interesse an einem bestimmten Forschungsproblem entstanden sein sollte, zum Beispiel wenn sie darüber nachdenken, das Thema Ihrer Masterarbeit zu vertiefen, ist die Themenwahl zunächst einmal keine langwierige Angelegenheit. Und wenn der Plan aus Ihrer Bindung an ein Institut heraus gewachsen ist, dürfte auch die Frage, wo und bei wem sie promovieren wollen, leicht zu beantworten sein. Komplizierter wird die Sache, wenn sie von vornherein eine »externe« Promotion planen, also an einem Institut oder Seminar Ihre Arbeit schreiben möchten, das Sie noch gar nicht kennen.

Die Themen- und Betreuerinnenwahl sollten Sie nicht getrennt voneinander angehen. Da es keine Universalgelehrten mehr gibt, und da redlicherweise nicht einmal die »Koryphäen« eines Faches mehr behaupten können, Expertise zu sämtlichen Facetten ihrer Disziplin zu besitzen, sollten die Untersuchungsgebiete der zukünftigen Betreuerin schon einigermaßen nahe an dem sein, was Sie als Ihr Dissertationsthema anpeilen. Dabei muss es sich nicht um eine hundertprozentige Deckung handeln – schlecht wäre es aber, wenn Ihre zukünftige Betreuerin vom Thema, von der einschlägigen Fachliteratur und von den anzuwendenden Methoden überhaupt keine Ahnung hätte. Sammeln Sie also als erstes eine Namensliste derjenigen Wissenschaftlerinnen, die zu Ihrem Wunschthema affine Literatur publiziert haben. Auf den Personalseiten der Webauftritte der Forschungsinstitute beziehungsweise Fakultäten finden Sie eigentlich immer auch entsprechende Publikationslisten.

Es spielt letztlich keine Rolle, ob Sie die Auswahl Ihres Themas von der Entscheidung, bei Betreuerin X zu promovieren, abhängig machen, oder ob Sie mögliche geeignete Betreuerinnen nach der Entscheidung für ein bestimmtes Thema auswählen: Wichtig ist lediglich, dass Betreuerin und Thema zueinander passen.

Bei der Begutachtung der Liste der grundsätzlich für Sie in Frage kommenden Betreuerinnen gibt es mehrere Kriterien, nach denen Sie eine engere Auswahl treffen können:

•Das Renommee: Bei berühmten Persönlichkeiten zu promovieren kann natürlich förderlich sein für Ihr eigenes Standing innerhalb der Scientific Community. Bedenken Sie jedoch, dass sich berühmte Professorinnen ihre wissenschaftliche Reputation in der Regel nicht aufgrund ihrer herausragenden Lehrfähigkeiten erworben haben, sondern aufgrund ihrer Fähigkeiten, die eigenen Forschungsprojekte zu bewerben, zu finanzieren und in den akademischen Diskursen up to date zu halten. Für besonders gute Betreuungsleistungen hat noch niemand den Nobelpreis bekommen! Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Berühmtheit generiert in der Regel Neid bei den Minderberühmten. Wenn Sie sich entscheiden, bei einem wissenschaftlichen Superstar zu promovieren, müssen sie später eher mit Gegenwind rechnen, als wenn Sie bei einer in der akademischen Welt eher unauffälligen Betreuerin promovieren.

•Die Anzahl der betreuten Promotionen: Professorinnen, die jedes Jahr viele Promotionen betreuen, stehen unter Studentinnen im Ruf, dass es bei ihnen leichter zu promovieren sei als bei jenen Professorinnen, die nur ganz wenige Doktorandinnen haben. Das mag gelegentlich sogar zutreffen, nur sollten Sie sich selbst die Frage stellen, ob »Leichtigkeit« hier das richtige Kriterium ist. Jemand, der 20 und mehr laufende Promotionen betreut beziehungsweise von seinen Mitarbeiterinnen betreuen lässt, wird mit Sicherheit weniger Zeit für jedes einzelne Projekt haben und generell seltener ansprechbar sein als jemand, der nur ein oder zwei laufende Promotionen betreut. Ob Sie sich für eine Betreuerin entscheiden, bei der viele oder nur sehr wenige Promotionsverfahren angängig sind, hängt auch von Ihrer eigenen Persönlichkeit ab und dem, was sie sich wissenschaftlich zutrauen: Gehören Sie selbst zu den eher selbstbewussten Menschen, die sich nicht gerne allzu viel in ihre Projekte hineinreden lassen wollen, dann wählen Sie eine Betreuerin, die ohnehin wenig Zeit für Beratungsgespräche hat. Gehören Sie aber zu den eher anleitungsbedürftigen Menschen, suchen Sie sich eine Betreuerin, die sich dafür viel Zeit nehmen kann.

•Die Vernetztheit: Eine inner- und außeruniversitär gut vernetzte Professorin kann Ihnen viel leichter Zugänge zu Kongressen, Fachtagungen, Publikationsmöglichkeiten verschaffen als eine Professorin, die kaum jemand kennt. Gleichzeitig steigt bei zunehmender Vernetztheit Ihrer Betreuerin natürlich die Gefahr, dass Sie vor lauter Anfragen, am Workshop X, der Fachtagung Y oder dem Publikationsband Z teilzunehmen, gar nicht mehr die Zeit für Ihre eigene Dissertation finden – dass Sie zur Fliege im Netz Ihrer Professorin werden.

•Das Image des Faches beziehungsweise der Fakultät an der in Betracht kommenden Universität: Es ist in Deutschland dank der föderalen Bildungslandschaft glücklicherweise (noch) nicht so, dass sie an einer »Eliteuniversiät« promovieren müssten, um sich einen akademischen Namen zu machen oder um später beruflichen Erfolg zu haben. Trotz der mannigfachen Bemühungen vieler Universitäten, hohe Positionierungen in Rankings zu besetzen und Drittmittel aus den immer wieder neu aufgelegten Elitenförderungsprogrammen einzuwerben, haben wir in Deutschland (bisher) weder so etwas wie die amerikanischen »Big Five« oder das englische Oxford/Cambridge-Duopol noch die französischen Grandes Écoles. Trotzdem gibt es auch in Deutschland Fächer oder Institute, die an der Universität X einen besseren Ruf haben als an der Universität Y. Welche das jeweils sind, kann ich Ihnen hier natürlich nicht verraten. Das müssen Sie selbst herausfinden. Nur soviel: Ein öffentlich publiziertes Universitätsranking ist nicht hilfreich dabei, das wissenschaftliche Ansehen eines Instituts zu ermitteln. Ihr Fach wird möglicherweise an der Eliteuniversität X viel schlechter repräsentiert als an der »Normalouniversität« Y.

•Die Bereitschaft, Ihre Promotion auch dann zu betreuen, wenn Sie sich von vornherein nicht für eine akademische Karriere, sondern für außerakademische Berufsoptionen qualifizieren möchten. Idealerweise sollte Ihre Betreuerin in diesem Fall eine Expertise oder ein Netzwerk besitzen, die die Anschlussfähigkeit Ihrer Promotion in Wirtschaft oder Verwaltung sicherstellen kann. Wenn Sie kumulativ promovieren, sollte Ihre Betreuerin sich mit den Publikationsbedingungen der einschlägigen Journale auskennen, ebenso sollte eine entsprechende Expertise vorhanden sein, falls Sie Ihre Arbeit auf Englisch verfassen wollen (oder müssen).

•Die Attraktivität des Hochschulstandortes: Vorausgesetzt, Sie wollen Ihren Lebensmittelpunkt an den Hochschulstandort verlegen, an dem die von Ihnen favorisierte Betreuerin lehrt, ist die Attraktivität der Stadt in die Überlegungen einzubeziehen. Denn selbst ein ideales Betreuungsverhältnis wird Ihnen mittelfristig kaum darüber hinweghelfen können, wenn Sie sich mit dem Leben in Ihrer Universitätsstadt nicht arrangieren können oder wollen. Ein Beispiel: Eine Promotionsstipendiatin, die aus einem afrikanischen Land kommt, hat mir berichtet, dass Professorin X an der Universität Y für Ihr Fach eigentlich die am besten geeignete Person gewesen sei. Die Stipendiatin hat dann aber die Berichterstattung über regelmäßig stattfindende rassistische Kundgebungen in der entsprechenden Stadt zur Kenntnis nehmen müssen und sich aufgrund dessen nach einer Alternative umgesehen.

•Der politische Wertekanon der Betreuerin beziehungsweise des Instituts. Insbesondere wenn Sie selbst ein politisch engagierter Mensch sind, sollten Sie sich zumindest grob über das politische Mindset der von Ihnen favorisierten Betreuerin informieren. (zum Beispiel durch Artikel in der Tagespresse oder Informationen vom AStA.) Es hat nämlich nur geringe Erfolgsaussichten, wenn Sie selbst etwa betont progressiv-ökologische Ansichten vertreten sollten und gleichzeitig versuchen würden, bei einer bekannten erzkonservativen Professorin zu promovieren. Natürlich sind mathematisch-naturwissenschaftlich-technische Fächer von dieser Problematik der inkompatiblen politischen Mindsets seltener betroffen als geistes- und sozialwissenschaftliche Fächer, doch auch hier kann es zu großen Problemen kommen, wenn Sie zu spät merken sollten, dass der von Ihrer Betreuerin oder Ihrer Fakultät vertretene Wertekanon dem Ihrigen diametral entgegengesetzt ist.

Die Frage, wie die Persönlichkeiten, das wissenschaftliche Renommee, der Vernetzungsgrad und die allgemeine Betriebsamkeit der infrage kommenden Betreuerinnen einzuschätzen sind, wird uns übrigens weiter unten (im Abschnitt »Professorinnentypen« ab S. 106) erneut beschäftigen.

KONTAKTAUFNAHME

Sie haben also einige Professorinnen als mögliche Betreuerinnen Ihrer Promotion in die engere Wahl genommen. Der nächste Schritt besteht dann darin, Termine mit den Sekretariaten der infrage kommenden Professorinnen auszumachen. (Telefonisch, nicht per Email. Emails landen gerne mal im Spam!) In den meisten Fällen werden Sie bereits am Telefon Informationen über bestimmte Vorbedingungen erhalten: Etwa, dass man für ein erstes Kontaktgespräch bereits die Einsendung eines Exposés erwarte. Koordinieren Sie die verschiedenen Termine gut – und sagen Sie auf jeden Fall rechtzeitig ab, wenn Sie einen Termin nicht wahrnehmen können! Vermeiden Sie unter allen Umständen, bei den Sekretärinnen Ihrer möglichen späteren Betreuerinnen einen unhöflichen Eindruck zu hinterlassen, denn sie sind die Mittlerinnen zwischen Ihren Interessen und denen Ihrer Betreuerin. (Sie sind unheimlich wichtig!)

Das Vier-Augen-Gespräch mit den möglichen zukünftigen Betreuerinnen ist von entscheidender Bedeutung, denn das allerwichtigste Kriterium für die Betreuerinnenwahl ist die persönliche Eignung der Betreuerin. Die Professorin muss Ihnen sympathisch sein (und idealerweise auch umgekehrt), und das können Sie nur in einem persönlichen Gespräch herausfinden. Gehen Sie nicht das Wagnis ein, bei jemandem zu promovieren, bei dem sie das Gefühl haben, es könnte im Zwischenmenschlichen zu Problemen kommen – mag dieser jemand auch noch so renommiert, vielbeschäftigt und perfekt vernetzt sein. Denn vergessen Sie nicht: Sie begeben sich freiwillig in eine mehrjährige Abhängigkeitsbeziehung zu dieser Person, weshalb nicht nur sachliche (fachliche) Aspekte wichtig sind, damit sie gemeinsam mit Ihrer Betreuerin eine gute Promotion zustande bringen, sondern auch emotionale.

Verhalten Sie sich weder kriecherisch noch überheblich: Bekommen Sie also weder weiche Knie vor dem Namen einer weltberühmten »Koryphäe« noch tun Sie klüger, als Sie sind. Formulieren Sie sachlich Ihre Vorstellung von Ihrem wissenschaftlichen Projekt und seien Sie bereit, an dieser frühen Stelle schon mit inhaltlicher Kritik, mit Erweiterungsvorschlägen oder sogar mit der kompletten Ablehnung Ihres Themas konfrontiert zu werden. Formulieren Sie insbesondere auch Ihre eigenen Erwartungen, die Sie an die Betreuungssituation stellen – denn schließlich hat Ihr Gegenüber auch ein Interesse daran, abschätzen zu können, wie groß der Betreuungsaufwand werden wird.

Im Falle einer inhaltlichen Verständigung über das Promotionsprojekt (und gegenseitiger persönlicher Sympathie) kommt es nach einem solchen Vier-Augen-Gespräch in der Regel schon dazu, dass die Professorin Ihnen zu erkennen gibt, Ihre Promotion betreuen zu wollen. In der Regel wird dazu eine »Betreuungsvereinbarung« abgeschlossen, eine Art Compliance-Kodex, ein fakultätsweit verwendetes Standardformular, das die gegenseitigen »Erwartungen« von Doktorandin und Betreuerin schriftlich fixiert. (Früher begnügte man sich mit der mündlichen Zusage seitens der Betreuerin.) Diese Betreuungsvereinbarung ist (zusammen mit Ihrem Hochschulabschlusszeugnis) die formale Voraussetzung zur »Zulassung zur Promotion«, die Sie bei der entsprechenden Fakultät einreichen müssen. Mit der Zulassung beginnt dann die sogenannte »Qualifikationsphase« Ihrer Promotion. Das heißt, Sie sind ab diesem Zeitpunkt offiziell »Doktorandin« beziehungsweise eine »Promovierende«.

STRUKTURIERTE PROMOTION ODER INDIVIDUALPROMOTION?

Wenn Ihnen solch ein Abhängigkeitsverhältnis zu einer einzelnen Person unheimlich sein sollte: Seit ein paar Jahren gibt es in Deutschland die Möglichkeit, sich für »strukturierte Promotionsprogramme« nach dem Vorbild der PhD-Ausbildung zu bewerben, wie sie an nordamerikanischen und britischen Universitäten üblich ist. Dabei handelt es sich um an verschiedenen Universitäten angesiedelte, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierte Graduiertenkollegs. Im November 2019 liefen 56 derartige Projekte in geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächern, 77 im Bereich der Biomedizin und Pharmakologie und 87 im MINT-Bereich.

Bevor Sie sich zu früh freuen: Der Einstieg in diese Promotionsprogramme führt immer noch traditionell über eine einzige Betreuerin, die Sie gegebenenfalls für eine strukturierte Promotion vorschlägt. Und: Im Gegensatz zum angelsächsischen PhD ist der Abschluss einer strukturierten Promotion hierzulande nicht mit dem Recht verbunden, an einer Universität zu lehren – genauso wenig wie der traditionelle Doktortitel übrigens.

Aber immerhin: Sie wären als Teilnehmerin an einem solchen Programm nicht einer einzigen Betreuerin (der »Doktormutter« oder dem »Doktorvater«) zugeordnet (und in gewisser Weise ausgeliefert), sondern würden von einem Team an Betreuerinnen und Mentorinnen im Promotionsverlauf gemanagt werden. Sie würden auch enger mit Kolleginnen zusammenarbeiten, weil die einzelnen Forschungsprojekte in einem mehr oder weniger koordinierten Zusammenhang mit dem Forschungsprogramm des gesamten Kollegs stehen, das heißt, Sie hätten weniger Gelegenheit zu akademischem Einzelgängerinnentum, als es bei der klassischen individuellen Promotion der Fall wäre. Allerdings würden Sie auch häufiger zu regelmäßigen Erfolgskontrollen herangezogen werden – was für den Fortschritt eines Promotionsprojekts förderlich sein kann, Ihnen persönlich aber in geringerem Maße das Gefühl von »akademischer Freiheit« vermitteln dürfte als bei einer klassischen Promotion. Wenn Sie also ein eher geselliger Typ sind, ein Thema haben, das zum Forschungsdesign eines Graduiertenkollegs passt, oder wenn Ihre Fragestellung zu einer interdisziplinären Bearbeitung drängt, dürfte die Bewerbung an einem Graduiertenkolleg eine Überlegung wert sein. Für Naturwissenschaftlerinnen besonders, denn für sie bieten sich darüber hinaus die Promotionsprogramme der außeruniversitären Forschungseinrichtungen an, wie die der Fraunhofer-Gesellschaft, der Helmholtz-Gemeinschaft, der Leibniz-Gemeinschaft und der Max-Planck-Gesellschaft. Für ausländische Studierende sind die internationalen Promotionsprogramme interessant, die auf den Seiten des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD) präsentiert werden.

Doch wie immer Sie sich auch entscheiden, ob für eine klassische Promotion oder für eine strukturierte Promotion in einem Graduiertenkolleg: Sehr früh, nämlich am besten, schon bevor es zu einem ersten persönlich Treffen mit einer zukünftigen Betreuerin kommt, sollten Sie sich die Zeit nehmen für die sorgfältige Erstellung eines Exposés.

EIN EXPOSÉ SCHREIBEN

Funktional ist das Exposé gleichzeitig ein Programmplan Ihres Promotionsprojektes (zu Ihrem eigenen Gebrauch) und ein Bewerbungsschreiben (für gleich mehrere Gelegenheiten). Sie empfehlen sich dadurch Ihrer zukünftigen Betreuerin, es bildet die Grundlage für die Bewerbung auf eine wissenschaftliche Stelle und es ist ebenso die Voraussetzung dafür, ein Stipendium zu erlangen, wenn sie sich um ein solches bewerben wollen.

Inhaltlich sollte das Exposé eine Einführung in Ihr Promotionsthema beinhalten, eine vorläufige Gliederung Ihrer Dissertationsschrift und schließlich einen mit den einzelnen geplanten Arbeitsschritten verknüpften Zeitplan. Es ist die schriftliche geistige Vorwegnahme des gesamten zukünftigen Forschungsprozesses (inklusive des Abfassens der Dissertation) auf wenigen Seiten Papier. Das Paradoxe an einem Exposé ist: Sie müssen so tun, als wüssten Sie schon alles, als hätten Sie alles durchgeplant. Und Ihre zukünftige Betreuerin muss so tun, als würde sie Ihnen das glauben. Das gehört zu den Spielregeln.

Dass diese Darstellung ihres Promotionsplans in den meisten Fällen nur sehr wenig mit dem tatsächlichen Verlauf Ihrer Promotion zu tun haben wird, dass sich Ihr erstes Gliederungskonzept für die Dissertation von Ihrer endgültigen Gestalt bis zur Unkenntlichkeit unterscheiden wird, dass Zeitpläne in der Realität so gut wie nie eingehalten werden: Darauf kommt es gar nicht an.

Was potenzielle Leserinnen aus Ihrem Exposé herauslesen können wollen, ist: dass Sie eine wissenschaftlich sinnvolle Fragestellung formulieren können; dass Sie überhaupt planvoll an ein Projekt heranzugehen in der Lage sind; dass das Projekt inhaltlich in einem Bearbeitungszeitraum von drei Jahren realisierbar sein könnte. Dass das Exposé tatsächlich kaum ein realistisches Abbild Ihres zukünftigen Promotionsprojektes ist, sondern eher werblichen Charakter hat, liegt an seiner Funktion: Mit dem Exposé werben Sie für Ihr Projekt. Es kommt in der Hauptsache darauf an, dass Sie sich gut darin »verkaufen«.

Bei den einzelnen Punkten, die in Ihrem Exposé Erwähnung finden sollten, können Sie sich an dem orientieren, was Sie schon bei Ihrer Masterarbeit als einführende und strukturierende Elemente des Inhaltsverzeichnisses verwendet haben. Oder Sie recherchieren einfach nach Exposés von ähnlichen Forschungsvorhaben, um sich davon inspirieren zu lassen. Oder Sie fragen Freundinnen, die bereits ein Exposé geschrieben haben. Das Exposé sollte auf jeden Fall Folgendes beinhalten:

•Eine ganz kurze Einführung in die spezifische Problemstellung Ihres Faches, in deren Rahmen Ihr spezielleres Forschungsinteresse einzuordnen ist. Sie müssen nicht erklären, was – um ein Beispiel zu wählen – die Literaturwissenschaft ist; aber dass sich die Literaturwissenschaft (u. a.) mit »Alteritätsartikulationen im frühen 20. Jahrhundert« befasst, wäre durchaus erklärungsbedürftig.

•Eine knappe, möglichst einprägsame Formulierung der von Ihnen angedachten Fragestellung.

•Einen kurzen Hinweis auf die Forschungslage (sie sollten demonstrieren, dass sie schon etwas zu Ihrem Thema gelesen haben), gerne auch mit einem Hinweis auf »Desiderate«.

•Die »Positionierung« Ihrer Fragestellung / Ihres Forschungsansatzes in Bezug auf die vorhandene Forschung.

•Die Nennung einer Theorie, besser mindestens zweier Theorien, die für Ihre Fragestellung einschlägig sind, mitsamt einer Selbstpositionierung des von Ihnen bevorzugten Theorieansatzes.

•Die Nennung der von Ihnen intendierten Methode.

•Überlegungen, wie Sie die Erschließung von Daten angehen wollen: Gibt es Vorfeldexperimente, auf die Sie sich beziehen können? Haben Sie sich Gedanken um den Feldzugang gemacht (wenn Sie zum Beispiel Interviews machen wollen)? Sind alle Literaturquellen zugänglich, und wenn ja: wo?

•Eine vorläufige Gliederung der zu schreibenden Dissertation.

•Ein Zeitplan; hier sind eventuelle Auslandsaufenthalte zu berücksichtigen.

•Eine Literaturliste.

Gehen Sie nicht leichtfertig mit dem Exposé um! Gerade wenn die Finanzierung Ihrer Promotion von einer Stelle an einem Institut oder von einem Stipendium abhängig sein sollte, hängt ja besonders viel von der Überzeugungskraft Ihres Exposés ab. Verschwenden Sie andererseits aber auch nicht zu viel Zeit mit dem Exposé. Denn wenn es auch schon den Charakter einer Dissertation im Kleinen tragen soll: Es ist nur das Programmheft, nicht die Aufführung selbst. (Dieses Thema wird im Kapitel »Die Produktionsphase der Promotion« ab S. 71 noch einmal aufgegriffen und ausführlicher behandelt.)

Sobald Sie wissen, bei wem – und vor allem: an welcher Fakultät – Sie promoviert werden wollen, sollten Sie sich die aktuelle Promotionsordnung dieser Fakultät beschaffen. Sie ist Ihr formaler Leitfaden für die organisatorische Koordination der nächsten Schritte, die Sie absolvieren müssen, damit Ihr Promotionsprojekt offiziell wird. Studieren Sie vor allem die Abschnitte über die formalen Voraussetzungen zur Beantragung des Promotionsverfahrens und eventuelle Zeitfristen, die beachtet werden müssen. Manche Fakultäten verlangen noch weitere Studienleistungen über den Masterabschluss hinaus, sodass sie neben der Arbeit an Ihrer Dissertation noch Seminare absolvieren müssen. Sollten Sie zum Beispiel kein Latinum besitzen und in einem Studiengang promovieren wollen, der dies laut Promotionsordnung voraussetzt, ist es jetzt höchste Zeit, das nachzuholen. Dies sollte alles in Ihren Zeit- und Organisationsplan einfließen. Wie wichtig die Promotionsordnung ist, soll die folgende Erzählung verdeutlichen. Sie beruht auf Tatsachen, die handelnden Personen sind nicht frei erfunden!

DIE GESCHICHTE VON DER VERSCHWUNDENEN PROMOTIONSORDNUNG

Eine Freundin von mir, die schon längst einem regulären Beruf außerhalb der Universität nachgeht, hat in ihrer Freizeit an der Dissertation gearbeitet, was – wie man sich angesichts dieser Umstände denken kann – viele Jahre dauerte. Glücklicherweise sind ihr die Prüferinnen in dieser langen Zeit nicht »weggestorben« (ich schreibe »glücklicherweise«, weil ich selber das Pech hatte, dass meine Betreuerin kurz vor der Prüfungsphase starb), und das gesamte Promotionsverfahren schritt gemächlich (und von allem Beteiligten fast unbemerkt) voran.

Irgendwann hatte sie genug Quellen studiert, Akten ausgewertet, die Sekundär- und Tertiärliteratur zu ihrem Thema rezipiert, kurzum: Sie hatte ein ansehnliches Quantum Text produziert, in Teilen wieder verworfen, neu formuliert, umgruppiert, hin und her gewendet, hier ergänzt, dort gekürzt, mit Exkursen versehen … die Textmasse also war aufgegangen, und endlich fand sie, die Dissertation sei fertig, es gebe zu diesem Thema fortan nichts mehr zu sagen, wenigstens von ihrer Seite nicht. Punkt. Ende.

Drei Gedanken beschäftigten sie nun: Sie musste sich bei ihren Prüferinnen wieder in Erinnerung rufen – und welchen schöneren Anlass dafür kann es geben, als »Vollzug« zu melden und das Opus Magnum als PDF an die Doktormutter zu schicken? Außerdem galt es, die Präliminarien der mündlichen Prüfung zu besprechen und etwaige Termine zu koordinieren – und darüber hinaus hatte sie sich Gedanken um die Veröffentlichung des Textes zu machen.

Nach dem mühevollen Abfassen einer Einleitung – die, wie alle Einleitungen, zugleich eine Einführung ins Thema und eine Zusammenfassung der Ergebnisse ist, also eigentlich noch mal die ganze getane Arbeit in Zeitraffer wiederholt (dazu später mehr) – gab meine Freundin, sobald ihre Prüferin verlautbart hatte, dass es ihrerseits keine Änderungswünsche mehr gebe, das gesamte Textkonvolut an eine Lektorin, die Tippfehler und gelegentliche stilistische Nachlässigkeiten ausmerzte, die Zitate vereinheitlichte und ein Register anfertigte, sodass der Text nun als »satzfähig« gelten und Verhandlungen mit einem Wissenschaftsverlag aufgenommen werden konnten. Außerdem wurden noch zwei »maschinenschriftliche« Exemplare auf dem eigenen Laserdrucker ausgedruckt und in einem Copyshop geheftet, um sie, versehen mit einer Notiz zur eigenen Person sowie der Bemerkung, dass es sich hier um eine »Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde« (was denn auch sonst?) handle, nebst einer »eidesstattlichen Erklärung«, dass hier nicht gepfuscht worden sei, bei der Fakultät abgeliefert.

Die Verhandlungen mit dem Verlag liefen gut. Man war sich relativ schnell einig über die Auflagenhöhe (niedriger dreistelliger Betrag) und Kosten (mittlerer vierstelliger Betrag), und der Verlag schickte das PDF nach einer kurzen Kontrolle weiter an die Setzerin – es handelte sich um einen der besseren Verlage, die ihren Autorinnen nicht auch noch die undankbare Aufgabe des Layoutens aufbrummen (was heute leider fast die Regel ist). Den »Waschzettel« (der Werbetext zum Buch, der kurz auf den Inhalt eingeht und ein paar biografische Schnipsel zur Verfasserin enthält) saugte sich eine Praktikantin aus den Fingern, und eine Designerin wurde mit der Covergestaltung beauftragt. Mit dem Verlagsvertrag in der Tasche konnte sich meine Freundin dann zur Prüfung anmelden (diesen Hinweis hatte sie von einer Sekretärin im Büro der Fakultät erhalten – keine Anmeldung zur Prüfung ohne unterschriebenen Verlagsvertrag!)

Die Disputatio (das Prüfungsgespräch – je nach Fakultät gibt es noch eine größere mündliche Prüfung, das Rigorosum) verlief ohne Probleme, da das Promotionsverfahren ja schon von langer Hand initiiert worden war und nur Details zu einzelnen Thesen der Dissertation besprochen wurden. Das Abfragen allgemeiner Fachkenntnisse sparte man sich, es gab keinerlei Rivalitäten unter den Mitgliedern der Prüfungskommission, und niemand hatte die Absicht, aus Profilierungsgründen die Kandidatin in die Pfanne zu hauen. Alle waren froh, die Sache endlich abschließen zu können. Meine Freundin bekam eine Note, mit der alle »sehr gut leben« konnten, sowie eine Urkunde, die ihr die Erlaubnis bescheinigte, sich fortan »Dr. des.« (Dr. designatus, »für den Doktortitel vorgesehen«) nennen zu dürfen.

Da der Buchsatz (heute sagt man auch oft Layout) relativ schnell geht, buchte der Verlag, nachdem meine Freundin schnell das »Imprimatur« (die Druckgenehmigung) erteilt hatte, »zeitnah« einen Termin bei der Druckerei, um das Buch noch vor Beginn der Buchmesse ausliefern zu können (Verlage sind generell an der Einhaltung des Produktionsplans interessiert, weil es immer »vor Beginn der Buchmesse« ist).

Und während die ersten Bögen aus der Druckmaschine schossen, dachte sich meine Freundin, was sie denn jetzt zum Abschluss tun müsse, um den »echten« Doktortitel zu bekommen. »Dr. des.« oder »Doktor in spe« ist ja nichts Richtiges. Würde eine Email ausreichen, dass das Buch jetzt vorliege und man es in den Buchhandlungen kaufen könne? Oder müssten gedruckte Exemplare an die Fakultät geschickt werden? Und wenn ja: wie viele Exemplare? Um sich darüber Klarheit zu verschaffen, warf sie einen Blick in die Promotionsordnung ihrer Fakultät – zum ersten Mal seit vielen Jahren.

Und was las sie da?

Zum einen, dass der Titel erst mit der Aushändigung der Promotionsurkunde getragen werden dürfe. Ausgehändigt würden die Promotionsurkunden bei der einmal im Jahr stattfindenden »Feierlichen Promotion« (eine Festveranstaltung mit ein paar Takten Musik vom Universitätsorchester, bei der die Rektorin Feierliches und Besinnliches von sich gibt, bevor die frischgebackenen Doktorinnen der Reihe nach namentlich aufgerufen werden, um sich ihre Urkunde abzuholen; es gibt weder Häppchen noch Getränke, dafür kostet die Veranstaltung aber auch keinen Eintritt …). Der Termin der nächsten »Feierlichen Promotion« sei beim Sekretariat der Universität zu erfragen, werde aber auch in der Presse bekanntgemacht. Ausnahmen von dieser Regelung seien nicht vorgesehen. Zum andern bedürfe es einer schriftlichen Erklärung des Verlags, dass die Dissertation in einer Auflage von mindestens 200 Exemplaren vorliege und im Buchhandel käuflich zu erwerben sei. Und: Die Verlagsausgabe müsse textidentisch mit der Fakultätsausgabe sein, die zur Beantragung der Doktorprüfung eingereicht wurde. Inklusive Vorsatzblatt (also inklusive der oben erwähnten eidesstattlichen Erklärung).

Dass sie den Termin für die jährliche »Feierliche Promotion« gerade um ein paar Wochen verpasst hatte, war nicht schlimm. Dann würde sie sich halt erst im nächsten Jahr Doktor ohne »des.« nennen können. Die erforderliche Erklärung seitens des Verlags war auch kein Problem (obwohl man über diese in der Promotionsordnung formulierte Bedingung schmunzelte, denn eigentlich müsste der Vertrag zwischen Autorin und Verlag ja als Beweis dafür, dass das Buch veröffentlicht wird, ausreichen). Wirklich schlimm war die Sache mit der Textidentität. Denn es ist bei gedruckten Dissertationen durchaus nicht mehr üblich, dass das Vorsatzblatt, das der Fakultät eingereicht werden muss, mitgedruckt wird. Dass ausgerechnet die für sie geltende Promotionsordnung (die inzwischen von neueren Promotionsordnungen abgelöst worden war, aber für ihr Promotionsverfahren eben immer noch galt) noch diesen altväterlichen Passus enthalten würde, wusste niemand. Man hätte eben mal reingucken sollen!

Kurzzeitig überlegte meine Freundin, den Verlag zu bitten, die gesamte Auflage einzustampfen und mit dem Vorsatzblatt neu zu drucken. Aber das wäre teuer geworden, zu teuer für diese Lebensphase. Die Lösung war am Ende einfach: Man druckte 300 Exemplare der eidesstattlichen Erklärung aus und klebte sie per Hand in die Bücher ein, die sich glücklicherweise noch alle im Lager des Verlags befanden.

Ein Jahr später nahm sie an der »Feierlichen Promotion« teil und hatte ihre Doktorurkunde in der Hand.

Und was lernen wir aus dieser Anekdote?

Besorgen sie sich frühzeitig die für ihr Promotionsverfahren gültige Promotionsordnung! Jede Fakultät hat eine eigene. Lesen Sie sie aufmerksam. Lassen Sie sich eventuell unverständliche Formulierungen erläutern. Nehmen Sie die Promotionsordnung später in ihrer Promotionszeit gelegentlich zur Hand, insbesondere, wenn es um die Koordinierung zeitlicher Abläufe vor und in der Prüfungsphase und um die Einreichungsbedingungen von Texten, Belegen, Zeugnissen, eidesstattlichen Erklärungen usw. geht. Und ganz wichtig: Lesen Sie sie noch einmal durch, bevor Sie Ihre Dissertation zum Druck geben!

Das war bereits ein gedanklicher Ausflug an das Ende des Promotionsverfahrens, der Sie erst mal nicht weiter beunruhigen sollte. Kommen wir zum Abschluss des Kapitels zum Organisatorischen noch einmal auf den Anfang zurück.

Sie haben sich entschieden zu promovieren. Sie haben Ihr Thema, Ihre Betreuerin und ihre Hochschule gefunden. Gut! Es bleibt nun nur noch die Frage zu klären, wovon Sie in den nächsten Jahren leben wollen.

FINANZPLANUNG

Sie haben ein Millionenvermögen geerbt, oder Ihre Eltern oder ihre Partnerin sind so reich und zugleich so spendabel, dass Sie sich um die Finanzierung Ihrer Promotion keine Gedanken machen müssen? Herzlichen Glückwunsch! Dann können Sie den Rest dieses Kapitels überschlagen.

Alle anderen müssen sich wohl oder übel Gedanken über die Finanzierung der nächsten Jahre machen, die sie für ihre Promotion realistischerweise brauchen werden. Ich rede hier nicht von den geradezu reflexhaft genannten drei Jahren, die eine Promotion angeblich dauert. Diese Zahl ist eine Mystifikation, denn sie beziffert nicht die tatsächliche Dauer einer tatsächlichen Promotion, sondern die durchschnittliche Förderungsdauer (zwei Jahre plus 2 × 6 Monate Verlängerung), die eine Stipendiatin eines der 13 bundesdeutschen Begabtenförderungswerke erwarten kann. (Die Begabtenförderungswerke verwalten Mittel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung beziehungsweise des Auswärtigen Amts und haben dementsprechend die Richtlinien dieser Behörden zu befolgen; dazu später mehr.)

Realistisch sind vier Jahre (in »strukturierten Promotionsprogrammen«) und fünf Jahre bei individuellen Promotionen; in geisteswissenschaftlichen Fächern sind es durchschnittlich noch ein paar Monate mehr. Doch auch hier handelt es sich um gemittelte Zahlen. Ihre eigene Promotionszeit kann durchaus länger sein als dieser Durchschnitt!

Machen Sie zunächst eine Kostenaufstellung: und zwar nicht für den gesamten Zeitraum von fünf Jahren, denn dann würde Ihnen sofort schlecht werden; sondern eine Aufstellung der ungefähren monatlichen Fixkosten, die auf Sie zukommen. (Das ist ein überschaubarer Betrag, der nicht sofort Herzrasen verursacht.) Sie setzen sich zusammen aus folgenden Posten:

•Miete

•Mietnebenkosten

•Strom- und Heizkosten

•Steuern und Abgaben

•Versicherungen (insbesondere Krankenversicherung)

•Semesterbeitrag beziehungsweise Studiengebühr,

•Kosten für Arbeitsmittel, Kommunikationsmittel und Mobilität

•Lebenshaltungskosten (Nahrung, Kleidung, Körperhygiene)

Sie sollten sich unbedingt bei Ihrer Krankenversicherung erkundigen, ob sie die geltende Rechtslage, dass Promovierende keinen Rechtsanspruch mehr auf den vergünstigten Studierendentarif (»Ausbildungstarif«) haben, wörtlich nimmt. Denn die verschiedenen Krankenkassen gehen mehr oder weniger kulant mit Promovierenden um: Bei einigen können Sie sich bis zum Alter von 30 Jahren noch nach dem verbilligten Tarif versichern, bei anderen sogar bis 34 Jahre. Für den Fall, dass Sie ein Stipendium von einem der 13 Begabtenförderungswerke bekommen, sollten Sie auf jeden Fall eine Krankenkasse wählen, die das Stipendium als steuerfreies Einkommen anerkennt – dann zahlen Sie nämlich nur einen Krankenversicherungsbeitrag auf der »Mindestbeitragsbemessungsgrundlage«. Erkundigen Sie sich gleichzeitig bei Ihrer Krankenkasse, wie sich die Beitragsbemessung ändert, wenn Sie einen Uni-Job haben. Da die Krankenkassen immer von Wettbewerb reden: Machen Sie sich das zunutze und wechseln Sie zu der Krankenkasse, die Ihnen den besten Tarif bietet! Und wenn Sie verheiratet sind: Dann können Sie sich über die Ehepartnerin kostenlos »familienversichern«.

Zu Ihrem Überschlag der auf Sie zukommenden monatlichen Kosten gehören auch forschungsbedingte Ausgaben, die zum Teil nur einmal anfallen oder sich nur schwierig als Anteil an den monatlichen Kosten vorausberechnen lassen: Computer, Fachliteratur, Büromaterial, eventuell Kosten für Forschungsreisen und Kongressteilnahmen. (Sie können im Vorfeld nicht wissen, ob sie an dem Kongress XY, der in zwei Jahren stattfinden wird, teilnehmen sollten, oder ob Sie sich das sparen können. Ebenso kann Ihnen ein Forschungsaufenthalt im Ausland zu Beginn Ihrer Promotion überflüssig erscheinen und sich später als unbedingt notwendig herausstellen. Einen Computer haben Sie wahrscheinlich ohnehin schon, er kann aber unverhofft kaputtgehen, usw.

Bedenken Sie bitte, dass Sie bei der Berechnung Ihres monatlichen Geldbedarfs noch einen Betrag berücksichtigen sollten, der für spontane Käufe, den Besuch von Kulturveranstaltungen, Freizeitaktivitäten oder für das Nachtleben reserviert ist – für das Leben also (insofern Ihr Leben als Doktorandin aus mehr bestehen sollte als aus Arbeit und der Erhaltung der basalen Körperfunktionen).

Ein Wort noch zur Steuer: Geben Sie während Ihrer Promotionszeit jährlich eine Einkommensteuererklärung ab! Auch und gerade wenn Sie nur ein »negatives Einkommen« haben. Denn das können Sie später – wenn Sie einmal »richtiges Geld« verdienen sollten – als Verlust eintragen. Dazu zählen alle Kosten, die für Sie im Zusammenhang mit der Promotion anfallen, vom Bleistift über Kongressgebühren bis hin zu den Kosten, die für die Veröffentlichung der Dissertation anfallen. Die einzige Bedingung: Es muss für das Finanzamt plausibel sein, dass Ihre Promotion in einem Zusammenhang mit Ihrer späteren Berufswahl steht.

Denken Sie dann über mögliche Einnahmequellen nach. Einnahmequellen – neben einer eventuellen Unterstützung durch die Eltern, den Dividenden aus Ihrem Aktienportfolio oder einer solventen Partnerin – gibt es drei: eine Beschäftigung an der Universität (beziehungsweise einem Forschungsinstitut), einen Job außerhalb der Forschung, ein Stipendium. Alle drei Einnahmequellen können (in Grenzen) miteinander kombiniert werden. Zum Jobben brauche ich hier nicht viel zu sagen: Sie wissen selbst am besten, wo Sie sich in Ihrer Unistadt als studentische Aushilfe verdingen können. Deshalb rede ich hier jetzt nur über Univerträge und Stipendien.

BESCHÄFTIGUNGSVERHÄLTNISSE AN DER UNIVERSITÄT ODER AN EINEM FORSCHUNGSINSTITUT

Es gibt prinzipiell zwei Varianten: »Qualifikationsstellen« (Wissenschaftlicher Mitarbeiter), die aus den Haushaltsmitteln der Hochschule finanziert werden, und »Drittmittelstellen«, deren Finanzierung eingeworben werden muss. Die Bezahlung richtet sich im Allgemeinen nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst der Länder (TV-L; das Land Hessen hat einen eigenen Tarifvertrag, TV-H), und darin jeweils nach der Entgeltgruppe 13. Qualifikationsstellen sind auf maximal 6 Jahre befristet, sie können allerdings nach einer erfolgreichen Promotion (und beiderseitigem Wunsch nach Weiterbeschäftigung) einmalig um weitere 6 Jahre verlängert werden (bei Medizinerinnen sogar um 9 Jahre). Das ist dann die Postdoc-Phase. (Den Gesetzestext zu den Befristungen finden Sie im Wissenschaftszeitvertragsgesetz – WissZeitVG).

Das Schöne (und zugleich Belastende) an Qualifikationsstellen ist, dass Sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in den akademischen Betrieb eingebunden werden. Denn das Hochschulrahmengesetz (HRG) sieht vor, dass Promovierenden »ausreichend Gelegenheit zu eigener wissenschaftlicher Arbeit gegeben« werden soll, aber auch, dass Ihnen »wissenschaftliche Dienstleistungen obliegen«, die nicht näher spezifiziert werden, und dass Ihnen in »begründeten Fällen […] die selbständige Wahrnehmung von Aufgaben in Forschung und Lehre übertragen werden« kann (§ 53 HRG).

Schön daran ist, dass Sie dadurch viele Einblicke in den Hochschulalltag von der »anderen Seite«, also der nichtstudentischen Seite bekommen, dass Sie (falls Sie mit der Abhaltung von Lehrveranstaltungen beauftragt werden) Ihre pädagogischen Fähigkeiten und Ihre »Bühnenpräsenz« trainieren können, und vor allem, dass Sie eine Menge informelles Wissen aufnehmen können und Menschen treffen, die am Lehrstuhl beschäftigt sind, an die Sie sonst nie herankämen.

Belastend kann es allerdings sein, wenn Sie an eine Professorin geraten, die übergroßen Wert auf die Erbringung »wissenschaftlicher Dienstleistungen« aller Art legt und sich dabei einen sehr weiten Interpretationsspielraum vorbehält, was eine »wissenschaftliche Dienstleistung« ist und was nicht – und die dabei aus dem Blick verliert, dass eine Qualifikationsstelle hauptsächlich dazu dienen sollte, dass Sie Ihre Promotion voranbringen können. (Lesen Sie dazu auch unten den Abschnitt »Die Vielbeschäftigte«, S. 106 ff.)

Drittmittelstellen sind meistens projektgebunden, und die Dauer der Finanzierung richtet sich nach der Laufzeit des Projekts – ist also immer zu kurz. Um die Mitteleinwerbung für ein Folgeprojekt (zur Anschlussfinanzierung) müssen Sie sich meist selbst kümmern, da von Ihnen als Inhaberin einer Drittmittelstelle erwartet wird, dass Sie sich im Metier der Drittmitteleinwerbung auskennen. Haben Sie allerdings erfolgreich Drittmittel eingeworben, ist das ein Pfund, mit dem Sie später auf dem Arbeitsmarkt wuchern können. (»Was haben Sie bisher so gemacht?« – »Ich habe wissenschaftlich geforscht!« – »Meh … und sonst so?« – »Ich bin gut in Marketing …« – »Ok. Gekauft!«)

Der Einwerbungs-, Administrations- und Evaluationsaufwand ist hoch, denn natürlich möchte der Finanzier Ihrer Promotion genau über den Fortschritt Ihrer Bemühungen und den Zusammenhang dieser Bemühungen zum Fortschritt des Gesamtprojekts informiert werden. (Die Stipendiengeber verfahren da übrigens nicht anders.) Darüber hinaus sind Sie auch als Inhaberin einer Drittmittelstelle nicht davor gefeit, mit mehr oder weniger wörtlich zu nehmenden »wissenschaftlichen Dienstleistungen« beauftragt zu werden: Mit der Erstellung von Sitzungsprotokollen, Pressetexten, der Organisation von Tagungen, redaktionellen Aufgaben bei der Publikation von Tagungs- Sammel- und sonstigen Bänden, der Betreuung von Studentinnen oder Praktikantinnen usw. Sie sind auf einer Drittmittelstelle also keineswegs freier als auf einer Qualifikationsstelle, nur hat die Drittmittelstelle eine kürzere Laufzeit.

Häufig sind auch Kombinationen aus Qualifikations- und Drittmittelstellen – denn nirgendwo steht geschrieben, dass es sich dabei immer um Vollzeitstellen handeln muss. »Halbe« oder gar »Viertel« Mitarbeiterstellen sind gängige Praxis, der Rest Ihres monatlichen Auskommens wird dann aus Drittmitteln bestritten, oder Sie müssen sonst wie aufstocken.

STIPENDIEN

Hier lassen sich zwei Großgruppen unterscheiden: die 13 Begabtenförderungswerke, die aus den Mitteln des Ministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und des Auswärtigen Amts (AA) schöpfen, und freie Stipendiengeber, die sich teils an die Vorgaben des BMBF halten, teils nicht. Einen ersten Überblick über die Vielfalt möglicher Stipendien und dahinter stehender Institutionen können Sie sich auf der Seite »stipendienlotse« des Bildungsministeriums verschaffen (www.stipendienlotse.de). Da sich die Förderbedingungen bei den fast 200 freien Stipendiengebern (von »Airbus Operations GmbH« bis »ZONTA Club München II«) naturgemäß erheblich unterscheiden, kann ich hier keine speziellen Tipps geben. Schauen Sie einfach im Netz, welche Institution zu Ihnen und Ihrem Promotionsthema passen könnte.

Die 13 Begabtenförderungswerke arbeiten – anders als die freien Stipendiengeber – unter einheitlichen Vorgaben des BMBF, weshalb hier einige strukturelle Hinweise zu diesen Promotionsstipendien gegeben werden können.

Die Idee der Begabtenförderungswerke stammt aus der Weimarer Republik. Zum einen handelt es sich da um die von Friedrich Ebert angeregte (und nach seinem Tod 1925 gegründete) Stiftung, die proletarischen sozialistischen Studenten bei der Finanzierung des Studiums unter die Arme greifen sollte, und zum anderen um die Studienstiftung des deutschen Volkes, die aus dem Dachverband der studentischen Selbsthilfevereine, der »Wirtschaftshilfe der Deutschen Studentenschaft« hervorging, ebenfalls 1925. Die Friedrich-Ebert-Stiftung wurde im Nationalsozialismus verboten, die Studienstiftung gleichgeschaltet – doch wurde Letztere bereits vor der Verkündigung des Grundgesetzes der Bundesrepublik wieder neu gegründet, die Umwandlung der nach dem Krieg ebenfalls neugegründeten Friedrich-Ebert-Stiftung in einen gemeinnützigen Verein folgte 1954.

Der Gedanke, die Vergabe von Stipendien für begabte Nachwuchswissenschaftlerinnen nicht einer einzigen zentralen Institution zu überlassen, sondern die Auswahl und Betreuung der Stipendiatinnen auf mehrere Institutionen zu verteilen, die jeweils eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe repräsentieren, führte in der Bundesrepublik zu einer wachsenden Zahl von Begabtenförderungswerken: konfessionsgebundenen, parteinahen, gewerkschafts- und wirtschaftsnahen Stiftungen, meist in der Rechtsform des »eingetragenen Vereins«. Ich liste die 13 Förderwerke nach dem Jahr ihrer Aufnahme in die öffentliche Förderung auf:

•1948: Studienstiftung des deutschen Volkes – www.studienstiftung.de

•1948: Evangelisches Studienwerk Villigst – www.evstudienwerk.de

•1954: Friedrich-Ebert-Stiftung – parteinahe Stiftung (SPD) – www.fes.de

•1955: Konrad-Adenauer-Stiftung – parteinahe Stiftung (CDU) – www.kas.de

•1956: Cusanuswerk (Förderwerk der katholischen Kirche) – www.cusanuswerk.de

•1958: Friedrich-Naumann-Stiftung – parteinahe Stiftung (FDP) – www.freiheit.org

•1966: Hanns-Seidel-Stiftung – parteinahe Stiftung (CSU) – www.hss.de

•1977: Hans-Böckler-Stiftung – gewerkschaftsnahe Stiftung – www.boeckler.de

•1990: Rosa-Luxemburg-Stiftung – parteinahe Stiftung (Die Linke) – www.rosalux.de

•1994: Stiftung der Deutschen Wirtschaft – www.sdw.org

•1996: Heinrich-Böll-Stiftung – parteinahe Stiftung (Bündnis 90/Die Grünen) – www.boell.de

•2009: Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk (ELES) – Förderwerk der jüdischen Gemeinschaft – eles-studienwerk.de

•2013: Avicenna-Studienwerk – Förderwerk für muslimische Studierende und Promovierende – www.avicenna-studienwerk.de

Laut Auskunft der Bundesregierung wurden im Jahr 2017 von allen 13 Werken zusammen 4.001 Doktorandinnen gefördert. Davon waren 2.065 Frauen (= 51 %), 856 Doktorandinnen mit Migrationshintergrund (= 21 %) und eine nicht genannte Zahl Promovierender aus »bildungsfernen Haushalten« beziehungsweise »Erstakademikerinnen«. Naturgemäß ist die statistische Erfassung des Bildungshintergrunds schwieriger als die der Staatsangehörigkeit der Eltern oder des Geschlechts – der Schulabschluss Ihrer Eltern steht halt nicht im Pass. Daher verweist die Bundesregierung auf eine Umfrage der Studienstiftung bei den von ihr geförderten Promotionstipendiatinnen der Abschlussjahrgänge 2003 bis 2012, nach der 30 Prozent aus einem nichtakademischen Elternhaus stammen. (Weiteres zum Bildungshintergrund der in Deutschland Promovierenden finden Sie weiter unten, S. 133.)

Im selben Jahr – 2017 – wurden an allen deutschen Hochschulen (laut Statistischem Bundesamt) 28.404 Menschen promoviert, was circa 1 % der in diesem Jahr eingeschriebenen Studierenden (2.844.978) entspricht. Dagegen ist die Quote der Promotionsförderungen durch die 13 Förderwerke gar nicht so schlecht: 4.001 gegen 28.404, das sind 14 Prozent. Sie sollten also keinesfalls die Option eines Promotionsstipendiums in den Wind schlagen, weil Sie etwa glauben, dass Ihre persönlichen Chancen zu gering seien. Sehen Sie es mal so: Wenn Sie sich zur Promotion entschlossen haben, ist die Wahrscheinlichkeit, ein Promotionsstipendium zu bekommen, 14-mal höher als die Wahrscheinlichkeit zu Beginn des Studiums, Ihr Studium überhaupt mit einer Promotion abzuschließen …

Wenn Sie sich also »weltanschaulich« mit einem der 13 Begabtenförderungswerke anfreunden können, sollten Sie die Gelegenheit nutzen und sich die erforderlichen Bewerbungsinformationen beschaffen (online!). Beachten Sie aber schon im Vorfeld folgende Aspekte:

•Sie können sich für ein Promotionsstipendium auch dann bewerben, wenn sie während Ihres Studiums noch nicht von einem der Begabtenförderungswerke unterstützt wurden. Sie sollten sich allerdings möglichst früh bewerben, am besten gleich, nachdem Sie die Zulassung zur Promotion erhalten haben, und nicht erst, wenn Sie bereits zwei oder drei Jahre im Promotionsprozess stecken.

•Bei der finanziellen Förderung einer Promotion kommt es nicht darauf an, dass Sie nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz BAföG-berechtigt sind; das heißt, das Elterneinkommen spielt keine Rolle.

•Eine Förderung durch eine parteinahe Stiftung setzt nicht die Mitgliedschaft in der Partei voraus, derer sich die entsprechende Stiftung »nahe« fühlt. Doch sollten Sie sich zumindest vorstellen können, diese Partei zu wählen. Das heißt, Sie sollten über eine argumentativ gestützte politische Meinung verfügen, die den gesellschaftspolitischen Idealen der jeweiligen Stiftung einigermaßen entspricht. Sollten Sie beispielsweise dem Anarchosyndikalismus zugetan sein, empfiehlt sich eine Bewerbung bei der Hanns-Seidel-Stiftung nicht. Und wenn Sie von sich selbst behaupten, ein »eher unpolitischer« Mensch zu sein, empfiehlt sich eine Bewerbung bei den parteinahen Stiftungen generell nicht.

•Für eine Förderung durch eine konfessionelle Stiftung gilt natürlich dasselbe. Sich als Katholikin beim Evangelischen Studienwerk zu bewerben, wäre abwegig.

•Gleichwohl sind Mehrfachbewerbungen möglich – also die gleichzeitige (oder fast gleichzeitige) Bewerbung bei unterschiedlichen Förderwerken. Die Förderwerke wollen das dann allerdings auch von Ihnen wissen. Das heßt, Sie sollten bei Mehrfachbewerbungen unbedingt mit offenen Karten spielen (die Förderwerke sind vernetzt und wissen voneinander). Auch hier gilt natürlich das Gebot der weltanschaulichen Nähe. Sich gleichzeitig bei der Hanns-Seidel-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu bewerben, wird sich mit ziemlicher Sicherheit zu Ihren Ungunsten auswirken (»Politisch nicht gefestigt!«). Gleichzeitig bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der Heinrich-Böll-Stiftung, der Böckler-Stiftung und dem Evangelischen Studienwerk geht theoretisch, wirkt aber immer noch etwas beliebig. Gleichzeitig bei Rosalux und Böckler dürfte kein Problem sein.

•Alle Förderwerke verlangen den Nachweis eines »gesellschaftspolitischen Engagements«. Das kann vom ehrenamtlichen Deutschunterricht für Geflüchtete bis zur Mitgliedschaft im Festkomittee eines Schützenvereins so ziemlich alles sein, was von Ihnen (a) nicht aus finanziellen Gründen gemacht wird und (b) in irgendeiner Form gemeinschaftsdienlich ist. Wenn Sie nie ehrenamtlich gearbeitet haben, brauchen Sie sich bei den Begabtenförderungswerken nicht zu bewerben. Es spielt aber auch keine ausschlaggebende Rolle, wenn Sie auf keine jahrelange ehrenamtliche Betätigung zurückblicken können. Hauptsache, Sie können in Ihrer Bewerbung auf ein ehrenamtliches Engagement verweisen, das sie nicht erst kurz vor dem Zeitpunkt der Bewerbung aufgenommen haben.

•Die 13 Förderinstitutionen nennen sich nicht zum Spaß »Begabtenförderungswerke«. Wenn Sie Ihren Master mit Ach und Krach geschafft haben sollten, wenn Sie den Plan zu promovieren nur gefasst haben sollten, weil Ihnen nichts Besseres eingefallen ist, wenn Sie tief im Inneren der Ansicht sind, überhaupt nicht der Typ für wissenschaftliches Arbeiten zu sein – dann sind Ihre Aussichten, von einem Begabtenförderungswerk aufgenommen zu werden, gering. (Das widerspricht dem zuvor Gesagten von der 14-prozentigen Chance nur scheinbar: Denn schon die bloße Tatsache, dass Sie ein Buch mit dem Titel »Der Weg zur Promotion« in der Hand halten, spricht ja eher dafür, dass Sie durchaus ein zumindest rudimentäres Interesse an wissenschaftlichem Arbeiten haben. Reden Sie sich also bitte nicht ein, zu wenig »begabt« zu sein!) Abschlussnoten unter 2,0 sind kein Ausschlusskriterium, sie bedürfen dann nur eines höheren Begründungsbedarfes seitens Ihrer Gutachterinnen.

•Die Begabtenförderungswerke zahlen Ihnen (Stand 2020) einen monatlichen Betrag von 1.350 Euro + 100 Euro Forschungskostenpauschale (Promovierende mit Kind erhalten zusätzlich eine Familienzulage) – für zwei, maximal drei Jahre. Neben der finanziellen Unterstützung (die Sie übrigens, anders als das BAföG, nicht zurückzahlen müssen) bieten sie alle eine sogenannte »ideelle Förderung«. Dabei handelt es sich um Seminare, Tagungen und weitere Veranstaltungen, auf denen Sie sich mit Gleichgesinnten vernetzen, Kontakte zu Fachleuten außerhalb Ihrer eigenen Hochschule herstellen, sich beruflich oder politisch weiterbilden können. Die Teilnahme an diesen Veranstaltungen ist – bis auf wenige Ausnahmen – freiwillig. Falls Sie skeptisch sind, kann ich Sie beruhigen: Die ideelle Förderung der Begabtenförderungswerke hat nichts von »Kaderschmieden«.

•Die Förderwerke haben nichts zu verschenken. Sie müssen sich gegenüber ihrem »Zuwendungsgeber« (Amtsdeutsch!) rechtfertigen, weshalb gerade Sie die Zusage für ein Stipendium erhalten, Ihre Kommilitonin nebenan aber nicht. Natürlich wird nicht jede Stipendienvergabe einzeln überprüft – stattdessen haben sich bürokratische Routinen entwickelt, die das Qualitätsniveau der Begabtenförderungswerke insgesamt sichern sollen. Entsprechend hoch sind der Verwaltungsaufwand und die Dokumentendichte, die Sie schon beim Bewerbungsverfahren beibringen müssen, damit die Förderwerke genug Anhaltspunkte finden, um Ihre persönliche »Förderwürdigkeit« belegen zu können: Neben formalen Dokumenten – wie der Zulassungsbescheid zum Promotionsstudium oder das Sprachzeugnis und der Aufenthaltsstatus (für ausländische Doktorandinnen) – sind dies auch inhaltlich aufschlussreiche Schriftstücke: Ein ausführliches Exposé ihres Promotionsprojektes (inklusive Zeitplan) wird ebenso für die Bewerbung verlangt wie zwei (!) Fachgutachten: ein »Empfehlungsschreiben« Ihrer Betreuerin und ein weiteres von einer zweiten Hochschullehrerin. Besprechen Sie sich deshalb unbedingt vorab schon mit Ihrer Betreuerin und bitten Sie sie um das benötigte Fachgutachten – bevor sie die Online-Bewerbung starten! Denn ab der Aufforderung, die Bewerbungsdokumente einzureichen, haben Sie eine Frist von drei Wochen – bis dahin müssen Ihre Unterlagen eingegangen sein. Ungünstig, wenn Ihre Betreuerin erst in dieser Zeit erfährt, dass sie Ihnen ein Fachgutachten ausstellen soll …

•Ungeachtet des Termin- und Organisationsdrucks, den das Bewerbungsverfahren Ihnen auferlegt, ist der Bewerbungsprozess eine langwierige Angelegenheit und kann von Förderwerk zu Förderwerk etwas unterschiedlich sein. Ihre Bewerbung erfolgt in der Regel zunächst online. Dann werden Sie aufgefordert, Ihre Unterlagen einzureichen. Falls ihre Bewerbungsdokumente den formalen Kriterien genügen (also vollständig und fristgerecht eingesandt wurden), werden Sie in das »engere« Bewerbungsverfahren aufgenommen: Sie bekommen irgendwann eine Mitteilung über den Termin zu einem Bewerbungsgespräch bei einer »Vertrauensdozentin« (VD) des potenziellen Stipendiengebers. Sollten Sie bei diesem Gespräch einen guten Eindruck machen, das heißt, sollten Sie sich als weltanschaulich informiert, gesellschaftspolitisch engagiert und wissenschaftlich begabt darstellen können, dann steigen ihre Chancen, zu einem weiteren Gespräch mit einem Mitglied des Auswahlausschusses eingeladen zu werden. Hinterlassen Sie auch dort einen positiven Eindruck, ist es wahrscheinlich, dass Sie bei einer der mehrmals im Jahr stattfindenden Sitzungen des Auswahlausschusses auf die Liste der »Zusagen« kommen.

•Beachten Sie, dass zwischen der Bewerbung, der Zusage und schließlich der Auszahlung des ersten monatlichen Stipendiengeldes viele Monate vergehen! Ein Dreivierteljahr ist nicht unrealistisch, also kalkulieren Sie diese »Finanzierungslücke« unbedingt in ihren Promotionsfinanzierungsplan mit ein!

Trotz all dieser Bedenken möchte ich Sie hier noch einmal ausdrücklich dazu ermutigen, sich bei einem der Begabtenförderungswerke um ein Promotionsstipendium zu bewerben! Die Chancen, eines zu bekommen, sind – wie oben schon gesagt – gar nicht so gering. Die meisten erfolglosen Bewerbungsversuche scheitern übrigens in der allerersten Phase des Auswahlverfahrens an »formaler Unzulässigkeit«, das heißt, die Unterlagen sind nicht vollständig oder nicht fristgerecht eingereicht worden. Machen Sie sich bitte klar, dass die allermeisten Bewerbungen um ein Stipendium an diesen rein formalen Hürden scheitern!

Zum Schluss möchte ich noch einmal die wichtigsten Schritte aufzählen, die am Anfang eines Promotionsprojektes beachtet werden sollten:

•Gründe für oder gegen die Entscheidung für eine Promotion abwägen

•Themen und mögliche Betreuerinnen ausfindig machen

•Einen Finanzplan erstellen

•Gesprächstermine vereinbaren

•Exposé schreiben und Zeitplan erstellen

•Vier-Augen-Gespräch mit Betreuerin führen; optimales Ergebnis: Unterzeichnung einer »Betreuungsvereinbarung«; suboptimales Ergebnis: Gespräch mit anderer Betreuerin suchen

•Promotionsordnung besorgen und die »Zulassung zur Promotion« beantragen

•Um ein Promotionsstipendium bewerben

DIE REZEPTIONSPHASE DER PROMOTION

In diesem Abschnitt betone ich zunächst eine scheinbare Selbst verständlichkeit: Dass das Recherchieren wissenschaftlicher Literatur immer mit der Notwendigkeit einhergeht, diese auch zu lesen und die Ergebnisse dieser Auseinandersetzung in irgendeiner Form festzuhalten. Es folgen vier Vorschläge der Literaturbeschaffung, die letztlich allesamt Varianten des sogenannten »Schneeballprinzips« darstellen, das durch Ausführungen zur Online-Recherche ergänzt wird. Es folgt ein Zwischenspiel zu Lektüretechniken, bevor auf die beiden Varianten der Literaturverwaltung eingegangen wird: Das »handwerkliche Literaturverzeichnis« und das »maschinelle Literaturverzeichnis«. Letzteres behandle ich sehr ausführlich anhand einer kritischen Auseinandersetzung mit der Literaturverwaltungssoftware »Citavi«.

Sie stehen am Beginn ihrer Promotionszeit, in der »Qualifikationsphase«, Sie haben eine Doktormutter oder einen Doktorvater gefunden, haben ihr oder ihm den Vorschlag für ein Forschungsthema unterbreitet, das mit Freude oder mit leichtem Stirnrunzeln »angenommen« wurde, und da stehen Sie nun: Allein, ein unbeschriebenes Blatt in der Academic Society, eine Papierqualifikation und eine rechtlich nicht einklagbare »Betreuungsvereinbarung« in der Hand und – wenn Sie ganz ehrlich zu sich selbst sind – »keine Ahnung von nix«. (Alle, die sich von dieser Charakterisierung nicht getroffen fühlen, mögen dieses Kapitel überblättern.)

Sie haben sich einen Promotionsratgeber gekauft, und der rät Ihnen, am Anfang zwei Wochen Zeit für die Literaturrecherche einzuplanen. Dieser Rat ist richtig und falsch zugleich. Richtig – denn die Arbeit an einem Dissertationsthema erfordert selbstverständlich zunächst einmal die Recherche einschlägiger Literatur. Der Rat ist aber falsch, wenn er so aufgefasst werden sollte, dass mit einer zweiwöchigen Recherchephase das Thema Literatur ad acta gelegt werden könnte.

Die Recherche einschlägiger Literatur ist kein »Arbeitsabschnitt« innerhalb der Promotionsphase, der isoliert von anderen Arbeitsabschnitten abliefe oder beendet werden könnte.

Denn erstens: Die Literaturrecherche ist ein unendlicher Prozess. Schon heute kann zu Ihrem Dissertationsthema ein neuer Aufsatz erscheinen, der ihrer gestern beendeten Recherche entgangen ist. Das Verzeichnis sämtlicher Literatur zu einem Thema gibt es nicht.

Zweitens: Recherche, als das Sammeln von Titeln einer themenspezifischen Literatur verstanden, ist nutzlos, wenn man sie nicht mit der Lektüre dieser Titel verbindet. Der alte Spruch: »Gut kopiert ist halb studiert« war eben noch nie wahr. 1000 PDFs zu Ihrem Dissertationsthema belegen erst mal nur Speicherplatz auf ihrer Festplatte, und auch ein terrabytegroßes Citavi-Projekt ist zunächst nur Datenmüll. Soll heißen: In einem festgesteckten Zeitabschnitt von einigen Wochen ist die Lektüre auch nur der wichtigsten Schriften illusorisch. Außerdem bedarf die Lektüre des gesammelten Materials wiederum der schriftlichen Fixierung, sonst ist sie vergessen und weg. Mit anderen Worten: Recherche geht mit dem Lesen des recherchierten Materials und der schriftlichen Zusammenfassung und Kommentierung dieser Leseerfahrungen einher. Das Sammeln der Literatur, das Lesen und das Schreiben darüber ist ein zusammenhängender Prozess, der – ich wiederhole es – Ihre Promotionszeit dauerhaft begleiten wird. Literaturrecherche bedeutet nämlich nicht das Erstellen einer Literatur- oder Zitatenliste, sondern das Arbeiten mit dieser Liste. Es geht nicht um die Reproduktion möglichst langer Wörterketten, sondern um das Internalisieren von Wissen.

Drittens: Dieser langwierige Prozess der Literaturverarbeitung wird von Ihnen zu einem bestimmt-unbestimmten Zeitpunkt abgebrochen werden, denn Ihre Dissertation soll am Ende aus etwas anderem bestehen als einer endlosen Reihung von Kommentaren. Bestimmt wird dieser Zeitpunkt dadurch, dass Sie eine Art Sättigungsgefühl bekommen werden. Sie werden den Eindruck haben, dass es jetzt »reicht« und Sie genug zu ihrem Thema wissen. Unbestimmt ist dieser Zeitpunkt, da Sie nicht planen können, wann dieses »Sättigungsgefühl« bei Ihnen einsetzen wird.

Ich weiß: Wenn Sie Forschungsberichte oder Exposés zu Ihrer Dissertation anfertigen müssen, wird immer wieder gefordert, dass Sie einen Zeitplan erstellen (oder den allerersten Zeitplan, den Sie zusammen mit Ihrem allersten Exposé angefertigt haben, modifizieren). Schließlich muss Ihr Dissertationsprojekt ja von den betreuenden Institutionen oder eventuellen Stipendiengebern kontrolliert werden können, und Zeitpläne sind für Außenstehende gute Anhaltspunkte, um zu beurteilen, ob Ihr Forschungsdesign innerhalb einer vorgegebenen Zeit realistischerweise umsetzbar ist. Selbstverständlich werden Sie da nicht schreiben: »Meine Recherchephase ist unendlich«, oder: »Zeitplan für das erste Jahr: Literaturrecherche.« Sie werden da hoffentlich etwas schreiben, das so klingt wie »realistischerweise umsetzbar«. Und vermutlich zielt der oben erwähnte Rat des informativen Promotionsratgebers auch genau darauf ab.

Irgendwann werden Sie jedenfalls die Rezeptionsphase beenden und in die Produktionsphase Ihrer Dissertation, das eigentliche Schreiben eintreten. Aber denken Sie daran: Die Recherche ist nie ganz beendet.

Denn Sie werden einen Punkt in Ihrer Promotionszeit erreichen, an dem Sie merken, dass Sie an einer bestimmten Stelle immer noch zu wenig wissen. Das heißt, das Sammeln, Rezipieren und Auswerten von Literatur geht (in diesem einen fraglichen Punkt) von vorne los. Und dies wird Ihnen vermutlich mehr als einmal passieren.

Worauf ich hinaus will: Literaturrecherche, in einem umfassenden Sinn verstanden, also als das Beschaffen von und die Auseinandersetzung mit Literatur, ist kein Punkt auf einer To-do-Liste, kein Abschnitt innerhalb eines »Projekts«, hinter das Sie ein Häkchen setzen könnten.

Gleichwohl haben auch unendliche Prozesse ihren Anfang, und die nächste Frage ist jetzt: Wie gehen sie ganz zu Beginn Ihrer Promotion vor, wenn es um die Literaturbeschaffung geht?

LITERATURBESCHAFFUNG

Erste Antwort: Genauso, wie Sie auch vorgehen würden, wenn Sie im Alltag Informationen über ein Wort, einen Begriff oder eine Sache benötigen: Sie googeln! Und hoffentlich steht der entsprechende Wikipedia-Eintrag weit oben in der Trefferliste. Und wenn Sie noch mehr Glück haben, finden sich im Wikipedia-Artikel schon die ersten Literaturangaben. Diese Titel besorgen Sie sich in der Bibliothek ihrer Wahl, leihen sie aus und lesen sie. (Ob es sich um die »richtigen« und »wichtigen« Titel zu Ihrem Thema handelt, ist egal. Es kommt erst einmal darauf an, sich in das Thema hineinzulesen, und da hilft Einführungsliteratur genauso wie die Lektüre der epochemachenden Spitzenbeiträge der Forschung, manchmal sogar noch besser!)

Zweite Antwort: Sie sind bereits im Besitz eines Buches oder eines Aufsatzes zu Ihrem Thema. Sehr gut! Wenn es sich dabei um Fachliteratur handelt, findet sich darin immer ein Literaturverzeichnis. Lesen Sie das Buch oder den Aufsatz und besorgen sich die Titel des Literaturverzeichnisses in der Bibliothek und lesen dann die. Wie Sie eine qualifizierte Bresche durch diesen Dschungel schlagen, erkläre ich Ihnen später. Jetzt heißt es: Thema besser kennenlernen.

Dritte Antwort: Sie gehen direkt in Ihre Instituts- oder Universitätsbibliothek und konsultieren die Fachlexika, Fachwörterbücher und Fachbibliographien Ihres Faches, also die sogenannte »Tertiärliteratur«. Falls Sie die Nomenklatur der verschiedenen wissenschaftlichen Fachliteraturen vergessen haben sollten, hier noch einmal zur Info:

•Primärliteratur besteht aus »Quellen«, das heißt, sie gehört zu dem von Ihnen in Ihrer Dissertation untersuchten Problembereich dazu (oder sie ist selbst das Thema der Dissertation). Beispiel: Kafka, Franz: Die Verwandlung. Mit dem Faksimile des Quartheftes im Schuber, mit Franz-Kafka-Heft 4 und Reprint der Erstausgabe. Frankfurter Kafka Ausgabe (FKA). Historisch-Kritische Ausgabe sämtlicher Handschriften, Drucke und Typoskripte. Hrsg. v. Roland Reuß und Peter Staengele. Frankfurt am Main 2003.

•Sekundärliteratur besteht aus Texten von Wissenschaftlerinnen über das von Ihnen untersuchte Thema. Dabei handelt es sich entweder um Monografien (= ein ganzes Buch über ein Thema, meist von einer einzigen Autorin) oder um Sammelbände (= mehrere Aufsätze von unterschiedlichen Autorinnen zum Thema) oder um einzelne Aufsätze (die wiederum in Sammelbänden, Festschriften und wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht worden sind) beziehungsweise um Kongressbeiträge (die in den entsprechenden Tagungsbänden veröffentlicht worden sind). Beispiel: Deleuze, Gilles; Guattari, Félix: Kafka. Für eine kleine Literatur. Frankfurt am Main 1976.

•Tertiärliteratur sind Hilfsmittel, die die bestehenden Primärquellen und Sekundärtexte zu erschließen helfen, wie Handbücher, Fachlexika, Fachbibliografien. Im Prinzip kann man auch Lexikonartikel, die nicht aus Fachlexika stammen, dazuzählen. Einen Wikipedia-Artikel (mit Literaturverzeichnis) würde ich ohne Weiteres als Tertiärliteratur bezeichnen, obwohl er Ihnen die Sichtung der klassischen Tertiärliteratur nicht ersparen wird. Beispiel: Neue Deutsche Biographie (NDB) Bd. 11: Kafka – Kleinfercher.

Vierte Antwort: Sie sprechen mit Ihrer Betreuerin oder Fachkolleginnen und fragen sie nach Lektüreempfehlungen für Ihr Spezialgebiet. Das ist ein bisschen heikel, denn man müsste sich dann die Blöße geben, dass man ein Noob ist. Es hat aber den großen Vorteil, da man auf diesem Wege auch an unveröffentlichte Manuskripte kommen kann, an die sogenannte »graue Literatur«, die sich in den Bibliothekskatalogen zum Teil nicht oder seltener finden lässt. Sie bekommen von einer Kollegin an Ihrem Institut zum Beispiel den Tipp, dass eine Bekannte von ihr gerade an einem Aufsatz sitzt, der sich genau Ihrem Thema widmet? Immer her damit!

Ihnen wird vielleicht aufgefallen sein, dass ich mehrfach den Gang in die Bibliotheken erwähnt habe und bisher gar nicht auf die Möglichkeiten einer (über Wikipedia hinausgehenden) Online-Recherche eingegangen bin. Dabei bin ich kein Gegner der Internet-Recherche – tatsächlich ist es das auch von mir selbst am meisten genutzte Recherchemedium. Natürlich sollten Sie die Online-Kataloge Ihrer Universitätsbibliothek, die Online-Angebote naheliegender Fachinstitute und die Online-Kataloge von Bibliotheksverbünden nutzen (dazu gleich mehr). Aber machen Sie sich bitte klar, dass nur ein Bruchteil der von Ihnen (on- oder offline) recherchierten Literatur überhaupt in digitaler Form zur Verfügung steht! Unter dieser Voraussetzung bleibt Ihnen der Weg in eine real existierende Bibliothek (und die eigene physische Präsenz dortselbst) ohnehin nicht erspart. Sie werden mit Papier umgehen müssen, ob Sie das für veraltet halten oder nicht.

Insbesondere die Sammlungen kleinerer Bibliotheken (wie Institutsbibliotheken) bieten darüber hinaus einen nicht zu unterschätzenden Vorteil für die Sichtung einschlägiger Literatur, weil sie ihre Bestände zumeist nach thematischen Schwerpunkten ordnen. (Anders als die Universitätsbibliotheken, die ihre Bestände meist nach Anschaffungsdatum ordnen.) Um beim obigen Beispiel zu bleiben: Die Unibibliotheken werden Monografien zu Kafka überall verstreut aufbewahren, weshalb Sie als Forscherin oft auch gar keinen direkten Zugang zu den Beständen bekommen werden und es etwas Zeit kostet (in der Regel einen Tag), bis die von Ihnen bestellte Literatur vom Bibliothekspersonal in einem Apparat zusammengestellt ist. Bibliotheken der germanistischen Seminare werden im Gegensatz dazu meist den Großteil der (monografischen) Sekundärliteratur zu Kafka an einem Ort griffbereit haben, nämlich hinter der Primärliteratur, also hinter den Kafka-Ausgaben selbst. Sie kommen mit eigenen Händen an die Bestände heran, bekommen eine Vorstellung von der Kafka-Forschung »im Ganzen« und einen physischen Eindruck von dem Lektürepensum, das Sie bewältigen müssen.

Ein Nachteil der meisten Institutsbibliotheken sei allerdings nicht verschwiegen: Bei ihnen handelt es sich zumeist um »Präsenzbibliotheken«, das heißt, Sie dürfen die Bücher nur innerhalb der Bibliothek benutzen und sie nicht mit nach Hause nehmen. Sie können diesen Nachteil jedoch in einen Vorteil für sich ummünzen, wenn Sie den erzwungenen Gang zur Institutsbibliothek als strukturierendes Element in Ihren Tagesablauf einbauen. Außerdem ist die Arbeitsatmosphäre in einem Lesesaal oder Arbeitsraum natürlich eine ganz andere als in Ihrem eigenen Zuhause. Viele können dort kontinuierlicher und konzentrierter arbeiten, da sie nicht von persönlichen Dingen umgeben sind oder von Prokrastinationsgedanken abgelenkt werden. (Niemand überlegt sich, in der Institutsbibliothek Staub zu saugen!) Und Sie können nebenher »Gesichtspflege« betreiben: Wenn Sie in den Räumen Ihres Instituts arbeiten, werden Ihnen zwangsläufig Kolleginnen und Professorinnen begegnen; man kommt ins Gespräch, und mit der Zeit tauschen Sie den Schutz der Anonymität ein gegen den Vorteil wachsender Bekanntheit, gegen »Präsenz« – und das kann kein Nachteil sein.

DAS SCHNEEBALLPRINZIP

Die bisher gegebenen Antworten auf die Frage nach dem Beginn der Literaturrecherche waren eigentlich nur verschiedene Variationen einer klassischen Recherchetechnik, die als das »Schneeballprinzip« bezeichnet wird: Literatur verweist auf Literatur verweist auf Literatur. Das Schneeballprinzip hat einen Vorteil und einen Nachteil. Der Vorteil besteht darin, dass Sie relativ schnell bemerken werden, dass manche Titel Ihres Forschungsgebiets häufiger in den verschiedenen Literaturverzeichnissen auftauchen als andere, was Ihnen einen ersten Anhaltspunkt für eine Hierarchisierung der zu bewältigenden Literaturmasse gibt. Der Schneeball wird zur Lawine. Nehmen Sie an, das oben erwähnte Buch von Gilles Deleuze und Félix Guattari würde in fast jedem Aufsatz über Kafka zitiert werden, dann versteht es sich fast von selbst, dass es sich offenbar um ein wichtiges Kafka-Buch handelt. Also sollte es auf Ihrem eigenen Lektüreplan weit oben stehen.

Der Nachteil des Schneeballprinzips besteht darin, dass Sie damit zwar auf die wichtige Literatur stoßen, aber immer nur auf alte wichtige Literatur. Die Suchrichtung, die sich von Literaturverzeichnis zu Literaturverzeichnis hangelt, ist chronologisch immer rückwärtsgerichtet. Weswegen Sie die epochemachende Veröffentlichung über Kafka, die nächste Woche erst erscheinen wird, auf diese Weise gar nicht mitbekommen.

Sie haben also den Anfang mit der Literaturrecherche gemacht und sind dabei auf die wichtige Literatur zu ihrem Forschungsgebiet gestoßen, auf jene Werke, die man »kennen muss«, um überhaupt »mitreden zu können«. Wie aber halten Sie sich über Ihr Thema auf dem Laufenden? Wie erschließen Sie aktuelle Literatur?

ONLINE-RECHERCHE

Erst an diesem Punkt können meines Erachtens die »schnellen« Recherchemedien ihren Vorteil ausspielen. Ein guter Einstieg wäre beispielsweise der über eine Zeitschriftendatenbank (oder besser sogar mehrere solcher Online-Datenbanken). Ich erspare mir hier eine Aufzählung der entsprechenden Internetangebote. Zum einen, weil eine URL, wenn sie hier in gedruckter Form vorliegt, sich schnell ändern kann – das ist der Fluch der Aktualität. Zum anderen, weil es für die unterschiedlichen Forschungsgebiete unterschiedliche Spezialdatenbanken gibt, deren Auflistung den Raum dieses Buches sprengen würde. Und eine fast unendliche Reihung von Internetseiten sollten Sie sich ohnehin besser in Ihrem Browser anschauen: Da können Sie direkt draufklicken.

Neben Zeitschriftendatenbanken, die Sie googeln können, bieten sich natürlich auch die Online-Kataloge der Bibliotheksverbünde an (die Sie auch googeln können). Zu empfehlen ist hier der online verfügbare »Karlsruher virtuelle Katalog« (KVK). Experimentieren Sie mit den unterschiedlichen Suchmasken, recherchieren Sie landesweit, bundesweit und international. Mit der Zeit werden Sie sich eine Routine bei der Online-Recherche angewöhnen, die Sie nutzen können, um sich im weiteren Verlauf ihrer Promotion immer wieder kurz über den aktuellen Forschungsstand zu informieren. Sie können außerdem eine Literaturverwaltungssoftware für Ihre Online-Recherchen einspannen. (Näheres dazu im Abschnitt: Literatur »verwalten« ab S. 54.)

Mit Glück landen Sie bei Ihrer Datenbankrecherche auch Treffer, die direkt auf online zugängliche Aufsätze zu Ihrem Thema verweisen. Manche sind kostenlos, andere nur gegen Bezahlung einsehbar. Erkundigen Sie sich in Ihrem Institut, ob es Finanzierungsmöglichkeiten für kostenpflichtige Fachliteratur gibt (Studierendenrabatte, Ermäßigungen bei Mitgliedschaften in Wissenschaftlichen Gesellschaften usw.) Dies gilt übrigens auch für gedruckte Literatur, die in Ihrer Universitätsbibliothek nicht im Bestand ist und per Fernleihe besorgt werden muss, was in der Regel nicht kostenlos ist.

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Дата выхода на Литрес:
26 мая 2021
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236 стр. 11 иллюстраций
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9783801270254
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