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Dorin, der Erdwichtel
Von Stefan Wichmann
Feldstr 92
16761 Hennigsdorf
Buchcover:
Covergestaltung: (c) Stefan Wichmann
Buchbeschreibung:
Hättest du Mut in einen geheimen Gang einzudringen?
Deiner heimlichen Liebe den Hof zu machen?
Deine Freunde zu verteidigen?
Die Wichtel schon!
Fiebere mit Ihnen mit! Erlebe ihre Abenteuer und drück ihnen alle Deine Daumen!
Über den Autor:
Tja, nun. Einige Worte zu mir… Hm.
Also ich bin glücklich verheiratet, habe drei erwachsene Jungs, einen Teich mit 5 Goldfischen und einen Border Colli. Dazu kommen jede Menge Schnecken, Würmer und Ameisen, von dem anderen Getier mal abgesehen, das da durch meinen Garten kreucht.
Von daher ist mein Hobby …
“Moment, Moment! Hobby heißt laut Wikipedia, ich zitiere: ‘Freizeitbeschäftigung, die der Ausübende freiwillig und regelmäßig betreibt, die dem eigenen Vergnügen oder der Entspannung dient’.”
“Hm, ok. Also. Parasiten den Garaus zu machen und Unkraut zu zerstückeln ist nicht wirklich meine Obsession.
Ehrlich gesagt schreibe ich gerne Bücher und Rezensionen. Dazu gehört auch gern zu lesen, zu beobachten und zuzuhören. Und deshalb freue ich mich, mein neues Buch vorzustellen …”
“Stop. Das kommt später!”
“Ja doch…”
Dorin, der Erdwichtel
Der geheime Gang
Von Stefan Wichmann
Feldstr 92
16761 Hennigsdorf
Buchcover:
Covergestaltung: (c) Stefan Wichmann
Stefan Wichmann
Feldstr 92
16761 Hennigsdorf
Autor@Stefan-Wichmann.de
www.Stefan-Wichmann.de
2. Auflage, 2018
© 2016 Stefan Wichmann
Feldstr 92
16761 Hennigsdorf
Buchcover:
Covergestaltung: (c) Stefan Wichmann – alle Rechte vorbehalten.
Stefan Wichmann
Feldstr 92
16761 Hennigsdorf
Autor@Stefan-Wichmann.de
www.Stefan-Wichmann.de
eBook:
KDP Amazon: ASIN: B07KVQVVDZ
ePub: neobooks, Berlin: 978-3-7380-5481-1
1. Vorwort zum Buch 7
2. Personen der Geschichte 8
3. Prolog zur Geschichte 11
4. Der geheime Stein 13
5. Der Plan 28
6. Tapferkeit 46
7. Das Dorf 50
8. Das Treffen der Weisen 57
9. Der Schamane 63
10. Das Zeichen des Schamanen 68
11. Spurensuche 70
12. Der zweite Eingang 76
13. Fallensteller 79
14. Der See aus der Legende 83
15. Entdeckt! 86
16. Der Fluss 90
17. Der Eingang in Feindesland 96
18. Die Bestimmung 120
19. Zusammen sind wir stark 132
20. Die Magie des Wortes 137
21. Feindesland! 154
22. Die Flucht des Läufers 160
23. Die Rückkehr 163
24. Epilog 168
25. Anhang 169
26. Weitere belletristische Veröffentlichungen 171
1. Vorwort zum Buch
Die in diesem Roman beschriebenen Personen und Ereignisse sind Fiktion. Jegliche Ähnlichkeit oder Übereinstimmung mit lebenden oder verstorbenen Wichteln, Kobolden und anderen Naturgeistern oder Begebenheiten ist rein zufällig und nicht beabsichtigt.
www.Stefan-Wichmann.de/Dorin
2. Personen der Geschichte
Zuerst einmal: Wichtel gehören zum Volk der Zwerge und schon Zwerge gelten als klein. Wichtelzwerge oder wie hier die Gruppe der im Boden lebenden Erdwichtel sind noch kleiner. Sie haben eine gelbliche Hautfarbe und sind daumengroß. Sie können sehr schnell laufen und sind enorm gutmütig. Gerne veralbern sie auch andere, ohne diese jedoch zu verletzen. Erdwichtel sind bei ihren Streichen viel rücksichtsvoller als Kobolde.
Ihre spitzen Ohren können sie wunderbar nach allen Richtungen drehen. Die feine Nase riecht fast so viele Gerüche, wie ein Hund. Das sind eine Million mehr als ein Mensch! Und der große Mund der Wichtel ist allzu schnell viel zu vorlaut. Doch zunächst mag es reichen, die Wichtel, besser gesagt die wichtigsten Erdwichtel dieser Geschichte vorzustellen:
Lenguja
Die Namen aller Wichtel und somit auch die der Erdwichtel sind alt. Manche haben eine besondere Bedeutung. Lenguja gehört eigentlich zum Volk der Gnome. Doch da er Franzose ist und Gnom auf Deutsch Wichtel bedeutet, passt er gut in das Dorf der Erdwichtel.
Aber er ist mehr als ein Wichtel. Er ist ein wichtiger Wichtel.
Nein, er ist nicht der Koch. Auch wenn er Franzose ist und diese für gute Küche bekannt sind, so stimmt es zwar, dass er an einem Kochkessel steht, aber er kocht nicht Essen, sondern Heiltränke. Er ist der Schamane des Dorfes und für die Heilung und das Seelenheil der Dorfbewohner verantwortlich.
Dorin
Dorin ist 10 Jahre alt, hat bernsteinfarbene Augen, ist sportlich und sehr ungeduldig. Dies führt ihn oft in schier ausweglose Situationen. Er liebt es, Streiche zu spielen und andere auf die Palme zu bringen. Viele seiner Streiche gehen allerdings noch schief, aber er lernt ja noch.
Er liebt es, Neues zu erforschen, jedenfalls solange er davon ausgeht, es zeitnah gebrauchen zu können. Dorin ist freundlich, lässt sich jedoch nie die Butter vom Brot nehmen.
Der Junge lebt mit all seinen Verwandten in einem aus Holz aufgeschichteten Haufen, der von außen eher unscheinbar ausschaut.
Thyk,
Dorin‘s Vater trägt als Goldwäscher und Sammler sein Scherflein zum Dorfleben bei. Dessen Frau lernte sogar Lebensmittel haltbar zu machen, um auch im Winter genügend Vorräte zu haben. Entgegen ihrem Mann ist sie sehr zurückhaltend und eher scheu.
Skalli Yannison
Als bester Freund von Dorin ist er bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit diesem unterwegs. Leider ist er sehr oft vom Pech verfolgt, doch er weiß sich immer zu helfen. Dabei hilft ihm seine enorme Geduld.
Seine schwarzen Augen könnten furchteinflößend sein, wenn sein etwas dicklicher Bauch nicht verraten würde, dass er eher verfressen ist als kampfeslustig. Von daher interessiert ihn eigentlich nur ein Thema wirklich: Essen essen!
Wie für viele Wichtelzwerge üblich, waschen seine Eltern Gold oder suchen nach Erz und tauschen ihre Funde mit anderen Völkern.
Seine Mutter, Trunni, kocht gern. Derzeit ist sie zusammen mit Skalli‘s Vater Yanni in einem Nachbardorf, um Fundstücke und Waren anzubieten. Skalli darf alleine in der Hütte bleiben, oder bei seinem Freund übernachten.
Sunny Sorbidottir
Sunny ist hübsch und dies ist gefährlich. Sie verdreht ungewollt mir ihrer lieben Art den beiden Jungs Dorin und Skalli den Kopf und wickelt auch ihre eigene Familie mit Leichtigkeit um jeden Finger.
Ihre blau-grünen Augen nehmen jeden gefangen. Sie ist sehr lernwillig, mehr noch als Dorin und an wirklich allem interessiert. Wenn es nicht anders geht, kann sie auch sehr resolut sein. Sie liebt es, ihr Wissen zu beweisen.
Ihr Vater ist mit vielen ihrer Großeltern schon vor Jahren verschollen. Einzig ihre Oma lebt noch bei ihrer Mutter und hilft mit ihrer Ideenkraft, denn ihre Mutter ist als Erfinderin tätig.
Sorbi Sorbidottir ist die Mutter von Sunny und immer in Sorge.
Hagahn ist der Befehlshaber über die Einsatzgruppe im Dorf.
Hänjar ist der schnellste Läufer der Erdwichtel. Er ist schlau und umsichtig. Mit einem Schwert kann er umgehen, doch es wirklich zu nutzen fällt ihm schwer, denn er ist noch jung.
Grumdin ist der Dorfälteste.
Furgil ist der Sohn des Dorfältesten. Er ist leichtgläubig, faul und genießt das Leben. Doch vielleicht macht er sich in der Geschichte.
Levurú ist ein sehr böser und sehr alter Wichtel. Es heißt, er sei ein kleiner Kobold und Koboldwichtel sind gefährlich. Mehr ist den Kindern über ihn nicht bekannt.
Auch über die Koboldwichtel Rotoro, einen Anführer, den Dorfältesten Begera und die Huldufólk’s wissen sie noch nicht viel.
3. Prolog zur Geschichte
Wichtel gelten wie Kobolde als lustiges Volk, das gern Schabernack treibt und Späße macht. Allerdings sind Wichtel entgegen den Kobolden gutmütig. In meiner Geschichte haben sie das geschafft, was Menschen verwehrt bleibt: in Frieden zu leben. Wozu mir noch einfällt zu sagen, dass Naturwesen schon längst keine Kriege mehr führen und Wichtel sind Naturwesen! Sie haben vor uns Menschen erkannt, dass Streit nichts bringt. Sie leben friedlich in einer Gemeinschaft zusammen, die wir als ‚utopisch‘ bezeichnen würden. Durch die Präsenz eines Friedenstabes gibt es keine Kriege, es gibt auch kein Geld und weder Hass noch Zorn. Entsprechend fallen sie nicht unter die biblische Zukunftsperspektive der Kobolde. Bedenkt man jedoch, dass der Blick in die Zukunft immer nur einen momentanen Zwischenstand zeigen kann, ist wohl alles offen.
Doch was passiert, wenn sie, die Wichtel, ihre gewohnte Umgebung verlassen? Sie leben zusammen mit Gnomen, Elfen, Feen und viele weiteren Völkern. Da sie sich der Gefahr, die von den Menschen ausgeht, wohl bewusst sind, ist der Zugang zur Welt der Menschen auch lediglich den erwachsenen Naturwesen gestattet, denn diese sind gefestigt in ihrem Denken, ihrem Handeln und Tun. Den Kindern jedoch ist es verboten in die Welt der Menschen einzutauchen! Zu gefährlich ist es, verführt zu werden.
Wenn auch oft unsichtbar, so wirken die verschiedenen Naturvölker im Leben der Menschen und in der Welt der Menschen, denn das Geschlecht der Menschen gehört zur gleichen Schöpfung.
Die Geschichte beginnt mit einem alten, fast vergessenen Stein, der einen Weg versperrt und so sowohl die Wichtelkinder schützt als auch das Reich der Naturvölker vor den habsüchtigen und egoistischen Menschen, die seit jeher den Weg in die heile Welt suchen.
Wehe dieser Weg ist wieder offen ...
4. Der geheime Stein
Ein Abenteuer ...
... ist das Ergebnis schlechter Planung!
Colonel Blatchford
Dorin lauschte. Er lag auf seiner Schlafstatt im dunklen Teil der kleinen Behausung und spitzte sein kleines spitzes Ohr das, wie üblich bei kleinen Wichteln, weit abstand. Auf dem anderen Ohr lag er drauf. Das drückte ihn zwar ein wenig, aber so schlief er immer. Aber jetzt schlief er ja nicht, sondern er tat nur so, als schliefe er. Und er lag auf der Seite. Mit Absicht. Nur so konnte er leicht in das Innere des Raumes blicken. Es war verwinkelt. Rechts von Dorin lag in einer kleinen Grube gedörrtes Gemüse als Notration. Es war noch vom Winter übrig geblieben. Seine Eltern hatten die Mulde mit dem Arbeitsgerät abgedeckt. Sie nutzten Schüsseln und Pfannen zum Kochen und zum Aussieben edler Metalle. Dorin’s Blick schweifte weiter durch den Raum, vorbei an der kleinen Schlafstätte seiner Großeltern mütterlicherseits und gleich daneben väterlicherseits. Wichtel lebten immer in Großfamilien zusammen. Seine eine Oma schlief bereits. Sie war immer müde. Die andere Oma hatte eine dieser Dochtkerzen entzündet. Der Docht, der in einer flachen Schale mit Öl lag, gab ein spärliches Licht im Raum ab. Sie nähte. Beide Großväter waren wohl am Lagerfeuer, dort wo auch er endlich hinwollte, um den alten Abenteuern zu lauschen. Ungeduld nagte an Dorin. Sehnsüchtig schaute er auf die Schlafstätte seiner Eltern. Wenn sie doch endlich schlafen gingen!
Dorin wartete.
Sein Vater hatte links von seiner Schlafstatt einen Spaten und eine Harke untergebracht. Scharfkantige Klingen zum Bearbeiten von Holz und Erde standen dort auch. Seine neueste Errungenschaft waren ein Speer und ein Messer, um Felle zu gerben. Nein, sie töteten keine anderen Tiere, sie nutzten das, was die Natur ihnen freiwillig gab. Der Speer allerdings war alt und sorgsam in eine Decke gehüllt. Wie sollten damit Felle geschabt werden, fragte Dorin sich insgeheim, doch er würde keinesfalls seine Eltern fragen. Womöglich lief er Gefahr dann dieses Werkzeug für eine unliebsame Arbeit nutzen zu müssen und arbeiten wollte er nicht. Er wollte Abenteuer!
In der Mitte der Behausung, die aus Zweigen und losem Allerlei des Waldes aufgetürmt war, befand sich die kleine Feuerstelle. So konnte der Rauch leicht durch die kleine Öffnung im Dach abziehen. Das Dach bestand derzeit aus einer alten Baumrinde, die sie zusammen mit den anderen Wichteln des Dorfes mühsam dort hingeschoben hatten. ‚Hebelkraft‘ hatte der schlaue Dorfälteste Grumdin erläutert und Dorin hatte gut zu geschaut, als sie starke Zweige unter die Rinde geschoben hatten und diese Stück für Stück an die richtige Stelle platzierten. Vielleicht konnte er die ja mal gebrauchen, die Hebelkraft. Drei dieser flachen Rindenstücke hatten sie für das Dach benötigt und diese so übereinandergelegt, dass das kleine dreieckige Loch in der Mitte frei blieb. Bei Regen tropfte es natürlich hinein, aber jetzt regnete es ja nicht. Das Feuer flackerte kurz auf und erhellte die Gesichter seiner Eltern. Auch ihre Ohren standen spitz vom Kopf ab so wie seine und zwischen den Ohren waren Haare. Aber es waren nur wenige Haare zu sehen, weil Wichtel immer den Kopf bedecken. Seine Mutter trug auf dem Kopf wie immer einen Schlauch aus Stoff. An einer Seite hing eine Spitze bis auf den Rücken herab. Im Winter schlang sie sich diese einfach um den Hals, um sich zu wärmen. Sein Vater sagte immer, sie habe eine hübsche Nase und braune, liebevolle Augen und einen großen schön geschwungenen Mund. Sie sagte so etwas nie zu ihm. Sie strich ihm über den Bauch, den sie viel zu groß und dick fand und dann über seine Wange. Sein Gesicht war etwas kantiger als das ihre, aber insgesamt erschien auch er eher in einem bräunlichen Ton, so wie es bei Erdwichteln üblich war. Auch er trug eine Kopfbedeckung wie sie. Manchmal steckte er seinen Kopf auch in einen Gugel. Ein Gugel ist ein Stoff der Kopf und Schultern umschließt, um den Träger zu wärmen. Beide trugen ein langes blattbraunes Hemd, das mit einem dunkelbraunen Stoffgürtel zusammengerafft war. Als Dorin’s Mutter aufstand, raschelte ihre Tunika und sie zupfte sie zurecht, bevor sie sich mit ihren nackten Füßen leise und vorsichtig in Richtung von Dorin’s Bett aufmachte. Ihre Füße gingen oft schnell, denn Zeit war wichtig und aus diesem Grund waren ihre Zehenspitzen nur die Hälfte der Hälfte so lang wie ihr ganzer Fuß. Um mehr Standfestigkeit zu haben, grub sie ihre Zehen oft in die Erde, so wie alle Wichtel es gerne tun. Deshalb rochen ihre Füße auch immer nach warmer, feuchter Erde. Ein herrlicher Geruch. Jedenfalls für Erdwichtel. Und das waren sie. Erdwichtel. Sie waren keine Steinwichtel oder Baumwichtel und auch keine Gelbwichtel, Schwarzwichtel oder womöglich Koboldwichtel! All diese Völker und noch viel mehr gehörten zum Volk der Wichtel.
„Erdwichtel.“
Dorin flüsterte den Namen seiner Rasse lautlos. Er steht für ein eher friedliebendes Volk mit eher dicken Bäuchen und einem Bart, denn Wichtel gehören zum Volk der Zwerge und die haben ganz oft einen Bart. Dorin freilich hatte noch keinen. Vielleicht hatte er ein bisschen Bart. Was er aber ganz sicher nicht hatte, das war ein dicker Bauch.
„Wichtel der Veste Coburg.“
Ja, etwas stolz schwang in seiner Stimme mit, das die vollständige Bezeichnung seiner Dorfgemeinschaft den Begriff ‚Festung‘ enthielt. Nun, er hatte diese Festung noch nie gesehen, aber sie musste ja wohl da sein. In der Nähe. Irgendwo!
Er blinzelte hinüber zu seiner Mutter, die schnell näher kam.
Er hörte bereits ihren Atem und versuchte selbst, möglichst gleichmäßig und unauffällig zu atmen.
Er lauschte dem Rascheln ihrer Tunika, als sie sich bückte. Sanft strich sie ihm über die Haare:
„Schlaf schön mein Kleiner“. Dann blieb sie noch einen Moment gebückt stehen und richtete sich auf. Ja, geh jetzt, dachte Dorin ungeduldig. Doch seine Mutter blieb noch stehen. Offensichtlich ließ sie ihren Blick über sein Reich schweifen. Er hörte sie seufzen. Dorin kannte sie. Mit geschlossenen Augen sah er sie buchstäblich vor sich, wie sie jetzt seinen Vater heranwinken würde.
„Komm doch mal“, raunte sie.
Bestimmt verdrehte sein Vater jetzt die Augen. Dorin hörte sie murmeln.
„Wie zusammengekuschelt er da liegt! Meinst du, er braucht mehr Platz, mehr Reisig?“
Sein Vater bückte sich über Dorin.
„Wenn er etwas braucht, wird er sich schon melden. Nichts passiert von allein.“
Dorin dachte über die Worte nach. Als er hörte, wie sie sich leise entfernten, öffnete er seine Augen. Sehnsuchtsvoll schielte er zum Ausgang. Dann drehte er sein Ohr langsam und mit einem Blick auf seine Eltern lauschte er nach draußen. Die Wände aus Holz und Reisig. Sie hielten Geräusche eben so wenig ab wie die noch anhaltende Nachtkälte. Ein Holzscheit knackte laut am Lagerfeuer des Dorfplatzes und vermengte sich mit dem fröhlichen Lachen der alten Wichtelmänner, die um die Feuerstätte des kleinen Dorfes saßen. Seine Neugier wurde größer als die Angst vor der Schelte seiner Eltern. Warum sollte er warten, bis sie schliefen? Er konnte doch auch durch die aufgeschichteten Zweige nach draußen kriechen. Wozu gab es denn in jedem Bau drei Fluchtwege? War dies nicht der Grund dafür, dass seine Schlafstatt nicht neben den der Anderen lag? Es hatte sich nicht ergeben, neben den drei Schlafplätzen einen weiteren Fluchtweg zu bauen. Das Haus wäre zu instabil geworden! Es musste leicht sein, sich zwischen den Zweigen einen Weg zu bahnen! Unwillkürlich fragte er sich, warum ihm das nicht bereits früher eingefallen war.
Er schaute sich noch einmal zu seinen Eltern um. Beide waren mit dem Verbessern der Waschschüssel beschäftigt. Er wusste, dass sie tagsüber damit nach gelben Steinen suchten. Die waren zwar nicht bekömmlich wie die leckeren Beeren des Waldes, die die Eltern seines besten Freundes besorgten, jedoch war es als einziges Metall beständig gegen Rost. Er fand die Schmuckstücke, die seine Eltern daraus fertigten langweilig, wie alle aus seinem Volk, aber andere waren ganz vernarrt in dieses
„Gold“ und in kunstvoll gefertigte Dinge, die sie dann auch noch um den Hals hängten. Zwerge schürften sogar tief in den Stollen der Berge nach dem Metall und drangen sogar in das verbotene Land zum Volk der Menschen vor. Manche Zwergenvölker waren so viel größer als Wichtel, doch er wusste, es sollte noch größere Wesen in Menschengestalt geben. Ein Volk der Menschen! Das mussten wahre Riesen sein! Angeblich sollten die ihre Füße in Stoffe oder gar in die Haut getöteter Tiere wickeln! Ekelig! Ihn schauderte. Unwillkürlich schüttelte Dorin den Kopf.
Er warf einen letzten Blick auf seine Eltern und auf die Kochstelle. Das wärmende Feuer war fast heruntergebrannt und warf nur noch ein spärliches Licht in den Raum, sodass seine Schlafstatt endlich gänzlich im Dunkeln lag. Dorin bemühte sich, kein einziges Knacken zu verursachen, als er sich nach draußen durchschlängelte. Er schob erst vorsichtig den Kopf unter den ersten Ästchen hindurch, erkannte den als Fluchtweg gebauten Gang und schlängelte sich zwischen Zweigen und kleinen Ästen bis zum Rand der Behausung vor. Er liebte die Harztaschen an den Zweigen des Nadelholzes. Vor allem pikste er diese kleinen Erhebungen gern an und roch an dem austretenden Harz, das klebrig war und von seinen Eltern Baumpech genannt wurde. Doch heute interessierte ihn nicht das Harz, das an manchen Stellen in dicken Tropfen aus dem Holz hervorquoll. Zwischen den Zweigen lugte er in die umliegende Gegend. Sein Blick flog über weitere Holzhügel, die auf den ersten Blick wie zufällig verstreut angeordnet schienen. Aus den meisten drang eine kleine Rauchsäule. Langsam tasteten seine bernsteinfarbenen Augen die Wiese ab. Hier war immer viel los, denn die vielen kleinen Grashalme und Wiesenblumen brauchten Kraft um das Wasser aus dem Boden zu ziehen. Dies ging nicht allein. Nichts ging allein. Nur wo Kraft hineingesteckt wird, kann sich auch etwas entwickeln, fiel ihm der Lehrsatz aus der Schule ein. Sein Blick blieb an einer Graselfe haften, die um diese Zeit noch tätig war. Sie flog immer wieder vom Boden bis zur Spitze der Grashalme und putzte und ordnete diese, sodass tagsüber die Wärme der Sonne an die Halme gelangen konnte. So wurde durch die Wärme das feuchte Nass aus dem Boden bis in die Spitze hinaufgesogen. Morgens leuchten die Elfen schöner, dachte Dorin und kniff die Augen zusammen, als er eine Elfe sah, deren Leuchtkraft nur noch matt war. Wie müde musste sie sein! Wenn er Glück hatte, konnte er die wahre Gestalt der Elfe sehen, sie sollten so ein schönes Gesicht haben und natürlich spitze Ohren. Doch sie zeigte sich ihm nicht in ihrer wahren Gestalt und eigentlich interessierten ihn diese kleinen Graselfen und Blumenelfen nicht, die sich um die Pflege der Pflanzen kümmerten. Er lächelte. Bei jedem Problem rannten sie zu einer der großen Elfen, den Deva‘s, um Rat zu erfragen oder weitere Anweisungen zu erhalten.
Er beobachtete, wie eine Blumenelfe vorsichtig die Blüte einer noch jungen Margerite schloss. Dann schwebte sie müde mit den anderen Elfen hinter der größeren Deva her. Langsam ging sein Blick hoch zum Baum. Manchmal saß eine der Wachen dort. Sein Blick wanderte noch höher zu den Sternen, die er so liebte, und ging dann hin zu den Alten, die jetzt dort am großen Lagerfeuer saßen. Sie erzählten sich etwas. Sie schnitzten an Stöcken und stellten die schönsten Gegenstände zum Tauschen her. Sie brauchten es nicht wirklich. Hatte jemand Hunger, so gab man ihm zu essen, bat jemand um Hilfe, so half man ihm. Aber sie hatten das Tauschen bei den Zwergen beobachtet und diese bei den Menschen. Wichtel fanden es lustig, andere nachzuahmen.
Dorin schlüpfte vollends unter dem Holzstapel hindurch und schlich sich vorsichtig an das Lagerfeuer heran.
Als ein Frosch vom nahen Teich leise quakte, erstarb das Zirpen der Grillen und schnell stimmten andere Frösche in das Rufen ein. Die Töne schwollen unwillkürlich zu einem wahren Organ von lauten Tönen an und Dorin war dankbar für die unerwartete Hilfe. Er nickte den Mädchen vom Volk der Undine zu, die sich um das Wohlergehen der Frösche kümmerten und diese lächelten zurück. Der Geräuschpegel machte es ihm leicht, unbemerkt über den Boden zu robben. Genauso plötzlich, wie die Frösche mit dem Quaken begonnen hatten, verstummten sie jedoch und er hielt erschrocken und mitten in der Bewegung inne. Hilfe suchend sah er sich zu den Undinen um. Udoni, eines diese Naturwesen vom Volke der Udine stand mit verschränkten Armen und zusammengekniffenen Augen bei den Fröschen. Sie starrte ernst aber nicht feindselig zu Dorin. Der hob entschuldigend die Arme. Ja, er hatte kürzlich seinen Schabernack mit einem dieser Frösche getrieben!
Ja, er würde sich entschuldigen, aber nicht jetzt! Ihn trieb die Neugier weiter, denn die Alten am Lagerfeuer hatten immer Neuigkeiten oder alte spannende Geschichten zu erzählen. Es drängte ihn, schnell und nahe genug an das Lagerfeuer zu gelangen, um endlich die Worte verstehen zu können. Er hoffte, dass es sich lohne, sich der Gefahr auszusetzen, erwischt zu werden.
Hoffentlich erzählte nicht Furgil wieder einer von seinen neuen persönlichen Erfolgen, von fremden Völkern oder Kaufleuten. Er war der Sohn des Schamanen und eigentlich zu jung für diese Runde. Dessen Erfolge waren nicht nur für Dorin langweilig und von Kaufleuten hörte er schon alles in der Schule. Dorin hoffte vielmehr auf die Themen, die in Anwesenheit von Kindern immer ausgelassen wurden. Manchmal sprachen die Alten von den früheren Kriegen zwischen Trollen, Elfen und Wichteln! Die Funken des Feuers stoben wunderbar hoch in die laue Nachtluft. Sterne blinkten in der Ferne und in das Knistern der Holzscheite hörte Dorin wieder das Zirpen von Heuschrecken. Ein Lachen drang zu ihm herüber und dann die erschreckte, laute Stimme von Furgil: „Sonnenlicht der anderen Welt ist gefährlich, sie macht uns zu Stein?“ Wieder lachten die Alten. Ungeduldig kroch er auf allen vieren ein Stück über den Boden. Ihn kümmerte nicht der Sand, der an seinem jungen Körper haften blieb. Den würde er nachher einfach abklopfen, bevor er in sein Bett zurückkehren würde. Was für eine andere Welt? Warum sollten Wichtel zu Stein werden? „Trolle versteinern“, murmelte Dorin. Wahrscheinlich machten sich die Alten mit Furgil einen Spaß, anders konnte es sich Dorin nicht erklären. Er war jetzt nah genug, denn langsam wurden auch die leisen Stimmen verständlicher:
„... Seitdem ist der Stein nicht mehr benutzt worden“, hörte er gerade einen bärtigen Alten sagen.
„Der Stein liegt da, mitten im Wald und alles, woran man erkennen kann, dass er ein Geheimnis birgt, ist ...“
„Pssst!“, machte ein anderer.
„Rede doch nicht so laut! Umso weniger von dem Stein wissen, desto besser, oder hast du das Abkommen von Reykjavic und die Huldufólk's vergessen?“
Dorin spitzte die Ohren. Das war genau das, was er so interessant fand und wofür es sich lohnte, Ärger zu riskieren.
„Mich hört doch keiner!“, antwortete ärgerlich der Erste.
Trotzdem senkte er die Stimme, sodass Dorin noch näher an das Feuer heranschleichen musste, zumal er die Stimme des alten Schamanen Lenguja erkannte. Sein Herz pochte vor Aufregung.
„Also, er führt direkt zu den ...“
Ein verdorrter Zweig knackte unter dem Knie von Dorin. Verkrampft erstarrte er mitten in der Bewegung. Jetzt raste sein Herz. Regungslos, bis seine Muskeln nicht mehr mitspielten, hielt er die Position. Schweiß trat ihm auf die Stirn. Langsam und vorsichtig tastete er sich vorwärts. In einer relativ bequemen Lage blieb er einfach liegen. Eine Fee schwirrte langsam heran, umkreiste ihn und verschwand kopfschüttelnd wieder. Offensichtlich war der Ast vollständig vertrocknet, sonst hätte sie ihn womöglich noch lauthals ausgeschimpft!
„Da war doch ein Geräusch“, rief einer der Alten.
Lenguja stupste ihn gegen die Schulter und lachte:
„Ja, und jetzt stehst du auf und schaust nach, wer uns da belauscht?“
Dorin hielt die Luft an. Einen Moment lang war es still, dann begehrte der andere Wichtel auf:
„Wir müssen vorsichtig sein mit den alten Geschichten!“
Er war drohend aufgestanden, doch Lenguja lachte. Dorin sah, wie der Wichtel Lenguja noch kurz anstarrte, sich vollends umdrehte und einen Schritt in Dorin's Richtung tat, doch Lenguja hielt ihn am Arm zurück.
„Bleib hier, da ist nichts“.
Seine Stimme war resolut. Seine Hand ruhte auf dem Arm des Alten.
Bereit zur Flucht hatte sich Dorin leicht aufgerichtet, schon als der Alte aufgestanden war. Sein Rücken schmerzte von der ungewohnten Lage und er biss sich vor Anstrengung auf die Lippen. Erleichtert sah er, dass der Alte sich wieder bequem auf dem umgestürzten Baum zurechtrückte. Der dicke Hintern streifte beim Setzen einen kleinen grünen Spross, der aus dem alten Baumstumpf wuchs. Ein kleiner Baumelf lief aufgeregt hin und her, starrte immer wieder zu dem kleinen Spross hin und hielt sich vor Schreck den Kopf. Der Hintern des Alten knickte den kleinen grünen Spross fast ab! Als ein Ast im Feuer laut knackte, zuckte Dorin heftig zusammen. Trotzdem schob er sich näher heran und bedeutete dem Baumelfen, ihn nicht zu verraten. Der hatte jedoch keinerlei Sinn für Dorin. Sorgenvoll beäugte er das kleine Pflänzchen und den dicken Hintern des kleinen Wichtels. Bedrohlich nah war der an den Spross herangerutscht! Der Baumelf tat Dorin leid. Sein Leben lang war dieser mit der Pflege von jungen Baumsprösslingen verbunden. Dieser Baum hatte noch Leben in sich und würde bestimmt weitere Sprösslinge austreiben, aber er lag auch auf der Seite und bot ein jämmerliches Bild. Irgendwann würde er als Bank für das Lagerfeuer ausgedient haben. Spätestens dann musste der Baumelf über das verbliebene Wurzelwerk eine Möglichkeit finden, sich zu einem jungen Pflänzchen zu retten, das der Obhut der Feen entweichen wollte, um zu einem stattlichen Baum heranwachsen zu können. Dorin beobachtete den kleinen Baumgeist, der jetzt um die Alten herumflitzte und aufpasste, dass nicht allzu viel von der Rinde abbrach. Passierte es doch, dann stach er mit einem Holzstöckchen durch die Kleidung in den betreffenden Hintern. Dies war nicht immer von Erfolg gekrönt, denn je nachdem wie dick der Wichtel angezogen war, trug er noch einen Winterumhang oder bereits ein dünneres Blätterhemd. Auch wenn die Älteren eher froren, so kleideten sie sich immer noch gerne so, wie ihre unmittelbare Umgebung es ihnen vormachte. Hier ahmten sie selbst die Natur nach. Dorin war nah genug herangekommen, um die Worte klar hören zu können. Ein Stein drückte ihn, doch er verharrte in der unglücklichen Position und lauschte angestrengt den Worten.
„Der Gang ist lang und dunkel ...“, hörte er Lenguja leise erzählen. Dorin konnte die Position nicht halten. Zu unbequem war seine Lage. Er wagte es, sich erneut zu rühren. Langsam schob er sich noch näher heran. Als wieder ein Knacken eines Astes das Gespräch kurz zum Verstummen brachte, schob sich Dorin langsam von dem Feuer zurück.
„Das war nur das Holz im Lagerfeuer“, hörte er Lenguja kichern.
„Sei doch nicht so nervös, wenn ich von den alten Dingen erzähle!“ Dorin verharrte wieder regungslos in seiner Position. Sollte er noch länger zuhören? Wenn nur die Frösche wieder quaken, oder wenigstens die Grillen zirpen würden! Er blickte sich um und sah Udoni, die immer noch mit verschränkten Armen zu ihm hinüberstarrte. Zum Glück war sie ein Wassergeist und kein Wichtel, sonst hätte sie sich eher noch einen Spaß mit Dorin erlaubt und ihn womöglich verraten! Kein Geräusch half ihm. Und bei Udoni hatte er sich ja auch noch nicht entschuldigt, so dass sie gar nicht daran dachte, ihm zu helfen. So wagte er sich nur sehr langsam zurück zu seiner schützenden Behausung.
„Also, der Gang ist dunkel und der Weg ist sehr schmal ...“
Das interessierte ihn natürlich nicht. Er würde schon sehen, wie der Gang ausschaut, wenn er ihn erst einmal gefunden hatte. Wieder schob sich Dorin vorsichtig ein Stück zurück. Er wusste, dass ein erneutes Geräusch unweigerlich zu seiner Entdeckung führen würde. Mit Schaudern dachte er an seine letzte Bestrafung durch seine Eltern:
„Wer Zeit hat, Unfug zu treiben, der hat auch Zeit mitzuarbeiten“, hatten sie gesagt. Tagelang hatte er Wasser von einem nahen Tümpel geholt und an Fellen geschabt, um diese haltbar zu machen. Mittlerweile konnte er die Worte nicht mehr verstehen, die am Lagerfeuer gesprochen wurden:
„... doch wer einen Feuerstein in dem dunklen Gang benutzt, um sich den Weg zu beleuchten, wird riskieren, dass ein Feuergeist die Gase entzündet und der Gang einstürzt!“
Eine ärgerliche Stimme mischte sich ein:
„Rede doch nicht so einen Quatsch! – Feuergeist! Das sind Gase, die sich entzünden!“ Jetzt stritten die Alten am Lagerfeuer über die richtige Art, einen Weg zu beleuchten. Dorin hatte mittlerweile sein Bett erreicht und schlief sofort ein ohne sich den Staub abzuklopfen.
5. Der Plan
Sunny wachte wie immer mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Sie räkelte sich, sprang auf und küsste erst ihre Mutter, dann ihre Oma auf die Wange.
„Soll ich Wasser holen?“, fragte sie und lief schon los.
Es ging ihr eigentlich nicht darum Wasser zu holen, sondern darum zu sehen, ob ihre Freunde Dorin und Skalli schon wach waren. Sie sprang mit einem Blatt, dass sie im Laufen zu einem Trichter formte in Richtung des Tümpels. Ein Blatt war viel leichter als diese schweren Eimer und so konnte sie die benötigte Wassermenge viel leichter tragen. Nahe des Tümpels hörte sie schon die Stimmen der Jungen. Sie verharrte im Schritt und schlich sich an.
‚Ein kleiner Streich am Morgen, vertreibt Kummer und Sorgen‘, dachte sie vergnügt. Sie sah sich um, sah eine kleine Nieswurzpflanze und nahm sich unter Protest einer Elfe ein kleines Stück Wurzel. Sie zerrieb es sorgfältig zu Pulver. Sie lächelte, als sie an die Wirkung dachte. Wer auch immer das Pulver einatmen würde, musste so heftig niesen, dass seine Füße fast vom Boden abhoben. Sie wusste, wen es gleich treffen würde. Behutsam schüttete sie das Pulver in ihren Trichter und blies heftig in das zusammengerollte Blattende. Das Pulver flog erst in Richtung der Jungen, driftete dann durch einen plötzlichen Windstoß ab! Mit Schrecken sah sie, dass es jetzt in eine falsche Richtung flog und, offensichtlich durch einen weiteren Windstoß getrieben, Richtung Dorfplatz trieb. Dort stand Grumdin, der Dorfälteste. Sie duckte sich verärgert. Schon nieste er und grummelte verärgert. Doch ehe sie sich entscheiden konnte, ob sie über ihren gelungenen Streich lachen sollte oder sich darüber ärgern, dass es den Falschen getroffen hatte, hörte sie die aufgeregte Stimme von Dorin:
„Stell dir vor: Lenguja selbst hat von dem Gang erzählt! Der alte Schamane!“
Skalli starrte Dorin an.
„Lenguja? Der sitzt doch sonst eher in seinem Zelt zwischen seinen Töpfen und Kräutern.“
Sogar über die Entfernung hinweg sah Sunny, wie seine Augen aufblitzten.
„Das muss ich Sunny erzählen!“
Dorin tippte sich an den Kopf.
„Bist du irre? Du willst doch nur wieder Eindruck schinden bei der grünäugigen ...“
Skalli stürzte sich auf Dorin und hielt ihm den Mund zu. Dorin ließ sich das natürlich nicht gefallen und so rangen die Beiden auf dem staubigen Boden miteinander.
„Du bist doch selbst in sie verschossen“, keuchte Skalli, ließ sich auf den Rücken fallen und atmete gierig die Luft ein. Auch Dorin ließ sich jetzt auf den Rücken fallen, verschränkte die Arme unter seinem Kopf und starrte in den blauen Himmel.
„Mensch, Alter“, sagte er,
„sie ist einfach ... so ... so ... in Ordnung!“
Skalli setzte sich auf und starrte zu Dorin.
„Sie ist ein echt feiner Kerl“, bestätigte er.
„Ich glaube, ich würde alles für sie tun.“
Dorin’s bernsteinfarbene Augen fixierten ihn.
„Würdest du unsere Freundschaft für sie opfern?“
Skalli's Kopf ruckte hoch.
„Himmel, nein“, rief er.
„Das ist doch etwas ganz anderes!“
Dorin setzte sich auf.
„Ja, ich mag sie auch gern. Eines Tages werden wir uns wegen ihr streiten.“
Skalli schüttelte den Kopf.
„Es ist ihre Entscheidung. Sie wird bestimmen, was geschieht.“
Sunny bemerkte eine Bewegung rechts von sich und erkannte Lenguja. Der hockte auf den Fersen und schaute lächelnd zum Dorfältesten hinüber. Sunny’s Herz pochte. Hatte er etwa ihren missglückten Streich mitbekommen? Sie konnte sich nicht länger zurückhalten, musste etwas tun, um nicht Lenguja womöglich Rede und Antwort stehen zu müssen. Ihre Stimme ließ die Beiden zusammenfahren:
„Wer wird bestimmen, was geschieht?“
Dorin und Skalli sprangen auf die Füße. Skalli wurde rot.
„Ich habe gestern die Alten am Lagerfeuer belauscht und du wirst entscheiden, ob wir es wagen werden“, rief Dorin hastig und setzte listig hinterher:
„Ab wo hast du meine Neuigkeiten mitgehört?“
Sie lächelte, als sie seine List erkannte. Würde sie jetzt zuviel sagen, wüssten beide, dass sie nicht nur das Ende ihres Gespräches mitbekommen hatte. Lieber beschloss sie, für sich zu behalten, dass sie das ganze Gespräch mitverfolgt hatte. Sie wollte ihn nicht bloßstellen. Skalli's roter Kopf hatte sich wieder zur normalen bräunlichen Hautfarbe zurückverwandelt, nur die Ohren leuchteten noch rot vor Aufregung und Sunny lachte.
„Ich habe gar nichts gehört“, log sie.
Sie hasste es zu lügen, aber in diesem Fall hielt sie es für angebracht, um ihn nicht erneut in Verlegenheit zu bringen.
Skalli erzählte aufgeregt, was er von Dorin wusste, während dieser ihn amüsiert musterte. Er erzählte von dem geheimnisvollen Gespräch, das Dorin belauscht hatte, während Dorin ungeduldig darauf wartete für seine Lauschaktion gelobt zu werden.
Sunny sah von einem zum anderen. Sie wusste, dass es viel besser ist, wenn nicht der Held von seinen Taten berichtet, sondern ein anderer. So war es ja auch bei den Erzählungen der Krieger am Lagerfeuer. Insgeheim wartete sie, dass Skalli seinen Freund gleich einbeziehen würde, sodass Dorin seinen Mut noch einmal selbst bekräftigen und davon berichten konnte, dass sie ihn fast erwischt hätten.
Doch Skalli erwähnte Dorin mit keiner Silbe!
Darüber ärgerte sich Sunny. Nüchtern gab der das Geheimnis der Alten preis, ohne auch nur mit einer Silbe Dorin zu erwähnen, der voller Ungeduld von einem Fuß auf den anderen trat! Auch dessen Miene verfinsterte sich zusehends.
Endlich holte er Luft, um sich weiter selbst in Szene zu setzen.
Sunny bemerkte es.
„Wow“, unterbrach sie ihn, „Da muss ich gleich versuchen, etwas mehr von meiner Oma zu erfahren.“
Ihr Blick fiel zu Dorin.
„Mensch Dorin, was schaust du denn so miesepetrig?“
Sie bot Dorin ihre Hand an.
„Komm doch mit, dann können wir beide versuchen etwas von ihr zu erfahren!“
Dorin wurde rot.
„Ja, gern“, stotterte er.
Skalli starrte beide sprachlos an. Es stand ihm im Gesicht geschrieben, dass er Sunny hatte beeindrucken wollen und jetzt verwirrt war, dass sie ihm nicht ihre Hand anbot.
In diesem Augenblick erscholl ein Ruf quer über den Marktplatz: „Dorin! Komm und hilf mir mal!“
Dorin stöhnte auf:
„Mist!“
Dann senkte er den Kopf und trottete zu seiner Mutter, die mit einem Korb vor dem kleinen Zelt stand und auf ihn wartete.
Sunny lächelte Skalli an.
„Komm Skalli.“
Sie bot ihm die Hand.
„Wenn du nicht so sauer dreinschaust, dann kannst du mit mir kommen!“
Skalli stampfte seinen Fuß in den Boden und raunte.
„Nee, lass mal.“ Offensichtlich wütend drehte er sich um und trottete in den Wald.
Sunny nickte und murmelte:
„So ist es, wenn man seinen Freund um seinen Ruhm bringen möchte. Man kann es nicht wirklich genießen.“
Sie zuckte die Schultern und lief zügig nach Hause. Als sie die Zeltwand zur Seite schlug, drang ihr der köstliche Duft von gedünstetem Obst entgegen.
„Hmmm! Das riecht aber lecker, Oma!“
Die Oma schaute sie gespielt ernst an. Ein leichtes Lächeln huschte über ihr runzliges Gesicht, während ihre Mutter Brombeeren und Wurzeln im Topf umrührte.
„Na, Sunny, was soll denn Oma für dich tun?“, fragte sie und blinzelte der Oma zu, die am Tisch Erdknollen schälte.
Sunny setzte sich ganz dicht neben ihre Oma und flüsterte ihr zu:
„Erzählst du mir eine Geschichte?“
Die Oma schaute ihr liebevoll ins Gesicht: „Die Brombeeren, die deine Mutter dort mit den Wurzeln verrührt, schmecken nicht nur, sondern helfen sogar bei Fieber! Wusstest du das?“
Sunny lächelte: „Und aus den Blättern kann man auch Tee kochen. Ach Oma, das weiß ich doch längst.“
Sie stellte ihre Stimme tief und raunte: „Eine Geschichte von verbotenen und geheimen Abkommen?“
Der Löffel im Topf klapperte und ihre Mutter drehte sich um: „Was hast du denn jetzt wieder aufgeschnappt, Kind?“
Sorge lag in ihrer Stimme. „Ich kenne nur ein Abkommen und das ist ganz bestimmt nichts für Kinderohren!“ Jetzt hörte Sunny sogar einen wütenden Klang heraus.
Die Oma reagierte nicht.
„Du erzählst ihr nichts von den Geschichten!“ Die Stimme von Sunny’s Mutter überschlug sich schrill und sie beugte sich über den Tisch. Ihr Gesicht war nur noch eine Handbreit vom Gesicht der Oma entfernt: „Kein Wort“, zischte sie langsam und eindringlich.
Die Oma schaute ihrer Tochter direkt in die Augen. Ihre Stimme war fest, als sie sprach: „Die Dinge nehmen ihren Lauf, wir können es nicht verhindern!“
Mit diesen Worten stand sie langsam auf, während Sunny’s Mutter vor lauter Wut laut „Oooch“ machte.
So standen die beiden Frauen voreinander und starrten sich an.
„Auch du hast damals gefragt und ich habe es erzählt. Wissen kann nicht schaden!“
Ihre Hand tastete nach dem Kopf Sunny’s.
„Komm, lass und Beeren suchen gehen.“
Tränen stiegen in die Augen von Sunny’s Mutter.
„Wenn mein Mann noch leben würde, dann würdest du es nicht wagen!“
Sunny fühlte sich unwohl. Was hatte sie nur angerichtet! Die Stimmung war so schnell umgeschlagen. Eben noch hatten die Beiden gescherzt und nun fochten sie einen Kampf aus, wann Wissen weiterzugeben sei.
„Ich will es nicht mehr wissen“, log sie.
Stille trat ein. Da kniete sich ihre Mutter vor ihr auf den Boden und hielt ihre Hände.
„Es ist gut.“
Eine tiefe Sorgenfalte hatte sich auf ihrer Stirn gebildet und sie rang nach Fassung.
„Es ist schon gut, mein Kleines. Ich war nur nicht darauf vorbereitet, dass du es bereits jetzt erfahren wirst.“
Mit einem Schwung nahm sie Sunny in die Arme und raunte ihr leise ins Ohr:
„Du bist kein Kind mehr.“
Dann sah sie Sunny wieder in die Augen.
„Geht jetzt!“
Schweigsam verließ Sunny mit ihrer Oma das Zelt. Sie fühlte sich unbehaglich und doch war sie gespannt auf die Geschichte. Mit ihrer Oma kam sie jedoch nur langsam voran und sie platzte doch fast vor Ungeduld! Schritt für Schritt ging ihre Oma über den großen Platz. Aus einem Baumwipfel heraus sang eine Nachtigall und Sunny freute sich über die schönen Töne des Vogels, der so gerne Beeren ist. Mit Mühe erreichten sie endlich den Rand des Marktplatzes. Sunny lief vor und machte es sich auf einem Baumstamm bequem. Immer noch lauschte sie den Tönen des Paradiesvogels und wartete.
„Also, mein Kleines, es gibt ein Abkommen mit einem Volk, dass größer, aber nicht mächtiger ist, als wir es sind. Dieses Volk lebt in einer Welt, die so ...“
Es knackte hinter ihnen und jemand machte laut:
„Pssst!“
Lenguja, der Schamane des Dorfes war hinter ihnen stehen geblieben. Mühsam drehte sich die alte Frau um.
„Erzähl weiter“, drängte Sunny.
„Du erzählst die verbotene Geschichte des Steines und von dem Abkommen?“, fragte Lenguja heiser.
Sunny schaute von ihrer Oma zu Lenguja und wieder zurück.
„Ich habe ein Gesicht gehabt“, sagte der Schamane, doch die Oma winkte ab.
„Gesichter! Ha“, rief sie.
„Ich bin alt, mir macht es keine Angst mehr mit euren Gesichtern!“ Lenguja kniff die Augen zusammen.
„Ich habe ein Gesicht gehabt“, wiederholte er „und es nicht verstanden. Nun aber beginne ich zu verstehen!“
Er schaute prüfend in Sunny’s Gesicht. Dann nahm er ihr Kinn in seine Hand und beugte sich vor.
„Erforsche die Geschichte, aber sei vorsichtig. Alles wird sich zeigen.“ Er straffte seinen Körper und wirkte auf einmal ganz zufrieden.
„Trinke jeden Tag etwas grünen Tee, das stärkt die Zähne!“ Verblüfft schaute ihm die Oma hinterher, dann fasste sie sich und rief ihm hinterher
„Zuviel davon macht aber müde“, doch er winkte nur ab.
„Das hätte ich nicht erwartet. Ich dachte, er schimpft und verbietet mir weiterzusprechen, der alte Narr.“ Sunny’s Blick löste sich von dem alten Mann.
„Oma, das ist unser Schamane“, rief sie etwas verstört.
„Ich habe auch Lebenserfahrung“, sagte ihre Oma. Sunny war verwirrt. So kannte sie ihre Oma nicht. Aus irgendeinem Grund war diese nicht gut zu sprechen auf Lenguja.
„Ach Sunny. Seit Jahren höre ich seine Worte. Sicherlich hat sein Hinweis mit dem Tee seinen Sinn. Schau ihn dir an. Er ist selten krank, obwohl er nur seine grünen Blätter isst und nichts trinkt, außer natürlich seinen Tee.“ Leise lachte sie und zeigte dabei ihre grauen Zahnstummel.
„Aber seine Macht schwindet und er unternimmt nichts. Er benutzt die Anderen, um seine Ziele zu erreichen. Schon lange hat er keine große Tat mehr vollbracht!“ Sie verstummte und hing ihren Gedanken nach.
„Er war mal ein staatlicher Wichtel“, sagte sie und ihre Stimme klang fast ein wenig traurig. Zögernd schüttelte sie den Kopf.
„Ich wüsste zu gern, was er im Schilde führt.“
Sunny fiel der Stein wieder ein, doch bevor sie etwas sagen konnte, nickte ihre Oma schon und sagte: „Ja, ja, der Stein.“
Liebevoll schaute sie Sunny an.
„Er führt zu dem Volk, das in dem hellen Licht lebt und dass noch immer Verrat und Tod und Krieg übt. Sie essen sogar Tiere!“
Sunny wurde schlecht.
„Igitt“, rief sie.
Eine Frau, die eilig an Ihnen vorbeilief, schaute kurz herüber.
„Wo liegt denn dieser Stein?“, würgte Sunny schnell hervor.
„Erzähl ihr nicht zu viel“, rief Lenguja zu ihnen und trat heran.
„Das könnte alles zunichtemachen!“
Ärgerlich schüttelte die Oma den Kopf und stand mühsam auf.
„Das meine ich. Von dir erfährt man nichts und weitergeben soll man auch nichts. So gehen die alten Geschichten verloren!“
Sie blickte düster in Lenguja’s Augen und öffnete den Mund.
„Pssst“, machte Lenguja leise und sie schloss den Mund wieder.
Mit einem vernichtenden Blick zu Lenguja machte sie sich auf den Rückweg. Sunny blieb verwirrt stehen, dann aber beeilte sie sich, ihre Oma einzuholen, um noch ein wenig zu erfahren. Doch viel konnte sie nicht mehr in Erfahrung bringen.
Unterdessen trugen viele auf dem Marktplatz ein großes Lagerfeuer zusammen. Die Wichtel tuschelten über eine Vorstellung, die am Abend stattfinden sollte. Sunny war gespannt. Sie wusste, dass jedes Stammesmitglied am Lagerfeuer die Gelegenheit hatte, andere an einem eigenen Erfolg teilhaben zu lassen. Manche dichteten ein neues Lied und stellten es den anderen vor, oder hatten gelernt ein Instrument zu spielen. Wer sich zutraute sein Können einzubringen, durfte dies tun und lief nicht Gefahr ausgelacht zu werden. Das Lagerfeuer bot jedem die Gelegenheit, den Stamm an der eigenen Freude teilhaben zu lassen. Jeder hörte einem geduldig zu und freute sich mit dem Stammesmitglied, doch wer wollte heute Abend von seiner neuen Kunst berichten?
Als Sunny die Vorbereitungen zu dem Lagerfeuer sah, vergaß sie in der Aufregung ihre weiteren Fragen nach dem Stein. Ihre Mutter schaute auf, als beide in das Wichtelhaus eintraten.
„Mama! Heute Abend berichtet jemand am Lagerfeuer! Darf ich aufbleiben und zuhören?“
Ihre Augen flehten ihre Mutter Sorbi an und als diese nickte, warf sich Sunny in ihre Arme.
„Danke.“
Sie half beim Zusammenräumen der Felle und beim Aufhäufen der Strohballen, die als Bett dienten. Als endlich die Nacht hereinbrach, gingen sie los zum Marktplatz.
Das Feuer brannte meterhoch und viele hatten sich gesammelt. Sie redeten durcheinander und Sunny’s Augen suchten nach Skalli und Dorin. Als sie entdeckte, dass Dorin gerade von einigen Alten verscheucht wurde, lächelte sie. Wahrscheinlich hatten sie ihn beim Lauschen erwischt.
„Hallo Dorin, bringst du wieder Geheimnisse in Erfahrung?“
Dorin kam zu ihr herübergelaufen.
„Ja, ähm, hat dir Skalli das also doch noch erzählt“, rief er auf einmal sehr fröhlich.
„Was soll Skalli mir erzählt haben?“, fragte sie etwas irritiert und setzte sich auf einen Baumstamm dicht vor dem Lagerfeuer. Dorin hatte schon ganz dicht neben ihr Platz genommen und murmelte
„Ach nichts.“
Er stieß Sunny an, deutete auf einen Kobold, der einen kleinen Eimer trug und den sandigen Inhalt in das Feuer kippte, um es zu löschen. Doch es war schon zu groß, um von dem Sandhäufchen gelöscht zu werden. Der Kobold hüpfte vor Wut auf dem Eimer herum, besann sich und holte einen neuen, größeren Eimer. Diesmal war er mit Wasser gefüllt. Es schwappte immer wieder über den Rand und als der erschöpfte Kobold endlich am Feuer ankam, war er patschnass.
„Ist der nicht lustig, der kleine Kobold?“, fragte Sunny.
„Ja, dem geht alles daneben!“
Sie lachte: „Weißt du eigentlich woher die Kobolde kommen?“
Als Dorin den Kopf schüttelte, erklärte sie mit ihrer lieblichen, noch zarten Stimme: „Kobolde zu dessen Geschlecht auch schadenfrohe Berggeister, Feldgeister und Waldgeister gehören, leben in Wäldern und geistern zuweilen auch als Irrlichte durch den Wald. Allen ist gemein, dass sie sich freuen, Furcht zu verbreiten oder andere zu ärgern!“
Dorin sah sie ratlos an: „Wie sollen sie zu Irrlichtern werden, wenn sie doch Waldgeister sind?“
„Grauenhaft tückische Wassergeister gibt es auch. Alles Kobolde!“. Sie strahlte ihn an: „Aber wenn man schläft, lassen sie einen in Ruhe.“
Er lachte: „Du meinst tatsächlich, wenn man einem Unhold gegenübersteht, braucht man nur so tun, als schliefe man und er lässt einen in Ruhe?“
Sunny guckte ihn ernst an: „Ich ziehe mir auch die Bettdecke über den Kopf.“
Dorin lächelte.
„Ich würde mich ihm in den Weg stellen und zeigen, dass ich kämpfen werde. Egal, ob ich verliere, ich hätte es wenigstens versucht.“
Sunny sah auf den Boden. Sie überlegte.
„Wenn ich das von der anderen Seite her betrachte, von Gott ...“, ihr versagte fast die Stimme vor Angst von Dorin ausgelacht zu werden, weil sie Gott ins Spiel brachte. Tapfer riss sie sich zusammen und beendet ihren Satz.
„Meinst du, er hilft eher denen die Angst haben oder denen, die sowieso schon stark sind?“
Forschend sah sie in Dorin’s Gesicht. Er lachte sie nicht aus, er lächelte nicht einmal mehr. Nachdenklich schaute er sie an und wählte seine Worte mit Bedacht:
„Ich glaube selbst die, die stark scheinen, tun oft nur so.“
So saßen sie einige Zeit nebeneinander und beobachteten die Funken, die langsam in die Luft und dann in den Nachhimmel aufstoben. Der Kobold kam wieder angelaufen. Er hielt einen größeren Eimer ihn der Hand.
„Da!“
Sunny stieß Dorin an. Mit offenen Mündern sahen sie, wie Lenguja eine Prise irgendeiner Substanz in den Eimer träufelte. Er entfernte sich schnell. Der Kobold hatte es nicht bemerkt. Er stemmte zitternd vor Anstrengung den Eimer hoch und kippte den Inhalt in das Feuer. Eine Stichflamme stieg in die Luft und er zuckte erschrocken zurück. Dorin lachte, aber Sunny tat der kleine Kobold leid.
„Lenguja spielt Streiche?“, wunderte sich Sunny.
Sie erinnerte sich daran, dass er ihr entgegengekommen war, als sie morgens die Jungen mit Nieswurz zum Niesen bringen wollte. Hatte er ihren Streich auf den Dorfältesten umgelenkt? Die Stimme von Dorin riss sie aus ihren Gedanken.
„Weißt du noch, wie am Lagerfeuer die Geschichte vom Pilz erzählt wurde und Skalli vor lauter Ekel Pickel bekommen hat?“
„Du bist gemein, Dorin!“
Sie rutschte vom Baumstamm und drängte sich zwischen andere Wichtel, sodass er nicht folgen konnte.
„Was habe ich denn gesagt?“, rief er hinter ihr her, doch sie reagierte nicht. Die Hitze des Feuers wurde immer größer und einige suchten sich einen anderen Platz, oder drehten die kräftigen Rücken zum Feuer. Skalli stieß ihn in den Rücken und setzte sich neben ihn. Beide rammten sich freundschaftlich die Ellbogen in die Seite und starrten Sunny hinterher. Sie drehte sich um, sah beide nebeneinandersitzen und kam zurück.
„Ich habe dich gerade gesucht“, rief sie fröhlich.
Lächelnd ließ sie sich neben Skalli plumpsen. Alle drei schauten unverdrossen in das Feuer, bis ihre Gesichter von der Hitze ganz heiß und rot waren.
„Puh, ich kann nicht mehr“, rief Sunny.
Dorin ärgerte sich, dass ihm nichts zum Erzählen einfiel und setzte wieder sein finsteres Gesicht auf.
„Dorin?“, lächelte Sunny.
„Was machst du immer für ein ernstes Gesicht?“
Doch er zuckte nur die Schultern. Ihm wollte einfach nichts Gescheites einfallen.
„Ich liebe die Geschichten am Lagerfeuer“, rief Sunny glücklich. Beide beobachteten sie von der Seite.
„Und ich liebe die Geschichten der Alten“, sagte Dorin endlich.
„Sie erzählen immer gegenseitig alte, geheime Begebenheiten, voller Gefahren und Mystik.“
Dorin war froh endlich ein Thema gefunden zu haben und wollte gerade genauestens von seinen nächtlichen Wanderungen berichten, als ein Mann aufstand und einen brennenden Ast aus dem Feuer nahm.
„Pscht! Es geht los“, raunte Sunny, als der Mann den brennenden Ast hochhielt. Die Gespräche verstummten und endlich erkannte Sunny auch die Gestalt, die von etwas berichten wollte.
„Hagahn.“
Sie murmelte den Namen fast ehrfürchtig, während seine kräftige Stimme über den Platz scholl.
„Lange schon habe ich die Sterne beobachtet. Ich habe den Wind betrachtet und das Zerren des Windgottes an unseren Fellen.“ Langsam bückte er sich und nahm ein Blatt vom Boden auf.
„Dieses Blatt habe ich getrocknet.“ Er nahm ein anderes Blatt auf.
„Ein anderes Blatt, aber noch frisch gepflückt!“
Nun hielt er beide Blätter in den Händen. Mit einer schnellen Bewegung warf er beide in die Luft. Das Getrocknete stob durch die Wärme des Feuers in die Luft, während das Andere schwerfällig hinunterfiel und von den Flammen verschlungen wurde.
„Dies habe ich entdeckt.“
Er schaute in die Runde. Die Gesichter der Frauen und Kinder, der Alten und der Krieger zeigten keine Regung.
„Ich weiß, ihr habt euch etwas Großes vorgestellt, wenn ich ein Lagerfeuer entzünden lasse! Manch einer wird sich an das Spiel der Frau Gnus erinnern, die uns erfreute, als sie eine schöne Melodie auf ihren Musikstöcken hervorbringen konnte.“
Erneut schaute er in die Runde.
Ja, es stimmte. Sunny war enttäuscht über die Darbietung, aber es schickte sich nicht dies zu zeigen. Jeder, der am Lagerfeuer etwas den anderen zeigen wollte, war stolz darauf und hatte das recht sich mitzuteilen. Es wurde geachtet, denn es war ein Erfolg desjenigen, der sprach. Oftmals war es ein rein persönlicher Erfolg, der für die anderen nur von wenig nutzen war. Die Stimme Hagahn‘s riss sie aus ihren Gedanken.
„Wie ein Blatt, so kann auch Stoff durch den Wind getragen werden! Er riss ein Stück dünnen Stoffes von seinem Hemd ab und warf es hoch. Die Hitze des Lagerfeuers erfasst den Stoff und trug ihn ein Stück weiter in die Höhe. Wie ein Stoff, so könnte auch ein Wichtel, vielleicht sogar ein Zwerg durch den Wind getragen werden, wenn der Wind stark genug ist und warm!“
Wieder machte er eine Pause und nochmals schaute er in die Runde. Er blickte in nachdenkliche Gesichter, nickte und setzte sich. Sunny ließ den Mund offen stehen. Hagahn hatte etwas entdeckt und sich Gedanken darüber gemacht. Er erzählte nichts zu seiner Ehre, sondern teilte sein Wissen, um vielleicht einem anderen Wichtel den Erfolg zu gönnen, seine Entdeckung zu nutzen. Sie blickte sich um. Hagahn hatte sich gerade wieder einmal Respekt erworben. Nicht mit einer großen Tat. Und doch hatte er sein Ansehen gestärkt und würde Ruhm davontragen. Leise begann eine Frau zu summen und der Stamm der Wichtel von der Veste Coburg saß um das Lagerfeuer. Ein jeder wärmte sich den Körper und freute sich am miteinander. Als die Kinder in ihre Betten gingen, war es bereits finstere Nacht.
Bereits am nächsten Tag liefen die drei kleinen Wichtel vergnügt durch den Wald. Sie stießen mit ihren Füßen immer wieder eine Schweinsblase an, von einem Schwein, das an Altersschwäche gestorben war. Holpernd kollerte das Ding den Weg entlang und wurde schließlich von Sunny in ein Gebüsch geschossen.
„Endlich sind wir da“, rief sie und ließ sich auf den Boden fallen. Skalli schaute sich um.
„Was ist an diesem Ort so Besonderes?“, fragte er, doch Dorin wusste die Antwort.
„Sie meint den Stein dort.“ Er zeigte auf einen Felsblock, der einzeln am Wegesrand lag.
„Der letzte Durchgangsstein in das verbotene Land, den es noch gibt“, raunte er. Schon früher hatte er einmal davon gehört, doch die Erwachsenen hatten sofort geschwiegen, als sie merkten, dass er in der Nähe war. Es war ein zu großes Geheimnis! Und bisher war niemand bereit gewesen zu erzählen, was es mit diesem Stein auf sich hatte, zumal Lenguja es verboten hatte darüber zu reden. Es hieß immer nur, dass sie sich von gefährlichen Orten fernhalten sollten.
„Gefährlich“, rief Dorin und ließ seine langen, beharrten Hände dabei zittern. Dann sprang er auf und ging zu dem Stein hinüber. Sunny war es unheimlich.
„Sei vorsichtig“, rief sie, doch auch ihr war die Neugier anzusehen.
„Meine Oma sagte, der Stein birgt ein Geheimnis, das nur Erwachsene lüften dürfen! Eine helle Welt ist hinter dem Stein zu finden und ein anderes Volk. Dann hatte sie mit den Augen gerollt und Lenguja, der gerade an uns vorbeiging, als wir auf dem Baumstamm am Markt saßen, hatte ‚PSSST‘ zu ihr gemacht! Danach ärgerte sie sich eigentlich nur noch über Lenguja. Vielleicht hat sie wegen Lenguja lieber geschwiegen, aber eines hat sie noch gesagt. Sie sagte noch etwas von Feuer in tiefstem Innern. Das habe ich aber nicht richtig verstanden.“ Sunny zuckte die Schultern. Die Drei standen um den Stein herum und schauten vorsichtig, ob er irgendwie verdächtig wäre.
„Bist du sicher, dass es der richtige Stein ist?“, fragte Dorin schließlich.
„Natürlich ist sie das“, rief Skalli. Seine Ohren wurden wieder einmal feuerrot und Dorin griente ihn spöttisch an. Dann betastete er den Stein und versuchte ihn anzuheben. Skalli sprang hinzu und half ihm dabei, während Sunny einen Schritt zurückwich und den beiden zusah. Sie fand es immer süß, wenn Skalli rote Ohren bekam und lächelte. Dann lief auch sie zu dem Stein, hockte sich neben diesen und versuchte, ihre Hand unter ihn zu schieben. Während die beiden Wichteljungen vor Anstrengung rote Köpfe bekamen, schob Sunny ihre Hand weit unter den Stein. Darunter war es leer. Erschrocken zog sie ihre Hand zurück.
„Eine Elfe“, rief sie. „Hier müssen Elfen wohnen! Es fühlt sich an, als ob der Raum unter dem Stein leer ist!“ Skalli überlegte.
„Wenn du so ein Gefühl hast, als ob dich etwas streift, oder wenn du meinst etwas aus den Augenwinkeln heraus zu sehen, dann ist es eine Elfe. Aber ein Hohlraum, in den deine Hand passt, kann auch etwas anderes sein!“
Dorin lief los, um einen großen Ast zu holen.
„Ich habe eine Idee!“, rief er.
„Lasst uns warten!“, rief Sunny. „Ich möchte nicht von verärgerten Elfen angegriffen werden! Ihr wisst, wie zickig und grantig die werden können!“ Dorin ignorierte sie.
„Hebelkraft“, sagte er in verschwörerischen Ton und schob den Ast unter den Stein. Offensichtlich wollte er jetzt nicht warten! Er wollte Gewissheit!
„Elfen sind doch freundlich!“, stieß er hervor und Skalli, der etwas gezögert hatte, packte mit an. Der Stein schob sich langsam zur Seite und gab den Blick auf einen Schacht frei. Dorin überlegte nicht lange, sondern ließ sich gleich in den Schacht hinuntergleiten. Skalli wollte vor Sunny nicht klein beigeben und Mut zeigen. So ließ auch er sich in den Schacht hinab, während Sunny noch etwas unschlüssig am Rand stehen blieb. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie eine Bewegung und folgte schnell den Jungen.
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