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Stefan König
Auf dem hohen Berg
Eine Liebesgeschichte.
Anno 1906 auf der Zugspitze
BERG & TAL Verlag
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Nachsatz
Kapitel 1
Im Oktober des Jahres 1906, früh am Morgen eines wundervollen, aber kalten Herbsttages, machte sich im Werdenfelser Reinthal eine aus Menschen und Tieren zusammengesetzte Gruppe auf den Weg. Fünf Männer, sechs Maultiere und ein Meteorologe. Bei Letzterem handelte es sich um Anselm Straub, der erst vor wenigen Wochen seinen siebenundzwanzigsten Geburtstag gefeiert hatte. Er war bestimmt dazu, als Wetterwart den bevorstehenden Winter auf der Zugspitze zu verbringen.
Ganz allein auf Deutschlands höchstem Berg, zweitausendneunhundertvierundsechzig Meter hoch.
In diesen Hochlagen dauert der Winter lange. Erst Mitte Juni des darauffolgenden Jahres sollte der Wetterwart abgelöst werden. Straub würde also acht Monate lang die Temperaturen und den Luftdruck überwachen, die Windgeschwindigkeiten und die Schneehöhen. Er würde die Wolken studieren und die Fernblicke vermessen. Und er würde Buch führen über das Wesen des Wetters und der Natur.
Seine wichtigste Aufgabe freilich war, täglich Wetterprognosen ins Tal zu melden. Dafür gab es ein Telefon; die Leitung war 1896 von Garmisch herauf mühsam verlegt und seither mehrfach ausgebessert und dem neuesten Stand telegraphischer Technik angepasst worden.
Die kleine Expedition war am Tag zuvor in Partenkirchen aufgebrochen. Angeführt vom alten Dengg, der jede Spitze und jede Falte seines Gebirges kannte, und der deshalb keine Kraxe zu schultern und kein Muli zu treiben hatte. Seine Aufgabe bestand darin, vorneweg zu gehen und auf die nicht unerheblichen Gefahren des Gebirges zu achten. Er hatte als Führer einen guten Ruf, bärbeißig, aber zuverlässig. Mürrisch, aber erfahren und dazu ausgestattet mit einem Riecher für den richtigen Weg.
»Mir sind spät dran«, murrte er. »Oktober ist spät fürs Naufgehen zum Zugspitz.«
Dengg fürchtete einen Wetterumschwung, gar einen plötzlichen Wintereinbruch.
Aber der Meteorologe hatte ihn nachsichtig lächelnd beruhigt. Er war nicht nur ein Mann der Wissenschaften, er war, trotz seiner Jugend, gesegnet mit besten Instinkten, zumindest was das Wetter betraf.
»Wenn Schnee käme«, hatte er zum alten Dengg gesagt, »dann würde ich es beim Pissen spüren. Und zwar eine Woche im Voraus.«
Die Maultiere waren mit all dem beladen worden, was Straub in den kommenden Monaten in seiner völligen Abgeschiedenheit benötigen würde. Lebensmittel, Kleidung, Wäsche, Hygieneartikel. Ein zweites Paar Bergstiefel (das andere trug er an den Füßen), Stulpenstiefel, Hauspantoffel und ganz normale Haferlschuhe. Medizin, Schnaps, Pfeifentabak. Schreibzeug für seine persönlichen Aufzeichnungen. Bücher zu Studienzwecken und Bücher zur Unterhaltung. Außerdem den Jahrgang 05 der Deutschen Alpenzeitung, weil er noch viele Beiträge lesen wollte, zu deren Lektüre ihm immer die Zeit gefehlt hatte. Nicht zu vergessen das Grammophon, das ihm seine Mutter gekauft und ihm bei der Abreise, gleichsam als Überraschung, gut verpackt unter den Arm geklemmt hatte. »Auf die Scheiben musst du besonders aufpassen, mein Junge«, hatte sie gesagt. »Die brechen ja so leicht.«
Zuerst war ihm dieses liebevolle Geschenk gar nicht genehm gewesen. So viele Umstände, Unkosten. Wegen ihm! Und transportiert werden musste das ja auch. Ob das wohl gut ginge! Doch dann hatte er begonnen, sich allmählich anzufreunden mit dem Gedanken, dort droben, im Alleinsein, jederzeit Musik genießen zu können.
Arien von Caruso. Den Chor aus Nabucco. Wiener Walzer. Märsche. Und Klaviermusik von einem gewissen Scott Joplin. »Ist auch was für junge Leute dabei«, hatte seine Mutter gesagt.
Dort droben könnte er zu jeder Tages- und Nachtzeit Musik hören, hatte er überlegt. Laut, wenn er wollte. Musste auf niemanden Rücksicht nehmen. Ja, sogar tanzen konnte er, wenn ihm der Sinn danach stand. In Bergstiefeln und langen Unterhosen, wenn es ihm so gefiel.
Straub musste lächeln bei dieser Vorstellung.
Die Träger und Treiber waren junge kräftige Männer. Sie waren es gewohnt, im Wald und auf den Höfen zu arbeiten. Sie waren stark und genügsam, ausdauernd und wortkarg. Die Tour auf die Zugspitze war für sie Zubrot. Während der Sommermonate versorgten sie mit ihren Mulis die Hütten im Reinthal und auf dem Gipfel. Und nun, seit 1900 der erste Meteorologe auf der Zugspitze Quartier genommen hatte, auch noch das Observatorium. Ihre Gesichter waren vom Wetter gegerbt, einer hatte rote Wangen wie ein kleines Kind. Die anderen trugen wolkige Bärte und ihre Hände waren groß und schmutzig.
Wahrscheinlich waren auch ihre Gedanken schmutzig.
Straub dachte an den Abschied am Vortag, als Elisabeth, seine Verlobte, und ihr Vater am Ende des Ortes umgekehrt waren, immer wieder sich umschauend nach ihm und seiner Truppe, immer noch einmal winkend, dann aber feste ausschreitend, um den Ein-Uhr-Zug nach München noch zu erreichen. Er dachte an den Moment, da sein Schwiegervater in spe, der Amtsgerichtsrat Hofbauer, ihn an beiden Schultern gepackt und ihn für einen kurzen Moment an sich gezogen hatte. In seinem Blick lag Anerkennung, lag Respekt, lag Vertrauen und auch die Zusicherung, dass er ihm, nach seiner Rückkehr vom hohen Berg, die Tochter überlassen würde. Und der Amtsgerichtsrat hatte es sodann gestattet, dass seine Tochter ihren Versprochenen zart auf die Wangen küsste, errötend dabei, weil die derben Mulitreiber ungeniert zusahen und zu grinsen anfingen und zwischen den buschigen Bärten ihre Zähne zeigten.
Elisabeth hatte ihm mit dem Daumen ein Kreuzzeichen auf die Stirn gemalt, und wahrscheinlich hatten sich die Kerle derweil vorgestellt, wie sie wohl nackt aussehen würde. Was die natürlich einen Dreck anging. Wusste er es doch selbst nicht, und er kannte sie jetzt immerhin schon fast zwei Jahre. Aber alle Zusammentreffen hatten im Beisein des Amtsgerichtsrates oder seiner Gemahlin stattgefunden, und es hatte immer nur wenige Minuten der ungestörten Zweisamkeit gegeben, gerade lang genug, um ihr mit der Zunge die Lippen auseinander zu schieben oder einige flüchtige Augenblicke lang den von mehreren Lagen der Bekleidung bedeckten Busen zu betasten oder auch, was sehr selten vorkam, ihre prüfende Hand ein paar Sekunden zwischen seinen Beinen zu spüren. Elisabeth würde keinen Grund haben, unzufrieden zu sein, da war er sich gewiss.
Unterm Kochelberg, dort wo die Partnach das flache, mit unzähligen Heustadeln bestückte Wiesen- und Weideland erreichte, waren sie aufgebrochen. Am Bach entlang, der jetzt, anders als zur Zeit frühsommerlicher Schneeschmelze, fast schon gemächlich daherkam.
Bald war es steil hinaufgegangen. Unter sich hörten sie das Wasser in der engen Klamm tosen, über ihnen wurden allmählich die Berge frei. Schon bei der stillen Partnachalm und dann auf dem Weiterweg zur Einöde des Reinthaler Hofs hatten sie unverstellte Ausblicke gehabt auf den Höhenzug des Wettersteinkammes und zu den Dreithorspitzen, die sich markant über dem Schachen erhoben.
Da drüben war ich auch schon, hatte er sich erinnert. Beim Königshaus, vor Jahren.
Er war nämlich schon einige Male in diesem Gebirge unterwegs gewesen, alleine oder mit Kommilitonen, war auf den Wank gestiegen und hinauf zum »Bauern am Eck«, er war zum Schachen gewandert und hatte von dort ins lange Reinthal hinuntergesehen. Ja, selbst die Zugspitze hatte er sich schon erobert, und zwar von Norden her, auf dem kühnen und abenteuerlichen Weg durch das Höllenthal. Damals noch nicht ahnend, dass der Gipfel einmal für längere Zeit seine Heimstatt werden würde.
Auch anderswo war er bergsteigerisch herumgezogen, im Karwendel zum Beispiel, in den Berchtesgadenern und im Allgäu. Aber kein anderes Gebirge hatte ihn je so zu faszinieren vermocht wie eben jener Wetterstein, dieses wuchtige Massiv zwischen Mittenwald im Osten und Ehrwald im Westen, zwischen Telfs im Süden und Garmisch und Partenkirchen im Norden. Der Anblick, der sich vor ihm aufgetan hatte, wann immer er mit der Bahn von München her angereist kam, war für ihn einfach unvergleichlich. Die elegante Pyramide der Alpspitze, der aufstrebende Grat über die Höllenthalspitzen zur Zugspitze und die vorgelagerten Wehrtürme der Waxensteine. Wer das zu sehen bekam und ein kräftiger Kerl war, der konnte doch gar nicht anders, als da hinaufzuwollen, ganz hinauf bis dorthin, wo die Gipfelfelsen den kalten blauen Himmel berührten.
Weil Straub seinen Gedanken und Erinnerungen so sehr nachgehangen hatte – vielleicht lag es aber auch an dem schwerfälligen Trott, den die üppig beladenen Maultiere der Gruppe als Marschgeschwindigkeit vorgaben –, bemerkte er zunächst gar nicht, dass sie wieder an die Ufer der Partnach gekommen waren. Ihr Weg, recht ordentlich angelegt und normalerweise mit nicht allzu viel Beschwer zu begehen, hatte fortan immer tiefer talein geführt: zur Linken der Bach, zur Rechten dichter Mischwald, der sich bis an ihren Steig herandrängte.
»Nächst’s Jahr wird man den Weg ausholzen müssen«, hatte der Führer Dengg gesagt. Und die Maultiertreiber hatten genickt.
»Drecksarbeit«, hatte einer gemault.
Immer wieder klatschten den Männern die Äste von Büschen ins Gesicht, und bisweilen erforderte es einige Mühen, einen im letzten Herbststurm entwurzelten Baum zu umgehen oder zu übersteigen. Das Schlimmste aber war nicht der Zustand des Weges. Das Schlimmste waren die Mücken, die sich in dieser noch so talniedrigen Region entlang des Wildbaches und seiner Zuflüsse versammelt hatten und ausgehungert und gierig auf die wenigen Menschen warteten, die in diesem Jahr noch zur Angerhütte oder zur Knorrhütte gingen beziehungsweise von diesen weltentlegenen Häusern herunterkamen. Überall schienen diese Biester zu lauern, um in surrenden Attacken die nackten Stellen an den Körpern der Männer anzugreifen.
Ständig war das Klatschen zu hören gewesen, wenn sich wieder einer mit der flachen Hand in den Nacken, auf die Stirn oder die Wange schlug. Meist freilich war es vergeblich.
Aber der Anstieg war nicht nur mühsam. Er bot immer wieder auch berückende Momente. So beispielsweise beim moosbedeckten Quellenboden der »Sieben Sprünge«, wo auf einer Tafel ein Gedicht zu Verweil und Besinnung mahnte: »Halte Rast, Du fröhlicher Geselle, der Du dem höchsten Ziele strebest zu! Es lädt der Felsen, es lädt die Quelle, Dich ein zu süßer, träumerischer Ruh …«
Was freilich außer Straub keinen aus der Gruppe interessierte. Achtlos zogen sie weiter, gar nicht bemerkend, dass ihnen der Meteorologe kurzzeitig abhanden gekommen und dann wieder mit großen Schritten nachgehastet war.
»Ist von einem Stadterer, das Versl«, wusste Dengg immerhin zu sagen.
»Das Taferl steht schon ein paar Jahr’ dort. War einfach auf einmal da.«
Ein anderer Höhepunkt des Marsches war das Erreichen der Blauen Gumpe bald nach dem lyrischen Intermezzo an den Quellen. Hier staute sich die junge Partnach zu einem kleinen See, der je nach Lichteinfall seine Farbe von tiefem Blaugrün bis zu leuchtendem Azur veränderte. Ein Wasser wie aus den Märchen der Kindheit.
Vielleicht würde ein Bad darin Unsterblichkeit oder zumindest Unverwundbarkeit verleihen – wenn es nicht gar so kalt wäre. Vielleicht waren die Fische verzauberte Sünder und die Frösche, die nah dem Ufer quakten, verwunschene Prinzen. Vielleicht kam des nachts das wundersame Einhorn hierher, um mit diesem kostbaren Nass seinen Durst zu löschen.
Unsinn, dachte Straub, der alles in allem ein mehr technischer denn romantischer Mensch war. Und doch hätte er hier gerne bleiben wollen, eine halbe Stunde wenigstens, lieber noch mehr. Die Blau- und Grüntöne der Gumpe, die Gelb-, Braun- und Rosttöne der Laubbäume ringsumher – von dieser Stelle ging ein Zauber aus, der einen träumen machte, der einen nicht mehr weiterziehen lassen wollte.
Aber Dengg drängte zur Eile. Der Weg war immer noch weit. Und um diese Jahreszeit waren die Tage kürzer, als ihnen jetzt lieb sein konnte.
Als sie die kleine Hütte am Reinthalanger erreicht hatten, waren schon erste Sterne am dämmernden Himmel gestanden und es war empfindlich kalt geworden. Dass Dengg zwei junge Burschen vorausgeschickt hatte, beide gewiss nicht älter als fünfzehn Jahre, stand nun als Beweis für seine Umsicht und Führerqualität. Der Ofen in den Stube war geheizt und verströmte wohlige Wärme. Das Mus aus Milch, Butter, Mehl, Käse und kleingehacktem Brot, das bald schon in der großen Pfanne garte, machte die Bäuche voll. Und die Flasche mit klarem Schnaps, die anschließend von Mund zu Mund ging – nur die beiden Buben, die sich mittlerweile auch um die Tiere gekümmert, sie trocken gerieben und ihnen zu Fressen gegeben hatten, bekamen nichts davon ab – sorgte dafür, dass die Müdigkeit schneller einsetzte, als der Mond über dem gewaltigen Hochwanner aufsteigen konnte. Bald lagen sie alle dicht an dicht im engen Lager, ruhten auf strohgefülltem Bettzeug und unter kratzigen Decken. Bald schnarchten die Treiber und Träger, und bald auch der alte Dengg. Nur Straub hatte sich unruhig hin und her geworfen, müde vom langen Anstieg, müde vom Alkohol, aber schlaflos im Lärm des Schnarchens und im bangen Vorgefühl, was ihn von nun an erwarten würde. Erst gegen Morgen war er in einen traumreichen Schlaf gefallen, hatte das ganze Tal in silbernen Tönen gesehen und dazu das Einhorn, weiß, wie es stolz und scheu zugleich zwischen silbern glänzenden Farnwedeln und Millionen von nachtnassen Schachtelhalmen einherschritt.
So begann er denn auch seinen Tag mit schweren Lidern und mit Gänsehaut unter der so warmen Joppe. Eigentlich hatte er sich waschen wollen am kalten Gebirgsbach, der in nur ein paar Fuß Entfernung an der leicht erhöht stehenden Angerhütte vorbeirauschte. Aber als er den Atem der Männer in kleinen Wölkchen aufsteigen sah, als er sah, dass die Leiber der Maultiere in der morgendlichen Kälte zu dampfen schienen, verkniff er sich diesen Vorsatz. Keiner wusch sich, warum hätte er es tun sollen.
Er ging als Letzter der Gruppe, die dem Pfad durch ein schier endlos breites, steiniges, trockenes Bachbett folgte. In einer langen Linie wand sich der Tross Richtung Talschluss, wo es dann gelten würde, einen steilen Aufschwung hinauf zur Knorrhütte zu meistern.
Zwei der Maultiere waren mit Briketts beladen, um auf der Station die Vorräte an Heizmaterial aufzustocken. Einer der Männer trug auf seiner Kraxe eine mit Leinen überdeckte Vogelvoliere. Zwei Zierfinken wurden durch das Tuch gegen Kälte und Zugluft geschützt, aber auch vor allzu großen Aufregungen, die eine solche Bergtour für sie bringen würde und die ihre winzig kleinen Herzen vielleicht nicht auszuhalten vermochten.
Es war der Wunsch seines Vorgesetzten gewesen, die Vögel mitzunehmen. Das sei gut gegen die Einsamkeit, hatte er gemeint. »Beobachten Sie die Tiere«, hatte er gesagt. »Achten Sie auf ihr Verhalten, wenn starke Wetterwechsel bevorstehen. Ich bin mir ganz sicher, Straub, dass selbst diese gezüchteten Ziervögel noch über hinreichend Instinkt verfügen und wir noch was lernen können von ihnen …«
Der Aufstieg zur Knorrhütte war mühsam. In steilen Serpentinen wand sich der Steig zwischen hingeduckten Krüppelkiefern und ausgewaschenem Kalkgestein empor. Die Maultiere gingen in stoischer Gelassenheit, wiegten dabei ihre Lasten hin und her, schienen vor der zunehmenden Tiefe keinerlei Angst zu haben.
Die Männer wischten sich mit ihren schmutzigen Sacktüchern immer wieder die Stirn. Trotz der Frische des Spätherbstes war der steile Aufstieg dazu angetan, ihnen den Schweiß aus den Poren zu treiben.
Bei einer kurzen Rast im Stehen nutzte Straub die Gelegenheit, zurückzublicken.
Der Reinthalanger lag weit unter ihnen, winzig die Hütte, in der sie die Nacht verbracht hatten. Gewaltige Felsberge standen dem Tal Spalier. Still und einsam lag es da, keine Menschenseele war unterwegs. Außer ihnen natürlich.
Sie waren viele Stunden in dieses Tal hineinmarschiert, hatten die Zivilisation völlig hinter sich gelassen. Von Garmisch und von Partenkirchen war kein Hausdach und kein Kirchturm mehr zu sehen. Sie befanden sich inmitten einer hochalpinen Wildnis. Mochten auch im Sommer hier die Bergsteiger unterwegs sein, auf den Steigen hinauf zur Zugspitze die meisten, die Verwegeneren von ihnen aber auch in den felsigen Wänden und oben auf den schmalen Graten, so herrschte nun, so kurz vor dem unvermeidlich bevorstehenden Wintereinbruch, vor allem das Gefühl völliger Weltabgeschiedenheit.
Alles war leer jetzt. Die Berghütten unbewirtet und ohne Besucher. Die Wände und die Grate vereinsamt. Die Schluchten und Täler bereit zum Winterschlaf. Wie schon in der Nacht, überkam ihn jetzt die Furcht vor der langen Zeit, die vor ihm lag.
Ludwig hat das gemocht, dachte Straub. Ihn scheint dieses Alleineinsein erfreut zu haben. Fort von der Stadt, fort von der Politik, fort von den Regierungsgeschäften.
Irgendwo, da draußen im Norden, rechterhand auf einer Anhöhe, musste ja das Königshaus stehen. Ein hoher Thron über dem Reinthal. Fürstlich und spartanisch zugleich.
Es waren schöne Tage, an die Straub sich gern erinnerte. Im Frühsommer vor drei Jahren. Oder waren es vier? Jedenfalls ausgesprochen schöne Tage.
Er musste sich losreißen, musste an etwas anderes denken. Das Gefühl der Verlorenheit, das in ihm wie eine böse Kälte aufstieg, musste er verscheuchen.
Doppelt energisch schritt er nun aus, gab einem Muli im Vorbeigehen einen Klaps, versuchte bei der Rast an der winterfest gemachten Knorrhütte mit den wortkargen Männern wenigstens ein bisschen ins Gespräch zu kommen, und ließ sich dann auch von der Wüste aus Geröll, Sand, Stein und Schnee, über die ihr Weiterweg führte, nicht mehr ins Bockshorn jagen.
Er hatte seine Entscheidung getroffen, gegen so manchen Rat wohlmeinender Freunde. Er hatte sich entschieden, wie ein dem Schweigegelübde verpflichteter Mönch für Monate allein und in Abgeschiedenheit zu leben.
Jetzt war es so weit. Auch wenn er noch in Begleitung von Dengg und den anderen Männern war, so handelte es sich doch nur mehr um knappe zwei Tage, ehe er ganz auf sich gestellt sein würde.
Ich bin bereit, dachte er. Und wie zur Bekräftigung sagte er es sich auch noch leise vor: »Ich bin bereit!«
Kapitel 2
Bei Frau von Berneis, Witwe des ehemals im ganzen Reich bekannten und angesehenen Großkaufmannes Fritz von Berneis – Hauptsitz in Dresden, Dependancen in Hamburg, Prag und Wien – begann wieder jene Unruhe, die in gewisser Regelmäßigkeit von ihr Besitz ergriff.
Nicht etwa, dass sie ansonsten als ruhig oder gar besonders ausgeglichen zu bezeichnen gewesen wäre. Weit gefehlt! Sie hatte das Temperament ihrer argentinischen Mutter geerbt – und dazu die Sturheit ihres Vaters, der beharrlich, verbissen und rücksichtslos gegen andere wie gegen sich selbst eine kleine Reederei in Warnemünde zu einigem Erfolg gebracht hatte.
Als ihr Gemahl starb – vor nunmehr fast sieben Jahren – da war sie gerade erst fünfunddreißig. Er hinterließ ihr ein enormes Vermögen, eine herrschaftliche Villa samt Personal an den Elbwiesen östlich der Stadt Dresden und, wie es schien, jede Menge Langeweile. Die Ehe war ja kinderlos geblieben. Die Ärzte hatten nie herausfinden können, woran es lag. Ob sie unfruchtbar war? Ob er mit seinen mehr als sechzig Jahren nicht mehr zeugungsfähig war? Aber, ich bitte Sie, Herr von Berneis, Sie sind doch in den allerbesten Jahren. Vielleicht, so vermutete einer der zu Rate gezogenen Spezialisten, vertrugen sich einfach ihre Säfte nicht wie es erforderlich wäre, um das harrende Ei zu befruchten.
Die Firma war an den Bruder gegangen, und das war ihr nur Recht gewesen. Sie wollte mit alldem auch gar nichts zu tun haben. Aber, was wollte sie tun?
Es war ihr unruhiges Gemüt, das ihr die Entscheidung, fortan einen ganz erheblichen Teil des Jahres auf Reisen zu verbringen, leicht machte. So besah sie sich die großen Städte Spaniens, war in Madrid und Barcelona, in Malaga und Sevilla. Sie verbrachte Wochen in Rom, in der Toskana und, von der Spiritualität des Ortes tief beeindruckt, am Fuße des umbrischen Monte Subasio, wo der heilige Franz von Assisi gewirkt hatte. Sie fuhr mit dem Schiff auf dem Rhein von der Schweiz bis nach Holland, ohne je das Verlangen zu haben, irgendwo zu bleiben. Am ehesten noch stellte sich dieses Empfinden ein, wenn sie in den Bergen war, tief im südlichsten Bayern, im sogenannten Werdenfelser Land.
Noch zu Lebzeiten ihres Mannes war es üblich, einmal im Jahr nach Partenkirchen zu reisen und dort, in der heimeligen Villa Alpenblick, zwei oder drei Wochen zur Sommerfrische zu residieren.
Oh, es gab mondäne Hotels in Partenkirchen und im Nachbarort Garmisch. Es gab Kurhäuser und Residenzen. Aber ihr Gemahl bevorzugte zumindest während dieses Erholungsaufenthaltes einen etwas reduzierten Komfort, ein etwas weniger öffentliches Leben. Zu gut Deutsch: Er wollte seine Ruhe haben. Was er so ähnlich gern auch zum Ausdruck brachte: »Weißt du, meine Liebe«, pflegte er zu sagen, »ich bin so froh, endlich mal meinen Frieden zu haben.«
Auch nach seinem überraschenden Tod hatte Frau von Berneis – Lidia, wie sie mit vollem Namen hieß, oder, noch genauer gesagt: Lidia Anna Mercedes – die Tradition der Alpenreise an den Fuß des wuchtigen Zugspitzmassivs fortgesetzt. Sie mochte diese Berge, denn sie waren wie der geahnte Hauch einer Erinnerung an die argentinischen Anden und, vielleicht mehr noch, an die Felstürme des patagonischen Hochlandes, das sie, als Kind noch, bei einer weiten Reise mit Eltern und Hauspersonal zu sehen bekommen hatte.
Als ihr Gemahl noch lebte, hatten sie sich manchmal einen heimischen Bergführer engagiert und waren in das Wettersteingebirge vorgedrungen. Nicht auf die kühnen Gipfel! Das wäre Herrn von Berneis nun doch zuviel gewesen. Zu mühsam und letztlich auch zu gefährlich. Sie, die junge Gemahlin, wäre freilich schon gerne so wo hinauf, um alles einmal von oben zu sehen.
Aber es hatte nicht sollen sein. Der Führer hatte sie zum Schachen geführt, durch die Höllenthalklamm zur Hütte und aus dem Höllenthal heraus übers Kreuzeck, einmal auch durch die Partnachklamm und über den »Bauern am Eck« und das Bergbauernnest Wamberg wieder hinab nach Partenkirchen. Alles schön, alles faszinierend – aber das besondere Prickeln, diese Momente der Spannung fehlten doch fast völlig.
Seit sie allein hierher kam, hatte sie sich keinen Bergführer mehr genommen. Sie erachtete es als unschicklich. Und außerdem hätte sie sich nicht wohlgefühlt in der alleinigen Begleitung eines solch grobschlächtigen Menschen. Sie hatte kleinere touristische Ausflüge auf eigene Faust unternommen, war vor allem dort wieder entlanggewandert, wo sie mit Mann und Führer vor Jahren schon gewesen war, hatte zudem den unschwierigen Wank bestiegen, um von dort eine wirklich unvergleichlich schöne Aussicht zu genießen, und war sogar bis Mittenwald marschiert, ganz allein mit sich, der Sonne, dem Wind, den Düften des Waldes und ihren Träumen, die Welt ganz tief begreifen zu können.
An ruhigeren Tagen wie dem heutigen genoss sie das Frühstück in der Villa. Durch die Fensterscheiben wärmte selbst die Herbstsonne noch sehr angenehm. Und Lidia von Berneis gab sich der Muße hin, im Loisachboten nicht nur Neues aus aller Welt zu lesen, sondern auch »Vermischtes« aus dem Leben und der Gesellschaft in der Provinz.
Danach rüstete sie sich für einen ausgiebigen Spaziergang. Wie so oft, ganz ohne eigentliches Ziel. Sie schlenderte durch die Ludwigstraße mit den Geschäften und den paar Wirtshäusern zur Rechten und zur Linken, blieb, wie jedes Mal, vor den Auslagen der Buchdruckerei Ostler & Bierprigl stehen, und bog bei der Pfarrkirche in die Ballengasse ein. Sie staunte über die grindigen Bauernhäuser mitten im Ort, über die Kargheit des Lebens, das man den Kindern hier ansehen konnte: Barfuß stapften sie durch Matsch und Kuhdreck, aus ihren Hosen waren sie herausgewachsen, die Jacken saßen zu knapp, und dass ihnen der Rotz aus der Nase hing und allmählich in den Mund lief, das schien niemanden zu kümmern.
Sie spazierte auf St. Anton zu, ließ das hoch gelegene Wallfahrtskirchlein dann aber sein, machte mehr oder weniger eine Spitzkehre und nahm den gar nicht so kurzen Weg nach dem Nachbarort Garmisch.
Wie ein Magnet schien der Bahnhof auf sie zu wirken. Er zog ihre Schritte an, sodass sie Partenkirchen verließ und durch abgemähte Wiesen hinüberwanderte, um wenigstens eine Viertelstunde lang den einfahrenden und viel mehr noch den abfahrenden Zügen zuzusehen.
War es Fernweh? Oder lag es einfach nur daran, dass sie den Dampf, den Rauch und den Ruß der Lokomotiven so liebte?
Fernweh allein konnte es gar nicht sein. Schließlich fuhren die Züge von Garmisch aus nicht gerade in die große ferne Welt. Hier hielt kein Orient-Express. Nach Murnau fuhren sie. Und nach München.
Und doch: Sie ertappte sich immer wieder dabei, lustvoller auszuschreiten, je näher sie dem Bahnhofe kam. Sie mochte es, die Fahrpläne zu studieren. Und es machte ihr Freude, jene Menschen zu beobachten, die oft mit viel Gepäck aus den Abteilen stiegen und sich in der neuen Umgebung erst einmal mit gewisser Hilflosigkeit umsahen. Gern besah sie sich die Frauen, ihre üppigen Kleider, ihren Kopfputz und ihre Besorgnis, sich beim Verlassen eines Waggons irgendwo schmutzig zu machen.
Natürlich hatte sie auch ein heimliches Auge für die Männer, die mit den Zügen ankamen oder abreisten. Die strammen und stolzen und dabei doch in ihrer Eitelkeit unerträglichen Herren Offiziere zum Beispiel. Die Sommerfrischler aus den flachen Regionen des Landes, von denen sich manche den Aufenthalt im Gebirge von der Suppe abgespart hatten. Hin und wieder auch Herren von Stand. Bisweilen erschienen ihr gerade die unfreiwillig komisch. Kaum einer aber entlockte ihr ein zweites Hinsehen, gar den Gedanken, wie so ein Herr wohl ohne sein teures Gewand, ohne die zünftige Lodenhose, ohne das Jägerjackett und ohne den Hut samt prächtiger, steil aufgerichteter Feder aussehen würde.
Gern sah sie die Bergsteiger, die mit ihren nägelbeschlagenen Schuhen über den Perron klackerten, pralle Leinenrucksäcke und derbe Hanfseile über den Schultern. Ihre Gesichter und ihre ganzen Erscheinungen legten Zeugnis davon ab, dass diese Welt voller Abenteuer war – man musste nur aufbrechen, hinaus und hinauf.
Und ganz besonders gern beobachtete sie die Kinder. Wenn sie voller Begeisterung ankamen oder wenn sie beim Losfahren die Gesichter gegen die Scheiben drückten und irgendjemandem winkten. Ja, dachte sie dann, für die Kinder ist alles noch Abenteuer.
Und dann war sie immer ein wenig traurig, dass ihre Ehe kinderlos geblieben war.
Ein Kind wenn ich hätte, dachte sie. Aber sie führte diesen Gedanken nie bis zu einem Ende. Nur einfach: Ein Kind wenn ich hätte …
Auch heute nicht.
In melancholischer Stimmung spazierte sie weiter. Die mondänen Quartiere, die in Garmisch entstanden waren, interessierten sie nicht. Das alles hatte sie andernorts bis zum Überdruss genossen. Sie schaute zu den Bergen, die heute nicht ganz klar vor einem milchig bedeckten Himmel standen. Selbst auf den höchsten Gipfeln lag noch kaum Schnee. Die Zugspitze war von Norden her weiß angezuckert, da hatte beim letzten Unwetter Schnee die Felsen verpappt. Aber mehr war es noch nicht. Sie hatte die Berge schon mal im August winterlicher gesehen als nun im vorgerückten Herbst.
Sie musste daran denken, wie am Tag zuvor der Wetterwart verabschiedet worden war. Ein ganz fescher junger Mann. Die Blasmusik hatte gespielt. Der Bürgermeister von Partenkirchen hatte gesprochen und ein Herr von der Meteorologischen Zentralstation München. Die Reden waren langweilig. Aber die Musik war schmissig. Und wenigstens war überhaupt etwas los.
Als der Tross losgezogen war, der Wetterwart, der Bergführer, die Träger und ihre Maultiere, da hatte sie die Männer beneidet um den Aufstieg zur Zugspitze. Ja, da wäre sie am liebsten mit. Wie sie überhaupt nur zu gerne einmal auf die Zugspitze, die höchste Erhebung des ganzen Reiches, hinaufgestiegen wäre. Einmal das Land von ganz oben sehen, wo nichts Höheres mehr ist.
»Wer weiß«, hatte Karl Schaffler, ihr Hauswirt, am Morgen gesagt, »wie lange der Winter noch hinterm Berg hält. Der Himmel … ich weiß net … er macht mir den Eindruck, als wenn der Herbst jetzt bald vorbei wäre.«
Am frühen Nachmittag trank sie ein Kännchen Tee. Sie konnte dabei windgeschützt auf der Veranda sitzen, wo auch einige andere Gäste der Villa Alpenblick die Sonne des späten Jahres auskosteten.
Der Blick war herrlich: Das ganze Massiv lag als malerisch ausgebreitetes Gebirgspanorama vis-à-vis: Die formschöne Alpspitze, die hohe Zugspitze, ein markanter, geradezu Ehrfurcht gebietender Anblick.
»Darf man fragen, gnä Frau, was Sie heut noch vorhaben?«, fragte die immer neugierige, dabei aber gründlich verschwiegene Frau Schaffler.
Lidia von Berneis hatte gar nichts gegen eine kleine Konversation mit den Hausleuten. Schließlich kannte man sich seit etlichen Jahren. Hierher zu kommen war für sie – und für die Schafflers auch – immer mit einer ehrlichen Wiedersehensfreude verbunden.
»Ich werde mir nun endlich mal diese Villa Orient ansehen«, gab Lidia lächelnd zurück. »Seit Jahren weiß ich davon, hab oft davon reden gehört. Und jetzt, am Bahnhof, da hing sogar ein Plakat.«
»Aber was G’scheites ist das nicht«, sagte die Frau Schaffler. »Man hört nicht nur Gutes über den Mann, wenn Sie wissen, was ich meine.«
»Aber das macht doch nichts«, sagte Lidia mit einem breiten Lächeln. »Es geht ja gar nicht darum, das wirklich ernst zu nehmen. Aber es mag doch immerhin ein wenig unterhaltsam sein. Glauben Sie nicht, liebe Frau Schaffler?«
»Ich weiß net«, sagte die Hauswirtin. »Ich weiß net. Mir wär’s schad ums Geld. Er verlangt ja doch fünfzig Pfennig Eintritt dafür …«
»Aber Sie wissen doch: Wer sich nichts gönnt …«
Aus ihrer kleinen, in Brokatarbeit gefertigten Handtasche zog Lidia eine Postkarte. Vorne drauf war eine Abbildung der Villa Orient zu sehen. Auf der Rückseite pries ein Text die wahrhaft wundersamen Sehenswürdigkeiten und empfahl den Besuch dieses privaten Museums ganz nachdrücklich:
»Sehr reichhaltige Sammlung fremdländischer Gegenstände, Kostüme verschiedener Nationen, sehr wertvolle Waffensammlung. Seidenstickereien, Musikinstrumente. Geweihe, Holzschnitzereien. Perlmutteinlagen. Muschelarbeiten. Indische Götzen und Götzentempel. Großartige Käfer- und Schmetterlingssammlung. Mehrere hundert ausgestopfte und präparierte fremdländische Tiere. Reptilien in Spiritus. Völkergalerie (zwanzig verschiedene Menschenrassen in Wachs). Mumien. Lebende Leoparden, lebende Schlangen, lebende Affen. Jeder Besucher wird überrascht sein …«
Sie steckte die Karte wieder weg und sagte: »Ich schau mir das an.«
Und so schlenderte sie dann am Nachmittag unter rost- und gelbfarbenen Bäumen ins sogenannte Hasenthal und zur schon von weitem überaus ungewöhnlich wirkenden Villa Orient. Dabei wäre diese Anmutung mit orientalisch gar nicht so richtig beschrieben gewesen. Eine Skurrilität war es, ja, genau. Eine Mischung aus kindlicher Märchenwelt und exotischem Sammelsurium. Ein maurischer Turm, angelehnt an eine umgebaute Partenkircher Villa. Ein orientalischer Torbogen, so bunt bemalt wie Teile der Hausfassade. Palmen im Park, die dem hier doch oft rauen Klima zu trotzen schienen. Und all das inmitten einer voralpinen Umgebung, wo auf freiem Hang verstreut noble Anwesen thronten. Musste schon ein sonderbarer Kauz sein, der Mann, der das alles geschaffen hatte.
Lidia hatte durchaus ein Faible für die Sonderlinge und für die kleinen Absonderlichkeiten im Leben. Es mochte von ihrer Herkunft herrühren, dass sie dem nur geordneten, oft tristen und oft grauen Deutschsein nicht immer viel abgewinnen konnte. Sie mochte das Bunte lieber, jede verspielte Farbenpracht erinnerte sie auch an die Papageienvögel ihrer Kindheit, die den Patio ihres argentinischen Elternhauses in eine gitterlose Voliere verwandelt hatten.
Im Sächsischen, wo sie nun ihren Stammsitz hatte, gab es solche Sonderlinge zuhauf. Allen voran jener in Mode gekommene Schriftsteller Karl May, um den sich manch ein Skandal rankte. In Radebeul bei Dresden hatte er mit großen glänzenden Lettern den Schriftzug »Villa Shatterhand« an der Fassade seines Anwesens anbringen lassen. Angeblich soll er in seinem Arbeitszimmer wie ein amerikanischer Fallensteller herumlaufen, manchmal auch wie ein arabischer Nomade. Angeblich will er all die Abenteuer, die in seinen zahllosen Büchern niedergeschrieben sind, höchstpersönlich und genau so erlebt haben. Angeblich aber soll er ein Stubenhocker sein, vorbestraft zudem, aber ausgestattet mit einer überbordenden Phantasie und ganz gehörigem Fleiß.
Ein alles in allem harmloser Spinner, der mit seinen Kopfgeburten die Jugend – und nicht nur die – zu begeistern wusste. Sie selbst hatte drei oder vier seiner Werke gelesen oder zumindest angefangen: »Durch die Wüste« und »Der Schatz im Silbersee« – diese beiden hatten sie zu fesseln vermocht. Aber ein anderes, in dem es um die Kordilleren ging, war ihr dann doch mehr als abstrus erschienen und sie hatte es nach kaum hundert Seiten weggelegt.
Aber sei’s drum.
Sie entrichtete an der Villa Orient den Eintrittspreis von fünfzig Pfennig und schmunzelte über die protzige Werbetafel, die das nun Folgende als »Erste Sehenswürdigkeit Partenkirchens« anpries. Sie brauchte sich nur umzudrehen und zu den Bergen zu schauen: Da waren die ersten Sehenswürdigkeiten von Partenkirchen und von Garmisch. Majestätisch, gewaltig, fast dreitausend Meter hoch. Dagegen wäre diese Tier- und Monströsitätenschau gewiss nichts anderes als eine kleine Volksbelustigung irgendwo auf einem Rummelplatz …
Ganz so war es dann aber nicht. Der Park war mühevoll angelegt, und bestimmt herrschte hier in den heißen Monaten Juli und August eine üppige Blüte. Denn es gab hier Rankgewächse und Stauden, Büsche und Bäume aus aller Herren Länder. Und es war schon ein Wunder, dass die sich hier, in fast neunhundert Metern über dem Meer, überhaupt halten konnten, dass ihnen der Schnee, der in den Wintern überaus reichlich fiel, nichts anzuhaben vermochte.
Beeindruckt war sie von den Leoparden. Noch nie war sie diesen Tieren so nahe gekommen wie hier an dem Gehege, das allerdings dem Bedürfnis dieser Wildtiere nach Auslauf und nach Bewegung nicht entsprach. Eingepfercht war das Paar. Eingesperrt auf engem Raum. Eines der Tiere schlief, seitwärts hingestreckt. Das andere saß aufrecht und fixierte sie, die im Augenblick einzige Besucherin in der orientalischen Villa. Wunderbar war die Zeichnung des Fells. Rötlichgelb die Grundfärbung, tiefschwarz die unendlich vielen Flecken, die darin verstreut waren. Die Augen, mit denen der Leopard sie ansah, schienen zu leuchten. Sie erinnerte sich an ein Buch, das alle Tiere des Erdkreises behandelte, und worin so oder ähnlich geschrieben stand: »Der Leopard mordet alle Geschöpfe, welche er bewältigen kann, ob groß oder klein, ob sie in der Lage sind, sich zu wehren oder ob sie ihm widerstandslos zum Opfer werden …«
Es hatte etwas Beunruhigendes, von diesem Raubtier durchdrungen zu werden, als wäre sie ein Opfertier. Und doch war es vor allem Mitgefühl, das Lidia für diese eingesperrten Wesen aufbrachte. Sie wandte sich ab und ging davon und versuchte, diese Begegnung rasch zu vergessen.
Sie ging durch die Ausstellungsräume im Haus, fand aber weder an den mit Nadeln aufgespießten Schmetterlingen noch an den präparierten Säugetieren Gefallen. Der Leopard hatte sie erschüttert. Sein Schicksal hinter diesen Gittern, die er wohl kaum lebend hinter sich lassen würde. Eingesperrt bis ans Ende seiner trübseligen Tage.
Als sie schon im Begriff war, die Villa Orient wieder zu verlassen, entdeckte sie im Park etwas, das sie doch noch auf andere Gedanken bringen konnte. Auf ganz andere Gedanken! Auf Gedanken, die schließlich ihr weiteres Leben verändern würden. Wie das manchmal eben so geht, dass einem das Schicksal von einer Sekunde auf die andere auf völlig neue Wege schickt. Wege ohne Wiederkehr.
Unter einem Baldachin stand auf einem dreibeinigen Stativ ein Fernrohr von mindestens einem Meter Länge. Es zeigte in ungefährer Richtung zu den Dreitorspitzen, gewaltigen Felszacken, die sich im Süden über den bewaldeten Vorbergen erhoben. In die Ferne sehen, das Ferne sich ganz nah heranholen, die Distanzen aufheben, hier sein und dort und alles zugleich.
Lidia trat an das Fernrohr heran. Sie steckte sich die schwarzen Haare hinters Ohr, drückte ein Auge zu und das andere nah an das Okular.
Die Optik war wie auf ihre Augenstärke eingestellt. Sie musste das Rohr nur ein wenig nach oben und ein wenig nach rechts schwenken, schon hatte sie die gefurchten Felsen der Dreitorspitzen ganz nah vor Augen, sah den Schnee, der sich in den nordseitigen Rinnen bereits festgesetzt hatte, sah den Himmel darüber.
Sie schwenkte weiter nach rechts, erfasste die Alpspitz-Pyramide, deren letzter Gipfelaufschwung von steilen Felsbändern gebildet wurde; auch hier hatte sich schon erster Schnee abgelagert, dazwischen aber war noch reichlich nackter und bedrohlicher Fels zu sehen. Sie machte sich einen Spaß daraus, den Grat von der Alpspitze über die Höllenthalspitzen und hinüber zur Zugspitze gleichsam mit dem Fernrohr entlang zu klettern. Sie schwenkte ein wenig nach unten, suchte den Höllenthalferner, von dem sie schon so manches gehört hatte, und tastete sich dann nach oben, nach oben und immer weiter nach oben, bis Fels und Schnee aufhörten, bis der höchste Gipfel erreicht war.
Die Zugspitze, dachte sie. Eindrucksvoll, wirklich eindrucksvoll.
Und weiter dachte sie: Da oben möchte ich jetzt sein. Einen Tag und eine Nacht auf dem Berg verbringen, so wie der Wetterwart in seiner Station. Es muss einfach köstlich sein, in völliger Einsamkeit und völliger Stille die Sonne unter- und wieder aufgehen zu sehen. Was gäbe ich dafür.
Sie ruckte am Fernrohr, drehte an den Ringen aus Messing, hoffend, sich den Gipfel noch näher heranzuziehen, vielleicht sogar die Wetterstation ins Bild zu bekommen.
Aber sie war nicht zu sehen. Nicht von diesem Standort aus. Die Station und die gleich daneben errichtete Bergsteigerunterkunft, Münchner Haus genannt, waren von Felszacken verdeckt.
Aber da war das Gipfelkreuz, nicht mehr von der Sonne beschienen, aber doch metallisch glänzend. Es auch nur zu sehen, vermittelte schon ein erhabenes Gefühl.
Nach allem, was sie bis jetzt so gehört hatte, bei dem Bergführer beispielsweise, mit dem sie früher unterwegs waren oder auch bei den Bergsteigern, die nach vollbrachter Tour am Bahnhof ihren Zug erwarteten, konnte der Aufstieg durch das Reinthal nicht allzu schwierig sein. Lang soll er sein, dachte sie. Ein ganz, ganz weiter Weg. Aber nicht sehr schwer.
Nach einem letzten Blick zum Gipfel der Zugspitze ließ sie vom Fernrohr ab und machte sich, nachdenklich und unternehmungsfroh zugleich, auf den Rückweg zu ihrem Quartier.
Es müsste doch möglich sein, da hinaufzugehen, dachte sie. Ohne Führer. Auch für eine Frau.
Und während sie es dachte, war ihr Entschluss tief drinnen in ihrem Herzen schon gefallen. Nur, dass sie es sich selbst noch nicht eingestand.
Kapitel 3
Es war ein eigenartiges Gefühl zu sehen, wie die Männer mit ihren Maultieren bereits einige hundert Meter tiefer über den Schneeferner marschierten, und zu wissen, von nun an viele Monate ganz allein zu sein.
Die Männer wirkten von hier oben wie Gletscherflöhe und die Maultiere wie schwarze Ameisen, die den Flöhen den Garaus machen würden.
Doch manchmal hörte er einen Juchzer oder einen Jodler, der zweifelsfrei ihm galt. Ein Abschiedsgruß der Träger, die froh waren, nicht heroben bleiben zu müssen.
Straub sah ihnen nach, bis sie aus seinem Blickfeld verschwunden waren.
Dann war er allein.
Sie waren vorgestern am späten Nachmittag angekommen. Hatten an der Scharte die Maultiere in den Unterstand gestellt und mit den Kraxen all das hinauf getragen, was in diesem ersten Anlauf zu schaffen war. Die ganze Mannschaft war im Münchner Haus untergebracht, der kleinen, hingeduckten Berghütte, zu der er den Schlüssel bekommen hatte. Er war mit den Männern im Münchner Haus geblieben, hatte darauf verzichtet, sein eigenes Domizil schon zu beziehen. Noch wohnte ja auch sein Vorgänger darin. Und er würde ohnehin noch genug Zeit haben, sich häuslich einzurichten.
Gestern dann waren sie alle zum Depot abgestiegen, hatten die Kraxen vollgeladen, waren wieder hinauf, und indem sie diesen mühevollen Vorgang dreimal wiederholten, hatten sie schließlich alles nach oben geschafft. Die Schultern schmerzten ihn jetzt fürchterlich, und die Schenkel brannten von der Anstrengung des Steigens mit den schweren Lasten. Auch er als Wetterwart hatte gehörig mithelfen müssen, damit alles bis zum Abend zum Gipfel geschleppt war!
Eigentlich hätten sie dann todmüde auf ihre Strohlager fallen müssen. Aber die Träger und der Führer hatten nicht darauf verzichten wollen, auf sein Wohl die Schnapsflasche kreisen zu lassen. Es wurde getrunken und gesungen und an zotigen Sprüchen, seine weiblose Einsamkeit betreffend, herrschte kein Mangel.
Am Morgen waren sie dann ganz anders gewesen. Die raubeinigen Männer waren still und der Abschied war ernst, freundlich und ohne Witzeleien vonstatten gegangen. Er spürte aus ihren Blicken, ihren Händedrucken, ihren Schulterklopfen ein gewisses Unbehagen, ihn allein hier zurücklassen zu müssen. Da schien sich bei ihnen etwas dagegen zu sträuben, es war, als haderten sie mit dem Auftrag, ohne ihn wieder ins Tal abzusteigen.
»Pfüatdi«, sagte der Bergführer und drückte ihm mit beiden Händen seine Rechte. »Pass auf dich auf da heroben. Lass es dir gut gehen. Im Juni holen wir dich wieder ab.«
Und sein Vorgänger, der Wetterwart, der es nur ein paar Monate auf dem Berg ausgehalten hatte, ehe er wegen unablässiger Kopfschmerzen diesen Dienst quittieren musste, wünschte ihm noch alles Gute und viel Glück. Der Mann hatte Tränen in den Augen gehabt, ob aus Scham, weil er nicht durchgehalten hatte oder aus Freude, weil es zu Ende war – wer hätte es sagen können.
Dann hatten sie sich an den Abstieg gemacht. Das felsige Gelände hinab bis zum Depot und den Mulis. Und nun stapften sie über den spaltenfreien Gletscher Richtung Knorrhütte. Sie wollten heimkommen, ohne noch einmal übernachten zu müssen.
Am Himmel standen Föhnfischlein. Der warme Südwind hatte das Firmament frei gefegt, nur mehr diese in Fischform ziehenden Wolken zierten das strahlende Blau. Die Sicht war klar und unendlich weit. Straub hätte nicht sagen können, welche Gebirgsgruppen er sehen konnte. Von weit im Westen bis weit im Osten reihte sich Bergkette hinter Bergkette. Selbst die höchsten und markantesten Berge wusste er nicht zweifelsfrei zu bestimmen. Aber das hatte ja noch Zeit. Sein Vorgänger hatte ihn in die Technik der Wetterstation eingeführt, in seine Aufgaben und auch in alles, womit er sich beschäftigen könnte in der nächsten Zeit. Da gab es Himmelskarten und Gebirgskarten, Faltpanoramen und auch einige fotografische Ansichten.
Ein Laie hätte von bestem Wetter gesprochen bei diesen Bedingungen. Womit er ja gar nicht so Unrecht haben würde. Allerdings wusste Straub nur zu gut, dass Föhn immer auch von einem gehörigen Wettersturz kündete. Und der könnte um diese Jahreszeit endgültig den Winter mit sich bringen.
Ein bisschen Zeit lassen könnte er mir schon noch, dachte Straub. Ich werd mir die Station noch lange genug freischaufeln müssen.
Er machte sich daran, sein neues Zuhause nun richtig zu inspizieren und sich einzurichten. Er trug seine Sachen aus dem Münchner Haus herüber in die Station. Denn die Berghütte ging ihn ja eigentlich nichts an: Er hatte den Schlüssel, um die Träger unterzubringen und für den Fall, dass irgendwelche verrückten Bergsteiger im Winter heraufkämen – was eigentlich menschenunmöglich war – und er sie notdürftig beherbergen musste. Außerdem war er gehalten, in der Hütte von Zeit zu Zeit nach dem Rechten zu sehen: ob es keine Frost- oder Wasserschäden gäbe und was halt sonst so von Belang sein könnte.
Sein kleines Reich maß nur etwa vier mal vier Meter. Beim ersten Betreten gleich bei der Ankunft war er mehr als erschrocken. Das war ja kaum größer als ein Zelt!
Aber der Wetterwart, der abzulösen war, hatte auf die Vorzüge dieser Kleinräumigkeit hingewiesen. Dass alles so leicht überschaubar sei, zudem gewiss auch im strengen Winter ohne viel Aufwand zu beheizen. Und da man ja ganz allein hier war, konnte einem auf engem Raum auch niemand anderer auf die Nerven gehen.
Dass sein Domizil keine Luxusvilla sein würde, das hatte er schon vorher gewusst. Auch waren ihm Ansichten und Planzeichnungen der Station vorgelegt worden. Er war also vorgewarnt. Doch zwischen einer vagen Vorstellung und dem erwachenden Erkennen der Wirklichkeit ist nun mal ein enormer Unterschied.
Wie, hatte er sich sofort gefragt, wie soll ich da alles unterbringen?
Aber der erste Endruck hatte zum Glück getäuscht. Die Station, offiziell geführt als »Königlich Bayerische Meteorologische Hochstation Zugspitze«, war ein neun Meter hoher Turm, eingeklemmt zwischen dem Münchner Haus und einem Felszacken des Gipfels. Ein massiver Eisenanker hielt die drei Etagen im felsigen Grund, dazu war der Turm mit übergelegten Stahlseilen gleichsam verzurrt, um den Stürmen, die in dieser Höhe bisweilen fürchterlich wüteten, standhalten zu können.
Die untere Etage mit ihren meterdicken Bruchsteinmauern, war als Lager- und Vorratsraum gedacht. Hier waren Holz und Briketts gestapelt, außerdem Konserven und andere lang haltbare Lebensmittel wie geräucherter Schinken, Hartwurst – und Zitronen! Der Saft dieser Zitronen sollte dafür sorgen, dass der Wetterwart nicht an Vitaminmangel erkranken würde.
Darüber lag seine Behausung.
Klein, aber irgendwie auch heimelig. Auf gerade einmal sechzehn Quadratmetern musste Platz genug sein für Küche, Schlaf- und Wohnraum in einem. Ein richtiges Junggesellenstübchen. Dazu das höchste im gesamten Land – und noch ein kleines Stück darüber hinaus. Als 1901 ein gewisser Josef Enzensperger als erster Wetterwart auf der neu errichteten Station Dienst getan hatte, war er in den »Münchner Neuesten Nachrichten« als der »höchste Einwohner des Deutschen Reiches« bezeichnet worden.
Anselm Straub musste lächeln bei dem Gedanken, nun selbst der höchste Einwohner des Deutschen Reiches zu sein. Ein enormer Aufstieg, dachte er. Und er horchte auf sein lautes Lachen, das er ausprobierte, um zu hören, wie seine Stimme im Alleinsein klingen würde.
Als Erstes suchte er einen guten Platz für die Voliere. Er wollte sie von der Decke seines Gemachs hängen, irgendwo, wo sie nicht im Wege umgehen würde und wo zugleich genug Licht durch eines der kleinen Fenster den Käfig erhellen könnte. Die Vögelchen, so dachte er, mögen wie wir Menschen die Tagesläufe. Mögen es, mit der Dunkelheit müde zu werden und mit dem Morgen den Tag zu begrüßen. Und vor allem mögen sie die Sonne, die Wärme und das Wohlgefühl, das damit einhergeht.
Dass dieses von der Sonne erzeugte Wohlgefühl spärlich bemessen sein würde, war ihm schon klar. Für die Zugspitze war zuletzt ein Jahresmittel von minus sieben Grad festgestellt worden! Für den bevorstehenden Winter verhieß dies nicht gerade milde Zeiten. Allerdings, und das wusste er von seinen Vorgängern auf der Station, konnten die Tage ab März selbst hier, auf fast dreitausend Metern Höhe, Sonnenbäder an windgeschützten Stellen durchaus möglich machen.
Er fand einen umgebogenen Nagel in der Decke aus massiven Holzbalken. Er bog ihn weiter zu einem Haken und befestigte daran den Vogelkäfig, und er fühlte sich gut dabei, nun erste Schritte in dieses neue, auf ein dreiviertel Jahr befristete Leben zu tun.
Ich nenne sie Max und Moritz, dachte er. »Du bist Max …« Er blies dem Vogel durchs Gitter ins Gefieder. »Und du …« Er schnalzte mit der Zunge, »… du bist Moritz. Merkt euch das.«
Im Herd, der zugleich Ofen für den Wohnraum war, knisterte das Holz. »Am besten, Sie lassen ihn von nun an nicht mehr ausgehen, bis Ablösung kommt«, hatte ihm sein Vorgänger empfohlen. »Er verbraucht nicht viel, aber er heizt gut. Immer bei kleiner Flamme halten, dann werden Sie keine Probleme haben.«
Aus dem Fass neben seinem Turm holte er einen Topf voll Regenwasser und stellte ihn auf den Herd. Eine Kanne heißen Tees könnte ja nicht schaden, während er sich genauer umsah und sich nach und nach heimisch machte, so gut es ging.
Nur zwei Schritte vom Herd entfernt stand ein kleiner Tisch samt an die Wand gelehnter Bank und einem Stuhl – da hätten drei Leute Platz gehabt, aber es war nicht anzunehmen, dass er Besuch bekäme, zumindest nicht, bevor der Winter zu Ende wäre. An diesem Tisch also würde er von nun an seine Mahlzeiten zu sich nehmen, seinen Tee trinken, lesen, vielleicht seine persönlichen Aufzeichnungen niederschreiben. Dieser Tisch wäre der Mittelpunkt seines Lebens in dieser kleinen Stube. An der Wand über dem Tisch war ein Bord befestigt – man musste direkt Obacht geben, sich beim Hinsetzen oder Aufstehen den Kopf nicht anzustoßen –, und auf diesem Bord fanden sich, in einiger Schräglage und Unordnung, Bücher und zerlesene Schriften. Darüber würde er sich vielleicht am Abend ein besseres Bild machen, und wenn nicht an diesem Abend, dann am nächsten oder übernächsten.
Zunächst bedurfte es eines guten Platzes für sein kleines Grammophon und die Schelllackplatten. Hatte er das Geschenk fast nicht annehmen wollen, gar geglaubt, etwas Derartiges nicht zu benötigen, war ihm jetzt bewusst, dass die Musik ihm zum Freund werden würde.
Eine winzige Kommode gleich neben der Bank erschien ihm als der beste Platz. So konnte er das Grammophon bedienen, wenn er am Tisch saß, brauchte sich gar nicht zu erheben, um ein neues Musikstück aufzulegen.
Vorsichtig, geradezu liebevoll klappte er den Deckel des Gerätes auf, drehte den kleinen Trichter zum Raum hin und setzte die Kurbel ein. Aber er verkniff es sich, jetzt, am Vormittag, eine Platte aufzulegen und den Mechanismus in Gang zu setzen. Er klemmte die Platten, die in weißen, papiernen Hüllen steckten, hinter die Musikmaschine, besah sich dabei jede Einzelne und freute sich ganz besonders darauf, den italienischen Tenor Caruso mit der Arie »Celeste Aida« zu hören. Später.
Den Tee, stark und mit wenig Zucker, trank er draußen, vor seinem Turm. Ein paar Dohlen waren oben auf dem Geländer der Aussichtsplattform und in den nahen Felsen gehockt und flogen nun heran und hüpften um ihn herum, darauf spekulierend, vom neuen Wetterwart ein paar Bröckchen zugeworfen zu bekommen. Aber der aß ja nichts, der trank ja nur Tee. Und freute sich über die Mitbewohner seines Gipfels.
Dohlen waren ihm von jeher sehr lieb gewesen. Auf seinen Ausflügen ins Gebirge hatte er immer wieder bestaunen können, welche Meister der Flugkunst sie waren. Mag schon sein, hatte er gedacht, dass man den Adler den König der Lüfte nennt. Majestätisch und gefährlich. Aber die Dohlen mit ihrem pechschwarzen Gefieder, mit ihren gelben Schnäbeln und karottenroten Beinchen, sie waren für ihn die wahren Beherrscher der Luft und der Thermik. Und sie zeigten das ja auch fast unablässig in ihrem übermütig erscheinenden Spiel. Sie waren Könige und Clowns in einem. Und Anselm Straub beschloss, ihnen fortan immer ein paar Krümel zu geben. Lange würden sie ja ohnehin nicht mehr auf dieser Höhe ausharren. Den Hochwinter verbringen Dohlen in abgelegenen Talregionen. Sie würden erst wieder zurückkehren, wenn die Sonne im späten Frühling am Gipfel mildere Temperaturen mit sich brächte.
Umso dankbarer konnte er sein für die Tage, an denen sie ihm noch Gesellschaft leisten würden.
Er sah sich die possierlichen Vögel genauer an. Sie hüpften so nahe heran, dass er ihnen in die kugeligen schwarzen Knopfaugen sehen konnte. Und sie hielten dabei doch Abstand genug, dass sie vor ihm sicher waren.
An dem Morgen, dachte er, an dem sie nicht mehr da sind, wenn ich vor das Haus trete, wird der Winter anfangen.
Er verbrachte den größten Teil des Tages damit, in gewisser Unorganisiertheit sein Leben auf dem hohen Berg allmählich zu organisieren. Packte Dinge aus den Taschen und Kisten, die noch nach Maultierfell rochen. Inspizierte nach und nach den ganzen Turm – über seinem Wohnraum war da noch das Arbeitszimmer mit Messgeräten, Folianten, Karten, wissenschaftlichen Tagebüchern, und von diesem Arbeitsraum führte eine steile Stiege zu einer Luke, die den Aufgang zur Aussichtsplattform vermittelte. Dort oben zu stehen bedeutete, noch einen Meter höher zu sein als die höchsten Felsen des Gipfels. Im Umkreis von vielen Kilometern war nichts und niemand höher als diese Plattform, auf der Straub jetzt stand, auf der er von nun an fast täglich stehen würde.
Mittels der Gebirgskarte verschaffte er sich einen besseren Überblick. In ihr waren die Entfernungen zwischen seiner Warte und den verschiedenen markanten Gipfeln der Ostschweiz, der vergletscherten Zentralalpen, der Dolomiten und der Hohen Tauern genauso verzeichnet wie die Distanzen zu den oberbayerischen Seen und zu den dunklen Säumen von Schwarzwald und Bayerischem Wald.
Freilich, viele der verzeichneten Berge kannte er dem Namen nach und manche auch von ihrer Gestalt. Doch mindestens ebenso viele waren ihm noch fremd, und er würde erst lernen müssen, sie in der Natur zu entdecken. Denn anhand ihrer Entfernungen waren zweimal täglich auch die Sichtweiten von der Zugspitze aus durchzugeben. Reichte der Blick also beispielsweise bis zum Hochvogel im Allgäu, dann konnte von einer Sichtweite von etwa 52 Kilometern gesprochen werden, sah er den Säntis, der sich über dem jungen Rhein erhob, dann waren es sage und schreibe 120 Kilometer.
Sein Vorgänger als Wetterwart hatte ihm am Vortage alles Wesentliche gezeigt, war mit ihm die verschiedenen Anforderungen durchgegangen, hatte ihn eingewiesen in die Praxis dessen, was er von der Theorie her natürlich schon bestens kannte. Doch jetzt war er auf sich gestellt, und das war doch ganz etwas anderes.
Im Arbeitszimmer hing gerahmt zwischen Karten eine Seite aus den »Münchner Neueste Nachrichten« an der Wand. Das leicht angegilbte Blatt stammte vom Februar 1901, war »Sieben Monate auf der Zugspitze« überschrieben und verfasst vom ersten Zugspitz-Wetterwart Enzensperger, der seinen Aufenthalt hier heroben um nur zwei Jahre überlebt hatte. 1903 war er, ein abenteuerfreudiger Alpinist und Reisender, bei einer Forschungsexpedition in der Antarktis gestorben. Er nahm sich vor, diesen Bericht bald zu lesen, aber nicht jetzt, nicht in den Stunden des Nachmittags, an dem er erstmals ganz alleine die Wetterdaten zu ermitteln und durchzugeben hatte. Unruhig trat er immer wieder vor die Tür, um zu sehen, ob sich die Bewölkung in Farbe und Dichte veränderte, ob die Sichtverhältnisse besser wurden oder sich verschlechterten, er prüfte die Luftfeuchtigkeit, den Luftdruck, die Windrichtung. Und immer hielt er dabei auch Ausschau nach den Dohlen, ob sie noch da waren.
Im unteren Geschoss schlichtete er das neu heraufgebrachte Holz zu den anderen Scheiten, er räumte die Briketts auf und kehrte zusammen. Mit der scharfen Axt spaltete er dünnes Anschürholz für den Kanonenofen im Arbeitszimmer. Danach sichtete er die mitgebrachten und die schon länger gelagerten Konserven. Da waren Sülzen dabei und Gulasch, Kraut und Kürbis, gepökeltes Fleisch und gedünstete Karotten. Auf ein Gulasch hätte er Lust verspürt; Kartoffeln gab es ja auch. Aber, so dachte er sich, lieber jetzt ein wenig gegeizt mit den gut eingemachten Sachen und sie aufheben für die kalte Zeit. Von der Decke hingen zwei Schweineschultern, schwarz geräuchert, für die Mäuse unerreichbar. Ja, es gibt Mäuse, hatte der vorherige Wetterwart gemahnt, es gibt sie auch da heroben und sie fressen alles, was ihnen unterkommt. Also, Obacht!
Er entschied sich dafür, abends ein Stück vom Geräucherten zu essen, einen Ranken Brot dazu und vielleicht ein oder zwei Seidel Bier. Auch mit dem Biervorrat würde er haushalten müssen, das war ihm schon klar. Aber dem Bier maß er, anders als der Großteil der männlichen bayerischen Einwohnerschaft, keine ans Lebenswichtige grenzende Eigenschaft bei. Bisweilen schmeckte ihm eine Halbe, zur Starkbierzeit auch ein Bock und auf der Festwiese eine süffige Mass, aber dann vergingen wieder Wochen, ohne dass es ihn nach Hopfen und Malz gelüstete. Und wenn kein Bier mehr da wäre, so würde er nicht groß daran leiden. Verdursten würde er sicher nicht: Das Wasser, das er brauchte, kam als Schnee vom Himmel. Und der Schnee würde meterhoch fallen …
Um vier Uhr am Nachmittag, eine Stunde vor dem Zeitpunkt, da er seine Messdaten ganz offiziell durchzugeben hatte, telefonierte er nach München. Er wollte ganz sicher gehen, dass Verbindung bestand.
Der Kollege im Institut – es war Gstatter, der Dienst tat, und den Straub recht gut kannte – wollte nur zu gerne wissen, wie es ihm da oben so erginge und ob er sich schon eingelebt habe und wie das wohl auszuhalten wäre, so ganz ohne, er wäre doch schließlich verlobt.
»Es ist alles noch fremd für mich«, sagte Straub. »Ungewohnt, wenn du verstehst, was ich meine. Ich weiß noch nicht so recht, ob ich besorgt sein soll wegen des einsamen Winters oder ob ich mich freuen soll darauf. Seit ich heraufgekommen bin, weiß ich jedenfalls ganz sicher, dass es für mich ein ganz besonderes Erlebnis wird, eine besondere Erfahrung. Ob eher positiv oder eher negativ – das muss man erst sehen.«
Gstatter räumte ein, dass er für eine oder zwei Wochen selbst auch gern Dienst tun würde auf dem Berg. »Aber so lange wie du … also das würde ich nicht aushalten.«
»Ich hab den Trost«, sagte Straub, »dass ich jeden Tag zweimal mit einem von euch telefonieren kann. Und wenn ihr dann so gut seid, mir auch zu erzählen, was sonst so los ist auf der Welt, dann werde ich das schon schaffen.«
In den folgenden Stunden befasste er sich eingehend mit den Messungen, führte jede mindestens zweimal durch, um die Fehlerquote so gering wie möglich zu halten, er bestimmte von seiner Plattform aus die Sichtweiten in der bereits aufkommenden Dämmerung, er schrieb alles in die dafür vorgesehene große Kladde und gab schließlich Daten und Fakten telefonisch an Gstatter durch. Diesmal war ihr Gespräch ganz sachlich, emotionslos.
Sie wünschten sich einen guten Abend, Gstatter fügte an »… und eine gute Nacht« und er vergaß nicht zu erwähnen, dass nächstentags Lohmeyer da sein würde, um die Zugspitz-Ergebnisse aufzunehmen und weiter zu melden, sodass in den Zeitungen im gesamten Land das Wetter zumindest vage vorhergesagt werden konnte.
Straub setzte sich an den kleinen Tisch, aß vom Geräucherten, trank ein paar Schlucke Bier und packte danach, als er sich die Hände mit dem warmen Wasser aus dem Ofengrandel gereinigt hatte, ein kleines Wachstuchpäckchen aus, das ihm die Kollegen vom Institut zum Abschied geschenkt hatten. »Aber ja nicht aufmachen, bevor du am Gipfel bist! Versprochen?«
»Versprochen.«
Das Päckchen enthielt eine kleine Sammlung sogenannter künstlerischer Aktfotografien.
»Schweinsköpfe«, sagte Straub und musste lachen. Die Fotografien, es waren acht Stück, zeigten überwiegend etwas fülligere Frauen, die dabei waren, ihre Reize zu enthüllen oder die bereits alle Hüllen hatten fallen lassen. Eine räkelte sich bäuchlings und wie ein Säugling auf einem weißen Fell und sah dabei den Betrachter mit großen und ernsten Augen an. Eine andere war nackt bis auf die Strümpfe; sie hatte einen Fuß auf einen plüschigen Schlafzimmerhocker gestellt und war im Begriff, einen Strumpf abzurollen. Ihr Hintern war Straub zu groß und zu fleischig. Am besten gefiel ihm die mit den dunklen hochgesteckten Haaren und dem leicht anzüglichen Lächeln. Sie verbarg sich zwischen Palmblättern, tat so, als würde sie Verstecken spielen und zeigte dabei weniger als die anderen, dieses Wenige aber – eine ihrer kleinen Brüste, ein langes Bein und natürlich ihr einladendes Lächeln – war weit erotischer als bei den Damen auf den anderen »künstlerischen Aktfotografien«. Auch hatte diese Karte, im Gegensatz zu den anderen, am unteren Ende so etwas wie ein Motto stehen, einen Titel: »Komm, fang mich doch!«, stand da.
Straub besah sich die Fotografien alle noch einmal. Dann nahm er sieben davon und warf sie in den Küchenherd. Die Versteckspielerin aber legte er in die Schublade seines kleinen Esstisches. Sie gefiel ihm.
Kapitel 4
Etwa eine Woche nach Straubs Ankunft auf der Station, kündete sich der Winter mit allen Vorzeichen an, die ihm zu Gebote standen. Vorzeichen, die wohl jeder Laie falsch gedeutet hätte.
Die Temperatur auf dem Gipfel stieg mittags auf zwölf Grad Celsius, Plusgrade wohlgemerkt. An der schindelgetäfelten Außenwand des Turms staute sich die Wärme, und Straub konnte zu seinem kleinen Mittagsmahl draußen sitzen – im Unterhemd. Die Dohlen kamen angeflattert und balgten sich um ein paar Krümel von Straubs Brot.
Er genoss den Blick auf den weiten weißen Schneeferner. Und wenn er aufstand und einmal am Münchner Haus entlangging, bis die Ausschau nach Norden frei wurde, dann sah er über den spaltendurchfurchten Höllenthalferner und das gleichnamige Tal hinaus in die voralpine Landschaft, wo sich die Berge im flacheren Land auswellten wie das Meer an einem Strand.
Bis um zwei Uhr war der Himmel völlig wolkenlos, und die Sicht reichte bis zu den Dolomiten. Die Luft war seidig weich, der Himmel so klar – alles in allem kein gutes Zeichen zu dieser vorgeschrittenen Jahreszeit.
Am späteren Nachmittag legte der Himmel einen zarten Schleier an. Nun trug er einen wässrigen Grauton, durch den jedoch das Blau immer noch zart durchschimmerte. Und dann kam Wind auf, der sich innerhalb einer Stunde zu einem gehörigen Sturm steigerte.
Straub hatte sich fast schon mit dem Gedanken angefreundet, dass es in diesem Jahr vielleicht gar keinen richtigen Winter geben würde. Dass der Herbst sich halten würde bis Januar – und dann gleich ein ganz frühes Frühjahr einsetzte. Er hätte nichts dagegen gehabt. Den Wetterstatistiken zufolge hatte es diese Spitzen nach oben wie nach unten in den letzten hundert Jahren immer einmal gegeben: Sommer, die besonders verregnet, Winter die besonders schneearm waren. Ausgesprochen kalte Augustwochen, unerklärlich warme Januars und Februars. Aber die Erfahrungswerte besagten doch, dass in der Regel Schnee das letzte Laub von den kahl werdenden Bäumen schüttelte, dass also auf den Herbst der Winter folgte, und dass so ein Winter in diesen Breiten fast ein halbes Jahr lang dauern konnte, bisweilen sogar länger.
Zum Abend hin entwickelte sich der Sturm zum Orkan. Wenn Straub vor die Tür trat, musste er sich festhalten, damit er nicht einfach umgeweht wurde. Die Wolken, die sich allmählich gebildet hatten, um dann als immer gewaltigere Wogen aus dem Westen daherzukommen, wurden über die Gipfel hinweggefegt. Sie lösten sich auf und formierten sich neu. Im Licht des abnehmenden Mondes, der mal vernebelt, mal ganz dominant am Himmel stand, wurde dieses Wetter zum grandiosen und zugleich furchteinflößenden Schauspiel.
Ein Föhnsturm, der ungehindert über den Gipfel jagte, der an der Station rüttelte, dass die Balken nur so ächzten, der gegen das Haus schlug und es zum Erzittern brachte, der in den Kamin fuhr und den Rauch beißend in die Räume drängte. Und der den Wetterwart Anselm Straub die ganze Nacht lang kein Auge zumachen ließ. Es erging ihm wie einem Kapitän auf stürmischer See, der nur hoffen konnte, dass sein Schiff den Kurs halten und wenn schon nicht den Kurs halten konnte, so doch wenigstens nicht auseinanderbrach.
In diesen Stunden, allein auf dem hohen Berg, zweifelte er daran, dass es eine gute Entscheidung gewesen war, sich in eine solche Wildnis zu begeben. Er hatte immer über den Winter nachgedacht und sich gesagt, dass ihm die Kälte nicht so viel ausmachen würde. Er hatte sich gefragt, wie er mit dem Alleinsein zurechtkommen könnte. Und die Antwort war, dass ihm die Zeit allein mit sich selbst bestimmt ganz guttäte, bevor er eine Familie gründen und Kinder in die Welt setzen wollte. Über die Gewalt der Stürme und darüber, dass er Stürme nicht gut ertrug, hatte er vor sich keine Rechenschaft abgegeben. Dabei wäre es so naheliegend gewesen …
Er wusste ja genau, woher seine Angst rührte, wie sie aufgekommen war und sich in ihm festgesetzt hatte.
Vier oder fünf Jahre musste er gewesen sein, damals. Er war an der Hand seiner Mutter in der Stadt spazieren gegangen. Wahrscheinlich hatte er nicht gewusst, dass es sich um die Ludwigstraße unweit des Odeonsplatzes handelte, wo alles geschah, was ihn so verstörte. Sicher hatte er es nicht gewusst, nicht wissen können. Dieses Wissen hatte sich nach und nach hinzuaddiert. Sie waren aus dem Hofgarten gekommen, waren vorbeigegangen am Café Putscher, und er glaubte immer noch, sich erinnern zu können an seine Freude, die vielen Kutschen und Gespanne zu sehen, die auf der breiten Prachtstraße unterwegs waren.
»Oh, dieser schreckliche Trubel«, hatte hingegen seine Mutter gesagt und ihn noch fester an der Hand genommen.
Und dann war es passiert: Eine plötzlich aufkommende, um eine Straßenecke fahrende Windbö hatte seiner Mutter den Hut vom Kopf gerissen. Einen Baretthut, mit Federn und seidenen Blütenblättern kunstvoll verziert. Der Hut wurde in die Luft gerissen, hochgewirbelt, stürzte in den Staub der Straße, geriet neuerlich in die Klauen des Windes, rollte hierhin, rollte nach da, wurde erneut nach oben katapultiert, um schließlich im Pferdedreck zu landen und von den Gäulen der nächsten daherkommenden Kutsche zertreten zu werden.
In dem Moment, da der Wind den Hut fortgerissen hatte, stieß Straubs Mutter einen lauten, hellen, angstvollen Schrei aus. Nur ganz kurz. Aber doch in einer Art, die ihn, den kleinen Buben, bis ins Mark erschütterte. Der kurze Schrecken seiner Mutter übertrug sich auf ihn – um bei ihm ein lang anhaltender, ein ewig währender Schrecken zu werden. Er schrie wie am Spieß. Und er hasste den Sturm.
In dieser Nacht auf der Zugspitze war er voller Angst. Er stellte sich vor, wie der Orkan seinen Turm aus den Verankerungen riss und ihn über sechshundert Höhenmeter auf den Höllenthalferner hinabstürzen würde. Er hörte das Geschirr in den Schränken klappern und konnte geradezu körperlich spüren, dass dieser Sturm versuchte, die Läden an den kleinen Fenstern aus ihren Scharnieren zu reißen.
Straub war nie ein frommer Mensch gewesen, sonst hätte er vielleicht den Blick zum kleinen Kruzifix gerichtet, das im Eck über seinem Esstisch hing und vom flackernden Licht beleuchtet wurde. Er hielt nicht viel von Kirche und Glauben; was er glaubte war, dass die Welt mit der Wissenschaft zur Gänze zu erklären sei. Und dass alles andere, zumindest fast alles andere, Romantik und Märchenzauber wäre.
Doch die Angst war da. War riesengroß. Gewaltig wie die Wolken am frühen Abend. Aus einem der Schränkchen, worin Töpfe, Geschirr und Gewürze lagerten, holte er sich die Rumflasche und trank mindestens so viel, wie in eine Tasse gepasst hätte. So wurde der Sturm leiser und nach und nach verlor er tatsächlich an Bedrohlichkeit.
Er schlief dennoch unruhig, wälzte sich hin und her, träumte wirres Zeug – das Schellen des Telefons am frühen Morgen war eine Erlösung. Er vertröstete den Kollegen um eine Viertelstunde. Dick eingepackt ging er hinaus, um die Wetterwerte erst einmal im Augenschein zu prüfen. Und er war mehr als erstaunt über die völlige Windstille, die jetzt herrschte. Nichts regte sich. Das Gebirge lag da in völliger Lautlosigkeit. Im Osten zeigte sich ein erster heller Schimmer. Und über ihm und im Westen standen die Sterne am Himmel.
Noch hielt der Föhn, der in der Nacht so gewütet hatte, den Winter um ein paar Stunden auf. Aber wenn der Föhn dann zusammenbrechen würde, käme der große Wettersturz. Das stand ganz außer Zweifel. Es war eine Frage von Tagen, vielleicht auch nur noch Stunden. Er wusste es, und wenn er es nicht gewusst hätte, so hätte er es im Urin gespürt. Ganz sicher.
An diesem Morgen war Lidia von Berneis sehr zeitig auf. Sie hatte bereits am Vortag ihr großes Gepäck aufgeben lassen; in Dresden würde alles vom Bahnhof abgeholt werden.
Sie hatte sich von den Schafflers schon am Vorabend verabschiedet und dabei versprochen, im nächsten Frühsommer wieder ins Haus Alpenblick zu kommen. Die Betreiber der Pension hatten es sich aber nicht nehmen lassen, die »liebe Frau von Berneis« nach frühem Frühstück noch einmal in aller Form und mit herzlicher Rührung zu verabschieden. Karl Schaffler selbst brachte sie, nachdem er ihr eine wunderbar weiche und warme Decke umgelegt hatte, mit seinem Einspänner zum Bahnhof.
Dieser Schaffler war ein guter Geschäftsmann, hatte es im Leben zu einigem Erfolg gebracht, was gewiss auch daran lag, dass er die Schliche von Lieferanten durchschaute, dass er niemandem leicht auf den Leim ging. Nur: Auf Frauen verstand er sich nicht besonders. Und so war er kein bisschen verwundert darüber, dass die vorzüglich gekleidete Frau von Berneis einen Koffer mit sich führte, den sie dann beim mehrmaligen Umsteigen zumindest so weit selbst zu tragen hätte, bis ein Dienstmann ihr gegen kleines Entgelt die unbequeme Last abnehmen würde. Auch glaubte er ihr, dass sie die nagelbeschlagenen Bergstiefel, die sie an den Schuhbändern zusammengeknüpft hatte und einfach so mit sich trug, in München, wo sie zwei Stunden Aufenthalt haben würde, bei der altrenommierten Schuhmacherei E. Rid & Sohn in der Fürstenstraße zur Nachbesserung der Nähte vorbeibringen wollte.
Dass sie den Zug nach Murnau und weiter nach München gar nicht erst besteigen würde, dass sie nur darauf wartete, Schafflers Gefährt am Bahnhofsvorplatz wenden und davonfahren zu sehen, ehe sie sich im Waschraum der Station in eine zünftige Hochtouristin verwandeln wür-
de – das wäre ihm, dem grundguten Pensionsbetreiber, nicht im Traume eingefallen.
Als eineinhalb Stunden später beim Bahnhofsvorstand zu Garmisch ein feiner Reisekoffer abgegeben wurde, dessen Inhalt aus einem Rock, einer Bluse, einer Weste sowie Damenstrümpfen, Korsett, Handschuhen, Schuhen und einem Hütchen bestand, war Lidia längst aus dem Ort geschlichen, war an der Partnach entlang gewandert – einen Weg, den sie schon kannte – und dann mutig und völlig allein auf dem Steig, der ausgesetzt die Vordere Klamm durchzog, hinein ins Gebirge.
Sie war so voller Freude. Der Tag war so schön. Nachts hatte es gestürmt. Aber der Sturm hatte alle Wolken vertrieben und den Himmel blau gefegt. Der Morgen war mild, sehr mild für die Jahreszeit. Und außerdem konnte sie sich auf geradezu mädchenhafte Art daran ergötzen, dass ihr das Schelmenstück am Bahnhof so problemlos gelungen war. Jetzt trug sie zu den Nagelschuhen feste Strümpfe, die bis übers Knie reichten, unter dem Lodenrock eine Pumphose, einen gestrickten Pullover und eine Weste aus Jägerleinen. Bis auf die Stiefel war all das und dazu noch der erdfarbene Rucksack im Koffer versteckt gewesen. Auch eine Feldflasche, zwei Scheiben Brot, die sie beim Frühstück abgezweigt hatte sowie zwei Äpfel und eine Birne.
In der Klamm aber überkam sie dann doch ein Gefühl der Unsicherheit und der Besorgnis. Der zum Teil in den Fels gehauene oder mit Balken das tosende Wasser überspannende Weg war auch wirklich dazu angetan, düstere Gedanken aufkommen zu lassen: Bestimmt hundert Meter tief hatte sich hier der Wildbach in das Gestein gefressen. An Stellen, wo sie stehen bleiben und hochschauen konnte, führten nasse, lotrechte, sich nach oben noch verengende Felswände einem schmalen Streifen Himmel entgegen. Das Wasser prasselte hernieder, in rauschenden Kaskaden und in dünnen Tropfenfäden, es rauschte und rann, es wütete und es plätscherte, Moose und Flechten strotzten vor Nässe.
Sie hätte die Klamm auch umgehen und den Weg über die Partnachalm nehmen können oder, etwas umständlicher, übers Graseck. Aber sie wollte es so. Würde sie sich nicht abschrecken lassen von dieser düsteren, feuchten, um diese frühe Stunde besonderes kalt und bedrohlich wirkenden Engstelle auf dem Weg hinauf zur Zugspitze, dann gäbe es wohl nicht mehr viel, was sie von ihrem Vorhaben noch abhalten konnte.
Dunkel waren die in den Fels gehauenen Gänge, und ständig tropfte es in ihr zurückgestecktes Haar, ins Gesicht und manchmal auch in den engen Kragen, von wo es den Nacken hinunterrann und sie schütteln machte. Wie war sie froh, als die Schlucht, in der die Partnach so furchterregend gegen die Felsen schlug, langsam breiter wurde, als mehr Licht einfiel, die steilen Felswände zurücktraten und dort, wo die Landschaft sich schließlich weitete, auch der Wildbach einen vergleichsweise ruhigen Lauf nahm, Harmlosigkeit vorgaukelte.
Sie machte eine kurze Rast, aß die Hälfte von einem ihrer Äpfel und war ein wenig darüber verwundert, dass sie sich beim ersten Mal, da sie durch die Klamm gegangen war – damals aber in Begleitung ihres Gemahls und eines Partenkircher Führers – so gar nicht gefürchtet hatte, diesmal aber doch sehr.
Beim Rückweg, das nahm sie sich jetzt ganz fest vor, würde sie die Partnachklamm meiden.
Aber das Weitere konnte sie in der Tat jetzt nicht schrecken. Nicht, dass noch fast zweitausend Höhenmeter zu bewältigen waren, nicht, dass es noch viele Kilometer bis zum Ende des Reinthales waren, wo dann erst der steile Aufstieg begann, und auch nicht, dass Heinrich Schwaigers »Führer durch das Wetterstein-Gebirge«, den sie sich in der neuesten, 1901 erschienenen Auflage beim Partenkircher Buchhändler besorgt hatte, für den gesamten Anstieg zum Gipfel zehn Gehstunden veranschlagte. Wie hätten zehn Stunden auch schrecken können in Anbetracht Schwaigers euphorischer Beschreibung der Aussicht vom kreuzbestückten Zugspitzgipfel?
»Die Aussicht, insbesondere vom Ostgipfel, von dem man auch das Höllenthal mit dem zerklüfteten Ferner und den Blassenkamm überblickt, ist eine der großartigsten und lohnendsten in den nördlichen Alpen. Sie erstreckt sich von den Höhen des Donauthales bis zum Ortler und der Berninagruppe, vom Salzkammergut bis in die Ostschweiz zum Tödi. Im Westen und Südwesten übersieht man die Felshörner der Lechthaler und Allgäuer Alpen, unter denen insbesondere der Hochvogel hervortritt, nach Norden zu jenseits des Ammer- und Esterngebirges die schwäbische und oberbayerische Hochebene mit den Spiegeln des Ammer- und Würmsees; im Osten ragen die Spitzen des Karwendels hervor; den Glanzpunkt der Rundschau bilden aber im Süden die Firnhäupter der Centralalpen, von den Tauern angefangen bis in die Schweiz, besonders hervorragend die Oetzthaler- und Stubaiergruppe …«
So wanderte Lidia von Berneis nun taleinwärts an der Partnach entlang, angetrieben von einer schwärmerischen Begeisterung für die Natur im Allgemeinen und das Gebirge im Besonderen. Sie schritt kraftvoll aus, denn sie war ausdauernd und von guter Konstitution. Ihren Mangel an alpiner Erfahrung trachtete sie – so sie sich dessen überhaupt in vollem Ausmaße bewusst war – genau dadurch wettzumachen, dass sie über gute Ausdauer und Gesundheit verfügte und noch am selbigen Tag die Knorrhütte, wenn nicht gar den Gipfel erreichen würde.
Dass sie beim Münchner Haus verschlossene Türen vorfinden würde, das war ihr wohl bewusst. Doch sie rechnete fest mit dem jungen Meteorologen. Der würde sie schon unterbringen können, irgendwo für eine Nacht.
Was gäbe das ein Mäulerzerreißen bei den Menschen daheim, dachte sie. Wenn die wüssten. »Stellen Sie sich vor, die Frau von Berneis. Haben Sie’s gehört. Hat die Nacht bei einem Wetterwart auf dem Berg verbracht. Nur sie und er …«
Dabei, so dachte sie weiter, ist das ja noch ein junger Bub. Und ich für ihn, na ja, jedenfalls gewiss nicht im richtigen Alter.
Dass es sie all die Jahre, seit sie Witwe geworden war, nicht bekümmerte, was andere über ihre Art zu leben dachten oder sprachen, war ihr sehr hilfreich.
Zäh, abenteuerlustig und naiv ging sie Schritt für Schritt der Zugspitze entgegen.
Wenn sich Straub im Spiegel betrachtete – das Waschbecken war nur einen Schritt vom Herd entfernt, was den Vorteil hatte, dass er sich zur Körperpflege unschwierig des heißen Wassers aus dem Ofengrandel bedienen konnte – so konnte er sich neu entdecken. Er konnte sehen, wie sein rötlichblonder Bart zaghaft wuchs, konnte seinen Augen ablesen, ob er müde oder munter, niedergeschlagen oder euphorisch war, er konnte, wenn er sein Spiegelbild lange genug fixierte, sogar eine Ahnung bekommen, wie er als Alter aussehen würde, worin er mehr seinem Vater und worin mehr seiner Mutter ähnelte.
Wie lange hatte er sich selbst nicht mehr so gesehen, sich selbst nicht mehr wahrgenommen. Da hatte es dieses Alleinsein gebraucht dazu. Jetzt, da selbst die Dohlen fort waren und sich seine sozialen Kontakte auf die zweimaligen Telefonate am Tag beschränkten, da wurde ihm sein Spiegelbild zum ersten Ansprechpartner in allen Lebenslagen. Mit den Finken konnte er nicht viel anfangen. Die hüpften auf ihren Stangen im Käfig herum und zwitscherten vor sich hin.
Das Haupthaar wuchs natürlich auch. In einer Schublade im Arbeitszimmer hatte er einen Haarschneider gefunden. Erst hatte er gedacht, es sei ein Instrument zur Schafschur. Aber es war tatsächlich eine Apparatur zum Kahlscheren des Schädels. Ein Gedanke, mit dem er sich nicht recht anfreunden konnte. Lieber würde er sich die Haare wachsen lassen, so wie Robinson Crusoe auf seiner einsamen Insel.
Wie Robinson, dachte er. Ich werde aussehen wie Robinson.
Am frühen Nachmittag begann es zu nieseln. Nur ein Hauch von Nässe zunächst, so sanft und so leicht wie Löwenzahnsamen in der Frühlingsluft. Doch aus dem Nieselregen wurde Regen, der immer mehr an Stärke zunahm und schließlich in Schnee überging. Da war es kurz nach drei. Als er um fünf die Wettermeldung durchgab, lagen auf der Terrasse vor Wetterstation und Münchner Haus ziemlich exakt achtunddreißig Zentimeter frisch gefallener Schnee.
Der Winter war jetzt da.
Kapitel 5
Er war in den Tagen seit seiner Ankunft immer ruhiger geworden. Nach den Verunsicherungen beim plötzlichen Alleinsein, nach den Schocks von unendlicher Leere im unendlich erscheinenden Raum, nach den angstvollen Stunden im ersten Sturm, nach erstem Heimweh und erster Sehnsucht nach Familie, Braut, Kollegen, nach alledem hatte sich sein Zustand mehr und mehr gefestigt. Nach seinem Körper schien sich nun auch seine Seele allmählich auf dem hohen Berge eingerichtet zu haben.
Die Stille wurde ihm vertraut.
Und jetzt, da der Schnee in dicken Flocken fiel, war die Stille noch tiefer und allumfassender als sonst.
Es war, als wenn die Welt im Weiß zur Ruhe käme.
Straub hatte sich eine nach Phantasierezept zusammengekochte Suppe – die Hauptzutaten waren Kartoffeln, Brot und Zwiebeln – warm gemacht, er war nach dem Essen noch einmal ins Arbeitszimmer gegangen, um seine Sachen zu ordnen und morgen in aller Früh wieder griffbereit zu haben und er hatte bei der Gelegenheit den gerahmten Text der »Münchner Neuesten Nachrichten« noch einmal überflogen. Auch Enzenspergers Erfahrungen im ersten Zugspitz-Jahr hatten zu seiner Beruhigung und Heimischwerdung beigetragen.
»Ich komme zu einer weiteren Frage, derjenigen, die ich im Sommer durchschnittlich zwanzigmal im Tage zu hören bekam: ›Ja, da müssen Sie doch vor Langeweile sterben!‹ Indes zur Langeweile fehlt mir schon das Nötigste – die Zeit. Die Ablesung der Instrumente zu den fixen Terminen, das Instandhalten und Reparieren der Registrierinstrumente, die Wolkenbeobachtungen, die Führung des meteorologischen Tagebuchs, die rechnerische Verwertung der Beobachtungen, die photographischen Arbeiten …«
Er hätte diesen Enzensperger gerne einmal kennengelernt. Aber dazu bestand ja keine Möglichkeit mehr. Gestorben mit gerade einmal dreißig Jahren.
»Aber außerdem muss der Beobachter auf der Zugspitze noch eine Vielseitigkeit besitzen, die zu dem modernen Prinzip der Arbeitsteilung in diametralem Gegensatz steht. Im Nebenberuf ist er Koch, Stubenmädchen, Waschfrau, Schlosser, Schmied, Zimmermann, Telephonarbeiter, Telegraphist, Elektrotechniker, Mechaniker, Uhrmacher, Schiläufer, Schneeschaufler, Kaminkehrer, Holzhacker und Gott weiß, was noch alles …«
Aufgeschrieben war das vor fünf Jahren, aber geändert hatte sich seither wohl nichts. Es bedurfte schon eines besonderen Typ Mannes, so alleine zurechtzukommen.
Er legte eine Schelllackplatte auf, eine Operettenmelodie, kramte sich aus dem Regal über der Bank eine alte Zeitschrift und blätterte die Artikel durch, ohne dass einer davon seine Aufmerksamkeit hätte auf sich ziehen können.
Er öffnete eine Flasche Bier, schenkte sich ein kleines Glas ein, schaute durch eines der Fenster ins Schneetreiben hinaus und legte dann ein Scheit ins Herdfeuer. Es war für ihn bislang eine der schwierigsten Aufgaben, diesen Raum tagsüber angenehm warm zu halten, das Feuer nie ganz ausgehen zu lassen und dennoch nachts schlafen zu können. Denn er schlief gern kalt. In seinem Schlafzimmer zu Hause genügte ihm im Winter eine Temperatur von zwölf, dreizehn Grad. Dass es hier nachts wärmer war, hatte in den ersten Tagen zur Folge gehabt, dass er am Morgen mit Kopfschmerzen erwacht war. Aber nach und nach schien sich sein Organismus darauf einzustellen.
Straub zog sich eine dicke Jacke über, ging noch einmal hinauf ins Arbeitszimmer und stieg durch die Luke ins Freie. Die Flocken klatschten ihm nass ins Gesicht, aber da kein Wind ging, war das Schneetreiben nicht einmal unangenehm. Er leckte den Schnee, der ihm auf die Lippen fiel und sofort schmolz. Von den Bergspitzen, die den Schneeferner in weitem Bogen überragten, war nichts zu sehen. Auch nach Norden hin, wo bei klarem Wetter die verstreuten Lichter der Orte im Tal zu sehen waren, herrschten nur Schnee und Finsternis.
Wenn ich jetzt auf dem Mond wäre, so dachte Straub, könnte ich nicht ferner der Welt sein. Und er beschloss, sobald sich das Wetter bessern und der Himmel aufklaren würde, wieder einmal mit dem Fernglas den Mond anzuschauen, seine kreisrunden Krater, seine trockenen Meere.
In seiner kleinen Wohnung legte er eine neue Platte auf. Einen Walzer. Er holte die Fotografie der Nackten aus der Schublade und besah sich das Bild. Komm … fang mich doch …
Wie es Elisabeth wohl jetzt ging? Ob sie an ihn dachte? Ob sie ihn vermisste? Irgendwie war es für ihn verwunderlich, dass er hier heroben bislang kaum an sie gedacht, sie noch nicht wirklich vermisst hatte. Natürlich fehlte ihm menschliche Gesellschaft, fehlten Gesichter und Gespräche, Stimmen und Stimmungen. Aber der Gedanke an seine Verlobte hatte ihn bislang nicht gequält. Vielleicht war er zu sehr mit sich und der neuen Situation beschäftigt. Nicht ein einziges Mal hatte er onaniert, seit er hier oben hauste. Das wurde ihm jetzt bewusst.
Vielleicht heute, dachte er. Und er lenkte seine Wahrnehmung auf die Zeichen, die sein Unterleib dazu gab. Ein leichtes angenehmes Ziehen in den Hoden, eine kleine, fast minimale Erregung, das Anwachsen seines Gliedes um ein paar Prozent. Aber nicht mehr. Nicht dieses ihm durchaus vertraute, geradezu nassforsche Durchstrecken des Penis in wenigen Sekunden. Nicht dieses Verlangen, das ihm noch nie eine Frau erfüllt hatte, sondern immer nur er sich selbst.
Er schaute sich die Postkarte mit der nackten Frau an. Viel Nacktheit war ja nicht zu sehen. Das meiste war hinter Palmblättern verborgen. Seine Phantasie wurde auch weit mehr von ihrem Gesicht angeregt. Dunkles Haar, dunkle, südländisch anmutende Augen, der Mund ganz leicht geöffnet, ein Lächeln. Er hielt die Karte ganz nah an die Augen und versuchte, dieses Lächeln genau zu erforschen. Vielleicht war daraus etwas zu erfahren, etwas zu lernen. Frauen waren ihm eigentlich ein Rätsel.
Als er kurz nach neun in seinem etwas zu stark geheizten Quartier unter der Decke lag und sich mit beiden Händen massierte, da versuchte er, an Elisabeth zu denken. Aber das Lächeln der Postkartenschönheit drängte sich wieder und wieder in den Vordergrund. Und als er den feuchten Höhepunkt erreichte, so tat er das unweigerlich in dem Gefühl, in ihr, dieser unbekannten und frivolen Nackten, versunken zu sein.
Das Gefühl von Befriedigung und Erlösung hielt nur kurz an. Es wich schnell der Unbehaglichkeit. Denn im Grunde schämte er sich, seiner Verlobten untreu geworden zu sein.
In dieser Nacht sah er im Traum Elisabeth weinend vor sich knien, während die Nackte hinter ihr vorbeitanzte und sich dabei die Brüste rieb.
»Bitte«, wimmerte seine Verlobte. »Bitte, hilf mir doch. Lass mich bitte nicht …«
Er hörte das so real, als ob sie wirklich da wäre.
Mit einem Schlag war er wach. Das konnte doch nicht sein. Elisabeth war nicht da. Sie konnte gar nicht da sein. Er war allein auf seinem Berg. Außer ihm konnte niemand da sein.
Er setzte sich im Bett auf, schüttelte das Kissen und drehte es um, damit er nun etwas kühler lag. Er rollte sich zusammen wie ein kleines Kind und zog sich die Decke über. Indem er an eine Bergwanderung im Frühsommer dachte – hinauf zum Schachenschloss –, und indem er sich dabei verschiedene Einzelheiten des Tages in Erinnerung zu rufen trachtete – die Naturschönheiten, die Stimmungen an diesem Tag, die Skurrilität des kleinen königlichen Domizils und dabei vor allem die vielfarbigen, orientalisch anmutenden Fenster im Obergeschoss – versuchte er, dem erotischen Traumkäfig zu entkommen und mit anderen Bildern besser einschlafen zu können.
Dann, als er nicht mehr unterscheiden konnte zwischen Wachsein und Schlafen, zwischen noch bewusstem Gedankenspiel und Traumgeränke, hörte er die Stimme von Elisabeth aufs Neue.
»Hilf … helft … bitte …«
Schwach, wimmernd, zagend, verzweifelt.
»Bitte … ist da irgendwo … hilft mir doch wer … bitte …«
Er schrak hoch, fast wütend darüber, von seinem Unbewussten wieder in eine düstere Gasse geführt worden zu sein. Aber auch jetzt, während er in seinem Bett saß und sich die Augen rieb, verschwand die Stimme nicht. Und, daran gab es keinen Zweifel, es war nicht die Stimme seiner Verlobten.
Kein Traumgespinst!
Was er hörte, kam aus der Realität. Kam von draußen. Von dort, wo niemand sein konnte. Aber jemand sein musste.
Straub sprang von seiner Matratze, stolperte in seine Hose hinein, riss eine dicke Jacke vom Kleiderhaken neben dem Treppenaufgang und wäre, weil er die Schuhbänder seiner Stiefel nicht geschnürt hatte, fast noch über die halbe Treppe hinuntergestürzt.
Als er die Tür aufriss, stiebte ihm Schnee ins Gesicht und in den Kragen. Aber in seiner Aufregung spürte er davon so wenig wie von der eisigen Kälte. Auf der kleinen Terrasse lag der Schnee kniehoch, und dass ihm binnen Sekunden die Füße kalt und nass waren, das immerhin spürte er. Doch es war ihm egal. Da draußen war jemand! Es musste jemand da sein! Er war sich ganz sicher, eine Stimme gehört zu haben, eine wirkliche, wahre Stimme. Kein Traum, keine Halluzination.
Er schwenkte eine Laterne nach allen Seiten. Aber ihr Licht reichte nur für ein paar Meter im Umkreis. Alles andere wurde von der schneewolkigen Nacht verschluckt.
»Hallo«, rief Straub. »Halloooo! Ist da jemand? Hallooohoo … ist jemand da?«
Dann schwieg er. Horchte nur noch. Glaubte, sein Herz schlagen zu hören. Hätte gern sein Atmen abgestellt, um noch besser zu hören.
Nichts.
Das konnte doch nicht sein!
Nichts.
Einer der Fensterläden klapperte leicht und nicht sehr laut.
Aber sonst – nichts.
Er schrie erneut, noch lauter und anhaltender als zuvor. Doch auch dieses Mal bekam er keine Antwort. Nicht einmal ein Wimmern.
Aber Straub gab nicht auf. Er stapfte am Münchner Haus vorbei, um nordseitig Richtung Höllenthal einen Blick werfen zu können. Dass es ziemlich unsinnig war, wusste er selbst: Kein Mensch vermochte bei diesen Bedingungen den Anstieg auf dieser Seite zu schaffen. Aber er wollte ganz sicher gehen.
Nichts.
Als er wieder zurückkehrte zu seinem Turm, wieder und wieder in die undurchdringliche Nacht brüllend, machte er eine Entdeckung: Nur ein paar Schritte von seinem Turm entfernt, lag jemand im Schnee.
Straub stürzte der Länge nach hin, als er versuchte, diesen Menschen so schnell wie möglich zu erreichen. Aber er tat sich nichts, ja, nicht einmal die Laterne ging aus. Er rappelte sich hoch, machte die letzten paar Schritte und ließ sich neben der Gestalt auf die Knie fallen.
Es war ein Mensch, keine Frage. Lag mit dem Rücken nach oben im Schnee. Ausgestreckt, ein Bein ein Stück weit angewinkelt. Den Kopf zur Seite gedreht und von Straub abgewandt, sodass der nicht gleich erkennen konnte, ob es sich um einen jungen oder einen älteren Mann handelte.
Auch wenn er die Stimme vorhin für die Stimme einer Frau gehalten hatte, so gab es doch keinen Zweifel, dass nur ein Mann den Weg hier herauf und durch dieses Wetter geschafft haben konnte.
Straub schüttelte ihn an den Schultern. Beutelte ihm den Schnee vom Gewand. Befühlte seine Wange. Kalt. Sehr kalt. Schob ihm den nassen Kragen zur Seite und drückte ihm Zeige- und Mittelfinger auf die Halsschlagader. Da war noch Leben. Da pumpte Blut darin.
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