Читать книгу: «Der Ruul-Konflikt 15: Operation Himmelswolf»

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  Prolog

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  Epilog

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Eine Veröffentlichung des

Atlantis-Verlages, Stolberg

November 2020


Druck: Schaltungsdienst Lange, Berlin


Titelbild: Allan J. Stark

Umschlaggestaltung: Timo Kümmel

Lektorat und Satz: André Piotrowski


ISBN der Paperback-Ausgabe: 978-3-86402-737-6

ISBN der E-Book-Ausgabe (EPUB): 978-3-86402-754-3


Dieses Paperback/E-Book ist auch als Hardcover-Ausgabe direkt beim Verlag erhältlich.


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Prolog

11. November 2153

Äußeres System

Serena

»Feindbeschuss!«

Der warnende Ruf hallte über die Brücke der TKS Saber II. Der Navigator gab mehrere Befehle in seine Konsole ein und der Sioux-Kreuzer rollte sich gehorsam auf die Seite. Commodore Frank Taylor hielt sich unbewusst an den Lehnen seines Kommandosessels fest. Dabei handelte es sich um eine instinktive Reaktion und keine pragmatische. Hätte der ruulanische Beschuss die Abwehr durchbrochen und er im Anschluss unter den Lebenden geweilt, so wäre das Festkrallen an den Lehnen wohl der am wenigsten ausschlaggebende Grund für das Wunder gewesen.

Die Flakbatterien der Saber II eröffneten röhrend das Feuer. Die Geschütze hämmerten rhythmisch, während die Besatzungen daran arbeiteten, die anfliegende Menge an Geschossen auszudünnen. Explosionen blühten auf und bildeten eine Wand aus Feuer und Schrapnellen zwischen dem Schweren Kreuzer und der nahenden Gefahr.

Die ruulanischen Torpedos trafen auf die Abwehr. Unzählige zerplatzten. Frank begann zu hoffen. Könnte es wirklich reichen? Das tat es dann doch nicht. Hunderte der tödlichen Geschosse wurden zerstört – und Hunderte kamen durch. Sein Herz machte einen Satz, als die ersten Fernlenkprojektile auf die Schilde der Saber II trafen.

Die Schutzschilde flackerten in allen Regenbogenfarben und absorbierten einen Gutteil des Beschusses, bevor sich Lücken bildeten, durch die die feindlichen Geschosse stießen. Von den ersten Einschlägen bekam die Brückenbesatzung nicht viel mit. Dann ging ein scharfer Ruck durch das Schiff, gefolgt von einem noch härteren Stoß. Das Ganze endete mit einem Schlag, der Frank hart in die Gurte schleuderte. Trotz der Uniform und der darunterliegenden Schutzkleidung schnitten diese ihm tief ins Fleisch.

Unwillkürlich baute sich sein taktisches Hologramm vor ihm auf und versorgte ihn mit Schadens- und Verlustmeldungen. Zwei kleine Feuer waren auf der Brücke ausgebrochen und verbreiteten üblen Dunst. Ein Besatzungsmitglied stürzte mit einem Notfeuerlöscher herbei und bedeckte beide mit Schaum. Sie erstickten innerhalb von Sekunden. Die Lebenserhaltung bemühte sich, den Qualm schnellstmöglich abzusaugen. Frank hustete dennoch würgend.

Das Schadensschema änderte sich geringfügig. Mehrere Abschnitte wurden in bedrohlichem Orange dargestellt.

»Schadenskontrolle nach Deck neun und zehn!«, ordnete er an, ohne den Blick vom Hologramm zu nehmen. »Wir haben mehrere Mikrorisse in der Außenhülle.«

Mit einem Mal stand Commander Ian Dunlevy, sein Erster Offizier, neben ihm. Dieser hackte auf sein tragbares Datenterminal ein, um den Befehl umgehend weiterzugeben.

»Sieben Tote, elf Verwundete«, murmelte Frank vor sich hin. »Hätte schlimmer kommen können.« Sein Blick zuckte zum Statusbildschirm des Geschwaders. Franks Einheit bestand aus dreißig Schiffen und gemeinsam bildeten sie das 12. Schnelle Angriffsgeschwader.

Frank knirschte mit den Zähnen, als er feststellte, dass drei seiner Schiffe fehlten. Der feindliche Beschuss hatte ihn soeben einen Leichten Kreuzer und zwei Zerstörer gekostet. An deren Standort breiteten sich Trümmerwolken fächerförmig nach allen Seiten aus. Vereinzelt blinkten die Signalbojen von Rettungskapseln auf. Er fluchte unterdrückt und richtete seine Aufmerksamkeit auf den Himmelskörper unter ihm.

Seine Einheit war Teil von fünfzehn Geschwadern, die einen Mond ohne Planeten am äußersten Rand des Serena-Systems angriffen.

Der Mond war in jeder Hinsicht lediglich ein Felsen im All, ohne jede Bedeutung. Allerdings hatten die Ruul eine Festung darauf errichtet und nutzten diese zum Schutz der nördlichen Nullgrenze, über die sie ihre Streitkräfte auf Serena beständig mit Nachschub und frischen Truppen versorgten. Sollte Serena fallen, musste zuerst diese Festung fallen.

»Auf Ziel ausrichten!«, befahl Frank gepresst. »Feuersequenz Delta drei. Wir gehen rein.«

Das 12. Schnelle Angriffsgeschwader formierte sich zur Attacke, während die übrigen Geschwader des Verbands die feindliche Basis unter Dauerfeuer nahmen. Die Ruul hatten sich gut verschanzt und das Kunststück fertiggebracht, große Teile des Mondes mit Waffen und Defensivsystemen zu bestücken. Die Slugs waren entschlossen, den Weg für Nachschub und Verstärkung nach Serena offen zu halten. Aber die Koalition war nicht minder entschlossen, die Flut an militärischen Gütern zum Planeten versiegen zu lassen.

Tausende von Torpedos regneten auf die feindliche Festung herab. Die Oberfläche des Mondes wurde gesprenkelt von unzähligen Explosionen. Gleichzeitig gingen Til-Nara- und Nerai-Kreuzer zum Nahkampf über. Unter der Deckung der terranischen Verbände näherten sie sich dem stellaren Objekt, so weit sie konnten, und entließen die ganze Wut ihrer kinetischen Waffen auf den Feind.

Franks Einheit blieb dicht bei ihnen und flog für die Insektoiden Geleitschutz. Die Schiffe seines Geschwaders feuerten ohne Unterlass auf alle sich bietenden Ziele, während sie über den Kreuzern ihrer Verbündeten schwebten wie hilfreiche Engel.

Ruulanische Jagdgeschwader griffen die insektoiden Kreuzer an, während Dragonfly-Kampfmaschinen sich ihnen in den Weg stellten. Die zerbrechlich wirkenden Fluggeräte teilten verheerende Schläge aus und rissen tiefe Lücken in die angreifenden ruulanischen Jagdverbände. Die insektoiden Piloten zerstörten unter erheblichen eigenen Verlusten nahezu die komplette gegnerische Jagdformation. Währenddessen bombardierten die Til-Nara-Kreuzer weiterhin die Oberfläche des Mondes.

Frank beobachtete das Schauspiel durch das gepanzerte Verbundmaterial des zentralen Brückenfensters. Zeitweise konnte man vor Explosionen kaum noch die Oberfläche des Mondes voraus erkennen. Insgeheim bezweifelte er, dass dort unten irgendetwas oder irgendjemand überlebt haben konnte. Er irrte sich.

»Zweite feindliche Jägerwelle im Anflug!«, meldete der Offizier an der Taktik.

Noch bevor Frank auf die Nachricht reagieren konnte, ließ der Schwarm feindlicher Jäger den Horizont des Mondes auch schon hinter sich und fiel gleichermaßen über Til-Nara wie Nerai her.

Frank fluchte. »Sie haben im Schatten des Mondes gewartet, bis wir in der richtigen Position sind. Deckungsfeuer für die Insektoiden! Feuer frei aus allen Rohren! Angriffsbefehl für die Jäger!«

Die Flakbatterien des Geschwaders röhrten in einem fort. Dabei konzentrierten sie sich auf die Ränder der insektoiden Formation. In deren Mitte zu feuern, wagte Frank nicht. Zu groß war die Gefahr, Verbündete zu treffen. Schwärme von Dragonfly-Jägern attackierten die Reaper auf breiter Front; es entbrannten schwerste Gefechte. Auch wenn die insektoiden Jäger recht zerbrechlich wirkten, hielten sie die Front lange genug, dass terranische Einheiten eingreifen konnten.

Arrow- und Zerberus-Jäger stoben heran und verwickelten den Gegner augenblicklich in einen erbitterten Nahkampf. Die schnellen und wendigen Arrows tanzten einen schaurig anmutigen Tanz mit den feindlichen Reapern, während die Zerberusse ihre Panzerung und hohe Feuerkraft dazu einsetzten, die feindlichen Staffelformationen aufzubrechen. Minutenlang wogte der Kampf hin und her. Jagdmaschinen beider Seiten vergingen im jeweils feindlichen Feuer.

Geschützfeuer von der Oberfläche brandete auf. Energiebahnen zogen ihre leuchtenden Linien durchs All und brannten sich tief in Koalitionsschiffe. Die Ruul nahmen keine Rücksicht auf ihre Jägerpiloten. Mehrere von ihnen wurden zerstört, als sie die Strahlbahnen eigener Laserbatterien kreuzten. Es unterstrich, was die Ruul zu tun und zu opfern bereit waren für einen Sieg im Serena-System.

Die Til-Nara verloren zwei Schwere Kreuzer und zwei Zerstörer, die Nerai einen Träger, drei Fregatten und einen Leichten Kreuzer. Es nützte den Slugs nicht viel. Den terranischen Jagdgeschwadern gelang es, die zweite Reaper-Welle abzudrängen und schließlich zurückzutreiben. Die Überlebenden flohen hinter den Horizont des Mondes, verfolgt von Dragonfly-Kampffliegern.

Frank überprüfte den Status der Streitmacht. Die terranischen Einheiten wurden an den Flanken von den Ruul hart bedrängt. Typ-8-Kreuzer führten immer wieder mit der Unterstützung von Firewall-Kreuzern blitzartige Angriffe aus, mit denen sie einigen Schaden anrichteten. Die Terraner hielten die Front, auch wenn sie dabei mehr als zwanzig Schiffe verloren.

Die Til-Nara und Nerai rückten im Zentrum vor, wobei sie das immer noch starke Abwehrfeuer vom Mond geflissentlich ignorierten. Einer der insektoiden Kreuzer wurde mittschiffs getroffen. Eine darauffolgende Sekundärexplosion riss die halbe Antriebssektion ab und das Schiff trudelte Richtung Mondoberfläche davon. Es schlug irgendwo nahe der Äquatorregion auf.

Frank biss die Zähne zusammen und orientierte sich neu. Das Abwehrfeuer war weit stärker und wesentlich effektiver als vorhergesehen.

»Lieutenant Mitchell«, sprach er den Junioroffizier an der Taktik an. »Wären Sie so freundlich, diese Batterien in der südlichen Hemisphäre auszuschalten? Nahe diesem Gebirgszug.«

»Aye, Sir«, erwiderte dieser prompt.

Die Saber II zog nach unten weg. Ihre Geschütze spuckten Tod und Vernichtung. Die schweren 5er und die mittelschweren 3er zogen ein dichtes Netz über die karge Oberfläche des Ziels. Auf ihrem Weg zerstrahlten die Schiffsgeschütze mehrere feindliche Abwehrstellungen und getarnten Bunker. Das gegnerische Feuer wurde mit einem Mal merklich lichter. Zu guter Letzt setzte der taktische Offizier noch eine Salve Torpedos hinterher, die eine dreißig Kilometer lange Schneise in die Oberfläche des Mondes sprengten und dabei eine feindliche Bunkerstellung offenlegten.

Dragonfly-Jäger rasten im Sturzflug hinunter, beharkten mit ihren Bordwaffen die aus dem Bunker taumelnden überlebenden ruulanischen Krieger und machten sie zu Dutzenden nieder.

Die Versuchung war groß, die Schlacht bereits als gewonnen anzusehen. Die Flanken hatten sich stabilisiert und sämtliche Geschwader waren auf dem Vormarsch, während die Insektoiden weiterhin die Oberfläche bombardierten. Aber er kämpfte bereits zu lange in diesem Krieg, um sich davon täuschen zu lassen. Die Ruul waren keine einfachen Gegner, sonst wären sie längst besiegt worden. Egal wie hart man sie traf, sie warteten immer noch mit der einen oder anderen Überraschung auf.

In diesem Augenblick wurde der Zerstörer Tennessee von einer Reihe verheerender Explosionen eingehüllt. Das Schiff verschwand für einen Augenblick komplett aus dem Blickfeld. Als sich die Sicht wieder klärte, war der Zerstörer verschwunden. An seiner statt schwebten Trümmer und Leichen im Raum.

»Wo kam das her?«, fragte Frank. Er bemühte sich, seine Stimme trotz allem ruhig zu halten. Es hätte sich auf die Besatzung übertragen, hätten sie seine Nervosität gespürt.

»Feindliche Schiffe im Anflug«, meldete Dunlevy. »Mindestens zwei volle Geschwader. Sie haben auf der Rückseite gewartet.«

Frank unterdrückte einen wüsten Fluch. Sein Erster Offizier speiste die von den Sensoren gesammelten Daten auf sein Hologramm ein.

Als er sah, was auf ihn zukam, hätte er um ein Haar laut geflucht. Die zwei feindlichen Geschwader wurden von zwei Predator-Schlachtschiffen angeführt. Dabei handelte es sich zwar um einen älteren Schiffstyp, aber Frank machte deshalb nicht den Fehler, ihn zu unterschätzen. Schon zu viele terranische Marineoffiziere hatten dies mit dem Leben bezahlt.

»Auf Position drei-neun-fünf ausweichen und volle Breitseite auf das Führungsschiff, das von steuerbord her angreift.« Der Navigator der Saber II war ein alter Hase und so ging der Schwere Kreuzer gehorsam und geschmeidig auf Gegenkurs zum Feind.

Franks Blick zuckte kurz zu seinem Ersten Offizier. »Informieren Sie Admiral Hoffer, dass wir Unterstützung brauchen. Sind auf schweren Widerstand gestoßen.« Dunlevy nickte gehetzt, während er versuchte, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen.

Die Saber II und ihr Geschwader stießen im Dauerfeuermodus eine Torpedosalve nach der anderen aus. Sie hämmerten ohne Unterlass auf die ruulanischen Schiffe ein. Ein Zerstörer und eine Fregatte wurden zerstört, dann noch ein Typ-8-Kreuzer. Und dennoch weigerte sich der Gegner abzudrehen.

Die Ruul schlugen zurück. Energiestrahlen tanzten über die Außenhülle der Saber II und schmolzen tiefe Furchen in die Panzerung. Der Schwere Kreuzer vollführte ein elegantes Ausweichmanöver, konnte jedoch nicht verhindern, dass mehrere Raketen entlang der Längsachse einschlugen.

Alarmsignale buhlten auf der Brücke um die Aufmerksamkeit der Besatzung. Über Franks taktisches Hologramm liefen die Schadens- und Verlustmeldungen sowohl seines Kreuzers als auch der übrigen Einheiten seines Geschwaders.

Die schiere Wucht ihres Angriffs trieb die Ruul tief in die Linien der Koalition. Die Formation der Insektoiden brach auf und die Ruul zwängten sich augenblicklich in die entstandene Bresche.

Die Saber II beharkte eines der Schlachtschiffe mit den schweren 5-Zoll-Lasern und schaltete zwei der Antriebsaggregate aus, die flackernd den Dienst einstellten. Das Schlachtschiff reduzierte notgedrungen den Schub und machte einen weiten Bogen, dabei schoss es eine Til-Nara-Fregatte kampfunfähig und zerstörte einen bereits angeschlagenen terranischen Leichten Kreuzer.

Das Predator-Schlachtschiff vollendete seine Kehre und kam nun frontal auf die Saber II zu. Frank brauchte nur einen kurzen Blick auf sein taktisches Hologramm zu werfen, um festzustellen, dass sie sich in großen Schwierigkeiten befanden. Die Front stand kurz davor, von den Ruul nach beiden Flanken hin aufgerollt zu werden. Teile des terranischen Verbands befanden sich bereits auf dem Rückzug. Im Prinzip hielt nur noch das 12. Schnelle Angriffsgeschwader und Elemente des kombinierten Til-Nara/Nerai-Verbands die Stellung. Aber es war nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die letzten Koalitionseinheiten ihre Stellung würden aufgeben müssen.

Ein halbes Dutzend Til-Nara-Schiffe wehrte sich mit ihrer beträchtlichen Bewaffnung gegen das zweite Schlachtschiff und mindestens zwanzig seiner Begleiteinheiten. Zwei Schlachtkreuzer schossen mehrere Feindschiffe zusammen, aber die Insektoiden mussten im Gegenzug auch den Verlust zweier eigener Schiffe hinnehmen.

Das erste Schlachtschiff ging auf Angriffskurs zur Saber II. Die Laserbatterien des terranischen Schweren Kreuzers woben ein tödliches Netz durch die Luft und schnitten Schicht um Schicht von der Außenhülle des feindlichen Schlachtschiffes. Dieses konterte mit den eigenen Lichtwerfern und die Saber II verlor ein Drittel ihrer Bugbewaffnung auf einen Schlag.

Frank fluchte abermals, dieses Mal allerdings so laut, dass es keinem Mitglied der Brückenbesatzung entgehen konnte. »Lieutenant Mitchell, die Sicherheitsschaltungen der Torpedos deaktivieren und eine volle Salve in die Rohre laden!«

Der taktische Offizier sah sich kurz um, als hätte sein Vorgesetzter den Verstand verloren. »Sir, wir wären im Zerstörungsradius?!«

»Das ist mir bekannt, Mitchell. Tun Sie es einfach!«

Nach kurzem Zögern befolgte der Offizier die Anweisung, auch wenn man ihm deutlich ansah, wie schwer es ihm fiel.

»Torpedos bereit und geladen«, informierte er seinen kommandierenden Offizier kurze Zeit später.

»Kreuzen Sie den Kurs des Predators!«, wies er den Navigator an.

Dieser steuerte das Schiff gehorsam in Position. Es dauerte nur wenige Augenblicke und der Bug war auf den Gegner ausgerichtet.

Frank zögerte keinen Augenblick. »Feuer!«

Die Torpedorohre der Saber II spuckten eine Stichflamme aus, auf denen zwölf Geschosse auf den Feind zurasten. Die Besatzung des Predators erkannte die Gefahr – aber zu spät.

Die Geschosse waren bereits scharf, kurz nachdem sie die Rohre der Saber II verlassen hatten. Und sie erwischten den Predator während seines Ausweichmanövers. Es geschah alles so schnell, dass die Ruul nicht einmal ihre Flakbatterien einsetzen konnten.

Die Geschosse entfalteten ihr zerstörerisches Potenzial in vollem Umfang. Sie fetzten die Panzerung am Bug problemlos davon und die Explosionswelle pflanzte sich quer durch das Schiff fort, bis diese am Heck wieder austrat. Nur einen Sekundenbruchteil später glühte der Predator auf und wurde in einer gewaltigen Explosion in Stücke gerissen.

»Nach backbord ausweichen!«, befahl Frank hektisch. Die Saber II änderte den Kurs, um der Explosion zu entgehen. Beinahe hätte sie es geschafft. Trümmer des Predators erwischten den Schweren Kreuzer an Steuerbord und bohrten sich tief in den Rumpf. Dekompressionsalarm heulte mit einem Mal durch die Korridore. Besatzungsmitglieder, die nicht schnell genug gewesen waren, wurden ins All gerissen. Zu diesem Zeitpunkt hatte der extreme Druckabfall ihr Blut längst zum Sieden gebracht. Alle anderen legten ihre Sauerstoffmaske an, die jedes Besatzungsmitglied zu jedem Zeitpunkt bei sich tragen musste. Notschotten wurden geschlossen und Kraftfelder bauten sich auf.

Die Brückenbeleuchtung flackerte für einen Moment, fiel aus und wurde durch die rote Notbeleuchtung ersetzt. Funken zischten aus mehreren Konsolen. Erneut brach ein Feuer auf der Brücke aus.

Der Alarm dröhnte schmerzhaft in Franks Ohren. Sein Kopf schmerzte von all den Eindrücken, die auf ihn hereinstürzten.

»Statusbericht, Ian!«, verlangte er. Es kam keine Antwort. »Ich sagte, Statusbericht!« Wieder antwortete niemand. Frank drehte sich um und sah seinen Ersten Offizier mit einer üblen Kopfwunde am Boden liegen. Dieser hatte es nicht rechtzeitig zu seiner Station geschafft, um sich anzuschnallen.

Frank stieß einen Schwall Luft zwischen den Vorderzähnen aus. Der Mann diente bereits fünf Jahre unter ihm. Am liebsten hätte er sich losgeschnallt und wäre ihm zu Hilfe geeilt. Es gab dort draußen allerdings immer noch eine Schlacht zu schlagen.

Er drückte auf seiner Lehne auf den Schalter für den Schiffsfunk. »Sanitäter auf die Brücke! Es gibt Verwundete.« Er ließ den Schalter los.

Frank warf einen Blick auf das taktische Hologramm. Zumindest das funktionierte noch. Die Zerstörung des feindlichen Schlachtschiffes hatte den Gegner zu einem gewissen Umfang in Konfusion gestürzt, aber nicht genug, um einen Unterschied zu machen.

Das zweite Schlachtschiff erledigte gerade einen weiteren Til-Nara-Schlachtkreuzer. Die Saber II war fast kampfunfähig. Sie verfügte nur noch über halbe Antriebskraft, sie hatte gut die Hälfte der Offensivwaffen verloren und ihre Panzerung war die Bezeichnung nicht länger wert. Und sein Geschwader war in kaum besserem Zustand. Von den ursprünglich dreißig Schiffen zählte Frank noch neunzehn.

Das feindliche Schlachtschiff schickte sich an, die Front der Koalition endgültig zu durchbrechen, als eine Vielzahl von Explosionen seinen Rumpf einhüllte. Frank riss die Augen auf. Frische Kräfte der Koalition trafen ein. Angeführt von einem terranischen Schlachtschiff der Shark-Klasse, drängten die Kriegsschiffe in die Bresche und jagten den Ruul alles an Feuerkraft in den Rachen, was ihnen zur Verfügung stand.

Von dem Auftauchen der Verstärkung ermutigt, stabilisierte sich die Front und die verbündeten Schiffe gingen erneut zum Angriff über. Sie bildeten eine gestaffelte Feuerlinie und trieben den Feind immer weiter zurück. Das gegnerische Schlachtschiff wurde mehrmals schwer getroffen und aus einem Dutzend Breschen in der Außenhülle quoll dichter Qualm. Es wirkte, als würde das Schiff aus einer Vielzahl von Wunden ausbluten.

Der ruulanische Kommandant tat das Einzige, was ihm übrig blieb. Er trat den Rückzug an. Alles andere hätte den sicheren Tod bedeutet.

Die Til-Nara-Schlachtkreuzer nahmen Fahrt auf und setzten ihre Primärwaffe für orbitale Bombardements ein: die massiven Energiebündel. Einmal abgefeuert, gab es dagegen keinen Schutz. Die insektoiden Schiffe belegten den feindlich besetzten Mond mit einem massiven Sperrfeuer.

Die Ruul leisteten Gegenwehr, solange es ihnen möglich war, doch ihr Abwehrfeuer dünnte merklich aus. Nach fast einer Stunde unaufhörlichen Beschusses brach die Kruste des Mondes auf. Das Ergebnis waren erhebliche seismische Aktivitäten, die die letzten Reste des ruulanischen Widerstands buchstäblich zerschmetterten. Zu guter Letzt zog sich ein Riss von der nördlichen zur südlichen Hemisphäre, die den Mond beinahe in zwei Teile spaltete. Trümmerstücke brachen ab und trieben unweit der Hauptmasse des zerstörten Himmelskörpers durch das All. Die Überreste des ruulanischen Verbands setzten sich endlich geschlagen ab, um ihre Wunden zu lecken.

Frank lehnte sich erschöpft in seinem Sessel zurück. Vor seinem Brückenfenster zog das Shark-Klasse-Schlachtschiff vorüber, das den Gegenangriff angeführt hatte.

Frank vergrößerte den Namen auf seinem taktischen Hologramm. »TKS Vigilantes«, las er laut vor und verzog mürrisch die Miene. Das war Vizeadmiral Laszlo Dushkus Schiff. Frank seufzte. Warum musste es ausgerechnet dieser Typ sein?

Frank wandte sich seinem ComOffizier zu. »Nachricht an Admiral Hoffer: Feindlicher Nachschub wurde erfolgreich unterbrochen. Ruulanischer Festungsmond ist gefallen. Bodenoffensive auf Serena kann beginnen.«

Der ComOffizier gab die Nachricht pflichtschuldig weiter, während Frank Dushkus Schiff musterte, das vor dem Bug der Saber II kreuzte. Abermals seufzte er tief. »Na das kann ja heiter werden«, flüsterte er.

* * *

14. November 2153

Hatuma-Tiefebene

Standort der letzten ruulanischen Festung auf Serena

Lieutenant Colonel Manfred Haag von den Marines des Terranischen Konglomerats duckte sich tief in den Schützengraben, während Skull-Bomber und ihr Zerberus-Geleitschutz im Sekundentakt Tonnen an Bomben und Raketen auf die ruulanischen Stellungen regnen ließen.

Die Ruul hatten sich auf einem Bergkamm eingegraben und diesen mit einem Netzwerk aus Bunkern umgeben. Das Bombardement ging seit drei Tagen ununterbrochen auf die Slugs nieder. Nach allen Regeln der Logik dürfte eigentlich niemand dort oben mehr am Leben sein. Aber Logik spielte im Krieg selten eine große Rolle, vor allem dann, wenn man es mit Ruul zu tun hatte. Manfred wusste sehr genau, dass die Slugs in ihren Löchern hockten und nur darauf warteten, dass die Koalition vorrückte. Sie aus ihren Stellungen zu treiben, würde eine verdammt blutige Angelegenheit werden.

Sein ranghöchster Unteroffizier, Master Sergeant William DeGroot, kam durch den Schützengraben auf ihn zu. Der Mann hielt den Kopf gesenkt und hatte wie immer eine mürrische Miene aufgesetzt. Die Marines nannten ihn deshalb hinter vorgehaltener Hand flapsig Angry Billy.

Die Basilisken der Slugs feuerten ohne Unterlass. Das Artillerie- und Luftbombardement schien sie keineswegs zu stören. Die Geschosse stießen einen charakteristischen hohen Ton aus, wenn sie auf die Stellungen der Koalition zuflogen. Dies bedeutete nicht nur Lebensgefahr, sondern hatte auch moralische Auswirkungen auf die Truppe. Es zehrte an den Nerven.

Ruulanische Artilleriegranaten schleuderten Dreckfontänen rund um die terranischen Stellungen auf. Irgendwo in der Ferne hörte Manfred jemanden schreien und schüttelte leicht den Kopf. Es hatte wohl schon wieder so ein armes Schwein erwischt.

DeGroot kam neben ihm zum Stehen und nickte seinem Vorgesetzten kurz zu. »Schönen Gruß von General Kusnezow. In drei Minuten geht es los.«

Manfred verzog leicht die Miene und klopfte sich wortlos auf den Helm. DeGroot verstand die Geste. »HelmCom ist weiterhin offline«, meinte er. »Der ruulanische Störsender konnte immer noch nicht ausgeschaltet werden.«

Manfred fluchte unterdrückt und holte die Trillerpfeife hervor, die an einer Schnur um seinen Hals hing. Der feindliche Störsender erwies sich nicht nur als hartnäckig, sondern auch als extrem nervig. Er machte es notwendig zu improvisieren. Inzwischen benutzten die Offiziere Trillerpfeifen, um Befehle weiterzugeben. Der Erste Weltkrieg hatte als Vorlage für diese Idee hergehalten. Und auch wenn er schon ewig her war, so musste Manfred zugeben, dass es funktionierte. Zumindest die meiste Zeit über.

Er stieß einmal in die Pfeife. Das Geräusch pflanzte sich durch den Schützengraben fort und setzte sich mühsam gegen den Kampflärm durch. Weitere Offiziere nahmen das Geräusch auf und stießen ebenfalls in ihre Pfeifen. Die Marines und TKA-Soldaten begaben sich in Stellung. Leitern wurden gegen die Wände gelehnt, Waffen und Ausrüstung ein letztes Mal überprüft und nicht wenige der Soldaten beteten.

Manfred wartete angespannt. Seine Hände fühlten sich schwitzig an und er wischte sie an seinem Kampfanzug ab. Und dann – hörte das Trommelfeuer der Artillerie sowie der Luftangriffe wie aus heiterem Himmel einfach auf. Als hätten die Ruul nur darauf gewartet, stellten auch sie kurzzeitig das Feuer ein. Die aufkeimende Stille klang beinahe ohrenbetäubender, als es die niedergehenden Bomben und Granaten je vermocht hätten.

Manfred stieß zweimal kurz in die Trillerpfeife. Marines und TKA-Soldaten gleichermaßen erhoben sich aus der Deckung, erklommen die Wände des Schützengrabens und gingen über das offene Feld zum Angriff über. In diesem Moment setzte das Trommelfeuer ruulanischer Artillerie wieder ein.

Manfred hatte das Gefühl, die Hölle würde ihre Pforten öffnen, um sie alle zu verschlingen. Bereits in den ersten Minuten der Schlacht verlor allein seine Einheit an die hundert Mann. Panzer der Typen Goliath und Cherokee bewegten sich schwerfällig aus ihren Stellungen und setzten sich an die Spitze des Angriffs, um den Soldaten zumindest ein klein wenig Schutz zu bieten.

Hunderttausend terranische Soldaten und das Doppelte an Til-Nara und Nerai bewegten sich den Bergrücken hoch. Sie hatten nur das eine Ziel vor Augen: die ruulanische Festung zu stürmen.

Die Insektoiden hatten es wesentlich leichter. Mit ihren Flügeln zogen sie einfach über den Menschen hinweg, während diese sich schwerfällig durch den Schlamm kämpfen mussten.

Nachdem die terranische Artillerie nun schwieg, bezogen die Ruul ihre Stellungen. Ein Hagel aus Blitzschleudern ging auf die Koalitionstruppen nieder. Insektoiden wurden zu Dutzenden vom Himmel geschossen, dann zu Hunderten. Das Geschütz eines Goliath-Panzers röhrte und stieß eine Stichflamme sowie eine Rauchwolke aus. Das Geschoss schlug in einen bereits angeschlagenen Bunker ein und füllte diesen mit Tod und Feuer. Die Ruul schrien in ihrer harten, gutturalen Sprache.

Skull-Bomber zogen im Tiefflug über die angreifende Armee hinweg und ein Bombenhagel ging auf die ruulanischen Schützengräben nieder. Explosionen türmten sich Hunderte Meter in die Höhe auf. Rauchwolken bildeten nahezu undurchdringliche Schleier, durch den man den Feind eher erahnen denn wirklich sehen konnte. Ein Kugelblitz schlug in einen Marine ein, der direkt neben Manfred stand. Der Soldat ging mit einem qualmenden Loch in der Brust zu Boden. Er war bereits tot, noch bevor er den Morast berührte.

Das doppelte Lasergeschütz eines Cherokee flammte auf und nahm einen ganzen Abschnitt unter Feuer. Was immer die Strahlen berührten, verwandelte sich zu Asche oder torkelte anschließend als lebende Fackel umher.

Zwei Feuersalamander tauchten über der feindlichen Barrikade auf. Sie feuerten mehrere Salven ab und der Cherokee explodierte. Ihre Laserstrahlen schnitten durch eine Anzahl Soldaten und insektoide Krieger und zerteilten sie mühelos.

Ein Raketentrupp der Marines ging in Stellung. Sie nahmen einen der Panzer aufs Korn und jagten ihm eine Rakete unter die Ketten, wo die Panzerung am schwächsten war. Das Gefährt flog in einer blendend hellen Detonation auseinander. Der andere zog sich wieder über die Begrenzung zurück.

Manfred schwitzte heftig, während er seine Männer den Bergrücken hinaufführte. Er wusste, von der anderen Seite des Berges arbeitete sich eine ebenso große Armee zu den Ruul vor. Der Plan sah vor, die feindliche Festung von beiden Seiten anzugehen und sich dann oben zu treffen. Er hoffte, bei den anderen lief es besser als bei ihnen. Zu seiner Rechten wurden zwei Marines und ein TKA-Soldat von einer ruulanischen Granate zerfetzt. Ein weiterer blieb mit einer schweren Bauchwunde im Dreck liegen. Sofort war ein Sanitäter bei ihm und versorgte den armen Kerl notdürftig, bevor er sich daranmachte, ihn den Berg hinunterzutragen.

Manfred konzentrierte sich auf den Weg voraus. Sie hatten es fast geschafft. Weniger als fünfzig Meter trennten sie von der vordersten ruulanischen Stellung. Der Feuersalamander tauchte noch einmal auf – genau vor ihm. Das Geschütz senkte sich und Manfred starrte für einen Moment direkt hinein. Er hielt inne. Ihm war klar, dass ihn nichts retten würde: weder ein beherzter Sprung zur Seite noch das flache Hinkauern im Dreck. Sobald der Feuersalamander schoss, war es das für ihn.

Die Zeit dehnte sich schier endlos. Und mit einem Mal saßen zwei Dutzend Til-Nara auf dem Chassis. Mit ihren Lanzen rissen sie die Panzerung in ganzen Fetzen ab, bis sie das Innenleben erreichten. Sie stießen ihre Lanzen hinein und pumpten den Innenraum mit Energieimpulsen voll. Die Besatzung hatte nicht den Hauch einer Chance. Nach getaner Arbeit flogen sie einfach weiter. Dass sie gerade vielen Menschen – und nicht zuletzt Manfred – das Leben gerettet hatten, schien sie nicht zu kümmern.

Es kümmerte aber Manfred. Ein eisiger Schauder lief ihm über den Rücken, als er das Wrack des Panzers einen Moment lang musterte. Das war äußerst knapp gewesen, wesentlich knapper, als er es gern gesehen hätte.

Ein beinahe sanfter Stoß von DeGroot brachte ihn ins Hier und Jetzt zurück. Manfred setzte sich erneut in Bewegung. Die Streitmacht erreichte den ruulanischen Schützengraben und ergoss sich wie eine gewaltige Flut auf dessen Boden. Augenblicklich entbrannte ein Kampf Mann gegen Mann.

Til-Nara und Nerai waren mit den Ruul bereits in Nahkämpfe verkeilt und stritten bis aufs Blut. Ein Ruul tauchte vor Manfred auf und schwang sein riesiges Sichelschwert. Manfred parierte mit seinem Bajonett und in einer gewagten Riposte stieß er seine Klinge tief in den Hals des reptilienhaften Kriegers.

Dieser ließ sein Schwert fallen und griff sich an die heftig blutende Wunde. Manfred ging kein Risiko ein und stieß erneut zu, dieses Mal in den Bauch. Die Rüstung des Gegners leistete nur kurz Widerstand. Der Ruul ging zu Boden.

Weitere Marines und TKA-Soldaten strömten in den Schützengraben. Die ruulanische Artillerie schwieg inzwischen. Manfred hoffte, für immer.

Die Zeit während einer Schlacht war eine seltsame Angelegenheit. Man hatte immer das Gefühl, man würde bereits Tage kämpfen. Oder zumindest Stunden. Meistens waren es jedoch gerade mal Minuten.

Manfred bildete da keine Ausnahme. Sein Bajonett hob und senkte sich im Gleichklang mit denen seiner Kameraden. Der Boden wurde getränkt gleichermaßen vom Blut von Ruul, Menschen und Insektoiden. Zweimal versuchten die Ruul, die Eindringlinge zurückzutreiben und den Berg wieder hinunterzuwerfen. Die Koalition jedoch fasste Fuß und hatte nicht die geringste Absicht, das eroberte Terrain aufzugeben. Sie waren nun hier und sie würden hier bleiben.

Manfred erlitt eine oberflächliche Schnittwunde an der rechten Schulter und einen Streifschuss durch eine Blitzschleuder an der linken Hüfte. Aber er führte seine Marines immer weiter, immer tiefer in die feindlichen Stellungen hinein. Seine Arme schmerzten und wurden langsam lahm durch das beständige Führen des Bajonetts. Sie durften aber nicht aufgeben, nicht so kurz vor dem Ziel. Die Ruul standen am Rande der Niederlage und alle Beteiligten wussten es.

Der Druck der ruulanischen Krieger war auf einmal weg, derart plötzlich, dass Manfred für einen Augenblick verwirrt innehielt und sich fragte, wo der Feind so unvermittelt abgeblieben war.

Die Soldaten fingen an zu jubeln. Manfred hob erschöpft den Kopf. Am höchsten Punkt der ruulanischen Festung flatterte die terranische Flagge stolz im Wind. Der Marine-Colonel ließ sein Gewehr erschöpft sinken. Seine Schultern sackten ein ganzes Stück herab. Sie hatten es geschafft. Die Festung war gefallen. Serena befand sich wieder vollständig in ihrer Hand.

1

Commodore Frank Taylor besuchte seinen Ersten Offizier, sooft es sein Dienst und der damit verbundene enge Zeitplan zuließ. Die Schwerstverwundeten von der Saber II und ihren Begleitschiffen hatte man bereits in den ersten Minuten nach der Schlacht am Festungsmond auf das Lazarettschiff Bangkok im Orbit um Serena verfrachtet.

Dunlevy gehörte zu den schlimmsten Fällen. Die Ärzte hatten kurzzeitig sogar die Möglichkeit in Betracht gezogen, er würde es nicht schaffen. Er hatte seither noch nicht das Bewusstsein wiedererlangt.

Frank sah zum Chronometer an der Wand. Es wurde Zeit, wieder aufzubrechen. Er berührte seinen Ersten Offizier freundschaftlich an der Hand und wandte sich zur Tür um. In diesem Augenblick regte sich der Mann unruhig und schlug plötzlich die Augen auf.

»Commodore …«, keuchte er erschöpft.

Frank war sofort bei ihm und lächelte erleichtert auf diesen herab. »Schön, dass Sie wieder bei uns sind, Ian. Wir haben uns schon alle Sorgen gemacht.«

»Schiff und Besatzung?«, wollte der Mann wissen.

Frank grinste breit. »Na hör sich einer diesen Kerl an! Kaum bei Bewusstsein, und schon erkundigt er sich nach dem Schiff.« Frank tätschelte beruhigend die Schulter des Mannes. »Keine Sorge, dem Schiff geht’s gut und die meisten aus der Besatzung haben es auch überstanden. Die Saber II liegt derzeit im Orbit an einem Reparaturschiff angedockt. Der Rumpf wird gerade geflickt.«

»Dann sind wir also noch im Serena-System?«

Frank nickte.

»Das bedeutet, wir haben gewonnen?«, hakte Dunlevy nach.

»Sie haben eine großartige Siegesfeier verpasst. Vor zwei Wochen wurde Serena offiziell für neutralisiert erklärt. Wir haben die Ruul aus dem System getrieben. Fürs Erste haben wir es überstanden. Zumindest hier. Woanders wird vermutlich schon wieder die Kacke am Dampfen sein.«

Dunlevy seufzte. »Zwei Wochen? Ich war zwei Wochen weg?«

»Sogar etwas mehr«, bestätigte Frank. »Dabei hatten Sie noch Glück im Unglück. Genauso gut hätten Sie sich den Hals brechen können.«

»Ich freue mich schon darauf, wieder zurück auf die Saber zu kommen.«

Franks Lächeln schwand ein wenig. Er leckte sich über die trockenen, aufgesprungenen Lippen. Was er nun tun musste, fiel ihm sichtlich schwer. Es war jedoch allemal besser, wenn Dunlevy die schlechten Neuigkeiten von seinem kommandierenden Offizier und Freund erfuhr statt von irgendjemand anderem.

»Hören Sie, Ian«, begann Frank. »Was das betrifft …«

»Commodore …«, unterbrach Dunlevy ihn. »Ich kann meinen linken Arm nicht bewegen. Er … er ist doch nicht etwa weg.«

Der Erste Offizier schlug in Panik die Decke zurück, entspannte sich allerdings, als er seinen intakten linken Arm an seiner Seite liegen sah. Dunlevy sah auf. Die Panik kehrte in seinen Blick und seinen Tonfall zurück. »Warum kann ich meinen Arm nicht bewegen? Ich spüre ihn gar nicht.«

Frank räusperte sich. »Ian, Sie müssen verstehen, dass Sie wirklich sehr schwer verwundet waren. Sie hatten ein Schädel-Hirn-Trauma, weshalb Sie geraume Zeit im Koma lagen. Das war aber nicht alles. Als die ruulanische Salve die Saber getroffen hat und Sie über die Brücke geschleudert wurden, haben Sie sich einen Nervenschaden am linken Arm zugezogen. Und ich fürchte, er ist irreversibel.« Frank zögerte. »Es … es tut mir leid, alter Freund. Sie werden Ihren linken Arm nie wieder benutzen können.«

»Was?« Dunlevys Stimme nahm einen beinahe schrillen Tonfall an. »Das ist doch unmöglich. Die Ärzte werden doch etwas dagegen unternehmen können. Die werden doch etwas machen können. Wir leben im 22. Jahrhundert, verdammt noch mal! Heutzutage kann man fast alles heilen.«

»Das Zauberwort heißt fast. Die Ärzte versicherten mir, dass der Schaden inoperabel ist. Es … es tut mir wirklich sehr leid, Ian. Aber für Sie ist der Krieg vorbei. Sie gehen mit dem nächsten Verwundetentransport zurück zur Erde, wo Sie in ein Reha-Zentrum für Veteranen kommen und anschließend mit allen Ehren entlassen werden.«

Frank sah die Tränen in den Augen des Mannes. Sein Erster Offizier kämpfte aber tapfer darum, sie nicht zu vergießen. »Verdammt! Das war es also mit meiner Karriere.« Er seufzte. »Na ja, man muss das alles auch positiv sehen. Jetzt habe ich endlich genug Zeit für die Familie.«

»Sandra wird sich freuen, wenn sie Sie wieder zu Hause hat, wo Sie umsorgt werden können.«

Dunlevy schnaubte. »Sie wird es hassen.«

Frank neigte leicht den Kopf zur Seite. »Vermutlich. Sie wird aber zu schätzen wissen, dass Sie immer noch am Leben sind.«

Dunlevy nickte mühsam. Sogar diese kurze Bewegung mit dem Kopf schien ihn bereits auszulaugen. »Hat man Ihnen schon einen Ersatzmann zugewiesen?«

Frank nickte fast unmerklich. »Ich erwarte ihn demnächst. Bin schon gespannt, wen man mir aufs Auge gedrückt hat.«

»Wird bestimmt ein guter Offizier sein.«

»Für Sie gibt es keinen Ersatz, Ian.« Frank war sich bewusst, wie abgedroschen und klischeehaft die Bemerkung klang. Dennoch hatte er das Gefühl, irgendetwas in dieser Richtung sagen zu müssen. Er hoffte, es würde seinem ehemaligen XO wenigstens ein klein wenig Trost bieten. Der Mann war ein Vollblutoffizier und hatte sein ganzes Dasein in den Dienst der Flotte gestellt, zulasten seines Privatlebens. Er hatte mehr Zeit im Weltraum verbracht als in seinem Zuhause in der Nähe von Dublin.

Es würde für ihn schwer werden, ins Zivilleben zurückzukehren, auch wenn in manchen Berufszweigen Veteranen sehr gefragt waren, selbst die Versehrten unter ihnen. Sicherheitsfirmen zum Beispiel rissen sich geradezu um sie. Man stellte sie als Berater ein. Gut möglich, dass eine der besagten Firmen in den nächsten Monaten auf Dunlevy zukommen und ihm ein lukratives Angebot unterbreiten würde. Frank hoffte es. Wenn es jemand verdient hatte, dann Ian.

»Schon eine neue Mission zugewiesen bekommen?«, wollte Dunlevy wissen und riss Frank damit aus seinen Gedanken.

»Noch nicht, aber ich habe morgen eine Besprechung mit Hoffer. Ich vermute, es geht um den nächsten Einsatz. Ich bin schon sehr gespannt.«

Frank nickte. »Dann wünsche ich Ihnen viel Glück!« Der Mann zwang sich zu einem schmalen Lächeln. »Wenn Sie das nächste Mal auf der Erde sind, dann hoffe ich, Sie besuchen Sandra und mich.«

»Das werde ich ganz sicher«, erwiderte Frank und gab Dunlevy freundschaftlich die Hand. Er hatte die Botschaft verstanden. Der Mann wollte jetzt allein sein. Es gab viel, worüber Dunlevy nachdenken und was er verarbeiten musste. Er würde aber lernen, mit seinem Schicksal zurechtzukommen. Das hoffte Frank jedenfalls.

Die beiden Männer nickten sich gegenseitig ein letztes Mal respektvoll zu, verabschiedeten sich voneinander und Frank verließ das Krankenzimmer. Noch während sich die Tür zischend hinter ihm schloss, vernahm er das verzweifelte Schluchzen seines ehemaligen Ersten Offiziers.

Einen Tag später stand Frank auf dem schneeweißen Korridor vor dem privaten Quartier Vizeadmiral Dennis Hoffers an Bord der Prince of Wales und starrte durch ein Bullauge hinaus ins All.

Nicht zum ersten Mal fragte er sich, warum es immer den Charakter eines Gesprächs mit dem Direx besaß, wenn man zu seinem kommandierenden Offizier gerufen wurde.

Frank starrte an sich herunter, glättete zum wiederholten Mal seine Uniform und zupfte imaginäre Flusen vom Stoff. Dabei wusste er gar nicht, warum er so nervös war. Es ging höchstwahrscheinlich um die nächste Mission und nicht um einen Anschiss. Er hatte keinen Mist gebaut, jedenfalls nicht in letzter Zeit – nicht dass er wüsste.

Vor Hoffers Quartier stand eine Doppelwache Marines auf Posten. Die beiden Soldaten starrten geradeaus mit hinter dem Rücken verschränkten Händen. Sie nahmen von Frank keine Notiz, aber das Holster ihrer Seitenwaffe war geöffnet, sodass sie jederzeit ihre Handfeuerwaffe griffbereit hatten, sollte sich eine Bedrohungslage ergeben. Die beiden Männer wirkten zwar entspannt, aber auch äußerst kompetent.

Schritte ließen Frank herumfahren. Vom anderen Ende des Korridors näherten sich vier Personen: ein Mann im Weiß der Flotte gekleidet, eine Frau im Schwarz des MAD sowie zwei männliche MAD-Offiziere.

Als die vier näher traten, erkannte Frank Vizeadmiral Laszlo Dushku von der Vigilantes. Beim ruulanischen Festungsmond hatte dessen Gegenangriff Frank und seinem kompletten Geschwader den Arsch gerettet. Trotzdem war er nicht froh, den Mann zu sehen. Als Dushku ihn erkannte, verzog dieser mürrisch die Miene. Er schien nicht minder verstimmt zu sein, Frank zu sehen.

Hoffer musste den Bereich vor seinem Quartier mittels einer Kamera überwacht haben, denn als die vier Offiziere sich näherten, öffnete sich die Tür und gab den Weg zum Allerheiligsten des Admirals frei.

Frank wartete geduldig, bis Dushku sowie die MAD-Offiziere in dessen Begleitung an ihm vorübermarschiert waren, bevor er sich ihnen anschloss. Hoffer saß an seinem Schreibtisch und erhob sich, als seine Gäste auf der Bildfläche erschienen. Die Tür schloss sich hinter Frank nahezu geräuschlos.

»Meine Herren, meine Dame. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Kaffee? Tee? Vielleicht etwas Stärkeres?«

Alle Anwesenden verneinten das Angebot mit kurzem Kopfschütteln. Frank schloss sich dem an, obwohl er jetzt wirklich zu gern eine Tasse Tee genossen hätte. Er wollte aber nicht der Einzige sein, der ein Getränk orderte. Gruppenzwang war etwas Furchtbares.

Hoffer nahm die Ablehnung seiner Gastfreundschaft gelassen hin und deutete auf eine bequem wirkende Sitzecke an der Stirnseite seines Quartiers. Die Offiziere begaben sich dorthin und jeder suchte sich einen Platz. Aber alle blieben noch so lange stehen, bis Hoffer sich zu ihnen gesellt und gesetzt hatte.

»Nun«, begann der Admiral. »Sie werden sich alle fragen, warum ich Sie hergebeten habe.« Hoffer sah auf. Frank war verblüfft von der Intensität des Blickes in den Augen des alten Admirals. Viele neigten dazu, den Mann aufgrund seines Alters zu unterschätzen. Aber um ihn charakterlich richtig einordnen zu können, musste man sich lediglich ins Gedächtnis rufen, dass diesen hochdekorierten Offizier selbst die Besten der Ruul nicht hatten schlagen können.

»Am besten«, fuhr Hoffer fort, »ich fange erst einmal an, Sie alle einander vorzustellen.« Hoffer deutete auf den Admiral. »Vizeadmiral Laszlo Dushku sollte eigentlich für niemanden hier ein Fremder sein. Der Admiral ist seit Beginn der Operationen im Serena-System Teil meines Stabes.« Hoffers Blick glitt zu der MAD-Offizierin. »Lieutenant Lory Roberts vom Analysten-Stab des MAD.« Hoffer deutete auf den asiatisch wirkenden Mann neben ihr. »Und Lieutenant Haruto Ihara, ihr Assistent.« Hoffer wandte sich dem zweiten männlichen MAD-Offizier zu. »Captain Harriman Bates, Feldagent des MAD.« Endlich wandte sich Hoffer Frank zu. »Und Commodore Frank Taylor vom 12. Schnellen Angriffsgeschwader.« Der Admiral seufzte. »Da nun alle vorgestellt wurden, können wir endlich mit dem eigentlichen Thema beginnen.« Hoffer machte eine kurze Pause. Als er anschließend aufsah, wirkte er irgendwie besorgt. »Die Operationen im Serena-System sind vorläufig abgeschlossen. Dieser Teil des Weltraums gehört endlich wieder uns. Aber so erfreulich das ist, stellt es uns leider auch vor gewisse Probleme.«

»Welcher Art?«, wollte Harriman Bates wissen.

»Die Koalitionsflotte hier im System wird sich bald auflösen. Die Einheiten kehren zu ihren Völkern und in heimatliche Gefilde zurück. Sie wurden uns bis zur Einnahme des Systems von ihren Regierungen leihweise überlassen.«

Harriman wandte den Blick ab. Er wollte seinen Unmut vor dem Admiral verbergen. »Ich ahne, worauf das hinausläuft.«

Hoffer nickte. »Der MacAllister-Vertrag. Wir sind dazu verpflichtet, den Bedingungen des Vertrages nachzukommen. Es wurden von einigen Botschaftern auch bereits entsprechende Anträge eingebracht. Und die Präsidentin hat ihnen entsprochen. Wir schicken also Schiffe und Truppen zu unseren Verbündeten, um diese bei deren Operationen zu unterstützen.«

»Wir sind Teil dieser Vereinbarung«, meinte Dushku. Der Admiral schien alles andere als erfreut darüber, als Leihgabe betrachtet zu werden. Dabei vergaß er aber, dass Serena ohne die erheblichen Opfer ihrer Verbündeten nicht hätte zurückerobert werden können. Frank betrachtete es nur als fair, diesen Gefallen zu erwidern.

»Und wo schicken Sie uns hin?«, fragte Dushku mit unüberhörbarer Verärgerung in der Stimme.

»Zu den Til-Nara«, erläuterte Hoffer ohne Umschweife. »Diese planen in nächster Zeit eine Offensive mit dem Ziel, mindestens einen, idealerweise aber mehrere Brutplaneten zurückzuerobern. Die Til-Nara hoffen, dadurch ihre Geburtenrate zu erhöhen und sich besser gegen die Slugs behaupten zu können. Der Verlust mehrerer auf die Geburt und Aufzucht der Insektoiden spezialisierten Welten zu Beginn des Krieges war ein herber Schlag für die Til-Nara.« Hoffer lächelte schmal. »Wir nennen die Mission in den Til-Nara-Raum Operation Himmelswolf.«

Dushku verzog die Miene. »Die Til-Nara besitzen mit Abstand das größte Militär der Koalition. Können die das nicht alleine schaffen? Wozu brauchen sie uns?«

»Das ist keine Frage der Größe des Militärs. Unsere Schiffe sind flexibler einsetzbar. Außerdem brauchen die Til-Nara unsere schwere Infanterie und unsere Panzer zum Knacken befestigter feindlicher Stellungen, auf die man während der Offensive mit Sicherheit stoßen wird.«

»Schicken Sie jemand anders«, warf Dushku ein. »Ich werde am besten dort eingesetzt, wo ich dem Konglomerat dienen kann.«

Hoffer warf dem Vizeadmiral einen missmutigen Blick zu. »Warum überlassen Sie es nicht einfach mir zu entscheiden, welchen meiner Untergebenen ich wohin schicke?«

»Admiral, bei allem Respekt …«, beharrte Dushku.

»Kein Wort mehr darüber!«, fiel Hoffer ihm ungewohnt harsch ins Wort. »Die Entscheidung ist getroffen und Sie werden sich gefälligst fügen! Haben wir uns verstanden?«

Dushkus Gestalt versteifte sich. »Verstanden, Sir.« Um die aufkeimende peinlich berührte Stille zu überspielen, räusperte sich der zurechtgewiesene Offizier und kam auf die Operation selbst zu sprechen. »Wie viele Schiffe und Truppen umfasst die Mission?«

»Vierhundertfünfzig Schiffe und eine Viertelmillion Mann an Bodentruppen.«

»Wer führt das Kommando über die Bodenstreitmacht?«

»Lieutenant General Boris Kusnezow. Er wurde bereits über seine Rolle bei dem Einsatz informiert. Ich hätte es gern gesehen, wenn er heute auch hier gewesen wäre, aber er ist momentan auf dem Planeten gebunden. Ich werde ihn vor Ihrer Abreise noch zu einem persönlichen Gespräch bitten, um alle etwaig anfallenden Fragen seinerseits zu klären.«

Dushku nickte gemessen und Hoffer fuhr fort, indem er sich den drei MAD-Offizieren zuwandte. »Ihre Aufgabe dürfte klar sein. Sie, Captain Bates, sind Feldagent. Sie werden der zuständige MAD-Offizier bei der Operation sein und sowohl die Til-Nara als auch die terranischen Truppen mit nachrichtendienstlich relevanten Informationen über den Feind versorgen.«

Harriman Bates zog seine Mundwinkel leicht nach oben. Auf Frank wirkte es beinahe, als würde sich der Mann darauf freuen.

Hoffer richtete sein Augenmerk auf Lory Roberts sowie deren Adjutanten. »Sie beide sind Analysten und dementsprechend wird auch Ihre Aufgabe sein. Sammeln Sie alle Informationen. Sowohl über die Ruul als auch die Til-Nara und falls möglich über die Nerai und die derzeitigen Beziehungen zwischen beiden Völkern.« Der Admiral musterte die beiden Offiziere eingehend. »Ihre Aufgabe ist nicht nur von essenzieller Bedeutung für die bevorstehende Operation. Nach Ihrer Rückkehr erwarte ich einen umfassenden Bericht über die Zustände in der Hegemonie. Die Präsidentin zählt auf sie. Wir müssen wissen, wie belastbar unser Bündnis mit den Insektoiden ist.«

Die MAD-Offizierin kniff leicht die Augen zusammen. »Informationen sammeln? Über Verbündete?«

Hoffer zuckte leicht mit den Achseln. »Heute Verbündete, morgen vielleicht Feinde? Wer weiß? Wir sollten die Gelegenheit auf jeden Fall nutzen. Niemand kann vorhersehen, wie sich unser Verhältnis entwickelt. Das ist alles Politik und die kann von heute auf morgen umschlagen. Außerdem werden wir auf absehbare Zeit keine solche Gelegenheit mehr erhalten, die Insektoiden aus nächster Nähe zu beobachten und Daten zu sammeln.«

Lory nickte. »Verstanden, Sir.« Ihara entgegnete gar nichts. Der Asiate schien allgemein eher der schweigsame Typ zu sein.

»Commodore Taylor«, sprach Hoffer endlich Frank an. »Das bringt mich zu Ihrer Position. Sie werden der dienstälteste Geschwaderkommandant der Expeditionsflotte sein. Aus diesem Grund werden Sie auch als Admiral Dushkus oberster Divisionskommandant fungieren und für die Zusammenarbeit der einzelnen Einheiten sorgen. Ich will ganz ehrlich zu Ihnen sein. Das ist kein besonders dankbarer Posten. Wir schicken keinen einheitlichen Verband zu den Til-Nara, sondern eine Streitmacht, die aus Geschwadern und Divisionen zusammengesetzt sind, von denen die meisten noch nie etwas miteinander zu tun hatten. Es wird Ihre Aufgabe sein, das zu ändern.«

Frank nickte. Auf etwas in der Art war das Gespräch zugesteuert. »Ich werde die Herausforderung schon meistern, Sir«, entgegnete er. Seine Gedanken kreisten unterdessen bereits um die vorliegende Problematik. Bevor er sich geistig jedoch sehr weit darin vertiefen konnte, räusperte sich Dushku auf übertriebene Art und Weise.

»Admiral Hoffer«, begann er. »Ich wäre für einen anderen Divisionschef dankbar. Ich bin sicher, für jemanden wie Taylor finden Sie eine Aufgabe, die besser zu ihm passt.«

Frank versteifte sich. Dushkus Bitte an den Admiral stellte eine bewusste und wohlkalkulierte Beleidigung dar. Er hatte aufgrund ihrer gemeinsamen Vorgeschichte insgeheim schon damit gerechnet und sich innerlich dagegen gewappnet. Als sie kam, schmerzte sie dennoch. Und dieser Umstand überraschte Frank eigentlich am meisten.

Hoffer seufzte tief. »Noch einmal, Dushku: Warum überlassen Sie Personalentscheidungen nicht einfach mir?«

»Sir, ich muss dagegen protestieren«, erwiderte Dushku.

»Zur Kenntnis genommen«, wiegelte Hoffer kaltschnäuzig ab und wollte zum nächsten Thema kommen.

Dushku machte es ihm aber nicht so einfach. »Ich vertraue Taylor nicht«, warf der Vizeadmiral in die Runde. »Ich muss ihn als Teil meines Stabes ablehnen.«

Falls überhaupt möglich, versteifte sich Frank noch mehr. Er vermied es absichtlich, Dushku direkt anzusehen. Stattdessen blieb sein Blick starr geradeaus gerichtet.

Lory blickte von einem zum anderen. »Gibt es ein Problem?«

»Nein«, erklärte Frank.

Dushku warf im selben Moment aber ein striktes »Ja« ein.

»Vielleicht sollten Sie uns Unwissende aufklären«, verlangte die MAD-Offizierin.

Dushkus Blick verschoss Blitze in Richtung Franks, der sich keinen Millimeter von der Stelle rührte. »Das ist ganz einfach. Taylor ist nicht vertrauenswürdig. Der Grund ist sein Bruder. Taylor ist nicht zurechnungsfähig, wenn es um seinen Bruder geht. Und das macht ihn zu einem schlechten Offizier.«

»Erklären Sie das.« Lory schien sehr daran interessiert zu sein. Harriman verfolgte das Gespräch mit einiger Faszination.

»Wollen Sie nicht Licht in die Sache bringen?«, forderte Dushku Frank auf, anstatt selbst auf die Frage zu antworten.

»Danke, aber kein Bedarf«, wehrte Frank ab.

Dushku schnaubte. »Das kann ich mir vorstellen.« Er wandte seine Aufmerksamkeit den drei MAD-Offizieren zu. »Vor ungefähr sechs Jahren war Captain Steven Taylor, der Bruder des Commodore hier, ein aufstrebender junger Offizier. Frank Taylor war bereits Commodore und beide dienten unter meinem Kommando. Captain Taylor standen alle Türen offen. Er galt als hervorragender Gefechtsoffizier. Dann gab es jedoch einen unschönen Zwischenfall. Er wurde des Schmuggels von militärischen Gütern bezichtigt. Der MAD untersuchte den Fall und kam zu dem Schluss, dass eine Anklage gerechtfertigt war.«

Lory sah von einem zum anderen. »Ich höre ein Aber heraus?«

»Captain Taylor wäre fast für schuldig befunden worden, aber Commodore Taylor hier entschloss sich, seinem Bruder ein falsches Alibi zu geben. Weder MAD noch der zuständige Ankläger konnte es entkräften. Daher wurde der Bruder des Commodore wegen berechtigter Zweifel freigesprochen.«

Franks Blick zuckte erstmals in Dushkus Richtung. »Das Alibi war nicht falsch. Es stimmte.«

»Ach wirklich?«, begehrte der Vizeadmiral auf. »Dann erklären Sie uns allen doch, warum ihr Bruder nur ein Jahr später beim Schmuggeln auf frischer Tat ertappt wurde! Der MAD hat ihn praktisch mit der Hand in der Keksdose gestellt. Damals konnten auch Sie mit Ihrem falsch verstandenen Sinn für Loyalität ihn nicht retten.« Dushku lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Steven Taylor sitzt jetzt in einer Zelle auf Lost Hope und fristet sein Dasein damit, die Wände anzustarren und den Aufforderungen zum Aufheben der Seife im Gemeinschaftsduschraum zu entgehen.«

Der Stimme Dushkus waren Spott und Häme deutlich anzumerken. Dies war der Moment, in dem sich Hoffer zum Einschreiten entschloss. »Dass Commodore Taylor bei dem Alibi gelogen hat, konnte nie nachgewiesen werden. Soweit ich mich erinnere, leben wir immer noch in einem Rechtsstaat, in dem die Unschuldsvermutung gilt.«

»Bedauerlich«, kommentierte Dushku.

Hoffers Augenbrauen zogen sich drohend über der Nasenwurzel zusammen. »Das habe ich nicht gehört. Und ich rate Ihnen, solche Bemerkungen zukünftig für sich zu behalten, falls Ihnen Ihre weitere Karriere etwas wert ist.«

Dushku hob stolz den Kopf, erwiderte aber: »Ja, Sir.« So leicht gab sich der Vizeadmiral allerdings noch nicht geschlagen. »Es weiß aber jeder, dessen Meinung etwas bedeutet, dass der Mann, der so selbstgefällig hier in der Runde sitzt, schuldig ist. Warum sonst sollte er immer noch Commodore sein? Eigentlich müsste er inzwischen den Rang eines Konteradmirals bekleiden. Man hat ihn für Beförderungen bis auf Weiteres gesperrt. Hätte der Mann nur einen Funken Ehre im Leib, dann hätte er bereits den Dienst quittiert und wäre einfach still und heimlich gegangen.«

»Ich bin ein guter Offizier und die Flotte ist mein Leben«, entgegnete Frank betont ruhig. »Ich hatte keinen Grund zu gehen.«

»Sie sind ein Lügner und, was mich betrifft, ein Verräter.«

Frank sprang nun doch auf. »Ich bin weder das eine noch das andere.«

»Das reicht jetzt wirklich, Dushku!«, mischte sich Hoffer endgültig ein. »Und Sie setzen sich gefälligst wieder, Taylor! Die Entscheidung ist gefallen. Taylor wird Ihr Divisionskommandant, und fertig! Ich will kein weiteres Wort darüber hören.«

»Der Stunt, den Taylor am Festungsmond abgezogen hat, sagt doch schon alles über ihn aus. Er hat beinahe sein Schiff verloren, als er die Sicherheitsschaltungen der Torpedos entfernen ließ. Und sein Erster Offizier ist jetzt ein Invalide und kann nach Hause gehen.«

Hoffer seufzte. »Wir sind alle Soldaten und Offiziere. Und uns ist wohl allen klar, dass ein Krieg, in dem man keine Risiken eingeht, nicht zu gewinnen ist.« Hoffer schenkte Dushku einen milden Blick. »Und ich befürchte, Ihr Urteilsvermögen ist getrübt, was den Commodore betrifft. Hätte es sich bei der Aktion am ruulanischen Festungsmond um einen anderen Offizier gehandelt als Taylor, würden wir uns über den Vorfall gar nicht unterhalten.«

Diese Spitze traf. Dushku rümpfte die Nase und verfiel daraufhin in brütendes Schweigen. Hoffer nickte erleichtert.

»Da das jetzt geklärt ist, können wir vielleicht endlich zum Thema zurückkehren. Es gibt noch viel zu besprechen.«

Die Zusammenkunft dauerte bis spät in die Nacht. Als die Offiziere Hoffers Quartier verließen, hatte auf der Prince of Wales bereits die Mitternachtswache begonnen.

Frank hatte gute Lust, einmal kurz innezuhalten und durchzuatmen. Er verzichtete aber wohlweislich darauf. Schwäche zu zeigen, wäre das falsche Signal gewesen. Dushku hatte ihn die meiste Zeit über wie Luft behandelt. Und in den wenigen Momenten, wenn der Admiral ihn tatsächlich zur Kenntnis genommen hatte, dann waren spitze Bemerkungen in seine Richtung gefallen. Dushku machte auf jeden Fall keinen Hehl aus seiner Verachtung. Hoffer hatte zunächst versucht, die Antipathie zu ignorieren. Anschließend hatte er sich darum bemüht, zwischen den Parteien zu vermitteln. Letzten Endes hatte er resigniert und angedeutet, er würde die Zusammensetzung des Stabes für diese Mission gern ändern, wenn er die Möglichkeit dazu hätte, doch ihm fehlten die passenden Leute.

Frank hatte da einen ganz anderen Verdacht. Natürlich wollte Hoffer seine besten Leute bei sich behalten, um das Konglomerat zu schützen. Im Umkehrschluss bedeutete das, er schickte nur entbehrliches Personal zu den Til-Nara, Offiziere, auf die er gut verzichten konnte. Hätte er diese Operation ernst genommen, er hätte wohl durchaus die Möglichkeit gehabt, entweder Frank oder Dushku auszutauschen. Diese Konstellation versprach jedoch einigen Zündstoff für die Zukunft zu bieten.

Dushku eilte an ihm vorbei den Korridor entlang, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Frank salutierte trotzdem. Die militärische Etikette musste gewahrt bleiben, auch wenn er den Mann für einen eitlen Fatzken hielt. Das Schlimme war, er konnte Dushku sogar irgendwie verstehen. Trotzdem oder gerade deshalb hielt er die Art, wie der Admiral ihm gegenübertrat, für nicht sehr professionell.

Harriman Bates passierte ihn mit einem Ausdruck milden Interesses auf dem Gesicht. Die drei MAD-Agenten hatten sich das Geplänkel während der Besprechung eine Weile mit angesehen, doch mit fortschreitender Zeit eher genervt reagiert.

Frank spürte, wie jemand hinter ihm zum Stehen kam. Als er sich umwandte, sah er sich unvermittelt Lory Roberts gegenüber. Die MAD-Agentin lächelte ihn für seinen Geschmack ein wenig zu mitfühlend an. Erschwerend kam hinzu, dass er das Mitgefühl nur für aufgesetzt hielt. Diese MAD-Typen waren allesamt manipulativ und machten immer den Eindruck, sie könnten einem Menschen bis auf die Seele hinabblicken.

Ihara stand wie ein hilfreicher Schatten hinter ihr und musterte ihn wachsam. Der Mann wirkte eher wie ein Leibwächter denn wie ein Adjutant.

»Alles in Ordnung?«, fragte sie besorgt. Die Besorgnis nahm er ihr ebenfalls nicht ganz ab.

Er zwang sich zu einem schmalen, nichtssagenden Lächeln. »Ja, alles bestens.« Es war gelogen. Und beide wussten es.

»Sie wissen, dass es noch große Probleme geben wird mit Ihnen und Dushku?«

Frank zuckte die Achseln. »Sagen Sie das dem Admiral. Ich habe mich völlig korrekt verhalten.«

»Mein Kollege tut das gerade.«

Frank hob eine Augenbraue. »Tatsächlich?«

Die Frau nickte. »Ja, tatsächlich. Solche Reibereien sind schädlich für die Dynamik innerhalb eines Stabes und, ganz offen gesagt, sie gefährden die Mission.« Sie neigte leicht den Kopf zur Seite. »Und wir wollen doch alle, dass die Mission ein Erfolg wird, nicht wahr?«

Frank runzelte die Stirn. »Natürlich.« Er war sich nicht sicher, was genau sie jetzt von ihm erwartete.

Die MAD-Agentin bedachte ihn mit einem nachdenklichen Blick. »Würden Sie mir etwas erklären? Woher kommt dieser unversöhnliche Hass Dushkus auf Sie?«

Frank zuckte die Achseln. »Sie haben ihn dort drin gehört. Ich bin ein Verräter und Lügner in seinen Augen.«

Lory schüttelte den Kopf. »Da steckt mehr dahinter. Das kann jeder deutlich spüren. Es ist beinahe … persönlich.«

Frank seufzte. Die MAD-Agentin würde nicht nachgeben, solange sie keine zufriedenstellende Antwort erhielt. Daher entschied er sich, ihr reinen Wein einzuschenken. »Dushku war unser Mentor. Meiner und der meines Bruders. Der Admiral war ein Freund unseres Vaters. Als dieser starb, machte er es sich zur Aufgabe, uns zu fördern. Er animierte uns, auf die Flottenakademie zu gehen, und lenkte unsere Karriere in die richtigen Bahnen. Als mein Bruder auf Abwege geriet, hat ihn das schwer getroffen.«

»Und ich vermute, es hat ihn noch tiefer getroffen, als Sie ihm ein Alibi gaben.«

Frank schnaubte. »So was in der Art.«

Sie musterte ihn eindringlich. »War es falsch, das Alibi?«

Frank zuckte zurück, als hätte sie ihn körperlich attackiert. »Nein, es war nicht falsch. Ich habe für meinen Bruder vor Gericht nicht gelogen.«

Sie senkte den Blick. »Bitte verzeihen Sie. Ich wollte Sie nicht beleidigen.«

Frank zwang sich, wieder ein wenig herunterzukommen. »Nein, ich muss um Verzeihung bitten. Vielleicht bin ich bei diesem Thema ein wenig empfindlich.«

»Kann ich verstehen«, entgegnete sie. »Sie wissen, dass er Ihnen niemals glauben wird, das Alibi sei richtig gewesen.«

Frank seufzte. »Ich habe es vor langer Zeit aufgegeben, ihn davon überzeugen zu wollen.« Er warf einen Blick den Korridor hinab in die Richtung, in der Dushku verschwunden war. »Und das ist auch nicht meine Aufgabe.« Er räusperte sich. »Aber ich muss jetzt zurück auf die Saber. Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden. War ein nettes Gespräch.«

Sie lächelte. »Das war es in der Tat. Und ich habe mir jetzt eine Meinung über Sie gebildet.«

Frank hielt inne. »Und die wäre?«

»Dass Sie eine Bereicherung für unsere Mission wären. Aber ich frage mich trotzdem, ob es nicht besser für alle Beteiligten wäre, wenn Sie zurücktreten würden. Hoffer würde dem sicher entsprechen, wenn Bates und ich den Vorschlag unterstützen. Der Admiral würde bestimmt eine andere Aufgabe für Sie finden. Er müsste natürlich einen Ersatz für Ihr Geschwader beschaffen und das wäre nicht leicht, denn er müsste sich von einer seiner wichtigeren Einheiten trennen, auf die er eigentlich nicht verzichten wollte.« Bei den letzten Worten schmunzelte die Agentin und fasste unbewusst Franks Gedanken in Worte. »Es wäre aber mit Sicherheit machbar«, schloss sie ihre Ausführungen.

Frank brauchte über den Vorschlag keine Sekunde nachzudenken. »Das werde ich nicht tun. Mein Geschwader wird dabei sein, wenn wir in die Til-Nara-Hegemonie fliegen.«

»Warum sind Sie so verbissen daran interessiert?«

»Bin ich nicht«, gab Frank zurück. »Doch zurückzutreten, das sieht für mich nach Flucht aus. Und ich bin vieles, aber niemand, der sich den Problemen, die sich vor ihm ausbreiten, entzieht.«

2

Lieutenant Colonel Manfred Haag überwachte mit Argusaugen, wie seine Leute gerade die letzte schwere Ausrüstung in den Transporter verluden. Zu den Fahrzeugen, mit denen der Verladevorgang abgeschlossen wurde, gehörten unter anderem zwei alte schwere Goliath-Panzer, ein halbes Dutzend Schützenpanzer, zwei Cherokee sowie eine fahrbare Artillerie-Lafette vom Typ Hawk.

Er seufzte erleichtert, als der Hawk die Rampe hochfuhr, auf seinen Platz gesteuert wurde, dort in die für ihn vorgesehene Mulde einrastete und von den Soldaten vertäut wurde. Es gab nur einen kritischen Moment, als der Fahrer sich etwas im Augenmaß vertat und beinahe die Schiffswand streifte. Bei einem Gefährt, das zwölf Tonnen wog, bestand die sehr reale Gefahr, schwerste Schäden am Fahrzeugtransporter anzurichten.

Unter wüsten Beschimpfungen und derben Flüchen DeGroots schaffte es der Fahrer jedoch, die Situation zu bewältigen und den Hawk korrekt auszurichten.

DeGroot schritt herüber und zog dabei die Handschuhe aus, die er für die Dauer des Verladevorgangs übergezogen hatte. »Fertig«, erklärte er nicht wenig erleichtert. »Alles drin.«

Manfred machte eine entsprechende Notiz auf seinem elektronischen Klemmbrett. »Wann sind wir in der Lage zu starten?«

»In einer Stunde können wir im Orbit sein«, erwiderte sein Unteroffizier nach kurzem Überlegen.

»Ausgezeichnet. Das ist besser, als ich dachte.«

DeGroot wurde mit einem Mal vorsichtig. »Der Alte kommt rüber. Und er sieht nicht glücklich aus.« Manfred hob den Blick. Lieutenant General Kusnezow kam mit weit ausgreifenden Schritten tatsächlich auf sie zu. Eine ganze Traube von Offizieren aus seinem Stab folgte ihm auf dem Fuß.

»Colonel? Kann ich Sie einen Augenblick sprechen?«

»Natürlich, Sir.« Manfred reichte das Klemmbrett an DeGroot weiter, der sich einige Schritte entfernte. Kusnezow machte eine knappe Geste und die Offiziere hinter ihm blieben stehen, um den beiden Männern etwas Privatsphäre zu gönnen.

»Wie ich hörte, haben Sie veranlasst, dass vierzig Panzer und gepanzerte Fahrzeuge aus unserem Fuhrpark auf Serena zurückbleiben.«

»Das ist korrekt, General.«

»Darf ich fragen, warum?«

»Es hieß entweder die Fahrzeuge oder ein paar Hundert Soldaten.«

»Wie darf ich denn das verstehen?«

»Man hat uns für Himmelswolf die 107. TKA-Spezialeinheit zugeteilt. Sie soll uns zu den Til-Nara begleiten. Aber wir hatten nicht genügend Stauraum. Also müssen einige Fahrzeuge zurückbleiben.«

»Eine ganze zusätzliche Spezialeinheit? Warum weiß ich davon nichts?«

Manfred zuckte ergeben die Achseln. »Dazu kann ich nichts sagen. Die 107. wurde uns jedenfalls auf persönlichen Befehl Admiral Hoffers überstellt. Ich hatte keine Wahl. Ich musste Platz für sie schaffen.« Manfred deutete auf einen Schotterplatz unweit ihrer Position, wo mehrere Fahrzeuge standen. In der Mehrzahl handelte es sich um ältere Schützenpanzer. Deren Verlust konnte man getrost verschmerzen. An der Seite hatte man aber auch zwei Cherokee abgestellt.

»Ja, die hatten Sie wohl nicht.« Kusnezow ließ die Schultern sacken. »Uns werden vor allem die beiden Cherokee fehlen. Deren Feuerkraft wäre nützlich gewesen.«

»Wir schaffen es auch ohne sie«, meinte Manfred heiter. »Ich bin da sehr optimistisch.«

Kusnezow schnaubte. »Ja, Sie können es sich auch leisten, optimistisch zu sein. Ich nicht.« Mit diesen Worten stapfte der General davon und zog dabei seinen Mob an Offizieren erneut mit sich.

Manfred seufzte und sah sich zu DeGroot um. Dieser verzog mürrisch die Miene und sagte: »Der hat ja heute wieder eine Laune.«

Manfred hielt sich mit Kommentaren lieber zurück. Der Mann war General und konnte es sich leisten, seinen Untergebenen mit seiner schlechten Laune auf die Nerven zu fallen.

Der erste Transporter hob ab, wobei er eine Staubwolke aufwirbelte. DeGroot wandte den Blick ab. Manfred jedoch folgte dem Schiff mit den Augen, bis es weit in den Himmel hinaufgestiegen war. Die Vorbereitungen waren abgeschlossen. Noch heute würde es in die Hegemonie gehen. Er war noch nie dort gewesen und war sehr neugierig darauf, die Insektoiden einmal in ihrem angestammten Heimatterritorium zu erleben. Das würde bestimmt interessant werden.

Der Summer an der Tür wurde betätigt und Frank sah von seinem Schreibtisch auf. Er hasste administrative Aufgaben, aber auch die mussten erledigt werden. Es gehörte einfach zum normalen Ablauf eines Geschwaders. Er war jedoch über jede Unterbrechung froh.

»Herein!«, rief er.

Die Tür öffnete sich und ein Mann in weißer Flottenuniform trat ein. Der Neuankömmling war vermutlich so um Ende dreißig. Er stapfte in die Mitte des Raumes und stand vor Frank stramm.

»Sir?«, begann er. »Commander John Desmond. Ihr neuer Erster Offizier.« Der Mann reichte ihm steif seinen Marschbefehl. Frank nahm diesen nach einigem Zögern entgegen.

Er überflog das Schreiben und leckte sich anschließend leicht über die Lippen. Er sah zu seinem neuen Ersten Offizier stirnrunzelnd auf. Dieser erkannte, worauf die Reaktion des Schiffskommandanten hinauslief.

»Man hat Sie noch nicht darüber informiert, dass ich an Bord komme.« Es handelte sich um eine Feststellung, keine Frage.

Frank nickte langsam. »Ich wusste noch nicht einmal, dass mir bereits ein Ersatz-XO zugewiesen wurde. Auf wessen Anordnung geht das zurück?«

Falls überhaupt möglich, stand der Commander noch aufrechter im Raum als noch Augenblicke zuvor. »Vizeadmiral Dushku.«

Frank begutachtete den Mann von oben bis unten. Er war versucht, die Körperhaltung des Mannes als eine Art Unterwürfigkeit gegenüber Dushku zu interpretieren. Frank musste sich jedoch eingestehen, dass diese allzu offensichtliche Schlussfolgerung in seinen eigenen negativen Erfahrungen mit dem Admiral begründet lag.

Nach einigem Überlegen kam er zum genau gegenteiligen Schluss. Der neue XO der Saber II wirkte, als hätte er einen Stock im Hintern. Es war ihm unangenehm, auf diese Weise vor seinen neuen kommandierenden Offizier treten zu müssen. Nun, da er begann, auch hinter die Fassade zu sehen, meinte er auch Anzeichen einer gewissen Antipathie gegenüber dem Admiral zu erkennen. Franks Mundwinkel zuckten. Dushku hatte so eine Art an sich, die Menschen gegen sich einzunehmen. Er hob das Kinn und begutachtete seinen neuen XO abermals.

»Warum erzählen Sie mir nicht etwas über sich?«

Desmond stutzte. »Sir?«

Frank lächelte. »Sie haben schon richtig gehört. Ich möchte ein klein wenig über Sie erfahren.«

Desmond deutete auf den Marschbefehl. »Meine Personalakte ist in elektronischer Form enthalten. Dort steht …«

»Ich will nicht wissen, was in der Akte steht«, unterbrach Frank ihn. »Ich will etwas über Sie erfahren. In Ihren eigenen Worten.«

Die Bitte war nicht ganz fair. Dessen war sich Frank bewusst. Er wollte aber wissen, was für ein Mensch seine neue Nummer zwei in der Rangfolge des Schiffes war. Er wollte ihn ein wenig aus der Reserve locken.

Desmond räusperte sich. »Nun ja, mein Werdegang ist eigentlich ziemlich unspektakulär.«

Frank wandte kurz den Blick ab und verkniff sich nur mit Mühe ein Schmunzeln. Die meisten Offiziere hätten es darauf angelegt, ihren neuen Kommandanten zu beeindrucken … mit ihrem Mut, ihren bisherigen Einsätzen, ihrer Eigeninitiative und kühlem Kopf unter Beschuss et cetera. Der Mann war bescheiden. Und das nicht aus Kalkül, sondern er war einfach so. Und er war ehrlich. Damit hatte er sich bereits einen Pluspunkt bei Frank verdient.

»Fahren Sie fort«, bat er dem immer noch vor ihm stramm stehenden Mann.

»Nach der Akademie habe ich auf der Mogadischu gedient. Dort habe ich mich auch die Ränge nach oben gearbeitet, bis hin zum Ersten Offizier.«

»Ich kenne die Mogadischu«, nickte Frank. »Und ich kenne Captain Turner. Ein gutes Schiff, eine gute Besatzung und ein guter Kommandant. Warum sind Sie jetzt hier?«

Desmond sah auf. »Sir?«

»Warum sind Sie jetzt hier?«, wiederholte Frank seine Frage. »Hier auf der Saber II. Bei dieser Mission.« Sein Lächeln wurde breiter. »Was stimmt mit Ihnen nicht?«

Die Frage war immer noch mit einem Lächeln vorgebracht worden, traf sein junges Gegenüber aber mitten ins Herz. Der Mann stutzte und versteifte sich zusehends. Die Kiefermuskeln mahlten so angestrengt, dass Frank schon befürchtete, der neue XO würde sich einen Zahn ausbrechen.

»Ich befürchte, ich kann Ihnen nicht ganz folgen.«

»Oh, doch. Sie verstehen mich sehr gut«, versetzte Frank ungerührt. »Das Konglomerat hat einen großen Sieg errungen, aber der Krieg geht auch für uns ohne Verzögerung weiter. Admiral Hoffer benötigt die besten Schiffe, Besatzungen und Soldaten, um den Kampf zum Feind zu tragen. Sonst nehmen die Ruul uns das Serena-System gleich wieder ab. Das bedeutet, für Operation Himmelswolf wird nicht gerade erstklassiges Material abgestellt. Schon gar nicht, was das Personal anbelangt.« Frank legte den Kopf schief. »Also? Was sagt das über Sie aus?«

Die Augen des jungen Offiziers blitzten kampflustig. »Was sagt das denn über Sie aus?« Die Worte brachen aus ihm heraus, bevor dieser überhaupt wusste, wie ihm geschah.

Franks Augenbrauen wanderten nach oben. Er war allerdings eher amüsiert denn verärgert. Desmond besaß Schneid. Das gefiel ihm. Der Mann war offenbar von der eigenen Courage etwas geschockt, machte aber keinerlei Anstalten, sich für seinen Ausbruch zu entschuldigen. Beide Männer musterten sich einen unscheinbaren Augenblick lang. Schließlich lächelte Frank sein Gegenüber auf eine – wie er hoffte – beruhigende Art an, um die Situation zu entspannen.

»Sie haben völlig recht. Mein eigener Vorwurf gilt auch für mich selbst. Ich werde in den höheren Offizierskreisen nicht unbedingt als … vertrauenswürdig angesehen. Schon gar nicht von Admiral Dushku. Mehr hat sie nicht zu interessieren und mehr Worte werde ich auch nicht darüber verlieren.«

Desmond ließ ein klein wenig die Schultern sacken. Schließlich seufzte er. »Meine Eltern besitzen ein großes Rüstungsunternehmen auf dem Mars. Wir produzieren für das Marine-Corps sowie die TKA Panzer, gepanzerte Fahrzeuge und schwere Ausrüstung für die Infanterie. Dadurch hätte es mir eigentlich möglich sein sollen, dem Militärdienst zu entgehen.«

Franks Nüstern weiteten sich unwillkürlich. Das war nicht ungewöhnlich, wie er wusste. Die Söhne und Töchter betuchter Familien fanden immer wieder Mittel und Wege, die Wehrpflicht zu vermeiden. Vor allem jene, deren Familien enge Geschäftsbeziehungen zum Militär pflegten. Der Begriff aus gut situierten Verhältnissen hing bedeutungsschwanger über dem Raum. Derartige Protektionen gefielen ihm ganz und gar nicht. Frank wollte den Mann aber nicht vorschnell verurteilen, sondern ließ ihn ungerührt weiterreden.

Desmond nickte. »Ich entschied mich aber, meiner Heimat zu dienen«, fuhr der XO fort. Er grinste leicht. »Meine Eltern waren davon nicht begeistert. Aber ich ging trotzdem meinen eigenen Weg. Auf der Mogadischu nahm ich an einigen der erbittertsten Schlachten der letzten Jahre teil. Unter anderem auch an der Schlacht um Serena.« Desmond sah kurz zu Boden. Als er den Kopf wieder hob, war sein Blick irgendwie leer, als wäre sein Verstand weit weg. »Während der letzten Tage der Schlacht gerieten wir in eine Gegenoffensive der Slugs, die fast die südliche Nullgrenze erreicht hätte. Auf einmal waren wir von drei feindlichen Schlachtschiffen umzingelt. Ich dachte, das war es jetzt. Wir alle dachten das. Aber plötzlich tauchte ein Geschwader Til-Nara-Schlachtkreuzer auf und haute uns raus.« Desmond schluckte einen Kloß im Hals herunter. »Der Augenblick, als der erste Schlachtkreuzer auf der Bildfläche erschien, gefolgt von sieben weiteren …« Desmond räusperte sich. »Die Dinger sind potthässlich, aber ich glaube, ich habe nie etwas Schöneres gesehen.« Der XO leckte sich leicht über die Lippen. »Wir überlebten diesen schrecklichen Tag. Und danach hatte ich das Gefühl, den Til-Nara etwas schuldig zu sein.«

»Kurz darauf hörten Sie von dieser Mission«, meinte Frank. »Richtig?«

Desmond nickte. »Es gibt keinen Haken an meiner Versetzung hierher, Commodore«, erklärte er im Brustton der Überzeugung. »Ich habe mich freiwillig gemeldet.«

Abermals musterte er seinen neuen XO und kam nicht umhin, so etwas wie Bewunderung für den Mann zu empfinden. Seine Achtung für den jungen Offizier wuchs. War das wirklich möglich? Hatte Dushku ihm tatsächlich einen fähigen Ersatz für Dunlevy geschickt? Nach dessen Verletzung und Ausscheiden hatte Frank darauf kaum zu hoffen gewagt. Er erhob sich langsam.

»Ich danke Ihnen für Ihre Ehrlichkeit«, meinte er und streckte die Hand aus. Desmond nahm sie nach kurzem Zögern und drückte sie verblüffend fest. Frank schenkte dem Mann ein herzliches Lächeln. »Willkommen an Bord, Commander!«

Es dauerte noch drei Tage, bis die Vorbereitungen für die Abreise der Expeditionsstreitmacht abgeschlossen waren. Als Frank am Morgen des vierten Tages zu Beginn seiner Schicht die Brücke der Saber II betrat, wurde er bereits von seinem neuen XO und vielen erwartungsvollen Blicken begrüßt.

Frank begab sich zum Kommandosessel, ließ sich in den Sitz gleiten und zog den Vier-Punkt-Sicherheitsgurt über seine Schultern. Mit metallischem Klicken rastete der Verschluss vor seiner Brust ein.

Er warf einen kurzen Blick aus dem zentralen Brückenfenster. Die Schiffe der Flotte nahmen ihre Positionen ein. Ein mächtiger Schatten verdunkelte mit einem Mal die Sterne. Franks Blick glitt nach oben. Die Vigilantes – Dushkus Flaggschiff – folgte behäbig ihrem Kurs zwischen den Schiffen des Einsatzverbands, bis sie ihre Position an der Spitze der Formation eingenommen hatte.

Der Einfachheit halber formierte sich die Flotte bereits an der nördlichen Nullgrenze des Systems. Es war nur noch ein Katzensprung und die Schiffe waren in der Lage, das System zu verlassen.

»Status?«, verlangte Frank zu erfahren.

»ISS-Antrieb auf hundert Prozent Leistung«, informierte ihn sein XO. »Alle Systeme auf Grün.«

Frank nickte zufrieden. Er hatte nichts anderes erwartet. Nun lag alles an Dushku. Der Befehl zum Sprung musste vom Flaggschiff ausgehen. Frank trommelte ungeduldig mit den Fingerspitzen der rechten Hand einen unsteten Rhythmus auf die Lehne seines Kommandosessels. Der Befehl hätte längst erteilt werden müssen. Er rümpfte die Nase. Dushku gab mal wieder seinem entnervenden Hang zur Dramatik nach und machte eine unangenehm lange Pause vor dem nächsten Schritt.

Der Lieutenant an der ComStation sah sich endlich zu seinem kommandierenden Offizier um. »Befehl vom Flaggschiff: Sprung einleiten.«

Frank seufzte erleichtert auf. »Na endlich«, murmelte er verdrossen. Dann etwas lauter: »Navigation. Sprung einleiten, sobald wir an der Reihe sind.«

»Verstanden, Sir«, bestätigte Lieutenant Jordan Wayne, die diensthabende Navigatorin.

Der Antrieb eines jeden Schiffes hatte bis zu diesem Zeitpunkt unter minimaler Energie gestanden. Nun aber fuhren die Schiffe ihre Antriebe hoch. Die Aggregate flammten regelrecht auf. Der Vorgang setzte sich wie eine Welle durch die gesamte Flotte fort. Nacheinander überschritten die Schiffe die Nullgrenze und katapultierten sich in den Hyperraum.

Als die Saber II an der Reihe war, verkrampften sich Franks Hände unwillkürlich in die Lehnen seines Kommandosessels. Eine schlechte Angewohnheit, die er nie ganz hatte ablegen können. Ein Sprung besaß die unschöne Angewohnheit, ihm den Magen umzudrehen. Dennoch verzichtete er auf entsprechende Medikamente. Ein Offizier der Raumflotte musste mit so etwas ohne Hilfe zurechtkommen.

Die Kommandobrücke schien sich für eine Millisekunde ins Unendliche ausdehnen zu wollen, bevor das Schiff in die Schwärze des Hyperraums katapultiert wurde – einem ungewissen Schicksal und einer gefährlichen Mission entgegen.

3

Der fast vierwöchige Flug zur Til-Nara-Hauptwelt Et/ero verlief komplett ereignislos. Es gab kaum technische Schwierigkeiten, die Franks Aufmerksamkeit verlangten. Schiff und Besatzung funktionierten wie ein Schweizer Uhrwerk.

Lediglich einmal musste der komplette Einsatzverband in der Nähe der Til-Nara-Grenze den Hyperraum verlassen, weil bei einem der Truppentransporter der ISS-Antrieb versagte. Dushku weigerte sich, das Schiff sich selbst zu überlassen, und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als auf das Ende der Reparatur zu warten. Das Problem war aber schnell behoben und die Reise konnte fortgesetzt werden.

John Desmond, der neue XO, nutzte die Zeit gekonnt, um sich mit Schiff und Besatzung vertraut zu machen. Frank hatte die ganze Zeit ein wachsames Auge auf ihn. Aber der Mann verrichtete seinen Dienst gewissenhaft und mit dem nötigen Pflichtgefühl. Außerdem wurde er bei der Mannschaft langsam beliebt. Frank war zufrieden. Entgegen der Meinung anderer Flottenoffiziere war es für ihn kein Zeichen von Schwäche, bei der Truppe beliebt zu sein.

In der Mitte der vierten Woche nach ihrem Aufbruch von Serena erreichten sie die südliche Nullgrenze des Et/ero-Systems. Die Schwärze des Hyperraums wich schlagartig dem von weißen Punkten gesprenkelten Hintergrund des Weltraums. Frank entspannte sich etwas und beugte sich fasziniert vor.

Er schnalzte mit der Zunge. »Wahnsinn!«, flüsterte er.

Sein XO wandte sich ihm mit einer erhobenen Augenbraue zu. »Sir? Haben Sie etwas gesagt?«

Anstatt auf die Frage zu antworten, deutete Frank durch das Fenster auf die grün-weiße Welt, die sich in der Ferne abzeichnete. »Haben Sie eigentlich eine Ahnung, wo wir uns befinden, John?«, wollte Frank wissen.

Desmond warf einen kurzen Blick durch das Brückenfenster, bevor er mit vergnügtem Funkeln seinen kommandierenden Offizier musterte. »Ich nehme an, die Antwort ›Im Et/ero-System‹ wäre ein wenig zu einfach, oder?«

Frank schmunzelte. »Da nehmen Sie richtig an. Wir befinden uns an einem Scheideweg der Geschichte. Wir stehen hier auf einem Fleckchen Weltraum, das vor dem Krieg kein einziger Mensch besucht hat. Wäre der Krieg nicht gewesen, dann wäre das auch so bis in alle Ewigkeit geblieben.« Frank lehnte sich zurück. »In einem Punkt bin ich mir sehr sicher: Wären die Ruul nicht aufgetaucht, dann hätten Til-Nara und Menschen eines Tages Krieg geführt.«

Desmond runzelte die Stirn. »Wie meinen Sie das?«

Frank neigte leicht den Kopf zur Seite. »Ist doch ganz einfach. Irgendwann wären sich Menschen und Til-Nara gegenseitig ins Gehege gekommen. Die Geburtenrate der Til-Nara ist hoch. Sogar verdammt hoch. All diese Mäuler müssen gestopft werden und brauchen Platz. Ein Volk wie die Til-Nara braucht unheimlich viel Platz, um sich zu entfalten.«

»Ja, ganz anders als die Menschen«, meinte Desmond sarkastisch.

Frank warf ihm einen verschmitzten Blick zu. »Touché!« Er seufzte und deutete auf die Vielzahl an Schiffen, die ihren Weg kreuzten und die sich um Et/ero versammelt hatten. Einen ganz erheblichen Teil stellte der zivile Flugverkehr. Hunderte von freien Händlern oder Frachtern strebten ins innere System oder zu einer der Nullgrenzen. Auch das war ein unerwarteter Nebeneffekt des Krieges. Die eigentlich streng isolationistisch lebenden Insektoiden hatten sich der Galaxis geöffnet und trieben nun eine Menge Handel.

Doch auch militärische Schiffsverbände waren im Til-Nara-Hauptsystem allgegenwärtig. Bei einigen handelte es sich um Wachgeschwader mit der Aufgabe, das System zu verteidigen. Die meisten anderen hingegen waren mit Sicherheit Angriffsflotten, die für militärische Operationen gegen die Slugs zusammengezogen wurden. »Eines ist mal sicher«, erklärte Frank. »Ich kämpfe lieber gegen die Ruul als gegen die Til-Nara.«

Der XO ließ die Äußerung einfach über sich ergehen und enthielt sich eines Kommentars. Der ComOffizier wandte sich um und würgte das Gespräch auf diese Weise ab. »Commodore Taylor? Vizeadmiral Dushku bittet zu einer Lagebesprechung auf die Vigilantes.«

Frank schnaubte, unterdrückte aber jeden anderen äußerlichen Anschein von Antipathie. Es war nicht ratsam, die Autorität des befehlshabenden Admirals zu untergraben. »Bestätigen Sie die Order und melden Sie, ich sei auf dem Weg.«

Der ComOffizier nickte, wandte sich um und gab die Nachricht weiter. Währenddessen schnallte sich Frank los und erhob sich etwas schwerfällig. Der Kommandosessel war bequem, doch auch auf ihm konnten längere Fahrten zur Tortur für den Rücken werden. Frank streckte sich unauffällig.

»XO, Sie haben das Kommando bis zu meiner Rückkehr.«

»Aye, Sir«, bestätigte dieser. Und noch während sich Frank zum Gehen wandte, fügte Desmond ein »Viel Glück!« hinzu.

Der Flug zur Vigilantes dauerte nur eine Viertelstunde. Während sein persönliches Beiboot zwischen den Giganten des Kampfverbandes dahinzog, nahm sich Frank Zeit, ihre Eskorte in Augenschein zu nehmen.

Die Til-Nara hatten der terranischen Expeditionsstreitmacht mehrere Kreuzer entgegengeschickt, die diese ins innere System eskortierten. Die Führung hatten Lotsenschiffe übernommen, die die menschlichen Gäste zielsicher durch den Irrgarten führten, der hier als Verkehrsordnung durchging.

Das war auch dringend nötig. Im Gegensatz zu einem menschlichen System herrschte hier das reinste Chaos. Die Flugbahnen von Schiffen und sogar ganzen Verbänden kreuzten sich auf eine Art und Weise, dass sich nur für einen insektoiden Verstand daraus irgendeine Art von Logik ableiten ließ. Für Frank wirkte das alles beinahe … willkürlich.

Er schüttelte leicht den Kopf, während er das Chaos ringsum begutachtete, und fragte sich insgeheim, ob die Ordnung des Schiffsverkehrs in einem terranischen System für die Til-Nara wohl ebenso befremdlich wirkte wie das hier auf ihn.

Die Til-Nara hatten ihnen vor dem Flug ins innere System einen temporären IFF-Code übermittelt, der die terranischen Schiffe als Verbündete auswies. Kein Schiff ohne gültigen Code durfte Et/ero anfliegen. Wäre eine Besatzung dennoch so vermessen gewesen, einen derartigen Versuch zu starten, dann hätten sie nicht einmal das Schwerkraftfeld erreicht. Die Wachschiffe hätten sofort reagiert und den Eindringling zerstört. Die Gültigkeit des Codes erlosch augenblicklich nach Verlassen des Systems, sodass man für den nächsten Besuch einen neuen anfordern musste. Die Til-Nara waren paranoid, was Sicherheit betraf. Bei einem Gegner wie den Ruul konnte das aber beileibe kein Fehler sein.

Voraus kam die Vigilantes in Sicht und der Pilot setzte zur Landung an. Kaum berührten die Kufen des kleinen Schiffes das blank polierte Metall des Hangarbodens, kam bereits ein Ordonnanzoffizier zielstrebig darauf zu. Die Luke öffnete sich und Frank schlenderte herab.

Die Ordonnanz salutierte. »Commodore Taylor?« Frank nickte. Der junge Lieutenant lächelte. Allerdings war klar, dass er dies lediglich als Pflicht empfand. Die Regung erreichte seine Augen nicht und auch sonst verzog er keine Miene. »Würden Sie mir bitte folgen?«

Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte sich der Lieutenant um und steuerte den Ausgang des Hangars an. Frank blieb nichts anderes übrig, als diesem zu folgen.

Der Ordonnanzoffizier führte ihn durch eine Vielzahl fast identisch wirkender Gänge, in denen die Besatzung des Schlachtschiffes ihren Dienst versah. Alles wirkte ordentlich und straff organisiert. Aber eigentlich hatte Frank nichts anderes von einem Laszlo Dushku erwartet. Sie erreichten eine Tür, vor der zwei Marines auf Posten standen. Die Ordonnanz blieb zurück, während die beiden Posten strammstanden und salutierten. Einer löste sich aus der Haltung und öffnete die Tür, sodass Frank den Besprechungsraum betreten konnte.

Er machte einen Schritt hinein und blieb schlagartig stehen. Der Marine schloss die Tür hinter ihm fast geräuschlos. In der aufkeimenden Stille klang aber bereits dieser kleine Laut, als würde eine Kirchturmglocke durch den ganzen Raum hallen. Alle Augen richteten sich auf ihn. Er war offenbar der Letzte, der erwartet wurde. Frank bemühte sich, den Kloß in seinem Hals hinunterzuschlucken. Er war während der Schulzeit nie zu spät zum Unterricht gekommen, allerdings konnte er sich vorstellen, dass genau dieses Gefühl in einer solchen Situation zu erwarten sei.

Dushku saß am Kopfende des Tisches und sah demonstrativ auf die Uhr. Frank verkniff sich eine ungeduldige Reaktion. Er war schließlich so schnell gekommen, wie es ihm möglich gewesen war. Da sein Geschwader das Schlusslicht der Formation bildete, hatte er den weitesten Weg gehabt. Dushku schien dies aber keineswegs zu kümmern.

Frank erwog, sich wegen seines Zuspätkommens zu entschuldigen, obwohl er logisch betrachtet nichts dafür konnte. Er entschied sich dagegen. Es hätte die Situation nicht verbessert und Dushku hätte es darüber hinaus vermutlich sogar als Zeichen der Schwäche gewertet. Aus diesem Grund begab sich Frank an den letzten freien Platz in der Runde und setzte sich. Sobald sein Hintern den Stuhl berührte, nahm er sich Zeit, jeden Einzelnen mit kurzem Nicken zu begrüßen. Er war sich selbst nicht sicher, ob er es aus Höflichkeit tat oder einfach, um Dushku zu ärgern, da es den Beginn der Besprechung zusätzlich verzögerte. Die Mehrzahl der anwesenden Offiziere brachten wohl Verständnis für ihn auf. Sie erwiderten sein Nicken zumeist neutral, einige freundlich. Ein paar der Anwesenden lächelten sogar.

Bei fünf der anwesenden Offiziere handelte es sich um die Divisionskommandeure der Flotte – genau wie Frank einer war. Bei zwei weiteren handelte es sich um Marines. Einen kannte Frank bereits vom Sehen: Lieutenant General Boris Kusnezow, den Befehlshaber der Bodentruppen ihrer kleinen Exkursion. Bei dem schlanken Lieutenant Colonel mit den breiten Schultern und dem charakteristischen Kurzhaarschnitt musste es sich um dessen ranghöchsten Offizier und damit um dessen Stellvertreter handeln.

Des Weiteren waren die drei MAD-Offiziere Captain Harriman Bates sowie die Lieutenants Lory Roberts und Haruto Ihara anwesend.

Dushku räusperte sich übertrieben. »Da wir nun endlich vollzählig sind, können wir ja anfangen.«

Frank ließ den unausgesprochenen Tadel ohne jede Gefühlsregung über sich ergehen. Es hatte nicht den geringsten Sinn, dagegen aufzubegehren. Er konnte eine solche Auseinandersetzung nicht gewinnen. Nicht hier, nicht jetzt und nicht gegen einen Mann wie Dushku.

Der Admiral nickte dem ranghöchsten MAD-Offizier im Raum zu. Captain Harriman Bates erhob sich und warf einen Blick in die Runde, bevor er mit seiner tiefen Baritonstimme zu sprechen begann.

»Obwohl wir seit Beginn des Krieges eng mit den Til-Nara zusammenarbeiten, wissen die meisten so gut wie nichts über unsere insektoiden Verbündeten. Aus diesem Grund werde ich mit ein paar einleitenden Worten zur Gesellschaft der Til-Nara meinen Bericht beginnen. Es ist wichtig, dass allen Anwesenden klar ist, mit was für Wesen wir es zu tun haben, um die zu erwartenden kulturellen Probleme und Missverständnisse auf ein Minimum zu reduzieren.«

Bates betätigte einen Knopf und über dem Tisch wurde eine Karte des Til-Nara-Territoriums sowie der Nerai-Sphäre projiziert. Die von den Insektoiden gehaltenen Systeme wurden in Grün dargestellt, die von den Ruul okkupierten Welten in Gelb.

»Was wir als Til-Nara-Hegemonie kennen und als einheitliches Reich verstehen, sind in Wirklichkeit drei separate Reiche, die sich vor langer Zeit zusammengeschlossen haben.«

Bates betätigte erneut einen Knopf und das Til-Nara-Reich wurde in drei fast gleich große Teile gespalten. »Die drei Til-Nara-Territorien nennen sich Asken-dor, Asken-tal und Asken-van. Daraus resultieren auch verschiedene Begriffe: Die Königin des Asken-dor-Reiches nennt sich zum Beispiel Dor-Vaniri. Dabei handelt es sich um den Titel, nicht um den Namen. Das darf nie verwechselt werden! Des Weiteren ist der Titel des Oberbefehlshabers der Asken-dor-Streitkräfte Dor-shri. Die Titel der Königinnen sowie der Oberbefehlshaber der anderen zwei Reiche muss ich wohl nicht extra benennen. Das Prinzip der Titelgebung dürfte klar sein. Als die Til-Nara sich zusammenschlossen, gab es noch Unterschiede in diesen Rassen, sowohl gesellschaftlicher als auch anatomischer Art. Inzwischen sind diese nicht länger existent. Die Til-Nara sind eine einheitliche Spezies geworden. Es gab vor Tausenden von Jahren ein viertes Reich. Dieses spaltete sich ab und wurde zur Nerai-Sphäre. Zwischen den Til-Nara und den Nerai gab es im Lauf der Zeit mehrere größere Kriege und unzählige Grenzscharmützel sowie kleinere Auseinandersetzungen. Obwohl hin und wieder ein System den Besitzer wechselte, blieb die Demarkationslinie relativ konstant. Keine der beiden Seiten konnte nennenswerte Gebietsgewinne verbuchen, aus denen man folgern könnte, dass jemand gewonnen hätte.«

Frank beugte sich interessiert vor und betrachtete den Frontverlauf zwischen Til-Nara und Nerai auf der einen Seite sowie den Insektoiden und den Ruul auf der anderen. Währenddessen fuhr Bates fort. »Die Nerai haben seit Beginn des Krieges mehr als ein Drittel ihres Territoriums an die Ruul verloren. Bei den Til-Nara sieht es ähnlich katastrophal aus. Anfänglich umfasste die Hegemonie mehr als dreihundert Systeme. Sie ist inzwischen auf annähernd zweihundert zusammengeschrumpft, wobei die meisten Gebietsverluste auf die erste ruulanische Angriffswelle zurückzuführen sind. Die Ruul gingen dabei äußerst raffiniert zu Werke. Sie konzentrierten sich anfangs auf die Brutplaneten der Til-Nara und eroberten fünf von ihnen. Gleichzeitig überrollten sie die Verteidigung Dutzender Welten.

Die Til-Nara sind in der Lage, unter so gut wie allen Umweltbedingungen zu siedeln. Aber zur Fortpflanzung sind sie von ganz bestimmten umweltbedingten Faktoren abhängig. Ein insektoides Volk wie die Til-Nara ist auf ihre Brutplaneten angewiesen. Ohne diese ist es für sie schwierig, ihr Militär wieder aufzustocken und zum Gegenangriff überzugehen. Die Til-Nara haben sich von diesem schweren Schlag bis heute nicht gänzlich erholt. Die Ruul wussten ganz genau, wie und wo sie die Til-Nara treffen mussten. Seit der ursprünglichen ersten Welle haben die Slugs in weiteren Wellen noch zwei Brutplaneten erobert und damit die prekäre Situation der Til-Nara zusätzlich verschärft.«

Frank hob den Kopf und zeigte damit, dass er das Wort ergreifen wollte. Bates nickte ihm zu. »Ja, Commodore?«

»Welches der drei Reiche hat die meisten Systeme verloren?«, wollte er wissen.

»Asken-dor«, erwiderte Bates. »Sogar mit großem Abstand. Ungefähr fünfzig Prozent der gefallenen Systeme gehören diesem Til-Nara-Clan an.«

Dushku rümpfte die Nase. »Ich weiß nicht, was das für uns für eine Rolle spielt.«

Bevor Frank den Sinn hinter seiner Frage erläutern konnte, kam ihm der MAD-Agent zu Hilfe. »Die Frage ist sogar äußerst clever«, fuhr er dem Admiral in die Parade. »Darauf wäre ich ohnehin noch zu sprechen gekommen. Die Politik innerhalb der Til-Nara ist ein fragiles Gleichgewicht, das von Intrigen und dem Schmieden von Allianzen geprägt ist. Der Verlust derart vieler Systeme hat den Status der Königin Dor-Vaniri geschwächt. Wäre kein Krieg, wäre sie bereits abgesetzt, getötet und an die Larven der beiden anderen Reiche verfüttert worden. An ihrer statt wäre eine andere Königin eingesetzt worden. Sie kann von Glück reden, dass sie noch benötigt wird, um das Reich in Kriegszeiten zu regieren und zusammenzuhalten. Die beiden anderen Königinnen wollen die Lage durch einen Machtwechsel nicht zusätzlich destabilisieren.« Bates warf Dushku einen eindringlichen Blick zu. »Wir sollten äußerst vorsichtig im Umgang mit dem Triumvirat sein. Für die Til-Nara sind wir Außenstehende. Gut möglich, dass sie uns lediglich als bloße Schachfiguren in diesem Spiel um die Macht ansehen. Ich möchte dringend raten, dass wir uns nicht in ihre Machtspielchen hineinziehen lassen.«

Dushku schnaubte. »Was hätten die Til-Nara davon? Ein solcher Versuch würde lediglich das Bündnis gefährden und das würde niemandem helfen.«

Bates legte den Kopf leicht auf die Seite. »Wir haben es mit insektoiden Wesen zu tun, nicht mit Menschen. Wir dürfen ihnen keine menschlichen Denkmuster unterstellen. Wer weiß schon, was in einem insektoiden Gehirn vor sich geht? Wie gesagt, ich rate zur Vorsicht.«

»Zur Kenntnis genommen«, erwiderte Dushku.

Frank wandte leicht den Blick ab, damit niemand seine Verachtung für Dushku an seinem Gesicht ablesen konnte. Der Mann verhielt sich in höchstem Maße dumm und uneinsichtig. Bates’ Einwände waren berechtigt. Die Expeditionsstreitmacht durfte sich nicht in interne Machtkämpfe verwickeln lassen. Der Verdacht überkam Frank, dass Dushku die Bedenken des MAD-Agenten nur deshalb nicht ernst nehmen wollte, weil dieser ihm zuvor geholfen hatte. Frank richtete sich auf und hoffte, dass die vorübergehende Entgleisung seiner Mimik niemandem aufgefallen war. Er hatte bereits genügend Probleme, auch ohne dass sich seine Verachtung für Dushku herumsprach. Als er aufblickte, bemerkte er jedoch Lory Roberts, die ihn nachdenklich musterte. Die MAD-Agentin lächelte rätselhaft, als Franks Blick den ihren kreuzte.

»Und wie ist die derzeitige strategische Lage?«, wechselte Dushku das Thema.

Bates zuckte die Achseln. »Da gibt es leider nicht viel zu berichten. Zumindest nichts Positives. Die Fronten stagnieren. Es gibt regelmäßig Vorstöße beider Seiten in das jeweils andere Gebiet, aber der Verlauf der Hauptkampflinie bleibt dabei relativ stabil. Vor drei Monaten gab es eine große Schlacht in einem System namens Orm/aldy. Die Til-Nara versuchten, einen ihrer Brutplaneten wieder unter Kontrolle zu bringen.«

Frank sah auf. »Und das Ergebnis?«

Bates seufzte. »Niederschmetternd. Es wurde ein Patt. Die Til-Nara konnten sich im System festsetzen, aber es gelang ihnen nicht, sich zum Planeten durchzukämpfen. Außerdem erlitten beide Seiten schwere Verluste.« Bates warf Dushku einen leicht verzweifelten Blick zu. »Ich sage es nicht gern, aber ich befürchte, die Til-Nara brauchen dringend unsere Hilfe, wenn sie den Stellungskrieg beenden wollen, der zwischen ihnen und den Slugs herrscht.«

Dushku dachte einen Augenblick über die Worte des MAD-Agenten nach und nickte ihm zu. »Danke, Captain Bates.«

Der MAD-Agent setzte sich wieder.

Dushku sah sich in der Runde um. »Irgendwelche Anmerkungen zu dem gerade Gehörten?«

Niemand sagte etwas. Die Til-Nara gingen selbst nach den Jahren des Bündnisses mit den Menschen nicht sehr verschwenderisch mit Informationen um. Dass es in der Hegemonie so schlecht stand, davon hatte kaum jemand im Konglomerat überhaupt eine Ahnung. Frank jedenfalls wurde davon völlig überrumpelt. Wenn man den Begriff Insektoid hörte, dann dachte man dabei unwillkürlich an Massen von Soldaten und einen schier unerschöpflichen Nachschub. Dass es bei ihnen jedoch auch eng werden könnte, auf den Gedanken kam man nicht.

Frank sah auf. »Gibt es bereits einen Plan, wie unsere Hilfe aussehen soll? Ich meine, gibt es schon konkrete Angriffsziele?«

Dushku antwortete nicht, sondern sah vielsagend in Bates’ Richtung. Dieser schüttelte den Kopf. »Falls ja, wurden sie uns noch nicht mitgeteilt. Ich bin mir aber sicher, unsere Hilfsleistungen richten sich auf die Rückeroberung von mindestens zwei Brutplaneten. Vier wären sogar ideal. Damit könnten die Til-Nara ihre Kräfte so weit aufstocken, dass sie wieder eine ernst zu nehmende Macht in diesem Teil des Weltraums werden. Sie könnten sich zu einem echten Problem für die Slugs entwickeln. Aber wie gesagt, dafür brauchen sie diese verdammten Planeten zurück.«

Frank zog eine Augenbraue hoch. »Aber was können ein paar Hundert terranische Schiffe erreichen, was Tausende von Til-Nara-Einheiten nicht geschafft haben? Welchen Unterschied bringt unser Erscheinen?«

Bates öffnete den Mund, doch Dushku kam ihm zuvor. »Taktische Flexibilität. Terranische Schiffe besitzen Möglichkeiten, über die Til-Nara-Schiffe nicht verfügen. Zum Beispiel die Möglichkeiten des Fernkampfes. Til-Nara-Einheiten sind schwer bewaffnet und stark gepanzert, aber die Reichweite ihrer Waffen ist auf kaum mehr als Nahkampfdistanzen begrenzt. Wir werden gemeinsam mit unseren Verbündeten in eine Kampfzone springen und dann eskortieren wir sie ins innere System. Nah genug, dass die Til-Nara ihre Feuerkraft in die Waagschale werfen können. Das wird unser Auftrag sein. Und ich denke, das ist zu schaffen.« Dushku räusperte sich und sah erneut in die Runde. »Vor unserer Abreise habe ich persönlich mit der Präsidentin gesprochen. Sie hat mir mitgeteilt, von welch essenziellem Interesse unser Auftrag für das Konglomerat, die Koalition und die Kriegsanstrengungen sind. Unsere Mission besteht darin, dafür zu sorgen, dass unsere Verbündeten wieder ihre volle Schlagkraft erlangen, damit wir diesen verfluchten Krieg endlich beenden können. Schiffe haben die Til-Nara genug. Ihre Werften produzieren mit hundertprozentiger Auslastung. Nur an Drohnen, um diese auch zu bemannen, mangelt es ihnen. Und wir sorgen dafür, dass sich das ändert.«

Frank wollte noch etwas einwenden. Bevor er dazu kam, öffnete sich die Tür und ein Adjutant betrat den Raum. Er eilte an die Seite des Admirals und flüsterte diesem etwas ins Ohr. Dushku nickte angespannt. Er warf einen vielsagenden Blick in die Runde. »Alle weiteren Erörterungen müssen warten. Wir haben unsere Parkposition erreicht. Das Triumvirat hat bereits eine Einladung geschickt, sie aufzusuchen. Kehren Sie auf Ihre Schiffe zurück. Ich informiere Sie zu gegebener Zeit über das Ergebnis der ersten Zusammenkunft.«

Die Divisionskommandeure erhoben sich und verabschiedeten sich mit gedämpften Stimmen. Sie befanden sich in der Heimat ihrer Verbündeten, trotzdem hatte man irgendwie das Gefühl, im Feindesland festzusitzen. Es war eine irrationale Emotion, aber nichtsdestoweniger war sie vorhanden.

Frank streifte seine Uniform glatt und machte sich wie alle anderen bereit, auf sein Schiff zurückzukehren. Dushkus Stimme hielt ihn jedoch zurück.

»Commodore Taylor? Sie werden mich auf die Oberfläche begleiten. Gemeinsam mit unseren Offizierskollegen vom MAD.«

Frank behielt eine sorgsam neutrale Miene bei und bestätigte den Befehl mit einem Nicken. »Ich werde noch kurz der Saber Bescheid geben.«

Dushku verzog die Miene zu einem kurzen, nicht sehr sympathischen Grinsen. »Das wurde schon erledigt«, meinte der Admiral leichthin.

Frank schluckte eine zornige Entgegnung herunter. Das wäre eigentlich seine Aufgabe als Kommandant gewesen. Sein Blick und der des Admirals kreuzten sich und die Temperatur im Raum schien für einen Augenblick um ein paar Grad abzusacken. Frank rief sich unwillkürlich in Erinnerung, dass es sich nicht nur beim Raum der Til-Nara um Feindgebiet handelte.

4

Frank beugte sich interessiert vor, als das Beiboot die dichten Wolkenschichten um Et/ero durchbrach und schnell tiefer sank. Das kleine Schiff wurde von einem halben Dutzend Til-Nara-Jäger der Dragonfly-Klasse nach unten eskortiert.

Die Oberfläche von Et/ero glich aus großer Höhe einfach einer einzigen braun-grauen Fläche. Und je tiefer sie sanken, desto mehr erkannte Frank enttäuscht, dass es auch gar nicht mehr zu sehen gab. Die Städte und Fabrikationsanlagen der Til-Nara lagen zum überwiegenden Teil unterirdisch. Das einzige Anzeichen eines Stocks bestand in einem annähernd pyramidenähnlichen Gebilde, das sich aus dem Boden erhob. Das war im Prinzip schon alles.

Der zentrale Stock – bei den Menschen würde man wohl Hauptstadt sagen – lag in der südlichen Hemisphäre und trug die Bezeichnung Kal/ray.

Der Himmel über Et/ero glich beinahe einem Spiegelbild des Weltraums. Hier wimmelte es förmlich von den Raumfahrzeugen unterschiedlichster Art und Bauweise. Nicht alle waren Til-Nara. Es gab unter anderem terranische zivile Schiffe sowie einige Sca/rith und sogar Meskalno-Händlerschiffe. Die Völker der Koalition hatten die Hegemonie inzwischen als lukrativen Handelspartner schätzen gelernt.

»Wir nähern uns Kal/ray«, gab der Pilot bekannt. Frank sah sich unter den Passagieren des Beiboots um. Dushku studierte mehrere Dokumente – auf Papier, nicht digital –, der Mann war im Grunde ein Dinosaurier und bevorzugte es, Dokumente in der Hand zu halten. Der Admiral blickte lediglich nur kurz auf, grunzte etwas Unverständliches und widmete sich anschließend wieder seiner Lektüre. Es handelte sich vermutlich um irgendein Dossier, das er für die anstehende Zusammenkunft als wichtig erachtete, aber gemäß Franks Erfahrung wohl im Endeffekt keine große Rolle spielen würde.

Die beiden MAD-Agenten Bates und Roberts unterhielten sich gedämpft. Franks Blick fiel auf Ihara – Roberts’ Wasserträger. Der Mann saß eine Reihe hinter den beiden anderen MAD-Offizieren und strahlte eine schon fast düstere Präsenz aus. Seit ihrem Aufbruch hatte sich der Offizier nicht bewegt. Frank kam nicht umhin, den Vergleich mit der Statue irgendeines dunklen Gottes zu ziehen, so wie der Offizier dort auf seinem Sitz thronte. In diesem Moment zuckte Iharas Kopf in Franks Richtung.

Dieser erschrak und wandte den Blick ab. Er fühlte sich ertappt und das war ihm sichtlich peinlich. Frank konnte nicht anders, er fühlte sich in Iharas Nähe unwohl. Der Mann war auf eine geheimnisvolle Weise unheimlich. Er war froh, dass er mit dem Kerl nicht allzu viel zu tun haben würde. Die MAD-Heinis machten ihren Job, er seinen. Das genügte ihm vollauf.

»Wir sind in Sichtweite«, verkündete der Pilot über die Gegensprechanlage. »Setzen zur Landung an. ETA in drei Minuten.«

Nun kam doch Leben in die Passagiere. Jeder wandte sich dem nächsten Bullauge zu, sogar Dushku. Diesen Anblick wollte niemand verpassen. Kein Mensch, noch nicht einmal ein hochrangiges Regierungsmitglied, geschweige denn ein Händler hatte den Anblick, der sich ihnen bieten würde, je zuvor genießen dürfen. Sie waren die Allerersten. Noch niemals hatten die Königinnen es gestattet, dass man sie in ihrem ureigensten Refugium besuchte.

Frank spähte nach draußen. Zwischen all den Stöcken auf der Oberfläche hätte er erwartet, Kal/ray im ersten Augenblick gar nicht zielsicher identifizieren zu können. Er irrte sich.

Rund um Kal/ray existierte in einem Umkreis von dreihundert Klicks kein anderer Stock. Und wenn dies schon nicht gereicht hätte, so genügte das schiere Ausmaß des zentralen Stocks, um jedem Neuankömmling zu zeigen, womit er es zu tun hatte.

Kal/ray war gigantisch. Ein normaler Stock schob seinen pyramidenförmigen Auswuchs etwa fünfzig Meter in die Höhe. Kal/rays Pyramide erwies sich als mindestens viermal so hoch und war auch von wesentlich breiterem Umfang. Oberhalb der Spitze thronten drei Schlachtkreuzer der Insektoiden und hielten innerhalb der Atmosphäre stille Wacht über ihre Königinnen. Jeder der Schlachtkreuzer gehörte einem der Reiche an, aus dem die Hegemonie bestand. Ein nicht sehr subtiler Hinweis auf die fragilen Machtverhältnisse, die die Hegemonie im Gleichgewicht hielten.

Frank hatte immer geglaubt, die Schlachtkreuzer der Til-Nara sähen alle gleich aus. Nun, da er sich ihnen zum ersten Mal intensiv widmete, erkannte er geringfügige Unterschiede. Diese mussten wohl auf die Zugehörigkeit der einzelnen Til-Nara-Reiche zurückzuführen sein. Das bedeutete, jeder der drei Clans stellte einen Schlachtkreuzer, um den zentralen Stock zu beschützen. Das ergab durchaus Sinn.

Der Stock war auf eine – für menschliche Augen – barbarische Weise faszinierend. Frank war versucht, ihn sogar atemberaubend schön zu nennen. Zumindest aber war es ein Beispiel für insektoide Baukunst.

Ihre Eskorte drehte ab, sobald sie sich dem Stock auf fünfzig Klicks näherten. Sie wurden von anderen Dragonfly-Jägern ersetzt, die allerdings irgendwie anders aussahen. Im Gegensatz zu regulären Standardjägern wirkte ihre Färbung heller und strahlender. Vermutlich handelte es sich um irgendeine Gardeeinheit, die speziell für den Schutz des Triumvirats zuständig war.

Frank speicherte diese Beobachtung in einem Teil seines Gehirns ab. Das hier Gesehene war in höchstem Maße interessant. Von diesen essenziellen Unterschieden in Rang und Status verschiedener insektoider Militäreinheiten hatte außerhalb des Beiboots noch niemand gehört. Die Anthropologen des Konglomerats würden Jahrzehnte benötigen, um alle Daten zu sichten, die man hier während dieser Operation sammelte. So tief war noch niemand in die Gesellschaft der Til-Nara vorgedrungen.

Das Beiboot kam über der Spitze der Pyramide zum Stehen, immer noch umringt von ihrer Dragonfly-Eskorte. Frank musste seinen Hals verdrehen und die Wange ganz eng an das Bullauge pressen, um zu erkennen, was vor sich ging.

Unter ihnen öffnete sich ein Zugang zur Pyramide. Sobald er groß genug war, verloren Beiboot und Eskorte an Höhe und tauchten ab. Schlagartig wurde es dunkel. Frank kniff die Augen zusammen, konnte aber dennoch so gut wie nichts erkennen. Lediglich die Positionslichter der Til-Nara-Jäger sowie regelmäßig an den Wänden angebrachte Lampen blitzten auf. Das Gefühl überkam ihn, in einem rasend schnell sinkenden Fahrstuhl gefangen zu sein. Es war eine beklemmende Emotion, auf die er gut und gerne hätte verzichten können.

Der Flug in die Tiefe dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Frank sah sich abermals unter seinen Mitgefangenen um. Auch sie wirkten mit einem Mal nicht wirklich glücklich. Sie litten unter ähnlichen Sorgen und Bedenken wie er selbst. Er warf einen Blick auf die Uhr. Gemessen an der vergangenen Zeit und ihrer Sinkgeschwindigkeit hatten sie die Pyramide längst hinter sich gelassen. Sie befanden sich inzwischen tief unter der Erde. Diese Erkenntnis half nicht unbedingt dabei, das beklemmende Gefühl loszuwerden. Frank lehnte sich in seinem Sessel zurück und zwang seinen Körper, sich zu entspannen. Etwas anderes blieb ihm ohnehin nicht übrig.

Der Flug dauerte noch weitere zwanzig Minuten. Je tiefer sie kamen, desto heißer schien es zu werden. Das war natürlich Unsinn. Die Lebenserhaltungssysteme arbeiteten ohne Probleme. Selbst wenn es draußen tatsächlich heißer geworden wäre, im Inneren des Beiboots hätten sie davon nichts gespürt. Es sei denn, sie wären bereits in der Nähe des Erdkerns gewesen. Doch auch dieser Gedanke war natürlich blanker Unsinn. Dafür waren sie längst noch nicht tief genug. Franks Gefühl war rein psychosomatisch. Als Flottenoffizier zog er den Weltraum jeder anderen Umgebung vor – vor allem dem Inneren eines Planeten.

Der Flug endete überraschend plötzlich. Das Beiboot setzte auf und die Luke wurde ausgefahren. »Wir sind da«, informierte der Pilot mit tonloser, fast schon eingeschüchterter Stimme.

Frank runzelte die Stirn, schnallte sich los und stand auf. Gemäß der Tradition verließ das ranghöchste Mitglied der Delegation das Schiff als Letzter. Aus diesem Grund, waren die MAD-Agenten die Ersten, die ausstiegen, anschließend folgte Frank und Dushku bildete das Schlusslicht.

Franks Füße hatten kaum den Boden berührt, da blieb er schlagartig stehen. Er sah sich mit offenem Mund um. Sie befanden sich in einer großen, von riesigen steinernen Säulen gesäumten Halle. Diese war verblüffend hell erleuchtet. Die Decke ragte so hoch über ihnen auf, dass sie nicht zu sehen war.

Zwischen den Säulen standen Til-Nara-Wachen auf Posten. Aber solche Drohnen hatte Frank noch nie zuvor gesehen. Sie waren dreimal so groß wie normale Soldaten und von Kopf bis Fuß – einschließlich der membranartigen Flügel – von auffallend weißer Farbe. Sie verharrten regungslos beim Eintreffen der Menschen und beachteten diese mit keinem Muskelzucken. Ihre charakteristischen zangenförmigen Lanzen hielten sie fest in zweien ihrer Glieder, bereit, sie jederzeit todbringend einzusetzen.

Erst jetzt bemerkte Frank die drei Throne am Ende der Halle. Auf jedem saß ein Wesen, das fast wirkte wie eine große Raupe mit einem gedrungenen, unbehaarten Kopf. Zwei der Wesen waren größer als das dritte. Man konnte keine Augen erkennen und doch fühlte sich Frank von ihnen beobachtet und einer genauen Begutachtung unterzogen. Er schluckte. Waren das die drei Königinnen? Er sah sich erneut in der Halle um. Unter dieser frischen Erkenntnis beurteilte er ihre Lage erneut. Die ganze Umgebung strahlte mit einem Mal etwas Spirituelles aus. Fast wie eine Kathedrale. Frank schluckte und konnte kaum glauben, was sich seinen Augen hier bot. Die Til-Nara hatten sie direkt in den Thronsaal ihres Triumvirats gebracht.

Der Commodore widmete seine Aufmerksamkeit erstmals seit Verlassen des Beiboots seinen Gefährten. Diese standen ähnlich geschockt mit offenem Mund unweit seiner eigenen Position. Sogar Dushku wirkte überwältigt. Frank räusperte sich und straffte mit einer entschlossenen Bewegung seiner Hände seine Uniform. Es wurde Zeit, sich zu fangen. Er stand da wie ein Kind, das auf einem Schulausflug zum ersten Mal Westminster Abbey besuchte. Seine einzige Genugtuung bestand darin, dass es seinen Mitstreitern nicht anders ging als ihm selbst. Die Königinnen erwarteten nun zweifellos den ersten Schritt von ihren Gästen. Es wurde Zeit, das Gespräch zu beginnen.

Frank räusperte sich erneut, diesmal bewusst übertrieben. Der Laut half Dushku, sich aus seiner Starre zu lösen. Der Admiral wandte sich kurz Frank zu und nickte. Die Delegation formierte sich in einer Reihe mit dem Admiral als Mittelpunkt und trat mit weit ausgreifenden Schritten dem Triumvirat der Til-Nara-Hegemonie entgegen. Zum ersten Mal in der Geschichte näherten sich Menschen den drei Königinnen.

Je näher sie kamen, desto höher ragten die Til-Nara-Monarchinnen über ihnen auf. Erst jetzt fiel Frank auf, dass sie gar keinen Spitzendiplomaten dabeihatten, der den politischen Teil übernehmen würde.

Lory Roberts bemerkte sein Unbehagen. Sie begab sich an seine Seite. »Was ist denn los?«

Er beugte sich zu ihr hinüber und senkte verschwörerisch die Stimme. »Sollten wir nicht besser jemanden dabeihaben, der mit den Til-Nara verhandelt? Einen Diplomaten?«

Sie lächelte. »Ziemlich spät, um sich darüber Gedanken zu machen.«

»Genau das meine ich. Warum hat niemand daran gedacht?«

»Das hat man. Bates und ich werden diesen Teil übernehmen.«

Frank runzelte die Stirn und warf ihr einen zweifelnden Blick zu.

Sie kicherte unterdrückt. »Nur keine Sorge. Wir sind in diesen Dingen erfahren und befähigt. Glauben Sie wirklich, jemand will das Bündnis scheitern sehen, weil man zwei unfähige MAD-Agenten zu den Til-Nara schickt? Das ist nicht unsere erste diplomatische Mission.«

Frank war noch immer nicht gänzlich überzeugt, gab sich aber mit der Antwort zufrieden. Er musterte erneut das Triumvirat. Sein Blick blieb auf der kleineren Königin hängen.

»Das ist Dor-Vaniri«, erläuterte Roberts, »die Königin von Asken-dor.«

»Warum ist sie so viel kleiner als ihre Kolleginnen?«

»Mit dem Einfluss schwindet auch ihre Größe. Wäre nicht Krieg, hätten die beiden anderen sie bereits umgebracht und eine Nachfolgerin eingesetzt. Die Til-Nara tolerieren keine Schwäche.«

Die Delegation kam etwa zwanzig Meter vor dem Triumvirat zum Stehen. Bates löste sich aus der Gruppe und ging noch zwei Schritte auf die Königinnen zu. Roberts gesellte sich zu ihm. Beide verneigten sich steif.

»Wir grüßen die Königinnen. Die Allianz hat Bestand. Bei den Sternen und dem Leben – Eure Ehre ist die unsere.«

Die rituelle Grußformel ging den beiden MAD-Offizieren bemerkenswert glatt von den Lippen. Nachdem sie diese fertig rezitiert hatten, warteten sie auf eine entsprechende Erwiderung.

Es war Tal-Vaniri, die antwortete.

»Wir ehren euch und eure Nachkommen. Mögt ihr euch über die Sterne ausbreiten und immer fruchtbaren Boden zur Fortpflanzung finden! Das Bündnis hat Bestand. Wir verteidigen eure Ehre bis zum letzten Atemzug.«

Frank beobachtete den Vorgang fasziniert. Etwas blitzte am Hals der Til-Nara-Königin auf bei jedem Wort, das sie aussprach. Er hatte bereits in der Vergangenheit mit Til-Nara zusammengearbeitet und wusste, es handelte sich um ein Übersetzungsgerät. Die Worte wurden klar, jedoch mit deutlich monotoner, fast roboterhafter Artikulation gesprochen.

Der Kopf Tal-Vaniris richtete sich auf die zwei MAD-Offiziere aus. Diese verneigten sich steif aus der Hüfte heraus. »Willkommen!«, fuhr die Königin fort. »Willkommen in der Hegemonie!«

Tal-Vaniri schien als Wortführerin des Trios zu fungieren, woraus Frank schloss, dass es sich bei Asken-tal wohl um das größte und einflussreichste Reich der Hegemonie handeln musste.

»Wir danken Euch«, ergriff Bates das Wort. »Für Eure Einladung, für Eure Freundschaft und dafür, dass wir nun hier sein dürfen.«

Frank erkannte auch diese Worte als schlichten Ritus. Die Hegemonie brauchte das Konglomerat nicht weniger als andersherum. Sich dafür zu bedanken, dass sie alle hier waren, um den Kopf hinzuhalten, erschien ihm daher etwas morbide. Ein erheblicher Teil der terranischen Expeditionsstreitmacht würde hier in der Hegemonie sein Leben lassen.

»Wir sind überaus froh, dass unsere menschlichen Verbündeten gekommen sind, um an unserer Seite zu kämpfen«, fuhr Tal-Vaniri fort. »Der Zeitpunkt könnt nicht günstiger sein.«

Zum ersten Mal schlich sich so etwas wie Unsicherheit in die Körpersprache Bates’. »Wie das?«, wollte er wissen.

»Unsere Spione berichten, dass etwas auf den von den Ruul besetzten Planeten vorgeht. Etwas Böses. Etwas, das nicht nur das Bündnis gefährdet, sondern auch den Fortbestand unserer Spezies.«

Etwas Böses. Frank rümpfte die Nase. Das war keine große Überraschung. Die Ruul planten ständig etwas. Das lag in ihrer Natur. Unter ihnen gab es zweifellos brillante Köpfe und begnadete Taktiker. Frank war sogar versucht, einige genial zu nennen. Aber das waren sie auf eine verschlagene Weise. Meistens erkannte man ihre Pläne erst auf den letzten Drücker oder wenn es längst zu spät war. Man konnte sich einfach nur schlecht in sie hineinversetzen.

»Wir haben bereits Truppen- und Flottenkontingente zusammengezogen. Der Schlag gegen die von uns ausgewählten Ziele kann baldmöglichst beginnen.«

Bates wechselte einen kurzen Blick mit Dushku. Dieser nickte. Der MAD-Agent wandte sich erneut Tal-Vaniri zu. »Wir sind bereit.«

»Das ist vorzüglich«, meinte die Königin. »Wir benötigen noch einige Tage eurer Zeitrechnung. Mehrere Flotteneinheiten sind noch auf dem Weg, dürften aber in Kürze eintreffen. Bis dahin könnt ihr die Gastfreundschaft unserer Heimatwelt genießen. Euch wird ein Verbindungsoffizier zugewiesen, der euch für alle eventuellen Fragen zur Verfügung steht. Außerdem wird sich unser Kommandeur, den wir vertrauensvoll mit dieser Mission beauftragt haben, mit euch in Verbindung setzen. Dann dürft ihr euch mit ihm über das weitere Vorgehen abstimmen.«

»Wir dürfen uns mit ihm abstimmen?«, knurrte Frank ungehalten. Die Wortwahl stieß bei ihm sauer auf. Roberts sah leicht über die Schulter und schüttelte stirnrunzelnd den Kopf. Die Geste war eindeutig. Er sollte gefälligst die Klappe halten.

Frank musste sich ins Gedächtnis rufen, dass sie es hier nicht nur mit einer anderen Spezies, sondern auch noch mit deren Anführern zu tun hatten. Hier lief eben alles ein wenig anders ab. Doch nach seinem Dafürhalten trat das Triumvirat entschieden zu arrogant auf, wenn man bedachte, dass die Terraner hier waren, um für die Insektoiden die Kastanien aus dem Feuer zu holen.

Das Licht rund um die drei Königinnen schwand mit einem Mal sichtlich. Frank sah auf, genau wie jedes Mitglied der Delegation. Die drei Königinnen sagten nichts mehr, sondern verharrten in absoluter Regungslosigkeit.

Was das betraf, schwand das Licht im ganzen Thronsaal, wie Frank plötzlich auffiel. Lediglich ein schmaler Streifen blieb übrig, der von der menschlichen Delegation zurück zu deren Shuttle führte.

Er schnaubte. Das war ein wenig subtiler Hinweis des Triumvirats darauf, dass die Audienz wohl beendet war. Ziemlich einseitig und ziemlich unhöflich. Dushku drehte sich ruckartig um und stapfte zum Shuttle zurück. Die übrigen Anwesenden hatten keine andere Wahl, als dem Admiral zu folgen.

Zurück im Vehikel, schloss sich die Luke beinahe geräuschlos und das Beiboot hob ab. Frank musterte den Admiral verstohlen von der Seite. Der Mann war wütend. Er war es nicht gewohnt, auf diese Weise behandelt zu werden. Frank seufzte. Das verhieß noch einiges an Spannung. Er hoffte nur, der Admiral würde es weder am angekündigten Til-Nara-Kommandanten noch am Verbindungsoffizier auslassen. Es war nicht deren Schuld und sie brauchten beide.

»Taylor?«, sprach der Admiral ihn unvermittelt an, jedoch ohne Franks Rang zu berücksichtigen.

Er reckte leicht das Kinn. »Sir?«

»Alle, die nicht unbedingt benötigt werden, bekommen drei Tage Freigang auf Et/ero. Kümmern Sie sich darum.«

Das war eine Aufgabe für einen Adjutanten, nicht für den ranghöchsten Divisionskommandanten. Frank lag eine wütende Entgegnung auf der Zunge. Er schluckte sie herunter. Das war die Mühe nicht wert. Zumindest war seine Frage damit beantwortet. Dushku hatte sich entschieden, seine Wut nicht an den Til-Nara auszulassen, sondern an ihm.

Frank seufzte abermals. Na und wenn schon! Das war er schließlich nicht anders gewohnt.

»Aye, Sir«, erwiderte er mit emotionsloser Stimme.

5

Die Beiboote der ersten Freigänge setzten bereits zu Beginn der ersten Schicht des nächsten Morgens zur Landung an. Aufgrund der Vielzahl von menschlichen Soldaten und Offizieren waren fast alle Stöcke auf Et/ero als Landeziele freigegeben und den Beibooten zugeteilt worden.

Aus Neugier – und einer großen Portion Trotz – hatte sich Frank selbst einer der ersten Gruppen zugeteilt. Desmond war inzwischen mit den Schiffsabläufen bestens vertraut und für die Dauer von Franks Abwesenheit oblag ihm der Befehl über die Saber II.

Frank hatte sich für seinen Landgang einen Stock mit der Bezeichnung L’onia ausgewählt. Dabei handelte es sich um einen relativ kleinen Stock in der Nähe der Äquatorregion, der allerdings den Vorteil besaß, dass sich in seiner unmittelbaren Umgebung auf der Oberfläche eine Art Händlerviertel gebildet hatte, in dem sich eine ganze Menge Fremdweltler aufhielten. Unter anderem gab es dort auch ein Vergnügungsviertel, das ihm vielversprechend erschien.

Als Franks Beiboot auf einem Raumhafen etwa zwölf Klicks entfernt aufsetzte, war er überrascht, dort von einem etwas kleineren Til-Nara bereits erwartet zu werden.

Franks erste Vermutung, es handele sich um einen einheimischen Führer, bestätigte sich nicht. Der Til-Nara schritt selbstbewusst auf ihn zu und neigte leicht den Kopf. Aus der Nähe betrachtet, war er gut dreißig Zentimeter kleiner als Frank. Das Übersetzungsgerät an dessen Hals begann im Takt seiner Worte zu blinken.

»Commodore Frank Taylor?«, begann der Til-Nara. »Ich bin Kampfdrohne Erster Klasse Kinray Kir – ihr Verbindungsmann zum Militär der Hegemonie.«

Frank stutzte. Der Insektoid hatte sich ihm als Kampfdrohne Erster Klasse vorgestellt. Wenn er sich nicht täuschte, entsprach das bei den Til-Nara-Bodentruppen etwa einem Colonel. Und in der Raumflotte einem Captain, also dem Befehlshaber eines Schiffes. Bei den Til-Nara gab es keine Unterscheidung zwischen Flotte und Bodentruppen. Wurde ein Til-Nara in die Militärkaste hineingeboren und erreichte er einen gewissen Rang, wurde er dort eingesetzt, wo er gebraucht wurde: bei den Bodentruppen, der Flotte, der Systemverteidigung, der Luftabwehr oder auf einem anderen vakanten Posten.

Frank neigte leicht den Kopf zur Begrüßung, hauptsächlich, um seine Überraschung zu kaschieren. »Sehr erfreut.«

»Ganz meinerseits«, gab die Drohne zurück.

Frank war sich nicht ganz sicher, wie man das einschätzen musste. Die Facettenaugen machten es schwer, die Stimmung der Insektoiden zu beurteilen. Die Monotonie des Übersetzers war auch keine große Hilfe.

Frank warf einen sehnsüchtigen Blick vorbei an dem Til-Nara zu einem Bus, der am Ende der Landebahn auf die Passagiere wartete – wenn man es denn wirklich Bus nennen wollte Es handelte sich im Prinzip um ein libellenartiges Wesen, das eine Kabine trug, in die alle einstiegen. Das Wesen flog nicht sonderlich hoch, die Kabine blieb auf einem Niveau von vielleicht fünf Metern. Aber das Tier bewegte sich mit geradezu halsbrecherischer Geschwindigkeit. Nach Franks Dafürhalten handelte es sich um das bei den Til-Nara gebräuchliche Äquivalent eines öffentlichen Verkehrsmittels.

Er hätte vermutet, der Til-Nara vor ihm wäre nicht in der Lage, menschliche Mimik zu begreifen. Das fremdartige Aussehen dieser Kreaturen ließ es verführerisch erscheinen, sie zu unterschätzen.

»Sie wollen nach L’onia?«

Frank bemühte sich, seine Überraschung zu verbergen. »In der Tat. Ich wollte mir den Stock ansehen. Ich bin neugierig, mehr über Ihr Volk zu erfahren.«

»Falls Sie gestatten, wäre es mir eine Freude, Sie herumzuführen.«

Frank biss sich auf die Unterlippe. Einen Til-Nara-Anstandswauwau hätte er sich zuallerletzt gewünscht. Leider fiel ihm kein Grund ein, dies abzulehnen. Also nickte er dankend und deutete auf das kuriose Wesen, das noch immer geduldig auf die letzten Fahrgäste wartete.

Lieutenant Colonel Manfred Haag stapfte mit großen Augen durch das Handelsviertel am Fuße von Stock L’onia. Ha, Viertel! Er hatte es hier eher mit einer mittelgroßen Stadt von mindestens fünfzigtausend Einwohnern zu tun.

Die Marines der Expeditionsstreitmacht hatten das Angebot auf Landgang begeistert angenommen. In Gruppen zu zehnt oder fünfzehnt durchstreiften sie die engen, verwinkelten Straßen des Handelsviertels. DeGroot hatte es sich nicht nehmen lassen, seinen kommandierenden Offizier zu begleiten. Der Master Sergeant nahm ihm gegenüber eine gewisse väterliche Beschützerrolle ein.

Manfreds Augen zuckten von einer Seite der Gasse zur anderen. Es gab unheimlich viel zu sehen. Dabei wusste er gar nicht so genau zu sagen, was er eigentlich erwartet hatte. Dies aber ganz sicher nicht. Die Straßen des Viertels waren so eng, dass ihr Verkehrsmittel sie an dessen Rand abgesetzt hatte. Schon allein die Fahrt mit dem libellenartigen Wesen war ein Abenteuer für sich gewesen. Er konnte kaum erwarten, gegen Abend mit demselben Ding wieder zur Landeplattform zurückzukehren. Am liebsten hätte er eine dieser Kreaturen mit nach Hause genommen, schon allein aus dem Grund, um die großen Augen und den offenen Mund seiner Freunde und Nachbarn zu sehen.

Im Augenblick durchstreiften DeGroot, die Marines, die sich ihnen angeschlossen hatten, sowie Manfred ein Areal, das verdächtig an einen orientalischen Basar erinnerte. Zu beiden Seiten säumten Verkaufsstände die Gasse. Verblüffend viele wurden von Meskalno betrieben, die hier ihre Waren feilboten. Aus irgendeinem Grund hätte Manfred nie erwartet, die gottesanbeterähnlichen Wesen hier in dieser Zahl vorzufinden. Die Meskalno gab es nur dort, wo es Profit gab. Und die Til-Nara verband man nicht unbedingt mit Geschäftssinn.

Manfred hob den Blick. Nicht allzu weit entfernt, erhob sich die Pyramide von Stock L’onia über das Areal und rundete damit das Gesamtbild auf skurrile Weise ab.

Manfred lächelte leicht und setzte seinen Weg fort. Hier zu sein, hatte etwas Surreales, war aber nicht unangenehm. Das erstaunte ihn am meisten. Er hatte sich die Ankunft schlimmer vorgestellt.

DeGroot stieß Manfred verstohlen an und deutete auf einen Marine, der gerade dabei war, an einem Stand, ein Stück Obst zu inspizieren, das entfernt einer Birne ähnelte. Der Mann entschloss sich, das Experiment zu wagen, bezahlte den Kauf und biss sogleich ab.

Noch im selben Moment bemerkte Manfred eine wenig subtile Änderung in der Gesichtsfarbe des Mannes. Dessen Wangen wurden leicht grünlich. Seine Pupillen im Gegenzug weiteten sich erschrocken. Und noch bevor den Anwesenden ganz klar wurde, was vor sich ging, erbrach der Marine den Bissen seiner Neuerwerbung und sein komplettes Frühstück gleich hinterher.

Die Kameraden des Mannes brachen in Lachkrämpfe aus, während die Passanten sich verzweifelt darum bemühten, dem Strahl Erbrochenem auszuweichen. Nicht allen gelang es und sie bedachten den Marine mit allerhand fremdartigen Begriffen, von denen Manfred nicht eines verstand. Sie klangen jedoch auch nicht wirklich freundlich.

DeGroot ging zu dem Mann, der immer noch vornübergebeugt vor dem Obststand verharrte und würgende Geräusche von sich gab, obwohl längst nichts mehr zum Erbrechen übrig war. Der Master Sergeant klopfte dem Mann mitfühlend auf den Rücken.

»Was du da gegessen hast, nennt sich Belaude. Wörtlich übersetzt heißt das so viel wie Kotzfrucht.«

Diese Neuigkeit erntete erneut Heiterkeit unter den Marines. Der Mann mit dem malträtierten Magen richtete sich mühsam auf.

»Die können nur Til-Nara essen«, fuhr DeGroot fort. »Die besitzen ein Enzym, das die Belaudefrucht im Verdauungstrakt aufspaltet und die ungenießbaren Enzyme unschädlich macht. Das haben wir bedauerlicherweise nicht.«

Der Mann würgte erneut. »Kotzfrucht?«

DeGroot nickte. Der Marine machte den Eindruck, sich gleich wieder übergeben zu wollen. Der Master Sergeant drehte ihn vorsichtshalber von sich weg. »Nur die Ruhe, Kumpel. Schön tief durchatmen.«

Während der Mann sich abmühte, sich wieder zu sammeln und dabei den freundlichen Spott seiner Kameraden zu ignorieren, rempelte ein Til-Nara Manfred an. Der Marine-Colonel runzelte die Stirn. Das Wesen murmelte etwas Unverständliches und machte sich davon. Manfred sah ihm nachdenklich hinterher. Das Ganze war seltsam. Er hatte die Til-Nara nie für unfreundlich gehalten. Offenbar gab es solche Individuen in jeder Spezies. Manfred wollte sich wieder abwenden, als ihm etwas am Hinterkopf des Til-Nara auffiel. Dort klebte ein sonderbarer Belag. Es war grün und schien sich irgendwie zu bewegen – fast als wäre er lebendig.

Manfred legte den Kopf leicht schief und sah dem Til-Nara hinterher, bis dieser in der Menge verschwand. Er sah sich aufmerksam um, doch außer ihm schien sich niemand daran zu stören. Aus diesem Grund entschied er, es wohl mit einer kulturellen Eigenart dieser Spezies zu tun zu haben, die er einfach nicht verstand. Und davon gab es schließlich viele hier. Er wandte sich wieder seiner Gruppe Marines zu, die immer noch damit beschäftigt waren, ihren unglückseligen Kameraden zu piesacken.

Frank konnte sich nicht erinnern, wann er zum letzten Mal solchen Spaß genossen hatte. Das libellenartige Wesen brauste mit unfassbarer Geschwindigkeit über das unwegsame Gelände. Es war ein echter Genuss für Adrenalin-Junkies.

Frank schloss für einen Moment die Augen und genoss einfach das Gefühl der Geschwindigkeit, das an seinem Körper zerrte. Als er sie wieder öffnete, widmete er sich der am Fahrzeug vorbeirasenden Landschaft. Sie war öde und kahl. Nur hier und da spross das Gerippe eines ausgetrockneten Baumes aus der Erde empor. So stellte er sich eine Landschaft vor, die von Wanderheuschrecken komplett abgegrast worden war. Vielleicht war das sogar ganz dicht an der Wahrheit.

Er rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Die Sitzgelegenheit war recht unbequem, da sie auf Til-Nara-Bedürfnisse zugeschnitten war. Außerdem fehlten Zugeständnisse an die Sicherheit, wie zum Beispiel ein Gurt, gänzlich. Die Til-Nara-Drohne neben ihm hielt sich fest, indem sie ihre Beine in spezielle Verankerungen im Boden presste. Das schien ganz gut zu funktionieren – wenn man Insektenbeine besaß.

Voraus kam der Stock L’onia in Sicht. Er schätzte, sie würden nur noch wenige Minuten brauchen, um die Grenzen des Handelsbezirks zu erreichen.

Kinray Kir schwieg den Großteil der Fahrt über. Frank war sich nicht sicher, ob es sich dabei um Til-Nara-Höflichkeit handelte oder dies schlicht in der Natur der Insektoiden begründet lag. Irgendwann hielt er es nicht länger aus und suchte das Gespräch.

»Darf ich fragen, welchem der drei Reiche Sie angehören, Kriegsdrohne Erster Klasse? Oder wäre dies unhöflich?«

»Ich gehöre den Asken-dor an«, erwiderte Kinray Kir. »Ich hätte das vermutlich erwähnen müssen. Wir Til-Nara unterscheiden unsere Clanzugehörigkeit mittels Geruchsstoff. Ein Artgenosse hätte sofort gewusst, welchem Reich ich angehöre.«

»Dieser Aspekt fehlt mir leider.« Wofür sich Frank entschuldigte, war ihm selbst nicht so ganz klar. Er verspürte einfach den Drang, es zu tun. Eventuell war dies auch schlichtweg seiner Verlegenheit geschuldet.

»Ich nehme an, Sie haben Informationen für mich?«

Kinray Kir sah zu ihm auf. »Welche möchten Sie denn?«

Frank runzelte die Stirn. »Nun, alle, die relevant für mich sein könnten. Ist das ein Problem?«

Der Til-Nara wandte den Blick ab und sah wieder starr nach vorne. »Bei uns Til-Nara ist es ein ungeschriebenes Gesetz, niemals ungefragt eine Information preiszugeben. Wir lügen nie. Wenn uns unsere Vorgesetzten fragen, dann antworten wir wahrheitsgemäß. Aber bis es so weit ist … nun, bis dahin schweigen wir.«

»Das stell ich mir sehr schwierig vor. Hauptsächlich bei militärischen Abläufen wie zum Beispiel dem Führen eines Schiffes.«

Die Drohne neigte leicht den Kopf zur Seite. »Erstaunlich. Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Es … es ist bei uns Til-Nara einfach so. Bei uns ist es auch nicht nötig, viel zu lernen. Wir werden bereits mit allem für unseren Dienst an der Gesellschaft notwendigen Wissen geboren.«

Frank hob beide Augenbrauen. »Ein genetisches Gedächtnis. Das ist bemerkenswert.«

»Besitzen die Menschen nichts Ähnliches?«

»Leider nein. Wir erwerben unser Wissen durch langjähriges Lernen und Nachahmen des Verhaltens unserer Eltern.« Frank sah auf seinen kleinen Begleiter hinab. »Was genau wissen Sie eigentlich über die Menschen?«

»Nicht viel«, gab die Drohne zu. »Wir Til-Nara interessieren uns hauptsächlich für Ihre Paarungsgewohnheiten, die – um ehrlich zu sein – ekelerregend für uns sind. Aber dennoch hochinteressant. Von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus.«

Frank schmunzelte, ersparte sich aber jeglichen Kommentar zu diesem Thema. Es hätte nur zu Kinray Kirs Verwirrung beigetragen.

»Aber die Menschen sind starke Verbündete«, fuhr der Til-Nara fort. »Nur das zählt. Zumindest im Moment.«

»Haben Sie sich freiwillig als Verbindungsoffizier gemeldet?«

Kinray Kir zögerte. »Vielleicht sollten wir das Thema wechseln.«

Frank kniff leicht die Augen zusammen und warf seinem Begleiter einen forschenden Blick zu, angesichts dieser rätselhaften Antwort. Dieser erkannte recht schnell, dass der hochgewachsene Mensch das Thema nicht so einfach fallen lassen würde.

»Ich bin bei meinem Volk nicht sehr hoch angesehen«, meinte Kinray Kir schließlich. »Kein Asken-dor ist das. Die Mitglieder der anderen Reiche sehen auf uns herab. Seit … seit …«

»… den Niederlagen ihrer Königin«, sprang Frank helfend bei.

Der Til-Nara nickte. »So ist es. Das Reich Asken-dor ist im Niedergang begriffen. Deswegen sind unsere Truppen bei der geplanten Offensive auch so stark vertreten im Vergleich zu unseren Artgenossen. Es ist unsere Chance, unsere Königin wieder groß werden zu lassen … Asken-dor wieder groß werden zu lassen. Wir sind bereit, unsere Schande auszugleichen, indem wir einen großen Sieg erringen.«

»Ich verstehe aber noch nicht, wie das mit Ihrem jetzigen Posten als Verbindungsoffizier zusammenhängt.«

»Der Kontakt zu den Menschen gilt bei uns Til-Nara als … als ….«

»Ja?«, hakte Frank nach.

»Als unrein«, brach es schließlich aus dem Til-Nara heraus. »Und der Dienst mit einem Menschen ist kein erstrebenswerter Posten.«

Frank seufzte. »Bedeutet das, Sie wurden auf diesen Posten strafversetzt?«

Erneut zögerte der Til-Nara. Schließlich ließ er den Kopf hängen. Die Fühler wippten aufgeregt im Wind. »So ist es«, gab er zu. »Ich bin hier, weil diese Funktion sonst niemand ausfüllen wollte.«

Frank setzte sich kerzengerade hin und entschied sich, nicht darauf zu antworten. Was sollte man auch schon sagen, wenn man erfuhr, dass man einen Verbindungsmann zugewiesen bekommen hatte, weil sonst niemand etwas mit einem zu tun haben wollte? Das war – gelinde gesagt – eine niederschmetternde Erkenntnis. Frank bereute es, überhaupt gefragt zu haben. Und beinahe bereute er es, sich selbst Landurlaub gegönnt zu haben. Es gab nicht genügend Vergnügungseinrichtungen auf dem Planeten, um seine schlechte Laune nun wieder geradezubiegen.

6

»Fallen in etwas mehr als acht Minuten zurück in den Normalraum, Commodore«, meldete Commander John Desmond.

Frank krallte seine Fingerspitzen unwillkürlich in die Lehen seines Kommandosessels, obwohl der Wiedereintritt noch fast zehn Minuten auf sich warten lassen würde. Der Sprung ins Zielgebiet Et/ero hatte im Ganzen beinahe zwei Wochen gedauert. Schiffsbesatzungen, Marines und TKA-Soldaten brannten darauf, endlich die erzwungene Ruhephase vor dem Sturm zu beenden und auf den Feind zu treffen.

Der XO der Saber II widmete sich mit einem Mal einer eingehenden Meldung auf seinem tragbaren Datenterminal. »Ein Ruf vom Flaggschiff«, informierte er seinen kommandierenden Offizier schließlich. »Konferenzschaltung!«

»Durchstellen«, ordnete Frank gepresst an.

Vor seinem Sitz baute sich ohne Verzögerung das Hologramm Dushkus, einiger anderer Divisionskommandanten sowie eines einzelnen Til-Nara auf. Mit dem Flaggschiff war nicht Dushkus Vigilantes gemeint gewesen, sondern einer der Til-Nara-Schlachtkreuzer, dessen Namen korrekt aussprechen zu wollen, Frank inzwischen aufgegeben hatte. Bei dieser Operation hatten die Til-Nara den Oberbefehl. Die Menschen durften zwar ihre taktische Expertise zum Ausdruck bringen, waren aber ansonsten auf die Rolle bloßer Befehlsempfänger reduziert.

Bei dem Til-Nara-Offizier handelte es sich um Schwarmführer Zweiter Klasse Nelha Ashal. Der Rang, den er trug, war die Entsprechung eines Vizeadmirals des Terranischen Konglomerats. Als der Til-Nara Frank zum ersten Mal vorgestellt worden war, hatte dieser eine ganze Weile in seiner Erinnerung kramen müssen, woher ihm der Name des Til-Nara-Kommandanten bekannt vorkam. Dann hatte er es. Nelha Ashal war sogar im Konglomerat eine Legende. Der Til-Nara hatte gemeinsam mit Vizeadmiral Hoffer das Rückzugsgefecht aus dem von den Ruul überrannten Asalti-System geführt, und das sogar sehr erfolgreich.

Bisher hatte Frank lediglich Bilder von diesem Til-Nara gesehen. Sie wurden dem Original nicht gerecht. Eine Narbe zog sich inzwischen quer über das insektenhafte Gesicht des Til-Nara. Nelha Ashal verdankte sie einem ruulanischen Schwert. Der Til-Nara-Kommandant gehörte ebenfalls den Asken-dor an.

Der Schwarmführer musterte die menschlichen Offiziere unter seinem Kommando ohne jegliche erkennbare Gefühlsregung. Das Übersetzungsmodul um dessen Hals erwachte blinkend zum Leben.

»Meine Herren, unsere Offensive hat zwölf vom Feind besetzte Systeme zum Ziel. Darunter sind drei Brutplaneten. Wir stehen kurz davor, ins Dra/lai-System einzufliegen. Wenn alles nach Plan verläuft, dann findet der Angriff auf alle zwölf Ziele nahezu simultan statt mit einer Toleranz von plus/minus fünf Stunden. Der Angriffsplan wurde zwar bereits mehrfach erörtert, aber ich erkundige mich trotzdem noch ein weiteres Mal: Gibt es abschließende Fragen?«

Niemand antwortete. Das war keine große Überraschung. Der Plan war tatsächlich immer und immer wieder durchgekaut worden. Mehr als eigentlich notwendig. Das warf in der Tat die Frage auf, ob der Schwarmführer den Menschen die erfolgreiche Durchführung der Operation überhaupt zutraute.

»Wir kennen unseren Auftrag, Schwarmführer«, blaffte Dushku. Der Mann war äußerst ungehalten, was zu einem nicht unerheblichen Teil daran lag, dass er einem Til-Nara unterstellt worden war, und zum anderen daran, dass dieser den Menschen offenbar nicht zutraute, Sand in einer Wüste zu finden.

Es war an der ausdruckslosen Maske der Til-Nara-Fratze nicht zu erkennen, ob der Schwarmführer den Ärger seines Admiralskollegen verstand oder ob es diesen überhaupt kümmerte. Der Til-Nara nickte lediglich und das Hologramm verblasste schlagartig. Frank meinte noch, von Dushku so eine Bemerkung wie »Verdammte Küchenschabe!« zu verstehen, bevor auch dessen Hologramm verschwand, war sich aber in diesem Punkt nicht sicher.

»Weniger als eine Minute bis Wiedereintritt!«, meldete sein XO, bevor Frank Gefahr lief, sich allzu viel Gedanken über das Verhältnis zwischen Dushku und Nelha Ashal zu machen. Auf einem Zählwerk lief die Zeit von einer Minute an rückwärts. Frank beobachtete die verstreichenden Sekunden angespannt. Bei den letzten zwei verbleibenden spannte sich sein Körper unwillkürlich an.

Das Schwarz des Hyperraums vor dem Brückenfenster verschwand mit einem Mal und machte dem von Sternen gesprenkelten Hintergrund des Weltraums Platz. Erwartungsgemäß drehte sich in Franks Kopf für einen Augenblick alles. Seine Fingerspitzen verkrampften sich in die Lehnen und er wartete geduldig, bis der Schwindel vorüberging. Das Gefühl ließ zum Glück schneller nach, als er es gemeinhin gewohnt war.

Die Angriffsflotte, bestehend aus über vierhundert terranischen Schiffen und mehr als tausend Til-Nara-Kampfraumern, brach über die Hyperraumschwelle ins Dra/lai-System ein und lief direkt hinein ins ruulanische Kreuzfeuer.

Frank riss die Augen auf. Vor ihnen baute sich eine Front aus Hunderten feindlicher Einheiten auf, die das Feuer eröffneten, sobald das erste alliierte Schiff im System eintraf.

»Commodore …!«, schrie Desmond und bemühte sich um Klarheit in Form einkommender Sensordaten.

»Ich kann es sehen, Commander, ich kann es sehen«, entgegnete Frank.

»Was zum Teufel bedeutet das, Sir?«

Frank schnaubte. »Das bedeutet, unser Überraschungsangriff ist nicht so überraschend wie erhofft. Geben Sie mir Admiral Dushku. Sofort!«

Das Abbild des Admirals tauchte so schnell vor Franks Nase auf, dass es den Schluss nahelegte, Dushku habe bereits auf den Ruf gewartet.

»Die Til-Nara sind in Schwierigkeiten«, eröffnete der Admiral ohne Einleitung. Wie um seine Worte zu unterstreichen, explodierten fast zeitgleich ein halbes Dutzend insektoider Schiffe der Sturmspitze.

Frank nickte. »Unsere Verbündeten sind noch nicht einmal innerhalb der eigenen effektiven Gefechtsdistanz. Wenn wir nichts unternehmen, wird man sie abschlachten. Und anschließend uns.«

Franks Gedanken rasten. Für Fernkampfduelle besaßen die Til-Nara-Schiffe keine Torpedobewaffnung, sondern lediglich ihre kinetischen Projektilwerfer. Allerdings war die effektive Reichweite der ruulanischen Fernlenkwaffen beinahe um zwei Drittel höher als die der Projektilwerfer. Es drängte sich praktisch der Vergleich eines Boxers auf, der gegen einen Gegner mit einem wesentlich längeren Arm und dadurch einer längeren Reichweite antrat.

»Ich bleibe mit dem Hauptverband bei den Til-Nara und setze mich an die Spitze der Formation«, beschied Dushku. »Sie nehmen Ihr Geschwader, scheren aus und greifen die linke Flanke an. Ein weiteres terranisches Geschwader macht dasselbe an der rechten Flanke. Wenn ich mit dem Rest und den Til-Nara im Zentrum durchstoße, können wir ihre Linien vielleicht aufbrechen. Das ist unsere einzige Chance.«

»Verstanden!« Das Abbild des Admirals verschwand ohne weiteren Gruß. Für Höflichkeiten hatte keiner von ihnen Zeit.

Frank drehte seinen Kommandosessel um einige Grad nach rechts. »XO? Befehl an das Geschwader: Um dreißig Grad nach backbord schwenken und Jäger ausschleusen! Wir greifen die feindliche Flanke an.«

Auf seinem taktischen Hologramm registrierte er, wie nur Augenblicke später die dreißig Schiffe des 12. Schnellen Angriffsgeschwaders in die angegebene Richtung schwenkten. Die terranischen Einheiten schwärmten fächerförmig auf mehreren Ebenen aus, gleichzeitig lösten sich Schwärme kleiner Flugobjekte von den Trägern.

Arrow-Abfangjäger nahmen augenblicklich eine Position leicht oberhalb der Formation ein, während sich die Zerberus-Raumüberlegenheitsjäger zwischen den Giganten positionierten, um deren Nahbereichsabwehr zu unterstützen. Die Skull-Bomber hielten sich noch hinter den Kampfschiffen und vor den Trägern in Bereitschaft, um im geeigneten Moment zuzuschlagen.

Es dauerte nicht lange und die Ruul reagierten auf das Manöver. Die Slugs erwiesen sich dabei als erfahren und kompetent, aber Frank hatte von einem Gegner dieses Formats nichts anderes erwartet.

»Torpedowelle im Anflug!«, meldete der taktische Offizier.

Franks Blick war starr auf seinen taktischen Plot gerichtet, während dort Hunderte Geschosse zu sehen waren, die sich der alliierten Linie näherten. Frank knirschte mit den Zähnen. Der Feind hatte so dicht vor dem Sprungpunkt der südlichen Nullgrenze Position bezogen, dass sich die Angriffsflotte bereits in dessen Torpedoreichweite befand. Der gewohnte Reichweitenvorteil terranischer Lenkwaffen würde in dieser Schlacht nicht zum Tragen kommen.

»Feindliche Angriffsvektoren an die Flakmannschaften weiterleiten und Gegenschlag vorbereiten!«, ordnete er steif an.

Nur unwesentlich später erwachten die Flakbatterien der terranischen Schiffe zum Leben. Sie stießen einen steten Strom von Explosivgranaten aus. Eine regelrechte Feuerwand brandete zwischen den gegnerischen Parteien auf. Dutzende von Geschossen wurden zur Detonation gebracht, andere verloren in dem Chaos aus aufflammendem Angriffsradar und Lidar die Zielerfassung und trudelten davon. Der Rest kam durch.

Von den ersten Einschlägen bekam Frank im Schutz seiner gepanzerten Brücke kaum etwas mit. Die Schutzschilde schillerten in allen Regenbogenfarben, während sie sich damit abmühten, die gewaltigen Energien zu absorbieren, die auf sie einwirkten.

Doch schon bald stießen auch diese an ihre Grenzen. Erste Löcher öffneten sich und feindliche Geschosse zerrten an der Panzerung terranischer Schiffe. Dennoch zögerte Frank immer noch, den Befehl für den Gegenschlag zu geben. Wenn sie schon ihren Reichweitenvorteil nicht nutzen konnten, dann wollte er wenigstens die geballte Feuerkraft auf seiner Seite wissen.

Die ersten terranischen Einheiten meldeten Schäden und Verluste an das Flaggschiff. Zwei Zerstörer und eine Fregatte scherten aus, um hinter den größeren Schiffen Schutz zu suchen. Einer der Zerstörer und die Fregatte schafften es, der zweite Zerstörer nicht. Das Schiff brach entlang der Längsachse nach einem weiteren Volltreffer mittschiffs auseinander.

Kurz darauf meldete ein Leichter Kreuzer mehrere Panzerungsdurchbrüche. Kaum fünf Minuten später verließ eine Vielzahl an Rettungskapseln und Evakuierungsshuttles das zum Untergang verurteilte Schiff.

Und Frank wartete immer noch. Seine verbliebenen Einheiten rückten enger zusammen. Die Schussfelder ihrer Flakbatterien überlagerten sich und auf diese Weise stieg die Trefferquote merklich an. Die Zerberusse stoben herbei und nahmen einfliegende feindliche Geschosse unter Feuer. Die Arrows versorgten die Flakbesatzungen mit Telemetriedaten ruulanischer Lenkwaffen. Die Geschützbesatzungen schossen sich langsam ein und die Beschussalgorithmen wurden immer besser daran, anfliegende Geschosssalven zu orten und auszuschalten. Innerhalb der ersten dreißig Minuten des Gefechts sank die feindliche Trefferquote von fünfzig Prozent auf knapp unter zwanzig.

Frank zwang sich zu ignorieren, was entlang der restlichen Linie geschah. Dushku und seine Offizierskollegen der anderen Divisionen waren auf sich allein gestellt, genauso wie er auch. Er war für seinen Abschnitt verantwortlich, die für ihren.

Sein Geschwader überschritt die imaginäre Linie, die er sich für den Gegenschlag markiert hatte. Seine Miene verzog sich zu einem zynischen Grinsen. »Feuer!«, befahl er ungerührt, aber nicht ohne Genugtuung.

Die Schiffe des 12. Schnellen Angriffsgeschwaders eröffneten nahezu zeitgleich das Feuer auf die linke ruulanische Flanke. Dabei verzichteten sie darauf, ihre Feuerkraft allzu weit aufzufächern. Stattdessen konzentrierten sie all ihre Macht auf die Schiffe, die ihnen frontal gegenüberstanden.

Der Gegner konterte mit seinen eigenen Flaks und es gelang ihm sogar, einen annehmbaren Prozentsatz der anfliegenden Geschosse zur Detonation zu bringen, bevor sie ihm gefährlich werden konnten. Aber es war bereits zu spät. Franks Taktik zielte darauf ab, der feindlichen Nahbereichsabwehr so wenig Vorwarnzeit wie nur möglich zu verschaffen.

Die Besatzungen des Waffendecks arbeiteten unter Hochdruck daran, die Torpedorohre schnellstmöglich nachzuladen. Die terranischen Schiffe gingen zum Dauerfeuermodus über. Auf diese Weise stießen sie alle zwei Minuten eine volle Salve aus Mark-IV-Schiffskillertorpedos aus. Die Ruul wurden von einer Feuerwalze überrollt.

Erst einzelne, dann ganze Gruppen von Lenkflugkörpern durchstießen die von den Flaks geschaffene Todeszone und hämmerten ohne Unterlass auf die ruulanischen Schiffe ein. Ihre Schilde absorbierten zunächst den Angriff, aber auch sie gelangten schnell an den Rand ihrer Kapazitäten und endlich begann auch auf ruulanischer Seite das Sterben.

Kurz hintereinander verschwanden die Symbole mehrerer alter Typ-8-Kreuzer, einiger Zerstörer sowie Fregatten von Franks taktischem Plot. Ein Firewall-Kreuzer brach mit abgerissener linker Tragfläche sowie einen Schwanz aus geborstener Panzerung hinter sich herziehend aus der Formation aus. Ein Predator-Schlachtschiff nahm die Position von drei zerstörten Schweren Kreuzern ein und fand sich plötzlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von vier terranischen Sioux-Kreuzern wieder. Bei einem von ihnen handelte es sich um die Saber II.

Mit einiger Zufriedenheit beobachtete Frank, wie die schweren 5-Zoll-Batterien der terranischen Kreuzer dem ruulanischen Schlachtschiff praktisch das Fell über die Ohren zogen, als sie Platte für Platte die Panzerung davonschmolzen. Sie legten schnell das Innenleben des feindlichen Schlachtraumers frei und brannten sich tief in dessen Eingeweide. Er verlor aus einer Vielzahl von Brüchen Atmosphäre und Trümmer.

»XO? Die zweite Welle«, ordnete Frank mit erzwungener Ruhe an. Desmond bestätigte den Befehl nicht, tippte aber etwas auf seinem tragbaren Datenterminal ein.

Die Skull-Bomber stoben in Schwärmen an den Kriegsschiffen vorbei und gingen unter den wachsamen Augen der Zerberus-Jäger zum Angriff über.

Ruulanische Reaper stellten sich ihnen entgegen und es entbrannte eine heftige Jägerschlacht. Obwohl technologisch unterlegen, hielten die ruulanischen Piloten anfangs ihre Stellung. Dutzende Maschinen explodierten und sprenkelten den Weltraum mit ihren aufflammenden Wrackteilen. Viel zu oft handelte es sich dabei um terranische Jäger.

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