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100 Tage vor Roberts Tod
Montag - Roberts Todestag
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100 Tage vor Roberts Tod
Dienstag - Erster Tag nach Roberts Tod
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90 Tage vor Roberts Tod
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83 Tage vor Roberts Tod
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83 Tage vor Roberts Tod
Mittwoch - Zweiter Tag nach Roberts Tod
83 Tage vor Roberts Tod
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76 Tage vor Roberts Tod
76 Tage vor Roberts Tod
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75 Tage vor Roberts Tod
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75 Tage vor Roberts Tod
Donnerstag - Dritter Tag nach Roberts Tod
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70 Tage vor Roberts Tod
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65 Tage vor Roberts Tod
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65 Tage vor Roberts Tod
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Freitag - Vierter Tag nach Roberts Tod
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60 Tage vor Roberts Tod
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35 Tage vor Roberts Tod
Samstag - Fünfter Tag nach Roberts Tod
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31 Tage vor Roberts Tod
Sonntag - Sechster Tag nach Roberts Tod
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27 Tage vor Roberts Tod
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Montag - Siebter Tag nach Roberts Tod
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20 Tage vor Roberts Tod
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18 Tage vor Roberts Tod
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15 Tage vor Roberts Tod
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15 Tage vor Roberts Tod
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11 Tage vor Roberts Tod
8 Tage vor Roberts Tod
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Dienstag - Achter Tag nach Roberts Tod
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5 Tage vor Roberts Tod
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3 Tage vor Roberts Tod
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2 Tage vor Roberts Tod
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Roberts Todestag
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Roberts Todestag
Erster Tag nach Roberts Tod
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Dritter Tag nach Roberts Tod
100 Tage nach Roberts Tod
Stefan Bouxsein
Die vergessene Schuld
Kriminalroman
Der Autor
Stefan Bouxsein wurde 1969 in Frankfurt/Main geboren. Studium der Verfahrenstechnik und des Wirtschaftsingenieurwesens an der FH Frankfurt. Seit 2006 verlegt er seine Bücher im eigenen Traumwelt Verlag.
Bisher erschienen von Stefan Bouxsein:
Krimi-Reihe mit Siebels und Till:
Das falsche Paradies, 2006
Die verlorene Vergangenheit, 2007
Die böse Begierde, 2008
Die kalte Braut, 2010
Das tödliche Spiel, 2011
Die vergessene Schuld, 2013
Die tödlichen Gedanken, 2014
Die Kronzeugin, 2015
Projekt GALILEI, 2018
Seelensplitterkind, 2021
Der böse Clown (Kurzkrimi), 2014
Außerdem:
Kurz & Blutig (Vier Kurzkrimis), 2015
Humor: Idioten-Reihe mit Hans Bremer:
Der nackte Idiot, 2014
Hotel subKult und die BDSM-Idioten, 2016
Erotischer Roman von Susann Bonnard:
Die schamlose Studentin, 2017
Mein perfekter Liebhaber, 2019
Erfahren Sie mehr über meine Bücher auf:
www.stefan-bouxsein.de
© 2021 by Traumwelt Verlag
Stefan Bouxsein
Johanna-Kirchner-Str. 20 · 60488 Frankfurt/Main
www.traumwelt-verlag.de · info@traumwelt-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung:
Nuilani – Design und Kommunikation, Ralf Heller
www.nuilani.de · info@nuilani.de
Lektorat: Stefanie Reimann
Titelbild: Martin Fischer
www.mafifo.de
ISBN 978-3-939362-11-1
3. Auflage, 2021
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100 Tage vor Roberts Tod
Ich saß an der Theke und nippte an meinem Bier. Aus den Lautsprechern dröhnte Tanzmusik. Es war kurz nach Mitternacht und die Tanzfläche in der Mitte des Raumes war mittlerweile gut gefüllt. Ich saß mit dem Rücken zum Tresen und beobachtete das ausgelassen tanzende Volk. Die kleine Gruppe, der mein Interesse galt, blieb auch auf der überfüllten Tanzfläche untrennbar zusammen. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich sie für zwei Liebespärchen gehalten. Es waren aber zwei Geschwisterpärchen. Julia und ihr Bruder Robert sowie Melanie und ihr Bruder Max. Die beiden Mädchen waren ein Jahrgang, beide 24 Jahre alt. Robert war mit 27 der Älteste, Max war ein Jahr jünger als sein Cousin Robert. Ich beobachtete die vier jetzt schon seit drei Stunden. Drei Stunden, in denen sie sich kaum auseinanderbewegt hatten. Eine unzertrennliche Clique. Ab und an gingen Robert oder Max neue Getränke für die Gruppe besorgen. Hin und wieder verschwanden Julia und Melanie auf der Toilette. Kurz darauf standen die vier erneut einträchtig beisammen. Nun tanzten sie zusammen. Zwischendurch hatten sich Freunde oder Kommilitonen zu den vieren gesellt. Anscheinend duldete die Gruppe aber niemanden länger als ein paar Minuten für einen Smalltalk unter sich. Robert kristallisierte sich als der Anführer heraus. Er wachte mit Argusaugen über seine Schwester und seine Cousine. Wenn Julia und Melanie etwas länger auf der Toilette blieben, sah er nach einer Weile nervös auf seine Uhr und beobachtete ohne Unterlass die Tür zum Toilettenraum. Wenn Max einen Freund begrüßte und sich mit ihm unterhielt, zog sich Robert einige Meter zurück. Aber nur für kurze Zeit. Verstohlen schaute er sich dabei immer wieder nach seinem Cousin um, bevor er sich irgendwann in dessen Unterhaltung einmischte und dafür sorgte, dass dessen Gesprächspartner bald wieder weiterzog. Wenn sich gutaussehende Freundinnen von Julia und Melanie zu ihnen gesellten, zeigte Robert sein anderes Gesicht. Dann mischte er sich gleich in die Gespräche der Mädchen ein und spielte sich als Platzhirsch auf. Es war wunderbar zu beobachten, wie dann das harmonische Gleichgewicht der Gruppe gestört war. Aber irgendwie schafften sie es, ihr Gleichgewicht immer wieder herzustellen. Kein Außenstehender wurde für einen längeren Teil des Abends in der Gruppe aufgenommen.
Ich war im ersten Studienjahr, so wie auch Julia und Melanie. Robert und Max waren bereits im dritten Studienjahr. Wir studierten alle Architektur. An diesem Abend lief die Erstsemesterparty der Architekturstudenten. Zum ersten Mal beobachtete ich sie alle vier über einen längeren Zeitraum gemeinsam. Ich musste mich noch entscheiden. Julia oder Melanie. Julia war offenherziger, unbekümmerter, zugänglicher und fröhlicher als ihre Cousine. Melanie wirkte manchmal etwas abwesend. In Gedanken entfernte sie sich von der Gruppe, wurde aber immer wieder schnell zurückgeholt und in alberne Gespräche verwickelt. Gespräche, in denen sich Robert mit seiner Gestik als Alphatierchen aufspielte. Bei Melanie würde es etwas länger dauern, bis sie auftaute, vermutete ich. Robert wollte ich so lange wie möglich aus dem Weg gehen. Max war mir erst mal egal.
Ich trank mein Bier aus, stellte das Glas auf dem Tresen ab und ging zur Tanzfläche. Der DJ legte gerade ein paar Oldies auf. Bei Night Fever von den Bee Gees tanzte ich mich langsam an die Gruppe heran. Bald tanzte ich Auge in Auge mit Julia. Sie hatte mich gleich erkannt und mich freudig begrüßt. Wir unterhielten uns kurz, soweit das bei der lauten Musik möglich war. Weil man sein eigenes Wort kaum verstehen konnte, bewegten wir uns sehr dicht aneinander zur Musik. Ich blieb auch bei den nachfolgenden Musikstücken so dicht wie möglich bei Julia und Julia machte keine Anstalten, sich von mir zu entfernen. Im Gegenteil. Sie flirtete mit mir. Erst mit Worten, dann mit Gesten und Bewegungen. Ich spürte förmlich die Blicke von Robert in meinem Rücken. Als ich mich kurz herumdrehte, sah ich ihm tatsächlich in die Augen. Ich stand unter seiner strengen Beobachtung und meine Zeit innerhalb der Gruppe schien seiner Meinung nach abgelaufen zu sein. Jedenfalls trat er zwischen Julia und mich und machte mit blöden Armbewegungen den Affen auf der Tanzfläche. Ich zog mich zurück, ließ noch ein paar Leute zwischen mir und Julia tanzen, tat so, als wäre ich wieder nur mit mir und der Musik beschäftigt und wartete noch zwei weitere Titel ab. Dann machte ich zwei große Schritte auf Julia zu, nahm sie bei der Hand, fragte sie, ob sie Lust auf einen Drink hätte, und zog sie von der Tanzfläche. Julia begleitete mich lachend.
Montag - Roberts Todestag
Hauptkommissar Siebels saß vor einem aufgeräumten Schreibtisch. Es war fast 17:00 Uhr und eigentlich gab es nichts mehr zu tun. In den letzten Wochen waren kaum nennenswerte neue Fälle reingekommen. Einen großen Teil seiner angehäuften Überstunden hatte er bereits abgefeiert. Sein Kollege Till Krüger hatte das Büro schon vor fast einer Stunde verlassen. Siebels lehnte sich entspannt zurück und hoffte inständig, dass diese Ruhe vor dem nächsten Sturm noch ein paar Tage anhielt. In vier Tagen hatte er seinen Termin auf dem Standesamt. Noch vier Tage, dann würde er seiner Sabine endlich das lang ersehnte Ja-Wort geben. Und für den darauffolgenden Sonntag war die große Feier angesetzt. Einen Mordfall mit der Priorität »schnellstmögliche Aufklärung« konnte er jetzt gar nicht gebrauchen. Oder einen besonders heiklen Fall, wie Staatsanwalt Jensen es immer nannte, wenn er zum Ausdruck bringen wollte, dass ab sofort Tag und Nacht ermittelt werde. Aber Jensen hatte schon seit Tagen nichts mehr von sich hören und sehen lassen. Siebels misstraute dem trügerischen Frieden. Gerade wollte er sich von seinem Stuhl erheben und den Feierabend einläuten, als Charly Hofmeier in Begleitung eines betagten Herrn das Büro betrat. Charly Hofmeier war der IT-Experte im Frankfurter Polizeipräsidium und stand dem erfolgreichsten Team der Frankfurter Mordkommission, Steffen Siebels und Till Krüger, bei besonders heiklen Fällen mit Rat und Tat zur Seite. Besonders hilfreich waren dabei seine speziellen Kenntnisse beim Einloggen in fremde Netzwerke und Rechner.
»Ich habe Besuch mitgebracht«, sagte Charly und zeigte auf den älteren Herrn. »Das ist Herr Silber. Er möchte einen Mord melden.«
Siebels drehte das Radio etwas leiser. »Dann setzen Sie sich doch bitte«, bat Siebels Herrn Silber und deutete auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.
Herr Silber benutzte einen Gehstock und kam mit unsicheren Schritten näher. Charly blieb an der Tür stehen und gab Siebels mit einer eindeutigen Handbewegung zu verstehen, dass Herr Silber nicht mehr ganz klar im Kopf war.
»Sie möchten also einen Mord melden«, wiederholte Siebels, nachdem Herr Silber vor ihm Platz genommen hatte. Seinen Hut behielt er auf dem Kopf, den Gehstock stellte er zwischen seine Beine. Siebels bemerkte die falsch geknöpfte Hemdleiste und einige Kaffeeflecken auf der Weste, die Herr Silber über dem Hemd trug.
»Wer ist denn das Opfer?«, wollte Siebels wissen.
»Sie meinen, wer ermordet wurde?«, fragte Herr Silber mit lauter Stimme und drehte seinen Kopf dabei leicht zur Seite.
Siebels bemerkte das Hörgerät und sprach etwas lauter.
»Ja, wer wurde denn ermordet?«
»Na, die Juliane«, sagte Herr Silber, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
Charly stand noch im Türrahmen und freute sich schon auf das weitere Gespräch.
»Die Juliane«, wiederholte Siebels und kritzelte etwas auf einen Zettel. »Kennen Sie auch den Nachnamen?«
»Juliane Mangold«, sagte Herr Silber wie aus der Pistole geschossen.
Siebels schrieb den Namen auf. »Wissen Sie auch, wie alt diese Juliane Mangold war?«
»Wie alt? Hm. Zwanzig?« Der alte Herr schaute Siebels fragend an.
»Einen Moment bitte, Herr Silber. Ich bin gleich wieder da.« Siebels ging zu Charly und fragte ihn flüsternd, ob schon jemand die Identität dieser Juliane Mangold überprüft hätte.
»Ich habe es versucht. In Frankfurt gibt es zwei Frauen, die Juliane Mangold heißen, aber die erfreuen sich bester Gesundheit. Ich habe sie beide angerufen. Sie kennen auch Herrn Silber nicht.«
Siebels nickte und wollte sich wieder auf seinen Platz setzen, als er aus dem Radio eine Suchmeldung vernahm.
»Gesucht wird Herr Otto Silber. Herr Silber wird seit dem frühen Morgen vermisst. Er ist 84 Jahre alt und hat Schwierigkeiten, sich zu orientieren. Herr Silber ist vermutlich mit einem hellblauen Hemd, einer grauen Strickweste und einer dunkelblauen Hose bekleidet. Er trägt einen Hut und benutzt einen Gehstock. Herr Silber benötigt dringend Medikamente. Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle in Frankfurt entgegen.«
Charly grinste über beide Ohren und zeigte Siebels den erhobenen Daumen. Fall gelöst, sollte das heißen.
»Erkundigst du dich bei den Kollegen, wo wir ihn abliefern können?«, fragte Siebels. »Wenn es nicht so weit weg ist, bringe ich ihn nach Hause.«
»Vermutlich ins Altenheim. Ich komme gleich wieder und sage dir Bescheid.«
»Wissen Sie auch, wer Juliane Mangold umgebracht hat?«, fragte Siebels, als er wieder auf seinem Platz saß.
Otto Silber schüttelte den Kopf. »Nein. Wer tut denn so etwas? Die Juliane hat keiner Menschenseele etwas zuleide getan.« Otto Silber klang traurig. Eine Träne lief über seine faltige Haut.
»Haben Sie den Mord beobachtet?«, fragte Siebels.
Otto Silber schaute ihn verwundert an. »Nein. Ich habe nichts gesehen.«
»Aber woher wissen Sie denn, dass sie ermordet wurde?«
»Woher ich das weiß?« Otto Silber runzelte die Stirn. »Irgendjemand hat es mir erzählt. Die Juliane ist tot. Alle haben es gesagt. Ihre Kollegen haben es doch auch gesagt. Sie sind doch Polizist, oder? Ein Inspektor, oder?«
»Ich bin ein Kommissar. Ein Kriminalhauptkommissar. Kriminalhauptkommissar Siebels. Aber meine Kollegen wissen nichts von einer ermordeten Juliane Mangold.«
Otto Silber schlug wütend mit seinem Stock auf den Boden. »Die lügen doch alle. Alles Lügner und Betrüger! Die stecken alle unter einer Decke. Aber ich lasse mich nicht belügen. Ich bin Architekt. Ich weiß, dass die Juliane totgeschlagen wurde. Jeder weiß es. Alle wissen es. Sie wissen es auch, Inspektor!« Otto Silber wurde immer lauter und fuchtelte jetzt aggressiv mit seinem Stock vor dem Gesicht von Siebels herum. Siebels saß verdutzt vor dem aufgebrachten alten Herrn und wusste nicht so recht, wie er reagieren sollte. Erleichtert nahm er Charly wahr, der gerade wieder das Büro betrat. Charly schüttelte lächelnd den Kopf und redete beruhigend auf Otto Silber ein. »Der Herr Siebels bringt Sie jetzt erst mal nach Hause, Herr Silber. Das Abendessen wartet schon auf Sie.«
Otto Silber ließ sich wieder auf seinem Stuhl zurücksinken. »Ja, ich habe Hunger. Aber was ist denn mit der Juliane?«
»Darum kümmere ich mich«, lenkte Siebels ein. »Wenn ich Genaueres weiß, sage ich Ihnen sofort Bescheid.« Siebels nahm einen Zettel von Charly entgegen. Seniorenresidenz Sonnenschein, stand darauf. Dort wurde Otto Silber schon schmerzlich vermisst. Charly beugte sich flüsternd zu Siebels. »Das liegt an der Wilhelmshöher Straße in Seckbach. Herr Silber ist dement.«
»Das habe ich mir schon gedacht«, flüsterte Siebels zurück. »Na, dann bringe ich ihn mal zurück.« Siebels schloss seine Schränke und Schubladen ab und machte sich mit Herrn Silber auf den Weg. Otto Silber folgte Siebels wortlos durch die langen Gänge des Polizeipräsidiums. Siebels verspürte schon seit einiger Zeit den Druck in seiner Blase, der nun stärker wurde. Zwischen zwei Büros, an denen sie gerade vorbeigingen, lag eine Toilette. Siebels schaute zu Otto Silber. »Müssen Sie auch mal auf die Toilette?«
Otto Silber schüttelte energisch den Kopf. »Nein, nein. Ich will mein Abendessen.«
»Dann warten Sie bitte einen kleinen Moment hier auf mich. Ich bin gleich wieder bei Ihnen.« Siebels hatte nun das Gefühl, sich jeden Moment in die Hose zu pinkeln, wenn er sich nicht beeilte. Schnell verschwand er hinter der Toilettentür. Als er zwei Minuten später wieder herauskam, war von Otto Silber nichts mehr zu sehen. Siebels fluchte. Dann vernahm er aus einem der Büros die Stimme seines Schützlings. Siebels atmete erleichtert auf und öffnete die Bürotür. Es war das Zimmer von zwei Kommissaren, die sich mit Bandenkriminalität auseinandersetzten. Die beiden hartgesottenen Beamten saßen wie eingeschüchterte kleine Jungs hinter ihren Schreibtischen. Otto Silber schlug mit seinem Stock auf einen der Schreibtische ein.
»Wo sind denn die Zeichnungen? Geben Sie mir sofort die Zeichnungen!« Otto Silber machte einen sehr aufgebrachten Eindruck. »Sitzen die hier den ganzen Tag rum und klotzen sich gegenseitig blöd an, das darf doch nicht wahr sein. Die Zeichnungen müssen heute noch fertig werden. Wo haben Sie sie hin? Los, raus mit der Sprache!« Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, schlug er wieder seinen Stock auf die Schreibtischplatte.
»Herr Silber, die Herren sind keine Architekten und keine Zeichner. Das sind auch Kriminalkommissare.« Siebels legte seine Hand auf die Schulter des aufgebrachten Mannes und versuchte, ihn zu beruhigen.
»Aber die Zeichnungen«, stammelte Otto Silber. »Wir haben doch Abgabetermin.«
»Jetzt bringe ich Sie zum Abendessen. Das habe ich Ihnen doch versprochen.«
»Ja, gut. Ich habe Hunger.« Otto Silber ließ sich am Arm von Siebels aus dem Büro führen. An der Türschwelle drehte er sich noch einmal um. »Bis morgen habt ihr die Zeichnungen aber fertig, ihr faulen Hunde.«
»Alles klar, Chef, wird erledigt«, versuchte Kriminalkommissar Behrend seinen Besucher zu beschwichtigen. »Sowie wir die Hells Angels dingfest gemacht haben, kümmern wir uns um die Zeichnungen«, gab nun auch Kommissar Schramm seinen Kommentar ab.
Siebels kannte die beiden flüchtig. Er zeigte ihnen den erhobenen Daumen. »Gut so. Und jetzt wieder an die Arbeit, ihr faulen Hunde. Ich bringe den Chef derweil zur Seniorenresidenz Sonnenschein. Wünsche einen angenehmen Feierabend.« Als Siebels Otto Silber wieder aus dem Büro bugsiert und die Tür geschlossen hatte, hörte er das Gelächter der beiden. Er fand es jetzt aber gar nicht mehr lustig. Otto Silber schaute ihn wieder ganz treu und traurig an. Siebels wünschte, er könnte dem alten Mann etwas Gutes tun. Wenigstens konnte er ihn sicher zurück ins Heim begleiten.
Während der Fahrt saß Otto Silber meist schweigend auf dem Beifahrersitz. Siebels hörte den Nachrichten im Radio zu und als im Anschluss Musik von Tina Turner lief, fragte er sich, wo und wie er seine letzten Tage einmal verbringen würde. Um die trüben Gedanken beiseitezuschieben, erzählte er Herrn Silber, dass er in wenigen Tagen heiraten würde.
Otto Silber drehte seinen Kopf zu Siebels und schaute ihn an. »Tun Sie das besser nicht«, sagte er dann leise.
Siebels hatte das Gefühl, dass sein Beifahrer in diesem Moment völlig klar im Kopf war.
In der Seniorenresidenz erwartete man Otto Silber schon sehnlichst. Zwei Pfleger nahmen ihn in Empfang. Siebels wies sich als Kommissar aus und hegte den Wunsch, noch mit jemandem von der Heimleitung zu sprechen. Während einer der Pfleger Otto Silber zu seinem Abendessen brachte, brachte der andere Siebels ins Büro der Heimleitung.
»Roswitha Hebenstein ist mein Name. Vielen Dank, dass Sie sich die Mühe gemacht und unseren Herrn Silber persönlich abgeliefert haben.« Frau Hebenstein war Ende fünfzig. Sie trug eine goldumrandete Brille, hochgestecktes Haar, einen Rock mit Schottenmuster und einen Rollkragenpullover.
»Herr Silber macht mir einen sehr verwirrten Eindruck«, begann Siebels das Gespräch mit ihr.
»Ja, er leidet unter Demenz. So wie die meisten unserer Bewohner. Wir passen daher auch gut auf, dass sich niemand heimlich aus dem Staub macht. Aber Herr Silber hat uns heute Vormittag anscheinend ausgetrickst.«
»Sie meinen, er ist ganz gezielt ausgebüchst? Ich dachte eher, er hätte vielleicht einen Spaziergang gemacht und dabei die Orientierung verloren.«
»Nein. Er hat das ganz genau geplant. Er hat mehrere Leute vom Personal angeschwindelt und zwar so gezielt, dass er unbemerkt das Haus verlassen konnte.«
Siebels runzelte die Stirn. »So sehr verwirrt ist er dann also doch nicht.«
»Seine Demenz ist schon ziemlich weit fortgeschritten. Aber er befindet sich in keinem kontinuierlichen Zustand der geistigen Verwirrung. Sie können sich das folgendermaßen vorstellen: Das Gehirn von demenzerkrankten Menschen gleicht dem Himmel. Es gibt Momente, da ist kein Wölkchen am Himmel. Es ist klar und blau. Solche Momente erlebt auch Herr Silber hin und wieder noch. Da denkt er ganz klar und logisch. Dann tauchen aber kleine Wolken auf. Diese Wolken trüben das Kurzzeitgedächtnis. Namen von Personen aus dem unmittelbaren Umfeld sind plötzlich nicht mehr greifbar. Was vor wenigen Minuten noch passiert ist, ist plötzlich wie ausradiert im Gedächtnis. Diese Wolken ziehen immer öfter auf. Betroffene Menschen merken natürlich, dass ihr Erinnerungsvermögen sie nach und nach im Stich lässt. Aber je bewölkter es in unserem Gehirn wird, desto schwieriger wird es für uns, uns mit unserer Umgebung zu arrangieren. Diese Wolken trüben zunächst das Kurzzeitgedächtnis. Weiter hinten bleibt es klar und blau. Die Vergangenheit ist noch präsent und je weiter sie zurückliegt, desto klarer kommt sie wieder zum Vorschein.«
»Herr Silber war früher Architekt?«, erkundigte Siebels sich.
»Ja. Er hat das Architekturbüro Silber gegründet. Sie haben vielleicht schon davon gehört? Seine beiden Söhne leiten es jetzt.«
Siebels lächelte. »Auf dem Polizeipräsidium hat ihn die Vergangenheit wohl wieder eingeholt. Er ist in das Büro von zwei Kollegen marschiert und hat sie böse beschimpft, weil sie die Zeichnungen noch nicht fertig hatten.«
»Das ist genau der Punkt. Eben hegt er vielleicht noch einen klaren Gedanken, im nächsten Moment trüben aber schon wieder einige Wolken sein Erinnerungsvermögen und er flüchtet zu dem Stück klaren Himmel, das vielleicht zwanzig, dreißig oder gar fünfzig Jahre in der Vergangenheit liegt. Diese alten Erinnerungen projiziert er aber in die Gegenwart und dann kommt alles durcheinander. Er ist nicht mehr in der Lage, mit seinen Mitmenschen zu kommunizieren, weil er das, was man gerade gemeinsam erlebt, mit Erlebnissen aus seiner Vergangenheit kombiniert. Sein Gesprächspartner kann natürlich nicht mehr nachvollziehen, wie er den Wolken in seinem Gehirn ausweicht und irgendwo in der Vergangenheit wiederauftaucht. Ein zusammenhängendes Gespräch ist also kaum mehr möglich. Menschen wie Herr Silber merken natürlich, dass man sie dann nicht mehr für voll nimmt. Aber sie wissen nicht, warum. Sie hangeln sich von einem klaren Stück Himmel zum nächsten, ohne dabei zu bemerken, dass sie sich auf einer Zeitreise durch die Vergangenheit befinden. Mit jedem Satz, den sie sagen, stoßen sie dann auf Unverständnis. Und das ist das Fatale. Sie erleben, wie sie von ihren Mitmenschen für blöd gehalten werden. Darauf reagieren sie dann entsprechend. Entweder verschließen sie sich völlig oder sie legen aggressive Verhaltensweisen an den Tag.«
Siebels dachte wieder an Otto Silber und schmunzelte. »Herr Silber scheint gerne mit seinem Stock auszuschlagen, wenn er nicht für voll genommen wird.«
»Ja, das haben Sie also auch erlebt. Das kommt öfter vor. Ich befürchte aber, in einigen Monaten hat er auch diese Phasen hinter sich. Dann wird er hauptsächlich mit einem stark bewölkten Himmel leben müssen und wenn es noch schlimmer wird, herrscht irgendwann dichter Nebel in seinem Kopf und die letzten Flecken von klarem Himmel geraten ganz außer Sichtweise. Dann ist er vollkommen pflegebedürftig.«
»Als ich ihn hergefahren habe, erzählte ich ihm, dass ich Ende der Woche heiraten werde. Mein zweiter Versuch. Er schaute mich an und sagte dann, dass ich das besser nicht tun sollte. Und ich hatte das Gefühl, dass er in diesem Moment einen völlig klaren Himmel hatte, keine Wolke weit und breit.«
Frau Hebenstein nickte wissentlich. »Das kann gut sein. Seine Frau ist ein Drachen.«
»Sie lebt noch?«
»Oh ja. Frau Silber erfreut sich bester Gesundheit. Um ihren Mann kümmert sie sich aber nicht mehr. Den hat sie abgeschrieben. Sie kümmert sich lieber um ihre Söhne und sorgt dafür, dass die das Erbe ihres Vaters aufrechterhalten. Das Architekturbüro Silber.«
»Eine Frage habe ich noch«, sagte Siebels nachdenklich. »Herr Silber ist im Polizeipräsidium erschienen, um einen Mord zu melden. Eine Juliane Mangold sei ermordet worden. Sagt Ihnen der Name etwas?«
»Juliane Mangold? Oh je, ich befürchte, da hat er einiges durcheinandergebracht. Eine unserer Pflegerinnen heißt Jana Mangold. Sie kümmert sich um Herrn Silber und sie kommt sehr gut mit ihm zurecht. Sie ist aber seit einer Woche im Urlaub. Ich glaube, Herr Silber vermisst sie sehr. Da hat er den ganzen Aufwand also betrieben, um seine Jana von der Polizei suchen zu lassen. Noch eine Woche, dann ist sie wieder da. Bis dahin werden wir ihn wohl gut im Auge behalten müssen.«
»Ist Jana die Kurzform von Juliane?«
»Ich glaube, Jana ist ihr richtiger Name. Wie er auf Juliane kommt, kann ich mir jetzt auch nicht erklären. Aber vielleicht gab es mal eine Juliane in seinem Leben. Das könnte auch 60 oder 70 Jahre her sein. Vielleicht seine erste große Liebe, die er jetzt wiederentdeckt hat.«
»An einem kleinen blauen Stück Himmel, ganz weit weg«, ergänzte Siebels.
»Genau. Ich mag diesen Vergleich mit dem Himmel. Die Angehörigen verstehen gleich viel besser, was mit ihren Lieben los ist, wenn die von der Demenz heimgesucht werden. Das erleichtert das Zusammenleben ungemein, wenn man sich eine Vorstellung von dem macht, was so ein Mensch erleidet.«
»Ja, das stimmt. Mir erscheinen die Verhaltensweisen von Herrn Silber jetzt auch nachvollziehbar. Allerdings kann ich auch nicht mehr ausschließen, dass Herr Silber tatsächlich einen Mord melden wollte. Vielleicht einen Mord, der schon 50, 60 oder 70 Jahre zurückliegt. Ich würde mich gerne mit dieser Jana Mangold mal unterhalten. Wissen Sie, ob sie verreist ist?«
»Das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Ich weiß es nicht.«
»Können Sie mir ihre Telefonnummer geben?«
»Hat das nicht Zeit bis nächste Woche? Dann ist sie doch wieder hier und kann sich bei Ihnen melden.«
»Leider nein. Ich bin bei der Mordkommission und muss jedem Hinweis auf einen Mord unverzüglich nachgehen.« Siebels staunte über seine eigenen Worte. Auf dem Präsidium hatte er die Aussage von Otto Silber nicht als ermittlungswürdig eingestuft. Jetzt witterte er aber eine Spur und er wollte nicht eine Woche ins Land ziehen lassen, ohne etwas zu unternehmen. Frau Hebenstein schrieb ihm die Telefonnummer von Jana Mangold auf.
2
100 Tage vor Roberts Tod
Julia war die kleine Prinzessin in dem Clan. Stets nett, freundlich, aufgeschlossen und voller Neugierde allem Neuen gegenüber. Sie strahlte eine Natürlichkeit aus, die ihrem großen Bruder Robert völlig abging. Robert führte einen stetigen Eiertanz auf, um seinem Anspruch als Anführer gerecht zu werden. Julia hingegen schaffte es, allein mit ihrem entzückenden Lächeln die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ihr goldbraunes, langes Haar schien stets zu schimmern, die Grübchen in ihren Wangen verliehen ihr eine mädchenhafte Unschuld. Sie trug mit Vorliebe enge Jeans und rote, grüne oder blaue Turnschuhe von Converse. An warmen Tagen begnügte sie sich mit einem engen T-Shirt, unter dem sich die Knospen ihrer kleinen festen Brüste abzeichneten. Sie machte keinen Hehl daraus, dass sie zumindest an warmen Tagen keinen BH trug. Sie kokettierte nicht, wenn sie über den Campus lief, sie strahlte einfach diese kindliche Unbekümmertheit aus, mit der sie dem Leben begegnete. Sie erntete viele Blicke, von Jungs wie von Mädchen, die sie aber gar nicht zu registrieren schien.
Auf der Erstsemesterparty begleitete sie mich wie selbstverständlich an die Bar und ließ sich einen Drink von mir spendieren. Es dauerte nicht lange, bis Robert bei uns auftauchte. Er würdigte mich keines Blickes. Er versuchte nur, die Aufmerksamkeit seiner Schwester wieder auf sich zu ziehen und sie mir somit zu entziehen. Er faselte etwas von einer privaten Party, wo sie noch hingehen wollten. Julia und ich saßen nebeneinander auf Barhockern. Ich legte meine Hand auf Julias Oberschenkel und ließ sie dort liegen. Julia ließ mich gewähren, Robert schenkte mir nun doch einen Blick. Einen sehr missbilligenden Blick. Ich nahm die Herausforderung an und ließ meine Hand sanft über Julias Oberschenkel streifen.
»Kommst du nun mit oder nicht?«, fragte Robert seine Schwester etwas ungehalten.
»Ich überlege es mir noch. Vielleicht komme ich nach«, gab ihm Julia unbeschwert zur Antwort. Robert nickte unwirsch und zog wieder ab.
»Das war dein Bruder, oder?«, fragte ich scheinheilig und drückte leicht ihren Schenkel.
»Ja, Robert ist mein Bruder. Er studiert auch Architektur, ist aber schon ein paar Semester weiter.«
»Und er passt gut auf seine kleine Schwester auf«, flüsterte ich Julia ins Ohr.
»Es gelingt ihm aber nicht immer«, gab mir Julia verschmitzt zur Antwort und schaute mir dabei tief in die Augen.
»Er hat mich so böse angeschaut, als ich meine Hand auf deinen Schenkel gelegt habe«, sagte ich im gleichen verschmitzten Tonfall. »Aber ich kann sie nicht mehr wegnehmen. Es geht einfach nicht. Du ziehst mich an wie ein Magnet.« Ich tat so, als wollte ich meine Hand mit aller Kraft von ihrem Schenkel ziehen. »Deine Anziehungskraft ist einfach unglaublich«, sagte ich dann augenzwinkernd.
Julia beugte ihren Kopf ganz nah zu meinem. »Das würde ich jetzt gerne testen«, konterte sie und bot mir ihren Mund mit leicht geöffneten Lippen an. Als Robert wieder bei uns auftauchte, hatte ich nicht nur meine Hand auf Julias Schenkel, sondern auch meine Zunge in ihrem Mund.
»Wir hauen jetzt ab«, rief Robert und baute sich genau vor uns auf. »Kommst du mit oder willst du hier noch einen Preis beim Loserknutschen abräumen?«
Ich ignorierte Robert und konzentrierte mich ganz auf den süßlichen Geschmack von Julias Lippen. Julia vollendete unseren Zungenkuss noch unbekümmert vor den Augen von Robert, bevor sie darauf einging.
»Ich glaube, ich habe Chancen auf den ersten Preis beim Loserknutschen. Geht mal ohne mich. Bis morgen. Tschüüüs.«
»Küss mich, du Loser«, neckte Julia mich, nachdem Robert ohne sie abgezogen war. Ich küsste sie, schlängelte meine Zunge zwischen ihre Lippen und den Keil zwischen ihre Familie. Meine Anziehungskraft war nämlich mindestens so groß wie die von Julia.
Dienstag - Erster Tag nach Roberts Tod
Steffen Siebels war seit längerer Zeit wieder einmal vor 8:00 Uhr im Büro gewesen. Zum Abbau seiner unzähligen Überstunden war er die letzten Wochen selten vor 9:00 Uhr am Arbeitsplatz erschienen. Sein Kollege Till Krüger hielt es genauso. Den erwartete Siebels auch heute nicht vor 10:00 Uhr. Seit einiger Zeit schwebte Siebels auf Wolke sieben. Sein Hochzeitstermin rückte immer näher. Seine Tochter aus erster Ehe wollte anreisen. Siebels hatte sie bestimmt seit drei Jahren nicht mehr gesehen. Nach der Scheidung war sie mit ihrer Mutter Hals über Kopf nach Berlin gezogen. Damals stand Siebels vor einem privaten Scherbenhaufen. Überschuldet und verlassen stürzte er sich in die Arbeit. Seine Aufklärungsquote war sensationell. Dann bekam er Verstärkung. Till Krüger stand noch ganz am Anfang seiner Laufbahn als Kommissar. Zwischen Siebels und Till herrschte von Anfang an eine harmonische Zusammenarbeit. Bei ihrem ersten gemeinsamen Fall arbeiteten sie auch mit Sabine Karlson zusammen. Und beide verliebten sich in die sympathische Beamtin von der Sitte. Für Siebels sollte es die Frau des Lebens werden. Till dagegen hatte seitdem mehrere Beziehungen gehabt, die allesamt nicht von langer Dauer waren. Mittlerweile traf er sich öfter mit Anna Lehmkuhl. Die junge Gerichtsmedizinerin war beliebt und anerkannt und die Kollegen, die Till kannten, mussten schmunzeln, als Till seine Werbungsversuche startete. Aber auch Till war in den letzten Jahren reifer geworden. Siebels gewährte ihm mehr und mehr Freiheiten bei der gemeinsamen Arbeit. Er selbst verspürte in letzter Zeit eine gewisse Abnutzung, nachdem er jetzt schon seit zwanzig Jahren bei der Frankfurter Mordkommission tätig war. Während er früher unermüdlich an der Wahrheitsfindung gearbeitet hatte, überfielen ihn jetzt manchmal Zweifel, wenn er einem Täter auf der Spur war. Beim letzten Fall wurde er von Albträumen geplagt, weil er befürchtete, eine unschuldige Frau des mehrfachen Mordes zu beschuldigen. Wenn Till nicht in letzter Minute eines fulminanten Finales eingegriffen hätte, wäre der Fall auch in einem Desaster geendet. Letzten Endes wurde die Mörderin aber überführt und Siebels konnte wieder ruhig schlafen. Bis zur letzten Nacht. Da plagte ihn wieder ein Albtraum. Er sah sich als alten Mann in einem Altersheim sitzen. Sein Kopf glich einem stark bewölkten Himmel. Er versuchte, seinen Pfleger zu verhaften, und nahm seine Mitbewohner ins Kreuzverhör. Er beschuldigte das Kantinenpersonal des Mordes und hielt den Heimleiter für den Staatsanwalt. Seine Kinder schämten sich für ihren verwirrten Vater und seine Frau besuchte ihn nicht mehr. Als er aus dem Traum aufschreckte, sah er in die besorgten Augen von Sabine. Er wagte es aber nicht, ihr so kurz vor der Hochzeit von diesem Traum zu erzählen.
Jetzt saß er an seinem Computer und surfte im Internet. Er betrachtete sich den Webauftritt vom Architekturbüro Silber. Dort war auch die Vita von Otto Silber hinterlegt. Geboren am 3. März 1928, Heirat mit Almut Silber, geb. Frisch, am 4. Juni 1950. Nur vier Monate später erblickte der erste Sohn Hermann das Licht der Welt. Zwei Jahre später kam Hartmut Silber auf die Welt. 1958 hatte sich Otto Silber als Architekt selbstständig gemacht. Viele Gebäude, die in der Stadt nach seinen Entwürfen gebaut worden waren, waren mittlerweile schon wieder abgerissen. Darunter viele hässliche Betonklötze, die Anfang der sechziger Jahre entstanden waren. Ende der sechziger Jahre beteiligte sich Otto Silber mit Auftragsarbeiten an der Entstehung von Einkaufszentren. In den siebziger Jahren war das Architekturbüro Silber am Bau vieler Einkaufszentren in ganz Deutschland beteiligt. 1976 trat Hermann Silber als Architekt mit in das Büro ein. Ein Jahr später folgte ihm sein Bruder Hartmut. In den 80er Jahren reihte sich das nun dreiköpfige Architekturbüro bei den Verfechtern der Postmoderne ein und entwarf einige monumentale Gebäude, die als Museen oder für die öffentliche Verwaltung genutzt wurden. Anfang der neunziger Jahre wandelte sich der Stil. Otto Silber und Söhne entwarfen nun hauptsächlich Bürogebäude für mittelständische Unternehmen. Hinter gläsernen Fassaden konzipierten die Architekten Silber multifunktionale Großraumbüros. Ende der neunziger Jahre überließ Otto Silber seinen Söhnen an seinem siebzigsten Geburtstag die Leitung des Architekturbüros und zog sich aus dem Geschäftsleben zurück. Mitte 2005 setzten Hartmut und Hermann Silber einen neuen Schwerpunkt bei ihren architektonischen Arbeiten. Energieeffizientes Bauen war seitdem die Devise und brachte der Familie Silber zahlreiche lukrative Aufträge ein.
»Hast du einen Kaffee für mich?«, fragte Charly, der seinen Kopf durch die halb geöffnete Tür steckte.
»Klar, komm rein.« In den hinter ihm liegenden ruhigen Tagen hatte Siebels eine neue Kaffeemaschine angeschafft. Seitdem kam Charly morgens regelmäßig vorbei und der Kaffeeautomat im Flur blieb von Flüchen und Tritten verschont.
Charly bemerkte die Website vom Architekturbüro Silber auf Siebels Bildschirm. »Hast du den entlaufenen Architekten gestern noch heil in sein Heim gebracht?«
»Ach, Charly, versprich mir eins. Sollte Sabine mich jemals in so ein Heim abschieben, dann komm mit mir.«
»Gibt es da Computer?«, wollte Charly wissen.
»Bestimmt. Aber du wirst die Technik nicht mehr verstehen, mit der sie funktionieren.«
»Du machst mir Angst. Vorhochzeitliche Depressionen?«
»Quatsch. Ich mache mir halt meine Gedanken. Apropos Gedanken. Könntest du mal die Archive durchforsten?«
»Lass mich raten. Nach einem ungelösten Mordfall Juliane Mangold?«
»Da hast du richtig geraten.«
»Glaubst du wirklich, an der Aussage von dem alten Herrn könnte etwas dran sein?«
»Ich habe da jedenfalls so ein komisches Gefühl im Bauch.«
»Oh je. Dein berühmtes Bauchgefühl. Pass bloß auf, sonst gräbst du am Ende wieder so einen Fall aus, der die Republik in ihren Grundfesten erschüttert. So kurz vor dem Hochzeitstermin. Wenn das mal gut geht.«
»Jetzt male nicht gleich den Teufel an die Wand. Die Hochzeit steht, da kann passieren, was will.«
»Ob das der Staatsanwalt auch so sieht, wenn du ihm jetzt einen leckeren Knochen ausgräbst und hinwirfst?«
»Ausgegrabene Knochen? Staatsanwalt? Gibt es endlich einen neuen Fall?« Till kam gut gelaunt ins Büro marschiert.
»Vergiss es«, ermahnte ihn Charly. »Diese Woche werden nur noch Routinearbeiten erledigt. Anweisung von der zukünftigen Frau Siebels. Sollte sich ein Fall einschleichen, der auch nur im Entferntesten von der Staatsanwaltschaft mit dem Prädikat besonders heikel eingestuft werden könnte, haben wir eine totale Kommunikationssperre zum Staatsanwalt zu errichten.«
»Das hat Sabine hinter meinem Rücken verfügt?«, erkundigte sich Siebels ungläubig.
»Hat sie«, bestätigte Till.
»Sie traut mir wohl nicht so richtig«, überlegte Siebels laut.
»Was besonders heikle Fälle betrifft, traut sie dir keinen Millimeter über den Weg«, bestätigte Till die Überlegungen von Siebels.
»Soll ich also wirklich die Archive durchforsten?«, fragte Charly süffisant.
Siebels kratzte sich am Kopf. »Falls du wirklich etwas Interessantes findest, übertrage ich Till den Fall.«
»Um was geht es denn?«, erkundigte sich Till.
Siebels klärte ihn über den gestrigen Besuch von Otto Silber auf.
»Als Zeugen kannst du ihn auf jeden Fall nicht gebrauchen«, gab Till seinen Kommentar dazu ab.
»Wir können heute Vormittag ja mal einen kleinen Ausflug unternehmen und das Architekturbüro Silber besuchen. Ich würde gerne seine Söhne kennen lernen.«
»Oh, oh, die Ermittlungen laufen an«, stellte Charly fest. »Dann gehe ich schon mal ins Archiv und grabe ein wenig in alten Zeiten.«
Charly nahm einen letzten Schluck Kaffee, stellte die leere Tasse auf den Schreibtisch von Siebels ab und verließ das Büro. Siebels griff zum Telefonhörer und wählte die Nummer von Jana Mangold. Jana Mangold nahm das Gespräch entgegen. Sie war nicht verreist, sondern verbrachte ihre Urlaubstage in Frankfurt. Siebels wollte sie gerne persönlich sprechen. Er verabredete sich mit ihr im Café Extrablatt an der Bockenheimer Warte. Jana Mangold wohnte ganz in der Nähe, in der Falkstraße in Bockenheim.
»Wir haben ein Date«, sagte Siebels zu Till, nachdem er das Gespräch beendet hatte.
»Wir?«
»Ja, wir. Du und ich. In einer halben Stunde. Mit Jana. Jana Mangold. Sie ist die Pflegerin von Otto Silber im Heim. Momentan hat sie aber Urlaub und trifft sich mit uns auf einen Kaffee.«
»Ist das jetzt ein Fall oder was ist das?«
»Das ist eine Verabredung auf einen Kaffee. Wie geht es eigentlich Anna? Sie kommt doch mit zum Standesamt, oder?«
»Klar kommt sie mit. Es sei denn, du schickst ihr kurz vor deiner Hochzeit noch ein paar besonders heikle Leichen in die Gerichtsmedizin.«
»Ich weiß gar nicht, was ihr alle habt. Soll ich mich jetzt bis Freitag im Büro einschließen, oder was? Komm, wir gehen.«
Till trottete Siebels hinterher. »Es gibt keine Parkplätze an der Bockenheimer Warte. Wenn es nur ein Ausflug ist, könnten wir mit meinem Bock fahren.«
»Ich habe aber keinen Helm«, sagte Siebels und schlenderte gemütlich aus dem Präsidium.
»Ich habe noch einen Ersatzhelm. Eigentlich habe ich den für Anna. Ob der auf deinen Dickschädel passt, müsste man probieren.«
Die Gold Wing von Till stand auf einem der Parkplätze vor dem Präsidium. Siebels begutachtete das monströse Motorrad. »Warum fährst du eigentlich keine Harley? Das hier ist doch ein Wohnmobil auf zwei Rädern.«
»Du klingst schon wie Anna. Vielleicht steige ich nächste Saison wirklich auf eine Harley um.«
»Sag mir Bescheid, wenn du das gute Stück hier verkaufen willst. Ich bin jetzt genau im richtigen Alter für Wohnmobile auf zwei Rädern. Da kann man ja auch Frau und Kind ganz bequem mitnehmen.«
Till nahm die Helme aus den Seitenkoffern. »Wo willst du das Kind denn unterbringen?«
»In den Koffern. Wo zwei Helme reinpassen, passen auch zwei Babys rein.«
Till schüttelte den Kopf. »Wieso zwei?«
Siebels stülpte sich den Helm über. »Man kann ja nie wissen, was noch so alles passiert.« Ein breites Grinsen machte sich zwischen den Helmschalen breit.
Till startete die Maschine, Siebels machte es sich auf der ledernen Sitzbank hinter Till bequem. Langsam rollte die Gold Wing zur Ausfahrt und dann schneller von der Adickesallee über die Miquelallee. Siebels genoss seine erste Fahrt auf der Maschine. Till bog rechts Richtung Palmengarten ab. Siebels überlegte, wie viel Till wohl für das Motorrad haben wollte. Die Fahrt hatte kaum fünf Minuten gedauert, als Till auch schon auf den Platz an der Bockenheimer Warte fuhr und das Motorrad vor dem Café abstellte. Der Platz war voller Menschen. Vor der Eisdiele am Türmchen, einem der Punkte der ehemaligen Landwehr, saßen die Leute genauso an den Tischen, wie vor dem Café Extrablatt. Und viele Augenpaare richteten sich auf die zwei Kommissare, die gerade von der Gold Wing stiegen und sich die Helme vom Kopf nahmen.
»Wir fallen auf«, bemerkte Siebels.
»Studentenviertel. Hier fährt man entweder Fahrrad oder U-Bahn.« Till verstaute wieder die Helme.
»Ich weiß gar nicht, wie sie aussieht«, seufzte Siebels und sah sich um.
Till sah auf die Uhr. »Wir sind auch fünf Minuten zu früh. Warten wir einfach vor dem Eingang.«
»Schau, schau, die haben ja einen Raucherraum«, frohlockte Siebels. Hinter den großflächigen Fensterscheiben des Cafés lagen zwei wie Wintergärten angelegte Räume, in denen die Raucher saßen. Der eigentliche Innenraum befand sich dahinter.
»Herr Siebels?« Eine junge Frau stand plötzlich hinter ihnen.
»Genau der bin ich. Frau Mangold, nehme ich an?« Siebels reichte ihr die Hand. »Schön, dass Sie es so kurzfristig einrichten konnten. Das hier ist übrigens mein Kollege, Herr Krüger.«
»Tolles Motorrad«, sagte Jana Mangold, als sie Tills Hand schüttelte. »Ich habe Sie von dort hinten gesehen, als Sie gekommen sind.«
»Mein Kollege meint, ich sollte auf eine Harley umsteigen«, sagte Till achselzuckend.
»Ja, das sollten Sie vielleicht«, erwiderte Jana Mangold lächelnd.
»Wollen wir uns hier draußen hinsetzen?«, fragte Siebels und deutete auf einen freien Tisch. »Der Kaffee geht natürlich auf mich.«
Siebels wartete geduldig, bis der bestellte Milchkaffee serviert war, bevor er zur Zigarette griff. Die erste des Tages. Vor wenigen Wochen noch hatte er zu dieser Tageszeit bereits eine halbe Schachtel weggeraucht. Er genoss den warmen Septembertag, schlürfte aus der großen Kaffeetasse und zog entspannt an seiner Zigarette. Jana Mangold hatte schwarze lange Haare, die sie zu einem Pferdeschwanz gebunden trug. Ein blasser Teint, rote Lippen und große braune Augen gepaart mit ihrer zurückhaltenden, aber selbstsicheren Ausstrahlung ließen sie als attraktive Frau erscheinen. Siebels musterte sie neugierig, während er seine Zigarette rauchte.
»Es geht also um Herrn Silber?«, frage Jana Mangold und blickte abwechselnd zwischen Siebels und Till hin und her.
»Ja. Er erschien gestern im Polizeipräsidium und landete in meinem Büro. Mein Kollege und ich sind bei der Mordkommission.«
»Oh«, entfuhr es Jana Mangold. »Ist denn ein Mord passiert?«
Siebels kratzte sich nachdenklich am Kinn. »Deswegen wollte ich mich gerne mit Ihnen unterhalten. Herr Silber hat einen Mord gemeldet. Allerdings wusste er nur wenig dazu zu sagen.«
»Sie wissen aber schon, dass Herr Silber dement ist?«
»Ja, das ist mir bekannt. Natürlich habe ich auch bemerkt, dass er etwas verwirrt war, als er auf dem Präsidium seine Aussage gemacht hat. Trotzdem möchte ich der Sache gerne nachgehen. Herr Silber sprach von einer Juliane, die ermordet worden wäre. Hat er Ihnen gegenüber auch schon mal solche Andeutungen gemacht?«
Jana Mangold schüttelte nachdenklich den Kopf. »Nein, überhaupt nicht. Er redet oft wirres Zeug, müssen Sie wissen. Aber von einer Juliane oder von einem Mord hat er mir gegenüber noch nie etwas gesagt.«
Till hörte nur mit halbem Ohr zu. Für ihn war das noch kein Fall und das Gespräch mit Jana Mangold eher privater Natur. Er tippte auf seinem Handy herum und schickte Anna Lehmkuhl eine SMS. Er hatte die spontane Idee gehabt, mit ihr nach Feierabend ins Kino zu gehen.
»Sie sind seine Bezugsperson in dem Heim, hat mir die Heimleiterin, Frau Hebenstein, verraten. War er vielleicht durcheinander, weil Sie jetzt ein paar Tage frei haben? Hat er vielleicht Juliane mit Jana verwechselt? Oder heißen Sie mit vollem Namen sogar Juliane?«
»Nein, ich heiße Jana. Das ist mein richtiger Name. Und ja, ich bin so etwas wie die Bezugsperson für Herrn Silber. Leider. Von seiner Familie lässt sich ja nur selten mal jemand blicken. Ich glaube, seine Frau schämt sich für ihn. Und seine Söhne können nicht damit umgehen, dass Herr Silber dement ist. Früher haben sie ihn noch öfter besucht. Sie wollten aber immer nur über die Firma mit ihm reden. Über Geschäftliches. Herr Silber konnte ihnen dabei aber nicht mehr folgen. Die Söhne erwähnten alle möglichen Namen von irgendwelchen Leuten und verstanden nicht, dass ihr Vater sich oft nicht mal mehr an die Namen seiner Söhne erinnern konnte.«
Jana Mangold machte eine abwertende Handbewegung. »Warum können sie sich mit ihrem Vater nicht einfach mal über ganz simple Sachen unterhalten? Warum nur über Geschäftliches? Ihn fragen, wie es ihm geht, wie sein Tag war oder ob er vielleicht ein paar Blumen in seinem Zimmer haben will. Aber das können sie nicht. Ich finde das schlimm.«
»Und seine Enkel? Kommen die ihn manchmal besuchen?«
Jana Mangold zuckte mit den Schultern. »Soweit ich weiß, hat er vier Enkel. Die Einzige, die verständnisvoll mit ihrem Opa umgeht, ist Julia. Die war aber auch schon länger nicht mehr da. Früher kam sie regelmäßig. Zweimal die Woche war sie bestimmt da. Vielleicht vermisst er sie ja? Julia ist doch die Kurzform von Juliane.«
»Das wäre natürlich auch eine Möglichkeit«, sagte Siebels nachdenklich.
Till bekam Antwort von Anna Lehmkuhl. Drei tote Körper lagen noch auf Edelstahltischen in ihrem Wartezimmer. Kinobesuch noch ungewiss. Till seufzte leise.
»Wissen Sie, wo ich diese Julia finden kann?«
Till schaute Siebels ungläubig an. Da war definitiv kein Fall. Nur ein verwirrter alter Mann. Aber Siebels schien sich festbeißen zu wollen.
»Nein, tut mir leid. Sie studiert Architektur. Alle seine Enkel studieren Architektur. Ist das nicht merkwürdig? Der alte Herr Silber war Architekt. Seine beiden Söhne sind Architekten und seine Enkelkinder wollen auch alle Architekten werden. Jeder Mensch hat doch andere Begabungen. Es gibt doch kein Architektur-Gen.«
»Mein Vater hatte eine Kneipe«, gestand Siebels und konnte es nicht lassen, sich noch eine Zigarette anzustecken.
»Du bist in einer Kneipe aufgewachsen?«, fragte Till ungläubig nach.
»Jedenfalls habe ich als Junge da oft ausgeholfen. Gläser gespült und Fußboden gewischt. Was hat dein Vater denn gemacht?«
»Der war Volkspolizist und mein großes Vorbild.«
»Jetzt bin ich dein Vorbild.«
Till wendete sich an Jana Mangold. »Können Sie meinem Vorbild hier bitte noch mal klipp und klar erklären, dass die Aussage von Herrn Silber aufgrund von dessen geistigem Zustand von der Mordkommission nicht weiterverfolgt werden muss.«
»Vor Gericht hätte seine Aussage jedenfalls kein Gewicht«, versuchte Jana Mangold sich diplomatisch aus der Affäre zu ziehen. »Ich muss jetzt auch los, ich habe noch einen Termin. Haben Sie noch Fragen?« »Nein. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Vielleicht besuche ich Herrn Silber aber noch mal in den nächsten Tagen.«
»Das würde mich freuen. Vielen Dank für den Kaffee.« Jana Mangold gab erst Siebels und dann Till die Hand. »Eine Harley passt wirklich besser zu Ihnen«, sagte sie zu Till, bevor sie sich auf den Weg machte.
3
Siebels bestellte noch zwei Kaffee. »Heute machen wir uns mal einen ganz gemütlichen Tag«, sagte er entspannt zu Till.
»Und besuchen dann ganz entspannt diese Julia Silber und dann das Architekturbüro Silber und dann den Herrn Otto Silber im Heim?«
»Hast du was anderes vor?«
»Ich habe noch ein paar Berichte zu schreiben und wollte mal wieder auf den Schießstand.«
»So etwas macht man bei Regenwetter«, winkte Siebels ab.
»Du bist heute irgendwie anders«, stellte Till fest.
»Ich ruhe in mir.«
»Ich bin echt froh, wenn die Hochzeit vorbei ist und alles wieder seinen gewohnten Gang geht«, seufzte Till.
Siebels lächelte nur selig vor sich hin. Er behielt seinen zufriedenen Gesichtsausdruck auch bei, als sich sein Handy mit dem Lied von Pippi Langstrumpf meldete. Till tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Stirn. »Wer hat dir diesmal den Klingelton ausgesucht?«, fragte er gespielt genervt.
»Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt«, sang Siebels heiter im Duett mit seinem Handy, bevor er den Anruf entgegennahm.
»Ich habe was gefunden«, ließ Charly ihn wissen.
»Ich auch. Und zwar die Ruhe in mir selbst. Und was hast du gefunden?«
»Das Ende deiner Ruhe«, sagte Charly und klang so, als meine er es ernst. »Im Archiv bin ich auf eine Akte gestoßen, die zu der Aussage von unserem greisen Herrn Silber passen könnte. Ein ungeklärter Mord vom August 1960.«
»Das ist ja über fünfzig Jahre her. Da gibt es noch Akten?«
»Gibt es. Wenn man weiß, wo man suchen muss. Und wenn man keine Stauballergie hat.«
»Und? Was steht drin in der Akte?«
»Das Mordopfer hieß Juliane Mangold. Und damit passt die Akte zur Aussage von unserem Herrn Silber. Also pass auf: Juliane Mangold wurde am 15. August 1960 in ihrer Wohnung in Oberrad erschlagen. Sie wurde nur 22 Jahre alt. Es gab anscheinend keine einzige heiße Spur. Keine verwertbaren Zeugenaussagen, kein gar nichts. Aber Juliane Mangold hatte eine Tochter. Silvia Mangold. Die war damals gerade mal zwei Jahre alt. In der Akte wurde nachträglich eingetragen, dass das Kind von den Großeltern aufgenommen wurde. Von den Eltern der Ermordeten.«
»Von Otto Silber steht nichts in der Akte? Keine Zeugenaussage?«
»Nein, nichts.«
»Aber er hat mit der Polizei gesprochen, hat er gesagt. Jedenfalls hat er was von einem Inspektor gesagt.«
»Inspektor? Der ermittelnde Beamte war damals ein gewisser Kommissar Heuerbach. Inspektoren gab es bei uns auch damals nicht. Vielleicht hat der gute Herr Silber früher zu viel Inspector Columbo im Fernsehen geschaut und bringt das jetzt durcheinander?«
»Mag sein«, überlegte Siebels. »Bring die Akte bitte in mein Büro. Ich melde mich später bei dir.«
90 Tage vor Roberts Tod
Beim Loserknutschen hatte ich den Hauptpreis gewonnen und lag nun neben Julia in ihrem Bett. Wir lebten sorglos in den Tag hinein und vergaßen alles, was wir uns eigentlich für diesen Tag vorgenommen hatten. Wir küssten uns, alberten herum, machten eine Kissenschlacht, stiegen zusammen unter die Dusche, frühstückten gemütlich und legten uns dann wieder ins Bett. Julia trug nur ein knappes Höschen, ich hatte gar nichts an und auch nichts Frisches dabei. Aber das war auch nicht nötig. Um die Mittagszeit lagen wir bäuchlings nebeneinander und betrachteten uns Fotos auf Julias Laptop. Hauptsächlich Familienfotos. Ich hatte Julia gefragt, ob sie Foto-Alben hätte. Habe ihr gesagt, dass ich mir ihr Leben gerne von Anfang an betrachten würde. Von den ersten Säuglingsbildern über die Fotos von glücklichen Kindheitstagen. Bilder von der Einschulung, von den ersten Schulfreundinnen, vom ersten Abschlussball der Tanzschule. Schnappschüsse von wilden Partys während der Abiturzeit und Urlaubsbilder vom Strand. Julia hatte tatsächlich Unmengen von Fotos auf ihrem Laptop gespeichert und gab nun kichernd ihre Kommentare dazu ab. Sie war auf fast allen Fotos zu sehen. Julia liebte die Kamera und die Kamera liebte Julia. Sie wirkte immer heiter und schien unentwegt zu lachen. Neben Julia betrachtete ich mir mit großer Neugier auch die anderen Frauen auf den Bildern. Julias Mutter Eva Silber war eine attraktive Frau. Aber ihr fehlte die Unbekümmertheit und Lebensfreude, die ihre Tochter unentwegt ausstrahlte. Glücklich sah sie immer dann aus, wenn sie allein mit ihrer Tochter abgelichtet wurde. Als Julia noch klein war, zeugten die Fotos von einer glücklichen Familie. Robert, der drei Jahre älter war als seine Schwester, machte auch als Dreikäsehoch schon den Eindruck eines kleinen Arschlochs. Hinter seinem kindlichen Gesichtsausdruck verbarg sich schon früh das Gehabe eines nach Anerkennung und Bewunderung suchenden Menschen. Hartmut Silber, das Familienoberhaupt, war meist sichtlich stolz auf seine kleine Familie. Seinem Sohn Robert schien spätestens seit der Pubertät das Wort »Anführer« auf der Stirn geschrieben zu stehen. Wahrscheinlich hat sein Vater ihm das eingetrichtert. Weil er aber eben doch nicht zum Anführer geboren war, hat er sich zu einem schlechten und nur schwer erträglichen Schauspieler entwickelt. Ein Schauspieler, der nur eine Rolle spielt. Die Rolle des Anführers. Eine Rolle, in der er von seiner Familie und vielleicht von ein paar unterbelichteten Freunden zumindest oberflächlich akzeptiert wird. Eine Rolle, die ihm sein wahres Ich und seine Authentizität gestohlen hat. Seine Schwester ist das genaue Gegenteil. So wie sie jetzt neben mir lag, so offen und ohne jede Scheu, so wirkte sie schon zeit ihres Lebens. Ich fragte mich, ob ihre Mutter früher auch so unbekümmert war und erst nach einigen Ehejahren die nachdenkliche Miene bekommen hatte. Während ich mir Eva Silber auf dem Bildschirm betrachtete, küsste ich Julia sanft auf die Schulter. In Gedanken schmeckte ich schon die Haut ihrer Mutter, die ich bald kennen zu lernen gedachte.
Hauptsächlich auf den Bildern von Familienfeiern konnte ich mir Melanie und Max eingehend betrachten. Die Kinder von Hermann und Hannelore Silber unterschieden sich von Robert und Julia. Melanie machte immer einen sehr vernünftigen und erwachsenen Eindruck. Sie sah Julia etwas ähnlich, strahlte aber einen ganz anderen Charakter aus. Melanie war die Zielstrebige. Ihr fiel nicht alles vor die Füße, so wie ihrer Cousine. Sie steckte sich Ziele und setzte alles daran, diese auch zu erreichen. Warum sie wie alle Silbers auch Architektur studierte, war mir nicht ganz klar. Ich hätte sie eher als Ärztin oder Juristin gesehen. Sie war bestimmt nicht so leicht ins Bett zu kriegen wie Julia, aber das machte die Sache noch interessanter. Wenn man ihr Herz erst mal gewonnen hatte, ließe sich auch das Feuer der Leidenschaft in ihr entzünden, redete ich mir ein. Melanies Bruder Max war ebenfalls eher der zurückhaltende Typ. Er ließ seinem Cousin Robert immer den Vortritt und hielt sich selbst lieber im Hintergrund auf. Auf Max musste ich aufpassen. Er war am ehesten in der Lage, die Dinge zu durchschauen. Er war ein Skeptiker und Analytiker. Immer adrett gekämmt, immer mit Brille, immer gut gekleidet. Polohemden mit einem grünen Krokodil auf der Brust mochte er besonders gerne. Die Eltern der beiden machten einen langweilig konservativen Eindruck. Hermann Silber war zwei Jahre älter als sein Bruder Hartmut und seine Ehe mit Hannelore war eine Konstante in seinem Leben. Hannelore war nun Anfang fünfzig und sie hatte nichts an sich, was mich reizen könnte.
Als Julia den Laptop zuklappte, klappte sie auch das bisherige Leben der Familien Silber zu. Nun würde für die Silbers ein neues Zeitalter beginnen. Mit dieser Einsicht legte ich mich auf Julia, sah in ihre strahlenden Augen und drang seufzend in sie ein. Das Tor zur Familie Silber stand nun weit offen.
Siebels saß wieder hinter Till auf der Gold Wing. Das Architekturbüro Silber beherbergte seine Räumlichkeiten im Kettenhofweg im Frankfurter Westend. Die Fahrt auf der schweren Maschine dauerte wieder nur wenige Minuten. Der Kettenhofweg verlief parallel zur Bockenheimer Landstraße, welche die Alte Oper mit der Bockenheimer Warte verband, wo Siebels und Till eben noch gemütlich gesessen hatten. Als Till die Maschine durch den Kettenhofweg lenkte, wurde Siebels an einen alten Fall erinnert. In dieser Gegend hatte auch der Immobilienmakler Peter Arenz seine Büroräume gehabt. Dessen zwielichtige Assistentin Petra Schneider wurde während der Ermittlungen als Verdächtige in einem Mordfall gehandelt. Das hatte Till nicht davon abgehalten, mit der langbeinigen Blondine ins Bett zu steigen. Siebels versuchte diese alte Geschichte wieder zu vergessen und sich auf den Besuch im Architekturbüro Silber zu konzentrieren, als Till unvermittelt anhielt und sich zu Siebels umdrehte.
»Ob die Frau Schneider hier noch tätig ist?«, fragte er und zeigte auf das Haus, in dem sie früher gearbeitet hatte.
»Das willst du nicht wirklich wissen. Fahr weiter.«
Till zuckte mit den Schultern und ließ die Maschine wieder langsam anrollen. Nach wenigen hundert Metern waren sie an ihrem Ziel angekommen. Siebels stieg umständlich von dem Motorrad herunter und betrachtete sich den Hauseingang. Ein schlichtes, kleines Messingschild wies daraufhin, dass das Architekturbüro Silber im zweiten Stockwerk zu finden war. Till verstaute die Helme wieder in den Koffern neben der Sitzbank. Pippi Langstrumpf kündigte einen Anruf an. Siebels erkannte die Nummer von Staatsanwalt Jensen und verdrehte die Augen.
»Es gibt Arbeit, Siebels«, hielt sich der Staatsanwalt nicht lange mit Höflichkeitsfloskeln auf. »Ein gewisser Robert Silber wurde tot in seiner Wohnung aufgefunden. Wahrscheinlich mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen. Frau Lehmkuhl ist schon vor Ort. Die Spurensicherung auch. Es handelt sich wohl um einen Studenten der Fachhochschule. Architekturstudent, um genau zu sein.«
Siebels benötigte eine Weile, um das eben Gehörte in seinem Gehirn zu verarbeiten. »Wie war der Name des Toten?«, fragte er ungläubig nach.
»Silber. Silber wie Gold. Robert Silber. Wohnhaft im Musikantenweg.«
»Okay, wir sind schon unterwegs.« Siebels beendete das Gespräch. Er hatte jetzt nicht die Muße, dem Staatsanwalt zu erklären, dass er gerade auf dem Weg zu dem Vater des Opfers war.
»Was gibt es?«, fragte Till, der den verwirrten Gesichtsausdruck von Siebels nicht zu deuten wusste.
»Einen neuen Fall.« Siebels klärte Till auf.
»Wie lange ist er schon tot?«, wollte Till wissen.
»Weiß ich nicht. Warum?«
»Wenn es wirklich der Enkel von Otto Silber ist, steckt vielleicht doch etwas mehr hinter dem Auftauchen des verwirrten Mannes auf dem Präsidium.«
Siebels kam nicht umhin, sich eine Zigarette anzustecken. Nachdenklich zog er sich den Rauch in die Lunge. »Du meinst, der wahre Grund für das Auftauchen von dem alten Silber war der Mord an dessen Enkel?«
Till zuckte mit den Schultern. »Macht doch irgendwie Sinn, oder?«
»Und irgendwie auch nicht. Schließlich hat der alte Mann einen Mord gemeldet, der über fünfzig Jahre zurückliegt. Über seinen Enkel hat er kein Wort verloren.«
»Er ist dement. Vielleicht war der Mord an seinem Enkel der Auslöser für seine Reise zurück in die Vergangenheit?«
»Ruf Anna Lehmkuhl an und frage sie nach dem ungefähren Todeszeitpunkt. Und frage sie auch, ob schon jemand die Eltern verständigt hat. Wenn nicht, gehen wir jetzt erst mal da rauf und reden mit dem Vater.«
Till rief bei der Gerichtsmedizinerin Anna Lehmkuhl an, mit der er sich zwar in letzter Zeit regelmäßig traf, die er aber noch nicht als seine Freundin bezeichnete. Sein Plan war es, das am großen Tag von Siebels‹ Hochzeit zu ändern. Da wollte er endlich Nägel mit Köpfen machen. Anna Lehmkuhl war noch am Tatort. Sie wollte sich nicht festlegen, aber sie schätzte, dass der Todeszeitpunkt vor mindestens 24 Stunden eingetreten sei. Eher noch ein paar Stunden früher. Till gab die Information simultan an Siebels weiter.
»Also bevor uns Otto Silber aufgesucht hat«, überlegte Siebels laut.
»Wurden die Eltern des Opfers schon verständigt?«, fragte Till nach.
Davon wusste Anna Lehmkuhl nichts.
»Gib sie mir mal«, bat Siebels und nahm Till das Handy ab. »Hallo, Anna. Ist jemand von meinen Kollegen in der Nähe?« Siebels wurde an Polizeiobermeister Meier weitergereicht. »Hat schon jemand die Eltern des Opfers verständigt? Nein? Gut. Habt ihr schon persönliche Daten des Opfers? Ein Geburtsdatum zum Beispiel?« Siebels wartete einen Moment. Dann notierte er sich den 12. April 1984 als Geburtsdatum des Opfers Robert Silber. »Okay, Danke. Wir kommen etwas später, bis nachher.«
4
Hartmut Silber saß kreidebleich in seinem Bürostuhl. Siebels hatte ihm gerade die Nachricht vom Tod seines Sohnes Robert übermittelt. Zuvor hatte Siebels sich vergewissert, dass es sich tatsächlich um den Sohn von Hartmut Silber handelte. Der Architekt hatte bestätigt, dass Adresse und Geburtsdatum seines Sohnes mit den Daten des Opfers identisch waren. Hermann Silber war auch anwesend. Er stand hinter seinem Bruder und legte ihm tröstend die Hände auf die Schultern. Hartmut Silber war schlanker und trainierter als sein Bruder. Das lag nicht an den zwei Jahren Altersunterschied. Man merkte den beiden an, dass sie unterschiedliche Typen waren. Hermann Silber war schon ergraut, trug einen gepflegt gestutzten Vollbart und brachte einige Kilo zu viel auf die Waage. Hartmut Silber hatte zwar graue Schläfen, aber noch kräftiges dunkles Haupthaar. Unter dem Jackett trug er einen Rollkragenpullover, der ältere Bruder Hemd und Krawatte. Hartmut Silber saß völlig regungslos in seinem Stuhl und starrte durch Siebels hindurch.
»Können wir Ihnen ein paar Fragen stellen?«, fragte Siebels behutsam.
Hartmut Silber zeigte keine Reaktion. Hermann Silber ging zu einem der Büroschränke und holte eine Cognac-Flasche und zwei passende Gläser hervor. Sein Bruder nahm das gefüllte Glas entgegen und trank es in einem Zug aus. Dann richtete er seinen Blick auf Siebels.
»Warum? Wer? Haben Sie darauf Antworten?«
Siebels schüttelte den Kopf. Till lobte ihn immer für seine Einfühlsamkeit, die er in solchen Situationen zeigte. Aber Siebels kam sich immer völlig hilflos vor, wenn er vor den Angehörigen von Mordopfern stand, ihnen unvermittelt so eine Nachricht übermitteln und dann auch noch Fragen stellen musste. Außerdem musste er abschätzen, wie viel er zu diesem Zeitpunkt überhaupt schon preisgeben durfte. Seine Bekanntschaft mit dem Vater der beiden Brüder ließ er unerwähnt.
»Gibt es jemanden, mit dem Ihr Sohn Streit hatte?«, erkundigte sich Till.
»Streit?« Hartmut Silber schaute Till entgeistert an. »Jeder hat mal Streit mit irgendjemandem. Das ist doch kein Grund, gleich totgeschlagen zu werden.«
Siebels entnahm daraus, dass Robert öfter mal Streit hatte. In den meisten Fällen verneinten die Angehörigen diese Frage erst einmal. Till führte das Gespräch weiter. »Noch wissen wir nicht, was genau passiert ist. Es könnte auch ein Unfall gewesen sein oder eine Handlung im Affekt. So etwas passiert leider immer wieder, wenn es Streitigkeiten um Geld oder um eine Frau gibt.«
»Robert hatte weder Geldprobleme noch Frauengeschichten«, antwortete Hartmut Silber und schien gedanklich weit weg zu sein.
Hermann Silber goss die Cognacgläser noch einmal voll. »Wir müssen Eva verständigen«, sagte er leise und legte dabei seine Hände wieder auf die Schultern seines Bruders.
»Ich kann ihr das nicht sagen«, schluchzte Hartmut. »Alles, aber das nicht.«
»Wir fahren nach Hause, ich rufe Hannelore an«, bestimmte Hermann Silber und sein Blick sagte, dass Siebels und Till jetzt besser gehen sollten.
Siebels fragte sich, wann die Familie auch Otto Silber vom Tod seines Enkels informieren würde oder ob sie ihn überhaupt einweihen würden. Mit dem wollte er sich nämlich baldmöglichst noch mal unterhalten.
»Nur noch eine Frage«, bat Siebels. »Lebte Ihr Sohn in einer Beziehung?«
»Mein Neffe ist ledig«, antwortete Hermann Silber. »War ledig«, verbesserte er sich. »Er lebte allein in der Wohnung. Eine feste Freundin gab es in der letzten Zeit auch nicht. Robert hat gerade seinen Master in Architektur gemacht und sollte jetzt bei uns hier als Architekt einsteigen.«
Plötzlich sprang Hartmut Silber auf. »Ich will zu ihm. Ich will zu meinem Sohn. Ich will ihn sehen.«
»Das geht jetzt leider nicht«, beschwichtigte ihn Siebels. »Die Spurensicherung ist dort. Es kann jetzt niemand in die Wohnung. Wir melden uns bei Ihnen, sobald Sie ihn sehen können.«
»Lass uns nach Hause fahren«, sagte Hermann Silber und nahm seinen Bruder am Arm.
Eine halbe Stunde später betraten Siebels und Till die Wohnung im Musikantenweg. Es war eine typische Zweizimmer-Studentenbude. Im kleinen Wohnzimmer lag der Leichnam von Robert Silber. Die Männer, die den Leichnam in die Gerichtsmedizin transportieren sollten, warteten schon. Die Spurensicherung hatte ihre Arbeit bereits beendet und auch Anna Lehmkuhl wartete nur noch auf Siebels und Till.
»Gibt es Einbruchsspuren?«, wollte Siebels wissen.
»Nichts dergleichen«, ließ Polizeiobermeister Meier ihn wissen. »Die Nachbarn haben auch nichts gesehen und gehört. Es scheint auch nichts gestohlen worden zu sein. In seiner Geldbörse hatte er noch über 300 Euro. Computer, Flachbildfernseher, i-Phone, alles noch da.«
Siebels blickte zu Anna Lehmkuhl. »Ein einziger Schlag und er war sofort tot?«
Anna Lehmkuhl nickte. »Da hat jemand richtig zugeschlagen. Bei der Tatwaffe könnte es sich um einen Baseballschläger oder so etwas Ähnliches handeln. Wenn ich ihn auf dem Tisch habe, finde ich vielleicht Rückstände der Tatwaffe in seinem zertrümmerten Schädel.«
Siebels schaute sich im Zimmer um. In einer kleinen Vitrine waren einige Pokale aufgereiht, die Robert Silber beim Tennis gewonnen hatte. Im Bücherregal daneben standen hauptsächlich Fachbücher über Architektur. Siebels interessierte sich mehr für die kleine Auswahl an Romanen, die auf dem untersten Regal aufgestellt waren. »Marquise de Sade, Töchter der Lust, Die unersättliche Lady Theodora, Die Macht der Dominanz«, las Siebels vor.
»Vielleicht haben seine sexuellen Neigungen etwas mit seinem Tod zu tun«, mutmaßte Anna Lehmkuhl.
»Ich glaube eher, dass es ein dunkles Familiengeheimnis gibt«, sagte Siebels. »Aber wir müssen trotzdem prüfen, ob er sich nur auf die einschlägige Literatur beschränkt hat oder ob er in einer entsprechenden Szene aktiv war. Das wäre doch etwas für dich Till, oder?«
»Ich kenne mich mit so etwas nicht aus«, wehrte Till ab.
»Lies die Bücher, dann weißt du Bescheid«, sagte Anna Lehmkuhl und deutete auf das unterste Bücherregal.
»Klingt fast so, als hättest du diese Bücher schon alle gelesen«, konterte Till.
»Wer weiß?«, sagte Anna Lehmkuhl kokett und zwinkerte Till zu. »Ich rufe dich an, wenn ich Feierabend mache.« Dann nahm sie ihren Koffer und verließ die Wohnung.
»Was war das denn jetzt?«, fragte Till verwirrt.
»Vielleicht bist du ihr nicht dominant genug«, erwiderte Siebels.
»Blödsinn«, sagte Till mit entschiedener Stimme und musterte dann noch einmal heimlich die Buchrücken.
Die letzten Männer, die noch von der Spurensicherung vor Ort waren, machten sich nun auch auf den Weg. Siebels betrachtete sich ausgiebig den Leichnam. Dann gab er ein Zeichen, dass die Leiche abtransportiert werden könne. Robert Silber wurde in einen Blechsarg gelegt und aus dem Haus getragen. Nun waren außer Siebels und Till nur noch Polizeiobermeister Meier und dessen Kollegin Sandra Brehm anwesend. Die beiden warteten in der kleinen Küche.
»Wer hat ihn denn gefunden?«, wollte Siebels wissen.
»Seine Schwester. Julia Silber.«
»Ach, das ist ja interessant. Und wo ist sie jetzt?«
Meier zuckte mit den Schultern und deutete auf seine Kollegin. »Sie hat kurz mit Sandra gesprochen, als wir eintrafen. Danach war sie verschwunden.«
»Ich habe ihre Personalien aufgenommen«, sagte Sandra Brehm.
»Und sonst? Hat sie irgendwas gesagt? In welchem Zustand war sie?«
»Sie war völlig durcheinander und wollte zu ihrer Mutter. Sie hat einen Schlüssel für die Wohnung. Als ihr Bruder nicht geöffnet hat, hat sie die Tür aufgeschlossen und ihn dann gefunden. Sie hat über den Notruf einen Notarztwagen kommen lassen. Die konnten aber nichts mehr tun und haben uns dann verständigt.«
Siebels schaute Till an. »Dann hat Frau Silber schon davon gewusst, bevor wir vorhin mit ihrem Mann gesprochen haben. Anscheinend hat ihn weder seine Frau noch seine Tochter informiert. Merkwürdig.«
»Können wir gehen?«, fragte Meier. »Unsere Schicht ist lange vorbei.«
»Ja, ja. Danke, dass ihr so lange auf uns gewartet habt. Wie viele Zeugenaussagen gibt es?«
»Drei der Nachbarn haben wir angetroffen. Von denen wusste aber niemand etwas zu berichten.«
»Okay, Namen und Aussagen brauche ich trotzdem schnellstmöglich.«
»Hast du morgen früh auf dem Tisch liegen. Viel Erfolg.«
»Und jetzt?«, fragte Till, als auch Meier und Sandra Brehm von der Bildfläche verschwunden waren.
»Du stattest Jana Mangold noch einen Besuch ab. Frag sie noch mal nach dieser Juliane Mangold, die 1960 erschlagen worden ist. Das kann ja wohl alles kein Zufall sein. Die hat uns heute Vormittag doch etwas verschwiegen. Und ich fahre in die Seniorenresidenz und versuche ein vernünftiges Gespräch mit Otto Silber zu führen. Ich nehme jetzt die U-Bahn.«
83 Tage vor Roberts Tod
Eva Silber besuchte zweimal in der Woche das Fitnessstudio. Sie hielt sich in Form, das sah man ihr an. Vielleicht schwitzte sie auch nur ihren Verdruss heraus. Den Verdruss des Alltags. Zwei erwachsene Kinder, eine Ehe, die ihre besten Tage hinter sich hatte, ein dementer Schwiegervater, genug Geld zum Ausgeben und zu wenig Träume zum Verwirklichen. Nach meiner emotionalen Kalkulation war sie für Schmeicheleien mehr als anfällig. Zum Glück hatte sie sich kein reines Frauenstudio ausgesucht. Vielleicht war es auch kein Glück, sondern die Sehnsucht einer reifen Frau, Männerblicke auf sich zu lenken. Meine Blicke waren ihr gewiss. Ich hatte mich für ein dreimonatiges Probetraining angemeldet und ging nun seit drei Wochen zur gleichen Zeit wie Eva Silber ins Studio. Dienstags und donnerstags von 16:00 bis 18:00 Uhr. Heute trug sie eine hautenge pfirsichfarbene Gymnastikhose und ein hellgrünes Top. Sie sah gut aus, wie sie da auf dem Ergometer strampelte. Ich stemmte mein Gewicht noch ein paarmal in die Höhe, dann pirschte ich mich an meine Beute. Ich setzte mich auf das Ergometer neben sie und fing ebenfalls mit dem Strampeln an. Nach wenigen Minuten fing ich an zu keuchen. Eva Silber schaute stur geradeaus und konzentrierte sich auf ihren Rhythmus.
»Sie sind ziemlich fit, wie lange machen Sie das schon?«, fragte ich sie und keuchte strampelnd weiter.
Eva Silber schaute kurz zu mir herüber. »Seit drei Jahren. Als ich angefangen habe, habe ich auch so gekeucht.«
»Eigentlich würde ich Ihnen lieber zuschauen, als mich hier abzuquälen«, sagte ich und schenkte ihr mein schönstes Lächeln. Die Frauen konnten meinem Lächeln noch nie widerstehen. Sympathisch, jungenhaft, charmant, lausbubenhaft, waren die Attribute, die man mir bescheinigte, wenn ich lächelte.
»Flirten Sie gerade mit mir?«, fragte sie mich, ohne dabei eine Miene zu verziehen.
»Wäre das schlimm?«, fragte ich unschuldig.
»Sie könnten mein Sohn sein.«
»Ich unterhalte mich gerne mit reifen Frauen. Aber sagen Sie jetzt nicht, ich hätte einen Mutterkomplex.«
»Das bekommen Sie wohl öfter zu hören?«
»Vielleicht finde ich Sie einfach auch nur sehr attraktiv«, murmelte ich etwas schüchtern vor mich hin.
»Nur vielleicht?« Sie stellte ihre sportlichen Bemühungen ein und betrachtete mich mit einem belustigten Blick.
»Jedenfalls würde ich Sie gerne etwas näher kennen lernen und auf einen Drink einladen«, ging ich in die Offensive.
»Ich bin aber verheiratet.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Ich nicht«, sagte ich grinsend.
»Treffen wir uns in einer halben Stunde am Ausgang«, sagte sie dann und überraschte mich doch etwas mit dieser Zusage.
»Sein Enkel wurde ermordet«, berichtete Siebels Roswitha Hebenstein, der Leiterin der Seniorenresidenz. »Glauben Sie, Herr Silber kann diese Nachricht geistig aufnehmen?«
»Das ist ja furchtbar. Vielleicht sollte ihm das aber besser einer seiner Söhne sagen. Finden Sie nicht?«
»Vielleicht. Aber ich ermittele jetzt in dem Mordfall Robert Silber. Und in dem Zusammenhang steht nun auch die Aussage von Herrn Otto Silber, nämlich der gemeldete Mord an einer gewissen Juliane. Und dazu gibt es in der Tat einige offene Fragen. Wir haben nämlich mittlerweile einen ungeklärten Mordfall aus dem Jahr 1960 ausgegraben. Opfer war ein junges Mädchen. Sie hieß Juliane Mangold.«
»Ach du meine Güte. Und jetzt glauben Sie wirklich, dass die Aussage von Herrn Silber auf Tatsachen beruht?« Roswitha Hebenstein blickte Siebels ratlos an. »Mangold? So wie unsere Jana?«
»So wie Ihre Jana. Ich habe heute Vormittag mit Jana Mangold gesprochen. Leider habe ich erst danach von dem ungelösten Fall Juliane Mangold erfahren. Jana Mangold hat aber keinerlei Reaktion gezeigt, als ich ihr von der Aussage von Herrn Silber erzählt habe.«
»Nun ja, das wird wohl ein Zufall sein. Mangold ist ja ein Name, der häufiger vorkommt.«
»Das sind mir aber zu viele Zufälle. Erst erscheint Otto Silber auf dem Präsidium und erinnert sich nach fünfzig Jahren wieder an diesen alten Mord, dann bekomme ich den Mordfall Robert Silber auf den Tisch und obendrein hat Otto Silber hier auch noch eine Pflegerin, die den Nachnamen des damaligen Opfers führt. Juliane Mangold und Robert Silber wurden beide erschlagen. Ich befürchte, es gibt da einen Zusammenhang und Otto Silber ist das Bindeglied zwischen Jana und Juliane Mangold.«
»Aber wenn Jana sich doch nicht dazu geäußert hat.«
»Dann macht mich das sehr nachdenklich. Kann ich mich jetzt mit Herrn Silber unter vier Augen unterhalten?«
»Sie können es versuchen. Ob etwas dabei herauskommt, wage ich zu bezweifeln. Seitdem Sie ihn uns von seinem Ausflug zurückgebracht haben, ist er sehr durcheinander. Kommen Sie, ich bringe Sie zu seinem Zimmer.«
Till hatte mehrmals an der Haustür geklingelt. Jana Mangold schien nicht zuhause zu sein. Die Falkstraße war eine beruhigte Wohnstraße, auf dem gegenüberliegenden Schulhof spielten ein paar Jungs Fußball. Till trat zwei Schritte von der Haustür zurück und betrachtete sich die Fassade des Wohnhauses. Kleine Balkone standen hervor. Jana Mangold musste laut Klingelschild im zweiten Stockwerk wohnen. Auf keinem der Balkone war jemand zu sehen. Till wollte gerade gehen, als sich die Haustür öffnete. Ein kleines Mädchen versuchte sein Fahrrad durch die Tür zu schieben. Till hielt ihr die Tür auf. Das Mädchen bedankte sich artig, stieg auf das Fahrrad und fuhr in Schlangenlinien über den Bürgersteig. Till ging ins Haus und hinauf in die zweite Etage. Mangold stand an der rechten Tür. Das Türschloss war aufgebrochen und die Tür stand einen Spalt weit offen. Till blieb regungslos vor der Tür stehen. Seine Hand bewegte sich langsam zu seiner Dienstwaffe. Es war gegen die Vorschrift, allein die Wohnung zu betreten. Wenn Jana Mangold drinnen war, benötigte sie vielleicht schnellstens Hilfe. Till dachte nach. Er hatte mehrmals von unten geklingelt und bestimmt fünf Minuten gewartet. Wenn noch jemand in der Wohnung war, war er gewarnt. Wenn dieser Jemand am Fenster stand, wusste er, dass Till jetzt im Haus war. Till konzentrierte sich ganz auf sein Gehör, aber aus der Wohnung war kein Laut zu hören. Er nahm seine Pistole in beide Hände und schubste die Tür mit dem Fuß noch ein Stück weit auf. Durch den Türspalt war niemand zu sehen. Till betrat die Wohnung. Jederzeit bereit, von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Links von ihm lag das Bad. Die Tür stand halb offen, es war niemand drinnen. Geradeaus ging es zum Wohnzimmer. Rechts ins Schlafzimmer. Neben dem Bad gab es noch eine kleine Küche. Till öffnete die Tür zum Schlafzimmer. Jemand schien etwas gesucht zu haben. Sämtliche Kleidungsstücke waren aus dem Kleiderschrank geräumt und auf dem Fußboden verteilt. Till machte zwei schnelle Schritte zum Wohnzimmer und hielt die Pistole mit ausgestreckten Armen und dem Finger am Abzug. Erleichtert atmete er durch, als er niemanden antraf. Hier sah es noch schlimmer aus als im Schlafzimmer. Möbelstücke waren umgeworfen, die Schrankinhalte über den ganzen Fußboden zerstreut. Eine Stehlampe war zu Bruch gegangen. Till inspizierte noch die Küche. Er war allein in der Wohnung.
Otto Silber saß in seinem Fernsehsessel und betrachtete sich eine Kochsendung. Siebels stand einen Moment mit Roswitha Hebenstein an der Türschwelle. Herr Silber hatte von seinem Besuch noch keine Notiz genommen.
»Sie haben Besuch, Herr Silber«, versuchte die Heimleiterin seine Aufmerksamkeit zu wecken. Sie bekam keine Reaktion. Auf dem Bildschirm hackte ein prominenter Sportler auf eine Gurke ein. Der Fernsehkoch lobte ihn. Otto Silber schien sich aber in einer ganz anderen Welt aufzuhalten. Siebels betrat das Zimmer und stellte sich vor den Fernseher.
»Guten Abend, Herr Silber. Erinnern Sie sich noch an mich?«
Otto Silber drehte erst seinen Kopf und dann den Knopf an seinem Hörgerät. »Abendessen?«
»Abendessen gab es doch schon, Herr Silber. Sie haben Besuch.«
»Sie suchen ein Buch?«, fragte Otto Silber mit lauter Stimme nach.
»Besuch«, sagte die Heimleiterin mit genauso lauter Stimme und ließ Siebels mit Otto Silber allein.
»Erinnern Sie sich an mich?«, fragte Siebels ein zweites Mal und diesmal ebenso laut.
»Warum schreien Sie denn so? Ich bin doch nicht taub. Wer sind Sie überhaupt?«
»Sie waren gestern in meinem Büro. Auf dem Polizeipräsidium. Erinnern Sie sich wieder?«
Otto Silber dachte angestrengt nach. Aber anscheinend wusste er nicht, wovon Siebels sprach.
»Ich komme wegen der Juliane«, startete Siebels einen neuen Versuch.
»Die Juliane!« Otto Silber beugte sich nun neugierig zu Siebels. »Ist sie auch da, die Juliane?«
Siebels wusste nicht so recht, ob er jetzt die verstorbene Juliane meinte oder eher seine Pflegerin Jana. Oder vielleicht doch eher seine Enkelin Julia.
»Die Juliane, die ermordet wurde«, sagte Siebels mit ernstem Gesichtsausdruck.
Otto Silber schaute Siebels eindringlich an, ohne etwas zu sagen. Dann quoll eine Träne aus seinem Auge und rann seine Wange herunter. »Ja. Die Juliane ist tot. Ich weiß. Wann ist denn die Beerdigung?«
Siebels setzte sich und betrachtete sich seinen Gesprächspartner. Irgendwie konnte er verstehen, dass die Angehörigen das Interesse an regelmäßigen Besuchen verloren.
»Wie haben Sie und die Juliane sich denn kennen gelernt?« Siebels hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, ein Stück blauen Himmel im Kopf von Otto Silber zu finden.
Otto Silber grinste. »Ein fesches Mädel, die Juliane. Ich bin ja Architekt, müssen Sie wissen. Und da stand die Juliane eines Tages in meinem Büro und hat nach Arbeit gefragt. Sie suchte eine Stelle als Sekretärin. Hübsch war sie. So ein hübsches Mädchen. Ich habe sie mir angeschaut und dann habe ich sie eingestellt. Dabei hatte ich gar keine Arbeit für sie.« Otto Silber nickte zur Bestätigung heftig mit dem Kopf. Siebels schaltete den Fernseher aus. Er hatte Otto Silber unter ein helles Stück Himmel geführt. Wahrscheinlich war es die schönste Zeit im Leben des alten Mannes gewesen. 1958 hatte er sein Architektenbüro eröffnet. Zwei Jahre später starb Juliane Mangold und hinterließ eine zweijährige Tochter. Siebels ahnte, dass alle Fragen, die ihm jetzt auf der Zunge lagen, außerhalb des Stückes blauen Himmels von Otto Silbers Horizont lagen. Eine ermordete Geliebte, möglicherweise eine uneheliche Tochter und eine Ehefrau, die er nie geliebt hatte. Siebels legte sich seine Fragen behutsam zurecht.
»Da haben Sie aber bestimmt nichts anbrennen lassen, bei der feschen Juliane«, sagte er dann kumpelhaft und lachte wissend.
Otto Silber schien sie genau vor sich zu sehen, seine Juliane. »Ich habe sie doch geliebt. Mein Gott, wie sehr habe ich sie geliebt. Aber dann kam sie nicht mehr. Ich saß im Büro und habe auf sie gewartet. Eine ganze Woche lang saß ich da, habe aus dem Fenster geschaut und auf sie gewartet. Dann kam der Inspektor und hat so viele Fragen gestellt. Sie sei tot, die Juliane, hat er gesagt.« Otto Silber schaute Siebels verzweifelt an, hob die Arme, um sie gleich wieder entmutigt fallen zu lassen.
Siebels begriff langsam. Otto Silber hatte nie erfahren, was mit seiner großen Liebe geschehen war. Wahrscheinlich wurde er damals sogar des Mordes verdächtigt. Es war Zeit, die Frau von Otto Silber kennen zu lernen. »Die Jana, die mögen Sie aber auch sehr, nicht wahr?«, versuchte Siebels den Bogen in die Gegenwart zu spannen.
Der Gesichtsausdruck von Otto Silber verfinsterte sich. Er griff nach seinem Stock, der neben ihm stand. »Wo ist sie denn, die Jana? Haben Sie ihr etwas angetan? Haben Sie sie erschlagen?« Otto Silber wurde wütend und fing an, mit seinem Stock nach Siebels zu schlagen. »Jana«, rief er laut und verzweifelt. »Jaaaanaaa. Wo bist du?«
»Beruhigen Sie sich, Herr Silber. Jana hat Urlaub. Sie kommt in ein paar Tagen wieder.«
»Lügen Sie mich nicht an«, schrie Otto Silber. Ein Speichelfaden hing an seinem Mundwinkel. »Sie haben meine Jana totgehauen. Mörder!«
Otto Silber schlug immer heftiger mit seinem Stock aus. Er zertrümmerte seine Schreibtischlampe und traf Siebels am Arm. »Jaaanaa«, schrie er jetzt hysterisch. Siebels flüchtete sich in eine Ecke des Zimmers. Die Tür ging auf und Frau Hebenstein kam mit einem Pfleger herein. Der Pfleger kümmerte sich um Herrn Silber und Frau Hebenstein führte Siebels aus dem Zimmer.
Fluchend und rauchend stand Siebels kurz darauf auf dem Parkplatz der Seniorenresidenz. Er hatte es vermasselt. Er hatte aber auch keine Ahnung, wie er es besser hätte anstellen können. Das Lied von Pippi Langstrumpf meldete einen Anruf von Till. Siebels hörte rauchend zu, was Till ihm berichtete. »Ein gewöhnlicher Einbruch? Oder hat da jemand ganz gezielt etwas gesucht?«
»Woher soll ich das wissen?«
»Was sagt denn dein Polizistengefühl?«
»Das sagt mir, dass sich gerade ganz schwarze Wolken über deiner glanzvollen Hochzeit breitmachen.«
Siebels schaute auf die Uhr. Er hätte schon längst wieder zuhause sein sollen, um sich um die letzten Vorbereitungen zur Feier zu kümmern. »Gibt es vielleicht Kampfspuren? War sie da, als die Wohnung durchsucht worden ist?«
»Blutspuren gibt es keine. Soll ich die Spurensicherung kommen lassen?«
»Ja, auf jeden Fall. Und zwei Kollegen sollen sich vor dem Haus postieren. Ich will sofort Bescheid haben, wenn sie auftaucht. Der alte Herr ist eben total ausgeflippt, als ich ihn nach Jana Mangold gefragt habe. Ich gehe jede Wette ein, dass er ihr leiblicher Opa ist.«
»Ist das dann ein Zufall, dass sie ihn als Pflegerin im Heim kennen lernt?«
»Wenn ich das wüsste. Wir müssen rauskriegen, was aus der Tochter von Juliane Mangold geworden ist. Janas Mutter, wenn wir nicht völlig danebenliegen.«
»Verrennst du dich da nicht? Unser Fall heißt jetzt Robert Silber. Selbst wenn der ein Cousin von Jana Mangold ist, wusste er das wahrscheinlich gar nicht.«
»Er vielleicht nicht. Aber Jana Mangold weiß mit Sicherheit viel mehr, als sie uns Glauben machen wollte. Vielleicht ist sie ja jetzt bei ihrer Mutter untergekrochen. Darum kümmern wir uns morgen als Erstes. Eigentlich müsste ich jetzt Feierabend machen. Sabine erwartet mich schon.«
»Sie schöpft bestimmt schon Verdacht«, vermutete Till.
»Sie war ja auch eine erstklassige Polizistin. Sogar unser werter Herr Staatsanwalt hat sich lobend über ihre Arbeit ausgelassen. Deswegen zeigt sie bestimmt auch Verständnis, wenn ich mal etwas später heimkomme. Wir zwei sollten heute Abend nämlich der Familie Silber noch einen Besuch abstatten.«
5
83 Tage vor Roberts Tod
Eva bestellte sich einen alkoholfreien Cocktail. Die Bar, in die wir gegangen waren, lag nur wenige Gehminuten von dem Fitnessstudio entfernt. »Was treibt einen jungen, schlanken Mann wie Sie ins Fitnesscenter? Warum spielen Sie nicht Fußball oder Handball?«, fragte sie mich.
»Der Grund sitzt vor mir«, antwortete ich leicht verlegen. »Wollen wir uns nicht lieber duzen?«
Eva stieß mit mir an. »Ich heiße Eva.«
»Justus«, stellte ich mich vor.
»Als ich jung war, hat man sich danach geküsst«, erklärte mir Eva und beugte sich zu mir. Ich kam ihr entgegen, unsere Lippen berührten sich kurz. »Warum baggerst du verheiratete, ältere Frauen an, Justus? Machst du das öfter?«
Eva war so herrlich direkt. Wahrscheinlich fühlte sie sich wegen des Altersunterschiedes mir gegenüber auch überlegen. Ich war sehr gespannt, was der Abend noch mit sich bringen würde. »Eigentlich nicht. Ich hatte noch nie etwas mit einer älteren Frau. Mit den jüngeren war es aber immer ziemlich langweilig, irgendwie.«
»Wie, irgendwie?« Eva genoss unser Gespräch.
Ich schaute Eva in die Augen und schwieg einen Moment. Suchte nach der richtigen Antwort. Eva hielt meinem Blick stand.
»Man kann mit reiferen Frauen viel interessantere Gespräche führen«, sagte ich verträumt.
Eva lächelte mich an. »Nur Gespräche führen?«, fragte sie provokant.
»Möchtest du mehr?«, fragte ich etwas schüchtern.
Eva legte ihre Hand auf meine, streichelte sanft über meinen Handrücken und zog ihre Hand nach wenigen Sekunden wieder zurück. »Vielleicht«, sagte sie und schaute mich verträumt an.
»Ich würde dich gerne öfter sehen«, gestand ich ihr.
»Du weißt ja, wo du mich findest. Ich muss jetzt los. Vielen Dank für die Einladung.« Eva erhob sich und verabschiedete sich von mir mit einem Küsschen auf die Wange. Ich schaute ihr noch eine Weile hinterher. Besser hätte es gar nicht laufen können, dachte ich mir und machte mich auch auf den Weg. Direkt zu Julia. Meine süße, kleine Julia erwartete mich bestimmt schon sehnsüchtig.
Die Familien Silber wohnten unter einem Dach. Idyllisch gelegen, im Frankfurter Stadtteil Praunheim, hatte Otto Silber das Haus ganz in der Nähe vom Flussufer der Nidda geplant. In einer kleinen Seitenstraße der Praunheimer Landstraße wohnte man fast noch dörflich ruhig inmitten der vom Fluglärm geplagten Stadt Frankfurt. Es waren nur wenige Gehminuten zum Buga-Gelände, das einst für die Bundesgartenschau genutzt wurde und jetzt als weitläufiges Erholungsgebiet für lange Spaziergänge diente. Im Eichwäldchen hieß die Straße, in der Otto Silber ein altes Haus auf großem Grundstück erworben hatte. Das Haus ließ er abreißen und ein neues, größeres errichten. Viele Jahre lebte er dort mit seiner Frau, seinen Söhnen, Schwiegertöchtern, Enkelinnen und Enkeln, bevor seine Familie ihm das kleine Zimmer in der Seniorenresidenz beschaffte. Im Erdgeschoss lebten Hartmut und Eva Silber. Die Kinder Robert und Julia waren jeweils ausgezogen, als sie mit ihrem Studium anfingen. Das erste Stockwerk bewohnten Hermann und Hannelore Silber, gemeinsam mit ihrer Tochter Melanie. Der Sohn Max lebte in einer Wohngemeinschaft mit zwei Freunden im Frankfurter Nordend. Almut Silber, die Frau von Otto Silber, residierte unter dem Dach. Im Haus gab es einen Aufzug, den Otto Silber wohlweislich für das Alter noch eingeplant hatte.
Till hatte seine Gold Wing am Präsidium abgestellt, sich den Dienstwagen genommen und damit Siebels an der Seniorenresidenz abgeholt. Jetzt standen sie neben dem geparkten Wagen auf der Straße Im Eichwäldchen vor dem Haus der Silbers. Nur im Erdgeschoss brannte Licht.
»Wahrscheinlich treffen wir jetzt alle zusammen an«, mutmaßte Siebels.
»Was machen wir jetzt eigentlich hier? Ermitteln wir ausschließlich im Mordfall Robert Silber oder auch im Fall Juliane Mangold und Jana Mangold?«
»Der Fall Juliane Mangold ist kein Fall, das ist bestenfalls ein verjährter Fall. Und Jana Mangold ist noch kein Fall und wird hoffentlich auch keiner werden. Aber unter den Teppich kehren können wir das auch nicht. Das hängt ja anscheinend alles irgendwie zusammen. Wir gehen jetzt rein und dann vertraue ich ganz meinem Bauchgefühl bei dem, was wir zur Sprache bringen.«
»Ich kann ja zwischendurch immer mal mein Ohr auf deinen Bauch legen und hören, was Sache ist. Damit ich keinen Fehler mache«, seufzte Till.
»Unterstehe dich«, ermahnte ihn Siebels und betätigte die Türklingel. Kurz darauf wurde die Tür von einer Frau geöffnet. Siebels und Till zeigten ihre Ausweise. »Frau Silber?«, erkundigte sich Siebels.
»Ja, ich bin Hannelore Silber. Sie wollen sicher zu Eva und Hartmut Silber, den Eltern von Robert.«
Hannelore Silber trug ein graues Kleid. »Unser Hausarzt hat Eva etwas zur Beruhigung gegeben, aber sie sitzt mit uns im Wohnzimmer. Kommen Sie bitte.«
Wie Siebels vermutet hatte, waren alle Familienmitglieder versammelt. Eva Silber saß auf einem Sessel. Sie wirkte erschöpft und man sah ihr an, dass sie in den letzten Stunden viel geweint hatte. Julia saß auf dem Fußboden neben dem Sessel und hielt die Hand ihrer Mutter. Auch ihr Gesicht zeugte von vielen vergossenen Tränen. Auf dem Sofa saßen Hartmut und Hermann sowie dessen Sohn Max. Auf dem zweiten Sessel thronte Almut Silber in einem dunkelblauen Samtkleid. Ihr weißes Haar trug sie hochgesteckt. Hinter ihrem Sessel stand Melanie.
»Die Herren sind von der Kriminalpolizei«, sagte Hannelore Silber. Alle Augenpaare richteten sich auf Siebels und Till. Nur Eva Silber nahm keine Notiz von ihnen.
Hermann Silber ging in die Küche und kam mit zwei Stühlen zurück. Siebels drückte den Familienangehörigen sein Beileid aus, bevor er sich setzte. Till murmelte etwas verlegen das Gleiche.
»Haben Sie schon etwas herausgefunden?«, wollte Hartmut Silber wissen.
»Nein, leider nicht. Die Ergebnisse der Spurensicherung liegen uns noch nicht vor. Wenn es DNA-Spuren vom Täter gibt, sind wir schon ein ganzes Stück weiter.«
»Und wenn nicht?«, fragte Hartmut Silber resigniert.
»Wir werden den Täter finden, da bin ich mir sicher.« Siebels schaute sich in der Runde um. »Haben Sie eigentlich Ihren Vater schon informiert?« Siebels richtete seine Frage an Hermann Silber.
»Der wohnt hier nicht mehr«, antwortete Almut Silber mit fester Stimme.
»Ich weiß. Er wohnt in der Seniorenresidenz Sonnenschein. Ich habe ihn schon kennen gelernt.«
»Dann wissen Sie ja auch, wie es um ihn steht. Er braucht seine Ruhe und muss den ganzen Tag über betreut werden. Wenn Sie Fragen haben, fragen Sie besser meine Söhne.«
»Ach ja? Ihr Mann kam aber zu mir. Er suchte mich im Präsidium auf.«
Almut Silber schaute Siebels verwundert an. »Er kam ins Präsidium? Er weiß doch noch gar nichts von der schrecklichen Sache. Oder doch?« Almut Silber blickte prüfend ihre Enkel an.
»Wir hätten Opa heute Abend herholen sollen«, sagte Julia.
»Rede keinen Unsinn, Kind. Schau dir deine Mutter doch an. Deinen Opa hätte sie nicht auch noch verkraftet.« Almut Silber machte deutlich, dass sie keine Widerrede duldete. »Wieso war er im Polizeipräsidium?«, fragte sie nach.
Siebels räusperte sich. »Er hat einen Mord gemeldet. Den Mord an Juliane Mangold.«
Die Familienmitglieder sahen sich gegenseitig an. Niemand wagte es, etwas darauf zu erwidern. Siebels hatte den Eindruck, dass alle Anwesenden Angst hatten, etwas zu sagen, was Almut missfiel.
»Er redet leider nur noch wirres Zeug«, kommentierte Almut Silber schließlich. »Dass er dafür aber zum Polizeipräsidium geht, gibt mir doch sehr zu denken. Ich werde gleich morgen mit der Heimleitung sprechen. Die können ihn doch nicht mutterseelenallein in der Gegend herumlaufen lassen. Nicht auszudenken, was er alles anstellen könnte, so ganz ohne Aufsicht. Wofür bezahlen wir eigentlich jeden Monat diesen Heimplatz? Doch wohl für seine Betreuung.«
»So wirres Zeug hat Ihr Mann aber gar nicht von sich gegeben. Der Mord, den er gemeldet hat, den gab es tatsächlich. Ein ungeklärter Mordfall, der vor über fünfzig Jahren geschehen ist.«
Hartmut Silber erhob sich von seinem Platz. »Na und? Mein Sohn ist tot. Er wurde ermordet. Nicht vor fünfzig Jahren, sondern hier und jetzt. Ich will wissen, warum. Und ich will wissen, wer es war. Und wenn Sie es nicht rausfinden, dann finde ich es heraus.«
»Wann waren Sie das letzte Mal in der Wohnung Ihres Sohnes?«, wollte Till wissen.
»Was?«, fragte Hartmut Silber. »Wieso?«
»Wissen Sie, für welche Bücher er sich interessiert hat?«
»Bücher? Was soll das jetzt? Er hat viele Bücher über Architektur gelesen. Er wollte Architekt werden.«
»Ja, er hatte einige Bücher zu diesem Thema. Und auch einige Bücher zu einem anderen Thema.«
Max Silber schaltete sich zaghaft in das Gespräch ein. »Ich denke, das gehört jetzt nicht hierher.«
Till wollte dem widersprechen, doch Siebels kam ihm zuvor. »Lassen wir das jetzt. Ich habe für heute nur noch eine Frage. Kennen Sie alle die Pflegerin von Otto Silber im Heim?«
»Das wird ja immer doller«, ereiferte sich Hartmut Silber. »Mein Sohn wird ermordet und die Polizei interessiert sich anscheinend nur für meinen dementen Vater. Was soll die Frage?«
»Sie heißt Jana, ist Anfang zwanzig, hat schwarzes langes Haar. Kennen Sie sie? Haben Sie jemals mit ihr gesprochen?«
»Ich kenne sie«, sagte Julia. »Ich habe mich ein paar Mal mit ihr unterhalten, wenn ich Opa besucht habe. Sie ist sehr nett.«
»Ich kann mich auch an sie erinnern«, meldete sich jetzt auch Hannelore Silber zu Wort. »Aber gesprochen habe ich nie mit ihr.«
Melanie und Max bestätigten ebenfalls, dass sie Jana schon gesehen hatten. Eva Silber blickte weiter teilnahmslos vor sich hin.
»Und Sie?«, wollte Siebels von Almut Silber wissen.
»Auf das Personal habe ich nie besonders geachtet. Wahrscheinlich habe ich sie mal gesehen, aber ich kann mich jetzt nicht an so eine Person erinnern.«
»Warum wollen Sie das wissen?«, fragte Hermann Silber.
Siebels legte sich seine Antwort wohlüberlegt zurecht. »Bei der jungen Frau wurde eingebrochen. Vielleicht ist ihr auch etwas zugestoßen. Es ist zwar nur eine vage Vermutung, aber wir wollen momentan noch nicht ausschließen, dass das mit dem Mord an Ihrem Sohn in Zusammenhang steht.«
»Das verstehe ich nicht«, sagte Hannelore Silber.
»Die Polizei macht nur ihre Arbeit«, erklärte ihr Hermann. »Otto ist der Opa von Robert und ein Patient von dieser Frau. Da es durch Otto eine Verbindung zwischen diesen beiden Fällen gibt, prüft die Polizei nun, ob es da Zusammenhänge gibt. Stimmt doch, oder?«
»Besser hätte ich es nicht erklären können«, bestätigte Siebels. Anschließend ließ er sich von allen Familienmitgliedern die Handynummern und Büronummern geben, bevor er mit Till das Haus wieder verließ.
Eine Stunde später betrat Siebels seine Wohnung. Es war bereits nach acht. Sabine Karlson saß im Wohnzimmer auf dem Sofa und war in ein Buch vertieft.
»Hallo, mein Schatz«, begrüßte Siebels sie.
Sabine schaute ihn wortlos an. Dann blickte sie wortlos auf ihre Uhr.
»Es ist etwas später geworden«, sagte Siebels erschöpft.
»Ein neuer Fall?«, fragte Sabine wie beiläufig.
»Ja, ein Student wurde erschlagen. Ich habe mit Till noch die Familie besucht. Eine große Familie, drei Generationen wohnen in einem Haus.«
»Warum hast du nicht angerufen? Ich habe dich schon vor drei Stunden erwartet.«
»Na ja, du weißt ja, wie das ist. Eines kommt zum anderen und dann ist der Tag schneller rum, als man gucken kann.«
»Ja, das kenne ich. Aber jetzt kannst du ja die Füße hochlegen und ein Bier trinken.«
»Oh ja. Genau das habe ich vor.«
»Und das Bett im Gästezimmer für deine Tochter baust du heute Nacht dann irgendwann auf?«
Siebels schaute entsetzt zu Sabine. »Wann kommt sie? Morgen?«
»Morgen Mittag, ja. Du hast deine Tochter völlig vergessen? Sie besucht dich seit drei Jahren zum ersten Mal und du vergisst es? Kannst du dich noch daran erinnern, dass wir in drei Tagen zum Standesamt wollen. Heiraten und so?«
»Ich denke an nichts anderes. Deswegen ist mir auch die Ankunft von Jenny kurzzeitig entfallen. Weißt du was? Ich kaufe morgen eine Luftmatratze.«
Sabine lächelte Siebels spitzbübisch an. »Jenny hat heute Mittag angerufen. Sie hat sich einen anderen Übernachtungsplatz ausgesucht. Sie will bei einer alten Freundin schlafen.«
»Schade. Ich hätte sie gerne ein paar Tage bei uns gehabt.«
»Ihr werdet auch so Zeit miteinander verbringen können. Ich hoffe, dein neuer Fall lässt das dann auch noch zu und du vergisst deine Tochter nicht gleich wieder.«
»Keine Sorge. Aber es ist ein komischer Fall. Es hat tatsächlich viel mit dem Vergessen zu tun.«
Mittwoch - Zweiter Tag nach Roberts Tod
Siebels blätterte in der alten Akte Juliane Mangold. Auf seinem Schreibtisch dampfte eine Tasse Kaffee. Juliane Mangold wurde in ihrer Zweizimmerwohnung im Frankfurter Stadtteil Oberrad aufgefunden. Todesursache war ein Schlag auf den Kopf mit einem Hammer. Der Hammer lag in einer Blutlache neben ihrer Leiche. Gefunden wurde die Leiche von einer Nachbarin, ebenfalls einer jungen Frau. Sie hatte einen Zweitschlüssel zur Wohnung und wurde stutzig, weil die zweijährige Silvia Mangold stundenlang brüllte. Das Kind lag unversehrt in seinem Bettchen, die Leiche der Mutter lag in der kleinen Küche. Niemand im Haus hatte etwas gesehen oder gehört. Der Todeszeitpunkt wurde zwischen 12:00 und 14:00 Uhr datiert. Um 20:00 Uhr hat die Nachbarin nach dem Rechten gesehen und die tote Juliane Mangold auf dem Küchenfußboden gefunden. Ihre Tochter Silvia wurde später von Julianes Eltern aufgenommen. Helene und Rudolf Mangold lebten damals in Wiesbaden. Rudolf Mangold arbeitete als Sachbearbeiter bei der Stadt Wiesbaden. Seine Frau Helene war Hausfrau. Die beiden hatten kein gutes Verhältnis zu ihrer Tochter gehabt und der Kontakt war abgebrochen, nachdem Juliane mit siebzehn Jahren von zuhause ausgezogen war. Der Vater von Silvia Mangold war unbekannt.
»Guten Morgen.« Till legte Helm und Nierengurt auf dem Besucherstuhl ab und hängte seine Jacke über die Lehne.
»Guten Morgen. Ich lese gerade die Akte Juliane Mangold.«
»Steht was Interessantes drin?«
»Silvia Mangold heißt das Zauberwort. Die damals zweijährige Tochter von Juliane Mangold. Hier lies selbst.« Siebels schmiss die Akte auf den Schreibtisch von Till.
»Wer war denn der Vater?«, wollte Till wissen.
»Welchen Teil von: Hier lies selbst, hast du nicht verstanden? Ich gehe mal rüber zu Charly und bringe ihm einen von mir höchstpersönlich gekochten Kaffee vorbei. Du hast also Zeit, dich intensiv mit der Akte auseinanderzusetzen. Wenn ich zurück bin, überlegen wir, wie wir weiter vorgehen.«
83 Tage vor Roberts Tod
Nach meinem kleinen, aber vielversprechenden Rendezvous mit Eva Silber machte ich es mir im Bett von Julia bequem. Ich hatte noch den Duft von Evas Parfum in der Nase, als ich Julia zwischen ihren Schenkeln schmeckte. Ich war im Liebesrausch und betört von den Silberfrauen. Es war erst unsere zweite Nacht, aber Julia vergnügte sich mit mir ohne Scheu und Hemmungen.
»Fast hätte ich einen großen Fehler gemacht auf der Erstsemesterparty«, verriet ich Julia.
»Welchen denn?«, fragte sie neugierig, als wir nach dem Liebesakt nebeneinanderlagen.
»Mein Interesse galt zwar zuerst dir, aber nachdem ich euch eine Weile beobachtet hatte, fixierte ich mich mehr auf Melanie.«
»Melanie?« Julia kicherte. »Bei ihr hättest du es wahrscheinlich nicht so einfach gehabt.«
»Das glaube ich auch. Aber ich hätte es trotzdem geschafft«, erklärte ich scherzhaft.
»Warum hast du dein Interesse erst von mir auf Melanie gelenkt und bist dann doch wieder bei mir gelandet?«
»Wegen deinem Bruder. Ich war mir sicher, dass er mich nervt, wenn ich dich anmache.«
»Ach was, Robert tut nur so großspurig. Er ist halt mein großer Bruder. Melanie hat doch auch einen großen Bruder.«
»Ja, aber Max ist nicht so ein Idiot wie Robert.«
»Hey, Vorsicht. Du redest über meinen Bruder.«
»Tut mir leid, war nicht so gemeint. Ich will ja auch nur dich und ich habe schon wieder Lust auf dich.« Die hatte ich tatsächlich und Julia nahm es wohlwollend zur Kenntnis.
»Wenn Melanie wüsste, was ihr da entgangen ist«, seufzte Julia einige Zeit später.
Sie wird bald wissen, was ihr nicht entgangen ist, dachte ich mir schon voller Vorfreude und legte meinen Arm um Julia.
6
»Alles gelesen und im Großhirn abgespeichert?«, fragte Siebels, als er wieder ins Büro kam.
»Ich war sogar noch viel fleißiger und habe mich bei den Kollegen gemeldet, die vor der Wohnung von Jana Mangold postiert sind. Fehlanzeige. Sie ist nicht wiederaufgetaucht.«
»Das gefällt mir gar nicht. Ist sie untergetaucht oder ist ihr was zugestoßen? Wir sollten sie zur Fahndung ausschreiben.«
»Untergetaucht? Warum? Denkst du, sie hat Robert Silber erschlagen?«
»Entweder weil sie ihn erschlagen hat oder weil sie weiß, wer ihn erschlagen hat oder weil sie Angst hat, dass sie jetzt auch erschlagen wird. Was weiß ich, keine Ahnung. Ich gebe die Fahndung nach ihr raus. Haben wir ein Foto von ihr?«
»Nö. In ihrer Wohnung finden wir bestimmt eins.«
»Stimmt. Hat die Spurensicherung in ihrer Wohnung etwas gefunden?«
»Der vorläufige Bericht kommt frühestens heute Nachmittag. Hast du mit Charly schon überprüft, wo diese Silvia Mangold jetzt lebt?«
»Klar haben wir das geprüft. Wir haben aber keine Silvia Mangold ausfindig machen können, die 1958 in Frankfurt geboren wurde. Sonst würden wir da hinfahren, bevor wir Jana Mangold zur Fahndung ausschreiben.«
»Vielleicht kann uns Otto Silber ja was dazu sagen? Wenn er der Vater von Silvia Mangold ist, erinnert er sich vielleicht daran?«
Siebels hob anerkennend seinen Daumen. »Gute Idee. Hätte ich auch selbst draufkommen können. Willst du das übernehmen? Mich hat er gestern mit seinem Gehstock aus seinem Zimmer geprügelt. Hat mich beschuldigt, seine Jana umgebracht zu haben.«
»Ich?« Till zeigte ungläubig auf sich selbst.
»Ja, du.« Siebels zeigte mit seinem Zeigefinger auf Till. »Ein Undercover-Einsatz. Eine Unterhaltung zwischen zwei Frauenhelden. Du entlockst dem alten Herrn Silber bestimmt noch ein paar brisante Details zu seinem Liebesleben aus seinem löchrigen Gedächtnis.«
»Undercover-Einsatz im Altersheim«, stöhnte Till. »Das ist doch deine Liga.«
Siebels ignorierte die letzte Bemerkung von Till. »Du kannst dich ja als ein Freund von Robert vorstellen. Auf diese Weise kannst du ihm auch schonend beibringen, was mit seinem Enkel passiert ist. Von der Familie erfährt er es vielleicht gar nicht.«
Till wollte Siebels die Undercover-Aktion im Altersheim wieder ausreden. Doch dazu kam er nicht, weil Staatsanwalt Jensen das Büro betrat.
»Guten Morgen, die Herren. Wir haben uns ja eine ganze Weile nicht mehr gesehen. Aber das wird sich jetzt ändern, wo Sie wieder einen frischen Mordfall zu bearbeiten haben. Gibt es denn schon Neuigkeiten im Fall Robert Silber?«
»Wir sind an seinem Opa dran«, sagte Till und schaute belustigt zu Siebels. »Herr Siebels hat gerade beschlossen, dass wir eine verdeckte Ermittlung im Altersheim durchführen.«
Staatsanwalt Jensen schaute von Till zu Siebels und wieder zu Till. »Was ist das denn jetzt wieder für eine Geschichte?«
Siebels klärte den Staatsanwalt auf und berichtete ihm von Otto Silber und Jana Mangold. Jensen strich sich nachdenklich mit der flachen Hand über die blanke Glatze und zupfte sich an seinem Haarkranz. »Das geht ja schon wieder gut los, mit Ihnen beiden. Muss ich mich da wieder auf irgendwelche öffentlichkeitswirksamen Skandale einstellen?«
»Wie meinen Sie das denn jetzt?«, fragte Siebels.
Jensen winkte ab. »Halten Sie mich einfach auf dem Laufenden. Damit meine ich einen täglichen Bericht. So, und jetzt muss ich los. Ich habe einen Gerichtstermin.« Jensen verschwand wieder und Siebels äffte Till nach. »Wir sind an seinem Opa dran. Verdeckte Ermittlung im Altersheim. Musst du unbedingt schlafende Hunde wecken?«
»War doch gut, er hat schließlich grünes Licht gegeben. Jetzt kann er sich nicht mehr beschweren, wenn Opa Silber ausflippt, weil wir seine Jana verscheucht haben.«
»Das ist übrigens kein Altersheim, das ist eine Seniorenresidenz. Und da fährst du jetzt hin und gewinnst das Vertrauen von Otto Silber. Und baue ja keinen Mist. Ich fahre zur Wohnung von Jana Mangold und schaue mich dort in Ruhe um.«
Hartmut und Hermann Silber waren gemeinsam in ihre Büroräume im Westend gefahren. Sie mussten für die nächsten Tage einige Termine absagen und die Abläufe von laufenden Projekten umdisponieren. Anschließend wollten sie noch eine geeignete Pietät ausfindig machen, die sich um die Beerdigung von Robert und alle anderen Dinge kümmerte.
Eva Silber hatte die Nacht mit Hilfe von Schlaftabletten durchgeschlafen und saß nun mit ihrer Tochter Julia im Wohnzimmer.
»Hat er etwas mit Roberts Tod zu tun?«, fragte Eva ihre Tochter mit monotoner Stimme.
»Wer ist er?«, fragte Julia und fürchtete sich vor dem Gedanken, der ihrer Mutter gerade durch den Kopf ging.
»Frag doch nicht so dumm. Justus. Dein Liebhaber. Mein Liebhaber.«
Julia schaffte es nicht, ihrer Mutter in die Augen zu sehen. »Warum sollte er etwas mit dem Tod von Robert zu tun haben?«
Eva betrachtete ihre Tochter und fühlte sich selbst an allem Schuld. »Ich weiß es nicht. Ich weiß überhaupt nicht, wie das alles geschehen konnte. Ich wünschte, ich könnte das ganze letzte Jahr auslöschen. Ich habe so ein komisches Gefühl.«
»Was für ein komisches Gefühl?«
»Ich glaube, dass er Robert ermordet hat.« Eva fing an zu schluchzen.
Julia bewegte sich zaghaft zu ihrer Mutter und legte vorsichtig ihren Arm um sie. »Nein, so etwas darfst du gar nicht denken. Er hat doch gar keinen Grund, Robert etwas anzutun.«
»Was hat er uns denn alles angetan? Das müssen wir den beiden Kommissaren doch erzählen, oder? Sonst behindern wir noch die Ermittlungen. Ich kann doch nicht die Ermittlungen zum Mord an meinem Sohn behindern.«
Julia dachte angestrengt nach. Was passiert war, war passiert. Wie und warum das alles passiert ist, wusste sie auch nicht. »Vielleicht warten wir erst mal ab, bis Robert beerdigt ist. Dann sehen wir weiter.«
Eva nickte und fing dann laut an zu heulen.
Till hatte sich dem Willen von Siebels gebeugt und war zur Seniorenresidenz Sonnenschein gefahren. Wie angedacht, stellte er sich dort als Freund von Robert Silber vor, der auch dessen Opa noch gut von früher kannte. Das Personal war froh, dass Otto Silber Besuch bekam und somit für eine Weile unter Aufsicht stand. Ein Pfleger brachte Till in den Aufenthaltsraum, wo Otto Silber regungslos in einer Ecke auf einem Stuhl saß. Sein Gehstock stand aufrecht zwischen seinen Beinen, er hielt ihn mit beiden Händen fest umklammert. Till nahm sich vor, sich nicht damit von Otto Silber aus dem Haus prügeln zu lassen.
»Guten Tag, Herr Silber. Erinnern Sie sich an mich? Ich bin Till, Roberts bester Freund von früher.«
Otto Silber blieb starr auf seinem Stuhl sitzen, schielte aber zu Till und betrachtete ihn eingehend. Till bekam wegen seiner Lüge ein schlechtes Gewissen.
»Sie sind ein Freund von meinem Sohn?«, fragte Otto Silber argwöhnisch.
»Nein, nicht von Ihrem Sohn. Von Ihrem Enkel Robert.«
Otto Silber nickte wissentlich, aber man merkte ihm an, dass er sehr durcheinander war.
»Hat man Ihnen schon mitgeteilt, was mit Robert passiert ist?«, fragte Till vorsichtig nach.
»Er ist Architekt. So wie ich.« Otto Silber lächelte.
»Robert studierte noch«, verbesserte ihn Till. »Ihre beiden Söhne Hartmut und Hermann sind Architekten. Hartmut ist der Vater von Robert. Von Robert und von Julia.«
»Wo ist denn Julia?« Otto Silber schaute jetzt neugierig Till an. Als der Name Julia gefallen war, erkannte Till ein kleines Leuchten in den Augen des alten Mannes.
Till nahm sich einen Stuhl und setzte sich Otto Silber gegenüber. »Ich muss Ihnen etwas Schlimmes sagen«, fuhr Till fort und spürte, wie sein Herz schneller schlug. Es fiel ihm schwer, dem alten Mann von dem Mord an seinem Enkel zu erzählen.
»Ist Julia etwas zugestoßen?«, fragte Otto Silber ängstlich.
»Nein, Julia geht es gut. Aber Robert ist etwas zugestoßen.«
Otto Silber schaute Till verwundert an. »Robert?«
»Robert. Der Bruder von Julia. Er ist tot.«
Otto Silber nickte teilnahmslos.
»Erinnern Sie sich an Robert?«, fragte Till und wäre am liebsten auf der Stelle wieder gegangen.
»Ja, natürlich«, sagte Otto Silber. Aber man merkte ihm an, dass er mit dem Namen Robert nichts anfangen konnte. Till nahm sich vor, beim nächsten Mal Fotos von Robert und den anderen Familienangehörigen mitzubringen. Vielleicht half das dem Gedächtnis von Otto Silber auf die Sprünge. Till atmete tief durch und schaute sich in dem großen Aufenthaltsraum um. An einem Tisch saßen zwei alte Frauen und spielten Karten. Till fiel auf, dass sie die Karten ohne Sinn und Verstand hin und her warfen. Aber sie schienen große Freude an dem Spiel zu haben. Am Türrahmen stand ein hagerer Mann, bekleidet mit einem Bademantel. Ein Speichelfaden lief an seinem Mundwinkel herab. Till bemerkte, dass er einer jungen Pflegerin am anderen Ende des Raumes auf den Hintern starrte. Till konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Dann konzentrierte er sich wieder auf Otto Silber. Eigentlich war es ihm ganz recht, dass der sich nicht mehr an seinen Enkel erinnern konnte. Till hatte seine Pflicht getan und konnte sich jetzt auf das Wesentliche beschränken.
»Darf ich Sie mal was fragen?«, begann Till vorsichtig.
»Was wollen Sie denn wissen, junger Mann?«
»Würden Sie mir noch mal die Geschichte von der Juliane erzählen? Wie Sie sie kennen gelernt haben.«
Otto Silber strahlte Till an. »Ach, die Juliane, das war ein hübsches Mädchen. Woher kennen Sie denn die Juliane?«
»Ich habe die Juliane leider nicht mehr kennen gelernt. Aber ich habe viel von ihr gehört. Sie waren damals ja schwer in sie verliebt gewesen, stimmt’s?«
Otto Silbers Hände klammerten sich fest an den Griff von seinem Gehstock. Seine Fingerknöchel wurden ganz weiß. »Ich habe tagelang auf sie gewartet, aber sie kam nicht mehr«, sagte Otto Silber und seine eben noch strahlenden Augen verwandelten sich in einen traurigen Blick.
»Ja«, sagte Till. »Ich weiß. Das muss sehr schlimm für Sie gewesen sein. Aber hatten Sie und die Juliane nicht eine gemeinsame Tochter? Die Silvia?« Till wartete gespannt auf die Reaktion von Otto Silber.
»Die Juliane wurde doch erschlagen«, entfuhr es Otto Silber und er fing an, den Fuß seines Gehstockes auf den Boden zu stampfen.
»Das war eine ganz schlimme Sache«, ging Till auf ihn ein. »Aber als die Juliane tot war, da gab es doch noch ihre kleine Tochter. Die Silvia, die war doch erst zwei Jahre alt.«
»Nein, nein«, wehrte Otto Silber ab. »Die Juliane hatte doch keine Tochter. Wer erzählt denn so was?«
Till schaute dem alten Herrn verwundert in die Augen. Otto Silber schien sich ganz sicher zu sein, dass seine Juliane keine Tochter hatte. Das war keine Erinnerungslücke, das war felsenfeste Überzeugung. Till unternahm noch einen zweiten Versuch. »Haben Sie die Juliane denn auch mal zuhause besucht, in ihrer Wohnung?«
»Das ging doch nicht«, stellte Otto Silber fest. »Die Juliane lebte doch mit ihrer kranken Mutter zusammen. Da konnte sie doch keinen Mann mitbringen.«
Till runzelte die Stirn. Der alte Mann schien einer Lüge aufgesessen zu sein, an der er sich sein ganzes Leben lang festgeklammert hatte. Alles, an was er sich jetzt noch gut erinnern konnte, war vielleicht nur Fiktion. »Wo haben Sie sich denn getroffen, wenn Sie mit der Juliane, na, Sie wissen schon.« Till zwinkerte ihm verschwörerisch zu.
Otto Silber huschte ein Lächeln über die Lippen. Er schaute sich in dem großen Raum um, wollte sichergehen, dass ihn niemand von seinen Mitbewohnern belauschte. Dann beugte er sich zu Till vor. »In meinem Büro«, flüsterte er. »Ich habe mir ein Sofa ins Büro gestellt.« Dann setzte er sich wieder mit aufrechtem Kreuz hin und nickte stolz.
Jetzt beugte sich Till zu ihm vor und flüsterte: »Ihre Frau hat davon aber nie etwas bemerkt, oder?«
Otto Silber winkte verärgert ab. »Die hat doch nur ans Geld gedacht. Da war die Juliane ganz anders.«
Hartmut Silber saß in seinem Büro an seinem Schreibtisch. Er starrte auf ein Bild von Robert, das er auf die Mitte des Schreibtisches gestellt hatte. Seit einer halben Stunde saß er regungslos da und betrachtete das Porträt seines Sohnes. Viele Gedanken gingen durch seinen Kopf, aber er konnte keine klaren Gedankengänge verfolgen. Er stellte sich Fragen, ohne Antworten zu finden. Fragte sich, ob er eine Mitschuld am Tod seines Sohnes hatte. Fragte sich, ob Robert eine Ahnung gehabt hatte, dass sein Leben in Gefahr war. Fragte sich, was seine Frau nun durchmachte, tief in ihrem Innersten. Dann hatte er wieder Bilder im Kopf. Bilder von einem glücklichen Robert, als er noch ein Kind war. Bilder von einem nachdenklichen Robert, als er nach dem Sinn in seinem Leben suchte. Bilder von einem verstörten Robert, als er erfahren hatte, dass sein Vater nicht nur der war, den er bisher kannte.
»Du quälst dich.«
Hartmut Silber sah seinen Bruder an, der im Türrahmen stand.
»Ich habe meinen Sohn verloren.« Hartmut Silber nahm den Bilderrahmen in die Hand und streichelte sanft über das Gesicht seines Sohnes.
Hermann Silber kam in das Büro und setzte sich auf den Besucherstuhl vor dem Schreibtisch seines Bruders. »Hat Robert dir etwas von unserem Plan erzählt?«
Hartmut Silber bekam einen misstrauischen Gesichtsausdruck. »Von welchem Plan?«
»Vergiss es wieder. Du kannst stolz auf deinen Sohn sein. Er hat um dich gekämpft.«
Hartmut schaute seinen Bruder mit traurigen Augen an. »Was willst du mir damit sagen?«
»Das wirst du bald erfahren. Aber nicht jetzt. Jetzt solltest du dich um Eva und Julia kümmern. Die beiden brauchen dich und du brauchst sie.«
Hartmut nickte »Ich habe Angst um die beiden.«
»Wir dürfen jetzt keine Angst haben. Wir müssen handeln. Wir müssen das alles jetzt endlich beenden. Ein für all Mal.«
»Du wirst es nicht glauben, aber das hatte ich vor. Ich hatte einen Entschluss gefasst. Allerdings nicht so, wie du dir das vorstellst.«
»Robert ist tot, vergiss das nicht. Er wurde erschlagen wie ein Straßenköter. Ich werde das elende Geflecht, in dem du gefangen bist, endgültig zerschlagen.«
»Ich weiß nicht, wovon du redest«, zischte Hartmut Silber und sah seinen Bruder verächtlich an. »Ich habe mich schon viel zu lange von dir herumkommandieren lassen. Kümmere du dich um deine Sachen, ich kümmere mich ab sofort um meine.«
Hermann schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Du weißt doch gar nicht, wer du eigentlich bist. Mutter hatte ganz recht. Du wirst niemals zur Vernunft kommen.«
»Das hat Mutter gesagt? Habt ihr zwei schon wieder etwas hinter meinem Rücken ausgeheckt? Ich warne dich, wenn auch Eva oder Julia etwas passiert, dann mache ich dich und Mutter dafür verantwortlich.«
Hermann Silber stand auf und ging um den Schreibtisch herum. Er stellte sich hinter seinen Bruder und legte seine Hände auf dessen Schultern. »Hartmut, du trauerst um deinen Sohn und du sorgst dich um deine Tochter und um Eva. Das ist gut. Vergiss einfach, was ich gesagt habe. Ich kümmere mich um die Sache. Sei einfach vorsichtig, wenn diese Polizisten kommen und Fragen stellen.«
»Ja, du kümmerst dich. Du und Mutter. So wie ihr euch immer um alles gekümmert habt. Es wäre für uns alle besser, wenn ich mich allein um die Sache kümmere.«
Hermann Silber ging wieder um den Schreibtisch herum, stellte sich auf die andere Seite, beugte sich über den Tisch zu seinem Bruder und hielt ihm drohend den Zeigefinger entgegen. »Du hältst dich jetzt aus allem raus. Es ist schon schlimm genug, dass du Robert da so tief mit hineingezogen hast. Ich werde nicht zulassen, dass wegen dir alles auseinanderbricht.«
Hartmut Silber sprang von seinem Stuhl hoch. »Hau ab«, schrie er seinen Bruder an. »Raus hier oder ich haue dir eins in die Fresse«, stieß er wütend hervor.
Hermann hob beschwichtigend die Hände. »Ich tue das nur für dich. Mutter denkt genauso.«
»Ja, Mutter denkt genauso. Wir hätten Mutter ins Heim stecken sollen und nicht Vater. In Mutters Kopf ist viel mehr kaputt als bei Vater.«
Hermann schaute seinen Bruder ärgerlich an, schüttelte verständnislos den Kopf, winkte ab, verließ das Büro und ließ die Tür mit einem lauten Knall hinter sich ins Schloss fallen.
7
76 Tage vor Roberts Tod
Melanie saß allein an einem Tisch in der Bibliothek und brütete über einem Fachbuch. Ich beobachtete sie eine kurze Weile, stand dabei hinter einem der vielen Bücherregale und spähte durch einen kleinen Spalt zwischen den Bücherreihen zu ihr hinüber. Melanie war hochkonzentriert und bemerkte weder mich noch sonst irgendetwas um sie herum. Sie machte sich Notizen mit einem Bleistift. Wenn sie las, knabberte sie an dem Bleistift herum. Ich versuchte sie zu analysieren, während ich meinen Blick nicht von ihr ließ. Sie war ein introvertierter Typ. Sie ruhte in sich selbst. Geduldig las sie in dem Buch, blätterte ein paar Seiten zurück und wieder vor, machte sich Notizen, dachte nach. Sie beschäftigte sich mit einer Sache, bis sie sie verstanden hatte. Sie verinnerlichte den Stoff und verließ sich dabei ganz auf ihren Verstand. Andere Studenten schauten mit verzweifelten Blicken umher oder gegen die Decke, wenn sie etwas nicht nachvollziehen konnten. Manche fluchten vor sich hin, andere beschäftigten sich lieber gleich mit etwas ganz anderem. Nicht so Melanie. Es war daher auch nicht verwunderlich, dass sie mit ihren Arbeiten immer überdurchschnittliche Noten erzielte. Melanie war stark, solange sie sich auf ihre Stärken konzentrieren konnte. Auf ihren Verstand. Wenn man mit ihren Gefühlen spielte, war sie einem schutzlos ausgeliefert, sobald sie sich einem öffnete. Das war meine Theorie und ich konnte es kaum abwarten, Melanie einem Praxistest zu unterziehen. Mit einer ersten kleinen Charmeoffensive wollte ich die Gunst der Stunde nutzen. Ich nahm mir ein Buch aus dem Regal und schlenderte damit zu ihr. Sie nahm gar keine Notiz von mir. Ich blieb neben ihr stehen und schaute in ihr Buch. Sie beschäftigte sich mit den Gesetzen der Statik.
»Da hast du dir aber ein ödes Thema ausgesucht«, sprach ich sie an.
Melanie nickte gedankenverloren und schaute zu mir auf. »Du bist aber ziemlich gut darin«, stellte sie fest. »Du hast doch in dem Test über die Grundlagen der Statik die beste Note gehabt, oder?«
»Stimmt, ja. Trotzdem finde ich es öde. Aber wenn du etwas nicht verstehst, kannst du mich gerne fragen.«
»Das ist nett, danke. Aber am besten kann ich lernen, wenn ich mich alleine mit einem Thema beschäftige.«
Ich setzte mich auf den Stuhl neben Melanie. »Das geht mir ebenso. Aber spätestens nach zwei Stunden an einem Thema muss ich mich mit etwas anderem ablenken. Du sitzt doch bestimmt auch schon bald zwei Stunden hier und brütest, oder?«
Melanie schaute auf ihre Uhr. »Stimmt. Es sind jetzt fast genau auf die Minute zwei Stunden. Aber ich bin leider noch nicht ganz durch mit dem Kapitel.«
»Wenn du möchtest, können wir noch einen Kaffee trinken gehen, wenn du mit dem Kapitel fertig bist. Dabei kann ich dein neu gewonnenes Wissen ja mal abfragen.«
»Das macht normalerweise mein Bruder Max. Der studiert auch Architektur, ist mir aber ein paar Semester voraus. Aber ein Kaffee würde mir bestimmt guttun. Gerne.«
Melanie lächelte mich verlegen an. Ich bekam bei den Semesterarbeiten immer die besten Noten und Melanie wusste das. Sie erkannte natürlich sofort den Vorteil für sich, wenn sie mit dem Klassenprimus einen Kaffee trinken ging. Dass ich außer den Gesetzen der Statik auch die Kunst des Verführens beherrschte, war ihr anscheinend noch nicht bekannt. Von meinem Techtelmechtel mit Julia schien sie noch nichts zu wissen. Ich legte meine Hand auf ihren Arm und drückte sie leicht. »Ich warte draußen auf dich. Mit dem Kapitel bist du ja schnell durch.«
Siebels unterhielt sich kurz mit den beiden Beamten, die in der Falkstraße vor dem Haus postiert waren, in dem Jana Mangold wohnte. »Sind euch irgendwelche verdächtigen Personen aufgefallen, die sich vor dem Haus rumgetrieben haben oder reingegangen sind?«
»Nein, niemand«, antwortete der Beamte, der am Steuer des zivilen Einsatzfahrzeuges saß. »Außer den Bewohnern des Hauses hat sich niemand Zutritt verschafft. Die Frau Mangold ist nicht aufgetaucht, sonst hätten wir ja gleich Meldung gemacht.«
Siebels ließ sich die Schlüssel zur Haus- und Wohnungstür geben, die der Vermieter der Polizei ausgehändigt hatte. Im Treppenhaus kam ihm eine junge Frau entgegen. Sie hatte Ohrstöpsel in den Ohren und wippte mit dem Kopf im Takt zur Musik, die aus ihrem MP3-Player kam. Siebels versperrte ihr den Weg und zeigte ihr seinen Dienstausweis. Die junge Frau nahm die Stöpsel aus den Ohren.
»Oh, Kriminalpolizei«, sagte sie eingeschüchtert. »Ist Jana etwas zugestoßen?«
»Sind Sie mit Frau Mangold befreundet?«
»Ja, mehr oder weniger. Wir haben uns öfter mal zusammengesetzt und getratscht. Bei ihr oder bei mir bei einem Glas Wein. Aber ausgegangen sind wir nie zusammen. Also eher gute Nachbarn als Freunde. Ihre Kollegen haben ja schon bei mir geklingelt und mich gefragt, ob ich etwas mitbekommen hätte. Habe ich aber nicht. Was ist denn passiert?«
»Das wüsste ich auch gerne«, sagte Siebels. »Leider ist sie verschwunden. In ihre Wohnung wurde eingebrochen, das wissen Sie ja sicherlich.«
»Ja, das kaputte Türschloss und das Polizeisiegel sind ja nicht zu übersehen. Sollte ich besser ein zweites Sicherheitsschloss anbringen?«
»Das kann bestimmt nicht schaden. Eingebrochen wird immer wieder. Aber hier scheint es sich nicht um einen gewöhnlichen Einbruch zu handeln. Wann haben Sie denn das letzte Mal mit Frau Mangold zu einem Tratsch zusammengesessen?«
»Oh ja, da muss ich überlegen. Das ist jetzt schon ein paar Wochen her. Da war es noch richtig heiß. Das muss Anfang August gewesen sein.«
»Hat Frau Mangold da irgendwelche Andeutungen gemacht? Fühlte sie sich vielleicht verfolgt oder bedroht?«
»Nein, ganz im Gegenteil. Sie war ganz gut drauf. Sie hat auch etwas mehr getrunken als üblich. Wir haben bei mir auf dem Balkon gesessen. Als sie dann spätabends rüber in ihre Wohnung gegangen ist, war sie ziemlich beschwipst.«
»Hatte sie vielleicht einen besonderen Grund, gut drauf zu sein?«
»Ja, sie hat erzählt, dass sie ihren Job im Seniorenheim bald aufgeben würde und wieder studieren wollte.«
»Was wollte sie denn studieren?«
»Architektur. Sie hat schon einmal damit angefangen, musste dann aber aufhören, weil das Geld nicht gereicht hat.«
»Architektur. Das ist ja interessant. Hat sie Ihnen gegenüber jemals den Namen Silber erwähnt? Robert Silber? Oder Julia Silber?«
»Silber, ja, da war was. Das war sogar an jenem Abend. Aber nicht Robert und auch nicht Julia. Es ging um ein Architekturbüro. Das hat sie erwähnt, als sie erzählte, dass sie wieder studieren will.«
»Was hat sie diesbezüglich genau gesagt? Das ist jetzt wirklich sehr wichtig. Versuchen Sie sich zu erinnern.«
Die junge Frau dachte angestrengt nach. »Das ist schon komisch, aber sie hat nur ganz vage Andeutungen gemacht. Als wäre das bald ihr Büro, wenn sie das mit dem Studium durchgezogen hätte.«
»Ihr Büro? Wie das?«
»Keine Ahnung. Das habe ich sie auch gefragt. Sie hat nur etwas von irgendwelchen alten Verbindungen erzählt. Ich habe keine Ahnung, was sie damit genau gemeint hat.«
»Vielleicht etwas Familiäres?«, hakte Siebes nach.
»Von Familie hat sie nicht gesprochen. Nur von irgendwelchen alten Geschichten, die jetzt wieder aufgewärmt werden würden. Mehr hat sie nicht gesagt, dann haben wir das Thema gewechselt. Ich glaube, ihr war es unangenehm, dass das überhaupt zur Sprache kam. Sie hat das auch erst erwähnt, als sie nicht mehr ganz nüchtern war.«
»Sie haben mir sehr geholfen. Falls sich neue Fragen ergeben, würde ich Sie gerne anrufen.« Siebels notierte sich ihre Handynummer.
»Können Sie mich auch anrufen, wenn Sie rausgefunden haben, was passiert ist? Ich meine, falls ihr etwas zugestoßen sein sollte.«
»Das kann ich machen. Aber momentan glaube ich nicht, dass ihr etwas zugestoßen ist. Ich denke, sie ist nur untergetaucht. Wissen Sie eigentlich etwas über die Eltern von Frau Mangold?«
»Die sind beide tot. Jedenfalls ihre Mutter. Irgendeine Krankheit, Jana hat nicht gerne darüber gesprochen. Ihren Vater kannte sie gar nicht. Der lebt vielleicht noch und war nur für Jana tot. Das weiß ich aber nicht.«
»Sie leben allein hier in Ihrer Wohnung?«
»Ja. Ich studiere Medizin. In ein paar Monaten fange ich mit meinem praktischen Jahr im Elisabethen-Krankenhaus an.«
»Das ist ja gleich um die Ecke, sehr praktisch. Jetzt will ich Sie aber nicht länger aufhalten. Hier, nehmen Sie noch meine Karte, falls Ihnen noch etwas einfallen sollte.«
»Ich heiße übrigens Britta. Britta Hübner. Dritter Stock links. Tschüss.«
76 Tage vor Roberts Tod
Ich musste nicht lange auf Melanie warten. Mit drei Büchern unter dem Arm kam sie aus der Bibliothek. Gemeinsam schlenderten wir zwei Straßen weiter in eines der gemütlichen kleinen Cafés im Nordend, die fast nur von Studenten besucht wurden. Ich lotste Melanie in eine hintere Ecke, wo wir uns ungestört unterhalten konnten. Nachdem wir beide unsere Bestellung aufgegeben hatten, einen Milchkaffee für mich, einen Latte für Melanie, lenkte Melanie das Gespräch auch gleich auf eine fachliche Basis. In einem ihrer Bücher gab es eine Aufgabe, die sie nicht lösen konnte. Und das ließ ihr keine Ruhe. Sie schlug das Buch auf, zeigte mir die Aufgabenstellung und erzählte mir von ihren Lösungsversuchen, mit denen sie bisher gescheitert war. Ich kannte das Buch und die Aufgabe, behielt das aber für mich. Stattdessen tat ich so, als wäre das ganz neu für mich und grübelte eine Weile über dem Buch. Unsere Getränke standen bereits auf dem Tisch, ich nahm mir Block und Stift von Melanie und kritzelte nachdenklich drauflos. Schrieb einige Formeln auf, stellte sie um, kürzte Brüche und kam schließlich zum richtigen Endergebnis. Melanie freute sich wie ein kleines Kind, verstand aber noch nicht, was genau ich da eigentlich gemacht hatte. Ich setzte mich neben sie, rückte ganz dicht an sie heran und erklärte ihr den Lösungsweg. Unsere Köpfe berührten sich, so dicht saßen wir vor dem Stück Papier.
»Du bist wirklich gut«, sagte Melanie, als ich mit meinen Ausführungen fertig war. Sie deutete auf eine Zeile, wo ich die Formel umgestellt hatte. »Da wäre ich nie draufgekommen«, seufzte sie. »Du wärst bestimmt bald draufgekommen, du warst ja schon ganz nah dran und bist doch ein kluges Köpfchen.« Ich legte meinen Arm um ihre Schultern. »Ich finde es schön, mit dir hier zu sitzen«, wechselte ich das Thema und damit zu meinem zweiten Spezialgebiet. Melanie verkrampfte leicht, als mein Arm ihre Schultern berührte. »Hast du schon eine Vorstellung, was du nach dem Studium machen möchtest?«, fragte ich sie und ließ meinen Arm locker um ihre Schultern liegen.
»Mein Vater hat ein Architekturbüro. Er führt es zusammen mit meinem Onkel. Dort soll ich eigentlich einsteigen. Genauso wie mein Bruder Max und meine Cousine Julia und deren Bruder Robert. Aber ich glaube nicht, dass das funktionieren wird. Vielleicht gehe ich nach dem Studium erst mal für ein Jahr nach New York.«
»Warum sollte das nicht funktionieren? Ihr versteht euch doch alle gut, oder?« Melanie öffnete sich langsam und entspannte sich. Sie sank in meinen Arm und erzählte mir aus ihrem Leben.
»Privat verstehen wir uns ganz gut, ja. Aber da haben wir auch nicht so viel miteinander zu tun. Julia hat auch keine große Lust auf einen Einstieg in das Büro. Jedenfalls nicht direkt nach dem Studium. Sie macht sich da aber nicht so viele Gedanken wie ich. Sie lässt einfach alles auf sich zukommen und trifft spontane Entscheidungen. Aber sie will dann auch erst mal ins Ausland. Mein Bruder Max wird wahrscheinlich den direkten Weg in unser Büro nehmen. Aber er und Robert sind ziemlich verschieden. Da ist Streit schon vorprogrammiert.«
»Robert kenne ich zwar nur flüchtig, aber er ist ein komischer Typ«, sinnierte ich vor mich hin.
»Er ist ein schwieriger Typ«, korrigierte Melanie mich. »Mein Onkel sieht ihn schon als alleinigen Geschäftsführer in unserem Büro. Mein Vater hält aber nicht sehr viel von ihm. Der glaubt, dass Max einmal die Geschäfte führen wird. Das wird leider noch viel Streit geben in den nächsten Jahren.«
»Wahrscheinlich bist du die beste Wahl für die Clanchefin«, sagte ich und erntete dafür ein scheues Lächeln.
»Dann müsste ich meinen Hut in den Ring werfen und kämpfen. Da gehe ich lieber nach New York, arbeite ein paar Jahre in einem renommierten Architektenbüro und falls es irgendwann in unserem Büro nicht so gut laufen sollte, komme ich als Retterin des Familienunternehmens zurück.«
»Wie in einem Märchen«, sagte ich. Mein Arm lag noch immer um Melanies Schultern und mit meiner Hand berührte ich nun ganz sanft ihre Brust. Wir saßen ganz allein in der Ecke des kleinen Cafés. Melanie schaute mich verwirrt an. Ich lächelte verlegen und drückte meine Hand etwas fester auf ihre Brust. »Ich kann nicht anders«, entschuldigte ich mich. Im gleichen Moment trafen sich unsere Lippen zu einem kurzen Kuss.
Siebels betrat die Wohnung von Jana Mangold. An jeder Türschwelle blieb er stehen und betrachtete sich den jeweiligen Raum. Er begutachtete das Chaos, das überall herrschte, und versuchte sich vorzustellen, wie der Eindringling vorgegangen war. Ob er hastig und oberflächlich die Schrankinhalte durchsucht und einfach alles kurzerhand aus den Schränken auf den Fußboden geschmissen oder ob er sich Zeit gelassen hat. Ob er gründlich und systematisch vorgegangen ist oder eher panisch. Siebels hatte den Eindruck, dass eher Letzteres der Fall war. Er stand an der Türschwelle zum Schlafzimmer. Unterwäsche, Röcke, Nylons, T-Shirts und andere Klamotten lagen verstreut auf dem Boden. Teilweise auch auf dem Bett und auch auf der Fensterbank. Siebels ging zum Kleiderschrank und öffnete die Türen und Schubläden. Der Schrank war nur teilweise ausgeräumt worden. Es lagen auch noch viele Kleidungsstücke darin. Einige sogar noch ordentlich zusammengelegt. Der Eindringling schien unter enormem Zeitdruck gestanden zu haben. Siebels fragte sich, warum. Weil er Jana Mangold bei der Durchsuchungsaktion jeden Moment zurückerwartete? Hatte jemand unten an der Haustür Wache gestanden, um ihn zu warnen, falls Jana Mangold auftauchen würde? War sie aufgetaucht? Hatte sie ihn in ihrer Wohnung überrascht? Wurde sie daraufhin entführt? Oder kam sie erst in ihre Wohnung zurück, nachdem er seine Durchsuchung beendet hatte, und hat sich dann aus dem Staub gemacht? Weil sie wusste, wer da etwas bei ihr gesucht hat? Wenn dem so war, gab es für Siebels jetzt nichts mehr zu finden. Falls der Eindringling nicht gefunden hatte, was er suchte, dann hatte Jana Mangold es mitgenommen. Siebels suchte trotzdem. Er drehte jedes noch verbliebene Kleidungsstück im Schrank um, befühlte jedes Teil und schaute in den hintersten Ecken nach. Er schaute unter der Matratze nach und unter dem Bett. Er befühlte alle Kleidungsstücke, die auf dem Boden lagen, und suchte in den Hosen- und Jackentaschen nach einem Treffer. Er fand nichts außer benutzten und unbenutzten Papiertaschentüchern und einigen Kassenbons aus dem Supermarkt. Siebels setzte seine Suche im Wohnzimmer fort. Akribisch durchsuchte er zuerst alles, was bereits zerstreut auf dem Fußboden lag. Er fand nichts von Belang. Frauenzeitschriften, alte Batterien, Bedienungsanleitungen vom Fernseher, vom Föhn, vom Küchenradio, vom Damenrasierer. Einige Postkarten, die ihr von Freundinnen aus dem Urlaub geschickt worden waren. Eine davon kam aus Paris und stammte von Britta Hübner, der netten Nachbarin. Gehaltsabrechnungen aus dem Seniorenheim, der Sold für die Pflege der alten Menschen war gering. Bankauszüge, die Siebels genauer studierte. Er fand keine Auffälligkeiten. Der Eindringling war im Wohnzimmer genauso vorgegangen wie im Schlafzimmer. Einen Teil der Schrankinhalte hatte er auf den Boden geschmissen, einen Teil aber noch in den Schränken belassen. Siebels fand eine Schatulle mit Schmuck. Wahrscheinlich Erbstücke. Jedenfalls war es kein Modeschmuck und auch nichts, was sich eine junge Frau wie Jana Mangold kaufen würde. Ein erster Hinweis auf ihre Mutter. Siebels suchte nach weiteren Hinweisen, die auf Mutter oder Vater von Jana Mangold hindeuteten. Er schlug ein Foto-Album auf. Dunkelbraunes, fleckiges Leder. Es war dünn. Alte schwarzweiß Fotos kamen zum Vorschein. Ein junger Mann saß lächelnd hinter seinem Schreibtisch. In der Hand einen Füllfederhalter. Siebels erkannte Otto Silber. Den jungen Otto Silber. Er war vielleicht dreißig Jahre alt. Siebels nahm das Bild heraus und betrachtete sich die Rückseite. 5. Juni 1960. Zwei Monate bevor Juliane Mangold erschlagen wurde. Auch die nächsten Bilder zeigten Otto Silber, wie er als stolzer Inhaber eines Architekturbüros hinter seinem Schreibtisch saß. Siebels vermutete, dass Juliane Mangold die Bilder aufgenommen hatte. Erst auf der letzten Seite kam ein Foto, auf dem nicht Otto Silber, sondern eine Frau abgelichtet war. Sie stand kerzengerade vor einem Fenster. Von der Seite fotografiert, den Kopf zur Kamera gedreht. In Pose. Juliane Mangold posierte vor der Kamera im Büro ihres Geliebten. Siebels schaute sich das Foto der Frau noch einmal genau an. Verglich es in Gedanken mit den Gesichtszügen von Jana Mangold und Almut Silber. Die Frau auf dem Foto hatte Ähnlichkeit mit Jana Mangold, nicht mit Almut Silber. Warum sonst sollten sich diese Fotos auch im Besitz von Jana Mangold befinden, fragte sich Siebels. Er steckte das Foto der vermeintlichen Juliane Mangold ein und suchte weiter nach Hinweisen von Jana Mangolds Herkunft. Juliane musste ihre Großmutter sein. Siebels hatte immer noch keine Spur von Janas Mutter. Er suchte die Mappen und Ordner nach einer Geburtsurkunde und einem Stammbaum ab, konnte aber nichts finden. Ebenso wenig fand er einen Computer in der Wohnung. Auf den Kontoauszügen hatte er aber regelmäßige Überweisungen an einen Internetprovider gesehen. Im Flur hing ein WLAN-Router an der Telefonbuchse. Siebels setzt sich auf den Fußboden vor die zerstreuten Unterlagen und durchsuchte den Stapel mit den Bedienungsanleitungen. Darunter war auch eine Garantiekarte vom Hersteller eines Laptops. Siebels suchte weiter nach dem Laptop. Konnte ihn aber weder im Wohnzimmer, noch im Flur, in der Küche oder im Bad finden. So, wie die Wohnung durchwühlt worden war, hatte der Eindringling nicht unbedingt nach einem Laptop gesucht. Für Siebels ein Hinweis, dass Jana Mangold sich mit ihrem Laptop abgesetzt haben könnte. Siebels notierte sich den Internetprovider aus den Kontoauszügen und rief dann bei Till an. Till war nach seinem Besuch bei Otto Silber gerade wieder im Büro eingetroffen.
»Hast du dich mit dem alten Knaben gut unterhalten?«, fragte Siebels neugierig.
»Habe ich. Gar kein Problem. Er war sehr gesprächig und ist bis zum Schluss friedlich geblieben.«
»Und? Irgendwelche neuen Erkenntnisse?«
»Kann man wohl so sagen. Der alte Knabe kann sich zwar sehr gut an seine Juliane erinnern, dass die aber ein kleines Kind gehabt haben soll, bestreitet er. Und ich glaube nicht, dass er es einfach vergessen hat. Dazu sind seine Erinnerungen an Juliane zu gut.«
»Das stinkt doch zum Himmel.«
»Übrigens kann er sich auch noch an seine Ehefrau erinnern. Allerdings hat er da keine so guten Erinnerungen. Die war nur hinter dem Geld her, hat er gesagt.«
»Mit der spreche ich als Nächstes. Eine Nachbarin von Jana Mangold hat übrigens ausgesagt, dass Janas Eltern beide nicht mehr leben. Die Mutter wäre laut Jana Mangold an einer Krankheit gestorben, den Vater hätte sie nie kennen gelernt. Da soll Charly sich mal dahinterklemmen. Ich will alles über ihre Eltern wissen.«
»Ich richte es ihm aus. Was unternehmen wir im Fall Robert Silber?«
»Wenn wir rausfinden, was damals mit Juliane passiert ist, haben wir den Fall Robert Silber wahrscheinlich gleich mitgelöst.«
»Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Der Fall Robert Silber ist aber heiß. Der Fall Juliane Mangold ist eiskalt. Vielleicht sollten wir es andersherum machen.«
»Ja, vielleicht. Vielleicht sollten wir vorübergehend zweigleisig fahren. Du kümmerst dich um Robert Silber, ich kümmere mich um Juliane und Jana Mangold. Dann schauen wir mal, was alles in der Schnittmenge auftaucht.«
»Du meinst, ich darf ganz allein ermitteln? Klingt gut. Allerdings befürchte ich, dass du mir dann ständig in die Quere kommst, wenn ich im näheren Umfeld von Robert Silber ermittele. Also bei der Familie Silber.«
»Sage ich doch. Unsere Kreise treffen sich und dort, wo sie sich überlappen, ist die Schnittmenge. Mathematik hast du in der Schule doch bestimmt auch mal gehabt.«
»Lass mich raten. Wir finden den Mörder von Robert Silber letztendlich in der Schnittmenge unserer sich überlappenden Kreise?«
»Exakt. Und auch die näheren Todesumstände der Juliane Mangold sowie den Grund für das Verschwinden von Jana Mangold.«
»Ich möchte unbedingt dabei sein, wenn du das Staatsanwalt Jensen verklickerst.«
»Ich eigentlich nicht. Ach, noch ein kleiner Tipp. Als wir die Familie Silber besucht haben, wolltest du die sexuellen Vorlieben von Robert ansprechen, wegen der einschlägigen Literatur in seinem Bücherregal. Ich habe das abgewürgt. Das solltest du besser bei Einzelgesprächen klären. Ich denke, sein Cousin Max wäre da ein erster guter Ansatzpunkt.«
»Alles klar, Chef. Bis später.«
8
Eva Silber hatte nach dem Gespräch mit ihrer Tochter Julia lange nachdenklich auf dem Sofa gelegen. Dann hatte sie einen Entschluss gefasst. Sie ging hoch in den dritten Stock und klopfte energisch an die Wohnungstür ihrer Schwiegermutter. Almut Silber öffnete kurz darauf. Eva Silber drängte sich an ihr vorbei und ging ins Wohnzimmer. Dort blieb sie mitten im Zimmer stehen und wartete, bis Almut Silber ihr gefolgt war.
»Warum?«, fragte Eva Silber.
»Warum was?« Almut Silber setzte sich auf einen Sessel.
»Warum musste Robert sterben? Sag es mir.«
»Kind, du bist ja ganz durcheinander. Ich weiß es doch nicht.«
»Oh, nein. Ich bin völlig klar. Zum ersten Mal, seit ich mit Nachnamen Silber heiße, bin ich völlig klar im Kopf. Was stimmt nicht mit dieser Familie? Ich will es jetzt wissen.«
Almut Silber schaute ihre Schwiegertochter durchdringend an. »Überlege dir gut, was du sagst. Du vergisst wohl, wo du herkommst. Jetzt bist du eine Silber. Und in der Familie Silber ist alles in Ordnung. Glaubst du vielleicht, ich bin nicht entsetzt über das, was mit meinem Enkel passiert ist? Glaubst du, es lässt mich kalt? Das tut es nicht. Aber ich kann Robert auch nicht mehr lebendig machen. Ich nicht, du nicht, niemand. Es ist passiert. Jetzt müssen wir zusammenhalten.«
»Oh, nein.« Eva schrie ihre Schwiegermutter an. »Wir müssen jetzt nicht zusammenhalten. Ganz im Gegenteil. Wir müssen jetzt reinen Tisch machen. Die Leichen endlich aus dem Keller holen, bevor es noch mehr Tote gibt. Ich trauere nämlich nicht nur um meinen Sohn. Ich habe auch Angst. Angst um Julia. Angst um mich.«
»Du solltest dich ausruhen und den Mund halten«, fauchte Almut sie an. »Angst ist kein guter Ratgeber.«
»Ich werde meinen Mund nicht halten«, fauchte Eva zurück. »Deine Söhne leiden seit Jahrzehnten darunter, den Mund zu halten. Und jetzt, wo alles hochkommt, werden sie bestimmt nicht still sitzen bleiben und den Mund halten.«
Almut Silber wendete ihr Gesicht weg von Eva und starrte gegen die Wand. »Was geschehen ist, ist geschehen. Die Zeit kann niemand zurückdrehen. Alles, was ich will, ist die Familie zusammenzuhalten. Mein Leben neigt sich dem Ende zu. Es war ein hartes Leben. Ich möchte nicht, dass es umsonst war.« Almut Silber schien die Kraft, mit der sie all die Jahre die Familie geführt hatte, verloren zu haben. Sie saß in ihrem Sessel und schaffte es nicht, Eva in die Augen zu sehen.
Eva dagegen fühlte sich so stark wie nie zuvor. Sie hatte sich immer untergeordnet, wenn es um familiäre Angelegenheiten ging. Sie fand es nicht richtig, dass Otto Silber im Seniorenheim untergebracht wurde. Aber sie hatte sich dem Willen von Almut, Hartmut und Hermann gebeugt. Sie hätte den alten Herrn zusammen mit Almut und Hannelore auch hier im Haus pflegen können. Hannelore hatte das auch so gesehen. Doch Almut wollte mit ihrem verwirrten Ehemann nicht länger unter einem Dach leben. Eva wollte mit Hermann sprechen, als Melanie ihr offenbarte, dass sie nach dem Abitur vielleicht einen anderen Weg als den ins Architekturbüro Silber einschlagen wolle. Aber Hermann sah keinen Gesprächsbedarf. Seine Kinder sollten Architekten werden. Eva bereute jetzt ihren geringen Widerstand gegen Hermann und Hartmut. Robert hatte am meisten unter den familiären Verhältnissen zu leiden gehabt. Doch davon wollte niemand etwas wissen. Und Eva hatte ihre Muttergefühle unterdrückt und zugeschaut, wie Robert sich zu einem Menschen entwickelte, der er nicht war. Sie hatte zugeschaut, wie er in ein Gefängnis aus familiären Ansprüchen gesteckt wurde. Sie hatte in seinen Augen gesehen, dass er aus diesem Gefängnis ausbrechen wollte. Aber er konnte die Mauern um ihn herum nicht überwinden. Eine Mauer namens Almut. Eine Mauer namens Hartmut. Eine Mauer namens Hermann. Und die Tür, durch die er hätte das enge Mauerwerk verlassen können, damals, als er noch nicht die Last der familiären Schuld auf sich trug, diese Tür blieb fest verschlossen. Eine Tür namens Eva. Eva Silber bedachte ihre Schwiegermutter mit einem abschätzigen Blick und verließ die Wohnung. Es war Zeit, das Geheimnis aufzudecken, das wie tonnenschweres Blei auf den nachkommenden Generationen lag. Auf Hartmut und Hermann. Auf ihr und auf Hannelore. Robert wurde davon zerdrückt. Julia merkte dank ihrer Unbekümmertheit noch nicht viel von diesem über den Silbers hängendem unheilvollen Gewicht. Eva setzte sich ins Auto und fuhr los. Sie fuhr zur Seniorenresidenz Sonnenschein. Sie fuhr schnell, denn nun hatte sie es eilig. Nun brannte sie darauf, das zu erfahren, was sie in all den Jahren seit ihrer Heirat nur als bedrückenden Schatten zwischen sich und der Familie wahrgenommen hatte. Nun wollte sie endlich die Tür öffnen, damit Licht hereinkam und diesen Schatten vernichtete. Aber der Schlüssel zur Tür war die Erinnerung von Otto Silber. Ein verrosteter Schlüssel, der täglich an Kontur verlor. Eva gab Gas. Sie hatte keine Zeit mehr zu verlieren.
Almut Silber wirkte müde und erschöpft, als sie Siebels die Tür öffnete. Das weiße Haar hing ihr ungekämmt bis zu den Schultern. »Was kann ich für Sie tun?«, fragte sie und sah Siebels teilnahmslos an.
»Ich habe noch ein paar Fragen. Darf ich hereinkommen?«
»Können Sie das nicht meine Söhne fragen? Mir geht es nicht gut.«
»Mit Ihren Söhnen muss ich mich auch noch unterhalten. Aber vorher würde ich gerne mit Ihnen sprechen. Soll ich vielleicht später noch einmal vorbeikommen?«
Almut Silber überlegte einen Moment. Dann öffnete sie die Tür ganz und ließ Siebels eintreten. »Bringen wir es hinter uns. Die letzten Stunden waren anstrengend und ich möchte mich bald hinlegen. Haben Sie schon einen Verdacht, wer Robert ermordet hat?« Almut Silber setzte sich wieder auf ihren Sessel. Siebels nahm auf dem Zweisitzer Platz.
»Einen konkreten Verdacht haben wir noch nicht, leider. Aber es sieht alles danach aus, als hätte der Täter oder die Täterin ein persönliches Motiv gehabt.«
Almut Silber schaute Siebels einen Moment lang schweigend an. »Ein persönliches Motiv? Robert war ein junger Mann aus gutem Hause. Ein Student, der bald in unser familiäres Unternehmen einsteigen sollte. Warum sollte ihn jemand aus persönlichen Gründen erschlagen?«
»Juliane Mangold ist Ihnen doch ein Begriff?«
Siebels bemerkte das kurze Zucken im Gesicht von Almut Silber. Und er bemerkte, wie sie auf die Frage hin tief einatmete. Dann setzte sie eine nachdenkliche Miene auf. »Mangold«, sprach sie leise vor sich hin. »Mein Mann hatte mal eine Sekretärin, die so hieß. Aber das ist sehr lange her. Sie wurde tatsächlich umgebracht. Man hat sie erschlagen in ihrer Küche aufgefunden. Der Täter wurde aber nie gefunden.«
»Die Pflegerin Ihres Mannes im Seniorenheim heißt auch Mangold. Jana Mangold.« Das hatte Siebels bei seinem ersten Besuch im Hause Silber noch für sich behalten. Nun wollte er Almut Silber in die Enge treiben.
Almut Silber überlegte fieberhaft, worauf dieses Gespräch hinauslief. »Was hat das mit Robert zu tun?«
»Jana Mangold ist spurlos verschwunden. In ihre Wohnung wurde eingebrochen und sämtliche ihrer Schränke wurden durchwühlt. Jemand hat bei ihr etwas gesucht. Jemand, der in großer Eile war. Er hat nicht sorgfältig suchen können. Und er hat auch nicht alles gefunden, wonach er gesucht hat.«
»Warum erzählen Sie mir das?«, fragte Almut Silber argwöhnisch.
»Weil Sie mir nicht alles sagen, was Sie wissen.«
Almut Silber ließ sich einen Moment zu lange Zeit, bevor sie die Hand von der Sessellehne nahm und mit verächtlicher Miene abwinkte. »Otto ist dement. Deswegen lebt er ja auch in dem Heim. Das ist eine furchtbare Krankheit. Ich habe es irgendwann nicht mehr ausgehalten mit ihm unter einem Dach. Aber das tut auch nichts zur Sache. Dieser Mord ist vor über 50 Jahren geschehen. Für Otto mag es aber so sein, als wäre es erst gestern passiert. Dass seine Pflegerin auch Mangold heißt, wird purer Zufall sein. So selten ist der Name ja nicht. Konzentrieren Sie sich lieber auf den Mörder meines Enkels.«
Siebels beugte sich nach vorne, stützte sich mit den Ellenbogen auf seinen Knien ab, rieb seine Handflächen aneinander und machte einen nachdenklichen Eindruck. »Wahrscheinlich haben Sie recht. Ich habe mich nur gewundert, weil der Name Mangold plötzlich zweimal aufgetaucht ist. Und zwar im Zusammenhang mit Ihrem Mann. Und dann wird Ihr Enkel ermordet. Praktisch zur gleichen Zeit. Das hat mich stutzig gemacht.«
Almut Silber blieb wortlos sitzen. Siebels nahm einen neuen Anlauf. »In welcher Beziehung standen denn Sie und Ihr Mann zu dieser Frau Mangold, die vor 50 Jahren ermordet wurde?«
»Beziehung?«, fragte Almut Silber ärgerlich. »Ich kannte sie gar nicht. Habe sie nur einmal gesehen. Sie hat stundenweise als Sekretärin im Büro meines Mannes gearbeitet. Damals hat sich Otto gerade selbstständig gemacht. Er konnte sich eine Sekretärin überhaupt nicht leisten. Auch nicht stundenweise. Ich habe darauf gedrängt, dass er ihr wieder kündigt. Das wollte er dann auch tun, als er gemerkt hat, wie knapp das Geld war. Aber dann kam auch schon die Polizei und hat uns mitgeteilt, dass sie tot sei. Mehr weiß ich darüber nicht.«
»Laut der Ermittlungsakte hatte Juliane Mangold eine kleine Tochter von zwei Jahren. Wissen Sie darüber etwas?«
»Wegen dem Kind suchte sie ja nach einer Arbeit, bei der sie nur ein paar Stunden in der Woche gebraucht wurde. Und Otto hatte natürlich Mitleid mit ihr. Ich habe Otto gesagt, dass das nicht sein Problem sei. Irgendwer müsse das Kind ja gezeugt haben und der solle sich gefälligst auch darum kümmern. Otto wusste natürlich, dass ich damit recht hatte.« Almut Silber schaute Siebels misstrauisch an. »Diese alte Akte haben Sie noch?«
»Bei uns geht nichts verloren. Und von diesem Kind haben Sie danach nie wieder etwas gehört?«
»Nie wieder«, sagte Almut Silber resolut. »Sie glauben doch nicht etwa, dass diese Pflegerin von Otto etwas mit diesem Kind zu tun hat?«
»Ich glaube gar nichts. Ich trage die Fakten zusammen und versuche mir ein Bild zu machen.«
»Fakten? Das sind keine Fakten, das sind Hirngespinste. Hirngespinste von einem alten, verwirrten Mann. Robert wurde gerade mal 27 Jahre alt. Der hatte mit der Sache von damals ja wohl kaum etwas zu tun.«
»Da stimme ich Ihnen zu. Trotzdem wollte ich der Sache nachgehen. Damit alles seine Ordnung hat. Mit Ihrem Mann vernünftig darüber zu reden ist ja leider nicht möglich.«
»Dann ist das jetzt geklärt. Ich bin wirklich müde und möchte mich etwas ausruhen.«
75 Tage vor Roberts Tod
Gestern hatte ich mich von Melanie mit einem sanften Kuss verabschiedet. Heute war Donnerstag und es war bereits wieder eine Woche vergangen, seitdem ich den ersten sanften Kuss von Eva bekommen hatte. Ich war gespannt, wie es mit Eva weitergehen würde, und machte mich auf den Weg in das Fitnessstudio. Als ich in meinen Sportsachen das Studio betrat, suchten meine Augen gleich nach Eva. Doch ich konnte sie nicht entdecken. Etwas enttäuscht schaute ich auf die Uhr. Es war bereits halb fünf vorbei. Eva war immer pünktlich um vier Uhr hier aufgetaucht. Ich fragte mich, ob sie nicht gekommen war, weil sie mir aus dem Weg gehen wollte. Ob sie kurz vor dem Abenteuer doch noch kalte Füße bekommen hatte oder ob ihr einfach etwas dazwischengekommen war. Etwas ratlos und wenig motiviert legte ich mich auf eine Bank und stemmte Gewichte. Allzu viele Kilo brachte ich nicht nach oben, aber das war auch nicht mein Ziel. Ich wollte die Mission Fitnessstudio nach kurzer Zeit schon wieder abbrechen, als ich plötzlich Evas Stimme vernahm.
»Verausgabe dich nicht zu sehr«, sagte sie und schaute von oben auf mich herab. Erleichtert ließ ich die Gewichte, die ich gerade in die Höhe stemmte, wieder auf die Auflage sinken.
»Schön, dich zu sehen«, begrüßte ich sie. »Zum Verausgaben kommen wir doch her, oder?«
»Und ich dachte, du kommst wegen mir hierher.« Eva trug heute schwarze Leggins und ein weißes Top. Sie sah zum Anbeißen aus.
»Jedenfalls war ich schon etwas enttäuscht, als ich dich vorhin nirgends gesehen habe«, gestand ich ihr.
Eva setzte sich auf den Rand der Bank, auf der ich lag. »Und jetzt? Freust du dich, mich zu sehen?«
Ich setzte mich auf, sah ihr in die Augen und in ihren Augen sah ich das Verlangen. »Mein Tag ist gerettet, du siehst toll aus.«
»Vielleicht sollten wir unser Gespräch dann in einer etwas intimeren Umgebung fortsetzen«, flüsterte Eva nachdenklich.
»Das wäre schön«, sagte ich und schaute sie verliebt an. Von den muskelbepackten Kerlen und den durchtrainierten Frauen um mich herum nahm ich niemanden mehr wahr. Es gab nur noch Eva und mich. Es prickelte.
»Auf der anderen Straßenseite ist ein kleines Hotel. In einer halben Stunde. Zimmer 202.« Sie wartete nicht auf eine Antwort. Sie stand einfach auf und verließ das Studio.
Als Eva Silber das Zimmer ihres Schwiegervaters in der Seniorenresidenz betrat, war ihre neu gewonnene Energie plötzlich wie weggeblasen. Mutlos stand sie vor dem alten Mann, der sie neugierig musterte.
»Hallo, Otto.« Eva war sich nicht sicher, ob er sie überhaupt erkannte. »Ich bin es. Eva. Wie geht es dir?«
Otto Silber betrachtete erstaunt seine Schwiegertochter. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. »Juliane. Da bist du ja endlich. Ich habe dich schon vermisst. Wo ist denn die Schreibmaschine?«
Eva seufzte innerlich und setzte sich neben Otto auf das verschlissene und fleckige Sofa. »Ich bin Eva. Weißt du nicht mehr? Die Frau von Hartmut.«
Otto Silber rückte ein Stück von seiner Schwiegertochter ab und betrachtete sie. Es war ihm unangenehm, dass er sie nicht richtig einordnen konnte. »Eva? Du siehst aber aus wie Juliane.«
Eva bezweifelte, dass sie von Otto das erfahren würde, was sie nun endlich wissen wollte. Sie sah ihn verzweifelt an und hatte Mühe, nicht laut loszuheulen. Sie griff nach seiner Hand und hielt sie fest in ihren Händen. Otto schaute sie verwundert an und Eva hoffte auf ein Wunder.
»Vor langer Zeit ist etwas Schreckliches passiert, habe ich recht?« Eva sah in die fragenden Augen ihres Schwiegervaters. Dort sah sie nur Verständnislosigkeit. »Du musst dich erinnern, Otto. Ich flehe dich an.« Eva drückte fest seine Hand in ihren Händen. »Almut war schon schwanger mit Hermann, als ihr geheiratet habt, oder?«
»Was hätte ich denn tun sollen?« Otto sah Eva verzweifelt an. Eva sah ihren Schwiegervater zum ersten Mal so, wie er wirklich war. Von innen. Ohne die äußere Maskerade, hinter der er sich zeit seines Lebens versteckt hatte. In Eva keimte neuer Mut auf.
»Mit Almut bist du nie wirklich glücklich gewesen. Ich weiß. Trotzdem bist du deinen Söhnen immer ein guter Vater gewesen.«
»Sie sind gute Architekten geworden«, sagte Otto und nickte zur Bestätigung seiner Worte.
»Ja, sie sind sehr gute Architekten. Das haben sie von dir. Auch deine Enkelkinder werden alle gute Architekten. Vielleicht werden sie noch besser als ihre Väter. Aber es ist etwas Schreckliches passiert.« Eva schluckte. Die Worte wollten ihr nicht über die Lippen. Aber es musste jetzt sein. »Robert. Robert ist tot. Er wurde umgebracht. Erschlagen. Warum? Kannst du mir sagen, warum? Du weißt es doch. Du musst es mir sagen.«
»Wie die Juliane«, flüsterte Otto Silber. »Die Juliane wurde auch erschlagen. Totgeschlagen hat man sie. Sie kam nie wieder, die Juliane. Ich habe sie geliebt. Aber ich war ja mit Almut verheiratet.«
Im Kopf von Eva überschlugen sich die Gedanken. Von einer totgeschlagenen Juliane hatte sie noch nie etwas gehört. Scheinbar war diese Juliane die große Liebe von Otto gewesen. Plötzlich empfand Eva ein tiefes Mitleid mit ihrem Schwiegervater. Das Verhältnis zu ihm war immer distanziert gewesen. Als sie Hartmut geheiratet hatte, wurde sie von Otto zwar immer gut behandelt, aber auch stets misstrauisch beäugt. Jetzt hielt sie seine Hand und verstand plötzlich. Otto hatte Angst gehabt, dass seinem Sohn dasselbe passierte wie ihm. Dass er eine Frau heiratete, die er nicht wirklich liebte. Hermann und Hannelore hatten zwei Jahre zuvor geheiratet. Die Reaktionen von Otto Silber waren bei beiden Schwiegertöchtern identisch. Er misstraute ihnen. Hatte Angst um seine Söhne. Hatte Angst, dass seine Söhne das gleiche Schicksal ereilte, das auch sein Leben bestimmt hatte. Das Architekturbüro war kein Lebenstraum, es war die Flucht aus einer nicht gewollten Ehe. Dann kamen die Enkel. Erst Robert, dann Max. Drei Jahre später erblickten Julia und Melanie das Licht der Welt. Eva erinnerte sich, wie Otto etwas auftaute, als die Enkel da waren. Er hatte sie gern um sich gehabt und als Opa suchte er erstmals auch die Nähe zu seinen Schwiegertöchtern.
»Wer hat die Juliane totgeschlagen?«, wollte Eva wissen.
Otto Silber schaute seine Schwiegertochter traurig an. »Ich weiß es doch nicht. Plötzlich kam sie nicht mehr. Ich habe sie doch geliebt.«
»Wann genau war das? In welchem Jahr? Erinnerst du dich daran?«
Otto Silber versuchte sich zu erinnern. Es kam ihm so vor, als wäre es erst gestern gewesen. »Sie hat mir etwas geschenkt. Zu meinem Geburtstag. Ich habe es noch.« Otto Silber ging zu seiner Kommode, zog eine Schublade auf und holte einen Briefumschlag heraus. Lächelnd hielt er ihn Eva hin. »Das ist alles, was ich noch von ihr habe.«
Eva zögerte. Dann öffnete sie den Umschlag. Darin war eine Geburtstagskarte. Juliane gratulierte Otto zu seinem 31. Geburtstag. Das war im November 1959. In dem Umschlag lag eine Krawattennadel.
»Die Juliane ist aber wiedergekommen«, flüsterte Otto Silber.
»Sie ist wiedergekommen?«
»Ja, hierher. Sie hat sich um mich gekümmert. So wie damals. Aber jetzt ist sie weg.« Otto Silber wurde bei dem Gedanken wütend. Er griff zu seinem Stock und schlug damit auf die Lehne des Sofas. »Sie haben sie schon wieder erschlagen, meine Juliane. Immer schlagen sie sie tot. Dauernd kommen Männer her. Was sind das für Männer? Die sollen mich in Ruhe lassen. Mich und die Juliane.«
»Was für Männer? War die Polizei bei dir?«
»Ja, ja, der Inspektor. Aber ein anderer. Der Inspektor hat mich in seinem Auto hergefahren. Er will heiraten. Ich habe ihm aber gesagt, dass er das besser nicht tun sollte.« Otto Silber beruhigte sich wieder. Bei seinem letzten Satz lächelte er Eva wissend an.
»Glaubst du, dass Almut deine Juliane erschlagen hat?«, fragte Eva ihn behutsam.
»Almut? Die wollte immer nur Geld. Wo ist Almut jetzt?«
»Sie ist zuhause. In unserem Haus. Erinnerst du dich? Das Haus in Praunheim? Du hast es für die ganze Familie geplant. Für Hartmut und mich. Für Robert und Julia. Für Hermann, Hannelore, Max und Melanie. Und für Almut und dich.«
Otto Silber schaute Eva verwirrt an. Dann schaute er sich in seinem Zimmer um. »Aber hier ist doch mein Zuhause. Hier hat mich die Juliane gepflegt. Bis sie erschlagen wurde. Was soll ich denn jetzt machen?«
»Ja, hier ist dein Zuhause«, seufzte Eva. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen, was das alles zu bedeuten hatte. Hatte der Tod von Robert etwas mit dieser Juliane zu tun? Eva hielt noch den Briefumschlag in den Händen. Das war über fünfzig Jahre her. Warum jetzt? Warum musste Robert jetzt sterben?
»Hast du schon mal etwas von einem Justus gehört?«, wollte Eva wissen. Justus, ihr junger Liebhaber. Und der Liebhaber von Julia. Und der Liebhaber von Melanie. Eva vermutete, dass Justus auch eine Liebschaft mit Hannelore hatte. Aber sicher war sie sich nicht. Justus hatte es darauf angelegt, die Familie Silber zu zerbrechen. Eva schämte sich für ihre Eskapaden. Aber sie hatte nie begriffen, wo dieser Justus herkam und warum er es auf die Frauen in der Familie Silber abgesehen hatte.
Otto Silber schüttelte den Kopf. »Wer soll das sein?«
»Ein junger gutaussehender Mann. Schwarzes Haar, braune Augen, ein sanftmütiges Lächeln. Er studiert auch Architektur. Er ist Mitte zwanzig.«
»Juliane war 22, als sie erschlagen wurde«, erinnerte sich Otto Silber sehr gut.
»Hatte sie Kinder? Hattet ihr ein gemeinsames Kind?«
»Kinder? Der Mann hat gesagt, sie hätte ein Kind gehabt. Komisch. Was war das eigentlich für ein Mann? Warum war er hier? Aber da war doch kein Kind. Oder war da ein Kind?«
»Ein Mann? Du meinst den Kommissar? Herrn Siebels?«
Otto Silber zuckte mit den Schultern. »Er hat mir seinen Namen nicht gesagt. Aber er hat gesagt, die Juliane hätte ein Kind gehabt.«
»Aber du hast keine Kinder gehabt, außer Hermann und Hartmut, oder?«
»Ich musste doch die Almut heiraten, als der Hermann kam. Ich wollte ja nicht, aber was sollte ich machen?« Otto Silber schaute traurig.
»Und später war da kein Kind mehr? Bei deiner Juliane?«
»Die Juliane kam doch immer ins Büro. Im Büro war kein Kind. Da war immer nur die Juliane. Sie kam ja nicht jeden Tag. So viel gab es nicht zu tun. Aber zwei- oder dreimal in der Woche, da kam sie. Das war immer schön, wenn sie da war.«
»Du bist nie in ihrer Wohnung gewesen?«
»Das ging ja nicht. Wegen ihrer Mutter. Die war doch krank.«
»Und in deiner Wohnung? Hat sie dich nie in deiner Wohnung besucht?«
»Aber da war doch immer die Almut. Da konnte ich die Juliane nicht mitnehmen. Das hätte ja ein schönes Theater gegeben.«
»Ja, das hätte ein schönes Theater gegeben«, seufzte Eva. »Du hast also zwei Frauen gleichzeitig gehabt. Juliane und Almut. Das hätte ich dir gar nicht zugetraut.«
»Ich wollte das ja alles nicht so. Aber die Almut verlassen, das konnte ich auch nicht. Ich habe es mir vorgenommen, aber ich habe mich nie getraut, es der Almut ins Gesicht zu sagen. Vorgenommen habe ich es mir oft. Aber wenn ich dann vor ihr stand, dann konnte ich es nicht.«
Eva tätschelte jetzt die faltige Hand ihres Schwiegervaters. »Almut hat doch bestimmt bemerkt, dass es da noch eine Frau gab. Eine Frau, der dein Herz gehört hat. So etwas merkt eine Frau doch.«
Otto Silber zuckte mit den Schultern. »Sie hat nie etwas gesagt.«
»Vielleicht hat sie die Sache auf ihre Weise geregelt«, überlegte Eva mit tonloser Stimme.
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