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Sophie Wörrishöffer
Die Felle des Trappers
Eine Indianergeschichte
aus dem fernen Westen
Saga
Ebook-Kolophon
Sophie Wörrishöffer: Die Felle des Trappers. © Sophie Wörrishöffer. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2015 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2015. All rights reserved.
ISBN: 9788711487624
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
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SAGA Egmont www.saga-books.com - a part of Egmont, www.egmont.com.
1
Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts lagerte an einem Frühlingstage auf der Prärie hinter der letzten europäischen Ansiedelung am oberen Missouri eine buntzusammengewürfelte Gesellschaft von Männern, denen man das Leben in den Wildnissen des Westens auf den ersten Blick ansah. Zum grössten Teil waren sie Amerikaner, hatten aber auch einige Deutsche in ihrer Mitte, und etwas abseits an einem Baume lehnte sogar ein Indianer in der malerischen, überaus sauberen und sorgfältig gearbeiteten Tracht der Schwarzfüsse. Seine Gestalt war hoch und geschmeidig, sein Auge glänzend wie das des Adlers, die Gesichtszüge offen und gewinnend. Der „Gelbe Wolf“ trug auf dem Kopf eine Art Mütze oder Barett von Hermelinfellen mit zwei aufrechtstehenden Büffelhörnern (ein Abzeichen besonderer Tapferkeit) und am Körper eine Tunika aus zwei Hirschhäuten. An allen Nähten glänzte der Ausputz von den Stacheln des Stachelschweines und lang herabfallendem verschiedenfarbigem Haar, ein Siegeszeichen seines Besitzers, der es erschlagenen Feinden geraubt hatte, um damit seine Gewänder von den Squaws (Frauen) verzieren zu lassen. Die Skalplocken dieser Opfer schmückten in stattlicher Anzahl die Nähte an den ebenfalls aus Hirschleder verfertigten Beinkleidern des Häuptlings; seine Schuhe endlich waren die bekannten schwarzen Mokassins, und vom Gürtel herab, halb versteckt, hing der „Medizinbeutel“.
Der Gelbe Wolf trug Schild und Köcher, Pfeil, Bogen und Lanze wie alle Indianer dieser Gegenden.
„Da wären wir denn sämtlich beisammen, nicht wahr?“ fragte einer der Männer, eine hagere, sehnige Gestalt mit nicht mehr ganz europäischem Kleiderschnitt und von einer so dunkeln Hautfarbe, dass man über seine Abstammung im ersten Augenblick zweifelhaft sein konnte. „Travers, Pitt, Duncan, Everett, die beiden Deutschen, der Wolf und ich selbst.“
„Etwas scheint noch zu fehlen,“ bemerkte ein anderer. „So eine Art von Pferdeknecht, ein Diener.“
Der erste Sprecher lachte in sich hinein. „Da draussen,“ sagte er, mit der Spitze seiner kurzen Pfeife auf die fernen bläulichen Umrisse der Berge deutend, „da draussen gibt es keine Herren und keine Knechte, Mister Everett. Vorwärts, Wolf!“
Der Schwarzfuss rief mit leisem, lockendem Laut sein schönes Pferd, das sogleich zu ihm kam und den Kopf an die Schulter des Gebieters schmiegte. Während die Reiter aufsassen, näherte sich dem jungen Amerikaner, den der Trapper als Mister Everett angeredet hatte, von der Seite her ein etwa fünfzehnjähriger Knabe in ärmlichem Anzuge mit einem guten offenen Gesicht, dessen blaue Augen und blondes Haar den Sohn deutscher Eltern verrieten. „Herr,“ sagte er halblaut, „auf ein Wort.“
Der junge Kaufmann wandte den Kopf. „Nun, Bursche,“ versetzte er, „was gibt’s?“
„Einen Pferdeknecht, Herr — — nehmt mich mit, es soll Euch niemals gereuen.“
Der Neuyorker lächelte. „Du?“ sagte er. „Natürlich ein Ausreisser, ein Tunichtgut, dem die Schule nicht schmeckt, he?“
„O nein, Herr,“ war die freimütige Antwort, „ein Mensch, der trotz seiner grossen Jugend schon darauf bedacht sein muss, möglichst viel Geld zu verdienen.“
Der Amerikaner lachte.
Der Trapper hatte sich den Knaben schärfer angesehen. „Komm her, du,“ rief er jetzt, „bist du nicht der Sohn des Deutschen von der kleinen Farm da unten am Fluss?“
Das hübsche Gesicht des Knaben wurde blass. „Mein Vater wurde vor acht Tagen begraben. Ich selbst heisse Hugo Werner.“
„Aha,“ rief eine andere Stimme, „der ist’s also. Euter Leute Kind, Mister Everett. Der Vater kam vor langen Jahren hierher und gründete in dieser Gegend die erste Niederlassung, kämpfte mit wilden Tieren und wilden Menschen, steckte alle seine Kraft und all sein bisschen Kapital in das Unternehmen, dann, als er endlich die Früchte dieser ausdauernden Anstrengungen zu geniessen hoffte, verkaufte plötzlich die Regierung den ganzen Grund und Boden hier herum einem schlauen Spekulanten, der sich die Sache längst schon berechnet und Wohl erwogen hatte; Werner musste, da er nur ein Squatter, aber kein Eigentümer war, seine Farm verlassen — er legte sich hin und starb, das ist die Geschichte.“
Der Trapper nickte vor sich hin, alle übrigen hatten wie er lautlos den Bericht des Amerikaners mit angehört, nur der Gelbe Wolf bekümmerte sich anscheinend um nichts.
„Ich denke, Mister Everett, wir können den Jungen brauchen,“ sagte jetzt der Trapper. „Wird doch zugrunde gerichtet an Leib und Seele, wenn er ohne väterlichen Schutz in die grossen Städte kommt und dort für sich selber einstehen soll. Was willst du denn verdienen, Bursche, he?“
Hugo sah auf. „Zwölf Dollar monatlich, Sir,“ antwortete er.
„Du tust es auch für acht, Schelm, nicht wahr?“
„Nein, Sir — keinen Cent weniger als zwölf, ich kann es nicht und ich finde auch den Preis nicht zu teuer.“
„Komm näher, Junge!“
Der Trapper legte ihm, als Hugo bescheiden herantrat, die Hand auf den Kopf und sprach im Flüsterton einige Worte, dann, als der Knabe errötend bejahte, nickte er wieder zufrieden vor sich hin. „Ich gebe meinen Anteil zu den zwölf Dollar.“
„Ich auch!“ rief Everett. „Junge, dafür musst du meine Stiefel schmieren und den Spiegel halten, wenn ich mich rasiere.“
Ein schallendes Gelächter klang durch die Frühlingsluft dahin, selbst über das kupferfarbene Antlitz des Wilden glitt ein Schimmer von Heiterkeit. In zwei Stunden sollte Hugo Werner mit seinem Felleisen unten am Blockhause sein, wo der Händler wohnte, bei dem man für derartige Unternehmungen den Reisebedarf einkaufte.
„Aber du packst mir nicht zu viel hinein, Junge!“ rief Jonathan. „Ein Hemd und eine Decke, hörst du, Nadel und Zwirn, Messer, Gabel, Löffel und einen Blechteller.“
Hugo versprach alles, was man von ihm verlangte, dann lief er, während die Reisegesellschaft zum Fluss hinabritt, quer durch die Felder bis an ein kleines, zu einer stattlichen Farm gehörendes Nebengebäude, wo ihm eine schwarzgekleidete Frau mit blassem, traurigem Gesicht freundlich entgegenkam. „Wo warst du denn, Hugo?“ fragte sie.
Er zog sie in das Zimmer des Erdgeschosses, wo ein kleines achtjähriges Mädchen mit einer kopflosen Puppe spielte.
„Hugo,“ rief das Kind, „komm her, Miss Flora hat ihren Kopf verloren! — o bitte, Hugo, du musst uns einen neuen machen.“
Der Knabe hörte sie nicht, er umfasste seine Mutter und küsste zärtlich ihr eingefallenes Gesicht. „Du sollst jetzt nicht mehr weinen, Mama,“ sagte er und verschluckte mutig die eigenen Tränen. „Es gehen Pelzhändler in das Indianergebiet, Mama, sieben Männer mit wenigstens zwanzig Pferden, die begleite ich und verdiene zwölf Dollar im Monat. Du kannst Lenchen in Kost und Pflege geben, wie du es wünschtest und kannst als Krankenwärterin für dich sorgen, bis ich dich, liebe Mutter, zu ernähren vermag.“
Die Frau war vor Schreck auf einen Stuhl gesunken. „Hugo, du willst in die Rocky Mountains gehen — du?“
Der Knabe nickte. „Es muss sein, Mutter,“ versetzte er, „das Schicksal des Trappers ist auch kein so schlimmes, dass du deswegen zu weinen brauchst. Noch gestern rangst du die Hände und batest Gott um einen Ausweg, jetzt ist er gefunden, die zwölf Dollars sind da, also fasse Mut, Mütterchen, du hättest nur hören sollen, wie gut alle diese Leute von meinem Vater sprachen!“
Frau Werner liess bitterlich weinend den Kopf in die Hände sinken. „Als wir vor zwanzig Jahren hierher kamen, dein Vater und ich, da war dieser Platz ein wüster Busch! — er hat ihn in fruchttragenden Acker verwandelt, er hat mit seinen fleissigen Händen jeden Fussbreit Landes umgegraben, er hat die Bäume gepflanzt und den Fluss abgedämmt — und als das Werk vollendet war, da kam ein Fremder, ein ganz Fremder, und nannte sich den Eigentümer der Farm. Grosser Gott, wie schrecklich ist das alles!“
Hugo streichelte ihr graues Haar. „Gewiss, Mutter, gewiss ist es schrecklich, um so mehr aber musst du wünschen, von hier fortzukommen. Heute morgen sagtest du: Hätte ich nur die zwölf Dollar, um das Kind unterzubringen! — nun, jetzt sind sie gefunden.“
„Aber dafür soll ich dich fortziehen lassen!“
„Freilich — und sogar auf der Stelle, Mutter. Gib mir das alte Felleisen des Vaters und lass mich deinen Nähkasten ein wenig plündern,— so!“
Er hatte alles Nötige zusammengerafft und küsste jetzt das Kind, dessen rosiges Gesichtchen sich bei den Tränen der Mutter leise zu verziehen anfing. Ihn drängte es, fortzukommen. — Es musste geschieden sein, also so schnell wie irgend möglich.
Frau Werner rang immer noch die Hände. Ihren Knaben, den letzten von fünf, wie sollte sie es ertragen?“
„Bleib,“ murmelte sie, „bleib, ich will mich als Magd verdingen, ich will dem neuen Herrn dienen wie eine Sklavin.“
Hugo schüttelte den Kopf. „Du sollst nicht geduldet sein auf dem Boden, den des Vaters Hände urbar machten, dein Sohn kann es nicht ertragen. Und jetzt gib mir einen Kuss, ich muss fort!“
Die arme Frau schlang weinend ihre Arme um den Hals ihres Sohnes. „Mein edelherziger Junge! — Lenchen, bitte Gott, dass er unseren Hugo beschützen möge.“
Der Knabe ergriff das Felleisen, in dem einst der Vater seine geringe Habe über den Ozean gebracht hatte und legte es auf seine Schultern. „Leb wohl, Mutter,“ sagte er energisch und doch mit gewaltsam durchbrechender Wehmut, „wir sehen uns ja bald wieder. Vor Beginn des Winters bin ich zurück. Auf Wiedersehen, Lenchen!“
Er riss sich gewaltsam los und eilte davon, quer durch den Gemüsegarten der Farm bis an den Waldrand, wo unter einer mächtigen Eiche ein Hügel und ein kleines schwarzes Kreuz das letzte Bett eines Heimgegangenen bezeichneten. Aber nicht nur eines! — Vier Söhne hatte Frau Werner hier dem Schosse der Mutter Erde übergeben müssen und ganz kürzlich auch ihren Mann.
Hugo blieb an dem Grabe stehen und sah langsam von einer Stelle zur anderen. Das hübsche, solid gebaute Wohnhaus, die weiten Felder, der Garten, die Scheunen, alles des toten Mannes Werk, der Ertrag von zwanzig Jahren treuer Arbeit — und nun verloren!
Ob es dem fremden glattzüngigen Manne Segen bringen würde, so über die Verzweiflung seines Nächsten hinweg ein Geschäft zu machen? — Er war Spekulant, hatte die Farm mit ungeheurem Gewinn schon wieder verkauft und die Gegend verlassen. Gottes Wege sind so in Dunkel gehüllt, dass das Auge des Menschen die tiefe Finsternis oft nicht zu durchdringen vermag.
Hugos Hand glitt langsam herab von dem Kreuze aus seines Vaters Grab. Er hatte den neuen Eigentümer, einen Deutschen, gebeten, die Stelle zu schonen, und der versprach es auch, er erlaubte sogar der Witwe, noch eine Zeitlang das Zimmer im Nebengebäude zu bewohnen und sich täglich das Essen aus der Küche zu holen, aber das konnte ja auf die Dauer so nicht bleiben, der Knabe sah Wohl die heimlichen Tränen der Mutter, er hatte sie erst an diesem Morgen sagen hören: „Wenn ich doch für dich ein Unterkommen und monatlich zwölf Dollar hätte, um Lenchen in Kost und Pflege zu geben!“ — das trieb ihn hinaus, der Gesellschaft der Pelzhändler zu.
Es war eine stattliche Karawane, die mit Reitern und Packpferden an den Ufern des gelben Missouri über die endlosen Prärien dahinzog. In jenen Tagen kannte man keine Dampfschiffe und Eisenbahnen, der „Westen“ mit seinen unerschlossenen Schöpfungsgeheimnissen war erst von wenigen kühnen Reisenden durchstreift worden, es gab noch keine bequemen Transportmittel, sondern wer die Indianer sehen und mit ihnen handeln oder gegen einen Stamm den Schutz des anderen in Anspruch nehmen wollte, der musste sich zu Pferde den fünfhundert deutsche Meilen lang ausgedehnten Wildnissen der Prärien und Wälder, auf seine und seiner Genossen Körperkraft bauend, ohne Schirmherrn oder irgendwelches Geleit anvertrauen. Er suchte also zuerst die Bekanntschaft weisser Felljäger, welche ihrerseits mit den Indianerhäuptlingen auf befreundetem Fusse standen und so eine Art von Sicherung gegen die Überfälle anderer Stämme bildeten, nebenbei aber auch die Wildnis in ihren geheimsten Schlupfwinkeln kannten.
Auch die diesmalige Gesellschaft hatte es so gemacht, und indem sie den Trapper Jonathan für sich zu gewinnen wusste, gewiss keinen schlechten Führer erhalten. Mit ihm kam der Gelbe Wolf, sein Jagdgenosse und unzertrennlicher Gefährte, an die Grenze der Prärien, um dort die Weissen in Empfang zu nehmen, alle Vorräte waren eingekauft, die Packpferde beladen, und fort ging es in den frühlingsgrünen Wald, in die offene Prärie und das Tal der Missouriquellen.
Voran ritten der Trapper und der Häuptling, dessen sonderbarer Kopfputz, die verkleinerten und glattpolierten Büffelhörner, seltsam bei jedem Schritt des Pferdes schwankte. „Der Gelbe Wolf hat nachgedacht,“ sagte er langsam in tiefen melodischen Tönen, „und der Grosse Geist hat ihm geantwortet. Es ist nicht gut, den weissen Mann hineinzuführen in das Land der roten Krieger, er wird seine Büffel ausrotten und seine Wigwams vom Boden vertilgen.“
Der Trapper schüttelte den Kopf. „Du und ich, wir können es nicht hindern, Wolf. Wir müssen nehmen, was uns der Grosse Geist schickt.“
Der Gelbe Wolf machte eine so ungestüme Bewegung, dass sich sein Pferd plötzlich bäumte und die beiden Büffelhörner auf seinem Kopfe zu sinken und zu nicken begannen. „Auf!“ sagte er, „die Squaws haben das Lager abgebrochen, wir dürfen keine Zeit verlieren.“
Die beiden ersten Pferde verfielen in schnellere Gangart, und alle übrigen folgten. Das zerbröckelte malerische Ufer des Missouri mit seinen Hügeln aus Ton und reichlichen Adern von Bergkristall erglänzte im Sonnenlicht gleich den Ruinen einer uralten, den Stürmen der Jahrhunderte erlegenen Stadt; hier wölbten sich hohe Dome mit Riesenpfeilern, dort standen einzelne halbgebrochene Säulen, und weiterhin zeigte sich vielleicht ein Schloss auf einsamer Warte mit Brücken und Schiessscharten, Hallen und Zinnen. — —
Eine Herde schlanker, fleckiger Antilopen brach in grossen Sprüngen hervor aus den für Menschen und Raubtiere unzugänglichen Klüften des Ufers, Bergschafe mit gewundenen Hörnern folgten ihnen nach, und die ganze Gesellschaft setzte flüchtig wie der Wind über zackige Abhänge und ebene weite Flächen dahin.
„Solch ein schöner Braten,“ knurrte Duncan, der nicht zum ersten Male das Indianergebiet bereiste, „aber man kann sie eben nur mit List einfangen.“
Jonathan bestätigt dies. „Ich wette, Mister Everett hat irgendeine buntfarbige Krawatte bei sich,“ sagte er gutmütig scherzend, „dergleichen bindet man an einen Stock und legt sich in den Hinterhalt, die neugierige Antilope kommt dann sogleich herbei, und man braucht nur noch zu bestimmen, ob das Fleisch als Braten oder in der Suppe verzehrt werden soll.
Hier herum müssen wir unser Lager aufschlagen“, setzte er hinzu. „Es gibt heute keinen Mondschein, und wir würden möglicherweise in ein Dorf der Präriehunde hineingeraten.“
Der Gelbe Wolf deutete auf ein vielzackiges Geschiebe von Klüften und Ausläufern, das in einiger Entfernung aus dem Ufer hervorsprang. „Dort!“ versetzte er. „Die Wolken haben dunkle Ränder, es gibt Regen.“
Die Pelzjäger sahen hinüber. „Aber wohnt nicht Kaleb (der graue Bär) in diesen Höhlen?“ fragte Pitt.
„Haben wir nicht sechs gute Kugelbüchsen, die Pfeile des Gelben Wolfes ungerechnet? — Die Sonne sinkt, wir müssen eilen.“
Das Glühen und Leuchten auf den höchsten Spitzen der Hügel am Ufer hatte allmählich einem gleichförmigen Grau Platz gemacht. In einer Viertelstunde musste die Nacht hereingebrochen sein, ausserdem aber fühlten auch alle Reisenden das Mahnen des Hungers, den die frische gesunde Luft jener entlegenen westlichen Gegenden ganz besonders zu schärfen pflegt.
Das zerklüftete bergige Terrain war erreicht, etwas wie ein offenes Tor, von unregelmässig geformten Basaltblöcken getragen, zeigte sich den Reisenden, und zischend und sprudelnd schoss durch seine Spalten ein kleiner klarer Bach, an dessen Ufer die Pferde, nachdem man sie ihrer Bürde entledigt, frei umherlaufend das reichliche Gras abweiden durften. Für die Nacht sollten sie mit Ausnahme des einen, das der Gelbe Wolf ritt, an Lederriemen befestigt werden.
Das Gepäck wurde in die nach hinten gelegene kleinere Höhle geschafft und alle Wände derselben genau untersucht. Ausser einigen harmlosen Schlangen und Fledermäusen fand sich kein Bewohner, nichts schien den Frieden des Ortes zu stören. Hugo musste dem Trapper helfen, trockenes Holz zum Feuer herbeizuschaffen und Wasser aus dem Bache zu schöpfen, dann kamen die Vorräte an das Tageslicht. Everett besah sie von allen Seiten. „Was ist das, Jonathan?“ fragte er etwas misstrauisch den alten Trapper und deutete auf ein schwärzliches, feines Pulver, das sackweise eingekauft worden war.
„Pemmikan!“ entgegnete trocken der Jäger, „geröstetes und zu Pulver zerstossenes Büffelfleisch. Das hier ist Büffelmark, geschmolzen und in Blasen gegossen.“
Everett verzog den Mund. „Ich verzichte!“ versetzte er. „Warum nehmt Ihr denn nicht lieber das Fleisch gesalzen mit?“
„Weil uns die Pökelfässer schwerlich allein nachgelaufen wären.“
Everett seufzte. „Also Pemmikan,“ sagte er, „und —?“
„Kaffee ohne Rahm und Zucker, Schiffsbrot und — was wir etwa schiessen.“
„Oder pflücken mit Eurer Erlaubnis. Ich sah da Beeren.“
„Die sämtlich in drei bis vier Monaten geniessbar werden, ja.“
„O weh! — Euren Pemmikan, der wie Gartenerde aussieht, mag ein anderer essen. Guten Appetit, ich danke.“
Das Wasser brodelte im Topf, und die Düfte der zerstossenen Kaffeebohnen stiegen verlockend empor; Jonathan und Hugo hatten alle Arbeiten allein besorgt, der Häuptling lag auf seiner Büffeldecke, und die anderen unterhielten sich über den geschäftlichen Erfolg der Unternehmung, nur Everett holte Zigarren und seine Laute hervor.
Der Pemmikan machte die Runde, ihm folgte eine Pfeife, und nachdem so der indianischen Sitte genügt war, wurde auch die Rothaut gesprächiger.
„Eine singende Medizin,“ sagte er, auf die Laute deutend.
„Das ist recht, Häuptling,“ versetzte Everett, „setze dich hierher zu mir, alter Junge, und lass uns plaudern. Zum Beispiel, was hast du da baumeln? Ein ausgestopftes Murmeltier, so wahr ich ein armer Sünder bin.“
Der Indianer brachte sogleich das geheimnisvolle Etwas hinter seiner Tunika in Sicherheit. „Medizin!“ antwortete er.
„Auch Medizin? — Alle Teufel, was ist denn darin?“
„Höre nicht auf ihn, Sagamore,“ schaltete in der Mundart der Schwarzfüsse plötzlich der Trapper ein, „er ist ein Narr, aber er denkt nicht daran, dich beleidigen zu wollen.“
Der Häuptling mochte indessen an dem hübschen, gutmütigen Gesicht des jungen Neuyorkers Gefallen finden. „Weisser Mann hat auch seine Medizin,“ versetzte er freundlich, während die braunen Finger in der Luft ein Kreuz malten. „Der Gelbe Wolf will es niemals verspotten. — Hugh!“ rief er dann plötzlich, indem er gedankenschnell seine Waffen ergriff, — „der Bär!“
Jonathan schien ebenso rasch das Herannahen des Ungetüms bemerkt zu haben, auch seine Kugelbüchse lag im Anschlag, bevor noch die Weissen daran dachten, sich von ihren Plätzen zu erheben. „Alles still,“ gebot er, „Kaleb wird nicht angegriffen!“
„Das fragt sich, würdiger Altmeister dieser Wildnis,“ flüsterte der unverbesserliche Everett, „mich gelüstet es nach der ersten Skalplocke und nebenbei ganz ausserordentlich nach frischem Fleisch! Aber sage mir doch einer, kann man von Kalebs sterblichem Teil irgendeine Partie braten?“
Diesmal gab Hugo die gewünschte Auskunft. „Prächtig, Herr,“ sagte er, „mein Vater hat früher manchen Bären geschossen.“
„Wo steckt denn die Bestie, Häuptling, ich sehe nichts!“
Der Indianer zeigte auf eine Stelle, wo die Pferde zitternd eng beisammenstanden und hörbar schnauften. Unweit von ihnen sass auf dem Grase ein riesiger grauer Bär, das gefährlichste, unüberwindlichste Raubtier dieser Gegenden; er schien den Augenblick zum Angriff sorgfältig wählen zu wollen, aus dem offenen Nachen floss der Geifer, die Augen glänzten tückisch.
„Jonathan,“ rief Everett, „ist das nun Herr oder Frau Kaleb? Wahrhaftig, ich sehe im Geiste die appetitlichen Scheiben schon braten.“
Der Trapper liess von dem wütenden Bären keinen Blick, auch der Indianer kroch Zoll um Zoll, immer den Pfeil auf der Sehne haltend, näher zu seinem alten Waffengefährten hinüber;die beiden Männer fixierten unausgesetzt das Auge des Raubtiers, sie bewachten jede, auch die leiseste Bewegung desselben, während hinter ihnen die Kugelbüchsen sämtlicher Jäger im Anschlag lagen. Nur Everett konnte es nicht über sich gewinnen, der Klugheit Gehör zu geben.
„Ich schiesse!“ rief er. „Wir können gar nicht fehlen!“
„Lasst das,“ warnte Pitt. „Menschen und Pferde wären in grösster Gefahr. Dies ist der männliche Bär, jedenfalls aber liegt das Weibchen mit den Jungen in irgendeiner Höhle ganz nahebei. Schiesst um des Himmels willen nicht.“
Aber die Warnung kam zu spät. Everetts Kugel zischte durch die Luft, und der getroffene Bär sprang fusshoch über den Boden empor. Aus einer Wunde in der Schulter floss stromweise das Blut, die gewaltigen Pranken schlugen nach allen Seiten, die Pferde flüchteten. Mit einem gewaltigen Satze näherte sich, vor Wut und Schmerz brüllend, das Untier seinen Angreifern.
Ein Hagel von Kugeln empfing es, sein schönes graues Fell wurde durchlöchert, sein Blut floss in Strömen, aber noch war keineswegs die riesige Kraft gebrochen.
„Zurück! Zurück!“ rief der Trapper. „In die innere Höhle!“
Ein Pfeil vom Bogen des Häuptlings traf das Tier ins Auge und blieb schwankend im Kopfe stecken, — halb geblendet übersprang es die Reste des Feuers. — —
Everett allein erwartete festen Fusses sein Kommen, die übrigen hatten sich hinter den Schutzwall der Felsenmauern begeben und schossen von dort aus dem Dunkel hervor.
Everett behielt indessen seine vollste Kaltblütigkeit. Auf einem etwas erhöhten Punkte stehend, liess er den Bären nahe genug herankommen, um mit Sicherheit zielen zu können, dann flog die Kugel aus nächster Nähe in den geöffneten Rachen der Bestie und machte ihr dadurch den Garaus.
„Hurra!“ rief Everett, „Frau Kaleb, Sie sind Witwe!“
Der Indianer trat aus der Höhle hervor, sein ernstes Gesicht war von einem Schimmer des Lächelns erhellt.
„Mein weisser Bruder ist ein Tapferer,“ sagte er wohlgefällig.
Auch der Trapper nickte zufrieden. „Es ist um den Mut eine schöne Sache,“ sagte er, „aber man soll nichts übertreiben. Mister Everett hat mit dem, was er tat, das Leben von acht Menschen aufs Spiel gesetzt. Kommt dergleichen nochmals vor, dann müssten wir Mister Everett in der Wildnis allein lassen und uns von ihm trennen. Es ist gegen alle Regeln der Jagd, den grauen Bären anzugreifen.“
„Aber doch nicht, sich sein Fleisch schmecken zu lassen, he? Kommt her, alter Knabe, und weidet kunstgerecht den Fang aus! Das delikate Roastbeef werde ich selbst zubereiten.“
Er holte unbekümmert um die Ermahnungen, welche ihm auch von den übrigen Reisegefährten zuteil wurden, eine Blechpfanne und einige Büchsen mit Gewürz hervor, dann fachte er das Feuer wieder an und legte sinnend den Zeigefinger gegen die Nase. „Haben wir nichts, um das gebratene Fleisch mit einer kleinen angenehmen Beilage zu versehen?“ fragte er. „O du geliebte Kartoffel, ihr frischen bräunlichen Semmeln, euch grüsst wehmütig meine Seele! — Aber halt, da draussen wachsen Stachelbeeren! Komm her, Hugo, wir werden ein Kompott bereiten, du sollst mir sammeln helfen, nimm einen Korb!“
In Everetts unergründlichen Reisetasche fand sich unter zahllosen sonstigen Gegenständen auch eine kleine hübsche Laterne. Jetzt entzündete er das Wachslicht, griff tiefer hinein, um ein Säckchen mit Zucker zutage zu fördern, und wollte sich auf den Weg machen, als ihn der Trapper zurückhielt.
„Lasst wenigstens den Jungen hier! Es ist immer noch möglich, dass die Bärin kommt.“
„Gut!“ nickte Everett, „fleuch, Knabe, ich gehe allein!“
Aber Hugo bat den alten Trapper, die kleine Expedition mitmachen zu dürfen. Das sorglose Wesen des jungen Neuyorkers gefiel ihm sehr, er glaubte auch, dass Everett ohne ihn die Büsche gar nicht finden werde. „Seht nur, Herr,“ setzte er hinzu, „die Pferde weiden ruhig, es ist kein Bär in der Nähe.“
Der Trapper lachte auf seine eigentümliche Weise. Was der Knabe sagte, das wusste er ja selbst ganz genau, aber es freute ihn, den jungen Menschen mit allen diesen Geheimnissen der Natur so vertraut zu finden. „Lauf, Schlingel!“ rief er.
Everett ging in Hugos Gesellschaft bis zu den nächsten Büschen, und während die Männer den Bären zerlegten, hörten sie häufig das muntere Lachen der beiden. Als sie zurückkehrten, begann ein abermaliges Kochen und Braten. Der Indianer trug sorgfältig die Überreste des getöteten Bären in den Bach, um nicht etwa einen nächtlichen Besuch der Wölfe herauszufordern, dann beobachtete er mit einem ziemlich geringschätzigen Lächeln die Vorbereitungen des jungen Neuyorkers zur Bereitung des Stachelbeerkompotts. Etwas duftendes braunes Holz, etwas Schale von einer kleinen gelben Frucht und kleine weisse Steine, wie er glaubte.
Als das Gericht fertig war, bot Everett es den übrigen, ohne jedoch viel Beifall zu finden. Der Indianer wies beinahe schaudernd die Stachelbeeren mit beiden Händen zurück, und der Trapper probierte sie nur aus Höflichkeit. „Das Gemisch behagt Euch? — Guten Appetit! Habt Ihr vielleicht einen Tropfen in Eurer Korbflasche, Duncan?“
Die Nacht war vollends herabgesunken, tiefe Stille herrschte ringsumher; die Wachen wurden unter den Teilnehmern der Reise durch das Los bestimmt. Die erste Wache hatten der Trapper und Hugo.
Sie hüllten sich, so gut es ging, in die mitgenommenen Wolldecken, legten die geladenen Büchsen neben sich und setzten sich an den Ausgang der inneren Höhle. Im Vorderraum brannten grosse Baumäste, welche von Zeit zu Zeit nachgeschoben wurden, die Pferde weideten, und dicht nebeneinander sassen der Knabe und der alte Mann, dessen Haar ergraut war, dessen eigentümliches Äussere die Merkmale der roten und weissen Menschenrassen harmonisch zu vereinigen schien.
Obgleich er eine Kugelbüchse und ein Jagdmesser trug, obgleich die Ausschmückung der Wilden und namentlich der bei keinem Indianer fehlende Medizinbeutel an ihm nicht zu entdecken waren, so hatte er doch seinen ganzen Anzug aus der Haut des schwarzen Hirsches selbst gefertigt und auch die Gewohnheiten des roten Volkes so ziemlich alle angenommen. Mit der selbstgefertigten Pfeife aus Speckstein zwischen den Zähnen sah er vorsichtig auf die Prärie hinaus und kehrte dann, als ihm nichts Verdächtiges auffiel, zu seinem jungen Gefährten zurück.
„Du bist ein guter, bescheidener Junge,“ sagte er, „nicht wahr, es ist doch für deine Mutter, dass du dich so den Gefahren der Prärie aussetzest? Erzähle mir einmal deine Geschichte, mein Sohn, — vielleicht kann ich dir früher oder später nützlich werden.“
Und der Knabe, froh, sich gegen jemand aussprechen zu können, sagte ihm, dass er fest entschlossen sei, männlich auszuharren, ja vielleicht gar selbst Trapper zu werden, wenn ihm diese Beschäftigung früher als irgendeine andere erlauben würde, seiner verwitweten Mutter die Sorgen zu erleichtern, — aber der alte Jonathan schüttelte dazu den Kopf. „Ein Leben ohne Heimat, ohne Familie,“ sagte er mit einem halben Seufzer, „ein verlorenes Leben, mein Junge. Wir Weissen können doch niemals ganz wie die Rothäute fühlen.“
„Aber Ihr seid doch auch ein Weisser und — ein Trapper!“
„Freilich! — nur hat mich mein Geschick in diese Verhältnisse gewaltsam hineingeworfen, ich konnte nicht anders, denn meine Wiege stand in einem indianischen Wigwam, oder besser, hing auf dem Rücken einer barmherzigen indianischen Squaw. Du sollst hören, wie es mir erging, Junge, damit du siehst, dass auch andere Leute ihre Bürden zu tragen hatten! — Vor fünfundfünfzig Jahren stand da, wo heute die Strassen einer Stadt sich dehnen, meines Vaters Blockhütte, ich selbst lag neugeboren, kaum einige Tage zählend, in der Wiege, als in einer Nacht die Krähenindianer kamen und alles mordeten, was auf der Farm lebte, alles stahlen, was sie brauchen konnten, selbst mich, da sie annahmen, dass ihnen ein weisses Kind Glück bringen würde! Der Häuptling hat mich in seine Büffelhaut gehüllt und in die Hütte seiner Squaw gebracht, wo ich eine Zeitlang blieb, bis mein Schicksal abermals eine unerwartete Wendung nahm. Die Schwarzfüsse, mit den Krähen im beständigen Kriege, schickten, während sich die Männer des Stammes im Felde befanden, heimlich Kundschafter, welche den kleinen Sohn des Krähenhäuptlings stehlen sollten, um ihn nachher gegen ein hohes Lösegeld von Pferden und Pelzen wieder zurückzugeben. Die Abgesandten wussten nichts von dem weissen Knaben, der ahnungslos in seiner Wiege schlief. Im Dunkel der Nacht ergriffen sie ihn und brachten ihn den Schwarzfüssen, fest überzeugt, das Häuptlingskind geraubt zu haben. Taubenauge, die Grossmutter des Gelben Wolfes, legte mich mit ihren eigenen Kleinen an die ernährende Brust, ich zog mit dem Stamme viele Jahre lang durch die Prärien hinter den Spuren des Büffels nach Westen, ich war in allen meinen Gewohnheiten, meinen Anschauungen der Sohn des roten Volkes geworden, ehe ich überhaupt wusste, dass es auf Erden weisse und farbige Menschen gibt. Erst später, nachdem um mein Kinn der Flaum zu sprossen begann, erfuhr ich das, was ich dir jetzt erzähle, mehr aber auch nicht, denn die Familie, bei welcher ich lebte, wusste selbst nichts anderes als nur dies. — Wer mein Vater gewesen, wie er hiess und aus welchem Lande er stammte, das wusste niemand.“
Hugo hatte mit grosser Teilnahme die Erzählung des alten Trappers angehört.
„Ihr lebt also noch in den Indianerdörfern?“ fragte er blitzenden Auges. „O ich möchte ein solches sehen.“
Der Trapper lächelte. „Morgen abend rasten wir im Lager der Schwarzfüsse, mein Sohn. Der Stamm verlässt seinen bisherigen Wohnort und zieht gegen Westen, der Spur des Büffels nach, wir werden ihm auf unserm Wege begegnen und die Squaws ihre Zelte wieder aufrichten sehen, bevor uns die Reise weiter hinausführt zu den Verstecken der Trapper.“
„Und die liegen noch in weiter Ferne?“ fragte mit unwillkürlichem Herzklopfen der Knabe.
„Fünfhundert Meilen tiefer in das Land hinein, Kind.“
„Ach — da werden wir schwerlich zu Beginn des Herbstes wieder zu Hause sein können.“
„Doch, mein Sohn, wenn alles gut geht, liefere ich dich um diese Zeit deiner Mutter wieder ab — und was sich so an verschiedenen kleinen Pelzvorräten findet, die ich ausser der Hauptniederlage noch hier und da in den Felsschluchten versteckt habe, nun, das soll ihr gehören, damit die arme Frau ruhiger dem Winter entgegensieht. Ich will dir sagen, weshalb heute bei der Abreise meine Stimme für dich ins Gewicht fiel! — Hiess nicht der Mann, welcher deinen Vater vertrieb, Stuart Collins?“
„Ja!“ antwortete überrascht der Knabe, „weshalb fragt Ihr?“
Der alte Trapper nickte. „Ich gehöre zu den Bleichgesichtern und ich füge keinem von ihnen ein Leid zu, mein Sohn, — nur einen unter allen nehme ich aus, diesen Stuart Collins.“
Hugo wagte nicht, dem Grunde dieses leidenschaftlichen Hasses nachzuforschen. „Ich danke Euch, Mister Jonathan,“ sagte er herzlich.
Der Trapper unterdrückte einen Seufzer. „Sprechen wir von angenehmeren Dingen,“ versetzte er, „so alte Erinnerungen machen traurig. Morgen sollst du den Umzug einer ganzen Dorfbewohnerschaft in der Prärie mit ansehen.“
Hugo freute sich sehr. „Eins könntet Ihr mir erzählen, Mister Jonathan,“ sagte er nach einer Pause, „ich hätte es schon so lange gern gewusst. Was ist das mit dem Medizinbeutel der Indianer?“
„Das will ich dir sagen, Kind, und wäre es nur, damit du nie einen Indianer danach fragst oder gar einen dieser Medizinbeutel an dich zu bringen suchst. Der rote Mann verachtet die Neugier.“
Er verschob das seltsam geformte, halb wie eine Tunika, halb wie ein gewöhnlicher Rock zugeschnittene Gewand aus Hirschleder und nahm unter den Falten desselben ein kleines ausgestopftes, wohlerhaltenes Vögelchen von buntem vielfarbigem Gefieder hervor. „Sieh,“ sagte er, „das ist meine Medizin!“
Hugo sah von dem kleinen hübschen Vogel in das Gesicht des Trappers und von diesem wieder zurück zu ersterem. „Auch Ihr?“ rief er voll Erstaunen, „auch Ihr?“
„Ja, Kind, auch ich. Jeder Indianer, sobald er erwachsen wird, macht sich seine Medizin; es wäre unmöglich als einer der Ihrigen unter ihnen zu leben ohne diesen Akt, der die Kindheit abschliesst, dem jungen Burschen einen Namen gibt und ihm das Recht verleiht, an den Beschäftigungen der Männer teilzunehmen. Ich habe das kleine Ding da vor vielen, vielen Jahren gläubigen Herzens angefertigt und gedacht, dass in jener Stunde der Grosse Geist mit mir gesprochen, — weshalb sollte ich es setzt wegwerfen?
Wenn der indianische Knabe fünfzehn Jahre zählt,“ fuhr er fort, „dann begibt er sich ohne alle Begleitung hinaus in den Wald oder die Prärie, fastet drei Tage und drei Nächte, öffnet auch während dieser Zeit die Lippen zu keinem Laut und setzt sich, wenn der vierte Tag anbricht, mit dem Rücken gegen einen Baum, um auszuspähen. Das erste Tier, welches er sieht, ist sein ‚Natohwa‘ oder Geheimnis, von den meisten einfach ‚Medizin‘ genannt, er hält es für seinen besonderen Schutzgeist und kehrt nun nicht eher in das Dorf zurück, bis er ein solches erlegt hat, worauf unter vieler Feierlichkeit die Haut des betreffenden Geschöpfes zubereitet und aus ihr der mit Gras und Moos gefüllte Beutel hergestellt wird.“
„Und Ihr habt auch so hungernd und stumm drei Tage und drei Nächte allein im Walde gelegen?“
„Ja, Kind! — und mein junges Herz war voll von heiliger Begeisterung, voll von den Schauern der Ehrfurcht.“
Er schwieg, und auch Hugo stützte, ohne zu sprechen, den Kopf in die Hand.
Jonathan stopfte neuen Tabak in die Pfeife. „Was ich dir hier erzählt habe, das bleibt unter uns, Junge,“ sagte er.
„Schau!“ unterbrach er sich plötzlich, „da sind Antilopen.“
Die schlanken, neugierigen Tiere kamen in der tiefen Stille der Nacht ganz nahe heran zum Feuer und drängten sich neugierig bis in den hellbeleuchteten Umkreis desselben. Hugo sah die schönen Köpfe mit ihren oft beschriebenen Wunderaugen, die anmutigen Bewegungen aus nächster Nähe.
„Jetzt pass auf,“ raunte der Trapper. „Sie verschwinden wie in den Boden hinein.“
Er klatschte plötzlich in die Hände, und gleich einem Schwarm aufgescheuchter Tauben flohen die scheuen Tiere nach allen Richtungen; nur Sekunden währte es, dann war der Platz leer.
In der inneren Höhle regte sich’s, der Gelbe Wolf sah hinaus auf die Prärie. „Hugh!“ stiess er leise, kaum hörbar, hervor.
Der Trapper wandte den Kopf. „Nichts, Sagamore!“ flüsterte er lächelnd.
Und dann legte er Hugos Decke näher zum Feuer. „Schlaf, Kind, ich kann mit meinen alten Augen für uns alle wachen.“
Der Knabe nahm seinen Platz wieder ein, er wollte den Schlummer abschütteln, eine Zeitlang kämpfte er auch tapfer gegen die stärkere Macht, aber dann zerflossen langsam die Gedanken in unbestimmte Bilder, und nach dem Tage voll Aufregung und Herzensweh fielen die Wimpern schwer herab. Er schlief fest.
Der Trapper warf noch eine zweite Decke über den Körper seines Schützlings, und dann sah er wieder, die Pfeife zwischen den Zähnen, stumm hinaus in die nächtliche Prärie.
2
Am folgenden Morgen sass die ganze Reisegesellschaft mit Sonnenaufgang im Sattel. Das Bärenfleisch wurde mitgenommen, ebenso das zottige Fell des alten Kaleb; die Sonne schien warm herab auf tausend Knospen und treibende keimende Blätter, auch Hugo fühlte sich heute schon viel freier als gestern, und Everetts Laune war geradezu unübertrefflich. „Die Wildnis lässt sich ganz gut an,“ sagte er, „ich erwachte in dieser Nacht nur zwölfmal und habe kaum ein halbes Schock Käfer und Eidechsen in meinen Kleidern gefunden. Wann werden wir Büffel schiessen, Jonathan?“
„Wenn uns welche begegnen,“ war die trockene Antwort. „Vorerst müssen wir jetzt absteigen und die Pferde am Zügel führen. Es kommt ein Hundedorf.“
Der Gelbe Wolf stand schon auf dem Boden und zog sorgfältig spähend sein Tier hinter sich her, alle übrigen folgten diesem Beispiel, und nun zeigte sich auch die Kolonie jener kleinen Vierfüssler, die in den nordamerikanischen Prärien zu Hunderttausenden leben. In je zwanzig bis dreissig Fuss Entfernung hoben sich vom Grau der Erde kleine Hügel, deren jeder oben auf seiner höchsten Höhe einen Eingang für die bewohnende Familie erkennen liess. Regelmässige Strassen hatte indes dieses seltsame Dorf nicht, so dass die Reisenden ihre Pferde hindurchziehen mussten.
„Wisch-ton-Wisch schläft noch,“ sagte der Gelbe Wolf.
„Seine Frau Base wird ihn schon wecken!“ lachte Duncan. „Ich habe diese vermaledeiten Dörfer häufig genug passiert, um die seltsamen Neigungen des Präriehundes zu kennen. Seht ihr da an jedem Eingang eine kleine Eule sitzen, meine Herren? — Das ist die Schildwache der Familie, zu welcher auch grosse gehörnte Eidechsen und Landschildkröten gehören.“
Aus allen Erdlöchern erhoben sich die Köpfe des amerikanischen Hamsters, eines kleinen hundeähnlichen Tieres, das, braun mit weissem Bauche, die Grösse eines Eichhorns zu haben schien, und das jetzt schweifwedelnd, äusserst wohlgenährt, in aller Gemütlichkeit vor seiner Haustür sass und jenen Laut hervorstiess, der mit der Hundestimme verwandt ist, aber trotzdem entschieden wie „Tschirp! Tschirp!“ klingt. Dieses Gebell verbreitete sich von Hütte zu Hütte; wohin das Auge sah, da wimmelte es von den kleinen zutraulichen Tieren, deren keines die geringste Furcht zu empfinden schien.
Langsam ging es weiter durch die Zwischen den unregelmässig verstreuten Hügeln sich hinziehenden Gassen der Hundestadt, immer begleitet von dem tausendstimmigen „Tschirp! Tschirp!“ des lustigen Völkchens. Plötzlich bäumte eins der Packpferde hoch auf, es schlug wild mit den Hufen und schnob, Everett, der es hielt, hatte genug zu tun, um nicht von dem erschreckten Tiere zu Boden gerissen zu werden.
Der Indianer und der Trapper standen, als sie diesen Laut hörten, wie auf Verabredung plötzlich still.
„Schlange!“ murmelte der Gelbe Wof. „Schlange!“
Er bückte sich und glitt unter und zwischen den Pferden dahin bis an das Tier des jungen Neuyorkers; es Zitterte immer noch am ganzen Körper, seine Mähnen waren gesträubt, seine Augen mit Blut unterlaufen. Everett suchte vergeblich, es zu beruhigen. „Häuptling,“ rief er, „was hat nur der Coriolan plötzlich?“
Eine schnelle Bewegung des Indianers antwortete ihm, blitzschnell, aber dennoch um Sekunden zu spät. Ein erschütternder grässlicher Schrei brach aus der Kehle des Pferdes hervor, es taumelte, wand sich und fiel in Zuckungen zu Boden, während durch die Reihen aller seiner Genossen das Stampfen und Sichsträuben fortlief, während die Präriehunde bellten und der Trapper seinem Genossen einige Worte zurief.
Gleich darauf war er neben dem gefallenen Tiere, von dessen rechtem Hinterfuss der Indianer soeben mittels seines Messers den Körper einer Klapperschlange in Stücken lostrennte, worauf er die hornige Schwanzspitze, eben die Klapper, sorgfältig in die Weidtasche schob.
„Euer Pferd hat unglücklicherweise auf eine im Gras versteckt liegende Schlange getreten, Mister Everett,“ sagte der Trapper, „es ist verloren und muss daher sogleich getötet werden. Steigt ab, Herr, — was beschliesst Ihr über das Gepäck, welches der Coriolan trug?“
Der Newyorker schien zum ersten Male betroffen. „Aber ist denn das alles gewiss?“ fragte er unentschlossen, „sollte der Häuptling kein Gegengift kennen?“
„Steigt ab, Herr,“ wiederholte energisch der Trapper, „ich sage Euch, es geht nicht anders.“
Everett sprang aus dem Sattel, seine Reitgerte traf ungestüm den nächsten kleinen Präriehund, der sich schleunigst mit einem Wehegeheul in seine unterirdische Klause zurückzog, dann fuhr er unschlüssig mit der Hand durch das Haar. „Ich kann von diesen Sachen durchaus nichts entbehren,“ sagte er verdrossen, „Taschentücher, Hemden, Westen, Handschuhe und mein Pelz!“
„Schweigt jetzt, Herr, und helft uns.“
Mehrere Männer hatten das Gepäck vom Rücken des sterbenden Tieres abgeschnitten und zogen es aus den Reihen der übrigen hervor. Eine mitleidige Büchsenkugel machte seinen schrecklichen Qualen ein Ende; Jonathan nahm das Geschirr und näherte sich dem ganz verzweifelten Everett. „Lasst den Kram liegen,“ sagte er verächtlich, „für den Wald passt doch das feine Gewebe nicht.“
„So soll ich als Wilder nach Neuyork zurückkehren? Sehr verbunden, Freund Jonathan, aber das wäre doch des Guten zu viel. Heda, ihr übrigen, etwas von meinen Sachen nimmt jeder in Verwahrung, denke ich!“
Er reichte diesem ein Bündel Wäsche, jenem ein Pappkästchen und dem dritten eine Schachtel; trotz aller dieser Bemühungen aber gelang es nicht, die grosse Menge von Gegenständen unterzubringen, und so blieb zwischen den Höhlenreihen der unterirdischen Stadt ein ansehnlicher Stapel feinster Neuyorker Leinenwäsche und ostindischer Tücher im Morgenwinde liegen.
Die Unterhaltung schwieg wieder. Drei Stunden im Sonnenschein über einen unebenen, zu beständigen Kreuz- und Quersprüngen nötigenden Boden zu marschieren und dabei mehrere Pferde hinter sich her zu ziehen, das verdirbt die Laune.
Gegen Mittag wurde Pemmikan und Schiffsbrot gegessen.
„In zwei Stunden müssen wir dein Volk treffen, Sagamore,“ sagte da Jonathan.
Der Häuptling streckte die Hand aus. „Wenn der Sonnenball über den Wipfeln dieser drei Fichten steht, dann sind die Söhne der Schwarzfüsse an den Ufern des fischreichen Sees angelangt,“ versetzte er. „Ihr Weg und unser Weg laufen eine Zeitlang nebeneinander“ der Gelbe Wolf will den Medizinmann fragen, ob dieser Zug von Glück begleitet sein wird.“
„Bah,“ lächelte der Trapper, „das sagst du im Scherz, Sohn meines Bruders. Was könnte erfahrenen Kriegern begegnen?“
Der Indianer schüttelte den Kopf. „Es liegt eine Wolke auf unseren Häuptern, Wi-ju-jon!“ fuhr er leise sprechend fort.
Der Trapper schien plötzlich ernst zu werden. „Was meinst du, Sagamore?“ forschte er. „Es ist unmöglich, dass dir hier die Spur eines der Krähen oder Assiniboins begegnet wäre!“
Der Gelbe Wolf schüttelte seinen ausdrucksvollen Kopf. „Die Krähen und Assiniboins mögen kommen,“ versetzte er, „ein Tapferer ist bereit, ihre Skalplocken an seinen Gürtel zu hängen, er nennt sie die Söhne von Hündinnen und will sie erschlagen wie diese! — Wi-ju-jon, es sind nicht solche Feinde, die in Fleisch und Blut vor ihm stehen, es sind nicht Menschen, die der Sohn deines Bruders fürchtet.“
Eine Zeitlang gingen die beiden an der Spitze des Zuges wortlos nebeneinander dahin.
„Will Wi-ju-jon die Wolke sehen, welche mit uns gen Westen zieht?“ fragte der Häuptling plötzlich.
„Sprich, Sohn der Fliegenden Pfeilspitze,“ entgegnete Jonathan. „Der, dem deine Worte gelten, ist ein Mann.“
„So schau her!“
Und der Gelbe Wolf zeigte dem Alten in seiner hohlen Hand, sorglich versteckt von den Falten der Tunika, jenes kleine ausgestopfte Vögelchen, an das sich für den Besitzer so teure Erinnerungen knüpften, — Jonathans Medizinbeutel, den er immer an einer getrockneten Hirschsehne um den Hals zu tragen pflegte. „Das fand ich im Gras neben dem Leichnam des erschossenen Pferdes,“ raunte er. „Der Gelbe Wolf warnt Wi-ju-jon!“
Das Herz des Trappers schlug schneller. Er wollte den Zufall für nichtsbedeutend, für gleichgültig halten, aber die indianische Erziehung, welche er genossen, machte sich doch in diesem Augenblick sehr stark geltend, er verbarg hastig das Vögelchen in der Jagdtasche. „Haben es die Bleichgesichter bemerkt?“ fragte er gepresst.
„Der Gelbe Wolf ist kein Weib, dass er hingehen und schwatzen sollte. Aber er warnt dich, Wi-ju-jon! Du hast Unglück auf diesem Wege.“
Der Trapper raffte sich auf, gewaltsam, wie es schien. Die indianische Furcht vor übernatürlichen Dingen rang sichtlich in seiner Seele mit dem Urteil des klaren Verstandes, das in der bei einer stärkeren körperlichen Anstrengung gerissenen Sehne und dem Herabfallen des Medizinbeutels nur ein ganz gewöhnliches Ereignis erblicken konnte, keinesfalls aber eine schlimme Vorbedeutung. „Was der Grosse Geist sendet, das müssen wir ruhig ertragen, Sagamore,“ versetzte er endlich. „Ich gehe mit den Weissen! Du wirst nicht verlangen, Sagamore, dass sich der Bruder deines Vaters wie ein Weib verkriecht, wenn die Gefahr im Anzuge ist.“
„Hugh!“ rief der Indianer. „Die Familie der Fliegenden Pfeilspitze ist eine Familie von Häuptlingen. Keiner ihrer Angehörigen hat jemals sein Wort gebrochen. Aber Wi-ju-jon braucht nicht selbst zu gehen, der Gelbe Wolf wird die Weissen zu den Wasserfällen des Missouri führen und ihnen die Verstecke des Trappers zeigen. Seine jungen Krieger sollen ihn begleiten.“
Der Jäger drückte heimlich voll Rührung die Hand des Häuptlings. „Wir gehen miteinander, Sagamore,“ versetzte er dann.
„Ich höre das Stampfen der Pferde,“ rief der Indianer.
„Unser Volk!“ setzte nach einem sekundenlangen Horchen der alte Trapper hinzu. „Sie sind es, Sagamore!“
„Hugo!“ rief er dann dem Knaben zu, „jetzt pass aus, wir kommen in das Lager der Schwarzfüsse.“
Der Knabe hob sich im Sattel, so gut es Everetts Pelzrock erlaubte, und sah vor Verlangen bebend in die angedeutete Richtung hinaus. Wieviel war ihm nicht auf der Farm von den gefürchteten Wilden erzählt worden, wie lange und wie sehnlich hatte er nicht gewünscht, einmal von Angesicht zu Angesicht die Rothäute kennenzulernen, mit denen sein verstorbener Vater vor Jahren so harte und blutige Kämpfe bestanden! — Jetzt nahten sie, das Bellen ihrer zahllosen Hunde klang schon herüber, und bald zeigten sich auch in den Gebüschen zur rechten und linken Seite des Weges die funkelnden Augen versteckter Krieger, später sogar ganzer Scharen derselben, aber die Weissen bemerkten es nicht, und weder der Häuptling noch der Trapper nahmen von ihnen die mindeste Notiz. Es wäre nach ihren Begriffen höchst unpassend gewesen, sich auf offener Heerstrasse zu begrüssen.
Und jetzt zog es über die grüne sonnenglänzende Prärie heran mit mehr als tausend Pferden und wenigstens ebensovielen, ja geradezu unzählbaren Hunden. Zu beiden Seiten eines seltsam malerischen, aus Frauen und Kindern bestehenden kleinen Heeres schwärmten auf flinken, durchaus vortrefflich dressierten Pferden etwa sechshundert Indianer, alle mit Büchsen oder Pfeilen und Bogen bewaffnet, alle in Hirschleder gekleidet, mit einer grösseren oder geringeren Anzahl von Skalplocken an der überreich verzierten Kleidung. Sie bildeten die Schutzwache der Frauen und Kinder, welche sämtlich zu Fuss gingen, nur begleitet von jenen Hundescharen, die hier auf das sinnreichste zum Nutzen der Haushaltung verwendet wurden. Jede einzelne Squaw mit ihrem faltigen Rock aus Hirsch- oder Antilopenfell, ihren Perlen und Schnüren, ihren sonderbaren Gesichtsmalereien, führte am Zügel ein Pferd, auf dessen Rücken die Zeltstangen, durch Querhölzer verbunden, das Gerät der Hütte und ihre Fellbedachung trugen. Oben auf diesem schwankenden Bau sassen die Alten und Schwachen, sowie diejenigen Kinder, welche zum Gehen noch zu klein waren, so dass bei einzelnen besonders zahlreichen Familien das Pferd drei bis vier Personen neben der ganzen beweglichen Habe seines Eigentümers zu tragen hatte. Neben dem Pferde gingen die grösseren stärkeren Hunde.
Die Weissen mit ihren Begleitern hielten auf dem Wege, den der indianische Stamm verfolgen musste, aber vergebens erwartete Hugo, dass das braune Völkchen irgendein Erkennungszeichen oder die Freude des Wiedersehens an den Tag legen werde; auf beiden Seiten blieb man anscheinend so gleichgültig, wie die fremdesten Menschen einander begegnen, es streckte sich keine Hand dem Bruder entgegen, es zeigte sich keine Spur von Freude, selbst die Kinder schienen von dieser in Fleisch und Blut übergegangenen Sitte ihres Volkes schon aller natürlichen Fröhlichkeit beraubt, auch sie liessen die Herankommenden vollständig unbeachtet, — nur ein einziger Hund, ein grosses, schönes, wolfsartiges Tier, machte von der allgemeinen Regel eine Ausnahme, indem er dem alten Trapper entgegen und an dem Pferde desselben emporsprang.
„Treu!“ sagte leise, ihm den Kopf streicheind, der Trapper, „Treu, mein alter Geselle, freust du dich? — Aber still jetzt, still!“
Und der Hund gehorchte augenblicklich. Neben dem Pferde gehend, begnügte er sich, seinen Herrn fortwährend anzusehen und leise mit dem buschigen Schweif zu wedeln. Die Weissen ritten jetzt in einer Linie mit den roten Kriegern und den zu Fuss gehenden Squaws, in geringer Entfernung zeigte sich die blaue Fläche des Sees, an dessen Ufern gerastet werden sollte.
„Ein seltsamer Empfang,“ sagte kopfschüttelnd Everett.
Duncan lächelte. „Zuerst muss die Pfeife angezündet und das Lagerfeuer in Brand gesetzt sein,“ sagte er.
Everett hatte den Ärger über seine verlorenen Schätze bereits verschmerzt, er dachte jetzt nur noch an das Vergnügen, den Indianern etwas vorzuspielen und später in Neuyork von diesem Konzert am Lagerfeuer, hingestreckt auf Büffelhäute, umhorcht von den Squaws der Wilden, seinen Freunden zu erzählen. Jetzt hielten die vordersten Reiter, leise murmelnd plätscherten blaue Fluten gegen das Ufer, überall dehnten sich weite Futterplätze, auf welchen man die Pferde nach Belieben herumlaufen liess, und während sich die Männer in den Schatten der jungen Blätter lagerten, begannen die Frauen das Zeltdorf herzurichten. Nicht einmal die grösseren Knaben halfen ihnen. Sie mussten die schweren Zeltstangen allein aufrichten, die Steine zum Feuerherd suchen und herbeischleppen, trotzdem aber war in weniger als einer Stunde alles dieses getan, und von über hundert Feuerstätten drang lustig der Rauch zum Himmel empor. In den Zeltgassen tumelten sich die Kinder mit den zahllosen Hunden, vor den niederen, zum Kriechen eingerichteten Türen waren Frauen und Mädchen beschäftigt, zum „Sakkatusch“, dem beliebten Gemüse der Rothäute, die Bohnen und Maiskörner zwischen grossen Steinen zu zerquetschen, andere holten in Kürbisflaschen aus dem See das klare Wasser herbei, und wer alles dieses besorgt hatte, der richtete in flachen hölzernen Schüsseln den Pemmikan zum Abendessen her.
In der Mitte des freien Platzes standen abgesondert von den übrigen zwei Zelte, deren eines, das Beratungszelt, den Männern zum Versammlungsort diente, während das andere, die Medizinhütte, gewissermassen das Allerheiligste war, den Frauen strengstens verschlossen und auch nur zu bestimmten seltenen Stunden den Häuptlingen geöffnet, der Wohnort des Medizinmannes oder Zauberers, die Stätte all des seltsamen Hokuspokus und Aberglaubens, von dem kein Indianer lässt, ja, dessen erzwungenes Aufgeben den Weissen gegenüber ihn moralisch vernichtet und allen Haltes beraubt. Hier lagen unter Haufen von Häuten versteckt die seltsamen Schmuckgegenstände des Medizinmannes: Tierköpfe, Felle, Federn und Krallen, getrocknete Insekten und ausgestopfte Vögel oder Reptilien, kurz, alle solche Erscheinungen des Tierlebens, die selten gefunden werden, und allein aus diesem Grunde „Medizin“ oder Geheimnis, etwas Wunderbares sind. Nur derartige Dinge verwendet der Zauberer für seinen Anzug.
Allmählich wanderten von allen Seiten die Krieger mit ihren langen Pfeifen und hübschen Tabaksbeuteln zur Versammlungshütte. Auch unsere Reisenden fanden sich ein, und nachdem noch eine Zeitlang geraucht und geschwiegen worden war, ergriff ein alter Häuptling das Wort, um den Gelben Wolf inmitten seiner Krieger willkommen zu heissen und zugleich den Fremden die Gastfreundschaft des Stammes anzubieten.
„Wie-ju-jon will unseren Freunden, den Blassgesichtern, seine Felle verkaufen?“ fragte er. „Die Verstecke, in denen er sie vor den Blicken der räuberischen Krähen und Assiniboins verbirgt, liegen an den oberen Wasserfällen des Missouri?“
„So ist es, mein Bruder,“ versetzte der Trapper. „Hat der ‚Büffeltöter‘ gegen diesen Plan etwas einzuwenden?“
Der Häuptling schwieg eine Zeitlang. „Wi-ju-jon ist ein weiser Mann und hoch geachtet von dem Volke der Schwarzfüsse,“ sagte er dann, „er möge hören und urteilen. Meine jungen Krieger haben in der Umgebung der Missourifälle die Spuren des Krähenstammes gefunden, — mit den roten Männern waren zwei Weisse, ein Mann und ein Knabe.“
„Hugh!“ rief plötzlich der Gelbe Wolf. „Wi-ju-jon höre!“
Der Trapper hob den Kopf. „Weisse?“ wiederholte er überrascht. „Hat der Büffeltöter von seinen jungen Leuten erfahren, wer diese waren?“
Der Häuptling verneinte.
Jetzt mischten sich mehrere der Pelzhändler zugleich in das Gespräch. „Hat Euer Stamm mit den Krähen im Augenblick Krieg?“
„Aber Mann, Mann, wenn die Felle gestohlen wären!“
„Wenn wir erst mit den verfl — — ja, ich meine, wenn es da erst zu Scharmützeln käme!“
„Jonathan, ich ziehe mit Euch!“ liess sich Everett vernehmen.
„Wie-ju-jon!“ ermahnte der Gelbe Wolf.
Ein Blick aus den freundlichen Augen des Trappers dankte ihm. „Die weissen Männer mögen selbst entscheiden,“ sagte er dann, „wollen sie mich mit ihren Packpferden nicht bis zu den Missourifällen begleiten, so ist es mir auch unmöglich, ihnen meine Felle zu verkaufen. Auf Streit mit den Indianern muss jeder gefasst sein, der sich überhaupt in ihr Gebiet begibt.“
„Wohl gesprochen!“ rief Everett.
Die übrigen berieten leise, nur Hugo schwieg. Das Herz schlug ihm schneller als gewöhnlich. In den Krieg sollte er ziehen! — —
„Abgemacht!“ rief Duncan, der Erfahrenste unter den Versammelten, „abgemacht, wir wollen die Sache wagen, selbst auf die Gefahr eines Scharmützels hin. Habe schon mehr als ein solches überstanden, bin nicht der Mann, auf halbem Wege umzukehren.“
„Und überdies,“sagte Markmann, einer der beiden Deutschen, „wer könnte denn behaupten, dass die Rothäute, wenn sie vor acht Tagen an den Fällen waren, noch dort sein müssen!“
„Hugh!“ rief der Büffeltöter, „meines weissen Bruders Zunge springt wie ein Füllen auf der Weide. Die Krähen mit den beiden Bleichgesichtern sind selbst noch auf dem Wege zu den Fällen! — Die jungen Leute des Büffeltöters sind ihnen dort begegnet — sie werden nur um etwa zwei Tage früher anlangen als Wi-ju-jon und seine Freunde.“
Der Trapper nickte. „Das wusste ich, Häuptling,“ versetzte er. „Ich erwarte auch nichts anderes als Verrat und Räuberei, da wo die Krähen ihre Hand im Spiele haben, aber ich bin nicht gesonnen, mein Eigentum ohne Kampf aufzugeben. Was sagt der Büffeltöter zu dieser Absicht seines Freundes?“
Der alte Krieger hob die Rechte. „Er sagt, dass Wi-ju-jon wie ein Mann gesprochen hat,“ versetzte er energisch, „der Büffeltöter würde seinen Bruder begleiten und neue Skalpe nach Hause bringen, wenn nicht der Schnee des Alters auf seinem Haupte läge und ihn zwänge, unter den Squaws zu leben, während die jungen Leute auf dem Kriegspfade wandeln.“
Der Gelbe Wolf erhob sich, ein Zeichen, dass er zu reden wünschte. „Will Wi-ju-jon dem Sohne seines Bruders erlauben, ihn mit fünfzig oder hundert der besten Krieger zu begleiten?“ fragte er. „Auch die tapfersten Häuptlinge können gegen eine doppelt stärkere Macht nicht kämpfen.“
Der Trapper schüttelte den Kof. „Wozu, Häuptling?“ fragte er. „Wollen sie nur meine Felle stehlen, so bedarf es keiner grossen Anzahl, — sind sie aber auf dem Kriegspfade begriffen, dann treffen wir sie am Missouri überhaupt gar nicht.“
„Desto besser!“ rief der Häuptling. „Dann hat der Gelbe Wolf mit seinen jungen Kriegern einen Spazierritt gemacht.“
Die Hand des Trappers streckte sich ihm entgegen, er antwortete nur mit den Augen. Später aber, als nach Auflösung der Versammlung sein junger Freund ihn am Arm ergriff, folgte er willig im Dunkel des Abends dem Häuptling zur Medizinhütte. „Lass uns Cristecooms Stimme hören!“ bat der Indianer.
Jonathan machte keine Einwendung. Seine roten Genossen wussten nicht, dass der alte Mann, seit er von den Weissen und seiner eigenen Abstammung gehört, sich nun auch in so mancher Beziehung über das farbige Volk erhoben hatte.
Der Medizinmann des Stammes war ein Greis von mehr als achtzig Jahren. Früher der tapfersten Häuptlinge einer, hatte ihn eine traurige Krankheit gezwungen, dem Kriegerhandwerk den Rücken zu kehren; er litt am grauen Star und konnte längst schon keinen Schimmer des Sonnenlichtes mehr sehen. Je weiter aber die Haut seine Augäpfel überzog, desto geheimnisvoller erschien der Alte den Indianern, und da naturgemätz mit der gänzlichen Trennung von allem äussren Leben das innere, geistige desto höher sich entfaltete, so wurde der Springende Hirsch Medizinmann und beherrschte vollständig die Gemüter der roten Krieger. Ein tiefer Denker wie so viele seines Volkes, ein Mann mit den Erfahrungen langer Jahre, konnte er, durch nichts abgezogen oder verwirrt, gewöhnlich leicht die kindlichen Fragen der Leute beantworten, konnte raten und trösten, wo niemand einen Ausweg wusste, — kein Wunder also, dass ihn alle die „Grosse Doppelmedizin“ nannten, und dass er sich des höchsten Ansehens erfreute.
Ganz in eine weite Tunika gekleidet, mit weissen Locken und einem Kopfputz aus Hermelin und Adlerfedern, hatte er die äussere Erscheinung eines Fürsten.
„Wi-ju-jon!“ sagte er mit geneigtem Kopfe lauschend. „Das Ohr des Blinden erkennt den Schritt eines Häuptlings.“
Der Trapper zog die Mühe vom Kopf. „Wünscht mir Gutes, mein Vater,“ sagte er, „denn ich ziehe dem Kampfe mit den Krähen entgegen.“
Der Medizinmann wiegte langsam wie in tiefer Betrachtung das Haupt mit den weissen Locken. „Die Krähen,“ sagte er sinnend, „die Assiniboins, die Sioux und die Chippewaer — wie oft habe ich in heisser Schlacht mit ihnen gestritten! Ob es recht war und dem Grossen Geiste angenehm? Es sollte nur Freunde geben unter den Söhnen der roten Stämme.“
Weder Jonathan noch der Gelbe Wolf wagten es, zu antworten, sie ehrten schweigend die Weisheit, welche von den Lippen des Blinden fiel. „Du selbst bist von Geburt ein Weisser, Wi-ju-jon!“ fuhr er fort, „ich erinnere mich so deutlich des frühen Morgens, an welchem meine Kundschafter aus den Zelten der Krähen heimkehrten, in ihren Mänteln ein Kind von wenig Wochen, der Sohn des Häuptlings, wie wir glaubten, das Unterpfand eines Vertrages. Die Abgesandten hatten es schlafend aus den Armen der Mutter gestohlen, und als ich’s ansah, ach, da war es ein kleines weisses Kind, dessen Mündchen begierig meine harten Finger erfasste. Die unschuldige Bewegung hat wohl damals dein Leben beschützt, Wi-ju-jon! Jung und ohne Erfahrung, wie ich war, dazu schwer enttäuscht und dem Spotte der Krähen preisgegeben, stand ich schon im Begriff, dich mit dem Tomahawk zu erschlagen, aber Cristecooms Absichten sind andere gewesen, er lenkte mein Herz, und ich trug dich zu der Mutter des Fliegenden Pfeiles, die damals ihr eigenes Kind säugte.“
Jonathans Seele wurde von den verschiedensten Empfindungen bestürmt. „Und mein Vater weiss nicht, woher die Krähen den gestohlenen Säugling genommen hatten?“ fragte er.
Der Blinde schüttelte den Kopf. „Wenige Männer, die schon damals denken konnten, leben bis auf diesen Tag,“ versetzte er. „Der Springende Hirsch ist der Letztgebliebene von allen seinen Brüdern, er hat länger die Mühseligkeiten des Daseins ertragen als die, welche mit ihm zugleich geboren wurden. Die Stelle, wo Wi-ju-jons Elternhaus stand, unweit der Stadt, welche von den Weissen St. Louis genannt wird, kennt er genau, aber den Namen ihrer Bewohner haben seine Ohren niemals vernommen.
„Nie?“ forschte in leidenschaftlichem Tone der Trapper.
„Nein!“ entgegnete fest der Greis. „Sie waren Engländer, das ist alles, was ich darüber erfahren konnte.“
Der Trapper hatte diesen letzteren Umstand früher schon gekannt, er wandte sich daher ziemlich enttäuscht ab und war offenbar bemüht, das im Augenblick verlorene seelische Gleichgewicht wiederzugewinnen, während der Gelbe Wolf dem Blinden erzählte, was sich heute morgen zwischen den Hügeln der Hundestadt zugetragen. „Was sagt der grosse Medizinmann der Schwarzfüsse,“ schloss er, „soll Wi-ju-jon die Warnung des Grossen Geistes in den Wind schlagen, oder soll er ihr folgen und den Gelben Wolf mit seinen jungen Leuten allein an die Missourifälle gehen lassen? Mein Vater möge sprechen.“
Die lichtlosen Augen des Greises sahen wie in eine andere, bessere Welt. „Wie-ju-jon soll gehen und als Mann und Häuptling sein Eigentum beschützen,“ sagte er nach einer Pause. „Der Grosse Geist kann nicht wollen, dass Diebe und feige Räuber ungestraft eines ehrlichen Jägers Erwerb an sich reissen, seine Warnung war das Wort eines weisen Vaters an den Gelben Wolf, er muss es nur richtig zu deuten wissen. Wi-ju-jons Medizin hatte den Häuptling verlassen, aber seines Bruders Sohn stand daneben und fand sie zur rechten Zeit! Hugh! Das ist klar und verständlich gesprochen. Ein Mann wäre zu wenig gegen fünfzig oder hundert Feinde, der Gelbe Wolf soll den Bruder seines Vaters begleiten und ihm vorangehen auf dem Wege der Tapferen!“
Ein Lächeln überflog die Lippen des Trappers. „Wi-ju-jon dankt seinem weisen Vater,“ sagte er herzlich, „er wird so tun.“
Der Gelbe Wolf erlaubte sich trotz des geheiligten Ortes ein leichtes Kopfschütteln, er war durchaus nicht überzeugt, aber nach dem bestimmten Ausspruch des Medizinmannes gab es keine Gegenrede mehr, und so blieb ihm nur übrig, sich mit dem Trapper zu verabschieden und seine Läufer durch das Dorf zu schicken, um für den nächsten Morgen die nötige Anzahl erprobter Krieger beisammen zu haben. Jonathan kam später, nachdem schon alles schlief, noch auf einen Augenblick in sein Zelt, um mit ihm zu beraten. „Wir ziehen etwa zwei Tage lang mit unserem Volk desselben Weges,“ sagte er, „aber denkt nicht der Gelbe Wolf, dass es für uns besser sei, schon vor ihnen aufzubrechen?“
Der Häuptling sah sorgenvoll aus. Seine abergläubische Furcht brach nochmals unwiderstehlich hervor. „Wi-ju-jon will sich beeilen, dem Verderben entgegen zu gehen!“ sagte er. „Der Häuptling, dessen Medizin verloren wurde, ist in Gefahr, — ist verurteilt.“
„Gut!“ rief Jonathan, „gut! aber der Mann, welcher den Feind fürchtet, ist wert, dass ihn dieser verachtet.“
„Hugh!“ rief der Indianer. „Ein Feind mit Händen und Augen und Füssen wie der Gelbe Wolf möge ihm begegnen wo er wolle, sein Skalp soll die Beute eines Tapferen werden! Aber ein Feind, der in der Luft lauert, der ist des Bösen Geistes Abgesandter!“
Jonathan schüttelte den Kopf. „Komm, wir wollen nicht streiten, Wolf, du und ich, wir standen ja schon in mancher Schlacht Seite an Seite, wir werden auch diesen Strauss ausfechten.“
Der Häuptling widersprach nicht länger, er ordnete seine Pfeile und brachte in den Köcher eine grosse Anzahl derjenigen, die, mit Widerhaken versehen, tief in den Körper eindringen und deren Spitzen vergiftet sind. Am meisten Sorgfalt verwendete er auf den Medizinbeutel; das ausgestopfte Murmeltier wurde mit dreifachen Schnüren befestigt, und erst als sein Eigentümer sah, dass menschliche Hände ausserstande waren, diese Knoten und Verschlingungen zu zerreissen, legte er sich beruhigt für den Rest der Nacht auf sein Lager.
Früh am nächsten Morgen, als die ersten Sonnenstrahlen den Rand des Horizonts färbten, sass die ganze Reisegesellschaft, jetzt um etwa sechzig braune Krieger verstärkt, im Sattel.
3
Tage und Nächte vergingen während eines angestrengten Rittes über die Prärie und durch den schweigenden frühlingsgrünen Wald. Je weiter die Reisenden vordrangen, um so mehr häuften sich für die Augen der erfahrenen Indianer alle jene kleinen, kaum erkennbaren Zeichen, aus denen die kürzliche Anwesenheit mehrerer Personen klar hervorging. Hier war ein Hirsch erlegt worden, dort hatten Pferde einen seichten Fluss passiert, und einmal fand sich sogar die Spur eines Nachtquartiers, obgleich nur der Zufall diese letztere Entdeckung herbeiführte. Man suchte Wasser, verliess den geraden Weg und fand zwischen zwei vorspringenden Felsen eine Feuerstelle, die Überreste eines Abendessens und mehrere weggeworfene Branntweinflaschen.
Hier hatten kürzlich die Krähen gelagert.
Der Gelbe Wolf stieg vom Pferde und untersuchte den Boden, dann zeigte er dem Trapper die fünf Finger seiner rechten Hand.
Jonathan nickte. „Ihrer fünf Krähen, Sagamore, — ich konnte mir’s denken. Waren Weisse mit ihnen?“
„Ja, ein Mann und ein Knabe. Sie haben ihre Spur verstecken wollen, der Weg, den sie gehen, führt von der Weissen Grenze bis zu den Missourifällen. Wi-ju-jon hört!“
Er bückte sich tiefer herab und betrachtete die Asche in der Mitte des Lagerplatzes, vorsichtig hoben die braunen Finger eine starke Schicht lehmiger Erde empor, und nun kräuselte sich leichter blauer Rauch aus den Fugen herauf. „Die Krähen waren in dieser Nacht hier!“ rief er.
„Ihnen nach!“ rief Everett.
Die Pelzhändler wechselten unruhige Blicke, auch der Trapper war ernster als sonst. „Es ist kein Zweifel,“ sagte er, „die Krähen haben an der Grenze einen Aufkäufer in Empfang genommen und führen diesen in das Gebirge, um ihm Felle und Häute anzubieten, — es fragt sich nur, ob darunter ihre eigenen zu verstehen sind oder meine.“
„Aber kennen denn die vertrackten Langzöpfe Eure Niederlagen?“
Der Trapper wiegte den Kopf. „Ein Zufall kann sie ihnen verraten haben, vielleicht Wölfe, die durch den Geruch angezogen wurden, vielleicht Adlerjäger, die ihrer Beute bis zu den höchsten Spitzen des Gebirgszuges nachgingen. Es ist auch möglich, dass die Krähen selbst am Missouri Verstecke besitzen. Was denkst du, Wolf,“ fügte er hinzu, „können wir die Räuber einholen?“
Der Häuptling schüttelte den Kopf. „In einer Stunde ist es Nacht, die Pferde sind ermüdet, — wir haben in fünf Tagen eine Wegesstrecke für mindestens acht Tage zurückgelegt, es ist unmöglich.“
„Schwarzfuss,“ rief Duncan, „geht davon nicht noch ein bisschen ab? Bedenkt doch den schweren Schaden, Mann, wenn wir mit leeren Händen nach Neuyork zurückkehren müssten!“
„Es ist unmöglich,“ beharrte der Häuptling. „Wi-ju-jon kennt den Fusspfad über das Gebirge, er weiss, dass dort kein Huf einen festen Halt gewinnen würde, — die Krähen sind bei Tage hinübergelangt, während einer ihrer Krieger mit den Pferden langsam nachkommt. Sie sind morgen bei Sonnenaufgang an den Fällen, — wir haben noch acht Stunden bis dahin.“
„Und können während der Nacht nicht marschieren?“ rief Everett. „Ach verdammt, ich hätte ein paar Dutzend Blechlaternen mitbringen sollen.“
Niemand hörte auf ihn, der Trapper forderte vielmehr die übrigen auf, abzusitzen und hier das Nachtlager zu bereiten. „Wir müssen morgen den Gebirgspfad überklettern,“ sagte er, „der Häuptling hat recht, zu Pferde geht es nicht weiter. Ohne Tageslicht aber würden wir zehnmal in den Abgrund stürzen.“
Die Pelzhändler flüsterten miteinander. „Wüsste man nur, wer der Weisse ist!“ seufzte Travers.
„Jonathan,“ rief Pitt, „habt Ihr da an den Fällen ein Boot versteckt?“
Der Trapper nickte. „Das Wohl, aber denkt an keinen Widerstand, — es wäre vergeblich, noch auf ein Geschäft zu hoffen, wenn wirklich die Krähen dort gewesen sind. Ohne Zweifel waren dann die Krieger des Stammes mit vielen Pferden in der Nähe, es war alles Wohl vorbereitet; und mir bleibt nur übrig, neue Beute in einem neuen Versteck besser unterzubringen.“
„Aber mittlerweile sind Tausende von Dollars weggeworfen.“
Das Feuer wurde wieder angezündet, ein Abendessen bereitet und diejenigen Indianer ausgewählt, welche morgen den Häuptling und die Weissen über das Gebirge begleiten sollten, während ihre Genossen mit sämtlichen Pferden auf anderem Wege nachkamen. Vielleicht zwanzig rote, bis an die Zähne bewaffnete Männer malten im Zwielicht des Abends auf ihre Gesichter, ihre Arme und Hände die vielfach verschlungenen und schreckenerregenden Zeichnungen, welche den Kriegszustand zu verkünden pflegen, sie übten sich im Werfen ihrer gefährlichen Tomahawks und tanzten schliesslich unter dem ohrenzerreissendsten Geschrei den Kriegstanz der Schwarzfüsse, während die Pelzhändler halblaut Gewinn und Verlust überschlugen und in ärgerlichster Stimmung einen bösen Ausgang des morgigen Unternehmens prophezeiten. Das Essen blieb beinahe unberührt, nur Everett liess sich die gute Laune durch nichts verderben.
Der Gelbe Wolf lag unter dem Schutz eines fussbreit vorspringenden Felsstückes, in seine Büffelhaut gehüllt, unbeweglich am vorderen Rande der Schlucht; wer nicht hart an ihm vorübergegangen wäre, ja, wer nicht aus nächster Nähe die offenen blitzenden Augen gesehen hätte, der würde ihn für einen Teil der Mauer gehalten haben, dennoch aber wachte der Häuptling und seine Blicke durchdrangen die dichte Finsternis da unten, die Ohren hörten selbst den leisesten, unbedeutendsten Ton.
Jonathan kroch hinter der höher gelegenen Felswand zu ihm. „Erwartest du sie, Sagamore?“ flüsterte er.
„Hugh!“ scholl es zurück. „Die Krähen sind schlau; vielleicht suchen sie uns durch einen Angriff von der Fährte zu bringen.“
„Demnach hältst du meine Felle für verloren, Wolf? Du denkst, dass sie gestohlen werden, indes wir hier ruhen müssen.“
„Ja. Es ist, wie mein Freund spricht. Der Böse Geist hat es den Krähen zugeraunt, wo Wi-ju-jons Beute liegt, und sie sind gekommen, um sie an sich zu nehmen. Ehe eine Stunde vergeht, haben wir ihre Kundschafter hier im Engpass.“
Der Trapper seufzte. „Eins um das andere kommen die Merkmale des nahenden Alters, Sagomore,“ sagte er nach längerer Pause, „ich stehe vor der Zeit, wo meine Kräfte für die Bekämpfung des Büffels nicht mehr ausreichen, und wo meine Augen die Schärfe, meine Füsse ihre Schnelligkeit verlieren werden, — gerade das Geld für diese Felle, für die Arbeit zweier langer mühevoller Jahre, wäre notwendig gewesen. Ich brauche es, der Grosse Geist kann nicht wollen, dass die Krähen mein Eigentum nehmen.“
Der Häuptling verlor keine Sekunde den Engpass da unten aus den Augen. „Wi-ju-jon ist hochwillkommen in den Dörfern der Schwarzfüsse,“ versetzte er mit fast zärtlichem Tone, „Wi-ju-jons Heimat ist der Wigwam des Gelben Wolfes — weshalb wollte sich also der Bruder meines Vaters grämen?“
Der Trapper antwortete nicht. Was seine Seele in diesem Augenblick mächtig bewegte, das würde vielleicht den Indianer verletzt haben, — er sprach es nicht aus. Ungezählte Felle lagen versteckt in den tiefen Schluchten und Spalten der Gebirge, Schätze an blankem Golde, wenn sie verkauft wurden. Und mit dem Erlös wollte der Alte nach St. Louis reisen und dort Erkundigungen einziehen; er fühlte den sehnlichen Wunsch, Näheres über seine Familie zu hören, vor dem Ende zu erfahren, wie sein Vater geheissen hatte, wo man die Leichen der Ermordeten damals begrub.
Und alles das, die einzige Hoffnung, welche er noch hegte, sollten jetzt die Krähen schonungslos zerstören!
Der Häuptling drehte plötzlich den Kopf. „Hugh!“ flüsterte er.
Jählings kehrten die Gedanken des Trappers zur Wirklichkeit zurück. Die Büchse schussgerecht, näherte er sich dem Häuptling.
Der Gelbe Wolf lächelte. „Die Krähen sind Weiber,“ sagte er verächtlich, „in ihren Köpfen tragen sie Stroh.“
Im selben Augenblick ertönte von mehreren Seiten zugleich das gellende Kriegsgeschrei, so laut, so durchdringend, als nahten Hunderte von Feinden, ein paar Büchsenkugeln pfiffen durch die Luft, die Pferde wieherten und stampften, rote bemalte Gestalten huschten rechts und links vom Eingang der Schlucht vorüber, höhnende Zurufe, Kreischen und Toben klangen durcheinander. Der Hund des Trappers lag mit heraushängender Zunge, hörbar atmend neben seinem Herrn, den er so unverwandt beobachtete, als wolle er seine Befehle erraten.
Die Schwarzfüsse blieben vollkommen stumm, keiner unter allen regte sich. Ein Wink des Häuptlings hatte genügt, um diese vortrefflich geschulten Krieger zu verständigen. Sie hielten ihre Bogen im Anschlag, aber kein Laut kam über ihre Lippen.
Nicht so Everett. „Hallo!“ rief er, „was —?“
Aber weiter kam er nicht. Eine rote Hand legte sich schwer auf seine Lippen, zwang ihn, ins Innere der Felsspalte zurückzukehren. „Nicht sprechen!“ raunte der Indianer, „sonst“ —
Und die Handbewegung gegen den Tomahawk vervollständigte unangenehm deutlich den Satz, zugleich näherten sich von beiden Seiten die Pelzhändler, um flüsternd ihren Gefährten zum Stillschweigen zu ermahnen.
„Ruhig, Everett, man muss die farbigen Kerle gewähren lassen; das ist kein Kampf wie bei uns Weissen!“ — —
„Sehen Sie nur, der Häuptling lässt die Herausforderung unbeachtet!“
Wirklich wurde alles still, unten wie oben. Ein leises Wehen zog durch die Luft, die Baumwipfel rauschten, — kein Zeichen verriet, dass vor der Schlucht erbitterte Feinde harrten.
Der Häuptling wandte sich zu dem Alten. „Das ganze Spiel liegt offen vor den Augen des Gelben Wolfes,“ raunte er, „es ist von Anfang her Verrat dabei gewesen. Das Fliessende Feuer, der Sagamore des Krähenstammes, wusste, wohin Wi-ju-jon die weissen Kaufleute führen wollte, er konnte aber nicht voraussehen, dass ihm die jungen Krieger der Schwarzfüsse auf seinem Raubzuge begegnen und ihre Brüder warnen würden. Anstatt eines Tapferen sind deren sechzig unterwegs, das Fliessende Feuer hat es durch seine Kundschafter erfahren, daher sendet er Leute, um sie auf falsche Fährte zu locken. Hugh! das Versteck der Felle ist noch nicht gefunden, — die Krähen sind hier, um ihrem Volke Zeit zum Suchen zu verschaffen!“
„Oh,“ murmelte der Trapper, „oh, wären wir um einen einzigen Tag früher gekommen! — Was denkst du, Wolf, sind viele Krähen am Missouri?“
„Wenige!“versetzte der Indianer, „nicht genug, um es mit den Schwarzfüssen aufzunehmen. Die Krähen verstehen es, heimlich über den Schatz eines anderen Stammes herzufallen, aber sie wollen sich dabei nicht ertappen lassen. Wahrscheinlich sind die Krieger, welche da unten lauern, ausgesandt, um Wi-ju-jons Skalp zu nehmen! Das Fliessende Feuer will ihn aus dem Wege schaffen, um sich desto leichter seines Besitzes zu versichern.“
Jonathans muskulöse Gestalt hatte sich straffer aufgerichtet. „Mag er kommen!“ klang es über seine Lippen, „mag er kommen, Sagamore! Der Grossvater dieses Mannes erschlug meine Eltern, meine Geschwister.“
Während aller dieser Worte hatte der Indianer unausgesetzt den Engpass beobachtet, ohne sich indessen auch nur einen Fingerbreit den spähenden Blicken des Feindes zu zeigen.
„Wenn es ihnen gelänge, uns von den Fällen abzuschneiden,“ flüsterte der Gelbe Wolf, „oder wenn sie Wi-ju-jons Skalp erlangen könnten, dann wäre der Raub in Sicherheit!“
In diesem Augenblick fiel über die höher gelegene Felswand zur Rechten ein Schatten auf die kleine freie Fläche in der Mitte, wo das Feuer längst erloschen war. Ein dunkler, mit Adlerfedern geschmückter Kopf erhob sich lautlos, wie aus der Luft heraufsteigend, nackte Schultern folgten nach und dann zwei Arme, die den Bogen zum tödlichen Schuss erhoben hielten, — keiner der Anwesenden schien den Eindringling bemerkt zu haben, selbst der Gelbe Wolf lag ahnungslos einige Schritte von ihm entfernt an der vorderen Mauer. Jonathan hatte sich dicht daneben zusammengekauert und berechnete im stillen die geringe Möglichkeit, sein Eigentum vor den räuberischen Krähen zu schützen.
In der nächsten Sekunde musste der Pfeil mit vergifteter Spitze seine Brust durchbohren.
Da schwirrte plötzlich durch die Luft das Geschoss aus der Hand eines der Schwarzfüsse, ein erschrecktes „Hugh!“ zeigte allen die Gestalt auf der Mauer, und schwer fiel aus durchbohrter Faust der Bogen hinab in den kleinen Kreis unserer Freunde. Taumelnd, doppelt verwundet, hielt sich der Angreifer mit seiner linken Hand krampfhaft an dem bröckelnden Gestein, das Blut floss in Strömen, die Zähne knirschten, aber keine Bitte um Gnade wurde laut. Der Unglückliche hing sterbend am Felsrand.
„Jonathan,“ rief, die eigne Gefahr vergessend, der junge Neuyorker, „gebt ihm den Gnadenstoss!! — Pfui, das ist ein Kampf für Schakale, aber nicht für Männer!“
Der Schwarzfuss, welcher den Getroffenen erlegt hatte, wendete plötzlich den Kopf. „Es ist der Schlaue Fuchs, dem dieser Gefangene gehört,“ rief er. „Niemand sonst hat ein Recht an ihn.“
„Gut,“ rief Everett, „dann bestimmt den Preis, Mann, ich kaufe Euch diesen armen Teufel ab. Wollt Ihr Geld? Meine Kugelbüchse? — Alle Wetter, ich gebe Euch einen Regenschirm, Mensch, damit könnt Ihr es zum Medizinmann bringen!“
Der Schlaue Fuchs lächelte spöttisch. „Verkaufen die Weissen eine Fahne, welche sie im Kriege erbeuteten? — Ich habe mir erzählen lassen, das ihnen ihre Siegeszeichen niemals feil sind, — der rote Mann macht es ebenso.“
Oben auf dem Felsrand kämpfte unterdessen der Indianer mit dem hereinbrechenden Tode, sein Kopf neigte sich, seine Atemzüge wurden hörbar, er schwankte wie ein Ast im Winde, fortwährend beobachtet von dem Schlauen Fuchs.
Da sprang Everett plötzlich hervor, legte an und schickte die erlösende Kugel in das Herz des Indianers, der schwer wie Blei ohne Zucken herabstürzte und vor die Füsse des Trappers fiel.
Während Everett schoss, schlugen wenigstens zehn Pfeile rechts und links neben ihm in die Wände; die Unvorsichtigkeit, mit der er sich offen den Blicken der lauernden Feinde preisgab, hätte beinahe dem jungen Tollkühnen das Leben gekostet.
„Das also ist ein Indianerkrieg,“ sagte er kopfschüttelnd. —
Der Gelbe Wolf und der Trapper nahmen von dem Vorgefallenen nicht die mindeste Notiz, das heisst, was den getöteten Feind betraf, Wohl aber ordnete der Häuptling seine Leute so, dass sie jetzt auch die Felswand überblicken konnten; dann wandte er sich wieder zu dem Freunde.
„Sieht Wi-ju-jon eintreffen, was ihm der Sohn seines Bruders voraussagte?“ flüsterte er leise.
Der Trapper nickte. „Ja, Sagamore, leider. Du weisst, ich habe mich den Kriegszügen immer ferngehalten, — es wird mir schwer, Schlechtes von meinem Nächsten zu glauben, aber hier handelt sich’s doch um einen gemeinen Verrat.“
Der Häuptling nickte. „Ihrer sind vielleicht ein Dutzend,“ versetzte er, „eine Handvoll. Sie wussten, dass wir an dieser Stelle die gerade Strasse verlassen und Wasser suchen mussten.“
Der Trapper wiegte den Kopf. „Die Felswand ist steil, sie bietet kaum einer Katze genügenden Halt,“ sagte er, „der Bursche muss schon bei vollem Tageslicht hinaufgeklettert sein.“
„Die Krähen sind Weiber!“ wiederholte der Gelbe Wolf seinen früheren Ausspruch. „Sie sollen ihren Abgesandten zurückerhalten.“
Er näherte sich kriechend wie eine Schlange dem Schlauen Fuchs und flüsterte mit ihm. Schon hing der Skalp des Erschlagenen, noch rauchend und warm vom eben vergossenen Blute, am Gürtel des Siegers, beide Häuptlinge ergriffen den toten Körper und warfen ihn, ohne sich selbst aus ihrer gebückten Stellung aufzurichten, plötzlich über den offenen Rand hinab in das Gebüsch unten am Fusse der Schlucht.
Ein Wutgeheul beantwortete diese schauerliche Botschaft.
Hugo fühlte, wie es ihm kalt über den Rücken herablief. Das, was sich vor seinen Augen bis jetzt entwickelt hatte, war nur der Anfang, — wie mochte das weiter werden?
Oh, es freute ihn, dass der Krämer am Fluss übernommen hatte, seiner armen Mutter monatlich die verabredeten zwölf Dollar auszuzahlen.
Überall lagen und sassen wie bronzene Statuen die Indianer, niemand dachte an Schlaf oder Speise, der Nachtwind wehte kalt um heisse Stirnen, und lange, lange Stunden vergingen, bevor die ersten Strahlen der Morgenröte den Horizont erhellten. Soweit das Auge reichte, war kein lebendes Wesen zu entdecken, die Späher kehrten zurück mit der Nachricht, dass sich die Krähen in der Richtung der Missourifälle entfernt haben müssten.
„Auf!“ rief der Gelbe Wolf, „jetzt ist keine Zeit zu verlieren.“
Ein Mahl aus Kaffee, Zwieback und Bärenfleisch wurde in aller Eile eingenommen, die Reisegesellschaft teilte sich verabredetermassen, und dann begannen die Weissen unter Führung des Trappers und ihrer roten Freunde den beschwerlichen Marsch über das Gebirge. Die ersten bedeutendsten Verstecke des alten Jägers lagen von hier aus in der Entfernung einer kleinen Tagereise, gegen Abend konnte man sie erreicht haben.
„Wer aber den ganzen Plan dieser Reise kannte,“ sagte seufzend der Trapper, „wer mit aller Bestimmtheit wusste, wohin wir in monatelanger Wanderung über die Prärie gelangen wollten, der plündert nicht allein die ersten, sondern auch alle folgenden Verstecke! Mein Gebiet umfasst mehr als fünfhundert Meilen. Aber gleichviel, wir müssen es versuchen.“
Lautlos folgten die letzten den Vorangehenden. Als sie unten den Fuss der Hügelkette passierten, erhob sich eine Schar gieriger Raben von der Leiche des Indianers, die dort liegengeblieben war. Ihr Krächzen begleitete die verschwindende Karawane.
„Der Totenvogel! sagte leise der Gelbe Wolf. „Wir kommen von diesem Zuge vielleicht niemals zurück.“
Der Trapper antwortete nicht. Mann nach Mann kletterte über Vorsprünge und Blöcke, Mann nach Mann wand sich durch enge Schluchten, er blieb immer der Schar tapferer Krieger und Grenzbewohner voran. Dem ursprünglichen Plane nach hätte dieses Versteck, gerade weil es den bedeutendsten Vorrat enthielt, auch das letzte sein sollen, welches man aufsuchte, nun wurde es das erste, und zu den übrigen kam man vielleicht gar nicht mehr. Die Pelzhändler bereuten schon das ganze Unternehmen, sie fürchteten ihr Geld zu verlieren, dennoch aber konnten sie sich auch nicht entschliessen, so nahe dem Ziel die Sache fallen zu lassen.
Die schönen, stattlichen Hirsche dieser Gegend, die Antilopen und Bergschafe blieben heute unbeachtet, keiner der Männer fühlte sich versucht, sie zu jagen; es fand sich auch für Nebensachen keine Zeit, da der Weg beinahe auf jedem Schritt ausserordentliche Schwierigkeiten bot.
Nahe und immer näher ertönte gegen das Ende der Wanderung ein einförmiges unaufhörliches Rauschen, das nach und nach in grollenden Donner, in ein gewaltiges Brüllen und Toben überzugehen schien. Die Missourifälle, nach denen des Niagara die schönsten der Erde, waren beinahe erreicht, und da ihr starkes Getöse jeden andern Laut verschlang, so wurde doppelte Wachsamkeit notwendig.
Von Augenblick zu Augenblick wuchs die Spannung. Dort, auf höchster Höhe, verborgen unter dichtem Gebüsch und in den Windungen weitverzweigter Schluchten, lagen die Verstecke.
Am Fusse des Gebirgszuges dehnten sich offene grüne Täler; einige Arme des gewaltigen Stromes, unterirdische Wasseradern vielleicht, hatten dorthin ihren Weg gefunden und umspülten silbern und friedlich die Ufer mehrerer bewaldeter Inseln, kleinen Seen gleich, ein hübsches ländliches Bild, dem auch das Tierleben nicht fehlte.
Von Indianern war keine Spur zu sehen.
Der Gelbe Wolf streckte plötzlich den Arm aus, sein Blick suchte den des Trappers. Er konnte sich unter dem Toben des Wassers nicht verständlich machen, aber die Hand, das Auge sprachen deutlich genug. „Siehst du ihre Spuren?“
Die Fersen und Zehen mehrerer Personen waren im losen brökkelnden Kalkboden deutlich abgedrückt, man sah, dass hier Rothäute (deren Mokassins keine Sohlen besitzen) des Weges gekommen waren, sowohl bergauf wie bergab, je weiter man vordrang, in desto grösserer Anzahl und immer begleitet von den Spuren zweier Weissen, eines Erwachsenen und eines Knaben.
Der Gelbe Wolf und der Schlaue Fuchs verfolgten, mit den Köpfen fast am Boden, langsam kriechend, die Fährte, bis an eine Stelle, wo der Pfad plötzlich durch eine vorspringende Mauer versperrt schien; hier machten sie vorläufig Halt.
„Natchip pee! (zwanzig!)“ rief der Häuptling.
Auch der Schlaue Fuchs bestätigte das. Wie jener die Spur hinauf in das Gebirge, so hatte dieser die bergab führende aufgenommen und verfolgt. Oben war niemand mehr.
Jonathan stützte sich auf seine Kugelbüchse. „Liefen die Rothäute, Sagamore, oder gingen sie im langsamen Schritt?“
Der Schlaue Fuchs lächelte. „Einer stürzte über den anderen, sie flüchteten wie die Hasen, wenn der Hund erscheint!“
Jonathan warf einen Blick hinab in das friedliche Tal und dann über die verworrenen Felsmassen ringsumher. „Es ist gut,“ sagte er entschlossen, „wir werden nachsehen. Der Grosse Geist spricht durch den Lauf der Dinge auf Erden, die Umstände sind seine Boten, wir müssen ihnen die Tür öffnen, so oft sie Einlass begehren. Mir nach, Wolf!“
Er umging den Block, welcher quer im Wege lag, und stand nun vor dem Engpass einer Höhlung, die schwarz und unabsehbar hineinführte in das verborgene Innere des Gebirges. Mehrere von den Indianern hielten sich an seiner Seite, die Weissen machten den Beschluss, und während etwa zwölf Rothäute vor dem äusseren Zugang Wache hielten, drangen jene vorwärts durch einen schmalen gewölbten Gang, der meistens in vollkommenster Finsternis dahinlief und nur selten von oben her durch irgendeinen Riss oder eine Spalte etwas Licht empfing. Die Luft war feucht und schwer, — je weiter die beherzten Männer vordrangen, um so mehr erstarb alles Geräusch des äusseren Lebens, selbst das Rauschen der Fälle wurde zum eintönigen Summen und Singen, bis es vollständig aufhörte.
Jetzt bückte sich Jonathan, und alle übrigen taten es ihm nach. Ein enges Tor, kaum so viel Platz bietend, dass ein Mann hindurchkriechen konnte, führte in eine offene weite Halle, auf deren Boden die Sonnenstrahlen glitzerten und in deren gedehntem Raume man auch das Rollen und Donnern des Wasserfalles hörte. Grüne Moose, oft lang herabfallend in Ranken und Flechten, hatten alle Wände überzogen, Käfer und Schmetterlinge spielten auch hier, aber — der Platz war leer.
Jonathan mochte längst schon alle Hoffnung aufgegeben haben, dennoch traf ihn die Gewissheit des Verlustes mit erneuter Schärfe. Von allen den Tausenden wertvoller Pelze, die er als Ertrag seines Fleisses hier bis zur Decke aufgespeichert hatte, war kein einziger mehr vorhanden, die Krähen hatten nichts liegen lassen, auch nicht das kleinste Stückchen.
„Verdammt!“ rief Duncan, „und diese ganze Halle war vollkommen gefüllt? — Das ist ein Schade von mehr als fünftausend Dollar.“
„Soll doch der Böse die Langzöpfe lotweise holen!“
„Aber haben sie denn einen so weiten Vorsprung, dass man ihnen die Beute nicht wieder abjagen kann? — Es wäre doch schändlich, wenn dieser Raubzug unbestraft bliebe.“
Everett, Hugo und die beiden Deutschen hatten sich während der lebhaften Ausrufe und Verwünschungen ihrer Reisegenossen langsam mit neugierigen Blicken der äusseren Mauer dieser sonderbaren und hochgewölbten Halle genähert. Drei bis vier grosse unregelmässig geformte Öffnungen in der Steinwand hatte der Trapper gegen das Eindringen fliegender oder kriechender Tiere sorgfältig mit einem Geflecht aus Eisendraht versehen, trotzdem boten sie den Blick auf ein weitgedehntes Panorama.
Etwa zehn Meter tief unter diesen natürlichen Fenstern des Felsenpalastes stürzten die Wasser des Missouri senkrecht über Gestein und Geröll mehr als fünfundzwanzig Meter weit hinab in ihr Bett, das sie dem Vater der Ströme, dem Mississippi, zuführen sollte, immer neu, unaufhaltsam, donnernd und brausend zerstäubend, hoch aufrauschend zur silbernen, bläulich und rot angehauchten Säule.
In diese Höhle hinein konnten nur die fliegenden Tiere des Himmels blicken, oder die stummen kriechenden der Erde, die Schlangen und Insekten, kein vierfüssiges Geschöpf, kein Mensch hätte sich ungestraft hineinwagen dürfen in den Strudel da unten, keine Menschenkraft, kein Fahrzeug hätte den Weg über die empörten Fluten erkämpft, der Ort schien sicher gegen alle Verfolgung, unzugänglich auch dem Kühnsten — und dennoch war der Schatz, den er behütet, spurlos verschwunden, dennoch sein Geheimnis verraten. Aber durch wen?
Das Rätsel liess sich nicht lösen, wie auch der Trapper grübeln mochte.
„Was sagst du dazu, Sagamore?“
Der Gelbe Wolf kreuzte die Arme.
„Ein Knabe urteilt schnell und tollkühn,“ versetzte er, „Häuptlinge sprechen erst, nachdem sie wohl erwogen und geprüft haben.“
Jonathan nickte. „Das ist auch meine Ansicht, Wolf. Wir stürzen uns in Gefahren, die vielleicht unabsehbar sind, — die Krähen würden alles bis auf das Letzte vernichten, ehe sie uns den Raub wieder herausgäben.
Kommt, wir haben hier nichts mehr zu tun.“
Everett und Hugo trennten sich nur äusserst ungern von dem prachtvollen Schauspiel. Erst als ihnen Jonathan die Versicherung gab, dass sie vom oberen Kamm des Gebirgszuges herab den Ausblick in noch bedeutend grossartigerem Massstabe geniessen würden, folgten sie ihm durch jene finsteren Zugänge der Höhle bis an das Tageslicht, wo auf geräumiger und gegen den Wind geschützter Fläche das Lager aufgeschlagen und ein Feuer zum Braten des letzten Bärenfleisches angezündet wurde.
Die Indianer besetzten alle Zugänge, der Trapper kochte, und die Weissen flüsterten ärgerlich. Man besass im Augenblick weder Pferde noch Mundvorräte, noch überhaupt Kräfte genug, um den Streifzug gegen die räuberischen Krähen zu unternehmen, erst mussten die Krieger des Gelben Wolfes zur Stelle sein, erst mussten noch Stunden vergehen, und bis dahin gewannen die Freibeuter auf ihren flinken Pferden einen grossen Vorsprung.
Auf der kleinen Versammlung lag ein Druck; die Stunden schlichen bleiern.
Der Hund des Trappers zog zuweilen in seine geöffneten Nüstern die Luft und liess dann ein kurzes, heulendes Gebell hören; so oft ihn Jonathan zu beruhigen suchte, immer wieder spitzte er die Ohren oder knurrte leise. Seine Haare sträubten sich unter der liebkosenden Hand seines Herrn.
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