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SIR ARTHUR CONAN DOYLE

Eine Studie in Scharlachrot

Der erste Sherlock-Holmes-Roman

Leipziger Ausgabe

Nach der ersten deutschen Übersetzung von

Margaret Jacobi

neu gefasst und mit Anmerkungen versehen von

Gerd Haffmans

HAFFMANS VERLAG

BEI ZWEITAUSENDEINS

Die englische Originalausgabe A Study in Scarlet wurde zuerst 1887 in Beetons’ Christmas Annual veröffentlicht, die Buchausgabe folgte 1888 bei Ward, Lock & Co. in London.

Die deutsche Erstausgabe erschien unter dem Titel Späte Rache im Verlag Robert Lutz, Stuttgart 1894, NA 1902.

Weiteres in der Editorischen Notiz am Schluss des Bandes.

1. Auflage, Winter 2021.

Alle Rechte vorbehalten. Alle Rechte an dieser Neuedition & Neuübersetzung vorbehalten.

Copyright © 2021 by Haffmans Verlag

bei Zweitausendeins Versand-Dienst GmbH,

Bahnhofstr. 30, 82340 Feldafing.

Gestaltung & Produktion: Zweitausendeins.

Umschlagsillustration: Christiane Nebel.

ISBN 978-3-96318-135-1

Inhalt

I. TEIL

Aus den Erinnerungen von Dr John H. Watson, Stabs-Arzt a. D., ehemals im Sanitäts-Corps der Britischen Armee

1. Kapitel: Mr Sherlock Holmes

2. Kapitel: Die Wissenschaft der Deduktion

3. Kapitel: Das Geheimnis von Lauriston Gardens

4. Kapitel: Was John Rance zu erzählen hatte

5. Kapitel: Wir bekommen Besuch

6. Kapitel: Gregson kann zeigen, was er gelernt hat

7. Kapitel: Licht in der Finsternis

II. TEIL

Im Land der Heiligen

1. Kapitel: Auf der großen Alkali-Ebene

2. Kapitel: Die Blume von Utah

3. Kapitel: John Ferrier spricht mit dem Propheten

4. Kapitel: Flucht auf Leben und Tod

5. Kapitel: Die Rache-Engel

6. Kapitel: Fortsetzung der Erinnerungen von Dr John Watson

7. Kapitel: Die Schlussfolgerung

ANHANG

Anmerkungen

Editorische Notiz

Kompendium

Bemerkungen zu Sherlock Holmes von Joachim Kalka

Eine Einführung in den Kriminalroman

Who’s Who

Kleine ACD-Chronik

I. Teil
Aus den Erinnerungen von John H. Watson, M. D., ehemals Mitglied des Medizinischen Dienstes der Armee
1. KAPITEL

Mr Sherlock Holmes

Im Jahr 1878 hatte ich meinen Doktor an der Medizinischen Fakultät der Universität London gemacht und im Royal Victoria Military Hospital Netley die für Militärärzte vorgeschriebene medizinische Spezialausbildung absolviert. Bald darauf wurde ich als Sanitätsoffizier dem fünften Füsilierregiment Northumberland zugeteilt, das damals in Indien stationiert war. Bevor ich jedoch an meinem Bestimmungsort ankam, brach der zweite Afghanistan-Krieg aus, und bei meiner Landung in Bombay erfuhr ich, mein Regiment sei bereits durch die Gebirgspässe marschiert und weit ins Feindesland vorgedrungen. In Gesellschaft mehrerer Offiziere in gleicher Lage folgte ich meinem Corps, das Kandahar unversehrt erreicht hatte, und trat meinen neuen Dienst an.

Der Feldzug, in dem andere Ruhm und Beförderung fanden, brachte mir nur Unglück und Elend. Ich wurde von meiner Brigade zu den Berkshires versetzt, wo mir gleich in der ersten verhängnisvollen Schlacht von Maiwand eine Jezail-Kugel die Schulter zerschmetterte und die Schlüsselbein-Arterie verletzte. Ich wäre sicherlich den mörderischen Ghazis in die Hände gefallen, hätte mich nicht mein treuer, tapferer Bursche Murray auf ein Lastpferd geworfen und sicher hinter unsere Linien gebracht.

Lange lag ich im Lazarett, erst nachdem ich mit vielen verwundeten Offizieren ins Basis-Hospital von Peschawar gebracht worden war, erholte ich mich von den Strapazen allmählich wieder so weit, dass ich mich in den Krankensälen umherschleppen und auf der Veranda wärmen konnte. Da befiel mich der Typhus, der Fluch unserer Indischen Landnahme. Mein Leben hing am seidenen Faden. Als mein Bewusstsein zurückkehrte, war ich so schwach, dass die Ärzte beschlossen, mich sofort zurück nach England zu schicken. Einen Monat später landete ich mit dem Truppentransporter ›Orontes‹ in Portsmouth. Meine Gesundheit war völlig ruiniert, doch Vater Staat erlaubte mir den Versuch, sie während der nächsten neun Monate wieder zu kurieren.

Da ich in England weder Verwandte noch Freunde hatte, beschloss ich, mich in einem kleinen Hotel mitten in der Metropole einzunisten, wo das ganze menschliche Strandgut der Mühseligen und Beladenen anlandete. Mein tägliches Einkommen von elfeinhalb Shilling ließ mich leben; doch da ich nicht haushälterisch damit umging, machte mir meine Finanzlage bald große Sorgen. Ich sah ein, dass ich entweder aufs Land ziehen oder meine Lebensweise drastisch einschränken musste. Ich zog Letzteres vor und sah mich genötigt, das Hotel aufzugeben und mir ein schlichtes, günstiges Quartier zu suchen.

Ich stand mit meinen Überlegungen an der Criterion-Bar, da tippte mir jemand auf die Schulter. Als ich mich umsah, erkannte ich den jungen Stamford, der früher als mein Assistent im St Bartholomew’s Hospital bedienstet war. Ein bekanntes Gesicht ist ein höchst erfreulicher Anblick für einen verlorenen Menschen in der höchst bedrohlichen Megapolis London. Nicht dass wir damals dicke Freunde gewesen wären, aber jetzt begrüßte ich ihn geradezu enthusiastisch, und auch er schien sich über das Wiedersehen zu freuen. Bald saßen wir beim Lunch im Holburn und tauschten unsere Erlebnisse aus.

»Was in aller Welt ist denn mit Ihnen passiert, Watson?« fragte Stamford verwundert. »Sie sind braun wie eine Nuss und dünn wie eine Bohnenstange.«

Ich gab ihm einen Abriss der Geschichte meiner Abenteuer.

»Armer Kerl«, sagte er mitfühlend, »und was haben Sie jetzt vor?«

»Ich bin auf Wohnungssuche. Ich muss eine komfortable Wohnung für wenig Geld finden.«

»Das ist merkwürdig«, sagte Stamford. »Sie sind heute schon der Zweite, der mit diesem Anliegen kommt.«

»Und wer war der Erste?«

»Ein Bekannter von mir, der im Chemie-Labor des Hospitals arbeitet. Er klagte mir diesen Morgen, dass er niemanden findet, der mit ihm zusammen eine sehr günstige, angenehme Wohnung mieten könnte, die für ihn allein zu teuer ist.«

»Bei Jupiter«, rief ich, »wenn er Wohnung und Kosten teilen will, bin ich dabei. Ich würde sogar lieber mit jemandem zusammen wohnen als ganz alleine.«

Der junge Stamford sah mich über sein Weinglas bedeutungsschwer an. »Sie kennen Sherlock Holmes nicht«, sagte er. »Vielleicht halten Sie ihn als Mitbewohner gar nicht aus.«

»Warum? Stimmt was nicht mit ihm?«

»Soweit würde ich nicht gehen. Er hat in manchen Dingen seltsame Ansichten und schwärmt für die exakten Wissenschaften. Im Übrigen ist er ein höchst patenter Kerl, soviel ich weiß.«

»Wahrscheinlich ein Medizinstudent?«

»Nein – ich hab keine Ahnung, was er wirklich macht. Von Anatomie versteht er wirklich etwas, und er ist ein erstklassiger Chemiker. Aber meines Wissens hat er nie regelrecht Medizin studiert. Er ist überhaupt ziemlich exzentrisch und unmethodisch in seinen Studien, doch er kennt sich in entlegendsten Gebieten ungewöhnlich gut aus, da könnte ihn mancher Professor beneiden.«

»Haben Sie ihn nie nach seinem Beruf gefragt?«

»Nein – er ist kein Mensch, der sich ausfragen lässt; doch er kann auch ganz mitteilsam sein, wenn ihm danach ist.«

»Ich möchte ihn auf jeden Fall kennen lernen«, sagte ich. »Ein Mensch, der sich mit Vorliebe in seine Studien vertieft, ist für mich der angenehmste Mitbewohner, den ich mir denken kann. Bei meinem Gesundheitszustand vertrage ich weder Lärm noch Aufregung. Von beidem hatte ich in Afghanistan genug, das reicht mir für den Rest meiner Tage. Bitte, wie kann ich Ihren Freund kennen lernen?«

»Wahrscheinlich ist er jetzt noch im Labor. Manchmal lässt er sich dort wochenlang nicht blicken und dann wieder arbeitet er von früh morgens bis spät abends. Wenn’s Ihnen recht ist, gehen wir gleich hin.«

So machten wir uns nach dem Lunch auf den Weg zum Hospital, während Stamford mir von weiteren Eigentümlichkeiten des Gentlemans berichtete, der mein Mitbewohner werden sollte. »Sie dürfen mir aber keine Vorwürfe machen, wenn Sie nicht miteinander auskommen«, sagte Stamford, als wir in die Droschke stiegen. »Ich möchte in dieser Angelegenheit weder zu- noch abgeraten haben.«

»Wenn wir nicht zusammen passen, können wir ja leicht wieder auseinander gehen. Ihre Vorsicht scheint mir fast ein wenig übertrieben, da muss noch etwas anderes dahinter stecken, Stamford. Heraus mit der Sprache, was wissen Sie noch?«

»Nichts, gar nichts; es ist eben nicht einfach, etwas auszudrücken, was man selbst nicht genau fassen kann«, sagte er und lachte verlegen. »Er ist nach meinem Geschmack der Wissenschaft etwas zu sehr ergeben – das grenzt schon an Gefühllosigkeit. Ich halte es nicht für undenkbar, dass er einem guten Freund eine Dosis des neuesten vegetabilischen Alkaloids verpasst – nicht etwa aus Bosheit, nein, aus Forschungstrieb –, nur damit er die Wirkung genau beobachten kann. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, würde er jedes Experiment auch als Selbstversuch vornehmen. Überhaupt ist Klarheit und Genauigkeit des Wissens seine größte Leidenschaft; aber zu welchem Zweck er all diese Studien betreibt, weiß der liebe Himmel.«

Beim Hospital stiegen wir aus, gingen ein Gässchen hinunter und traten durch eine Seitentür in einen Flügel des weitläufigen Gebäudes. Hier war mir alles wieder vertraut, und ich brauchte weiter keine Führung. Es ging die kahle Steintreppe hinauf durch einen langen, weißgetünchten Korridor mit Türen auf beiden Seiten, an den sich der niedrige Bogengang anschloss, der ins Chemielabor führte.

Im großen Saal waren sämtliche Tische voll gestellt mit Retorten, Reagenzgläsern und kleinen Bunsenbrennern mit den kleinen blau flackernden Flammen. An den Wänden standen Flaschen in allen Größen und Formen, soweit das Auge reichte.

Am andern Ende saß ein junger Mann in seine Experimente versunken über den Tisch gebeugt. Beim Geräusch unserer Schritte blickte er auf und sprang mit einem Freudenschrei in die Höhe. »Heureka, heureka!« jubelte er und kam uns entgegen und schwenkte ein Reagenzglas. »Ich hab’s, ich hab das Reagens gefunden, das sich nur mit Hämoglobin zu einem Niederschlag verbindet und mit keinem Stoff sonst.«

Er sah so glückstrahlend aus, als hätte er eine Goldmine entdeckt.

Stamford stellte uns vor: »Doktor Watson – Mister Holmes«.

»Sehr erfreut«, sagte Holmes herzlich und mit einem so kräftigen Händedruck, wie ich ihn nicht erwartet hatte.

»Sie kommen aus Afghanistan, wie ich sehe.«

Ich sah ihn verblüfft an. »Woher wissen Sie das?«

»Nicht so wichtig«, er rieb sich vergnügt die Hände. »Wichtig ist jetzt nur mein Hämoglobin. Sicher haben Sie die Tragweite meiner Entdeckung gleich begriffen.«

»Chemisch sicher, aber praktisch …?«

»Gerade in der Praxis ist es von größter Wichtigkeit für die Gerichtsmedizin, weil sich damit alle Blutflecken nachweisen lassen. – Bitte, kommen Sie doch einmal her.« In seinem Eifer ergriff er meinen Rockärmel und zog mich an seinen Arbeitstisch. »Wir brauchen etwas frisches Blut«, sagte er und stach sich mit einer großen Nadel in den Finger, worauf er das herabtropfende Blut mit einer Pipette auffing. »Jetzt mische ich diese kleine Menge Blut mit einem Liter Wasser – das Verhältnis ist etwa eins zu einer Million –, und die Flüssigkeit sieht genau so aus wie reines Wasser. Trotzdem wird sich, denke ich, die gewünschte Reaktion herstellen lassen.« Während er sprach, hatte er einige weiße Kristalle hineingeworfen und goss jetzt noch mehrere Tropfen einer durchsichtigen Flüssigkeit hinzu. Sofort nahm das Wasser die Färbung von dunklem Mahagoni an, und ein bräunlicher Niederschlag erschien auf dem Boden des Glases.

»Ha ha«, rief er und klatschte in die Hände wie ein Kind vor Freude über ein neues Spielzeug. »Jetzt sind Sie dran!«

»Das scheint mir ein gelungenes Experiment zu sein.«

»Wunderbar, wunderbar! Die alte Methode, die Analyse mit Guajacum durchzuführen, war sehr umständlich und unsicher, die mikroskopische Untersuchung der Blutkörperchen aber ist wertlos, sobald die Flecken ein paar Stunden alt sind. Meine Erfindung wird sich dagegen ebenso gut bei altem wie bei frischem Blut bewähren. Wäre sie schon früher gemacht worden, so hätte man Hunderte von Verbrechern zur Rechenschaft ziehen können, die straflos davongekommen sind.«

»Wirklich?«

»Keine Frage. Die Kriminalfälle drehen sich ja fast immer um diesen einen Punkt. Vielleicht Monate nach der Tat gerät einer unter Verdacht, man untersucht seine Kleider und findet braune Flecke am Jackett oder in der Wäsche. Das könnten Blutspuren sein, aber auch Rostflecken, Obstflecken oder Schmutzflecken. Mancher Sachverständige hat sich darüber schon den Kopf zerbrochen, und das bloß, weil es keine zuverlässige Beweismethode gab. Mit der Sherlock-Holmes-Methode ist dieses Problem jetzt gelöst.«

Seine Augen funkelten, als er seine Hand aufs Herz legte und sich feierlich verbeugte, als sähe er sich einem Beifall klatschenden Publikum gegenüber.

»Da kann man nur gratulieren«, sagte ich, verwundert über seinen Feuereifer.

»Letztes Jahr hätte von Bischoff in Frankfurt sicher überführt werden können, wäre meine Methode schon verfügbar gewesen«, fuhr er fort. »Mason aus Bradford, auch dem berüchtigten Müller sowie Lefevre aus Montpellier und Samson aus New Orleans wäre es bestimmt an den Kragen gegangen. Ich könnte Ihnen Dutzende von Fällen nennen, bei denen meine Methode entscheidend gewesen wäre.«

»Sie scheinen ja ein wandelnder Verbrecher-Almanach zu sein«, meinte Stamford lachend. »Bringen Sie doch ein Kriminal-Magazin heraus:

Sherlock Holmes präsentiert

ALLE FÄLLE:

umgefallen, hingefallen, aufgefallen.«

»Das will jeder unbedingt lesen«, erwiderte Holmes, der sich eben ein Pflaster auf den verwundeten Finger klebte. »Ich muss sehr vorsichtig sein«, fügte er hinzu, »ich experimentiere oft mit Giften.« Als er die Hand in die Höhe hielt, sah ich, dass sie von scharfen Säuren verfärbt und an vielen Stellen bepflastert war.

»Wir kommen allerdings in einer bestimmten Angelegenheit«, sagte Stamford und schob mir einen Schemel zu, während er ebenfalls Platz nahm. »Mein Freund hier sucht eine Wohnung, und da Sie gern mit jemandem zusammenziehen möchten, dachte ich, es wäre vielleicht Ihnen beiden geholfen.«

Sherlock Holmes ging mit Freuden auf den Vorschlag ein. »Ich habe ein Auge des Wohlgefallens auf eine Wohnung in der Baker Street geworfen, die perfekt wäre«, sagte er. »Haben Sie eine Abneigung gegen Tabak?«

»O nein, ich dampfe selbst wie ein Schlot.«

»Das trifft sich gut. Ferner habe ich häufig Chemikalien bei mir herumstehen, die ich für meine Experimente brauche. Würde Sie das stören?«

»Durchaus nicht.«

»Warten Sie – was habe ich sonst noch? Manchmal habe ich so Zustände, da kriege ich die Zähne nicht auseinander. Das dürfen Sie nicht persönlich nehmen. Dann lassen Sie mich einfach in Ruhe und kümmern sich gar nicht um mich, und bald ist alles wieder vorbei. So – nun sind Sie dran, mir Bekenntnisse zu liefern. Wenn zwei Menschen zusammen leben wollen, ist es gut, wenn sie im Voraus wissen, was sie von einander zu erwarten haben.«

Ich musste über diese Generalbeichte lachen. »Ich besitze meinen alten Armee-Revolver«, gestand ich. »Ich kann keinen Lärm vertragen, weil meine Nerven blank liegen; und ich schlafe als notorischer Langschläfer tief in den Tag hinein und bin überhaupt maulfaul. In gesunden Zeiten fröhne ich noch Lastern anderer Art, aber für’s Erste sind dies die wichtigsten.«

»Würden Sie unter ›Lärm‹ auch den Klang einer Geige verstehen?« fragte er besorgt.

»Das kommt auf den Musiker an. Gekonntes Geigenspiel ist ein Genuss für Götter – aber gestümpertes –«

»Schon klar, schon klar«, sagte er amüsiert. »Nun, ich denke, die Sache ist abgemacht – das heißt, wenn Ihnen die Wohnung gefällt.«

»Wann können wir sie ansehen?«

»Holen Sie mich bitte morgen hier mittags um Punkt zwölf Uhr ab, dann gehen wir zusammen hin und können uns sofort entscheiden.«

»Alles klar, also morgen Mittag um zwölf«, sagte ich und schüttelte ihm die Hand. Wir ließen ihn samt seinem Hämoglobin und gingen in Richtung meines Hotels zurück. »Nur noch eins«, wandte ich mich an Stamford, »woher hat er gewusst, dass ich aus Afghanistan komme?«

Stamford lachte geheimnisvoll. »Schon mancher hätte gern gewusst, woher Sherlock Holmes sein Wissen bezieht. Er besitzt eben eine besondere Gabe.«

»Aha, dahinter steckt ein Geheimnis«, rief ich belustigt. »Das ist ja höchst interessant. Ich bin Ihnen für diese neue Bekanntschaft sehr verbunden. Das wahre Studium des Menschen ist der Mensch.«

»Dann studieren Sie ihn gut«, entgegnete Stamford. »Sie werden manche Nuss zu knacken haben. Ich wette, er kennt Sie bald besser als Sie ihn. Good bye.«

»Good bye«, sagte ich und schlenderte allein zurück, ganz in Gedanken an die neue Bekanntschaft versunken.

2. KAPITEL

Die Wissenschaft der Deduktion

Wie abgemacht besichtigten wir am nächsten Tag unsere künftige Wohnung in der Baker Street Nr. 221 b. Mir gefiel der große, luftige Wohnraum, an den sich zwei behagliche Schlafzimmer anschlossen, alles war freundlich möbliert und, da das Tageslicht durch zwei große Fenster fiel, auch angenehm hell. Unter uns geteilt, erschien auch die Miete der Wohnung so günstig, dass wir uns auf der Stelle einigten und beschlossen, sofort einzuziehen. Noch am selben Abend ließ ich meine Habseligkeiten vom Hotel herüberschaffen, und Sherlock Holmes folgte bald mit verschiedenen Koffern und Reisetaschen. In den ersten Tagen waren wir damit beschäftigt, auszupacken und unsere Sachen unterzubringen. Als alles verstaut war, begannen wir uns in aller Ruhe in unsere neue Umgebung einzuleben.

Mit Holmes ließ sich leicht leben, er war still und hatte berechen- und überschaubare Gewohnheiten. Selten blieb er abends nach zehn Uhr auf, und wenn ich morgens zum Vorschein kam, hatte er immer schon gefrühstückt und war ausgegangen. Tagsüber war er meist im Chemielabor oder im Seziersaal, zuweilen machte er auch weite Ausflüge, die ihn bis in die verrufensten Gegenden der Stadt zu führen schienen. So lange seine Arbeitswut anhielt, war seine Tatkraft ungebochen. Von Zeit zu Zeit trat jedoch ein Rückschlag ein, dann lag er den ganzen Tag im Wohnzimmer auf dem Sofa, ohne sich zu rühren oder ein Wort zu reden. Dabei nahmen seine Augen einen so träumerischen, verschwommenen Ausdruck an, dass der Verdacht in mir aufsteigen wollte, er müsse irgendwelche Narkotika einnehmen, hätte nicht seine Mäßigkeit und Nüchternheit im Alltagsleben diese Annahme völlig ausgeschlossen.

Nach den ersten Wochen unseres Beisammenseins war mein Interesse für ihn nur noch gestiegen; ich wollte ergründen, welche Ziele er eigentlich verfolgte. Schon seine äußere Erscheinung war ungemein auffällig. Er war über sechs Fuß groß und sehr hager; sein scharfkantig vorstehendes Kinn drückte Charakterfestigkeit aus, sein Blick war lebhaft und durchdringend, außer in den erwähnten Zeiten völliger Lethargie. Eine Adlernase gab seinem Gesicht etwas Waches und Entschlossenes. Die Hände schonte er nicht, sie trugen fortwährend Spuren von Tinten und Chemikalien, ich hatte oft Gelegenheit, seine Geschicklichkeit zu bewundern, wenn er mit seinen filigranen physikalischen Instrumenten hantierte.

Kein Wunder, dass ich im Zustand hochgradiger Neugier immer wieder versucht war, die strenge Zurückhaltung zu durchbrechen, die er in allem wahrte, was ihn persönlich betraf. Das meinen Gefährten umgebende Geheimnis beschäftigte mich um so mehr, als mein eigenes Leben zu der Zeit gänzlich zweck- und ziellos verlief und kaum Zerstreuungen bot. Mein Gesundheitszustand erlaubte mir, nur bei günstigem Wetter auszugehen, und Freunde, die etwas Abwechslung in mein einförmiges Dasein hätten bringen können, hatte ich nicht.

Dass Holmes nicht Medizin studierte, wusste ich aus seinem eigenen Munde. Auch schien er kein bestimmtes Kolleg in irgendeiner anderen Wissenschaft belegt zu haben, die ihm auf akademische Weise Eingang in die Gelehrtenwelt verschafft hätte. Trotzdem verfolgte er gewisse Studien mit wahrem Feuereifer und besaß innerhalb ihrer Grenzen ein so ausgedehntes und umfassendes Wissen, dass er mich damit oft aufs Höchste überraschte. – Wie konnte ein Mensch so angestrengt arbeiten und sich so genau unterrichten, ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben? – Wer seinen Kopf derart mit Wissen vollstopft, muss gute Gründe dafür haben.

Andererseits war Holmes’ Unwissenheit so groß wie seine Kenntnisse. Von Literatur, Philosophie oder Politik zum Beispiel verstand er so gut wie gar nichts. Mir war das bereits aufgefallen, als er bekannte, noch nie etwas von Thomas Carlyle gelesen zu haben, doch meine Verwunderung erreichte den Gipfel, als sich herausstellte, dass er über unser Sonnensystem und die Entdeckung des Kopernikus völlig falsche Vorstellungen hatte. Mir war unbegreiflich, wie ein gebildeter Mensch in unserem 19. Jahrhundert keine Ahnung haben konnte, dass die Erde sich um die Sonne dreht.

»Erstaunt Sie das?« fragte er lächelnd. »Nun, wo Sie mir das erzählt haben, will ich versuchen, es so schnell wie möglich wieder zu vergessen.«

»Zu vergessen?!«

»Ja. – Nach meiner Ansicht gleicht das Gehirn einer leeren Dachkammer, die man nach eigenen Bedürfnissen vollstellen kann. Nur ein Tor stopft sie mit Gerümpel voll und hat dann keinen Platz mehr für die Sachen, die er braucht. Ein Verständiger lagert in seiner Hirnkammer die Werkzeuge ein, die für seine Arbeit hilfreich sind, aber davon schafft er sich eine umfassende Sammlung an und hält sie in Schuss. Ein Irrtum, zu meinen, die kleine Kopfkammer habe dehnbare Wände und könne sich nach Belieben ausweiten. Im Gegenteil, es kommt eine Zeit, da wir für alles neu Hinzugelernte etwas von dem vergessen müssen, was wir früher gewusst haben. Daher sollten wir aufpassen, dass nicht nutzloses Wissen den Zugang zu unseren wichtigen Kenntnissen verstopft.«

»Aber das Sonnensystem –« protestierte ich.

»Zum Teufel damit«, unterbrach er mich ungeduldig. »Was geht mich das Sonnensystem an? Ob sich die Erde um die Sonne oder um den Mond dreht – darauf ist gepfiffen. Für meine Arbeit ist das total egal.«

Ich war drauf und dran, zu fragen, worin denn seine Arbeit eigentlich besteht, doch ich hielt mich zurück, um ihn nicht zu verärgern. Unser Gespräch gab mir so einiges zu denken, und ich begann, meine Schlüsse zu ziehen. Wenn er sich nur Kenntnisse aneignete, die für seine Arbeit nützlich waren, so musste man ja aus den Wissensgebieten, mit denen er am vertrautesten war, auf den Beruf schließen können, dem er sich verschrieben hatte. Ich zählte alles auf, was er richtig gründlich studierte, ja ich machte mir eine Liste mit den einzelnen Fächern und konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen, als ich das noch einmal überlas:

Sherlock Holmes – Größe & Grenzen

1. Literatur – Null.

2. Philosophie – Null.

3. Astronomie – Null.

4. Politik – Schwach.

5. Botanik – Unterschiedlich. Gute Kenntnisse in Belladonna, Opium & überhaupt allen Giften; Garten- und Nutzpflanzenkunde – Null.

6. Geologie – Viel praktische, aber nur partielle Erfahrung. Er unterscheidet sämtliche Bodenbeschaffenheiten auf den ersten Blick. Von Ausflügen zurückgekehrt, weiß er nach Konsistenz und Farbe der Schmutzflecken auf seiner Kleidung die Stadtgegend von London anzugeben, aus der sie stammen.

7. Chemie – Umfassend.

8. Anatomie – Umfassend, aber unmethodisch.

9. Kriminalistik – umfassend, und zwar gigantisch. Er scheint alle Einzelheiten aller in unserem Jahrhundert verübten Schwerverbrechen zu kennen.

10. Ein guter Geiger.

11. Ein gleich gewandter & trainierter Boxer wie Fechter.

12. Ein gründlicher Kenner der britischen Rechtsprechung in ihren Gesetzen und deren Anwendung.

Weiter kam ich nicht; ich zerriss die Liste und warf sie verärgert ins Feuer. »Wie kann einer behaupten, dass es einen Beruf gibt, in dem sich alle diese verschiedenartigen Kenntnisse unter einen Hut bringen und professionell einsetzen lassen?« rief ich. »Völlig rätselhaft.«

Holmes als Violinspieler war großartig, aber von ganz eigener Art, wie alles bei diesem ungewöhnlichen Menschen. Gelegentlich spielte er mir wohl abends einige meiner Lieblingsstücke vor, um die ich ihn bat. War er aber sich selbst überlassen, so ließ er selten eine bekannte Melodie hören. Er lehnte sich dann in den Armstuhl zurück, schloss die Augen und fuhr mechanisch mit dem Bogen über das Instrument, das auf seinen Knien lag. Die Töne, die er dann den Saiten entlockte, waren stets der Ausdruck seiner augenblicklichen Empfindung, bald leise und klagend, bald heiter, bald schwärmerisch. Ob er dabei nur den wechselnden Launen seiner Einbildung folgte oder durch die Musik die Gedanken, die ihn gerade beschäftigten, besser in Fluss bringen wollte, überstieg meine Urteilskraft. Ich hätte sicherlich gegen seine herzzerreißenden Solovorträge Einspruch erhoben, doch um mich halbwegs für die mir auferlegte Geduldsprobe zu entschädigen, endigte er meist damit, dass er hintereinander einige meiner Lieblingsweisen spielte, was mich wieder versöhnlich stimmte.

In der ersten Woche bekamen wir keinen Besuch, und ich fing schon an zu glauben, mein Mitbewohner stehe ebenso allein in der Welt wie ich. Bald stellte sich jedoch heraus, dass er viele Bekannte hatte, und zwar in allen Schichten der Bevölkerung. Der kleine Mensch mit dem blassgelben Gesicht, der einer Ratte ähnelte und mir als Mr Lestrade vorgestellt wurde, kam im Lauf von acht Tagen mindestens drei oder vier Mal. Eines Morgens erschien eine elegant gekleidete junge Frau, die über eine halbe Stunde blieb. Am Nachmittag desselben Tages fand sich ein schäbiger Graubart ein, der wie ein jüdischer Hausierer aussah und hinter dem ein hässliches altes Weib hereinschlurfte. Bei einer späteren Gelegenheit hatte ein ehrwürdiger Greis eine längere Unterredung mit Holmes und dann wieder ein Eisenbahnbeamter in Uniform. Jedes Mal, wenn sich einer dieser merkwürdigen Besucher einstellte, bat mich Holmes, ihm das Wohnzimmer zu überlassen, und ich zog mich in mein Schlafzimmer zurück. Er entschuldigte sich jedes Mal, wenn er mir diese Unbequemlichkeit auferlegte. »Ich brauche das Zimmer als Büroraum, die Leute sind meine Klienten.«

Auch diese Gelegenheit, mir Aufschluss über seine Tätigkeit zu verschaffen, ließ ich aus Rücksichtnahme ungenützt vorübergehen. Ich wollte sein Vertrauen nicht erzwingen, und schließlich bildete ich mir ein, er habe einen bestimmten Grund, mir sein Geschäft zu verheimlichen. Dass ich mich hierin getäuscht hatte, sollte ich bald erfahren.

Am vierten März – der Tag ist mir im Gedächtnis eingebrannt – war ich früher als gewöhnlich aufgestanden und fand Sherlock Holmes beim Frühstück. Mein Kaffee war noch nicht fertig, und verärgert, weil ich warten musste, nahm ich ein Journal vom Tisch, um mir die Zeit zu vertreiben, während mein Gefährte schweigend seinen Toast verzehrte.

Mein Blick fiel zuerst auf einen Artikel, der mit Kopierstift angestrichen und »Das Buch des Lebens« betitelt war. Der Verfasser versuchte darin darzulegen, dass es für einen aufmerksamen Beobachter von Menschen und Dingen im alltäglichen Leben unendlich viel zu lernen gäbe, wenn er sich nur angewöhnen wolle, alles, was ihm in den Weg käme, genau und eingehend zu prüfen. Die Beweisführung war kurz und bündig, aber die Schlussfolgerungen schienen mir weit hergeholt und ungereimt, das Ganze eine Mischung von scharfsinnigen und krausen Behauptungen. Ein Mensch, der zu beobachten und zu analysieren verstand, müsse danach befähigt sein, die innersten Gedanken eines jeden zu lesen, und zwar mit solcher Sicherheit, dass es dem Uneingeweihten förmlich wie Zauberei vorkomme.

»Das Leben ist eine große, gegliederte Kette von Ursachen und Wirkungen«, hieß es weiter, »an einem einzigen Glied lässt sich die Gestaltung des Ganzen erkennen. Wie jede andere Wissenschaft, so fordert auch das Studium der Deduktion und Analyse viel Ausdauer und Geduld; ein kurzes Menschendasein genügt kaum, um es darin zur höchsten Vollendung zu bringen.« Ehe sich ein Anfänger an die Lösung verwickelter geistiger Probleme wage, solle er sich auf einfachere Aufgaben beschränken. Zur Übung könne er zum Beispiel bei der flüchtigen Begegnung mit einem Unbekannten den Versuch machen, auf den ersten Blick die Lebensgeschichte und den Beruf des Menschen zu bestimmen. »Das konzentriert die Aufmerksamkeit, und man lernt dabei, scharf zu beobachten und zu unterscheiden. An den Fingernägeln, dem Rockärmel, den Manschetten, den Stiefeln, den Hosenknien, der Hornhaut an Daumen und Zeigefinger, dem Gesichtsausdruck und vielem anderen lässt sich die tägliche Beschäftigung eines Menschen deutlich erkennen. Dass ein urteilsfähiger Forscher, der die verschiedenen Anzeichen zu vereinigen weiß, nicht zu einem richtigen Schluss gelangt, ist einfach undenkbar.«

»Was für ein törichtes Gerede«, rief ich und warf das Journal auf den Tisch. »In meinem ganzen Leben ist mir dergleichen Hergeholtes noch nicht untergekommen.«

Sherlock Holmes sah mich fragend an.

»Sie haben den Artikel angestrichen«, fuhr ich fort, »dann müssen sie ihn auch gelesen haben. Dass er geschickt abgefasst ist, will ich nicht bestreiten. Mich ärgern aber solche widersinnigen Theorien, die daheim im Lehnstuhl aufgestellt werden und dann an der Wirklichkeit elend scheitern. Der Herr Verfasser sollte nur einmal in einem Eisenbahnwagen dritter Klasse fahren und probieren, das Geschäft eines jeden seiner Mitreisenden an den Fingern herzuzählen. Ich wette tausend gegen eins, er wäre dazu nicht imstande.«

»Sie würden Ihr Geld verlieren«, erwiderte Holmes ruhig. »Was übrigens den Artikel betrifft, der ist von mir.«

»Von Ihnen?«

»Ja, ich habe ein besonderes Talent zur Beobachtung und Schlussfolgerung. Die Theorien, die ich hier auseinandersetze und die Ihnen so ungereimt erscheinen, finden in der Praxis ihre volle Bestätigung, ja, was noch mehr ist – ich verdiene mir damit mein tägliches Brot und die Butter dazu.«

»Wie ist das möglich?« fragte ich unwillkürlich.

»Mein Handwerk beruht darauf. Ich bin beratender Kriminalist – wenn Sie verstehen, was das heißt –, vielleicht bin ich der Einzige meiner Art. Es gibt hier in London jede Menge Detektive, die teils im Dienst der Polizei stehen, teils von Privatpersonen eingesetzt werden. Wenn diese Herren nicht mehr ein noch aus wissen, kommen sie zu mir, und ich setze sie auf die richtige Spur. Sie bringen mir das ganze Beweismaterial, und ich kann ihnen dann oft mit Hilfe meiner Kenntnis der Geschichte des Verbrechens den rechten Weg zu weisen. Die Verbrechen der Menschen haben im Allgemeinen eine starke Familienähnlichkeit untereinander, und wenn man die Einzelheiten von tausend Verbrechen im Kopf hat, so müsste es ein Wunder sein, wenn sich nicht auch das tausendunderste lösen ließe. Lestrade ist ein bekannter Detektiv. Er hat sich kürzlich in eine Falschmünzergeschichte verrannt und mich deshalb so häufig aufgesucht.«

»Und die anderen?«

»Die meisten kommen auf Empfehlung von Privatagenten. Jeder von ihnen hat irgendeine Sorge auf dem Herzen und holt sich bei mir Rat. Sie erzählen mir ihre Geschichte und hören auf meine erklärenden Bemerkungen, und danach richtet sich mein Honorar.«

»Und Sie können wirklich, während Sie ruhig auf Ihrem Zimmer bleiben, die verwickelten Knoten lösen, die andere nicht entwirren können, selbst wenn sie mit eigenen Augen gesehen haben, wo es geschehen ist?«

»Das habe ich oft getan; es ist bei mir eine Art innerer Eingebung. Bei einem besonders schwierigen Fall besehe ich mir den Tatort wohl auch einmal selbst. Ich habe so einige Kenntnisse, die mir die Arbeit wesentlich erleichtern. Meine große Übung in der Deduktion, wie sie der Artikel darlegt, ist für mich von praktischem Wert. Mir ist die Beobachtung zur zweiten Natur geworden. Als ich Ihnen bei unserer ersten Begegnung sagte, Sie kämen aus Afghanistan, schienen Sie sich darüber zu wundern.«

»Irgendjemand muss es Ihnen gesagt haben.«

»Ganz und gar nicht; das hab ich einfach gesehen. Mein Gedankengang ist meist sehr schnell, mir kommen die Schlüsse in ihrer Reihenfolge kaum zum Bewusstsein. Und doch steht alles in logischem Zusammenhang. Ich folgerte etwa so: Der Herr sieht aus wie ein Mediziner und hat dabei eine soldatische Haltung. Er muss Militärarzt sein. Die dunkle Gesichtsfarbe hat er nicht von Natur, denn am Handgelenk ist seine Haut weiß, also kommt er geradeswegs aus den Tropen. Dass er allerlei Beschwerden durchgemacht hat, zeigen seine abgezehrten Gesichtszüge; sein linker Arm muss verwundet gewesen sein, er hält ihn unnatürlich steif. In welcher Gegend der Tropen kann ein englicher Militärarzt sich Wunden und Krankheit geholt haben? – Versteht sich von selbst in Afghanistan. – In weniger als einer Sekunde war ich zu dem Schluss gelangt, der Sie in Erstaunen setzte.«

»Wie Sie die Sache erklären, scheint sie sehr einfach. Sie erinnern mich an Edgar Allan Poes Dupin. Ich hatte keine Ahnung, dass solche Gestalten nicht nur in der Literatur vorkommen, sondern auch wirklich existieren.«

Sherlock Holmes stand auf und zündete seine Pfeife an. »Zweifellos glauben Sie, mir ein Kompliment zu machen, wenn Sie mich mit Dupin vergleichen«, sagte er. Meiner Meinung nach war Dupin nicht besonders helle im Kopf. Er hatte eine gwisse analytische Fertigkeit, sicher, aber er war nicht so eine Lichtgestalt, als die Poe ihn erscheinen lassen wollte.«

»Haben Sie Gaboriau gelesen?« fragte ich. »Entspricht Lecoq eher Ihrer Vorstellung von einem Detektiv?«

Sherlock Holmes schnaubte verächtlich. »Lecoq war ein schlichter Stümper«, sagte er verärgert. »Er hatte nur eins: echte Ausdauer. Sein Problem war, wie identifiziere ich einen unbekannten Gefangenen. Ich hätte das in 24 Stunden gelöst, er brauchte dazu sechs Monate. Ich könnte ein Lehrbuch für Detektive verfassen mit dem Titel:

WAS ZU VERMEIDEN WÄRE.«

Ich sah auf die belebte Straße hinunter. Ich war verstimmt, zwei Helden, die ich bisher bewundert hatte, so von oben herab traktiert zu sehen. »Er mag ja superschlau sein, aber er ist auch verdammt arrogant«, sagte ich mir.

»Wenn es doch nur noch Verbrechen gäbe, zu deren Entdeckung man besonderen Scharfsinn braucht«, fuhr Holmes missmutig fort. »Ich weiß, es fehlt mir nicht an Begabung, um meinen Namen berühmt zu machen. Kein Mensch auf Erden hat jemals so viel natürliche Anlage für mein Fach besessen oder ein so tiefes Studium darauf verwendet. Aber was nützt mir das alles? Die Verbrecher sind sämtlich solche Stümper und ihre Zwecke so durchsichtig, dass ein gewöhnlicher Polizist von Scotland Yard sie mit Leichtigkeit durchschauen kann.«

Es ärgerte mich, ihn mit solcher Selbstüberschätzung reden zu hören. Um der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, trat ich ans Fenster.

»Was mag wohl der Mann da drüben suchen?« fragte ich, auf einen einfach gekleideten, stämmigen Menschen deutend, der sämtliche Häusernummern auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu mustern schien. Er hielt einen großen blauen Umschlag in der Hand, den er offenbar abliefern sollte.

»Sie meinen den Marine-Sergeanten a. D.?« fragte Sherlock Holmes.

Ich machte große Augen. »Er hat gut mit seiner Weisheit prahlen«, dachte ich bei mir, »wer will ihm denn beweisen, dass er falsch geraten hat?«

In dem Augenblick hatte der Mann, den wir beobachteten, unsere Nummer erblickt und kam rasch über die Straße. Gleich darauf klopfte es laut unten an der Haustür, man vernahm eine tiefe Stimme und dann schwere Schritte auf der Treppe.

Der Mann trat ein.

»Für Mr Sherlock Holmes«, sagte er und händigte meinem Gefährten den Brief aus.

Ich ergriff die Gelegenheit, um Holmes von seinem Sockel zu stoßen. An die Möglichkeit hatte er wohl nicht gedacht, als er den raschen Schuss ins Blaue tat.

»Darf ich Sie wohl fragen, was Sie für ein Geschäft betreiben?« redete ich den Boten freundlich an.

»Dienstmann«, lautete die kurze Antwort. »Die Uniform ist gerade beim Schneider zum Ausbessern.«

»Und früher waren Sie –« fuhr ich mit einem schlauen Blick auf Holmes fort.

»Sergeant, Sir. Royal Navy, Sir. – Keine Rückantwort, Sir? – Zu Befehl, Sir.«

Er schlug zackig die Hacken aneinander, salutierte und weg war er.

3. KAPITEL

Das Geheimnis von Lauriston Gardens

Dieses neue Beispiel von der praktischen Anwendbarkeit der Theorien meines Freundes überraschte mich sehr und mein Respekt vor seiner Beobachtungsgabe wuchs ins Wunderbare. Dennoch beschlich mich ein leiser Argwohn, ob die Sache nicht doch am Ende zwischen den beiden abgekartet war, aber zu welchem Zweck? – Als ich mich zu Holmes umwandte, hatte er eben den Brief durchgelesen und starrte mit ausdruckslosem Blick, wie geistesabwesend, vor sich hin.

»Wie in aller Welt haben Sie denn das wieder erraten?« fragte ich.

»Erraten – was?« rief er gereizt.

»Nun, dass der Mann ein abgedankter Marine-Sergeant war.«

»Jetzt ist keine Zeit für Spielereien«, antwortete er schroff, fuhr aber gleich darauf lächelnd fort: »Entschuldigen Sie meine Grobheit, Sie haben meinen Gedankengang unterbrochen; doch, das schadet vielleicht nichts. – Also, Sie haben wirklich nicht sehen können, dass der Mann Sergeant in der Marine gewesen ist?«

»Wie sollte ich?«

»Das ist doch ganz einfach. Es ist nur nicht so leicht zu erklären, wie ich dazu komme. Dass zwei mal zwei vier ist, leuchtet jedem ein, wenn Sie das aber beweisen sollen, wäre das nicht so einfach. Schon beim ersten Blick über die Straße hatte ich den blau tätowierten Anker auf der Hand des Mannes gesehen und die See gewittert, seine militärische Haltung verriet mir den Marinesoldaten. Er trug den Kopf hoch, schwang seinen Stock und trat damit fest und befehlsgewohnt auf; ein Mann in mittleren Jahren – jeder Zoll ein Sergeant.«

»Wunderbar!« rief ich.

»Ganz alltäglich«, versetzte Holmes, doch stand ihm ins Gesicht geschrieben, dass er sich geschmeichelt fühlte. »Eben hab ich noch behauptet«, fuhr er fort, »es gäbe keine geheimnisvollen Verbrechen. Das scheint ein Irrtum zu sein –« Er schob mir den Brief hin, den der Dienstmann gebracht hatte.

»Wie schrecklich!« rief ich.

»Es klingt allerdings ungewöhnlich; würden Sie mir den Brief noch einmal laut vorlesen?«

Der Brief lautete wie folgt:

Sehr geehrter Mr Sherlock Holmes!

Heute Nacht hat sich in 3 Lauriston Gardens, Ecke Brixton Road, ein schlimmer Fall zugetragen. Unser Posten sah dort auf seinem Rundgang gegen zwei Uhr einen Lichtschimmer, und da das Haus unbewohnt ist, schöpfte er Verdacht.

Er fand die Tür offen und in dem unmöblierten Vorzimmer den Leichnam eines gut gekleideten Herrn am Boden liegen. »Enoch J. Drebber, Cleveland, Ohio U.S.A.« stand auf den Visitenkarten, die er in seiner Brusttasche trug. Eine Beraubung ist nicht erfolgt und die Todesursache noch unermittelt, denn es finden sich zwar Blutspuren im Zimmer, aber keine Wunde an dem Toten. Wir wissen nicht, wie er in das leere Haus gekommen ist.

Wenn Sie geneigt sind, vor zwölf Uhr den Schauplatz zu besichtigen, so finden Sie mich dort. Ich lasse alles in status quo bis zu Ihrer Ankunft. Sollten Sie verhindert sein, werde ich Ihnen alle Einzelheiten berichten, Sie würden mir einen großen Gefallen erweisen, wenn Sie mir Ihre Ansicht mitteilen wollten.

Ihr ergebener

Tobias Gregson.

»Gregson ist der schlauste Fuchs bei Scotland Yard«, bemerkte mein Freund. »Er und Lestrade sind rasch und tatkräftig, aber durch nichts aus dem üblichen Trott zu bringen; dabei tragen beide fortwährend den Dolch im Gewande und sind eifersüchtig wie zwei professionelle Schönheiten. Wenn beide dieselbe Fährte verfolgen, gibt es einen Riesenspaß.«

Seine behagliche Ruhe schien mir unbegreiflich. »Da ist doch sicher kein Augenblick zu verlieren«, rief ich, »soll ich Ihnen eine Droschke holen?«

»Noch weiß ich gar nicht, ob ich hingehe. Mich überkommt gerade ein Anfall von Trägheit, und dann bin ich der faulste Kerl unter der Sonne; ein andermal kann ich freilich flink zur Stelle sein.«

»Aber das ist doch ein Fall, wie Sie ihn sich gewünscht haben.«

»Ja; aber was kommt schließlich dabei heraus, mein Freund? Selbst wenn ich den Knoten löse, so gehen doch Ruhm und Ehre an Gregson, Lestrade & Co. Das hat man davon, wenn man nicht beamtet ist.«

»Aber er bittet Sie ja um Ihre Hilfe.«

»Ja, er weiß, dass ich mehr davon verstehe als er, und gibt das mir gegenüber auch zu; doch würde er sich lieber die Zunge abbeißen, als vor einem Dritten meine Überlegenheit anzuerkennen. Wir wollen uns die Sache aber doch mal näher ansehen. Ich übernehme sie vielleicht auf eigene Faust. Dann kann ich die beiden wenigstens auslachen, wenn ich sonst nichts davon habe. Also vorwärts!«

Er fuhr rasch in seinen Mantel und ging so geschäftig hin und her, dass ich wohl sah, die Tage der Lethargie waren vorbei und die der Tatkraft zurückgekehrt.

»Wo ist Ihr Hut?« fragte er.

»Soll ich denn mitkommen?«

»Wenn Sie nichts Besseres vorhaben.«

Schon im nächsten Augenblick saßen wir in einer Droschke und rasten Richtung Brixton Road.

Es war ein bewölkter, nebliger Morgen, alle Häuser lagen gehüllt in einen Schleier von gleicher grauer Schmutzfarbe wie die Straßen. Jetzt ließ die Laune meines Gefährten nichts mehr zu wünschen übrig; er sprach mit großer Geläufigkeit von Cremoneser Geigen und dem Unterschied zwischen einer Stradivarius und einer Amati. Ich verhielt mich ziemlich still; das trübe Wetter und unser anstehendes trauriges Geschäft drückten auf mein Gemüt.

»Es scheint, dass Sie sich in Ihren Gedanken noch gar nicht mit der Sache beschäftigen, um die es geht«, unterbrach ich endlich Holmes’ musikalische Ergießungen.

»Mir fehlen noch alle Einzelheiten«, erwiderte er. »Ein großer Irrtum, sich eine Theorie zu bilden, ehe man nicht sämtliches Beweismaterial in Händen hält; das trübt die Urteilskraft.«

»Sie werden bald reichlich Gelegenheit bekommen, Ihre Beobachtungen anzustellen«, sagte ich. »Wir sind bereits in der Brixton Road, und das da muss das Haus sein, wenn ich nicht sehr irre.«

»Kein Zweifel. – Halt, Kutscher, halt! –« Wir waren noch ein ziemliches Stück entfernt, doch er bestand darauf, dass wir ausstiegen und das letzte Ende zu Fuß zurücklegten.

Das Haus Nummer 3 bot einen düstern, unheimlichen Eindruck. Es gehörte zu einer Gruppe von vier Gebäuden, die etwas abseits der Straße lagen; zwei waren bewohnt, zwei standen leer. An den trüben Fensterscheiben der Letzteren fielen nur hier und da die angeklebten Zettel ins Auge, auf denen Zu vermieten stand. Jedes der Häuser hatte ein kleines Vorgärtchen, mit wenigen kränklichen Pflanzen auf den Beeten; mitten hindurch führte ein schmaler mit Kies bestreuter Pfad von gelblichem Lehm, der durch die Regengüsse der vergangenen Nacht völlig aufgeweicht worden war. Eine drei Fuß hohe Backsteinmauer, die ein hölzernes Gitter trug, bildete die Einfassung des Gartens. Am Gittertor lehnte ein stämmiger Polizist, von einer Schar Neugieriger umringt, die ihre Hälse reckten und sich vergeblich abmühten, um zu sehen, was in dem Haus vorging.

Ich hatte erwartet, Sherlock Holmes würde sich sofort hinbegeben, um seine Untersuchungen zu beginnen. Nichts schien ihm jedoch ferner zu liegen. Mit einer Aura von Nonchalance, die mir unter diesen Umständen an Blasiertheit zu grenzen schien, schlenderte er vor dem Haus auf und ab, den Blick bald auf den Boden gerichtet, bald in die Luft, bald wieder zum Gitterzaun oder zu den gegenüberliegenden Häusern. Nach einer Weile betrat er den Kiesweg, das heißt, er ging auf dem Grasstreifen neben dem Pfad, die Augen forschend zur Erde gesenkt. Zweimal blieb er lächelnd stehen, und ein Ausruf der Befriedigung entfuhr ihm. Es waren zwar viele Fußspuren in dem nassen Lehmboden eingedrückt, sie konnten jedoch von den Polizisten herrühren, die gekommen und wieder gegangen waren. Wie mein Gefährte hoffen konnte, da noch etwas Wesentliches zu entdecken, wollte mir nicht einleuchten; allein nach den Proben seiner Beobachtungskunst, die ich bereits erhalten hatte, musste ich mir sagen, dass er ohne Zweifel vieles sah, was mir gänzlich verborgen blieb.

An der Haustür kam uns ein großer, blasser, flachshaariger Mann mit einem Notizbuch entgegen. Er eilte auf Holmes zu und schüttelte ihm herzlich die Hand. »Sehr freundlich von Ihnen, dass Sie kommen konnten«, sagte er, »alles ist noch ganz unberührt geblieben.«

»Nur nicht der Fußweg«, erwiderte mein Freund. »Eine Büffelherde hätte ihn kaum mehr zertrampeln können. Natürlich haben Sie erst genaue Beobachtungen angestellt, Gregson, bevor Sie das zuließen.«

»Ich hatte drinnen alle Hände voll zu tun«, sagte der Detektiv ausweichend. »Mein Kollege Lestrade ist hier; ich dachte, er würde sich darum kümmern.«

Holmes zog die Augenbrauen spöttisch in die Höhe und sah mich an. »Wo Männer wie Sie und Lestrade an Ort und Stelle sind, kann ein Dritter kaum noch etwas finden«, bemerkte er.

Gregson grinste selbstgefällig und rieb sich die Hände. »Wir haben getan, was wir konnten; es ist aber auch ein verzwickter Fall – ich kenne ja Ihre Vorliebe für dergleichen.«

»Sind Sie in einer Droschke hergekommen?«

»Nein, Sir.«

»Aber Lestrade?«

»Auch nicht, Sir.«

»So? – Dann können wir jetzt wohl die Räume ansehen.«

Wie das zusammenhing, war mir nicht recht ersichtlich, auch Gregson machte ein verwundertes Gesicht, während er Holmes in das Haus folgte.

Ein sehr staubiger, gedielter Korridor führte zur Küche und Speisekammer, rechts und links befanden sich noch zwei Türen. Die eine mochte wohl wochenlang nicht geöffnet worden sein, die andere führte in das Zimmer, wo das geheimnisvolle Verbrechen verübt worden war. Holmes trat ein, ich begleitete ihn, von unheimlichen Gefühlen ergriffen, wie sie die Gegenwart des Todes uns einzuflößen pflegt. Das große, viereckige Gemach sah noch geräumiger aus, weil keine Möbel darin standen. Die grelle Tapete an den Wänden war hie und da mit Schimmel überzogen, an einigen Stellen hing sie in Fetzen herunter, so dass der helle Kalkbewurf zum Vorschein kam. Der Türe gegenüber befand sich ein großer, offener Kamin mit einem Gesims, an dessen einer Ecke ein rotes Wachslichtstümpchen klebte. Das einzige Fenster, das den Raum erhellte, war mit einer Schmutzkruste überzogen und ließ nur ein mattes, ungewisses Licht hindurch. Die düstere, trübe Beleuchtung passte so recht zu der dicken Staubschicht, die auf dem Dielenboden des Zimmers lag.

Alle diese Einzelheiten fielen mir jedoch erst später auf. Anfangs richtete ich meine ganze Aufmerksamkeit auf die leblos ausgestreckte Gestalt am Boden, den stieren Blick nach der Decke gerichtet. Es war ein mittelgroßer Mann, Mitte vierzig, breitschultrig, mit krausem schwarzem Haar und kurz gestutztem Bart. Er trug Rock und Weste von feinstem Doppeltuch, helle Hosen und tadellose Kragen und Manschetten. Dazu gehörte wohl auch der glatt gebürstete Zylinder neben ihm. Er hatte die Arme weit von sich gestreckt, die Fäuste geballt und die Beine fest übereinander geschlagen, wahrscheinlich im Todeskampf. In seinen starren Zügen lag ein Ausdruck des Entsetzens und eines so grimmigen Hasses, wie ich ihn noch nie zuvor in einem Gesicht gesehen hatte. Diese bösartige Miene, dazu die niedrige Stirn, die breite Stumpfnase und das vorstehende Kinn gaben dem Toten ein widerlich affenartiges Aussehen, das durch seine gekrümmte, unnatürliche Lage noch abschreckender wurde. Ich habe den Tod schon in mancher Gestalt gesehen, aber nie hat er mir einen so grauenvollen Eindruck gemacht wie in jenem öden Haus in der Londoner Vorstadt.

Inspektor Lestrade hatte uns an der Zimmertüre empfangen. »Der Fall wird Aufsehen machen, Sir«, sagte er mit Nachdruck; »ich bin wahrhaftig kein Neuling mehr, aber so etwas habe ich noch nie gesehen.«

»Noch suchen wir vergeblich nach dem Tathergang«, fiel Gregson ein.

Sherlock Holmes war neben der Leiche niedergekniet, die er genau untersuchte.

»Eine Wunde haben Sie also nicht entdeckt?« fragte er, auf die zahlreichen Blutspuren am Fußboden deutend.

»Nein, es ist keine zu finden«, versicherten beide.

»So rührt das Blut also von einem andern Menschen her, von dem Mörder vermutlich, wenn ein Mord verübt worden ist. Der Fall erinnert mich an Van Jansens Tod in Utrecht im Jahr 1834. Haben Sie den im Gedächtnis, Gregson?«

»Nein, ich weiß nichts davon.«

»Sie sollten die Geschichte nachlesen. Es gibt nichts Neues unter der Sonne, alles ist schon mal da gewesen.«

Während er sprach, fuhren seine geschickten Finger über all umher; er drückte, befühlte, betastete alles mit solcher Schnelligkeit, dass ich kaum begriff, wie er die einzelnen Ergebnisse seiner Untersuchung zusammenbringen wollte. Sein Blick trug dabei denselben geistesabwesenden Ausdruck, den ich schon öfter an ihm bemerkt hatte. Schließlich roch er an den Lippen des Toten und betrachtete die Sohlen seiner kostspieligen Lederstiefel.

»Liegt er noch genau so, wie man ihn gefunden hat?« fragte er.

»Wir haben ihn untersucht, ohne ihn groß von der Stelle zu bewegen.«

»Gut, dann lassen Sie ihn jetzt ins Leichenhaus bringen. Es gibt hier derzeit nichts weiter zu ermitteln.«

Eine Tragbahre stand schon bereit, und auf Gregsons Ruf kamen vier seiner Leute herbei. Als sie die Leiche aufluden, fiel ein Ring zu Boden und rollte über die Diele. Lestrade fuhr wie ein Raubvogel darauf zu, hob ihn auf und betrachtete ihn verblüfft.

»Der Ehering einer Frau – wie kommt der hierher?« rief er.

Wir alle starrten auf den goldenen Reif auf seiner flachen Hand. Welche Braut mochte den wohl getragen haben?

»Die Angelegenheit wird durch diesen Fund noch verwickelter«, bemerkte Gregson.

»Er könnte sie aber auch vereinfachen«, äußerte Holmes bedächtig. »Jedenfalls nützt es nichts, den Ring noch länger anzusehen; wir werden nicht klüger davon. Haben Sie sonst nichts in den Taschen gefunden?«

»Im Flur liegt alles beisammen«, erwiderte Gregson, »kommen Sie!« Wir verließen das Zimmer. »Hier ist der ganze Inhalt«, fuhr er fort und deutete auf einen Haufen verschiedener Gegenstände. »Eine goldene Uhr No. 97163 von Barraud in London, eine Prinz-Albert-Uhrkette von massivem Gold, ein goldener Ring mit dem Freimaurerzeichen; ein Bulldoggen-Kopf mit Rubinaugen als goldene Anstecknadel; ein Visitenkartentäschchen aus russischem Leder, auf den Karten steht »Enoch J. Drebber aus Cleveland«, das stimmt mit dem Zeichen EJD der Wäsche überein. Kein Portemonnaie, aber loses Geld in der Westentasche in Höhe von sieben Pfund dreizehn Shilling. Eine Taschenbuchausgabe von Boccaccios Decamerone, auf dem Titelblatt der Name Joseph Stangerson. Zwei Briefe, einer an E. J. Drebber, der andere an Joseph Stangerson.«

»Wohin adressiert?«

»American Exchange, Strand. Beide Briefe kommen von der Dampfschiffgesellschaft Guion und betreffen die Abfahrt ihres Dampfers von Liverpool. Offenbar stand das Opfer im Begriff, nach New York zurückzukehren.«

»Haben Sie schon über jenen Stangerson Erkundigungen eingezogen?«

»Versteht sich«, versetzte Gregson. »An sämtliche Zeitungen sind Anzeigen geschickt worden; auch ist einer meiner Leute zu American Exchange gegangen, ich erwarte ihn jeden Augenblick zurück.«

»Haben Sie in Cleveland angefragt?«

»Ja, die Depesche ist heute früh abgegangen.«

»Wie war der Wortlaut?«

»Wir haben einfach den Vorfall mitgeteilt und um sachdienliche Hinweise zur Person gebeten.«

»Haben Sie nicht über einen Punkt, der Ihnen besonders wichtig schien, genauere Auskunft verlangt?«

»Ich habe nach Stangerson gefragt.«

»Weiter nichts? Liegt nicht eine Tatsache vor, um die sich der ganze Fall dreht? Wollen Sie nicht noch einmal telegraphieren?«

»Meine Depesche enthielt alles Erforderliche«, versetzte Gregson gekränkt.

Sherlock Holmes lachte in sich hinein und wollte noch eine Bemerkung machen, als Lestrade zu uns in den Flur kam.

»Soeben habe ich eine Entdeckung gemacht, Gregson«, sagte er und rieb sich selbstgefällig die Hände. »Hätte ich nicht die Wände genau untersucht, wären wir kaum darauf gekommen.«

Die Augen des kleinen Detektivs funkelten vor innerem Triumph, weil er seinem Kollegen eins auswischen konnte. »Kommen Sie«, sagte er, in das Zimmer zurückeilend, das uns weit weniger grausig erschien, seit die Leiche fortgeschafft war. »So, jetzt treten Sie dorthin.«

Er strich ein Schwefelholz an seiner Stiefelsohle an und hielt es gegen die Wand. In einer Ecke war die Tapete abgerissen und auf dem hellen Kalkbewurf, der darunter zum Vorschein kam, stand mit großen, blutroten Buchstaben ein Wort:

Rache

»Das hat der Mörder mit seinem eigenen Blut geschrieben«, fuhr Lestrade fort, »hier an dieser Seite sieht man noch, wo es hinuntergetropft ist. Einen besseren Beweis, dass kein Selbstmord vorliegt, könnten wir gar nicht haben. Sehen Sie das abgebrannte Licht auf dem Kaminsims? Bei seinem Schein ist das Wort in dieser dunklen Ecke geschrieben worden!«

»Sie haben ja das Wort gefunden, aber können Sie auch erklären, was das bedeuten soll?« fragte Gregson spitzig.

»Das bedeutet: Der Mörder wollte den weiblichen Vornamen RACHEL an die Wand schreiben, wurde aber vorzeitig daran gehindert. Wir müssen diese Rachel finden, und der Fall ist gelöst.«

Hier brach Sherlock Holmes in lautes Lachen aus.

»Sie mögen gut lachen haben, Mr Sherlock Holmes, aber am Schluss ist der erfahrene Jagdhund doch der beste.«

»Ich muss mich wirklich bei Ihnen entschuldigen«, sagte Holmes und zog ein Vergrößerungsglas und einen Zollstock aus der Tasche. »Sie haben dies in der Tat als Erster herausgefunden, während ich noch keine Gelegenheit hatte, mich hier umzusehen. Sie erlauben?« Geräuschlos ging er hin und her; bald stand er still, bald kauerte er am Boden, einmal legte er sich sogar mit dem Gesicht platt auf die Dielen. Er war so vertieft, dass er uns ganz vergessen zu haben schien; er hielt dabei laufend leise Selbstgespräche, dazwischen stöhnte er laut auf, pfiff in selbstgefälliger Anerkennung vor sich hin. Er kam mir vor wie ein Jagdhund, der vor- und rückwärts durch das Dickicht springt, heult und winselt und keine Ruhe gibt, ehe er nicht die verlorene Fährte wieder aufgespürt hat. Wohl zwanzig Minuten lang setzte er seine Untersuchungen fort, maß mit größter Genauigkeit die Entfernung zwischen verschiedenen Punkten am Boden, die für mein Auge ganz unsichtbar waren, und dann die Höhe und Breite der Wände. Was er damit bezweckte, war mir unerklärlich. An einer Stelle las er behutsam ein Häufchen grauen Staubes von der Erde auf und verwahrte es sorgfältig in einem Briefumschlag. Zuletzt richtete er sein Vergrößerungsglas auf das rätselhafte Wort an der Wand und betrachtete jeden Buchstaben aufs Genaueste. Das Ergebnis schien ihn zu befriedigen, und er steckte das Glas wieder ein.

»Es heißt: Genie ist Fleiß«, bemerkte er lächelnd. »So falsch das an sich auch ist, auf die Detektiv-Arbeit lässt sich das anwenden!«

Gregson und Lestrade waren dem seltsamen Gebahren mit neugierigen, wenn auch etwas verächtlichen Blicken gefolgt. Sie schienen sich nicht klar zu machen, was ich längst wusste, dass nämlich Sherlock Holmes, selbst bei seinen scheinbar unbedeutendsten Handlungen, sein Ziel stets fest im Auge behielt.

»Nun, was halten Sie davon?« fragten beide in einem Atemzug.

»Sie sind auf so gutem Wege, Gentlemen«, erwiderte Holmes nicht ohne einen Hauch von Spott, »da wäre es größte Anmaßung meinerseits, wollte ich Ihnen meine Hilfe anbieten. Den Ruhm, der Ihren Verdiensten gebührt, sollen Sie auch allein ernten. Vielleicht kann ich Ihnen im weiteren Verlauf Ihrer Forschungen noch von Nutzen sein, dann stehe ich gern zu Diensten. Es wäre nur noch wünschenswert, wenn ich den Schutzmann sprechen könnte, der die Leiche gefunden hat. Sagen Sie mir doch bitte, wie er heißt und wo er wohnt.«

Lestrade schlug sein Notizbuch auf. »John Rance hat jetzt keinen Dienst; Sie werden ihn sicher in seiner Wohnung am Kennington Park Gate, Audley Court No. 46 finden.« Holmes notierte sich die Adresse.

»Kommen Sie mit, Doktor«, rief er mir zu, »wir machen einen Hausbesuch.« Dann verabschiedete er sich von den beiden. »Eines könnte Ihnen vielleicht noch einige Mühe ersparen«, sagte er. »Hier ist ein Mord begangen worden; der Täter ist sechs Fuß groß, im besten Mannesalter, hat verhältnismäßig kleine Füße, trug zur Tatzeit Stiefel mit breiten Spitzen und rauchte eine Trichinopoly-Zigarre. Er kam mit seinem Opfer in einer Droschke angefahren; von den Hufeisen des Pferdes waren drei alt, das am linken Vorderfuß ist neu. Der Mörder hat eine rötliche Gesichtsfarbe und ungewöhnlich lange Fingernägel an der rechten Hand. – Das sind nur ganz unbedeutende Einzelheiten, aber sie könnten Ihnen doch einige Anhaltspunkte geben.«

Lestrade und Gregson sahen einander ungläubig grinsend an.

»Wenn ein Mord vorliegt, wie ist denn der Mann umgebracht worden?« fragte Ersterer.

»Durch Gift«, gab Holmes zurück. »Und noch etwas: RACHE ist das deutsche Wort für Revenge. Nur dass Sie jetzt nicht weiter nach einer Miss Rachel suchen.«

Mit diesem Parther-Schuss schritt er davon, die beiden Rivalen blickten ihm offenen Mundes nach.

4. KAPITEL

Was John Rance zu erzählen hatte

Es war ein Uhr, als wir das Haus Lauriston Gardens 3 verließen. Auf dem nächsten Telegraphenamt gab Holmes eine lange Depesche auf, dann fuhren wir mit der Droschke zur Wohnung des Schutzmanns.

»Nichts geht über Zeugenaussagen aus erster Hand«, bemerkte er. »Wenn mir der Fall auch ganz klar ist, so halte ich es doch für richtig, auch alle Einzelheiten so authentisch wie möglich zu erfahren.«

»Aber Holmes«, rief ich in höchster Verwunderung. »Sie können doch unmöglich über alle jene Einzelheiten zu so unumstößlicher Gewissheit gelangt sein, wie Sie uns glauben machen wollen.«

»Jeder Zweifel ist ausgeschlossen«, entgegnete er. »Als wir ankamen, war das Erste, was mir auffiel, die doppelte Räderspur einer Droschke, die bis an das Gittertor führte. Vergangene Nacht hatte es seit einer Woche zum ersten Mal wieder geregnet, die tiefen Wagenspuren konnten erst entstanden sein, nachdem die Erde gehörig aufgeweicht war. Auch die Spuren der Pferdehufe waren erkennbar, drei nur undeutlich, die vierte klar ausgeprägt, folglich war das Eisen neu. War die Droschke erst nach dem Regen am Haus vorgefahren und am Morgen nicht mehr da, wie Gregson versicherte, so hatte sie also die beiden Leute während der Nacht dahin befördert.«

»Das klingt einleuchtend«, sagte ich. »Wie aber konnten Sie auf das Äußere des Mannes schließen?«

Die Größe eines Menschen lässt sich in den allermeisten Fällen nach seinem Schritt bestimmen. Die Berechnung ist schnell gemacht, aber ich will Sie nicht mit Zahlen plagen. Ich fand die Schrittweite des Mannes sowohl draußen im weichen Erdboden als auch auf den staubigen Zimmerdielen. Außerdem konnte ich noch die Probe anstellen: Wer auf eine Wand schreibt, tut dies unwillkürlich in Augenhöhe. Die Schrift aber ist gerade sechs Fuß hoch über dem Boden. Sie sehen, es war kinderleicht.«

»Aber sein Alter?«

»Nun, wenn ein Mann ohne Mühe fünfeinhalb Fuß weit ausschreiten kann, ist er schwerlich schon sehr altersschwach. So breit war nämlich die Pfütze auf dem Gartenweg, über die er weg geschritten ist. Die feinen Lederstiefel waren am Rand entlang gegangen, die grobe Fußbekleidung mit den breiten Spitzen aber darüber weggeschritten. Gar kein Geheimnis dabei; alles beruht auf den Grundsätzen von Beobachtung und Schlussfolgerung, die ich in meinem Beitrag beschrieben habe. – Macht Ihnen sonst noch etwas Kopfzerbrechen?«

»Die Fingernägel und die Trichinopoly-Cigarre.«

»Der Mann hatte den langen Nagel seines Zeigefingers in Blut getaucht und damit an die Wand geschrieben. Die Buchstaben waren wie eingekratzt in den Kalkbewurf. Auf der Diele fand ich etwas verstreute Asche, die dunkel und flockig aussah und nur von einer Trichinopoly-Cigarre herrühren konnte. Auf Zigarrenasche habe ich ganz besondere Studien verwendet, ja sogar einen Aufsatz geschrieben; ich schmeichle mir, jede Sorte Zigarren- oder Tabakasche auf den ersten Blick zu erkennen. Gerade in solcher speziellen Kenntnis zeigt sich der Unterschied zwischen dem wahrhaft versierten Detektiv und der Sorte, zu der Gregson und Lestrade gehören.«

»Aber die rötliche Gesichtsfarbe?«

»Das war eine etwas kühne Folgerung, über die ich bei dem jetzigen Stand der Dinge noch keinen Aufschluss geben kann, obgleich ich überzeugt bin, dass ich recht habe.«

Ich fasste mir unwillkürlich mit der Hand an die Stirn. »Es schwirrt mir förmlich im Kopfe«, rief ich. »Je mehr ich über die Angelegenheit nachdenke, umso rätselhafter erscheint sie mir. Wie kamen die beiden Männer – wenn es denn zwei waren – in das leere Haus? Was ist aus dem Kutscher geworden, der sie gefahren hat? Wie konnte der eine den andern zwingen, Gift zu nehmen? Woher stammen die Blutspuren? Was bewog den Mörder zu seiner Tat, da er keinen Raub beabsichtigte? Welcher Frau hat der Ehering gehört? Warum schrieb der Mörder das Wort Rache an die Wand, bevor er die Flucht ergriff? – Dass jemand imstande sein sollte, alle die Tatsachen in Einklang zu bringen, geht wahrhaftig weit über mein Verständnis.«

Mein Gefährte lächelte beifällig.

»Sie haben sämtliche Schwierigkeiten unserer Lage kurz und bündig zusammengefasst«, sagte er. »Über die Hauptsache bin ich zwar im Klaren, aber manches ist noch nicht geklärt. Die Schrift, auf deren Entdeckung Lestrade so stolz war, ist meiner Meinung nach nur eine Kriegslist, um die Polizei auf eine falsche Fährte zu locken, als sei die Tat im Auftrag einer Geheimgesellschaft von irgendeinem Sozialisten ausgeführt worden. – So – nun wissen Sie aber genug über den Fall, Watson, ich werde mich hüten, Ihnen noch mehr zu verraten. Mit dem Ansehen eines Taschenspielers ist es aus, sobald er sein Kunststück einmal erklärt hat, und wenn ich Ihnen mein Verfahren allzu genau beschreibe, werden Sie mich in kürzester Frist für einen höchst alltäglichen Menschen halten.«

»Bewahre«, rief ich, »das wird nie geschehen. Sie haben die polizeiliche Ermittlung zur Höhe einer Wissenschaft erhoben und zu einer Vollkommenheit gebracht, wie sie bisher unerreicht war.«

Mein Gefährte wurde rot vor Freude über mein Urteil, das ich im Ton aufrichtigster Überzeugung aussprach. Schon früher hatte ich bemerkt, dass er für jedes Lob, das man seiner Kunst zollte, empfänglich war, wie eine Frau, deren Schönheit man mit Komplimenten bewundert.

»Etwas will ich Ihnen doch noch verraten«, rief er. »Die feinen Lederstiefel kamen mit dem groben Schuhwerk in derselben Droschke angefahren und schritten zusammen höchst freundschaftlich den Gartenweg hinunter, vielleicht sogar Arm in Arm. Im Haus gingen sie im Zimmer hin und her, oder richtiger gesagt: Die feinen Lederstiefel standen still, und das grobe Schuhwerk ging auf und ab und geriet dabei mehr und mehr in Wallung. Das war in dem Staub, der auf der Diele lag, an den immer länger werdenden Schritten deutlich zu erkennen. Dabei sprach der Mann unaufhörlich, sein Zorn steigerte sich zur wilden Wut, und dann beging er die Tat. Mehr weiß ich jetzt selbst noch nicht; das Übrige beruht größtenteils auf bloßer Vermutung; doch ist immerhin ein Grund gelegt, auf dem sich sicher weiter bauen lässt. – Ich darf mich übrigens jetzt nicht lange aufhalten, denn ich will heute Nachmittag noch zu Hallés Konzert gehen, um Norman Neruda spielen zu hören.«

Die Droschke war während unseres Gesprächs durch zahllose düstere Gässchen und enge Straßen gefahren; in der allerschmutzigsten und trübseligsten Stadtgegend hielt der Kutscher plötzlich an. »Da drüben ist Audley Court«, sagte er und deutete auf eine Reihe verräucherter Backsteinhäuser. »Ich warte hier, bis Sie wieder herauskommen.«

Audley Court bot wenig Anziehendes. Eine schmale Gasse führte auf einen großen, gepflasterten Hof, der rings von ärmlichen Wohnhäusern umgeben war. Auf der Suche nach No. 46 gingen wir an Scharen schmutziger Kinder vorbei und krochen unter aufgehängter, missfarbener Wäsche durch, bis wir auf einem kleinen Messingschild den Namen Rance bemerkten.

Der Schutzmann hatte sich nach dem Nachtdienst zu Bett gelegt, und wir wurden gebeten, in dem kleinen Wohnzimmer ein wenig zu warten. Bald darauf kam Rance zum Vorschein, missmutig, dass man ihn im Schlaf gestört hatte. »Ich habe doch schon auf dem Büro der Wache Bericht erstattet«, brummte er verdrießlich.

Holmes zog ein Goldstück aus der Tasche und drehte es nachlässig zwischen den Fingern.

»Wir hätten gern den Sachverhalt aus Ihrem berufenen Mund gehört, wenn Sie nichts dagegen haben«, sagte er verbindlich.

Der goldene Talisman verfehlte seine Wirkung nicht. »Ich werde Ihnen mit Vergnügen sagen, was ich weiß«, beeilte sich Rance zu erwidern.

»Gut, dann erzählen Sie mir bitte genau, wie sich alles zugetragen hat.«

Der Schutzmann nahm auf dem alten Rosshaarsofa Platz und legte die Stirn in bedächtige Falten. »Dann fang ich ganz am Anfang an«, sagte er. »Meine Dienstzeit ist von zehn Uhr abends bis sechs Uhr morgens. Um elf Uhr gab’s eine Schlägerei im ›Weißen Hirsch‹, aber sonst keine besonderen Vorkommnisse während meiner Streife. Gegen ein Uhr fing es an zu regnen, und ich traf meinen Kollegen Harry Murcher, sein Revier geht bis zum Holland Grove, Ecke Henrietta Street, und wir hatten eine kleine Lagebesprechung. So um zwei ging ich dann weiter die Brixton Road hinunter, um zu sehen, ob dort alles in Ordnung ist. Ich traf unterwegs keine Seele, die Gegend war wie ausgestorben, nur ein paar Droschken kamen an mir vorbeigerasselt. Eben dachte ich daran, ein Schluck Gin zur Magenstärkung wäre angebracht – da sah ich einen Lichtschimmer in dem gewissen Haus. Ich wusste aber genau, dass zwei Häuser in Lauriston Gardens unbewohnt sind, denn der Besitzer hat die Abwasserröhren der Kanalisation nicht erneuern lassen, obwohl der letzte Mieter eines der Häuser an Typhus gestorben ist. Na, wie ich das Licht sehe, denke ich gleich, da kann etwas nicht geheuer sein. Als ich an die Türe kam – –«

»Sie sind stehen geblieben und zum Gartentor zurückgegangen – warum?« fragte Holmes.

Rance fuhr zusammen und riss die Augen weit auf.

»Woher wissen Sie denn das?« stammelte er. »Klar hab ich das getan, denn als ich vor der Haustür stand, war alles so still und unheimlich, da fiel mir ein, dass wir doch eigentlich zu zweit sein sollten, und so ging ich zurück, um zu sehen, ob nicht vielleicht Kollege Murcher mit seiner Laterne dazukäme. Angst kenn ich vor keinem auf einem Friedhof, nur vor denen unter der Erde vom Friedhof; wenn da etwa der verstorbene Mieter im Haus herumging, hätte ich gern Gesellschaft gehabt.«

»War denn überhaupt niemand auf der Straße?«

»Keine Menschenseele, Sir; nicht einmal ein verlaufener Hund. Ich hab mich zusammengerissen, ging wieder zur Tür und stieß sie auf. Drinnen war alles mucksmäuschenstill; ich trat in das Zimmer, aus dem das Licht gekommen war. Auf dem Kaminsims stand ein rotes Wachslicht – es flammte hell auf, und da sah ich – –«

»Ich weiß schon, was Sie gesehen haben. Sie sind mehrmals im Zimmer herumgegangen, haben sich dann neben die Leiche hingekniet und haben versucht, die Küchentür zu öffnen, und dann – –«

Rance schnellte wie besessen von seinem Sitz hoch. »Von wo aus haben Sie mich beobachtet? Sie müssen doch da irgendwo versteckt gewesen sein, Sie wissen mehr, als Sie dürften.«

Mein Gefährte zog seine Visitenkarte heraus und reichte sie dem Schutzmann. »Denken Sie nur nicht, dass ich der Mörder bin und Sie mich festnehmen müssen«, sagte er lachend. »Ich bin nicht der Wolf, sondern einer von den Spürhunden, wie Ihnen die Herren Gregson und Lestrade bestätigen können. Aber nur weiter – was taten Sie zunächst?«

»Ich ging runter auf die Straße«, sagte Rance, der wieder Platz genommen hatte, aber noch immer verdutzt dreinschaute. »Auf das Alarmzeichen mit meiner Pfeife waren Murcher und noch zwei Kollegen herbeigelaufen.«

»War die Straße noch immer leer?«

»Ja oder nein, wie man’s nimmt.«

»Was soll das heißen?«

Der Schutzmann verzog das Gesicht zu einem gutmütigen Grinsen. »Na«, sagte er, »als ich aus dem Gartentor trat, lehnte ein Mensch am Gitter, der aus vollem Halse etwas von ›Kolumbias neuem Sternenbanner‹ oder dergleichen sang. Ich hab in meinem Leben schon manchen gesehen, der schwer geladen hatte, aber so besoffen wie der Kerl ist mir noch keiner untergekommen. Er wäre mir keine Hilfe gewesen, der konnt sich ja selbst kaum auf den Beinen halten.«

»Wie sah denn der Mann aus?« fiel ihm Holmes ins Wort.

Den Schutzmann schien die unnütze Frage zu ärgern. »Der war eben sinnlos betrunken«, sagte er, »den hätten wir auf die Polizeiwache bringen müssen, wenn wir nicht anderweitig beschäftigt gewesen wären.«

»Aber Sie werden doch sein Gesicht, seinen Anzug gesehen haben«, rief Holmes ungeduldig.

»Natürlich – Harry Murcher und ich mussten ihm ja unter die Arme greifen, um ihn aufzurichten. Ein langer Kerl mit rotem Gesicht, um das Kinn ein Tuch gewickelt und –«

»Schon gut – was ist denn aus ihm geworden?«

»Was weiß ich! Wir hatten ohnehin genug zu tun. Er wird schon den Weg nach Hause gefunden haben, da können Sie ganz beruhigt sein.«

»Wie war er denn angezogen?«

»Er trug einen braunen Mantel.«

»Hatte er eine Peitsche in der Hand?«

»Eine Peitsche – bewahre!«

»Die muss er zurückgelassen haben«, murmelte Holmes. »Kam nicht gleich darauf eine Droschke daher?«

»Nein.«

Mein Gefährte nahm seinen Hut zur Hand. »Hier, das Goldstück ist für Sie, Rance«, sagte er; »aber ein andermal seien Sie nicht ganz so kopflos. Ich fürchte, Sie bringen es sonst Ihr Lebtag zu nichts, dabei hätten Sie sich letzte Nacht mit Leichtigkeit Ihre Beförderung zum Sergeanten verdienen können. Statt dessen haben Sie den Mann entwischen lassen, nach dem wir suchen und der den Schlüssel zu dem ganzen Fall in Händen hält. Wozu noch lange hin und her streiten – es ist so, wie ich Ihnen sage, verlassen Sie sich darauf. Kommen Sie, Watson, gehen wir.«

Der Schutzmann machte ein ungläubiges Gesicht, aber man sah, die Sache war ihm nicht ganz geheuer. Wir ließen ihn verblüfft stehen und gingen unserer Wege.

»Der Narr«, rief Holmes ärgerlich, als wir wieder in der Droschke saßen, um nach Hause zu fahren. »So ein Glück fällt ihm einfach in den Schoß, und er ist nicht in der Lage, es festzuhalten.«

»Sind Sie Ihrer Sache auch ganz sicher?« fragte ich. »Rances Beschreibung des Betrunkenen passt zwar im Allgemeinen zu Ihrer Vorstellung von dem zweiten Menschen, der in das Geheimnis verwickelt ist, aber wer sollte ihn wieder zu dem Haus zurückgebracht haben? Es sieht nicht aus, als wäre er der Verbrecher.«

»Der Ring, mein Freund, der Ring – den wollte er holen. Wenn wir kein anderes Mittel finden, ihn zu fangen, müssen wir den Ring als Köder auslegen. Ich sage Ihnen, Doktor, er geht mir ins Netz, ich habe ihn sicher. Und das verdanke ich alles Ihnen. Hätten Sie mir nicht zugeredet, ich wäre um die schönste Gelegenheit gekommen, meine Kriminalstudien zu vervollständigen. Nennen wir sie

Eine Studie in Scharlachrot,

warum sollen wir uns nicht auch der Sprache der Kunst der modernen Malerei bedienen? Die Lippen sind wie eine scharlachfarbene Schnur des Mordes im farblosen Knäuel des Lebens. – Jetzt aber erst zum Lunch und dann ins Konzert. Die Neruda hat einen unglaublichen Ansatz und spielt phantastisch. Wie geht doch das kleine Ding von Chopin, das ich von ihr gehört habe? Tra–la–la–lira–lira–la.«

Er lehnte sich in die Wagenkissen zurück und tirilierte wie eine Lerche; er war von der Natur zum Detektiv bestimmt und betrieb seine Forschungen mit dem Eifer eines Kunstkenners, während ich über die Vielfalt des menschlichen Daseins nachdachte.

5. KAPITEL

Wir bekommen Besuch

Die Anstrengungen des Morgens waren für meine schwache Gesundheit zu groß gewesen. Ich fühlte mich völlig erledigt, und sobald Holmes sich in sein Konzert begeben hatte, legte ich mich auf’s Ohr, um mit ein paar Stunden Schlaf Erholung zu finden. Ein sinnloser Versuch. An Ruhe war nicht zu denken, wirre Bilder drängten sich unablässig in mein aufgeregtes Gehirn. Sobald ich die Augen schloss, sah ich vor mir die verzerrten, pavianähnlichen Gesichtszüge des Ermordeten. Der Eindruck war so abstoßend, dass ich mich kaum eines Dankgefühls gegen den erwehren konnte, der diese Bestie aus der Welt geschafft hatte. Mir war noch nie ein Mensch vorgekommen, dessen Gesicht so deutlich von Laster und Bosheit geprägt schien. Doch sah ich wohl ein, dass man Gerechtigkeit üben müsse. Mochte dieser Enoch J. Drebber noch so verworfen gewesen sein, das gab nach dem Gesetz niemandem das Recht, ihn zu ermorden.

Je länger ich über die Behauptung nachdachte, der Mann sei vergiftet worden, umso sonderbarer erschien sie mir. Holmes musste das an den Lippen des Toten gerochen haben.

Allerdings blieb kaum eine andere Annahme übrig – er war nicht erdrosselt worden, es gab keine Wunde. Und doch – wo kam all das Blut her, das auf den Fußboden geflossen war? Es schien keinen Kampf gegeben zu haben, es gab auch keine Waffe, mit der Drebber seinen Angreifer hätte verwunden können. Holmes hatte sicher bereits eine Theorie vom ganzen Vorgang, das glaubte ich seinem ruhigen, sicheren Verhalten zu entnehmen. Wie er sich aber die verschiedenen, mir so rätselhaften Tatsachen erklären mochte, davon hatte ich nicht die geringste Ahnung.

Es war schon spät, als er zurückkam – unmöglich konnte das Konzert so lange gedauert haben. Das Abendbrot stand bereits auf dem Tisch.

»Es war großartig!« sagte er, als er Platz nahm. »Erinnern Sie sich an die Stelle bei Darwin: Nichts kann die Menschen so verzaubern wie die Musik? Er glaubte, dass die Menschheit bereits die Tonkunst beherrschte, bevor sie die Macht der Sprache erfunden hatte. Deswegen üben die Töne eine so geheime Macht über uns aus, sie sind die unbestimmte Erinnung an die Kindheit unserer Welt.«

»Ein kühner Gedanke«, bemerkte ich.

»Ideen müssen so kühn sein wie die Natur selbst, wenn wir sie ergründen wollen. Aber, was ist mit Ihnen, Watson? Sie sehen ja schrecklich aus. Hat die Geschichte in der Brixton Road Sie so mitgenommen?«

»Ehrlich gesagt, ja – mehr, als ich je für möglich gehalten hätte. Seit meinen Erlebnissen in Afghanistan glaubte ich, weniger schwach besaitet zu sein; in der Schlacht von Maiwand musste ich mit ansehen, wie meine Kameraden buchstäblich in Stücke gehauen wurden.«

»Diese rätselhaften Erlebnisse erhitzen die Einbildung. Wer keine Einbildungskraft besitzt, für den gibt es kein Grauen«, meinte Holmes. »In der Abendzeitung steht ein ziemlich ausführlicher Bericht darüber, ich bin nur froh, dass der Ehering nicht erwähnt wird.«

»Wieso?«

»Wegen der Anzeige, die ich heute Abend in sämtliche Blätter habe einrücken lassen. Hier, lesen Sie selbst.«

Er reichte mir das Blatt, unter der Rubrik Gefunden las ich Folgendes:

»Ein schlichter goldener Ehering ist heute früh auf der Brixton Road zwischen dem Gasthaus Zum Weißen Hirsch und Holland Grove gefunden worden. Weiteres erfragen Sie bitte bei Dr Watson, Baker Steet 221 b, 8–9 Uhr abends.«

»Sie entschuldigen bitte, dass ich Ihren Namen angegeben habe! Bei Angabe meines eigenen hätten sich unsere professionellen Dummköpfe eingemischt.«

»Und wenn der Eigentümer sich meldet? Ich habe keinen Ring, den ich ihm geben könnte.«

»O doch, haben Sie«, sagte er und gab mir einen Ring. »Er gleicht dem andern haargenau.«

»Und wer soll sich denn auf die Anzeige hin melden?«

»Natürlich der Mann im braunen Mantel – unser Freund mit dem roten Gesicht und dem groben Schuhwerk. Kommt er nicht selbst, so schickt er einen Komplizen.«

»Und wenn er Gefahr wittert?«

»Keine Sorge. Und selbst wenn schon – meiner Ansicht nach wird er jede Gefahr in Kauf nehmen, um den Ring wieder zu bekommen. Ich glaube, er hat ihn verloren, als er über Drebbers Leiche gebeugt war, und es nicht gleich gemerkt. Erst als er wieder draußen war, entdeckte er seinen Verlust und eilte zurück. Da er aber die Torheit begangen hatte, das Licht brennen zu lassen, fand er die Polizei bereits an Ort und Stelle. Um keinen Verdacht zu erregen, verfiel er auf den Ausweg, sich betrunken zu stellen. Nun versetzen Sie sich einmal in seine Lage. Er überdenkt alles und hält es nicht für unmöglich, dass er den Ring erst verloren hat, nachdem er wieder auf der Straße war. Was ist natürlicher, als dass er auf die Abendblätter lauert – er liest unsere Anzeige und ist überglücklich. Warum sollte er fürchten, in eine Falle zu geraten? Er hat nicht den geringsten Grund zur Annahme, dass der Verlust des Rings mit dem Mord in Verbindung gebracht werden könnte, und wird sein Eigentum abholen wollen. In weniger als einer Stunde kann er hier sein.«

»Und dann?«

»Dann lassen Sie mich nur – ich mach das schon. – Haben Sie eine Waffe?«

»Ich hab meinen Dienstrevolver mit Patronen.«

»Auf jeden Fall reinigen und laden; wir haben es mit einem Verzweifelten zu tun. Ich hoffe, ich kann ihn überrumpeln, aber es ist immer besser, vorbereitet zu sein.«

Ich ging in mein Schlafzimmer und folgte seinem Rat. Als ich mit der Waffe in der Hand wieder eintrat, fand ich den Tisch abgeräumt und Holmes bei seiner Lieblingsbeschäftigung – er kratzte auf der Geige.

»Das Netz zieht sich zusammen«, sagte er. »Eben kam aus Amerika eine Antwort auf mein Telegramm. Meine Ansicht scheint den Fall zu treffen.«

»Und die wäre?« fragte ich eifrig.

»Bei der Geige muss ich wirklich neue Saiten aufziehen lassen«, murmelte er vor sich hin. »Stecken Sie Ihre Waffe wieder ein.

Wenn der Mensch kommt«, fuhr er gelassen fort, »so sprechen Sie mit ihm ganz normal wie immer; sehen Sie ihn auch überhaupt nicht forschend an, damit er keinen Verdacht schöpft.«

»Es ist schon acht vorbei«, sagte ich mit Blick auf meine Uhr.

»In wenigen Minuten ist er hier. Öffnen Sie die Tür einen Spaltbreit und stecken Sie den Schlüssel von innen ins Schlüsselloch. Vielen Dank! Dies seltsame alte Buch hab ich gestern bei einem Bookinisten aus der Kiste gefischt, De jure inter Gentes – veröffentlicht in lateinischer Sprache in Lüttich in den Niederlanden im Jahr 1642. Der Kopf König Charles’ I. saß noch fest auf seinen Schultern, als dies kleine braune Bändchen erschienen ist.«

»Wer hat es gedruckt?«

»Philippe de Croy, wer immer das gewesen sein mag. Auf dem Vorsatz steht ziemlich verblasst: Ex libris Gulielmi Whyte. Wer wohl dieser Gulielmi Whyte war? Wahrscheinlich ein Anwalt aus dem 17. Jahrhundert. Seine Handschrift hat sowas Rechtsgedrehtes. Ich glaube, da kommt jemand.«

Draußen wurde heftig geklingelt, Sherlock Holmes stand geräuschlos auf und schob seinen Stuhl näher zur Tür. Wir hörten, wie die Haushälterin durch den Flur ging und die Haustür öffnete.

»Wohnt hier ein Doktor Watson?« fragte eine laute, etwas scharfe Stimme; dann wurde die Tür geschlossen, und es kam jemand mit schlürfendem Schritt die Treppe herauf. Verwundert horchte mein Gefährte auf den langsamen, unsicheren Gang im Korridor. Es klopfte leise.

»Herein!« rief ich.

Die Tür ging auf, und statt des erwarteten gewalttätigen Menschen hinkte ein runzliges altes Mütterchen ins Zimmer, das uns, vom plötzlichen Lichtschein geblendet, mit matten, trüben Augen anblinzelte.

Während die Alte stumm vor uns stand und mit zitternden Fingern in ihrer Tasche kramte, nahm das Gesicht meines Gefährten einen so trostlosen Ausdruck an, dass ich nur mit Mühe meine Fassung wahren konnte. Jetzt zog sie ein Zeitungsblatt heraus und deutete auf unsere Anzeige.

»Deswegen komme ich, Gentlemen«, sagte sie mit tiefem Knicks, »der goldene Ehering von der Brixton Road gehört meiner Tochter Sally. Sie ist erst seit elf Monaten verheiratet, und wenn ihr Mann nach Hause kommt – er ist nämlich Proviantmeister auf einem Dampfer bei der Unions Linie – und sie hat ihren Ring nicht mehr, dann gibt’s echten Ärger. Schon an guten Tagen kann er sehr schroff sein, besonders wenn er was getrunken hat. Das kam nämlich so: Gestern Abend war sie im Zirkus mit –«

»Ist das der verlorene Ring?« fragte ich.

»Unser Herrgott sei gepriesen«, rief die Alte. »Wie wird sich Sally freuen! Ja, das ist ihr Ring.«

Ich ergriff einem Bleistift: »Wo wohnen Sie?«

»In Houndsditch, Duncan Street 13. Ein weiter Weg von hier.«

»Wenn man von Houndsditch in den Zirkus will, kommt man aber nicht durch die Brixton Road«, mischte sich Sherlock Holmes in das Gespräch.

Die Alte warf ihm einen scharfen Blick aus ihren kleinen, rot geränderten Augen zu. »Der Gentleman hat mich nach meiner Adresse gefragt. Sally wohnt zur Untermiete in Peckham, Mayfield Place Nummer 3.«

»Und Sie heißen? –«

»Mein Name ist Sawyer – sie heißt Dennis, weil sie Tom Dennis geheiratet hat. Ein wackerer, sauberer Bursche, solange er auf See ist; kein Proviantmeister gilt mehr bei den Herren von der Dampfschiffsgesellschaft. Aber kommt er an Land, tun’s ihm die Weiber an und die Branntweinschenken und –«

»Hier ist Ihr Ring, Mrs Sawyer«, unterbrach ich sie auf ein Zeichen meines Freundes. »Er gehört ohne Zweifel Ihrer Tochter, und ich freue mich, ihn der rechtmäßigen Eigentümerin zurückgeben zu können.«

Allerlei Dankesworte und Segenswünsche murmelnd, versenkte die Alte den Ring in ihrer Tasche und schlurfte wieder zur Tür hinaus und die Treppe hinunter. Kaum war sie fort, so sprang Sherlock Holmes auf und verschwand in seinem Zimmer. Eine Minute später erschien er mit Hut, Schal und Mantel. »Ich muss ihr nach«, sagte er, »sie steckt mit ihm unter einer Decke und wird mir auf die Spur helfen. Bitte bleiben Sie auf, bis ich wieder da bin.«

Als Holmes die Treppe hinunter ging, hatte sich die Haustür eben hinter der Alten geschlossen. Vom Fenster aus konnte ich sehen, wie sie sich in langsamen Schlurfschritten entfernte, während ihr Verfolger auf der andern Straßenseite hinterher schlich. »Entweder ist seine ganze Theorie falsch«, dachte ich, »oder ihm gelingt jetzt des Rätsels Lösung.«

Es hätte der Aufforderung, ich solle seine Rückkehr abwarten, nicht bedurft, denn von Schlaf konnte so lange keine Rede sein, bis ich wusste, wie sein Unternehmen ausgegangen war. Um fast 9 Uhr hatte er sich auf den Weg gemacht. Ich steckte mir eine Pfeife an und blätterte in Henri Murgers Das Leben der Bohème. Es schlug zehn, und ich hörte, wie das Dienstmädchen zu Bett ging; um elf Uhr kam die Wirtin durch den Korridor, um sich zurückzuziehen; erst kurz vor Mitternacht knarrte unten der Schlüssel in der Haustür.

Als Holmes bei mir eintrat, sah ich es ihm gleich an, dass er kein Glück gehabt hatte. Verdruss und heitere Laune stritten in seinen Gesichtszügen um die Herrschaft, bis schließlich Letztere die Oberhand behielt und er in ein herzhaftes Gelächter ausbrach.

»Um nichts in der Welt möchte ich, dass die Herren von Scotland Yard von meinem Erlebnis Wind bekommen«, rief er und sank in seinen Sessel. »Ich habe sie so oft gehänselt, dass sie froh wären, sich einmal schadlos halten zu können. Da ich aber weiß, dass ich ihnen am Ende aller Enden doch den Rang ablaufe, kann ich trotzdem lachen.«

»Was ist denn passiert?« fragte ich.

»Sie sollen die ganze Geschichte hören, so wenig ruhmvoll sie auch für mich ist: Die Person war kaum los gegangen, da fing sie an zu hinken und kam allem Anschein nach nicht mehr recht vom Fleck. Sie blieb stehen und winkte eine Droschke herbei. Um die Adresse zu hören, lief ich näher heran, doch das hätte ich mir sparen können. ›Nach Houndsditch, Duncan Street 13‹, rief sie, dass es jeder hören konnte. Kaum war sie eingestiegen, sprang ich hinten auf; das ist eine Kunst, die jeder Detektiv gründlich beherrschen sollte. Die Droschke rasselte in gleichmäßiger Geschwindigkeit fort. Schon vor dem Fahrtziel war ich abgesprungen und schlenderte gemächlich die Straße hinunter. Jetzt hielt der Kutscher, stieg vom Kutschbock, öffnete die Wagentür und wartete. Aber heraus kam niemand. Als ich näher trat, sah ich ihn wie wild in der leeren Droschke herumfahren, wobei er die kräftigsten Verwünschungen hören ließ, die mir je zu Ohren gekommen sind. Von der Insassin keine Spur. Ich fürchte, er wird lange auf sein Fahrgeld warten müssen. Das Haus Nummer 13 gehört, wie ich erfuhr, einem ehrsamen Tapezierer Namens Keswig, von einer Mrs Sawyer oder Mrs Dennis hatte dort keiner je etwas gehört.«

»Sie wollen doch nicht behaupten«, rief ich starr vor Staunen, »dass dies alte, gebrechliche Weib bei voller Fahrt aus dem Wagen gesprungen ist, und dass weder der Kutscher noch Sie etwas davon gemerkt haben?«

»Zum Teufel mit dem alten Weib«, rief Holmes ärgerlich. »Die alten Weiber waren wir, dass wir uns so reinlegen ließen. Es muss ein junger, noch dazu ein sehr gelenkiger Mensch gewesen sein und ein vollendeter Schauspieler. Die Verkleidung war ganz vorzüglich! Ohne Zweifel hatte er den Verfolger bemerkt und ist mir so entwischt. Ein Beweis mehr, dass unser Mann nicht so allein steht wie vermutet, sondern Freunde hat, die bei ihrem Einsatz für ihn auch was riskieren. Nun aber schnell zu Bett, Doktor, Sie sehen ganz erschöpft aus.«

Ich war in der Tat todmüde und folgte seinem Rat. Holmes blieb bei der glimmenden Glut sitzen. Noch bis tief in die Nacht hörte ich die schwermütigen Geigenklänge und wusste, dass er immer wieder das selbe Problem in seinen Gedanken hin und her wälzte, dessen Lösung er sich nun einmal in den Kopf gesetzt hatte.

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