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Sir Arthur Conan Doyle
Der Gouverneur von St. Kitts
Übersetzt
R. Lautenbach, A. Gleiner
Saga
Der Gouverneur von St. Kitts ÜbersetztR. Lautenbach, A. Gleiner
Original
The Governor of St. Kitt's
Coverbild/Illustration: Shuterstock
Copyright © 1897, 2020 Arthur Conan Doyle und SAGA Egmont
All rights reserved
ISBN: 9788726693058
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
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Der Gouverneur von St. Kitts.
Als die langwierigen spanischen Erbfolgekriege durch den Vertrag von Utrecht ihr Ende gefunden hatten, waren die zahlreichen Kaperschiffe, die von den beiden kämpfenden Parteien ausgerüstet worden waren, ohne Beschäftigung. Ein Teil davon wandte sich der weniger einträglichen, aber friedlichen Kauffahrtei zu; andere wurden in die Fischerflotten eingereiht, und einige wenige von den Unerschrockensten hissten den »Lustigen Rogger« an den Besan und die rote Flagge auf den Hauptmast, und erklärten auf eigene Rechnung der ganzen Menschheit den Krieg.
An der Koromandelküste, in Madagaskar, in den afrikanischen Gewässern und in den westindischen und amerikanischen Meeren wurden die Seeräuber zu einer unausgesetzt drohenden Plage. Dabei leistete sich die unverschämte Gesellschaft noch die Annehmlichkeit, ihre Beutezüge, je nach der Gunst des Klimas und der Jahreszeit zu regeln; im Sommer verheerten sie. Neuengland, während sie sich im Winter wieder den Tropeninseln zuwandten.
Sie waren um so mehr gefürchtet, als ihnen die Disziplin und Manneszucht abging, durch welche ihre Vorgänger, die Bukkaniere, wohl Schrecken verbreitet, aber sich auch wieder Achtung verschafft hatten. Sie behandelten ihre Opfer nach der trunkenen Laune des Augenblicks: während sie den einen, nachdem er mit ihnen irgendeine schreckliche Orgie gefeiert, mit seinem Gute weiterziehen liessen, waren sie imstande, ohne ersichtlichen Grund dem nächsten seine eigene Nase und Lippen, mit Pfeffer und Salz bestreut, auf einem Teller vorzusetzen. So kam es, dass zu damaligen Zeiten die Schiffahrt im Karibischen Golfe mutige Seeleute erforderte.
Ein solcher war der Kapitän John Scarrow vom »Morgenstern«. Trotzdem entfuhr ihm ein tiefer Seufzer der Erleichterung, als er im Schutze der Zitadelle von Basseterre seinen Anker herunterrasseln hörte: St. Kitts war der letzte Hafen, den er berühren musste, und am nächsten Morgen schon sollte sein Bugspriet wieder nach England gerichtet sein. Er war dieser von Seeräubern unsicher, gemachten Gewässer überdrüssig. Seit er mit einer vollen Ladung von Zucker und spanischem Pfeffer Maracaibo verlassen hatte, hatte er jedes Segel, das über der violetten Horizontlinie der tropischen Gewässer aufblitzte, mit Argwohn betrachtet. Dann war er den Windwardinseln entlanggefahren; jedesmal, wenn er an einem Punkte anlegte, war er mit neuen Erzählungen von Gewalt und Verbrechen bestürmt worden.
Der Kapitän Haizahn, von der mit zwanzig Geschützen ausgerüsteten Brigg »Glückliche Freiheit«, hatte vor ihm die Küste besucht und seinen Weg mit versenkten Fahrzeugen und ermordeten Menschen bezeichnet. Schreckliche Anekdoten erzählte man sich von seinen grausigen Vergnügungen und seiner ungezähmten Wildheit. Kapitän Scarrow wurde dadurch so nervös, dass er sein neu ausgerüstetes Schiff mit seiner wertvollen Ladung westlich ausserhalb des üblichen Kurses an der Vogelinsel vorbeiführte. Und selbst in diesen selten besuchten Gewässern war es ihm nicht möglich gewesen, den unheimlichen Spuren des Kapitäns Haizahn zu entgehen.
Eines Morgens hatten sie auf offener See ein Boot gesichtet, das ohne Steuer und Ruder willenlos dahintrieb. Sie fanden darin einen Matrosen im Delirium, der nur ein heiseres Stöhnen von sich geben konnte, als sie ihn an Bord hissten, und ihnen seine vertrocknete Zunge wies, die wie ein schwarzes, verrunzeltes Stück Schwamm hinten in seiner Mundhöhle hing. Aber mit der Zeit machte ihn eine sorgsame Pflege zum stärksten und flottesten Seemann des ganzen Schiffes. Er stammte, wie er sagte, aus Marblehead in Neuengland und war der einzige Ueberlebende von einem Schoner, den der schreckliche Haizahn in den Grund gebohrt hatte.
Eine Woche lang war Hiram Evanson — so hiess der Mann — unter der glühenden Tropensonne von der Strömung dahingetrieben worden. Auf Haizahns Befehl wurden ihm die verstümmelten Reste seines Kapitäns ins Boot geworfen „als Reiseproviant“, aber der Seemann hatte sie gleich am Anfang der Tiefe übergeben, bevor noch die Versuchung an ihn herankäme, die grösser sein möchte, als er auszuhalten imstande wäre. So hatte er während seiner Fahrt alle Nahrung entbehren müssen. Der »Morgenstern« fand ihn im Zustand der geistigen Störung, die dem Hungertode vorangeht. Es war für Kapitän Scarrow kein schlimmer Fang, da er nur eine knappe Mannschaft an Bord hatte und diesen grossen Amerikaner wohl gebrauchen konnte. So sagte er sich denn, dass er der einzige sei, der dem Kapitän Haizahn Dank schulde.
Nunmehr, wo sie im Schutz der Kanonen von Basseterre vor Anker lagen, war alle Gefahr von seiten der Seeräuber zu Ende. Und doch lag dem Kapitän der Gedanke an sie noch schwer im Kopfe, als er das Boot des Agenten vom Zollkai her sich seinem Schiffe nähern sah.
„Ich wette, Morgan,“ sagte er zu seinem Offizier, „dass dem Agenten keine hundert Worte über die Lippen kommen, ohne dass er von Haizahn reden wird.“
„Ich setze einen Dollar dagegen, Herr Kapitän,“ erwiderte der rauhe alte Mann aus Bristol, der neben ihm stand.
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