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SIBYLLE ZAMBON

SEHEN UND VERSTEHEN

Inhalt
Cover
Titel

Kunst: Was ist das?
1|1 Kunst ist
1|2 Ursprünge
1|3 Kunst kommt (nicht) von Können
1|4 Imagination, Idee, Originalität
1|5 Der Kunstmarkt

Kunst hat uns etwas zu sagen – Hat sie das?
2|1 Keine Kunst ohne Künstler
2|2 „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ (Kurt Tucholsky)
2|3 Das Publikum – das sind Sie!

Nur keine falschen Hemmungen!
3|1 Ihr Bauchgefühl oder: Wie Sie einen persönlichen Zugang zu Kunst finden
3|2 Was Ihnen Ihr Kopf sagt oder: Wie Sie einen sachlichen Zugang finden

Schubladen, die für Ordnung sorgen
4|1 Porträtmalerei – Wie hätten Sie’s denn gern?
4|1|1 Was ist ein Porträt?
4|1|2 Von wahrer Geistesgröße und weiblichen Kleiderstöcken – Der Künstler als Porträtist
4|1|3 Von Herrschern, Händlern und Idolen – Das Porträt im Laufe der Zeit
4|1|4 Schlüsselbegriffe und Randnotizen
4|2 Die Genremalerei – Der Sitz im Leben
4|2|1 Was ist Genremalerei?
4|2|2 Schmutzmaler und Moralapostel – Die Maler des Genres
4|2|3 Von Narren, Huren und einem Delirium tremens – Genremalerei im Laufe der Zeit
4|2|4 Schlüsselbegriffe und Randnotizen
4|3 Landschaftsmalerei – Dichtung oder Wahrheit?
4|3|1 Was ist Landschaftsmalerei?
4|3|2 Forschen und träumen in der Natur – Der Künstler als Landschaftsmaler
4|3|3 Vom freien Malen und Malen im Freien – Die Landschaftsmalerei im Laufe der Zeit
4|3|4 Schlüsselbegriffe und Randnotizen
4|4 Das Stillleben – Von stillem Leben und toter Natur
4|4|1 Was ist ein Stillleben?
4|4|2 Von stillen Werkern und erfolgsverwöhnten Frauen – Maler und Malerinnen des Stilllebens
4|4|3 Von Speiseresten und schwer verdaulichen Tulpenzwiebeln – Das Stillleben im Laufe der Zeit
4|4|4 Schlüsselbegriffe und Randnotizen
4|5 Die Historienmalerei – Von Geschichte und Geschichten
4|5|1 Was ist Historienmalerei?
4|5|2 Der Künstler als Gelehrter – Der Historienmaler
4|5|3 Die Quellen der Historie
a) „Du sollst dir kein Bildnis machen!“ – Die Bibel und bibelnahe Schriften als Quelle
b) Die Entdeckung der Nacktheit – Mythologie als Quelle
c) Geschichte als Quelle – „Große Taten, große Menschen – große Malerei?“
d) Dichtung als Quelle – Von Helden, Hölle und Hysterie
4|5|4 Schlüsselbegriffe und Randnotizen

Eine Zeitreise durch Klischees
5|1 Das Mittelalter (600–1500) – Wie finster war es?
5|2 Renaissance und Manierismus (1400–1600) – Wer wird denn da wiedergeboren? Spätphase der Renaissance: Manierismus
5|3 Barock und Rokoko (1600–1789) – Mehr Schein als Sein? Spätphase des Barock: Rokoko
5|4 Klassizismus (1770–1850) – Zurück in die Antike?
5|5 Romantik (1790–1850) – Zeit für Gefühle Varianten der Romantik: Nazarener und Präraffaeliten
5|6 Die Moderne (ab 1850–1950) – Im Sog der Ismen oder: Ist weniger mehr?
a) Realismus und Naturalismus (1840–1880)
b) Impressionismus (1860–1900)
c) Symbolismus und Jugendstil (1880–1910)
d) Fauvismus und Expressionismus (1905–1925)
e) Kubismus und Futurismus (1907–1925)
f) Konstruktivismus und De Stijl (1913–1930)
g) Dadaismus und Surrealismus (1916–1945)
5|7 Die Moderne in Nordamerika
5|8 Nach 1945
5|9 Willkommen im Dschungel – Die Gegenwartskunst
Zu guter Letzt
Anmerkungen
Anhang
Literaturverzeichnis
Bildnachweis
Impressum

Kunst: Was ist das?
Sie sind gefragt: Bevor Sie weiterlesen, sind Sie gefragt: Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Kunst denken?
❑ Ein Gemälde in einem Museum
❑ Eine Kirche
❑ Die Häkeldecke Ihrer Großmutter
❑ Gar nichts
Antwort: Nun, wie auch immer Ihre Antwort lautet, Sie haben entweder bereits eine Vorstellung von Kunst oder Sie sind, was Kunst betrifft, noch nicht vorbelastet. Beides sind gute Voraussetzungen, um sich näher damit zu befassen.
1|1 Kunst ist …
Darüber, was Kunst sei, herrscht weitgehend Uneinigkeit. Einig ist man sich lediglich darin, dass sie schwer zu definieren ist. Selbst Künstler, die als Schöpfer den Entstehungsprozess eines Werkes miterleben und gestalten, haben Schwierigkeiten, wenn es gilt, in Worte zu fassen, was sie produzieren. Viele haben es dennoch versucht, fast ebenso viele Antworten haben sie gefunden. Hier folgt eine kleine, keineswegs repräsentative Auswahl ihrer Aussagen. Sie zeigt, dass es gar nicht so einfach ist, diesen eigentlich so geläufigen Begriff in den Griff zu bekommen.
So schwingt in den Worten des Schweizer Malers Johann Heinrich Füssli aus dem 18./19. Jahrhundert noch unüberhörbares Pathos: „Die Kunst ist die Dienerin der Natur, das Genie und Talent sind die Gehilfen der Kunst.“ Seiner Sache schon weniger sicher war sich dagegen Vincent van Gogh, er fand: „Ich kenne noch keine bessere Definition für das Wort Kunst als diese: Kunst, das ist der Mensch!“ Und Pablo Picasso, der große Maler des 20. Jahrhunderts, äußerte sich philosophisch: „Wir alle wissen, dass Kunst nicht die Wahrheit ist. Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit begreifen lehrt, wenigstens die Wahrheit, die wir als Menschen begreifen können.“ Wem das zu wenig konkret ist, helfen vielleicht die Worte Joseph Beuys’ von 1985 weiter: „Das Kunstwerk ist das allergrößte Rätsel, aber der Mensch ist die Lösung.“ Der russische Maler El Lissitzky schließlich stellte lakonisch fest: „Wenn du mich fragst, was die Kunst sei, so weiß ich es nicht. Wenn du mich nicht fragst, so weiß ich es.“ Mit diesen Worten scheint er sich ganz gut aus der Affäre zu ziehen.
Trotzdem wollen wir noch zeitgenössische Gewährsleute zu Rate ziehen, die eigens für dieses Buch befragt wurden. Eine ausführliche und durchdachte Definition widmet Ihnen der Kunsttheoretiker und Kurator Jean-Christophe Ammann:
„Kunst ist dem Menschen in die Wiege gelegt, als ein Gestaltungswille. In der Kunst projiziert sich der Mensch als Künstler, sowie jeder Mensch sich projizierend seinem Leben eine Gestalt gibt. Der Mensch, der sich nicht projiziert, regrediert. Insofern ist Kunst eine Notwendigkeit. Aus abendländischer Sicht unterliegt Kunst dem Wandel. Ohne Wandel keine Kontinuität. Jedoch muss auch gesagt sein: ohne Kontinuität kein Wandel. Für beides steht der Künstler ein: für das Existenzielle und die kollektive Biografie.“
Einen etwas anderen Ansatz vertritt die Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist: „Ziel der Kunst ist es, zur Evolution beizutragen, die Hirnkapazität zu erweitern, eine objektive Sicht auf die soziale Entwicklung zu garantieren, positive Energien zu erzeugen, Vernunft und Instinkt miteinander zu versöhnen, Klischees und Vorurteile zu zerstören.“1
Bringen wir’s zum Schluss auf den Punkt, wie der Yello-Musiker und Künstler Dieter Meier. Er findet: „Art reaches parts of my mind, other things don’t.“ Also: „Kunst erreicht Teile meiner Seele, die andere Dinge nicht erreichen.“

Abb. 1: Diese Malereien wurden 1994 in den Höhlen von Chauvet in Frankreich entdeckt. Sie sind etwa 30.000 Jahre alt und zählen zu den ältesten Zeugnissen für künstlerisches Schaffen.
1|2 Ursprünge
Immerhin stimmen doch einige der genannten Zitate darin überein, dass Kunst etwas mit dem Menschen zu tun habe. Und in der Tat reicht ihr weites Feld in seiner zeitlichen Dimension bis zu den Ursprüngen der Menschheit zurück2. Zu den ältesten Zeugen menschlichen Kunstschaffens zählen etwa die Pferde in den Höhlen von Chauvet in Frankreich. Diese Malereien sind rund 30.000 Jahre alt. Sie wurden einst für rituelle Zwecke geschaffen, um die Jagd günstig vorzubereiten. Historisch gesehen gehen die Anfänge der Kunst also bis in die Altsteinzeit zurück.
In seiner räumlichen Ausdehnung erstreckt sich das Kunstschaffen über die ganze Welt. Überall da, wo der Mensch ist oder wo er als denkendes Wesen seine Spuren hinterließ, trifft man auf Kunst.

Abb. 2: Joseph Benoît Suvée (1743 – 1807) Dibutade oder Die Entdeckung der Malerei, 1793 Öl auf Leinwand, 131,5 x 267 cm Groeningemuseum Brügge
Allerdings nicht immer in der Gestalt von Bildern, die man an die Wand hängen kann, sondern einmal als Verzierung auf einem Gebrauchsgegenstand, als Schmuck, ein andermal als kultisches Gerät. Kunst ist also eng mit dem Menschen verknüpft, dessen Schöpferkraft Grundbedingung für ihre Entstehung ist. Oder anders gesagt: Ohne Mensch keine Kunst. Interessant wäre sicher auch die Frage, ob die Umkehrung dieses Satzes ebenso Gültigkeit hat. Kann man die Behauptung wagen ohne Kunst kein Mensch? Wir wollen uns hier nicht in philosophischen Gedanken verlieren, sondern diese Frage einfach im Raum stehen lassen. Vielleicht finden Sie im Verlauf Ihrer Auseinandersetzung mit Kunst Ihre ganz persönliche Antwort dazu.
Die Anekdote zum Thema: Laut Plinius dem Älteren (1. Jahrhundert nach Chr.) gehen die Ursprünge der Malerei auf eine Liebesgeschichte zurück: So musste Dibutade, ein Mädchen aus Korinth, von ihrem Geliebten Abschied nehmen. Bevor er sie verließ, machte sie ein Bildnis von ihm, indem sie seinen Schattenwurf an der Wand nachzeichnete.
1|3 Kunst kommt (nicht) von Können
„Das könnte ich auch!“ Eine häufig geäußerte Reaktion von Menschen, die sich mit moderner Kunst konfrontiert sehen. Mit dieser Bemerkung meinen sie nicht etwa, dass sie selbst künstlerisch tätig sind. Nein, sie wollen damit andeuten, dass unmöglich Kunst sein kann, was sie als Laien auch zustande bringen würden. Kunst ist für sie etwas, das nicht jeder kann, etwas, das eine überragende Fertigkeit erfordert. Kunst kommt für sie von Können. Und tatsächlich haben sie recht!
Kunst hatte ursprünglich die Bedeutung von Können. Das lateinische Wort ars, das wir gemeinhin mit Kunst übersetzen, bezeichnete nämlich in der Antike ganz allgemein eine Fähigkeit, Fertigkeit oder gar eine Wissenschaft. Das galt auch im Mittelalter. So meinte das mittelhochdeutsche Wort kunst ein Wissen, eine Geschicklichkeit oder aber eine Erleuchtung. Im engeren Sinne wurde also die Vervollkommnung eines Handwerks, wie beispielsweise der Buchmalkunst, aber auch einer Fähigkeit, etwa der, Reden zu halten (Redekunst oder Rhetorik), oder sogar die Kriegführung als Kunst aufgefasst. Bezeichnenderweise konnotiert der Begriff nun aber auch die Bedeutung von Wissenschaft und Erleuchtung. Das sind zwei interessante Aspekte, die im Kapitel Keine Kunst ohne Künstler noch aufgegriffen werden.

Abb. 3: Hans Holbein d. J., Heinrich VIII. ca. 1539/40, 88,2 x 75 cm Tempera auf Holz Palazzo Barberini, Rom
Notabene: Seit dem Altertum kannte man die sieben freien Künste, also die septem artes liberales, bestehend aus Rhetorik, Grammatik, Dialektik, Arithmetik, Astrologie, Geometrie und Musik. Sie ermöglichten dem freien Mann (deshalb freie Künste) den Zugang zum eigentlichen Studium. Malerei und Bildhauerei sind nicht aufgeführt. Sie gehörten zu den praktischen Künsten, den sogenannten artes mechanicae. Sie dienten dem direkten Broterwerb und wurden deshalb als niederer als die freien Künste eingestuft.
Im Mittelalter wurden Malerei, Bildhauerei und Architektur in der Regel vom Kollektiv einer Bauhütte oder einer Malschule ausgeführt. Eine zentrale Rolle kam den Skriptorien, den Schreibstuben der Klöster, zu, wo in Gemeinschaftsarbeit großartige Kunstwerke der Buchmalkunst geschaffen wurden. Mit dem Aufstieg der Städte im ausgehenden Mittelalter entwickelten sich dann die „praktischen Künste“ zunehmend im Rahmen des Zunftwesens. Obwohl die Zünfte und ihre Mitglieder gesellschaftlich angesehen waren, war man dann in der Renaissance bemüht, die Malerei gegenüber den freien Künsten intellektuell aufzuwerten. Bildnerisches Schaffen sollte fortan der Musik oder Dichtkunst ebenbürtig als freie Kunst wahrgenommen werden. (vgl. Kapitel Der Künstler).
Notabene: Der deutsche Maler Hans Holbein d. J. (1498 – 1543) erhielt 1520 durch Heirat die Gelegenheit, der Basler Malerzunft „Zum Himmel“ beizutreten. Das verschaffte ihm so lukrative Aufträge wie die Ausmalung des Großratssaales im Basler Rathaus (1521) und indirekt eine Karriere im Ausland. 1523/24 arbeitete er für den französischen König, 1532 verließ er Basel für immer, um Hofmaler Heinrichs VIII. von England zu werden. Dort porträtierte er nicht nur den König und drei seiner insgesamt sechs Ehefrauen, sondern auch zahlreiche andere Prominente aus Adel und Wissenschaft.
Eine weitere Facette des Kunstbegriffs erschließt sich aus der Bedeutung des mittelhochdeutschen Wortes künstlich, das zunächst klug, geschickt oder kenntnisreich meinte. Bald aber wurde künstlich auch im Sinne von „von Menschenhand geschaffen“ verwendet und dem Begriff natürlich gegenübergestellt. So übernahm das Gemälde als geschicktes Abbild der Natur eine wichtige Informationsfunktion in einer Zeit, als es noch keinen Fotoapparat gab. Kunstwerke entstanden also etwa, um der Welt oder Nachwelt Macht und Aussehen Heinrichs VIII. zu demonstrieren, um das Vergnügen spielender Kinder festzuhalten (vgl. Brueghel, Kapitel Genremalerei), sie entstanden beim Versuch, ein besonders dekoratives Arrangement von Früchten oder Blumen möglichst naturnah abzubilden (vgl. Kapitel Stillleben) oder eine schöne Landschaft wiederzugeben (vgl. Meindert Hobbema, Kapitel Landschaft), aber auch, um die Bombardierung der Stadt Guernica 1937 im Spanischen Bürgerkrieg zu dokumentieren (vgl. Picasso, Kapitel Historienmalerei). Aus diesen verschiedenen Bedürfnissen des Abbildens entwickelten sich im Lauf der Zeit die Kunstgattungen Porträt, Genre, Landschaft, Stillleben und Historie.
1|4 Imagination, Idee, Originalität
Abbildfunktion oder gar Augenzeugenschaft sind indessen keine unabdingbaren Voraussetzungen für die Entstehung von Kunst. So versteht es sich von selbst, dass ein Künstler nicht in jedem Fall auch (Zeit-)Zeuge sein kann oder konnte. Der Maler Matthias Grünewald (vgl. S. 129), der um 1500 die Leiden Christi am Kreuz malte, tat dies nach seiner Vorstellung. Er hatte weder Jesus Christus noch den Originalschauplatz je gesehen und doch schwebte ihm ein inneres Bild dieser Szene vor. Eine innere Anschauung, die einerseits durch Vorbilder geprägt war, andererseits aber auch durch seine individuellen Ideen. Jedem Kunstwerk liegt also eine Idee oder ein Konzept zugrunde. Dieses beinhaltet neben dem Was, nämlich dem Thema, auch das Wie, nämlich die Umsetzung.
Das bringt uns zu weiteren Kriterien dessen, was Kunst ausmacht, nämlich zu Imagination, Idee und Originalität des Künstlers. Gerade diese Dimensionen gewannen im Laufe der Jahrhunderte die Vorrangstellung über die eigentliche Kunstfertigkeit und erreichten 1917 einen Höhepunkt. In jenem Jahr nämlich wollte der französische Künstler Marcel Duchamp unter dem Pseudonym R. Mutt ein Pissoir mit dem sprechenden Titel Fontaine in einer New Yorker Ausstellung zeigen. Das Objekt wurde zwar von der Jury – der auch Duchamp selbst angehörte – abgewiesen, später aber mehr als rehabilitiert: Bis heute gilt es (beziehungsweise Fotos und Repliken davon) als ein Schlüsselwerk moderner Kunst.

Abb. 4: Marcel Duchamp (signiert R. Mutt) Das Original Fontaine 1917, fotografiert von Alfred Stieglitz
Notabene: Ein Pissoir soll Kunst sein? Kein Wunder, denken Sie jetzt vielleicht, dass ich damit nichts anfangen kann. Und in der Tat ist es, seit Kunst auf diese und andere Weise scheinbar ad absurdum geführt wurde, nicht einfacher geworden, sie zu verstehen. Allerdings: Vieles wird plausibel, wenn man die Zusammenhänge der Zeit und die Vita des Künstlers berücksichtigt.
Tatsächlich dominieren Idee und Originalität in der Gegenwartskunst gelegentlich auf unangenehme Weise. Was man heutzutage als Kunst betrachtet – und das muss sich nicht unbedingt mit dem decken, was man in hundert Jahren dafür halten wird –, bestimmt eine Gruppe von Insidern und wird für eine solche produziert. So jedenfalls sehen es viele Kunstkritiker. Glauben wir ihnen, dann ist für den Laien Kunst, und insbesondere die moderne Kunst, zunächst ein Buch mit sieben Siegeln. Damit er überhaupt entscheiden kann, ob ihm ein Kunstwerk zusagt, benötigt er Aufklärung, die ihm nur durch Experten zuteilwerden kann.3 Das tönt nach Exklusivität seitens der Kunst und nach Anstrengung und Aufwand vonseiten des Publikums. Doch lassen Sie sich dadurch nicht einschüchtern. Sie werden im nächsten Kapitel eine Methode kennenlernen, die es Ihnen ermöglicht, mit der Kunst – selbst der Gegenwartskunst – fertigzuwerden.
Das Zitat zum Thema: Der französische Bildhauer Auguste Rodin (1840 – 1917) war jemand, der der Originalität durchaus skeptisch gegenüberstand. „Die Originalität, wie sie das große Publikum versteht, existiert nicht in der hohen Kunst. Die Künstler, die nicht Geduld genug haben, um zu dem wirklichen Talent vorzudringen, ergeben sich dem Bizarren, der Absonderlichkeit des Themas oder den Formen ohne Rücksicht auf die Wahrheit. Und das nennen sie dann Originalität, aber das hat gar keinen Wert.“4 Ob sich seine Kritik auf Duchamps Fontaine bezog, entzieht sich meiner Kenntnis.
1|5 Der Kunstmarkt
Wer ganz nüchtern und schnörkellos wissen will, was Kunst ist, liest am besten die Zeitung. Allerdings nicht den Kultur-, sondern den Wirtschaftsteil. Denn der Kunstmarkt ist zu einer nicht zu vernachlässigenden Determinante von Kunst geworden. Er offeriert Experten wie Laien ein allgemein verständliches Bewertungskriterium: den Preis. Seit den 1980er-Jahren ist ein Kunstboom zu verzeichnen, der auch durch zwei Krisen nicht wesentlich geschmälert werden konnte. Kunstwerke sind als Investitionsgüter bei privaten und öffentlichen Anlegern nach wie vor sehr gefragt. Gerade in Zeiten volatiler Finanzmärkte suchen Investoren vermehrt nach sicheren Alternativen. Tatsächlich hat sich der Kunstmarkt in den letzten zehn Jahren als relativ stabil erwiesen. Seit dem gewaltigen Aufschwung, den die Branche in den Jahren von 2004 bis 2007, dank immenser Bonuszahlungen der Banken, erlebte, wird sie gar mit dem Goldmarkt verglichen. Auch die Zukunft sieht rosig aus, denn die Zahl finanzstarker Investoren aus den aufstrebenden Wirtschaftsmächten Brasilien, Russland, Indien und China ist am Wachsen und drängt auf den Kunstmarkt. Man stelle sich vor: Über 800.000 Dollarmillionäre und 128 Milliardäre wurden 2010 allein für China ermittelt. Die großen Auktionshäuser, die eigentlichen Umschlagplätze für Kunstwerke, verzeichnen denn auch eine Verschiebung der Kunstmarktzentren weg von den traditionellen Kunstnationen England und den USA nach Hongkong.5
Immer neue Rekorde werden von Auktionshäusern wie Sotheby’s oder Christie’s gemeldet. 1987 sorgten Vincent van Goghs Sonnenblumen noch für Schlagzeilen, als sie bei einer Auktion die Rekordsumme von 24,75 Millionen Pfund einbrachten. 2010 machte der marschierende dem rauchenden Mann den Titel des teuersten Kunstwerks streitig: Alberto Giacomettis Schreitender Mann I übertrumpfte den ehemaligen Spitzenreiter, Pablo Picassos Garçon à la pipe, nur um kurze Zeit später wieder von einem Picasso auf Platz zwei verwiesen zu werden6. Die Preise hatten mittlerweile die Grenze von 100 Millionen US-$ überschritten und wurden bereits kürzlich wieder von Edvard Munchs Der Schrei mit einem Erlös von 119,9 Mio. Dollar in den Schatten gestellt.
Freilich gehört die Mehrzahl der Künstler nicht zur Kategorie dieser Topgehandelten. Während sie noch bis ins 19. Jahrhundert mehrheitlich im Auftrag von Kirche, Adel oder Großbürgertum arbeiteten, emanzipierten sie sich danach aus diesen Auftragsverhältnissen. Kunst wurde nun vermehrt durch Vermittler, Galerien und Auktionshäuser an Sammler verkauft. Der Markt begann zu spielen. Der Künstler – und mit ihm die Kunst – gewann an Unabhängigkeit (vgl. Kapitel Keine Kunst ohne Künstler). Oft jedoch ging diese auf Kosten einer gesicherten Existenz. Viele Maler hätten wohl ein sorgenfreieres Leben führen können, wenn ihnen zu Lebzeiten auch nur ein Bruchteil der Anerkennung – insbesondere der finanziellen – erwiesen worden wäre, die sie heute genießen.
Die Anekdote zum Thema: Ende 1877 schien für Claude Monet die [finanzielle] Lage aussichtslos; da fasste sein Malerkollege Édouard Manet einen Plan. Er schrieb an einen Freund: „Ich besuchte gestern Monet und fand ihn niedergebrochen und verzweifelt. Er bat mich, irgendjemanden zu finden, der 10 oder 20 seiner Bilder, jedes zu 100 Franc, übernehmen würde. Dem Käufer stünde die Auswahl frei. Sollen wir die Angelegenheit unter uns ausmachen: sagen wir, jeder bringt 500 Franc auf? Natürlich darf niemand, er am allerwenigsten wissen, dass das Angebot von uns kommt.“7
Zusammenfassung: Kunst ist an das Dasein des Menschen geknüpft. Sie bezeichnete ursprünglich eine Fertigkeit, ein Wissen, eine Meisterschaft in einem Handwerk oder einer anderen Disziplin. Als künstlich galt im Mittelalter etwas vom Menschen willentlich Geschaffenes, im Gegensatz zu dem von Natur aus Vorhandenen. Kunst diente bis ins 19. Jahrhundert einem Zweck, das heißt, sie sollte repräsentieren und darstellen. Sie wurde im Auftrag der Kirche oder des Adels, später auch des reichen Bürgertums, ausgeführt. Lange Zeit definierte sie sich über die Kunstfertigkeit. Erst im 19. Jahrhundert gewann die Idee des Künstlers und dessen Originalität die Oberhand. Je mehr sich die Kunst vom Mäzenatentum (Auftraggeber) löste, umso mehr wurde sie dem freien Markt unterworfen.

Kunst hat uns etwas zu sagen – Hat sie das?
Wir leben bekanntlich in einer Kommunikationsgesellschaft, und das nicht erst seit gestern. Allerdings stehen uns heute viel mehr technische Mittel des Informationsaustausches zur Verfügung als beispielsweise noch unsern Großeltern. Was sich aber bis heute nicht geändert hat, sind die Grundsätze des Informationsflusses, wie sie in sogenannten „Kommunikationsmodellen“ dargestellt werden. Ihnen gemeinsam ist das Grundschema von Produzent ➞ Mitteilung ➞ Konsument. Oder anders: Sender ➞ Botschaft/Medium ➞ Empfänger. Das heißt nichts anderes, als dass Kommunikation eine Übermittlung von Information von einem Absender zu einem Empfänger mittels eines Mediums ist.
Sie sind gefragt: Was heißt das für Sie als Betrachter oder Betrachterin von Kunst? Wie sieht ein entsprechendes Diagramm aus, an dem Sie beteiligt sind?
Antwort: Wenn wir davon ausgehen, dass der Künstler seine gestalterische Botschaft nicht einfach ins Nichts hinausschickt, sondern mit einem Publikum rechnet, sieht das Diagramm so aus:
Künstler ➞ Kunstwerk ➞ Publikum/Ich
Übertragen auf die Kunst ist das Kunstwerk das Bindeglied oder Medium, das die Informationen beziehungsweise Botschaft an Sie übermittelt. Der Künstler aber ist der Urheber, derjenige, der etwas mitzuteilen hat. Oder anders gesagt: keine Kunst ohne Künstler.
2|1 Keine Kunst ohne Künstler
Sie sind gefragt: Welche Künstler kennen Sie (ankreuzen) und von welchem haben Sie auch schon einmal ein Werk gesehen? (Buchstabe ins passende Kästchen setzen.)

❑ Andy Warhol (A)
❑ Leonardo da Vinci (B)
❑ Claude Monet (C)
❑ Pablo Picasso (D)
Antwort: B, C, A, D.
Kennen Sie einen, zwei oder alle? Leonardo da Vinci, das Universalgenie des 15. Jahrhunderts, Maler der Mona Lisa? Claude Monet, dessen Ausstellungen jeweils Rekordbesucherzahlen erzielen und dessen berühmte Seerosen- und Blumenbilder beliebte Kalendermotive sind? Pablo Picasso, der Maler des 20. Jahrhunderts schlechthin, oder Andy Warhol, der Mitbegründer der Pop-Art, dessen Porträt Marilyn Monroe zum Status einer Pop-Ikone verhalf? Bei allen genannten Malern sind sich Fachkreise und Laien einig: Es handelt sich zweifelsfrei um Künstler. Niemand käme auf die Idee, ihr Können oder ihre Leistungen infrage zu stellen. Was aber unterscheidet sie von anderen Malenden, die diesen Titel nicht für sich beanspruchen können? Was genau macht einen Künstler aus?
„Er ist eben ein Künstlertyp.“ Ein oft gehörter Satz. Eine Mischung aus Bewunderung und Entschuldigung, aus der man nicht ganz klug wird. Ein Satz, der vieles offen lässt, anderes ausschließt, aber mit Sicherheit bestimmte Vorstellungen in Ihnen weckt. Natürlich gibt es nicht den Künstler, ebenso wenig wie es den Pfarrer, den Lehrer oder den Arzt gibt, und doch scheinen sich gewisse Eigenschaften, Erwartungen und Ansprüche unter dem Begriff Künstler zu subsumieren.
Sie sind gefragt: Mit welchen positiven oder negativen Eigenschaften charakterisieren Sie den „Künstlertyp“?
Antwort: Wie wär’s mit: außergewöhnlich, genial, begabt, verrückt, voller Ideen, ein Könner, ein Einzelgänger, ein Individualist, ein Außenseiter, schräg, würde ihm meine Buchhaltung nicht anvertrauen etc.?
Die wohl früheste Beschreibung von Künstlern findet sich im 2. Buch Moses im Alten Testament der Bibel. Verfasst im 5. Jahrhundert v. Chr. nimmt das Zeugnis Bezug auf die Erbauung der Stiftshütte, des transportablen Heiligtums der Israeliten.
Hintergrund zum Thema: Die Geschichte berichtet, wie Gott die beiden Künstler Bezalel und Oholiab mit den Arbeiten für das Heiligtum betraut. Dabei geht es um mehr als um die Erteilung eines Auftrages an zwei Begabte. Es ist von göttlicher Inspiration der beiden Beauftragten die Rede, die sich nicht nur auf die auszuführende Arbeit, sondern auch auf die Anleitung weiterer Helfer erstreckt. Von Bezalel wird gesagt, Gott habe ihn mit seinem Geist erfüllt, ihm Können und Umsicht gegeben und ihn zu jeder künstlerischen Tätigkeit befähigt. So könne er Bilder und Gegenstände entwerfen (Idee) und sie in Gold, Silber oder Bronze ausführen, Edelsteine schneiden und fassen und Holz kunstvoll bearbeiten (Fertigkeit), und er sei auch in der Lage, andere zu solchen Arbeiten anzuleiten (Vermittlung). Welche Bedeutung dieser künstlerischen Tätigkeit zukommt, zeigt sich in der umfangreichen Beschreibung, die fünf Kapitel (von vierzig) des ganzen Buches einnimmt. Immer wieder werden dabei die Namen der Künstler genannt und ihr Werk – das im eigentlichen Sinne ein Gesamtkunstwerk ist – bis ins Detail beschrieben. Die Geschichte endet mit dem Segen Mose – also einer Einweihung, in deren Verlauf die Künstler aber nicht mehr genannt werden.8
Bereits in diesem frühen Text werden gewisse Voraussetzungen des Künstlerseins genannt. So etwa die Aufteilung künstlerischer Tätigkeit in die drei wichtigen Bereiche, Planung/Idee, Ausführung/Fertigkeit und Anweisung/Vermittlung an Dritte. Unabdingbare Grundvoraussetzung für dieses Tun aber ist hier die göttliche Inspiration. Erst durch sie wurden Bezalel und Oholiab zur Ausführung des Auftrages befähigt. Nach Abschluss der Arbeiten verliert die Geschichte dann jegliches Interesse an den Künstlern. Bei der Einweihung des Kunstwerks sind bereits andere „Fachkräfte“ am Werk, während der Kult alleine der Verherrlichung Gottes gilt.
Erstaunlicherweise pflegte auch die griechische Antike, ausgerechnet jene Epoche also, die wegen ihrer künstlerischen Produktivität jahrhundertelang verehrt und als Maßstab künstlerischen Schaffens betrachtet wurde, einen sehr prosaischen Umgang mit „ihren“ Künstlern. Zwar galten sie als inspirierte Ausführende einer von Gott gegebenen Idee, aber ihnen selbst wurde kaum Ehre zuteil. Im Gegenteil: Der griechische Philosoph Platon (4./5. Jh. v. Chr.) vergleicht sie mit Banausen, Schiffsbauern und Handwerkern. Der römische Philosoph Seneca (1. Jh. n. Chr.) berichtet: „Die Götterbilder verehrt man, man betet sie an und opfert ihnen, aber die Bildhauer, die sie verfertigt haben, verachtet man.“9 Diesen abwertenden Zeugnissen stehen freilich zahlreiche Anekdoten gegenüber, die von der Meisterschaft gewisser Maler berichten und von ihrer Wertschätzung durch die jeweiligen Herrscher. Eine Geschichte, die von Plinius d. Ä. (1. Jh. n. Chr.) überliefert ist, bringt beide Aspekte des Künstlertums zum Ausdruck, sowohl die Wertschätzung als auch die soziale Kluft, die zwischen Herrscher und Künstler bestand.
Die Anekdote zum Thema: Als Alexander [der Große] veranlasst hatte, dass eine von ihm ganz besonders geliebte Nebenfrau, Pankaspe, wegen ihrer Schönheit von Apelles gemalt werde, und dabei beobachtete, dass dieser, indem er gehorchte, selbst in Liebe entbrannte, gab er sie ihm zum Geschenk – groß durch seine Selbstbeherrschung und durch diese Tat nicht weniger bedeutend als durch irgendeinen Sieg. Denn er hat sich selbst besiegt und schenkte nicht nur seine Lagergenossin, sondern auch seine Neigung dem Künstler, wobei er sich nicht einmal durch Rücksicht auf seine Geliebte abhalten ließ, die erst einem König angehört hatte und nun einem Maler gehören sollte.10
Nicht viel besser erging es den Künstlern des Mittelalters. Kunstwerke entstanden damals meist im Kollektiv einer Werkstatt, einer klösterlichen Schreibstube oder einer Bauhütte, die für eine Kathedrale tätig war. Der Künstler war ein begabter Handwerker oder Mönch, der überwiegend im Auftrag der Kirche arbeitete und weitgehend anonym blieb. Erst gegen Ende des Mittelalters wuchs das Bedürfnis einzelner Ausführender, ihr Werk zu signieren oder sich in Form eines Porträts darin zu verewigen. Zu diesen frühesten signierten Kunstwerken, die uns überliefert sind, zählt der Klosterneuburger Altar des Nikolaus von Verdun.

Abb. 5: Nikolaus von Verdun Samson kämpft mit dem Löwen 1181, Email und Goldschmiedearbeit (eine der 51 Bildplatten des Verduner Altars im Stift Klosterneuburg bei Wien)
Hintergrund zum Bild: Der unter dem Namen Nikolaus von Verdun bekannte Goldschmied und Emailkünstler schuf 1181 51 Emailbilder, in denen er Darstellungen des Alten Testaments solchen aus dem Neuen gegenüberstellte. Signiert ist das Werk mit den lateinischen Worten QVOD NICOLAVS OPVS VIRDVNENSIS FABRICAVIT (was Nikolaus von Verdun herstellte).
Erst in der Renaissance erfuhr die Stellung des Künstlers eine grundlegende Änderung. Leonardo da Vinci war Maler, Bildhauer, Architekt, Kunsttheoretiker, Anatom, Ingenieur und Erfinder; Albrecht Dürer Maler, Grafiker, Mathematiker und Kunsttheoretiker. Beide waren also Maler und Wissenschafter und verbanden ihr „Handwerk“ mit theoretischen Erkenntnissen. Sie betrachteten die Malerei nicht mehr als handwerkliche Fertigkeit, sondern betrieben sie als Wissenschaft. Dadurch gewannen sie und ihre Kunst nicht nur ein neues Selbstverständnis, sondern auch an gesellschaftlichem Ansehen.
Schon eine Generation später kennzeichnete den Maler, Bildhauer und Architekten Michelangelo Buonarroti (1475 – 1564) eine ganz andere Persönlichkeit. Mit seinem ausgeprägten Willen und seiner schöpferischen Kraft, seiner technischen Meisterschaft und dem eigenwilligen Temperament verkörperte er den Künstler-„Typ“ schlechthin. Er war, was man postum auch gerne als Genie bezeichnet, ein Exzentriker im Sinne eines das Normale überragenden Individuums. Als solches schwankte er zwischen Melancholie und Inspiration, Leiden und Schöpferkraft, als einer, der sein Leben ganz der Kunst und die Kunst Gott widmete.

Abb. 6: Michelangelo Buonarroti Die Erschaffung Adams (Detail aus dem Deckenfresko), 1508 – 1512 Vatikan, Sixtinische Kapelle
Auch der Norden hatte seine überragenden Meister: Allen voran Peter Paul Rubens und Rembrandt van Rijn. Während der eine weltmännisch von sich sagte, er erachte die ganze Welt als seine Heimat11 (in einer Zeit, als man darunter noch vorwiegend Europa verstand), und nicht nur sein malerisches, sondern auch sein diplomatisches Können in den Dienst der spanischen Krone stellte12, fühlte sich der andere zeitlebens den Armen und Ausgestoßenen verbunden. Während der eine seine Doppelrolle geschäftstüchtig auszunutzen verstand, sah sich der andere am Lebensende mit dem finanziellen Ruin konfrontiert. Während die Kunst von Rubens durch Licht und Farbe besticht, zeichnet sich die Malerei Rembrandts durch dramatisches Hell und Dunkel aus. Eines aber hatten die beiden gemeinsam: In ihren Ateliers gaben sie ihr Wissen an viele Schüler weiter, denn die Lehrtätigkeit war ein wichtiger Bestandteil ihres Künstlerberufes. Diese wurde allerdings erst im Lauf des 17. und 18. Jahrhunderts mit der Gründung von Kunstschulen und Akademien zu einem lukrativen und prestigeträchtigen Amt.
Ab dem 18. Jahrhundert schlüpfte der Künstler vermehrt in eine neue Rolle. Maler wie William Hogarth (1697 – 1764), der Spanier Francisco de Goya (1746 – 1828), die Franzosen Honoré Daumier (1808 – 1879) und Gustave Courbet (1819 – 1877) wurden zu eigentlichen Gesellschaftskritikern, indem sie in ihren Werken Missstände aufzeigten.
Hintergrund zum Bild: Nachdem seit der Mitte des 17. Jahrhunderts die englische Bevölkerung ermutigt worden war, Gin zu brennen und zu verkaufen, um so die Kornpreise und die Exporte in die Kolonien hochzuhalten, zeigten sich ein Jahrhundert später die negativen Auswirkungen im eigenen Lande. Sozialer Abstieg, Verzweiflung und Tod vieler waren die Folgen. Hogarth prangerte mit seinem Kupferstich die desolaten Zustände an und stellte ihnen in einer zweiten Illustration, der Beer Lane, die Alternative eines prosperierenden, auf Bierproduktion gegründeten Alltags gegenüber (vgl. auch Kapitel Genremalerei).

Abb. 7: William Hogarth Gin Lane
Solche und ähnliche Bilder entstanden immer häufiger aus dem Mitteilungsbedürfnis der Maler, das mehr und mehr zur treibenden Kraft ihres Schaffens wurde. Während sich der Künstler allmählich von seinen traditionellen Auftraggebern und Mäzenen emanzipierte, gewannen künstlerische Freiheit und Unabhängigkeit die Oberhand über Kunstfertigkeit und naturalistische Darstellung. Ein Prozess, der nicht selten auf Kosten sozialer Anerkennung ging. So zeugen die zu Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts entstehenden „Ismen“, wie Impressionismus oder Symbolismus, von jenem Aufbruch in der Malerei, der von der Gesellschaft vorerst mehrheitlich nicht verstanden wurde und Künstler ins gesellschaftliche Abseits manövrierte. Viele führten deshalb mehr oder weniger freiwillig ein Leben als Bohemiens. Dieses Außenseitertum ging vermehrt mit einer dezidiert antibürgerlichen Haltung einher. Der unverstandene Künstler, der an sich und der Welt leidet, der um seiner Kunst willen Entbehrung und Krankheit auf sich nimmt, der geradezu zum Märtyrer wird, wurde bald zum Inbegriff wahren Künstlertums. Gerade dieses Leben außerhalb der Konventionen scheint den Künstler seit dem 19. Jahrhundert und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein zu charakterisieren. Künstlerische, oft auch moralische Freiheit und gesellschaftliche Ungebundenheit garantierten aber noch lange keine Unabhängigkeit. Denn im gleichen Maß, wie sich der Künstler von seinen Auftraggebern löste, wurde er vom freien Markt abhängig.
Notabene: Der Versuch einer Rückbindung des Künstlers an die Gesellschaft findet sich wieder in den totalitären Regimes des Kommunismus und des Nationalsozialismus. Ersterer betrachtete die Kunst, wie jede andere Arbeit auch, als einen Sektor der Planwirtschaft. Ziel war das Kunstwerk als Produkt einer rationalisierten Gemeinschaftsarbeit unter Einbezug der neuesten technischen Entwicklungen. Stilwille und individueller Ausdruck – die als künstlerische Eitelkeit verpönt waren – wurden dagegen für die Entfremdung zwischen der Kunst und dem Volk verantwortlich gemacht. Es galt das Primat des Inhalts über die Form. Beliebt waren in beiden Ideologien Arbeitersujets.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts schlossen sich einzelne Künstler vermehrt auch in Gruppen zusammen, um so einer Kunstauffassung mehr Gewicht zu verleihen. Die Brücke, Der Blaue Reiter, De Stijl, aber auch die Dada-Bewegung (vgl. Kapitel Die Moderne) machten ihr Kunstverständnis durch Gemeinschaftsausstellungen oder -veranstaltungen und theoretische Schriften publik. Eine solche Bewegung jüngeren Datums war in den 1960er-Jahren die Fluxus-Bewegung. Diese Kollektivkunstbewegung wollte den Kunstbetrieb anonymisieren und zugunsten des Kollektivs auf das Signieren der Werke verzichten. Hand in Hand mit der Forderung nach Entpersonalisierung des Künstlers ging der Wunsch, das Gefälle zwischen Künstler und Kunstpublikum zu überwinden. Bestrebungen dieser Art finden sich bis heute in der Kunstszene. Mittlerweile zeichnen zahlreiche Künstlerkollektive oder -paare gemeinschaftlich für ihre Werke (Christo und Jeanne Claude, Gilbert & George, Fischli/Weiss). Nicht selten sind sie auch selber nicht mehr Ausführende ihrer Kunst, sondern lediglich Ideengeber, Konzepter oder, um einen Begriff aus der Wirtschaft zu verwenden, Manager.13
Die Nähe von Kunst und Wirtschaft hat selbstverständlich auch ihre Wirkung auf die Künstlerlaufbahn. So scheint gegenwärtig der Karriereerfolg in erster Linie von der Marktnische oder vom Trend abzuhängen, die sich Kunstschaffende zunutze machen können. Das heißt, ob es ihnen gelingt, durch etwas ganz Neues oder durch die originelle Umsetzung einer bereits bestehenden Idee auf sich aufmerksam zu machen. Ist ein Künstler dann erst einmal etabliert, wird alles zum Kunstwerk, was den Weg ins Museum schafft oder seine Unterschrift trägt. Was so eine Signatur für eine Bedeutung haben kann, zeigt ein Tagebucheintrag von Andy Warhol vom 8. März 1981:
Die Anekdote zum Thema: „Wir frühstückten mit Joseph Beuys. Er bestand darauf, dass ich in sein Haus komme und mir sein Atelier anschaue. Ich sollte sehen, wie er lebt, mit ihm Tee trinken und Kuchen essen. Es war sehr nett. Er schenkte mir ein Kunstwerk, das aus zwei Flaschen mit Sprudelwasser bestand. Sie explodierten in meinem Koffer und zerstörten alles, was ich mithatte. Ich kann den Koffer nicht aufmachen, weil ich nicht weiß, ob es sich noch um ein Kunstwerk handelt oder nur um zerbrochene Flaschen. Wenn er nach New York kommt, muss ich ihn dazu bringen, den Koffer zu signieren, denn sonst ist er zu nichts mehr zu gebrauchen.“14
2|2 „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ (Kurt Tucholsky)
In diesem Abschnitt soll Kurt Tucholsky beim Wort genommen werden. Sagt ein Bild tatsächlich mehr als tausend Worte? Sie haben bereits erfahren, dass Kunst so alt ist wie die Menschheit. Man malte oder zeichnete an die Wände von Höhlen, schnitzte in Holz oder Knochen oder errichtete Monumente für rituelle Zwecke, wie etwa die berühmte Anlage von Stonehenge in England. Auch wenn sich die Forschung über die genaue Bestimmung der Anlage nicht einig ist, so war sie doch unbestritten ein Monument von überragender Bedeutung. Das belegt die Tatsache, dass Stonehenge über mehrere Jahrtausende benutzt und erweitert wurde, von der Jungsteinzeit bis in die Bronzezeit.
Noch bevor sich die Menschheit einer Schrift bedienen konnte, kommunizierte sie also durch Bilder. Bei jedem einzelnen Menschen ist das nicht anders: Bevor ein Kind lesen und schreiben lernt, zeichnet es. Dabei sind in der frühkindlichen Zeichnung durchaus kulturübergreifende Aspekte ersichtlich, bevor sich kulturell bestimmte Entwicklungsschritte bemerkbar machen: angefangen beim Kritzeln, zum Zeichnen von Inhalten, bis hin zu planmäßig angelegten Bildern aus seiner Umwelt. In gewissem Sinne scheinen Bilder als einfachste Ausdrucksform des Menschen einer grundlegenden Verständigung zu dienen.

Abb. 8: Stonehenge bei Salisbury in Südengland: Ein Grabmal oder Denkmal oder doch eher eine Art Kalender, wie es bestimmte, zur Sonnenwende und Tagundnachtgleiche markierte Steine nahelegen?
Sie sind gefragt: Machen Sie die Probe aufs Exempel.
Was sehen Sie auf Abb. 9 rechts?

Abb. 9: Yan Li-pen, Cao Pi, Kaiser von Wei (eines von 13 Kaiserporträts des chinesischen Künstlers) 7. Jh. n. Chr., 51,3 x 53,1 cm Tinte und Farbe auf Seide Boston Museum of Fine Arts
Antwort: Auf den ersten Blick unterscheidet man drei Männer in Dreiviertelansicht. Der mittlere ist in einem größeren Maßstab dargestellt als die beiden anderen. Auch trägt er ein prächtiges Gewand mit reichem Faltenwurf und schönen Verzierungen. Der Größe und Kleidung nach muss er sehr bedeutend sein. In der rechten oberen Ecke erkennt man Schriftzeichen.
Hätten sie einen chinesischen Text vor sich, der einen wichtigen Mann und seine zwei Begleiter beschreibt, so würden die meisten Europäer im besten Fall die Schriftzeichen als chinesische identifizieren. In der bildnerischen Umsetzung dagegen erkennt man auf Anhieb Anzahl, Geschlecht und den gesellschaftlichen Rang der Dargestellten. Kunst vermag also etwas, das Geschriebenes nicht kann: über Sprachgrenzen hinweg Inhalte zu vermitteln.
Gerade im Mittelalter, einer Zeit also, in der die meisten Menschen weder lesen noch schreiben konnten, baute die Kirche auf die Wirksamkeit der bildlichen Darstellung. So entstanden viele Kunstwerke im Auftrag der Kirche, um den Gläubigen die biblischen Botschaften vor Augen zu führen beziehungsweise in Erinnerung zu rufen. Kreuzigungsszenen beispielsweise sollten ihnen die Leiden Christi vergegenwärtigen, während Darstellungen des Jüngsten Gerichts auf die Vergänglichkeit und die Wichtigkeit eines sündenfreien Lebens hinwiesen. Beide Motive waren beliebte Themen für die plastische Ausgestaltung von Kirchenportalen. Diese Eingangsbereiche waren – und sind bis heute – zentral gelegene, von Passanten gut frequentierte, weithin sichtbare Orte. Heute würde man sagen: prominente Werbeträger. Auf den Kirchplätzen fanden zudem an gewissen Feiertagen Kirchmessen, also Märkte, statt, zu denen die Menschen von Stadt und Land herbeiströmten. Dies war der ideale Standort, um eine zentrale Botschaft der Kirche, wie jene des Jüngsten Gerichts, zu verkünden. Das Publikum wurde dadurch ermahnt, erinnert oder gar belehrt und reagierte im Idealfall mit Andacht, Ehrfurcht oder Erkenntnis.
Das Zitat zum Thema: Die Malerei sei ein offenes Buch, in dem sowohl Gelehrte als auch Ungebildete die Ereignisse der Heils- und Menschheitsgeschichte zu lesen vermöchten. „Von daher gebührt ihr der einzigartige Ruhm, universelle Sprache zu sein, (…) denn ihre Sprache wird nicht nur von den Angehörigen einer Nation verstanden, sondern von denen aller Nationen, weil ihre Schreibart italienisch, französisch, spanisch, deutsch, türkisch, griechisch, chinesisch, chaldäisch ist und auch alle anderen Sprachen des Universums mit einschließt: ein unvergleichlicher Vorzug dieser Kunst, der nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Bei einer derartigen Vielfalt also von Menschen, Nationen und Sprachen drückt sie sich mit nur einer einzigen Sprache aus!“15
Für den modernen Betrachter eines mittelalterlichen Kunstwerks mag nicht mehr unbedingt das religiöse Moment im Vordergrund stehen. Er kann sich aber auch heute noch an seiner Schönheit oder Aussagekraft erfreuen und, wenn er sich etwas Zeit nimmt, Erstaunliches entdecken. Nehmen wir beispielsweise das Westportal des Berner Münsters, so erkennen wir ohne große Vorkenntnisse: Das Bild zeigt eine Ansammlung von Menschen. Auf der linken Bildhälfte erscheinen sie wohlgeordnet, in farbigen oder weißen Kleidern. Ihre Gesichter sind nach oben gerichtet, einige haben die Hände gefaltet. Sie scheinen zu singen und zu beten. Die ganze linke Bildhälfte ist zudem reich vergoldet. Auf der rechten Seite überwiegen dagegen dunkle Farbtöne. Hier herrscht das Chaos: Die Menschen sind nackt oder nur spärlich bekleidet. Einige sind in wilden Verrenkungen dargestellt, von anderen sind nur einzelne Körperteile erkennbar. Die Gesichter dieser Gruppe grinsen oder haben einen gleichgültigen Ausdruck. Während auf der linken Bildseite ein goldenes Tor zu erkennen ist, dominiert auf der rechten ein Feuerschlund, aus dem einige leblose Menschengesichter und Monsterfratzen starren. Auf beiden Bildhälften befinden sich gekrönte Häupter, Angehörige der Geistlichkeit und sogar Kinder. Kein Zweifel: hier wird das Böse vom Guten getrennt. Der dominant vor die Szene gestellte Engel mit Schwert und Waage in der
Bildmitte unternimmt gleichsam die Teilung in Himmel und Hölle, quer durch alle Volksschichten. Eine wahrhaft schaurige Szene, die freilich in einer Zeit, die nicht so von Bildern überflutet war wie die unsrige, noch viel gewaltiger wirken musste.

Abb. 10: Erhart Küng, Jüngstes Gericht letztes Drittel 15. Jh. Tympanon des Hauptportales des Berner Münsters, Bern, Schweiz
Allein durch das Betrachten lässt sich also schon einiges aus dem Bild herauslesen. Selbst wenn wir die Hauptfiguren nicht identifizieren können, sich uns der Symbolgehalt nicht völlig erschließt, wir die biblische Quelle nicht genau kennen, so verstehen wir die Hauptbotschaft: die Trennung von Gut und Böse.
Nachdem wir nun je ein Bild aus einer uns nicht mehr vertrauten Zeit und eines aus einer uns fremden Kultur betrachtet haben, stellen wir fest: Wir haben von der bildlichen Botschaft mehr verstanden, als wenn wir sie als mittelhochdeutschen bzw. chinesischen Text vorgesetzt bekommen hätten.
2|3 Das Publikum – das sind Sie!
Dieses Kapitel müssten eigentlich Sie schreiben. Denn es geht um den Bildbetrachter, also um Sie. Hier könnte dann etwa stehen, welche kulturellen und persönlichen Voraussetzungen Sie mitbringen, welche Interessen Sie haben und welche Erfahrungen beziehungsweise Erwartung an die Kunst. Verallgemeinernd sprechen wir nun aber vom Publikum und von seinem Umgang mit Kunst.

Abb. 11: Andrea del Verrocchio (Modell) Alessandro Leopardi (Ausführung) Reiterstandbild des Bartolomeo Colleoni 1479 – 1496, Bronze, Campo SS. Giovanni e Paolo, Venedig
Das Zitat zum Thema: „Jeder geistige Genuss führt etwas Arbeit mit sich; so wird man auch den Kunstwerken irgendwie entgegenkommen müssen, wenn man sie nicht völlig übergehen will.“16
Dieses Zitat des Schweizer Kunsthistorikers Jacob Burckhardt (1818 – 1897) mag für heutige Ohren etwas antiquiert klingen. Wer will in einer Zeit des Hier, Jetzt und Alles schon arbeiten, um zu genießen?! Trotzdem wollen wir in diesem Kapitel – ohne allzu großen Aufwand zu betreiben – herausfinden, was dieses „irgendwie“ bedeuten könnte.
Sie sind gefragt: Wo kann Ihnen Kunst begegnen?
Antwort: Die naheliegende Antwort ist: in Museen und Galerien. Doch auch ohne Eintrittsticket hat man Gelegenheit, auf Kunst zu treffen. Denken Sie an die Innenräume von Kirchen oder öffentlichen Gebäuden. Haben Sie sich schon einmal in Ihrer Bank umgesehen, bei Ihrem Arzt, vor Ihrem Rathaus?
Erinnern Sie sich an das Kirchenportal des Berner Münsters. Es richtet – bis heute – seine Botschaft an alle Passanten. Die zentrale Aussage des Bildes ist so stark, dass sie auch 600 Jahre später noch verstanden werden kann. So trifft man überall auf Kunstwerke, die darauf warten, wahrgenommen zu werden. Meist gut sichtbar auf öffentlichen Plätzen befinden sich Plastiken von bekannten Persönlichkeiten, Herrscherstatuen – oder Reiterstandbilder. Der Condottiere Bartolomeo Colleoni beispielsweise steht seit 1483 auf dem Campo SS. Giovanni e Paolo in Venedig. Wer sich die Mühe macht, einmal an dem monumentalen Sockel emporzublicken, entdeckt beinahe schon in schwindelnder Höhe Pferd und Reiter. Die Grandezza des Dargestellten lässt zweifelsfrei auf eine bedeutende Persönlichkeit schließen, auch wenn ihr Name nur wenigen der vorbeiziehenden Touristen bekannt sein dürfte. Dem Ritter ist grimmige Entschlossenheit ins Gesicht geschrieben. Seine Rüstung deutet an, dass er seine Meriten im Kampf erwarb. Die Bildbotschaft ist eindeutig: Stärke, Macht, Ruhm.
Die Anekdote zum Thema: Der Senat von Venedig schrieb einen Wettbewerb aus, worin das Modell eines Pferdes für das Reiterdenkmal des 1475 verstorbenen Feldhauptmanns Colleoni verlangt wurde, und Andrea del Verrocchio ging als Sieger hervor. Als der Künstler das Modell für das Pferd vollendet hatte und bereits den Bronzeguss vorbereitete, wurde aufgrund von Intrigen einiger Edelleute der Beschluss gefasst, Bellano aus Genua solle die Figur und Verrocchio das Pferd machen. Kaum hatte Verrocchio das vernommen, zerschlug er die Beine und den Kopf seines Modells und wandte sich voll Zorn, ohne ein Wort zu sagen, nach Florenz. Als der Senat davon hörte, ließ er ihn wissen, dass er nie mehr wagen solle, nach Venedig zu kommen, sonst würde ihm der Kopf abgeschlagen. Darauf antwortete der Meister, er würde sich davor hüten, da es nicht in ihrer Macht stünde, abgeschlagene Menschenköpfe zu ersetzen; sie könnten es ja nicht einmal bei einem Pferd, während er wenigstens seinem Pferde einen noch viel schöneren wiedergeben könne. Diese Antwort gefiel den Senatoren sehr, und Andrea wurde mit doppeltem Gehalt nach Venedig zurückgerufen. Dort stellte er sein erstes Modell wieder her und goss es in Bronze.17

Abb. 12: Marino Marini Il Miracolo (das Wunder) 1953, Bronze, Höhe: 255 cm
Während die meisten Touristen Verrocchios Standbild mehr am Rande zur Kenntnis nehmen dürften, zieht eine andere Plastik, als Teil einer Museumssammlung, die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums auf sich: Marino Marinis Il Miracolo. Ein Reiterbild, das Fragen provoziert: „Was ist das?“, „Ist es ein stürzendes oder ein sich aufbäumendes Pferd?“, „Wie ist es möglich, dass sich der Reiter in waagrechter Position halten kann?“, „Warum hält er sich nicht fest?“, „Warum hat er die Hände gefaltet?“, „Geht es um eine Zirkusnummer?“, „Ist das Kunstwerk verkehrt herum installiert?“, „Was hat das alles zu bedeuten?“
Auch hier haben wir es mit einer Reiterplastik zu tun, wobei der Ausdruck „Reiterstandbild“ bewusst vermieden werden soll. Denn obwohl man nicht damit rechnen muss, dass das Kunstwerk gleich kippen wird, wirkt es doch recht labil. Es steht nicht – wie das Pferd des Colleoni, das Macht und Stärke assoziiert, fest auf seinen vier beziehungsweise drei Pferdebeinen. Vielmehr bäumt sich dieses Tier auf und scheint sich gegen etwas zu wehren.
Will man die Fragen beantwortet haben, benötigt man offensichtlich zusätzliche Informationen zum Werk und allenfalls zur Person des Künstlers. Diese liefert im vorliegenden Fall ein Blick in die Biografie Marino Marinis (1901 – 1980) sowie eine Aussage von ihm selbst.
Hintergrund zum Thema: Marino Marinis Atelier befand sich unmittelbar neben einem Reitstall, was ihn zu zahlreichen Reiterbildern inspirierte. Während die frühen Plastiken noch eine Einheit zwischen Mensch und Tier zeigen und in der Tradition des Reiterstandbildes im Sinne eines Colleoni sind, tritt nach dem Zweiten Weltkrieg ein radikaler Wandel ein: Die Pferde bäumen sich auf, die Figuren werden abstrakter. Miracoli (Wunder) nennt Marini diese Plastiken, möglicherweise in Anlehnung an den biblischen Bericht der Bekehrung des Saulus zum Paulus. „Meine Reiterstatuen drücken die Beängstigung aus, die mir die Ereignisse meines Zeitalters verursachen. Die Unruhe meiner Pferde wächst mit jedem neuen Werk; die immer kraftloser werdenden Reiter haben die Herrschaft über die Tiere verloren, und die Katastrophen, denen sie erliegen, gleichen jenen, die Sodom und Pompeji vernichtet haben. Ich suche so, das letzte Stadium in der Auflösung eines Mythos zu versinnbildlichen, des Mythos vom heldenhaften, siegreichen Individuum, vom Uomo di virtù (tugendhaften Menschen) des Humanisten.“18
Wenn man die Sprache der Bildbotschaft nicht oder nur teilweise versteht, kann es sich also lohnen, einen „Übersetzer“ beizuziehen. Dieser – ein ausgebildeter Kunsthistoriker oder ein Führer in Buchform oder auch nur eine Kurzbeschreibung in einem Museumsprospekt – wird uns bei der Übersetzung helfen und zusätzliche Informationen liefern. Diesen Aufwand sollte man nicht scheuen, wenn man sich mit Kunst vertiefter auseinandersetzen will. Gerade da, wo der Zugang zu einem Kunstwerk oder einem Künstler schwerfällt, kann eine gute, fundierte Führung zu Aha-Erlebnissen verhelfen. In diesem Sinne ist auch das am Anfang des Kapitels zitierte Burckhardt-Wort zu verstehen. Freilich kann man sich in diesem Zusammenhang fragen, ob das Publikum nicht auch mit etwas mehr Entgegenkommen seitens der Künstler rechnen darf. Etwa nach folgender (von der Autorin erdachter) Variante des Zitates von Jacob Burckhardt.
Das modifizierte Zitat zum Thema: Jeder geistige Genuss führt etwas Arbeit mit sich; so wird man auch dem Kunstpublikum irgendwie entgegenkommen müssen, wenn man es nicht völlig übergehen will.
Diese Forderung scheint gerade bezüglich der Gegenwartskunst ihre Berechtigung zu haben. Denn je mehr ein Künstler sich seiner eigenen Sicht der Welt verschreibt, und je mehr er sich von der Abbildung der Realität entfernt, desto weniger kann er mit dem Publikumsverständnis rechnen. In der Tat spricht man von einer Schere, die sich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – seit der Teilung der Kunst in die obengenannten „Ismen“ – also zwischen Publikumsgeschmack und künstlerischer Entwicklung aufgetan hat. In gleichem Maß, wie sich der Künstler seiner persönlichen Sicht der Dinge verpflichtete und nicht mehr die Welt als solche abbildete, ging er auf Distanz zur Mehrzahl der Betrachter. Eine Entfremdung, die zum Teil durch die Zeit wieder wettgemacht werden konnte. Das zeigt das Beispiel der impressionistischen Kunst, die zuerst abgelehnt wurde, heute aber als Publikumsmagnet wirkt.19 Andererseits kann der Faktor Zeit der Verständlichkeit auch hinderlich sein. Bei Themen nämlich, die uns heute nicht mehr geläufig sind, also etwa bei der Darstellung von Heiligen mit ihren Attributen, bei Allegorien, bei biblischen Szenen und solchen aus der Mythologie (vgl. Kapitel Historienmalerei).
Wie ein Bild spricht oder eben nicht spricht, zeigt uns im Übrigen die folgende Anekdote.
Die Anekdote zum Thema: Der Maler Annibale Carracci (1560 – 1609) wurde einmal gefragt, welcher seiner beiden Schüler, die in der gleichen Kirche ein Bild zum gleichen Thema gemalt hatten, die Aufgabe besser gelöst hätte. Lange wusste er nicht, welcher mehr Lob verdient hätte, bis ihm eines Tages eine alte Frau die Augen öffnete. Mit einem kleinen Mädchen an der Hand blieb sie zuerst vor dem einen Gemälde stehen. Ihr Blick schweifte nach allen Seiten, um es ganz zu beschauen. Sie sagte aber kein Wort und drückte auch sonst in keiner Weise eine Gemütsbewegung aus, die das Werk bei ihr hervorgerufen hätte. Dann wandte sie sich dem anderen Gemälde zu. Kaum hatte sie dies getan, begann sie auch schon dem Mädchen die dargestellten Figuren zu erklären. Und so betrachtete sie eine Figur nach der andern, indem sie mit dem Finger darauf wies. Mit Vergnügen erklärte sie in dieser Weise dem Mädchen, dem es ebenfalls zu gefallen schien, die Handlungen. „Jetzt seht ihr“, schloss Annibale, „wie ich zu verstehen gelernt habe, welcher von unseren beiden Malern die Affekte lebendiger ausgedrückt und seine Geschichte klarer dargelegt hat.“ Bei den beiden Schülern Carraccis handelt es sich übrigens um die Maler Guido Reni und Demenichino, die im Auftrag des Kardinals Scipione Borghese (1577 – 1633) das Oratorium S. Andrea in Rom mit zwei Szenen aus dem Leben des Apostels Andreas bemalt hatten.20
Folgen wir der Anekdote, so muss das Kunstwerk offenbar zwei Bedingungen erfüllen, um in der Betrachterin eine Reaktion auszulösen. Es muss sie innerlich bewegen, so erzählt die Frau in der Geschichte „mit Vergnügen“ und das Mädchen hört „mit Gefallen“ zu, und es muss etwas Bekanntes – hier die dargestellten Figuren – veranschaulichen. Die Betrachterin wird also auf der Gefühls- wie auf der Wissensebene „ergriffen“. Wo dies nicht geschieht – wie im Falle des ersten Bildes –, bleibt die Kunst stumm. Gewiss ist es eine Frage der Persönlichkeit, von welchen Bildern wir ergriffen sind oder welche uns gefühlsmäßig ansprechen. Ob wir dagegen Bekanntes in einem Bild erkennen können, hängt im Wesentlichen von unserem Wissen ab. Oder anders gesagt, ob wir uns in der Kultur, in der Zeit oder Epoche und in der Darstellungsweise, in der das Bild gemalt wurde, auskennen. In der gegenständlichen Malerei – also in der Malerei mit Abbildcharakter – wird uns deshalb das Erkennen von Bekanntem leichterfallen, als in moderner, nichtgegenständlicher Kunst.
Zusammenfassung: Kunst kann als Medium aufgefasst werden, durch das ein Künstler mit seinem Publikum kommuniziert. Sie ist mit einer Universalsprache vergleichbar, die über kulturelle Grenzen hinweg Botschaften verständlich machen kann. Der talentierte Künstler wurde im Laufe der Zeit unter verschiedenen Aspekten gesehen: als der von Gott Inspirierte, der von Natur aus Geniale, der an seiner Begabung Leidende, ja sogar als Kranker und Geisteskranker. Er schafft seine Kunst in einer ihm eigenen Bildsprache. Je mehr wir als Betrachter davon verstehen, umso mehr können wir aus einem Kunstwerk lesen. Sich mit einem Kunstwerk auseinanderzusetzen, kann also für den Betrachter mit etwas Aufwand verbunden sein. Andererseits wurde gezeigt, dass auch vonseiten des Künstlers eine Aufgabe zu erfüllen ist, nämlich dem Publikum einen Schritt entgegenzukommen. Wo dies nicht oder nur ungenügend geschieht, müssen die Museen und Ausstellungsmacher eine vermittelnde Rolle übernehmen. Als Publikum haben wir zwei Möglichkeiten, auf ein Kunstwerk zu reagieren: mit dem Bauch und mit dem Kopf.

Nur keine falschen Hemmungen!
3|1 Ihr Bauchgefühl oder: Wie Sie einen persönlichen Zugang zu Kunst finden
Sie sind gefragt: Welche Haltung würden Sie beim Betrachten eines Bildes vorziehen?
1. Vor ein Bild hat jeder sich hinzustellen wie vor einen Fürsten, abwartend, ob und was es zu ihm sprechen werde.21
2. [Die Bilder] beunruhigen den Betrachter; er fühlt: zu ihnen muss er einen bestimmten Weg suchen.22
3. Sie sind der Empfänger einer Bild-Botschaft. Fühlen Sie sich also angesprochen!
Antwort: Ihre Antwort muss sich nicht mit der hier weiterverfolgten Methode decken. Wenn Sie sich aber für Punkt 3 entschieden haben, liegen Sie auf der Linie dieses Buches! Aber: 1 und 2 sind keine Irrwege. Es gibt tatsächlich Kunstwerke, die einen überwältigenden Eindruck machen und den Betrachter vor Ehrfurcht erstarren lassen. Andere faszinieren, und man versucht herauszufinden weshalb.
Fühlen Sie sich einfach einmal angesprochen! Die erste Reaktion beim Betrachten eines Kunstwerkes läuft bei den meisten Menschen auf die Beurteilung gefallen beziehungsweise nicht gefallen hinaus. Wir reagieren damit nicht anders, als wenn wir einen Menschen kennenlernen: Wir fällen eine spontane, mehr oder weniger bewusste Entscheidung: sympathisch – unsympathisch beziehungsweise gefallen – nicht gefallen. Wenn wir uns etwas näher mit einem Menschen auseinandersetzen, fragen wir uns, weshalb wir ihn sympathisch beziehungsweise unsympathisch finden. Genauso können Sie sich beim Kunstwerk fragen, weshalb es Ihnen gefällt oder nicht. Es genügt schon, wenn Sie die Entscheidung begründen: Dieses Bild gefällt mir, weil … Hier können Sie nun das Passende einsetzen, also etwa: … weil es in meinen Lieblingsfarben gemalt ist; weil es mich an … erinnert; weil ich auch gerne so malen würde; weil ich es einfach schön finde; weil es in mir ein Gefühl von … auslöst etc. Analog verfahren Sie bei Nicht-Gefallen: Dieses Bild gefällt mir nicht, weil … mir das Sujet nichts sagt; weil mir zu viel Farbe drauf ist; weil es mich abstößt, weil ich es langweilig finde etc. Sie haben damit Ihr Urteil des Gefallens beziehungsweise Nichtgefallens begründet und als ein Angesprochener auf die Mitteilung reagiert.
Die Anekdote zum Thema: Über einen Besuch Aurelio Luinis in Tizians Atelier wird erzählt: „Er sah ein wunderbares Landschaftsbild, das Tizian im Hause hatte. Auf den ersten Blick hielt Aurelio es für eine Schmiererei. Nachdem er aber zurückgetreten war, schien es ihm, aus größerer Distanz, als ob ihm das Bild die Sonne leuchtete und die Straßen vor ihr nach allen Seiten zurückwichen.“23
Wie bei Menschen kann es auch beim Kunstwerk sein, dass Sie nach näherem Kennenlernen Ihr erstes Urteil überdenken oder gar revidieren müssen. Dies kann geschehen, indem Sie es differenzieren. Vielleicht sticht Ihnen in einem Bild, das Ihnen grundsätzlich missfällt, doch noch etwas ins Auge, das Sie gelungen finden. Möglicherweise gefallen Ihnen die Farben, obwohl Sie die Figuren unschön finden, oder Sie finden ein Bild kitschig, aber technisch gut gemalt, oder Sie fühlen sich auf gut Deutsch „verarscht“, und trotzdem finden Sie die Idee des Künstlers originell, oder Sie würden ein bestimmtes Bild nie in Ihre Wohnung hängen, können es sich aber gut in einem öffentlichen Raum vorstellen. Allein aufgrund dieser persönlichen Annäherung findet eine Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk statt und Sie lernen schon einiges über das Werk.
3|2 Was Ihnen Ihr Kopf sagt oder: Wie Sie einen sachlichen Zugang finden
Diesem ersten persönlichen Schritt auf ein Bild zu kann nun ein sachlicher folgen, eingeleitet durch die Frage: Was sehe ich? Vielleicht fällt Ihnen – noch bevor Sie Einzelheiten betrachten – auf Anhieb ein vorherrschendes Bildthema auf. Dann benennen Sie es. Das können ein Blumenstrauß, eine Küchenszene, eine weiße Leinwand sein. Nun wenden Sie sich – wenn vorhanden – den übrigen Bestandteilen zu: der Umgebung des Blumenstraußes, dem Hintergrund oder den Nebenschauplätzen der Küchenszene. Danach können Sie ins Detail gehen. Es gibt Bilder, bei denen man sich in den Details verlieren kann, da erkennt man noch die Fliege auf der Birne, den Wasserbeschlag am kühlen Bierglas oder das einzelne Haar des Pelzbesatzes. Der genaue Blick kann Ihnen aber noch ganz andere Einzelheiten offenbaren. Treten Sie doch noch einen Schritt näher an das Bild – so nahe es die Sicherheitsvorkehrungen des Museums Ihnen erlauben – und schauen sich den Farbauftrag an, Sie werden staunen, was Sie da entdecken: Da sieht man ja die einzelnen Pinselstriche! Sind das überhaupt Pinselstriche oder hat der Maler da eine andere Technik verwendet? Da schaut noch die Leinwand zwischen der Farbe hervor! Oder: Dieses Grün ist ja eigentlich ein Schwarz-Blau! Nachdem Sie sich auf diese Weise eine Übersicht verschafft haben, werfen Sie nun einen Blick auf die Begleittafel. Sie liefert Ihnen sachdienliche Hinweise, wie den Namen des Künstlers, Titel, Technik, Jahr und eventuell Herkunft des Bildes. Bei Reproduktionen in Büchern ist zudem unbedingt die Formatangabe zu beachten.
Die Anekdote zum Thema: Der englische Maler Joshua Reynolds bemerkte voller Bitterkeit, dass britische Reisende, anstatt sich der Schönheit der berühmten Werke zu widmen, nur das Thema wissen wollen, den Namen des Malers, die Geschichte der Skulptur und wo sie gefunden wurde, und dieses dann aufschrieben. „Manche Engländer kamen in den Vatikan, als ich dort war, verbrachten sechs Stunden damit, das aufzuschreiben, was der Reiseführer ihnen diktierte. Sie schauten die ganze Zeit so gut wie nie auf die Bilder.“24
Sie sind gefragt:
Wie gehen Sie mit dem Bild auf der rechten Seite um? Hier die Hilfestellungen:
1 Gefallen/Nichtgefallen
2 Begründen
3 Differenzieren
4 Hauptthema
5 Details/genauer Blick
6 Begleittafel
Antwort: Nachdem Sie die ersten drei Punkte individuell für sich beantwortet haben, setzen wir unsere Betrachtung mit dem Bildthema fort. Hauptgegenstand ist zweifellos ein Paar. Als weitere Bestandteile erkennt man einen Innenraum, der offenbar ein Schlafzimmer ist, denn auf der rechten Bildseite befindet sich ein Himmelbett ganz in Rot. Im Bildhintergrund steht eine Liege oder eine ebenfalls mit roten Kissen bedeckte Bank. Von der Decke herab ragt ein mehrarmiger Leuchter. Zwischen dem Paar an der Wand im Hintergrund hängt ein runder Spiegel. Auf der linken Bildseite befindet sich ein geöffnetes Fenster. Auf dem Fußboden vor dem Paar steht ein kleiner Hund. Außerdem fallen zwei Paar Schuhe auf, die einen gut sichtbar in der unteren Bildecke, links des Mannes, die anderen von dominanter roter Farbe, etwas im Hintergrund, zwischen dem Paar vor dem Liegebett. Wir stellen fest, dass die Farben Grün, Rot und Braun dominieren und die Szene sehr genau und detailgetreu gemalt ist. Des Weiteren ersehen wir aus der Kleidung des Paares und der Einrichtung des Raumes, dass es sich um eine ältere Darstellung handelt. Je nachdem, wie gut sich jemand in Kostümkunde und Interieurs auskennt, lässt sich sogar das Jahrhundert bestimmen. Die pelzbesetzten Gewänder der Dargestellten, die kunstvolle Fältelung am Kleid der Frau sowie ihre spitzenbesetzte Haube lassen zudem auf begüterte Verhältnisse schließen. Die Einrichtung des Raumes bestätigt diesen Eindruck. Geht man nun ins Detail, erkennt man, dass auf dem Leuchter eine einzige Kerze steckt, die angezündet ist. Zudem wird die ganze Szene vom Spiegel wiedergegeben. Über dem Spiegel ist in verschnörkelten Buchstaben eine Inschrift an die Wand gemalt. Scharfe Augen vermögen die Worte „Johannes de Eyck fuit hic“ (Johannes van Eyck war hier) zu entziffern.

Abb. 13:
Wenn Sie dieses Bild im Original an seinem Stammplatz in der National Gallery in London oder als Abbildung in einem Buch sehen, erhalten Sie noch die folgenden Angaben mitgeliefert: >
Künstler: Jan van Eyck Titel: Die Arnolfini-Hochzeit Datierung: 1434
Technik: Öl auf Holz
Größe: 82 x 60 cm
Standort:
National Gallery, London
Was Sie vielleicht schon vermuteten, erschließt sich nun aus der Bildlegende: Es handelt sich um die Darstellung eines Hochzeitspaares, dem Namen nach eines italienischen. Tatsächlich ist es der Spross einer Kaufmanns- und Bankiersfamilie, Giovanni Arnolfini, mit seiner Braut Giovanna Cenami. Vielleicht tippten Sie sogar bei der Datierung ins 15. Jahrhundert richtig. (Hier soll man ruhig auch Spaß am Spiel haben!) Der Name des Künstlers schließlich verweist auf eine nördliche Herkunft, im Falle van Eycks auf das flämische Brügge. Der Maler ist kaum erkennbar im Spiegel zwischen den Eheleuten abgebildet. Was wir aber aus einer Reproduktion nicht erschließen können, ist die Größe eines Bildes. Mit den genannten Maßen von nicht einmal einem Meter Höhe und einer Breite von etwas über einem halben Meter ist das Bild möglicherweise kleiner beziehungsweise größer, als wir es uns vorgestellt hätten.
Aus der Bildlegende erfährt man also einiges, unter anderem, dass zwischen unserer Gegenwart und dem Entstehungsjahr des Bildes eine Zeitspanne von fast sechshundert Jahren verflossen ist. Dass wir heutigen Betrachter das Bild anders wahrnehmen als ein Mensch des 15. Jahrhunderts, versteht sich von selbst. Es kann denn auch ganz spannend sein, herauszufinden, was ein Zeitgenosse von van Eyck alles in der Arnolfini-Hochzeit „mitgelesen“ haben könnte. Vieles ist uns dank der kunstgeschichtlichen Erforschung der Bildinhalte und der Symbolik auch heute bekannt. Generell können wir davon ausgehen, dass in einem Bild aus dem 15. Jahrhundert jeder Gegenstand, ja, jede Geste eine Bedeutung haben konnte. Einige der wichtigsten seien hier genannt:
| Hund: | Symbol der Treue |
| Spiegel: | einerseits (Selbst-)Erkenntnis, Wahrheit, andererseits Eitelkeit, Wollust |
| ausgezogene Schuhe: | Betreten von heiligem Boden |
| Bett: | Hochzeitssymbol |
| Kopfbedeckung: | Zeichen der verheirateten Frau |
| Leuchter/Kerze: | begleitet das Ablegen eines Eides, das allwissende Auge Gottes |
| Orangen: | Symbol der Fruchtbarkeit |
| Apfel: | Symbol des verlorenen Paradieses |
Was machen wir aber mit einem ungegenständlichen Bild der folgenden Art?

Abb. 14: Mark Rothko, Four Darks in Red (Vier Dunkelheiten in Rot) 1958, Öl auf Leinwand, 2,59 x 2,94 m Whitney Museum of American Art, New York
Gehen Sie genau gleich vor wie im ersten Beispiel. Stellen Sie sich die Frage, ob Ihnen das Bild gefällt, fragen Sie sich anschließend genauer, was Ihnen gefällt beziehungsweise nicht gefällt. Gehen Sie dann einen Schritt weiter und stellen Sie fest, was Sie sehen. Hier könnte die Antwort folgendermaßen lauten: Ich sehe vier dunkle Flächen/Streifen auf einem roten Grund. Zwischen jedem Streifen schimmert ein schmaler Streifen des roten Grundes durch. Die drei oberen Flächen erstrecken sich über die gesamte Bildbreite, während die untere von der roten Farbe eingerahmt wird. Der oberste Streifen ist der schmalste. Er ist von dunkelgrüner Farbe. Die folgende Fläche dominiert die anderen durch ihre Größe und ihre dunkle Farbe. Die zwei unteren Streifen haben in etwa den gleichen oliven Farbton, der das Rot des Untergrundes durchscheinen lässt. Geben Sie dem Bild nun einen Titel oder ein Thema. Also etwa „Vier dunkle Flächen auf rotem Grund“ oder „Der schwarze Balken“. Vielleicht erinnern Sie die vier Streifen auch an Dünen, einen Sandstrand und das Meer mit einem Streifen Himmel im Hintergrund. Dann nennen Sie es „Am Meer“ …
Sie werden merken, dass es gar nicht so einfach ist, dieses an sich schlichte Bild zu beschreiben. Versucht man es trotzdem, wird man gezwungen, genau hinzusehen. Welche Formen sind vorhanden, in welchem Verhältnis stehen sie zueinander? Wie beschreibe ich die Farbtöne, die Nuancen etc.? Diese Fragen schulen unser Auge. Wir haben also durchaus einen Gewinn, wenn wir ein Bild genau betrachten, selbst dann, wenn es uns auf den ersten Blick vielleicht nichts bedeutet.
Notabene: Hier stößt man allerdings an die Grenzen der Reproduzierbarkeit. Denn Farben weichen in der Wiedergabe oft beträchtlich von Originaltönen ab. Zudem ist es nur begrenzt möglich, Farbmischungen wiederzugeben.
Auf die Bedeutung der Größe eines Bildes haben wir schon hingewiesen. So macht es einen wesentlichen Unterschied, ob man die Vier Dunkelheiten in Rot in der Originalgröße von 2,59 x 2,94 m oder in einer Reproduktion von einem Zwanzigstel der Größe sieht. Nicht nur die Wirkung ist eine andere, auch der Betrachter verhält sich ganz anders. Steht man vor dem fast drei Meter hohen Original, so reicht es nicht, lediglich die Augen zu bewegen, um das Bild zu erfassen. Man muss dazu schon den Kopf bewegen oder gar von einer Seite zur anderen gehen. Will man gar das Bildganze überschauen, ist man gezwungen, sich davon zu entfernen. Gleich wie bei einem Fotoapparat ohne Zoom. Erst aus der richtigen Entfernung kann man das Bild überblicken. Aus der Nähe ist man dagegen gleichsam im Bild drin. Möglicherweise ist es auch die Intensität der Farbe, die Sie dazu nötigt, zurückzutreten. So viel Rot muss man schon aushalten können! Diese Eindrücke versagt die Reproduktion, von ihr erhält man lediglich eine Idee des Bildes. Es lohnt sich also, Kunstwerke – wo immer dies möglich ist – im Original zu betrachten, um ihre tatsächliche Wirkung zu erleben.
Nachdem Sie ein Bild in seiner formalen und allenfalls inhaltlichen Dimension erfasst haben, kann noch ein dritter Schritt folgen. Er betrifft nun die geistige Dimension eines Werkes. Dieser Zugang ist freilich nicht immer gegeben und fordert vom Betrachter Zeit und Muße. Trotzdem kann es sein, dass ein bestimmtes Werk in einer Ausstellung Sie nicht mehr loslässt und Sie zum Verweilen oder mehrmaligen Zurückkehren einlädt. Vielleicht können Sie den Grund dieser Attraktion sofort benennen. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass Sie vorerst nicht in Worte fassen können, was Sie anzieht. Eine solche Faszination könnte man am besten – um nochmals auf das Kommunikationsmodell zurückzukommen – mit nonverbaler Kommunikation vergleichen. Es sind gleichsam unterschwellige oder begleitende, nicht benennbare Bildaspekte, die zu uns sprechen und die einem Bild eine Bedeutung verleihen, die Form und Inhalt übersteigt. Es ist dann, als würde über das Materielle hinaus – und dies ist ganz ohne esoterischen Beigeschmack zu verstehen – der Geist des Malers die Bildatmosphäre durchdringen. Oder wie es der bekannte deutsche Kunsttheoretiker Werner Schmalenbach in seinem ebenso lesens- wie liebenswerten Buch Über die Liebe zur Kunst und die Wahrheit der Bilder formulierte: „In dem, was auf dem Bild passiert, […] ist natürlich Geistiges enthalten.“25 Das löst möglicherweise Fragen nach der Persönlichkeit des Malers, nach seiner Verfassung, nach seiner Motivation aus, die uns sozusagen in Konversation mit dem Werk bringen. Wenn Sie ein Werk derart ausloten, kann es auch hilfreich sein, mit jemandem darüber zu sprechen.
Das Zitat zum Thema: „Das Besondere der Kunsterfahrung ist jedoch, dass Reiz und Reaktion sich gegenseitig beeinflussen und verändern. Mit dem Empfinden wächst auch die Empfindungsfähigkeit, mit dem Sehen das Gespür für das Ansehnliche und mit dem Betrachten die Mündigkeit des Betrachters.“26
Zusammenfassung: Gehen Sie selbstbewusst auf ein Kunstwerk zu und fühlen Sie sich angesprochen! Gehen Sie von Ihrem „ersten Eindruck“ aus und versuchen Sie ihn zu begründen (gefällt mir/gefällt mir nicht, weil …). Machen Sie noch einen Schritt weiter und differenzieren Sie. Wenn Ihnen ein Bild also nicht gefällt, so suchen Sie nun etwas, das Sie trotzdem anspricht und umgekehrt. Und schließlich tragen Sie innerlich zusammen, was Sie sehen, und geben dem Bild einen Titel oder ein Thema. Scheuen Sie sich nicht, ein Werk, das Sie anspricht, weiter auszuloten.

Schubladen, die für Ordnung sorgen
Ordnung muss sein!
Sie sind gefragt: Blättern Sie doch einmal Ihr Fotoalbum oder klicken Sie Ihre letzte Foto-CD aus dem Urlaub durch. Welche sind Ihre Lieblingsmotive? Kreuzen Sie an:
❑ Landschaftsbilder
❑ Gebräuche und Sitten
❑ Familienmitglieder, Freunde, Bekannte
❑ Blumen und Tiere
❑ Hübsche Details
❑ Bauwerke
Vielleicht haben Sie keine besondere Vorliebe und Ihre persönlichen Bildmotive kommen alle etwa gleich häufig vor. Wahrscheinlich bewahren Sie Ihre Fotos auch nicht nach Sujets geordnet auf, sondern chronologisch nach Ereignissen. In der bildenden Kunst kann es aber durchaus hilfreich sein, Themen oder Motive zu unterscheiden. So sind gerade Sonderausstellungen von Museen häufig einem bestimmten Thema, Motiv oder einer Gattung gewidmet. Bildgattungen sollen uns helfen, Kunstwerke nach ihrer Thematik einzuordnen. Sie bieten ein objektives Hilfsmittel – wie die erwähnte Bildlegende – in der Auseinandersetzung mit einem Werk. Quasi das Album, beziehungsweise die Schublade, in die wir das Werk einordnen können.
Eine andere Methode der „Schubladisierung“ ist die zeitliche Einordnung nach Epochen. Nach diesem Ordnungsprinzip verfahren normalerweise Kunstmuseen mit den Bildern ihrer Sammlung. Wir betreten dann eingangs etwa die Räume mit mittelalterlicher Kunst, um nachher durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart vorzuschreiten. Verfügt ein Museum über viele Werke eines einzelnen Meisters, so können diesem gar einer oder mehrere Räume gewidmet sein. Epochen und Gattungen sind gute Raster, die uns helfen, Bildeindrücke zu ordnen und zu vergleichen.
Die folgenden Kapitel halten sich an die klassischen Bildgattungen, Historie, Porträt, Genre, Landschaft und Stillleben. Weshalb „klassisch“ und weshalb gerade diese Unterscheidungskriterien, mögen Sie sich fragen. Nun, wie so oft hat das eine mit dem anderen zu tun. Die Entstehung der einzelnen Gattungen geht ins 16. und 17. Jahrhundert zurück. In jener Zeit begannen sich verschiedene Maler auf bestimmte Themen zu spezialisieren. Gleichzeitig waren dies auch die großen Jahrhunderte der Akademiegründungen. Die Kunstschulen boten Ausbildungen in verschiedenen Fächern an. Die wohl einflussreichste unter ihnen war die Académie Française des Beaux-Arts in Paris. Sie sorgte nicht nur für ein strenges Aufnahmeverfahren ihrer Kandidaten, sondern auch für einen verbindlichen Fächerkanon, der zur klassischen Ausbildung gehörte. Dieser hat sich bis heute – wenn auch oft totgesagt und vielleicht in Ermangelung einer griffigeren Alternative – als Ordnungsprinzip der Kunstgeschichtsschreibung halten können. Allerdings versagt er da seinen Dienst, wo sich die Kunst auf neue Experimente (vgl. Kapitel Die Moderne) einlässt. Mit dieser Einschränkung scheint man aber gut zurechtzukommen, und so haben die Gattungen als zeitlose (klassische) Kategorien bis heute überlebt. Dabei wurden die genannten Disziplinen lange Zeit keineswegs gleichwertig behandelt, sondern stellten eine Rangfolge – wie aufgezählt – in fallender Wertung dar. Daraus ergibt sich: große Taten berühmter Menschen oder altbekannte Geschichten (Historienbild) vor der Darstellung von (berühmten) Menschen (Porträt), vor der Alltagsdarstellung verschiedenster Menschen (Genre), vor Belebtem (Landschaft, inklusive Mensch und Tier), vor unbelebten Gegenständen (Stillleben).
Im Folgenden wird die Hierarchie etwas durcheinandergebracht: Ausgehend vom Porträt steigen wir die Stufenleiter sukzessive bis zum Stillleben hinunter, um uns schließlich wieder zur Historie emporzuschwingen. Dieses zwanglose Vorgehen hat den Vorteil, dass einzelne Aspekte und Entwicklungen bereits besprochen und für das letzte Kapitel vorausgesetzt werden können, sodass das Kapitel Historie sich dann ganz dem Inhaltlichen widmen kann.
4|1 Porträtmalerei – Wie hätten Sie’s denn gern?
Sie sind gefragt: Was wäre Ihnen wichtig, wenn Sie sich porträtieren ließen? Kreuzen Sie an!
a) ❑ Das Porträt soll mir möglichst ähnlich sehen.
b) ❑ Das Porträt soll mich möglichst vorteilhaft zeigen.
c) ❑ Der Künstler soll mich zeigen, wie er mich sieht.
d) ❑ Es ist egal, wie ich aussehe, Hauptsache das Porträt stammt von einem berühmten Maler.
Antwort:
a) Hand aufs Herz: Diese Antwort braucht möglicherweise etwas Mut. Denn so ganz ungeschönt und ehrlich (oder vielleicht doch etwas überspitzt?) porträtiert zu werden, wie hier die Madame de Tournon, braucht ein gesundes Selbstbewusstsein oder doch einen so versierten Maler wie Jean-Auguste-Dominique Ingres. Die meisten von uns sind ja keine Fotomodelle.

Abb. 15: Jean-Auguste-Dominique Ingres Madame de Tournon 1812, Öl auf Leinwand, 92 x 73 cm Philadelphia Museum of Art
Hintergrund zum Bild: Ingres finanzierte sich einen längeren Italienaufenthalt durch Porträtmalerei. 1812 erhielt er vom damaligen Präfekten von Rom den Auftrag, dessen Mutter zu porträtieren. Eine Aufgabe nicht ohne Tücken, die der Maler jedoch geschickt löste: Wohl ganz den Tatsachen verpflichtet, besticht das Porträt nicht durch Schönheit, sondern durch einen äußerst intensiven Gesichtsausdruck. Leicht distanziert, leicht ironisch, dabei warm und wissend ist der Blick der Tournon, gleich demjenigen einer Frau, die viel gesehen und erlebt hat.
Antwort b) finden Sie auf S. 41
Antwort c) finden Sie auf S. 47
Antwort d) finden Sie auf S. 50
4|1|1 Was ist ein Porträt?
Die oben gestellte Frage hat uns bereits mit zwei grundlegenden Kennzeichen des Porträts konfrontiert, nämlich mit der Ähnlichkeit und mit der Vorstellung des Künstlers beziehungsweise der künstlerischen Auffassung. Die verschiedenen Lösungen zeigen zudem, dass offenbar nicht immer beides in Übereinstimmung gebracht werden kann. In der Tat lebt das Porträt von der Spannung zwischen Abbildfunktion und Ausdruckskraft des Künstlers. Ein Konflikt, der seit dem – wenn wir so wollen – ersten künstlerischen Schöpfungsakt besteht und hier archetypisch für alle Bildnisse zitiert werden soll:
Das Zitat zum Thema:
„Nun wollen wir den Menschen machen, ein Wesen, das uns ähnlich ist! … Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, er schuf Mann und Frau.“ (Gen. 1, 26.27)
„Gott hatte den Menschen als sein Ebenbild gemacht; als Mann und Frau hatte er die Menschen geschaffen, hatte sie gesegnet und ihnen den Namen, Mensch‘ gegeben.“ (Gen. 5, 1.2)
Liest man die beiden Zitate genau, stellt man fest, dass bezüglich der Urheberschaft beträchtliche Unklarheit vorliegt. Wie ist die Mehrzahl zu interpretieren, in der Gott von sich selbst redet? Spricht er von sich im sogenannten Majestätsplural, wie es Könige zu tun pflegten? Ist er im Gespräch mit Jesus, wie auch schon vermutet wurde? Oder geht er tatsächlich von sich als einem als Mehrzahl existierenden Wesen aus? Fest steht, dass offenbar die Gottes-Ähnlichkeit erst durch zwei Geschlechter gewährleistet ist. Deutungsspielraum lässt zudem die Formulierung, nach seinem Bild. Sie stellt uns vor die Frage, ob damit nach dem Aussehen, entsprechend der äußeren Erscheinung, oder nach der Vorstellung, entsprechend einem inneren Bild, gemeint ist. Auch wenn diese Fragen nicht schlüssig beantwortet werden können, demonstrieren sie doch die Wechselbeziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf, die bestimmend für die Gattung Porträt ist.
Wenden wir uns nun aber einem ganz konkreten Punkt des Zitats zu. Vielleicht ist es Ihnen beim Lesen auch aufgefallen: Als weiterer wichtiger Aspekt des Porträts wird der Name ins Spiel gebracht. Wie wichtig die Namensnennung ist, erkennt man leicht beim Durchblättern eines Familienalbums. Die Fotos sind in der Regel mit einem Begleittext versehen, in dem der Name der Abgebildeten und das Aufnahmedatum genannt werden. Fehlt das eine oder das andere, wird die Zuordnung schwierig oder ist gar nicht möglich. Porträts verlangen also geradezu nach einer Namensnennung und einer Datierung, um eindeutig zu sein. Sie garantieren die Identifikation der Personen auch bei zeitlicher Distanz.
Notabene: Das wohl berühmteste Porträt, die Mona Lisa von Leonardo da Vinci, ist nicht zuletzt deshalb so geheimnisvoll, weil man bis heute nicht genau weiß, wer die Abgebildete ist. Der Bildtitel stammt nämlich nicht von Leonardo, sondern von dessen Biograf Giorgio Vasari. Demnach war die Mona (Madonna) Lisa (Elisabetta) die Frau des Marchese Francesco di Bartolomeo di Zanobi del Giocondo. Von dessen Namen leitet sich auch die zweite gebräuchliche Bezeichnung des Bildes La Gioconda ab.27
Definition: Im Bewusstsein der aufgezeigten Schwierigkeiten von Abbildfunktion und künstlerischem Ausdruck schließen wir uns der folgenden Definition von Porträtmalerei an:
Ein Porträt ist ein Gemälde, eine Fotografie, eine Plastik oder eine andere künstlerische Darstellung einer oder mehrerer Personen. Die Absicht eines Porträts ist, neben der Darstellung körperlicher Ähnlichkeit auch das Wesen beziehungsweise die Persönlichkeit der porträtierten Person zum Ausdruck zu bringen.28

Abb. 16: Leonardo da Vinci Mona Lisa (La Gioconda) um 1503 – 1506, Öl auf Pappelholz 76,8 x 53 cm, Louvre, Paris
4|1|2 Von wahrer Geistesgröße und weiblichen Kleiderstöcken – Der Künstler als Porträtist
Vergegenwärtigen wir uns doch einmal eine Porträtsituation. Zwei Persönlichkeiten treffen aufeinander: die des Künstlers und die des Modells. Vielleicht kennen sie sich schon, vielleicht aber auch nicht. Der Maler ist der Aktive, das Modell dagegen ist zum Stillsitzen verurteilt. Der Künstler steht unter einem gewissen Leistungsdruck, denn immerhin soll er in einer vernünftigen Zeit ein annehmbares Resultat erbringen. Der Porträtierte mag wohl, je nach Persönlichkeit, von einem gewissen Unbehagen oder Ungeduld geplagt sein. Alles in allem eine eher unangenehme Ausgangslage. Doch lassen wir doch einen Betroffenen sprechen, den Schriftsteller Émile Zola, der von einer Sitzung beim Maler Édouard Manet (1832 – 1883) berichtet:
„Ich erinnere mich an die langen Stunden des Stillsitzens. Während meine regungslosen Glieder allmählich einschliefen, während mein Blick in dem hellen Licht ermüdete, kamen mir immer wieder wie ein leises dumpfes Brausen dieselben Gedanken. (…) Bisweilen sah ich im Halbschlaf des Posierens den Künstler an, der mit angespanntem Gesicht und leuchtenden Augen ganz in seiner Arbeit versunken vor der Leinwand stand. Er hatte mich vergessen, er wusste nicht mehr, dass ich da war, er malte mich ab, wie er jedes andere Lebewesen gemalt hätte, mit einer Aufmerksamkeit, einer künstlerischen Gewissenhaftigkeit, die ich nirgendwo sonst je gesehen habe.“29
Was hingegen in einer vergleichbaren Situation im Kopf eines Künstlers vorgehen kann, beschreibt der Maler Francis Bacon (1909 – 1992) folgendermaßen:
„So habe ich neulich den Kopf von jemandem gemalt, und was die Augenhöhlen, die Nase, den Mund darstellte, waren, wenn man es genau untersucht, einfache Formen, die nichts zu tun hatten mit Auge, Nase, Mund; aber die Art, wie sich Farbe von einer Kontur in die andere hineinbewegte, schuf eine Ähnlichkeit mit dem Menschen, den ich zu malen versuchte. (…) Dann am nächsten Tag habe ich versucht, das noch weiterzutreiben, es noch klarer herauszuarbeiten, noch näher heranzugehen, und ich habe dabei das Bild vollständig verloren, weil eben ein solches Bild ein Seiltanz ist zwischen dem, was man figurative Malerei nennt, und der Abstraktion. (…) Es ist ein Versuch, das Figurative schärfer und durchdringlicher auf das Nervensystem einwirken zu lassen.“30
Das Resultat einer Porträtsitzung wird je nach Zeitalter und Maler anders ausfallen: Während einmal das Individuelle betont und Wert auf eine detailgetreue Wiedergabe gelegt wird, ist in einer anderen Epoche das Idealtypische ausschlaggebend. Während der eine Künstler um größtmögliche äußere Ähnlichkeit bemüht ist, versucht der andere das Wesen der Abgebildeten einzufangen, und einen Dritten – wie etwa Pablo Picasso (1881 – 1973) in der folgenden Anekdote – kümmert beides nicht. Was bei Picasso zählt, ist seine ganz persönliche Sichtweise. Zur Wiedererkennung sollen ihm zwei Accessoires genügen:
Picasso antwortete einer Dame, die sich ein Porträt wünschte und nach einem Termin für eine Modellsitzung fragte: „Ach was, Sie müssen mir nur eine Haarlocke und Ihre Halskette schicken.“31

Abb. 17: Gian Lorenzo Bernini Ludwig XIV. (Büste) 1665, weißer Marmor H: 105 cm; B: 99 cm, T: 46 cm Schloss Versailles, Frankreich
Etwas kniffliger war die Aufgabe freilich, wenn es galt, einen Monarchen zu porträtieren. Dass der Barockkünstler Gian Lorenzo Bernini (1598 – 1680) dieser Herausforderung gewachsen war, belegen die Aufzeichnungen eines Zeitgenossen. In seinem Tagebuch bespricht Paul Fréar de Chantelou (1609 – 1694) die Entstehung und (Zwischen-)Resultate der berühmten Büste Ludwigs XIV., des Sonnenkönigs. Sie gilt – dank Chantelous Schrift – als eines der bestdokumentierten Kunstwerke der Neuzeit.32 Aus dem Tagebuch geht das Ringen um die ideale Form des königlichen Bildnisses hervor, an dem sich offenbar der halbe Hof beteiligte.
Antwort b) zu Seite 38: Bernini ist in diesem Porträt idealisierend vorgegangen. Ludwig XIV. sieht wohl gut aus, ob die Büste ihm aber tatsächlich ähnlich ist, können wir heute – wenn überhaupt – nur noch aus dem Vergleich mit anderen Porträts feststellen.
Das Zitat zum Thema:
„21. August: Bernini bemerkt, der König habe große Augenhöhlen und kleine Augen.
6. September: Bernini stellt fest, die Augen des Königs wirkten etwas tot, manchmal mache er sie kaum auf.
19. September: Herr von Montausier bemängelt, die Büste habe zu große Augen. Chantelou verteidigt dies mit den Worten:, Am lebenden Modell hat es nichts zu sagen, wenn die Augen verhältnismäßig klein sind, aber die tote Masse braucht große Augen, um lebendig zu wirken.‘
29. Juli: Die Stirnbildung der Büste wird von Bernini als zum griechischen Idealtypus gehörig erklärt.
19. August: Der Bildhauer Varin kritisiert, dass Bernini zu viel Marmor an der Stirn abgetragen habe. Chantelou verteidigt dies als Absicht mit dem Argument, dieses Merkmal finde sich an den schönsten Köpfen der Antike. 26. September: Der Abbé Butti meint, man finde allgemein die Stirn über den Augen geschwollen und weiter oben eingedrückt, worauf Chantelou wiederum unter Hinweis auf die Antike erklärt, gerade das gebe der Büste den Ausdruck von Größe. Selbst wenn der König diese Stirnbildung nicht haben würde, hätte man sie in jedem Fall anstreben müssen, solange sie der Ähnlichkeit nicht direkt schädlich geworden wäre.“33
Eine Szene wie aus einer Komödie! Die von Bernini vorgenommenen Manipulationen, die hier von Ludwigs Höflingen kritisiert werden, dienten übrigens einem ganz bestimmten Zweck: Die Gesichtszüge des Sonnenkönigs sollten in Annäherung zu den Bildnissen des antiken Herrschers Alexander des Großen (356 – 323 v. Chr.) gebracht werden. Diese Anpassung ging wohl auf Kosten individueller Züge, ließ aber – für gebildete Zeitgenossen unverkennbar – die Identität eines der größten Herrscher der Antike durchscheinen. Die Idealisierung von Ludwigs Zügen diente somit der Verherrlichung des französischen Königs, der so in die Reihe der größten Herrscher manövriert wurde (vgl. Schlüsselbegriffe).34 Auch Michelangelo soll idealisierend vorgegangen sein, als er für die Bibliothek von San Lorenzo in Florenz die Statuen von Lorenzo und Giuliano de Medici anfertigte. So wird er in einem Brief von 1544 folgendermaßen zitiert – man beachte die Ironie!

Abb. 18: Albrecht Dürer Philipp Melanchthon 1526, Kupferstich, 174 x 127 mm Museum of Fine Arts, Boston
„Als Michelangelo, einzig und einmalig auf der Welt, in der Bibliothek von S. Lorenzo in der Stadt Florenz die hohen Herren des gesegneten Hauses Medici zu skulpieren hatte, da nahm er weder vom Herzog Lorenzo noch vom Herrn Giuliano das Vorbild genau so wie die Natur sie porträtiert und zusammengesetzt hatte, sondern er gab ihnen eine Größe, eine Proportion, eine Schicklichkeit, eine Grazie, einen Glanz, was ihnen, wie er meinte, mehr Lob einbringen würde, wobei er sagte, dass heute in tausend Jahren niemand mehr Kenntnis haben werde, dass sie anders gewesen seien, sodass die Leute, wenn sie sie betrachteten, in Erstaunen geraten würden.“35
Gerade umgekehrt erging es dem deutschen Maler Albrecht Dürer (1471 – 1528). Überwältigt von der Geistesgröße des Melanchthon vermerkte er auf einem Porträt des Humanisten:
Das Antlitz des lebenden Philipp, nicht seine Geistseele, vermochte Dürer mit gelehrter Hand zu malen.36
Wer die Wahl hatte, konnte auch sehr selektiv vorgehen, wie das Beispiel des österreichischen Künstlers Oskar Kokoschka (1886 – 1980) zeigt. Bei ihm musste ein mögliches Modell offenbar zuerst den Filter der Erinnerung passieren: Nur wer sich ihm durch Besonderheiten eingeprägt hatte, durfte mit seiner künstlerischen Zuwendung rechnen. So legt es jedenfalls das folgende Zitat nahe.
„Ich male, was mir im Gedächtnis bleibt; sei es im Gesicht eines Menschen der Blitz des Auges, eine kleine Veränderung der Miene, die innere Bewegung verrät. (...) Darum kann ich nur Porträts von Menschen malen, an denen mir etwas Sehenswertes aufgefallen ist, keine ordenbehängten Herren oder mit Perlenketten garnierte weibliche Kleiderstöcke.“37
4|1|3 Von Herrschern, Händlern und Idolen – Das Porträt im Laufe der Zeit

Abb. 19: Unbekannter Künstler Ägyptisches Mumienporträt einer jungen Frau 42 x 24 cm, Wachsmalerei und Blattgold auf Zedernholz 2. Jahrhundert n. Chr., Louvre, Paris
Zu den frühesten Zeugnissen antiker Porträtkunst zählen griechischrömische Mumienporträts aus dem 1. bis 4. Jahrhundert. Diese Bildnisse wurden bereits zu Lebzeiten angefertigt, um dann anstelle einer Gesichtsmaske am mumifizierten Körper angebracht zu werden.38 Unter römischen Patriziern war es zudem üblich, von einem Verstorbenen eine Wachsmaske im Abdruckverfahren herzustellen. Diese wurde dann in einem Schrein ausgestellt, der sich – für alle Besucher gut sichtbar – im Atrium des Hauses befand. Solche Bildnisse dienten einerseits der Erinnerung, andererseits unterstrich die Zurschaustellung der Ahnen die Herrschaftsansprüche einer Familie.
Ein eindrückliches Beispiel für die Verknüpfung von Erinnerung und Herrschaftsanspruch birgt die Kathedrale St.-Denis in Paris. Diese königliche Grabstätte beherbergt die Sarkophage von über hundert Angehörigen der französischen Königshäuser. Ihre Grabmäler dokumentieren die Kunst des plastischen Porträts vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert. Neben der Aufgabe, die Hinterbliebenen zur regelmäßigen Fürbitte zu ermahnen, dienten diese Grabplastiken der Legitimation eines Herrscherhauses. Die Figuren sind gleichsam Zeugen einer rechtmäßigen Erbfolge. So ist es nicht verwunderlich, dass gerade bei einem Wechsel der Dynastie der erste Vertreter der neuen Herrscherfamilie besonderen Wert darauf legte, seinen Machtanspruch durch eine Grablegung in der Herrschaftslinie seiner Vorgänger zu bekräftigen. In diesem Sinne hatten die Grabplastiken über ihre Aufgabe des Erinnerns hinaus als Stellvertreter zu fungieren.
Hintergrund zum Bild: Um 1263 ließ Ludwig IX., der Heilige, 16 Grabfiguren anfertigen. 14 davon sind noch erhalten. Dieses ehrgeizige Projekt hatte vor allem ein Ziel: das kapetingische Herrscherhaus in der Reihe der beiden Vorgänger-Dynastien der Merowinger und der Karolinger einzuordnen.

Abb. 20: Unbekannter Künstler Grabfigur (gisant) des Karl Martell (Großvater Karls des Großen) der hier postum die Königswürde erhielt. Kathedrale St.-Denis, Paris
Während im Mittelalter die Zeugnisse der Porträtkunst allgemein gering waren und in der Malerei praktisch gar nicht vorhanden, erwachte mit Beginn der Renaissance das Interesse am individualisierenden Bildnis. Eine prominente Stellung in der Entwicklung der Porträtmalerei nimmt die Arnolfini-Hochzeit aus dem Jahre 1432 von Jan van Eyck ein (vgl. Kapitel Was Ihnen Ihr Kopf sagt). Sie haben bereits einiges über dieses Bild erfahren. Hier sei speziell noch einmal auf den Konvexspiegel zwischen den Eheleuten hingewiesen. Dieser gibt gleich einem Panoptikum den ganzen Raum mit allen Anwesenden wieder. Das sind nebst den Brautleuten in Rückenansicht der Maler van Eyck und ein weiterer Zeuge. An der Wand über dem Spiegel findet sich zudem in lateinischen Worten die Inschrift: Johannes van Eyck war hier. Mit diesem Zeugnis scheint gleichsam die Rechtmäßigkeit des Ereignisses dokumentiert. So gesehen erhält das Doppelporträt über den Aspekt des Erinnerns hinaus einen bindenden um nicht zu sagen rechtlichen Charakter, für den der Maler als Zeuge eintritt.

Abb. 21: Jan van Eyck Die Arnolfini-Hochzeit (Detail) 1434, Öl auf Holz, 82 x 60 cm National Gallery, London
Dass hier ein Kaufmann und seine Frau porträtiert sind, weist im Übrigen darauf hin, dass diese Gattung nicht mehr allein dem Adel und dem Klerus vorbehalten war. Auch vermögende Bürgerliche fanden Gefallen an ihren Bildnissen. Zu diesem Einzug des Porträts in die bürgerlichen Kreise hat Jan van Eyck wesentlich beigetragen, war er doch bis weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt für seine Fähigkeit, verblüffende Ähnlichkeit zu erreichen. Gerade Handelsleute, die in Brügge Geschäfte betrieben, ließen sich deshalb gerne – und sei es auf der Durchreise – von ihm malen.39
Die Genauigkeit der Darstellung, für die van Eyck und die niederländischen Maler bekannt waren, griff bald auch auf Italien über. Hier, wo bis weit ins 15. Jahrhundert hinein noch die Darstellung im Profil – wie sie von römischen Münzen bekannt war – bevorzugt wurde, begann sich nun das Gesicht allmählich dem Betrachter zuzuwenden. Es gewann so an Tiefe und Unmittelbarkeit. Ein Eindruck, der noch durch den direkten Blick der Dargestellten auf den Betrachter verstärkt wurde (vgl. Mona Lisa, S. 39).
Ob ein Porträtierter in Profil, Halbprofil oder en face (von der Seite, halb oder ganz dem Betrachter zugewandt) dargestellt wurde, war zunächst abhängig von der landesüblichen Tradition, aber auch von der jeweiligen Mode. Ebenso waren Bildhintergrund und Bildausschnitt bestimmten Vorbildern und Vorlieben unterworfen. In Italien etwa wurden mit der Erfindung der Fluchtpunktperspektive (vgl. Kapitel Die Renaissance) Porträtierte gerne vor monumentalen Architekturen gezeigt. Angereichert mit Symbolen und Allegorien geben sie oft auch detailliert Auskunft über Herkunft, Stand und Status der Porträtierten. Aber auch Landschaften waren beliebte Bildhintergründe. Sie konnten verschieden instrumentalisiert werden und dienten zur Veranschaulichung der Weltläufigkeit einer Person oder gaben Auskunft über deren Besitztümer. So etwa im Doppelporträt der Eheleute Montefeltro und Sforza.
Sie sind gefragt: Betrachten Sie nacheinander je eine Bildhälfte, indem Sie die jeweils andere abdecken. Worauf hat der Maler besondere Sorgfalt verwendet?

Abb. 22: Piero della Francesca Doppelporträt des Federigo di Montefeltro und der Battista Sforza 1472, Tempera auf Holz je 47 x 33 cm, Uffizien, Florenz
Antwort: Sie werden bestimmt festgestellt haben, dass bei der Person der Battista Sforza besonderer Wert auf die genaue Ausführung ihrer Kleider, insbesondere des Brokatstoffes, ihres Schmuckes und ihrer Haartracht gelegt wurde. Ihr vornehm blasses Gesicht wirkt dagegen relativ flächig und leblos. Ganz anders ihr Ehemann: Sein Gesicht ist braungebrannt, präzise modelliert, Runzeln um die Augen- und Kinnpartie sind genau wiedergegeben, ja der Maler scheut sich nicht einmal vor der Darstellung der vier Warzen auf der Wange des Grafen. Sein Rock dagegen ist von ähnlicher Flächigkeit wie das Gesicht seiner Frau, und wenn dieses blendend hell ist, so ist jener nicht weniger intensiv rot.
Notabene: An dieser Stelle sei noch auf zwei Besonderheiten in diesem Doppelporträt hingewiesen.
1. Die Stirne der Battista ist merkwürdig hoch. Verantwortlich dafür ist keine Laune der Natur oder des Malers, sondern die Mode jener Zeit: Frauen rasierten sich die Stirnhaare, sodass die Wölbung des Schädels freigelegt wurde.
2. Das prägnante Profil des Herzogs wurde lange als Adlernase und damit als besondere Adelung seiner Person verstanden. Seine Höckernase hat aber einen ganz praktischen Grund. Der Herzog, offenbar ein Haudegen erster Güte und Feldherr von Beruf, soll bei einem Turnier sein rechtes Auge verloren haben. Um trotzdem einen möglichst breiten Gesichtswinkel zu haben, ließ er sich die Nasenwurzel einschneiden. Piero della Francesca griff bei seinem Porträt wohl auch deshalb auf die Profildarstellung zurück, um den Herzog von seiner unversehrten Seite zu zeigen. Solche Kunstgriffe kommen in der Porträtkunst immer wieder vor.
Im Doppelporträt Montefeltro/Sforza (vgl. Kapitel Landschaftsmalerei) verbindet sich, wie wir sehen, die italienische Profildarstellung mit der nordischen Genauigkeit und der Vorliebe für Landschaften. Die Überlieferung und Verbreitung solcher Bildtypen verweist auf eine rege Reisetätigkeit der Maler, die voneinander lernten und neue Erkenntnisse und Bildschemata weitergaben. Dass dabei oft auch Konkurrenz im Spiel war, belegt die folgende Begebenheit.
Die Anekdote zum Thema: Der deutsche Maler Albrecht Dürer beschwerte sich bei seinem Venedig-Aufenthalt im Jahre 1506 über seine italienischen Kollegen: „Dagegen sind unter ihnen auch die untreuesten, verlogenen, diebischen Bösewichte, von denen ich nicht geglaubt hätte, dass sie auf dem Erdreich lebten. Ich habe viele gute Freunde unter den Italienern, die mich warnen, dass ich mit ihren Malern ja nicht esse und trinke. Auch sind mir ihrer viele feind und machen mein Werk nach in den Kirchen und wo immer sie es bekommen mögen; nachher schelten sie es und sagen, es sei nicht antikischer Art, darum sei es nicht gut.“40

Abb. 23: Giuseppe Arcimboldo Kaiser Rudolf II. als Vertumnus um 1591, Öl auf Holz 70,5 x 57,5 cm Skokloster Slott, Stockholm
An einem Porträt kommt man in diesem Kapitel nicht vorbei. Sie ahnen es, es ist die Mona Lisa von Leonardo da Vinci (1452 – 1519). Es gibt wohl kaum ein anderes Kunstwerk, das über die Jahrhunderte so faszinierte, zu dem so viel geforscht, geschrieben und spekuliert wurde wie dieses Frauenporträt. Dass man dabei kaum zu schlüssigen Erkenntnissen gelangte, berechtigt mehr noch als bei anderen Bildnissen, hier einen ganz persönlichen Zugang zu suchen. Das Bild scheint jenseits von Zeit und Deutungsversuchen zu stehen und für sich zu sprechen (vgl. Seite 39).
Sie sind gefragt: Betrachten Sie dieses Porträt eingehend und lassen Sie sich Zeit dabei.
Antwort: Sie machen gewiss Ihre eigenen Beobachtungen und Erfahrungen mit diesem Bildnis, vielleicht teilen Sie aber auch meine: Erstaunlicherweise scheint sich das Lächeln der Mona Lisa bei längerem Hinschauen zu intensivieren. Es scheint, als würde sich das Gesicht fast unmerklich bewegen, und mit der Zeit hat man das unangenehme Gefühl, man sei nicht mehr Betrachter, sondern der beziehungsweise die Beobachtete! Dieser Eindruck ergibt sich einerseits aus dem direkten Blick der Porträtierten, andererseits aus ihrem gleichsam wissenden Gesichtsausdruck. Ein solcher Ausdruck von Befindlichkeit ist neu und wegweisend für das 16. Jahrhundert und eine Option, die fortan eine wichtige Rolle in der Porträtkunst spielen sollte.
Eine ganz eigene Art des Porträtierens pflegte der italienische Maler Giuseppe Arcimboldo (1526 – 1593) mit seinen collageartigen Kompositbildnissen. Das Herrscherporträt Kaiser Rudolfs II. als Gemüsegarten mag auf Anhieb despektierlich wirken. Doch was uns heute als Kuriosum erscheint, wurde im 16. Jahrhundert als Verherrlichung verstanden: der Kaiser als Vertumnus, als römischer Gott der Jahreszeiten. Er ist die Personifikation lukullischer Fülle und somit Garant für Wohlstand und Wohlergehen. Allerdings vermochte selbst diese sinnbildliche Darstellung nicht darüber hinwegzutäuschen, dass der Herrschaftsanspruch des Kaisers im ausgehenden 16. Jahrhundert im Schwinden begriffen war.
Antwort c) zu Seite 38: Ganz der Vorstellung des Künstlers entspringt das Porträt links unten. Dafür musste der Künstler allerdings bei der Ähnlichkeit Abstriche machen. Eine Tatsache, die Arcimboldo jedoch durch die Idealisierung und Gleichsetzung des Kaisers mit einer antiken Gottheit wohl wieder mehr als wettmachte.
Die Fülle des Garten Eden war bald andernorts zu suchen: Nicht umsonst wird das 17. Jahrhundert in den Provinzen der nördlichen Niederlande das „Goldene Zeitalter“ genannt. Hier, wo der Handel blühte und sich der Wohlstand auf das erstarkende Bürgertum ausbreitete, erlebte auch die Malerei und insbesondere die Porträtmalerei eine ihrer produktivsten Phasen (vgl. auch Kapitel Genre und Landschaft). Nach Schätzungen wurden von den etwa drei Millionen Menschen, die über drei Generationen dieses Land bevölkerten, etwa fünfzigtausend in Bildnissen festgehalten.41 Der Delfter Maler Michiel van Mierevelt allein soll 10.000 Porträts gemalt haben.42 Angesichts einer solchen Leistung versteht es sich von selbst, dass eine gewisse Standardisierung in Körperhaltung und Posen üblich wurde. Häufig arbeitete man auch in Arbeitsteilung: Der Meister selbst war dann nur für das Einfügen der Gesichter verantwortlich, während Körper und Bildhintergrund von anderen Mitgliedern der Malwerkstatt ausgeführt wurden.
Das schöpferische 17. Jahrhundert brachte einige großartige Porträtisten, wie Frans Hals oder Anthonis van Dyck, Peter Paul Rubens und Rembrandt van Rijn, hervor. Zudem wurde in den Niederlanden mit dem Gruppenbildnis bald ein ganz neuer Porträttypus populär. Ein Typus überdies, an dem deutlich wird, wie eng Sozial- und Kunstgeschichte verknüpft sein können, denn die Darstellung ganzer Gruppen, wie sie die Vertreter von Gilden und Schützengesellschaften darstellten, ist nur vor dem Hintergrund der jungen Republik der Vereinigten Niederlande denkbar. Eines der prominentesten Beispiele dieser Kategorie ist Rembrandts Nachtwache.
Hintergrund zum Bild: Das Gemälde mit dem ursprünglichen Titel Kapitän Frans Banning Cocq mit Gefolgschaft, besser bekannt als Die Nachtwache, gibt laut Familienbuch des Kapitäns einen ganz bestimmten Moment wieder: „Der Hauptmann gibt seinem Leutnant den Auftrag, die Bürgerwehr marschieren zu lassen.“43 Der Beiname „Nachtwache“, unter dem das Bild bekannt wurde, gründet auf einem Missverständnis: Die sich im Schatten abspielende Szene mit einfallendem Sonnenlicht wurde als Nacht interpretiert.
Dynamik, Ausstattung und Dramaturgie dieser Szene lassen auf Anhieb eher an ein Historienbild als an ein Porträt denken. Tatsächlich hat Rembrandt mit der Nachtwache die Grenze zur Historie verwischt. Das bis dahin geläufige Aufbauprinzip des holländischen Gruppenbildnisses, das auf der Gleichwertigkeit aller Mitglieder beruhte, wird zugunsten von mehr Bewegung und einer theatralischen Lichtführung aufgegeben. Abgebildet sind hier die prominentesten – und insbesondere die zahlenden – Vertreter der Amsterdamer Schützengilde Kloveniersdoelen. Das Emblem der Truppe findet sich verschlüsselt am Gürtel des Mädchens – wohl eine Marketenderin. Es ist eine Hühnerklaue, auf Holländisch klauw, die wortgeschichtlich auf die kloven, Gewehrkolben, anspielt.44
Das Gemälde, das für den Versammlungsraum der Amsterdamer Schützengilde Kloveniersdoelen bestimmt war, beanspruchte für sich ganz neue Dimensionen. Diese sind auch heute noch beeindruckend, obwohl das Gemälde 1715 auf allen vier Seiten zurechtgeschnitten wurde, um es an seinem neuen Standort im Rathaus einzupassen.

Abb. 24: Rembrandt Harmenszoon van Rijn Kapitän Frans Banning Cocq mit Gefolgschaft, genannt Die Nachtwache 1642, Öl auf Leinwand, 363 x 437 cm Rijksmuseum, Amsterdam
Niederländische Einflüsse gelangten bald auch nach England. Insbesondere durch Anthonis van Dyck (1599 – 1641), der 1632 nach London übersiedelte, wo er bis zu seinem Tode als Hofmaler tätig war. Doch erst das 18. Jahrhundert brachte in England zwei große Porträtmaler hervor.
Sie sind gefragt: Bitte ordnen Sie die beiden Porträts auf der nächsten Seite dem richtigen Maler zu. Die folgenden Angaben sollen Ihnen dabei helfen:
Sir Joshua Reynolds (1723 – 1792): Sohn eines Lehrers, später Präsident der Royal Academy of Art. Verfasser der Discourses on Art (1779 – 1790), schreibt über seinen Malerkollegen Thomas Gainsborough: „Jedenfalls ist es sicher, dass all diese sonderbaren Kritzel und Zeichen, die, wenn man nahe herangeht, so deutlich sichtbar in Gainsboroughs Bildern sind und die sogar für einen erfahrenen Maler eher als das Resultat von Zufall als von Planung erscheinen; dieses Chaos, diese ungeschlachte und formlose Erscheinung scheint dennoch durch eine Art Magie bei einer gewissen Distanz Form anzunehmen, und alle Teile scheinen auf ihren richtigen Platz zu fallen.“45
Thomas Gainsborough (1727 – 1788): Sohn eines Stoffhändlers, später Lieblingsmaler der königlichen Familie, schreibt von sich selbst: „Ich bin krank vom Porträtmalen und wünsche mir so sehr, meine Viola da Gamba zu nehmen und einfach fortzugehen zu irgendeinem lieblichen Dorf, wo ich Landschaften malen und das mühsame Ende des Lebens in Ruhe und Leichtigkeit genießen kann.“46

Abb. 25: Lady Worsley 1780, Öl auf Leinwand, 236 x 144 cm Harewood House, Yorkshire
Abb. 26: Lady Mary Bate Dudley 1787, Öl auf Leinwand, 221 x 145 cm Tate Gallery, London
Antwort: Reynolds Zitat beschreibt den Malstil Gainsboroughs so treffend, dass es Ihnen nicht schwergefallen sein dürfte, ihm das Bildnis der Lady Dudley zuzuordnen. Zudem besticht ihr Kleid mit der mattschimmernden Seide und dem durchscheinenden Voile der Stola durch die sorgfältige Wiedergabe der Stofflichkeit – ein Anliegen, das wohl den Sohn eines Tuchhändlers verrät.
Die beiden rivalisierenden Maler prägten die englische Porträtmalerei einer ganzen Epoche. Italienorientiert, Akademiker, einem klassischen Stil verpflichtet der eine, von den Niederländern beeinflusst, musikalisch geschult, eine informelle Malweise pflegend der andere, trugen Reynolds und Gainsborough wesentlich dazu bei, dass die englische Malerei den Anschluss an Europa fand und darüber hinaus zu einem Mittelpunkt der Malkunst wurde.47

Abb. 27: Jean-Auguste-Dominique Ingres Napoléon I. auf dem Thron 1806, Öl auf Leinwand, 259 x 162 cm Louvre, Paris
Notabene: Die britische Vorliebe für Porträts führte 1856 zur Gründung der National Portrait Gallery. Die Sammlung umfasst heute rund 11.100 Gemälde, Skulpturen, Miniaturen, Zeichnungen, Drucke und Fotografien. Von Gainsborough beherbergt sie 16, von Reynolds gar 25 Porträts.
Von England verschiebt sich der Fokus im 19. Jahrhundert nach Frankreich. Kein anderes europäisches Zentrum erreichte damals, was die Malerei betrifft, die Bedeutung von Paris. Hier, im Schmelztiegel von Revolution und Reaktion, wurde um einen neuen Stil gerungen, denn die politischen und sozialen Umwälzungen konnten an der Kunst nicht spurlos vorübergehen. Die folgenden Beispiele verdeutlichen das politische wie das stilistische Dilemma, in dem sich die Kunst der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts befand:
Während das Herrscherporträt Napoléons mit allen Insignien der Macht ausgestattet ist, besticht das Bildnis des Bürgerlichen Bertin durch seine Schlichtheit. Während das blasse, fast marmorne Gesicht des Kaisers beinahe mit der Prachtentfaltung seines Mantels verschmilzt, ja selbst fast zum Ornament wird, lenkt bei Bertin nichts vom eigentlichen Zentrum des Bildes, dem Kopf, ab. Bertins dezidierter Gesichtsausdruck, die Fülle und Haltung seines Körpers verleihen dem Intellektuellen Gewicht und Würde. Es besteht kein Zweifel, hier stehen sich zwei Kontrahenten gegenüber: der Vertreter eines zum Untergang verurteilten politischen Systems und jener einer anbrechenden Zeit – L.-F. Bertin war der Herausgeber einer Zeitung. Napoléon I. ist ausgerüstet mit allen erforderlichen Legitimationsattributen, Bertin selbstbewusst, im wörtlichen Sinne auf sich selbst gestützt.

Abb. 28: Jean-Auguste-Dominique Ingres Louis-François Bertin 1832, Öl auf Leinwand, 116 x 95 cm, Louvre, Paris
Stilistisch orientiert sich Ingres an den alten Meistern. So erkennen wir etwa im Porträt Napoléons einen ähnlichen Detailreichtum wie bei den Kleidern der Battista Sforza. Der Bildausschnitt des Bertin-Porträts und sein pyramidenförmiger Aufbau mit Betonung von Kopf und Händen erinnern dagegen an Leonardos Bildnis der Mona Lisa. Ingres’ Suche nach dem adäquaten Stil führte ihn also – ähnlich wie die Präraffaeliten und Nazarener (vgl. Kapitel Romantik, S. 180 ff.) – in die Vergangenheit. Von den Alten wollte er lernen und zu neuen „Erfindungen“ gelangen, wie er selbst bekannte.
Das Zitat zum Thema: „Wer von den großen Meistern hätte nicht nachgeahmt? Aus nichts kann man nichts machen, und nur, indem man von den Erfindungen der anderen Nutzen zieht, kann man selbst gute Erfindungen machen. Alle Künstler und Schriftsteller sind Kinder Homers.“48
Doch Ingres‘ exakte Darstellungsweise war für viele Zeitgenossen bereits ungewohnt. Die Auflösung der Form, wie wir sie bereits in Gainsboroughs Bildnis der Lady Mary Bate Dudley angelegt sehen, war vorerst der Weg, den die Malerei gehen sollte und der ins 20. Jahrhundert führte.
Antwort d) von Seite 38: Mit Picasso haben Sie einen sicheren Wert!
Sie sind gefragt: Worin besteht die Gemeinsamkeit – abgesehen davon, dass es sich um Männerporträts handelt – dieser drei Porträts? Finden Sie sie ohne Hilfe der Bildlegenden?

Links: Abb. 29: Paul Cézanne Porträt Ambroise Vollard 1899, Öl auf Leinwand, 100,3 x 81,3 cm Musée du Petit Palais, Paris
Mitte: Abb. 30: Auguste Renoir Porträt des Ambroise Vollard 1908, Öl auf Leinwand, 81 x 64 cm Courtauld Institute Galleries, London
Rechts: Abb. 31: Pablo Picasso Porträt Ambroise Vollard 1910, Öl auf Leinwand, 92 x 65 cm Staatl. A.-S. -Puschkin-Museum für bildende Künste Moskau
Antwort: Betrachten wir zuerst einmal das mittlere Bild. Es zeigt Links: Abb. 29: einen untersetzten, bärtigen Mann mit Stirnglatze. Er hat ein rundes Gesicht mit kurzer Nase und eine etwas fleischige Augenpartie. Die gleichen physiognomischen Merkmale erkennen wir auch im Bild rechts, allerdings in Frontalansicht (von vorne) dargestellt. Vergleichen wir dieses Porträt nun mit jenem links außen, so stoßen wir auch auf Gemeinsamkeiten. Sie bestehen hauptsächlich in der Haltung: Auf beiden Bildnissen sind der Kopf des Porträtierten sowie der Blick gesenkt. Im linken Bild hält er – deutlich erkennbar – ein Buch in der Hand. Wenn wir genau hinschauen, erkennen wir dieses Accessoire auch auf dem Bild rechts außen. Kaum Übereinstimmung – bis auf den Bartwuchs – zeigen diese beiden Bildnisse dagegen in Statur und Kopfhaar des Abgebildeten. Während uns das Porträt links außen einen schlanken Mann mit dunklem Kopfhaar zeigt, scheint der Mann auf dem dritten Bild recht massig zu sein und – das können wir gut erkennen – sein Haupthaar ist bis auf einen grauen Kranz stark gelichtet. Das mittlere Bildnis scheint bezüglich des Haupthaars eine Zwischenstufe wiederzugeben. Nehmen wir nun noch die Datierung zu Hilfe: Das Porträt links außen ist rund zehn Jahre älter als die beiden andern. Es stammt aus dem Jahre 1899, während die anderen mit 1908 und 1910 datiert sind. Spätestens jetzt haben Sie auch das Geheimnis der drei Bildnisse gelüftet: Es handelt sich in allen drei Fällen um die gleiche Person, nämlich um den Kunsthändler Ambroise Vollard.
Die Anekdote zum Thema: Picasso malte im Winter 1909 das Porträt des Ambroise Vollard. Selbstverständlich haben sich viele Leute, die behaupteten, Kenner zu sein, über das Bild lustig gemacht und gefragt, was es überhaupt darstelle. Aber der vierjährige Sohn eines Freundes von Vollard tippte gleich mit dem Finger drauf und sagte: „Das ist Vollard!“49
Der Junge in der Anekdote hatte offensichtlich einen unverstellten Blick für das Wesentliche. Das bedeutet aber umgekehrt, dass es Picasso gelungen war, dieses herauszuarbeiten und – wie unser Bildervergleich zeigt – es genügend Merkmale gäbe, um Vollard auch in Picassos kubistischer Verfremdung zu erkennen!
Mit diesen drei Bildnissen haben wir die Schwelle zum 20. Jahrhundert überschritten. An ihnen wird die Suche nach einer neuen Identität der Kunst deutlich. Angesichts der fotografischen Reproduzierbarkeit führte der Weg des Porträts erst einmal weg vom Gegenständlichen in die Abstraktion (vgl. Kapitel Die Moderne). Neue Sichtweisen hielten Einzug in die Malerei. Wichtig wurde die Betonung oder Zerlegung von Farbe und Form – wie in Picassos Porträt – zur Erschaffung einer schöpferischen Gegenwelt, die sich von der Fotografie abgrenzte. Ein vielzitierter Text des Malers Wassily Kandinsky formuliert, worauf es der „neuen“ Kunst ankam: auf das Einfangen des Geistigen, des Unsichtbaren in dem, was man darstellt. Ähnlich wie der Komponist müsse der Maler aus „innerer Notwendigkeit“ heraus sein Ziel verfolgen. Er komme dabei zu einer Lösung jenseits des Gegenständlichen:

Abb. 32: Andy Warhol Marilyn Monroe – Twenty Times (Teil des Marilyn-Diptychons) 1962, Acryl auf Leinwand 2054 x 1448 mm Tate Gallery, London
Das Zitat zum Thema: „So tritt in der Kunst allmählich immer in den Vordergrund das Element des Abstrakten, welches noch gestern schüchtern und kaum sichtbar sich hinter die rein materialistischen Bestrebungen versteckte. Und dieses Wachsen des Abstrakten ist natürlich. Es ist natürlich, da je mehr die organische Form zurückgetrieben wird, desto mehr dieses Abstrakte von selbst in den Vordergrund tritt.“50
Bald aber machte man sich auch die Fotografie zunutze, um zu neuen künstlerischen Lösungen zu gelangen. Berühmte Beispiele sind Andy Warhols serielle Porträts zeitgenössischer Persönlichkeiten, wie der von Marilyn Monroe. Mit dem Siebdruckverfahren wählte er eine Technik, die die beliebige Vervielfältigung des Bildes ermöglichte. Technik und Methode sind Ausdruck einer Kunst im Zeichen des Kommerzes und eines Individuums, das in seiner Wiederholung in der Masse verloren zu gehen droht. Nicht umsonst wurde Andy Warhols Atelier The Factory genannt.
Zitat zum Bild: „Das Monroe-Bild war Teil einer Todes-Serie, die ich machte, von Leuten, welche auf verschiedene Weise gestorben waren. Es gab keinen tieferen Grund, eine Todes-Serie zu machen, es waren keine Opfer ihrer Zeit; es gab überhaupt keinen Grund, es überhaupt zu machen, nur einen oberflächlichen Grund.“51
4|1|4 Schlüsselbegriffe und Randnotizen
Ähnlichkeit: Das Porträt beruht auf dem Prinzip der Ähnlichkeit. Das heißt, Original und Abbild müssen in gewissen Merkmalen übereinstimmen. Diese Übereinstimmung kann in einer möglichst naturgetreuen Abbildung (vgl. Jan van Eyck) oder lediglich aus einigen typischen Accessoires bestehen. Ein Ziel der Ähnlichkeit ist das Wiedererkennen. Es ist die unabdingbare Voraussetzung für gewisse Darstellungsweisen, wie etwa die der Karikatur und abhängig von Faktoren wie der Idealisierung oder dem Image (vgl. Begriff Image).
Die Anekdote zum Thema: Der für seine Galanterie berühmte Maler Hyacinthe Rigaud sagte einmal, dass er es nicht möge, Frauen zu porträtieren: „Wenn ich sie so male, wie sie sind, finden sie sich nicht schön genug, wenn ich ihnen zu sehr schmeichle, finden sie sich nicht ähnlich genug.“52
Karikatur: Die Karikatur spielt mit der Überzeichnung und Verzerrung individueller Merkmale. Eine karikierte Darstellung wirkt komisch oder humoresk, gelegentlich auch grotesk. Wichtigste Voraussetzung für ihren Erfolg ist, dass die abgebildete Person vom Publikum erkannt wird. Besonderer Beliebtheit erfreut sich die Karikatur bis heute zum Aufzeigen politischer und gesellschaftlicher Missstände. Diese Funktion übte sie schon seit Jahrhunderten aus und machte dabei auch vor europäischen Herrschern nicht halt. In der folgenden Karikatur des Königs Louis-Philippe verwandelt sich der französische Bürgerkönig in eine Birne. Während der französische Karikaturist Charles Philipon sich mit großem Geschick noch im Rahmen des Erlaubten bewegte, wurden andere für ihre Kritik zur Rechenschaft gezogen. Der Maler Alphonse Daumier (vgl. Kapitel Landschaftsmalerei) etwa musste nach Verschärfung der Zensur unter ebendiesem König zweimal wegen seiner Kunst ins Gefängnis.53

Abb. 33: Charles Philipon Metamorphose des Königs Louis-Philippe in eine Birne Skizze, vermutlich 1831 Tinte-Feder-Zeichnung auf Papier Französische Nationalbibliothek, Paris
Idealporträt: Die Kategorie der Idealporträts reicht von idealisierenden Bildnissen bis zu solchen, die frei erfunden sind. Dabei kann die Idealisierung lediglich in der Harmonisierung individueller Gesichtszüge zugunsten einer Verschönerung bestehen. Sie kann aber auch – wie im erwähnten Beispiel Ludwigs XIV. – einer Nobilitierung des Abgebildeten dienen.

Abb. 34: Albrecht Dürer Teilansicht des Bildes Die vier Apostel (Petrus) 1526, Öl auf Holz, 216 x 76 cm Alte Pinakothek, München
Frei erfundene Bildnisse sind dann die Regel, wenn das Aussehen eines Porträtierten nicht bekannt ist. So etwa im Fall der Propheten und Evangelisten der Bibel. Hier entwickelte sich jedoch zur besseren Wiedererkennung eine Überlieferungstradition. So weist dieses Personal meist bestimmte wiederkehrende Merkmale auf und ist durch gewisse Accessoires oder Attribute gekennzeichnet. Der Apostel Petrus beispielsweise ist an seinem grauen Haar- und Bartwuchs sowie am Schlüssel der Himmelspforte erkennbar wie im Beispiel des deutschen Malers Albrecht Dürer.
Eine Idealfigur, geschaffen nach der Vorstellung des Künstlers, ist auch die Statue in der Anekdote von Pygmalion.
Die Anekdote zum Thema: Der von den Frauen enttäuschte Bildhauer Pygmalion bearbeitete mit glücklicher Hand und wundersamer Geschicklichkeit schneeweißes Elfenbein, gab ihm eine Gestalt, wie keine Frau auf Erden sie haben kann, und verliebte sich in sie. Oft legte er prüfend die Hände an das Geschöpf, ob es Fleisch und Blut sei oder Elfenbein. Küsse gab er ihr und glaubte, sie erwidert; er redete mit der Statue und hielt sie im Arm. Bald schmeichelte er, bald brachte er Gaben. Er schmückte ihr die Glieder mit Gewändern, die Finger mit Edelsteinen, den Hals mit langen Ketten. Er legte sie auf Decken, nannte sie seine Gemahlin. Schließlich bat Pygmalion Venus um die Belebung der Statue. Daheim warf er sich auf das Lager und küsste sie. Da war ihm, als sei sie warm. Er tastete noch, da wurde das Elfenbein weich, gab den Fingern nach. Pygmalion staunte. „Fleisch und Blut ist’s!“ Mit dem Daumen prüfte er, wie es in den Adern pochte. Da presste Pygmalion den Mund endlich auf wirkliche Lippen. Das Mädchen hat den Kuss empfunden, sie ist errötet.54
Image: Das Image ist gemeinhin die bewusst geförderte Wirkung einer Person oder der Gesamteindruck, den sie vermittelt. Eine konsequente Imagepflege kann das schnelle Wiedererkennen fördern. Allerdings kann auch das Gegenteil der Fall sein, dann nämlich, wenn eine Person den gewohnten Rahmen ihres Images verlässt.

Abb. 35: Marilyn Monroe Foto 1940er-Jahre
Sie sind gefragt: Erkennen Sie diese Frau?
Antwort: Sie haben sicher keine Mühe, Marilyn Monroe in der Verfremdung auf dem berühmten Siebdruck von Andy Warhol zu erkennen. In der vorliegenden Fotografie aber hat man Schwierigkeiten damit. Warum? Normalerweise kennt man von der Monroe ausgewählte Aufnahmen, die sie in verschiedenen Posen gut ausgeleuchtet als glamourösen Star zeigen. Die bekannten Bilder pflegen ihr Image als Sexsymbol – das Warhol-Porträt macht da keine Ausnahme. Die vorliegende Fotografie – wohlgemerkt als authentisches Abbild – zeigt die Schauspielerin hingegen einfach nur als eine hübsche junge Frau.
Das Selbstporträt: Gruppenporträt, Frauenporträts, Herrscherbildnisse, Ehe- und Kinderbildnisse, sie alle haben etwas gemeinsam: sie sind meist Auftragswerke. Nicht so das Selbstporträt. Hier ist der Maler sich selbst Modell. Er kann sich malen, wann und wie er will, und ist dabei niemandem Rechenschaft schuldig. Er kann mit sich Studien betreiben oder aber Werbung machen, wie dies viele Maler mit ihren Selbstbildnissen taten. Das folgende Porträt gehört wohl nicht zu den bekanntesten seiner Gattung, doch der Kommentar des jungen Marcel Proust von 1895, der dazu überliefert ist, macht es zu einem seiner liebenswertesten Vertreter. Es ist das Selbstporträt des siebzigjährigen Jean-Baptiste Siméon Chardin (1699 – 1779).

Abb. 36: Jean-Baptiste Siméon Chardin Selbstbildnis mit Brille 1771, Pastell auf Papier, 46 x 37,5 cm Louvre, Paris
Zitat zum Bild: Gehen Sie also in die Pastellgalerie und schauen Sie sich die Selbstporträts an, die er mit siebzig Jahren gemalt hat. Über dem gewaltigen Lorgnon, bis zur Nasenspitze heruntergerutscht, die es zwischen den beiden Scheiben aus ganz neuem Glas einklemmt, sind weit oben in den erloschenen Augen die verbrauchten Pupillen hochgerückt; sie machen den Eindruck, viel gesehen, viel gespottet, viel geliebt zu haben und in prahlerischem und zärtlichem Tonfall zu sagen: „Na klar, ich bin alt!“ Unter der erloschenen Sanftheit, mit der das Alter sie bestäubt hat, besitzen sie noch Feuer. Doch die Augenlider, müde wie ein Verschluss, der ausgedient hat, sind an den Rändern gerötet. (…) Man staunt, wie genau die Fältelung des Mundes von der Öffnung der Augen bestimmt wird, der auch die Runzelung der Nase gehorcht. Die kleinste Hautfalte, das kleinste Relief einer Ader ist eine sehr getreue und sehr merkwürdige Übersetzung von drei sich entsprechenden Originalen: dem Charakter, dem Leben, der augenblicklichen Gemütsbewegung. Hinfort, hoffe ich, werden Sie auf der Straße oder in Ihrem Haus sich mit respektvollem Interesse über diese abgenutzten Charaktere beugen, die, wenn man sie zu entziffern weiß, unendlich mehr sagen, Ergreifenderes und Lebendigeres als die ehrwürdigen Manuskripte.55
Zusammenfassung: In der Porträtsituation treffen zwei Persönlichkeiten aufeinander: die des Künstlers und die des Modells. Beide können das Bildnis in unterschiedlichem Maß prägen. Der Künstler durch seinen Stil, das Modell durch seine Erscheinung und sein Image. Ein Porträt zielt auf Wiedererkennung ab. Diese kann durch verschiedene Hilfsmittel gefördert werden: durch Namensnennung (ev. mit Datierung), durch Accessoires, durch Ähnlichkeit der Darstellung. Der Wiedererkennung abträglich sein können dagegen Abstraktion, Überbetonung bzw. Missachtung des Images einer Person sowie deren Idealisierung. Aufgabe des Porträts ist es, zu erinnern oder auch zu vertreten.
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