Читать книгу: «Müde Mütter - fitte Väter»

Sibylle Stillhart, geboren 1973, arbeitete als Journalistin und Redaktorin für diverse Zeitungen und Zeitschriften sowie als Pressesprecherin in der Bundesverwaltung. Sie ist verheiratet, hat zwei Söhne und schreibt heute als freischaffende Journalistin und Autorin.
Sibylle Stillhart
Müde Mütter – fitte Väter
Warum Frauen immer mehr arbeiten und es trotzdem nirgendwohin bringen
Mit Gesprächen mit Barbara Hochstrasser, Remo Largo,
Roland A. Müller und Mariam Tazi-Preve
Limmat Verlag
Zürich
Prolog
Das Kind ist da
Mein Leben als berufstätige Mutter
Das bisschen Haushalt
Auf der Suche nach gleichberechtigten Paaren
Männer mit Babys
Auf der Suche nach den «neuen Vätern»
«Väter machen vom Vaterschaftsurlaub nur wenig Gebrauch»
Ein Gespräch mit Mariam Tazi-Preve
Endstation Burnout
Theorie und Praxis der sogenannten Vereinbarkeit
«Man macht sich wohl schon Illusionen, was Kinder betrifft»
Ein Gespräch mit Barbara Hochstrasser
Von der herzlosen zur fürsorglichen Mama
Kleine Kulturgeschichte der «Mutterliebe»
Und nun?
Auf der Suche nach Hoffnung
«Wer soll das bezahlen?»
Ein Gespräch mit Roland A. Müller
«Frauen, wehrt euch!»
Ein Gespräch mit Remo Largo
Prolog
Kürzlich habe ich mich mit einem Freund unterhalten. Er meinte, dass es heute doch problemlos möglich sei für Frauen, Karriere zu machen und gleichzeitig Kinder zu haben. Vor fünf Jahren war ich auch dieser Meinung. Seither habe ich zwei Kinder auf die Welt gebracht, daneben gearbeitet, gleichzeitig die Kinder versorgt und den Haushalt geschmissen. In dieser Zeit war mein Mann aus beruflichen Gründen ziemlich oft abwesend, derweil ich von der Kita ins Büro und vom Büro wieder in die Kita hetzte und in der Nacht dreimal aufstand, um eines der Kinder zu beruhigen. «Ich glaube nicht, dass es möglich ist», entgegnete ich meinem Freund. «Es sei denn, die Frau hat einen Hausmann zu Hause.»
Der Freund blickte mich erstaunt an. Er meinte, dass doch heute die Männer zu Hause mit anpacken würden, gerne einmal auch den Kochlöffel schwängen. Und weil sie die besseren Väter sein möchten, als es ihre waren, würden sie sich auch lieber mit ihren Kindern abgeben. Er nannte mir Beispiele aus seinem Bekanntenkreis und zählte auf, wie problemlos diese Paare Beruf und Familie nebeneinander auf die Reihe kriegten. Auch meinte er, gäbe es doch moderne Arbeitgeber, die etwa Kader-Teilzeitstellen auch männlichen Angestellten ermöglichten.
Ich weiss nicht, ob mein Freund recht hat, ob es wirklich so problemlos ist, wie er schilderte. Meine eigenen Erfahrungen, Job und Familie unter einen Hut zu bringen, brachten mich an den Rand meiner Belastbarkeit. Möglicherweise liegt das ja nur an mir. Kann gut sein. Es gibt Leute, die sagen, ich hätte den falschen Mann geheiratet, weil er angeblich zu viel arbeite. Ich hingegen zweifle, ob das alles so einfach ist und es mit einem anderen Mann besser wäre. Und doch staune ich, wenn ich mein Umfeld betrachte, wie Frauen – es sind praktisch nur Frauen – heute ihren Beruf an den Kindern vorbeijonglieren, während ihre Männer Vollzeit arbeiten. Sie sind enorm beschäftigt, haben kaum Zeit, aber klagen höre ich sie kaum. Manchmal sagt eine, sie sei ein bisschen erschöpft, aber das sei nicht weiter schlimm.
Ich fragte meinen Freund: Wie war das denn damals bei deiner Mutter – war sie ausgelastet mit dir und deinem Bruder, dem Haushalt? «Klar war sie mit uns ausgelastet», erwiderte er. «Sogar mehr als das.» Obwohl sie, wie damals üblich, keinen Job nebenher gehabt hat. Sich «nur» um die Familie gekümmert habe. Er sagte «nur» und machte das Anführungszeichen mit den Fingern in die Luft.
Was ja heute undenkbar wäre. Eine Frau, die heute «nur» wegen ihrer Kinder den Beruf an den Nagel hängt, ist gesellschaftlich verpönt. Dummerweise hat sich aber viel weniger verändert, als es scheint – selbst wenn man auf dem Papier von Gleichberechtigung spricht. Das merkt man aber erst dann, wenn ein Kind auf der Welt ist. Mütter stehen – trotz guter Ausbildung – nach wie vor am Herd. Auch dann, wenn sie wieder einer Erwerbsarbeit nachgehen. Zugleich zählen in der Arbeitswelt immer noch dieselben starren Mechanismen wie vor fünfzig Jahren: Noch immer gilt als produktiv, wer von frühmorgens bis spätabends an seinem Arbeitsplatz ausharrt, egal wie effizient er tatsächlich ist. «Karriere in Deutschland», hat der Trendforscher Matthias Horx einmal geschrieben, «ist ein Wettbewerb um Anwesenheitszeiten, um kommunikative Präsenz. Wer führt, muss nach dem Acht-Stunden-Tag noch für Meetings und Absprachen an der Bar zur Verfügung stehen. Kann sein Wochenende vergessen. Muss immer erreichbar sein.»1 In der Schweiz ist das nicht anders.
Ich kenne keine Mutter mit kleinen Kindern, die es sich zeitlich leisten kann, zwölf Stunden bei der Arbeit zu sein oder am Feierabend mit ihren Kollegen an einer Bar abzuhängen. Auch traf ich während meiner beruflichen Laufbahn kaum auf flexible Arbeitsstrukturen. Eher erntete ich feindliche Blicke, wenn ich meinen Arbeitsplatz erst nach neun Uhr erreichte oder die «Frechheit» besass, um fünf Uhr auszustempeln, um in die Kita zu eilen. Für mich würden familienfreundliche Strukturen aber bedeuten, dass die Arbeitstage kürzer wären, die Möglichkeit für Home-Office bestünde oder projektbezogene Arbeiten zu Hause ausgeführt werden könnten, was in vielen Dienstleistungsberufen problemlos möglich ist. Mein Chef jedoch hielt nichts von diesen Ideen, offenbar war ihm meine Anwesenheit im Betrieb mehr wert als mein Output.
Ebenfalls herrscht eine Doppelmoral, was Kinder betrifft. Einerseits werden sie heute wie Prinzen und Prinzessinnen auf Händen getragen, und es wird penibel darauf geachtet, dass dem Nachwuchs sämtliche Steine aus dem Weg geräumt werden. Andererseits sollten Kinder heute möglichst in eine Kita abgeschoben werden, am besten gleich drei Monate nach der Geburt, damit die Mutter ihre Karriere nahtlos weiterverfolgen kann. «Normal» aber müsste sein, dass erwerbstätige Mütter von zeitraubenden Haushaltspflichten befreit werden und Familienväter tatsächlich Teilzeit arbeiten.
Niemand will zurück in die steife Zweigeschlechterwelt, die Schüler nur noch vom Hörensagen kennen. Doch an der sogenannten Vereinbarkeit von Familie und Beruf muss noch viel gearbeitet werden, solange sich Mütter bis zum Umfallen verbiegen müssen, wenn sie das tun, was mittlerweile von ihnen erwartet wird. Denn wirklich geändert hat sich in den letzten zehn, zwanzig Jahren allein das Anforderungsprofil an die «moderne Mutter», das zu einer noch grösseren Gesamtbelastung der Frau führt. Alles andere ist mehr oder weniger beim Alten geblieben.
Das Kind ist da
Mein Leben als berufstätige Mutter
Ein Wimmern dringt aus dem Kinderzimmer. Es ist 3.52 Uhr, ich bin sofort ganz Ohr. Noch hoffe ich – wie jedes Mal – dass Linus von allein weiterschlafen wird, aber das Geräusch schwillt an, wird Lärm. Ich zwinge mich aus meinem Bett, taste ins Kinderzimmer, nehme den Kleinen auf, bringe ihn zu mir ins Bett. Dort ist alles schon vorbereitet: Warmes Wasser in der Thermoskanne, Milchpulver in der Trinkflasche. Mechanisch schütte ich das Wasser in das Fläschchen, drücke es dem knapp Einjährigen in die Hände und falle zurück in die Federn. Ein paar Augenblicke später schläft Linus wieder.
Nun schwebe ich in einem türkisblauen Swimmingpool, es ist angenehm warm, die Sonne scheint. Ich tauche auf, hole Luft und fliege erneut hinab zum Grund, fühle mich so schwerelos wie ein Vogel, wunderbar, alles ist schön und gut. Doch plötzlich stört etwas. Es ist kein Schmerz, aber trotzdem unangenehm. Es wird lauter, unerträglich. Ein Presslufthammer? Nach quälenden Sekunden komme ich zur Besinnung. Ach. Das Presslufthämmern entpuppt sich als Gejammer meines dreijährigen Sohns, der je länger desto lauter brüllt. Die Uhr zeigt 5.36 Uhr, draussen ist es stockdunkel. Trotz der lähmenden Müdigkeit, hetze ich in die Küche. Jede Bewegung schmerzt. In Sekundenschnelle giesse ich Milch in die Trinkflasche, stelle sie in die Mikrowelle. Während ich wartend mit den nackten Füssen auf dem Küchenboden stehe, bete ich, dass nicht auch Linus erwachen möge. Zu spät. Auch der Kleine macht sich bemerkbar. Guten Morgen allerseits! Keine Chance, nochmals ins Bett zu kommen, um für ein paar Stunden oder lieber Tage zu schlummern.
Ich kehre mit zwei Milchflaschen ins Schlafzimmer zurück. Beide Buben liegen in meinem Bett. Sie greifen nach der Milch, und ich husche erneut in die Küche, um Kaffee für mich aufzusetzen, den ich dringend benötige. Danach nehme ich Linus auf, der strahlt wie ein Maikäfer – «Wenigstens du …» –, hieve ihn auf den Wickeltisch, ziehe ihm den Pyjama aus, wechsle die Windeln, ziehe Body, Strumpfhose, «Halte doch mal still, ja?», Pulli und Hosen an, trage ihn auf meinen bleischweren Armen in die Stube, versuche ihn auf den Boden zu setzen, mit einem Kuschelhasen, aber er weigert sich, will, dass ich ihn halte. Inzwischen ist mein Mann aufgestanden. Er hat auf dem Sofa geschlafen. Er begrüsst die zwei Buben und mich. «Gut geschlafen?», flötet er, bevor er sich unter die Dusche stellt. «Wunderbar», schnurre ich. Das ist natürlich gelogen. Von Schnurren kann keine Rede sein.
Es duftet angenehm, der Kaffee köchelt in der Mokkakanne, doch gerade als ich die Tasse ansetzen möchte, ruft es aus der Stube ziemlich barsch:
«Mama! Wo ist meine Schere?! Mama!»
Arturs Befehlston macht deutlich, dass ein Ausweichmanöver zwecklos ist. Jede Sekunde zählt, damit er nicht die Beherrschung verliert und in ein minutenlanges Toben verfällt. Schnell eile ich ins Kinderzimmer, Linus immer noch seitlich auf meiner Hüfte, gucke in der Malschachtel nach, knie mich hinunter, um unters Bett zu schauen, Linus lacht dabei, sehe die Kinderschere dann Gott sei Dank auf dem Weg in die Stube in meinem Schuh stecken. Phu! Gefahr gebannt.
«Hier Artur, alles in Ordnung.» Gleichzeitig erinnere ich ihn, dass wir etwas später in die Kita gehen werden.
«Nein, ich will nicht in die Kita!»
«Ach, komm, dort kannst du mit Flurin spielen – das ist doch viel lustiger als hier zu Hause.»
«Ja, aber nur, wenn Flurin da ist. Sonst bin ich den ganzen Tag traurig und warte, bis du mich wieder holen kommst.» Ich schlucke leer.
Inzwischen ist mein Mann angezogen, verabschiedet sich von den Kindern und mir. Sein Zug fährt in einer Viertelstunde. «Tschüss, macht’s gut!»
Ich bin gerade sehr neidisch auf meinen Mann.
Nun ziehe ich mich in Windeseile an, während Artur in der Stube schneidet und mir Linus vom Bett aus zuguckt. Dann schnell ins Badezimmer, um mich fürs Büro ein bisschen aufzumotzen, nach dieser Nacht, die vielleicht sechs, vielleicht sieben Stunden gedauert hat und drei – oder waren es viermal? – unterbrochen war. Ich platziere Linus sehr bestimmt auf dem Boden, gebe ihm eine Gummiente zum Spielen, beginne mich zu waschen, schminken, kämmen. Es beunruhigt mich, dass es in der Stube, wo Artur schneidet, so ruhig ist. Hastig beende ich die Schminkerei, die Wimperntusche verschmiert, kehre mit Linus zu Artur zurück. Artur zerschnippelt die Zeitung von gestern.
«Nun aber anziehen», fordere ich ihn auf, doch er weigert sich. Ich setze Linus auf den Boden, verfolge Artur – nun als Monster mit Grabesstimme – durch die ganze Wohnung. Endlich gelingt es mir, ihn zu packen, er lacht, wir gehen ins Kinderzimmer. Linus, der bereits zu reklamieren begonnen hat, hole ich eine Sekunde später nach. «Keine Sorge, ich hab dich nicht vergessen!»
Es ist halb neun, als wir drei samt Kinderwagen und Like-a-bike vor dem Haus stehen. Ich bin trotz Minus-Temperaturen nassgeschwitzt, weil ich Arturs Handschuhe in der Wohnung vergessen hab – «Wartet kurz hier, ich komme gleich wieder!» – und zuvor seinen Nuggi – «Ich will den Blauen!» – unter meinem Bett in voller Montur (Mantel, Schleife, Kappe, Schuhe) hervorklauben musste. Die Wohnung sieht aus, als ob ein Wirbelsturm darin gewütet hätte: Das Frühstücksgeschirr unter dem Tisch, tausend Playmobil-Teilchen und Zeitungsschnipsel auf dem Stubenboden zerstreut; zum Glück hat Artur die Pistole für seinen Playmobil-Polizisten innert nützlicher Frist gefunden, ohne die wir die Wohnung sonst nicht hätten verlassen können. Für die hundert Meter zur Tramstation benötigen wir zehn Minuten, weil Artur auf seinem Like-a-bike Ameisen sucht, die er überfahren will. Er findet zum Glück keine. In der Kita ziehe ich den beiden Buben Handschuhe, Kappen, Jacken und Schuhe aus, die Pantoffeln an – und ermutige sie, indem ich mich sagen höre:
«Mama kommt euch früh holen! Habt Spass!»
Artur heult, seit wir die Kita betreten haben. «Ich will bei dir bleiben, Mama!» Linus lächelt, als ihn die Erzieherin aufnimmt. Immerhin er.
Neun Uhr. Ich haste erneut total verschwitzt an die Haltestelle, steige ins nächste Tram, um dann, endlich im Büro, es ist Viertel nach neun, genervte Blicke zu ernten. Guten Morgen allerseits! Schon wieder fünfzehn Minuten später, als ich wollte – wie soll ich die Zeit bloss wieder aufholen?
Ich starte in meinem Einzelbüro den Computer, checke die Mails – nichts Besonderes, zum Glück. Ich atme das erste Mal, seit ich heute auf den Beinen bin, durch, es ist wunderbar ruhig hier im Büro, beinahe schon freudig beginne ich den Brief zu redigieren, den mir meine Kollegin auf den Tisch gelegt hat. Ich kann mich konzentrieren, ohne dass ich alle zwei Sekunden aus meinen Gedanken gerissen werde, um ein Bedürfnis eines meiner Kinder zu stillen.
Später, in der obligaten Kaffeepause, unterhalte ich mich mit meinen Bürokollegen. Wir bemühen uns, nett miteinander zu sein, dafür kommt es unterschwellig zu Sticheleien. «Ich glaube, dass heute auch Mütter mit Kindern problemlos Karriere machen können – also, ich meine, wenn sie das auch wirklich wollen», meint etwa die Sekretärin mit einem Blick auf mich. Sie ist kinderlos, fiebert ihrer Pension entgegen. Ich verschlucke mich beinahe an meinem Macchiato und überlege kurz, ob ich ihr den Kaffee auf die Hose schütten soll. Ich tu es nicht, natürlich.
Die Sache mit der Krippe
Zurück in meinem Büro, denke ich an meinen älteren, dreijährigen Sohn. Weshalb weigert er sich jedes Mal, in die Kita zu gehen? Ich erinnere mich an das Interview mit Jesper Juul, das ich in der «Zeit» gelesen habe.2 Jesper Juul ist ein dänischer Buchautor und Erziehungsberater, sehr populär, weil unkonventionell. Er wagt es, Unangenehmes, das nicht gerade dem Mainstream entspricht, auszusprechen. «Um es gleich vorab zu sagen», schreibt Jesper Juul: «Kinderkrippen wurden geschaffen, um die Bedürfnisse von Familien zu erfüllen, in denen beide Elternteile arbeiten wollen oder müssen, und sie dienen zugleich dem wachsenden Bedarf der Gesellschaft und der Wirtschaft an Erwerbstätigen. Sie wurden nicht eingerichtet, um die Bedürfnisse der Kinder zu erfüllen.»3 Ich gebe zu, dass ich solche Sätze nicht gern lese. Auch erwähnte er, dass die letzte grosse qualitative Untersuchung in Dänemark gezeigt habe, dass es 24 Prozent der befragten Jungen zwischen drei und sechs Jahren nicht gut gehe in der Kita. Bei den Mädchen waren es 10 Prozent. «Ein tägliches Arbeitspensum von sechs bis acht Stunden, das aus verbindlicher Teilnahme und Kooperationsbereitschaft mit den Begebenheiten der Tageseinrichtung besteht, stellt hohe Anforderungen an kleine Kinder», so Juul.
Ächz. Ich war, bevor ich Kinder hatte, überzeugt, dass es nichts Besseres für Kinder gebe als Kinderkrippen. Alice Schwarzers Worte klingen noch immer in meinen Ohren: Man habe früher versucht, den Müttern einzureden, dass Kinder erst mit drei Jahren eine Krippe besuchen sollten. Warum erst mit drei Jahren? Untersuchungen hätten gezeigt, dass Kinder schon im Säuglingsalter gut in einer Krippe aufgehoben seien, ohne dass sie Schaden nähmen.
Genau!, fand ich damals. Diese «Untersuchungen» habe ich später, trotz intensiver Suche, nirgends gefunden. Gefunden habe ich hingegen eine Studie4 aus dem Jahr 2012, die besagt, dass die Qualität in Schweizer Kitas «durchzogen» sei. Es fehle an Personal und finanziellen Ressourcen, um eine qualitative Betreuung zu gewährleisten. Positive Erkenntnisse lieferte einzig eine Langzeitstudie aus Amerika, die belegt, dass für Kinder aus bildungsfernen Familien eine Betreuung ausser Haus nützlich sein kann. Was man heute als «gefestigtes Wissen» bezeichnet, obwohl Langzeitstudien zumeist fehlen, haut mich auch nicht gerade um: «Kinder, die in einer guten oder zumindest mittelmässigen Krippe unterkommen, erleiden keinen Schaden, sondern profitieren zumeist.» Und: «Stille Kinder laufen Gefahr, in einer personell schlecht ausgestatteten Krippe längere Zeit zu leiden.»5
Was ist mir eigentlich wichtiger: Ist es mein Chef oder sind es meine Kinder?
Seit seinem fünften Lebensmonat besucht mein älterer Sohn Artur während zwei Tagen die Krippe – heute nennt man sie Kita. Es war für mich und meinen Mann immer klar, dass unser Junge, sobald mein Mutterschaftsurlaub nach vier Monaten zu Ende war, in der Kita betreut würde. Dass ich auf meine Stelle, auch wenn ich sie gar nicht so mochte, verzichten würde, konnte ich mir nicht vorstellen. Schon mal was von Emanzipation gehört?, dachte ich jeweils, wenn ich hörte, dass eine Frau ihren Beruf aufgab, sobald sie Mutter wurde.
Heute sehe ich das differenzierter. Als Krippenkind hatte Artur bereits mit sechs Monaten eine Mittelohrentzündung, die mit Antibiotika behandelt werden musste. Husten, Schnupfen, Fieber, Bindehautentzündungen folgten im Monatstakt. Häufig blieb ich mit ihm zu Hause, oder die Oma reiste an, um sich um ihren kranken Enkel zu kümmern, damit ich ins Büro gehen konnte. Als zwei Jahre später Linus auf die Welt kam, landete er bereits mit fünf Wochen auf der Intensivstation des Kinderspitals. Sein älterer Bruder hatte ihn mit dem sogenannten RS-Virus (Respiratorisches Synzytial-Virus), den er aus der Kita heimschleppte, angesteckt, der zwar für ältere Kinder ungefährlich ist, aber einem Säugling wegen Husten und angegriffenen Bronchien Atemnot beschert. Erst nach ein paar Tagen konnten wir das Spital wieder verlassen.
Auch über das Kita-Wesen hatte ich inzwischen einiges gelernt. Dachte ich zuvor, dass die Qualitätsstandards in etwa dieselben seien und bestimmt von den Behörden strengstens überwacht würden, wurde ich eines Besseren belehrt. Erst jetzt weiss ich, dass es zwischen den einzelnen Kindertagesstätten immense Unterschiede gibt.
Es begann mit Arturs Eingewöhnung, als er fünf Monate war. Sie dauerte gerade einmal eine halbe Stunde und war für mich ein Schock. Ich musste meinen Sohn das erste Mal wildfremden Menschen anvertrauen, durfte nicht einmal die Räumlichkeiten der Kita betreten, die ich Monate zuvor, hochschwanger und total ahnungslos, für meinen Sohn auserwählt hatte. Als ich Artur der Erzieherin auf der Türschwelle übergab, wurde ich ziemlich barsch hinauskomplimentiert. «Bis später», sagte sie, und zu war die Tür. Total verwirrt lungerte ich eine halbe Stunde in der Stadt herum. Nachdem die Zeit um war, eilte ich zurück, wo ich meinen Sohn schreiend antraf. «Er vermisst die Mama», sagte die Erzieherin und drückte mir Artur in die Arme. Tief verunsichert verliess ich die Kita, obwohl mir die sogenannte Kita-Tauglichkeit meines Sohnes bestätigt worden war.
Doch ich hatte keine andere Wahl. Drei Tage später musste ich ins Büro zurück. Am Morgen meines ersten Arbeitstages zog ich meinen Sohn an und brachte ihn schweren Herzens in die Kita. Es war mir schleierhaft, wie ich acht Stunden ohne ihn überleben konnte. Offenbar ging es ihm allerdings besser als mir, jedenfalls beteuerte mir das abends eine Erzieherin. «Kann das sein?», fragte ich mich. Doch gewöhnte ich mich sehr schnell daran, den Kleinen abzugeben – zumal er bei der Übergabe kaum weinte – und freute mich umso mehr, wenn ich abends ein strahlendes Kind in Empfang nehmen durfte.
Was mich störte, war, dass meine Anwesenheit nicht gefragt war, ich meinen Sohn jeweils in der Garderobe abgeben musste und das Haus unverzüglich zu verlassen hatte. Ich wusste nicht, wo mein Sohn schlief, was er den ganzen Tag über machte. Wenn ich danach fragte, wurde ich misstrauisch beäugt und mit Schulterzucken abgespeist. Als ich mich einmal telefonisch erkundigte, wie es Artur ginge (er kränkelte zu Hause), beschied mir die Kita-Leiterin, doch künftig nicht mehr anzurufen. Sie würden sich schon melden, falls etwas nicht in Ordnung sei. Ich schluckte. Bin ich überbesorgt? Allerdings hatte ich doch ein Recht zu wissen, was sie mit meinem Kind den ganzen Tag über machen? Was, wenn der Junge schrie? Nicht essen wollte? Die vagen Antworten, die ich jeweils erhielt, behagten mir ganz und gar nicht.
Ich schaute mir zum Vergleich eine andere Kita an. Ich war beeindruckt, wie freundlich und offen das Personal war und wie umfassend meine Fragen beantwortet wurden. Die Kita-Leiterin führte mich herum, zeigte mir ihr pädagogisches Konzept – das gibt es? – und informierte mich darüber, dass sie nur Bio-Produkte zum Kochen verwenden würden und Fleisch nur selten auf dem Speisezettel stehe. Noch am selben Tag meldete ich meinen Sohn an. Als er knapp ein Jahr alt war, vollzogen wir den Wechsel. Die Eingewöhnung dauerte nicht – wie zuvor – eine halbe Stunde, sondern zog sich über mehrere Wochen hin. Das sei enorm wichtig, beschied mir die neue Erzieherin, sonst fühle sich Artur überrumpelt. Trotzdem behagte meinem Sohn der Wechsel nicht so sehr wie mir. Er brauchte etwas länger, bis er sich an die neue Umgebung gewöhnt hatte. Arturs Startschwierigkeiten liessen natürlich auch mich nicht unberührt. Hatte ich richtig entschieden? Zumal die ehemalige Kita-Leiterin Tränen in den Augen hatte, als ich mich mit Artur definitiv von ihr verabschiedete.
Doch je grösser Artur wurde, desto mehr Freundinnen und Freunde fand er in der Kita, mit denen er zu spielen begann. Auch schloss er einzelne Betreuerinnen ins Herz, die ihm das Ankommen wesentlich erleichterten. Diese spürbaren Fortschritte liessen auch mich allmählich ruhiger werden, und mein permanent schlechtes Gewissen nahm ein wenig ab.
«Fahren wir nach Syrien in die Ferien?»
Trotzdem verfolgen mich Sätze wie jene von Jesper Juul. «Die Erwachsenen kommen mit ihrem gehetzten Leben immer weniger gut zurecht. Sie arbeiten, verdienen Geld, besorgen das Essen, bringen ihre Kinder weg, holen sie wieder ab. Und bei alldem gibt es kein Leben mehr», sagte der Erziehungsberater auch. Hm, denke ich, da hat er schon recht. Seine Worte sind ebenfalls als Kritik an unserem Wirtschaftssystem zu verstehen: «Es geht um das politische Interesse des jeweiligen Landes, ökonomisch mit anderen Ländern Schritt zu halten und konkurrieren zu können. Weshalb es notwendig ist, dass Eltern bereits kurze Zeit nach der Geburt wieder produktiv arbeiten können und wir deshalb die Kinderbetreuung am besten gleich in eine fünfjährige Vorschulzeit umwandeln. Das erinnert sehr an die Zeit der frühen Industrialisierung, als die Fabrikbesitzer von einer direkten Verknüpfung zwischen Mensch und Maschine geträumt haben.»6
Bislang sah ich mich als Feministin, die nicht umsonst jahrelang die Schulbank gedrückt hat, um nach einer Geburt alles an den Nagel zu hängen: Meine Unabhängigkeit. Mein Wissen. Mein altes Leben. Noch ohne Kinder konnte ich mir nur schleierhaft vorstellen, wie es ist, zusätzlich für ein weiteres Leben, das zwangsläufig von mir abhängig ist, verantwortlich zu sein. Ich gebe zu, dass ich meine Gefühle nicht miteinberechnet hatte, als ich damals über die Fremdbetreuung meines noch ungeborenen Nachwuchses entschieden hatte. Nun sind sie aber da, diese Gefühle, die mich exakt, seit ich Artur das erste Mal nach der Geburt in die Arme geschlossen hatte, übermannt haben. Seither habe ich mir geschworen, dieses kleine, unschuldige Wesen zeit seines Lebens zu beschützen, komme, was wolle.
Viertel nach zwölf. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, weil sich die Kollegen in die Mittagspause verabschieden. Ich mache keine, weil ich sonst nicht durchkomme mit der Arbeit – oder eher: weil ich sonst nicht auf meine Stunden kommen würde –, kaue an einem trockenen Sandwich aus der Kantine, trinke Leitungswasser. Später beim Kaffeeautomaten stosse ich auf meinen französischen Kollegen, der ebenfalls den Mittag im Büro verbringt. Er schaufelt einen Magerquark, obwohl er beängstigend dünn ist.
«Lucien, darf ich dich etwas fragen?», spreche ich ihn an.
«Mais oui», antwortet er, wie immer äusserst charmant.
«Sag mir, wie machen das eigentlich die französischen Frauen? Ich höre immer wieder, wie problemlos ihnen der Spagat zwischen Beruf und Familie gelingt.»
Lucien guckt mich an, als ob ich ihm Drogen zum Kauf angeboten hätte.
«Mais, was glaubst du denn?», sagt er, der Unterton seiner Stimme ziemlich vorwurfsvoll. «Müssten die Frauen nicht wegen des Geldes arbeiten, weil der Lohn ihres Mannes nicht ausreicht, würden sie sich den Stress niemals antun.»
Nun bin ich diejenige, die glotzt, als rede ich mit einem Marsmenschen.
Lucien macht eine Bewegung mit dem gestreckten Zeigefinger zu seinem Mund. «In Frankreich dürfte ich das niemals laut sagen», fügt er an. «Aber es ist die Wahrheit. Alle wissen das.» Ich zwinge mich zu einem Lächeln und kehre zurück in mein Büro. Er ist tatsächlich sehr konservativ, denke ich.
Der Nachmittag verläuft ereignislos. Ich arbeite an einem Kommunikationskonzept, das mein Vorgesetzter einst von mir gefordert hat, zähle die Minuten und mache mich Punkt 17 Uhr auf, um in die Krippe zu hetzen. Von den obligaten 8 Stunden 20 Minuten habe ich heute nur 7 Stunden 15 Minuten geschafft, obwohl mein Tag bereits um halb sechs Uhr früh begonnen hat. Ich dränge mich ins Tram, harre stehend die fünf Haltestellen in der Büromenschenmenge aus. In der Kita erwarten mich zwei freudenstrahlende Buben, doch ich sehe auf den ersten Blick, dass sie todmüde sind. Ein guter Tag sei es gewesen, sagt die junge Praktikantin, kaum älter als sechzehn Jahre alt. Ich bin ein wenig beruhigt. Ich ziehe den Buben Jacke, Kappe, Handschuhe und Schuhe an, mahne Artur, sich nicht auf dem nassen Fussboden zu wälzen, verlasse die Kita mit Linus im Buggy und Artur an meiner Hand, da er nun keine Lust mehr hat, mit dem Like-a-bike zu fahren. Wir machen noch kurz einen Abstecher in den Supermarkt, um das Nötigste fürs Abendessen zu kaufen. Es muss schnell gehen, deshalb stehe ich (Blut) schwitzend in der Schlange, innerlich betend, dass die Kinder vor Müdigkeit nicht ausrasten mögen.
Zu Hause trage ich Linus die drei Stockwerke hoch, zusammen mit der Einkaufstüte, derweil Artur meine Hand halten möchte, um die Treppen hinaufzusteigen. «Mama! Gib mir deine Hand!» Schwer atmend schlüpfe ich aus dem Mantel, ziehe die Kinder aus, eile in die Küche um Linus die Milchflasche zu richten, während er bereits zu schreien beginnt und seinen Kopf auf den Boden schlägt. Artur quengelt, er will Schokolade und eine Erklärung, weshalb es vor dem Abendessen nicht gut ist, Schokolade zu essen. «Warum nicht, Mama?! Warum?»
Eilig verteile ich die Flaschen (natürlich will auch Artur eine), dann tische ich Brot, Salami, Joghurt, Cornflakes auf, damit die Kleinen essen können – doch weder Linus noch Artur haben Lust darauf. Sie quengeln, schmeissen das Essen auf den Boden. Nach fünf Minuten breche ich die Übung ab, nehme den schreienden Linus und versuche ihn ins Pyjama zu stecken, während Artur das Sandmännchen im Fernsehen gucken darf. Als ich es geschafft habe, Linus zu beruhigen, lege ich ihn ins Bett, lösche das Licht und verharre eine Viertelstunde in seinem Zimmer, bis er endlich eingeschlafen ist. Dann eile ich zurück in die Stube, wo mittlerweile die Tagesschau läuft und Artur gebannt vor dem Kasten sitzt:
«Mama, weshalb fahren diese Männer einen Panzer? Und wieso haben die so viele Pistolen und Gewehre?»
«Das sind syrische Rebellen, die sind im Krieg mit ihrer Regierung», versuche ich zu erklären.
«Fahren wir dorthin in die Ferien?»
«Nein, sicher nicht – dort ist Krieg und die Menschen leiden sehr darunter, und nun komm, du musst das Pyjama anziehen.»
«Nein! Ich will nicht ins Bett! Ich will warten, bis Papa heimkommt!»
Ich schalte den Kasten ab, gehe in die Küche, räume das Geschirr vom Morgen- und Abendessen in die Spülmaschine und hoffe auf die Vernunft des Erstgeborenen, der sich nun seinen Legos widmet.
Eine halbe Stunde später sitzt Artur im Bett – in meinem, damit er Linus im Kinderzimmer nicht weckt –, dort guckt er Bilderbücher an und hört eine Märchen-CD von Trudi Gerster. Zum Glück wird er eine weitere halbe Stunde später vom Schlaf übermannt, derweil ich wie eine Kartoffel auf dem Sofa liege, das Notebook auf meinem Bauch, und hirnlos im Internet surfe. Um halb zehn schleppe ich mich ins Bett, wo Artur – alle viere von sich gestreckt – den ganzen Platz für sich beansprucht. Ich quetsche mich seitlich auf eine ungefähr zehn Zentimeter breite Fläche, die noch übrig ist. Fünf Minuten später höre ich den Schlüssel im Schloss drehen. Mein Mann kommt heim. Um halb elf Uhr erwacht Linus, er schreit, ich hole ihn auch zu mir ins Bett. Wir schlafen nun zu dritt im Doppelbett, während mein Mann im Kinderzimmer übernachtet. Um ein Uhr will Linus Milch, um vier schreit er nochmals und um sechs ist es Artur, der erwacht. Ein neuer Tag beginnt. Guten Morgen allerseits. Meine Glieder schmerzen.
«Einigermassen gerecht» verteilte Hausarbeit
Ich arbeite 50 Prozent als Kommunikationsverantwortliche für eine Bundesbehörde, mein Mann hat ein Pensum von 85 Prozent als leitender Journalist inne. Er arbeitet vier Tage die Woche und einmal im Monat am Sonntag. Er möchte sich auch an der Erziehung der Kinder beteiligen, sagt er, nicht nur ein Wochenend-Papa sein. Nun ist der Freitag der sogenannte Papa-Tag, an dem mein Mann das Programm mit den Kindern bestreitet, derweil ich ins Büro gehe. Mit Oliver habe ich ursprünglich – also bevor die Kinder da waren – ausgehandelt, den Alltag mit den Kindern und den Haushalt «einigermassen gerecht» zu verteilen. Bevor der Nachwuchs da war, kümmerte ich mich vor allem darum, dass die Wohnung ab und zu geputzt wurde. Dafür kaufte er ein und war für handwerkliche Dinge verantwortlich. Was das Kochen anbelangte, waren wir beide der Meinung, dass es interessantere Dinge gebe – eher gingen wir ins Restaurant oder bestellten Leckereien beim Inder. Um die Wäsche kümmerte sich jeder selbst. Nachdem die Kinder da waren, hat sich diesbezüglich einiges verändert. Sagen wir es so: Oliver kümmert sich immer noch um seine Wäsche. Er bringt seine Hemden in die Wäscherei und wäscht am Wochenende seine Unterwäsche und Socken. Den Rest besorge ich.
Als ich nach dem Mutterschaftsurlaub zurück ins Büro ging, war geplant, dass mein Mann Artur an zwei Tagen in die Kita bringt, während ich direkt mit dem Velo ins Büro radle, dafür Artur abends abhole, damit mein Mann länger arbeiten kann. Organisatorisch klappte das die ersten Wochen mehr oder weniger problemlos, obwohl ich den Kleinen doch häufiger brachte, als abgemacht war; oft musste Oliver früher zur Arbeit oder hatte eine früh anberaumte Sitzung. War Artur krank, sprang ebenfalls ich in die Bresche, für den Krippenwechsel war ich allein verantwortlich.
Drei Tage nach Arturs zweitem Geburtstag kam Linus auf die Welt. Pünktlich zur Geburt wurde mein Mann befördert. Was mich freute. Anderseits fragte ich mich, wie ich nun den Alltag mit den zwei kleinen Kindern bewältigen würde, wenn mein Mann in eine andere Stadt pendeln musste. Er verliess nun bereits um sieben Uhr früh das Haus, um Punkt acht Uhr an seinem Arbeitsplatz zu erscheinen. Die Kinder in die Krippe bringen? «Das liegt nun leider nicht mehr drin – ich kann sie ja nicht schon um Viertel vor sieben Uhr vor der geschlossenen Krippentür abstellen.» Klar. Das ging nicht. Deshalb übernahm ich nun diesen Part meines Mannes ebenfalls, ohne mir ganz bewusst gewesen zu sein, was genau ich mir da aufhalste. Abends kam Oliver gewöhnlich zwischen 21 Uhr und 23 Uhr nach Hause, meistens schlafen die Kinder dann bereits. Ich auch. Er trage, sagte er, als Mitglied der Redaktionsleitung grosse Verantwortung. Es ist ihm deshalb nie möglich, einmal etwas früher von der Arbeit zu kommen, um die Kinder von der Krippe abzuholen. Dafür hat Oliver immer noch seinen Papa-Tag, den Freitag. Was für einen Kadermitarbeiter höchst aussergewöhnlich sei, wie man ihm immer einmal wieder mitteilt. Deshalb legt sich mein Mann an den restlichen Tagen umso mehr ins Zeug.
Mit meinem 50-Prozent-Pensum arbeite ich am Montag, Dienstag und am Freitag. Mittwochs und donnerstags bleibe ich bei den Kindern zu Hause. Wir gehen dann einkaufen, ich wasche ihre Kleider, koche das Mittagessen, bringe Linus ins Zimmer für seinen Mittagsschlaf, der aber nur erfolgt, wenn ich Linus’ Hand halte (minutenlang), räume dann später die Küche auf, die Spielsachen, die Stube, schaue mit Artur ein Bilderbuch an, bis Linus nach einer guten halben Stunde wieder erwacht. Nachmittags gehen wir dann raus auf den Spielplatz oder in den Wald, abends gibt es wieder Abendessen, Pyjama, Zähneputzen, Sandmännchen und ab in die Federn.
Ich liebe meine Kinder über alles. Es ist eine unbegrenzte, sehr tiefe Liebe, die mich, seit sie auf der Welt sind, erfüllt und die mir manchmal beinahe den Verstand raubt, wenn ich mir vorstelle, dass ihnen etwas zustossen könnte. Seit ich Mutter bin, bin ich zur Löwin geworden. Ich bin, ungefragt, zu allem bereit, um meine Kinder zu schützen. Ihre Existenz verleiht meinem Leben Sinn; seit der Geburt meines älteren Sohnes stelle ich mir nicht mehr die zentnerschwere Frage, wofür ich eigentlich lebe. Heute ist klar, dass ich für meine Kinder leben will und muss, umso wertvoller erscheint mir nun auch mein eigenes Leben. Auch diese Dimension kannte ich in meinem kinderlosen Leben nicht.
Um den Alltag mit den Kindern zu bewältigen, funktioniere ich wie ein Rädchen. Ein ziemlich energieloses allerdings. Ich bin dauernd müde, erschöpft, und es kostet mich Kraft, mich über die Buben zu freuen. Hüpft Artur in eine Regenpfütze und jauchzt dabei vor Freude, denke ich: Oh nein! Die Kleider müssen heute noch gewaschen werden, damit er morgen in der Kita sauber angezogen ist. Das wird mich mindestens eine halbe Stunde kosten. Drei Stockwerke hinunter in die Waschküche, dann wieder die Treppen hinauf. Abends, wenn sie – hoffentlich endlich! – schlafen. Nur gequält lächle ich meinem Sohn zu. «Komm weiter, Artur! Wir müssen noch einkaufen gehen», treibe ich ihn an. Und denke: Sonst schläft Linus vor dem Mittagessen ein – und ich habe dann über Mittag erst recht keine freie Sekunde, um kurz auszuatmen. Tatsächlich bin ich nicht fähig, den Tag mit ihnen zu «geniessen», wie meine Mutter immer so schön zu mir sagt. «Geniess es, die Kinder wachsen so schnell!» Mein Unvermögen, mich zu freuen, schiebe ich der permanenten Müdigkeit zu, meinem Schlafmangel, den ich nicht aufzuholen imstande bin. Ich fühle mich ständig wie nach einem Marathon-lauf, ohne Möglichkeit, mich von der Anstrengung zu erholen.
Papa-Tag
Heute hat Oliver seinen Papa-Tag, er will mit den Kindern einen Ausflug in den Basler Zoo machen. Ich fahre mit dem Velo ins Büro, wo ich die Stunden, die ich die Tage zuvor wegen des Kita-Bring-und-Abhol-Dienstes nicht arbeiten konnte, aufholen muss. Im Büro stelle ich mir vor, wie Oliver unterwegs als «vorbildlicher Vater» anerkennende Blicke erntet. Er gilt als «moderner Vater», der sein Arbeitspensum reduziert hat, um sich vermehrt seinen Kindern zu widmen. In Wahrheit schuftet er unter der Woche so viel, dass sein Arbeitspensum locker als Vollzeit durchgehen würde. Durch seine Abwesenheit unter der Woche lastet der Haushalt zwangsläufig allein auf meinen Schultern. Ich hingegen gelte als berufstätige Mutter irgendwie immer noch als Rabenmutter, die ihre Kinder fremd betreuen lässt. Ebenfalls strapaziere ich durch meine Unflexibilität die Nerven meines Chefs: «Nein, das schaffe ich heute nicht mehr, ich schreibe den Brief nächste Woche, okay?» Oder: «Ich kann leider nicht, weil ich Linus von der Kita holen muss, er ist krank. Entschuldige bitte.» So dass ich in der nächsten Beförderungsrunde bestimmt nicht berücksichtigt werde.
Die Sekretärin erscheint in der Tür. Mit ihren violett geschminkten Lippen und den platinblond gefärbten Strähnchen macht sie zwar, sagen wir es so: einen aufgeweckten Eindruck, in Wahrheit ist sie aber bösartig und intrigant. Ich weiss, dass sie hinter meinem Rücken schnödet, dass ich wegen meiner Kinder zu oft fehle. Und dass sie selbst nicht ein einziges Mal krank «gefeiert» habe. Heute beklagt sie sich nun bei mir, wie viel sie zu tun habe und wie überlastet sie sei. Will sie mir etwas abtreten? Ich höre nur mit einem Ohr zu, tue, als ob ich tief konzentriert am Schreiben sei – in der Hoffnung, dass sie mich bald wieder in Ruhe lässt. Irgendwann geht sie. Ich widme mich dem Tätigkeitsbericht unserer Büroeinheit, für den ich verantwortlich bin, versuche das Juristen-Deutsch meiner Kollegen so zu übersetzen, dass auch die Öffentlichkeit versteht, was gemeint ist. Erneut mache ich keine Mittagspause, hole nur Wasser und begegne auf dem Flur dem neuen Vorgesetzten meines Chefs. Wir unterhalten uns höflich miteinander, er will mehr über die Herkunft meines Namens wissen, dann verabschiedet er sich abrupt. «Wissen Sie, ein wichtiges Mittagessen!» Er überreicht mir, ganz Herr alter Schule, seinen Füllfederhalter und bittet mich, ihn zurück in sein Büro zu bringen. Ich nicke, obwohl mich das irritiert. Was soll das? Würde er das auch von einem Mann verlangen? Um 14.30 Uhr verlasse ich das Büro, stemple aus. Danach gehe ich einkaufen.
Als ich mit zwei prallvollen Einkaufstüten heimkomme, ist die Wohnung leer, aber überall liegen die Spielsachen in der Wohnung verstreut. Das Frühstücksgeschirr ist nicht abgeräumt, Brotkrümel liegen auf dem Boden. Ich bringe alles in Ordnung, schütte die Bettdecken aus, öffne die Fenster, um die Räume zu lüften. Als ich nach einer knappen Stunde fertig bin, sinke ich müde aufs Sofa. Yes! Zeit für mich! Ich schlage die Zeitung auf und stosse auf einen Artikel7, der mich interessiert. Es geht um eine Mathematikerin, eine zweifache Mutter, die den Bettel nach zehn Jahren Doppelbelastung hingeschmissen hatte, ihren Job kündigte und sich von ihrem Mann scheiden liess. Sie hatte ein Arbeitspensum von 80 Prozent, während ihr Mann Vollzeit arbeitete. «Für Mütter gelten andere Regeln als für Väter», lässt sie sich zitieren. Von Frauen würde allgemein mehr Verzicht, mehr Verständnis, mehr Grosszügigkeit und mehr Anpassung gefordert. Da sie und ihr Mann dieselbe Ausbildung hatten und auch beide gleichzeitig ins Berufsleben starteten, habe es keinen Grund gegeben, weshalb sie mehr Hausarbeit übernehmen sollte. Es kam dann aber doch so, dass sie sich zusätzlich zu ihrem Arbeitspensum allein um Kinder und Haushalt kümmerte, während ihr Mann seine Karriere vorantrieb. Nach zehn Jahren brach sie zusammen.
Auch könne sie sich an ein Podiumsgespräch erinnern, an der ETH, als geladene Professorinnen darüber sprachen, wie sie Familie und Beruf unter einen Hut brächten. Die Frauen waren sich einig, dass es zwar schwierig sei, aber letztlich nur eine Frage der Organisation. Eine zuhörende Ärztin meldete sich zu Wort und widersprach: Sie glaube den Frauen da vorne auf der Bühne kein Wort – ihre Patientinnen schilderten ihr die Situation wesentlich weniger rosig, sie sprächen von Erschöpfung und davon, in jeder Hinsicht zu kurz zu kommen. Die Mathematikerin sagte, dass sie erst heute wisse, dass die Ärztin recht gehabt habe: Den Begriff Doppelbelastung verwende man nur im Zusammenhang mit berufstätigen Müttern – nicht im Zusammenhang mit berufstätigen Vätern. Und es mache sie wütend, dass berufstätige Mütter so tun, als ob alles überhaupt kein Problem wäre. «Keine steht hin und sagt: Es fordert mir das Letzte ab, weil die Gesellschaft immer noch mehr verlangt von einer Mutter als von einem Vater. Wer sich keine Nanny leisten kann – was für Mittelklassefamilien unmöglich ist –, ist permanent am Limit, trotz Krippe oder Hort.»
Die Sache mit der Nanny
Wobei das mit der Nanny nicht überschätzt werden darf, denke ich. Auch wir hatten für kurze Zeit eine Teilzeit-Nanny engagiert – für zwei Tage die Woche, was uns ungefähr gleich teuer kam wie die Kita-Plätze für die zwei Buben. Erinnern mag ich mich an diese Episode nur sehr ungern. Bekannte von uns, die in eine andere Stadt gezogen waren, mussten ihrer Kinderfrau kündigen und hielten deshalb Ausschau nach einer neuen Anstellung für sie. Weil sie gute Erfahrungen gemacht hatten, liessen wir uns zum Gedanken, selbst eine Nanny anzustellen, hinreissen. Eine Kinderfrau würde bedeuten, dass ich die Kinder nicht mehr morgens in die Kita bringen und abends abholen müsste. Was hiesse: weniger Stress für mich. Zudem hätten die Buben eine einzige Bezugsperson, die sich voll um sie kümmern würde. Ein sehr einladender Gedanke. Deshalb luden mein Mann und ich die Frau zum Vorstellungsgespräch ein.
Vor uns stand dann eine gut 50-jährige Frau mit langen, schwarz gefärbten Haaren, Jeans und T-Shirt. Sie war gelernte Kinderkrankenschwester, hatte eine Zusatzlehre als Kleinkindererzieherin gemacht und selbst zwei Söhne grossgezogen. Sie nahm auf dem Stuhl Platz, und gleich zu Beginn des Gesprächs machte sie uns klar, dass sie auf einen 13. Monatslohn verzichten würde, falls wir ihr dafür einen zusätzlichen Monat Ferien gestatten würden. Neun Wochen Ferien hiesse das. Ich schluckte, mein Mann nickte zustimmend. Zumindest ich liess mir nicht anmerken, wie erstaunt ich ob der Forderung war.
Zugegeben: Hätte ich die Lobgesänge meiner Bekannten nicht in meinen Hinterkopf gehabt, hätte ich wohl eher auf mein Bauchgefühl gehört. Doch ich war geblendet, wischte meine Bedenken beiseite. Offenbar handelte es sich hier um eine Top-Nanny. Und für das Wertvollste, was ich und mein Mann haben – nämlich unsere beiden Söhne – waren wir bereit, jeden Preis zu zahlen. Auch neun Wochen Ferien sollten da drinliegen, obwohl mir schleierhaft war, wie ich (mit einem Ferienkonto von fünf Wochen) diese Zeit überbrücken würde. Egal. Auch waren wir bereit, ihr einen anständigen Lohn zu bezahlen, der uns nun mit Bestimmtheit höher kam als die Kita-Kosten für beide Kinder – aber schliesslich wollten wir nicht knausrig sein. Es ging um unsere Buben. Wir engagierten sie.
Die ersten beiden Wochen lief alles ziemlich gut. Die Nanny war wie vereinbart an zwei Tagen die Woche bei uns zu Hause und lernte die beiden Buben kennen. Artur war damals vielleicht zweieinhalb Jahre alt, Linus ein paar Monate. Ganz klar erwarteten die Nanny zwei strenge Tage bei uns – mir war das bewusst. In den ersten Tagen verkürzten wir ihre Anwesenheitsdauer, damit die Kinder nicht überfordert waren. Sie kam morgens eine Stunde später, auf halb zehn Uhr, und verliess unsere Wohnung bereits um 16 Uhr wieder. Was für mich bedeutete, dass ich zwei Stunden zu wenig bei der Arbeit war. Wie soll ich diese Stunden nur wieder aufholen?, dachte ich mir. Wohl deshalb war ich nun doch etwas mehr gestresst, als ich mir das vorgestellt hatte. Immerhin hatte ich den Eindruck, dass die Kinder die Nanny mochten.
Bereits in ihrer dritten Arbeitswoche bat mich die Kinderfrau, ihre Arbeitstage für einmal zu tauschen. Ob das möglich sei, weil sie Möbel erwarte, die nur am Montag ausgeliefert würden, und genau dann müsse ihr Mann arbeiten. Okay, dachte ich, wenn das eine Ausnahme ist, werde ich versuchen, meine Tage im Büro abzutauschen. Allerdings ging es von nun an im gleichen Stil weiter. In der vierten Woche hatte sie Rückenschmerzen – sie führte das darauf zurück, dass sie die Buben oft tragen müsse, und bat mich deshalb, früher von der Arbeit heimzukommen. In der fünften hatte sie mit ihrem Sohn irgendwo abgemacht, wo sie das Postauto früher nehmen musste. In der Woche darauf fühlte sie sich nicht ganz gut. Und dann kamen nochmals Möbel, um die sie sich kümmern musste. Sehr oft in diesen wenigen Wochen musste sie früher als vereinbart nach Hause. Und ich deshalb auch.
Obwohl es den Kindern mit der Nanny zu gefallen schien, war ich gestresster denn je. Ich war diejenige, die sich nun nach den Bedürfnissen unserer Angestellten zu richten hatte, im Büro kam ich zu nichts. Die Situation eskalierte ein paar Wochen darauf, nach den zweiwöchigen Weihnachtsferien. Davor war ich es, die sie bat, in der Woche nach den Ferien statt am Montag doch am Mittwoch zu kommen, da wir an diesem Tag mittags unser verspätetes Büro-Weihnachtsessen hatten. Ich fragte sie bereits drei Wochen zuvor, ob das wohl möglich sei und sie meinte, dass sei überhaupt kein Problem. Drei Tage vor dem Termin – es war Sonntag, Ende der Ferien – piepste mein Handy. Die Nanny. Sie wisse nicht mehr, was wir nun eigentlich abgemacht hätten, ob sie nun tatsächlich am Mittwoch kommen müsste, fragte sie. Und ob dann nicht meine Mutter kommen könnte, weil sie dann doch lieber zu ihrem Gottenmeitli gehen wollte.
Ich war wie vor den Kopf gestossen. Am Telefon sagte ich ihr, dass ich nicht kurzfristig jemanden anderen aufbieten könne. Sie blieb hartnäckig, ich standhaft. Zuerst schmeichelte sie mir, dann wurde sie ungeduldig, dann wütend und am Schluss drohte sie mir sogar: «Gut, dann werde ich halt kommen. Aber ich komme nur mit einem schlechten Gefühl.»
Die nächsten drei Stunden war ich damit beschäftigt, jemanden zu suchen, der sich am Mittwoch um meine beiden Buben kümmern konnte. Mein Puls lief auf Hochtouren, ich war wütend. Ich fragte mich, ob sie eigentlich gerne zu uns kam? Was lag ihr an meinen beiden Buben? Würde ich mich getrauen, so mit meinem Chef zu sprechen? Noch in der Probezeit? Mochte ich dieser Frau überhaupt noch meine Kinder anvertrauen? Ich war ausgelaugt und gestresst wie nie zuvor.
Doch es kam noch schlimmer. Bereits ein paar Stunden nach dem Gespräch meldete sie sich wieder. Dieses Mal sprach mein Mann mit ihr. Sie teilte ihm mit, dass sie einen Ausschlag im Gesicht habe und sich am nächsten Tag nicht unter die Leute getraue. Sie könne daher morgen – Montag!, Erster Arbeitstag! Nach den Weihnachtsferien! – nicht zur Arbeit kommen.
Offenbar war ihr schleierhaft, was dies für mich bedeutete. Dass ich nämlich nicht zur Arbeit gehen konnte, wenn sie nicht kam. Und ein Problem mit meinem Chef bekam. Ich verlor die Nerven, heulte nur noch. So hatte ich mir die Anstellung einer Nanny nicht vorgestellt.
Zum Glück eilte meine Mutter am Sonntagabend auf den Zug, um die nächsten beiden Tage die Kinder zu hüten. Ich hörte nichts mehr von der Nanny. Als ich sie dann am Mittwoch anrief und mich erkundigte, wie sie sich denn künftig vorstellte, bei uns zu arbeiten, brach sie in Tränen aus, da ich sie nicht nach ihrem Gesundheitszustand gefragt hatte. Einen Tag später erhielt ich ihre Kündigung. Ich war erleichtert. Und natürlich gestresst wie niemals zuvor. Was sollte ich nun mit den Buben machen, wenn ich arbeiten gehen musste? Wer konnte sich um sie kümmern? Ich war total überfordert, verunsichert, übermüdet und konnte vor lauter Ärger in der Nacht kein Auge mehr zutun.
Noch in der gleichen Woche meldete ich die Kinder erneut in der Kita an. Ich musste allerdings drei Monate warten, bis ich sie wieder bringen konnte. In dieser Zeit engagierten wir eine sogenannte Not-Nanny. Wir entschieden uns für eine Familienfrau, die zwei Söhne aufgezogen hatte, zwar keine Ausbildung als Nanny hatte, aber gerne wieder arbeiten wollte. Sie machte einen netten, zuverlässigen Eindruck, wusste aber nicht viel mit den Kindern anzufangen. Sie sagte mir lammfromm, dass sie niemals Kinder schlagen oder anschreien würde. Ich wollte ihr glauben. Es war dann die Nachbarin, die mich darauf hinwies, dass die Nanny manchmal ziemlich laut herumschreien würde.
Ich hatte es geahnt, dass sie mit den kleinen Buben überfordert war. Ich hätte es geschätzt, sie hätte mir dies gesagt. Ich kann sehr wohl nachvollziehen, dass man an die Grenzen kommen kann; vor allem wenn der Grosse den Kleinen bis zum Gehtnichtmehr piesackt. Zum Glück waren die drei Monate irgendwann vorbei – auch weil mich das schlechte Gewissen in dieser Zeit beinahe zerfressen hat. Ich sass ruhelos im Büro, guckte in meinen Computer und fragte mich, warum sich nun eine fremde Frau, der ich nur halbwegs vertraute, um meine beiden kleinen Buben kümmerte, während ich hier brav die Befehle meines Vorgesetzten ausführte. Kann es das sein? Ich fühlte mich nicht nur zerrissen, ich war es auch. Hetzte stets vor Büroschluss nach Hause, um schnellstmöglich wieder bei den Kleinen zu sein. Ich war froh, als die Zeit mit der Not-Nanny vorbei war und die Buben wieder in die Kita gehen konnten.
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