Читать книгу: «Das Haus der Masken»
Sheelagh McErin
Das Haus der Masken
erotischer Roman

www.Elysion-Books.com
SHEELAGH MCERIN
DAS HAUS DER
MASKEN
EROTISCHER ROMAN

www.Elysion-Books.com
ELYSION-BOOKS TASCHENBUCH
BAND 4107
1. Auflage: April 2015
VOLLSTÄNDIGE TASCHENBUCHAUSGABE
ORIGINALAUSGABE
© 2014 BY ELYSION BOOKS, LEIPZIG
ALL RIGHTS RESERVED
UMSCHLAGGESTALTUNG: Ulrike Kleinert
www.dreamaddiction.de FOTOS: © Bigstock/3372885 LAYOUT & WERKSATZ: Hanspeter Ludwig www.imaginary-world.de Lektorat: Tanja Janz ISBN Buch: 978-3-945163-73-3 ISBN eBook: 978-3-945163-74-0
INHALT
Der schwarze Wagen
Master Ash
Morgen
Narben
Regeln
Besuch
Schönheit
Vergangenheit
Schmerz
Jubiläum
Vorbereitungen
Silvester
Letzte Schritte
Richard
Larry
Abgesang
Mehr himmlisch heißen Lesespaß finden Sie auf:
www.Elysion-Books.com
DER SCHWARZE WAGEN
„Da ist sie wieder“, flüsterte Agnes.
„Wer?“
„Die schwarze Steamcoach!“
Kara drehte den Kopf und sah den Wagen unter einer Gaslaterne halten.
„Nicht hinschauen! Da sitzt der Teufel drin!“
Kara musste grinsen. „Ich denke, der reist in einer Schwefelwolke?“
„Und was, meinst du, ist dieser Gestank?“
Das Gefährt, wurde oben von einem Schlot gekrönt, dem eine schwarze Wolke entwich – eine kleine Version der Fabrik-Schonsteine, die beständig ihren Rauch in den Himmel von Neventry bliesen, um die Waffen für den Krieg auf dem Kontinent zu schmieden. Ansonsten glich die Steamcoach einer Pferdekutsche, geschlossen, aber leicht gebaut, mit einem Dach aus Leder, das sich zurückklappen ließ.
„Was ist das für eine Coach?“, fragte Lilly scheu. Sie war noch nicht lange dabei und dazu ziemlich jung. Vince hatte Kara angewiesen, sie unter ihre Fittiche zu nehmen.
„Halt dich von dem Wagen fern“, warnte Agnes. „Keines von den Mädchen, die da eingestiegen sind, ist jemals wieder aufgetaucht.“
Lilly bekam große Augen. „Warum steigen sie dann ein?“
„Weil du tust, was dein Kerl sagt“, gab Kara hart zurück. „Das lernst du schon noch.“ Obwohl sie mit ihren zwanzig Jahren kaum älter war als Lilly, kam sie sich sehr viel lebenserfahrener vor – und war es sicher auch. Sie stieß sich von der rußgeschwärzten Backsteinwand ab, schwenkte ihre Handtasche und schaute unschlüssig zu dem Wagen hinüber. Noch nie war jemand aus dem düsteren Gefährt ausgestiegen. Es kam in dunklen Nächten wie dieser, hielt am Straßenrand und wartete. Die Mädchen hatten gelernt, einen Bogen darum zu machen.
„Bist du wahnsinnig?“, zischte Agnes, als ihr Karas Absicht klar wurde.
„Fragen kostet nichts.“
Mit wiegenden Hüften schlenderte Kara auf den Wagen zu. Durch die Glasscheiben erkannte sie nicht viel. Eine Gestalt saß am Steuer, ebenso schwarz wie der Rest des Gefährts. Die Gaslaterne flackerte und für einen kurzen Moment war Kara geneigt, Agnes‘ Ansicht zu teilen. Doch dann sagte sie sich, dass sie den Teufel nicht fürchten musste. Die Hölle konnte nicht schlimmer sein als ihr Leben.
Das Seitenfenster war um eine Mittelachse drehbar und geöffnet. Sie beugte sich nieder, um in das Innere sehen zu können.
„Schönen Abend die Herrschaft.“
Die Gestalt am Steuer drehte den Kopf. In der unzureichenden Beleuchtung sah sie einen Herrn mittleren Alters, der ihr entfernt bekannt vorkam, doch sie konnte sich nicht mehr erinnern, woher. Interessanterweise musterte er zuerst ihr Gesicht, dann erst das weit ausgeschnittene Dekolletee.
„Wo ist dein Zuhälter?“, fragte er. Der Satz klang weder fordernd noch verächtlich, sondern sachlich – wie die Frage eines Geschäftspartners.
Kara verzog die Lippen. „Der traut mir zu, die Verhandlungen allein zu führen.“
„Nicht diese“ entgegnete der Mann. Er hatte eine vornehme Aussprache. „Es geht nicht um eine Nacht. Wenn du mitkommst, gehörst du ihm ganz.“
Ein Schaudern lief über Karas Rücken. Das klang nun doch danach, seine Seele zu verkaufen. Aber hatte sie das nicht schon längst getan?
„Das wird nicht billig“, sagte sie betont lässig. Die Summe, die der Mann nun nannte, ließ sie nervös auflachen. „Ich werd’s weitergeben“, versprach sie, stieß sich vom Fenster ab und gewann möglichst schnell Abstand zu dem Wagen. Sie fragte sich, was jemand für einen solchen Preis verlangen würde. Nicht einmal ihre Seele war so viel wert.

Wieder einmal lag eine nackte Frauenleiche vor Coroner Simon Blackwell, doch diesmal war Einiges anders. Zum einen fehlten die üblichen Spuren von sexueller Folter – keine Striemen auf den Brüsten, keine Risswunden im Bereich von After und Vagina. Tatsächlich zeigte der durch das Wasser aufgedunsene Körper gar keine Anzeichen von Misshandlung.
Und noch etwas war anders. Diese Frau kannte er.
Mit einer behutsamen Bewegung strich Blackwell eine nasse Haarsträhne aus Miras Gesicht. Sie war einmal recht ansehnlich gewesen, mit großen Augen und vollen Lippen, die sie stets kirschrot geschminkt hatte – bevor das Wasser des Giffey sie aufgebläht hatte. Er blickte auf, als Schritte erklangen. Detective Inspector Hestridge kam die Treppe herab in Blackwells grün gekacheltes Reich.
„Wieder der Inquisitor?“, fragte der DI, noch bevor er die Leiche in Augenschein genommen hatte.
„Nein“, entgegnete Blackwell. „Diesmal haben wir es offenbar mit einem ganz normalen Mord zu tun.“
„Oder Selbstmord“, entgegnete Hestridge hoffnungsvoll. „Vielleicht ist sie von einer Brücke gesprungen.“
„Splitternackt?“, fragte Blackwell skeptisch und Hestridge seufzte resigniert auf.
„Also haben wir im schlimmsten Fall zwei Frauenkiller in Neventry.“
„Oder es war doch der Inquisitor“, spekulierte Blackwell. „Vielleicht konnte sie ihm entkommen und ist auf der Flucht in den Giffey gestürzt. Das würde die fehlende Kleidung erklären.“
„Möglich. Gibt es schon Hinweise auf ihre Identität?“
„Ihr Name ist Mira – oder zumindest hat sie sich so genannt. Sie hat als Dirne drüben am Trevelyan Square gearbeitet.“
Hestridge musterte seinen Kollegen missbilligend. „Blackwell, Blackwell.“ Er schüttelte den Kopf. „Ihr Zeitvertreib wird Sie noch in Konflikt mit der Partei der Wahren Gläubigen bringen.“
Der Coroner zuckte die Schultern. „Die Gesetze werden nicht von Kirchen gemacht.“
„Noch nicht“, gab Hestridge zurück. „Aber wenn Melcombe zum Premier gewählt wird – und es sieht ganz danach aus – sitzt einer von ihnen bald an der Spitze unseres Landes.“
Blackwell grinste schief und griff nach der Packung Zigaretten auf der Fensterbank. „Dann werde ich jetzt eine rauchen gehen, so lange ich das noch darf“, sagte er. „Kommen Sie mit? Ich habe für Sie auch eine.“

„Na komm schon“, sagte Kara zu dem schüchternen Kunden, der offenbar Schwierigkeiten mit seinem Gürtel hatte. „Deine Zeit läuft.“
Das heruntergekommene Zimmer in Stans Hotel war kaum beleuchtet, und das lag nicht nur an den Gaspreisen. Vollständige Beleuchtung beim Akt galt als pervers – und kostete entsprechend extra. Kara saß auf dem Bett, die Röcke gerafft und bereit. Sie sah nicht genau, was der Kerl in der Ecke trieb, doch sie hatte eine starke Vermutung.
„Kriegst du ihn nicht hoch?“
Die hektische Betriebsamkeit endete abrupt und eine unangenehme Stille breitete sich aus.
Kara seufzte auf.
„Komm her, Kleiner“, sagte sie, und ihre Stimme hatte nun etwas Mütterliches. Als er sich nicht rührte, winkte sie mit der Hand. „Du brauchst dich nicht zu schämen. Bist das erste Mal bei einer Hure, was? Das passiert vielen. Komm, ich helfe dir.“
Mit schlurfenden, kleinen Schritten, zu denen ihn die heruntergelassene Hose zwang, kam er näher, zwischen seinen Beinen ein Bild trauriger Kraftlosigkeit. Als er vor ihr stand griff sie danach und begann zu reiben.
„Normalerweise kostet die Hand extra“, erklärte sie dabei geschäftsmäßig, „aber du bist zum ersten Mal bei mir. Da sind kleine Handreichungen inklusive.“
Sie hatte genug Erfahrung, um den kleinen Kerl zu wecken, obwohl sie nicht ganz bei der Sache war. Ihre Gedanken wanderten zu dem schwarzen Wagen zurück. Die Höhe der Summe, die der Fahrer genannt hatte, erstaunte sie immer noch. Was hatte er nur gemeint mit „dann gehörst du ihm ganz“? Leibeigenschaft gab es seit mindestens zwei Jahrhunderten nicht mehr. Was geschah mit den Frauen, die so teuer bezahlt wurden?
Ein Stöhnen warnte sie, dass sie ihren Freier beinahe zu weit getrieben hatte. Jetzt, da er sich in die Höhe gereckt hatte, war es ein durchaus ansehnlicher Schwengel mittleren Kalibers.
„Prächtig!“, lobte sie, denn sie kannte die Bedürfnisse ihrer Kunden. „So ein Riesending ist mir selten untergekommen!“ Sie hob Rock und Unterrock und spreizte die Beine. Ihre Unterhose reichte zwar züchtig bis zum Knie, war aber praktischerweise geschlitzt, um den Herren unnötige Komplikationen zu ersparen. Im Halbdunkel des Zimmers war das Ziel als klaffender Spalt in weißem Leinen gut auszumachen.
„Darf ich deine Dinger sehen?“, fragte er unbeholfen.
„Aber, aber“, gurrte sie mit unschuldigem Augenaufschlag. „Was würden denn die Wahren Gläubigen dazu sagen?“
„Ich … ich weiß nicht“, stotterte er verlegen. Sie griff nach der Schnur, mit der sie den Halsausschnitt verändern konnte.
„Anschauen drei, anfassen fünf“, informierte sie ihn.
„Dann nicht.“ Es klang wie ein Seufzen.
Kara verzichtete darauf, sich rücklings auf das Bett zu legen. Bis er die richtige Position gefunden hätte, wäre er vermutlich schon gekommen, und sie hatte ohnehin schon Zeit verloren.
Etwas umständlich trat er näher, ging in die Knie, fand dank der Unterstützung ihrer Hand glücklich das Ziel und wie sie es vorausgesehen hatte, genügten ein, zwei Stöße bis er sich grunzend ergoss. Während er sich noch ein wenig wand, kraulte sie gedankenverloren seine schwitzigen Haare und fragte sich, ob Lilly wohl mit dem betrunkenen Fabrikarbeiter gegangen war. Als erster Freier war er nicht gerade geeignet, aber ihre Jungfräulichkeit hatte Lilly bereits an Vince verloren, und früher oder später würde sie sich arrangieren müssen.
Als Kara zurück auf den Trevelyan Square trat, waren sowohl Lilly als auch Agnes verschwunden. Die Nacht war lau und gut für’s Geschäft. Kara fand noch einen durchreisenden Geschäftsmann, mit dem sie die Sache angenehm professionell abwickelte, und einen nach Gin stinkenden Matrosen, der sie ohne Umstände einfach in einer Gasse gegen die Wand drückte. Schließlich läuteten die Glocken von St. Francis den Feierabend für die Huren ein. Der Morgen graute, und Kara, Agnes und Lilly schlurften müde den Gehsteig entlang.
„Lass uns noch am Markt vorbei gehen“, schlug Agnes vor. Sie mussten ein paar Lebensmittel kaufen, bevor Vince ihnen das Geld abnahm. Außerdem war der Markt eine Möglichkeit, sich für eine kurze Zeit wie ein normaler Mensch zu fühlen.
Mithilfe der eingenähten Schnüre zogen sie die Halsausschnitte ihrer Blusen auf ein züchtiges Maß zusammen. Kara wühlte noch ein wollenes Tuch aus ihrer Tasche, das sie sich um die Schultern legte. Auch für Lilly hatte sie eines eingesteckt. So erschienen sie mit Mieder, Bluse, Röcken und Tuch wie ganz gewöhnliche Marktbesucherinnen.
Von der Schminke war ohnehin nicht mehr viel übrig, aber die Frauen wischten sich trotzdem gegenseitig die Gesichter sauber. Dann mischten sie sich unter die Hausfrauen und Dienstmädchen, welche die kühle Morgenzeit nutzten, um verderbliche Waren sicher nach Hause zu tragen, bevor die Schlote die Luft mit ihrem heißen Dunst verpesteten.
Ohne sich abzusprechen, marschierten die drei direkt zu Liams Gemüsestand. Der Ire zwinkerte ihnen fröhlich zu. Er war ein gelegentlicher Kunde, aber anständig genug, ihnen auch außerhalb der Geschäftsbeziehung freundlich zu begegnen.
„Mora duit, mo spéirbhean“, grüßte er sie in seinem irischen Singsang und warf ihnen ein paar Pflaumen zu. „Was kann ich für euch einpacken?“
An Kara hatte er einen Narren gefressen. Vermutlich, weil sie genauso feuerrote Haare hatte wie er selbst. Vielleicht, dachte sie, wäre er ein guter Kunde für Lilly – nicht sehr zärtlich, aber geradeaus und völlig ohne Hang zur Brutalität. Sie würde Liam darauf ansprechen, wenn sie ihn am Abend im Pub traf.
„Ich kann heute was ausgeben!“ Agnes förderte grinsend eine braune Lederbörse zum Vorschein, die nicht die ihre war. „Einer meiner Freier hat meinen Hintern so festgehalten, dass er sein Geld dafür loslassen musste.“
Kara wandte sich an Lilly und fragte beiläufig: „Was hast du verdient?“ Lilly senkte den Blick und wurde rot, sagte aber nichts.
„Du hast dich wieder versteckt“, stellte Agnes fest und stemmte die Hände in die Hüften. Als Lilly aufblickte, hatte das Mädchen Tränen in den Augen.
„Ich weiß ja, wie dringend Vince das Geld braucht!“, jammerte sie. „Ich will ja auch gerne arbeiten gehen! Aber das doch nicht!“
Kara und Agnes wechselten einen besorgten Blick. Sie wussten aus eigener Erfahrung, wie ungehalten Vince werden konnte, wenn er nicht bekam, was er wollte. Agnes hob fragend die Geldbörse und Kara begriff, was sie vorhatte. Sie konnten das zusätzliche Geld als Lillys Verdienst ausgeben. Doch Kara schüttelte den Kopf. So würden sie das unvermeidliche nur hinauszögern. Früher oder später würde Lilly anschaffen müssen, und je eher sie das begriff, umso besser.

„Ich kann es nicht, Liebling! Bitte! Ich will das mit keinem anderen machen!“
Es war die vierte Nacht, in der Lilly nichts verdient hatte, und Vince war über ‚tu es für mich‘ hinaus. „Was denkst du dir eigentlich?“, fragte er unheilvoll. Die Haut gerötet, die Brauen zusammengezogen, zeigte er ihr zum ersten Mal sein wahres Gesicht.
Kara hatte diese Fratze selbstverliebter Brutalität inzwischen oft genug gesehen. Sie wandte sich ab, doch seine Stimme ließ sich nicht aussperren.
„Du bist mein Eigentum, ein Pferd in meinem Stall, und wenn ich verlange, dass du dich von zehn Männern am Stück rannehmen lässt, dann wirst du das tun!“
Kara konnte das Entsetzen in Lillys Gesicht nicht glauben. Hatte die Kleine wirklich immer noch nicht begriffen, wohin sie hier geraten war?
„Wie kannst du so etwas sagen?“
„Weil es so ist! Ich hab dein Loch geöffnet, und jetzt hat es verdammt noch mal seine Arbeit zu tun!“
Unwillkürlich legte Lilly die Hände schützend vor ihren Schritt. „Aber es ist doch nur für dich …“
Er lachte grob auf. „Nur für mich? Ich werde dir zeigen, was da alles reinpasst!“ Er riss an ihren Haaren und zerrte sie zum Tisch hinüber, wo er sie neben ihren Einkäufen grob auf die Tischplatte drückte. Sie wehrte sich, doch er war unbarmherzig. Als Kara sah, dass er nach einer Gurke griff, sprang sie auf.
„Sie hat es verstanden!“, rief sie in Lillys panisches Schreien hinein. Sie griff nach seiner Hand und hielt ihn fest. Als er ihr den Kopf zuwandte wusste sie, dass sie einen Fehler begangen hatte.
„Du?“, zischte er. Er ließ Lilly los, die weinend auf dem Küchenboden zusammensackte, und wandte sich zu Kara um.
Vince schlug Kara nie ins Gesicht. Ihr Gesicht war schön: ebenmäßig, unverbraucht und jung. Das Gesicht war ihr Werbeschild. Darum hieb er seine Faust in ihren Unterleib.
Sie krümmte sich stöhnend und wusste, dass das erst der Anfang war. Seine Schläge warfen sie zu Boden, wo sie seinen Stiefeln ausgeliefert war. Er trat in ihren Bauch, in ihre Seiten und auch in ihren Schritt. Sie wimmerte, flehte ihn an, aufzuhören, bis ihr die Sinne schwanden.

Kühle Feuchtigkeit in ihrem Gesicht weckte Kara. Agnes hockte vor ihr und wischte ihr mit einem Lappen über die Wangen.
„Besser?“ Agnes hatte selbst schon oft unter Vinces Schlägen die Besinnung verloren. Sie wusste, wie man sich danach fühlte.
Kara richtete sich stöhnend auf und blickte sich um.
Alles war in Unordnung: der Tisch verrückt, die Stühle umgeworfen, das Gemüse überall verteilt. Sie vermutete, dass Vince der armen Lilly alles eingeführt hatte, was nur im Entferntesten hinein gepasst hatte.
„Hier.“ Agnes reichte ihr einen Becher Wasser und Kara trank dankbar.
„Wo ist Lilly?“, fragte sie.
„Keine Ahnung, bin gerade erst gekommen.“ Agnes schaute sich um. „Vielleicht ist sie in Vince‘s Zimmer.“
Kara bezweifelte, dass Lilly sich ausgerechnet dorthin geflüchtet hätte, wo alles nach dem Kerl stank. Doch sie sagte nichts, als ihre Freundin aufstand und hinüber ging. Agnes öffnete die Tür – und wich mit einem Aufschrei zurück. Dann lief sie, die Finger vor die Lippen gepresst, zum Tisch hinüber und erbrach sich in eine Schale.
Als Kara Lillys leblosen Körper vom Fensterkreuz baumeln sah, zerbrach etwas in ihr.

„Das müsst ihr wieder reinholen!“, hatte Vince verlangt, als wäre es ihre Schuld gewesen, dass Lilly sich das Leben genommen hatte.
Jetzt, am frühen Abend, hatten sich die Huren des Trevelyan Square um einen Tisch im ‚Nassen Dackel‘ versammelt, um sich noch ein wenig aufzuwärmen, bevor sie draußen ihre Plätze einnahmen. Einige Tische weiter saßen ihre Zuhälter und spielten Karten.
Mit wogenden Hüften kam die Fette Liz an den Tisch der Frauen und schob ihren Hintern auf einen für ihre Masse viel zu kleinen Stuhl.
„Schaut euch den Mistkerl an“, sagte sie mit einem Seitenblick auf die Männer. „Sitzt und spielt als wäre nichts geschehen.“
Kara dachte zuerst, dass Vince gemeint war, doch niemand wusste, dass Lilly sich umgebracht hatte. Oder hatte es trotz des Schweigegeldes die Runde gemacht?
„Was ist denn geschehen?“, fragte eine der Frauen.
„Hast du es nicht gehört?“ Die füllige Hure ließ einen bedeutungsvollen Blick in die Runde gehen. „Miras Körper ist gestern Mittag im Osthafen angeschwemmt worden!“
Agnes schlug die Hand vor den Mund und Kara warf einen Blick zu Tom hinüber, für den Mira seit drei Jahren gelaufen war. Sein Gesicht war gerötet vom Ale und seine Augen leuchteten über eine scheinbare Glückssträhne – dabei verlor er seit einer guten Woche Beträge, über die jeder nur den Kopf schüttelte. Es kursierten die verschiedensten Vermutungen darüber, woher er das Geld hatte. Die meisten Geschichten liefen darauf hinaus, dass man ihn früher oder später mit gebrochenen Beinen in einer Gasse finden würde. Mit fettigen Fingern schob er einen Stapel Münzen in den Pott.
„Was ist passiert?“
Liz beugte sich über den Tisch und senkte die Stimme. „Mira musste in den schwarzen Wagen steigen. Ihr wisst schon: die Steamcoach! Zehn Tage ist das her.“
„Was wurde mit ihr angestellt? War es der Inquisitor?“
Die Frauen rückten näher zusammen und Liz, die einen Polizisten zu ihren Stammkunden zählte, genoss die Aufmerksamkeit. „Mein Coroner meint, sie hätte keinerlei Verletzungen gehabt. Vermutlich ist sie ertrunken. Aber sie war völlig nackt! Und aufgedunsen. Sie muss schon ein paar Tage im Wasser gelegen haben.“
„Großartig“, meinte Agnes. „Dann haben wir jetzt schon zwei Irre in Neventry, die es auf uns abgesehen haben.“
„Aber diesem können wir wenigstens aus dem Weg gehen. Ich steige da jedenfalls nicht ein, egal, was Dermot mir androht.“
Kara schaute zu den Männern hinüber. Tom erhöhte den Einsatz des Pokerspiels gerade wieder, als hätten seine Taschen keinen Boden. Als Kara Vince‘s Blick nachdenklich auf sich ruhen sah, erhob sie sich abrupt.
„Komm, Agnes, an die Arbeit.“
Die Freundin schaute erstaunt auf. „Du hast es heute aber eilig.“
„Das wird ‘ne gute Nacht, das hab ich im Gefühl.“

Die Steamcoach stand an der gleichen Stelle wie gestern, und Kara steuerte direkt darauf zu. Agnes hielt die Freundin an der Schulter zurück. „Bist du verrückt?“
Kara wandte sich um. „Ich weiß genau, was ich tue. Komm schon!“
„Ich gehe keinen Schritt weiter!“
„Du wirst mitkommen. Ich brauche dich, Agnes.“
Ein erstaunter Ausdruck trat in Agnes‘ Augen. „Was hast du denn vor?“
„Keine Angst. Es wird gut ausgehen.“
Agnes Blick war noch immer ängstlich, doch sie nickte ergeben. „Was immer du meinst.“
Es war der gleiche Mann hinter dem Steuer, und er schien sie ebenfalls wiederzuerkennen, denn er stellte keine Frage, schaute sie nur abwartend an.
„Mein Freund ist einverstanden“, sagte Kara ohne Umschweife.
„Wo ist er?“
„Sie kriegt das Geld.“ Kara zeigte auf Agnes. „Sie bringt es ihm.“
Der Mann nickte. Ihm schien es egal zu sein.
„Steig ein, dann reiche ich die Bezahlung nach draußen.“
„Du bist völlig übergeschnappt!“, zischte Agnes. „Du willst da nicht wirklich einsteigen!“
„Doch, das will ich. Und du wirst das Geld nehmen und damit direkt zum Bahnhof gehen. Geh nicht in die Wohnung zurück um zu packen, nicht zu Vince. Du nimmst es und fährst direkt zurück zu deiner Mutter, verstanden?“
Sie konnte sehen, wie Tränen in Agnes‘ Augen traten.
„Das darfst du nicht tun! Nicht für mich!“
„Meinst du, ich warte, bis Vince das Geschäft macht?“ Kara nahm ihre Freundin in den Arm und drückte sie fest an sich. „Lass dir nicht einfallen, dir dein neues Leben von irgendwem wegnehmen zu lassen“, flüsterte sie. „Das bist du mir schuldig!“ Dann öffnete sie die Wagentür und stieg ein.
Wie er es versprochen hatte, reichte der Mann ein ledernes Etui durch das Fenster und Agnes nahm es zitternd entgegen. Sie öffnete es, und als sie losfuhren, hörte Kara einen leisen Schrei der Überraschung, der ihr eine tiefe Befriedigung verschaffte. Es war nicht nur die Freude, der Freundin ein neues Leben eröffnet zu haben. Es war auch die Befriedigung darüber, dass Vince an einem einzigen Tag alle seine Mädchen verloren hatte. Er würde wohl selbst anschaffen gehen müssen – und bei seinem Aussehen hatte er bestimmt bald eine Menge Kunden.
Sie lehnte sich zurück und atmete den Geruch der Ledersitze ein. Merkwürdigerweise hatte sie keine Angst. Sie war neugierig auf den unbekannten, reichen Mann, der sich Frauen für eine Nacht kaufte, um sie dann zu töten. Vor dem Tod fürchtete sie sich nicht. Er konnte nicht schlimmer sein als dieses Leben, das sie mit jedem Meter, den der Wagen zurücklegte, weiter hinter sich ließ.
MASTER ASH
Der Fahrer brachte sie schweigend aus der Gegend, wo die Schlote der Fabriken in den Himmel stachen, und bald konnte Kara Bäume schwarz im Mondlicht aufragen sehen. Es war eine Allee, links und rechts von weißen Villen gesäumt. Nach einigem Nachdenken vermutete sie, dass sie sich in Mashham befanden. Die Mash führte als träger Fluss durch dieses Viertel und mündete irgendwann in die Giffey, die wiederum zum Osthafen führte, wo man Miras Leiche gefunden hatte. Kara blieb merkwürdig ruhig bei dem Gedanken, dass ihr eigener, nackter Körper am nächsten Tag diesen Weg nehmen würde.
Wie von Geisterhand öffnete sich vor ihnen ein schmiedeeisernes Tor und der Wagen rollte über einen Kiesweg vor ein beeindruckendes Portal. Als der Fahrer den Wagen abstellte, wurde ihr erst bewusst, dass die Maschine eine ununterbrochene Folge von Puffen von sich gegeben hatte, während sie gefahren waren. Nun wirkte die Stille fast unheimlich.
Von den Gesprächen der Dienstmädchen auf dem Markt wusste Kara, dass Herrschaften von einer Untergebenen stillen Gehorsam erwarteten. Daher hatte sie beschlossen, auf Anweisungen zu warten. Eine Anweisung, wie das Öffnen der Autotür durch den Fahrer. Als er es tat, schob sie sich aus dem Wagen und warf einen bewundernden Blick auf das Haus.
Im Mondlicht leuchtete der Verputz weiß – oder war es tatsächlich Marmor, was sie hier sah? Die Säulen und der dreieckige Giebel des Portals ließen an einen antiken Tempel denken. Während sie noch staunte, schloss ihr Begleiter die Wagentür und ging ihr voran.
„Wenn Sie mir bitte folgen wollen, Miss.“
Langsam stieg sie die Stufen hinauf, die Einzigartigkeit des Augenblickes genießend. Noch nie hatte sie ein Haus durch das Portal betreten.
Der Mann war noch dabei, die Tür mit einem Schlüssel zu öffnen. Offenbar gab es nicht viel Personal in diesem Haus. Die weißen Handschuhe und der Schlüssel ließen vermuten, dass er nicht nur Fahrer, sondern auch Butler war.
„Sie haben mich noch gar nicht nach meinem Namen gefragt“, sagte sie.
„Ihr Name ist nicht von Bedeutung“, erklärte er. „Wenn Master Ash Sie anzusprechen wünscht, wird er Ihnen einen Namen geben.“
Master Ash. Kara fragte sich, was sie hinter dieser Tür erwartete.
Es war eine dunkel getäfelte Halle. An den Wänden leuchteten Gaslampen und erfüllten den Raum mit warmem Licht. Ein geknüpfter Teppich deckte die Bodenfläche so perfekt ab, dass er vermutlich speziell für diesen Raum gefertigt worden war.
Auf einem Tisch sah Kara eine Skulptur, die zwei nackte, miteinander ringende Männer darstellte. Es waren wohlgestaltete Körper, prächtig die Darstellung der im Kampf angespannten Muskeln. Doch die Schönheit wurde dadurch gestört, dass der eine Kämpfer den Kopf eines Stieres besaß. Verwundert fragte sie sich, welche seltsame Geschichte hier erzählt wurde.
Weiter hinten führte eine breite Treppe in ein weiteres Stockwerk hinauf, doch ihr Begleiter steuerte eine Tür an, die links von der Halle abzweigte. „Erschrecken Sie nicht“, erklärte er, als er die Hand auf die Türklinke legte. „Er besitzt ein etwas ungewöhnliches Äußeres.“
Diese rätselhafte Bemerkung ließ alle möglichen Vorstellungen in Kara entstehen. War er verkrüppelt? Entstellt? Von fremdländischer Herkunft? Als der Diener die Tür öffnete, sah sie einen Mann in einem Sessel sitzen, der ihr den Rücken zuwandte. Über die kurze Rückenlehne ragten breite Schultern und schwarzes, glänzendes Haar, das glatt zurückgekämmt war.
„Hast du heute jemanden gefunden?“, fragte der Mann. Seine Stimme klang kraftvoll – und ein wenig traurig.
„Das habe ich, Master Ash.“
Der Mann stellte ein breites Glas mit bernsteinfarbener Flüssigkeit ab und Kara sah, dass er einen Handschuh trug – ein ungewöhnliches Stück, über das sich metallene Verzierungen zogen.
„Wird sie mir gefallen?“, fragte er.
„Das nehme ich an, Master Ash.“
„Das wird umgekehrt sicher nicht der Fall sein.“
Der Mann erhob sich und wandte sich zu ihr um. Karas Augen weiteten sich vor Erstaunen.
Seine linke Gesichtshälfte war teilweise durch eine Maske verdeckt. Diese bestand aus Metall, glänzte silbern und golden und war zweiteilig gefertigt. Der untere Teil umhüllte den Unterkiefer und endete etwa drei Fingerbreit vor dem Kinn. Kara meinte, unter dem Metall das Ende einer Narbe hervorschauen zu sehen. Der obere Teil war mit dem unteren durch Zahnräder verbunden, die offenbar die Funktion des Kiefergelenkes übernehmen mussten. Das Metall zog sich modellierend über Wange und Jochbein und verdeckte sogar das Auge. Dort war in einem kreisrunden Rahmen ein dunkles Glas eingesetzt worden, doch Kara vermutete, dass darunter kein gesundes Auge verborgen lag. An verschiedenen Stellen erkannte sie Schrauben und fragte sich, woran diese wohl Halt fanden.
Erschrocken war sie über den Anblick nicht. Es waren selten die schönsten Männer, die Geld für Liebesdienste bezahlten. Armut, Krankheit und Schmutz formten hässlichere Gesichter, als die glatte Oberfläche von Kupfer und Bronze, die in diesem Fall noch mit feinen Ziselierungen versehen war, als sollte die Hässlichkeit der Verstümmelung durch die Schönheit der Protese überwunden werden.
Das rechte Auge war eindeutig gesund. Sie war sich nicht über die Farbe klar, nur dass die Iris hell war. Er musterte sie mit ruhiger Gelassenheit, stand hinter dem Sessel mit dem seidenglänzenden Bezug und ihr wurde verlegen bewusst, wie abgerissen und schmutzig ihre Kleidung war.
Er ließ sich Zeit, und das weckte eine gewisse Nervosität in ihr. Wie jede Hure war sie ungeduldig, wollte ‚es‘ hinter sich bringen. Normalerweise hätte sie eine schnippische Bemerkung gemacht, um das Geschehen voranzutreiben, doch die vornehme Würde dieses Hauses ließ sie stumm bleiben.
Es hatte keine Eile, sagte sie sich. Es gab keinen anderen Kunden nach ihm, kein Soll, dass sie in dieser Nacht erfüllen musste. Sie konnte ebenso gut entspannen und die Dinge nehmen, wie sie kamen. Mit diesem Gedanken fiel die Unruhe zu einer kleinen Flamme der Aufregung zusammen, am Brennen gehalten durch die Ungewissheit über ihr Schicksal und den ungewöhnlichen Mann, der vor ihr stand.
Jetzt erst gönnte sie sich einen richtigen Blick auf ihn selbst. Weil sein Gesicht nur teilweise zu sehen war, fiel es ihr schwer, sein Alter zu schätzen. Sie vermutete, dass er um die Dreißig sein musste. Der unbedeckte Teil des Gesichtes war durchaus attraktiv, die Knochenstruktur verriet Energie und Stärke. Ohne den martialischen Eindruck des Metalls hätten seine Züge sicher etwas Edles gehabt. Die Haare waren schwarz und voll. Die förmliche Kleidung – Hemd, Weste, Jacke – verriet nicht viel von seinem Körper, zeigte aber breite Schultern und eine schlanke Hüfte. Die Hände sprachen von Kraft.
Seine Mundwinkel hoben sich zu einem verhaltenen Lächeln, das so schnell verschwand, wie es gekommen war.
„Zuerst einmal wirst du baden“, sagte er. Kara hatte nichts dagegen. Es war lange her, dass sie ihren Körper ganz hatte untertauchen können. In der kleinen Kammer, die sie sich mit Agnes teilte, stand ihr nur eine Waschschüssel zur Verfügung und ein Krug, mit dem sie das Wasser von der Pumpe in der Küche holen musste.
„Ich werde dir dabei zusehen“, erklärte er weiter. „Macht dir das etwas aus?“
Sie drehte verneinend den Kopf. „Sie haben bezahlt, Sir. Sie bestimmen, wofür.“

Die Wanne war ein bronzenes Becken, halb in den Boden eingelassen und groß genug, dass sie beide Platz darin gefunden hätten, doch ihr Gastgeber ließ sich in einem knisternden Korbsessel nieder, der schräg gegenüber der Wanne stand. Sein Auge musterte sie erwartungsvoll.
Das Becken hatte die Form eines Schwanes, hinten zu einer Rückenlehne hochgezogen mit den angedeuteten Umrissen von Federn. Der Hals war ein Rohr, das zu einem Wasserspeicher führte, unter dem eine Gasflamme brannte.
Der Chauffeur war tatsächlich zugleich Butler. Er betätigte einen Schieber und dampfendes Wasser lief in die Wanne. Aus einer Karaffe fügte er ein hellblaues Öl hinzu, dessen blumiger Duft sich sofort im ganzen Raum verbreitete.
Eine wohlige Gänsehaut überlief Kara bei dem Gedanken, sich ganz in das warme Wasser zu schmiegen. Sie erinnerte sich nicht, wann ihr dieser Luxus das letzte Mal vergönnt gewesen war. Sie musste noch ein Kind gewesen sein.
Unsicher, ob sie trotz des Dieners schon beginnen sollte, setzte sie sich auf den Wannenrand und ließ ihre Fingerspitzen durch das warme Wasser gleiten. Niemand nahm daran Anstoß. Als die Wanne voll war, drehte der Diener das Wasser ab und verließ das Bad.
Unsicher zog Kara die Finger aus dem Wasser.
Vier Gaslampen erhellten den Raum und beleuchteten ihren Körper warm und vollständig. Er würde ihr zusehen, nicht nur, wie sie sich völlig entkleidete, sondern auch, wie sie sich säuberte: ihre Brüste, ihre Schenkel – und dazwischen. Kaum zu zählen, wie viele Regeln der Wahren Gläubigen sie hier auf einmal verletzten, doch er schien sich so gar keine Gedanken darüber zu machen. In seiner Haltung war nichts von Verlegenheit zu spüren – aber auch nichts von der schmutzigen Gier, die sie in den Augen der Männer so oft gesehen hatte. Neugier lag in seinem Gesicht, Spannung, vor allem aber Genuss. Mit einem Mal erfüllte sie trotzige Selbstachtung, die ihre Verlegenheit auflöste.
Er hatte sie bezahlt, und nichts von dem, was sie hier taten, ging die Wahren Gläubigen etwas an, oder sonst jemanden auf der Welt. Langsam strich sie mit den Fingern über ihren Oberkörper, spürte der wachsenden Erregung in ihren Brustspitzen nach und begann dann, Knopf für Knopf ihre Weste zu öffnen. Sie ließ das Kleidungsstück über die Arme zu Boden gleiten und kehrte mit den Fingern zu ihren Brüsten zurück. Langsam zog sie den Ausschnitt ihrer Bluse auf.
Ihr Gastgeber zeigte keinerlei Regung, nur das Glitzern seines Auges folgte unverwandt jeder ihrer Bewegungen.
Sie befreite die Bluse aus dem Rockbund, fasste den Blusensaum mit überkreuzten Armen und zog das Kleidungsstück über den Kopf. Damit enthüllte sie das Mieder, das bei der Festigkeit ihrer Brüste eigentlich nicht nötig gewesen wäre, aber der Schicklichkeit geschuldet war. Sie ließ die Bluse zu Boden gleiten und erhob sich.
Der Rock war an der Seite verschlossen. Sie öffnete die Häkchen und raschelnd glitt das Kleidungsstück über den Unterrock zu Boden. Ihre Finger kehrten zur Hüfte zurück, fanden die Schnüre, lösten sie und dann enthüllte der Unterrock langsam die rüschenbesetzten Hosenbeine, die nackten Knie, die schwarzen Strümpfe. Sie stieg aus dem Reif aus Stoff und bückte sich, um die geschnürten Schuhe auszuziehen. Dabei gewährte sie ihm einen tiefen Einblick in ihren Ausschnitt. Sein Blick glitt über ihr Dekolleté und hinterließ eine Gänsehaut.
Kara setzte einen Fuß auf den Wannenrand, rollte aufreizend langsam den Strumpf ab. Den nackten Fuß setzte sie auf die kalten Kacheln zurück. Als sie das andere Bein hob, wurde sein Blick von dem Spalt in ihrer Hose angezogen, doch er blieb dort nicht. Vielmehr kehrte er zurück zu ihren Händen, die Stück für Stück mehr nackte Haut entblößten.
Als sie die Strümpfe weggelegt hatte, zögerte sie und schaute unsicher zu ihm hinüber. Er rührte sich nicht, saß abwartend da, die Hände entspannt auf den Armlehnen ruhend. Nur sein wacher Blick und die Wölbung seiner Hose verrieten seine innere Beteiligung.
Bisher hatte sie sich noch keinem Freier völlig nackt präsentiert. Die meisten waren auf eine schnelle Befriedigung aus, und jede Perversität erhöhte den Preis.
Als würde ihr Zögern ihn belustigen, sah sie so etwas wie Spott über sein Gesicht blitzen. Scham? Bei einer Hure? Sie reckte die Schultern.
Auch das Mieder war durch Häkchen auf dem Bauch verschlossen und sie löste sie, Öse für Öse, bis sie das sperrige Kleidungsstück aufklappen konnte. Sie drückte den Rücken durch, um ihm ihre Brüste auf beste Weise zu präsentieren, und wurde mit einem anerkennenden Heben seiner Braue belohnt.
Dieser Blick erfüllte sie mit absurdem Stolz. Er lobte sie für das, was sie war, was sie tat. Es störte ihn nicht im Geringsten, dass es sittenlos und unanständig war. Im Gegenteil, er erfreute sich daran und schien zu wollen, dass auch sie es genoss.
Erstaunlicherweise tat sie das. Diese Zurschaustellung ihrer Nacktheit vor einem völlig bekleideten Mann erregte sie. Das verwunderte sie, denn nach den Erfahrungen der letzten Jahre hatte sie nicht erwartet, dieses Gefühl jemals bei einem wildfremden Mann zu empfinden.
Welche geheimnisvolle Macht besaß er über sie?
Ihm zugewandt hob sie die Arme und zog die Haarnadeln eine nach der anderen aus der Frisur, bis ihre roten Locken sich üppig auf ihre Schultern legten. Zum ersten Mal seit Jahren wurde ihr wieder bewusst, wie weich und seidig sich das anfühlte. Es war, als würde allein sein Blick sie daran erinnern, wie wunderbar die Vereinigung zweier Körper sein konnte.
Ihre Finger glitten zum Bund ihrer Unterhose. Sie löste die Verschnürung und schob den Stoff über Hüfte und Knie zu Boden.
Als sie sich aufrichtete, hatte sich eine senkrechte Falte auf seiner Stirn gebildet. Er sah auf die blaugrünen Verfärbungen, die von Vince’s Schlägen herrührten, dann wanderte sein Blick zu ihrem Gesicht hinauf. Eine Frage lag in seinem Auge, doch er sagte nichts und sie schwieg ebenfalls.
Sie stieg in die Wanne und glitt in das warme Wasser hinein, das ihren Körper sofort umfing und eine wohlige Wärme tief in sie hinein schickte. Für einen Moment schloss sie genießend die Augen und seufzte leise.
Doch dann wurde ihr bewusst, dass sie nicht zu ihrem eigenen Vergnügen hier war. Sie schaute zu ihrem Wohltäter hinüber. Der fing ihren Blick auf und nickte zu einer Schale an der Seite hin, in der ein Seifenstück lag.
Natürlich. Sie nahm das nach Rosen duftende Stück und begann sich einzuseifen. Es tat ihr unendlich wohl, und es war, als ob sie nicht nur den Schmutz abwusch, sondern auch die Erinnerung an Vince, an die schmutzige Straßenecke am Trevelyan Square, an Lilly. Sie reckte nacheinander ihre schlanken Beine aus dem Wasser, um sie ebenfalls einzuseifen, reinigte Gesicht, Brüste, Bauch und Schritt und vergaß auch die Haare nicht. Schließlich tauchte sie ganz unter, um den Schaum abzuwaschen. Mit einem zufriedenen Seufzen lehnte sie sich zurück, die Arme links und rechts auf das Metall der Wanne gelegt, und schaute ihn an.
Er machte keine Anstalten, ihr weitere Anweisungen zu geben, begnügte sich damit, sie zufrieden zu betrachten, wie ein Sammler ein neues Stück betrachten würde, das er sich geleistet hatte. Doch wenn sie ihn richtig einschätzte, würde es dabei nicht bleiben.
Schon längst hatte sie begonnen, dieses Spiel von schauen und zeigen zu genießen. Sie wusste nicht, wie bald nach dem Bad er ihre Dienste beanspruchen würde, darum war es sicher nicht falsch, sich für ihn bereit zu machen.
Sie begann die Fahrt ihrer Finger am Halsansatz, ließ sie zwischen ihren Brüsten hindurch gleiten und zielstrebig weiter nach unten. Während sie sich selbst berührte, wölbte sie ihren Oberkörper auf, so dass ihre Brüste sich aus dem warmen Wasser erhoben. In der Kühle der Luft verhärteten sich die Knospen sofort und standen wie lockende Beeren auf ihrer weißen Haut. Einen Moment lang hoffte sie, dass er kommen und sie berühren würde, doch er blieb sitzen, die Hände locker auf den Armlehnen, reglos beobachtend. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus und ließ mit ihrer Linken warmes Wasser über ihre Haut träufeln, berührte selbst die erregten Höfe während ihre Rechte das Wasser weiter unten in sanfter Bewegung hielt.
„Das reicht.“ Seine Stimme klang heiser. „Dort drüben liegt ein Handtuch.“
Es lag weit genug entfernt, dass sie sich ihm noch einmal nackt präsentieren musste, doch das erregte sie sicher nicht weniger als ihn. Sein Blick folgte ihr unverwandt. Statt sich in das weiche Tuch zu hüllen, verwendete sie es lediglich, um das Wasser von ihrer Haut zu tupfen.
„Reib dich mit dem Öl ein!“, sagte er. Sie schaute sich nach der blauen Karaffe um. Behutsam entfernte sie den Glasverschluss, dann neigte sie das Gefäß und ließ reichlich Öl über ihre Brüste rinnen. Die Tropfen kitzelten über ihre Haut, während sie die Karaffe verschloss und wegstellte.
Es war ein gutes Öl, das beim Verteilen leise, schmatzende Geräusche erzeugte. Sorgfältig verrieb sie es über Bauch und Brüste, strich auch die Arme ein und merkte, dass es sogar noch für die Beine reichte. Aufreizend ließ sie ihre Finger über die Haut gleiten, bückte sich, um die Füße zu erreichen, fuhr beim Aufrichten mit der Hand über ihren Schenkel und ihren Hintern. Sie genoss seinen Blick, der jedes Detail ihres Körpers musterte.
„Komm her“, sagte er nach einer Weile.
Jetzt stellte sie sich vor ihn, das rechte Bein zwischen seinen Oberschenkeln. Sie hatte reichlich von dem duftenden Öl genommen und seine Hände glitten weich über ihre Haut.
Ihr wurde klar, dass er gar keinen Handschuh trug.
Seine Rechte war unregelmäßig vernarbt und die metallenen Verstrebungen und Aufsätze lagen direkt auf der Haut, durchdrangen sie und hatten wohl die Aufgabe, die Bewegungen seiner Finger zu dirigieren und zu unterstützen. Eigentlich, dachte Kara, besaß der Anblick eine ganz eigene Schönheit.
Die linke Hand hingegen war unversehrt.
Er nahm ihre Brust und drückte die Brustwarze zwischen Daumen und Zeigefinger zusammen. Ein Stöhnen entfuhr ihr, während sie sich ihm entgegen bog. Er ließ sie los, strich über ihren Bauch, dann glitten seine Finger zwischen ihre Beine, als wolle er prüfen, wie bereit sie war. Die schmierige Feuchtigkeit dort war kein Öl.
„Dreh dich um“, verlangte er. Sie gehorchte, und während hinter ihr der Stoff seiner Kleidung raschelte, beugte sie sich vor, stütze sich auf dem Rand der Wanne ab und präsentierte ihm die Öffnung, über die er die Verfügungsgewalt gekauft hatte. Seine Hände glitten über ihren Hintern, die eine warm und weich, die andere kratzend mit kühlem Metall, verteilten das Öl weiter über ihren Po und zwischen den Backen, die er ein wenig nach oben zog, bevor er unvermittelt in sie eindrang. Sie keuchte auf, als sie die Größe seines Gliedes spürte, fühlte erregt die Dehnung und seufzte, als er sich sanft in ihr bewegte. Seine Hände lagen um ihre Hüfte, sodass er ihre Bewegung lenkte. Sie fand sich rasch in den stummen Rhythmus ein, stöhnte immer wieder genussvoll auf. Sie hatte schon unzählige Männer in sich gespürt, große und kleine, doch etwas war ungewöhnlich an seinem Glied. Es fühlte sich uneben an, unregelmäßig, und das machte seine Stöße noch erregender.
Sie hätte sich noch lange weiter so von ihm verwöhnen lassen können, doch er kam viel zu früh. Ohne Rücksicht darauf, dass sie unerfüllt geblieben war, zog er sich aus ihr zurück. Wieder raschelten die Stoffe hinter ihr, als er die Hose schloss.
„Der Butler wird dir ein Kleid bringen“, sagte er trocken. „Zieh es an.“
„Nur das Kleid?“, fragte sie mit einem Blick auf ihre am Boden liegende Unterwäsche.
„Nur das Kleid.“
Damit ging er an ihr vorbei und verließ das Bad.

„Sie gehen wohl nie nach Hause, Mann!“
Blackwell schaute von den Ikonographien auf, die er über den leeren Seziertisch gebreitet hatte, und sah Hestridge in Hut und Mantel in der Tür stehen.
„Sie sind ja auch noch da“, gab er zurück.
„Aber ich geh jetzt heim zu Weib und Kind. Sie sollten sich auch eine Frau suchen, Simon. Das würde Sie ein bisschen ablenken von all dem hier.“ Hestridge machte eine diffuse Handbewegung, welche die gesamte Pathologie umfasste. Blackwell lächelte säuerlich. Wahrscheinlich hatte der DI sogar Recht.
Nichts zog Blackwell in die stille Wohnung, die er seit dem Tod seiner Mutter ganz allein bewohnte. Nach dem Schlaganfall hatte ihre Pflege seine freie Zeit vollständig beansprucht, doch seit sie fort war, gab es nicht mehr viel, was seine Abende füllte. Manchmal saß er einfach nur in einem Sessel, ein Glas Whiskey in der Hand, und starrte in die Dunkelheit.
„Grüßen Sie Ihre Frau“, sagte er und hoffte, dass Hestridge endlich ging, doch den Gefallen tat der DI ihm nicht.
„Ein paar der Jungs sind noch drüben im Pub“, sagte Hestridge stattdessen.
„Ich schau vielleicht später vorbei“, entgegnete Blackwell, obwohl er keinen Grund sah, sich an einem Gespräch über Belanglosigkeiten zu beteiligen, während um sie herum die Welt zum Teufel ging.
„Warten Sie nicht zu lange“, mahnte Hestridge, „die Meisten von denen haben auch ein Zuhause.“ Damit ließ er Blackwell endlich allein, und der wandte sich wieder den Bildern zu.
Es waren Ikonographien von Körperteilen. Massen davon. Dreizehn Frauenleichen hatten sie im Wald von Langford Greens gefunden, in allen Stadien der Verwesung. Die Ältesten waren bereits vollständig skelettiert. Selbst wenn man berücksichtigte, dass die Leichen ohne Särge und relativ oberflächlich vergraben worden waren, ließ das darauf schließen, dass der ‚Inquisitor‘ schon eine ganze Weile tätig war – seit mindestens sechs oder sieben Jahren. Das ergab einen Schnitt von zwei Morden pro Jahr.
Den Spitznamen ‚Inquisitor‘ hatte die Boulevardpresse dem Täter verpasst, als bekannt geworden war, dass er die Frauen offenbar nicht einfach ermordet, sondern zuvor perfiden Foltermethoden unterzogen hatte. Aufgrund der prä- und postmortal beigefügten Verstümmelungen war eine Identifizierung der Leichen kaum noch möglich. Einen ersten Namen hatten sie mehr durch Glück als durch das investigative Können der Kollegen erfahren: Tabby, ein Straßenmädchen aus dem über dreißig Meilen entfernten Gedford. Daraufhin hatten sie die Suche ausgeweitet und vier weitere Opfer identifiziert. Sie alle waren käufliche Mädchen aus entfernten Ortschaften gewesen. Der Täter war also nicht einfach Opfer seiner unkontrolliert aufflammenden Begierden. Er ging überlegt vor und verfügte über gewisse logistische Möglichkeiten.
Diese Beobachtung sprach dagegen, dass Mira zu seinen Opfern gehört hatte, denn Mira war aus Neventry. Falls das zutraf, hatten sie es also mit zwei verschiedenen Tätern zu tun – es sei denn, der „Inquisitor“ hätte seine Strategie geändert.
Blackwell starrte auf die Bilder, als läge dort irgendwo die Antwort verborgen, und wusste doch, dass er sie heute Abend nicht mehr finden würde. Heute nicht. Vielleicht niemals. Der Fund des Leichenfeldes, der Aufschrei in der Presse, all das hatte das Ungeheuer gewarnt. Es war gerissen. Sie hatten sieben Jahre lang nicht die kleinste Ahnung von seiner Existenz gehabt. Nun würde es sich noch tiefer in seine Höhle verkriechen und sich noch besser verbergen.

Frisch gewaschen leuchtete Karas rote Mähne und ringelte sich zu anmutigen Locken. Kara zupfte sie vor dem Spiegel in Form. Als der Butler kam, empfing sie ihn in das weite Handtuch gehüllt. Sein Gesicht war ausdruckslos, als er ihr auf einem Bügel das Kleid herein reichte, doch seine Stimme klang ein wenig freundlicher als zuvor.
„Kommen Sie einfach heraus, wenn Sie fertig sind“, sagte er. „Ich führe Sie dann zum Dinner.“
Es war ein schwarzes Kleid, das Oberteil figurbetont, der Rock weit und füllig. Als sie es übergezogen hatte, schmiegte es sich weich und nachgiebig an ihre Haut. Über die gesamte Länge des Oberkörpers ließ es sich vorne durch Schnüre anpassen, die über kleine, schwarze Häkchen liefen. Kara verengte es, bis es ihre Taille fest umschloss. Trotzdem blieb ein offener Spalt zurück, und man hätte darunter einen beigefarbenen Einsatz vermuten können. Tatsächlich aber war es ihre nackte Haut, die zwischen den Schnüren hervorschimmerte bis hinunter zum Bauchnabel. Diese Mischung aus Eleganz und Frivolität war erstaunlich und erregend.
Der Rock reichte bis zum Boden, verdeckte so ihre Beine und ihre nackten Füße. Wenn sie sich bewegte, kitzelte der Stoff ungewohnt über ihren nackten Hintern. Nur das Kleid, hatte er gesagt.
Ob er Kleider in allen Größen vorrätig hielt? Ob in diesem schon eine andere Frau einen wunderbaren Abend verbracht hatte, bevor er sie ermordet hatte?
Vor dem Spiegel hatte sie einige Schminkutensilien entdeckt. Sie verwendete sie sparsam aber wirkungsvoll. Die Qualität der Farben verriet ihr, dass es nicht das Eigentum der verschwundenen Dirnen war, das hier stand.
Als sie schließlich aus dem Bad trat, fühlte sie sich wie eine Königin. Eine verruchte Königin, weiblich und verführerisch und erregt bei dem Gedanken, zu ihrem schwarzen Ritter zu gehen. Der anerkennende Blick des Butlers gab ihr eine weitere Bestätigung, doch bevor der Diener zu der versteinerten Miene seines Berufsstandes zurück fand, meinte sie, so etwas wie Bedauern darin aufblitzen zu sehen. Vermutlich hielt er es für Verschwendung, dass sie am Ende dieser Nacht sterben würde.
Merkwürdigerweise empfand sie selbst es ganz anders. Bisher hatte dieser Abend alles übertroffen, was sie sich erträumt hatte. Einer solchen Perfektion konnte nur der Tod gerecht werden. Nach diesem Haus, diesem Kleid, diesem Mann würde sie niemals zurückkehren können an die Straßenecke.
Ihr kam der Gedanke, dass Mira möglicherweise gar nicht ermordet worden war. Vielleicht hatte sie sich selbst umgebracht, nachdem er sie fortgeschickt hatte. Doch dann erinnerte sie sich, dass Mira nackt gewesen war, und sich ohne Kleider ins Wasser zu stürzen, das traute Kara nicht einmal einer Hure zu. Im Esszimmer wartete der Mann, den Kara mangels anderer Möglichkeiten für sich nun ebenfalls Master Ash nannte. Ein Glas Whiskey in der Rechten, die andere in der Hosentasche, stand er am Fenster und schaute in die Nacht hinaus. Auch er hatte sich umgezogen, zeigte sich nun leger im Hemd, was ihm ausgesprochen gut stand. Die Ärmel hatte er ein wenig aufgerollt und an seinem linken Unterarm erkannte Kara Narben, wie Feuer sie hinterließen.
Er musterte sie mit einem Ausdruck zufriedenen Wohlwollens, als wäre sie eine Delikatesse, die er im Laufe des Abends zu genießen gedachte. Es störte sie nicht. Im Gegenteil. Seine Anerkennung gab ihr ein Gefühl von Würde.
Dann trat er an den Tisch und rückte einen Stuhl für sie zurecht. Es war ungewohnt, wie er den Stuhl unter sie schob. Machten vornehme Leute das so?
Während er sich ihr schräg gegenüber setzte, betrachtete sie das dünnwandige Porzellan, das vor ihr stand, und das Besteck, das zweifellos aus Silber war, nicht aus gestanztem Blech. Es war eine kaum zu übersehende Menge an Besteck. Nicht zu glauben, dass sie jedes Teil davon während des Essens tatsächlich benötigen würden.
Der Butler servierte die Suppe und Kara schaute verstohlen, nach welchem der Löffel Master Ash griff, bevor sie es ihm gleich tat. Wie schwer der Löffel war!
Die Suppe schmeckte wunderbar. Das Aroma von Fleisch und Kräutern füllte ihren Mund und die Wärme der Suppe verbreitete sich wohlig in ihrem ganzen Körper. Sie bedauerte, dass nur wenige Löffel später dieser Genuss bereits endete und der Diener die Teller abräumte. Aber es folgten weitere Gänge, und Kara erkannte bald, dass nicht die Größe sondern die Vielfalt der Gerichte sie zur Sättigung führen würde.
Keiner von ihnen sprach während des Essens; nur der Butler nannte vor jedem Gang den Namen der aufgetischten Köstlichkeiten. Es war keine peinliche, keine gezwungene Stille. Kara hatte nicht das Bedürfnis zu reden. Worte hätten die angenehm ruhige Stimmung nur gestört, hätten abgelenkt vom Genuss, den jeder neue Bissen mit sich brachte. Karas Gastgeber schien ebenfalls mit der Stille zufrieden, genoss neben dem Essen ganz offensichtlich auch ihren Anblick und die Freude, die sich bei jedem Gang auf ihrem Gesicht zeigte.
Erst, als sie mit dem letzen auf dem Tisch liegenden Dessert-Löffel ein mit flüssiger Schokolade gefülltes Törtchen verzehrt hatten, brach Master Ash das Schweigen.
„Wo hast du gelernt, zu speisen?“
Sie schaute ihn unsicher an. „Hier“, antwortete sie. Jedes Mal hatte sie beobachtet, nach welchem Besteck ihr Gastgeber griff, wie er es hielt und verwendete. Sie hatte ihn imitiert so gut sie es konnte. Er musterte sie und sie sah nun, dass seine Iris grau war, von dunklen Linien durchzogen.
„Du bist anders als die anderen Mädchen“, stellte er fest.
Sie lachte leise. „Unsinn, das bin ich nicht.“
Eine unwillige Falte zeigte sich auf seiner Stirn. „Ich schätze es nicht, wenn man mir widerspricht.“
Sie lächelte verhalten. „Dann werde ich es nicht mehr tun.“
Er stützte die Arme auf und wieder ruhte sein Auge auf ihr, anders diesmal, neugierig und herausfordernd.
„Warum bist du eingestiegen?“
Es hatte viele Gründe gegeben, aber keiner davon passte in dieses Haus, an diesen Tisch. Darum antwortete Kara schlicht: „Wegen des Geldes.“
„Das dein Zuhälter jetzt verspielt.“
„Vermutlich.“ Sie musste lächeln bei dem Gedanken an Agnes. Gerne hätte sie die Freundin wissen lassen, wie wunderbar dieser Abend verlief.
Er deutete ihr Lächeln offenbar falsch, denn er fragte: „Liebst du ihn?“
„Wen? Vince? Nein!“ Ihre Entrüstung war echt.
„Warum gehst du dann immer wieder zurück zu ihm?“
Sie schaute ihn an. „Das tu ich ja jetzt nicht mehr.“
Der Satz ließ ihn reservierter werden und er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, ohne den Blick von ihr zu wenden.
„Was erwartest du dir von diesem Abend?“, fragte er.
„Er hat schon alle meine Erwartungen übertroffen.“
„Und was glaubst du, wie es weitergeht? Glücklich vereint für den Rest deines Leben?“
Sie lächelte sachte. „In gewisser Weise. Da mein Leben nicht mehr lange dauern wird.“
Er zog fragend eine Braue hoch.
„Sie haben Miras Leiche am Osthafen gefunden“, erklärte Kara.
Der kurze Blick zwischen ihm und seinem Butler bestätigte ihr, dass die beiden Männer damit zu tun hatten.
„Und trotzdem bist du hier“, stellte er fest.
Sie antwortete darauf nur mit einem Lächeln und blieb stumm.
„Bist du gern eine Hure?“, fragte er.
„Nein“, antwortete sie bestimmt.
„Im Bad schien es dir Vergnügen zu bereiten.“
Sie senkte den Kopf. „Im Bad hat es mir auch Vergnügen bereitet.“
Diese Antwort ließ ihn lächeln. „Du kannst gehen, John. Lass die Sahne hier. Ich nehme jetzt das zweite Dessert ein.“
Ohne ein Wort verschwand der Butler und schloss die Tür. Master Ash betrachtete sie stumm und sein Blick war eindeutig hungriger geworden.
„Die Schnüre lassen sich ganz lösen“, sagte er mit einem Blick auf ihr Dekolleté.
„Soll ich das tun?“
Er nickte und sie löste den Knoten, zog die Schnüre aus den Häkchen und der Stoff fiel zur Seite, entblößte ihre nackten Brüste, deren Spitzen schon begannen, sich zusammenzuziehen.
„Reib sie“, forderte er. „Mach sie hart.“
Er beobachtete, wie ihre Finger zu Werke gingen, die Höfe umkreisten, schließlich die Knospen zwirbelten. Es dauerte nicht lange, bis diese prall abstanden. Er strich über ihre Schultern und das Oberteil fiel ganz herab.
„Leg dich auf den Tisch.“
Sie erhob sich, drehte sich um und beugte sich nach hinten, bis ihre Schultern die Tischplatte berührten. Dabei lösten sich ihre Zehen vom Boden. Ein Stuhl stand nah genug, dass sie ihre Füße darauf abstellen konnte und ihr Rücken sich lang an das polierte Holz der Tischfläche schmiegte. Seine Hand strich warm über ihren Bauch, dann beugte er sich über sie und umschloss ihre linke Brustwarze mit seinen Lippen.
Unwillkürlich zog sie die Luft ein.
Bisher hatten die Männer, die das entsprechende Extra gezahlt hatten, ihre Brüste mit einer fordernden Gier bearbeitet, die immer etwas Widerliches an sich gehabt hatte. Seine Berührungen hingegen waren sanft und zärtlich. Seine Zunge liebkoste die empfindliche Haut, seine Lippen drückten zarte Küsse auf die weichen Hügel und sie fühlte das Pochen anschwellen, das sich während des ganzen Essens schon zwischen ihren Beinen bemerkbar gemacht hatte.
Nach einer Weile stummer Zuwendung richtete er sich auf und wandte sich um. Ihr Blick folgte ihm zum Buffet und als er zurückkam, hielt er ein silbernes Kännchen in der Hand, von dem sie wusste, dass es flüssige Sahne enthielt. Die Sahne war so kalt, dass das Metall beschlagen war.
Kara musste lächeln. Das also war das zweite Dessert.
Als die kalte Sahne auf ihre Haut tröpfelte, wölbte sie sich ihm unwillkürlich entgegen, und er begann erneut, ihre Brüste zu lecken. Die Schamlosigkeit seiner Küsse ließ ihren Atem stocken, die fettige Creme machte seine Berührungen noch erregender, das Sehnen zwischen ihren Beinen wurde beinahe schmerzhaft. Verstohlen hob sie mit der Linken den Rock, um sich selbst Linderung zu verschaffen.
„Untersteh dich“, raunte er, die Lippen noch immer auf ihrer Haut. Er hob den Kopf, nur leicht, und sie sah sein graues Auge glitzern. „Leg die Arme über den Kopf.“
Sie gehorchte zögernd.
Die Erkundungsreise seiner Zunge wurde nun weiträumiger, umschloss Bauch und Arme, sogar die Achseln, bei deren Berührung Kara ein überraschter Laut entfuhr.
Die duftende Sahne, von der er mehrfach nachgegossen hatte, bedeckte seine Lippen und sein Kinn und so ziemlich ihren gesamten Oberkörper. Er hielt ihr sein Gesicht hin. „Mach mich sauber!“
Gehorsam hob sie den Kopf und leckte die Milch von seinem rauen Kinn und den Lippen, die er geschlossen hielt, als respektiere er die Regel der Huren, mit einem Freier niemals einen Kuss zu tauschen. Die Sahne war gezuckert und schmeckte köstlich. Verstohlen züngelte Kara zu der bronzenen Platte auf seiner Wange hinüber, versuchte, ihre Zunge darunter zu schieben, doch das Metall saß fest und unverrückbar.
Schließlich ging er um den Tisch herum und spreizte ihre angewinkelten Beine. Sie schloss die Augen, erwartete sehnsüchtig das Eindringen seines steifen Gliedes, doch stattdessen spürte sie voller Überraschung erneut seine Zunge. Seine Lippen umfassten ihr pulsierendes Knötchen wie zuvor ihre Brustwarzen. Er saugte sanft daran, ließ ab, begann erneut. Kara stöhnte auf und als er sich schließlich aufrichtete, wimmerte sie vor Lust. Dann zuckte sie zusammen, als er den letzten Rest der kalten Sahne auf ihre Schamlippen träufelte. Wieder beugte er sich zu ihr hinunter und seine Zunge wanderte durch die Schluchten und Spalten, die seine Finger sachte auseinander zogen. Die Empfindungen waren unglaublich, und als er tiefer in sie hinein züngelte, zog sich alle Wahrnehmung zusammen auf das eine, glühende Zentrum ihrer Lust. Ihre Schenkel zitterten, ihre Hüfte hob sich ihm entgegen und ihr Höhepunkt näherte sich wie eine gewaltige Welle.
Doch bevor diese Welle sie erreicht hatte, ließ er erneut von ihr ab.
„Nein!“, rief sie und wollte sich aufrichten. „Bitte!“
„Bleib liegen“, war seine Antwort. Sein scharfer Blick genügte und sie ließ sich zurück fallen. Ohne Vorwarnung glitt er in sie hinein. Seine Hände warm um ihre Hüften, sein erigierter Penis in ihrem Leib ritt er sie, bis sie sich stöhnend auf dem Tisch wand und das silberne Kännchen scheppernd zu Boden wischte.

Noch nie hatte ein Mann ihre Lust so sehr geschürt und befriedigt. Selbst während Vince’s Werbung um sie, die nicht lange angehalten hatte, war seine eigene Befriedigung immer das eindeutig vorrangige Ziel ihrer Vereinigungen gewesen. Niemals wäre ihm eingefallen, sie mit seiner Zunge zu verwöhnen. Obgleich er seinerseits diesen Dienst von ihr gerne und oft eingefordert hatte.
Wie anders war dieser Mann, der jetzt in einem Sessel vor dem Kamin saß, die Füße auf einen Hocker gelegt, und eine Zigarette rauchte. Kara füllte sein Glas mit Whiskey und brachte es ihm. Er schaute zu ihr auf und lächelte, als er die Menge der goldenen Flüssigkeit sah.
„Du meinst es gut mit mir.“
Sie hatte die Schnüre des Kleides wieder angelegt, aber nicht mehr so eng gezogen, sodass sich in dem Ausschnitt links und rechts die Rundungen ihrer Brüste zeigten. Sie setzte sich vor ihm auf den Boden, zog ihm Schuh und Strumpf aus und begann damit, seinen rechten Fuß zu massieren. Er beobachtete sie gedankenverloren.
„Du hast keine Angst vor mir“, stellte er fest.
Sie wollte ehrlich antworten und horchte einen Moment lang in sich hinein. „Nein“, sagte sie dann.
„Obwohl du weißt, dass ich dich umbringen werde?“
Sie zuckte die Schultern, während sie den Schuh von seinem anderen Fuß zog. „Vielleicht werden Sie mich töten. Aber Sie werden mir nicht wehtun.“
Sie hörte ihn leise lachen. „Bist du dir sicher?“
„Ja“, sagte sie, ohne weiter nachzudenken. Dann stockten ihre Bewegungen und sie schaute zu ihm auf. „Darf ich auch etwas fragen?“
„Sicher“, antwortete er lächelnd.
„Warum verbergen Sie sich vor mir?“
Er wusste sofort, was sie meinte, und das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. Im Bad hatte er sie von hinten genommen und dann, am Tisch, wieder so, dass sie keinen Blick auf das Körperteil hatte werfen können, das sie verwöhnt hatte.
„Ich verberge mich nicht“, antwortete er.
„Doch, das tun Sie.“
Wieder bildete sich die unwillige Falte auf seiner Stirn. „Widersprich mir nicht!“
Eine Weile war es still zwischen ihnen. Sie nahm ihre Tätigkeit wieder auf, zog ihm den verbliebenen Strumpf aus. Er hatte wohlgeformte Füße, kräftig und dennoch feingliedrig, wie seine Hände, doch auf dem linken Fuß erkannte sie ebenfalls die Spuren des Feuers. Ob seine gesamte linke Körperhälfte so entstellt war? Verbarg er deshalb vor der Hure gerade das Körperteil, das andere Männer vor ihr so gerne präsentierten? Schließlich brach sie das Schweigen. Schüchtern blickte sie zu ihm auf.
„Ich hatte mein zweites Dessert noch nicht.“
Er schwieg, überrascht. Dann sagte er: „Du willst mich sehen? Dann komm näher.“
Kara schob den Hocker zur Seite, setzte sich zwischen seine Beine. Er hielt die Zigarette in der einen Hand, den Whiskey in der anderen und machte keine Anstalten, etwas davon abzulegen. So griff Kara selbst nach dem Gürtel, öffnete die Schnalle, langsam, spürte dabei seinen Blick auf sich. Sie öffnete seine Hose, Knopf für Knopf und wappnete sich innerlich gegen den Anblick, doch als sie es dann sah, erwies sich diese Vorsicht als unnötig.
Die Haut seiner linken Hüfte war vernarbt, und was immer diese Verletzung hervorgerufen hatte, es hatte auch seinen linken Hoden und einen Teil des Penis in Mitleidenschaft gezogen. Doch da war nichts, was sie als abstoßend empfunden hätte. Sie beugte sich vor und drückte einen zärtlichen Kuss auf die empfindliche Haut.
Die Reaktion war prompt. Spontan fing sie an, die Reste der Sahne und ihrer eigenen Wollust von dem Schaft zu lecken. Nicht lange und er streckte sich ihr steif entgegen.
Jetzt erkannte sie, weshalb er sich so fremd in ihr angefühlt hatte. Durch die Verletzung war ein Teil des Schwellkörpers vernarbt, sodass sein erigierter Penis eine unregelmäßige Form hatte. Eine Form, die durchaus geeignet war, ihre Lust zu steigern.
Wieder beugte sie sich vor, schloss ihre Lippen um die Eichel und ließ ihre Zunge über die glatte Haut wandern, die nur eine einzige, feine Narbe aufwies.
Master Ash ließ sie wortlos gewähren.
Sie begann zu saugen, setzte ihre Zunge ein, ihre Lippen, und merkte, wie er sich mehr und mehr anspannte. Sie war drei Jahre lang eine Hure gewesen, sie wusste, was Männern gefiel, und sie setzte ihr Wissen ein, um diesen Mann zu einem weiteren Höhepunkt zu führen. Es war die einzige Möglichkeit, ihre Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen.
Als er kam, stöhnte er leise auf. Viel war nicht mehr in ihm, das in ihren Mund spritzen konnte, doch das Zittern der Wollust durchlief ihn unübersehbar.
Er hielt das Whiskeyglas noch immer in der Hand, und obwohl sie es so voll gemacht hatte, hatte er keinen Tropfen davon verschüttet. Sie wusste nicht, warum ihr das auffiel. Sein Blick ruhte mit forschender Neugier auf ihr.
„Denkst du, das wird dich retten?“
Sie wich seinem Blick nicht aus. „Sie haben mich schon gerettet“, sagte sie.
MORGEN
Als Kara erwachte, schien die Morgensonne goldgelb durch die Vorhänge. Sie musste nicht überlegen um zu wissen, wo sie war. Die Decke aus Daunenfedern schmiegte sich weich an ihre nackte Haut und sie bewegte sich genießerisch zwischen den Stoffen.
Dann fiel ihr ein, dass sie nicht erwartet hatte, die Nacht zu überleben.
Sie richtete sich auf und blickte sich um. Es war sein Schlafzimmer, doch er war nicht da. Nach der Helligkeit zu schließen war der Morgen bereits fortgeschritten. Sie spürte leichten Hunger. Kaum zu glauben, nach dem reichlichen Dinner, das sie am Vorabend genossen hatte.
Sollte sie hier warten oder den Raum verlassen? Das Kleid war im Rauchzimmer zurückgeblieben und ihre eigenen Sachen im Bad, doch über dem Sessel lag ein heller Hausmantel, was sie als Aufforderung verstand.
Vorsichtig öffnete sie die Tür und spähte hinaus. Niemand war auf dem Flur zu sehen. Ihre nackten Füße machten kein Geräusch, als sie hinaustrat und leise die Tür schloss. Sie folgte dem Gang bis zu der Treppe, die in die Eingangshalle führte, und stieg die Stufen hinab, die Master Ash sie gestern Abend hinaufgetragen hatte. Als sie sich daran erinnerte, wie sie ihn auf seinem Bett zu einem weiteren Höhepunkt geritten hatte, atmete sie tief ein.
Sie war eine Hure, doch auch in ihren Kreisen hielt man sich zumeist an das, was die Gesellschaft für akzeptabel erachtete: eine schnelle, verschämte Vereinigung im Dunkeln, sie unten, er oben. Die Frauen warnten einander vor den „Perversen“ und Kara erinnerte sich an Agnes‘ Belehrungen an ihrem ersten Abend am Trevelyan Square. „Der dort will in deinen Mund kommen, halt dich lieber fern. Der da steckt sein Ding in deinen Hintern, als wüsste er nicht, wie’s richtig geht!“
Nichts von dem, was sie gestern Nacht getan hatten, war im Geringsten gesellschaftlich akzeptabel gewesen, und dennoch, als Perversen würde sie Master Ash niemals bezeichnen. Was er war, dafür kannte sie kein Wort.
Rechts von ihr befand sich das Zimmer, in dem er sie gestern empfangen hatte. Wie weit schien das zurück zu liegen! Ihr war, als sei sie seitdem eine Andere geworden. Sachte drückte sie die Klinke und öffnete die Tür.
Ein Gespräch stockte. Master Ash saß hinter seinem Schreibtisch, zwei Fremde, die nichts von seiner ruhigen, vornehmen Ausstrahlung hatten, saßen im gegenüber. Kara kannte diese wieseläugigen Fabrikaufseher, die sich etwas darauf einbildeten, sich über die anderen hinaus gearbeitet zu haben; nicht durch Fleiß oder Können, sondern durch Falschheit und Intrigen. Es war die Art von Männern, die sie keuchend in schmutzigen Zimmern genommen hatten, die sie in der Dunkelheit gegen die Wand gedrückt und sich an ihr befriedigt hatten – Männer, die sie im Hellen als Hure beschimpften.
Dem einen blieb vor Staunen der Mund offen stehen, der andere stieß hervor: „Eine Frau? Hier?“
Kara hatte offenbar einen Fehler begangen und wandte sich um, doch sein Befehl hielt sie zurück. „Bleib!“
Zögernd drehte sie sich wieder in den Raum hinein.
Einer der Männer zog unwillig die Stirn kraus. „Du hast sie behalten? Warum? Wieso ist sie noch hier?“ Offenbar war er nicht sicher, ob er aussprechen durfte, was mit den anderen Frauen geschehen war.
„Komm her!“, forderte Master Ash.
Zögernd trat sie näher und er erhob sich vom Stuhl hinter dem Schreibtisch.
„Hier her!“ Er deutete auf den Boden vor sich.
Folgsam stellte sie sich zwischen ihn und den Schreibtisch.
„Dreh dich um!“
Sie schaute jetzt auf die beiden Männer, die vor ihr saßen, schäbige Hüte in den Händen, das fettige Haar in der Mitte gescheitelt.
Hinter sich fühlte sie Master Ashs Wärme. Er schob ihre Füße schulterbreit auseinander und dann hörte sie seinen Befehl: „Mach den Gürtel auf.“
Für einen kurzen Moment zögerte sie. Wollte er sie vorführen, um sie diesen Männern zu verkaufen? Irgendetwas sagte ihr, dass es nicht so war. Sie traute ihm vieles zu, sogar ihren Tod – doch das nicht.
Sie löste den Gürtel und der Hausmantel öffnete sich. Sie spürte die kühle Luft an ihrem Bauch.
„Zeig dich ihnen!“
Kara zog den Mantel langsam auf, bis der Stoff ihre Brüste nicht mehr bedeckte. Die Blicke der beiden Männer klebten an ihrem Körper, und verwirrt stellte sie fest, dass sie das erregte. Dann spürte sie, wie Master Ash den Saum des Mantels anhob. Zwei Finger schoben sich zwischen ihre Beine und sie machte einen überraschten Laut. Als er begann, sie zu massieren, hätte sie sich ihm am liebsten entgegen gestreckt, doch sie blieb gerade aufgerichtet stehen. Die Blicke der Männer waren gebannt auf ihre Spalte gerichtet, wo zweifellos das Reiben seiner Finger zu beobachten war. Karas Hüfte bewegte sich leicht, und dumpfe Laute der Lust kamen über ihre Lippen, während seine Hand rau über ihr erregtes Knötchen rieb.
„Sei still!“ befahl er.
Sie presste die Lippen aufeinander und für eine Weile war nichts anderes zu hören als ihr eigenes, erregtes Atmen. Sie wusste, dass die wachsende Lust sich in ihrem Gesicht widerspiegelte, doch die Männer sahen nur ihren Körper: ihre Brüste, deren Spitzen sehnsüchtig aufgerichtet waren, ihre Möse, deren Falten unter seiner Berührung anschwollen. Auch die Hosen der beiden Betrachter waren inzwischen prall ausgebeult und Kara erkannte die Qual der unbefriedigten Lust in ihren Mienen. Schmutzige Finger kneteten verzweifelt die Hutkrempen.
Viel zu früh hörte er auf und zog seine Hand zurück. Beinahe hätte Kara aufgestöhnt vor Enttäuschung, doch sie blieb seinem Befehl folgend stumm.
„Sie ist hier“, sagte Master Ash ruhig, „weil sie tut, was ich sage – wie ihr. Und sie wird sterben, sobald sie damit aufhört – wie ihr.“
Die Männer schluckten hart, aber Kara war nicht sicher, ob sie die Worte in ihrer Erregung überhaupt begriffen hatten.
Sie selbst hatte verstanden. Gehorsam war die Garantie für ihr Leben. Doch er bot ihr mehr an als reines Überleben. Es würde ein Leben in diesem Haus, an seiner Seite bedeuten.
„Ihr könnt jetzt gehen.“
Die Männer erhoben sich und strebten mit steifem Gang zur Tür, die sich hinter ihnen schloss.
Weder Kara noch Master Ash hatten sich gerührt. Noch immer spürte sie seine Wärme an ihrem Rücken, und obwohl niemand mehr da war, der sie sehen konnte, fühlte sie sich in dem offenen Mantel merkwürdig ausgeliefert.
„Du wirst dieses Zimmer nie wieder ohne Aufforderung betreten, ist das klar?“ Seine Stimme, direkt an ihrem Ohr, war leise aber bestimmt.
Sie senkte gehorsam den Kopf. „Völlig klar.“
Plötzlich fühlte Kara seine Hände nach ihren Brüsten greifen und biss sich dabei auf die Lippen, um nicht überrascht aufzustöhnen.
„Hat dir das gereicht?“, fragte er leise, während seine Hände fester zupackten und sie den Duft ihrer eigenen Wollust an seinen Fingern roch.
„Nein, Herr“, sagte sie leise. Seine Hände hielten kurz inne. Sie hörte geradezu, dass er lächelte.
„Dann beug dich nach vorn.“ Langsam hob er den Mantelsaum über ihren Hintern.

Als der Butler kam, saß Kara mit züchtig geschlossenem Mantel auf dem Sessel.
„Zeig ihr das Zimmer, John.“
„Selbstverständlich.“ Der Butler verneigte sich knapp. „Wenn Sie mir bitte folgen wollen, Miss.“
Neugierig stieg sie hinter John die Treppe hinauf. Es erinnerte sie an die Weihnachtsmorgen ihrer Kindheit, als sie aus ihrem Zimmer geschlichen und zu den am Kamin aufgehängten Socken gelaufen war. Obwohl ihre Eltern nicht reich gewesen waren, war Kara doch nie von ihnen enttäuscht worden.
John führte sie bis hinauf in das Dachgeschoss, öffnete dort eine Tür und ließ sie eintreten.
Mit offenem Mund schaute Kara sich um.
Es störte sie nicht, dass es ein Dienstmädchenzimmer war, mit Dachschrägen und einem kleinen Gaubenfenster. Es war ihr Reich, ihr neues Zuhause. Eine Quiltdecke lag auf dem Bett, ein Stuhl und ein Tisch standen unter dem Fenster. Ein Nachttisch mit Kerze und eine Kommode mit Waschschüssel und Krug vervollständigten die Einrichtung.
An einem Wandhaken hing auf einem Bügel ein schwarzes Kleid mit weißer Schürze. Die Arbeitskleidung eines Dienstmädchens. Kara fragte sich, wohin ihre eigenen Kleider verschwunden waren.
„Ich erwarte Sie dann in der Küche“, sagte John. „Den Morgenmantel bringen Sie bitte mit.“ Damit schloss er die Türe.
„Gefällt Ihnen Ihr Zimmer?“, fragte John später, als sie in die Küche kam und den weichen Mantel über eine Stuhllehne legte.
„Er ist ganz wunderbar. Das Kleid und die Schuhe passen perfekt. Nur …“ Sie beugte sich zu ihm hinüber und senkte die Stimme. „Ich finde keinerlei Unterwäsche. Weder Mieder noch Hosen.“
John räusperte sich. „Es mag Ihnen bereits aufgefallen sein, dass Master Ash sein weibliches Personal gerne … verfügbar hat.“
„Sie meinen, es gibt keine Unterwäsche?“
„Ich fürchte nein.“
„Oh“, sagte Kara verblüfft. „Und wenn ich meine Monatsblutungen habe?“
Sie sah, wie John für einen Augenblick die Kontrolle über seine Mimik verlor. „Ich werde diese Frage Master Ash vorlegen. Steht eine solche Zeit denn unmittelbar bevor?“
„Nicht in den nächsten Tagen“, sagte sie leichthin und unterdrückte ein Kichern darüber, dass ein so gewöhnlicher Vorgang den Butler derart verunsichert hatte.

Liz stand nicht an der üblichen Stelle. Blackwell schaute sich um und ging dann auf zwei Frauen zu, die unter einer Gaslaterne herumlungerten. Die eine kannte er als Maggie, die andere war neu. Völlig überschminkt und vorne flach wie ein Brett.
„Wo ist Liz?“, fragte er gerade heraus. „Hat sie schon zu tun?“
Die Neue, sie mochte kaum siebzehn sein, drehte den Oberkörper hin und her wie ein Mädchen auf dem Schulhof.
„Was willst du denn mit der Fetten?“, fragte sie. „Ich bin nicht so schnell außer Puste wie die!“
Ihre Begleiterin beugte sich vor und flüsterte ihr etwas ins Ohr, woraufhin die Neue reservierter wurde und ihn scheu musterte.
„Stimmt“, sagte er trocken, „ich bin Coroner und schneide Leichen auf. Wo ist Liz?“
„Sie sitzt noch im Pub“, sagte Maggie und zeigte mit dem Daumen über die Schulter. „Hinten im Nassen Dackel.“
„Danke, und gute Geschäfte, Maggie.“
Er tippte sich an den Hut und ging zu der Kneipe hinüber.
Sie saß tatsächlich dort, ganz allein an einem Tisch, die Wand im Rücken, und las irgendetwas. Allein ihr Anblick ließ ihm warm werden. Seine Handflächen juckten bei dem Gedanken, sie zu berühren. Ihr Körper war überall weich, warm und nachgiebig, sie war überall Brust. In seinen Fantasien wurde er klein wie ein Däumling und ließ sich ganz in sie hinein sinken wie in ein Daunenbett.
Aber es war nicht nur das, was ihn zum Stammkunden hatte werden lassen. Er mochte ihren Humor, den sie trotz allem Elend nicht verloren hatte. Er brachte sie gerne zum Lachen und beobachtete dann, wie ihr Körper Wellen schlug. Sie besaß ein feines Gespür für Menschen und eine Gradlinigkeit, die klar zwischen Gut und Böse unterschied, ohne die Moral bemühen zu müssen.
Sie hatte ihn noch nicht bemerkt, und er nutzte die Gelegenheit, sie ganz unbefangen zu beobachten. Wie meistens trug sie ein weißes Kleid, das irgendwie mit zu vielen Rüschen versehen war. Das blondierte Haar hatte sie hochgesteckt und mit bonbonfarbenen Perlen geschmückt. Üppige Glasimitate von Edelsteinen baumelten an ihren Ohren und reflektierten das künstliche Licht. Er musste lächeln. In all der Routine und der Kaltschnäuzigkeit, mit der hier das Fleisch gehandelt wurde, hatte sie sich die unschuldige Sehnsucht des kleinen Mädchens bewahrt, Prinzessin zu sein.
„Hallo Coroner!“ Es war der Bartender, der ihn an der Tür entdeckt hatte. „Kommen Sie doch rein!“
Liz blickte bei der Begrüßung auf und mit Bestürzung sah er den Ausdruck in ihrem Gesicht. Drei Schritte brachten ihn an ihren Tisch.
„Was ist passiert?“, fragte er.
Sie faltete verlegen das Papier zusammen. „Ach nichts, Coroner. Ich bin ganz bei Ihnen. Gehen wir rüber ins Hotel?“
Heute war ihr Lächeln so unecht wie ihr Schmuck. Er setzte sich ihr gegenüber und nahm ihre Hand. Ihre Finger waren eiskalt.
„Was ist, Liz? Du weißt, du kannst mit mir reden.“
Wortlos reichte sie ihm das Papier und er faltete es auf.
Es war ein Brief, geschrieben von einer gewissen Agnes. Sie berichtete darin, wie ihre Freundin Kara vor ein paar Tagen in den schwarzen Wagen gestiegen war und sie, Agnes, dafür eine stattliche Summe erhalten hatte. Offenbar war sie klug genug gewesen, damit nicht zu ihrem Zuhälter zurückzugehen, sondern die Stadt zu verlassen. Er schaute auf.
„Es ist der gleiche Wagen, in den Mira eingestiegen ist“, flüsterte Liz.
„Mira ist in einen Wagen gestiegen?“ Wie nachlässig hatten die Kollegen ihre Verhöre durchgeführt, wenn das nicht in den Akten stand? „Und dieses Mädel, Kara, auch? Hatte sie Todessehnsucht?“
Liz kaute an ihrer Unterlippe. „Ich denke, ja.“ Sie schaute ihn an. „Ich wusste es an dem Abend noch nicht, aber Vince, ihr Lude, hat ihr und einem anderen Mädchen so schlimm mitgespielt, dass die andere sich aufgehängt hat. Ich denke, Kara wollte auch nicht mehr.“ Liz war erschreckend blass. „Ich hätte es erkennen müssen“, sagte sie leise. „Dieser Blick. Ich wusste gleich, dass etwas nicht stimmte. Aber ich hätte doch nie gedacht …“
„Warte hier.“ Er ging an den Tresen und kam mit zwei Ale zurück. Sie griff dankbar danach und nahm einen tiefen Schluck.
„Es war ihre eigene Entscheidung“, sagte er. Inzwischen erinnerte er sich an Kara – ausdrucksstarke Augen, ein Gesicht wie eine griechische Göttin. Er würde es hassen sie auf seinem Seziertisch vorzufinden. „Mach dir keine Vorwürfe, Liz. Wir wissen ja nicht, ob der Wagen wirklich etwas damit zu tun hatte.“ Dass der Wagen nach dem Leichenfund wieder aufgetaucht war, sprach tatsächlich dagegen. „Kommt er immer noch?“
„Nein, nicht mehr seit Agnes und Kara verschwunden sind. Aber nach den ersten Mädchen hat es auch immer ein paar Wochen gedauert …“
„Nach den ersten Mädchen?“ Blackwell setzte das Bier so heftig auf den Tisch, dass der Schaum über den Rand schwappte. „Wie viele hat er denn mitgenommen, vor Mira?“
„Zwei“, antwortete Liz.
„Und das hat niemand der Polizei gemeldet?“
Liz zuckte die Schultern. „Es hat keinen sonderlich interessiert.“
Ein Mann kam vom Billardtisch herüber und baute sich neben dem Tisch auf. „Seid ihr zwei bald handelseinig?“, fragte er herausfordernd. „Vom Biertrinken verdien ich nämlich nichts!“
Blackwell hob den Blick und schaute den Mann drohend an. Es war ein mageres Bürschlein mit dem Gesicht einer Ratte. Er hatte die Hände in den Hosentaschen und stand, die schmale Brust eingefallen, die knochige Hüfte nach vorne gedrückt, wie ein Fragezeichen da. Blackwell fragte sich nicht zum ersten Mal, wie solche Männer ihre Macht erlangen und halten konnten. Vermutlich war es einfach ihre Rücksichtslosigkeit, der die Frauen nichts entgegenzusetzen hatten.
„Was kostet die ganze Nacht?“, fragte er. Der Zuhälter nannte einen Preis und der Coroner blätterte die Scheine ohne zu handeln hin. „Und jetzt verpiss dich.“
Liz schaute ihn dankbar an.
„Komm“, sagte er. „Lass uns rüber ins Hotel gehen. Dort kannst du mir alles erzählen.“
Бесплатный фрагмент закончился.
