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Serena J. Harper
Das Zeichen der Erzkönigin
Roman
Bookspot
DrachenSternVerlag
Impressum
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Alle Akteure des Romans sind fiktiv, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und sind von der Autorin nicht beabsichtigt.
Copyright © 2020 bei Drachenstern Verlag, ein Imprint von Bookspot Verlag GmbH, Planegg
1. Auflage
Lektorat: Andreas März
Korrektorat: Sylvia Kling
Satz/Layout: Martina Stolzmann
Covergestaltung: Nele Schütz Design, München
E-Book: Mirjam Hecht
Druck: CPI – Clausen & Bosse, Leck
Made in Germany
ISBN 987-3-95669-151-5
www.bookspot.de
Widmung
Für das Mädchen mit den Büchern von der Frau,
die sie schreibt.
Inhalt
Impressum
Widmung
Inhalt
Die Hierarchie der Rúnir, von der schwächsten zur stärksten Rún
Das Lied der Erzkönigin
Buch 1
Prolog
Varcas 1
Tyran 2
Rodric 3
Varcas 4
Lyraine 5
Varcas 6
Rodric 7
Tyran 8
Varcas 9
Lyraine 10
Rodric 11
Tyran 12
Varcas 13
Tyran 14
Varcas 15
Rodric 16
Lyraine 17
Tyran 18
Varcas 19
Tyran 20
Buch 2
Lyraine 21
Rodric 22
Lyraine 23
Tyran 24
Lyraine 25
Tyran 26
Rodric 27
Varcas 27
Lyraine 28
Rodric 30
Varcas 31
Lyraine 32
Tyran 33
Varcas 34
Tyran 35
Der Blutritter 36
Varcas 36
Der Blutritter 37
Lyraine 38
Tyran 38
Varcas 39
Lyraine 40
Varcas 41
Buch 3
Der Blutritter 42
Lyraine 43
Varcas 44
Lyraine 45
Der Blutritter 46
Lyraine 47
Varcas 48
Rodric 49
Lyraine 50
Varcas 51
Rodric 52
Lyraine 53
Rodric 54
Lyraine 55
Rodric 56
Varcas 57
Danksagung
Die Autorin
Die Hierarchie der Rúnir, von der schwächsten zur stärksten Rún
1. Weiß
2. Flieder
3. Rosé
4. Himmelblau
5. Violett
6. Grün
7. Kobaltblau
8. Rot
9. Grau
10. Silber
11. Schwarz
Das Lied der Erzkönigin
Die schwärzeste Stunde umfing winterkalt
Val Thalas mit verdorbner Hand,
da rief die hohe Königin alsbald
ihre Herolde heim aus dem ganzen Land.
Es kamen alle in großer Hast,
die Krieger gebunden durch der Treue Eid
zu lindern der Königin schwere Last
und zu bekämpfen ihr drohendes Leid.
Es kam Taliesin von Eragant,
sternenblind und weise,
der Sehermeister altbekannt,
der Druide aus höchstem Kreise.
Neben ihm stand des Sturmes Blut,
Fafnar Schwarzflügel, des Nordens Herr,
der einst bezwang der Drachen Brut,
stets bereit mit Schwert und Speer.
Seit dreitausend Jahren wachte Feyngan schon,
Ehrenhaft und gut,
Über Tytanias kristall’nem Thron
Als Truchsess mit großem Mut.
Und Auberon, unvergleichlich an Macht,
kühn und edel, unbezwungen im ganzen Land,
Auf ewig der ihre, die Klinge der Nacht,
gebunden von Treue und der Liebe Band.
Viele Stunden waren längst vergangen,
die sie warteten voller Unruh und Qual,
bis die Königin erschien nach langem Bangen,
ihnen zu verkünden ihre letzte Wahl.
Sie trat ein, so bleich wie Schnee,
Tytania, der schwarze Stern,
kummervoll, doch schön wie eh,
so stand sie vor den hohen Herrn.
Sie sprach zu ihnen von der letzten Stunde,
den nahenden Thursen und der wilden Jagd,
von ihrer Bedrängnis und der schlimmen Kunde,
von dem Übel, welches das Land nun ewig plagt.
Mit den Insignien ihrer Macht,
und mit ihren Herolden vereint,
so machten sie sich auf zur letzten Schlacht,
bezwangen gemeinsam den uralten Feind.
Und mit Tränen auf den weißen Wangen
nahm sie ihr Zepter, die Krone und das Schwert
Und tat das, wovon all unsere Lieder sangen,
und gab hin, was ein jeder heute noch begehrt.
Das Zepter gab sie Taliesin, dem Weisen,
es zu verbergen vor der Thursen Blick,
und, wie wir wissen, kehrte er von seinen Reisen
nimmermehr zurück.
Der geflügelte Krieger erhielt darauf
Tytanias Schwert, um es zu schützen,
denn nur so konnte der Juwelenknauf
den Thursen niemals nützen.
Und ihre Krone aus zartem Elfenbein,
die legte sie in Feyngans Hand,
wohin mag er wohl gegangen sein,
nachdem er mit ihr spurenlos verschwand?
Ein letztes Mal trank Auberon aus dem mächtigen Pokal,
der ihn einst an ihre Seite schwor,
bevor sie auch ihm zu gehen befahl
und er sie ewiglich verlor.
Buch 1
Prolog
Shayla
Amber Hall
Lyraine
Lyraine war sich nicht sicher, ob es der irritierende Fackelschein gewesen war, der durch die Vorhänge hindurch zu ihr hineindrang, oder doch das Getrappel von Füßen – vielen Füßen –, das sie weckte. Einen Moment lang verharrte sie still, auf die unbekannten Geräusche lauschend.
Für gewöhnlich schluckte der mit Teppichen verkleidete Gang vor ihrem Schlafzimmer fast jedes Geräusch.
Wie spät war es?
Lyraine setzte sich auf, die Decke wegschiebend, die ihr Vater erst vor wenigen Stunden festgesteckt hatte, und schwang ihre Füße aus dem Bett. Mittlerweile hatten sich gedämpfte Stimmen zu den Schritten gesellt. Was sie sagten, war unmöglich zu erahnen – doch es klang nach gehetzt gerufenen Befehlen. Einen Moment lang zögerte sie noch, dann griff sie nach ihrem goldenen Stoffdrachen, setzte die Füße auf den Boden und schlich auf Zehenspitzen zur Tür.
Die Vorsicht war angemessen: Sowohl ihr Papa als auch die Krieger, welche die Privatgemächer von Lyraines Eltern und die ihren beschützten, hatten Ohren schärfer als die der Wölfe, die sich manchmal aus den Wäldern her verirrten.
Lyraine erreichte die Tür, öffnete sie behutsam einen Spalt breit und sah … gar nichts. Ein wenig ernüchtert blieb Lyraine im Türrahmen stehen. Anscheinend waren die Krieger nur vorbeigelaufen, aus welchem Grund auch immer, und waren nun im Erdgeschoss des Anwesens. Lyraine öffnete die Tür weiter, um das Licht der Kerzenhalter, das den Gang erhellte, in ihr Zimmer fallen und damit die kleine Uhr aus ziseliertem Silber auf ihrer Kommode beleuchten zu lassen. Es war schon die dritte Stunde der Nacht – und trotzdem waren alle auf den Beinen? Vielleicht sollte sie ins Bett zurückkehren, nicht wieder nachts herumstreifen und erneuten Ärger mit Gorwyn riskieren. Der Truchsess war ein freundlicher Mann mit einer unerschöpflichen Geduld, aber von mitternächtlichen Spaziergängen, die mit gestohlenen Keksen in seinem Arbeitszimmer endeten, hielt er überhaupt nichts, wie er ihr bereits zweimal im vergangenen Monat eingebläut hatte.
Lyraine vermutete, dass er sich vor allem vor Marmeladenflecken auf den kostbaren beschriebenen Seiten fürchtete.
Einen Moment lang verharrte sie, wo sie war.
»Nur einmal kurz schauen, ja, Zisch?«, vergewisserte sie sich mit einem Blick in die großen runden Glasaugen des Kuscheldrachen, schob ihn tiefer in ihre Armbeuge und zog die Tür hinter sich zu. Das war immer wichtig, hatte sie festgestellt – so würde den Männern, die vielleicht den Gang kontrollierten, nicht auffallen, dass die Tochter der Königin aus ihrem Bett und dem Zimmer entwischt war.
Jetzt hielt sie nichts mehr. Mit wenigen Schritten erreichte sie die Biegung des Korridors, lautlos auf dem dicken Teppich, und dann endlich die Treppe. Ihre Finger fanden die Marmorstreben des Geländers, das ihr half, das Gleichgewicht zu behalten, als sie in die Hocke ging, um geduckt die Stufen hinabzuschleichen. Zwei, drei, vier Stufen, dann bog sich die Treppe weit genug, sodass sie in die Eingangshalle blicken konnte.
Drei Erkenntnisse fanden ihren Weg in Lyraines Geist.
Erstens: Weder der Fackelschein noch die Schritte auf den Gängen hatten sie geweckt, sondern der Kampfeslärm von drei Dutzend Kriegern, die, ihre mahrischen Schwerter gezogen, mit Flammen und Frost gegeneinander kämpften.
Zweitens: Im Kampfgetümmel musste ein fehlgeleiteter Einschlag der Mahr eines Albenkriegers den einst so beeindruckenden Kronleuchter, der die Eingangshalle beim Zubettgehen noch erleuchtet hatte, von der Decke gerissen haben. Er war zerborsten, als größte Lichtquelle völlig untauglich geworden, und nur die Fackeln an den Wänden erhellten das Foyer.
Und die dritte Erkenntnis kam, seltsam verspätet nach den anderen beiden: Einige – mehrere – viele der Albenkrieger dort unten waren die Männer ihrer Mutter. Wieso hatte sie diese nicht gleich erkannt?
Es waren zweifelsohne Alaric, ihr Onkel, der Schild ihrer Mutter, und die Herolde, die er befehligte. Sie waren alle da. Kay Hollow. Bron Nychester, der sich die Ärmel hochgekrempelt hatte. Sie konnte die violette Rún auf seinem Unterarm bis zu ihrem Versteck auf der Treppe leuchten sehen. Rogan Duskwood. Sein Sohn Brandon, den man zu Boden geworfen hatte, der sich aber soeben wieder aufrappelte. Wo war ihr zweiter Onkel, Avallan?
Lyraine fühlte sich so versteinert, als wäre sie Teil der Treppe geworden.
Ein Angriff, verstand sie. Ein Angriff auf Amber Hall.
Seit Wochen hatten ihre Eltern davon gesprochen, von der Möglichkeit, der Vorahnung, der Befürchtung. Und jetzt war sie Wirklichkeit geworden. Die Katastrophe, auf die Amber Hall und all seine Bewohner sich vorbereitet hatten – alle, außer Lyraine, so kam es ihr vor – war tatsächlich da, in einer Nacht, einer völlig gewöhnlichen Nacht. Sie hatte den Tag verbracht wie jeden anderen. Nichts, aber auch gar nichts hatte sie anders gemacht. Morgens hatte sie Lesen und Schreiben mit Meister Lewyn geübt, mittags fast zwei Stunden lang Mathematik, nachmittags hatte sie zu Brandon in die Ställe zu ihrem Pony gedurft. Sie hatte sich vor dem Abendessen die Hände gewaschen und die Haare gebürstet. Durch dieses Haar hatte ihr Vater ihr gestrichen, als er sie abends zugedeckt hatte.
Der Tag war so gewesen, wie ein Tag sein sollte – und jetzt war das große Tor von Amber Hall aufgebrochen, die Tür von einem Angriff mit der Mahr aus den Angeln gerissen. Erste Feuerzungen leckten über das tiefblaue Wappen ihrer Familie und hatten bereits den silbernen, fallenden Mond erreicht.
Eine Stimme riss Lyraine aus ihren Gedanken und dem Anblick, der sie gefangen hielt – es war ihr Vater, umgeben von der kobaltblauen Aura seiner Rún, der mit gezogenem Schwert versuchte, weitere durch die Türöffnung eindringende Krieger zu stoppen.
Lyraine löste sich aus ihrer Starre. Sie konnte hier nicht bleiben. Obwohl die Rauchentwicklung noch nicht stark war, juckte der Qualm jetzt schon in ihrem Hals. Kurzentschlossen richtete sie sich auf, Zisch fester an sich pressend. In diesem Getümmel durfte sie ihn auf gar keinen Fall verlieren. Schritt für Schritt wagte das Mädchen sich weiter nach unten. Mit jedem wurde ihr mehr bewusst, wieso sie die Mitglieder des Hofes ihrer Mutter nicht sofort erkannt hatte. Sie sahen nicht mehr aus wie sie selbst. Natürlich, ihre Gestalt hatte sich nicht wirklich verändert. Sie hatten immer noch die nach vorn gebogenen und gedrehten Hörner und die spitz zulaufenden Ohren, die Albenmänner eben hatten. Letzteres hatten auch ihre Mutter und sie und alle Albendamen. Und sie hatte die Männer auch schon mit Waffen in den Händen gesehen; nicht selten trainierten sie damit vor dem Haus.
Aber die Art, mit der die Aura der Rúnir um sie alle leuchtete, war ein wildes Funkeln, kein beständiger schwacher Glanz wie sonst. Sie waren völlig in diesen Kampf verwickelt, erhitzt, brennend durch den Einsatz der Mahr.
Selbst ihr Vater sah anders aus, stellte Lyraine fest. Er war immer noch ein stattlicher Nachtalbenlord, mit Haar, so dunkel wie ihres, obwohl seines am Scheitel, den Schläfen und den Brauen schon eine Spur von Silber zeigte. Aber jetzt, wo er die Klinge gegen einen der Eindringlinge erhob, konnte sie verstehen, wieso seine kobaltblaue Rún die Form eines Schwertes hatte. Lyraine stieg über eine zertrümmerte Vase und bereute, ihre Pantoffeln nicht angezogen zu haben. Der Boden war spiegelglatt und kalt.
Es war ihr Glück, so viel kleiner zu sein als die Männer, als sie sich zwischen den Kämpfenden so gut wie unbemerkt vorbeischlängelte. Doch dieses Glück hielt nicht an: Ihr Vater war nach wie vor in einen Zweikampf verstrickt, und zwischen ihm und ihr waren noch weitere Duelle, die sowohl mit der Albenmagie als auch mit Schwertern ausgefochten wurden. Jedes Nähern bedeutete ein enormes Risiko, das wusste Lyraine.
Unsicher trat Lyraine von einem Fuß auf den anderen. Sollte sie es wagen und nach ihrem Vater rufen? Was, wenn sie ihn dadurch ablenkte und seinem Gegner – einem Nachtalben mit tiefschwarzem Haar – dadurch einen Vorteil verschaffte? Aber einfach hier zu stehen war genauso wenig klug!
Noch bevor Lyraine eine Entscheidung fällen konnte, wurde sie ihr abgenommen. Ein Tritt in ihre Kniekehlen riss ihr die Füße weg und ließ sie der Länge nach hinfallen. Sie schlug auf dem Marmorboden auf, konnte sich nur auf einer Seite abfangen, weil sie mit dem rechten Arm immer noch Zisch festhielt. Instinktiv zog sie das Stofftier noch fester an sich. Sie hatte sich ganz eindeutig die Knie aufgeschlagen, aber sie spürte den Schmerz kaum. Lyraine wollte sich aufrappeln, doch ein fester Griff um ihren Oberarm kam ihr zuvor.
Der Mann, der sie angegriffen hatte, packte sie und zerrte sie auf die Füße, sie gleichzeitig zu sich herumdrehend.
»Wer hat sich denn hierher verlaufen?«, blaffte der Albenkrieger sie an. Einen Moment lang fühlte Lyraine sich wie erstarrt, bevor sie sich gegen den Griff zu sträuben begann. Der Alb packte sie fester und zog sie höher, sodass fast nur noch ihre Zehenspitzen den Boden berührten. Unwirsch griff er mit der freien Hand nach dem bestickten Stoff ihres Nachthemdes. »Du bist das Balg der Königin.«
Lyraine wusste nicht, was in seinen Augen aufleuchtete – was genau der Ausdruck war. Aber irgendetwas an dieser Erkenntnis schien ihn zu erfreuen. Lyraine holte tief Luft. »Ich bin Lady Lyraine aus dem Haus Moonfall, die Tochter der Königin, und Ihr, Sir, werdet mich loslassen!« Sie gab ihrer Stimme den gebieterischsten Tonfall, den sie erreichen konnte, und erreichte damit – gar nichts.
Der Alb griff nach ihrem Handgelenk, schob ihren Ärmel hinauf und entblößte die Rún.
»Rosé«, stellte er mit unverhohlener Enttäuschung fest. »Ein adliges Gör und dann eine roséfarbene Rún. Das wird deiner Mutter nicht viel Freude bereitet haben.« Er spuckte aus. Lyraine entriss ihm die Hand, doch noch bevor sie einen Schritt machen konnte, hatte sein Griff sich wieder eisern um ihren Oberarm geschlossen.
»Mir soll es gleich sein«, grunzte er. »Halt still!«
Mit wachsender Panik erkannte Lyraine, dass er begann, ein Seil von seinem Gürtel zu lösen. »Nein!« Das Wort hatte als halber Schrei schneller ihre Lippen verlassen, als sie blinzeln konnte. »Loslassen!« Einen Moment lang glaubte Lyraine, er würde es tatsächlich tun. Doch als der Alb die Hand hob, wusste sie, dass seine Absicht eine ganz andere war.
Sie war nicht schnell genug, um sich zu ducken. Der Handrücken traf sie im Gesicht, warf sie beinahe zu Boden. Ein hohes Sirren jagte durch ihre Ohren.
Noch nie – nie! – hatte jemand die Hand gegen sie erhoben.
»Willst du jetzt wohl endlich stillhalten?«, fuhr der Krieger sie an. Ein weiteres Mal erhob er drohend die Hand, dieses Mal nur den Zeigefinger ausgestreckt. Lyraine setzte zu einer Antwort an, zu der sie nie kommen sollte.
Eine Klinge glitt durch Fleisch und Knochen, als wären sie aus Wachs. Die Hand fiel zu Boden, der Zeigefinger noch gestreckt. Erst dann fing der Alb zu schreien an. Atemlos wich Lyraine zurück, hielt aber sofort in der Bewegung inne. Ihr Vater hob sein Schwert ein zweites Mal. Steffon Moonfalls Finger schlossen sich um die Schulter des sich vor Schmerzen krümmenden Alben, als er die Spitze seines Schwertes an dessen Brust ansetzte und die Klinge tief in den Körper des Angreifers trieb. Mit einem geräuschlosen Ruck zog er die Waffe wieder heraus und fuhr zu Lyraine herum.
»Lyraine, bei den Himmelsfarben …«
Das Mädchen flüchtete in seine Arme.
Ohne ein weiteres Wort hob ihr Vater sie hoch.
Jetzt wird alles gut. Es gab keinen sichereren Ort auf der Welt als die Arme ihres Papas. Sie schlang ihm die Arme um den Hals und drückte ihr Gesicht an seine Schulter.
»Papa …«
»Ich bin hier, Zuckerkind. Wir müssen dich hier wegbringen.«
Über seine Schulter hinweg konnte sie sehen, dass der Nachtalb, mit dem er gekämpft hatte, sich nun mit Kay duellierte. »Halt dich gut fest, Lyraine«, wies ihr Vater sie an. Sie folgte der Anweisung und verschränkte ihre Finger hinter seinem Nacken. Sie konnte sehen, wie ihr Onkel Alaric ihnen den Weg freimachte. Steffon kehrte zur Treppe zurück, trug sie hinauf, nahm dabei immer zwei Stufen auf einmal.
»Hör mir gut zu, Lyraine«, seine Stimme ließ keine Zweifel darüber aufkommen, wie ernst er jedes gesprochene Wort meinte. »Ich möchte, dass du in deinem Zimmer bleibst. Ich möchte, dass du nicht hinausgehst, bis deine Mutter oder ich dich holen kommen.« Er erreichte ihre Zimmertür, drückte sie auf und stellte Lyraine in der Mitte des Raumes ab. Lyraine wich bis zum Bett zurück. Stumm sah sie zu, wie er die Tür schloss. Er drehte nicht den Schlüssel, sondern wob einen mahrischen Schild. Das Kobaltblau verriegelte die Tür.
»Was sind das für Leute, Papa?«, fragte Lyraine, verunsichert auf ihrem Bett Platz nehmend. Sie entzündete mit der Mahr ihr Nachtlicht. Roséfarbene Rún hin oder her: So viel Macht besaß auch sie. Doch ihr Vater antwortete ihr nicht. Mit einem Stöhnen trat er von der Tür weg. Jetzt erst fiel Lyraines Blick auf eine Stelle oberhalb der Hüfte, auf die Steffon seine Hand legte. Als er sie wieder wegzog, waren seine Finger dunkelrot vom Blut.
»Du bist verletzt, Papa!« Lyraine erschreckte sich davor, wie schrill und ängstlich ihre eigene Stimme klang. Der Nachtalb mit den schwarzen Haaren musste ihn erwischt haben, bevor Kay ihn abgelöst hatte. Sie sprang wieder auf. Sie musste etwas finden, womit sie die Wunde verbinden konnte. Konnte sie ihr Bettlaken dafür zerreißen?
»Hast du mir zugehört, Lyraine? Es ist wichtig, dass du jetzt nicht leichtsinnig bist!« Die Stimme ihres Vaters wurde eindringlicher, als er sich zu ihr beugte und sie auf den Scheitel küsste. Im gleichen Moment erstarrte er. »Unter das Bett, Lyraine.«
»Aber Papa …«
»Lyraine!« Sein Tonfall ließ keine Diskussion zu. Zusammen mit Zisch kroch Lyraine unter das Himmelbett. Einige Sekunden lang geschah gar nichts, dann konnte Lyraine das schneidende Brennen von silberner Mahr erkennen, die das kobaltblaue Siegel in seinen Grundfesten erschütterte. Ihr Vater positionierte sich vor dem Bett. Silber. Der Angreifer trug Silber.
Lyraine rechnete damit, dass die Tür wie die Pforte des Anwesens aus ihren Angeln gerissen werden würde, doch das Aufbrechen geschah fast lautlos. Lediglich das feine Bersten von Metall und Magie drangen an ihr Ohr, als jemand die Tür von außen aufschob. Lyraine duckte sich ein wenig tiefer. Sie konnte nichts anderes von dem Mann sehen als ein paar elegante Herrenstiefel aus feinstem Leder, in denen hellgraue Beinkleider steckten. Der Eindringling trat langsam ein, die Schritte fast behutsam auf das helle Parkett setzend.
»Lord Moonfall«, sagte er unverhohlen spöttisch. Ihr Vater rührte sich nicht. Lyraine spürte, wie er die kobaltblaue Mahr sammelte und einen Schild um das Bett legte. Der Fremde näherte sich einen Schritt.
»Halt!«, hörte Lyraine ihren Vater sagen. »Ich warne Euch, Lichtalb, und das nur ein einziges Mal. Kommt nicht näher.« Ihr Vater schwieg für einen Augenblick. »Ihr müsst hier nicht den Tod finden. Niemand muss es. Ich biete Euch an, Euch zurückzuziehen.«
Der Fremde lachte. Es war kein lautes, schallendes Lachen, sondern sanft. Er setzte die Spitze seines Schwertes auf den Boden zwischen seinen Füßen auf.
»Ich fürchte, dass ich das Angebot nicht erwidern kann, Lord Moonfall«, sagte er. Lyraine konnte sich vorstellen, dass er dabei lächelte. Er klang belustigt. Gelassen. »Ihr werdet heute Nacht sterben. Hier«, sagte der Eindringling. Sie konnte die Muskeln ihres Vaters beben sehen, obwohl sie auch von ihm nur die Füße erkannte. Zwischen seinen Schuhen tropfte Blut.
»Willst du nicht herauskommen, kleine Lady?«
Kälte fuhr in Lyraines Knochen, als sie verstand, dass der Fremde mit ihr sprach. Er trat einen weiteren Schritt nach vorn, dann griff ihr Vater an.
Die Albenschwerter schlugen mit ihrem hohen Gesang gegeneinander, gleichzeitig entbrannten die Auren mit einer für Lyraine völlig unbekannten Inbrunst. Funken und Schneekristalle stoben von dem Metall und fielen auf den Boden. Lyraine zog sich weiter zurück, bis sie mit den Füßen an die Wand stieß, an der das Bett stand. Wieder und wieder trafen sich die Klingen, immer schneller, und sie konnte erkennen, wie ihr Vater den Lichtalb zurück zur Tür drängte. Ein kobaltblauer Mahrschlag begleitete den Angriff des Lords von Amber Hall, und Lyraine atmete auf, als sie ein plötzliches Keuchen des Lichtalben vernahm.
Ein zweites Geräusch erstickte ihre Hoffnung genauso schnell, wie sie aufgeglommen war – ein schmerzerfülltes Stöhnen, das von ihrem Vater kam. Steffon taumelte rückwärts, mit langsamen, unsauber gesetzten Schritten. Sie verstand, dass er am Bett Halt zu finden versuchte, doch im nächsten Moment knickten seine Beine unter seinem Körper ein. Lyraines Augen weiteten sich, als sie erkannte, wie der Angreifer einen schmalen, blutigen Dolch in seinen Stiefel zurückgleiten ließ. Ihr Vater brach vollständig zusammen.
»Papa …« Das geflüsterte Wort kam über ihre Lippen, bevor sie sich selbst hatte stoppen können. Sie gewahrte eine warnende, stoppende Handbewegung ihres Vaters, der weiter auf den Boden sank, und verstummte.
Aus einer zweiten Wunde, die ihm zweifellos mit dem Dolch zugefügt worden war, quoll ein dicker Strom von Blut. Der Nachtalbenlord presste seine Hand darauf, doch das Blut sickerte durch seine Finger hindurch. Der Lichtalb kam näher, die Spitze seines Schwertes schleifte auf dem Boden.
Lyraine vernahm ein Geräusch, das sie nicht zuordnen konnte, dann ging der Lichtalb neben ihrem Vater auf ein Knie herab, auf sein Schwert gestützt.
»Siehst du auch gut zu, kleine Lady?«, fragte er. Er blieb zu aufrecht, als dass sie sein Gesicht hätte sehen können, aber sie erkannte die Spitzen von blassgoldenem, langem Haar, die über das Blut ihres Vaters streiften, als er sich leicht vorbeugte. Seine Hand schloss sich um den Hals ihres Vaters. Sie konnte die silberne Mahr fließen sehen, wollte protestieren, wollte schreien, aber jeder Schrei blieb ihr im Halse stecken, als sie den Schmerzenslaut vernahm, der sich der Kehle ihres Vaters entrang. Er wurde lauter, ein langgezogener, gequälter Laut. Der Nachtalbenlord wand sich unter dem Griff und dem Fluss der silbernen Mahr, warf seinen Kopf zur Seite, und für einen Moment sah er sie mit seinen samtblauen Augen an.
Ein feiner, silberner Riss ging durch beide Glaskörper, die sich im nächsten Sekundenbruchteil blutrot auffüllten. Der Schrei brach so abrupt ab, dass er noch für einige Herzschläge in Lyraine nachhallte.
Steffon Moonfall war tot.
Der Lichtalb zog seine Hand zurück. Er streifte sich Reithandschuhe über.
Erst jetzt bemerkte Lyraine, dass sie ihre Fingernägel so tief in den Parkettboden gestoßen hatte, dass sie gesplittert waren.
Der kobaltblaue Schild erlosch.
Ihr Papa war tot.
Der Fremde erhob sich. Lyraine hatte das Gefühl, eine eiserne Klammer läge fest um ihrer Lunge und würde sie an jedem Atemzug hindern. Ein Zittern ergriff sie, gegen das sie sich nicht wehren konnte. Mit drei Schritten war der Mörder an ihrem Bett angekommen und ließ sich mit einem schweren Seufzen darauf nieder, die Spitze des Schwertes in den Boden drehend.
Sie war wie gelähmt. Was sollte sie jetzt tun? Was, bei den Himmelsfarben, konnte sie überhaupt tun? Wo war ihre Mutter? Wo waren ihre Onkel?
»Du weißt, dass ich dich hören kann.« Der Lichtalb sprach wieder mit ihr. Für einen Augenblick schloss Lyraine die Augen, als könnte sie das an einen weit entfernten Ort bringen. Aber ganz gleich, wie groß die Macht der Alben war: Sie würde sich nicht fortwünschen können.
»Also«, sagte der Mörder, »du kannst es dir aussuchen: Du kannst eine artige kleine Lady sein und herauskommen. Oder …« Er zog das Schwert die Fingerbreite, die er es in den Holzboden gebohrt hatte, wieder heraus. »… oder ich muss dich holen kommen.«
Wieso war Zisch kein echter Drache? Wieso war ihre Rún roséfarben und nicht silbern wie seine, oder zumindest ein wenig mächtiger? Lyraine spürte, wie die Angst in ihr sich immer mehr verdichtete. Sie würde ihm nicht antworten. Er hatte ihren Papa getötet. Sie würde nicht ein Wort an ihn richten. Er lachte auf und erhob sich wieder. Sie konnte seine behandschuhte Hand am Pfosten des Himmelbettes entlangstreichen hören, und dann sah sie sie an dem unteren Saum der Bettdecke.
Im gleichen Moment glitt eine Aura über den Boden, die ihr den letzten Rest von Atem aus den Lungen riss.
Der Lichtalb verharrte in seiner Bewegung.
»Was glaubst du, was du da tust?« Die Stimme, die gesprochen hatte, war dunkel und rau. Lyraine spürte, wie ihre Nackenhaare sich aufstellten. So eine Stimme hatte sie noch nie gehört. Sie gehörte zu einem Mann, einem Krieger, der hinzugekommen war, und, wie seine Fußstellung aussah, im Türrahmen lehnte. Schwarze, abgetragene Reitstiefel.
Der Lichtalb erhob sich.
»Und was interessiert es dich, Bastard?«, sagte er, ohne die Frage zu beantworten. Die Gelassenheit war aus seiner Stimme gewichen.
»Gar nichts.« Die schwarzen Stiefel wandten sich zum Gehen. »Ich werde Königin Lamia ausrichten, dass du dir lieber ein neues Spielzeug aussuchen gegangen bist, anstatt ihrem Befehl zu folgen und der Hinrichtung in den Gemächern beizuwohnen.«
Das Geräusch, das der Lichtalb ausstieß, passte nicht zu der Nonchalance, die er zuvor gezeigt hatte. Lyraines Knöchel traten weiß an ihren Händen hervor, so fest klammerte sie sich an Zisch. Das scharfe Reiben von Metall zeigte ihr, dass der Mörder seine Waffe zurück in die Scheide geschoben hatte. Er trat zur Tür. Sie konnte hören, wie er den Schlüssel von der Innenseite abzog.
»Lauf nicht weg«, spottete er, als er die Tür hinter sich und dem Fremden zuzog und den Schlüssel von außen drehte.
Lauf nicht weg. Als könnte sie. Als reichte die roséfarbene Rún – vor allem eine vor dem Aufblühen, eine, die noch nicht vollständig war! – dafür aus, das Schloss zu sprengen! Als wäre sie nicht völlig gefangen in ihrem eigenen Zimmer! Aber für den Moment war es Lyraine völlig gleich. Sie konnte jetzt nicht darüber nachdenken. Sie konnte an gar nichts denken. Ihr ganzer Körper fühlte sich an, als sei er mit Steinen gefüllt worden. Es kostete unendlich viel Mühe, den Griff um Zisch ein wenig zu lockern. Mit letzter Kraft krabbelte sie wieder weiter nach vorn. Ihre Hand fand die erkaltete ihres Vaters.
Sie wusste nicht, ob sie wenige Minuten oder viele Stunden so da gelegen hatte. Lyraine hatte nicht gehört, wie jemand den Schlüssel im Schloss gedreht hatte, aber die Stimme, die zu ihr sprach, war ihr wohlbekannt.
»Lyraine … Lyraine, komm heraus …« Obwohl sie die Stimme kannte, brauchte sie einen Moment, in der Wirklichkeit anzukommen.
Es war Gorwyn, der Truchsess. Er hatte die Hand nach ihr ausgestreckt, aber in dem einen Arm hielt sie Zisch und die andere Hand ruhte immer noch in der ihres Vaters.
»Lyraine, kleiner Schatz, wir müssen hier weg«, sprach er auf sie ein. »Es brennt.« Sie rührte sich nicht. Konnte nicht. Wollte nicht. Sie wollte ihren Papa. Sie wollte ihre Mama.
Hinrichtung, hatte der Fremde gesagt.
Wessen Hinrichtung?
»Du musst Zisch in Sicherheit bringen, Lyraine. Es gibt ein Feuer!« Die Stimme des Truchsess war beinahe flehend. Zisch. Ja, sie musste ihn retten. Er war ein Drache, aber sie wusste, was Feuer mit Stoff tat. Als Lyraine die Hand ihres Vaters losließ, fühlte ihre eigene sich genauso kalt an. Kaum dass sie ihn losgelassen hatte, ergriff Gorwyn ihren Arm und zog sie unter dem Bett hervor – doch sie spürte den Halt schon nicht mehr, als ihr schwarz vor Augen wurde.
Varcas
1
Als der ehemalige Großmeister der Seher an diesem Abend vor der mit Wasser gefüllten Silberschale in seinem Schlafzimmer Platz nahm, um seinen Geist auf die Nacht vorzubereiten, fühlte er zum ersten Mal das Gewicht der Jahre.
Schlimmer noch: Varcas Debray fühlte sich alt. Die Tatsache, dass er für einen Albenlord noch weit von dem Höchstmaß dessen, was er an Lebenszeit ausschöpfen konnte, entfernt war, machte das nicht besser. Er wusste nicht, was genau es war, das ihm dieses Gefühl vermittelte. Es war nicht die alte Narbe in seinem Schulterblatt, die bisweilen kurz vor einem Wetterumschwung zog, als sei sie noch eine frische Wunde wie vor eintausenddreihundert Jahren. Es war auch nicht die Lustlosigkeit, die ihn manchmal befiel, wenn er keine neuen Bücher hatte auftreiben können und sich mit Lektüre begnügen musste, die er schon ein Dutzend Mal gelesen hatte. Sein Gedächtnis war nach wie vor hervorragend, sodass er sich nicht einmal einreden konnte, sonderlich viel Neues bei wiederholten Lesedurchgängen zu finden.
Nein, an diesem Abend kurz vor Wintereinbruch war es etwas völlig anderes.
Varcas hatte immer geglaubt, sollte er sich jemals alt fühlen, käme dieser Eindruck zusammen mit einer weisen Gelassenheit, die ihm erlauben würde, die Fehler seiner Vergangenheit endlich hinter sich zu lassen. Er hatte sich darum bereits mehrfach bemüht. Niemand konnte behaupten, er hätte nicht alles getan, um zu signalisieren, dass die Streitigkeiten Norfaegas – besonders die Shaylas – nicht mehr die seinen waren. Aber während er das Wasser mit einem langen, dunklen Fingernagel in Schwingungen versetzte, war es das komplette Gegenteil von Ruhe, das ihn erreichte. Nein, es handelte sich viel eher um eine schwache Ahnung einer bevorstehenden Irritation. Eine Gefahr wollte er es nicht nennen. Ehemalig oder nicht: Einst war er der Großmeister gewesen, und die graue Rún, die Cathards Auge zeigte, leuchtete stark wie eh und je.
Es gab nicht viele, die ihm gefährlich werden konnten.
Varcas stoppte die Bewegung seines Fingers und öffnete die Augen, tief auf den Grund der Schale starrend.
Normalerweise war dies eine simple Übung, um das geistige Auge eines Sehers für die Nacht zu schließen. Während die jungen Seher noch jede Vision, jeden fieberhaften Traum, der ihnen bruchstückhafte Wahrheiten zeigte, herbeisehnten, war für Varcas die unkontrollierte Überflutung von prophetischen Bildern seit langer Zeit schon eine Lästigkeit, der er mit dieser Übung gut entgehen konnte.
Heute wollte die Übung aber nicht gelingen. Varcas’ Stirn kräuselte sich, es der Wasseroberfläche gleichtuend, die einfach nicht zum Stillstand kam. Etwas brachte das Wasser aus dem Gleichgewicht.
Mit einem Seufzen lehnte Varcas sich zurück. Er trug bereits seine Nachtkleidung und darüber seinen Morgenmantel. Sein Blick wanderte zu dem kleinen Fenster. Der erste Schnee stand unmittelbar bevor, aber diese Nacht war klar und kalt. Ein greller silberner Streif durchbrach das satte Schwarz. Die Tage waren momentan kurz, sodass die Sonne sich kaum einmal blicken ließ. Er fröstelte, obwohl das Feuer im Kamin noch immer leicht glomm.
Langsam lenkte er seine Aufmerksamkeit zurück auf die Wasserschale. Zähneknirschend stellte er fest, dass die Wasseroberfläche immer noch Wellen schlug. Er konnte es weggießen und einfach unter die Bettdecke kriechen. Varcas griff schon nach dem Behältnis, hielt aber doch inne. Als junger Seher hätte er um eine solch aufdringliche Vision gebettelt.
Ergeben beugte Varcas sich vor, legte die Handflächen neben die Schüssel auf den Tisch und tauchte mit seinem Geist tief in den glitzernden Nebel der Flüssigkeit hinab. Er öffnete sein inneres Auge. Sein geübter Sinn glitt langsam in das Bild hinein, bedächtig, damit ihm nichts entging. Doch als das erste Bild auftauchte, machte sich Enttäuschung in ihm breit. Eine Erinnerung, stellte er fest. Seine. Wohlbekannt, obwohl schon so lange verdrängt. Es war im Thronsaal des Kristallpalasts, vor vielen, vielen Jahren, als er noch ein junger Mann gewesen war. Er sah sich selbst die Stufen des Thronsaals hinaufschreiten. Der Umhang des Druiden aus samtgefütterter Seide wog schwer und behaglich auf seinen Schultern.
Im nächsten Augenblick wurde er gewahr, dass er eine lange, breite Spur von Blut hinter sich herzog. Das Bild veränderte sich und Varcas atmete auf. Es würde eine dreiteilige Vision werden, das stand hiermit fest – drei Bilder würde es geben, angefangen in der Vergangenheit. Nun würde sein Geist durch ein Fenster der Gegenwart blicken können, und das, was dahinter lag, hatte auf irgendeine Weise in der Regel eine Verbindung zu dem, was auf der Ebene des Vergangenen geschehen war. Zuerst fiel es Varcas schwer, sich zu orientieren. Die Sicht wurde ihm von einem dichten Nebel versperrt – nein, falsch, es war kein Nebel, es war Rauch. Seine anderen Sinne schlossen die Lücke und er konnte verbrennendes Holz riechen. Varcas zwang sein inneres Auge, sich weiter zu öffnen. Das Feuer verschlang die Grundfesten eines Anwesens, der Bauart nach stand es hier in Shayla. Schwarzer Rauch stieg in großen Säulen in den Himmel. Aus der Dunkelheit löste sich eine Männergestalt, die etwas auf den Armen trug.
Ein weiteres Mal zwang Varcas sich dazu, sich zu konzentrieren, doch wurde das Bild nicht klarer. Varcas musste ein leises Fluchen unterdrücken. Die Vision war schlüpfrig und schwer zu fassen. Oder vielleicht war er auch doch ein wenig aus der Übung gekommen.
Es fühlte sich an, als würde das klarere Bild am Rand seines Sichtfeldes entstehen, doch wenn er sich zur Seite wandte, entschwand es, als wäre es nie da gewesen. Weil die Sehkraft versagte, zapfte Varcas die anderen Kanäle seines Bewusstseins an. Hören. Donnernde Hufe. Leiser Wind. Riechen. Kiefernholz in der Nacht. Ein Wald. Und darunter eine deutliche Empfindung, deren Herkunft er nicht bestimmen konnte: Er musste finden, was der fremde Alb auf den Armen trug. Es war eine so deutlich ausgesprochene Aufgabe, dass allein der Gedanke, dem Ruf nicht zu folgen, Varcas für einen Moment schaudern ließ.
Die Vision entzog sich ihm, doch ein Bild stand ihm noch bevor. Varcas öffnete seinen Geist, so weit es nur ging, um in die Zukunft zu blicken. Es verschlug Varcas fast den Atem, als er ein weiteres Mal die Wärme und das tröstliche Gewicht des Druidenumhangs an seinem Rücken spürte. Weiße Hände schlossen die Metallschließe an seinem Hals. In der Höhe seines Herzens baumelte in Bronze gefasst das Zeichen seiner Zunft, seine Rún, Cathards Auge. In seiner Vision sank er auf die Knie. Er fühlte sich stark. Nicht jünger als heute, aber erfüllt von der Hoffnung auf die Zukunft – ein Gefühl, das er seit undenkbar langer Zeit nicht mehr empfunden hatte.
Die Vision ließ ihn los. Varcas glitt in seinem Stuhl nach hinten, den Kopf weit in den Nacken legend. Er brauchte mehrere Sekunden, bis er wieder zu Atem kam. Die letzte Emotion, die die Vision hinterlassen hatte, klang in ihm immer noch nach. Die Hoffnung war so deutlich spürbar gewesen. Und noch mehr: Ein Stolz, den er bis in die letzte Faser seines Körpers vordringen fühlen konnte. Und auf irgendeine Weise musste dieses Erlebnis – wieder den Umhang des Druiden zu tragen – mit dem Gegenstand zusammenhängen, den der Alb aus dem brennenden Haus gebracht hatte.
Es gab nur zwei Dinge, nach denen er seinen Geist vor vielen Jahren hatte suchen lassen. Nur zwei, nach denen sein Auge immer Ausschau gehalten hatte. Konnte diese Vision, so verspätet, so unerwartet, die Antwort auf seine lange, damals so vergebliche Suche sein?
Er konnte nicht mehr still sitzen. Varcas schob seinen Stuhl zurück, überfordert von dem Tatendrang in seinen Venen, der noch ohne Zielrichtung war. Er musste jetzt schnell und überlegt handeln, solange die Bilder noch frisch waren. Varcas strich sich über den mit Silber durchwirkten dunklen Bart. Es gab keinen Zweifel: Handeln musste er. Vielleicht war dies die eine Chance, für die zu beten er sich selbst schon lange nicht mehr zugestanden hatte. Nicht nachdem …
Entschieden öffnete Varcas die oberste Schublade seines Schreibtisches. Auf Samt gebettet befanden sich darin immer noch die Utensilien, die er früher regelmäßig gebraucht hatte. Das kleine Sehermesser mit hölzernem Griff war das erste gewesen, das er je erhalten hatte, und das letzte, das bis heute in seinem Besitz hatte verweilen dürfen. Varcas öffnete mit einem kurzen Schnitt seine linke Handfläche, bis ein feines Rinnsal von Blut den Weg über die Handkante hinein in die Schüssel fand. Es hätte andere Wege gegeben, aber keine schnelleren. Er ließ das Blut laufen, bis das Wasser erkennbar gefärbt war. Routinierter, als er es von sich selbst erwartet hatte, verband er den Schnitt und säuberte das Messer, bevor er seine Schreibfeder nahm. Er tauchte sie behutsam in das trübe Wasser und entrollte nebenbei die Karte von Norfaega. Sie war vermutlich nicht mehr aktuell, stammte sie doch aus einem anderen Jahrtausend. Aber die elf Höfe Shaylas würden sich noch immer an der gleichen Stelle befinden. Er fand den Ort, an dem er selbst seit geraumer Zeit lebte: ein kleines Haus am Rande einer Erdalbensiedlung im Norden Shaylas, die zu klein war, als dass sie auf der Karte verzeichnet wäre, also musste er ein wenig schätzen. Es war nicht sein Zuhause. Derer hatte er im Laufe seines Lebens mehrere besessen, aber keines war ihm geblieben. Varcas berührte mit dem Federkiel die Karte an der Stelle, an der er sich selbst vermutete, und ließ die Mahr auf den wässrigen Bluttropfen übergehen. Er rief sich das zweite Bild seiner Vision so intensiv vor Augen, dass seine Rún zu brennen begann. Gebannt verfolgte Varcas, wie der rötlich-braune Tropfen sich ausdehnte, und eine Spur auf dem Papier zu ziehen begann. Nach Süden, durch Shayla hindurch. Die Spur kreuzte den Kristallpalast. Varcas fühlte Dankbarkeit in sich aufwallen, als die Linie weiterwanderte und schließlich im Süden Shaylas endete. Der nächstgelegene Hof war Amber Hall. Mehr würde er so nicht herausbekommen. Varcas rollte die Karte zusammen und schob sie in ein Lederkuvert, bevor er sich seines Morgenmantels entledigte. Es galt, keine Zeit zu verlieren.
Wenn er den kurzen Blick auf den rauchverschleierten Himmel des zweiten Bildes richtig gedeutet hatte, dann zeigte der Mond ihm deutlich an, dass es bereits in der folgenden Nacht dazu kommen würde.
Er suchte sich eins seiner grauen Hemden heraus und zog darüber das dunkle Samtwams, dessen Pelz am Kragen schon viele Kleidungsstücke im Laufe der Jahre geziert hatte. Es dauerte kostbare Sekunden, bis er feste Beinkleider und gefütterte Stiefel fand.
Mit wenigen Schritten war er beim Bett. Er fühlte sich ein wenig wie ein kleiner Junge, als er sich auf die Knie begab und die große mit seiner grauen Mahr versiegelte Holzkiste darunter hervorzog. Er öffnete die Schlösser und fand darin in schlichtes dunkles Tuch eingeschlagen das Seherzepter. Varcas’ Hand schwebte einen Moment lang über dem Stab.
Hallo, mein alter Freund.
Er hörte, wie die Tür hinter ihm vorsichtig geöffnet wurde. Varcas zog das Zepter aus der Kiste.
»Mylord?«
Varcas kam wieder auf die Beine und konnte sich einen Moment des Schmunzelns nicht verkneifen: Er rüstete sich für eine Schlacht, vielleicht für die größte seines Lebens, und seine Haushälterin stand im Nachtkleid und mit Schlafhaube auf seiner Türschwelle.
»Wenn ich zurückkehre, werde ich etwas Warmes zu essen brauchen. Und vermutlich nicht wenig davon«, sagte Varcas. »Und ich werde möglicherweise nicht allein sein.« Die Erdalbin beäugte ihn skeptisch.
»Wo geht Ihr denn hin, Mylord?«, fragte sie. Varcas nahm seinen Reitmantel vom Bett und warf ihn über seinen Arm.
»Ich muss etwas … holen, Rholdys«, sagte er, sich völlig bewusst, dass diese Aussage seine Haushälterin nicht zufriedenstellen würde. Sie schnalzte mit der Zunge.
»Und wann kommt Ihr zurück?«
Varcas schob sich an ihr vorbei, hielt inne und blickte zurück. Zurück auf sein Schlafzimmer, die Bücher und die geordnete Beschaulichkeit, in die er sich zurückgezogen hatte.
»Ich weiß es nicht«, erwiderte er fröhlich. »Ich weiß es wirklich nicht.«
Tyran
2
Tyran gab sich nicht der Illusion hin, sein Nähern vor Rodric verbergen zu können: Er wusste, dass die Sinne des Nachtalben seinen in nichts nachstanden und dieser ihn gespürt haben musste, sobald er den Korridor zu seinem Quartier betreten hatte.
An der Unterbringung an sich gab es nicht viel auszusetzen. Besonders im Vergleich zu den Räumlichkeiten, in denen die anderen Sklaven untergebracht wurden – sowohl hier als auch an so gut wie jedem anderen Hof –, war die Kammer, die Lamias Blutritter zur Verfügung stand, trocken, sauber und mit einem Bett ausgestattet, in das Rodric trotz seiner Größe sogar bequem hineinpassen würde.
Aber als Tyran die Hand zum Klopfen hob, konnte er das mahrische Schloss spüren, ganz genauso deutlich, wie er die Eisenriegel sah, die man von draußen vorschieben konnte. Tyrans Knöchel hatten das Erlenholz noch nicht berührt, als er von drinnen ein knappes Brummen vernahm. Mehr Aufforderung brauchte Tyran nicht.
Er trat ein und schloss die Tür behutsam hinter sich. Rodric stand nur mit einer Hose bekleidet über einen Eimer gebeugt da und schien zu versuchen, das braunverkrustete Blut von seinen Unterarmen zu waschen. Rodric war erst vor wenigen Minuten wieder im Kristallpalast eingetroffen – zurückgekehrt von einem der Aufträge, die Königin Lamia ihm gegeben hatte. Es musste dieses Mal innerhalb von Shaylas Grenzen gewesen sein, denn Rodric und die anderen waren binnen dreier Tage zurückgekehrt. Doch obwohl es eben nur drei Tage und zwei Nächte waren, war die Erschöpfung Rodric ins Gesicht geschrieben.
»Ich hätte ein wenig später kommen sollen«, sagte Tyran. »Tut mir leid.«
Rodric schüttelte nur leicht den Kopf. »Es ist in Ordnung. Lass mich nur – lass mich das kurz tun.«
Tyran nickte stumm, während Rodric weiter seine Arme und die Unterseiten seiner Nägel schrubbte.
Als Tyrans bester Freund sich schließlich zu ihm umdrehte, sah er erschöpft aus.
»Willst du darüber sprechen?«, fragte Tyran.
Das Lächeln, das über die markanten Züge des Nachtalbenkriegers glitt, war nur im ersten Moment traurig, bis Rodric zu der ihm angeborenen Arroganz zurückfand. »Wann habe ich das je gewollt?«
Tyran nickte erneut und blieb unschlüssig stehen, wo er war. Rodric wies auf den einzelnen Schemel und nahm selbst auf dem Rand seines Bettes Platz, sich die Reitstiefel von den Füßen zerrend.
Tyran legte die Flügel an und setzte sich.
Sie hatten nie viel reden müssen, um einander zu verstehen, in all den Jahrhunderten nicht. Aber Tyran wusste, dass Rodric ihn ebenso gut kannte, wie er ihn. Und so wie er buchstäblich riechen konnte, dass eine schreckliche Nacht hinter Rodric lag, würde dieser fühlen, dass Tyran mit einer Neuigkeit zu ihm gekommen war, die ihm nicht gefiel.
»Ich werde ausgeliehen«, sagte Tyran leise, aufmerksam jede Regung in dem Gesicht seines Kameraden beobachtend. Nicht viel war zu sehen, nur ein kurzes Flackern in den violetten Augen. Rodric erhob sich von seinem Bett, die Schuhe nah an die kleine Feuerstelle schiebend. Er füllte ihnen zwei Holzbecher mit Wein und leerte seinen zur Hälfte, noch bevor Tyran seinen ersten Schluck getan hatte. Obgleich angespannt, lag in jeder seiner Bewegungen die raubtierhafte Eleganz, deren Potential Königin Lamia vor vielen Jahren in ihm gesehen haben musste.
»An wen?«, erkundigte Rodric sich beinahe beiläufig.
»An Königin Elnesta.« Tyran fühlte, wie ihm die Zunge schwer wie Blei wurde, als er den Namen aussprach. Für einen kurzen Augenblick glaubte er, die Kiefernmuskeln seines Freundes zucken zu sehen.
»Elnesta«, wiederholte Rodric tonlos.
Ein drittes Nicken. Es gab nichts, was Tyran erklärend hätte hinzufügen müssen. Sie beide kannten Elnestas Ruf – kannten die Erzählungen von ihrer Grausamkeit, ihre Vorlieben für Askyaner. Zum ersten Mal in seinem über siebenhundertjährigen Leben wünschte Tyran sich, kein Paar von mit dunkelgrauen Federn bestückten Flügeln zwischen seinen Schulterblättern zu haben.
Rodric sank wieder auf sein Bett zurück und schwenkte den beinahe leeren Becher gedankenverloren hin und her.
»Weißt du, für wie lange?«
Tyran zuckte mit den Schultern. »Spielt das eine Rolle?« Er verzog die Lippen. »Ich werde es überstehen, ob für zehn, fünfzig oder hundert Jahre, und dann hast du mich hier wieder am Hals.« Das Lächeln, das dieses Mal Rodrics Züge erhellte, war wärmer als das zuvor. Tyran konnte unausgesprochene Worte auf seiner Zunge erkennen; Dinge, die sie sich schon lange nicht mehr sagten, weil sie an der Situation nichts ändern würden. Früher hatten sie einander noch versprochen, vorsichtig zu sein, hatten sich ein baldiges Wiedersehen zugesagt und nicht selten sogar im anderen die Hoffnung erneuert, eines Tages könnten sie in einer anderen Welt aufwachen. Einer Welt, in der ein Krieger mit einer roten Rún oder einer schwarzen, wie Rodric sie trug, an niemanden würde ausgeliehen oder verkauft werden können.
Das war lange her. Es gehörte zu dem Gerede von Jungen, die sich über die Dauer von den fünftausend Jahren, die Alben leben konnten, keinen Begriff machten. Jungen, die noch glaubten, dass sie mit dem Älterwerden und der dazugehörigen wachsenden Stärke die Unabhängigkeit und letzten Endes auch die Freiheit gewinnen würden, nach der sie sich sehnten. Jetzt, mehr als siebenhundert Jahre später, fühlte Tyran, dass die Hoffnung längst von ihnen abgeschliffen worden war, wie grobe Holzspäne, die einem Hobel zum Opfer fielen.
Eine ruckartige Bewegung seines Freundes riss Tyran aus seinen Gedanken: Rodric blickte auf, den Becher auf den Fußboden stellend, die violetten Augen wachsam auf die Tür gerichtet. Einen Herzschlag später spürte auch Tyran, dass sich jemand näherte.
Verdammter Nachtalb. Rodrics Sinne waren eben sogar noch einen Hauch besser als seine eigenen. Ein Soldat, der Königin Lamias Sonnenschärpe trug, trat nur zur Hälfte ein.
»Eure Anwesenheit wird verlangt, Sir Rodric.«
Obwohl die Worte ein unmissverständlicher Befehl waren, schwang für Tyran unüberhörbar Nervosität in der Stimme des Soldaten mit, dessen eine Hand auf dem Türknauf ruhte. Seine anderen Finger lagen wachsam auf dem Griff seines Schwertes.
Sir Rodric.
Es war für Tyran immer noch merkwürdig, zu hören, wie Rodric so angesprochen wurde. Es war ein Titel, der nur den aristokratischen Alben zustand. Über das adlige Blut von Rodric brauchte man nicht streiten, jeder wusste, wer sein Vater war – aber trotzdem war Rodric ein Sklave genau wie er. Die Anrede war eine Worthülse, keine Respektsbekundung. Ein Luxus, der Rodric jederzeit genommen werden konnte, ganz wie dieses Zimmer. Wie die Kleidung, die er am Leib trug. Wie der billige Wein, den sie tranken.
Rodric schob sich das nachtschwarze Haar in den Nacken, es mit wenigen Griffen und einem Lederband zu einem Zopf zusammenfassend. »Ich komme«, teilte er dem Wächter mit, machte aber keine Anstalten, das Zimmer zu verlassen.
Zwei Sekunden verstrichen, bis der Mann, dessen grüne Rúnir-Aura sich weder mit der von Tyran, noch mit der von Rodric messen konnte, sich umdrehte und sich entfernte.
Rodric zog aus seiner schmalen Kommode sein Hemd und streifte es sich über den Kopf.
»Wann brichst du auf?«, fragte er.
»Morgen schon«, antwortete Tyran und erhob sich mit raschelnden Flügeln. Eigentlich war es ihm fast recht, dass man ihm keine Zeit gelassen hatte, über den Befehl der Königin nachzudenken. Der Ruf, der Elnesta vorauseilte, deckte sich mit den wenigen Erfahrungen, die er mit ihr bisher gemacht hatte – was auf nichts Gutes schließen ließ.
»Mir ist neulich übrigens etwas in die Hände gefallen«, griff Rodric den Gesprächsfaden wieder auf. Tyran kam nicht umhin, eine dunkle Augenbraue anzuheben. Lächelnd schüttelte er sich ein paar flammendrote Haarsträhnen aus dem Gesicht. Was auch immer Rodric genau meinte – bei ihm bestand fast nichts aus Zufall. Aber an die distanziertere Formulierungsweise seines Freundes, ein wenig nonchalant, ein wenig vage, hatte sich Tyran gewöhnt. Rodric verbrachte zu viel Zeit mit den Herolden und den Speichelleckern hier am Hof.
Doch das, was Tyran nun in der ausgestreckten Hand des Blutritters sah, ließ ihn tatsächlich in seinem Gedankengang innehalten. Es war ein kleiner Obsidiankeil, spitz wie ein Dolch, mit einem kurzen, abgerundeten Griff. Gerade so, dass er in eine Kinderfaust passen würde.
»Du hast ihn noch?«, verblüfft nahm Tyran den Steindolch an sich. »Wir haben damals – verflucht, das müssen sechs, sieben Wochen gewesen sein, die wir daran herumgeschliffen und gefeilt haben.«
»Acht«, korrigierte Rodric sanft. »Und wir haben davon geträumt, ihn dem Jäger in die Kehle zu stoßen.« Sein Tonfall hatte etwas Grimmiges bekommen.
»Hätten wir es bloß getan.« Tyran drehte den Obsidiankeil, um ihn Rodric zurückzugeben, der sich jedoch bereits abgewandt hatte.
»Behalt ihn. Du hast mehr daran gearbeitet als ich«, sagte er nüchtern, während er in seine Stiefel stieg. Einen Moment lang betrachtete Tyran das Erinnerungsstück noch, bevor er es in die Innentasche seiner Jagdtunika gleiten ließ.
»Ich gebe ihn dir zurück, wenn wir uns wiedersehen, Bastard«, versprach er und wandte sich zur Tür. Er wusste, obwohl sie den gleichen Weg hatten – aus den Sklavenquartieren nach oben –, würde Rodric nicht mit ihm zusammen gehen. Das tat er nie.
»Ich verlasse mich darauf, Tyr.« Rodric überbrückte die Distanz, die Tyran in sich stets spürte, wenn sie wieder an getrennte Höfe geschickt wurden, und zog ihn zu einer kurzen, festen Umarmung heran, bevor er ihn beinahe aus der Tür schob.
Rodric
3
Erleichterung überkam Rodric, als er endlich durch die geschlossene Tür hörte, wie Tyrans Schritte sich entfernten. Es lag nicht daran, dass er ihn nicht gern sehen wollte – er wollte den Mann, der ihm so nah wie ein Bruder war, immer sehen –, sondern daran, dass er nicht jetzt das sorgenvolle Glitzern in der blauen Iris des Sturmalben ertragen konnte.
Aushalten konnte er vieles – aber dass der Schalk aus diesem Blick wich, das wollte er nicht erleben. Nicht seinetwegen. Nicht wegen dem, was er tat.
Er kannte den Sturmalben nun fast schon sein ganzes Leben lang. Sie waren beide auffällig gewesen, zwei sonderbare Bengel, der eine ein Askyaner mit Haar wie entzündetes Herbstlaub und einer erstaunlich passenden roten Rún, der andere der Bastard des mächtigen Lord Vaharél von Thornehold und als solcher von vornherein rechtlos. Rodric erinnerte sich nicht mehr daran, wann er Tyran zum ersten Mal bewusst wahrgenommen hatte. Aber es hatte höchstens wenige Tage des Kennenlernens gedauert, bis sie sich Rücken an Rücken umringt von rauflustigen Albenjungen wiedergefunden hatten.
Der Gedanke ließ Rodric unfreiwillig lächeln. Sie hatten damals Prügel bezogen, aber nur wenig später waren sie diejenigen gewesen, die austeilten, was sie hatten einstecken müssen. Sich mit Tyran anzufreunden hatte die Ausbildung, die ihm Königin Lamia hatte zukommen lassen, erträglicher gemacht. Aber sie beide hatten für diese Freundschaft schon oft einen hohen Preis gezahlt – vielleicht würde er eines Tages zu hoch werden. Dann, wenn einer von ihnen einen Fehler beging, für den der andere bestraft werden würde, und diese Strafe mehr war, als einer von ihnen bereit wäre, im Namen ihrer Freundschaft zu ertragen. Wenn die Himmelslichter ihnen auch nur ein wenig gewogen waren, würde dieser Tag noch in weiter Ferne liegen.
Rodric legte sich den Gürtel aus schwarzem Leder an, auch wenn er in der Gegenwart der Königin keine Waffen tragen würde. Keine außer seinen Händen. Seinen Zähnen.
Er warf keinen Blick mehr in den ovalen kleinen Spiegel an seiner Wand, sondern öffnete ein weiteres Mal die Tür.
Der Weg, der ihn durch die Sklavenquartiere bis ins obere Geschoss des Kristallpalastes führte, war lang, und obwohl er es besser wusste, als Lamias Geduld überzustrapazieren, beeilte er sich nicht. Sein Zimmer lag am Ende des Ganges, von dem mehrere Abzweigungen in andere Bereiche des Kellers führten – hin zu den Lagerräumen, in denen die Unmengen der wöchentlich benötigten Speisen aufbewahrt wurden, um den Kristallpalast zu versorgen, aber auch zu den Kerkerzellen, die möglicherweise der einzige Ort hier waren, der noch mehr gefürchtet wurde als die Sklavenquartiere. Um diese Uhrzeit waren die Gemeinschaftsräumlichkeiten hier unten fast verwaist, wenn man von ein paar vereinzelten jungen Kriegern absah, die sich mit geducktem Kopf abwandten, als der Blutritter an ihnen vorüberging.
Er passierte die Schleuse aus zwei vergitterten Toren, die die Treppe nach oben freigaben. Die Tür, die er am Fuß der Treppe erreichte, hatte in Rodrics Augen immer schon die zwei Seiten des Kristallpalastes sinnbildlich widergespiegelt – die Seite, auf der er sich gerade noch befand, zeigte das massive, mahrisch behandelte Erlenholz, an dem sicher nicht wenige Ausbruchsversuche schon gescheitert waren. Die andere Seite hingegen war mit einem fluoreszierenden Silberlack behandelt worden, um den Schimmer der mit Spiegeln und Kristallen ausgestatteten Flure aufzufangen. Die Tür sah auf jener Seite aus wie jede andere im Schloss, mit einem eleganten, geschwungenen Griff und verschnörkelten weißen Verzierungen.
Es hatte keine Spezifizierung gegeben, wo Lamia ihn zu empfangen gedachte. Doch nachdem, was in Amber Hall geschehen war, konnte Rodric sich denken, dass es der Thronsaal sein würde und nicht eines der Privatgemächer. Noch nicht.
Der Korridor führte ihn zu dem säulengesäumten Gang. Zwischen jeder Säule stand einer der Wächter der Königin, genauso regungslos wie der helle Stein selbst. Rodric konnte eine leichte, kontinuierliche Erschütterung spüren, an die er so gewöhnt war, dass er sie sich nur selten bewusst machte – es war der Fluss Fion, der weiße Strom, dessen Verlauf durch das Schloss führte. Der Thronsaal befand sich auf der westlichen Seite der riesigen Palastanlage, aber hier waren sie dem Wasser so nahe, dass Rodric manchmal glaubte, die Kristalle an den Wänden zittern zu sehen.
Vor dem Thronsaal hielt er inne. Obwohl er schon Hunderte – Tausende Male über diese Schwelle getreten war, würde ihm der Anblick auch dieses Mal wieder die schreckliche Mischung von überwältigender Bewunderung und wildester Verachtung abnötigen. Für den Bruchteil einer Sekunde war er wieder der zwölfjährige Junge, der er gewesen war, als er zum ersten Mal die Wucht gespürt hatte, mit der sich die Flügeltüren hinter ihm schlossen.
Er erinnerte sich, wie ihm angesichts der Königin auf ihrem Thron der Atem gestockt hatte. Er erinnerte sich an ihr Kleid aus Seide von den Frühlingsinseln. Er erinnerte sich daran, dass ihre Hand warm gewesen war, die sie an seine Wange gelegt hatte, obwohl alles hier funkelte wie Eis. Er erinnerte sich an Schmerz.
Der Moment kam und verflog wie jedes Mal. Einer der Wächter öffnete ihm die Tür, und noch vor dem gleißenden Licht strömte als Wahrnehmung der Geruch auf ihn ein, den er noch vor wenigen Minuten mit Wasser und Seife von sich hatte abwaschen wollen. Rodric gestattete sich keinen Moment des Zögerns. Er trat ein, sich ganz auf Lamia konzentrierend.
Auch an diesem Abend trug die Königin Seide. Er kannte das Kleid und wusste, dass man es mit einer einzelnen Bewegung lösen konnte, wenn man die Elfenbeinspange herauszog, die den Stoff im Nacken schloss.
Mit einer geschmeidigen Bewegung verneigte Rodric sich.
Erst jetzt erlaubte er sich, den Blick für einen kurzen Moment auf den aus einer Vielzahl von Wunden blutenden Alb zu richten, der mit auf dem Rücken gefesselten Armen auf dem Boden vor den Stufen zum Thron kniete.
Auch ansonsten waren sie nicht allein – wie immer beobachtete der Jäger aus dem Schatten der Säulen heraus alles mit seinen kalten Augen, und ein paar vereinzelte Mitglieder des Hofes hatten sich Plätze in gebührendem Abstand gesichert.
»Rodric«, sagte Lamia mit weicher Stimme. Er richtete sich wieder auf.
»Euer Majestät«, antwortete er, die Füße schulterbreit auseinanderstellend und die Hände hinter dem Rücken verschränkend. Sie lächelte, aber er konnte ihre kalte Wut fast genauso stark riechen wie das Blut.
Lamia faltete die Hände in ihrem Schoß und legte ihren Kopf schräg. Rodric fühlte den Blick aus ihren hellen, eisblauen Augen auf sich lasten.
»Ich dachte mir, du wünschst dir sicher die Gelegenheit, mir zu erklären, was in Amber Hall geschehen ist«, sagte die Königin und wies auf den Alb, der unter seinen Schmerzen zitterte. »Du brauchst keine Sorge haben, dich zu wiederholen. Ich habe bisher nichts gehört, was mir wirklich … weiterhelfen würde, zu verstehen.«
Rodrics Augen folgten intuitiv ihrer Geste und er stellte fest, dass es sich bei dem nackten, verletzten Mann nicht um irgendeinen von Lamias Sklaven handelte. Es war Nephas, der ihr schon gedient hatte, bevor Rodric zum Kristallpalast gebracht worden war. Er war nicht ihr Schild, hatte aber seit einem knappen Jahr die Position des Marschalls inne.
Rodric ließ seinen Geist tastend über die Aura des Erdalben streichen. Die Wunden, die ihm äußerlich zugefügt worden waren, verursachten mit Sicherheit Schmerzen – Schnitte, willkürlich gesetzt, und Peitschenstriemen, die wiederum auf eine hohe Präzision hinwiesen. Rodric sah den Jäger freudlos lächeln.
Doch was den Alb tatsächlich zum Zittern brachte, war ein Schmerz, für den es keine äußerliche Heilung gab, keine Linderung. Es gab keinen Trank, den man ihm hätte geben können, keinen Zauber, den zu sprechen etwas genützt hätte. Es war die Scherbe.
Rodric streifte das Unbehagen ab, das ihn erfasst hatte, löste seine Armhaltung und trat näher auf die Königin zu.
»Der Angriff auf Amber Hall erfolgte, wie von Eurer Majestät gewünscht, vor zwei Tagen, unter der Leitung von Sir Nephas. Das Ziel war die Liquidierung der abtrünnigen Königin Marielle und die Befriedung des umliegenden Gebietes. Zu diesem Zweck hattet Ihr die Exekution von Königin Marielles Ehemann, Lord Moonfall, und die Ergreifung ihrer Tochter und des Trigons befohlen.« Rodric versuchte, in dem Gesicht der Königin zu lesen, doch Lamias Ausdruck blieb bei dem sanften Lächeln, dem nicht zu trauen er schon vor langer Zeit gelernt hatte.
»Die Hinrichtung der Verräterin wurde gemäß Eurer Wünsche durchgeführt.« Rodric fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Und Lord Moonfall fiel in einem Duell gegen Sir Malagad.«
»So hörte ich, ja«, antwortete die Königin, sich leicht vorbeugend. »Und als ich genau den gleichen Bericht von Nephas hörte, wurde mir mein Herz sehr warm, bei dem Gedanken, wie treu die Männer meines Hofes sich darum bemüht haben, die Gefahr im Süden niederzuschlagen, um Shayla Frieden zu bringen.« Sie begutachtete ihre schimmernden Fingernägel. »Als ich jedoch befahl, mir die Tochter der Verräterin bringen zu lassen, wurde ich darüber informiert, dass nicht nur sie, sondern auch der Truchsess von Amber Hall verschwunden sind.«
Ihre Stimme wurde schneidend. Rodric spürte die Wut aufflackern. Der Marschall stieß einen gequälten Laut aus. Ein dumpfes Pochen hinter Rodrics linkem Auge ließ seinen Magen sich für einen Moment zusammenziehen, bevor er die Empfindung tief in seinem Inneren versiegelte. Er trat an dem bebenden Mann vorbei, erklomm die Stufen, die zu dem Thron der Königin führten, legte eine Hand auf die steinerne Armlehne und beugte sich zu ihr herab.
»Ein kleines Mädchen und ein alter Mann«, sagte er, »… verschollen in den Wäldern von Shayla. Meine Königin … Liebste … Ich habe keine einzige mächtige Rún in Amber Hall gespürt, nachdem Lord Moonfall getötet wurde. Ihr wisst selbst, dass Königin Marielles Rún violett war. Welche Kraft mag das Kind schon haben? Und der Truchsess …« Rodric hob die Augenbrauen. »Er ist fast ein Greis, und er trägt eine fliederfarbene Flamme.« Rodric lächelte, als sein Zeige- und sein Mittelfinger den Bogen des Kiefers der Königin nachzeichneten. »Man wird sie finden. Und wenn man sie nicht findet, dann nur, weil sie längst tot sind.«
Obwohl ihre Augen ihn so sehr an Eis erinnerten, erkannte Rodric mit Genugtuung, dass sich in den Tiefen ihrer Iris etwas regte. Da war sie, die eine Schwäche, die sie nie vor ihm hatte verbergen können: Die Tatsache, dass sie sich nach der Echtheit der Begierde sehnte, die sie gerade in seinen Augen zu erkennen glaubte. Natürlich war es noch mehr als das – denn attraktive Männer gab es viele. Es mangelte ihr nicht an Auswahl, wenn sie sich einen Sklaven oder einen Gespielen aussuchen wollte.
Aber niemand außer ihm trug eine schwarze Rún, noch dazu das Schwert, das ihn als Mitglied der mächtigen Kriegerkaste auszeichnete. Das Schwarz, die stärkste Farbe, die die größte Magietiefe anzeigte – die Möglichkeit, auf einen Schlag am meisten von der Mahr zu schöpfen oder auch am längsten einen Zauber aufrechtzuerhalten, war eine seltsame Fügung des Schicksals. Es war Zehntausende von Jahren her, das zuletzt ein Alb mit einer schwarzen Rún geboren war, und in der Kriegerkaste gab es nur einen Einzigen, von dem man noch den Namen kannte: Auberon, der der Gefährte der letzten Erzkönigin gewesen war. Auch sie hatte Schwarz getragen und damit die Macht gehabt, ganz Norfaega zu regieren.
Das war heute so lange her, dass die Geschichte für die meisten zu einem Märchen verkommen war. Aber Rodric wusste wie alle, denen eine intensive Ausbildung an einem Königinnenhof zuteil geworden war, dass es sich keineswegs um ein Märchen handelte. Die Erzkönigin war real gewesen, genauso wie ihr legendärer Hof, der an eben diesem Ort, dem Kristallpalast, vor vielen Albenaltern geherrscht hatte.
Nach ihrem Tod und dem Zerbrechen des Erzhofes war Norfaega erst in drei Reiche zerfallen – in Askyan, das Sturmalbenheim im Norden, aus dem sein Freund Tyran stammte. In Shayla im Zentrum des Kontinents, das damals vor allem von Erd- und Nachtalben bevölkert worden war, bevor die Lichtalben von den Inseln kamen. Und zuletzt das südlichste Königreich Glynvail. Lange hatten sich die drei Königinnen, die damals über die drei Reiche herrschten, nicht halten können. Die Länder waren weiter zersplittert, das uralte Blut der Alben war dünner geworden, und Kriege um längst vergangene Ansprüche hatten Norfaega in viele einzelne Höfe zerfetzt.
Königin Lamia war die erste Herrscherin nach beinahe fünfzigtausend Jahren, die es geschafft hatte, so gut wie alle der elf Höfe in Shayla unter ihre Kontrolle zu bringen. Lamias Rún, der Stern, der sie als Königin auszeichnete, war silbern und hatte damit die zweitmächtigste existierende Farbe. Doch das allein war es nicht, was ihr die Fähigkeit gegeben hatte, in weniger als zweitausend Jahren zehn der Albenhöfe zu unterwerfen.
Rodric spürte, wie Lamia ihre Hand auf seine Brust legte.
»Wie gern würde ich auf diese Worte vertrauen«, schnurrte sie. »Aber du weißt genauso gut wie ich, dass ich nicht zulassen kann, dass die Bevölkerung der umliegenden Dörfer sich … Geschichten von einer überlebenden Königinnentochter erzählt. Oder riskieren, einen erfahrenen Truchsess Unruhe stiften zu lassen. Sir Malagad hat mir berichtet, große Teile des Anwesens seien zerstört worden – aber wenn ich entschieden habe, welche meiner … Freundinnen dort einziehen wird, muss es restauriert werden. Bis dahin würde sich jedes Gerede, selbst kleinstes Geflüster, von einer Erbin des Anwesens verbreiten wie … wie eine Krankheit.« Ihre Hand streichelte die Haut unter seinem Hemd.
Rodric wandte den Blick nicht von ihr ab. Sie hatte längst einen Gedanken gefasst, ein Ziel, das sie verfolgte. Ekel stieg in ihm auf, als sie die Lippen kokettierend zu einem breiteren Lächeln verzog. »Wenn es doch nur eine Möglichkeit gäbe, solche Bestrebungen im Keim zu ersticken …«, sie tippte sich mit dem langen Fingernagel an die Unterlippe.
»Eure Herolde werden mit gewohnter Härte durchgreifen und …«, setzte Rodric zum Sprechen an, gab seiner Stimme einen schmeichelnden Tonfall, doch sie brachte ihn mit einer knappen Geste zum Schweigen.
»Ich habe mir etwas Besseres einfallen lassen. Das Volk ist … schrecklich leicht durch solche falschen Hoffnungen irritierbar. Es ist meine – unsere – Pflicht, es vor den rebellischen Einflüssen so gut wie möglich zu schützen.« Rodric richtete sich langsam wieder auf. Er spürte, wie ihre Gedanken das Netz woben, welches der Grund gewesen war, warum er hier war. Warum sie Tyran, den einzigen Freund, den er je gehabt hatte, fortschicken würde. Er stieg die Stufen vom Thron herab, sich wegdrehend. Er würde ihr bei diesem Spiel nicht zusehen.
»Was meinst du, Vetis?«, fragte sie und der Jäger löste sich von seinem Platz im Schatten. Er war der einzige Lichtalb, den Rodric kannte, der sich das Haupthaar rasierte. Die helle Haut glänzte unter dem Licht des Thronsaals, bis hin zu den weißen, gedrehten Hörnern.
»Mylady?« Er verneigte sich tief vor ihr.
»Ich möchte deine Meinung hören, Vetis. Denkst du, das Volk ließe sich … beruhigen, wenn wir ihm die Leichen der letzten Mitglieder des rebellischen Hofes präsentieren?«
»Mit Sicherheit, Herrin«, erwiderte Vetis. »Das Kind ist zu jung, um eine vollständige Rún zu tragen. Welches Zeichen sie einmal erhalten wird, ist noch nicht bestimmbar. Aber eine Erbin des Anwesens lebendig herumlaufen zu lassen wäre für den nächsten Regenten von Amber Hall nicht vorteilhaft, Mylady.«
Rodric drehte sich herum, das Kinn leicht anhebend. »Ich bin sicher, Eure Männer betreiben bereits jeden erdenklichen Aufwand, um das Kind und den Truchsess zu finden.«
Lamia nickte. »Das tun sie, ganz bestimmt. Aber ich denke, ich möchte dennoch den sichersten Weg wählen. Wenn wir nur – eine Kinderleiche hätten.« Ihr Lächeln vertiefte sich. Rodric spürte, wie selbst die tuschelnden Höflinge stiller wurden.
Eine Kinderleiche zu beschaffen stellte sich nicht als schwierig dar – viele Kinder hatten den Herbst in Val Thalas, der Kristallstadt, über die der Palast herausragte, nicht überlebt, zu knapp waren die Nahrungsmittel für den Pöbel auch in diesem Jahr geworden. War es das? War das die schmutzige Aufgabe, die sie dieses Mal für ihn bestimmt hatte? Hinabzusteigen in die Straßen, die nichts mehr von dem silbernen Glanz trugen, weil jener längst weggewaschen worden war von Regen, Blut und Tod? Und dort einer der Hüterinnen für zwei Münzen die Leiche eines verhungerten Mädchens abzukaufen, den Lamia zur Unkenntlichkeit verbrennen und als die verschollene Königinnentochter ausgeben konnte?
Lamia blickte Rodric an, prüfend, als suche sie etwas in seinem Ausdruck. Sie löste ihre Augen nicht von ihm, als sie weitersprach.
»Nephas«, ihre Stimme war ein sinnliches Schmeicheln, »wie alt ist eigentlich deine Tochter?«
Das Geräusch, das sich der Kehle des knienden Alben entrang, jagte einen Schauer über Rodrics Rücken. Rodric spürte, wie Kälte sich um sein Herz schloss.
»Meine Königin, Euer Majestät, Königin Lamia …« Nephas schaffte es, seine Stimme weit genug zu festigen, um zu sprechen, und er rutschte auf den Knien näher an die Stufen des Thrones heran. »Ich flehe Euch an … Bitte …«
»Sie hat das richtige Alter, nicht wahr, Vetis?«
Der Jäger nickte.
Der Marschall, der keiner mehr war, heulte in wildem Protest auf.
Sinnlos. Rodric hätte es ihm sagen können, dass kein Wort, keine Bitte, kein Flehen die Königin jetzt noch würde umstimmen können. Aber Nephas wusste dies selbst, er hatte ihr länger gedient als Rodric, wenn auch auf andere Weise. Dennoch verklang sein Betteln nicht. Rodric nahm die Hände wieder hinter den Rücken, umschloss fest sein eigenes Handgelenk, an dessen Unterarm er die schwarze Rún glimmen fühlen konnte.
Die Königin überschlug die Beine. Die Wut war verflogen. Rodrics Raubtiersinne witterten Zufriedenheit.
»Du wirst Nephas’ Tochter herholen, Rodric«, sagte sie so sanft, als hätte sie ihn gebeten, ihr ein Glas Wein einzuschenken. »Und dann wirst du sie verbrennen. So eine Aufgabe kann ich keinem anderem als meinem Blutritter anvertrauen.« Sie verzog die Lippen zu einem spöttischen Lächeln. Rodric glaubte, seinen eigenen Arm so fest zu drücken, dass der Knochen zerbrechen müsste.
»Und du, Nephas, du solltest dir überlegen, wie du dich bei mir dafür bedanken möchtest, dass ich dir die Gelegenheit gebe, dass jemand dein Versagen korrigiert«, fügte sie hinzu. Rodric hatte genug gehört. Er würde nicht bleiben wie die anderen Höflinge, die danach gierten, zu erleben, wie mit einem der ihren verfahren wurde, der in Ungnade gefallen war.
Rodric verneigte sich knapp und drehte sich um. Flucht, bevor er das Schwarz entfesselte. Flucht, bevor sie die Scherbe einsetzte.
Er vernahm raschelnde Seide, als sie sich erhob.
»Rodric!« Ihre Stimme fuhr wie ein Peitschenschlag auf ihn nieder. Er hielt inne, ohne sich zu ihr umzudrehen. »Wenn du darüber nachdenken solltest, mit welcher Hingabe du meine Befehle in Zukunft ausführen möchtest, dann vergiss nicht, dass ich aus reiner Güte für die Leiche des Truchsess nicht den askyanischen Rotschopf gewählt habe.« Ihre Worte drangen bedrohlich tief in seinen Verstand ein. Rodric schwieg und stieß die Flügeltüren auf, bevor sie ihm geöffnet werden konnten.
Varcas
4
Es kam Varcas wie eine Ironie des Schicksals vor, dass die große Offenbarung an Wissen, die die Vision ihm hatte zuteilwerden lassen, begleitet wurde von nicht enden wollendem Nebel, der sein Reisetempo verlangsamte. Er hätte die Mahr einsetzen können, um die Schwaden zu vertreiben, die so dicht waren, dass er vom Pferderücken aus kaum die Hufe erkennen konnte, wie sie nach sicherem Halt auf dem Boden suchten. Aber er wollte mit der grauen Rún keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Grau war keine einzigartige Farbe, aber eine sehr, sehr seltene. Er hatte zeit seines Lebens nur wenige Männer gekannt, die Grau trugen, und noch weniger Frauen. Heute gab es fast niemanden mehr, der mit einer mächtigeren Farbe als Rot geboren worden war.
Früher hatte ihn die Veränderung, die durch die Alben ging, noch beunruhigt – das Aussterben mächtiger Blutlinien bedeutete eine Erschütterung alter Grundsätze und Prinzipien, mit denen er aufgewachsen war. Aber heute glaubte er, dass die Himmelslichter vielleicht zu Recht immer weniger mächtige Königinnen, Krieger, Heilerinnen, Seher, Hüterinnen und Wächter, und ja, auch Hexen geboren werden ließen. Die Alben hatten einst eine Macht gehabt, die sich mit keiner anderen in Norfaega vergleichen ließ. Wohin hatte sie das geführt?
Auf Varcas’ Weg durch Shayla konnte er es genau erkennen. Er mied die Dörfer und Siedlungen, so gut es ging, doch die schnellsten Wege waren jene, die fest und breit genug waren, um darauf Wagen und Kutschen fahren zu lassen, und diese führten unweigerlich zu den Städten. Vermutlich war seine Vorsicht unbegründet, und dennoch benutzte Varcas die Mahr, um sein Bild zu verschleiern.
Kein Alb konnte unsichtbar werden, auch er nicht, aber eine leichte Illusion zu weben, die ihn vor neugierigen Blicken verbarg, war eine verhältnismäßig leichte Aufgabe, besonders weil sie keiner mächtigen Rúnir-Farbe standhalten musste. Menschen waren größtenteils blind wie Spitzmäuse, und selbst wenn ihre Augen sie nicht im Stich ließen, wagten sie es doch kaum, genauer hinzusehen. Die Alben, die ihm ansonsten begegneten, waren meistens nicht einmal in der Basismagie unterrichtet worden und beherrschten nur jene Ebenen der Mahr, die ihnen angeboren war. Auch die Furcht vor Fremden in Zeiten wie diesen war Varcas bei seiner Reise ein unabdingbarer Vorteil.
Als die erste Nacht und der erste Tag vergangen waren, rastete Varcas in einer kleinen Herberge. Er hatte nicht die Linie verfolgt, die sein Blutwasser ihm auf der Karte angezeigt hatte, und den Kristallpalast großzügig umritten. Wenn es jemanden gab, unter deren Blick seine Maskerade fallen würde, dann war es die Silberne Königin.
Er aß schweigend den Eintopf, den man ihm servierte, spülte mit reichlich Wasser nach. Varcas wusste, dass er einige Stunden Schlaf brauchen würde, bevor er seine Reise fortsetzen konnte, doch als er ungestört in dem kleinen Zimmer unter dem Dach war, öffnete er stattdessen die winzige Luke, die den Blick auf den Nachthimmel freigab. Im Osten brannten die Lichter feuerrot, der restliche Himmel blieb schwarz. Der Nebel lag glücklicherweise tief auf dem Boden und in den Tälern, sodass die Sicht auf die Sterne ihm nicht versperrt wurde.
Ich habe Euren Ruf angenommen. Nun führt mich dorthin, wo Ihr mich haben wollt. Als er sich schließlich doch einige Stunden Schlaf genehmigte, merkte er im Morgengrauen, wie wenig er noch daran gewöhnt war, im Sattel zu sitzen. Sein Kreuz war steif von der Nacht in dem schmalen Holzbett und die Muskeln seiner Beine machten Anstalten, ob der ungewohnten Belastung zu streiken. Er nahm die Empfindung mit gemischten Gefühlen auf. Er war ein Albenlord von beträchtlicher Stärke und hatte zugelassen, dass die Hoffnungslosigkeit ihn zu lange an einem Ort festgehalten hatte, sodass seine Fähigkeiten abgestumpft waren. Aber sie jetzt wieder zu spüren, erinnerte ihn daran, dass jeder Muskel, jeder Nerv, jeder Sinn im Körper und Geist mit Übung reifen und über sich hinauswachsen konnte, wenn man nur mit Disziplin vorging.
Das Morgengrauen brachte kühlen Regen mit sich, doch das konnte die neu gefundene Energie von Varcas nicht zum Erliegen bringen, als er sein Pferd sattelte und losband. Er zog sich in den Sattel und strich die Feuchtigkeit von dem Hengsthals. Grani war, ganz wie er, über die Jahrhunderte grauer geworden, aber das Kelpieblut in seinen Adern würde auch ihm noch einige weitere Jahre bescheren.
Von all den Reichtümern, all dem Besitz, den er einst angehäuft hatte, waren es nur Grani, sein Seherzepter und einige persönliche Kleinigkeiten gewesen, die er behalten hatte.
Jetzt, da es dem Pferd gelang, selbst über den rutschigen, aufgeweichten Boden einen sicheren Weg zu finden, war Varcas umso dankbarer für seinen alten Gefährten.
Er ritt den gesamten zweiten Tag hindurch. Mit jeder Stunde, die verging, wuchs das Gefühl, das seine Vision ihm beschert hatte, weiter an. Es war ein Ruf, der nur von einer mächtigen Reliquie stammen konnte, oder von dem Knotenpunkt einer schicksalhaften Verwicklung, auf den die Himmelslichter einen Seher aufmerksam machen wollten. Er war sich nicht sicher, warum gerade er diese Vision empfangen hatte, obwohl die Seher seit langer Zeit einen neuen Großmeister hatten.
Einst war der Turm von Eragant, wo die Besten aller Seher ausgebildet wurden, sein Zuhause gewesen, dachte Varcas mit Kummer. Das war gewesen, bevor er …
Nein. Varcas verscheuchte die Gedanken. Er wollte jetzt nicht an die Vergangenheit denken. Nicht, wenn ihm ein Mosaikstück gezeigt worden war, das ein völlig anderes Zukunftsbild bedeuten konnte.
Als der zweite Tag sich dem Ende zuneigte, war Varcas dem Quell des Rufes so nah, dass er der Versuchung, mit der Mahr die Gegend zu durchsuchen, widerstehen musste. Der Blutwassertropfen war nicht sehr präzise gewesen, sein Gefühl hingegen würde es auch so sein, ohne dass er die Bewohner der umliegenden Dörfer durch den Geruch von Magie alarmieren musste. Es waren hauptsächlich Erdalben und einige Menschen, die im Umkreis lebten. Er spürte keine herausragenden Rúnir, flieder, himmelblau, das mächtigste war eine violette Rún. Bei manchen Alben wurden, das wusste Varcas, sogar Kinder geboren, deren Rúnir nahezu farblos erschienen. Das war früher nie vorgekommen, aber vielleicht – vielleicht drehte sich die Welt auf ihren Abgrund zu, auf ein unausweichliches Ende.
Varcas stieg vom Pferd, noch bevor er die ersten Häuser des Dorfes erreicht hatte. Die Nacht würde kälter werden als die zuvor, und er musste eine Unterkunft finden, bevor die Dunkelheit Einzug hielt. Als Varcas in die misstrauischen Gesichter der Dorfbewohner blickte, war er von seiner Entscheidung, sich als ein wenig harmloser zu tarnen, als er wirklich war, umso überzeugter. Das Dorf selbst bestand eigentlich nur aus einem breitgetretenen Weg, an dessen Rändern sich die kleinen Häuser auffächerten. Die meisten waren komplett aus Holz gebaut, nur wenige hatten einen steinernen Rahmen. Ein wenig erhöht thronte über den restlichen Hütten ein Langhaus, das nicht nur ein stabiles Fundament besaß, sondern sogar eine kleine Mauer, die Varcas nicht ganz bis zum Oberschenkel reichte. Daran waren zwei gesattelte Pferde angebunden.
Varcas zögerte. Er hatte nicht erwartet, dass das Dorf, in dem er stranden würde, kein Haus für Gäste hatte. Einen Moment lang blieb er stehen, wo er war, und konnte dabei förmlich spüren, wie die nasse Kälte seine Stiefel heraufkroch. Schließlich trat ein Mann aus der Türnische seines Hauses. Anscheinend hatte er entschieden, dass Varcas als ungefährlich einzustufen war.
»Sucht Ihr nach etwas, M’lord?«
Varcas tastete seinen Geist unbemerkt mit dem seinen ab.
Er trug nur den Kreis, die einfachste, unbestimmte Erweiterung der Rún, noch dazu in Weiß. Varcas lächelte.
»Ich möchte mit Eurem Eldermann sprechen«, sagte Varcas und nickte in Richtung des Langhauses. Ein Schatten fiel auf das Gesicht des Erdalbs.
»Er ist nicht hier«, antwortete er. Keine Lüge, befand Varcas, und keine ganze Wahrheit. Er hätte für diese Erkenntnis kein Seher sein müssen. Der Mann fixierte mit seinem Blick einen Punkt zwischen Varcas’ Füßen.
»Ich habe einen langen Ritt hinter mir und brauche eine Unterkunft für die Nacht«, sagte Varcas, erkannte aber keine stärkere Veränderung auf den Zügen des Mannes, woraufhin er seine Hand auf seinen Gürtel legte, an dem sein Lederbeutel zu finden war. »Ich bezahle.«
Diese Aussicht löste bei dem Erdalb offensichtlich nicht den Wunsch aus, ihm eine Übernachtungsmöglichkeit anzubieten. Der Mann verharrte reglos. Nur seine Augen wanderten zu den Wäldern, die das Dorf umschlossen. Dies verriet Varcas mehr, als jedes Wort es gekonnt hätte.
Das Misstrauen galt nicht ihm.
Jedenfalls nicht nur.
»Wir haben keine … keine Betten für Reisende«, sagte der Mann und senkte nerneut den Blick. Scham, erkannte Varcas. Er ließ seine Hand über den Hals seines Pferdes gleiten.
Einen Moment lang erwog Varcas, seine Tarnung fallen zu lassen. Er konnte sich in diesem Dorf den Aufenthalt mit Leichtigkeit erzwingen. Aber bevor er dazu kam, erschien eine Frau mit einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze neben dem Mann im Türrahmen und fasste ihn am Arm. Er machte ihr Platz und sie näherte sich Varcas vorsichtig, aber mit dem Selbstbewusstsein einer Frau, die es gewöhnt war, sich Respekt zu verschaffen. Eine Heilerin, erkannte Varcas. Kein Wunder, dass man ihr Respekt zollte: Frauen, die Nyannas Träne als Rún trugen, wurden in den meisten Teilen Norfaegas sehr geschätzt. Als Seher hatte er nicht selten mit Heilerinnen eng zusammen gearbeitet. Nicht unbedingt mit Dorfheilerinnen, wie diese eine war, aber dennoch – ihre Zunft war ihm vertraut.
»Ihr dürft nicht falsch verstehen, Herr«, sagte sie, die Stimme senkend. »Aber hier ist kein Ort, an dem Ihr heute bleiben solltet.«
Varcas blickte in das Gesicht der Frau, das er durch die Kapuze kaum erkennen konnte. Für einen Moment vergaß er, wen er darzustellen versuchte, und hob die Hand. Mit der Selbstverständlichkeit des hochrangigen Albenlords, der er war, schob er die Kapuze zurück, und entblößte einen dunklen Bluterguss unter ihrem Auge.
»Mylord«, sagte sie, einen Schritt zurückmachend. Schlagartig war nicht mehr viel von ihrem Selbstbewusstsein übrig.
»Ihr und die Euren brauchen sich nicht zu fürchten. Ich bin lediglich ein Reisender.« Varcas sprach laut genug, damit auch die Bewohner des Dorfes, die in den Ecken und Winkeln geblieben waren, ihn verstehen konnten. »Wenn Ihr mich nicht beherbergen wollt, werde ich weiterziehen, jedoch komme ich mit guten Absichten. Und ich wäre Euch dankbar für Informationen darüber, was Euch Sorgen bereitet.«
Der Widerstand der Frau bröckelte. Schließlich nickte sie.
»Kommt herein, Mylord. Ihr könnt Euch … an unserem Feuer wärmen. Ich bin Lenka.« Sie rief nach zwei Frauen, die zu ihr traten. »Geht und bereitet ein Bett für – für unseren Gast.«
Varcas wusste, sich nicht vorzustellen, war nicht höflich und entsprach nicht dem Protokoll, dem der Albenadel meist folgte. Aber seinen echten Namen zu nennen kam für ihn nicht infrage – und anlügen wollte er die Heilerin nicht. Sie hatte ihn als Seher identifiziert, hatte auch gefühlt, dass seine Rún eine mächtigere Farbe aufweisen musste als die ihre – und sie hatte eindeutig Angst, trotz aller Stärke, die sie beweisen wollte. Der Mann, der zuerst mit ihm gesprochen hatte, kam näher, um Grani zu einem kleinen Unterstand zu führen.
Varcas konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, als der Erdalb das Pferd staunend musterte. Es sah nicht viel anders als ein gewöhnliches Pferd aus – aber es hatte etwas an sich, die Augen mit den geschlitzten Pupillen, die das Kelpieblut verrieten.
Varcas näherte sich dem Langhaus zusammen mit Lenka.
»Ihr seid die Dorfheilerin?«, versuchte er den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen. Er erkannte ein Schutzzeichen eines Wächters in das Holz der Langhaustür geritzt. Er selbst kannte das Aussehen einiger Schutzzeichen, obwohl er sie selbst als Seher nicht verwendete. Mit einem Stirnrunzeln registrierte er, dass dieses hier mit einer mahrischen Waffe verletzt worden war.
Sie nickte. »Und die Frau des Eldermanns.«
»Ich würde mich sehr gern mit ihm unterhalten. Wo ist er?«, fragte Varcas.
Lenka öffnete die Tür, und Varcas hielt inne, als seine Sinne von den Reizen des Inneren überflutet wurden.
Aus leeren Augenhöhlen starrte ihn ein Erdalb an, mit Seilen und Nägeln an das Holzgeländer der oberen Galerie des Langhauses geschlagen.
»Das dort«, flüsterte Lenka mit erstickter Stimme, »ist der Eldermann.«
Lyraine
5
Eine Elster schrie.
Sie war zu Hause.
Einmal, vor fünf oder sechs Monaten, hatte sie einen verletzten Vogel gefunden. Die wilde Elster hatte einen gebrochenen Flügel, den sie wie einen glänzenden, schwarzweißen Fächer hinter sich herzog, während sie verzweifelt durch den Garten hüpfte. Lyraine war damals vorsichtig näher getreten.
Sie wollte sie zu fassen bekommen, aber die Angst, dem verwundeten Tier noch mehr Schmerzen zuzufügen, hielt sie kostbare Minuten zurück, bis die Elster so erschöpft von ihren Versuchen war, dass sie ruhig sitzen blieb. Sie schlich sich Schritt um Schritt näher an sie heran, und als sie angekommen war, ließ sie sich ohne größere Mühe sanft umfassen.
Es hatte nicht lange gedauert, ihr zu helfen. Für zwei, drei Wochen war die Elster ein Gast in Amber Hall gewesen. Nachmittags saß der Vogel auf der Terrasse hinter dem Haus und ließ sich die beginnende Sommersonne auf die Schwingen scheinen. Dann fing sie an, kurze Probeflüge zu unternehmen. Als sie schließlich ganz davonflog, war Lyraine traurig gewesen.
Allerdings nur bis zum nächsten Morgen, als sie feststellte, dass die Elster zu ihrem Fenster zurückgekehrt war und sie mit ihren vertrauten Krächzlauten weckte.
Eine Elster schrie.
Lyraine öffnete die Augen.
Einen wunderbaren, köstlichen Moment lang wusste sie nicht, wo sie war. Dann kam die Erinnerung zurück, und Lyraine schloss die Augen wieder. Doch viel zu schnell wurde ihr bewusst, dass jetzt, da sie einmal zugelassen hatte, dass die durch die Baumwipfel blitzenden Wellen des Sonnenlichts den Schlaf aus ihrem Verstand spülten, würde sie nicht wieder an den tröstlichen Ort zurückkehren können, an dem eine Elster vor ihrem Fenster in Amber Hall wartete. Hatte sie es gesehen oder bildete sie sich nur ein, sich daran zu erinnern, wie sich drehende Flammen die Scherben aus den Rahmen gedrückt hatten, bis sie zerbarsten, und in einem Regen aus Splittern zu Boden rieselten?
Lyraine hörte jemanden atmen.
Gorwyn, erinnerte sie sich, Gorwyn hatte sie unter dem Bett hervorgezogen. Sie hatte losgelassen und er hatte sie hervorgezogen.
Eine Hand – Gorwyns Hand, korrigierte sie sich – legte sich tastend auf ihre Stirn, dann auf ihren Scheitel.
Mit untrüglicher Gewissheit war Lyraine bewusst, dass Gorwyn wissen musste, dass sie erwacht war. Sich schlafend zu stellen funktionierte auch nicht bei der alten Tovilda, und die war mehr Mensch als Alb. Meistens schwatzte sie morgens mit so einer Eifrigkeit los, dass es völlig unmöglich war, wieder ins Reich der Träume hinüber zu gleiten. Gorwyn hingegen war still.
Kurzentschlossen öffnete Lyraine die Augen und setzte sich auf.
Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte, zu sehen.
Gorwyn saß neben ihr, an einen Baum gelehnt. Er hatte ein Bein weit von sich gestreckt, das andere angewinkelt. Erst jetzt begriff sie, dass sie auf seinem ausgestreckten Unterarm und auf Zisch gelegen hatte. Er hatte seine Jacke über ihr ausgebreitet, aber nicht nur die Luft war kalt, sondern auch der Boden. Sie fröstelte. Ein paar Schritte abseits graste eins der Pferde des Hofes. Es war zu groß für sie, das hatte Brandon gesagt. Zumindest, wenn sie es allein reiten wollte.
Lyraine kannte die kleine Lichtung. Sie waren nur wenige Meilen vom Anwesen entfernt.
Der Truchsess sah sie an. Er war schon ziemlich alt – wie alt, traute Lyraine sich nie, ihn zu fragen – aber sie hatte ihn noch nie so erschöpft gesehen. Als Erdalb hatte er eine bräunliche, fast bronzefarbene Haut, und auch die Hörner, die durch das sauber geschnittene weiße Haar hervorschauten, sahen aus wie Walnussholz.
Lyraine atmete ein. Das Gefühl war zu gewaltig, als dass sie es für sich selbst hätte in Worte fassen können. Es schien ihr, als würde ein Schleier aus Nebelseide der einzige verbleibende Schutz vor all den Gedanken sein, die sie tief in sich verschlossen hatte.
Und als der Truchsess seine Hand ausstreckte und sie an ihre Wange legte, wusste sie, dass sie nie wieder den Ruf der Elstern an ihre Fenster hören würde. Sie wusste, dass alles, woran sie sich zu erinnern glaubte, der Wahrheit entsprach.
»Es tut mir so leid.«
Es vergingen mehrere Sekunden, bis Lyraine verstand, dass Gorwyn sie angesprochen hatte, sie und niemanden sonst. Niemand sonst ist hier, schalt sie sich selbst. Niemand sonst. Sie waren allein.
Panik schlang sich um ihren Hals, um ihre Rippen, drückte ihr die Luft aus den Lungen. Sie konnte nicht sitzen bleiben, wo sie war. Wenn sie hier sitzen blieb, dann würde sie in die traurigen Augen des Truchsess schauen müssen. Sie würde ihm zuhören müssen, wie er davon sprach, wie leid es ihm tat.
Gorwyn griff mit einer Geschwindigkeit nach ihrem Arm, die sie ihm fast nicht zugetraut hätte.
»Kind«, er schüttelte den Kopf, »du darfst nicht weglaufen. Es ist nicht sicher.«
»Wir müssen zurück!« Die Worte waren ihren Lippen so plötzlich entwichen, dass es sie selbst überraschte. Aber ja – ja! –, sie mussten zurück. »Zurück nach Amber Hall. Wir müssen meine Eltern holen. Ich weiß nicht, wo meine Mama ist«, fügte sie hinzu.
Der Griff um ihren Arm wurde lockerer, nur um sich danach noch mehr zu festigen. »Lyraine, Kind, es ist dort niemand mehr am Leben.«
Lyraine spürte, wie ihr schwindlig wurde. Ihr Sichtfeld wurde schmaler, doch sie kämpfte gegen die Schwärze an, die ihr den Blick verdunkelte. Sie durfte jetzt nicht an diese Worte denken. Sie konnte das nicht anhören. Der Truchsess zog sie in seine Arme. Er roch nach seinen Keksen und nach Blut und nach Schwefel.
»Was ist passiert?«, flüsterte Lyraine. »Erklärt es mir, bitte!«
Gorwyn legte erschöpft seinen Kopf an den Baumstamm. Sie konnte erkennen, dass er mit sich selbst rang, wie es Erwachsene taten, wenn sie versuchten, zu entscheiden, ob das Kind vor ihnen alt genug war, um etwas erklärt zu bekommen.
»Meister Gorwyn«, sagte sie mit zitternder Stimme, »ich bin siebeneinhalb.«
Normalerweise war dies eine Aussage, die ihn zum Schmunzeln und zum Nachgeben brachte. Dann fing er an zu erzählen und zu erklären, was dieses oder jenes Schutzzeichen bedeute. So war es üblicherweise.
Heute wurde der Ausdruck in seinen Augen noch trauriger. Er legte seine Hand behutsam auf ihren Scheitel.
»Es ist wegen dem, was vor zwei Wochen im Kristallpalast passiert ist, nicht wahr?«, mutmaßte sie. »Mit Königin Lamia?« Den Namen konnte man nicht vergessen. Er wurde viel zu oft genannt. Von allen. Von Brandon im Stall und von Meister Lewyn, wenn er mit ihrer Mutter sprach. Von ihrem Vater, wenn der sich mit der Garde beriet.
Gorwyn nickte langsam.
»Die Herrin des Kristallpalastes hat vor einem Monat eine Einladung ausgesprochen, die, wie du weißt, von deiner Mutter angenommen wurde, um – Verhandlungen zu führen. Politische Gespräche«, erklärte Gorwyn. »Doch sie konnten sich nicht einig werden.«
»Über was?«, fragte Lyraine. Der Erdalb schloss für einige Sekunden die Augen. Lyraine griff nach seiner Hand. Er sollte nicht einschlafen.
»Darüber, ob Königin Marielle dem Kristallhof Gefolgschaft schuldet oder nicht«, antwortete Gorwyn. Er blickte Lyraine unter schweren Augenlidern an. »Du weißt, dass Shayla einst aus elf traditionellen Höfen bestand«, sagte er dann leise, »und von elf verschiedenen souveränen Königinnen regiert wurde. Das ist schon lange nicht mehr so, Lyraine. Höfe sind … zerbrochen. Gefallen. Als Königin Lamia den zentralen Thron bestieg, übte sie einen sehr, sehr großen Einfluss auf die anderen Königinnen aus, und auf die Männer, die den Königinnen folgten.«
»Wieso haben die anderen Königinnen sich nicht zusammengeschlossen?«, fragte Lyraine atemlos.
»Weil manche von ihnen – das wollten, was Königin Lamia ihnen versprach: mehr Reichtum.« Gorwyn legte seine Hand auf Lyraines. Sie war kalt. Sehr kalt. »Mehr Macht.«
Lyraine senkte den Blick und versuchte, das Gesagte in Gedanken zu ordnen. In diesem Moment erfassten ihre Augen etwas, was sie vorher nicht richtig wahrgenommen hatte.
»Meister Gorwyn«, stieß Lyraine hervor, sich vorbeugend, »Ihr seid verletzt!«
Jetzt verstand sie, wieso Gorwyn sein Bein so merkwürdig hielt – eine Wunde klaffte darin. Lyraine zog den Stoff an seinem Oberschenkel leicht auseinander, obwohl der Erdalb sie davon abzuhalten versuchte.
Die Wunde war nicht groß, aber tief. Das Blut kam ihr entgegen, als sie die Haut berührte, und Gorwyn krümmte sich.
»Meister Gorwyn«, flüsterte Lyraine, »es tut mir leid – ich habe nicht gesehen …« Sie richtete sich auf. »Ich hole Hilfe.«
»Nein!« Gorwyn wollte sie wieder am Arm fassen, aber dieses Mal war sie schneller. Lyraine hob seine Jacke auf und breitete sie über seiner Brust aus. »Lyraine, du kannst nicht zurück zum Anwesen laufen. Dort – dort ist niemand mehr«, beschwor Gorwyn sie. Lyraine nickte. Niemand mehr.
»Versucht, ganz ruhig zu liegen«, bat sie den Truchsess, während sie schon die ersten Schritte machte. »Ich bin, so schnell es geht, wieder hier.«
Varcas
6
»Was, bei den Himmelslichtern, ist hier geschehen?«, fragte Varcas und trat in das Langhaus. Ohne zu zögern, streckte er die Hand aus und berührte den Mann. Die Totenstarre begann sich bereits wieder zu lösen. Er konnte auch schon einen Hauch des einsetzenden Verwesungsgeruchs wahrnehmen. Der kalte Herbst sorgte dafür, dass der Geruch nur leicht verströmte, aber noch nicht das ganze Langhaus durchdrungen hatte.
»Es waren die Männer der Kristallkönigin, M’lord.«
Mit zusammengezogenen Augenbrauen betrachtete Varcas den Toten. Auf dem Fußboden anderthalb Meter unter den Füßen des Mannes hatte sich Blut gesammelt, das bereits vollständig getrocknet war. Die Menge ließ keinen Zweifel zu: Als sie den unglücksseligen Mann an das Geländer geschlagen hatten, hatte er noch gelebt.
Lenka wandte sich ab und Varcas drehte sich ihr zu. Er wollte nicht zu sehr auf eine Erklärung drängen, jetzt, da er verstand, dass sie ihren Ehemann erst vor Kurzem verloren hatte. Dennoch war er erleichtert, als sie sich innerhalb einiger Augenblicke wieder zusammenriss und ihn ansah.
»Es hat einen Angriff gegeben auf die Festung Amber Hall.«
Amber Hall. Varcas erinnerte sich daran, dass, als er sich zurückgezogen hatte, eine Königin Orianna – oder so ähnlich – in dem kleinen Königreich im Südwesten Shaylas regiert hatte. Es war mit den alten Anwesen und Festungen eine schwierige Sache, was das Vererben anging. Die alten Familiensitze, die meistens auch Regierungszentren der Höfe waren, die sich bildeten, blieben nicht immer in der Hand der gleichen Familie. Das kam mit der Schwierigkeit, dass nicht in jeder Generation eine Königin geboren wurde: Es war ein reiner Zufall wie bei jeder anderen Kaste, die durch eine Rún bestimmt wurde.
Normalerweise waren die Anwesen jedoch nicht an einen Königinnentitel gebunden, sondern in der Hand einer Aristokratenfamilie, die, sollten sie nicht selbst eine Königin hervorbringen, einen oder mehrere Söhne im Trigon einer Königin unterzubringen versuchte. Im Idealfall stand selbstverständlich die Heirat mit einer Königin oder zumindest die Position des Gefährten noch höher, aber solche Arrangements hatten sich schon zu seiner Zeit als schwierig herausgestellt. So konnte es zu den Fällen kommen, dass einer Königin nicht das Haus gehörte, in dem sie residierte. Varcas konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, aus welchem Haus Orianna gestammt hatte und ob es bei ihr ebenfalls so gewesen war.
In wieder anderen Fällen wurden die Anwesen zeitweise nicht mehr als Höfe genutzt, wenn sich eine Königin mit einem Konkurrenzhof im gleichen Gebiet ansiedelte. Dann kam es oft dazu, dass ein männlicher Albenlord mit Macht und Reichtum mehr Gewalt über ein Gebiet ausübte als die nichtadlige Königin ohne Unterstützer.
Manchmal gab es dann friedliche Lösungen, oft genug kam es aber auch zu blutigen Konflikten.
Es wurde umso verwirrender, da im Falle einer Heirat die Kinder zumeist den Namen des Vaters trugen. Die Familienverhältnisse der Albenaristokratie zu durchschauen war eine Lebensaufgabe. Vermutlich, dachte Varcas trocken, war das auch ein Grund, warum viele adlige Alben es vorzogen, möglichst in engen Banden zu heiraten.
»Haben fast alle im großen Haus getötet, M’lord. Und wer nicht getötet wurde, den haben sie in Ketten gelegt«, ergänzte der Erdalb. Wut trat in seine Augen. Als er weitersprach, senkte er seine Stimme, als fürchtete er, belauscht zu werden: »Ich sage, es war nicht recht, Herr. Königin Marielle war eine gute Königin, und Lord Moonfall war vielleicht streng, aber auch gerecht.«
Lenka nickte.
»Wir waren bisher gesegneter als die meisten anderen, Mylord. An vier Tagen jede Woche hat Königin Marielle jeden empfangen. Und als unser Jaren – das ist der Älteste von meinem Bruder Joran – krank wurde und nicht mitarbeiten konnte für mehrere Monde, da hat der Truchsess uns Aufschub gegeben.«
Varcas schwieg, hin- und hergerissen von dem, was er hörte. Er hatte gewusst, dass es schlimm um Shayla – schlimm um ganz Norfaega stand. Aber wie schlimm war es, wenn die Dorfbewohner schon solche Dankbarkeit über diese kleinen Dinge zeigten?
Wie schlimm war es, wenn Königin Lamia das Alte Recht überschritt, und sich in die Angelegenheiten der einzelnen Königreiche derart einmischte? Varcas schloss seine Hand zur Faust. Wem machte er hier eigentlich etwas vor? Er hatte es gewusst oder doch zumindest geahnt. Aber wie zu viele hatte auch er sich entschieden, nichts zu tun. Varcas wandte sich zur Tür, um hinauszublicken. Die Nacht war nun schneller gekommen, als er erwartet hatte.
»Was ist dann passiert?«, fragte er mit tonloser Stimme.
»Als sie mit Amber Hall fertig waren, kamen sie hierher«, flüsterte Lenka. »Sie haben uns gesagt, wir seien ab sofort nicht mehr das Königreich Ambrien, sondern eine Provinz unter dem Kristallhof. Sie sagten auch, dass wir … dass wir uns als Rebellen gegen unsere rechtmäßige Königin gestellt hätten, und dass … dass jedes Dorf den Preis in Blut zahlen muss. Mein Osvald …«
Varcas konnte sehen, wie die Tränen sie übermannten, doch innerhalb weniger Augenblicke fand ihre Stimme wieder zu ihrer Stärke. »Unser Eldermann hat versucht, mit ihnen zu sprechen, doch sie haben nur gelacht. Sie haben ihn die Treppe hinaufgezerrt und … haben das getan. Wir mussten alle zusehen. Auch die Kinder, mögen die Himmelslichter ihnen gnädig sein.«
Varcas machte zwei Schritte weiter in das Langhaus hinein. Es war ein scheußlicher Anblick – aber vermutlich einer, an den er sich würde gewöhnen müssen, solange Königin Lamia herrschte.
»Wieso habt Ihr ihn nicht heruntergenommen? Euer Eldermann braucht ein anständiges Begräbnis.«
Lenka stieß ein gequältes Geräusch aus.
»Die Männer, die das getan haben, sagten uns, wenn sie wiederkämen und ihn nicht dort anträfen, dann müssten sie jemand anders aufhängen.«
Bastarde, dachte Varcas und fühlte, wie die Wut in seinem Herzen zunahm. Er mahnte sich selbst zur Ruhe. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um die Kontrolle zu verlieren. Er spürte die Nähe zu der Quelle seiner Vision mit immer stärkerer Deutlichkeit. Der Mann und das, was er aus dem brennenden Haus getragen hatte, konnten nicht fern sein.
Varcas betrachtete den Getöteten nachdenklich. In wenigen Tagen würde die Kälte Norfaegas nicht ausreichen, um die Geruchsbildung zu verhindern.
Doch es war nicht nur der Gestank der Verwesung, den Varcas fürchtete.
»Ihr müsst ihn bestatten oder verbrennen, sobald es euch möglich ist«, sagte er mit leiser Stimme. Doch der Zwiespalt, in dem die Dorfbewohner sich befanden, war offensichtlich.
Er war erleichtert, als sie ihn in einen anderen Raum führten, obwohl im großen Innenraum des Langhauses sicherlich sonst Gäste bewirtet wurden. Sie saßen in einer Nische des Kochraumes zusammen. Ein hübsches Erdalbenmädchen, dessen Gesicht und Arme über und über mit Sommersprossen bedeckt waren, deckte den Tisch. Varcas sah, wie die Köchin wieder und wieder Wasser in den Eintopf goss, um ein paar mehr Mägen zu füllen.
Doch er wusste, dass das warme Wasser, bei dem sich gerade die Kinder glücklich schätzen konnten, wenn sie ein oder zwei Kartoffelstücke oder ein paar Graupen finden konnten, nur die Illusion von Sättigung vermittelte. Bisher sahen die Dorfbewohner aber nicht unterernährt aus – vermutlich, schlussfolgerte Varcas, hatten sie nur an Lamias Soldaten einen Großteil ihrer Vorräte verloren.
Unter einer guten Königin – einer echten Königin – sollten kein Alb und kein Mensch sonst Hunger leiden müssen, und kein Lord, kein Eldermann, kein Anführer konnte diese Tatsache ausgleichen, wenn eine Königin fehlte.
Die Königinnen waren das Herz der Gesellschaft der Alben, schon seit Anbeginn der Zeit. Eine Frau, deren Rún zum Zeichen von Eynias Stern wurde, sobald sie ins Erwachsenenalter übertrat, würde stets eine Königin bleiben, ob sie einen eigenen Hof gründete oder nicht. Es war keine Magie – es war mehr als das. Königinnen hatten Anteil an dem Mythos der Himmelslichter. So wie Eynia, die Herrin der Gestirne, den Kosmos im Gleichgewicht hielt, hielten Königinnen das Land in der wahren Balance. Sie vereinigten oftmals Eigenschaften der anderen weiblichen Rúnir in sich – hatten Fähigkeiten, die sonst nur die Frauen besaßen, die Nyannas Träne oder Rhenas Blume trugen, sodass sie Magie anwenden konnten, die eigentlich jenen Zeichen vorbehalten war.
Selbst ohne das waren Königinnen der unverzichtbare Grundpfeiler der albischen Welt. Jeder Albenmann konnte es fühlen – und manchmal glaubte Varcas, je mächtiger ein Alb war, desto deutlich war es für ihn: Königinnen inspirierten Loyalität. Nicht jede gleichermaßen. Nicht jede bei jedem Mann. Der Sog, der von einer Königin ausging, hatte eine Kraft, der sich zu widersetzen unangenehm war, sobald man ihr einmal nachgegeben hatte.
Aber Königinnen waren selten, seltener als so gut wie jedes andere Zeichen. Es gab nichts, womit man die beeinflussen konnte, ob die diamantförmige Basis-Rún, die jeder Alb trug, sich zu Eynias Stern vervollständigen würde, wenn sie das Alter erreichte. Man konnte kein Mädchen der Welt dazu erziehen, eine Königin zu werden. Auch ihn hatte man nicht zum Seher ausbilden können; er hatte bei seiner Initiation Cathards Auge erhalten und hatte damit Talente, die anderen Alben verborgen blieben. Hingegen möglich – und zwingend notwendig – war das Schleifen und Stärken der Fähigkeiten.
Weder eine seltene Rún noch eine mächtige Farbe nützten etwas ohne das durch Theorie und Praxis angeeignete Wissen.
Zudem konnte keine Königin ein Reich – sei es auch noch so klein – allein regieren. Sie brauchte die Männer, die ihr folgten, den Kreis der Herolde, aus dem sie ihr Königinnen-Trigon wählte. Einer Königin zu dienen und einen Hof zu halten gab auch den einzelnen Herolden größere Macht. Es war ein komplexer Prozess, der wie die Existenz von Königinnen viele Regeln der Mahr überstieg.
Varcas fuhr sich nachdenklich über seine graue Rún. Einst, als er noch ein Herold gewesen war, hatte er diesen Effekt ebenfalls gespürt, hatte ihn sehen können … Aber das war lange her.
Er schlug das Angebot des Erdalbenmädchens, seine hölzerne Schüssel noch einmal zu füllen, aus. Eigentlich hatte er vorgehabt, den Dorfbewohnern von seiner Suche ein wenig zu erzählen – vielleicht würden sie ihm helfen können. Aber er glaubte nicht, dass sie viel mehr zu berichten gehabt hätten als das, was er sich selbst zusammengereimt hatte. Der Albenmann, den er etwas hatte retten sehen, war sicher ein Alb aus Amber Hall gewesen. Was konnte wichtiger sein, als zu versuchen, seine eigene Königin aus einer Flammenhölle zu befreien?
Nichts, dachte Varcas, nichts, wenn es ein Hof wie in den alten Tagen war. Aber möglicherweise eben doch. Es konnte nur ein mächtiges Relikt sein. Ein Gegenstand, den zu schützen die verstorbene Königin Marielle ihm aufgetragen hatte.
Schließlich zeigte Lenka Varcas seinen Schlafplatz für die Nacht, der sich nicht in dem Langhaus befand, sondern in einer der kleinen Wohnhütten. Obwohl man ihm ein echtes Daunenkissen gegeben hatte und er nicht auf Stroh ruhte wie viele andere der Dorfbewohner, fiel es ihm ausgesprochen schwer, in den Schlaf zu finden. Als es ihm schließlich doch gelang, träumte er so wirr wie selten von der Vergangenheit, dass er schon während des Traumes ahnte, dass ihm der Schlaf wenig Erholung bieten würde.
Aber ein Traumbild unterbrach die Fetzen der Erinnerungen wieder und wieder: Der Moment aus der Vision, als er sich selbst im Thronsaal des Kristallpalastes auf die Knie hatte sinken sehen.
Varcas versuchte, wacher zu träumen, wie er es als junger Mann gelernt hatte – den Blick zu heben zu der Frau, die vor ihm stand, doch es gelang ihm nicht.
Es war noch nicht Morgen, als Stimmen ihn aus dem leichten Dämmerschlaf rissen. Varcas war überrascht, wie schnell seine Sinne sich klärten. Er richtete sich auf seinem Lager auf.
Er war nicht in die Kaste der Krieger geboren worden, aber sein Albenblut ließ ihn die Eindringlinge spüren, noch bevor er in seine Schuhe gestiegen war. Jemand war gekommen.
Und als Varcas den Beutel öffnete, in dem er seinen Stab vor neugierigen Augen verborgen hatte, und seine Finger sich um das Seherzepter schlossen, fühlte er sich seiner Vision näher als all die Stunden zuvor.
Doch als Varcas aus dem Haus ins Freie trat, sah er nicht den Alb aus seiner Vision, sondern zwei Lichtalbenkrieger, die Königin Lamias Sonnenschärpe trugen. Varcas musste nicht lange überlegen, um die Situation zu durchschauen: Einer von ihnen hielt ihre beiden Pferde, der andere hatte sein Schwert gezogen und hielt die Heilerin am Oberarm fest. Auf dem Rücken trug er ein zweites Schwert.
Auch andere Dorfbewohner wagten sich aus ihren Häusern, ihre Kinder ängstlich hinter sich versteckend.
Himmelblau. Grün.
Kein Vergleich zu grau.
»Per Dekret der Königin muss jedes Dorf eine Milchkuh zur Versorgung der Armee abtreten. Sollte ein solches Tier nicht vorhanden sein, steht es dem Dorf frei, das Versäumnis durch eine Zahlung von zweihundert Goldmark auszugleichen.« Es sprach der, der bei den Pferden stand.
»Herr«, sagte Lenka, »wir haben Euch alles gegeben, was wir entbehren können. Vielleicht, wenn Ihr uns ein klein wenig mehr Zeit …«
»Siehst du das, Schlampe?« Der Alb packte Lenka am Nacken und zog sie zu sich heran, ihr Gesicht zu seiner Brust drückend. »Ich trage das Zeichen von Königin Lamia. Außerhalb der Kristallstadt ist mein Wort ihr Wort.«
Nein, das ist es nicht, schoss es Varcas durch den Kopf. Dieser Mann trug zwar die Schärpe, aber er war nie und nimmer ein Herold. Er war ein Fußsoldat, dessen Namen die Königin kaum kennen würde. Varcas verstärkte die Schleier seiner Tarnung, bevor ihn die Wut, die Heilerin so behandelt zu sehen, übermannen konnte.
»Hm«, machte der Zweite, die Pferde loslassend, die jedoch folgsam an ihrem Platz blieben, und sah sich um, »vielleicht können wir zu einem anderen Arrangement kommen?« Varcas folgte seinem Blick, sich immer noch bedeckt haltend. Die Augen des Kriegers hefteten sich auf das Mädchen, das ihm sein Abendessen serviert hatte.
Lenka versuchte, einen Protest zu stammeln, als der Mann, der sie festhielt, sie losließ, um nachzusehen, was – wen – sein Kumpan ins Auge gefasst hatte.
»Sie ist keine zweihundert Goldmark wert«, befand der Alb. »Aber wer weiß, Heilerin«, er bleckte die Zähne zu einem breiten Lächeln, »wenn sich das Mädchen nicht zu dumm anstellt, könnten wir bereit sein, die Summe zu senken.«
Varcas hielt nichts mehr.
Er trat vor, noch immer umwehte ihn der Schleier der Tarnung, sodass die Männer erst kaum auf ihn reagierten. Als er die Hand an seinen Gürtel legte und seinen Geldbeutel löste, sahen sie beim Klirren des Goldes auf.
»Dreihundert Goldmark«, sagte Varcas. »Zweihundert für das Fehlen der Milchkuh – einhundert, um den Eldermann bestatten zu dürfen.«
Die Albenmänner wandten sich ihm zu. Leicht, dachte er, es wäre so erschreckend leicht, sie zu töten. Aber er beschloss gleichzeitig, dies nur als die allerletzte Möglichkeit anzustreben. Die Dorfbewohner benötigten keine Leichen von Lamias Kriegern. Sie brauchten einen dauerhaften Schutz. Ganz gleich, was er jetzt anbot: Es würde jede Gier nur kurzfristig stillen. Aber sein alter Meister hatte ihm früher oft den weisen Ratschlag gegeben, ein Problem nach dem anderen zu lösen. Wer an dem ersten scheiterte, musste sich um das dritte keine Gedanken machen.
»Und wie kommst du zu diesem Geld, alter Mann?«, fragte der Lichtalb. Nur die Skepsis in seinen Augen konnte sich mit der Gier in seinem Blick messen.
»Ich habe es aufbewahrt für den richtigen Moment«, antwortete Varcas nichtssagend. »Und es scheint mir, der ist nun gekommen. Nehmt das Geld. Verzeichnet die zweihundert Goldstücke für Königin Lamia und reitet in die nächste Stadt. Für einhundert Goldmark könnt Ihr in jedem Bordell eine Frau finden, mit der Ihr mehr Vergnügen haben werdet als mit dem Mädchen dort.«
Varcas konnte die Gedanken hinter den Stirnen der Männer kreisen sehen.
Sie tauschten kurze Blicke. Schließlich kam einer von ihnen näher. Varcas reichte ihm den Geldbeutel – was den Gesichtsausdruck des Alben schlagartig in Hohn verwandelte.
»Oder, alter Mann«, sagte er grinsend, »wir nehmen dein Geld und töten dich.«
Varcas lächelte.
Fast wünschte er sich, dass sie ihm einen Grund geben würden – einen, den er nicht würde ignorieren können.
»Wenn Ihr in Zukunft in diesem Dorf immer wieder Gold finden wollt, dann wäre diese Vorgehensweise nicht ratsam, meine Herren. Aber vielleicht reicht Euch eine einmalige Zahlung von dreihundert Goldmark ja auch.« Varcas hob leicht die Schultern an. »In diesem Fall: Lasst euch nicht aufhalten.«
Erneut blickten die Alben sich an. Varcas atmete ein, versuchte, die mentalen Signaturen genauer zu erfassen, und spürte, dass die Gier Oberhand gewann. Es war zu einfach für diese Männer – zu einfach, zu glauben, dass sie noch genügend Gelegenheiten haben würden, ihn zu töten, wenn das nötig sein sollte.
Der Lichtalb steckte sein Schwert weg und warf den Beutel leicht in die Höhe, als wollte er ihn wiegen.
»Also schön, alter Mann.« Sein Kumpan zog bereits die Zügel der Pferde über ihre Hälse. »Dein Dorf ist für heute sicher. Und verscharrt Euren Eldermann. Wenn wir das nächste Mal wiederkommen, soll nicht alles nach verrottetem Erdalb stinken.«
Varcas schwieg und sah zu, wie der eine bereits aufsaß. Der andere Alb schob seinen Fuß in den Steigbügel seines Pferdes.
Eine Wahrnehmung ließ Varcas den Atem anhalten, genauso wie diese Empfindung den Lichtalb dazu brachte, in der Bewegung zu stocken.
Nein!
Der Pulsschlag seiner Vision ging ihm durch Mark und Bein. Die Quelle des Bildes war nah. Sie war hier.
Varcas fühlte, wie sein Seherblut zu rasen begann. Dennoch war er für einige Augenblicke wie versteinert, als der Alb den Fuß wieder senkte, um sein Pferd herumtrat, und mit langen Schritten in das Gebüsch zwischen zwei Häusern trat. Das, was als Nächstes an Varcas’ Ohren drang, hätte er mit dem Fauchen einer Katze verwechseln können.
Nah. So nah.
Und dann zerrte der Lichtalb ein Mädchen aus dem Gebüsch. In Varcas begann alles sich zu drehen. Ein Mädchen. Ein Kind, vielleicht sieben oder acht Jahre alt. Kein Gegenstand. Ein Nachtalbenkind mit dunklem Haar.
Die Hand des Lichtalbs hatte sich fest um den Unterarm der Kleinen geschlossen. Er zog ihren Arm dabei so sehr in die Höhe, dass kaum mehr als ihre Zehenspitzen – nackte Füße, wieso hatte sie nackte Füße? – den Boden berührten. Sie trug ein besticktes Nachthemd, das schon bessere Tage erlebt hatte. Aber selbst unter Spuren von Ruß und Erde erkannte Varcas, dass es sich um ein feines, teures Gewebe handelte. Nichts, was sich eine Frau aus diesem Dorf hätte leisten können – geschweige denn, was jemand für die Nachtkleidung eines Kindes hier ausgegeben hätte.
»Scheiße!« Der zweite Alb beugte sich über seinen Sattel herab und stieß einen schrillen Pfiff aus. »Schau nach, ob sie die roséfarbene Rún trägt.«
Kaum dass er diese Worte ausgesprochen hatte, begann das Mädchen, zu zappeln, was den Mann nicht davon abhielt, ihren Ärmel hochzuschieben. Zart schimmerte dort im roséfarbenen Himmelslicht der Diamant, mit dem die Alben geboren wurden.
»Sie ist es. Sie ist die Tochter der getöteten Königin von Amber Hall!«
Varcas hatte nicht bemerkt, wie er seinen Stab fester umschlossen hatte. Das Seherzepter sang, als er mit einer kurzen Handbewegung den feinen Mechanismus betätigte, der erlaubte, das Zepter auszuziehen, sodass es länger wurde, als Varcas hoch war.
Das Kind merkte es als Erstes. Eben noch stumm, aber zappelnd, hielt sie fast schlagartig inne. Die Sinne der Männer waren weniger fein.
Varcas spürte, wie seine graue Rún sich mit dem Seherzepter verband. Es wurde zu der Verlängerung seines Arms, der Verlängerung seines Geistes, und beinahe hätte die Energie ihn selbst von den Füßen gerissen. Jahrhunderte, Jahrtausende war es her – und nun war seine Macht wie ein lang gestauter Fluss, der den Damm brach und sich seinen Weg in ein vertrocknetes Flussbett suchte.
»Lasst sie los!«
Varcas’ Stimme war weich wie Samt. Er fühlte die Wut der Alben, die sich nicht mit der der Menschen vergleichen ließ, in jeder Faser seines Körpers.
Ein Kind. Kein Gegenstand. Ein Mädchen. Ein Waisenmädchen.
Er bemerkte kaum, wie die Dorfbewohner alle vor ihm zurückwichen. Aber er sah, dass die Narren vor ihm seinem Befehl nicht nachkamen. Stattdessen zogen sie ihre Schwerter. Endlich konnte er in ihren Augen Nervosität erkennen, den Anflug des Unverständnisses, was sich soeben abspielte.
Er verstand es selbst nicht ganz. Aber der Blick des Mädchens ruhte weiterhin auf ihm, und Varcas wusste, was er zu tun hatte.
Er stieß den Stab in den Boden und ließ die Tarnung von sich fallen.
Die beiden Albenkrieger keuchten auf. Ja, dachte Varcas, seht hin. Seht mich an.
Die graue Aura seiner Rún verdichtete sich um den Albenlord. Als Linkshänder hatte er früher ein Schwert in der linken Hand und den Stab in der rechten geführt. Jetzt fühlte seine Linke sich merkwürdig leer an.
Die Krieger vor ihm errichteten Schutzschilde mithilfe der Mahr, doppelt verstärkt um ihre Waffen. Als sie ihn angriffen, war Varcas bereit. Er sammelte seine Macht im Seherzepter, ließ sie auf einen schmalen Radius entweichen, und vor seinen Augen zermalmte die Druckwelle seiner Kraft die Schwerter. Das metallische Bersten klang hoch und schrill, als die Mahr sich durch die Waffen fraß. Varcas stoppte nicht.
Die selbst auferlegten Fesseln der Vergangenheit fielen von ihm ab, als er die Männer angriff, den Stab gegen sie richtend. Die Wucht der gleißenden Druckwelle sprengte zuerst ihre Schilde, dann lagen sie so schutzlos wie Menschen vor ihm.
All dies spielte sich in Sekundenbruchteilen ab. Es dauerte keinen Herzschlag, bis Varcas unter ihre mentalen Barrieren geschlüpft war. Für einen Moment war er angewidert von dem, was er fand – klebrig wie Pech war der Kern ihres Geistes, verdorben von all den Dingen, die sie im Auftrag Lamias und zu ihrem eigenen Vergnügen getan hatten.
Varcas entzündete das Seherfeuer in ihrem Inneren, ohne dass sie irgendetwas hätten tun können, um ihn aufzuhalten. Der grüne Alb warf sich ihm entgegen, in einer letzten Verzweiflung aufheulend, doch das Seherfeuer, das seinen Geist – nur den – verschlang, war zu schnell für ihn.
Zwei Körper fielen leblos vor Varcas zu Boden.
Erst jetzt spürte er, dass er den Atem angehalten hatte. Als er ihm entwich, musste er sich für einen Moment auf seinen Stab stützen – nicht, weil er sich geschwächt fühlte. Es war keine Schwäche. Es war eine Überreizung durch die Macht, der er sich so lange entzogen hatte.
Varcas’ Augen fanden das Kind, das immer noch ihn und nicht die Getöteten ansah.
Es war eine merkwürdige Eingebung, die ihn dazu brachte, in die Hocke zu gehen, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein.
Funken der Mahr stoben immer noch aus der Krone seines Seherzepters und erhellten ihre Miene. Es war das elfenbeinerne Gesicht einer Puppe mit den feinen Zügen eines adligen Albenmädchens. Sie schob sich eine dunkle Strähne aus der Stirn, als sie auf ihn zutrat. Das Licht fand ihre Augen.
Ein Schauer rann über Varcas’ Rücken.
Ihn traf der Blick aus smaragdfarbenen Augen bis ins Mark.
Varcas glaubte für einen Moment nicht, dass er sprechen können würde. Doch noch während er sie anblickte, halb auf den Knien, den Stab umfassend, zogen sich die Flammen ihrer Iris zurück und ließen nun nur das beruhigte Grün sehen. Es war weniger die Farbe, die sich im Schein der mahrischen Funken änderte, als die Beschaffenheit ihrer Augen. Sie waren noch immer grün – waldgrün, haselgrün, durchzogen von Licht und Dunkelheit – aber das uralte Lodern erlosch.
»Meister«, sagte sie. Ihre Stimme zitterte.
»Varcas«, nannte er seinen Namen.
»Meister Varcas«, korrigierte sie sich selbst. »Ihr habt mir … einen großen Dienst erwiesen. Aber ich muss Euch um noch mehr bitten.« Jetzt, da das smaragdgrüne Feuer erloschen war, schien sie beinahe schüchtern. Trotzdem trug sie ihre Worte mit größtmöglicher Ernsthaftigkeit vor. Es war nicht schwer, sich vorzustellen, dass sie an einem Königinnenhof aufgewachsen war. Sie sprach, als hätte sie das typische Hofzeremoniell mit der Muttermilch aufgesogen.
»Mein Begleiter ist verletzt. Sehr schwer. Er braucht Hilfe.«
Das musste der Mann sein, den er in seiner Vision gesehen hatte – der dieses Mädchen aus Amber Hall gerettet hatte.
»Kannst du beschreiben, wo er ist?«, fragte er das Mädchen.
Es nickte.
Varcas richtete sich auf. Als er sich zu den Dorfbewohnern umblickte, spürte er, wie ihn die Welle ihrer Furcht und ihres Misstrauens erfasste. Sie hielten Abstand.
Vielleicht zu Recht.
Varcas richtete seine Aufmerksamkeit auf Lenka: »Heilerin, ein Albenmann ist verletzt.«
Die Heilerin trat näher. Die Vorsicht, die sie dabei walten ließ, galt nicht nur ihm, sondern auch dem Kind, stellte Varcas fest, als er dem Mädchen zuhörte, wie es den Weg durch den Wald zu einer Lichtung beschrieb.
Einige Männer des Dorfes sammelten sich auf Lenkas Geheiß und entzündeten Fackeln.
Lenka trat auf das Kind zu.
»Komm doch in mein Haus, Kleine, und wir schauen, ob wir für dich etwas zum Essen und etwas zum Anziehen finden.«
Das Mädchen rührte sich nicht von der Stelle. Stattdessen wanderte ihr Blick zurück zu Varcas.
»Werdet Ihr Meister Gorwyn wirklich finden?«, fragte es.
Varcas verstärkte den Lichtstrahl seines Seherzepters und lächelte.
»Das werde ich. Verrätst du mir auch deinen Namen?«
Das Nachtalbenkind zögerte. Zu lange. Ihre Unsicherheit wurde für Varcas’ Sinne fast greifbar stark.
»Wir reden später. Geh und ruh dich ein wenig aus. Ich werde alles tun, um deinen Meister Gorwyn zu finden.« Er nickte ihr zu, als Lenka die Hand auf die Schulter des Kindes legte.
Varcas näherte sich den beiden Leichen. Er drehte einen der getöteten Alben herum und zog das Schwert, das jener auf seinen Rücken geschnallt mit sich geführt hatte. Es war kein Meisterstück der albischen Schmiedekunst und die Kerben auf der Klinge erzählten von vielen Kämpfen, die damit schon bestritten worden war.
Es würde reichen. Für jetzt. Für ihn. Für den Anfang.
Rodric
7
Es war eine seltsame Sache mit dem Töten, stellte Rodric fest, als er, die Beine lässig ausgestreckt, auf den Stufen zum Thron saß, einen fast geleerten Weinpokal in seiner Hand.
Der erste Mann, der je den Tod durch Rodrics Hand gefunden hatte, war einer von Lord Vaharéls Schergen gewesen; ein unbedeutender Alb, der die anderen Handlanger an Grausamkeit weder übertroffen noch unterboten hatte. Es war ein halbes Versehen gewesen, eine Situation, die Rodric selbst vielleicht als Fehler bezeichnet hätte, wenn er damals irgendeinen Funken von Reue in sich gespürt hätte. Doch dieser Mann, an dessen Namen er sich beim besten Willen nicht erinnern konnte, hatte ihm nichts bedeutet. Er sah sein Gesicht nicht, wenn er nachts die Augen schloss, und ihn plagten keine Schuldgefühle.
An die erste Frau, die er getötet hatte, erinnerte er sich besser. Rodric wusste nicht, ob es daran lag, dass sie weiblich – oder dass sie eine Königin gewesen war. Es war schwer gewesen, im ersten Moment, aber dann doch so erschreckend einfach. Rodric konnte nicht mehr sagen, was ihn so schrecklich wütend gemacht hatte – war es die Art gewesen, mit der sie ihn ansah? War es die Selbstverständlichkeit gewesen, mit der sie seine Hand ergriff, inmitten der Gäste von Königin Lamia, um sie zu ihrem eigenen Gesicht zu führen? Er wusste es nicht. Dafür wusste er noch genau, dass die schwarze Mahr ungehindert über seine Fingerspitzen geflossen war. Sie ließ nicht viel übrig von der Wange, an die sie seine Hand gelegt hatte.
Man hatte ihn danach natürlich in Gewahrsam genommen.
Einen Königinnenmörder erwartete nur ein Schicksal – nur der Tod, ein langsamer, konnte eine angemessene Strafe für das Widernatürlichste aller Verbrechen unter Alben sein. Aber so war es nicht gekommen. Stattdessen hatte Königin Lamia ihn auspeitschen lassen, nicht schlimmer als sonst auch, und ihn wenige Tage später zu sich in den Thronsaal gerufen.
Bei allen verschwimmenden und vagen Erinnerungen war diese gestochen scharf und klar, wenn er sich darauf besann: Eine ihrer Rivalinnen, gefesselt, geknebelt, und der Dolch, den Lamia ihm reichte.
Seitdem hatte der Thronsaal im Kristallpalast viele Hinrichtungen gesehen.
Rodric war an den wenigsten selbst beteiligt gewesen – der Jäger übernahm diese Aufgabe meistens hingebungsvoll.
Aber während Rodric im Dunkel der angebrochenen Nacht beobachtete, wie die Sklaven Holz stapelten, gab es nichts, was er sich hätte sagen können, um seine Beteiligung an dieser Exekution herunterzuspielen.
Bis auf die arbeitenden Diener lag der Kristallpalast noch in einer trügerischen Stille – jedenfalls in diesem Teil des Palastes. In den Gesellschaftsräumen hatte sich der gesamte Adel, der am wichtigsten Hof Shaylas residierte, vor Stunden eingefunden, um zusammen zu speisen und den Vergnügungen zu frönen. Heute Nacht würde Königin Lamia einen neuen Gespielen in ihr Schlafzimmer einladen, einen blonden Lichtalbenjüngling von den Frühlingsinseln, der ihr begeistert wie ein Welpe gefolgt war. Rodric erinnerte sich nicht an seinen Namen, obwohl er sich ihm mit der Arroganz eines jungen Lords vorgestellt hatte.
Rodric warf einen Blick auf den beinahe vollständig errichteten Scheiterhaufen, auf den durch das geöffnete Kristalldach der Halle die Himmelslichter schon die Vorahnung von Flammen zeichneten. In wenigen Stunden würden von der Begeisterung und der Arroganz des Lichtalben nicht mehr viel geblieben sein. Es war sein Vorteil, dass er der zweite oder dritte oder sechste Sohn irgendeiner mittelmäßig bedeutsamen Familie war und Königin Lamia sich deswegen ihm gegenüber mehr zurückhalten würde als gegenüber den bemitleidenswerten Burschen, die nicht von einem Namen oder einem Titel geschützt wurden.
Rodric griff nach dem Kelch, blickte kurz auf seinen Grund und leerte ihn dann mit einem Zug. Er erhob sich und reichte ihn an einen der Sklaven weiter, die begonnen hatten, eilig mehr Kerzen anzuzünden.
Bedächtig trat Rodric zum Scheiterhaufen, die Hand auf eins der obersten Holzscheite legend.
Die ersten Höflinge strömten in kleinen tuschelnden Trauben herein, suchten sich ihre Plätze, während Rodric sich an eine der Säulen lehnte, die Arme verschränkt, ein Bein vor das andere gestellt. Er spürte, dass sie ihm Platz ließen, heute sogar mehr als sonst. Unter der Neugierde und dem Übelkeit erregenden Geruch von Lust an dem, was hier zu sehen sein würde, witterten seine Raubtiersinne Angst. Rodric atmete tief ein.
Vielleicht war das der einzige Trost, den er bekommen würde: Dass er auch ihnen Angst machte, ihnen: der verdorbenen Oberschicht von Shayla. Der stets lächelnde Lord Cranner war in ein offensichtlich angeregtes Gespräch mit dem Lichtalben Lord Mershalan vertieft. Es konnte nie etwas Gutes bedeuten, wenn Königin Lamias Truchsess – ein Emporkömmling mit zweifelhafter Vergangenheit – die Unterhaltung mit dem Besitzer von Shaylas erfolgreichsten Bordellen suchte.
Der Jäger betrat den Saal. Seine Augen schienen jeden Winkel des Raumes abzutasten, bevor Königin Lamia von ihrem neuen zukünftigen Liebhaber hineingeführt wurde. Rodric spürte, wie die Ahnung eines spöttischen Lächelns auf seine Lippen wanderte. Da stolzierte der Narr mit geschwellter Brust, als hätte Lamia ihm die unbesetzte Position des Gefährten angeboten. Der adlige Jüngling bedachte ihn mit einem herablassenden Blick, den Rodric nur mit einem Heben der Augenbrauen quittierte.
Dummer, dummer Junge.
Die Königin glitt an ihm vorbei, ohne bei ihm innezuhalten, und ließ sich die Stufen ihres Throns hinaufgeleiten. Als sie vor dem außergewöhnlichen Stuhl stand und der junge Lichtalb sich zu seinen Freunden, die ihn alle unglaublich beneiden mussten, gesellte, senkte sich Stille über den Saal und über Rodrics Geist.
Ihr Druide, Lord Penrose, übernahm wie üblich die Aufgabe, die Anklageschrift zu verlesen. Rodric hörte nicht zu. Er wusste, wie sie lauten würde.
Verrat.
Alles war Verrat, konnte nur Verrat sein. Ein anmaßender Blick, ein unbedachtes Wort. Die Verwandtschaft zu einem Verräter. Und hier ging es um die angebliche Tochter einer der letzten wehrhaften Königinnen in Shayla.
Andere hatten es versucht. Viele. Und doch hatte Königin Lamia sie alle bezwungen, auf die eine oder andere Art. Wenn eine freundliche Bestechung nichts half und eine weniger freundliche Drohung auch nicht, dann zögerte sie selten lange, bevor sie ihn schickte, den Blutritter, zusammen mit genügend Kriegern, die die Höfe auseinandernahmen. Sie hatte das nicht nur bei den größten der elf Höfe gemacht, sondern auch bei den kleineren, in Dörfern, Bezirken, winzigen Provinzen. Sie ließ ihn von der Kette wie einen tollwütigen Hund, und er mordete sich durch ganze Dynastien.
Nicht alle hatte er getötet. Manche brauchte sie lebend, aber unfähig, jemals wieder die Hand gegen sie zu erheben. Und er hatte getan, was er am besten konnte.
Natürlich hatte er sich nicht einfach so ihrem Befehl gebeugt – niemals, niemals einfach so. Er hatte die dreihundert ersten Jahre seines Lebens damit verbracht, ihr bei jeder Gelegenheit Widerstand zu leisten. Und einmal – einmal war er tatsächlich entkommen, für mehr als ein oder zwei Tage.
Das, was ihn dazu bewegte, aufzugeben, wog in seiner Hand fast nichts und in seinem Herzen fast alles.
Eine dunkelgraue Feder.
Es ist gut, dass du nicht hier bist, Bruder, dachte Rodric, als er den Blick der Königin auf sich spürte. Mit einer Handbewegung signalisierte sie, dass sie beginnen sollten. Der Jäger suchte als Einziger Rodrics Nähe.
Ein weiteres, ein letztes Mal öffneten sich die Türen.
Rodric zwang sich, hinzusehen. Nicht hinzusehen konnte Konsequenzen haben, die er nicht tragen wollte. Zwei Krieger führten das kleine Mädchen herein, das er aus den Armen seiner Mutter gerissen hatte.
Sie blickte auf ihre Füße, während sie ging. Er wusste nicht, wer sie umgezogen hatte, aber das Kleid aus Leinen, das sie trug, war zu lang, sodass sie bei jedem Schritt Gefahr lief, zu stolpern.
Die Krieger brachten sie nach vorn, in die Mitte des Saals. Rodric glaubte, selbst in ihren Bewegungen ein Zögern zu fühlen, das sie sonst selten zeigten.
Eine dunkelgraue Feder, erinnerte er sich. Der einzige Freund, den er je gehabt hatte. Er musste daran denken. Daran und an die Strafe, die ihn trotz seiner Kapitulation damals ereilt hatte.
Königin Lamia ließ sich ihren Kelch reichen und leerte ihn mit tiefen Zügen. Sogleich wurde ihr noch einmal nachgeschenkt.
»Für mich sieht das Kind sehr müde aus. Es sollte sich … hinlegen.«
Heiterkeit in ihrer Stimme.
Ein Lächeln auf den blaubeerroten Lippen.
Die Krieger hoben das Kind auf den Scheiterhaufen, mithilfe der Mahr zogen sie Seile um ihren Körper. Es gab keine erkennbare Gegenwehr des kleinen Mädchens.
Rodric warf einen kurzen Blick zur Königin. Eine kleine, steile Falte bildete sich zwischen ihren makellosen Augenbrauen. Die Krieger traten zurück und machten ihm Platz.
Rodric fühlte seine Rún kribbeln, als er die Mahr anzapfte, und in seiner linken Handfläche die Zungen von albischem Feuer auftauchten. Zielstrebig trat er auf den Scheiterhaufen zu, die Hand ausstreckend, um die Flammen überspringen zu lassen. Das Kind sah aus, als würde es schlafen.
»Halt!«
Rodric zog seine Hand zurück, so schnell er konnte, und ließ die Flamme versiegen. Für einen Moment gab er sich dem Befehl ganz hin, bereute es selbst, dass er sich sofort zur Königin umdrehte, auf ein Knie herabsinkend. Immer noch, dachte er. Immer noch gab es diese Hoffnung, dass sie ein einziges Mal Gnade zeigen würde.
Die Königin legte den Kopf schräg.
»Du wirst es falsch machen«, sagte sie dann, ohne aufzuhören zu lächeln. »Ich kenne dich, Rodric. Ich kenne die Kraft deiner Flammen. Wenn ich es dich machen lasse, ist es vorbei, bevor es richtig angefangen hat.«
Rodric hörte das Blut wild in seinen Ohren rauschen.
»Vetis wird es machen«, entschied sie und hieß ihn, aufzustehen. Rodric tat, wie ihm befohlen worden war.
»Komm zu mir, Rodric. Sehen wir es gemeinsam an«, sagte Lamia triumphierend, ihn mit zwei Fingern zu sich winkend. Der Jäger präsentierte aufwändig eine Fackel, die er an seiner Mahr entzündete, und trat damit zu dem Scheiterhaufen. Königin Lamia streckte ihre Hand nach Rodric aus. Er ergriff sie.
Der Jäger steckte den Holzhaufen mit der Fackel in Brand, als Rodric seine Lippen auf den Handrücken der Königin legte.
Die Berührung hatte sich noch nicht gelöst, als ein lauter Knall dafür sorgte, dass ein verstörtes Raunen durch die Anwesenden ging. Rodric zuckte nicht zusammen, als der Scheiterhaufen in seinem Rücken auf einen einzigen, wilden, mächtigen Schlag in Flammen aufging. Er richtete sich auf, betrachtete die Feuersäule, die sich mehrere Meter hoch in die Luft bohrte, und die in Sekundenbruchteilen das gesamte Schafott verbrannt hatte.
Eine Sekunde später erlosch das Feuer, als wäre es nie da gewesen, und hinterließ nichts außer rieselnder Asche, die den kalten Glanz des Thronsaals bedeckte.
Lamia entriss ihm ihre Hand und schloss sie fest um die Armlehne ihres Throns. Rodric wischte sich ein paar Ascheflocken von seinem schwarzen Hemd.
Lamia schien sprachlos zu sein, genau wie die übrigen Anwesenden. Es war der Jäger, der sich näher zu dem Aschehaufen wagte. Er zog sein Schwert und stocherte damit in den winzigen Trümmern.
»Ein Zauber, Herrin«, sagte er. »Das Holz muss manipuliert worden sein.«
Lamia erhob sich.
»Du!«, flüsterte sie. »Du bist das gewesen.«
Rodric lächelte sanft. »Natürlich bin ich es gewesen, Liebes.«
Er kam kaum dazu, seine Worte zu vervollständigen, da war der Jäger bereits bei ihm. Er holte aus und schlug mit dem Knauf des Schwertes zu. Rodric spürte etwas in seinem Kiefer splittern und seine Lippe platzen.
Dennoch lachte er heiser, als er mit seinem Daumen eine Spur des Blutes von seiner Lippe wischte.
»Sei nicht zornig, Liebes«, sagte er spöttisch, während die Wachen ihn packten und ihm die Füße unter den Beinen wegtraten.
Lamia näherte sich ihm, bis sie ihm so nahe war, dass er sich in ihren hellen Augen spiegeln konnte. »Ich bin nicht zornig, Rodric«, sagte sie, als ihre Hand sich tief in sein nachtschwarzes Haar grub. »Ich bin dir dankbar, dass du mich daran erinnert hast, dass du dich von Zeit zu Zeit nach Schmerzen sehnst.« Ihre Hand wanderte zu ihrem Hals, und ihre Finger fanden die lange Kette mit feinen Silbergliedern, die sie unter ihrem Kleid trug.
Rodric atmete ein, versuchte, sich auf das gefasst zu machen, was sie tun würde, doch nichts konnte ihn auf den Schmerz vorbereiten, der beinahe sein Trommelfell zum Platzen brachte, als Königin Lamia die Scherbe benutzte.
Das Letzte, was er im Spiegel ihrer kalten Augen bewusst sah, war er selbst, wie er schrie, wie er sich gegen die Wachen auflehnte.
Tyran
8
Das letzte Mal, dass Tyran so viele Sturmalben an einem Ort versammelt gesehen hatte, war er noch in Stormwood Hold in Askyan gewesen, als er unter Königin Aswang aufgewachsen war. Später hatte er andere seiner Art nur noch vereinzelt an den Höfen in Shayla getroffen – oder, schlimmer noch, als Feinde auf den Himmelsschlachtfeldern, für die sie ihn eingesetzt hatten. Aber als Tyran sich mit angelegten Flügeln aus dem Wagen bewegte, langsam, um die Wächter, die ihn mit Argwohn beobachteten, nicht zu provozieren, sah er fast überall Askyaner, obwohl sie noch immer in Shayla waren.
Die Gerüchte, dass Elnesta eine ausgeprägte Vorliebe für geflügelte Männer hatte, bewahrheiteten sich damit.
Einer der Herolde ihres Hofes trat aus dem Haupthaus in den Innenhof des Anwesens; es war ein Nachtalb, deutlich älter, mit kurzem, grauem Haar. Die Festung Oakwrath machte ihrem Namen alle Ehre: Holz, viel davon, eine gemauerte Burg, die einmal von Erdalben erbaut worden war, stellte Tyran fest. Das Haupthaus war groß und unbeeindruckend schnörkellos und stützte sich wie alles andere auf hölzernes Gebälk. Der Gedanke, wie ein Funke seiner Mahr reichen würde, um alles, was seine Augen sahen, in wenigen Minuten mit Flammen dem Erdboden gleichzumachen, ließ ein Grinsen auf seine Züge wandern.
Ihn traf der Schlagstock eines Wärters in den Magen. Der Hieb war genug, um ihn zucken zu lassen, aber bei Weitem nicht ausreichend, um dafür zu sorgen, dass er sich krümmen würde.
Tyran wandte den Kopf zu dem Wärter und schüttelte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Er zwinkerte dem Wärter zu, der drohend erneut den Knüppel hob.
Es hatte seine Vorteile, weit weg von Rodric zu sein. Keiner von ihnen musste sich bei diesen Kleinigkeiten schuldig fühlen, wenn sie durch ein wenig Provokation Missfallen erzeugten.
Dass man sie beide mit dem anderen kontrollieren konnte, war Königin Lamia viel zu schnell aufgefallen, und seitdem hatte sie diese Waffe skrupellos gegen sie beide verwendet.
Mit deutlich gespielter Beschwichtigung hob Tyran die aneinander geketteten Hände. Es waren Schellen aus Mahrillium, aber Tyran wusste, dass ein roter Krieger wie er auch von magisch behandeltem Eisen nicht lange aufgehalten werden konnte. Er hatte Rodric gesehen, wie dieser mit seiner Geistes- und Körperkraft Ketten aus Mahrillium in Sekunden gesprengt hatte – und jenen, der sie ihm angelegt hatte, noch mit dazu. Solche Schellen hatten genügt, als er noch ein Junge gewesen war – heute sollten sie lediglich den Wärtern, die in der Gegenwart von Kriegern wie ihm nervös von einem Fuß auf den anderen traten, ein Gefühl von Sicherheit vermitteln.
»Ist er das?«
Tyran blieb keine Zeit, auf die Stimme zu reagieren. Die Wärter, die ihn an den Armen gepackt hielten – als wären seine Flügel nicht stark genug, ihn in die Lüfte zu heben, mit ihren schwerfälligen Leibern als Ballast! –, zerrten ihn nach vorn zu dem Herold, der die Ankunft überwacht hatte, und der Frau, die keine andere als Elnesta sein konnte. Die grüne Königin musterte ihn mit begierigen Augen.
»Ohh, er gefällt mir«, sie legte vertrauensvoll die Hand auf den Arm ihres Herolds. »Er gefällt mir!«
Tyran hob die Augenbrauen.
Er wusste nicht, ob er enttäuscht oder erleichtert sein sollte. Diese Frau, wenngleich sie eine Lichtalbin war, hatte nichts von der Raffinesse, mit der Königin Lamia Angst in jedes Herz pflanzen konnte. Selbst ihrem Gesicht fehlte die Feinheit, die den meisten Lichtalben zu eigen war. Er hatte mit einer furchteinflößenden Kopie von Lamia gerechnet, aber diese Frau – diese Königin – war nicht anders als die wollüstigen Hofschranzen, die sich im Kristallpalast scharten.
Tyran hörte nicht auf, sich umzusehen, während die Königin ihn ihrerseits musterte. Er war diese Begutachtung zu sehr gewöhnt, um sich davon erniedrigt zu fühlen.
Der Zustand der Sklaven, die er sehen konnte, reichte von annehmbar bis kurz vor dem sicheren Tode stehend. Am meisten erschreckte es ihn, dass man bei einigen das dichte Gefieder der Flügel ausgedünnt und gestutzt hatte. Instinktiv zog Tyran seine Flügel näher an seinen Körper heran, nur um im nächsten Moment zu spüren, wie die Finger der Königin sich um seinen Flügelbogen schlossen. Sie fuhr bewundernd über die ebenmäßigen dunkelgrauen Federn.
»Sie sagen, an dir kann man sich die Finger verbrennen«, erklärte sie ihm. »Dass dein Temperament so rot brennt wie deine Rún.« Sie streckte die Hand nach seinem Schopf aus. »Und wie dein Haar.«
»Wer sagt das denn?«, fragte Tyran mit ruhiger Stimme.
Seine blauen Augen verengten sich zu Schlitzen, als er beobachtete, wie die Königin von einem Fuß auf den anderen trat. Eine Ungeduld lag in ihrem Wesen, die sie wohl nur selten zu zügeln versuchte.
Sie ignorierte seine Frage, während sie ihn genauer in Augenschein nahm.
»Ich will ihn ganz sehen. Er soll sich ausziehen.«
Tyran hatte mit dieser Aufforderung gerechnet. Er fragte sich, wie viele es eine oder beide Hände gekostet hatte in den letzten Jahrhunderten, die es gewagt hatten, ihm die Kleidung herunterzureißen. Aber im Moment hemmten die Ketten seine Macht noch erheblich. Wollte er die Mahr einsetzen, musste er diese erst sprengen und sie dann verwenden. Er konnte es schaffen. Die Königin stand unvorbereitet vor ihm. Wenn er sich geschickt anstellte, konnte er ihr das Genick brechen, bevor sie auch nur einen weiteren Satz aussprach. Tyran konnte gerade noch ein Grinsen unterdrücken. Er hatte schließlich einen Ruf zu verlieren.
Er sammelte die Kräfte seiner Rún, doch bevor er dazu kam, sie zu bündeln, bahnte sich ein heftiger, stechender Schmerz seinen Weg von einer Schläfe zur anderen und ließ Tyran nach Luft schnappen.
Nur eine Warnung. Es war nur eine kleine Erinnerung gewesen. Die Erinnerung an das eine Werkzeug, mit dem sich keine Schellen aus Mahrillium und keine Peitsche in Norfaega messen konnte.
Mit leise brodelnder Wut sah Tyran mit an, wie einer der Männer, der ihn begleitet hatte, drei kleine Kristallanhänger abstreifte und sie Elnesta aushändigte. Ohne Umschweife reichte sie zwei davon an ihren Herold weiter. Die Königin zog eine lange Kette aus den Falten ihres Kleides. Andere hätten daran einen Schlüsselbund vermutet – Tyran wusste es besser. Sie schob die kleine Öse, mit der der Anhänger gefasst worden war, über die Kette. Tyran spürte, wie ihr Geist nach der neuen Verbindung suchte. Übelkeit stieg in ihm auf, als er ihre mentale Signatur über sein Innerstes streichen spürte.
Die Scherbe.
Er kannte keinen einzigen Mann, der sie trug, den sie nicht in Schrecken versetzte.
Tyran hob die aneinandergeketteten Hände, langsam genug, dass die Wachen ihn gewähren ließen, und begann, den Halsverschluss seiner asykanischen Tunika zu öffnen. Wer ein Paar Flügel auf dem Rücken trug, war auf Kleidung angewiesen, die man nicht über den Kopf ziehen musste. In seinem Fall war es eine äußert simple Jagdtunika aus weichem Wildleder, die nur im Nacken und am Rücken unter den Flügel zugeknotet wurde.
»Eine Schürze mit Ärmeln«, bemerkte einer der Männer verächtlich, während er die unteren Knoten löste, die Tyran unmöglich erreichen konnte.
Nur die Tatsache, dass Elnesta einen Kontrollanhänger der Scherbe besaß, hielt Tyran davon ab, den Mann anzufallen. Es war ein traditionelles Kleidungsstück, das nichts mit dem Protz und Tand Shaylas zu tun hatte; anschmiegsam, sodass es nicht beim Fliegen behinderte.
»So eine Tunika hat auch Fafnar Stormblood getragen, Scheißkerl«, flüsterte Tyran. Seine Tunika fiel zu Boden.
Die Königin umkreiste ihn. Als sie wieder in seinem Blickfeld auftauchte, rümpfte sie die Nase.
»Er ist schmutzig.«
Das war er – aber das war auch noch erkennbar gewesen, als er sein Hemd noch getragen hatte. Die Tage in einem Käfig auf vier Rädern hatten Spuren hinterlassen. Als ihre Fingerspitzen begannen, ein wenig Staub von seiner Schulter zu reiben, kam ihm das Bild der Königin mit gebrochenem Genick wieder in den Sinn.
»Ich will, dass er gewaschen wird«, befahl die Königin. »Danach soll er auf mein Zimmer kommen.«
Und obwohl Tyran diesen Befehl schon oft genug in seinem Leben gehört hatte, verfehlte er auch dieses Mal nicht die Wirkung auf seinen Geist, als hätte die Lady Elnesta einen Funken der Mahr auf trockenes Holz fallen lassen. Der Zorn, der eben noch in feinen Strömen durch seine Blutadern geflossen war, erhitzte sich unter der nahenden Erniedrigung.
Sie war eine Hure, so, wie Königin Lamia eine war, wie alle Marionetten, die sich in Shayla ausgebreitet hatten wie eine ansteckende Krankheit. In Kriegszeiten wollten sie sein Schwert, das, wenn man ihm genügend Motivation gegeben hatte, durch die Reihen der Widerständigen fuhr wie eine Sense in einem Weizenfeld. Aber sobald dies geschehen war, wünschten sie alle sich seine Beteiligung an einem anderen Krieg, schmutziger noch als die Himmelsschlachtfelder von Askyan.
Rodric und er hatten unterschiedliche Arten, damit umzugehen. Es war zwar seltener für Rodric, an einen weit entfernten Hof geschickt zu werden – Königin Lamia teilte ihn nicht häufig, und wenn, dann verfolgte sie üblicherweise ein tieferliegendes Motiv. Trotzdem glaubte Tyran nicht, dass Rodric noch zählen konnte, vor wie vielen Königinnen er gekniet hatte.
Genauso wenig wie er.
Und auch in der Tatsache, dass sie beide sich Wege suchten, um die Schlachten in den Schlafgemächern auf ihre Weise zu gewinnen, ähnelten sie einander.
Der wahre Unterschied lag in der Geduld, die sie dabei an den Tag legten. Rodric konnte warten. Es war für ihn gleich, ob seine Rache erfolgte, bevor die ersten Sonnenstrahlen seine Haut am Morgen berührten, oder ein Jahrhundert danach.
Der Kuss des Blutritters war ein tödliches Versprechen, wenngleich die Marionettenköniginnen es bisweilen vergaßen.
Und er … Tyran lächelte. Er war anders. Er war schneller.
Aber selbst er konnte erkennen, dass der Moment ungünstig war. Die Krieger warteten nur darauf, dass er versuchte, sich von den Ketten zu befreien. Stattdessen bückte er sich, als man ihm einen Stoß versetzte, um sein Wams aufzuheben, und ließ sich von dem Herold und mehreren herbeigerufenen Kriegern zu einer der Sklavenbaracken führen. Noch mehr Holz. Oakwrath Hall schien geradezu darum zu bitten, dass er ein Freudenfeuer entzündete, sobald sich die Gelegenheit bot.
Der Nachtalb ging mit zielstrebigen Schritten voran, die Krieger schoben Tyran hinter ihm her.
»Ich werde das nur ein einziges Mal sagen, also hörst du besser zu, askyanischer Hurensohn«, sagte der Herold, ohne sich zu ihm umzudrehen. »Ich habe von deiner Sorte hier schon so einige gesehen. Ihr kommt hier an mit eurem großen Mundwerk, den Schmierereien auf euren Armen und glaubt, weil ihr schon einmal ein Schwert in der Hand hattet, gäbe es eine Möglichkeit, aus Oakwrath zu entkommen.«
Für einen Moment gestattete Tyran sich, die Gedanken abschweifen zu lassen, in den Trott ihres Schrittes zu verfallen, die Arme und die Flügel sinken zu lassen, und hinaufzublicken in den wolkenverhangenen Nachmittagshimmel. Als Sturmalb machte ihm die Kälte in Shayla nichts aus; in Askyan hatte es sicher schon geschneit. Schneeflocken waren nichts, was seinen Schwingen oder ihm ein Problem bereiten konnte.
Oakwrath roch nach toten Bäumen und dem nahenden Winter, nicht nach Freiheit und Familie wie Askyan, aber trotzdem war Tyran dankbar über die offene Bauweise.
Der Kristallpalast lag eingebettet in der Stadt, Haus drängte sich an Haus, und trotz der unfassbar beeindruckenden Größe der Burg waren die Korridore eben nicht für Sturmalben geschaffen worden. Seine Flügel waren zu breit, als dass er sie offen und aufgespannt hätte tragen können, und manchmal, wenn er in den Sklavenquartieren nachts wach lag, dann kam es ihm vor, als rückten die Wände jeden Tag näher zu ihm heran.
Der Herold vor ihm hielt abrupt an und drehte sich zu ihm um.
»Die Wahrheit ist jedoch, dass du nicht bist, wofür du dich selbst hältst«, sagte er. »Du bist kein Krieger.«
Der Nachtalb näherte sich Tyran. Mit Befriedigung stellte Tyran fest, dass er dennoch mehr als eine halbe Hand größer war als sein Gegenüber. Noch immer blieb er still, während die Handlanger des Herolds die Ketten an seinen Händen mit denen an einem im Hof stehenden Metallpfosten verbanden.
Der Herold musterte ihn.
»Bist du taub? Ich sagte gerade, du seist kein Krieger«, er bleckte seine Zähne. »Willst du mich nicht fragen, was du stattdessen bist?«
»Mein Fehler«, entgegnete Tyran. »Ich wollte dich nicht unterbrechen, Scheißkerl. Du warst gerade so gut dabei – ich war so kurz davor, richtig, richtig schlimme Angst zu bekommen.« Tyran hob seinen Zeigefinger und Daumen. »Nein, warte – eher – so kurz.« Er führte die beiden Finger zusammen.
Die Mundwinkel des Herolds zuckten, als er mit dem Schlagstock ausholte. Die Wucht des Hiebes reichte nicht aus, um Tyran ins Wanken zu bringen. Dafür schmeckte er Blut. Langsamer, als es nötig gewesen wäre, richtete er sich wieder gänzlich auf.
»Du bist ein Stück Vieh, Askyaner«, sagte der Herold leise und trat schließlich einen Schritt zurück. »Und hier in Oakwrath wollen wir uns Vieh, das wir gekauft haben, erst einmal genau ansehen.« Er lachte, als hätte er einen erfolgreichen Scherz gemacht.
»Runter mit den Sachen. Zeig uns, was Königin Elnesta für die stolze Summe bekommen hat.«
Der Griff um Tyrans Arme löste sich, sobald er sicher angekettet war. Tyran lockerte seine Muskeln innerhalb des Spielraums, der ihm blieb, rührte sich aber nicht von der Stelle. Er legte seine Jagdtunika neben sich auf den Boden. Dann fanden seine Finger die Lederschnüre seiner Hose. Mit zwei, drei schnellen Bewegungen hatte er sie geöffnet. Tyran schüttelte sich die Stiefel von den Füßen und stieg aus seinen Beinkleidern. Als er sich wieder aufrichtete, fing er den Blick des Herolds auf. Dieser gab sich keine Mühe, zu verbergen, dass seine Augen auf etwas unterhalb von Tyrans Körpermitte gerichtet war.
»Das ist ein Schwanz«, sagte Tyran und schob die Zunge in den Mundwinkel, die Füße schulterbreit auseinander gestellt. »Ist es lange her, dass sie dir deinen und deine Eier abgenommen haben, Scheißkerl? Erinnerst du dich deswegen nicht mehr, wie so was aussieht?«
Der Geruch von losbrechender Wut erreichte Tyran beinahe so schnell wie der gezogene Dolch des Nachtalben. Der Herold packte seinen Hinterkopf und drückte die Klinge an die empfindliche Stelle unter Tyrans Auge, wenige Zentimeter entfernt von der Stelle, an der er die Scherbe stets ein wenig fühlen konnte.
»Vielleicht sollte ich dir dein hübsches Gesicht zerschneiden. Ich bezweifle, dass Königin Elnesta dann noch irgendeine Verwendung für dich hätte.«
Tyran neigte den Kopf nach vorn, erhöhte selbst den Druck des Messers auf seine Haut, bis er sein Blut auf seiner Wange spürte.
»Oh, du findest mich hübsch? Ich bin geschmeichelt«, antwortete Tyran. Seine Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Grinsen. »Ich bevorzuge ja die Bezeichnung unwiderstehlich, aber ich bin nicht wählerisch.«
Der Herold hielt sich nicht mehr zurück. Seine Hand rutschte herab bis zu Tyrans Hals und mit einem halben Aufschrei stieß er ihn an den Pfahl zurück, seinen Schädel gegen das Metall donnernd.
»Ich werde dir das verdammte Lächeln schon noch aus dem Gesicht prügeln«, spie er ihm entgegen.
»Ja«, erwiderte Tyran und legte den Kopf zurück, »aber nicht heute. Denn du würdest die Schlampe, die du Königin nennst, nicht damit enttäuschen wollen, dass du ihr die Unterhaltung für den Abend verdorben hast.«
Sein Gegenüber presste wütend die Zähne aufeinander, bis Tyran es knirschen hören konnte. Er versetzte ihm einen weiteren Stoß, bevor er zurücktrat und mit dem Dolch auf ihn deutete.
»Das nächste Mal bist du fällig, Askyaner, und dann wirst du dir wünschen, mit den anderen Sturmalben abgeschlachtet worden zu sein.«
Varcas
9
Varcas ging geschmeidiger, als er es selbst für möglich gehalten hatte, auf ein Knie herunter, um den Boden zu begutachten. Die Blicke der Männer, die ihn begleiteten, brannten in seinem Rücken. Er war sich ihrer Unsicherheit schmerzlich bewusst, während er versuchte, aus den zarten Spuren, die die Königinnentochter bei ihrem Weg durch die Wälder hinterlassen hatte, und ihrer Beschreibung schlau zu werden. Mit einem Seufzen gab er schließlich auf und erhob sich.
Das Ganze wäre um ein Vielfaches leichter gewesen, wenn sie einen Angehörigen der Kriegerkaste in dem Dorf gehabt hätten. Doch die Männer trugen alle nur den Kreis und konnten keine Fähigkeiten vorweisen, die nützlich hätten sein können.
»M’lord?«
Selbst diese einfache Anrede war reich des Wunsches der Männer, zurück in ihr Dorf zu gehen.
»Ich muss nachdenken«, sagte er mit einem Anflug von Gereiztheit.
Er wusste, Geduld stand einem Seher weitaus besser an als die unruhige Spannung, die ihn die Inkompetenz seiner Begleiter verfluchen ließ.
Sie konnten nichts dafür, mahnte er sich selbst. Es waren Bauern und kleine Händler. Niemand von ihnen war mit den Talenten eines Kriegers gesegnet.
Wie die weiblichen Kasten waren auch die männlichen mit außergewöhnlichen Eigenschaften ausgestattet. Dass ein Krieger ein Talent für Waffen besaß, war dabei nur die Krönung seiner Veranlagungen. Es war viel mehr. So besaßen sie üblicherweise unter allen Alben die feinsten Sinne und Instinkte, was sie auch zu exzellenten Spurenlesern machte.
Sein alter Freund Hjalvar Stormblood hatte dies in ihrer gemeinsamen Zeit in Stormwood Hold in Askyan beeindruckend und auf vielfältige Weise bewiesen. Varcas hatte sich als Seher noch nie so blind gefühlt wie auf den Streifzügen mit Hjalvar, der in jedem Grashalm auf den kargen Küstenzügen die Geschichte der vergangenen Tage abzulesen vermochte. Sie hatten ein gutes Gespann abgegeben, damals.
»Wir gehen weiter«, entschied Varcas. Niemand widersprach ihm. Zustimmung fand er dennoch keine in den Blicken, die die Dorfbewohner untereinander austauschten. Trotzdem folgten sie ihm, als er mit der Mahr eine Kugel Albenlicht neben sich erschienen ließ und sie mit einer Bewegung von Zeiger- und Mittelfinger an die Spitze seines Zepters hängte, wo sie verblieb.
Die Wälder im Süden Shaylas bestanden aus dichtem Unterholz und Laubbäumen mit schweren Kronen, anders als in den nördlicheren Regionen Norfaegas, in denen hauptsächlich Nadelhölzer zu finden waren. Das Dach, das die Ulmen und Gleditschien bildeten, versperrte beinahe vollständig die Sicht auf den farbdurchtanzten Himmel. Irgendwo tiefer in den Gedärmen des Waldes heulten Wölfe.
Als seine Albensinne die Spur einer Aura auffingen, hielt Varcas inne. Nein, korrigierte er sich selbst, es war nicht eine Aura, es waren mehrere. Viele. Varcas tastete sich geistig vorwärts und ließ seine Schritte nahezu ohne Verzögerung folgen.
Das Erste, das Varcas sah, als er den Rand der Bäume erreichte und auf eine Lichtung trat, war das sachte Schwingen verbrannter Füße im Wind.
Erst danach vervollständigte sich das Bild um die Stricke, die ein Dutzend Hälse mit dem starken Astwerk eines Erlenbaumes verbanden.
»Himmelslichter«, stieß einer seiner Begleiter atemlos hervor, bevor er sich abwandte.
Varcas hob sein Zepter ein wenig höher, um mehr erkennen zu können.
»Das sind Herolde. Von Amber Hall.« Der weiße Lichtschein ließ das Wappen des Hauses Moonfall an den von Ruß und Blut beschmutzten Schärpen glitzern. »Zumindest einige von ihnen«, fügte Varcas leiser hinzu. Nicht alle waren Männer. Es waren zwei Frauen dabei. Zwei Jungen, zu klein, als dass er sie zu den Männern hätte zählen können. Raben saßen auf ihren Schultern und pflückten das weiche Fleisch von den Wangenknochen.
»Wieso hat man sie hier gehängt?«, fragte der Mann, der sich Varcas als Joran vorgestellt hatte.
Varcas rieb sich über das Kinn.
»Nicht alle starben durch den Strick«, stellte er nüchtern fest. »Die anderen waren schon tot, als man sie mit den Seilen in den Baum hochgezogen hat.«
»Aber warum? Warum dieser … Aufwand?«
Unter all den schwindenden Signaturen der Getöteten und derjenigen, die der Zerstörung von Amber Hall hier im Wald ein grausiges Monument gesetzt hatten, war eine, deren Macht Varcas für einen Moment schaudern ließ.
Varcas’ drittes Auge erfasste den Baum und mit ihm den pulsierenden Glanz einer silbernen Rún.
»Es ist eine Botschaft«, antwortete Varcas schlicht. Eine Botschaft für jeden, der sich auf die Suche nach möglichen Überlebenden machen würde. Varcas sprach nicht weiter.
Er sagte den Männern nicht, dass es die Kinder waren, die erst an diesem Baum gestorben waren.
Er verschwieg, dass es geschehen sein musste, als alle anderen bereits aufgeknüpft gewesen waren. Es war kein Wissen, das irgendjemandem von ihnen etwas genützt hätte.
»M’lord, was sind das für Spuren unten am Baumstamm?« Joran wagte sich näher heran und berührte die Rinde des Baumes, die, wie Varcas nun auch sehen konnte, von tiefen Furchen durchzogen war.
Varcas stieß einen leisen Fluch aus.
»Das ist genau der Grund, wieso der Eldermann dringend bestattet werden muss«, knurrte er. »Das sind Kratzspuren von Nekrophagen. Grimwölfe, wenn ich das richtig sehe. Und davon nicht wenige.«
Bewegung kam in Varcas. Er hatte nicht unbedingt erwartet, im Süden Shaylas auf Grimwölfe zu treffen. Andererseits wagten sie sich, besonders wenn sie sich zu größeren Rudeln zusammenschlossen, häufig aus den höher gelegenen und gebirgigen Gegenden, ganz besonders, wenn die Nahrung knapper wurde.
Als er das erste Mal mit Hjalvar auf Grimwolfjagd gegangen war, hatte er noch geglaubt, dass sie als Aasfresser im Gefüge des Lebenskreislaufs eine gute und wichtige Aufgabe erfüllten. Das war gewesen, bevor Hjalvar ihm sehr eindrücklich gezeigt hatte, dass die Nahrung einzelner und kleinerer Grimwolfrudel zwar hauptsächlich aus toten Tieren bestand und sie meist nicht mehr Schaden anrichteten, als Wild aus von Askyanern aufgestellten Fallen zu stehlen – aber dass sie, sobald sich die Chance ergab und ihre Stärke groß genug war, auch lebende Beute rissen.
Und die bedeutend größer war als sie.
Hier hatten die Grimwölfe eindeutig versucht, an die hängenden Leichen heranzukommen. Ihre Krallen hatten den Baum bei den Bemühungen, ihn zu erklimmen, zerkratzt.
»Die Spuren führen vom Baum weg.« Varcas richtete seinen Blick auf die Stelle zwischen den Bäumen.
Die Grimwölfe mussten nach einer Weile aufgegeben und den Raben das Festmahl überlassen haben. Etwas anderes hatte ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen – oder jemand anderes.
Varcas stieß einen Fluch aus, der ihm einige entsetzte Blicke einbrachte, und setzte sich wieder in Bewegung. Wenn die Grimwölfe den Alb vor ihnen entdeckt hatten, war er so gut wie tot. Der Seher wartete nicht länger auf seine Begleiter, sondern setzte sich in Bewegung, um der Fährte zu folgen. Hjalvar hätte ihm sagen können, wie viele Tiere es gewesen waren. So blieb ihm nur übrig, es selbst herauszufinden.
Es dauerte nur wenige Minuten, in denen er versuchte, die Geräusche der anderen Alben auszublenden, bis seine spitzen Ohren endlich etwas anderes wahrnahmen – das heisere Grollen aus Grimwolfkehlen.
Es war eine Gruppe aus sieben oder acht Tieren, die sich bemühte, sich einem auf dem Boden liegenden Erdalb zu nähern. Dieser lebte noch – denn er hatte es geschafft, mit seiner Mahr einen Schutzschild heraufzubeschwören. Offensichtlich aber zu spät, denn er blutete erkennbar aus mehreren Wunden. Der ältere Alb presste sich eine Hand auf eine Verletzung im Bauchraum, die, wie Varcas erkannte, von einem der Nekrophagen stammen musste.
Aus der Ferne hätte man sie für gewöhnliche, wenn auch sehr, sehr große Wölfe halten können; besaßen sie doch den gleichen agilen Körperbau und langes graues Fell. Doch ihr Oberkiefer war anders geformt, die Eckzähne waren zu Säbelzähnen entwickelt, lang wie die Elle eines Kindes und so gebogen, dass sie damit den Körper ihrer Beute mit Leichtigkeit öffnen konnten. Ganz gleich, ob diese noch lebte oder nicht.
Einer von ihnen musste den Erdalb erwischt haben. Als er Varcas entdeckte, war es keine Erleichterung, die sich auf seinem faltigen Gesicht abzeichnete, sondern eine Steigerung der Furcht.
Varcas ignorierte das Zögern der Dorfbewohner, die sich keinen Schritt weiter wagten. Es war besser so. Er konnte spüren, dass die Kraft der fliederfarbenen Mahr des Erdalben sich bald erschöpfen würde – der Glanz auf seinem Unterarm wurde schwächer und matter mit jedem verzweifelten Atemzug, den er tat.
Zum zweiten Mal in dieser Nacht betätigte Varcas den kleinen Drehmechanismus seines Seherzepters, um es zu dem langen Stab auszuziehen. Die Tiere waren hungrig, aber nicht abgemagert, sondern so wohlgenährt, dass sie den Kampf riskieren würden. Zudem war ihr Rudelverhalten ausgesprochen schlau – würde er sich nach vorn bewegen, fänden sicher einige ihren Weg an ihm vorbei bis zu den Dorfbewohnern.
Varcas steckte das Schwert weg, um sich gänzlich auf seine Rún und die durch ihn hindurchfließende Mahr zu konzentrieren.
Die Grimwölfe hatten sich verteilt. Drei von ihnen behielten knurrend und mit hoch aufgestellten Augen ihre auserwählte Beute im Blick, die übrigen hatten sich ihm zugewandt, das Fell im Nacken gesträubt.
Varcas ließ seinen Geist über die Nekrophagen streichen. Es gab da etwas, das er in Askyan über sie gelernt hatte …
»Bleibt ganz ruhig, Meister Gorwyn«, sagte er. Eins nach dem anderen nun. Varcas war mächtig genug, um einen grauen Schutzschild um sich selbst zu errichten und auch den umzingelten Erdalben zu schützen – und noch genügend Tiefe der Macht ausschöpfen zu können für den nächsten Schritt.
Wie hatte Hjalvar die Grimwölfe immer genannt? Die Alben unter den Tieren? Sie waren ein Spiegel ihrer eigenen Gesellschaft, ihnen allen ähnlicher, als sich auf den ersten Blick vermuten ließe.
Varcas’ Blick fiel auf eins der Weibchen. Es war nicht sonderlich groß, wurde aber von den drei stärksten Männchen flankiert.
Er lächelte, als er kraft seiner Mahr unter die Barrikaden des Geistes des Grimwolfweibchens schlüpfte. Für unerfahrene Seher war es eine merkwürdige – ja, eine beunruhigende – Erfahrung, durch den Geist eines Tieres zu streifen und ihn zu manipulieren. Aber eigentlich, so hatte Varcas es stets empfunden, gab es gar keine so großen Unterschiede. Mehr Instinkt. Mehr Gefühl. Weniger Gedanken. Aber dafür keine Lügen, keine Täuschungen, die er als Seher hätte entlarven müssen.
Im nächsten Moment entspannte das Weibchen sich völlig. Es richtete sich aus der angriffslustigen Haltung auf und schlagartig reagierten auch die anderen Tiere, die sich zu ihr zurückzogen.
Varcas schritt unbehelligt an den Grimwölfen vorbei und ging neben dem Erdalben auf die Knie.
»Meister Gorwyn, ich wurde geschickt von … von …«
Erst jetzt erinnerte er sich, dass das Nachtalbenkind ihm keinen Namen genannt hatte.
Doch der Erdalb hörte ihm sowieso kaum zu. Seine Gesichtsfarbe war fahl geworden, die Mahr nahezu versiegt. Er sank kraftlos weiter in sich zusammen. Nur seine Augen suchten nach etwas an Varcas. Der Seher spürte, wie der Verwundete seinen Blick nicht von seinen Händen lösen konnte.
»Nein, Meister Gorwyn«, sagte er sanft, während er ihn einen Arm unter den Rücken schob, um ihn zu stützen, »ich trage keinen Hofring. Ich diene keiner Königin.«
»Die … die Grimwölfe …«, brachte der Erdalb keuchend hervor. Varcas nickte, wob aber einen grauen Wärmezauber. Er hatte zu wenig Heilerfahrung, um eine derartige Wunde zu schließen. Sie würden die Heilerin brauchen. »Wie habt Ihr das getan? Die Grimwölfe …«
»Sie dienen einer Königin«, sagte Varcas schlicht und wies auf das Wolfsweibchen, auf dessen Rücken einer ihrer Krieger seinen Kopf gelegt hatte.
Lyraine
10
Gorwyns Brustkorb hob und senkte sich regelmäßig. Das war ein gutes Zeichen. Um das zu wissen, brauchte man keine Heilerin zu sein.
Aber als der Seher – Varcas – und die Dorfbewohner den Truchsess hereingetragen hatten, wenige Stunden zuvor, als gerade die Sonne aufging, hatte der Atem des Erdalben noch ganz anders geklungen. Die Heilerin Lenka hatte ganze Arbeit geleistet.
Sie hatte genauso schnell gearbeitet wie die Heilerin in Amber Hall: mit flinken, geschickten Griffen. Erst hatte sie Lyraine hinausschicken wollen, doch als selbst der Truchsess sagte, sie dürfe bleiben, hatte sie nachgegeben. Und so hatte Lyraine sich neben Meister Gorwyn gesetzt, seine Hand gehalten und zugesehen, wie die Heilerin die Hose von unten und das Hemd von oben aufschnitt und die Wunden zu versorgen begann.
»Totes Gewebe«, hatte sie Lyraine erklärt und auf die Ränder der klaffenden Wunde gedeutet. Als Lyraine fragend auf etwas weiß Schimmerndes wies, zögerte sie erst noch, bevor sie ihr den Oberschenkelknochen zeigte.
Nachdem Gorwyn einen Trank eingeflößt bekommen hatte, war er flach atmend eingeschlafen. Genügend Zeit für die Heilerin, um das tote Gewebe mit einem seltsam gekrümmten Messer, das sie vorher mit einer Zunge mahrischem Feuers erhitzt hatte, wegzuschneiden.
Sie hatte die Wunde gesäubert und begonnen, sie zu nähen, den Singsang der Heilerinnen auf den Lippen, jedes Mal, wenn sie die Haut durchstochen hatte.
Nun schlief Gorwyn endlich ruhig, mit tiefen, gleichmäßigen Atemzügen. Aber Lyraine blieb sitzen, wo sie war. Sie wusste von der Heilerin in Amber Hall, dass es wichtig war, Kranke nicht allein zu lassen. Manchmal konnte man kleine Anzeichen der Verschlechterung übersehen, und dann starben sie, ohne dass man etwas dagegen hätte tun können.
Eine Bewegung im Türrahmen ließ Lyraine aufblicken.
»Meister Varcas«, sagte sie.
Er neigte den Kopf. Sie wusste nicht, ob es Zustimmung oder eine angedeutete Verneigung war. Verbeugen musste sich vor ihr niemand.
Nicht mehr.
»Darf ich mich zu euch beiden setzen?«, fragte der Seher und wies auf einen zweiten Stuhl.
Lyraine nickte.
Er war groß, selbst für einen Albenmann, und es fiel ihr ausgesprochen schwer, zuzuordnen, zu welchem der Albenvölker er gehörte. Er hatte schwarzes Haar wie die Nachtalben, das an den Schläfen und an vereinzelten Stellen bereits silbern wurde. In seinem Bart würde das Silber bald das Schwarz übertreffen.
Auch die Hörner auf seinem Haupt waren geformt wie bei Nachtalben üblich – wie es bei ihrem Vater der Fall gewesen war: in einer eleganten, runden Krümmung, die sich erst nach hinten und dann nach vorne neigte. Seine Haut hingegen war dunkler als die der meisten Nachtalben, die sie kannte – es war ein schöner, milder Bronzeton, der sie an die Erdalben des Dorfes erinnerte.
Als er Platz genommen hatte, holte sie Luft, bevor er etwas sagen konnte:
»Es ist gut, dass Ihr hier seid, Meister Varcas«, sagte Lyraine. »Ich wollte sowieso mit Euch sprechen. Ich wollte … ich wollte mich bedanken.« Lyraine suchte nach seinem Blick. Seine Augen hatten fast die gleiche tiefe, grau-blaue Färbung seiner Hörner. »Ihr habt mir gegen die … die Krieger beigestanden. Und Ihr habt Meister Gorwyn hierhergebracht. Die Lady Lenka hat gesagt, er wird es überleben.«
Varcas nickte.
»Das denke ich auch. Die Versorgung der Wunde war noch rechtzeitig.«
Er sah so aus, als würde er noch mehr sagen wollen, aber er tat es nicht. Als er weiterschwieg, ergriff Lyraine wieder das Wort: »Ich stehe in Eurer Schuld, Mylord.«
Zu ihrer Überraschung lachte er auf. Ein wenig gekränkt richtete Lyraine sich auf.
»Mylord, ich meine das mit allem Ernst, ich …«
Der Seher brachte sie mit einer knappen Geste zum Schweigen. Lächelnd beugte er sich vor, die Unterarme auf seine Knie legend. »Mylady, dann entbinde ich Euch mit allem Ernst von dieser Schuld. Ich habe getan, was jeder Alb tun sollte, der ein Kind in Gefahr sieht.«
Lyraine nickte, ein wenig verlegen.
Ein weiteres Mal atmete sie tief durch. Einen Gedanken konnte sie nicht von sich weisen – die Tatsache, wie mächtig er war. Sie hatte sie gesehen, die graue Rún. Es gab nur zwei Stufen, die mächtiger als grau waren, das Silber und das Schwarz. Alle drei Farben gehörten fast in das Reich der Legenden. Ihr war noch nie jemand begegnet, der eine solche Farbe als Rún trug.
Ihr Vater war der stärkste Mann in Amber Hall gewesen, und er hatte Kobaltblau getragen. Wenn man genau sein wollte: Kobaltblau, das an den Rändern die Tiefe von Rot annahm. Er hatte Lyraine erklärt, was das bedeutete: Wenn ein Mann in den Kreis der Herolde einer Königin aufgenommen wurde und sich mit ihr verband, dann konnte es vorkommen, dass seine Rún auf den Mythos der Himmelslichter reagierte. Wenn dieser Mann also mit einer kobaltblauen Rún geboren worden war, wie es bei ihrem Papa der Fall gewesen war, so bestand die Möglichkeit, dass in dem Moment seiner Bindung an seine Königin die Rún eine mächtigere Färbung annahm.
Es passierte nicht immer. Manchmal war es auch so unauffällig, dass es kaum einer Erwähnung bedurfte. Bei Gorwyn, das konnte sie erkennen, blieb die dominante Farbe auch das Flieder, aber der Rand von Goborns Flamme zeigte einen roséfarbenen Schimmer.
Sie hatte ihren Vater gefragt, warum die Herolde diese zusätzliche Macht erhielten. Genau bekannt war es nicht, aber ihr Vater hatte geglaubt, dass es dafür da sein musste, um die Königin besser beschützen zu können.
Ein starker, vereinigter Hof war das Fundament jeden Lebens in Norfaega.
»Ich habe … ein paar Fragen an Euch«, sagte Lyraine, die Hände im Schoß faltend.
Varcas legte den Kopf schräg.
»Was möchtest du wissen, kleine Lady?«
Lyraine konnte sich gerade noch so am Rand des Bettes festhalten. Die Wucht der Worte schnürte ihr schlagartig die Luft ab.
Kleine Lady.
Der Klang einer Stimme, einer ganz anderen, hallte in ihrem Innersten wider. Sie sprang vom Stuhl auf.
Kleine Lady.
Sie musste aus dem Raum verschwinden. Hinaus. Fort. Nur weg, weg von der Quelle dieser Worte. Weg! Sie kam keine zwei Schritte weit, blind vor Panik, als die Hände des Sehers sich um ihre Arme schlossen. Instinktiv wand sie sich, versuchte, sich loszureißen, aber selbst durch den Schleier der Angst hindurch fühlte sie die Bemühung des Alben, ihr keine Schmerzen zuzufügen.
»Ich werde dir nicht wehtun«, versprach er. »Ich wollte dich nicht erschrecken. Bitte.« Seine Stimme war warm und tief.
Lyraine sah zu ihm auf. Grau, nicht silbern.
Sie spürte, wie der Widerstand ihrer Muskeln sich erweichte, und sie fiel kraftloser, als sie es selbst für möglich gehalten hätte, wieder auf den Stuhl zurück.
»Was hat dich so erschreckt?«, fragte Varcas, der sie losließ und sich zurückzog.
Lyraines Augen wanderten über sein Gesicht. Wenn sie doch nur auch ein Seher wie er gewesen wäre! Dann hätte sie unter seine Barrieren blicken können, um seine Gedanken zu lesen. Das konnten Seher doch, oder nicht?
Mit zitternden Fingern glättete Lyraine den Stoff des Kleides, das man ihr gegeben hatte.
»Ihr könnt zu mir sagen, was Ihr mögt – aber nennt mich nicht so.«
Es überraschte sie, als der Seher sich wieder vorbeugte. Der Blick aus den graublauen Augen war ernsthaft und klar.
»Ich verspreche dir, ich werde dich nie wieder so nennen.«
Er fragte nicht, wieso. Aber sein Tonfall klang feierlich wie bei den großen Zeremonien in Amber Hall. Nicht geschwollen und albern, sondern so, als hätte er noch nie etwas so sehr gemeint wie diese Worte. Sie legte ihre Hand auf ihr Schlüsselbein und atmete tief durch. Das hatte Tovilda auch immer gemacht, wenn sie sich vorher schrecklich aufgeregt hatte.
Lyraine konnte fühlen, wie die Panik sich legte und der Erleichterung wich.
Der Seher lehnte sich zurück und schien zu warten.
»Ich wollte Euch … Fragen stellen«, griff Lyraine den Gesprächsfaden wieder auf.
Varcas lächelte erneut. »Nur zu.«
Lyraines Finger fanden einen losen Faden ihres Kleides und begannen ihn zu zwirbeln. Varcas strahlte eine Ruhe aus, von der sie sich am liebsten anstecken lassen wollte. Aber manchmal logen die Leute, das hatte ihre Mama ihr immer wieder gesagt. Manchmal durfte man nur sich selbst trauen.
Lyraine straffte ihre Schultern. Sie musste versuchen, Ordnung in das Chaos zu bringen, das seit … seit Amber Hall in ihrem Kopf herrschte.
»Wer seid Ihr?«, fragte sie und hätte sich sofort auf die Zunge beißen mögen. Die Frage war aus Ihr herausgeplatzt, ungeformt. Es klang nicht so wie etwas, das ihre Eltern gefragt hätten. Ihre Mutter sprach anders mit Gesandten, mit fremden Herolden. Sie wählte ihre Worte mit Bedacht, die meiste Zeit über.
»Meinen Namen kennst du bereits. Als ich geboren wurde, tat ich das unter dem Namen Debray, aber außer mir gibt es heute niemanden, der diesen Namen trägt. Auch dass ich ein Seher bin, hast du schon festgestellt«, antwortete er. Er sprach flüssig, fand Lyraine. Es klang ehrlich; nicht so, als müsste er es sich ausdenken.
»Ich lebe in einem kleinen Haus im Norden von Shayla«, fügte er hinzu, »nah an der Grenze zu Askyan.«
»Das Sturmalbenheim«, warf Lyraine ein.
»Genau«, bestätigte er mit einem Lächeln, das sie von Meister Lewyn kannte, wenn sie etwas Kluges im Unterricht gesagt hatte.
»Wieso seid Ihr hier?«, stellte sie die nächste Frage.
Dieses Mal ließ er sich mehr Zeit, bis er antwortete. Er blickte hinab auf seine Hände mit den sauberen, gefeilten Fingernägeln. Viele adlige Alben trugen die starken Nägel, die sie von Natur aus hatten, genau so. Ein kurzer Blick auf ihre eignen Hände reichte zum Vergleich. Ihre Fingernägel waren tief gesplittert, sodass unter einigen sich Flecken mit Blut zusammengezogen hatten.
»Ich habe vorausgesehen, dass hier der Ort ist, an dem ich sein sollte«, antwortete er langsam, Lyraine aus ihrem Gedanken reißend. »Und wenn ich darüber nachdenke, ist es auch so.«
Er war also einer Vision gefolgt. Meister Lewyn hatte fast nie Visionen gehabt. An besonderen Tagen wie dem Yulfest, Beltâne im Frühling oder den Rauhnächten sprach er manchmal eine Weissagung für den nächsten Jahresabschnitt aus. Aber Meister Lewyn hatte auch nur eine himmelblaue Rún getragen.
»Darf ich dir ebenfalls eine Frage stellen?«
Lyraine zögerte nur kurz. Es war nur fair, wenn er sie auch etwas fragen durfte. Sie nickte.
Zu ihrer Überraschung stellte Varcas ihr seine Frage nicht sofort. Wie sie schien auch er nach Worten zu suchen.
»Weißt du, was bei euch zu Hause in Amber Hall geschehen ist?«, fragte er schließlich.
Lyraine nickte ein weiteres Mal. Das, was Gorwyn ihr erklärt hatte, war genug gewesen, um die meisten Lücken zu schließen. Sie fühlte, dass sie noch nicht alles verstand. Dass es Dinge gab, die vor ihrer Geburt stattgefunden hatten, Jahrhunderte oder Jahrtausende vorher. Dinge, die immer noch wichtig waren.
»Wenn du das weißt, dann … dann ist dir sicher bewusst, dass du nicht dorthin zurückkehren kannst«, sagte Varcas. »Und wir müssen überlegen, wo es für dich am sichersten wäre.«
»Am sichersten?«, fragte Lyraine nach.
Dass sie kein Zuhause mehr hatte, war offensichtlich. Die Flammen, an die sie sich zu erinnern glaubte, waren echt gewesen, und würden Amber Hall ausgehöhlt haben wie die Schale einer Nuss. Aber sie war dem Feuer entkommen. Und allem anderen auch.
Varcas stützte sein Gesicht nachdenklich in seine Hand.
»Weißt du, Nachtalbenkind, die Königin Lamia hat deine Familie aus politischen Beweggründen angegriffen und euer Zuhause zerstört. Du weißt, dass es in Shayla früher elf große Höfe gab, ja?« Er wartete dieses Mal nicht auf ihre Bestätigung, um weiterzusprechen. »Natürlich existierten kleine Höfe – die von Königinnen mit schwächeren Farben, die sich nur um Dörfer und kleine Bezirke kümmerten. Oftmals war dies gar nicht notwendig, wenn eine starke Heilerin oder Hüterin vor Ort war, die als Elderfrau oder mit einem Eldermann zusammen die Angelegenheiten eines Dorfes regeln konnte. Aber die elf Höfe von Shayla sind … sie sind mehr als nur Regierungszentren.«
»Ich bin nicht sicher, ob ich verstehe, was Ihr mir sagen wollt«, erwiderte Lyraine ein wenig unbehaglich.
Varcas’ Blick ruhte weiterhin auf ihrem Gesicht.
»Lass es mich so erklären: Ein Hof kann überall entstehen und eine Königin braucht kein Schloss und kein Anwesen, um zu herrschen. Aber diese Provinz, in der wir leben, wurde seit sehr langer Zeit traditionell von einem der elf Höfe regiert und zwar mit dem Sitz im Amber Hall. Du hast aber einen Anspruch auf die Festung, die Königin Lamia für sich fordert.«
Ihr wurde schlagartig ganz kalt.
»Aber Königin Lamia lebt doch im Kristallpalast«, sagte sie. Ihre Schultern sanken herab. Nicht nur, dass Amber Hall zerstört worden war, jetzt wollte diese … diese Frau sich in IHREM Zuhause einnisten? »Wieso will sie in Amber Hall einziehen?«, fügte Lyraine hinzu. Konnte der mächtige Seher das nicht verhindern?
»Ich denke nicht, dass sie dort einziehen will, Königinnentochter«, antwortete Varcas. Er erhob sich von seinem Stuhl, mit einem Mal sichtbar unruhig. Er verschränkte die Arme vor seiner Brust und wanderte ein paar Schritte durch den Raum. Lyraine sah ihm zu, wie er bis zum Fenster ging und die Vorhänge aus grobem Leinen zur Seite zog, um hinauszuspähen. Bald würden die Himmelslichter aufsteigen – im sich verdunkelnden Osten zeigte sich schon der Hauch des aufsteigenden, tiefen Grüns.
»Königin Lamias Macht beruht darauf, dass es ihr gelungen ist, viele Personen für sich zu gewinnen – und jene zu beseitigen, die sie nicht für sich einnehmen konnte. Als die Anzahl ihrer Anhänger groß genug wurde, haben sogar viele von denen, die sie nicht unterstützen wollten, aus Furcht die Seiten gewechselt.« Der Seher drehte sich um. Langsam strich er sich über den Bart, während er sich an das Fensterbrett lehnte. »Sie wird eine ihr treu ergebene Königin in Amber Hall einsetzen und den Hof neu gründen lassen. Eine Überlebende aus der vorher herrschenden Familie kann sie sich nicht leisten.«
Seine Worte kamen auf sie zu wie ein kalter Luftzug. Die Erkenntnis, was das zu bedeuten hatte, verdichtete sich mehr und mehr.
»Meister Varcas«, Lyraine erhob sich ebenfalls, »was wird Königin Lamia mit mir machen, wenn sie mich findet?«
Das Schweigen, das sich in dem Raum ausbreitete, verwandelte Lyraines Magen zu Stein. Auf einmal fühlten sich ihre Arme und Beine schwer an, ihr Kopf ganz leicht.
Der Seher löste sich von seinem Platz am Fenster. Sie wich nicht vor ihm zurück, als er näher kam. Sehr vorsichtig und langsam legte er eine Hand auf ihre Schulter.
»Ich weiß es nicht«, antwortete er leise. »Aber wir müssen davon ausgehen, dass es nichts Gutes wäre.« Mitgefühl trat in seinen Blick. »Ich kann mir nicht vorstellen, wie schwer es sein muss, nicht mehr nach Hause zurückkehren zu können.«
Wie bei ihrer Begegnung draußen im Dorf ging er wieder in die Hocke.
»Hast du noch Familienmitglieder? Jemand, der nicht in Amber Hall mit euch lebte, zu dem du gehen könntest?«, fragte er.
Lyraine schüttelte den Kopf. »Ich habe zwei Onkel. Sir Alaric und Sir Avallan. Sie sind die Brüder meiner Mutter. Onkel Alaric ist ihr Schild. Er war es, meine ich.«
»Und Sir Avallan?«, hakte der Seher nach.
»Er war einer der Herolde. Sie lebten beide auf Amber Hall.« Lyraine rieb ihre klammen Finger. »Sonst gibt es niemanden mehr.«
Niemanden. Jeder, der mit ihr das Blut geteilt hatte, war tot. Ihre Mutter, die Königin von Amber Hall, die es vermochte, bei jedem ehrfurchtsgebietend wie eine Löwin zu sein, aber im nächsten Moment die Maske der Politik vom Gesicht nahm, und einfach ihre Mama war. Ihr Vater, der nicht nur der Gefährte der Königin gewesen war, sondern auch ihr Ehemann, der mächtigste Mann der Provinz, der Alatans Schwert getragen hatte, der ihr nie wieder einen Kuss auf den Scheitel geben würde. Und mit ihnen der ganze Hof, Bron Nychester, Kay Hollow, Rogan und Brandon Dusk, ihr Onkel Avallan, Resemir Redwyne und Jonar Ironbrace. Selbst vom Königinnentrigon war nur der Truchsess geblieben, nur Meister Gorwyn.
Und obwohl sie verstand, dass es genau so sein musste – dass alle diese Männer tot waren, mitsamt der Köchin, den Burschen, die sich um die Pferde kümmerten, den Mädchen, die die Zimmer sauber hielten – obwohl sie die Leichen gesehen hatte, als Gorwyn sie hinausgetragen hatte, war sie sich für einen Moment völlig sicher, dass im nächsten Moment einer von ihnen in der Tür stehen und ihr sagen würde, dass alles eben doch nur ein schrecklicher Traum gewesen war.
Und als hätte sie selbst prophetische Fähigkeiten, lenkte eine Bewegung im Türrahmen ihre Aufmerksamkeit vom Seher weg, aber es war nur die Heilerin.
Nach einem kurzen Blick auf den Patienten wandte sie sich an Lyraine.
»Du solltest jetzt versuchen, dich ein wenig auszuruhen«, meinte Lenka.
Intuitiv wollte Lyraine protestieren, doch kein Laut kam ihr über die Lippen. Sie war müde, und sie wollte schlafen. Wenn sie schlief, dann musste sie nicht darüber nachdenken, dass die Wahrheit des Verlustes für den Rest ihres Lebens, wie kurz oder lang er auch sein möge, in ihr bestehen bleiben würde.
»Das ist eine gute Idee«, stimmte Varcas zu, doch er veränderte seine Position nicht. Lyraines Augen fanden die seinen. »Ich verspreche dir, ich werde mir etwas einfallen lassen.« Er sprach leise, vertraulich, obwohl die Albensinne der Heilerin sicher gut genug waren, um das Flüstern zu verstehen.
Varcas streckte die Hand aus, und ein weiteres Mal sah Lyraine sie an. Schneller, als sie darüber nachdenken konnte, legte sie ihre Hand in seine. Seine Haut war warm und angenehm, und ihre Hand verschwand fast völlig in seiner.
»Du hast mein Wort darauf«, fügte er hinzu, ihre Hand leicht drückend, bevor er sie entließ und sie sich der Heilerin näherte.
»Meister Gorwyn …« Sie hatte ihn beinahe vergessen, obwohl sie mit ihm in einem Raum war!
»Ich werde bei ihm bleiben«, versprach Varcas. »Und wenn du dich ausgeschlafen hast, ist er vielleicht auch wach.«
»Na komm«, sagte Lenka behutsam, doch die Hand, die sie auf Lyraines Rücken legte, ließ wenig Widerspruch zu. Aber etwas hielt sie zurück. Sie zögerte, obwohl sie ihre Entscheidung längst getroffen hatte.
»Meister Varcas.« Sie wandte sich noch einmal zu ihm um. »Mein Name ist Lyraine.«
Rodric
11
Der Thronsaal.
Die warme Hand an seiner Wange.
Der Schmerz.
Die Scherbe.
Es war ein stolzer Tag.
Vielleicht der glücklichste in seinem ganzen bisherigen Leben. Er und die anderen gleichaltrigen Jungen hatten die Initiation an Beltâne hinter sich gebracht, das Blut war geflossen, und seine Rún hatte sich vervollständigt. Alatans Schwert, das Zeichen der Krieger, glänzte schwarz auf seinem Unterarm.
Es war der erste warme Tag nach einem langen Winter, aber im Kristallpalast war es dennoch kühl. Er trat mit vor Stolz geschwellter Brust ein und staunte über die Pracht des Thronsaals. Über die Schönheit der Königin, ihr helles, langes Haar, das so weich aussah, dass er die Hand ausstrecken und es berühren mochte. Sie lächelte ihm zu, ihr Haupt geneigt, sie bewegte ihre Lippen, aber es ging zu schnell, er konnte ihre Worte nicht hören.
Als man ihn an den Armen packte, war sein Gedanke nicht, sich zu wehren. Was, fragte er, was habe ich getan?
Er hatte nichts verbrochen. Sie hatten nicht versucht, wegzulaufen. Wohin hätte er auch laufen sollen? Thornehold, das früher sein Zuhause gewesen war, war kein besserer Ort.
Ihre Stimme war sanft und zärtlich, als sie sich ihm näherte. Noch war sie eine Handbreit größer als er, aber er wusste, das würde sich in den nächsten Wintern ändern.
Ihr Tonfall klang wie das Frühlingsgurren der Vögel, die auf den noch kahlen Ästen saßen und die zu schnell selbst für Tyrans Flügel waren.
Er fand sich auf den Knien wieder, und einer der Männer fasste in sein Haar. Sein Haar, hatte sie es bemerkt? Tyran hatte ihm gezeigt, wie die Askyaner einen Zopf banden, damit es beim Fliegen nicht ins Gesicht geriet. Hatte sie es bemerkt?
Mit einem Ruck zog einer der Männer seinen Kopf nach hinten. Dann war sie über ihm. Ihre Fingerspitzen streichelten seine Wange, die warme Hand, und dann sah er etwas glitzern. Zwischen ihrem Daumen und ihrem Zeigefinger, gehalten durch ein paar Tropfen der Mahr, drehte sich ein Splitter aus Kristall, weiß, glänzend, ein Briolette-Schliff, ein spitzer, schmaler Tropfen wie die Opalohrringe seiner Stiefmutter. Sie kehrte die Spitze des Kristalls nach unten.
Die Hand an seiner Wange fand seinen Kiefer, ihr Griff wurde fester, die Stimme blieb sanft; er protestierte, als ihre Fingernägel sich in seine Haut gruben.
Der Kristall schwebte über dem Glaskörper seines Auges. Ein schreckliches Grauen erfasste ihn. Er war unfähig, sich zu rühren, obwohl er zappeln wollte.
Sie spannte ihre Hand weit auf und senkte sie herab, der Kristall wanderte ihrer Bewegung voraus, und dann war er da, an seinem Auge.
Er hörte jemanden schreien, als der Splitter sich an seinem Augapfel vorbei ins Innere seines Schädels bohrte. Die Wärme auf seiner Wange kehrte zurück, der Augenwinkel blutete, doch es war nicht vorbei. Tiefer und tiefer stieß sich der Splitter hinab, dort, wo der Sehnerv verlief.
Der Schmerz war so riesig, so gewaltig, dass er glaubte, sein Kopf müsste bersten.
»Du bist jetzt ein Mann«, sagte sie.
Er war zwölf.
Es war der Aufprall auf dem Fußboden, der Rodric aus seiner Bewusstlosigkeit riss – zu spät, um sich abzufangen. Nichts hatte ihn je weniger gekümmert als die Kratzer, die er sich an Knien, Armen und im Gesicht an dem Steinboden einfing.
Obwohl die Schmerzen in seinem Kopf, hinabwandernd durch sein Rückenmark in die Extremitäten, ihm immer noch die Sinne vernebelten und er nur Schwärze sah, reichte das Gefühl des Steins aus, um ihm untrüglich zu vermitteln, wo er war. Es war nicht der Kerker geworden, sondern sein eigenes Zimmer.
Rodric wusste nicht, ob er darüber dankbar sein sollte. Sein Körper war so randvoll mit Schmerzen, dass er in sich nichts entdecken konnte, was zu Erleichterung fähig war.
Schwer atmend blieb er liegen. Lange durfte er auf dem kalten Boden nicht verweilen, das wusste er, sonst würde jede Verkrampfung der Muskulatur sich nur noch mehr verschlimmern. Rodric zwang sich, seine Augen geöffnet zu halten, obwohl die Dunkelheit seines Sichtfeldes sich nur langsam lichtete.
Der Schmerz in seinem Kopf war wie eine heiße Klinge, die durch zähen Honig geschoben wurde – sinnvernebelnd und doch scharf, mit einem Brennen, das es ihm schwer machte, sich zu konzentrieren. Er wählte von all den Dingen, zu denen er gerade noch imstande war, das Einfachste und Notwendigste: Einatmen, ausatmen. Zwanzig lange, tiefe Atemzüge gestattete er sich, bevor seine Hand nach Halt zu tasten begann.
Er fand ihn in Form seines Bettes. Einatmen, ausatmen. Zehn Züge, in denen er genügend Kraft sammelte, und sich dann schließlich nach oben zog. Er kam nicht auf dem Bett zum Liegen, sondern fand direkt in den Stand. Wenn er sich jetzt hinlegte, würde sein Körper nach Schlaf verlangen, und die Gefahr, dass Königin Lamia noch nicht fertig mit ihm war, war bei Weitem zu groß, als dass er sich jetzt die Ruhe hätte nehmen können.
Auf seinen Bettpfosten gestützt beruhigte er seine Atmung, bis das Dröhnen in seinen Ohren leiser wurde. Dann erst wagte er die wenigen Schritte hin zu der Kommode, auf der seine Wasserschüssel stand. Ein Blick in den kleinen Spiegel zeigte ihm die Auswirkungen der Scherbe mit aller Deutlichkeit – und gleichzeitig waren sie so harmlos, dass jemand, der nie davon gehört haben mochte, sie hätte übersehen können. Die Scherbe hatte die feinen Äderchen im Glaskörper seiner Augen zum Reißen gebracht, und diese zogen sich nun tiefrot bis hin zu seiner verdunkelten, violetten Iris. Tatsächlich hatte es dieses Mal auch ein paar Adern unter den Augen erwischt.
Es war nichts. Es würde heilen. Er war ein Nachtalb, und Lamia kannte die Dosis an Schmerz, die sie ihm verabreichen konnte, sehr genau. Sie wusste, wie viel sie tun musste, um ihn zur Ordnung zu rufen oder um ihn in die Bewusstlosigkeit zu treiben, nach ein, zwei, drei Stunden, in denen er sich auf dem spiegelglatten Boden des Thronsaals gewunden hatte.
Rodric füllte die Schale mit etwas frischem Wasser, fand mit noch unsicheren Fingern einen Lappen, den er ins Wasser tauchte, und begann, mit der anderen Hand noch auf die Kommode gestützt, sich den Schweiß aus dem Gesicht und dem Nacken zu wischen.
Ein Geräusch vor seiner Tür ließ ihn innehalten. Schwankend richtete er sich auf, als der äußere Riegel weggeschoben wurde, und eine der Wachen die Tür öffnete, um einen anderen Mann hereinzulassen.
»Mach schnell«, knurrte die Wache und gab den Weg für Rodrics unangekündigten Besucher frei. Der Blick des diensthabenden Alben streifte Rodric nur kurz, als er die Tür wieder zuzog, doch der Moment genügte, um Rodric die Verachtung für beide nun Anwesenden darin erkennen zu lassen.
Mit einem Seufzen lehnte Rodric sich an die Kommode.
»Hallo, Elmas«, sagte Rodric, wie immer, wenn er mit Elmas sprach, darauf achtend, dass kein Funke Mitleid in seiner Stimme mitschwang.
Der geduckte Alb richtete sich ein Stückchen auf. Mit Verspätung trat ein Licht in seine braunen Augen. Rodric atmete auf. Elmas erkannte ihn noch immer.
Der Erdalb kam ein wenig näher, das linke Bein hinter sich herziehend, und deutete ungeschickt eine Verneigung an, die Rodric erwiderte.
»Was bringst du mir denn da mit, Elmas?«, fragte Rodric und deutete mit dem Kinn in Richtung des Tabletts, das der Mann trug. Es kostete ihn sichtlich Kraft, es zu halten – die brandnarbenübersäte Haut spannte an den Knöcheln.
Elmas blickte auf die Schüssel und den Krug, angestrengt. Sein schlohweißes Haar fiel ihm in die Stirn. Langsam stellte er das Tablett ab, bevor er es sorgsam zurückstrich.
Weiß. Einst war es hellbraun gewesen, erinnerte Rodric sich. Damals, als auch Elmas’ Bein noch intakt gewesen war. Als er noch … normal gewesen war.
»Essen«, brachte Elmas hervor, Hilfe suchend wieder zu Rodric aufsehend.
Rodric nickte. »Danke.«
Es fiel ihm schwer, die Beklommenheit abzuschütteln, die er noch greifbarer spürte als den pochenden, langsam abklingenden Schmerz in seinem Kopf. Der Alb, der vor ihm stand, offensichtlich unschlüssig, ob er wieder gehen sollte, war nur wenig älter als er selbst, doch lag in seinem Ausdruck eine Müdigkeit, die Rodric selten bei einem der langlebigen Alben gesehen hatte. Er kannte ihn schon genauso lange wie Tyran, als er als Knabe von Thornehold in den Kristallpalast gekommen war. Damals hatte Elmas ein paar Jahre schon in Königin Lamias Diensten gestanden, ein schneidiger, nicht unattraktiver Alb, der nur den Kreis als Rún trug, dafür aber einen grünen. Keine besondere Begabung, weder geringe noch übermäßig große Macht, aber ein wacher Verstand und ein Geschick für den Umgang mit Waffen, obwohl er nicht unter dem Zeichen des Kriegers geboren worden war.
Rodric näherte sich langsam dem Tablett, um das Essen zu begutachten, das ihm die Königin nach ihrer … Auseinandersetzung gewährte.
»Noch … etwas anderes«, murmelte Elmas, in den Falten seines Gewandes suchend. Rodric wartete geduldig ab. Die Hände des Alben hatten seit dem einschneidenden Erlebnis, das ihn so verändert hatte, praktisch nie mehr aufgehört zu zittern. Sobald er morgens die Augen aufschlug, sagten die anderen Sklaven, bebten seine Muskeln.
»Hier.« Elmas streckte seine Hand aus. Die rechte hatte deutlich schwerere Verbrennungsnarben als die linke. Rodric tat es ihm gleich, und der Sklave ließ etwas in seine geöffnete Handfläche fallen. Rodric konnte sich nicht dagegen wehren, dass ein Lächeln über seine Züge wanderte.
»Die brauchst du mir nicht schenken«, sagte er, die kandierten Früchte betrachtend. »Die hast du doch sicher von deiner Tante aus der Küche?«
Die Küche des Kristallpalastes war einer der wenigen Orte, an denen Elmas, soweit Rodric wusste, vor dem Hohn, dem Spott, und der merkwürdigen Mischung von Angst und Verachtung sicher war, die ihm selbst die anderen Männer entgegenbrachten, die Königin Lamia dienten.
Pergament, dachte Rodric, als Elmas’ Hand sich um seine schloss, als wolle er ihm nachdrücklich befehlen, die kandierten Früchte gut festzuhalten, seine Haut ist wie Pergament.
Rodric selbst hatte eine Vielzahl von Narben, mehr, als er je hätte zählen können. Da war die markanteste eine tiefe Wunde, die jetzt als Narbe seine rechte Augenbraue teilte. Sein Rücken war in den ersten dreihundert Jahren seines Lebens so häufig von der Peitsche aufgerissen worden, dass die Struktur der Haut unwiderruflich zerstört worden war. Als Lamia gemerkt hatte, dass die Schäden zu groß wurden, hatte das für eine Zeit eine gewisse Mäßigung in den Maßnahmen bewirkt. Sie hatte auch ihre Heilerinnen beauftragt, sich seiner anzunehmen.
Elmas hatte ein derartiges Glück nicht gehabt.
Rodric bemerkte, dass Elmas ihn immer noch erwartungsvoll ansah. Elmas wies auf die Früchte.
»Also gut, mein Freund. Ich danke dir«, sagte Rodric. Vermutlich würde er nicht darum herumkommen, vor den Augen des Alben eine zu probieren. Rodric wählte ein kleines Stück und kostete es.
»Gegen … Kummer«, erklärte Elmas ernsthaft. Die Worte sorgten dafür, dass sich in Rodric für einen Moment alles zusammenzog. Welchen Kummer, den jemand wie er oder Elmas hatte, hätte schon ein Stück gezuckerte Süßigkeit heilen können? Und dennoch – Elmas lächeln zu sehen, als bereite es ihm wirklich Freude, Rodric diese Art von Medizin vorbeigebracht zu haben, löste in Rodric beinahe den Wunsch aus, sich vorzustellen, die Sorgen könnten durch eine solche kleine Geste vergehen.
Aber nichts konnte in Ordnung bringen, was in Norfaega geschah. Nichts konnte rückgängig machen, was Königin Lamia ihnen allen angetan hatte.
Es war beinahe vierhundert Jahre her. Rodric selbst war auch in Val Thalas gewesen, aber nicht im Palast – es war ein Sommertag, erinnerte er sich, und er und Tyran hatten es irgendwie vollbracht, einige Wochen lang nicht in Ungnade zu fallen. Sie waren trinken gewesen, irgendwo in den Kaschemmen am Weißen Fluss, wo sie sich vor niemandem verneigen oder rechtfertigen mussten, und wo die Wahrscheinlichkeit gering war, auf jemanden zu treffen, den sie kannten.
Als sie zurückgekommen waren, hatten sie beide mit den Sinnen des Kriegers gewittert, dass etwas nicht stimmte. Wut, lodernde, brennende Wut erfüllte die Korridore. Angezogen von den Emotionen rannten sie beide in den Thronsaal, nur um mitten in eine Bestrafung zu stolpern.
Rodric erinnerte sich, wie er seine schwarze Rún hatte einsetzen müssen, um Tyran, impulsiv wie immer, davon abzuhalten, nach vorn zu stürzen, als Vetis siedendes Öl auf Elmas’ Unterarme und Hände goss.
Manchmal glaubte Rodric, noch nie jemanden so laut schreien gehört zu haben. Doch es war nicht nur der Schrei gewesen, der in seinen Ohren widerhallte – sondern auch das Summen der Scherbe, die spürte, dass eine andere ihrer Art ganz in der Nähe aktiviert worden war und benutzt wurde.
Lamia hörte nicht auf. Nicht, als das Blut aus Elmas’ Nase schoss. Nicht, als er bewusstlos wurde. Und als ein Rinnsal dunkler Flüssigkeit aus seinen Ohren tropfte, spürte Rodric das Bersten des Verstandes seines Kameraden.
Die Schmerzen durch das Öl waren eine Tortur gewesen, die er niemandem wünschte – aber die Folter durch die Scherbe hatte irgendetwas … mit Elmas gemacht. Rodric hatte zuvor schon Hinrichtungen mithilfe der Scherbe erlebt – schreckliche Momente, in denen er die Adern der Augen reißen sah, bevor die Iris sich in die Innenseite des Kopfes drehte, und der Delinquent zu Boden fiel – aber Elmas war nicht gestorben. Sie hatte nur irgendetwas in ihm … zerbrochen.
Jetzt taugte er nicht einmal mehr für die Blutgärten, in denen sich im Sommer die Gesellschaft Shaylas versammelte, um den Kämpfen zuzusehen.
Die Süße des Zuckers in seinem Mund erinnerte ihn schlagartig an das verbrühte Fleisch. Rodric schloss die Hände zu Fäusten.
»Nicht gut?«, fragte Elmas besorgt.
»Doch«, erwiderte Rodric. »Mir ist nur gerade etwas klar geworden.«
Ein Lächeln legte sich auf Elmas’ Züge.
Rodric erwiderte es.
Nämlich, dass ich alle Königinnen eines Tages töten werde.
Tyran
12
Sklavenbaracken sahen überall gleich aus.
Diese Tatsache stand für Tyran nicht in Zweifel. Viel schlimmer jedoch: Sie rochen auch immer gleich; nach Schweiß und getrocknetem Blut und der sich ausbreitenden Resignation. Er hatte im Laufe seines Lebens so viele bewohnt, dass die Erinnerungen an die einzelnen Höfe manchmal zu verschwimmen drohten. Zugegebenermaßen war in einigen Anwesen die Unterbringung akzeptabler als anderswo gewesen, aber hier, in Oakwrath, befanden sich die Sklavenunterkünfte in holzverkleideten, doch gemauerten Häusern am rechten Rand der Festung. Zwischen den einzelnen Hütten gab es eine weitere Wasserpumpe und eine Kochstelle, die von den Sklaven eigenständig benutzt werden konnte. Für Tyran hatte es bisher noch nichts gegeben – er hatte, wie man ihm eindringlich erklärt hatte, für seinen Anteil des Essens noch nicht gearbeitet.
Das würde er vermutlich noch früh genug.
Tyran ignorierte seinen knurrenden Magen, während er nach einem passenden Versteck für den wenigen persönlichen Besitz suchte, den er mit sich führte. Es war üblich, dass man Sklaven vieles abnahm, aber einige kleine Gegenstände schaffte er fast immer zu verbergen. Im Kristallpalast, wo der Jäger die Oberaufsicht über die Sklaven hatte, ließ man ihm zudem auch ein wenig privaten Besitz, weil der Jäger schon seit der ersten Generation an jungen Kriegern, die er ausbildete, festgestellt hatte, wie weit manche von ihnen bereit waren zu gehen, um etwas zu behalten, was für sie einen ideellen Wert besaß.
Fast jeder von ihnen hatte so etwas, worauf er besonders achtete. Bei manchen war es ein Kleidungsstück oder ein Brief, eine Waffe, die sie von jemandem geerbt hatten. Tyran selbst waren nicht viele Erinnerungsstücke aus seiner Kindheit geblieben und danach hatte er kaum neue erworben.
Trotzdem machte er sich daran, eine der schmalen Pritschen beiseitezurücken. Feuchtigkeit war durch das Mauerwerk und die Holzverkleidung gedrungen, sodass eines der Bretter sich lösen ließ. Die Stelle war nicht gerade unauffällig – vermutlich war sie schon früher von jemandem benutzt worden. Tyran griff nach dem eng geschnürten Bündel, in dem sich unter anderem der Faustkeil befand, den Rodric ihm mitgegeben hatte. Vielleicht wäre dieser im Kristallpalast besser aufgehoben gewesen. Rodric hatte dort zumindest sein eigenes Zimmer. Hier, da brauchte Tyran sich keine Illusionen machen, würden sie die Gegenstände finden, wenn sie sich die Mühe machten, danach zu suchen. Sorgfältig verschloss Tyran das Loch und schob mit dem Schienbein die Pritsche wieder zurück an ihre vorherige Stelle.
Darauf lag seine Tunika. Einer der Sklaven, die für grobe Arbeiten in der Burg wie das Ausbessern des bröckelnden Mauerwerkes und für die Verarbeitungen des Eichenholzes ganz in der Nähe zuständig waren, hatte ihm eine Bürste gegeben, mit der er die Tunika von dem Schlamm der Straße hatte befreien können. Tyran verzog das Gesicht, als er sie hochhob. Sie hatte wirklich schon bessere Tage gesehen. Aber da Elnesta diese bekannte Vorliebe für Askyaner hatte, würde sie ihn wohl auch in seiner traditionellen Kleidung sehen wollen.
»Du weißt noch immer, wie man sich Feinde macht, Tyr.«
Einen Moment lang glaubte Tyran, es wäre Rodric, der ihn so spöttisch ansprach – doch noch im selben Moment verwarf er diese instinktive Vermutung. Es war eine andere Stimme, ein anderer Dialekt, der etwas gutturale askyanische Akzent, ganz anders als die Hochsprache Shaylas in der rauchigen Stimmlange seines besten Freundes.
Und dennoch löste der Satz die merkwürdige Empfindung einer halben Erinnerung aus, so, als hörte man die letzten Töne eines bekannten Liedes.
Tyran drehte sich um, noch während er hinter dem Rücken die Jagdtunika schloss.
Im Türrahmen der Baracke, die er sich mit einigen anderen Sklaven teilen würde, lehnte ein Sturmalb mit einem Bart, der genauso blond wie seine Mähne war.
Tyran blieb stumm. Das Gesicht … er kannte das Gesicht, doch …
Der Askyaner schien zu begreifen, dass die Wiedersehenserkenntnis ausblieb. Er lächelte nachsichtig – und mit eindeutigem Schalk in den Augen, die beinahe so blau waren wie Tyrans eigene.
»Tja, Ragnal«, neben ihm tauchte ein weiterer Sturmalb auf, der ihm zum Verwechseln ähnlich sah – nur hatte dieser sich die hellen Haare an den Schläfen ausrasiert. »Du bist wohl ein bisschen hässlicher geworden, sodass dich Tyr nicht mehr erkennt.« Für diese Bemerkung erntete er einen Schlag in die Magengrube, den er tapfer hinnahm, und in diesem Moment begriff Tyran, um wen es sich handelte.
Die beiden Männer waren keine anderen als seine Cousins aus Stormwood.
»Asbjorn«, nannte Tyran den fehlenden Namen, der ihm endlich wieder in den Sinn kam, Asbjorn und Ragnal Stormblood. Die Söhne seines Onkels. Es war Jahrhunderte her; fast sein ganzes Leben. Einst hatten sie in der Festung Stormhaven gemeinsam gelebt; sie waren ein wenig älter als er, und damals hatte es zu seinem Tagesinhalt gehört, seinen Vettern und ihren Freunden hinterherzulaufen und zu versuchen, sie bei jedem Unsinn zu übertreffen.
Das war gewesen, bevor Königin Lamia die Hälfte von Askyan erobert und Stormwood besetzt hatte. Es erschien ihm beinahe unwirklich.
Im nächsten Augenblick wich die Überraschung dem seltenen und deswegen umso köstlicheren Gefühl, die beiden tatsächlich wiedergefunden zu haben. Mit einem Lachen näherte er sich ihnen, sie teilten eine Umarmung, die damit endete, dass Asbjorn ihn auf Armeslänge von sich weghielt und ihn eingehend musterte.
»Ist es möglich? Ich glaube, Tyranar ist größer als wir beide. Und ich glaube, der Herold Waylan hat sich ein bisschen vor ihm in die Hosen gemacht.«
Genauso lange, wie es her war, dass er seine Cousins gesehen hatte, war es auch her, dass er jemand anderes als Tyran gewesen war. Kaum dass er in Shayla angekommen war, hatte der Jäger seinen Namen zu Tyran abgekürzt und dabei war es geblieben.
Tyran stieß einen Fluch aus, der seine Cousins nur zum Lächeln brachte. »Scheiße!« Er griff Asbjorn am Arm und zog ihn weiter in die Baracke hinein. »Scheiße, was tut ihr beide hier?«
Auch wenn es lange her war, wusste Tyran noch genau um das Schicksal der beiden, als das Gebiet Stormwood gefallen war. Ihre gemeinsame Großmutter Königin Aswang, die Wölfin, hatte letzten Endes kapitulieren müssen, als zu viele ihrer Herolde getötet worden waren. Es war schwer gewesen, Einigkeit unter den Sturmalbenclans zu stiften, die einander kaum über den Weg trauten. Die Rivalität zwischen den Stormbloods und dem Clan Ironskin war uralt und hatte selbst unter Aswang weitergeköchelt. All ihre Bemühungen, Frieden zu stiften – selbst ihre Entscheidung, Ira Ironskin zu ihrer Nachfolgerin zu ernennen – waren ergebnislos geblieben.
Schuld daran war natürlich niemand anderes als Lady Reginleif vom Coldriver-Clan gewesen, die einst über den Queen’s Pass in Askyan geherrscht hatte und schließlich auf Königin Lamias Seite übergelaufen war – und die jetzt in Stormhaven über beinahe zwei Drittel des ehemaligen Sturmalbenheims herrschte.
Als Bedingung des Waffenstillstandes hatte Königin Lamia damals adlige Mündel gefordert, was bei den Sturmalben, die keine Aristokratie wie die Alben in Shayla oder Glynvail, sondern ein Clansystem hatten, im Grunde die Familienmitglieder der alten Königin bedeutete. Lamias Wahl war damals auf ihn und seinen kleinen Bruder gefallen, der zu diesem Zeitpunkt kaum das Laufen gelernt hatte. Der kleine Artmar war in Tyrans Armen gestorben, noch bevor sie den Kristallpalast erreicht hatten.
Tyran ballte die Hände zu Fäusten.
»Ich bin damals in die Sklaverei gegangen, damit ihr es nicht musstet. Euer Vater hatte Zeit, euch fortzubringen und jetzt …« Er konnte sich gerade noch davon abhalten, Ragnal ins Gesicht zu schlagen, dessen selbstgefälliges Grinsen nicht einen Moment von seinem Gesicht wich. »… und jetzt seid ihr hier. Verdammt!«
Die Zwillinge tauschten Blicke aus, die Tyran nicht verstand. Narren, dumme, einfältige, askyanische Narren. War ihnen nicht bewusst, wo sie waren? Begriffen sie nicht, was das hieß? Was es für ihn hieß, noch mehr seiner Familienmitglieder in ständiger Gefahr zu wissen?
Sie hatten mit einem Teil der Grausamkeit Shaylas schon Bekanntschaft gemacht, erkannte Tyran jetzt. Ihre hellgrauen Flügelpaare waren gestutzt worden. Die Prozedur, bei der die äußersten Federn gekürzt und die stabilsten mittigen Federn ausgedünnt wurden, war nicht unbedingt sehr schmerzhaft, sondern lediglich unangenehm. Was das Stutzen der Flügel aber zur Konsequenz hatte, war die Tatsache, dass das Fliegen um ein Vielfaches anstrengender wurde. Weite Strecken und große Höhen schlossen sich praktisch aus; es war unmöglich, die rasanten Geschwindigkeiten zu erreichen, die den Sturmalben normalerweise so recht waren. Die Federn wuchsen immer wieder nach, sodass sie ihm selbst meist alle drei oder vier Monde gekürzt wurden. Zudem trugen beide Mahrilliumreifen um ihre Fußgelenke.
»Sollen wir es ihm jetzt schon sagen?«, fragte Ragnal seinen Zwillingsbruder, doch bevor derjenige antworten konnte, fingen Tyrans Sinne eine weitere Schwingung einer Aura auf.
Die drei Männer verstummten schlagartig. Tyran zwang sich, seine Körperhaltung zu entspannen, bis der Herold sie erreichte und das Gespräch unterbrach.
Was sagen? Tyran verfluchte den ungünstigen Zeitpunkt, als der Herold – Waylan, so hatten sie ihn genannt – die Hände in seine Hüften stemmte und einen Pfiff durch seine Zähne ausstieß.
»Na, da sieh mal einer an, was unter dem ganzen Schmutz zum Vorschein gekommen ist.«
Tyran warf seinen Vettern, die überraschend schnell die Lider senkten und vor dem Herold zurückwichen, einen kurzen Blick zu. Sie würden das Gespräch später fortsetzen müssen – und vor allem war es wichtig, dass niemand die allzu enge Verbindung zwischen ihnen bemerkte. Es war ein Vorteil, dass die Lichtalben und Nachtalben in Shayla die anderen großen Albenvölker als unter ihrer Würde betrachteten. Die Erdalben hatten es insgesamt vermutlich am schlimmsten getroffen. Zuerst waren sie von den Nachtalben beherrscht worden, in deren mächtigsten Blutlinien sich die stärksten Rúnirfarben und -zeichen häuften, bevor deren helle, gold- und silberhaarige Brüder und Schwestern nach dem Kataklysmus im Alten Tirnanóg und auf den Sommerinseln eine neue Heimat gesucht hatten. Die Eliten hatten sich durchmischt; der alte Nachtalbenadel war allzu leicht mit Gold, Seide und Wein ihrer damals noch exotischen Verwandten zu verführen gewesen. Das Nachsehen hatten Erdalben, die vor langer Zeit in Scharen nach Glynvail abgewandert waren, bevor die Grenzen sich auf beiden Seiten immer mehr verhärtet hatten. Mittlerweile war das südlichste Land des Kontinents fast unerreichbar, der einzige Pass durch die Gläsernen Berge abgeriegelt. Selbst Königin Lamia hatte diese letzte Schwelle noch nicht angetastet.
Die Sturmalben hatten nie gänzlich zu dem Machtkomplex Norfaegas dazugehört. Seitdem sie in Askyan herrschten, hatten sie sich mit diesem Gebiet zufriedengegeben und sich kaum mit den anderen Linien vermischt – Ausnahmen, die es gab, führten selten zu Gutem. Mischlinge hatten oft verkümmerte Flügel oder gar keine, und waren damit nicht nur wertlos für die Höfe in Askyan, deren Festungen teilweise mit dem klaren Gedanken errichtet worden waren, dass man fliegen können musste, um sie sinnvoll zu nutzen – nein, eigentlich war es schlimmer. Ein flügellos geborener Sturmalb war eine Belastung für die enge Gemeinschaft.
Aber solche Regeln verstanden die Shaylier nicht und es war ihnen auch egal. Das Clansystem war ihnen fremd; in Shayla waren Familienmitglieder nur Spielfiguren bei einer Partie Langer Atem.
»Unsere Königin erwartet dich.«
Sie ist nicht meine Königin.
»Von welcher Königin sprechen wir? Ich habe hier bisher eine einzige Frau gesehen, und das war eine läufige Hündin. Dem Geruch nach zu urteilen – und dem Blähen deiner Nasenflügel – da, schon wieder – eine, die du auch schon hattest.«
Ein scharfer, wilder Impuls von Schmerz schoss durch Tyrans Kopf, sodass er sich am Türrahmen festhalten musste. Er schüttelte sich, als könnte er so das betäubende Klingeln aus seinen Ohren herausbekommen.
Der Herold ließ die Kette, an der er das Gegenstück zu Tyrans Scherbe trug, klimpern.
»Wirst du mir tatsächlich Schwierigkeiten machen? Ich kann dich auch fesseln und mitschleifen lassen. Aber vielleicht bevorzugst du es, aufrecht zu deiner neuen Königin zu gehen.«
Sie ist nicht meine Königin!
Es brachte nichts, jeden Funken Protest hier zu verschwenden. Wenn er sich jetzt geschickt anstellte, würde diese Schlampe Elnesta nur ein einziges Mal versuchen, ihn in ihr Bett zu holen. Mit einer spöttischen Verneigung bedeutete er dem Herold, voranzugehen, doch jener ließ ihn schnell zu sich aufschließen. Vermutlich war es ihm genauso unangenehm wie jedem anderen Alben, eine unberechenbare Gefahrenquelle direkt hinter sich zu haben, wo selbst die feinen Sinne einen nicht immer vor Schaden bewahren konnten.
»Du wirst sie mit ›Majestät‹ ansprechen«, informierte der Herold ihn. Das war nichts Ungewöhnliches. Nicht hier. Im Kristallpalast hingegen verzichteten viele der Königinnen auf den höchsten Ehrentitel in der Gegenwart von Lamia. Das Umgewöhnen, wann welcher Titel benutzt werden sollte, war lästig, aber glücklicherweise erwarteten sie selten eine elaborierte Konversation von ihm.
Oakwrath war weitaus weniger fortschrittlich als der Kristallpalast, was die Aufarbeitung der Architektur betraf, stellte Tyran fest. Nicht dass es ihn sonderlich gestört hätte. Aber die Festung wirkte so, als hätte sie schon einige Jahrhunderte unter den Gezeiten gelitten. Der Innenhof stellte eindeutig das Zentrum des hier ansässigen Hoflebens der Herolde und Höflinge dar – anders als in der Hauptstadt Shaylas mit dem imposanten Thronsaal, den mit Spiegeln ausgekleideten Hallen voller Gold und Silber und den Separees, die mit kostbarem Samt ausgekleidet waren und in denen sich die Elite von Königin Lamias Hof zu ein paar vergnüglichen Stunden traf.
Ein paar Männer trainierten an Übungspuppen, andere standen zusammen und tranken. Die Festung war trotz der offeneren Bauweise so viel kleiner als der Kristallpalast, dass es Tyran merkwürdig vorkam, wie schnell sie die Gemächer der Königin erreichten. Die Tür wurde von zwei Kriegern flankiert, die ihn zusammen mit dem Herold hineinbegleiteten.
Eine zusätzliche Vorsichtsmaßnahme? Oder schätzt Elnesta einfach Zuschauer?
Es war unerheblich. Er hatte vor langer Zeit aufgehört, Scham zu empfinden. Das zu schaffen war vielleicht das Schwerste gewesen. Aber irgendwie war es ihm doch gelungen, etwas in sich zu bewahren, das unangetastet blieb von Blicken und Worten.
Die Königin hatte sich herausgeputzt, das konnte er mit einem Blick erkennen. Oakwrath war nicht die Kristallstadt. Das hier war die Provinz, und sie hatte sich jedes Schmuckstück umgehängt, das sie besaß. Wie würde sich wohl ihr Gesichtsausdruck verändern, der jetzt die gleiche freudige und oberflächliche Überraschung wie schon zuvor im Hof zeigte, wenn er die goldenen Ketten um seine Hand wickelte und zuzog, bis sie erstickte?
»Da bist du ja«, begrüßte sie ihn, als hätte er eine Wahl gehabt.
Tyran starrte sie schweigend an.
Sie seufzte dramatisch.
»Tyran, richtig? Natürlich weiß ich, dass die askyanische Form deines Namens Tyranar lauten müsste. Ich hätte nichts dagegen, dich so zu nennen, wenn du das möchtest.« Sie leckte sich über ihre bemalten Lippen. »Ich möchte nämlich, dass wir beide gute Freunde werden.«
Tyran lachte verächtlich auf.
Es gibt keine Freundschaft zwischen Falken und Ratten.
Eine Faust traf ihn ohne Vorbereitung in den Magen und die Wucht sorgte dafür, dass er sich krümmte, nur für einen Augenblick.
»Du wirst antworten, wenn Königin Elnesta dich adressiert«, sagte Waylan.
»Mäßige dich«, ermahnte die Herrin von Oakwrath ihren Herold und wandte sich erneut an Tyran: »Du musst seine Übereifrigkeit entschuldigen. Waylan ist es nicht gewöhnt, dass ein Sklave eine mächtigere Rún als er selbst trägt. Was mich angeht … finde ich den Gedanken ausgesprochen anregend.« Sie klatschte in die Hände. »Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, ich erinnere mich. Gute Freunde.«
Mit wenigen Schritten trat sie zu einem Tischchen, auf dem mehrere Krüge standen.
»Ich hatte ja eigentlich vor, dir Wein anzubieten. Aber natürlich weiß ich über euch Sturmalben besser Bescheid. Ihr bevorzugt Bier, richtig?«
So durchschaubar. So vorhersehbar. Tyran fühlte, wie die Wut wieder in ihm zu brodeln begann – dabei hatte sie ihn noch nicht einmal angefasst. Wie oft hatte er diese Art von Gespräch erlebt? Den Versuch einer Bestechung? Wie oft hatte er erlebt, wie Königinnen mit gezuckerten Worten versuchten, die Illusion von Vertrauen zu erschaffen, von der sie sich versprachen, sie würde ihn auch nur im Geringsten davon abhalten, ihr die Kehle herauszureißen, sobald er die Gelegenheit hatte?
Er beobachtete, wie sie einen Becher mit dunklem Bier füllte. Sie hatte nicht unrecht, nicht, was das Getränk betraf. Der Wein, den sie im Kristallpalast zu ziemlich jeder Gelegenheit tranken, war nicht schlecht – leicht und süß und fein – aber askyanisches Bier schmeckte nach Bergen und Wäldern und nach Heimat.
Die Königin hielt ihm den Becher hin.
»Du darfst trinken«, ermutigte sie ihn lächelnd.
Es war kein gutes Lächeln.
Tyran nahm das Bier an und ertastete die Flüssigkeit routiniert mit seinem Geist, um eine mögliche Droge zu erkennen, die Elnesta hineingetan haben könnte. Sie erkannte sein Zögern und deutete es richtig.
»Ah«, machte sie, als sie sich auf ihren Schreibtisch setzte und lasziv ein Bein über das andere schlug, »ich sehe, du bist geübt darin, Getränke zu überprüfen. Wer hat dir das beigebracht?«
Das Getränk war sauber. Hätte sie etwas hineingetan, hätte sein Rot die Spuren des schwächeren Grüns erkannt. Tyran hob den Becher an seine Lippen und trank.
»Der Blutritter«, antwortete Tyran schlicht und genoss den Moment der Erkenntnis in Königin Elnestas Augen. Er würde Rodric definitiv nicht erzählen, dass er mit seinem Namen derartige Reaktionen auslösen konnte.
Der Bastard ist schon arrogant genug, auch ohne das.
»Ich habe viel von eurer … Freundschaft gehört«, sagte Elnesta. »Was hat er dir denn noch … beigebracht?«
Die Wut verdichtete sich in seinen Adern. Etwas daran, wie sie dort saß – selbstgefällig, als hätte sie einen großen Sieg damit verzeichnet, dass er das Getränk angenommen hatte –, ließ sein Blut heiß werden. Vielleicht sollte er unauffällig bleiben – ihr Interesse nicht durch zu große Provokation anheizen. Geduldig sein, wie Rodric es ihm immer wieder riet.
Elnesta zog den Stoff, der eben noch ihre Beine bedeckt hatte, nach oben, als würde ihn der Anblick ihrer nackten Haut um den Verstand bringen.
Ach, scheiß drauf!
Tyran trank das Bier aus und mit einer einzelnen Bewegung warf er den Becher in die Flammen des flackernden Kaminfeuers. Die Wachen reagierten alarmiert und griffen nach ihren Schwertern – aber Königin Elnesta mit gespannter Erwartung, als er sich ihr näherte. Sie hob ihre Hand, was die Krieger innehalten ließ.
Seine linke Hand legte Tyran auf den entblößten Oberschenkel, mit der rechten stützte er sich auf dem Tisch ab. Er war ihr nun so nah, dass er beinahe ihren Atem schmecken konnte.
»Ich habe eine Menge von ihm gelernt«, raunte Tyran direkt an ihren Lippen.
Sie kicherte und hielt ihn nicht auf, als er seine Hand nach oben wandern ließ, bis sein Daumen den rasenden Puls ihrer Halsschlagader fand. Tyran beugte sich weiter vor und öffnete seine Flügel.
»Das hier zum Beispiel.«
Sein Instinkt und seine Wut entschieden für ihn, bevor sein Verstand Einspruch einlegen konnte. Die Mahrillium-Schellen würden ihn vorerst von allem zurückhalten, was seine Mahr benötigte – aber die Königin hatte vergessen, dass ein Krieger mehr war als seine Rún.
Der Griff um ihren Hals festigte sich – war das ein Aufblitzen von Lust in ihren Augen? – und fast war Tyran überrascht, mit welcher Leichtigkeit er Elnesta nach hinten stoßen konnte. Es gab ein hässliches, dumpfes Geräusch, als ihr Hinterkopf auf der Tischplatte aufschlug. Die Sekunden, in denen die Wachen von dem Aufschrei ihrer Herrin zu perplex waren, gaben Tyran kostbare Zeit, und er riss sie erneut nach oben, nur, um die Geste zu wiederholen. Ein zweites Mal donnerte er ihren Kopf gegen das Holz.
Waylan erreichte ihn und setzte seine Schwertspitze an seinen Nacken, doch Tyran war zu schnell für ihn. Er fuhr herum, seine Flügelspannweite ausnutzend, und traf mit seiner Handkante den empfindlichen Kehlkopf. Der Herold stolperte nach Atem ringend zurück. Obwohl ihn der Rausch eines beginnenden Kampfes normalerweise mit einer grimmigen Vorfreude erfüllte, war da noch etwas anderes. Ein merkwürdiges Gefühl, das seinen Herzschlag beschleunigte und das sich bei Weitem nicht so gut anfühlte wie das instinktive Wissen eines Kriegers, dass Blut fließen würde.
Etwas stimmte nicht.
»Ergreift ihn! Ergreift ihn!«
Das Kreischen der Königin ließ Tyran ausholen. Die Ohrfeige, die folgte, brachte sie zum Schweigen und zeigte Tyran den echten erstaunten Ausdruck im Gegensatz zu dem gespielten. Es blieb keine Zeit, sich ihr gründlicher zu widmen. Die zwei übrigen Krieger fanden endlich ihren Mut und traten mit gezogenen Schwertern auf ihn zu.
Tyran strich sich die wirren Haarsträhnen aus dem Gesicht. Sie beäugten ihn wie ein wildes Tier. Gut so.
»Ihr wolltet einen Askyaner sehen«, flüsterte er. »Das hier ist einer.«
»Ergreift ihn endlich!«
Der Befehl der Königin trieb einen der beiden Krieger genügend an, um sich nach vorn zu stürzen. Tyran wich der Schwertklinge aus, bekam das Handgelenk des Mannes zu fassen und drehte es, langsamer, als er es gemusst hätte. Er fand den Moment, kurz bevor es brach, und entlockte dem Krieger einen gellenden Schrei.
Ein scharfer, heißer Schmerz fuhr durch Tyrans Kopf und ließ sein Sichtfeld fast schlagartig schmal werden. Mit einem Knurren drehte er das Handgelenk noch ein wenig weiter, bis das Knacken des Knochens und das Aufheulen des Kriegers ihm verrieten, dass es der Belastung nicht mehr standgehalten hatte.
Tyran schwankte. Die Scherbe. Wer? Wo?
Es war nicht Waylan, der Herold kam erst wieder auf die Beine – aber das merkwürdige Gefühl, das sich in Tyran ausbreitete, verdichtete sich immer mehr. Es war nicht nur die Scherbe. Es war noch etwas anderes.
»Was habt ihr getan?«, grollte Tyran. Sein Blut rauschte in seinen Ohren. Wieso war ihm so schlecht? Ein Schwindel erfasste ihn und er stieß irgendetwas – einen Kerzenleuchter? Einen Briefbeschwerer? Er wusste es nicht. – von dem Schreibtisch, das auf den Fliesen zu Bruch ging.
Tyrans Muskeln streikten und er folgte dem Gegenstand zu Boden.
Die Gewissheit griff nach ihm mit kalten, klammen Fingern.
»Gift«, stieß er hervor; halb lachend – lachend vor Zorn, vor Verachtung, und Elnesta kam näher.
»Nein, nein«, gurrte sie. »Nein, Tyranar, kein Gift.«
Ihre Finger durchwühlten sein Haar, und ihm wurde mit Schrecken bewusst, dass es einen Teil in ihm gab, der ihre Finger an einer ganz anderen Stelle spüren wollte.
»Es ist nichts Gefährliches«, sagte die Herrin von Oakwrath, während ihre Hände sein Gesicht erreichten. Es fiel ihm schwer, ihren Worten konzentriert zuzuhören.
Tyran versuchte, sich aufzurichten, aber weiter als auf seine Unterarme gestützt kam er nicht.
Er beugte sich weiter vor, sich krümmend, als er spürte, wie das Blut sich bei seiner Körpermitte sammelte … und dann tiefer.
Er wand sich in dem Versuch, auf die Beine zu kommen, doch mittlerweile hatten die Krieger sich wieder gefasst. Er konnte denjenigen, dem er das Handgelenk gebrochen hatte, nicht sehen, aber der Herold und der übrige Krieger packten ihn um die Oberarme.
»Schafft ihn ins Schlafzimmer«, befahl die Königin. Die beiden Männer zogen ihn weit genug nach oben, um ihn aufzurichten, aber nicht genug, als dass er wieder in den Stand hätte finden können. Tyran suchte in sich nach dem Fokus seiner Mahr; er musste versuchen, die Schellen zu sprengen. Doch selbst wenn ihm dies gelang – was dann? Er hatte sich übertölpeln lassen von dem Miststück.
Nein, so ist es nicht. Er hatte das Bier überprüft. Er hatte ertastet, ob sich darin etwas befand, und keine Droge war seinen Sinnen aufgefallen. Wie …?
Der Anblick, der sich ihm in dem Schlafzimmer der Königin offenbarte, fegte jeden vernünftigen Gedanken aus seinem Kopf. Seine Augen begriffen schneller als sein Verstand und ein fassungsloser Schrei löste sich aus seiner Kehle.
Über dem Bett hing, weit aufgespannt und mit silbernen Nägeln in die Holzvertäfelung geschlagen, ein Paar Flügel.
Sein Magen rebellierte.
Die Flügel eines Askyaners, wie er einer war; wunderschön und tiefbraun glänzend. Der Flügelspannweite nach zu urteilen waren es die eines Mannes – sie waren beinahe so groß wie seine. Tyran würgte, aber er hatte zu wenig im Magen, als dass er hätte erbrechen können.
»Sie waren perfekt. Ein so dichtes, schimmerndes Gefieder. Ich musste sie einfach behalten«, schwärmte die Königin, die seinen Blick richtig gedeutet hatte. Sie beobachtete genau, wie man seine Hände zusammenkettete. Tyran erkannte die Absicht zu spät; erst, als eine zweite Kette durch eine Öse in der Decke heruntergeführt und mit seinen Händen verbunden wurde.
Sie zogen ihn nach oben. Es war ihm gleich. An der Wand hingen die Flügel eines Sturmalben, eines Kriegers, eines Bruders, und das Blut, das sich in seiner Körpermitte gesammelt hatte, verursachte Schmerzen, von denen er ahnte, dass es nur eine einzige Lösung geben würde, um sie zu lindern.
»Du verdammte Hure«, flüsterte er und hasste dabei, wie undeutlich seine Sprache durch die Droge geworden war. Die Königin durchkämmte ihr Haar mit den Fingern. Ihr Blut ließ die hellen Strähnen zusammenkleben. Er konnte riechen, dass sie ihre Selbstsicherheit wiedergewonnen hatte, jetzt, da er in Ketten lag und die Droge ihm jede Konzentration raubte. Sie trat auf ihn zu und machte sich an seiner Gürtelschnalle zu schaffen.
»Möchtest du wissen, was mit dem Askyaner passiert ist, dessen Flügel ich als Andenken behalten habe?«
Tyran drehte den Kopf zur Seite und ballte die Hände zu Fäusten. Er trug Rot. Er war ein askyanischer Krieger. Er konnte diese Ketten sprengen. Er musste.
»Ich habe ihn in die Minen von Arngarth geschickt. Ich habe ja nicht ihn gebraucht – sondern nur seine Flügel. Das ist sehr lange her, Tyranar. Manchmal, wenn ich im Bett liege, denke ich daran, dass es für ihn viel bequemer gewesen sein muss, durch die Schächte zu kriechen, ohne diese großen Flügel, meinst du nicht auch?«
Das Zittern seiner Muskeln wollte nicht nachlassen und das dunkle Knurren wurde lauter, als sie sein Glied umschloss, das gegen seine Hose drängte.
»Ich werde dich töten«, versprach er ihr. »Und du solltest hoffen, dass es so kommt. Denn wenn ich es nicht tue, tut es Rodric.« Er schluckte, bebend vor Zorn. »Wir können dich beide in Stücke reißen, aber ihn würdest du darum anflehen, lange bevor er mit dir fertig ist.«
Für einen köstlichen Moment erkannte Tyran, wie ihre Gesichtsfarbe fahl wurde, bevor sie sich wieder daran erinnerte, wer angekettet war und wer nicht. Sie schlug ihn ins Gesicht; ein lächerlicher Schmerz verglichen mit dem Pulsieren zwischen seinen Beinen.
»Zieht ihn höher«, befahl sie, wobei sie sein Kinn zwischen ihre Finger nahm. Ihre Nägel bohrten sich tief in seine Haut. »Ich kann dich nicht verkaufen wie deinen Vorgänger hier – schließlich bist du nur gemietet. Aber du wirst sehr schnell lernen, dass es klüger ist, mir keinen Ärger zu bereiten.«
Die Schmerzen in seinen Armen und Schultergelenken nahmen zu mit jeder Handbreit, die sie ihn höherzogen, bis seine Zehenspitzen den Boden nur noch leicht berührten. Sie schlangen mit großer Sorgfalt Seile um seine Flügel, um ihn zu zwingen, sie zusammengefaltet an seinen Rücken zu legen.
Der Triumph in den Augen des Herolds prallte von Tyran ab, als jener seine Peitsche entrollte und ihm seine Tunika vom Körper riss.
Es blieb Tyran keine Zeit, sich darauf gefasst zu machen, doch er hatte die Peitsche in seinem Leben zu oft gespürt, als dass er sich davon ängstigen lassen würde. Sie hatten alle ihre Methoden, um damit umzugehen. Die Droge machte es schwieriger – sie vernebelte die Sinne und ließ ein gewaltsames, körperliches Verlangen in ihm aufsteigen, von dem er nicht wusste, wie er es bezwingen sollte. Aber Peitschenschläge waren so gewöhnlich, dass es ihn beinahe erleichterte, wie vertraut sich der erste Schlag auf seinem Brustkorb anfühlte.
»Eins«, zählte Waylan.
Eins. Stormwood.
»Zwei.«
Zwei. Der eiskalte, klare Fluss Prat, der im Arngarthgebirge seine Quelle hatte.
»Drei.«
Der Klang der Trommeln und der Laute am Abend, wenn die Himmelslichter erschienen.
»Vier.«
Die Stimme seiner Mutter, die ihn aufforderte, die Hände zu waschen, bevor er sich an den Tisch setzte.
Sein Vater, der am Feuer schnitzte.
Sein Onkel, der ihn von seinem Bier probieren ließ.
Das Brot, das er aus dem Schlafzimmer des Jägers gestohlen und mit Rodric heimlich gegessen hatte, als alle schliefen.
Rodric, der die Schuld dafür auf sich nahm. Rodric, der daraufhin mit den Narben angab, als würde er sich tatsächlich über sie freuen.
Tyran wusste, dass er schrie – er war nie sonderlich leise gewesen. Es lag keine Schande darin. Er schrie den Schmerz heraus und die Wut mit dazu, aber dieses Mal schien der Brand in seinem Inneren sich neu zu entzünden. Er bekam die letzte Zahl, die der Herold aussprach, nicht mit – waren es sechzig oder siebzig Schläge gewesen? Dafür wurde sein Bewusstsein wieder klarer, als sie die Kette lösten und seine Knie einknickten.
Er blutete aus vielfachen Wunden an seinem Oberkörper und den Bereichen des Rückens, die sie trotz der Flügel hatten erreichen können, und obwohl er heiser vom Schreien war und der Blutverlust das Bild vor seinen Augen verschwimmen ließ, war die Macht der Droge ungebrochen. Mittlerweile schmerzte es.
Verdammt. Es schmerzte so sehr, dass er dem Drang, die Hand auf sein Geschlecht zu legen, nicht widerstehen konnte, es aber im nächsten Moment bereute, als ein Gefühl von glühenden Nadeln durch das Fleisch jagte.
»Tyran«, sprach die Königin ihn an. Er hatte beinahe vergessen, dass sie ebenfalls dort war. Sie saß vor ihm auf dem Bett, doch bei dem Versuch, sie anzusehen, drifteten seine Augen wieder zu dem Flügelpaar ab.
Der Herold packte seinen Nacken und schob ihn nach vorn. Die Königin legte ihre Hände auf seine Schultern und blickte ihn eindringlich an.
»Bist du jetzt bereit, deiner Königin zu dienen?«
Du bist nicht meine Königin.
Als er sich nicht rührte, nickte sie dem Herold zu, der ihm einen weiteren Stoß versetzte. Elnesta schob ihr Kleid nach oben. Ihre Hände fuhren tief in sein Haar, krallten sich dort fest, sodass sie seinen Kopf zwischen ihre Beine dirigieren konnte.
Tyran schloss die Augen, während sein ganzer Körper von den Krämpfen, die die Droge auslöste, geschüttelt wurde. Die ohnmächtige Wut ließ seine Gedärme zu Stein werden. Von weit her hörte das widerliche Schnurren der Königin, als sie sich ihm entgegendrängte.
Doch noch während sie das tat, konnte er endlich wieder einen klaren Gedanken fassen.
Hier in Oakwrath musste es jemanden geben, der eine mächtigere Farbe als das Rot trug.
Und wenn er herausfinden würde, wer das war, dann würde er keine Sekunde mehr ruhen, bis er ihn getötet hatte.
Varcas
13
Mit einem Seufzen wandte Varcas sich vom Fenster ab. Die ersten dichten Wolken des Winters versperrten ihm die Sicht auf die Himmelslichter. Lediglich ein fahler, purpurfarbener Streif brach hindurch, doch der Farbschimmer war zu schwach, um das gesamte Zimmer in sein Licht zu tauchen. Auf dem äußeren Rahmen hatte sich sichtbarer Raureif gebildet. Bald würde der Boden zu hart sein, um den Eldermann zu bestatten.
Oder jeden anderen, der noch den Tod finden würde.
Dass es weitere geben würde war so gewiss wie der Kreislauf der Himmelslichter, der das Jahr bestimmte. Lamia hatte den Krieg gegen die Herrin von Amber Hall gewonnen, ihr Eroberungsfeldzug würde sich aber niemals nach den natürlichen Grenzen Shaylas richten. Mehr als die Hälfte von Askyan im Norden war bereits gefallen. Es war lediglich eine Frage der Zeit, bis sie nach dem südlichsten Reich strebte, nach Glynvail, das seine Grenzen bislang mit geschlossener Einigkeit gehalten hatte. So wenig über Glynvails derzeitige Situation bekannt war, so verführerisch waren die vermeintlichen Schätze, die die glynvalischen Händler zu seltenen Gelegenheiten nach Shayla brachten. Das waren nicht nur Frühlingsseide und Perlen, sie brachten auch Gewürze, die unter den kühleren Temperaturen Shaylas niemals wachsen würden, und weißes Gold, das die Zauber von Wächtern und Sehern so viel besser zu bewahren schien als jedes andere Gefäß.
Es war zu hoffen, dass Glynvails Königinnen sich bewusst waren, dass Reichtümer den Neid in den Herzen der Shaylier schüren würden.
Eroberung lag Alben nicht im Blut – Herrschaft hingegen schon. Für die meisten Alben, Königinnen wie Krieger, die Varcas je getroffen hatte, bedeutete der Sinn des langen Albenlebens die Bewahrung des Mythos der Himmelslichter, das Konservieren der eigenen Macht an dem angestammten Platz. Zumindest hatte er das immer so geglaubt.
Vielleicht war er naiv gewesen. Wenn man Shayla und die ehemaligen elf Höfe im Zentrum des Kontinents heute betrachtete, sah man nur ein Land, das von den Ambitionen aristokratischer Albenfamilien zerrissen wurde. Der Mythos spielte keine Rolle mehr. Nicht für Königin Lamia, nicht für ihren Hof im Kristallpalast. Nicht für ihre Marionettenköniginnen und blutdurstigen Herolde. Aber Königin Lamia als einzige Eigenschaft ihre Machtgier zu unterstellen, wäre ein Irrtum gewesen, so viel wusste Varcas. So unberechenbar ihr kalter Zorn für viele ihrer Hofmitglieder auch wirken musste, in Wahrheit hatte sie Geduld und davon eine Menge. Genug Geduld, um zu begreifen, dass sie nicht jeden Kampf gleichzeitig führen konnte, aber dass sie in allem, was sie tat, konsequent sein musste.
Und das bedeutete, dass das Nachtalbenkind in Gefahr war.
Varcas löste sich von seinem Platz und zog sich seinen Stuhl näher an das Bett heran, in dem der ehemalige Truchsess von Amber Hall seinen Heilungsschlaf gefunden hatte.
Seine Vision hatte ihm diesen Mann gezeigt, doch die Wahrheit seiner prophetischen Fähigkeiten hatte von Anfang an verdeutlicht, dass es nicht um ihn ging, sondern um das, was er vor den Flammen gerettet hatte. Die Dringlichkeit des hellsichtigen Traums bedeutete normalerweise zwei Dinge, so hatte er es vor vielen Jahren gelernt: Einmal, dass durch die in der Vision gezeigte Situation langfristig und maßgeblich große Umstände in der Welt entschieden werden würden – aber zum anderen auch, dass die Vision mit ihm, mit Varcas, ganz persönlich verbunden war. Als wären die Himmelslichter bereit, ihm in dem letzten verbleibenden Jahrtausend seiner Lebenszeit die Chance zu gewähren, den Fehler seiner Jugend auszugleichen.
Die Lösung war für ihn so schlüssig gewesen: Dass der Albenmann eine Waffe vor der Zerstörung bewahrt haben musste, die Varcas einsetzen konnte, um die wichtigste Schlacht seines Lebens zu schlagen. Um Königin Lamias Herrschaft ein Ende zu bereiten.
Varcas strich sich nachdenklich über den ergrauten Bart. Stattdessen hatte ihn seine Blutmagie zu einem Kind geführt, einem dürren kleinen Mädchen mit roséfarbener Rún, ohne nennenswerte lebende Verwandte, die wichtige Verbündete hätten werden können. Aber möglicherweise musste er aufhören, zu glauben, die Himmelslichter würden seinen Wunsch nach Buße auf die Weise erfüllen, wie er es sich ausgemalt hatte; mit Stab und Schwert einen Befreiungskrieg zu führen, seine Ehre wiederherzustellen … Vielleicht lag seine Sühne darin, dieses Kind an einen sicheren Ort zu bringen.
Die Himmelslichter tanzen zu einem Lied, das niemand hört.
Lyraine. Ihr Name war Lyraine, erinnerte er sich. Und auch wenn sie Königin Lamia nicht gefährlich werden konnte, würden genügend Untergebene des Kristallpalastes auf der Suche nach ihr sein.
Eine Bewegung im Türrahmen ließ ihn aufblicken. Ohne ihn anzusehen kam die Heilerin näher und legte die Hand auf die Stirn des Erdalben. Sein Schlaf war nach wie vor ruhig und fest.
»Kein Fieber«, stellte sie fest und zog die Decke ein wenig zurück, kontrollierte die verbundene Wunde.
»Wann wird er reisefähig sein?«
»Ihr wollt schon gehen?«, fragte Lenka zurück.
Varcas hob mit einer nüchternen Geste die Hand und ließ sie wieder auf seinen Oberschenkel sinken. »Es ist nicht so, als hätten wir tatsächlich eine große Wahl«, antwortete er. »Die Provinz ist für Lyraine ein gefährlicher Ort. Ich glaube nicht, dass die beiden Männer die Einzigen waren, die nach dem Mädchen Ausschau halten. Dass die Tochter der Königin entkommen ist, wird bald jeder wissen.«
Die Heilerin schwieg. Es war ein Schweigen, das Varcas’ Sehersinne zum Kribbeln brachte, lang und unheilschwanger, voll von ausgesprochenen Zweifeln und Bedenken. Er erinnerte sich, dass das früher in seiner Gegenwart oft so gewesen war – damals, als er der mächtigste Albenmann der Welt gewesen war. Aber das war lange vor der Zeit gewesen, bevor Königin Lamia es fertiggebracht hatte, sich den Mann zu unterwerfen, der in ganz Shayla als der Blutritter bekannt war. Solange sie ihn kontrollierte, war sie unantastbar.
»Ihr könnt mit mir offen sprechen, Lenka«, ermutigte Varcas sie. Er ließ seinen Blick auf ihr ruhen, doch das sorgte nicht dafür, dass sie ihn ansah. Es dauerte eine Zeit, die ihm wie Minuten vorkam, bis sie weitersprach:
»Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist, jetzt schon abzureisen, Mylord. Die Wunde des Truchsesses wird nicht über Nacht verheilen. Er braucht Ruhe.«
»Ich kann darauf keine Rücksicht nehmen«, erwiderte Varcas und erhob sich. Der Stuhl war hart und seine Glieder wurden langsam müde. Mit einigen langsamen Schritten, die das Holz unter seinen Stiefeln zum Knarren brachte, lockerte er seine verspannten Muskeln. Er hatte von seinem Alter nichts gespürt, als er mit Lyraine gesprochen hatte. Vielleicht gewöhnte er sich tatsächlich wieder an das Reisen. »Wir müssen große Distanz zwischen Amber Hall und Lyraine bringen. Ich werde alles versuchen, um die Reise auch für ihren Meister Gorwyn sicher zu gestalten. Aber er hat sein Leben für sie riskiert – ich denke nicht, dass es in seinem Interesse wäre, sie jetzt in Gefahr zu bringen, weil wir zu viel Zeit verschwenden.«
Die Heilerin nickte stumm. Wieder fühlte Varcas leise Funken auf seinen Albensinnen.
»Wohin werdet Ihr sie bringen?«, fragte sie leise.
Das war eine Frage, auf die Varcas selbst noch keine endgültige Antwort gefunden hatte. Einen Erwachsenen zu verstecken war schwer genug. Aber wie sollte es bei einem kleinen Mädchen gelingen? Varcas betrachtete den Stoffdrachen, der sich zusammen mit der Brust des ehemaligen Truchsesses hob und senkte, als hätte er seine eigene Lunge, aus deren Tiefen er Feuer speien konnte, wenn er erwachte. Eigene Kinder zu haben war ihm nie vergönnt gewesen. Einmal hatte es eine Zeit gegeben, als er geglaubt hatte, dass sich das ändern würde. Aber wenn er diese kostbaren Tage gegen die Länge der Zeit abwog, in der eine Familie aus vielerlei Gründen unmöglich gewesen worden war, dann war es ein Wimpernschlag im Angesicht der Unendlichkeit gewesen. Ein bitterer, schwerer Wimpernschlag. Dennoch konnte er sich gut genug an seine eigene Kindheit erinnern, um zu wissen, dass es für ein kleines Mädchen mehr brauchte als nur ein Dach, durch das es nicht hereinregnete, und Essen, das seinen Magen füllte.
Selbst wenn er zuerst nur einen Unterschlupf suchen würde, langfristig würde er ein Zuhause für Lyraine finden müssen. Vertrauenswürdige Personen, die nicht im direkten Interesse von Königin Lamia und ihren Gefolgsleuten standen.
Aber die elf Höfe waren gefallen. Es gab keine Königin in Shayla mehr, an deren Tafel er Lyraine hätte setzen können, bis sie alt genug war, selbst zu entscheiden, was sie tun wollte.
»Mylord?«, hakte sie nach, als er nicht antwortete.
»Ich weiß es noch nicht«, erwiderte er wahrheitsgemäß. »Lebende Verwandte hat sie nicht.«
Und die meisten meiner alten Gefährten sind entweder von der Herrin des Kristallpalastes vor Jahrhunderten getötet worden oder haben mir nie verziehen.
Die Heilerin wandte sich abrupt ab, als hätte er etwas Kränkendes gesagt. Varcas beobachtete ihren angespannten Rücken. Hatte sie erwartet, dass er das Mädchen bei ihr lassen würde? Unmöglich. Das Dorf würde in Zukunft ständigen Kontrollen der neuen Besatzer ausgesetzt sein und lag so unglaublich nah am Anwesen, dass die zukünftige neue Herrin von Amber Hall möglicherweise selbst zu Fuß hierherspazieren konnte. Nein, Lyraine würde er nicht hierlassen.
Wenn Lamia auf irgendeinem Wege erfuhr, dass er aus seinem selbst gewählten Exil zurückgekehrt war, und sei es auch nur für diese eine Sache, dann würde sie alles daransetzen, seine Schritte zu durchschauen. Sie würde glauben, er brächte das Kind so weit wie möglich weg – nicht nach Askyan, wo die Grenze immer noch stark umkämpft wurde. Nach Glynvail, das würde sie vermuten. Wenn jemand einen Weg durch den Pass finden konnte, dann er. Aber auch wenn sie in Glynvail nicht mit ihrem Heer einmarschieren konnte, sie hatte überall ihre Spione.
Womit würde sie nicht rechnen?
Sie würde nicht erwarten, dass er in der Nähe blieb. Dass er das Kind direkt unter ihrer Nase verbarg. Nah genug, um unauffällig zu sein, weit genug von Amber Hall entfernt, dass niemand sie mehr erkennen würde.
Varcas kam nicht dazu, den Gedanken zu Ende zu bringen.
Ein Hauch von Blut. Mehr konnte es nicht gewesen sein. Ein Tropfen nur, der seine Albensinne sich fokussieren ließ. Die bebenden Hände der Heilerin.
Varcas ließ seinen Instinkt wieder übernehmen. Er brauchte nur drei Schritte, um den Raum zu durchqueren, sie zu sich herumzudrehen und ihre Hände in seine zu nehmen. Ihre Fingernägel hatten ihr eigenes Fleisch verletzt, gaben Kunde über irgendetwas, was zu verbergen ihr kaum gelang.
»Lenka«, seine Stimme war kaum mehr als ein flüchtiges Raunen. Cathards Auge leuchtete nicht nur an seinem Arm, sondern auch in Gestalt des dritten Auges in seinem Geist.
Sie hatte Angst. Vor ihm. Jetzt.
Und, von Furcht umhüllt und daher kaum herauszuschmecken, spürte er schließlich die Emotion, die ihn ihre Hände fester packen ließ.
Schuld.
»Lenka!«, stieß er drängend hervor. »Was hast du getan?«
Statt der erklärenden Worte, die er hören wollte, starrte sie ihn an, gequält. Es lag Bedauern in dem Blick, mit dem sie ihm begegnete. Varcas ließ ihre Hände los und umschloss stattdessen ihre Schultern, obwohl sie sofort versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien.
»Ich hatte keine Wahl!«, schluchzte sie und ballte ihre Fäuste wie zuvor. Sie ergriff eines der gebogenen kleinen Heilerinnenmesser, die noch von Gorwyns Behandlung auf dem Tisch lagen. Varcas griff zu, bevor sie Schaden anrichten konnte, fing ihre Hand wie einen Schmetterling. Blut, seines. Ein Kratzer. Unbedeutend.
Varcas konnte nicht länger warten. Es war lange Zeit her, dass er seine Fähigkeiten auf diese Weise eingesetzt hatte, und es hatte ihm noch nie gefallen, es zu tun. Er verstärkte den Druck auf ihr Handgelenk. Das Messer fiel mit einem Klirren zu Boden.
Er nahm sich keine Zeit, um sich den mentalen Barrieren der Heilerin vorsichtig anzunähern. Als er die graue Rún aktivierte, strich er nicht lange über ihren Geist, sondern bündelte seine Macht. Es war ein Stoß, wütend, abrupt, mit dem er die violetten Tore ihres Inneren aufstieß. Das Echo des Schmerzes, das in ihrem Geist widerhallte, schob er beiseite und tauchte tiefer hinab, suchte nach der Erinnerung, dem Gedankenfetzen, der ihm helfen würde, zu verstehen, was geschehen war.
Ihre wachsende Panik war ein eindeutiger Wegweiser wie ein Seil, an dem er sich durch den Sturm ihrer Gedanken ziehen konnte. Und dann – dann lag die Wahrheit vor ihm, offen, ein Buch, in dem er blättern konnte, wie es ihm beliebte.
Die Wahrheit.
Mit einem Ruck zog Varcas sich zurück und ließ die Heilerin los. Nichts hielt sie mehr auf den Füßen. Mit einem Stolpern zog sie sich bis zur Wand des Raumes zurück, die Augen schreckensgeweitet auf ihn gerichtet.
»Du hast die Anwesenheit des Kindes verraten«, sagte er und selbst in seinen eigenen Ohren klang seine Stimme rau. »Du hast die Tochter deiner Königin verraten.«
Es war keine Frage. Dennoch nickte Lenka mit einer knappen Bewegung ihres Kopfes. Varcas griff nach seinem Seherzepter und dem Schwert, das er dem Lichtalben abgenommen hatte. Ein erstickter, verzweifelter Protest kam über ihre Lippen:
»Ich hatte keine Wahl! Ihr habt gesehen, was sie im Wald mit den Herolden getan haben! Ihr wisst nicht, wie es ist. Ihr wisst nicht, was die Männer von Königin Lamia mit uns tun werden, wenn … wenn sie herausfänden … dass wir Euch und dem Kind geholfen hätten.« Mit jedem Wort, das sie sprach, wurde ihre Stimme wütender, ihr Blick grimmiger, und dann mischte sich unverhohlene Verachtung unter ihre Worte.
»Ich weiß sehr wohl, wer Ihr seid«, zischte sie.
Einen Herzschlag lang fehlten Varcas alle Worte. Sein Exil hatte nicht ausgereicht, um seinen Fehler aus der Erinnerung der Welt herauszuschneiden.
Er registrierte, wie der Truchsess sich aufgrund des Tumultes in seinem Zimmer zu regen begann.
Varcas entschied in Sekundenbruchteilen. Ein protestierendes Schluchzen konnte Lenka offensichtlich nicht unterdrücken, als er sich ihr näherte und die Spitze seines Schwertes auf sie richtete.
»Wenn du weißt, wer ich bin, dann weißt du auch, dass dein Blut an meinen Händen keinen Unterschied mehr machen würde.«
Das letzte bisschen Farbe wich aus ihren Zügen.
»Mach ihn reisefähig. Jetzt!«, befahl Varcas, sein Schwert zurückziehend. »Oder nicht nur du selbst, sondern dein ganzes Dorf wird den Preis für deinen Verrat zahlen.«
Der Seher wartete ihr Nicken nicht mehr ab, sondern verließ den Raum mit eiligen Schritten.
Er fand das Mädchen eingerollt wie eine Katze in dem Bett, das man zuvor ihm gegeben hatte, das dunkle Haar ein zerzauster Fächer auf dem Kissen. Es war kaum etwas von ihm zu sehen, so hoch hatte es die Decke gezogen. Einen Moment lang fühlte er mehr Bedauern, Lyraine wecken und zurück in die Realität ziehen zu müssen, als er über den Gedanken empfunden hatte, die Heilerin und ihre Familie auszulöschen.
Varcas berührte sehr vorsichtig die Schulter des Mädchens. Zu seiner Überraschung war sein Blick klar und fokussiert, kaum dass es die Augen aufschlug.
Eine Sekunde verstrich, dann setzte sie sich bereits auf.
»Ihr seid verletzt«, bemerkte Lyraine umgehend und deutete auf seine Hand.
Überrascht sah Varcas an sich herab. War ihr das tatsächlich so schnell aufgefallen? Normalerweise waren es Alben, deren Sinne schon sehr geschult waren, die solche Entdeckungen schnell machten. Oder Heilerinnen, die instinktiv dazu neigten, anderen helfen zu wollen.
Meistens jedenfalls, dachte er bitter.
»Ist etwas mit Gorwyn?«, fragte Lyraine umgehend.
Varcas schüttelte den Kopf. »Es geht ihm gut. Aber wir müssen gehen.«
Sie fragte nicht nach. Stattdessen strampelte sie mit den Füßen die Decke weg und rutschte aus dem Bett. Im nächsten Moment hatte sie nach seiner Hand gegriffen, in der er noch immer das Schwert hielt, und umschloss diese, um sich daran festzuhalten, und für einen Moment wünschte Varcas sich, sie zu niemand anderem bringen zu müssen.
Tyran
14
Gerade als Tyran dachte, das Wetter könnte nicht schlechter werden, verwandelte sich der Niederschlag, der sie die letzten Tage heimgesucht hatte, in Schneeregen. Tyran war nicht kälteempfindlich, was er seiner Volkszugehörigkeit zu verdanken hatte. Leicht zu frieren würde den Gebrauch von Flügeln nahezu unmöglich machen. Und dennoch: Nachdem es zwei Tage nicht aufhörte, in dicken, nassen Flocken zu schneien, begann auch Tyran, das Wetter als unangenehm zu empfinden. Dabei war es nicht sonderlich hilfreich, dass die Baracke sich als undicht herausgestellt hatte und die Feuchtigkeit trotz der Großzügigkeit einiger Wärter, ab und zu einen Wärme- und Trockenheitszauber zu weben, mit großer Geschwindigkeit eindrang.
Mit dem Fuß schob Tyran ein Holzscheit nach vorn, um dem Feuer mehr Nahrung zu geben. Obwohl er nicht allein dort saß, konnte er nicht umhin, zu bemerken, mit welcher Vorsicht die anderen Sklaven ihn behandelten. Selbst Männer mit Rúnir, die nicht zu den schwächsten Farben zählten, waren wortkarg, wenn auch nicht unhöflich.
Die meisten von ihnen trugen keine Ketten – manche hatten einzelne Reifen aus Mahrillium an ihren Fußgelenken, um den Ausbruch von Magie zu mindern. Aber seit dem Zwischenfall in Königin Elnestas Schlafgemach hatte Waylan darauf bestanden, ihm das verdammt noch mal am lautesten rasselnde Paar Fußketten zu verpassen, das er je getragen hatte. Ihr Gewicht störte ihn kaum – das Geräusch hingegen widersprach jeglichem Instinkt für einen Krieger, sich möglichst lautlos fortzubewegen.
Verdammter Dreckskerl.
Tyran legte seine Flügel dicht an seinen Körper an, um die Restwärme, die er in sich hatte, gut zu bewahren, und suchte auf dem liegenden Baumstamm eine bequemere Position.
Er widerstand dem Drang, sich aufzurichten, als er Asbjorn und Ragnal sich nähern sah. Beide trugen neues Holz auf den Armen, doch ein kurzer Blick verriet Tyran, dass es völlig durchnässt war und das Feuer Schwierigkeiten haben würde, es zu entzünden. Auch seine Cousins hatten ihn die vergangenen Tage gemieden. Ihre einzige Kommunikation hatte aus einem kurzen Blickwechsel bestanden, als man ihn zurück in seine Baracke geschleift hatte.
Asbjorn setzte seinen Fuß auf den Baumstamm und stützte sich auf das angewinkelte Knie, während Ragnal sich verstohlen umsah.
Es war klug gewesen, ihn zu meiden. Tyran war sich ziemlich sicher, dass niemand ihre Verbindung verstanden hatte.
»Deine Wunden heilen gut«, sagte Asbjorn. »Sie hat dich ganz schön übel zugerichtet.«
»Anscheinend beherrschst du es nicht nur, Herolde zur Weißglut zu treiben«, bemerkte Ragnal grinsend. Tyran ließ sich von dem Lächeln anstecken. Es brauchte doch meist nur einen Funken, um eine Flamme zu entzünden – und das Lächeln war genau solch ein Funke.
»Es war mehr, als ich von dem Flittchen erwartet habe«, gab er zu. »Aber es war weniger schlimm als das, was sie im Kristallpalast mit einem machen.«
Seine beiden Cousins kamen ein wenig näher und sie rückten beim Feuer enger zusammen.
Ragnal zog aus einer Falte seiner Tunika einen Trinkbeutel hervor und hielt ihn Tyran wortlos hin. Er zog den Stöpsel heraus und roch an der Flüssigkeit. Bier. Einen Moment lang zögerte er, aber es gab in seiner Erinnerung einen anderen Geschmack, den er nicht loswurde, ganz gleich, wie oft er sich mit Wasser den Mund ausgewaschen hatte. Schließlich nahm er einen Schluck, ließ das bittere Bier eine Weile in seinem Mund hin- und hergehen, bevor er schluckte.
»Also«, sagte er schließlich. »Redet. Wie seid ihr hier hergekommen? Was genau ist passiert?«
Sie sollten nicht hier sein. Sie sollten im letzten freien Teil des Sturmalbenheims sein, in Sicherheit. Sie sollten verheiratet sein und einen Stall voller geflügelter kleiner Kinder haben, die ihnen auf die Nerven gingen.
»Kommt es nur mir so vor, oder ist unser Tyranar ein wenig vorwurfsvoll, Rag?«, fragte Asbjorn.
»Nein, ich empfinde es auch so«, stichelte sein Zwillingsbruder, was Tyran dazu brachte, die Augen zu verdrehen.
»Ist euch zwei Idioten vielleicht mal in den Sinn gekommen, dass der Gedanke, dass es meiner Familie gut geht, das Einzige ist, was mich die letzten siebenhundert beschissenen Jahre aufrecht gehalten hat?«, fuhr er sie mit zusammengepressten Zähnen an. Sie konnten noch nicht lange in Gefangenschaft sein. Es fehlte ihnen … Tyran wusste eigentlich gar nicht, was es war. Ein merkwürdiger Ausdruck in den Augen, den nur hatte, wer in den Abgrund Shaylas geblickt hatte.
Asbjorn kratzte sich die rasierte Schläfe und schob sein Haupthaar auf die andere Seite des Scheitels.
»Wir können uns vorstellen, dass die vergangenen Jahrhunderte für dich ein …«
»Einen Scheißdreck könnt ihr euch vorstellen«, knurrte Tyran, stopfte den Verschluss wieder in den Trinkbeutel und warf ihn zurück zu seinem Cousin. Er wollte nicht ungerecht sein, wirklich nicht. Aber zu wissen, dass wenigstens ein paar Mitglieder seiner Familie ein normales Leben führen konnten … sich vorzustellen, ihnen eines Tages nach dem Ende dieses Alptraums wieder zu begegnen … etwas Besseres gab es nicht.
»Hör uns erst mal zu, Tyr«, unterbrach ihn Ragnal und pflückte eine lose hellgraue Feder aus seinem rechten Flügel. Er drehte sie spielerisch zwischen den Fingern. »Wir sind nicht gefangen genommen worden.«
»Na ja«, ging Asbjorn dazwischen, »eigentlich schon.«
»Ja, also, dieser shaylische pockennarbige Drecksack hat uns inhaftiert, als eins unserer Verstecke aufgeflogen ist. Aber – und das ist der Punkt – genau so war es von uns geplant.«
Tyran wischte die Spur des Regenwassers von seinem Gesicht und stützte anschließend das Kinn in seine Hände, die Ellenbogen auf den Knien aufsetzend.
»Ihr habt euch freiwillig ergreifen lassen?«, wiederholte er.
Asbjorn nickte.
»Keine Ahnung, wie viel du in der Hauptstadt mitbekommen hast. Aber es gibt in dem von Wind’s Peak aus kontrollierten Teil von Askyan noch immer einen starken Widerstand.« Asbjorns Augen begannen mit einer derartigen Selbstverständlichkeit zu leuchten, dass Tyran für einen Moment das Regenwetter vergaß.
Widerstand.
Man hörte immer wieder von Marionetten, die nicht ganz nach den Wünschen von Königin Lamia tanzten, oder von einzelnen Rebellengruppen, die in ganz Norfaega für kleinere Scharmützel sorgten. Diese Unruhen wurden normalerweise von Lamias Herolden schnell genug niedergeschlagen – er selbst war im Kampf gegen aufständische Askyaner schon eingesetzt worden, und Rodric hatte seinerseits erzwungenermaßen nicht wenige Anführer solcher Gruppen mit dem Jäger zur Strecke gebracht, in den Kristallpalast überführt und öffentlichkeitswirksam exekutiert.
Aber bis auf die Probleme mit einem der elf Höfe kürzlich … mit Amber Hall im Südwesten Shaylas … hatte es seit einer Weile keine Berichte von größeren Konflikten gegeben. Zumindest war Tyran nichts bekannt gewesen. Und selbst die Königin von Amber Hall hatte ihre Banner nicht in offener Rebellion gehisst, sondern lediglich versucht, den Einfluss von Lamia zu beschränken.
Der Preis war der Gleiche geblieben.
»Sprachlos, hm?«, spöttelte Ragnal grinsend. »Wir sind deutlich mehr, als Königin Lamia vermutet. Noch sind wir nicht genug, um sie offen herauszufordern. Aber unser Vater rekrutiert und versucht, die Organisation des Widerstands zu verbessern.« Die Begeisterung in seiner gedämpften Stimme war nicht zu überhören. Ragnal beugte sich verschwörerisch nach vorn. »Wir haben uns von diesem Scheißkerl in Gewahrsam nehmen lassen, um einen gefangenen Kameraden zu befreien – und um die Herrin von Oakwrath zu beseitigen.«
Tyran schwieg, um nachzudenken. Der Plan klang wahnwitzig und riskant – wussten sie denn nicht, dass kaum jemand entkam, der einmal versklavt worden war? Aber andererseits fühlten sich Elnesta und ihre Herolde ausgesprochen sicher, das war völlig offensichtlich. Sie unterschätzten die Tatsache, dass sie nicht ein paar Jünglinge aus einem askyanischen Dorf gefangen hielten, sondern zwei kobaltblautragende Sturmalbenkrieger.
Und ihn.
»Und wie wollt ihr das anstellen?«
Die Zwillinge tauschten Blicke aus. Asbjorn schnappte sich einen dünnen Zweig und begann, Linien in dem schlammigen Boden zu hinterlassen. Er war derjenige, der weitersprach:
»In wenigen Tagen wird hier ein fahrender Händler ankommen, der Sklaven mit sich führt. Wir haben in Erfahrung gebracht, dass Elnesta häufig Arbeiter, die sie verschlissen hat, an solche Händler verkauft. Sie werden für Spottpreise abgegeben, da sie für die Arngarthminen bestimmt sind.«
»Sie hat die Minen erwähnt«, erinnerte Tyran sich. »Wann wurden die Schächte dort wieder in Betrieb genommen? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es so war, als wir Kinder waren.«
»Es ist auch noch nicht sehr lange her. Ein paar Jahrhunderte. Es war eine der ersten Veränderungen, die Königin Reginleif eingeführt hat, nachdem sie Stormhaven erobert hatte«, antwortete Ragnal.
Tyran selbst war nie dort gewesen – nicht in den Minen. Er wusste, dass es ein Gewirr von unterirdischen Schächten und Tunneln gab, die, anders als Elnesta angedeutet hatte, nicht alle eng und niedrig waren. Tatsächlich lagen tief im Herzen des Gebirges uralte Hallen und Höhlen, in denen früher die Drachen gehaust hatten. Stormhaven selbst lag so am Rand eines Berges, dass der hintere Teil der Festung mit uralten Katakomben verbunden war, in denen er und seine Cousins früher gespielt hatten. Diese Gänge waren jedoch nicht mit dem Gewirr der Gänge zu vergleichen, die in den berüchtigten Minen zu finden waren.
»Was bringt uns dieser Händler also?«, griff Tyran den Gesprächsfaden wieder auf.
Seine Vettern grinsten beide ihr strahlendes Lächeln.
»Er bringt uns den Vorteil, der nur in Zahlen zu finden ist – er gehört natürlich zu uns. Genauso wie die Sklaven, die er in die Festung hereinkarren wird. Und sobald sie hier drinnen sind …« Asbjorn zerbrach den Ast, den er noch in den Händen gehalten hatte und warf beide Stücke in die Flammen. Der Zweig war verschwunden, bevor Tyrans Augen ihm hätten folgen können.
Es war ein simpler Plan. Nicht elaboriert wie manche Verschwörung in Shayla. Die Stärke in Nummern war tatsächlich das, was manche Sklavenaufstände in der Vergangenheit hatte erfolgreich werden lassen. Aber andererseits waren die Königinnen auch schlauer geworden. Nicht wenige von ihnen nutzten das Gefühl, das sie für die Männer hatten, dafür, herauszuspüren, wann genügend Rebellionswillen zusammengekommen war.
Tyran rieb sich über das linke Augenlid.
Die Scherbe tat sicher ihr Übriges. Er war nie so ganz sicher, wie viel die Person, die die Kontrollstücke in der Hand hielt, von den Trägern der Scherbe spürte. Die Wärter versuchten daher oft, Verbindungen zwischen den Gefangenen zu erkennen und so Zusammenschlüsse im Keim zu ersticken. Dass es sich bei den Kobaltblautragenden und ihm um dynamische und nicht zu unterschätzende Krieger handelte, würden Waylan und seine Kumpanen sicher begriffen haben.
Andererseits ließen sie sich möglicherweise von seinem Temperament auch ablenken, sodass sie andere Bewegungen übersehen würden, da sie von ihm sowieso keine andere Haltung erwarteten.
Mit einem Ruck straffte Tyran seine Flügel und Wassertropfen stoben aus dem dichten Gefieder. Scheiße, es ist so verdammt lang her. So verdammt lang, dass er sie ausgebreitet und benutzt hatte.
»Was sagst du, Tyr?«, fragte Ragnal.
Wenn sie wirklich Unterstützung von außen bekamen, dann konnte er diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen. Sollte die Freiheit tatsächlich in greifbare Nähe kommen … und zwar in Gestalt seiner Familie … Sobald er frei war, würde es auch nichts mehr geben, das Rodric hielt. Er hatte ihn schon öfter gegen die Scherbe ankämpfen sehen und der schwarze Krieger war dabei widerstandsfähiger als jeder andere gewesen. Ohne atmendes Druckmittel würde er den Kristallpalast erzittern lassen – und dann würden sie vielleicht beide frei sein.
Tyran spürte die Blicke der Zwillinge auf sich lasten.
Er nahm Ragnal den Trinkbeutel aus der Hand.
»Ich sage: Lasst uns Oakwrath niederbrennen.«
Varcas
15
Eine einzelne Schneeflocke fiel auf Varcas’ Hand und schmolz auf seinen Fingerknöcheln, als er mit einem Ruck das durch die Kälte steife Leder des Sattelgurtes festzurrte.
Es war ein versteckter Segen gewesen, dass die Himmelslichter die zwei Krieger von Königin Lamia in das namenlose Dorf geführt hatten. Sein Pferd Grani war zwar stark, hätte aber dennoch nicht zwei erwachsene Albenmänner und ein Kind tragen können; dafür war selbst der große Pferderücken nicht lang genug. So jedoch standen ihnen zwei weitere zur Verfügung.
Ein kurzer Seitenblick verriet ihm, dass wenigstens einem seiner Befehle nachgekommen worden war: Man hatte Lyraine in neue Kleidung gesteckt. Er wusste nicht, was aus ihrem gerüschten Nachthemd geworden war, aber es war trotz des Schmutzes darauf bei Weitem zu auffällig gewesen. Die an einigen Stellen geflickten Beinkleider und das zerschlissene Jungenhemd würden hingegen nicht zu viele neugierige Blicke auf sich ziehen.
Lyraine zupfte an den zu langen Ärmeln.
»Es kratzt«, bemerkte sie und zog die Nase hoch. Varcas hielt in seinen Bewegungen inne. Für einen Augenblick war das Mädchen tatsächlich nur ein kleines Kind, unzufrieden über den rauen Stoff und auf dem besten Wege, sich zu erkälten. Bisher hatte sie alles ohne größere Klagen über sich ergehen lassen; auch, dass die sommersprossige Magd ihr Haar unter einer hässlichen gestrickten Mütze verborgen und diese mit Nadeln festgesteckt hatte, damit das Gewicht der schwarzen Strähnen sie nicht nach unten fallen ließ.
Varcas sicherte die Schnalle des Sattelgurtes und beugte sich vor, um behutsam eine entwichene Locke unter die Mütze zu schieben.
»Du hast keine Angst vor Pferden, oder?«, fragte er.
Sie richtete sich entrüstet auf. »Natürlich nicht.«
»Dann schau doch einmal in den Satteltaschen nach, ob du etwas Interessantes finden kannst.«
Sie ließ sich dies nicht zweimal sagen, hatte den juckenden Stoff und die laufende Nase offensichtlich schnell vergessen. Zuerst jedoch untersuchte sie hingebungsvoll einen Kratzer an dem Bein des Hengstes, den er sich bei dem überhasteten Ritt in den Süden zugezogen haben musste. Während sie beruhigend auf das Pferd einredete, festigte sich Varcas’ Entschluss, den er in Windeseile hatte treffen müssen – wohin sie als Nächstes gehen sollten. Es war Zeit, die letzten Verbündeten aus den alten Tagen aufzusuchen und zu hoffen, dass die Erinnerung an die Freundschaft, die sie einst geteilt hatten, noch etwas zählen würde.
Dabei war es tatsächlich Lyraine selbst gewesen, die ihn auf diesen bestimmten Weg gebracht hatte …
Varcas wandte sich zum Gehen.
»Ich hole deinen Meister Gorwyn.«
Jener saß beinahe aufrecht auf dem Bett und bemühte sich, in ein Hemd zu schlüpfen, ohne seine Wunde im Bauchraum zu stark zu belasten. Lenka stand neben ihm, erzeugte aber sofort einige Schritte Abstand zwischen sich und Varcas, als er eintrat.
Der Erdalb richtete sich auf und bemühte sich um eine Verneigung, wie sie Varcas aufgrund seines hohen Rúnir-Ranges zustand.
»Ich schätze Euren Respekt, Meister Gorwyn, aber wir haben für den Austausch solcher Höflichkeiten keine Zeit.« Varcas’ Augen fanden die Heilerin. »Lenka hat ihren Neffen losgeschickt, kaum dass Ihr hier angekommen seid, um die sicher noch irgendwo im Gebiet von Amber Hall stationierten Krieger aufzusuchen und mitzuteilen, wer hier Unterschlupf gefunden hat.«
Der Truchsess nickte.
Varcas wusste nicht, wie viele Stunden ihnen bestenfalls blieben. Der Junge war zu Fuß unterwegs, zumindest hatte er das aus den Gedankenfetzen der Heilerin sehen können. Aber die Männer der Königinnen hatten Pferde und bald schon würden die großen Straßen alle patrouilliert werden.
»Ich weiß, Ihr seid verwundet, aber ich muss um Eurer kleinen Herrin willen auf Eile bestehen.« Varcas wies auf die Tür hinter sich.
Der Truchsess legte seine Hand auf seinen verwundeten Oberschenkel.
»Eure Eile ist nachvollziehbar, Mylord, aber ich muss … Euch um ein Gespräch ersuchen. Unter vier Augen, noch bevor ich Euch guten Gewissens folgen kann.«
Es war der Stich der albeneigenen Ungeduld, der sich in Varcas entzündete. Viele sagten, je mächtiger eine Rún war, desto leichter war der frostige Zorn der Alben zu entfesseln. Er selbst hielt sich für einen vernünftigen Mann – dennoch konnte Varcas nicht leugnen, dass der Gedanke seinen Verstand durchzuckte, dass er auch einfach seine graue Rún entfesseln und den fliedertragenden Wächter vor ihm zwingen konnte, ihm zu gehorchen.
Stattdessen verlangte er sich selbst Geduld ab. Varcas nahm auf dem Stuhl Platz, auf dem er Wache gehalten hatte, und signalisierte so Gorwyn und auch der Heilerin, dass er zu dem Gespräch bereit war. Lenka huschte mit geducktem Kopf an ihm vorbei.
»Also«, sagte Varcas und legte die Fingerspitzen zum Dreieck geformt an seine Lippen, »ich höre?«
Der Wächter schien für einen Moment Schwierigkeiten zu haben, ihn anzusehen. Trotzdem zögerte er nicht länger.
»Mylord, Ihr habt mich vor den Grimwölfen gerettet. Ich stehe in Eurer Schuld. Aber ich kann nicht das Leben von Lady Lyraine in die Hände eines Mannes legen, dessen Namen ich nicht kenne«, begann er. Obwohl er abrupt abbrach, spürte Varcas, dass er noch nicht fertig war.
Varcas nickte, um ihn zum Weitersprechen aufzufordern.
»Ich habe mit angehört, was die Heilerin zuvor zu Euch sagte. Dass sie … genau wisse, wer Ihr seid. Und seht Ihr, Mylord, darin liegt das Problem. Ich weiß es nämlich nicht.«
Varcas senkte die Hände und begutachtete sie schweigend. Er hatte früher nie die Hände eines Sehers gehabt; zu oft hatten diese Finger das Schwert gehalten.
Als er wieder aufsah, konnte er erkennen, dass der Truchsess sich vor der Antwort auf seine Frage fürchtete.
»Mein Name«, sagte Varcas sanft, »ist Varcas Debray.«
Meister Gorwyn rang nach Atem.
Angst quoll aus seinen Poren und verdichtete sich im Raum, bis Varcas glaubte, die Furcht von den Wänden tropfen sehen zu können.
»Ich – ich habe es geahnt, als ich Euch sah«, sagte der Wächter. »Aber ich wollte es nicht glauben. Ihr seid der Graue Vollstrecker.«
Varcas lächelte. Wann hatte er diesen Namen zuletzt gehört? Es war unwichtig; eine Erinnerung unter so vielen, die sich ihm entzogen hatte. Wann hatte er den Namen das erste Mal vernommen? Selbst das wusste er nicht mehr genau. Dafür würde er nie vergessen, wer es gewesen war, der ihn so bezeichnet hatte. Nichts schmerzte tiefer als ein solches Wort aus dem Mund eines Freundes.
Als er sich erhob, eingehüllt in seine graue Aura, war die Anspannung des ehemaligen Truchsesses förmlich zu greifen.
»Ihr irrt Euch nicht, Meister Gorwyn. Ich bin der, für den Ihr mich haltet. Ich hatte viele Namen in meinem Leben. Doch während ich manche abgelegt habe – wie den Titel des Großmeisters der Seher oder den des Druiden von Shayla –, sind andere nicht wie ein Kleidungsstück, das ich abstreifen könnte. Der Name, der soeben Eure Lippen verlassen hat, ist eine Narbe, die nie verheilen wird.« Er glaubte nicht, dass der Erdalb es fühlen würde, aber sein eigener Herzschlag hatte sich beschleunigt, während er sprach.
Und bis zum heutigen Tage spuckt sie Blut, meine uralte Narbe.
Varcas ließ dem Wächter Zeit und beobachtete ihn, wie dieser seine eigene Rún betrachtete; Goborns Flamme in Flieder. Als Wächter waren seine Fähigkeiten ganz andere als die, die ein Krieger oder ein Seher sein Eigen nennen konnte. Nicht minder wichtig, das würde jeder verstehen, der den Mythos der Himmelslichter kannte, aber von vielen unterschätzt, weil es das Defensivste der männlichen Zeichen war. Varcas hatte viele Männer gekannt, die die Flamme getragen hatten. Viele von ihnen waren gute Männer gewesen.
Dass Gorwyn zu ihnen gehörte – zu den guten Männern – war offensichtlich.
»Ich bin kein mächtiger Mann, Lord Debray.« Gorwyns Stimme war leise, aber in ihr lag eine Stärke, die Varcas nicht von ihm erwartet hatte.
»Ich bin alt und habe mein Leben im Schatten größerer Alben verbracht. Ich habe gedient, Lord Debray. Und bei den Himmelslichtern, ich bin dankbar für jeden Tag, den ich an den Höfen meiner beiden Königinnen verbringen durfte. Ich war jung, als ich zum Herold von Lady Lyraines Großmutter wurde, und älter, als Marielle ihren Hof in Amber Hall gründete.«
Der Blick, mit dem er Varcas ansah, hatte beinahe etwas Flehendes an sich. Und im gleichen Moment verstand Varcas, dass auch Gorwyn eine Schuld auf sich lasten fühlte. Keine, wie er sie trug, aber dennoch …
»Ich war nicht bei meiner Königin, als sie starb, Lord Debray. Aber ich habe ihren letzten Befehl ausgeführt. Ich habe Lady Lyraine aus dem Flammeninferno bringen können. Jetzt habe ich ihr wenig anzubieten. Alles, was ich besaß, ist in Amber Hall verbrannt. Fast jeder, den ich kannte, ist tot. Und die Macht meiner Rún kann dieses Mädchen niemals vor den Schrecken Shaylas schützen.« Gorwyn kam auf die Füße und mit überraschender Geschwindigkeit trat er auf Varcas zu. Verzweiflung, dachte Varcas, sie hält ihn aufrecht. Verzweiflung kann dies oft besser als Hoffnung.
»Aber wenn Ihr glaubt, ich würde nicht das bisschen, was ich noch habe, für das Kind einsetzen, dann seid Ihr ein Narr, Mylord.« Gorwyns Ausdruck wurde grimmig.
Die Regung auf dem Gesicht des Erdalben brachte Erinnerungen an lange vergangene Tage zurück, als das Alte Recht und der Mythos der Himmelslichter in Norfaega noch geehrt worden waren. Es lag Albenmännern im Blut, zu schützen – ganz besonders natürlich ihre Königinnen, aber im Grunde auch jedes andere Mitglied ihrer Höfe und ihrer Familien. Das war der Bund, der ihnen von den Himmelslichtern geschenkt worden war: Königinnen als Zentrum der Höfe, denen zu dienen nichts Erniedrigendes an sich hatte. Frauen, vor denen selbst ein Alb mit einer Rún, die weitaus mächtiger als ihre eigene war, das Knie beugen würde, um sich ihrem Willen zu unterwerfen, weil er wusste, dass sie seine Moral und seine Prinzipien achten würde. Dies glich die Tatsache aus, dass die Rúnir der Albenmänner ihnen ein größeres Angriffspotential verschafften und sie einen naturgegebenen territorialen, aggressiven Instinkt besaßen.
Starke Höfe sorgten für ein ruhiges, sicheres Land. Doch seitdem sich Königin Lamias Einfluss so drastisch ausgebreitet hatte, war die angeborene Loyalität der Alben geschwunden und wurde von ihren Marionetten auf andere Weise sichergestellt – durch Drohungen, Ketten und den Einsatz von Schmerz.
In Amber Hall waren diese Schrecken offensichtlich noch nicht angekommen.
»Ihr werdet mir das vielleicht nicht glauben, Gorwyn, aber ich könnte nicht dankbarer für Euren Argwohn sein«, antwortete Varcas leise. »Denn das zeigt mir, dass wir beide das gleiche Ziel verfolgen.«
Es entstand ein Augenblick des Schweigens zwischen ihnen. Varcas fühlte, wie Gorwyn versuchte, ihn mit seinem Blick zu messen, als könnte er in ihm lesen. Er konnte es selbstverständlich nicht; er war kein Seher, und selbst wenn er es gewesen wäre, das Grau war unendlich viel stärker; undurchdringlich für Flieder.
»Ihr wisst, wohin Ihr sie bringen wollt?«, fragte Gorwyn leise. »Wo sie … sicher wäre?«
»Ja.« Varcas nickte. »Ich habe eine …«
»Nein!«, fiel der ehemalige Truchsess ihm ins Wort und hob die Hand. »Nein, Lord Debray. Sagt es … sagt es mir nicht. Sagt es niemandem. Wenn ich gefangen genommen würde, wäre die Information leicht aus meinem Geist herauszulesen.« Der Wächter sprach die Worte langsam und nachdrücklich.
Es dauerte einen Moment, bis Varcas verstand.
»Ihr wollt nicht mit uns kommen«, schlussfolgerte er mit heiserer Stimme, und verfluchte sich gleichzeitig für den Ausspruch, der, wie er im selben Atemzug feststellen musste, mit angehört worden war.
Das Nachtalbenkind hielt am Türrahmen inne und dort, wo eben noch ein Lächeln auf dem Gesicht gewesen war, das nur von Grani ausgelöst worden sein konnte, entstand nun Erstaunen, das sich in Entsetzen wandelte.
»Meister Gorwyn!« Lyraines Stimme war reinster Protest. »Was meint Meister Varcas damit? Was bedeutet das, Ihr wollt nicht mit uns kommen? Ihr könnt nicht hierbleiben.«
»Kind«, begann Gorwyn, die Stimme sanft und beruhigend, doch wenn er geglaubt hatte, sich damit bei dem aufgebrachten Mädchen Gehör verschaffen zu können, dann hatte er sich geirrt.
»Nein. Nein!« Sie wurde nicht laut, als hätte man ihr beigebracht, dass eine Lady die Stimme nicht unangebracht erhob – oder als hätte sie es nie tun müssen. »Ihr habt gesagt, hier ist es nicht sicher, Meister Gorwyn. Und Ihr …« Varcas traf der Blick aus den grünen Augen, zornig wie bei ihrer ersten Begegnung. Doch unter der offensichtlichen Wut lagen die zarten Fäden von Angst, die sich immer mehr verdichteten. »Und Ihr habt gesagt, die Krieger der Königin seien auf dem Weg hierher. Es ist zu gefährlich.«
Gorwyn ging unter sichtlichen Schmerzen auf ein Knie hinunter, was erneuten Protest von Lyraine zur Folge hatte, doch er brachte sie mit einem Kopfschütteln zum Schweigen.
»Lyraine«, sagte er ernsthaft und legte seine faltigen Hände auf die schmalen Schultern, »ich werde nicht hierbleiben. Ich werde mir eines der Pferde nehmen und in eine andere Richtung fortreiten. So werden die Spuren nicht eindeutig sein.« Varcas fing Gorwyns Blick auf. »Und Ihr werdet daraus vielleicht einen kleinen Vorsprung erhalten.«
Die Königinnentochter ballte ihre Fäuste. Varcas konnte ihre Schultern beben sehen. Obwohl sie schwieg, war offensichtlich, dass sie nicht im Geringsten überzeugt war. Bei den Himmelslichtern, Varcas selbst war nicht sicher, was er von diesem Plan hielt! Aber es steckte Wahrheit in Gorwyns Worten, und ihnen lief die Zeit davon. Es war ein Wunder, dass noch keine Krieger der Kristallkönigin aufgetaucht waren. Dennoch: Mit jeder Sekunde, die verstrich, stieg die Chance, dass sie von ihnen genau hier überrascht wurden; in einem Dorf ohne feste Mauern, schwer zu verteidigen. Selbst das Grau hatte Grenzen und es würde auf die Anzahl der ausgebildeten Krieger ankommen, wie lange er sie würde stoppen können, bevor einer von ihnen bis zu dem Mädchen vordrang.
Varcas’ Hände fühlten sich ungewohnt klamm an. Erst streckte er eine aus, um sie besänftigend auf Lyraines Rücken zu legen, doch wusste er nicht, ob es ihm wirklich zustand, das verwirrte Kind in diesem Moment zu berühren. Stattdessen imitierte er Gorwyns Haltung und ging neben ihr auf die Knie.
»Weißt du, die Männer der Königin suchen nach einem … alten Erdalben in Begleitung eines Nachtalbenmädchens. Das ist eine auffällige Konstellation, kleiner Stern.«
Der Name war ihm schneller von der Zunge geglitten, als er hatte nachdenken können. Kleiner Stern. Wieso musste er jetzt an sie denken?
Sie hob die Hand und wischte sich die laufende Nase an ihrem überlangen Ärmel ab. »Was wollt Ihr damit sagen?«, fragte sie. Ihre dunklen noblen Augenbrauen kräuselten sich.
»Ich will damit ausdrücken, dass … dass es für deinen Meister Gorwyn viel sicherer sein wird, nicht in unserer Gegenwart zu sein. Er ist so viel unauffälliger.«
Er sandte einen stummen Wunsch zu den Himmelslichtern, dass dies ausreichen würde. Denn wenn nicht, dann würde ihm nichts anderes übrig bleiben, als den Geist des Mädchens gewaltsam zu beruhigen, um sie aus dem Haus und auf das Pferd zu bekommen.
Erleichterung schwappte über Varcas, als das Zittern ihrer Schultern verebbte.
»Ich verstehe«, erklärte sie. »Ich würde nie wollen, dass meinetwegen größere Gefahr für Euch besteht, Meister Gorwyn.«
Der alte Erdalb nickte. Aus den Falten seines Gewandes zog er ein Taschentuch hervor und reichte es ihr. »Behalt es«, sagte er leise, als sie es ihm zurückgeben wollte. Lyraine stand vor ihm mit hängenden Armen, als wüsste sie nicht, was zu sagen ihr noch übrig blieb.
»Wenn Ihr versäumt, Lady Lyraine zu beschützen, dann werde ich Euch töten, ganz gleich, wie mächtig Ihr seid, Lord Debray«, sagte Gorwyn. Nur langsam löste er seine Hände von den Schultern des Mädchens; dabei besah er sie mit dem Blick eines Mannes, der aus einem langen Traum erwachte.
Der Truchsess zog seinen Hofring von dem Ringfinger der rechten Hand; das letzte Zeichen, das ihn offiziell an Amber Hall gebunden hatte.
»Ich werde ihn verwahren«, versprach Varcas. Es war merkwürdig schmerzhaft, den Ring von dem Erdalben entgegenzunehmen, obwohl er wusste, dass es für jenen tödlich gewesen wäre, mit ihm aufgefunden zu werden. Das Gewicht des Ringes wog schwer auf seiner Handfläche. Er musste ihn viele, viele Jahre getragen haben; so glatt poliert war das einst strukturierte Silber. Varcas suchte nach den richtigen Worten, die den Abschied beenden würden – doch Lyraine kam ihm zuvor.
»Kommt«, sagte sie beinahe tonlos und drehte sich um, ohne zurückzublicken. »Wir haben keine Zeit zu verlieren.«
Rodric
16
Rodric warf nur einen kurzen Blick auf die kleine Notiz, die ihm einer der Diener gebracht hatte, bevor er sie zerknüllte und in seiner Handfläche in Flammen aufgehen ließ.
Eure Anwesenheit wird erbeten.
Es war keine Bitte. Er war sich nicht einmal sicher, wieso Lamia überhaupt eine schriftliche Botschaft geschickt hatte, anstatt ihn einfach holen zu lassen. Möglicherweise war ihr Zorn so weit abgeklungen, dass sie für den Rest des Hofes wieder ein wenig den Schein aufrecht erhalten wollte, er diene ihr zumindest teilweise aus freien Stücken. Die Wahrheit kannte jeder. Er war keiner ihrer Herolde und auch ansonsten kein Mitglied ihres Hofes – ihre Befehlsgewalt generierte sich nur über das unangenehme Ziehen hinter dem Glaskörper seines linken Auges.
Es war noch recht früh am Morgen, aber Rodric war schon seit mehreren Stunden wach. Er hatte bislang nichts Neues von Tyran gehört. Das allein war kein Grund zur Sorge – Tyran nahm nur selten die Feder in die Hand, um Briefe zu schreiben, und selbst wenn er es tat, war nie sicher, ob sie zugestellt oder doch konfisziert wurden; entweder an dem Hof, an dem er diente, oder von Lamia selbst. Als Rodric einen Blick durch die Fensterscheiben nach draußen warf, an deren Rändern der Frost begann, Blumen zu malen, wünschte er sich dennoch, er wüsste, ob die Königin Elnesta tatsächlich ihren Ruf verdiente.
Vor Lamias Gemächern stand – wie konnte es auch anders sein? – der Jäger, die Arme vor dem Körper verschränkt. Er hielt einen konstanten Schild vor dem Eingang zu ihrem Schlafzimmer aufrecht. Natürlich konnte sein Kobaltblau Rodric nicht aufhalten, doch für die niedrigeren Farben stellte es eine gewisse Herausforderung dar.
Doch noch bevor er die Tür öffnen konnte, legte Vetis ihm eine Hand auf die Brust, um ihn zu stoppen.
»Lass mich deine Augen sehen, Junge«, sagte er.
Selbst nach all den Jahrhunderten hatte Rodric sich nicht an die Stimme, Eisen und Sandpapier, gewöhnt. Er hatte einmal gehört, der Jäger habe einen Dolch auf sehr unglückliche Weise mit seiner Kehle abgefangen, der eigentlich für Lamia bestimmt gewesen war. Er hatte überlebt, doch das Kratzen seiner Stimmbänder war geblieben.
Vetis griff unwirsch nach Rodrics Kiefer, um sein Gesicht in das silbrige Licht zu drehen.
»Ich kann immer noch das Blut sehen. Du wirst dich noch eines Tages umbringen mit deiner … Arroganz.«
»Vorsicht, Vetis«, antwortete Rodric spöttisch, wobei er sich aus seinem Griff wand. »Sonst glaubt noch jemand, du machst dir Sorgen um mich.«
»Ich mache mir Sorgen, es nicht selbst sein zu können, der dir eines Tages das Fleisch von den Knochen schält.«
Rodric verneigte sich mit übertriebener Höflichkeit und drückte dann die Türen auf. Anders als er erwartet hatte, war Königin Lamia nicht allein.
Sie hatte sich auf ihrer Chaiselongue ausgestreckt, und auf der Höhe ihrer Füße lümmelte der Lichtalbenjüngling, der sie bereits zur Hinrichtung begleitet hatte. Der junge Aristokrat ließ seine Hand auf ihrem Fußknöchel ruhen. Seine Selbstsicherheit war noch da, stellte Rodric fest, doch hatte er dieses Spiel zu häufig gesehen, um nicht die kleinen Erschütterungen im Geist des jungen Mannes erfühlen zu können. Er hatte bisher nur leicht von dem Gift genippt, das jede Beziehung zu Lamia bedeutete, aber über kurz oder lang würde es ihn genauso zerstören wie jeden anderen.
»Ah, Rodric«, sagte Lamia mit gespielter Überraschung und streckte sich.
Rodric klinkte die Daumen in seine Gürtellaschen.
»Euer Majestät.«
Das Schlafzimmer stank nach Wein, Sex und Blut, gerade genug, um wahrnehmbar zu sein. Die Königin trug nicht viel mehr am Leib als ihren seidenen Morgenmantel.
Lamia betrachtete ihn, als wartete sie auf eine Reaktion. Als jene ausfiel und Rodric schweigend stehen blieb, richtete sie sich mit einem gereizten Seufzen auf.
»Du kannst uns allein lassen, Liebling«, sagte sie zu dem Lichtalben. »Ich muss mit meinem Blutritter einige unangenehme Dinge besprechen. Wieso gehst du nicht etwas … frühstücken, und ich lasse nach dir später rufen?« Ganz gleich, welche Antwort der Mann hätte geben wollen, sie versiegelte seine Lippen mit einem Kuss und einem Blick, der keinen Zweifel daran ließ, dass dies ebenso wenig ein Vorschlag gewesen war wie ihre Notiz zuvor eine Bitte.
Er erhob sich und richtete sich umständlich die Kleidung, bevor er an Rodric vorbeistolzierte und die Tür geräuschvoll schloss. Rodric sah ihm nicht hinterher.
»Es steht nicht zum Besten um deinen Geschmack, Liebste.«
Lamias Augen glitzerten. Sie beugte sich vor, griff nach ihrem Weinpokal und schwenkte ihn.
»Eifersüchtig?«, fragte sie.
Rodric lachte auf. Selbst in seinen eigenen Ohren klang das Lachen kalt. Er näherte sich der Königin des Kristallhofes.
»Weil du dich von einem dummen Jungen besteigen lässt und hier eine kleine Scharade aufführst?«, höhnte er. »Ja, natürlich, Liebste. Ich bin furchtbar eifersüchtig.«
Beinahe glaubte er, sie würde den Kelch nach ihm werfen wollen. Stattdessen sah er nur, wie ihre Finger sich fester darum schlossen.
»Wein für Sir Blackthorne«, befahl sie und ein Sklavenmädchen mit weißer Rún, das sich im Nebenzimmer aufgehalten haben musste, huschte herbei, um auf das kleine Tischchen vor der Chaiselongue einen weiteren Becher zu stellen und ihn zu füllen. Rodric nahm in einem der Sessel Platz, sank tiefer in die Polster und stellte einen Fuß an die Kante des Tisches.
»Deine Manieren lassen heute zu wünschen übrig«, bemerkte Lamia spitz. »Ich hoffe doch, du bist nicht schlecht gelaunt wegen der kleinen … Lektion, die ich dir neulich erteilen musste.«
Seine Scherbe vibrierte.
Rodric nahm sich den Wein und trank, zwei, drei tiefe Schlucke.
»Gibt es einen Grund, wieso du nach mir hast schicken lassen? Denn wenn nicht, würde ich es vorziehen, dich wieder deinem Gespielen zu überlassen. Er ist sicher eifrig bei der Sache, nicht wahr? Eine Königin ist mal eine Abwechslung für den Aristokratenbengel, anstatt wie üblich verängstigte Sklavinnen über einen Tisch zu beugen.«
Das Geräusch, das Lamias Kehle verließ, war so voller Wut, dass in Rodric süße Befriedigung aufstieg. Sie war schön, wenn sie wütend war. Sie würde noch schöner sein, wenn er ihr eines Tages das Genick brach.
Doch als sich zu der kobaltblauen Aura vor der Tür eine weitere der gleichen Stärke gesellte – Rodric hätte diese unter tausenden erkannt – gefror das Lächeln auf seinen Lippen.
Schlampe. Miststück.
Das Gesicht der Königin hellte sich auf. Sie wickelte ihren Morgenmantel fester um ihre hübschen Rundungen, obwohl Rodric bezweifelte, dass es daran etwas gab, was der Mann, der nun von dem Jäger hineingelassen wurde, noch nicht gesehen hatte. Rodrics Kehle fühlte sich trocken an, als hätte er eben nichts getrunken.
»Lord Vaharél!«, begrüßte Lamia seinen Vater, der mit schnellen, zielstrebigen Schritten ihre Chaiselongue erreichte und sich zum Handkuss beugte. Hinter ihm kam mit gesenktem Kopf ein Sklave herein. Rodric warf einen gelangweilten Blick über seine Schulter. Der Sklave trug Mahrilliumschellen an Füßen und Händen, und an seinem vorsichtigen Gang war für Rodric leicht abzulesen, dass man ihn ausgepeitscht hatte – vermutlich seine untere Körperhälfte. Zwischen seinen Händen hielt er eine Truhe, was ihn offensichtlich einige Anstrengung kostete, denn die Muskeln seiner nackten Arme zitterten.
»Willst du deinen Vater nicht begrüßen, Rodric, Liebster?«, fragte die Kristallkönigin.
»Lord Vater.« Rodric hob den Pokal und neigte den Kopf. Er wusste, sein Tonfall war bar jeden Gefühls. Beinahe hätte er geschmunzelt. Eigentlich hätte dies doch ganz nach dem Geschmack von Lord Raldevas Vaharél sein müssen.
Der Herr von Thornehold sah ihn an, als erwöge er, ob Rodric den Atem, den er für einen Gruß brauchen würde, tatsächlich wert sei. In seiner Gegenwart zu sein – dem Mächtigsten unter Königin Lamias Herolden, der nicht zu ihrem Trigon gehörte – war über die Jahrhunderte nicht einfacher geworden.
Rodric waren die Geschichten über die Gefühlskälte seines Vaters bekannt; die Furcht der Alben und Menschen, die ihm dienten, vor seiner stoischen Art, vor dem Gleichmut, der jedoch nie vor drakonischen Strafen schützte. Lange Zeit hatte er von sich selbst geglaubt, dass es auch bei ihm diese Erzählungen waren, die ihm solches Unbehagen in der Gegenwart des Lords bereiteten.
Mittlerweile wusste er es besser.
Es waren die Augen, seine Augen, das tiefe, außergewöhnliche Violett, das ihn aus einem anderen Gesicht anblickte. Lord Vaharél war noch immer ein attraktiver Mann mit dem Körper eines Kriegsherrn, obwohl er Goborns Flamme als Rún trug. Im Gegensatz zu Rodric, dessen schwarzer Bart mehr als nur ein Schatten war, war Lord Vaharél glatt rasiert und trug nach lichtalbischer Mode sein weißblondes Haar lang und akkurat geschnitten.
Mehr als ein knappes Nicken erhielt er von dem Mann nicht, aus dessen Samen er einst entsprungen war. Stattdessen wandte jener sich wieder der Königin zu.
»Ich komme mit Neuigkeiten und mit den Gegenständen, nach denen Ihr verlangt habt, Eure Majestät«, begann er, wobei er auf die Truhe in den Armen des Sklaven wies. »Darf ich …?«
Er wartete einen bestätigenden Blick von Lamia ab, bevor er dem Gefangenen die Truhe abnahm und sie auf den Tisch vor der Chaiselongue stellte. Er ließ das Schloss aufschnappen und hob den Deckel.
»Mhm«, machte die Königin, die Hand um die Öffnung ihres Morgenmantels geschlossen, und richtete sich auf, um den Inhalt der Truhe begutachten zu können.
Sie griff hinein und hob mit beiden Händen ein Diadem heraus. Rodric erkannte helles Silber, aus dem ein Reif aus Sternen und Monden geformt worden war. In die Öffnungen der stilisierten Himmelskörper waren Bernsteine eingesetzt. Einen Moment spürte Rodric den Pulsschlag seines Herzens unangenehm hart bis hinauf zu seiner Kehle, als er die feine Blutspur auf den Steinen erkannte.
Lamia legte das Diadem beiseite und griff ein weiteres Mal in die hölzerne Kiste, um ein Zepter zutage zu fördern, um dessen Spitze sich die gleichen Bernsteingestirne wanden. Damit war offensichtlich, dass es sich nicht um normale geraubte Schätze handelte – sondern um die einzigen, die für eine Königin, die den Hof einer anderen zerschlagen hatte, von echter Bedeutung waren.
»Wenn Ihr erlaubt«, sagte Lord Vaharél und schlug den Samt der Truhe beiseite, um von weiter unten den letzten Gegenstand herauszuholen; ein Schwert von sicherlich beachtlichem Gewicht, obwohl es dazu gemacht worden war, nur mit einer Hand geführt zu werden. Wie das Diadem und das Zepter zuvor war auch die Waffe mit Bernsteinen besetzt. Raldevas Vaharél drehte das Schwert so, dass er der Königin den aufwendig verzierten Griff präsentieren konnte.
Und da waren sie, die Insignien der Königin von Amber Hall. Diadem, Zepter und Schwert. Rodric wusste, dass diese drei Gegenstände bei jeder Hofgründung eine essentielle Rolle spielten. Dabei war es gleichgültig, ob die Königin später ein Dutzend andere Kronen tragen würde oder ein anderes Zepter schwang – ohne diese drei Insignien konnte eine Hofgründung nicht vonstattengehen. Der Mythos der Himmelslichter sah vor, dass, wenn mindestens elf Männer sich versammelt hatten, die bereit waren, einer Königin zu dienen, drei von ihnen als die wichtigsten Grundpfeiler des Hofes bestimmt wurden. Ein Krieger, ein Seher, ein Wächter. Der Krieger, der daraufhin den Titel des Schildes erhielt, und mit seinem Leben das der Königin schützte, überreichte ihr mit dem Schwert, in das bei dem Schmiedeprozess üblicherweise seine Mahr geflossen war, die Befehlsgewalt über sich und jeden anderen Mann, der ihr den Heroldsschwur leistete. Die Königin, die selbst nie in einen Krieg ziehen würde, bekam so die Macht, die territoriale Aggressivität, die jeder Albenmann spürte, auf den Hof zu konzentrieren und jeden Herold zu Verteidigung – und Angriff – einzusetzen, wie es ihr beliebte.
Der Seher, der den Titel Druide führte, wob seine Mahr in ein Zepter. Seherzepter und Königinnenzepter unterschieden sich, so viel wusste Rodric – allein deswegen schon, weil Seher Fähigkeiten besaßen, die keine Königin haben konnte. Doch ein Zepter diente vor allem dazu, die Macht der Rún zu bündeln. Ganz gleich, wie mächtig eine Königin war: Mit einem Zepter, das von einem mächtigen Seher geschaffen worden war, wurde ihre Macht fokussierter. Deutlicher. Stärker. In Friedenszeiten war dies nicht unbedingt von Belang. In Phasen von Konflikt hingegen schon.
Zuletzt blieb das Diadem, das der Königin von dem Wächter, den sie zu ihrem Truchsess bestimmt hatte, verliehen wurde. Offenkundig das deutlichste Zeichen der Herrschaft einer Königin, besaß es für gewöhnlich keine besondere Macht außer Schutzzaubern, die vom Wächter hineingesponnen wurden.
»Wo waren sie?«, erkundigte Lamia sich.
»Im Schlafgemach des Gefährten.«
Rodric streckte die Hand mit dem Kelch aus und das Sklavenmädchen huschte näher, ohne dass es einer größeren Aufforderung bedurft hatte, und schenkte ihm nach.
Der Gefährte. Es war eine merkwürdige Position – kein Teil des Trigons, doch gebunden durch den Heroldsschwur. Früher, so hatte Rodric es von anderen gehört, war der Gefährte zumeist der mächtigste Mann eines Hofes geworden, eng verbunden mit dem Trigon. Sein Wort war in Abwesenheit der Königin bindend. Er war ihre vollstreckende Gewalt; mehr als ein Marschall, mehr als ein Truchsess.
Er ist die Klinge vor dem Schild. Der Richter vor dem Druiden. Der hohe Lord vor dem Truchsess.
Doch das waren alte Verse aus dem Mythos der Himmelslichter. Es gab nicht mehr viele, die sich daran überhaupt erinnerten. Und noch weniger, die sich daran hielten. Heute war der Gefährte ein austauschbarer Bettgenosse, mit dem man Allianzen schmieden konnte, wenn man sich geschickt anstellte.
Oder im umgekehrten Fall: Der Gefährte war so mächtig, dass die Königin nur dem Namen nach regierte. Rodric wusste von mindestens drei Höfen in Shayla, die nach außen hin zwar eine Königin hatten. Diese trugen aber keine starken Farben – und es waren ihre Gefährten und Ehemänner, die in ständiger Verbindung zu Königin Lamia standen.
Rodric musterte seinen Vater.
Lord Raldevas Vaharél war eine besondere Ausnahme, denn er hatte von Königin Lamia die Erlaubnis bekommen, den Sitz seiner Familie, Thornehold, ohne eine Königin als Marionette zu halten. Er herrschte dort uneingeschränkt als Lord Protektor des Nordens, wenn man von den regelmäßigen, aber seltenen Berichten an die Herrin von Shayla absah. Seine Frau, die Lady von Thornehold, trug nur den Kreis und gehörte somit keiner außergewöhnlichen weiblichen Kaste an. Dafür war ihre Blutlinie alt wie die der Vaharéls und fast noch wohlhabender gewesen. Rodric verzog das Gesicht. Die arrangierte Ehe seines Vaters und seiner Stiefmutter war wohl weitgehend zu ihrer beider Wohl gewesen und hatte zu zwei Kindern geführt.
Und, auf Umwegen zumindest, auch zu Rodric selbst.
Selbst die Frühlingsinseln wurden mittlerweile von Marionettenköniginnen und männlich besetzten Räten regiert. Das einzige Territorium, in dem die Zustände noch fast genauso waren wie zur Zeit des Alten Rechts, war Glynvail im Süden. Zumindest erzählte man das. Die Spione, die Königin Lamia entsandte, kamen selten mit Neuigkeiten zurück. Die meisten schafften es kaum über die Grenze. Rodric wusste nicht einmal mit Sicherheit, wie viele Königinnen in Glynvail herrschten.
»Ist es zu großem Widerstand in der Bevölkerung gekommen?«, wollte die Königin wissen. Noch bevor sie ihren Satz vollendet hatte, schüttelte ihr Herold den Kopf.
»Nicht mehr, als wir erwartet hätten, Euer Majestät. Mein Sohn hat in den vergangenen Tagen für Ordnung gesorgt. Sein Bericht ist bislang zufriedenstellend. Es bleibt nur die Frage …«
»Ja?«
»Die Frage, wer Amber Hall nun erhalten soll. Durch das Feuer sind größere Renovierungsarbeiten notwendig, doch würde das Haus Vaharél …«
»Nein.« Die Stimme der Königin brachte Rodric zum Lächeln. Ihr Nein beendete jede Diskussion, bevor Lord Vaharél ihr seinen sicher wohldurchdachten Plan, ein Mitglied seiner Familie in Amber Hall einzusetzen, näher bringen konnte. Der Herold schwieg. Ein harter Zug bildete sich um seine Lippen, doch Rodric wusste, dass dieser Unmut leicht durch eine angemessene Entlohnung besänftigt werden würde.
Die Königin erhob sich und der Herold machte respektvoll einen Schritt zurück. Rodric folgte ihr mit seinem Blick, als sie dem Sklavenmädchen die Karaffe aus der Hand nahm und einen sauberen Pokal mit Wein füllte.
»Ihr kennt mich, Raldevas«, sagte sie sanft. »Treue bleibt nie unbelohnt. Und Ihr und Euer Haus seid ein Beispiel der Loyalität, das seinesgleichen sucht. Auch ist mir bewusst, dass besonders Sir Malagad sich hervorgetan hat. Er muss Euch sehr stolz machen.«
Lord Vaharél verneigte sich leicht, gab aber keine Antwort. Die Kristallkönigin reichte ihm den Kelch.
»Ich werde diese Taten nicht vergessen, Lord Vaharél. Eure nicht und auch die Eures Sohnes nicht. Aber Amber Hall ist, wenngleich einer der traditionellen elf Höfe, nicht der Ort, an dem ich Sir Malagad sehe. Er ist jung, Mylord.« Ihr Blick fand Rodric. »Es liegen wenige Jahre zwischen dem Geburtstag Eures Erben und dem Eures Bastards, nicht wahr, Raldevas?«
»Kaum drei«, gab Lord Vaharél zur Antwort.
»Zwei«, korrigierte Rodric ihn. »Mein legitimer Halbbruder ist zwei Jahre älter als ich.«
Nicht einmal für die kurzlebigen Menschen spielten zwei Jahre eine Rolle – wie sollten sie dann für Alben relevant sein, die fünftausend Jahre alt werden konnten? Es gab nur eine Zeit, in der zwei Jahre ausschlaggebend waren – bis zu dem Zeitpunkt, wenn die Initiation stattfand und die Rún sich vervollständigte. Da es bei männlichen Alben immer mit zwölf geschah, hatte Malagad zwei Jahre vor ihm an Beltâne das Zeichen des Kriegers erhalten. Es war eine der letzten Erinnerungen von Rodric, die noch in Thornehold stattgefunden hatten. Nur wenige Wochen später war er zur Ausbildung in den Kristallpalast gebracht worden.
Bis zu dem Erreichen des Erwachsenenalters floss für Alben und Menschen die Zeit beinahe gleich schnell. Was darauf für die Menschen folgte, war ein Wimpernschlag auf dem Angesicht Norfaegas im Vergleich zu den Jahren, die ein Alb leben konnte. Sofern ihn nicht vorher die Kriege, die den Kontinent erschütterten, dahinrafften. Mit seinen über siebenhundert Jahren befand sich Rodric in der Phase, in der Menschen, die rechnen konnten, ihn zu den jungen Alben zählten – doch waren dies Maßstäbe, die für keinen Alb je eine Rolle gespielt hätten. Er hatte sieben Jahrhunderte gedient. Sieben Jahrhunderte Kriege geführt, Blut vergossen. Er hatte jeden einzelnen Tag davon erlebt.
Er war nicht jung, nicht in dem Sinne, wie es ein Mensch meinen würde, der seine gelebte Lebenszeit ins Verhältnis zu der erreichbaren setzte. Er hatte aufgehört, jung zu sein, als die Scherbe sich in seinen Sehnerv gebohrt hatte.
»Es wird für Sir Malagad andere Gelegenheiten geben. Bessere«, versprach die Königin. Obwohl Rodric nicht durch die Augen seines Vaters blicken konnte, ahnte er doch, was dieser sah, als er sich verneigte – eine Königin, der zu glauben ihm nicht schwerfiel. Der Bund, den er und Vetis und Männer wie Lord Penrose und Lord Cranner zu Lamia eingegangen waren, zeigte sich beinahe sichtbar zwischen ihnen. Es war eine außergewöhnliche Spannung zwischen einem Alb, der seine Königin gefunden hatte, und der Frau, der er dementsprechend die Treue geschworen hatte.
Rodric hatte es noch nie gefühlt. Oberflächlich, natürlich, das schon. Er nahm den Zug wahr, der von fast jeder Königin ausging, aber keine hatte ihn je gerufen.
Und bei den Himmelslichtern, er war dankbar darüber. Er brauchte nicht zusätzlich zu der Scherbe in seinem Kopf noch eine in seinem Herzen, die ihn einer dieser verdorbenen Miststücke untertan machen würde.
»Wie steht es um Thorneholds nordwestliche Grenzen?« Die Königin ließ sich zurück auf den Diwan fallen.
Verdammt. Sie trug tatsächlich nichts unter ihrem Morgenmantel.
Rodric tastete nach dem Etui, das er bei sich trug. Es war ein schlichtes silbernes Schächtelchen, in dem er die feinen Papierecken und die Neumondblätter aufbewahrte.
»Wir haben sehr große Erfolge erzielen können, Eure Majestät. Bei einem der Angriffe der Rebellen konnten wir einen von ihnen gefangen nehmen und verhören, sodass wir über weitere Überfallspläne informiert waren. Mein Marschall, Sir Morholt, führt ein kleines Kommando von zwanzig guten Männern an und konnte eines der Verstecke der Aufständischen aufspüren«, antwortete Lord Vaharél, während Rodric die Zigarette drehte.
Sir Morholt. Dieser Drecksack war nicht viel mehr als ein Schlächter.
Er befeuchtete das Papier, indem er mit der Zunge entlangfuhr, und entzündete die Zigarette im gleichen Moment mit dem feinen Funken Albenfeuer, den er an seiner Zungenspitze aufflackern ließ. Die Königin warf ihm einen kurzen Blick zu.
Sie erinnerte sich vermutlich an das alberne kleine Kunststückchen, das er sich beigebracht hatte, aus … anderen Situationen.
»Vor etwa einem Monat konnten wir die Männer, die unter ihren Gefolgsleuten als das Zwillingsblau von Askyan bekannt sind, gefangen nehmen. Wie schon in der Vergangenheit hat Königin Elnesta Interesse bekundet, sich Oakwrath dauerhaft behalten zu können.«
»Spricht von Eurer Seite etwas dagegen? Braucht Ihr sie für Thornehold?«
Lord Vaharél verzog das Gesicht, als wäre die Frage eine grauenhafte Unterstellung.
»Mir fallen wenige Situationen ein, in denen ich Bedarf für zwei ungehobelte Askyaner haben könnte.«
»Dann soll es so sein.« Die Königin hob ihre Augenbrauen. »Ich bin froh, wenn ich möglichst wenig von den Beschwerden dieser … unfähigen Frau höre. Aber mit drei neuen Askyanern wird sie zu viel zu tun haben, um mich zu belästigen.« Als sie den fragenden Blick ihres Herolds sah, fügte Lamia erklärend hinzu: »Ich habe Tyran Stormblood an sie verliehen. Ich war der Meinung, es wäre förderlich für den … Frieden hier in Val Thalas, dass meine zwei größten Unruhestifter nicht permanent zusammen sind.«
Rodric sog den Rauch tief in seine Lungen und ließ ihn dann langsam entweichen. Wenn das stimmte, was sie sagte, dann war Tyran in Oakwrath nicht allein, sondern würde auf Sturmalben seines Clans treffen.
Die Aussicht darauf, was das bedeutete, versetzte ihn schlagartig in bessere Stimmung. Die Königin schmeckte die Veränderung seiner Signatur aus der Luft heraus und schien darüber keineswegs erfreut. Sie schloss die Truhe und legte die Hände aneinander.
»Ihr könnt nun gehen.«
Rodric beobachtete, wie sein Vater sich verneigte, war selbst aber nicht sicher, ob auch er gemeint gewesen war.
»Rodric«, sagte Lamia, »du wirst heute Abend an der Bestrafung der gefassten Rebellen teilnehmen. Ich möchte meine Warnung in aller Deutlichkeit wiederholen. Wenn ich heute Nacht auch nur den geringsten Hauch von Widerstand spüre, wird dein Sturmalb die Konsequenzen tragen.«
Erst als sie ihm mit einem Wink zu verstehen gab, dass er sich erheben durfte, kam er auf die Beine und schob die freie Hand in seine Hosentasche, um aus dem Raum zu schlendern. Er verneigte sich nicht. Er sah sie nicht mehr an. Es kostete ihn jede Unze Selbstbeherrschung, die er hatte, um sich nicht auf sie zu stürzen.
Vor der Tür wartete sein Vater auf ihn, ins Gespräch mit dem Jäger vertieft, dem er den Sklaven aushändigte, der die Truhe für ihn hereingetragen hatte.
Lord Vaharél winkte ihn zu sich heran, ohne seinen Satz zu unterbrechen oder den Blick von seinem Gesprächspartner zu lösen.
»Unsere Befragungen waren nicht so aufschlussreich, wie wir es uns gewünscht hätten«, sagte er gerade zu dem Jäger.
»Ich werde Lord Penrose bitten, sich darum zu kümmern«, antwortete dieser und lächelte schmallippig.
Erst jetzt nahm Rodric sich die Zeit, den Sklaven eingehender zu mustern. Er kam ihm bekannt vor, doch woher? Der Jäger beantwortete seine unausgesprochene Frage:
»Vor dir steht der Schild der Königin von Amber Hall. Viel mehr hat er allerdings nicht preisgegeben.«
Der Schild der Königin – ja, Rodric erinnerte sich. Der Mann vor ihm hatte jedoch kaum Ähnlichkeit mit den stolzen Kriegern, die versucht hatten, den Hof der Bernsteinkönigin zu verteidigen. Sie waren ihnen gnadenlos unterlegen gewesen, doch das hatte sie nicht daran gehindert, alles in ihrer Macht Stehende zu tun. Der ehemalige Schild der Königin, der an seiner wichtigsten – seiner einzigen – Aufgabe so offensichtlich gescheitert war, sah Rodric nicht an. Er sah niemanden an. Seine Augen waren zu braun, als dass seine Linie aus reinen Nachtalben bestehen konnte; irgendwo hatten sie sich mit Erdalben gemischt. Dementsprechend war es kein Wunder, dass Lamia die Familie, die in Amber Hall residierte, für weniger wert hielt als die noblen Licht- und Nachtalben, die sie bevorzugte.
Den Mann Lord Penrose zu überlassen würde bedeuten, dass von seinem Geist nicht mehr viel übrig blieb, sobald jener darin gewildert hatte. Als Seher und Königin Lamias Druide war er imstande, in den Erinnerungen und Gedanken eines anderen zu lesen, doch war der Prozess für das Opfer unangenehm bis schmerzhaft, und nach Grad der Gegenwehr höchst riskant.
Nicht immer kamen dementsprechend tatsächlich sinnvolle Informationen heraus.
Vetis rief zwei Krieger herbei, die den Sklaven zusammen mit ihm zurück in die Kerker eskortierten. Lord Vaharél sah ihm hinterher, bevor er sich Rodric zuwandte.
»Das Ganze ist ein schönes Fiasko. Ich will wissen, wo der Truchsess ist – und das Kind. Sie wurden in einem Dorf gesehen, doch als dein Bruder dort ankam, fand er sie beide nicht. Ich vermute, es handelt sich um einen Trick der loyalen Dorfbevölkerung.«
»Hat irgendjemand überlebt?«, erkundigte Rodric sich.
Lord Vaharél lachte auf. »Ich sagte doch, dein Bruder war dort.«
Ja, dachte Rodric trocken, das sagt vermutlich alles.
Auch Rodric wandte sich zum Gehen, doch bevor er an ihm vorbeitreten konnte, legte Lord Vaharél ihm die flache Hand auf die Brust. Rodric hielt inne.
»Mir ist gleich, wie viel du Königin Lamia und ihren Schergen erzählt hast, Rodric. Aber ich will die Details kennen. Malagad sagte mir, du hast ihn in Amber Hall aufgehalten.«
Rodric senkte den Blick auf die Hand, bis sein Vater sie fortnahm. Er schob sich die Hemdsärmel hob und lehnte sich an die Wand des Korridors.
»Das ist richtig. Ich habe ihn daran erinnert, dass er eine Pflicht zur erfüllen hat, bevor er sich um seine Interessen kümmern kann. Und ich denke, das war in Eurem Sinne, Lord Vater.«
Lord Vaharél wollte antworten, doch Rodric war schneller:
»Nein, ich unterstelle Euch kein Mitgefühl für ein kleines Mädchen, Mylord, denn ich kenne Euch, und Mitgefühl ist Euch so fremd wie mir Bescheidenheit.« Rodric lächelte. »Eure Sorge gilt dem Ruf der Vaharél. Ihr seid völlig damit einverstanden, dass man über Sir Malagad Vaharél in den Hurenhäusern spricht. Dass er mit seinen Freunden seine Spiele mit den Mägden und Töchtern der Bauern spielt. Ihr könnt darüber hinwegsehen, so, wie Ihr darüber hinwegsehen konntet, als er damals Lady Vaharéls Katze aufgeschnitten hat. Und da war er gerade einmal acht.« Rodric hob leicht die Schultern an. »Ihr wollt nur nicht, dass er bei den noblen Familien Shaylas als ein unberechenbares Risiko gilt, sobald Ihr eine Allianz schmieden müsst. Und dass Ihr das müsst, wissen wir beide.«
Raldevas Vaharél musterte ihn kalt.
»Zumindest brauche ich mir keine Sorgen machen, dass die Taten des Blutritters meinen Namen beflecken. Sir Rodric Blackthorne nennen sie dich.«
Rodric fuhr sich mit dem Daumen über die Unterlippe.
»Ein simples Wortspiel auf meine Haarfarbe und meine Abstammung durch Euren Titel als Lord von Thornehold. Und ich bin doch der Dorn in Eurer Seite, Lord Vater, seitdem man mich zu Euch brachte, oder nicht?«
Der Herr von Thornehold zog es vor, nicht zu antworten. Er ordnete seine Kleidung, die schon vorher in makellosem Zustand gewesen war.
»Tu, was man dir sagt, Rodric«, entgegnete er schließlich, als er sich zum Gehen wandte. »Vielleicht ist die Macht, die die Himmelslichter dir gaben, dann doch nicht ganz verschwendet.«
Бесплатный фрагмент закончился.
